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Senthuran Varatharajah – Vor der Zunahme der Zeichen

Mit 16 oder 17 habe ich angefangen, mich für philosophische Texte zu interessieren und eines der ersten Bücher, die ich mir kaufte war Wittgensteins „Tractatus logico-philosophicus“. Natürlich habe ich nichts verstanden von dem, was da steht, aber es gab doch immer wieder Sätze, die mich getroffen haben, nicht weil ich sie verstanden hätte, sondern eher weil ich sie seltsam berührend fand. Was sich natürlich am „Tractatus logico-philosophicus“ auch ohne Verständnis der Abhandlung beim Lesen erschließt, ist die Dramaturgie des Textes: Er beginnt mit „Die Welt ist alles, was der Fall ist“ und endet mit der dem berühmt gewordenen „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen“, das ist ja ein Ende, das einen durchaus trifft, auch wenn man dazwischen nichts versteht, und es ist gedanklich wie ästhetisch schön, wie dieser Satz, in dem es um die Unmöglichkeit des Sprechens geht, die Grammatik bricht, hier wird ja ein ungewöhnliches Satzkonstrukt gewählt mit dem „wovon/darüber“.

So ähnlich ist es mit „Vor der Zunahme der Zeichen“ von Senthuran Varatharajah, und ich würde lieber nicht über dieses Buch schreiben, weil ich es nicht erfassen kann (im Sinne von „verstehen“ wie von „umfassend würdigen“), auch wenn es mich trifft, und weil ich nicht weiß, wie ich darüber angemessen schreiben soll, und weil ich einfach besser darin bin, Bücher zu verreißen, als über solche zu schreiben, die ich wirklich richtig gut finde. Und diesen Roman finde ich richtig gut, weil er tatsächlich so mutig ist, bewusst etwas neu zu gestalten, was auch noch schön gelingt und dabei klug ist. Sprachlich, kompositorisch und inhaltlich. Aber ich versuche es eben, das mit dem „darüber-schreiben“.

Handlungslosigkeit

Dabei ist es kaum möglich, den Inhalt zusammenzufassen, weil es letztlich keine richtige Romanhandlung gibt, was aber eben nicht bedeutet, dass keine Handlungen erzählt werden. Im Gegenteil: Es gibt eine Vielzahl von Handlungssträngen die durch Motive und wiederkehrende Formulierungen oder Fragestellungen verbunden sind. Es gibt also keine Handlung und es gibt eben doch Handlung, es gibt auch so etwas wie eine Handlungsentwicklung, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob man von einem „Fortschreiten“ der Handlung sprechen kann. Das korrespondiert mit der gewählten Form: Die beiden Studenten Valmira Surroi und Senthil Vasuthevan beginnen einen Chat auf facebook, weil Valmira Senthil als Person, die er vielleicht kennen könnte, vorgeschlagen wurde. Die beiden schreiben einander sieben Tage lang und erzählen dabei von der Flucht der Eltern, die sie im Kindesalter erlebt haben – Valmiras Eltern stammen aus dem Kosovo, Senthils aus Sri Lanka –, von den Umständen in den Herkunftsländern der Eltern, vom Auswachsen in Asylbewerberheimen und vom Leben in einem Land, das den Eltern nie ein Zuhause sein wird. Vor allem aber geht es auch um den Umgang mit Sprache und Sprachlosigkeit, um die Wirkung und Wirkungslosigkeit von Sprechakten und um den Versuch, mit Unsagbarem umzugehen. Und das ist sehr klug und das ist sehr schön und verstanden habe ich davon nur Bruchteile, was ja aber nicht nur in Ordnung, sondern nur konsequent ist, da sich die Schwierigkeit des Sprechens eben in der Schwierigkeit des Verstehens wiederfindet.

Interessant ist dabei gerade der Aufbau des Romans: Da ist zum einen der motivische Rückgriff auf die Schöpfung, indem die Handlung in sieben Tagen angeordnet ist, ohne das etwas erschaffen würde. Da ist das chronologische Hin- und Herwandern in der Zeit, das aber dennoch insofern eine chronologische Rückwärtsanordnung enthält, als das Gespräch für beide zu einem gegenwärtigen Zeitpunkt beginnt und mit dem Erzählen von der Ankunft in Deutschland endet. Und da sind immer wieder auftretende Motive, die die Beiträge der beiden Figuren und die Romanhandlung(en) im Ganzen zusammenhalten und die dem Roman etwas sehr musikalisches geben. In „Tristan und Isolde“ von Richard Wagner beispielsweise gibt es das sog. „Seufzermotiv“, das immer wieder in die Komposition eingeflochten wurde und das so die Handlung der Oper nicht nur verbindet, sondern auch prägt, weil eben dieses Seufzen die Grundatmosphäre der Komposition festlegt. Und eine ähnliche Technik findet sich in „Vor der Zunahme der Zeichen“ auch, allerdings mit einer größeren Bandbreite an Motiven, die sich zum Teil auch gegenseitig ablösen und überlagern. So gibt es Fragestellungen, die den ganzen Roman durchziehen und zusammenhalten, insbesondere die Frage nach dem (Er)Kennen des Gemeinsamen, die mit der Frage beginnt, ob man sich tatsächlich kenne, wie Facebook es vorschlägt, und die sich fortspinnt über die Suche nach gemeinsamen Orten, gemeinsamen Bekannten, Parallelen in der Vergangenheit, Parallelen in der Vergangenheit der Eltern, ohne das freilich behauptet würde, dass Gemeinsamkeiten dazu führten, dass die Dinge, die erlebt wurden, identisch seien. Eben das sind sie immer wieder nicht, auch wenn beide Figuren ähnliche Erfahrungen gemacht haben, sind sie sehr unterschiedlich und versuchen auch nicht, diese Differenzen einzuebnen. Die Beiträge der Figuren scheinen nicht direkt aufeinander zu antworten, wirken mithin monologisch, wie fein sie jedoch aufeinander bezogen sind, bemerkt man, wenn man eben auf die kleineren Motive oder Formulierungen achtet, in denen beide Figuren sich gegenseitig zitieren: So nur als Beispiel die Farbmotivik insbesondere der Farben blau und rot, aber auch der Farben grün und lila, die mit Valmiras Beschreibung von Gemälden Francis Bacons einsetzt (S. 111f.), von ihr bei der Beschreibung von Steckbriefen von Vermissten aufgegriffen wird (S. 127) und von Senthil unter anderem bei der Beschreibung von Hämatomen eines Jungen aus seinem Kindergarten (S. 161) aufgenommen wird. Die Farben blau und rot verbinden dies aber auch mit Senthils Freundin Ahila (S. 148), den unterschiedlichen Arten von Pässen (S. 124) und dem per Luftpost verschickten Briefen eines Onkels (S. 134). Keine Ahnung, ob diese Farben eine symbolische Bedeutung haben, was sie aber für den Text leisten, ist Kohärenz und also Einverständnis zwischen den Figuren, die zwar jeweils für sich, aber durchaus auch miteinander sprechen, auch wenn sie sich kaum direkt antworten oder direkt Fragen stellen. Ähnliches bewirkt die Formulierung „eine Sprache würde man erlernen, indem man die Worte der anderen, indem wir fremde Wörter für die eigenen“ (S. 195) hält, mit der Valmira die Worte ihres Vaters wiedergibt, der mit ihr im Asylbewerberheim Kinderserien auf Deutsch im Fernsehen angesehen hat. Die nahezu identische Formulierung verwendet Senthil auf S. 208, allerdings legt er sie seiner Mutter in den Mund. Auch der Kontext, in dem die Mutter die Worte gesagt haben soll, ist ähnlich. Ähnliches bewirkt auch Valmiras Erzählen von zwei auf die Williamsburg bridge gemalten Figuren am Anfang des Romans, das in der zweiten Hälfte des Romans von Senthil aufgenommen wird. Oder den Tod als Anfang der Sprache und das „A“ als Totenhaus. Oder oder oder.

Und insofern ist der Roman ein monologischer Dialog. Die beiden sprechen nicht im klassischen Sinne direkt miteinander und sprechen doch direkt miteinander. Es gibt Erfahrungen, die kann man nicht vermitteln und erklären, die erahnt aber jemand, der sie selbst in ähnlicher Weise gemacht hat, ohne Erklärung. Valmira und Senthil befinden sich hier in einem solchen durchaus sehr intimen, auch sehr zarten Einvernehmen: Immer wieder erklären sie einander nicht, was sie meinen, buchstabieren Erlebnisse und Gedanken nicht aus, sondern schreiben einander „du weißt“. Und der andere weiß. Und der andere fragt nicht nach, weil es Dinge gibt, die von alleine erzählt werden müssen, weil nach ihnen zu fragen eine Grenze überschreiten würde.

Ortlosigkeit

Überhaupt sind Grenzen – sprachliche, geographische, unausgesprochene und unaussprechbare – ein zentrales inhaltliches wie strukturelles Element des Romans. Das Überschreiten geographischer Grenzen durch die Eltern von Valmira und Senthil ist ja die Bedingung für das, was beide dann erzählen. Die dadurch entstandene Ortlosigkeit der Eltern, die sich auf die Kinder überträgt – auf Senthil, der aufgrund seines Aussehens Ausgrenzung erfährt, stärker als auf Valmira, die für eine Deutsche gehalten wird, wenn man ihren Nachnamen nicht kennt – ist Grundbedingung des Erzählens: Erzählt wird nicht nur von Flucht und also dem Verlieren eines Ortes, erzählt wird auch von unterschiedlichen Orten, an denen die Figuren waren oder gelebt haben, und erzählt wird im Internet, also an einem ortlosen Ort, der sich dadurch auszeichnet, dass man keine feste Adresse braucht und dass er von überall ausgehend erreichbar ist. Zum Teil antworten die Figuren einander ja, wie an den kleinen Symbolbildchen zu erkennen sind, über das Handy, also eben nicht von festen Orten aus. Sie haben keinen festen Ort und nimmt man die Prognose der Figuren auf der Williamsburg bridge ernst, so werden sie auch keinen haben (S. 12), sondern sie „werden flüchtig sein“, werden in Bewegung sein, wie ein Fluss. Das passt deswegen ganz schön, weil immer wieder auf das Wasser als Ursprung aller Dinge und also auf Thales von Milet Bezug genommen wird: „das prinzip aller dinge ist das wasser, aus wasser ist alles und in wasser kehrt alles zurück, es nimmt und nimmt gedächtnis.“ (S. 137) Die permanente Bewegung, das ständige Fließen und also die Ortlosigkeit gehört zu diesen Figuren, zu Senthil ein wenig offensichtlicher, der diesen Satz schreibt, aber ganz klar auch zu Valmira, deren Name „gute Welle“ bedeutet und die also schon namentlich mit dem Wasser und also dem Fließen verbunden ist.

Sprachlosigkeit

Senthil dagegen ist namentlich mit der „Schlange“ verbunden, auch Devanagari, die Schrift der Religion der Mutter, des Hinduismus, vergleicht er mit dem Aussehen von Schlangen (S. 212) und er berichtet davon, dass er in der Grundschule, als er seinen Initialbuchstaben mit einem Tierbild darstellen soll, die Schlange gewählt hat. Senthil schreibt im Roman ausschließlich in Kleinbuchstaben, Valmira in Groß- und Kleinbuchstaben, zum einen, weil Valmira, wie sie selbst erzählt, für eine Deutsche gehalten wird, wenn man ihren Nachnamen nicht kennt, was bedeutet, dass ihr auch Sprachkompetenz zugestanden wird. Senthil dagegen, der schon aufgrund seiner dunkleren Hautfarbe Ausgrenzung erfährt und dem Sprachkompetenz damit eher abgesprochen wird, verwendet nicht nur die eigenständigere, aufgebrochenere Syntax (man denke bitte auch an die von mir eingangs erwähnte ganz eigene Syntax des Wittgenstein-Satzes), sondern auch die Kleinbuchstaben. Vor allem aber könnte es hierbei auch um das Schriftbild gehen: Die Kleinbuchstaben könnten Devanagari optisch näher stehen, vor allem aber stellt Senthil selbst einen Bezug zwischen dem Schriftbild des Wortes „mississippi“ und dem Fließen von Wasser her (S. 219), die Verwendung von Kleinbuchstaben könnte hier also auch wieder die Bedeutung des Wassers für den Roman spiegeln.

Überhaupt, die Bedeutung von Namen: Valmira lässt sich nach einiger Zeit „Mira“ nennen, und wird damit vollständig für eine Deutsche gehalten, Senthil dagegen büßt die richtige Aussprache seines Namens – sendl – in Deutschland ein. Die Figuren verlieren also in Deutschland ihre Namen, ihr Bezeichnendes. Das ist nur ein Moment der Sprachreflexion, die dieser Roman leistet, neben dem Thema der Migration ist „Sprache“ das zweite zentrale Thema, mit dem sich Varatharajah hier beschäftigt. Wenn Bezeichnendes und Bezeichnetes auseinanderfallen, und das ist beiden Figuren bewusst, kann nichts gesagt und nichts vermittelt werden. Das wird so nicht nur explizit geäußert, es wird auch an der ständigen Verwendung des Konjunktivs inbesondere durch Senthil, durch die Reflexion über die Mehrdeutigkeit von deutschen Wörtern („ausweisen“ kann bedeuten, dass man seine Identität belegt oder dass man das Land verlassen muss, als Beispiel) und durch die den Roman durchziehenden mehrfachen Bedeutungsebenen deutlich. Fragt Valmira nach Senthils Vater, so spricht er über Gott und über seinen leiblichen Vater. Nie ist klar, was das Bezeichnete sein soll, der Leser muss alle möglichen Assoziationen und Bedeutungen mitdenken, ebenso wie Senthil und Valmira das tun. Deswegen ist der Roman so wunderschön, weil er so vielschichtig ist.

Und wegen dieser Sprache, die eine ganz eigene, sehr schöne Schwere hat. Gesagt und erklärt werden kann nichts, deswegen erzählen die Figuren nicht, viel mehr singen sie, jede für sich und doch miteinander. Die Sprache hier erinnert nicht nur an die der Bibel, oft ja auch durch bewusste Anspielungen, sondern darüber auch an Choräle, in denen unterschiedliche Sänger beispielsweise Psalmentexte aufgeteilt aufeinander singen und so zwar aneinander vorbei, aber gleichzeitig miteinander und aufeinander bezogen singen. Oder sie erinnert an die großen antiken Epen, wer einmal die „Odyssee“ in einer Übersetzung gelesen hat, die sich um sprachliche Nähe zum altgriechischen Text und seinen Sprachbildern bemüht wie etwa die von Wolfgang Schadewaldt, weiß, was ich meine; auch hier findet man nicht nur diesen ganz eigenen Satzbau, sondern auch die wiederkehrenden Motive, die vermutlich ja bei den antiken Epen als Gedächtnisstütze für den Sänger dienten, so wie die Motive hier als Assoziationsbrücken für Valmira und Senthil dienen. Varatharajah löst in seinem Buch die rein erzählende Prosa-Sprache wieder in Richtung Lyrik hin auf, das macht das Buch so ungewöhnlich und so schön.

Und in diesem ganz eigenen Verständnis von Sprache und in diesem ganz eigenen Umgang mit Sprache befinden sich Valmira und Senthil in einem wortlosen Einverständnis über den Weg, der noch vor ihnen liegt: „bis zur äußersten bedeutung müssen wir gehen und es wird nicht weit genug gewesen sein. wir gehen.“ (S. 150) Die geographische und die sprachliche Ortlosigkeit gehören zusammen.

Der vorletzte nummerierte Satz im „Tractatus logico-philosophicus“ von Wittgenstein ist: „Meine Sätze erläutern dadurch, daß sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Es muß sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinausgestiegen ist.) Er muß diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.“

Verständnislosigkeit

„Vor der Zunahme der Zeichen“ enthält so viele Motive und Bedeutungsebenen, dass es sogar mir auffällt. Das ist ein sehr kluger, bis ins Detail durchkomponierter Roman in einer sehr schönen und mutigen Sprache, der durchaus eine Wirkung auf den Leser hat, auch eine emotionale. Umso ärgerlicher ist es, wenn Rezensenten Kommas zählen, sich darüber beschweren, dass der Autor nicht zu einer „dem Medium angemessenen Sprache“ fände (als ob irgendjemand Texte lesen wollte, die emoticons und „lol“s enthalten; nahezu empörend unreflektiert ist hier vor allem das vollkommene Unverständnis der Sprachreflexion, die der Roman leistet) oder immer immer immer wieder so tun, als würde der Autor den ganzen Roman in Kleinbuchstaben schreiben (was er ja eben nicht tut, nur eine Figur schreibt in Kleinbuchstaben), und zwar nur deswegen, weil das angeblich auf facebook so üblich sei. Jugendliche, die Thomas Mann oder Lessing lesen müssen, äußern sich in ähnlich weit reflektierter Weise beleidigt über die komplexe Sprache, die ja gemeinerweise das Lesen erschwere, wie es einige Rezensenten tun, als hätte eine solche Sprache keinen ästhetischen Eigenwert. Bei allem Verständnis ist es schon ein bisschen peinlich, wenn sich Kulturjournalisten über zu viel Tiefgang und zu komplizierte Sätze beschweren. Vermutlich würden diese Leute auch niemals Thomas Bernhard, James Joyce oder irgendein Gedicht dieser Welt lesen, weil das versteht man ja nicht gleich auf Anhieb und es eignet sich nicht für eine entspannte Zuglektüre.

Stattdessen könnten doch diese berufsmäßig und bezahlt über Literatur schreibenden Journalisten mir mal einen Gefallen tun und für mich darüber nachdenken, was es zu bedeuten hat, dass genau beim Abschicken der Nachricht, in der Senthil den Romantitel erklärt, die Internetverbindung unterbrochen wird. Valmira erhält die Nachricht nicht, die zweite Fassung der Nachricht, die Senthil schreibt, ist kürzer, die Passage, die auf den Romantitel anspielt, fehlt. Das wäre schön, wenn sich jemand zum Beispiel hier wirklich mal mit dem Text auseinandersetzen würde. Danke.

Ich habe seit wirklich langer, langer Zeit keinen so – gerade sprachlich – bemerkenswerten Debütroman gelesen (bin mir unsicher, ob ich das je habe).

[Dieser Beitrag erschien ursprünglich im März/April 2016 auf meinem alten Blog und wurde jetzt anlässlich der Veröffentlichung der Taschenbuchausgabe hier neu gepostet.]

[Beitragsbild von Dương Trần Quốc aus unsplash.com]

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Precht, Picard und der Premiumtarif – »Jäger, Hirten, Kritiker«

»[E]in steriles Raumschiff ohne jedes Grün, fantasieverlassen wie ein Atombunker« – so beschreibt Richard David Precht auf Seite 9 von Jäger, Hirten, Kritiker. Eine Utopie für die digitale Gesellschaft (Goldmann, 5. Aufl. 2018) das Schiff von Jean-Luc Picard, den er eingangs zitiert hat. Eigentlich möchte man an dieser Stelle schon wieder aufhören zu lesen, denn die Enterprise D verfügt nicht nur über ein Arboretum, sondern ist auch so vollgestopft mit Zierpflanzen, dass sich Fans darüber bis heute beömmeln. »[F]antasieverlassen« ist ein Schiff, das beliebige virtuelle Realitäten generieren kann, dessen belesene Besatzung regelmäßig Theateraufführungen (von Klassikern und eigenen Stücken), Kammer- und Jazzkonzerte veranstaltet und auf dem Kinder hingebungsvoll kunstpädagogisch betreut werden, sicherlich auch nicht.

Precht schreibt nun nicht über Star Trek. Aber wie so oft frage ich mich, warum es sein muss, dass in deutschen Sachbüchern so viel unnötiger Unsinn steht. (Und warum so viele davon anderweitig veröffentlichte Texte einschließen – hier mindestens eine von Prechts Handelsblatt-Kolumnen –, dies aber nirgendwo ausweisen, sondern sich als originäre Monographien ausgeben.)

Das Thema des ausrufezeichensatten Traktats ist eine der drei großen Säue, die in der deutschen Medienlandschaft derzeit durchs Dorf getrieben werden (nicht gerechnet das »Flüchtlings«-Thema, das keine Sau ist, sondern ein rosa gestrichener Schützenpanzer): »Digitalisierung«. Für Precht herrscht, ungeachtet der Tatsache, dass die Anzahl der in Industriegesellschaften Erwerbstätigen auf der Welt gewaltig steigt (in Deutschland übrigens seit 2006 ohne nennenswerte Unterbrechung), Sicherheit, dass bereits in wenigen Jahren die Prognosen der Consulting-Kassandren voll greifen und Millionen Überflüssiggemachte unter keinen Umständen mehr in den regulären Arbeitsmarkt zurückkönnen. Bei der Vorstellung dieses Szenarios schimmert eine gewisse Misanthropie durch, etwa, wenn Precht unterstellt, »völlig unterentwickelte Länder wie der Kongo, die Zentralafrikanische Republik, der Südsudan, Somalia oder Afghanistan« würden sich nie zu Konsumenten von Hochtechnologie entwickeln können, und aus dieser fragwürdigen Prämisse noch fragwürdiger schließt, der Weltmarkt sei insgesamt gesättigt und daher »der Kuchen heute verteilt« (30). Aber irgendwie muss ja erklärt werden, dass die neue industrielle Revolution, anders als alle vorhergehenden, permanente und nicht bloß vorübergehende Massenarbeitslosigkeit auslösen soll.

Es drohen jedoch nicht nur Heere von Langzeitarbeitslosen. So werden etwa altfränkische Handelsbräuche entwertet: Neukunden bei Versicherungen, Telekommunikationsfirmen usw. bekommen günstigere Tarife als Altkunden (»Aus Treue zum Kunden ist Verrat geworden«, 74). Angesichts der mehrfachen Erwähnung des Phänomens (53, 74, 210 u.a.) scheint Precht an der gegenwärtigen Gesellschaft und erst recht der Digital-Dystopie, vor der er warnt, kaum etwas mehr zu stören. Einkaufszentren und Ketten lassen zudem kleinere Städte veröden (175f.; hier fällt auf, dass Precht der kopfkratzwürdigen Meinung zu sein scheint, die BWLer-Hochburg Mannheim sei keine prosperierende Stadt). Schlussendlich ist, wiegen und tanzen und singen die Konzerne den Nachwuchs erst ein, die Lahmlegung von allem zu erwarten, was an Jugend gut und richtig ist: Die Herabsetzung ganzer Generationen als »egoistisch, ungeduldig und faul« (76) ist für einen deutschen Sachbuchbestseller unverzichtbar und darf auch hier daher nicht fehlen. Wo ein Manfred Spitzer oder Michael Winterhoff noch auf aktuelle Kinder und Eltern schimpfen muss, ist Precht allerdings einen Schritt weiter: Er schilt noch ungeborene Twentysomethings schon heute für ihre weltlose, unmündige und motorisch inkompetente Existenz im Jahre 2040. Durchgängig stellt Precht dabei klar, dass die USA, genauer: das Silicon Valley, der Ursprung allen Übels sind und ggf. auch die schlimmsten Auswirkungen zu befürchten haben – »Milizenbildung mit Pogromen« prophezeit er im vierten Jahr von Pegida »in den USA, aber vielleicht nicht nur dort« (249).

Nun möchte das Buch qua Untertitel »eine Utopie für die digitale Gesellschaft« sein, mithin anraten, was wir tun können, damit es nicht so kommt. Dazu macht es folgende Vorschläge: 1. Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens in Höhe von ca. 1500 Euro monatlich, finanziert aus Finanztransaktionssteuern; 2. Reform des gesamten Bildungssystems, mit dem Ziel, intrinsisch motivierte Menschen hervorzubringen, denen tätige Autonomie wichtiger ist als Effizienz und Problemlösungsdenken; 3. staatliche Durchsetzung der informationellen Selbstbestimmung: harter Datenschutz, Automatisierung und Überwachung der Lebenswelt nur mit Zustimmung der Bürger, starke Staatsbeteiligung beim Betrieb der IT-Infrastruktur. (Ein Kurzabriss des Programms, minus die Bildungsreformen, steht dankenswerterweise auf S. 259f.). Ganz möchte Precht der technischen Modernisierung ihren Nutzen dabei nicht absprechen: Auf dem Feld der Mobilität (188–193) und der Medizin (193–199) begrüßt er die bevorstehenden Umbrüche und zeichnet ein freundliches Bild der durch sie eröffneten Möglichkeiten.

Entgegen dem marxschen Titel des Werks werden kaum je Besitzverhältnisse thematisiert. Die Klage, dass internationale IT-Konzerne ihre Gewinne aus Europa abziehen, ist schon das Höchste der Gefühle. Die Zukunft soll ganz explizit staatskapitalistisch und sozialdemokratisch sein: »Wir werden wieder mehr Sozialismus in den Kapitalismus implementieren müssen, um die aufsteigende Linie von Bismarck über die Freiburger Schule fortzusetzen« (253). Der bildungsreformerische Teil des Programms ist für Precht anscheinend deswegen nötig, weil dem grundeinkommenfinanzierten Teil der Gesellschaft nicht ohne Weiteres zuzutrauen sein wird, dass er seinen Tag mit Sinnvollem verbringt und nicht bloß ins Handy stiert (das entsprechende Kapital heißt auch ganz instagrammerisch: »Gute Ideen für den Tag. Neugier, Motivation, Sinn und Glück«, 150). Letztlich ist die prechtsche Utopie nach wie vor eine Gesellschaft, in der ganz wie in unserer die abhängigen Einzelnen dazu angehalten sind, diszipliniert, bildungsbeflissen, »kreativ« und »individuell« zu sein; ihnen droht andernfalls allerdings nicht mehr die materielle Armut, sondern nur das Versacken in einem von Prechts Milieu als minderwertig abgestempelten Lebensstil, also das, was bereits heute Menschen, die von Staatsleistungen leben, flächendeckend vorgeworfen wird. Dazu passt Prechts nicht im Buch zu findende, aber anderweitig hinreichend bekundete Intention, Grundeinkommensbeziehende von der Fortpflanzung abzuhalten, die geradewegs aus der mainstreamigen Transferempfänger-Verachtung der Nullerjahre entsprungen scheint.

*

Prechts Traktat ist weitgehend ein Zusammenschrieb von seit mindestens 40 Jahren zustimmungsfähigen Allerweltsthesen (dass z.B. nicht der zufriedene, sondern der »immer wieder neu unzufriedene« Konsument das Ziel der Ökonomie sei, 211, ist spätestens seit Vance Packard 1957 popkultureller Gemeinplatz). Zwischendurch sollen hübsche Kalendersprüche die Wirkung verstärken, wenn eines der vielen Ausrufezeichen nicht mehr ausreicht, gerne kursiviert: »Wer das Glück messen will, hat es nicht verstanden!« (152); »Alle reden von Lösungen – Philosophen nicht!« (181; beide Hervorh. im Orig.). (Übrigens reden Philosophen dauernd von Lösungen. Auch Precht tut das.) Precht bedient es sich zwar eines großen Inventars an philosophischen Floskeln und Namen, entwickelt aber nirgendwo so etwas wie begriffliche Strenge, argumentative Stringenz oder auch nur einfachste kritische Tugenden wie das Hinterfragen populärer Überzeugungen. Wenn er etwa schreibt, dass die »Weltbevölkerung immer rasanter zun[ehme]« (80), ist dies schlicht völliger und unentschuldbarer Unsinn – seit 1963 hat sich das Weltbevölkerungswachstum ungefähr halbiert und ist auf einem weiterhin nachhaltig fallenden Trend.

Eine wirkliche »Utopie« im Sinne eines ausformulierten Szenarios, in dem klar wird, wie die Elemente eines hypothetischen Gemeinwesens ineinandergreifen, ist sein Buch entgegen dem Untertitel auch nicht. Prechts Ziel ist, soweit man es erkennen kann, ein ruhigeres, grüneres, autoärmeres Europa, bevölkert von gesunden, achtsamen, feinsinnigen Menschen, die glücklich von Staatsknete leben, weil sie in der Schule gelernt haben, dass gemeinsam kochen viel schöner ist, als zu viel Zeit vor dem Bildschirm zu verbringen oder sich von technischen Dispositiven zur Selbstoptimierung peitschen zu lassen. Aber wie verbinden sich die beschriebenen Elemente dazu? Was außer frischem Gemüse und einem guten Gewissen springt für Normalbürger dabei heraus? Was ist das positive Versprechen? Welche Lebensinhalte möchte Precht in den Räumen sehen, die durch Reformpädagogik und bedingungsloses Grundeinkommen offen gehalten werden sollen?

Letztlich scheint er etwas Gefühliges, was mit irgendwie echtem Leben, Handwerk, Kultur, Treue zum Kunden und möglichst wenig Geldverdienen (»Abschied vom Monetozän«, 241) zu tun haben soll, retten zu wollen. Und zwar nicht nur vor der Digitalisierung und dem Kapitalismus in sich, sondern auch deren Auswirkungen, wie z.B. der angeblichen weltweiten Nivellierung der Männermode herunter zur »Einheitszivilisation in Hoodys und Sneakers« (87 u. passim) und überhaupt der Verwandlung von Männern in »beinglatte Wollmützenjungs« (85). Precht beklagt einen geschehenen und noch kommenden Verlust von »Heimat«, »Authentizität«, »Geborgenheit« und »Instinkt für die Realität« (78f.), ohne irgendwie auf den Punkt zu bringen, was damit gemeint sein soll – was gerade mit Rückgriff auf Philosophen wie Martin Heidegger, Hubert Dreyfus und Sean Kelly machbar, dann aber auch angreifbar wäre. (Einiges spricht aber dafür, dass Precht Letztere rezipiert hat, wenn er sie auch nicht nennt: »Wer seinem Navigationssystem auf dem Smartphone folgt, muss nicht mehr nach dem Weg fragen«, 208, ist ein Leitbeispiel in Dreyfus/Kellys All Things Shining.)

Precht weiß auch nicht konkret zu sagen, was das Gegenbild, die zu rettende »Kultur« eigentlich sein soll, bzw.: Er hält sich mit Festlegungen dazu zurück, weil er womöglich weiß, dass es keine seriösen empirischen Belege dafür gibt, dass in den westlichen Industriegesellschaften tatsächlich irgendein relevantes »Verschwinden von Kultur« stattfände, eher im Gegenteil. Unfreiwillig komisch wird es, wenn er eigene Lebensstilpräferenzen schildert (Sammeln antiquarischer Bücher, Schuhe kaufen in Rom, Wochenmärkte in der Provence, 174–176), die nicht nur klischiert sind, sondern auch noch völlig gestanzt beschrieben werden (»ich liebe […] den Geruch, das Aussehen und die Haptik alter Bücher«, 173). Wenn man all das liest, kann man Angst bekommen, dass die von Precht befürwortete basisdemokratische Hoheit der Wohnbevölkerung darüber, welche IT-Infrastruktur es in welchen Stadtteilen gibt, nur dazu führen würde, dass die ungleichheitsfördernde Bullerbüisierung der Lieblingsorte geschmackssicherer und kinderreicher Akademiker noch schneller voranschreitet.

Die vorgetragene Kulturkritik sinkt stellenweise auf das Niveau konservativer Lokalzeitungskolumnen ab; ich musste zuerst an den Meinungskasten in der Sonntag Aktuell vor vielen Jahren denken, aber ich befürchte, mit einem Vergleich täte man Ernst Elitz Unrecht. Man beachte im folgenden Precht-Zitat abermals den klüglich ergatterten Premiumtarif als Paradigma des Verfalls:

[D]ie Konditionierung, vor allem an sich selbst zu denken und andere dabei auszumüllern, ist längst im Gange und älter als die Digitalisierung. Wer tagtäglich indoktriniert wird, sich Vorteile gegenüber anderen zu verschaffen, genießt eine staatsbürgerliche Erziehung von zweifelhaftem Zuschnitt. Ein Milliardenaufwand an Werbegeldern bombardiert die wackeligen Behausungen unserer Werte: die Moral der Kindheit, ein kleiner, meist winziger Rest Religion und ein bisschen Demokratieverständnis aus der Schulzeit. Ein ungleicher Kampf. Niemand fragt heute mehr, ob sein Premiumtarif gegenüber anderen fair ist. (210)

Strategisch befleißigt Precht sich einer Rhetorik, die man eher aus dem rechten Spektrum kennt: Indem er behauptet, sich gegen einen Mainstream zu stellen (der die »Digitalisierung« bagatellisiere und in Untätigkeit verharre), verkauft er seinen Lesern Gemeinplätze, auf die sich das FAZ-affine Abnickermilieu, das in Deutschland jeden Kulturpessimismus begierig schluckt, ohnehin seit Jahrzehnten geeinigt hat. Leider zeigt Precht zumindest punktuell auch inhaltliche Nähe. Wessen Ideen er etwa mit seiner pauschalen Abwertung bestimmter Länder als unentwickelbare Höllenlöcher oder seiner Klage darüber, wie kulturlose »Einheitszivilisation« und Entmännlichung von Amerika aus um den Globus gebreitet würden, reproduziert, weiß er vermutlich selber nicht.

Ich hoffe es zumindest. Denn wenn eine derartig präsente und hofierte Intellektuellenfigur wie Precht, die über eine kaum schätzbare mediale Feuerkraft gebietet, knallrechte Topoi nicht bloß versehentlich, sondern sehenden Auges duplizierte – dann könnte man wirklich ganz Deutschland sagen wie Patrick Bahners der SPD: »Macht den Laden dicht, ihr Deppen.«

Anhang: Das Beste aus 270 Seiten Precht

  • »Ströme von Geflüchteten fließen wie ein Delta ins Mittelmeer« (9)
  • »Die Biodiversität menschlicher Kultur wird immer kleiner.« (35)
  • »Content. (Menschen ohne echte Bildung und Herzensbildung erkennt man an der Verwendung dieses Wortes.)« (158)
  • »Geld halbiert sich, wenn man es teilt – Zeit nicht!« (165, Hervorh. im Orig.)
  • »Wie schön, wenn das Deutschland der Zukunft einmal tatsächlich das Land der Dichter und Denker sein würde und nicht das der Gammler und Gamer!« (180)
  • »das Qualitätssiegel deutscher Produkte ist höher als das der US-amerikanischen« (187f.)
  • »Wer in Beirut über eine rote Ampel geht, wird von der Polizei dafür nicht belangt. In Bayreuth dagegen ist das Risiko höher.« (205)
  • »Für dieses Buch war es mir wichtig, den Weg der Utopie mit einem Traktor zu befahren – und nicht mit einem Luftschiff.« (266)
  • »Pessimismus ist keine Lösung!« (269, Hervorh. im Orig.)

Photo by Riley McCollough on Unsplash

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In „Orten, die mit „ow“ oder „itz“ enden“- Eine Einordnung von “Mit der Faust in die Welt schlagen” von Lukas Rietzschel

In seinem Essay Soviel Sinnlichkeit wie der Stadtplan von Kiel schrieb Maxim Biller 1991 von dem “stoffspendenden Glück”, das er gehabt habe, und meinte damit den Umstand, dass seine jüdische Familie mit ihm als Kind aus der damaligen Tschechoslowakei nach Westdeutschland geflohen war. Er deutet diese – durchaus schwierige – Situation positiv um, da er dadurch Stoff zum Erzählen habe. Folgt man diesem Gedanken, dann hatte auch Lukas Rietzschel dieses “stoffspendende Glück”. Rietzschel, dessen Debütroman Mit der Faust in die Welt schlagen gerade bei Ullstein erschienen ist, wuchs im äußersten Osten Sachsens nahe der polnischen Grenze auf – ein Landstrich, der nicht erst seit den rechtsradikalen Ausschreitungen im August und September in Chemnitz immer wieder unter dem Begriff Dunkeldeutschland firmiert. Es ist – glaubt man zahlreichen Reportagen – die Gegend, in der die Menschen frustriert sind. Frustriert von den “blühenden Landschaften”, die eher kahle Felder waren, frustriert von den Versprechungen der Einheit, die nur auf dem Papier kam, frustriert von all dem, was 1990 versprochen, aber nie eingelöst wurde und vielleicht auch frustriert davon, dass die alte Heimat nicht mehr da ist.

Lukas Rietzschel erzählt uns die Geschichte der Brüder Philipp und Tobi, die als Söhne eines Elektrikers und einer Krankenschwester, in Neschwitz auch im äußersten Osten Sachsens nahe der polnischen Grenze aufwachsen. Der Roman berichtet in drei Teilen von den Jahren 2000 bis 2015, er erzählt vom Hausbau der Familie, von der Hoffnung auf ein glückliches Familienleben, von der Jugend in der Kleinstadt, von Frustration, von Angst, von Männlichkeit und zieht dabei immer wieder lange Linien in die Gegenwart. Dabei erschafft Rietzschel einen Raum der Desillusion um die Kleinstadt Neschwitz – die weiten Felder, das Schamottewerk, die Seen in alten Steinbrüchen, die Grundschule, auf die Tobi und Philipp gehen und viele weitere Orte lassen eine Kindheit und Jugend in der Provinz vor dem inneren Auge der Leser*innen entstehen.

Bis zu einem gewissen Punkt ist man irritiert, ob der Gewöhnlichkeit dieser Jahre. Nüchtern betrachtet durchleben die beiden den typischen Kleinstadthorror zwischen Dorffesten, den Feldern im Sommer – in der deutschen Literatur spielen in der Jugendzeit Felder in der Sommerhitze immer eine große Rolle – und dem Frust der Teenagerjahre. Das alles, auch das Mobbing in der Schule, die Tristesse der Kleinstadt, all das erscheint nicht typisch für ein Aufwachsen in den sogenannten neuen Bundesländern. Das findet man alles auch in den Kleinstädten und Dörfern woanders über die Bundesrepublik verteilt – Hauptsache eben Provinzkaff. Auch in der Eifel brennen nachts die betrunkenen Jugendlichen Löcher in das Plastik der Fahrpläne an den Bushaltestellen, wie Philipp und seine Kumpels das tun und auch in anderen Dörfern in der ost- wie westdeutschen Provinz wird an Stammtischen abfällig über „die Ausländer“ geredet.

Natürlich ist in Neschwitz nochmal alles ein bisschen trostloser und heruntergekommener und der Suizid des Arbeitskollegen des Vaters steht symbolisch für den ostdeutschen Mann, dessen Ausbildung nach der Wende nichts mehr wert war und dessen Frau in die westlichen Bundesländer ging. Und Rietzschel zeichnet das alles in kurzen Hauptsätzen, die kaum mal einen Nebensatz zulassen, denen manchmal gar ein Prädikat fehlt, weil sie nur Stimmungen erzeugen: “Tobi, der nichts sagte, aber jedes Wort verfolgte.” (77) Dieser parataktische Stil führt dazu, dass das alles noch viel trostloser wirkt und dazu, dass Rietzschel das Prinzip des show don’t tell soweit ausreizt, dass man der ganzen Symbolik irgendwann überdrüssig wird.

“Vater schnitt mit dem Messer die Spaghetti klein.” (83)

Die Leser*innen verstehen: Er ist provinziell.

“Er wollte nicht sehen, wie Männer tanzten, vor allem nicht mit nacktem Oberkörper.” (103) Philipp und Tobi haben Angst vor körperlicher Nähe durch andere Männer aus Angst homosexuell zu sein, sie leben in einer harten, männlichen Welt, die jede Form der Nähe zwischen Männern als Schwäche und Zeichen für Homosexualität deutet.

Tobi und seine Freunde bauen im Hort eine Stadt aus Holzklötzen und bombadieren diese dann mit Bällen – schon in diesem Alter zeigen sie Aggressionen.

Teilweise werden diese Beschreibungen, die einfach als Bild für etwas stehen, auch absurd, wie wenn es heißt: “Niemand hatte auf dem Display die Sommerzeit eingestellt.” (163) Was soll das heißen? Dass niemand sich darum kümmert und dass es deswegen mit der Familie bergab geht?

Solche Bilder und viele mehr stehen immer wieder im Raum und man bekommt den Eindruck, der Autor möchte uns etwas sagen, er möchte ein hartes und toxisch-männliches Umfeld in einer provinziellen Welt zeichnen, das letztlich in rechtsradikales Denken und Handeln führt. Das klappt auch, allein es könnte eben auch die Eifel oder die Oberpfalz sein. Es ist kurz gesagt, die Geschichte zweier Brüder, die in einem Provinzkaff aufwachsen. Es mag Spezifika geben, die typisch für eine Jugend in der Provinz in den neuen Bundesländern sind: der Konflikt mit den Sorben, die alten Fabriken und Steinbrüche, die leer stehen und die Frustration über die ausbleibenden Wunder der Wiedervereinigung.

Mit der Faust in die Welt schlagen ist solange gut, bis der Roman versucht als Erklärung für die aktuellen Entwicklungen in Chemnitz und Köthen und überhaupt für den gewalttätigen Rechtsradikalismus herzuhalten. Irgendwann tauchen immer mehr Hinweise auf Ereignisse der letzten Jahre auf: Da wird auf einmal mehr oder weniger stolz von sich selbst als Pack geredet, der Wahlabend der Bundestagswahl 2013 wird detailreich beschrieben, die Ankunft der Geflüchteten in großer Zahl im Sommer 2015 und weiteres – irgendwann wird der Roman auf einmal nicht mehr universell sondern spezifisch, scheint erklären zu wollen, warum junge Männer aus Sachsen Heime für Geflüchtete anzünden.

Man kann sagen, dass Rietzschel einen guten, aber keinen überragenden Debütroman über das trostlose Aufwachsen zweier Brüder in der ostdeutschen Provinz geschrieben hat – das würde reichen und wäre richtig.

Aber weiten wir unseren Blick und schauen auf das, was hier versucht wird – Ein Exkurs ins Feuilleton

Wenn man dem deutschen Feuilleton der letzten Jahre Glauben schenken darf, dann mangelt es Deutschland an Stoffen für narrative Kunst. Unter narrativer Kunst soll hier alles fallen, was in wie auch immer gearteter Form erzählt. Unter anderem die seit Jahren sehnsüchtig herbeigeschriebene große deutsche Serie. Die Serie aus deutscher Produktion, die nun endlich an die großen Erfolge aus den USA und Skandinavien und teilweise auch schon aus Frankreich und Italien anschließen soll, die Serie, die endlich beweist, dass wir mehr können als “Matthias Schweighöfer und die Hacker mit Hoodies”. Die Produktion, die endlich zeigt, dass auch wir hier in der neuen narrativen Form, die ja bekanntlich den Roman abgelöst hat, reüssieren können: das serielle Erzählen mit einem episodenübergreifenden Handlungsstrang. Alles, was dazu fehlte, waren scheinbar die Stoffe – wovon erzählen?

Neidisch blickt man in die USA, wo es anscheinend nur so strotzt vor Stoffen und wie gern geht man in den amerikanischen Serien und der Literatur ins Hinterland, dorthin, wo Drogen und Alkohol, Trailerparks und Arbeitslosigkeit den Alltag bestimmen, dort, wo die jungen Menschen nicht aus den Kleinstädten herauskommen, dort, wo die Frustration besonders groß ist und dort, wo die Trump-Wähler*innen leben. In Orte wie Knockemstiff in Ohio, das Donald Ray Pollock in seinem gleichnamigen Kurzgeschichtenband (2008) beschreibt. Da gibt es Kurzgeschichten, über die es in einer Rezension des SPIEGEL hieß: „Am Ende finden sich die Jungen auf einem Schrottplatz von Knockemstiff wieder, um ein totgefahrenes Huhn über einem brennenden Autoreifen zu grillen. Aus Knockemstiff kommt eben keiner raus.” Man ersetze Knockemstiff durch Neschwitz und dieser Satz könnte sinngemäß auch in einer Rezension zu Mit der Faust in die Welt schlagen stehen. In der SPIEGEL-Rezension stand damals: “Die ungefähre Übersetzung: Schlag ihn tot! Ein Stadtname als Programm.” Ein Titel wie ein Schlag in die Magengrube…oder in die Welt?

Unser Hinterland?

Auch nach 28 Jahren Wiedervereinigung ist Ostdeutschland vom Westen ausgesehen immer noch das unbekannte Land – wir kennen Dresden und Leipzig und waren vielleicht mal in Weimar und Jena, damit hört es meist auf. In unseren Köpfen existiert er, der Wilde Osten.
Es gibt anscheinend zwei Möglichkeiten diese Gegend zu narrativieren und beide haben mit US-amerikanischen Narrativen zu tun. Der romantisierte Wilde Westen, dessen weite Straßen auch lange nach der Zeit des Aufbruchs nach Westen als Symbol für die Weite und Freiheit Amerikas herhalten können: Das weite Land zwischen den Küsten, die Highways nach Westen, die romantische Idee der Landstraße. Das fehlte uns in Deutschland – die A5 ist kein Highway. Doch jetzt darf die B96 ran. Die Bundesstraße, die einmal von Süden nach Norden durch die neuen Bundesländer führt, ist aufeinmal die deutsche Route 66, der Highway durch den Wilden Osten. Die Band Silbermond hat ihr gar einen Song mit dem Titel B96 gewidmet, in dem es heißt:

Und die Welt steht still, hier im Hinterwald,
und das Herz schlägt ruhig und alt.
Und die Hoffnung hängt am Gartenzaun,
und kaum ein Mensch kommt je vorbei.
Im Hinterwald,
wo mein Zuhause ist.
Schön wieder hier zu sein.

Der Songtext schwankt zwischen Verklärung und Realität, es ist etwas trostlos dort, in den Städten an der B96, die an “rostigen Hoftoren” vorbeiführt, aber irgendwie ist es eben doch noch die Heimat im Wilden Osten, wo die Zeit stillsteht, wo die Kindheit noch wie der Nebel über den verregneten Feldern hängt – wenn man dem Video glaubt. Eben die deutsche Version des Wilden Westens.
Während der Hinterwald bei Silbermond zwar ein bisschen ambivalent, aber eben immer noch romantisch ist, wie der amerikanische Highway nach Westen, ist das zweite US-amerikanische Narrativ, das im Osten Deutschlands zum Tragen kommt, wesentlich düsterer und damit reizvoller.

Das Hinterland

Die USA haben trostloses Hinterland, das immer wieder gewalttätige Geschichten produziert, die von archaischer Männlichkeit geprägt sind, und man könnte meinen, wir haben das jetzt endlich auch. Irgendwann in Rietzschels Roman über Männer im Hinterland taucht auch das obligatorische Crystal Meth auf, das einen Kindheitsfreund von Tobi zerstört – Crystal Meth, spätestens seit Breaking Bad die popkulturelle Chiffre für das letzte Ende des Abstiegs, diejenigen, die ganz unten sind, nehmen Crystal Meth. Und seit diese Droge in Ostdeutschland (auch in Bayern an der tschechischen Grenze) aufgetaucht ist, ist diese Gegend noch ein bisschen mehr unser Hinterland.

In dem Song Crystal Meth in Brandenburg (2013) rappt Grim104:

Abseits der Städte
In Dörfern, die mit “ow” oder “itz” enden
Hier lernst Du Kids kennen, die nix kennen
Für die sich Prinz Pi nicht interessiert mit seiner Band

Songzeilen wie die Blaupause für Rietzschels Roman und weiter:

Auf dass der Netto wieder aufmacht?
In der Kneipe jemand auflacht?
Das Geld da ist zum bausparen?
Das kannst Du aber sehr schnell vergessen

Was Rietzschel auf 320 Seiten ausbreitet, verpackt Grim104 in ein paar Strophen eines Songs und schafft damit ein Bild der Zustände, das vermutlich prägnanter ist, und karikiert zudem im Refrain, in dem es heißt: “Rainald Grebe, K.I.Z., alle hatten recht/Angst vor dem Hinterland/Brandenburg, Breaking Bad” auch noch das Narrativ des äußersten deutschen Ostens als das herbeigesehnte deutsche Äquivalent zum amerikanischen Hinterland – auch wir können white trash.

Und solche Geschichten sind vor allem dann gut, wenn sie authentisch sind und damit sind wir wieder beim Anfang – beim „stoffspendenden Glück.“ Rietzschel hat keinen autobiographischen Roman geschrieben, aber Rietzschel kommt von dort – aus den „Dörfern, die mit „ow“ oder „itz“ enden“ und wird derzeit auch so inszeniert: der Erklärer des Ostens. Er ist derjenige, der dem deutschen Westen jetzt mit seinem Roman erklären soll, warum das mit der Demokratie in den neuen Bundesländern so nicht klappt. Glaubt man dem Roman von Rietzschel ist die toxische Männlichkeit schuld am Rechtsradikalismus, an den Hitlergrüßen auf Demos und an den Gewalttaten durch Neonazis. Denn letztlich läuft darauf alles hinaus: Männer, die keine Rolle mehr haben. Die wenigen weiblichen Figuren, die in Rietzschels Roman auftauchen sind nur die Kulisse, vor der die Männer zerbrechen: Mütter, die nie da sind, Schulkameradinnen, die sich nicht für einen interessieren, Ehefrauen, die abhauen, Frauen, die den Frauen, die immer arbeiten, die Ehemänner wegnehmen und schließlich Freundinnen, die auch nicht in der Lage sind, die jungen und verzweifelten Männer zu retten. Und die Männer sind brutal, haben Angst vor körperlicher Nähe, haben Angst homosexuell zu sein und haben keine Aufgabe mehr, weil echte Männer, die in die Fabrik gehen und arbeiten, die ihre Heimat schützen, ihre Familie ernähren und die Traditionen hochhalten, nicht mehr gefragt sind. Deswegen werden die Männer, die noch da sind, desillusioniert und noch frustrierter und überkompensieren ihre Männlichkeit und deswegen werden sie nationalistisch und schließlich rechtsradikal. Das mag so passieren, aber die Kausalkette stimmt nicht.

Der Roman ist trotzdem nicht schlecht (auch wenn man ihm stellenweise eine*n bessere*n Lektor*in gewünscht hätte) und wird vermutlich auch so enthusiastisch aufgenommen, weil er eben endlich auch literarisch ein Narrativ bedient: Trostlosigkeit im deutschen Hinterland, da wo die Orte mit „ow“ oder „itz“ enden – wie Neschwitz.

(Matthias Warkus verbindet in seinem Bericht über eine Blogger*innenreise mit Lukas Rietzschel eine Rezension des Romans mit einer Darstellung der Autorinszenierung)

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Gespräch mit Heinrich von Berenberg, Gründer und Verleger des Berenberg Verlages

Angelehnt an den Ausspruch des Historikers Robert Darnton: »In jedem dicken Buch steckt ein dünnes, das schreit: Ich will raus!« erscheinen seit nunmehr 14 Jahren im Berliner Berenberg Verlag Bücher, die selten 200 Seiten überschreiten. “Rhetorisch funkelnde und dezidiert subjektiv gehal­te­ne biografische und autobiografische Literatur und Essays, Bücher zur Zeitgeschichte, seit 2010 hier und da auch hervor­ra­gende Belletristik, zwei Jahre später erschienen die ersten Bände einer kleinen Lyrikreihe”, so der Verlag keineswegs übertrieben über das eigene Programm.

Nach der kürzlichen Lektüre des wunderbaren “Der Geist von Turin” von Maike Albath sprach ich mit dem Verleger Heinrich von Berenberg über die Verlagsarbeit.

In einem Porträt, das im Magazin Cicero im Jahr 2010 über Sie und Ihren Verlag erschien, stand es bereits im Teaser: Zur Zeit der Gründung Ihres Verlages im Jahr 2004 hätte die Buchbranche in der Krise gesteckt, die Gründung eines Verlages sei ein Himmelfahrtskommando, hört man da raus. Wenn ich heute einen Verlag gründete, wäre sicher ebenso zu lesen, die Branche sei gerade in der Krise. Wie lang hält die Krise noch an und wann ist sie überwunden?

Ein Himmelfahrtskommando war die Verlagsgründung bestimmt nicht. Es sind ja zu jener Zeit eine ganze Menge Verlage gegründet worden, einige haben überlebt, andere weniger, einige haben es geschafft, bei größeren Unternehmen als Imprint unterzukommen. Ich bin eigentlich an Krisen nicht so sehr interessiert, denn es hat sie gegeben, solange ich in der Buchbranche tätig bin, also seit Beginn der achtziger Jahre. Da war es die Angst vor dem Fernsehen, heute ist es die, begründete, Angst vor der unübersehbaren Aufspaltung des Aufmerksamkeitsspektrums der möglichen Leser. Die meisten müssen ja ins Iphone schauen oder auf andere Bildschirme. Unsere Leserschaft ist also etwas älter – 40 plus – und interessiert sowohl an den Inhalten als auch an den schönen Büchern, die zum Glück Sammlerinstinkte wecken. Wie es weiter geht, weiß niemand, ich auch nicht. Aber so lange ich lebe – nicht mehr allzu lange – wird es Bücher und einen Buchmarkt immer geben. Ich war soeben ein paar Wochen in Bolivien. Selbst dort, ohne Post, isoliert auf dem zweiten Dach der Welt, gibt es eine überaus lebendige Buchkultur mit beachtlichen Verlagen (ich habe immer noch nicht heraus, wie die das schaffen), so wie es sich für ein Land auf dem literaturbesessensten Kontinent gehört. Dagegen erleben wir hier immer noch eine Krise auf sehr hohem Niveau.

Sie waren über zwanzig Jahre Lektor und Übersetzer bei Wagenbach. Muss man sich die Initialzündung für die Gründung des eigenen Verlages dann so vorstellen, dass einfach die Liste der Bücher, die Sie nicht veröffentlichen durften, zu lang wurde?

Ja, die Tatsache, dass man jahrelang immer wieder Autoren entdeckt und sie weitergeben muss, hat sicher dazu beigetragen, dass der Wunsch, selbst Verleger zu werden, realisiert werden konnte.

Ihr Programm lebt von dem Schwerpunkt autobiografische und biografische Literatur, Essay-Literatur, Memoiren-Literatur. Es findet sich zum Beispiel aber auch ein Roman von Juan Pablo Villalobos dort. Katie von Christine Wunnicke stand letztes Jahr sogar auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Was bringen solche Autoren mit, dass Sie der eigentlichen Programmlinie untreu werden?

Ich habe von Anfang an mir das Vergnügen gemacht, zu jedem Programm stichwortartige Zitate aus den Büchern zu nehmen. Beim ersten Programm hatte ich noch keine eigenen und habe unter anderem Ian Fleming zitiert: „Sag niemals nie“, schon damals mit der Absicht, die Programmlinien bei Bedarf auch mal zu ändern. Wenn Autoren wie Christine Wunnicke oder Maria Sonia Cristoff anfangen Romane zu schreiben, soll ich sie deshalb nach Hause schicken? Nein, und ich muss sagen, dass die Romane dem Programm gut getan haben, zumal sie immer noch so etwas wie die Ausnahme sind.

Sehen Sie bereits Erben Ihrer Idee vom Verlegen? Ich denke z.B. an Sebastian Guggolz, der ebenfalls bei seinem Arbeitgeber aussteigt, um selbst zu gründen und als Kleinverlag genau eine Nische zu bedienen.

Ich sehe eine Menge Kollegen, die ähnliches machen wie ich, aber ich habe noch nie Konkurrenzgefühle gehabt. Was Sebastian Guggolz macht, was Ingo Drzecnik macht, aber auch Christian Kill, Dietrich zu Klampen, Peter Hinke und wie sie alle heißen, nicht zu vergessen die tollen Frauen von Binoki, das ist alles aller Ehren wert, und wir kommen uns niht ins Gehege. Für’s vererben bin ich denn doch noch nicht alt genug.

Es ist kein Geheimnis, dass Sie Abkömmling einer der bekanntesten Bankiersfamilien des Landes sind. Ihre Verlagsgründung ist nun aber wahrlich nicht unpersönliches Mäzenatentum. Sie selbst sind zusammen mit Ihrer Frau der Kopf des Verlages. Ärgern Sie sich dann manchmal doch, nicht einfach einen Scheck für einen anderen geschrieben zu haben?

Oha, für wen hätte ich denn diesen Scheck schreiben sollen? Es ist uns doch gut gegangen und geht uns weiterhin gut. Das Geld im Hintergrund ist ein unverdientes Privileg, und ich fühle mich nach wie vor verantwortlich, damit etwas Sinnvolles anzufangen. Geholfen hat es immer, um die Angst vorm Scheitern ganz weit in den Hintergrund zu drängen, etwas, das glaube ich nötig ist, damit man in Ruhe und mit allem nötigen Ernst ein gutes Programm machen kann.

Lieber Heinrich von Berenberg, vielen Dank für das Gespräch.

heinrich von berenberg cordula Giese
© Cordula Giese

Heinrich von Berenberg wurde 1950 in Hamburg geboren und studierte dort Germanistik und Anglistik. Er war Lektor im Attica-Verlag, im Syndikat Verlag und insgesamt sechzehn Jahre im Verlag Klaus Wagenbach. Von Berenberg war Mitherausgeber der Vierteljahreszeitschrift Freibeuter. 2003 gründete er zusammen mit Petra von Berenberg den Berenverg Verlag in Berlin. Dieser wurde 2010 mit dem Zillmer-Preis der Hamburger Kulturbehörde und 2016 mit dem Kurt-Wolff-Preis ausgezeichnet.

Neben seiner Tätigkeit als Lektor und Verleger ist von Berenberg ebenfalls als Herausgeber und Übersetzer, insbesondere von Roberto Bolaño, tätig, schreibt Artikel und Rezensionen, sowie zahlreiche Vorworte und Einleitungen für Publikationen.

 

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Anja Kampmann – Wie hoch die Wasser steigen

Wie kann man von einer durch Säkularisierung entzauberten und durch beschleunigten globalen Kapitalismus vermarkteten Welt erzählen, von einer Welt, die wenig Ansatzpunkte zu Sinnstiftung und Kontingenzbewältigung anbietet? Realistisches Erzählen dominiert das Erzählen im Roman der Gegenwart wie der Vergangenheit, und auch dort, wo Realität nicht nachgeahmt wird, soll zumindest ein realistischer Illusionszusammenhang erzeugt werden. Allerdings ist das nicht unhinterfragt:

„Diese [realistische] Verhaltensweise ist, in einer bis ins neunzehnte Jahrhundert zurückreichenden, heute zum Extrem beschleunigten Entwicklung fragwürdig geworden. Vom Standpunkt des Erzählers her durch den Subjektivismus, der kein unverwandelt Stoffliches mehr duldet und eben damit das epische Gebot der Gegenständlichkeit unterhöhlt. Wer heute noch, wie Stifter etwa, ins Gegenständliche sich versenkte und Wirkung zöge aus der Fülle und Plastik des demütig hingenommen Angeschauten, wäre gezwungen zum Gestus kunstgewerblicher Imitation. Er machte der Lüge sich schuldig, der Welt mit einer Liebe sich zu überlassen, die voraussetzt, daß die Welt sinnvoll ist, und endete beim unerträglichen Kitsch vom Schlage der Heimatkunst.“ (Adorno: Standort des Erzähler im zeitgenössischen Roman, in: Ders.: Noten zur Literatur, Frankfurt a. M. 2003, S. 41)

Will man also davon erzählen, dass jemand seinen Bullshitjob nicht als sinnvolles Handeln erlebt, dass er auch keinen Sinn mehr im Privaten finden kann, da sein Beruf ihm globale Flexibilität abverlangt, die ein Privatleben zerstören muss, und dass auch religiöse Rituale in einer aus dieser sinnlosen, entfremdenden Arbeit resultierenden Erschöpfung als leere Hülsen erscheinen, die keinen Trost und keinen Sinn mehr spenden, wird man nicht mehr von der Welt erzählen können wie Stifter. Aber man kann von ihr erzählen wie Kampmann.

In ihrem Debütroman „Wie hoch die Wasser steigen“ erzählt Anja Kampmann von Waclaw, der früher einmal, als Kind eines Bergmannes im Ruhrpott, „Wenzel“ hieß, und dann als Arbeiter auf verschiedenen Ölplattformen überall in der Welt tätig war. Nach dem Tod seines engen Freundes und Kollegen Mátyás bricht er mit diesem Leben und macht sich auf eine Reise durch Europa, entlang von Personen und Orten, die seine Vergangenheit bestimmt haben. Er beginnt seine Reise bei der Schwester von Mátyás, reist von dort aus weiter zu Enzo/Alois, einem Kollegen seines Vaters auf dem Bergbau, von dem er eine trainierte Taube mitnimmt, die er im Ruhrpott fliegen lassen soll, so dass so nach Hause zu Enzo/Alois fliegt. Vom Ruhrpott aus fährt Waclaw in das polnische Dorf, in dem er mit Milena gewohnt hat, der Frau, die er früher einmal geliebt hat und mit der er zusammen gelebt hat.

Reise ohne Rückreise

„Wie hoch die Wasser steigen“ ist also ein Reiseroman, oder vielleicht eher ein Roman, der vom Versuch der Rücknahme einer Reise erzählt. Die Fremde, in die Waclaw einst aus materiellen Gründen – Milena und er konnten sich nicht einmal mehr die Zeitung leisten -, aber auch aus einem Gefühl der Enge des Lebens zunächst in der Bergarbeitersiedlung im Ruhrpott, dann auf dem Dorf in Polen, aufgebrochen ist, hat in entwurzelt, entfremdet und erschöpft. Seine Reise, sein Aufbruch zu den Ölplattformen führte eben nicht zu Reifung, Bildung, neuer Eingliederung in eine moderne, global flexibilisierte neue Gesellschaft, wie es in früheren Reise- oder Bildungsromanen der Fall gewesen wäre, die Fremde bringt nicht Selbst- und Fremderfahrung, sondern Selbstverlust und Vereinzelung. Und Waclaws Reise zurück an die Ausgangspunkte seines früheren Aufbruchs führen nicht dazu, diese Verluste wieder aufzuheben, es gibt auch keine Flucht in die Innenwelt mehr, wie das in Reiseromanen im 19. Jahrhundert noch möglich gewesen wäre. Wohin Waclaw sich wendet, dort hat er keinen Ort. Vielleicht steht Kampmanns Debütroman in dieser Hinsicht manchen Romanen Krachts nahe, in denen Reise ebenfalls völlig desillusioniert und desillusionierend ist – und dass das so ist, hat vermutlich nicht damit zu tun, dass Kampmann sich hier an Kracht orientiert hätte, sondern eher damit, dass man eben von der Welt gar nicht mehr anders erzählen kann, weil die Welt sinnlos geworden ist.

Nach dem Boom

Denn eigentlich sollte der Aufbruch in die große weite Welt Waclaw ja einst nicht nur von finanziellen Sorgen, sondern auch von der Bedeutungslosigkeit seines kleinen Lebens fern ab dessen, was es alles zu erleben gäbe, befreien. Und so hat er seinen Vater beruflich beerbt: Immer wieder wird in Rückblenden von der Arbeit an Schmelzöfen und unter Tage, von den Gefahren dieser Arbeiten erzählt, von den Arbeitern, die plötzlich verschwinden, von ihren Staublungen, dem Pseudokrupp, von den offensichtlichen gesundheitlichen Schäden, die ihre Arbeit für sie mit sich bringt. Und es wird davon erzählt, wie diese Arbeiter und ihre Arbeitsplätze überflüssig wurden, als plötzlich Gas und Öl vom anderen Ende der Welt billiger wurden als die Kohle aus dem eigenen Bergwerk – die Globalisierung hat ihrer Arbeit und der Grundlage ihrer Arbeit ihren Sinn genommen. „Das ist zu Ende hier, keiner braucht noch irgendwen“ (S. 290), erklärt ein alter verwirrter Bergmann Waclaw. Vermutlich ohne zu ahnen, wie sehr das auch auf die Jüngeren, auf Waclaw zutrifft.

Man kann es nun platt finden, dass Kampmann dann Waclaw genau in dem Beruf arbeiten lässt, der auf den des Bergmannes folgt, aber abgesehen davon, dass es eben sehr gut funktioniert und in der Figurenbiografie schlüssig ist, kann sie dadurch zeigen, wie Arbeit sich im Zuge des globalisierten Kapitalismus verändert hat, auch im primären/sekundären Wirtschaftssektor. Denn in der Phase „nach dem Boom“, also ab den 1970er Jahren, war es ja paradoxerweise gerade der Kapitalismus, der ein klassisches Versprechen der Linken an den Arbeiter realisierte: Die Flexibilisierung der Arbeit, nun aber freilich als ein Muss, als eine neue Norm. Das Kapital befreite den Fließbandarbeiter von seiner monotonen Fließbandarbeit hin zum flexiblen Zeitarbeiter, und den Bergmann von den Minen hin zum global einsetzbaren Arbeiter auf der Ölplattform. Waclaw verdient jetzt sehr viel Geld und er sieht die ganze Welt, fliegt ständig, schläft ständig in Hotelzimmern, kommt deswegen aber kaum mehr nach Hause, beutet sich selbst in überlangen Schichtdiensten aus, erleidet aus Erschöpfung einen Arbeitsunfall – der allerdings nicht so schwer ausfällt wie bei anderen Kollegen, die bei Arbeitsunfällen sterben –, verliert seine Beziehung, sein Zuhause, sich selbst, und damit: die Zukunft, die er eigentlich einmal finden wollte. Der Arbeiter auf der Ölplattform stirbt nicht mehr an Gasen in der Mine oder an Staublunge, er stirbt an Arbeitsunfällen an den Maschinen oder an Erschöpfung. Er stirbt nicht mehr in der Enge der Bergarbeitersiedlung, er stirbt irgendwo vor der Küste eines Landes, dessen Sprache er nicht spricht, in der Enge der Plattform: „Es ist wie Knast, und du weißt es.“ (S. 146). Für den Arbeitgeber bleibt er Arbeitskraft, die darüber hinaus keinen Wert hat: Nach Mátyás wird sein Arbeitgeber, als er nach einem Sturm verschwunden ist, nicht einmal richtig suchen. „Das Geld raschelte, und es klang sinnlos wie eine Krone aus Papier.“ (S. 342). Alles, wofür Waclaw einst aufgebrochen war, hat seinen Sinn verloren. Und Waclaw hat alles verloren, sein Zuhause hat der Flexibilisierung seiner Arbeit nicht standgehalten, und er nicht der Ausbeutung seiner Arbeitskraft.

Selbst die Verluste, die sich durch Waclaws Leben ziehen, sind sinnlos: Mátyás Verschwinden ist grundlos, zumindest wird kein Grund angegeben, es kann ein Unfall gewesen sein, es kann Selbstmord gewesen sein. Milenas Verschwinden ist, in mehrfacher Hinsicht, sinnlos: ohne Grund, ein Unfall. In Waclaws Welt gibt es keine Sinnzusammenhänge mehr, zumindest keine, die er herstellen könnte. Er scheint durch sein Leben zu treiben. Es gibt auch keine Ziele und Gründe mehr. Der Katholizismus, der seine Jugend geprägt hat, taucht gelegentlich in Erinnerungen auf als Rituale und Ereignisse am Wegrand, die aber nicht bis in das Leben hineinreichen, es nicht mehr zusammenbinden können. Mit dem Klang der Orgel verbindet sich nur noch eine gewisse Rührung ob ihrer Vertrautheit (S. 154), aber keine himmlische Heimat. Es ist eine entzauberte Welt am Ende der großen Erzählungen:

„Er war nicht anderswo, die Kirche war tot, die Arbeiter waren fort, aber niemand hatte eine neue Erzählung begonnen, niemand hatte die Seite umgeschlagen.“ (S. 312)

Ohne Regenbogen

Dass das Wasser und die Taube als die Motive dieses existentiellen Schwimmens und dieser Ortlosigkeit natürlich recht naheliegend sind, ist klar, allein platt sind sie ja nur nicht schon allein deswegen, weil man mit ihnen keinen Innovationspreis gewinnen wird, entscheidend ist doch, ob sie im Roman funktionieren und plausibel sind – und das tun sie und sind sie. Zudem sind sie im Roman doch deutlich vielschichtiger, als es auf den ersten Blick scheint.

Waclaw führt eine schwimmende Existenz, er lebt halb im Wasser, halb an Land, und alles, was verschwindet, ist im Wasser verschwunden: Mátyás, die Bergwerke, die geflutet worden sind, als sie keiner mehr gebraucht hat, sein Zuhause, er selbst:

„Irgendwann konnte Waclaw die Wogen sehen, die von ferne kamen, spülte das Meer in den Garten, und die Gischt stieg in den Holunder, stieg in seine Kehle und ließ alle Worte, die er fand, gleich aussehen.“ (S. 319)

Es ist eine Sintflut, und Leute wie Waclaw sind angestrandet „wie Tiere nach der Ölpest. Was dort sinkt und verloren geht, ist das, was uns fehlt.“ (S. 143) Man kann an Odysseus denken, wegen der Verbindung von Reise- und Meermotiv, aber spätestens dann, wenn Waclaws Interesse für Tauben in den Blick gerät, wenn er von Enzo/Alois eine Taube bekommt, die er fliegen lassen soll, wird man an Noah denken müssen. Natürlich geht es dabei um Heimkehr, aber doch noch viel grundlegender: Um die Hoffnung, dass es überhaupt festes Land gibt, auf dem man zuhause sein kann. Und zudem spiegelt die Taube auch die Veränderung, die sich mit dem Wandel von Wenzel zu Waclaw vollzogen hat: Als Kind hat Wenzel sich in der Enge der Bergarbeitersiedlung über die Tauben geärgert, die immer wieder nach Hause zurückkehrten, statt einfach wegzufliegen (S. 275). Dazwischen stehen sie für Freiheit. Und schließlich werden sie für den von der Ferne erschöpften Waclaw genau aus dem Grund, der ihn als Kind verärgert hat, interessant: Weil sie heimkehren können. Vorausgesetzt sie fallen keinem Falken zum Opfer: Und so ist es nicht erstaunlich, dass Waclaw Falken, die wiederum klassischerweise für Freiheit stehen, fürchtet, da sie Enzos/Alois‘ Taube angreifen könnten. Auf seiner Reise durch Europa, erschöpft von der Ferne und der entfremdenden Arbeit, erscheint die Freiheit als ein Raubtier. Konsequenterweise lassen die Handschuhe einen der anderen Arbeiter auf der Ölplattform aussehen wie einen Raubvogel. In einer Erinnerung berichtet Waclaw davon, wie ein Schwarm Reiher auf dem Durchzug eine ganze Nacht lang um einen Scheinwerfer der Ölplattform kreiste – als sich einige Reiher erschöpft auf einem Kran niederließen, kletterte einer der Arbeiter hinauf, fing einen der Vögel ein und erschlug ihn. Die Arbeit macht die Arbeiter zu Raubtieren, an anderen wie an sich selbst, und sie rauben sich selbst das Zuhause. An einer Stelle legt der Text nahe, Waclaw könnte die Taube von Enzo/Alois auch getötet haben (S. 306). Ob sie zu Enzo/Alois zurückgekehrt ist, bleibt unklar. Und auf das Ende von Waclaws Sintflut folgt kein erkennbarer Neuanfang, kein Regenbogen.

Erschöpfungsgeschichte

Die Sinnlosigkeit der Welt und das Schwimmen der Existenz spiegeln sich auch in der Erzähltechnik und der poetischen Sprache des Textes. Das Voranschreiten der recht dünnen Handlung wird ständig durch Rückblenden, die in der Regel assoziativ verbunden sind, unterbrochen, ein anderes Erzählen wäre im Kontext dieser brüchigen, kontingenten Existenz auch gar nicht möglich als ein solches zerrissenes, das eher in Wahrnehmungen zerfällt, als die Welt zu erfassen und zu durchdringen. Und das gilt auch für eine Sprache, die eher suchend die Welt abtastet, sie an manchen Stellen nahezu ausufern zu beschreiben versucht und dadurch ständig den Eindruck erweckt, sich selbst nicht über den Weg zu trauen, sich nie sicher zu sein. Und die an einigen Stellen klassischen Bildern eine Absage erteilt: Die Ferne ist kein Sehnsuchtsort mehr, die Romantik hat in einer Welt globalisierter flexibler Ausbeutung der Arbeitskraft keinen Platz mehr. Das Mondlicht ist „grell und hohl“, er ist „nur ein Brocken Stein in weiter Ferne“ (S. 276) – der Bezug zu „Mondnacht“ von Günter Kunert liegt auf der Hand. Und das ganze Universum ist voller Weltraumschrott (S. 188).

Waclaw reist vorwärts und rückwärts gleichzeitig, und die Wörter, die am häufigsten Verwendung finden, stammen aus dem Umkreis der Wörter „Müdigkeit“ und „Erschöpfung“. Anja Kampmann hat hier keine Welt erschaffen, keine Schöpfungsgeschichte geschrieben, sie hat eine ermüdete, sinnlose, zerrissene Welt nicht einfach abgebildet, sondern erzählt, eine Erschöpfungsgeschichte geschrieben:

„Und ein Mann steht auf dem Erdboden, am Rand eines unüberschaubar riesigen Ackers, er wird die Erde zu etwas formen und werfen, und er wird zusehen, wie sie zerbricht. Er wird die Kälte in den Händen spüren. Es wird nicht mehr sein als das. Der dunkle Boden, der sich zusammenballen ließ und erst in der Luft, inmitten des Wurfs, zersplitterte in tausend Brocken. Es ist eine Sternenexplosion, der Moment, in dem etwas sehr Kleines übergeht in etwas, von dem es keine Vorstellung hat und von dem es nichts wissen kann, solange noch der kleinste Rest von ihm übrig ist. Es wird wieder und wieder geschehen.“ (S. 326)

Im Mythos konnte Gott noch aus Erde Menschen formen. Im 21. Jahrhundert kann diese Erde nur noch zerbrechen und zerfallen, nichts bindet sie mehr zusammen, und sie wird verschluckt von der Erde wie von Wasser:

„Er wartete auf das Geräusch des Aufpralls, aber fast lautlos schluckte der Acker die Erde, die er warf, fast lautlos waren seine Rufe dort draußen in der Ebene. Erschöpft, nicht ruhig, ging er zurück zum Wagen. Es ist zu viel verlangt.“ (S. 327)

“Wie hoch die Wasser steigen” von Anja Kampmann ist völlig zurecht für alle möglichen Preise nominiert gewesen und noch nominiert, und fairerweise sollte sie jetzt endlich auch mal irgendeinen dieser Preise bekommen, weil es ein wirklich außergewöhnlicher Roman ist – sprachlich, erzähltechnisch, und ja: auch politisch. Es ist ein Roman, der vom Leser Zeit und Geduld fordert, und dem genau das mit Recht auch entgegengebracht werden sollte.

 

(Beitragsbild von Jade auf Unsplash.com)

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Nobilität ist auch ohne Pferd möglich: Die Kunst des lässigen Anstands

Als Abiturient oder Zivildienstleistender las ich Alexander von Schönburgs Kunst des stilvollen Verarmens und fühlte mich, so glaube ich mich zu erinnern, gut unterhalten. Verarmen musste ich zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht wirklich. Die Lebensphase, in der ich mich damals befand, ist im Allgemeinen nicht dafür bekannt, dass man aus dem Vollen schöpfte. Perfekt also vor dem Studium bereits zu wissen wie man aus den begrenzten Mitteln das Beste macht, um während des Jura Studiums trotzdem als edler Herr und nicht als Gernegroß durchzugehen.

Was ich bis heute allerdings aus den sicher vielen guten Tipps erinnere, ist nur der, man solle nicht mit (irgend)einem Auto protzen, ein alter Porsche Targa tue es auch. Der Leser möge kurz seinen Kontostand überprüfen. Sie kennen es, während der Verarmung verpasst man meist den Punkt, an dem es noch die finanzielle Möglichkeit gab einen Porsche Targa zu erwerben. Bei vielen allerdings wäre das Geld für den Targa erstmal zu besorgen, man müsste das Auto kaufen und dann darin stilvoll verarmen. Nichts ist heute einfach, nicht mal arm sein oder arm werden.

Die Themen und der Hintergrund Graf von Schönburg-Glauchaus laden natürlich zu Neid und Missgunst ein. Stefan Volk etwa ätzte im Bücher Magazin in der Rubrik Überschätzte Bücher über Die Kunst des stilvollen Verarmens:

Unangenehm aber ist die kumpelhafte Attitüde, mit der von Schönburg aus seinem Elfenbeinturm des „verarmten Adels“ und längst auf dem Weg zurück in die Chefredaktionen ein munteres „Haltung bewahren“ in die Gosse hinunter trällert. Er selbst hat gut daran verdient, dass er Armut zum besseren „Lifestyle“ verklärte.

alexander graf von schönburg die kunst des lässigen anstands piperNun schlägt der Graf aber trotz der Schelte – weil es sich eben auch gut verkauft – weiter in diese Kerbe (einer von denen da oben, der aber auch mal bei euch hier unten war, erklärt euch, wie echte Gentlemen das mit dem Leben machen und zwar von hier oben) und schreibt weiter über Themen, mit denen er sich gut auskennt, etwa ein Lexikon der überflüssigen Dinge oder über Smalltalk. Das neuste Werk, der langjährige Rowohlt Autor ist nun bei Piper, trägt den Titel Die Kunst des lässigen Anstands.

Adel hat nichts mit Geburt, aber sehr viel mit Kultur zu tun, die man sich aneignen kann. Oder eben nicht. Nicht alles, was der Adel bewirkt hat, war segensreich, aber niemand wird leugnen, dass es ein paar Werte, Traditionen, Denkweisen und tugendhafte Eigenarten gibt, die in Adelskreisen besonders hochgehalten worden sind und ein bewahrenswertes kulturelles Reservoir darstellen.

Wahrscheinlich kann man – wie jedem – Schönburg viele Dinge vorwerfen, z.B. für die Bild zu arbeiten – was man wiederum nicht jedem vorwerfen kann, aber auch jetzt erstmal ein recht pauschales Urteil ist. Man kann ihm aber nicht vorwerfen, dass er langweilig schreibe. Durch die zu erlernenden 27 Tugenden zum anständig Sein rauscht er in plaudernd-plapperndem Ton, paart Aristoteles und Thomas von Aquin mit Minnesang, Alltagsgeschichten mit Geschichte, ja man kann sich sehr gut vorstellen, einfach einen Abend von ihm unterhalten werden zu wollen. Denn offenkundig ist er sowohl klug als auch gebildet. Innerhalb der Kapitel gibt es noch putzige Seiten mit kurzen Fragen wie „Darf ich weiße Anzüge tragen?“ (in nuce: nein) oder „Wann darf ich mit den Fingern essen?“ (Spargel), die der Autor als letzte Instanz zu beantworten weiß. Das wäre alles herrlich kurzweilig, wäre das Buch 250 Seiten kürzer. Unklar bleibt dazu was AvS ist oder tut: Spielt er eine Rolle? Ist er ein Naseweis? Will er belehren oder wirklich nur unterhalten?

Wirklich ärgerlich sind vor lauter Kumpelhaftigkeit (wieder so eine Frage: will er mein Kumpel sein oder mein Lehrer?) dann aber Stellen wie

Wenn ich einer/m militanten LGBT-Aktivist*en gegenüberstehe und mit ihr/ihm/x streite, bringt das, muss ich offen eingestehen, in der Regel das Schlechteste in mir hervor. Ich will sie/ihn/x in Grund und Boden argumentieren, fertigmachen.

Offensichtlich tritt auch auf dem Papier beim bloßen Denken und Schreiben über „LGBT-Aktivist*en“ das Schlechteste im Autor hervor. Selbstverständlich endet der Absatz in einem „ich weiß, dies tut man nicht“, da liegt das Kind aber bereits im Brunnen, und es lässt dann doch vermuten, dass die Monstranz des Anstands vielleicht doch nur ein Deckmäntelchen sein könnte. Das Lustigmachen über Minderheiten finde ich dann unter dem Strich irgendwie höchst unanständig. Nicht nur hier, zwischen den Zeilen stolpert der Leser doch immer mal wieder über ein Vonobenherab. Mach ich es mir am Ende dann zu einfach, wenn ich einfach feststelle, dass es mit meinem eigenen Anstand nicht zu vereinen wäre, zusammen mit Julian Reichelt in der Chefredaktion der Bild zu sitzen? Aber was weiß ich schon über Anstand.

„Obacht, dass Sie im Alter kein Peter Hahne werden“, möchte man von Schönburg zum Schluss noch zurufen, wenn er im Buchmarkt Gespräch sagt, es ginge in seinem Buch „um unsere komplette Orientierungslosigkeit, den Verlust aller zeitlosen Werte, Maßstäbe und Standards. Seit 50 Jahren erleben wir eine fortwährende Destruktion und Verwüstung von allen jemals existierenden Wertesystemen.“

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Mit dem Bloggerbus nach Görlitz – Lukas Rietzschel, »Mit der Faust in die Welt schlagen«

Da war ein Verlagsgebäude und ein Bloggerbus daneben. Um halb neun stand ich da, trank Kaffee und wartete auf die Blogger, die nicht pünktlich gekommen waren. Dann ab in den Bus, dort Saft und Avocadobagel, Klimaanlage und Vorstellrunde, Stadtverkehr. Ein Busfahrer mit langen Haaren. Social-Media-Mitarbeiterin mit Dutt. Keine Servietten da. Ein Papiertaschentuch sollte meine helle Leinenhose notdürftig schützen. Der Autor des Romans war anwesend, Lukas Rietzschel, »Mit der Faust in die Welt schlagen« hieß das Buch. Nach einiger Zeit: Brandenburg und Alleen.

Umschlag »Mit der Faust in die Welt schlagen«Der Autor erklärte uns, dass in Ostdeutschland viele Menschen noch auf dem Land wohnten, dass es wichtig sei, sich das zu vergegenwärtigen; an einem Trafohäuschen ein Graffito »ENERGIEZONE #judendynamo«. Irgendwo im Bus redeten ein Blogger und ein Richtigjournalist so über Ostdeutschland, als wäre es ein fremdes Land. 28 Jahre nach der Wende.

Nichtberliner bekamen keine Reisekosten erstattet. Ich war auf eigene Rechnung aus Jena gekommen. Am Vortag, hatte bei einem Freund übernachtet, von Görlitz zurück dann per Bahn. Der Autor erklärte uns einige Grundlagen zu Ostdeutschland, beispielsweise etwa zum Thema Bevölkerungsschwund. Irgendwo ein alter Schriftzug: »Ernst Thälmann« und so weiter. Der Autor machte auf die Klischeehaftigkeit des Ganzen aufmerksam und all die Berliner kicherten wiederholt. Der Buchhandel in Ostsachsen wird komplett von Thalia beherrscht. Das erklärte uns eine Verlagsvertreterin, die seit der Wende das Gebiet bereist. Es liege halt daran, an wen die Treuhand verkauft hat.

In Döbern eine Kristallpyramide. Der Autor fand es amüsant, dass die Döberner sehr stolz auf diese Pyramide seien, in der Glasartikel verkauft werden, irgendwie die größte Europas. (Der Inhaber steht längst wegen Subventionsbetruges vor Gericht. Er hatte zugesagt, Döbern die Glasfabrikation zu erhalten. Nach Zeugenaussagen gibt es aber schon seit Jahren keine Glasfabrikation mehr. Was in dieser Klammer steht, habe ich selbst recherchiert, denn auch wenn es die meiste Zeit nur schlechten Empfang gab, manchmal funktionierte das Internet dann doch.) Viele betonten, dass sie sich wie auf Klassenfahrt fühlten. Ich hatte eher den Eindruck, mich auf einer ethnographischen Ostdeutschlandexpedition für Berliner Medienmenschen zu befinden.

»Wir gehen eben hoch.« Der Aussichtsturm bot einen Blick über den Tagebau Nochten bei Weißwasser. Es war etwas diesig, daher waren die Bagger und Förderbrücken kaum erkennbar. Eine Mitreisende erwähnte, dass sie neulich ihren ersten Halbmarathon gelaufen war. Inzwischen hatte sie wieder angefangen zu rauchen, obwohl sie gehofft hatte, dass nicht. Im Veranstaltungssaal war es kaum erträglich schwül. Der Verleger stellte seinen Autor vor und dieser las dann das elfte Kapitel seines Romans. Leider manchmal etwas nuschelig. Anschließend gab es eine kurze Diskussion. Dabei ging es interessanterweise vor allem um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der sorbischen Minderheit in Sachsen, obwohl das im Buch allerhöchstens ein Randthema genannt werden kann. Das Kapitel spielte in Hoyerswerda. Brandspuren kamen vor. Möglicherweise des Pogroms oder anderweitiger Brandstiftungen. Der Autor subsumierte dies darunter, im Strukturwandel sei in Ostsachsen allgemein viel randaliert worden.

Dann fuhren wir wieder Bus, weiter nach Görlitz. Die Social-Media-Mitarbeiterin hatte eine Powerbank. Ich nutzte die unerwartet lange Fahrt dazu, ein gutes Stück des Buchs zu lesen und darüber nachzudenken. Wie schon bei der Lesung bemerkt, ist der Stil des Buchs ein äußerst kleinteilig beschreibender, lakonischer und weitgehend adjektivloser Realismus. Ich habe einmal mit einem vielfach preisgekrönten Romanschriftsteller über Adjektive geredet. Weder er noch ich als Wissenschaftsredakteur konnten uns erklären, was an Adjektiven eigentlich so schlecht sein soll. Manche Wörter und Ausdrücke Rietzschels waren etwas hölzern, aber das machte nichts. Das Buch ist kein Buch, das geschrieben wurde, um stilistisch zu renommieren.

Eine Stunde verspätet Ankunft in Görlitz. Eine Führung durch das Jugendstilkaufhaus. Es soll jetzt durch den Investor mit einer bestehenden Mall verbunden werden. Oben ein Restaurant rein. Der Autor erklärte hinterher, dass der Investor rassistisch und sexistisch sei. Er war ohnehin gut informiert, hatte Ahnung von Stadtentwicklung und auch von der Görlitzer Kommunalpolitik. War »der jüngste Meistererzähler aus Sachsen«. Das meinte zumindest der Verleger (Kulturwirtschaftsglatze, Kulturwirtschaftsbrille, offenes Kulturwirtschaftshemd).

Der Rückentext von Jan Brandt sagt, es gehe um vom Kapital Entmündigte. Nicht wirklich. Der Klappentext des Verlags spricht von Verlust von Heimat. Auch das erscheint mir ein bisschen unglücklich formuliert. Es geht um Jugend. Zwei Brüder wachsen in der Lausitz auf. Sie werden groß, gehen zur Schule, machen Ausbildungen, und am Ende zündet einer von ihnen eine Flüchtlingsunterkunft an. Heimat ist kaum zu sehen. Von Anfang an ist die Umgebung lieblos, abwertend.

Männlichkeit ist ein großes Thema. Kleine Jungs, die Angst vor Berührungen haben. Autoritäre und wortkarge Familien machen autoritäre und wortkarge Kinder. Es gibt kein Vokabular für Zukunftsträume, allerhöchstens hofft man, Großvaters silbernen Opel zu erben. Dörfer sind eben so. Und beim jährlichen Volksfest wird der Autoscooter auch von Jahr zu Jahr immer teurer.

– Im Umland von Görlitz gab es erstaunlich viele Firmen, die irgendwelche Drohnendienstleistungen anboten. Mittagessen auf der polnischen Seite. Inzwischen erheblicher Zeitverzug. Die Medienleute hielten das Personal mehrfach davon ab, gebrauchte Teller und Gläser mitzunehmen. Staffage für das Fotomotiv »Als letzter am Tisch verbliebener Schriftsteller, gedankenschwer blickend«. Der eigentlich geplante Stadtrundgang musste aus Zeitgründen entfallen.

Der Umschlag des Buchs ist als großes blaues Andreaskreuz gestaltet. Zwei Wochen vor dem Erscheinungstermin waren bereits riesige blaue Andreaskreuze an die Buchhandlungen ausgeliefert worden: Schaufensterdekoration. Ich musste daran denken, wie mir ein Sachbuchautor einmal das Marketing großer Verlage erklärte. Rein die Vermarktung reicht relativ sicher für die erste Woche in der Bestsellerliste. Ist das bei Belletristik auch so?

Der Autor baut die alte Synagoge als Literaturhaus auf. Das sagte der Pressetext. Eigentümerehepaar (beide pensioniert): ehemaliger Landeskirchenrat und Religionslehrerin aus Köln. Blogger und Richtigjournalisten waren begeistert von dem Projekt. Obergeschoss als Loftwohnung. Unten Raum für Lesungen jüdischer Literatur. Also nicht nur. Aber vor allem. Ich war beeindruckt. Die Beteiligung des Autors blieb aber bis zuletzt unklar. Zum Schluss gingen wir Kaffee trinken. »Ihr könnt auch richtigen Kaffee bestellen« (damit war gemeint: anderen als Filterkaffee). Auf der Rückfahrt nach Berlin sollte es »Stullenpakete«, Bier und Haselnussschnaps geben. Schade. Ich würde davon leider nichts abbekommen.

In Rietzschels Buch wird wenig erklärt. Man beginnt kleinste Indizien zu beachten. Zwischen gefriergetrockneter Prosa. Es stimmt zwar, dass das Buch nichts über Strukturen der Neonaziszene aussagt. Aber sein Thema ist auch gar nicht der politische Hintergrund für die beschriebene Entwicklung. Eher, wie Aufwachsen Feindseligkeit vermittelt. Die Protagonisten leben in einer Wüste, die unerläutert bleibt. Der Vater, der Polen als »behindert« beschimpft. Ungeschrieben eine Art Verbot von Zartheit, Bildung, Sehnsucht nach Höherem. Aufs Gymnasium gegangene »Christen« und weggezogene Mädchen als Hassgegenstände.

Rietzschel wurde bereits vor Erscheinen Experte. Er ist jetzt der neue Ostdeutschlanderklärer. Dabei hat er natürlich gar kein Sachbuch geschrieben. Warum wird sein Roman uns als Antwort auf die Zeitfragen verkauft? Er hat einen Roman über eine bestimmte Provinz geschrieben. Buchstäblich ein Jugendbuch. Ich musste an Elmar von Salms »Brandstiftung« (1988) denken. Damals auch seiner Zeit leicht voraus.* Rietzschel wird eine beliebte Schullektüre werden. Gar nicht abwertend gemeint! Mit großem Gewinn gelesen. Aufwühlend. Vieles hat bei mir als Dorfkind (strukturschwache Westpfalz) Saiten zum Klingen gebracht.

Aber wie wird das Buch uns präsentiert? Als eine Antwort auf heutige Journalistenfragen danach, warum »diese Leute« so sind, wie sie sind, taugt es nicht. Es beschreibt mitleidlos und nahezu ohne Einordnung, ohne Begründungen. Man soll es lesen und man soll es Kindern (vor allem Söhnen) zu lesen geben. Aber Sozialforschung ersetzt es nicht.

Die Satzlängen dieses Texts entsprechen jenen des Anfangs des besprochenen Romans, die Wörter sind im Mittel allerdings länger und die Absätze anders aufgeteilt.
Simon Sahner hat Rietzschels Buch inzwischen ausführlich für 54books rezensiert
 und dabei noch einmal präzise herausgearbeitet, wo der Bruch zwischen der allgemeingültigen und aufschlussreichen Provinzbeschreibung und dem (durch das Marketing noch mehr als durch das Buch selbst erhobenen) Anspruch, die Affinität der ostdeutschen Provinz zum Rechtsextremismus erklären zu können, liegt.

*Dem Verlag wurde das Buch kurz nach der Bundestagswahl 2017 angeboten. Die rechten Ausschreitungen in Chemnitz ereigneten sich zwischen der beschriebenen Reise und dem Erscheinungstermin (7.9.2018). Von Salms Buch erschien 1988, im Jahr des ersten großen Brandanschlags auf türkische Einwanderer in Deutschland (Schwandorf, 16./17.12.). Zur Zeit der Pogrome der frühen 1990er war es gängige Schullektüre in Rheinland-Pfalz.

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Vox: zu diesem Buch fallen mir keine 100 positiven Worte ein

„O lala“, denkt der geneigte Leser, „diesen Roman muss ich also gelesen haben, um mitreden zu können. Ein Buch über das Schweigen, über das ich nicht schweigen wollen werde. Die Autorin von Vox, dem hochgejazzten und viel präsentierten Buch des Herbstes – eben sah ich die Werbung am Bahnhof, zum Verkaufsstart beklebte Münder auf Instagram, große Printkampagne selbstverständlich ebenfalls – ist immerhin in Georgetown promovierte Linguistin“, denkt sich weiter der geneigte Leser, „vielleicht weiß sie also worüber sie schreibt.“

Vox spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft in den USA. Der Führer einer politisch starken Religionsgemeinschaft spielt mit dem charakterlich schwachen POTUS Marionettentheater und den Frauen wurde die Anzahl der Wörter, die man am Tag so von sich geben darf, auf 100 gekürzt. Überwacht wird dies mit einem elektronischen Armband, das beim Überschreiten der Grenze Elektroschocks in das Handgelenk der Mitteilsamen entlädt. Dazu gibt es noch andere fiese Überwachungsmethoden, die – ganz klassisch – aus technischen Spielereien und dem Aufhetzen der Mitmenschen gegen den Einzelnen bestehen.

Die Protagonistin Jean findet diese Welt als – hoppla – Linguistin natürlich gar nicht cool. Frauen werden durch diese Form der Haltung in die passive Erwerbstätigkeit gedrängt, verlieren den gesellschaftlichen Anschluss und auch familiär führt das Konstrukt erwartungsgemäß zu Problemen. Jean blickt mit Besorgnis auf die Entwicklung ihrer kleinen Tochter, die keine andere Welt als die sprachlose kennt, als sich aufgrund eines Unfalls des Bruders des Präsidenten für sie die Möglichkeit ergibt, mit den Machthabern über ihre Lebensbedingungen zu verhandeln.

Machen wir es kurz. Vox ist kein gutes Buch. Es ist vorhersehbar:  vom linientreuen, gehorsamen Sohn, der wie ein Spitzel lebt und später geläutert zum Rebell wird, über die Affäre mit dem schönen, italienischen Kollegen und dem Selbstmordversuch mittels Wortebegrenzungsarmband bis zur weggesperrten, feministischen Studienfreundin, keiner der Handlungsstränge kann überzeugen. Jeder ist so offensichtlich zusammengeplottet, dass am Ende das Bild zusammenpasst. In das Bild passt aber, was Dalcher in den Pressematerialien über Vox erzählt. Denn der Roman war ursprünglich nur eine Kürzestgeschichte mit nicht mehr als 700 Worten, vielleicht hätte man es dabei belassen sollen.

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Alles super in der Abstiegsgesellschaft! (feat. Kathrin Weßling: „Super, und dir?“ und Oliver Nachtwey: „Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne“ und ein paar andere)

[es gibt auch viele extralange Zitate und extrawenig Absätze, juhu!]

Vor ein paar Monaten habe ich einen recht länglichen Blogbeitrag über die Frage geschrieben, welche Strukturen dafür sorgen, dass Autorinnen aus der Literaturgeschichte verschwinden – ein nicht unerheblicher Faktor dabei ist, dass Bücher von Autorinnen seltener besprochen werden, und wenn sie überhaupt besprochen werden, dann häufig in Sammelrezensionen. Entsprechend schade finde ich es, dabei zuzuschauen, wenn genau das passiert: Dass ein Buch einer Autorin von fast allen Feuilletons größerer Tages- oder Wochenzeitungen gar nicht erst angefasst wird, während ein Buch eines Autors von vergleichbarer Qualität lauter positive Rezensionen bekommt.

Ich habe selbst „Hochdeutschland“ von Alexander Schimmelbusch besprochen und empfohlen, weil es interessante und wichtige Problemlagen gelungen verhandelt, wenn auch nicht literarisch gelungen – denn dass hier vieles gar nicht erst zu Ende erzählt wird, dass viele Stellen sprachlich schlecht und das Dazwischenklatschen dieses „Manifestes“ zwischen die Handlung literarisch eigentlich eine Frechheit ist, sollte ja offensichtlich sein. Trotzdem ist es ein gutes Buch, es ist eben ein Thesenroman. Genauso wie „Super, und dir?“ von Kathrin Weßling ein gutes Buch ist, das ebenso gesellschafts- wie kapitalismuskritisch ist wie „Hochdeutschland“, genauso drängende gegenwärtige Probleme anpackt und benennt, dabei wirklich ein ganzes Stück besser erzählt ist, hier und da aber ein bisschen redundant geschrieben (die sprachlichen Schleifen sind aber als Gedankenschleifen im Text überzeugend) und sprachlich halt nicht Avantgarde ist (ja, und?). Aber wenn Bücher halt einfach gut erzählt sind, ist das ja eher ein Manko, hat man manchmal den Eindruck, das ist erst dann in Ordnung, wenn sie aus dem angelsächsischen Bereich übersetzt worden sind – ein deutschsprachig geschriebener Roman dagegen, der halt einfach eine Geschichte erzählt ohne irgendwelchen Schnickschnack, noch dazu von einer jungen Frau über eine junge Frau geschrieben worden ist, das muss ja Quatsch sein dann, da schreiben wir lieber keine Besprechungen darüber, Nein, Nein, Nein, aber bei „Hochdeutschland“ tun wir so, als wäre es eine Offenbarung, auch wenn es der schlechter geschriebene Roman ist. Es ist doch zum Mäuse melken.

„Hochdeutschland“ von Alexander Schimmelbusch ist natürlich nach wie vor ein gutes Buch. Genauso wie „Super, und dir?“ von Kathrin Weßling, die hier in von mir zumindest noch nie gelesener Genauigkeit und Drastik von den Problemen von Kindern aus der Mittelschicht in der Abstiegsgesellschaft erzählt.

Oliver Nachtwey beschreibt in seinem Essay „Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne“, was eine Gesellschaft prägt, deren Phase der „sozialen Moderne“, die in den 1970ern mit dem Wechsel zum Postfordismus einsetzt, von Wachstum und der vergleichsweise hohen sozialen Mobilität vor allem auch auf Grundlage von Bildungsexpansion geprägt war, seit der Agenda 2010 vorbei ist und zu einer Phase der „regressiven Moderne“ geworden ist. Nachtwey modifiziert hier Ulrich Becks Begriff der „reflexiven Moderne“: Während die „reflexive Moderne“ dadurch gekennzeichnet war, dass sie im Zuge des Fortschritts Folgen verursacht hat, die ihr Anliegen unterlaufen – man baute Atomkraftwerke, weil man saubere Energie wollte, und bekam Tschernobyl – zeichnet sich die „regressive Moderne“ dadurch aus, dass sie hinter ein zuvor erreichtes Maß an sozialer Integration zurückfällt. Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Solidargemeinschaft bröckeln, neue Klassen und vor allem neue Formen des Prekariats/der Unterschichtung entstehen, die allerdings zu keiner Solidarisierung fähig sind, da sie gleichzeitig eben unterschiedlichen Schichten angehören – das journalistische Medienprekariat solidarisiert sich eben nicht mit Zeitarbeitern am Fließband, auch wenn beide von ähnlichen Arbeitsstrukturen ausgebeutet werden –, soziale Mobilität stagniert ebenso wie Umverteilung: Immer mehr Menschen haben immer höhere Bildungsabschlüsse, die immer weniger wert sind, vor allem nicht unbedingt zu mehr Einkommen und also mehr sozialer Sicherheit führen, während Kapitalzuwachs vor allem dort stattfindet, wo bereits Kapital zu finden ist: bei den Vermögenden.

In der Konsequenz sehen sich junge Arbeitnehmer seit den Agendareformen, die zahlreiche Arten atypischer Beschäftigungsformen ermöglicht und erleichtert haben, insbesondere die grundlose Befristung von Arbeitsverträgen, einer Arbeitswelt gegenüber, die eigentlich nicht mehr mit dem Leistungsdenken der alten Mittelschicht bewältigbar ist. Junge Leute kämpfen also mit dem Denken von gestern gegen Probleme von heute, gegen einen Arbeitsmarkt, auf dem im „Zuge der regressiven Modernisierung […] die ‚Institutionalisierung von Prekarität‘ vollzogen“ (Nachtwey: Die Abstiegsgesellschaft, S. 137) wurde. Es ist eben nicht mehr jeder seins Glückes Schmied, und wer sich nur genug anstrengt, der wird deswegen noch lange nicht auch was, in einer Zeit der Praktika, der Volontariate, der Freelancer, der befristeten Verträge.

Die Mittelschicht entwickelt entsprechend Abstiegssorgen, die Unterschicht, die die Einschränkung der sozialen Mobilität besonders hart trifft, Abstiegsangst. Die Folge sind neue Protestformen und -bewegungen – Occupy ebenso wie Pegida. Wer eine klare Darstellung der Wurzeln gegenwärtiger Problemlagen und der gefährlichen Folgen des Abbaus des Sozialstaates und der Isolation der Klassen voneinander lesen will und „Die Abstiegsgesellschaft“ von Oliver Nachtwey nicht ohnehin diesbezüglich schon auf dem Schirm hatte, sollte es jetzt lesen, so klar, zusammenhängend und transparent argumentiert (Nachtwey benennt auch klar, wo ihm empirische Belege fehlen) liest man das sonst nirgends.

Schon Bourdieu, wie Nachtwey darstellt, bemerkte, dass prekär (also nicht stabil, sondern unsicher und widerrufbar) Beschäftigte dazu neigen, betriebliche Normen überzuerfüllen, weil sie sich jeden Tag aufs Neue bewerben/bewähren müssen, immer in der Hoffnung auf eine Festanstellung, was sie länger, intensiver und mehr arbeiten lässt (Nachtwey: Die Abstiegsgesellschaft, S. 144). In der Abstiegsgesellschaft nimmt dies noch drastischere Züge an:

„Gerade in einer Gesellschaft, die sich nach wie vor als Aufstiegsgesellschaft begreift, wachsen normative Verunsicherungen, wenn es in der Realität nicht mehr aufwärtsgeht. Viele kennen wahrscheinlich aus ihrer Kindheit die Erfahrung, entgegen der Richtung auf einer nach unten fahrenden Rolltreppe nach oben zu laufen. Das geht selten gut, und falls doch, kommt man mit letzter Kraft auf der nächsten Etage an. In der Abstiegsgesellschaft sehen sich viele Menschen dauerhaft auf einer nach unten fahrenden Rolltreppe. Sie müssen nach oben laufen, um ihre Position überhaupt halten zu können. Es entstehen Abstiegssorgen und ‚Statuskämpfe um Anrechte auf Wohlstand‘ (Vogel 2006, S. 354). Dabei bilden sich mit steigender Häufigkeit ‚anomische‘ Konstellationen heraus, in denen die etablierten sozialen Normen, die eine Voraussetzung für die gesellschaftliche Integration bilden, sukzessive erodieren und an Geltung verlieren (vgl. Berton 1995 [1949]). Wenn Aufstieg nicht mehr möglich erscheint und solidarische Handlungsmöglichkeiten – etwa im Rahmen und mithilfe von Gewerkschaften – entweder kaum existent oder nicht wirksam sind, dann greifen die Menschen verstärkt zu selbstoptimierenden Strategien. Diese laufen auf eine intensivierte, beinahe völlige Hingabe an den Wettbewerb hinaus. Viele Menschen steigern ihre innerbetriebliche Leistungsbereitschaft, arbeiten mehr und entgrenzter, verdichten ihre Tage rund um die Uhr produktiv. Sie verzichten auf Ansprüche an das gute Leben, an die Work-Life-Balance, nehmen Stress und Sinnverlust in Kauf, beschleunigen sich immer weiter. Die eigenen Erwartungen hinsichtlich Autonomie und Selbstentfaltung werden durch ‚die verstärkten Opfer für den Aufstieg konterkariert‘ (Voswinkel 2013, S. 30). Der kulturelle Individualismus wird sparsamer gelebt, man verzichtet zunehmend auf einen marktfernen Hedonismus (z.B. ohne Eile zu studieren).“ (Oliver Nachtwey: Die Abstiegsgesellschaft, S. 165f.)

Von einem Typ der vielen durch atypische Beschäftigungsformen neu entstandenen Prekariate, dem Volontariats-Prekariat, erzählt Kathrin Weßling in „Super, und dir?“ und schafft damit das narrative Gegenstück zu Nachtweys Analyse der Abstiegsgesellschaft. Die junge Protagonistin mit dem Allerweltsnamen Marlene Beckmann – denn ein Allerweltsschicksal ist es ja, das hier erzählt wird – ist dort angekommen, wo sie glaubte, immer hin zu wollen. Sie hat eine Beziehung zu einem Mann, der sie liebt, sie hat ihr Marketingstudium abgeschlossen und einen begehrten Volontariatsplatz in einer bekannten Firma bekommen. Wie sie mehrfach betont, ist das eine „Chance“, für die sie „dankbar“ ist, der neoliberalen Ideologie zufolge muss das Individuum ein prekäres Arbeitsverhältnis nämlich als Chance wahrnehmen, nicht als Form der Ausbeutung, und für diese Ausbeutung hat es dankbar zu sein, um der massiven Abhängigkeit in dieser unsicheren Position den positiven Anstrich des Freiwilligen, Selbstgewählten zu geben. In der individualisierten Gesellschaft hat sich das Individuum nämlich alles selbst zuzuschreiben, es hat es sich ja so „ausgesucht“.

Weil nun Marlene das mittelständische Leistungsdenken die Idee in den Kopf gesetzt hat, dass Arbeit glücklich macht, dass sie eine Form der Selbstverwirklichung ist, statt von Marx zu lernen, dass Arbeit, insbesondere Arbeit die eine extreme Form der Ausbeutung der Arbeitskraft darstellt, bei der kein sinnvolles Produkt entsteht, also entfremdete Arbeit, Selbstentfremdung nach sich zieht, geht sie zunehmend in die Knie. Marlene weiß, dass ihr Job im Online Marketing nicht sinnvoll ist, „[w]ir lassen die Scheiße wie Gold aussehen“ (S. 78), wobei natürlich auch hier die Wahrheit ideologisch vertuscht werden muss („[n]atürlich würden wir das […] niemals so sagen, denn wir sind selbstverständlich Fans all dieser Sachen“, S. 78), genauso wie sie weiß, dass die Firma Massenware für vermasste Menschen produziert, „dass wir lieblose Massenware auf den Markt schmeißen, mit der irgendwie jeder etwas anfangen kann“ (S. 72). Über den Sinn ihrer Arbeit hat sie sich während des Studiums nie Gedanken gemacht (S. 72), sie hat für die Karriere auf Sinn verzichtet. Sie leistet entfremdete Arbeit in einem prekären Arbeitsverhältnis, die nicht Selbstverwirklichung, sondern Selbstaufgabe, Selbstentfremdung bedeuten muss. Und das bringt Weßling auch so auf den Punkt: Marlene leistet „Selbstverwirklichung bis zur Selbstaufgabe“ (S. 121).

Und genau das, also die schrittweise Selbstaufgabe, vollzieht sich dann auch: Vom ersten Tag an ist ihr Job mit Angst verbunden, jeden Tag, wenn sie in die Arbeit fährt, wenn sie ihre Mails öffnet, hat sie Angst – Angst davor, aufzufliegen, es nicht zu schaffen, Angst vor Beschwerden, kurz: Die Angst, die jemand empfinden muss, der jeden Tag so arbeiten muss, als bewerbe er sich neu, die Angst, die eigentlich die Abstiegsangst in einem atypischen Beschäftigungsverhältnis ist: Eben Angst vor dem Abstieg, der auch soziale Desintegration bedeutet. „Jedes Gespräch fühlt sich wie ein Test an, wie eine weitere Aufgabe, die ich erledigen muss. Ich bin mir nicht sicher, was getestet wird“, beschreibt Marlene die Situation bei einem Feierabenddrink mit den Kollegen. Sie hat Angst vor dem Verlust des Jobs, damit des Platzes in der Gesellschaft und also der sozialen Integration, denn das bedeutet es, einen Job zu haben: „ich mache Karriere, ich bin ein wertvolles Mitglied dieser Gesellschaft und trage zum Bruttoinlandsprodukt bei, zahle Steuern und unterstütze die Industrie mit meinem ständigen Konsum von unnützem Zeug. Ich bin ein sehr guter Mensch.“ (S. 54). In der Leistungsgesellschaft – Menschen, die mal Hartz bezogen haben, können ein Lied davon singen – hat der Mensch eben keinen Wert an sich, sondern er hat eine Arbeitskraft, und deren produktiver Einsatz macht ihn wertvoll.

Irgendwann ist die Angst so groß, dass Marlene nicht mehr weiß, was ihr mehr Angst macht: Dass man merkt, dass sie für den Job nicht geeignet ist, oder dass man es nicht merkt und sie ewig so weitermachen muss (S. 147). Und natürlich spricht niemand über die Entlassungen, die stattgefunden haben, denn das, was Angst macht, wird verdrängt, „[e]s sind immer nur die anderen“ (S. 152), stattdessen betont man gebetsmühlenartig (und eine Art Gebet ist es, mit dem Mann die Götter, die Vorgesetzten besänftigen will) die eigene Dankbarkeit für die Chance, sich ausbeuten zu lassen. Noch wenige Wochen vor dem Auslaufen ihres Arbeitsvertrages weiß Marlene nicht, ob sie übernommen werden wird, sie traut sich kaum, nachzufragen, und als sie sich doch überwindet, erhält sie viele nette Worte, aber keine Auskunft – der prekären Ausbeutung wird der Anstrich der Wertschätzung verliehen.

Weil Marlene nun einfach nicht so funktioniert, wie die Werbung und die Ideologie der Leistungsgesellschaft das wollen, weil sie von dem permanenten Druck des atypischen Beschäftigungsverhältnisses völlig erschöpft ist, da sie – wie Nachtwey das beschreibt – gegen eine abwärts fahrende Rolltreppe nach oben rennen muss, entwickelt sie die von Nachtwey beschriebenen anomischen Verhaltensweisen. Es gibt keine Möglichkeit eines solidarischen Zusammenschlusses mit anderen, um für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen, die einzige Person, die mit ihr im selben Boot säße, ist ihre Konkurrentin, die andere Volontärin, nur eine von beiden wird übernommen werden. Also wendet sie das gesamte Sortiment selbstoptimierender Strategien an – sie redet sich Kalendersprüche ein, um sich zu motivieren, sie meditiert morgens, ernährt sich gesund, macht Sport in dem Fitnesscenter, das für Mitarbeiter besondere Konditionen bietet und den Slogan „Du machst nicht Sport, du machst dich glücklich“ (S. 64) propagiert, und als das nicht mehr reicht, nimmt sie eben Drogen. Kokain, dann billigeres Speed tagsüber, manchmal Ritalin, dann abends was zum runterkommen, so optimiert sie sich selbst zu Grunde, hinein in die schönste Abhängigkeit. Sie gibt sich völlig an den Wettbewerb hin, arbeitet ständig über ihrer Belastungsgrenze, 70 Stunden Wochen sind die Regel, Sinnverlust nimmt sie, wie schon erwähnt, in Kauf. Auf Work-Life-Balance verzichtet sie, ihre Beziehung leidet, die entfremdet sich von ihrem Partner, alles im Dienst der Selbstverwirklichung durch Arbeit.

Entsprechend löst sich auch zunehmend die Grenze zwischen Arbeits- und Privatleben auf, eine Grenze, die ohnehin nicht existiert, wie Marlene von ihrem Vorgesetzten mitgeteilt wird. So ist es dann auch nicht verwunderlich, dass dieser ihr, wenn er mit ihr sprechen will, Nachrichten über ihr privates Facebook-Profil schickt, und Marlene sich nicht traut, ihm zu sagen, dass sie das übergriffig findet und dass es sie stört.

„Wie soll ich also Stefan erklären, dass er mir nicht auch noch auf Facebook schreiben soll? ‚Lieber Stefan, ich möchte dich bitten, das letzte bisschen Privatsphäre, das ich habe, zu achten und mir keine Nachrichten im Messenger zu schreiben. Denn seitdem ich in dieser Firma arbeite, habe ich kein Privatleben mehr. An meinem einzigen freien Tag, am Sonntag, schlafe ich nur noch, weil ich so erschöpft bin von der Woche. Deshalb wissen meine Freunde schon gar nicht mehr, wie ich aussehe, na ja, außer, sie rufen mein Facebook-Profil auf, denn da sieht man ja, wie geil es mir geht, wie absolut super alles ist, wie hübsch und dünn und erfolgreich ich bin. Und man kann sich die Bilder angucken, auf denen ich mit Jakob lache und Ausflüge mache und zwischen all meinen Freunden in die Kamera lache, weil wir so viel Spaß haben, weil wir so verdammt viel Spaß haben. Ja, schau dir das an, Stefan, ich bin nämlich ein Mensch, auch wenn das hier sonst keiner mehr ist, weil alle nur noch wie Roboter den immer gleichen Scheiß erzählen: Mir geht es sehr gut, danke.“ (S. 79f.)

War Marx unter anderem davon ausgegangen, dass den Menschen die Arbeit an der Maschine entfremden muss, da sie den Menschen einem maschinellen Arbeitsrhythmus, dem gnadenlosen Funktionieren und immer gleichen Tempo der Maschine unterwirft, so sieht man hier, dass der Mensch auch durch Arbeit zur Maschine, zum Roboter werden kann, ohne dass er an einer Maschine oder am Fließband arbeitet: Einfach dadurch, dass er sich permanent reibungslos funktionierend in den Ablauf im Betrieb einfügen muss. Marlene muss ständig weiterperformen, ihre Fassade aufrecht erhalten, unabhängig davon, wie es ihr geht – und zerstört sich damit psychisch selbst. Verstärkt wird dies noch durch die Fortsetzung solcher Performance im Internet: Auch hier bemisst sich der Wert des Menschen an seiner Leistung, an der Zahl der Likes, die er generieren kann – und so macht Marlene dann, wenn es ihr besonders schlecht geht, ein Selfie von sich, postet dazu irgendein motivierendes Zitat von Hermann Hesse und fühlt sich mit jedem Like ein bisschen besser, ein bisschen wertvoller (vgl. z.B. S. 122).

Damit steht Marlene auch hier ständig unter Valorisierungsdruck, unter dem Druck, bewertet zu werden und sich also beweisen zu müssen, wie Andreas Reckwitz das in „Die Gesellschaft der Singularitäten“ nennt. Die Orientierung an Selbstverwirklichung als normatives Ziel ergibt den

„Imperativ der Selbstentgrenzung: Das spätmoderne Subjekt zieht enorme Befriedigung daraus, nicht ein für alle Mal festgelegt zu sein, sondern in grenzenlosem Aktivismus immer wieder neu noch ganz andere Aktivitäten und Möglichkeiten für sich entdecken zu können – neue Reiseziele, eine neue Sportart, einen anderen Partner, einen anderen Lebensort etc. Das Ziel lautet dann, möglichst viele Potentiale, die in einem schlummern, zu mobilisieren und ihnen zur Entfaltung zu verhelfen. Der Maßstab dieses Lebensstils ist die größtmögliche Fülle des Lebens.
Die Kehrseite der Selbstentgrenzung ist die Selbstüberforderung.“ (Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten, S. 343)

Weil in der Spätmoderne nun die Chancen zur gelingenden Selbstverwirklichung potenziert wurden, wurden auch die Chancen für Enttäuschungen potenziert: „Es ist nur konsequent, dass die Depression in einer Gesellschaftsformation, die […] parallel zu ihren gesteigerten Ansprüchen auch die Enttäuschungsrisiken potenziert hat und zudem für diese wenig kulturelle Verarbeitungsressourcen bietet, zu einem charakteristischen Krankheitsbild wird.“ (Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten, S. 349)

Beruflich wie privat will Marlene alles, weil ihr von der Gesellschaft beigebracht worden ist, dass sie alles erwarten könne, wenn sie nur zu entsprechender Leistung bereit sei: „Ich wurde verarscht, weil alle, einfach alle mir versprochen haben, dass ich nur hart genug zu mir sein muss, nur dünn, fleißig und hübsch genug, nur therapiert und reflektiert genug, nur geil und kinky genug, lieb und cool, gleichzeitig aber auch besonders, dann kriege ich, was ich will, was ich brauche, was mich weiterbringt, was wichtig für meine Persönlichkeitsentwicklung ist.“ (S. 118f.) Die Chancen zur Selbstverwirklichung schlagen um in potenzierte Enttäuschung, die Folge ist Depression, ist Drogensucht, mitverursacht durch hemmungslose Ausbeutung ihrer Arbeitskraft, die zum Burn-Out führt.

Wie Mark Fisher in „Kapitalistischer Realismus ohne Alternative?“ zeigt, sind solche psychischen Erkrankungen also politisch zu verstehen: Sie sind Signum der Spätmoderne und Folge einer entfremdenden, ausbeutenden Arbeitswelt. Indem Kathrin Weßling das zeigt, hat sie einen in seiner gesellschaftskritischen Klarheit so wichtigen und aktuellen Roman geschrieben, den ich so, zu dieser Konstellation, noch nicht gelesen habe, denn in dieser Zuspitzung leistet „Super, und dir?“ ja eine Kritik an Leistungsdenken und Arbeitswelt im Neoliberalismus, wie sie bislang eben auch von „Kraft“ von Jonas Lüscher oder „Hochdeutschland“ von Schimmelbusch nicht vollzogen wurde, diese Romane beschäftigen sich ja mit anderen Zusammenhängen und Problemen. Aber wie der einzelne junge Arbeitnehmer im Zusammenspiel von hohen Erwartungen an sich und das Leben, perkären Arbeitsbedingungen und bürgerlichem Leistungsdenken bis in die Drogenabhängigkeit hinein zerrieben wird, das habe ich so im deutschsprachigen Raum noch nicht gelesen. Und zum Glück ist „Super, und dir?“ zu allem Überfluss noch ein wirklich gut lesbarer Roman, den man zum Zweck der Aufklärung all jenen, die nicht Nachtwey, Reckwitz und Fisher lesen wollen, in die Hand drücken kann: Der Roman erzählt alles, was man über bürgerliche Leistungsideologie zur Zeit wissen muss, um ihr nicht auf den Leim zu gehen, gut erzählt und für jeden nachvollziehbar.

„Ich kriege, was ich will, wenn ich reise, mich selber verwirkliche, in meine Chakren atme und alle sechs Monate zur Zahnreinigung gehe. Wenn ich einmal die Woche zur Therapie gehe, aber auch nur, weil ich mich selber besser kennenlernen will, nicht, weil ich kaputt oder krank bin. Ich habe keine psychischen Probleme, sondern nur eine leichte Anpassungsstörung, ich bin nicht sauer, sondern enttäuscht, ich bin nicht am Ende angekommen, sondern stehe am Anfang einer Reise, ich habe mich nicht verloren, sondern erkunde mich bloß selbst. Ich bin nie wirklich krank, mein Körper will mir damit nur irgendetwas sagen. Ich bin nie müde, sondern strenge mich einfach nur sehr an. Ich bin nie einsam, sondern setze mich nur mit mir selber auseinander. Und ich arbeite nicht, sondern verwirkliche mich.“ (S. 119)

Allerdings – und hier hat der Roman eine Stärke und eine kleine Schwäche gleichzeitig – hat Marlene auch eine Familiengeschichte, die erklärt, warum sie zu der Hochleisterin, die immer über Soll funktioniert, geworden ist. Auch diese Familiengeschichte ist von der Art, wie sie in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur viel zu selten angesichts ihrer statistischen Häufigkeit erzählt wird: Sie handelt vom Ausfall eines Elternteils durch Alkoholismus und den Kompensationshandlungen, die das von einem Kind verlangt, das hier die typische Rolle des „Helden“ unter Alkoholikerkindern übernimmt: Das Kind „funktioniert“ mehr als tadellos, übernimmt die Elternrolle und erbringt Leistungen, auf die die Eltern stolz sein können, um damit sich und die Eltern zu retten, um etwas Freude und Stolz in ihr Leben zu bringen. Das ist häufig und wird selten erzählt, darum ist es gut, dass es hier erzählt wird – allerdings bringt es die Gefahr mit sich, dass Marlenes psychische Zerrüttung damit weniger als strukturell-politisches Problem als vielmehr als familiär-individuelles erscheint, was es nicht ist. Man muss kein Alkoholikerkind sein, um unter die Räder prekärer Beschäftigungsverhältnisse zu geraten. Das wird auch deutlich, es sei denn, man möchte den Roman eben unpolitisch lesen, dann eröffnet die Familiengeschichte natürlich eine Tür, um ihn psychologisch zu lesen. Aber auch das ist dann für die eine oder den anderen vermutlich eine wichtige Lesart.

JA UND JETZT WOLLT IHR SICHER WISSEN, WIE ES WEITERGEHT MIT MARLENE UND OB SIE IHRE BEZIEHUNG RETTEN KANN UND DEN JOB KRIEGT UND DIE DROGENSUCHT LOS WIRD. Verrate ich euch nicht, ihr sollt ja das Buch lesen!

„Super, und dir?“ ist, wie geschrieben, hier und da ein bisschen redundant erzählt, was aber zu den Gedankenschleifen der Figur passt, es ist in einer Sprache, die nahe an der gesprochenen Sprache liegt, geschrieben, die damit nicht unbedingt die literarischste aller Sprachen ist, Fans der Sprache Thomas Manns könnte das stören, – und es ist ein gut erzählter, wichtiger Roman. Es ist ein Roman der Abstiegsgesellschaft. Lest ihn, ich verspreche euch, ihr kommt klüger und kritischer und leider auch betroffen wieder heraus.

(Zitate, auf die nur eine Seitenangabe folgt, beziehen sich auf “Super, und dir?” von Kathrin Weßling.)

(Das Beitragsbild stammt von Wyron A auf unsplash.com)

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Weibliche Aneignung männlicher Fantasie: Von Meerjungfrauen und einem Meermann (feat Andreas Kraß „Meerjungfrauen“, Melissa Broder „Fische“)

Im Februar diesen Jahres wurde in der Manchester Art Gallery das Gemälde „Hylas und die Nymphen“ von John William Waterhouse (s. Beitragsbild oben) im Rahmen einer Kunstaktion von Sonia Boyce abgehängt – man wollte damit eine Debatte über die Darstellung von Frauen in der Kunst auslösen. Entsprechend konnten während des Zeitraumes, in dem das Bild abgehängt blieb, die Besucher an der so entstandenen Leerstelle Zettel hinterlassen, auf die sie ihre Meinung zu diesem Thema und Möglichkeiten einer angemessenen Kontextualisierung des Gemäldes bei seiner erneuten Ausstellung schreiben konnten. „This gallery presents the female body as either a ‘passive decorative form’ or a ‘femme fatale’. Let’s challenge this Victorian fantasy!“, erklärte die Kuratorin Clare Gannaway die Absicht hinter dieser Aktion, die tatsächlich ja auch hierzulande für Debatten sorgte, vermutlich auch deswegen, weil sie sich hier mit der schier endlosen Diskussion um die Überstreichung von „Avenidas“ an der Alice-Salomon-Hochschule verband.

Tatsächlich ist diese Form der Kunstperformance – und das sollte die Abhängung ja sein – nicht ganz gelungen, gar nicht deshalb, weil Kunst hier im Rahmen einer Kunstperformance ihre Selbstzweckhaftigkeit verliert und eben zum Mittel von Kunst wird, was ja zumindest eine interessante Entwicklung der letzten Jahrzehnte ist. Vor allem ist diese Kunstaktion doch deswegen nicht gelungen, weil sie wenig zur Aufklärung und Emanzipation der Besucher*innen beiträgt, anders als dies der Fall gewesen wäre, wenn man in einer gut aufgearbeiteten Ausstellung etwa unterschiedliche künstlerische Darstellungen von Frauen mit entsprechend erklärenden Texten gezeigt und am Ende die Möglichkeit zum Hinterlassen von Zetteln gegeben hätte. Das ist eigentlich der Job, den Kurator*innen machen sollten, wenn sie eine „fantasy“ „challengen“ wollen, um auf diese Idee zu kommen, brauchen sie keine Anregungen von Besucher*innen. In einer solchen Ausstellung hätten die Besucher*innen sich ein Bild von der Darstellung von Frauen in der Kunst machen können, eine Debatte hätte auf der Basis von Informationen geführt werden können – und wäre vielleicht damit eine vernünftige Debatte über die Darstellung der Frau in der Kunst gewesen, und nicht eine Debatte über Zensur, die die Kunstaktion tatsächlich auslöste. Nicht Abhängen, sondern Information führt zu Mündigkeit – und schön wäre es ja auch gewesen, im Kontext einer solchen Ausstellung auch ganz andere Darstellungen von Weiblichkeit von Künstlerinnen zu zeigen.

Denn dass Clare Gannaway mit ihrer Diagnose – dass Frauen in der dominant von Männern bestimmten Kunstgeschichte in der Regel entweder als passiv-dekorativ (meist: die Ehefrau) oder als femme fatale (meist: die Geliebte) dargestellt werden – nicht nur bezogen auf die Manchester Art Gallery, sondern bezogen auf die Künste überhaupt, Recht hat, ist ja eine Binsenweisheit feministischer Diskussion seit spätestens Simone de Beauvoirs „Das andere Geschlecht“. Und dies lässt sich par excellence an eben dem Mythos zeigen, der in der Romantik so beliebt war und wohl darum auch auf dem in Manchester abgehängten romantischen Gemälde von Waterhouse zu sehen ist: dem der Meerjungfrau.

Das zeigt Andreas Kraß in „Meerjungfrauen. Geschichte einer unmöglichen Liebe“, einer so gut lesbaren wie spannenden komparatistischen Untersuchung des Motivs der Meerjungfrau von der Antike bis in die Gegenwart. Die Meerjungfrau, die erst seit Hans Christian Andersens Märchen „Die kleine Meerjungfrau“, das irgendwann zu einem Walt Disney-Film geworden ist, einen Fischschwanz hat, ist dabei immer Figur einer – wie der Titel von Kraß‘ Buch schon sagt – unmöglichen Liebesgeschichte. Entsprechend werden Erzählungen von Meerjungfrauen literaturwissenschaftlich dem Erzählmuster der „gestörten Mahrtenehe“ (Mahrte = Fee) zugeordnet, also Erzählungen von tragisch verlaufenden Verbindungen von Menschen und Feen. Für gewöhnlich gibt es in derartigen Erzählungen ein Tabu, das vom Menschen nicht verletzt werden darf, dann aber doch verletzt wird, was zum Tod von wenigstens einer der Figuren führt.

Meerjungfrauen sind dabei überraschend vielgestaltig: Die Sirenen der Antike wurden als Vogelfrauen vorgestellt, die mit ihrem Gesang Menschen in den Tod führen, die mittelalterliche Melusine ist eine Schlangenfrau, Nymphen waren in der Regel mehr oder weniger menschlicher Gestalt, bis Andersen ihnen eben einen Fischschwanz andichtete. Typischerweise tragen sie alle in unterschiedlicher Schwerpunktsetzung Züge der Verderberin, der Gebärerin oder der Verführerin, also Züge eben des mythischen Frauenbildes, das – wie Kraß zeigt, aber ja auch schon lange zuvor Simone de Beauvoir gezeigt hat – häufig von Männern in Kunst- und Kulturgeschichte entworfen worden ist: Die Frau ist das Andere zum Mann, auf sie projiziert er seine Wünsch und Ängste. So tritt die Meerjungfrau beispielsweise während der Romantik häufig in Konkurrenz zur standesgemäßen Ehefrau, ist also der weibliche Mythos, an dem das Problem der Vereinbarkeit von passionierter Liebe als romantisches Ideal und bürgerlicher Ehe als Realität verhandelt wird. Kraß fasst daher

„die Meerjungfrau als Sinnbild für die Liebe. Die Wesensdifferenz von Mensch und Fee ist letztlich eine metonymische Verschiebung, sie steht für die imaginierte Wesensdifferenz von Mann und Frau. Die Meerjungfrau repräsentiert ein männliches Phantasma des Weiblichen, das die Frau als Fee überhöht.“ (Andreas Kraß: Meerjungfrauen, Frankfurt a. M. 2005, S. 17)

Dass dies zutrifft, zeigt auch schon ein Blick in das Inhaltsverzeichnis der Untersuchung: Nur zwei der untersuchten Texte stammen von Autorinnen (Ingeborg Bachmann „Undine geht“, Bertha Pappenheim „Die Weihernixe“). Gleichzeitig ist die Meerjungfrau als Fantasiegeschöpf häufig auch Sinnbild für dichterische Imaginationskraft und also auch Sinnbild der Literatur selbst – auch hinsichtlich dieses Aspektes untersucht Kraß das Motiv der Meerjungfrau.

Indem Männer einen weiblichen Mythos erschaffen haben, ein Frauenbild, das ihrem Kopf, nicht weiblicher Realität entspringt, indem die Nymphe die Andere zum Mann ist, erzählt jede solche Imagination nicht nur vom (männergemachten) Frauenbild, sondern ex negativo auch vom Männerbild einer Zeit. Man kann nicht über das von Männern entworfene Frauenbild einer Zeit sprechen, ohne gleichzeitig vom Männerbild, das darin steckt zu sprechen. Aber genau darin liegt eben auch die Asymmetrie: Ex negativo ist es immer noch ein von Männern entworfenes Bild von Männlichkeit, kein von Frauen entworfenes. Die Kunst- und Kulturgeschichte ist dominiert von einer männlichen Sicht auf Weiblichkeit und Männlichkeit, die weibliche Sicht auf beides fehlt in der Regel. Es gibt keinen von Frauen geschaffenen männlichen Mythos.

„Da die Frauen sich nicht als Subjekt setzen, haben sie keinen männlichen Mythos geschaffen, in dem sich ihre Entwürfe spiegeln. Sie haben keine Religion und keine Dichtung, die ihnen selbst gehört: sogar wenn sie träumen, tun sie es auf dem Weg über die Träume der Männer.“ (Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht, Hamburg 2000, S. 194)

Genau das tut auch Melissa Broder in „Fische“: Sie träumt auf dem Weg über die Träume der Männer. Aber: Sie durchbricht diesen Traum. Darum ist „Fische“ ein feministischer Roman.

Die Protagonistin des Romans, Lucy, ist Ende 30, lebt in der Wüste in Phoenix, arbeitet eher nicht an ihrer Dissertation und ist nach dem Zerbrechen ihrer achtjährigen Beziehung am Boden zerstört – sie versucht nicht nur mehr oder weniger bewusst, sich umzubringen, sie bricht ihrem Ex auch die Nase und muss daraufhin eine Therapie machen. Ihre Schwester bietet ihr an, während einer Reise ihr Strandhaus und ihren Hund in Venice L.A. zu hüten und dabei eine Gruppentherapie zu besuchen. Lucy nimmt dieses Angebot an, besucht eher unregelmäßig ihre Therapiesitzungen, die sie abstoßend findet – der Roman ist hier eine Persiflage auf safe-space- und trigger-warning-Diskurse, allerdings ohne gehässig zu werden oder dem Anliegen dahinter letztendlich die Berechtigung abzusprechen –, und stürzt sich stattdessen in desaströse Tinder-Dates. Es geht ihr immer schlechter, bis sie am Strand Theo kennen lernt, der sich als Meermann mit Fischschwanz erweist, in den sie sich verliebt und von dem sie endlich so geliebt wird, wie sie es sich in ihren vorherigen Beziehungen gewünscht hatte. Wäre da nur nicht die Frage des zukünftigen Wohnortes: Lucy muss nach ein paar Wochen zurück in die Wüste, nach Phoenix, wohin Theo ihr nicht folgen kann; Theo dagegen möchte, dass Lucy mit ihm unter Wasser kommt, was ihren Tod bedeuten würde.

Theo ist also eine Frauenfantasie, eine Aneignung der Männerfantasie: Er ist zwar 40, sieht aber aus wie 21, ist emotional fast schon übermäßig einfühlsam und zu allem Überfluss noch wahnsinnig gut im Bett (oder eher: auf dem Felsen und auf dem Sofa, denn das Bett ist im 1. Stock und Treppen sind für einen Mann mit Fischschwanz doch ein Hindernis). Konzipiert ist er nach dem Vorbild von Andersens Märchen – er hat einen Fischschwanz – gleichzeitig ist er aber auch erotischer Verführer und Verderber – mehrfach greifen Theo und Lucy auf die Bezeichnung „Sirene“ zurück, am Ende steht sein Wunsch, Lucy im Wasser zu ertränken.

Theo könnte bloße Einbildung Lucys sein: Bevor sie ihn trifft, kündigt die Leiterin ihrer Therapiegruppe an, ihr „Männerentzug“ könne auch zu Halluzinationen führen, gegen Ende des Romans ist sie sich während dem Sex auf einem Felsen am Strand nicht sicher, ob ein Außenstehender sie mit einem Meermann sehen würde oder ob dieser Außenstehende nicht nur sehen würde, wie sie sich an einem Felsen reibt – Lucy ist eine unzuverlässige Erzählerin, und vielleicht gerade deshalb werden hier völlig surreale Geschehnisse als plausible Realität erzählt.

Tatsächlich füllt Theo genau die „Leere“, die Lucy immer wieder in sich zu tragen betont und die sie nur durch einen Mann zu füllen können meint, weswegen sie sich immer wieder verzweifelt in neue Dates stürzt, die in Enttäuschungen enden: Lucy ist zunächst über weite Strecken des Romans keine feministische Figur, sondern eine sich selbst extrem über ihre Wirkung auf Männer definierende. Zunächst.

Melissa Broder kennt die psychoanalytische Deutung der Figur der Meerjungfrau: So hat Freud in „Das Motiv der Kästchenwahl“ (vgl. dazu auch: Andreas Kraß: Meerjungfrauen, S. 30-37) über die häufig fatale Verbindung von Mann und Fee im Märchen geschrieben, die das Prinzip der symbolischen Substitution, der Wunschverkehrung zum Ausdruck bringt: Der Mann möchte das Leben wählen und verbindet sich mit einer Frau, die mutmaßlich für das Leben steht in ihrer Jugend und Schönheit, die sich aber als Verderberin erweist. Lebens- und Todeswunsch schlagen wechselseitig ineinander über, das eine erweist sich als das andere.

Dieselbe Wunschverkehrung vollzieht sich in „Fische“: Lucy verbindet sich mit einem jungen, überaus attraktiven Meermann, der ihre innere Leere kennt und scheinbar füllt, der ihr über ihre Depression hinweg hilft, und der doch für den Tod steht. Immer wieder ist nicht nur von einer tiefen Traurigkeit die Rede, die Theo mit sich bringt und auf Lucy überträgt, letztendlich will er ihren Selbstmord, ihren Tod im Meer, und bei dem ersten Oralsex, den Theo und Lucy auf dem Felsen am Strand haben, geht Lucys Lachen kurz vor dem Orgasmus in eine „kalte, todernste Finsternis“ (S. 184) über. Eros und Thanatos sind verbunden, schlagen ineinander um: Lucy meint, ihrem Lebenstrieb zu folgen, einen Partner gefunden zu haben, mit dem sie leben kann – und wenn auch nur nachts auf einem Felsen – und hat doch einen Partner gefunden, der für den Tod, für ihren Todestrieb, ihre Depression steht. Gerade am Ende des Romans ist man sich eben nicht mehr sicher, ob Theo nicht nur eine von Lucy imaginierte Figur ist, ob er nicht eine Personifikation ihrer Depression ist, die sie in den Suizid treiben will.

Der Roman arbeitet noch zentraler mit der Theorie der „Archetypen“ von C. G. Jung – ein Plakat mit diesen Archetypen hängt auch in dem Raum, in dem Lucys Gruppentherapie stattfindet, diese Spur legt also Broder explizit in ihren Roman. Sirenen und die Figur der Loreley gehören nach C. G. Jung zum Archetyp Animus/Anima. Animus/Anima sind die zwei wichtigsten im kollektiven Unbewussten angelegten Strukturen menschlicher Imagination und Emotion – Männer personifizieren in Anima (Beispiele sind eben u.a.: Sirene, Loreley, Fausts Gretchen) ihre weiblichen Seelenanteile, ihr Urbild von der Frau an sich, Frauen verfahren spiegelverkehrt mit Animus.

Und Theo kann durchgehend als Lucys Animus verstanden werden: Er erfüllt ihren Wunsch danach, begehrt zu werden, einer anderen Person alles zu bedeuten – ein Wunsch, den Lucy selbst auf den frühen Tod ihrer Mutter und also auf ein Kindheitstrauma zurückführt. Auch hierin zeigt sich, wie stark der Roman psychoanalytisch inspiriert ist: Das grundsätzliche Problem der Protagonistin wird biografisch aus ihrer Kindheit heraus erklärt – und genau das würde ich tatsächlich auch, so konsequent das im Romanganzen ist, in gewisser Weise als Schwäche des Romans sehen: Dass er den Grund für die Probleme der Protagonistin in ihr selbst und ihrem privaten Umfeld, nicht so sehr in der Gesellschaft, dort herrschenden normativen Vorstellungen von Liebe und zwischenmenschlicher Interaktion, sucht. Aber wie geschrieben, ist das in der Anlage des Romans schon richtig so, auch wenn ich es zu kurz gedacht finde.

Theo erfüllt nun also Lucys Wunsch danach, begehrt zu werden, gleichzeitig ist er einfühlsam und er verkehrt die Rolleneinteilung, die Lucy sonst in ihren Beziehungen kennengelernt hat: Schon zu Anfang des Romans bezeichnet sie es als typisch männlich, Macht über den Partner zu haben, vor allem deswegen, weil es immer der Mann ist, der irgendwann geht, von dessen Begehren sie abhängig ist. Bei Theo ist dies nun anders: Er ist nicht nur in mehrfacher Hinsicht verletzlicher als sie, emotional aber an Land auch körperlich aufgrund seines Fischschwanzes, in diesem Fall ist es vor allem aber sie, die ihn verlassen wird, dies auch weiß und vor ihm verheimlicht. Lucy weiß, dass sie nur auf Zeit in Venice L.A. lebt und früher oder später nach Phoenix zurück muss, sie ist die, die ihn verlassen wird, und nimmt damit die männliche Rolle ein, die sie sonst nie in Beziehungen inne hatte.

Theo ist noch aufgrund zahlreicher anderer Merkmale als Figur mit klar weiblichen Eigenschaften konzipiert: Er riecht aufgrund seines Fischschwanzes „ein bisschen nach Muschi“ und Lucy nimmt seinen Fischschwanz, obwohl er „phallisch geformt war […] als weiblich wahr“ (S. 191). Entsprechend will Lucy ihn „wie eine Frau berühren“ (S. 192) und sie stellt beim Oralsex fest: „Sein Sperma in meinem Mund schmeckte nicht bitter wie bei manchen Männern, aber auch nicht süß. Der Geschmack war eher weiblich.“ (S. 207). Lucys weiblichen Geschlechtsorgane verwandeln sich zu männlichen, ihre Vagina „existierte wie ein zweiter Penis“, während Theo „Verlangen und Hingabe“, klassisch weibliche Muster, ausstrahlt (S. 229). Theo entstammt dem Meer, motivgeschichtlich das Symbol für Werden und Vergehen, und an einer Stelle verschwindet er im Meer und sieht dabei aus, „als tauchte er in eine riesige Vagina ab“ (S. 349). Theo ist das Gegenstück zu Lucy, die aus der Wüste kommt, Lucy vergleicht Theo mit dem Meeresgott Poseidon und sich mit der Erdgöttin Demeter (S. 207f.); der Felsen ist die Zwischenwelt, die Grenze zwischen ihnen. Theo, seinem Namen nach göttlich (vom Griechischen „theos“ = Gott; mehrfach wird Theo zudem mit „Dunkelheit“ assoziiert, S. 223-225, 240), ist das Spiegelbild zu Lucy (die Nähe zu „Luzifer“ liegt auf der Hand, vom lateinischen „lux“ = Licht abgeleitet), er ist ihr Animus.

Entsprechend sind sie, sobald sie Sex haben, eine Einheit, zwei Seiten einer Medaille, Lucy vergleicht sie mit Yin und Yang/Licht und Dunkel (S. 214, 245) und Zwillingen (S. 275): ihre Liebe fühlt sich an wie „eins sein miteinander“ (S. 208), er ist „ein Spiegel“ (S. 229) von ihr, sie fragt sich „Wer bist du? Bist du ich?“ (S. 240), und kommt zu der Erkenntnis: „Ich war Mann und Frau zugleich. Theo und ich, war waren zwei Seiten derselben Münze.“ (S. 275).

Und indem Theo das Gegenstück zu Lucy darstellt, ihren männlichen Mythos, ermöglicht er ihr, andere (männliche wie weibliche) Verhaltensweisen auszuprobieren und sich zu wandeln.

Melissa Broder hat also in „Fische“ unter bemerkenswertem Einbezug psychoanalytischer Theorie eine Männerfantasie zur Frauenfantasie umgedreht, sich einen von Männern erschaffenen Mythos weiblich angeeignet. Auch in dieser Mahrtenehe gibt es ein Tabu – Theo ermahnt Lucy mehrfach, sie dürfe niemandem von ihm erzählen. Wie oben schon geschrieben wurden in den romantischen Erzählungen von Meerjungfrauen zeitgeschichtliche Problemlagen von Männern durchgespielt, die sich zwischen dem romantischen Ideal echter Liebe und der bürgerlichen Ordnung einer standesgemäßen Ehe entscheiden mussten. Folglich finden sind in diesen Erzählungen häufig Dreiecks-Beziehungen: Der Mann steht zwischen eine Wasserfrau und einer bürgerlichen Frau.

Auch das überträgt Broder auf eine weibliche Figur und auf die Gegenwart: Lucy steht zwischen ihrem Ex-Freund Jamie bzw. der Möglichkeit, zu menschlichen Männern eine „achtsame“ Beziehung zu führen und Theo, einem Meermann. Auch sie steht zwischen bürgerlicher Ordnung und Begehren: Entsprechend überlegt sie durchaus, wie eine Obdachlose am Strand zu leben, also die bürgerliche Ordnung zu verlassen, um mit Theo zusammenzuleben. Im Rahmen der Sitzungen ihrer Therapiegruppe und der aus ihr resultierenden Freundschaften zu anderen Frauen wird zudem der Gegensatz zwischen wahnsinnigem Begehren und gesunder, „achtsamer“ Beziehung diskutiert.

Daneben gibt es eine zweite Dreiecksbeziehung: Lucy steht auch zwischen Theo, der erotische Fantasieliebe verkörpert, und Dominic, dem Hund ihrer Schwester, der reine Liebe verkörpert (S. 326f.). Entsprechend stellt ihre Therapeutin ihr die Frage, ob sie wirklich Liebe oder nur Begehren sucht – eine Frage, auf die Lucy keine Antwort weiß, weil sie sich diese Frage nie gestellt hat. Lucy steht also auch zwischen unterschiedlichen Verständnisweisen von Liebe, allerdings schlägt hier durch, was ich oben schon bemängelt habe: Aufgrund der stark psychoanalytischen Ausrichtung des Romans werden gesellschaftliche Konventionen und also auch gesellschaftliche Vorstellungen von „Liebe“ zu wenig genau reflektiert, weswegen der Roman hier zu keiner wirklich greifbaren Analyse kommt. Interessant ist aber dennoch, wie das alte romantische Modell der Dreiecksbeziehung hier gewendet wird.

Broder dreht den alten Mythos der Sirenen auch dahingehend um, dass Theo zu Lucys Muse wird: Die antiken Sirenen stammen von den Musen ab, klassischerweise Frauenfiguren, die in der Regel – abgesehen von etwa der im Roman eine zentrale Rolle spielenden Sappho – männliche Künstler inspirierten. Theo, der immer wieder mit Sirenen assoziiert wird, inspiriert nun Lucy, ihre Doktorarbeit über Sappho endlich zu schreiben, wobei diese dann aber eben keinen wissenschaftlichen Text mehr, sondern einen literarischen und also Kunst verfasst.

[Jetzt folgen ein paar Spoiler, Obacht]

Melissa Broder eignet sich damit nicht nur eine durchaus nahezu pornographische Art, über Sex zu schreiben, an, die man in den letzten Jahren vielleicht vor allem von Houellebecq so kennt, sondern gleich einen ganzen von Männern erschaffenen Mythos von Weiblichkeit – und dreht ihm um. Noch könnte man ihr allerdings vorwerfen, dass das nicht feministisch sei, weil sie eben, wie oben zitiert, lediglich auf dem Weg der Träume von Männern träumt. Tatsächlich geht Broder aber einen Schritt weiter, indem sie genau diesen Traum durchbricht: Lucy entscheidet sich gegen Theo und gegen den Selbstmord, sie folgt ihm nicht ins Meer. Stattdessen entscheidet sie sich dafür, für ihre Schwester und ihre Freundinnen, die sie in der Therapiegruppe kennengelernt hat, da zu sein, sie entscheidet sich für die „schwesterliche Liebe“ (S. 341), die sie ihre Gruppe gelehrt hat. Am Ende des Romans ist Lucy eben keine von Männern abhängige, sich über männliche Liebe definierende Figur mehr, sondern sie entscheidet sich für weibliche Solidarität und eine dritte Form der Liebe, die „schwesterliche“ oder auch mütterliche Liebe. Dies kann auch damit zu tun haben, dass der Roman zumindest die Möglichkeit, dass Lucy schwanger sein könnte, andeutet.

„Fische“ von Melissa Broder ist also tatsächlich ein feministischer Roman. Nicht so deutlich wie „Undine geht“ von Ingeborg Bachmann, eine Erzählung, in der die Nymphe Undine sich gegen Männer und sich diesen unterordnende Frauen gleichermaßen wendet, aber doch mit derselben Schlussfolgerung wie diese dreht sie den weiblichen Mythos um und fordert weibliche Solidarität statt der Unterordnung unter von Männern gemachte Strukturen.

[Spoiler Ende]

In diesem – sehr gut von Eva Bonné übersetzten – Roman steckt viel mehr motivliche und motivgeschichtliche Arbeit, als man vielleicht meinen möchte, wenn man ihn liest, ohne die Motivgeschichte und psychoanalytische Theorie zu kennen. Bedauerlicherweise ist „Fische“ von Melissa Broder damit einer Gefahr ausgesetzt, der gut und leicht geschriebene Romane von Frauen immer schnell ausgesetzt sind: Dass er deswegen, weil er witzig und gut erzählt ist, sich zudem mit Weiblichkeit und vor allem weiblicher Sexualität – durchaus in gewisser Kontinuität zu George Sand – auseinandersetzt, als Unterhaltungsroman für Frauen und nicht als ernst zu nehmende Literatur wahrgenommen wird. Dabei könnte jedes literaturwissenschaftliche Seminar ganz gut ein paar Seminarsitzungen mit der Interpretation dieses Romans verbringen.

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