Zynischer Nonkonformismus

von Johannes Franzen

Politische Kommunikation ist oft ein Zirkus mit schrecklichen Spätfolgen. Der Podcast „The Flamethrowers“, der die Geschichte des rechten talk radios in den USA erzählt, macht immer wieder deutlich, dass die schwierigen Helden dieser ‚Kunstform‘ als Entertainer auf der Suche nach einer erfolgreichen Nische angefangen haben. Der Meister des rechten Radios, Rush Limbaugh, der zum Zeitpunkt seines Todes im letzten Jahr ein Vermögen von über 500 Millionen Dollar besaß, begann als erfolgloser Moderator. Dann entdeckte er das schier unerschöpfliche Bedürfnis nach einer Stimme, die den angeblich linksliberalen Zeitgeist herausforderte. Sein wütendes Geschrei gegen Feminismus, Anti-Rassismus oder LGBTQ-Aktivismus fand ein riesiges Publikum und wirkte stilbildend für ein rechtes Unterhaltungsformat, das seine Energie aus dem höhnischen Zorn über progressive Anliegen zog.

‚Owning the Libs‘ – Linksliberale provozieren – wurde zu einer der wichtigsten Strategien einer intellektuell entkernten Rechten, die es sich seit den 1970er Jahren zusehends auf dem muffigen Theaterboden der ‚Culture Wars` gemütlich gemacht hatte. Die erfolgreichen Karrieren Limbaughs und anderer Moderatoren, von denen „The Flamethrowers“ erzählt, verweisen aber auch auf die Geschichte eines Geschäftsmodells, das in der gegenwärtigen Aufmerksamkeitsökonomie den Gipfel seiner Lukrativität erreicht hat – das Geschäftsmodell des mutigen Nonkonformisten, der den uniformierten Zeitgeist herausfordert. Es handelt sich um ein Rollenmuster, dessen Attraktivität sich durch alle Register des kulturellen Anspruchs zieht, und auch solche Figuren der jüngeren Kulturgeschichte betrifft, die von einem Limbaugh auf den ersten Blick denkbar weit entfernt erscheinen.

Schamverletzungen

In der Mai-Ausgabe des „Merkur“ findet sich ein Essay von Steffen Martus, der an einen der größten Literaturskandale der letzten Jahrzehnte erinnert. 1993 veröffentlichte Botho Strauß im „Spiegel“ einen Essay mit dem Titel „Anschwellender Bocksgesang“, der ein Bekenntnis zu einer rechtskonservativen Haltung enthielt. Dass dieser Text von „Blutopfer“ und „Sittengesetz“ faselte, und in einer Zeit erschien, in der Rechtsradikale auf Menschenjagd gingen, trug dazu bei, dass er eine ungeheure Kontroverse auslöste. Schnell wurde „Anschwellender Bocksgesang“ auch zu einem beliebten Referenztext der Neuen Rechten. Martus fasst die irritierende Unbestimmtheit des Textes folgendermaßen zusammen:

„Strauß befasste sich auf maximal vage Weise mit politischen Prozessen. Die Zumutungen, mit denen er erfolgreich weite Teile des Feuilletons triggerte, speisten sich zum Teil aus dem Weltanschauungsarsenal der Zivilisationskritik, das seit Nietzsche fest etabliert war. Wie viele andere konservative Revolutionäre zuvor wies er die verweichlichte Moderne mit einer Attitüde der Schonungslosigkeit auf die harten untergründigen Realitäten hin, die sich nur zeitweise verdrängen ließen und zudem für die Ertüchtigung des sozialen Organismus notwendig seien: ‚Daß ein Volk sein Sittengesetz gegen andere behaupten will und dafür bereit ist, Blutopfer zu bringen, das verstehen wir nicht mehr und halten es in unserer liberal-libertären Selbstbezogenheit für falsch und verwerflich.‘ In solchen Sätzen steckt Wahres und Falsches, Diskutables und einfach nur schlecht Pauschalisiertes wie zu einem Teig verknetet.“

Es ist auf jeden Fall ein guter Zeitpunkt, um noch einmal über „Anschwellender Bocksgesang“ zu reden, denn der Fall verweist, wie Martus andeutet, auch auf diskursive Pathologien der Gegenwart. Strauß schimpfte damals etwa über den „heimtückisch“ gewordenen Konformismus, der echten „Widerstand“ schwer gemacht habe. Dem stellte er den „Mut zur Sezession“ entgegen. Dieses kostenlose Gerede vom Widerstand, das sich in großen Medien für den eigenen Mut loben darf, ist mit den Jahren zu einem Signum erfolgreicher Medienkarrieren geworden. Strauß schrieb damals: „Die Schamverletzungen, die die anarchofidele Erst-Jugend um 1968 herum beging, sind nun von rechts beerbt worden. Die neuen Jugendlichen tun zunächst nichts anderes als die ihr vorausgegangene Generation – sich großtun, Initiation betreiben durch Tabuzertrümmerung.“

Das sind Sätze, die kurz nach den rechtsradikalen Verbrechen von Mölln und den auf unheimliche Weise volkfestartigen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen und kurz vor den Morden in Solingen an Widerwärtigkeit kaum zu überbieten sind. Aber es ist wenig verwunderlich, dass für jemanden wie Strauß, der in einer Welt des kulturellen Theaterfechtens lebt, alles nur ein großes intellektuelles Spiel von Widerständen zu sein schien. Damit ist er der eigentliche Erbe einer Tradition der Schamverletzung, die sich darin erschöpft, das Bürgertum provozieren zu wollen, ohne auf das eigene Bürgertum verzichten zu müssen.

Simulierte Tiefe

Es gibt in der Spätmoderne einen leeren, zynischen Nonkonformismus, der sein Denken nicht an der Tiefe eines Gedankens ausrichtet, sondern an seinem Reizwert. Das ist die blinde Logik einer aufmerksamkeitsökonomischen Haltung, die wahllos den Diskurs nach den Trüffeln der Provokation durchwühlt. Botho Strauß ist sicher nicht der Erfinder dieser Strategie, aber sein Essay hat vor allem für diejenigen deutschsprachige Autor*innen eine Blaupause zur Verfügung gestellt, die ihre schwindende Bedeutung durch ein kulturelles Krawallereignis kompensieren wollen. So lebt etwa die trostlose Autorinszenierung Monika Marons als raunende Bedenkenträgerin von rechts in den letzten Jahren vom Erbe des „Anschwellenden Bocksgesanges“.

Zu den wichtigsten Bestandteilen der PR-Strategien, die hinter diesem leeren Nonkonformismus stehen, gehört, dass ein Mangel an intellektueller Tiefe durch die Simulation einer stilistischen Tiefe ausgeglichen werden muss. Einer der Gründe, warum damals so viel über „Anschwellender Bocksgesang“ diskutiert wurde, war, dass der Essay mehr oder weniger unverständlich ist – klar allein in seiner polemischen Gestik, aber  wabernd und matschig, wenn es um eine wirkliche These oder Idee gehen soll. Dementsprechend konnte jeder Vorwurf gegen den Text zurückgewiesen werden, weil der Autor ‚das ja gar nicht so gemeint hatte‘.

Auch dieser Mechanismus ist aus den diskursiven Kämpfen der Gegenwart bekannt: Simulierte Ambivalenz, die durch ein möglichst vages stilistisches Rauschen und eine kalte humorlose Ironie erzeugt wird, dient als generelles Alibi für alle Dinge, für die der Text zur Verantwortung gezogen werden könnte. Vor allem verschleiert sie das, was schon bei „Anschwellender Bocksgesang“ der Fall war, dass es sich oft um ausgesprochen läppische Texte handelt. Dass es verschiedene Institutionen des öffentlichen Lebens, allen voran der „Spiegel“, versäumt haben, diesen Essay aus dem Raum zu lachen, gehört zu den echten Rätseln dieser schrecklichen Geschichte. Es ist auf jeden Fall erklärungsbedürftig, dass die Redaktion einen Satz wie: „Traurig macht es, daß man dies alles weiß und altes Weistum abweisbar ist“, der klingt, als habe Heinz Erhardt Ernst Jünger nachgedichtet, ohne zu zögern abgedruckt hat.

Aber auch das gehört zu den Strategien des leeren Nonkonformismus: Bei den Grenzverletzungen so über die Stränge zu schlagen, dass sich das Lachen über lächerliche Formulierungen verbietet. Dem schieren Kitsch und Blödsinn eines Satzes wie: „Daß jemand in Tadschikistan es als politischen Auftrag begreift, seine Sprache zu erhalten, wie wir unsere Gewässer, das verstehen wir nicht mehr“, steht der höhnische Verweis darauf gegenüber, dass es doch „pikant“ sei, „wie gierig der Mainstream das rechtsradikale Rinnsal stetig zu vergrößern sucht“.

Diese inszenierte Gedankenschwere, gepaart mit der politischen Schamverletzung, sendet ein Signal in den Diskurs, dass hier ein wichtiges Debattenereignis anstehen würde. So erklärt sich auch der Erfolg dieser Strategie. Es erzeugt bei vielen einen wohligen Grusel, wenn ein vormals nur trockener Schreiber von feuilletontauglicher Hochliteratur rechts wird. Dann lässt sich das Drama des mutigen, wenn auch fehlgeleiteten Einzelnen gegen die Gesellschaft über Wochen aufführen, selbst, wenn dieses Drama eigentlich keine inhaltliche Bedeutung hat.

Transgressive Kolumnisten

Diesem Muster folgen auch die provokanten Kolumnisten, die gerade immer wieder durch eskalierende Schamverletzungen („Nazis rein“) auf sich aufmerksam machen. Auch hier hat man den Eindruck, dass das Politische eigentlich nur eine untergeordnete Rolle spielt. Im Vordergrund steht die Manipulation einer Aufmerksamkeitsökonomie, die eine Nachfrage nach dem Unterhaltungswert von Transgression gebildet hat. Das Problem ist allerdings, dass Transgression eine journalistische Währung darstellt, die einer rapiden Inflation unterworfen ist. Man muss eben immer noch einen draufsetzen. Und irgendwann erreicht man damit die Grenze dessen, was das eigene Umfeld an köstlichen Provokationen ertragen kann, vor allem dann, wenn diese Provokationen nicht mehr Einzelstimmen sind, die ‚man ertragen muss‘ etc., sondern sich als Teil eines lautstarken politischen Willens erweisen, der immer erfolgreicher in die Medien und politischen Institutionen drängt. 

Wenn die Fans, von denen man immer behauptet hat, sie nicht zu haben, plötzlich im Netz über andere Menschen herfallen, dann wird es langsam unplausibel, sich als einsame Stimme in einer Menge konformer linksliberaler Meinungsführer zu inszenieren. Für eine Karriere als transgressiven Kolumnisten gibt es gerade allem Anschein nach nur den Weg nach unten. Wenn Harald Martenstein argumentiert, dass Querdenker, die sich den gelben Stern anheften, zwar die Verbrechen des Holocaust verharmlosen würden, aber keine Antisemiten seien, dann handelt es sich um reine Transgression. Das merkt man daran, dass die Frage, für die hier die eigene Stellung riskiert wurde, so unbedeutend ist. Was genau soll das für ein Anliegen sein, zu zeigen, dass eine Praxis ’nur‘ den Völkermord an den europäischen Juden verharmlost, aber nicht antisemitisch sei? 

Aber wenn alle linken Lebenslügen, die man in 5000 Zeichen auseinandernehmen kann, verbraucht sind, beginnt die verzweifelte Suche nach mehr – und so landet man dann irgendwann beim Vorwurf, Menschen, die sich den gelben Stern anheften, um gegen eine Impfkampagne zu demonstrieren, seien gar keine Antisemiten. Ich vermute, dem Kolumnisten Martenstein sind diese Menschen herzlich egal. Er kommuniziert hier, wie immer, mit seinem Umfeld und die Botschaft ist: Schaut, wie krass, oder, was sagt ihr jetzt! Es ist der Inbegriff einer leeren Pose, die nur eine kommunikative Funktion hat, nämlich die der Provokation.

Die erwartbare Empörung über diese groteske Übung wird hier wie eine Ressource eingesammelt, die sich direkt in weitere Aufmerksamkeit und eine Autorinszenierung als verfolgter Held der Freiheit umsetzen lässt. Nachdem der „Tagesspiegel“ sich von dem Text distanziert hatte, wechselte Martenstein mit großem Tamtam zur „Welt“. Der von Strauß vorgelebte „Mut zur Sezession“ wird – das zeigt die Kulturgeschichte der letzten Jahrzehnte – am Ende oft belohnt.

Unentrinnbare Mechanismen

Es erzeugt fast ein Gefühl von Tragik, wenn man selbst ein Akteur in dieser aufmerksamkeitsökonomischen Mühle ist. Denn jede empörte Reaktion auf die politische Provokation, erhöht das Sichtbarkeitskapital des selbsternannten Nonkonformist*innen. Und so gehört zu jedem Diskursereignis auch die Mahnung , dass man der Person, die hier gierig nach der Empörungsaufmerksamkeit hascht, nicht noch mehr Aufmerksamkeit geben solle. Allerdings helfen auch diese Mahnungen dabei, das Ereignis weiter zu verlängern. Irgendwann ist jeder Text ein Teil des Komplexes, den Simon Sahner „Erschöpfungsfeuilleton“ genannt hat.

Die digitale Aufmerksamkeitsökonomie erscheint in diesen Momenten unentrinnbar. Selbst dieser Text gehört schon wieder dazu, mehrt die Sichtbarkeit der Autor*innen, die er kritisiert und kanonisiert den Text, von dem er hofft, dass er eines Tages vergessen wird. Wäre die Alternative ein müdes Abwinken? Oder das von Rechten mit äußerster Wehleidigkeit beklagte deplatforming? Eine echte Strategie, um sich dem zynischen Nonkonformismus zu entziehen, existiert noch nicht, wird aber dringend benötigt.

Was bedeutet das für die Zukunft des Nonkonformismus als Habitus und Haltung? Vorerst ist festzustellen, dass das Konzept gerade etwa heruntergekommen wirkt – ausgehölt, abgenutzt, abhängig vom automatischen Fortleben einer ruhmreichen Tradition, auf deren Helden des Dagegenseins man sich vage berufen kann. Hannelore Schlaffer hat dieser Tradition 2018 in ihrem Essay “Rüpel und Rebell. Die Erfolgsgeschichte des Intellektuellen” analysiert. Im Ausblick ihres Buches zeigt sich allerdings, dass sie für das angemaßte Rebellentum der erfolgreichen TV-Intellektuellen in der Gegenwart wenig übrige hat: “Keine größere Ehre”, schreibt sie, “kann heute einem widerfahren, als dass man ihn einen Eigenbrötler, Einzelgänger, Individualisten, einen Intellektuellen eben, nennt. Der unangepasste Sonderling verblasst in einer Gesellschaft, in der alle den unangepassten Sonderling spielen.”

Damit ist der peinliche performative Widerspruch, der viele der zeitgenössischen Nonkonformisten auszeichnet, auf den Punkt gebracht: Wenige von ihnen wirken wirklich allein. Stattdessen handelt es sich oft um gutvernetzte Akteure eines engmaschigen Systems von kulturellen Institutionen und Medien. Was das Konzept ‘Nonkonformismus’ braucht, ist mehr machttheoretische Reflexion. Wer spricht aus welcher Position heraus? Das beginnt mit den Plattformen, die einem zu Gebote stehen. Wenn ein Text im “Spiegel”, in der “FAZ” oder “Zeit” erscheint, ist dieser Text natürlich nicht automatisch hinfällig, allerdings kostet dieser Zugang die Autor*in dann einen Teil des Rebellentums, mit dem man sich schmücken möchte. Was die Pose des allgegenwärtigen Einzelgängers oft so peinlich macht, ist, dass sie aus einer Machtposition heraus inszeniert wird, die Machtlosigkeit beteuert. 

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