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Verlassen und Fallen – Über Ali Smiths Roman „Herbst“

von Martina Kübler

Hier ist eine alte Geschichte, so neu, dass sie sich gerade erst zuträgt, sich in diesem Moment fortschreibt, ohne zu wissen, wohin und zu welchem Ende. Ein alter Mann schläft in einem Bett in einer Pflegeeinrichtung, in Rückenlage, der Kopf von einem Kissen gestützt. Sein Herz schlägt, und das Blut strömt durch seinen Körper, er atmet ein und aus, schläft und ist wach und ist nichts als ein abgerissenes Blatt auf einem fließenden Bach, grüne Adern und Blattgewebe, Wasser und Strömung, Daniel Gluck wirft seine Sinne ab, seine Zunge ein breites grünes Blatt, Blätter sprießen aus seinen Augenhöhlen, Blätter höckern (sehr gutes Wort dafür) aus seinen Ohren, Laub rankt sich durch seine Nasenhöhlen und heraus und herum, bis er ganz in Laub gehüllt ist, Blatthaut, erleichtert.
(Ali Smith: Herbst)

Große Werke der Literatur tragen den Schlüssel für ihre Lektüre bereits in sich, der Text selbst gibt Hinweise darauf, wie er gelesen, wie er verstanden werden möchte. Der Roman Herbst der schottischen Autorin Ali Smith, der als Autumn bereits 2016 auf Englisch und im Oktober 2019 endlich bei Luchterhand auf Deutsch erschienen ist, gibt der Leserin gleich mehrere solcher Schlüssel an die Hand, einen dicken Schlüsselbund, mit dessen Hilfe man sich dem schlanken Büchlein nähern soll.

Leaves/Blätter

Ein solcher Schlüssel findet sich etwa, wenn Smith eines der vielen kurzen Kapitel im letzten Drittel des Buches mit „Hier ist eine alte Geschichte, so neu, dass sie sich gerade erst zuträgt“ beginnt. Obwohl dieser Satz wie ein typischer Romananfang daherkommt, fällt er bei Smith erst spät. Sie eröffnet die Geschichte von der Freundschaft zwischen dem 101-jährigen Daniel Gluck und der Mittdreißigerin Elisabeth Demand lieber in medias res mit einem Traum, den Daniel auf seinem Sterbebett träumt, und der einsetzt, als er nackt an einem einsamen Strand angespült wird. Verschämt flieht der träumende Daniel ins Gebüsch, wo er sich ein Kleid aus Blättern fertigt, um seine Nacktheit zu verbergen – der gleiche Daniel, der währenddessen sterbend im Bett liegt und dabei wie ein zerrissenes Herbstblatt aussieht, das auf dem Wasser treibt, dessen Zunge einem grünen Blatt gleicht, und aus dessen Augenhöhlen, Ohren und Nasenlöchern ebensolche Blätter quellen.

Blätter finden sich an vielen Stellen von Smiths Roman wieder; ein Motiv, das sich leicht mit dem Romantitel Herbst in Verbindung bringen lässt. Herbst ist das erste Buch in Smiths Romanquartett, dessen Nachfolger Winter und Spring auf Englisch bereits erschienen sind. Der letzte Teil Summer folgt voraussichtlich im Sommer 2020. Ganz so einfach wie die Gleichsetzung der Blätter mit der Jahreszeit Herbst bleibt Smiths Bildsprache jedoch nicht, denn sonst würde Smith, die bereits zweimal für den renommieren Man Booker Prize nominiert war, in ihrer Heimat Großbritannien wohl kaum als „Scotland’s Nobel laureate-in-waiting“, als Anwärterin auf den Nobelpreis, gehandelt. Den Blättern kommt eine ganz andere Bedeutung zu, wenn man einen Blick in das englische Original wirft und bedenkt, dass die Geschichte im Herbst 2016 in England spielt. Es handelt sich also genau um jenen Herbst, der auf den verhängnisvollen Sommer folgte, in dem Großbritannien über Austritt aus oder Verbleib in der Europäischen Union entschied.

Leave/Verlassen

„Vote leave!“ hieß es im Vorfeld des Referendums auf Schildern und Bannern im ganzen Vereinigten Königreich. Die „Leavers“ lieferten sich Schlagabtäusche mit den „Remainers“. Am Ende stand die Entscheidung fest: „We’re leaving the EU“, sagten die Briten, und dieses Verlassen wird in Smiths literarischer Sprache durch den Gleichklang mit den „Blättern“—leaves—fest mit der Jahreszeit Herbst verknüpft, ein Schlüssel für den Zugang zu ihrem Roman, der sich also, so gut die Übersetzung auch sein mag, nur im englischen Original offenbart. Hier lautet die eingangs bereits zitierte Passage des im Hospizbett liegenden Daniels nämlich:

[H]e’s nothing but a torn leaf scrap on the surface of a running brook, green veins and leaf-stuff, water and current, Daniel Gluck taking leaf of his senses at last, his tongue a broad green leaf, leaves growing through the sockets of his eyes, leaves thrustling (very good word for it) out of his ears, leaves tendrilling down through the caves of his nostrils and out and round till he’s swathed in foliage, leafskin, relief.

Der Gleichklang der Worte „leave“, „leaving“, „leaf“, „leaves“ und „relief“ begleitet den Roman wie eine Hintergrundmelodie. Herbst gilt als der erste Brexit-Roman überhaupt, denn Smith schrieb und veröffentlichte ihn nach dem Referendum im Juni noch innerhalb des Jahres 2016. „It’s the never-ending leaf-fall“ heißt es im Text weiter, und spätestens mit diesem Fallen paart sich die Untergangsstimmung und die Hoffnungslosigkeit des britischen EU-Austritts mit dem Herbst als Jahreszeit des Fallens der Blätter, des Sterbens, des sich vermeintlich anbahnenden Todes.

Diese politische Stimmung in Großbritannien nach dem Brexit-Referendum kommentiert Smith in einigen Passagen mit großer Offenheit. „It was the worst of times, it was the worst of times“, lässt sie ihre Geschichte beginnen und stimmt damit nicht nur eine fatalistische Grundstimmung an, sondern rekurriert noch dazu auf den Anfang eines der bekanntesten britischen Romane überhaupt. Charles Dickens‘ A Tale of Two Cities, der mit „it was the best of times, it was the worst of times” beginnt, spielt vor und während der Französischen Revolution, eine Zeit des Aufruhrs und der kulturellen Zerrissenheit also. Smith stellt für die heutige Zeit eine ähnliche Diagnose: „All across the country, people felt it was the wrong thing. All across the country, people felt it was the right thing.”

Vordergründig ist Herbst allerdings kein politischer Roman; der Brexit steckt im Detail. Vorrangig erzählt Herbst von der Freundschaft zwischen Daniel und Elisabeth, eine Freundschaft, die Generationen übergreift. Als junges Mädchen freundet sich Elisabeth mit dem alten Nachbarn an, der ihr schon bald in sokratischen Dialogen das aufmerksame Lesen, das Denken und Sich-Wundern beibringt. Seine erste Frage lautet stets „Was liest du gerade?“. Daniel, der knappe siebzig Jahre älter ist als Elisabeth, hat nie verlernt, die Welt mit den neugierigen Augen eines Kindes zu sehen.

Als die Geschichte einsetzt, liegt der 101 Jahre alte Daniel bereits bewusstlos in einem Hospiz, wo Elisabeth ihn regelmäßig zum Vorlesen besucht. Smith erzählt die Geschichte der beiden in mal kürzeren, mal längeren Rückblenden, die sich, da nicht chronologisch angeordnet, eher lose zu einem großen Ganzen, einer Art virtuoser Collage zusammenfügen. So erfährt die Leserin im Laufe der Geschichte nicht nur Einiges aus dem Leben, Träumen und Erinnern der Charaktere, sondern erlebt vielmehr eine Art psychedelisches Medley der britischen und gesamteuropäischen Geschichte. In Daniels Erinnerungen zum Beispiel gibt Smith Einblicke in dessen Erfahrungen mit dem Zweiten Weltkrieg, wohingegen die Kunsthistorikerin Elisabeth in einem anderen Handlungsstrang Werk und Schaffen der in Vergessenheit geratenen britischen Pop-Art-Künstlerin Pauline Boty (eine reale Figur!) wiederentdeckt. All das wird erzählt auf eine für Ali Smith typisch humorvolle und selbstironische Art, die etwa auch vor albernen Wortspielen nicht zurückschreckt und sich sogar beim Scherzen noch selbst aufs Korn nimmt: „Puns, the poor man’s currency“, heißt es, just nachdem ein ebensolcher Wortwitz gemacht wurde.

Relief/Erleichterung

Als Kind, so erfahren wir in einer weiteren Rückblende, hat Elisabeth einmal die Hausaufgabe, über einen ihrer Nachbarn ein „Porträt aus Wörtern“ zu schreiben, eine Aufgabe, für die sie den wundersamen Daniel auswählt. Mit Herbst präsentiert uns Ali Smith ein solches Wörterporträt und zeichnet damit ein vielschichtiges, leicht schrulliges, aber gleichermaßen liebenswürdiges Bild unserer britischen Nachbarn.

Leaves, vote leave, relief. Am Ende des Sterbens steht der Tod. Am Ende des Herbstes, wenn alle Blätter gefallen sind, erwartet die Leserin „relief“, also die Erlösung. Daniels Leben, dessen 101 Jahre die Höhen und Tiefen der europäischen Vision umspannen, ist am Ende des Romans jedoch wider Erwarten nicht zu Ende. „Relief“ steht hier also nicht für Erlösung, sondern für die Erleichterung, die eintritt, wenn Daniel im letzten Kapitel kurz aus seinem Schlaf erwacht, ein stattliches Mittagessen zu sich nimmt, und die Pflegekraft unverfroren anschwindelt, indem er nach seiner „Enkelin“ Elisabeth verlangt. Die Untergangsstimmung des Herbstes und die Hoffnungslosigkeit des Brexits schlagen um in eine Hoffnung darauf, dass Fremde erst zu Nachbarn, dann zu Freunden und schließlich zur Familie werden können. „Trotz Feuchte und Kälte”, heißt es am Schluss, “ist an einem Busch, der bereits abgeblüht aussieht, eine Rose weit geöffnet, noch. Sieh dir [ihre] Farbe an!”

 

Photo by Caleb S on Unsplash

Klausur

Eine literarische Erzählung von Kamala Dubrovnik in der Reihe 54stories

Hier kann man den Text auch hören

 

Todmüde liege ich im Halbdunkel und hoffe, dass die Nervenenden meiner Klitoris vielleicht irgendwann auch meine Synapsen entspannen. Nach dem achten Versuch lasse ich den Vibrator lustlos zwischen den Beinen liegen. Bin kurz eingenickt, vielleicht für ‘ne Stunde und jetzt beginnt zwischen meinen Lidern etwas zu kriechen. Ich schiebe sie auf wie die Lamellen einer Jalousie und sehe wie sich ein kleiner dunkler Fleck auf dem Bettlaken bewegt. Da ist eine! Drecksviech! Ich schlage zu und wische dann mit abgründig nach unten gezogenen Mundwinkeln den dunklen Schmierfleck vom Boden. Ich bin wirklich, wirklich müde. Eigentlich wollte ich, dass du vorbeikommst, bist wärmer als mein Bett und du vertreibst die unerträglich schlaflosen Naächte durch deine unerträglich nahe Gesellschaft. Ich ertrag dich eben nicht, das, was du sagst. Ich bin müde, ehrlich. Ich wüsste gar nicht, wo ich anfangen sollte dir meine Welt zu erklären und vor allem – will ich nicht. Ich glaub, ich beende es. Ist einfach zu anstrengend dieser Diplomatiemarathon. Ein Griff zum Handy und bevor ich darüber nachdenken kann, tippe ich “macht feminismus einsam” bei Google ein. Die ersten Ergebnisse lauten: 1. „Mein Feminismus hat mich beziehungsunfähig gemacht.“ 2. „Je feministischer desto unglücklicher.“ 3. „Diese Angst vor autarken Frauen nimmt bizarre Züge an.“ Wow. Warum kann da nicht stehen: 1. Der Feminismus stärkt Liebe auf Augenhöhe 2. Je feministischer, desto glücklicher 3. Mythos gelüftet. Männer haben gar keine Angst vor starken Frauen, sondern nur vor ihrem eigenen Versagen. Ach, Fuck jetzt fängt’s an zu jucken, eine hat mich erwischt. Ich werfe die Suchergebnisse aus dem Genderdungeon auf das gegenüberliegende Sofa und ganz langsam kriecht das Handy schüchtern blinkend unter meine Decke zurück. Meine Finger tippen auf dem Display herum und copy-pasten halbgare Floskeln aus den letzten Ichwilldichnichtmehrsehen-Situationen zusammen, die ihm hoffentlich verständlich machen, dass ich ihn nicht mehr sehen will. Irgendwas mit “Lieber Tim” und „passt nicht“, dann sowas wie „Distanz“ und „Alles Gute“. Gesendet.

Mein leeres Zimmer gähnt mich an und ich reiße meinen Mund weit auf und gähne zurück wie eine abgemagerte, stumme Löwin. Erschöpft und hechelnd liege ich im Schatten meiner Nachttischlampe, während ich gedanklich eine Rechnung an Tim adressiere – für emotionale Leistungen.
Ich will schlafen, ich will nicht mehr drüber reden. Wirklich nicht, ich kann einfach nicht mehr. Nein, ich hab doch gesagt ich bin müde… Mir fallen die geäderten Augen zu, Lider wie schwere Sandsäcke fallen staubig aufeinander. Und dann – kommt die Flut. Es fließt aus den Ecken und tropft von der Decke. Wellen von kleinen, dunkelbraunen Insekten schwappen an den Rand meiner Matratze, spülen über mich hinweg, decken mich zu wie ein dreckiges, braunes Laken, fließen wieder von mir herunter. Ein paar bleiben hängen, saugen sich an mir fest, dunkle Male auf meiner Haut.

Ich öffne die Augen und atme tief durch. Es kribbelt an meinem Fuß. Wenn es kribbelt kann es keine sein, die spürt man nämlich gar nicht, erst wenn sie beißen und es dann anfängt zu jucken. Jetzt kribbelt’s am Rücken…Scheiße. Schließe wieder die Augen, sehe rotes Licht und entzündete Nippel, fühle kochendes Blut, rieche Hormone, Gender Studies, Angstschweiß und spüre plötzlich alle Kerben brennen, die in meinen Stolz geschlagen wurden. Sehe Tim wie er mich irritiert anguckt, weil ich unrasierte Achseln habe und schlage die Augen auf.

Wenn ich meine Ruhe habe, heißt das ich bin alleine.

Nein, ich würde mich nicht als radikal bezeichnen. Nein, nein, keine Angst, ich bin keine von denen. Nein, ich hasse keine Männer, das hat ja auch gar nichts damit zu tun. Ja, wirklich. Ja, ich bin ja eine ganz andere Generation. Ja, total schwierig heutzutage. Ja, genau, gerade zwischenmenschlich. Doch, ich finde schon, dass man sich noch näher kommen kann. Es geht doch darum geschlechtliche Grenzen abzubauen, dann sind wir doch alle freier.

Mein Knöchel beginnt höllisch zu jucken, ich fühle ein, zwei, drei Stellen nebeneinander. Als ich mit den Fingern darüber streiche, schwellen sie an, werden heiß und rot. Ich atme durch die Zähne, kratze mich. Du? …Nein, du bist keiner von denen. Du bist weiß, zumindest mittelalt, und du hast nen Schwanz, aber du bist doch keiner von denen, ganz bestimmt nicht, wie käme ich denn darauf. Du bezahlst mein Bier, weil‘s sich so gehört, aber du bist keiner von denen. Du benutzt

“Bitch” als Schimpfwort, aber die Leute wissen ja wie du’s meinst. Du fragst dich, ob man jetzt noch flirten darf, weil es ja genau darum geht, aber du bist keiner von denen. Du guckst mir während wir darüber reden auf die Brüste, aber du bist garantiert keiner von denen. Ich weiß: Du bist was ganz besonderes.

„Sie müssen sich leider zusammen reißen und weiterhin dort schlafen.“ hat der Kammerjäger gesagt. “Die Wanzen werden von ihrer Körperwärme angelockt, ansonsten verkriechen sie sich so weit, dass wir sie gar nicht erwischen können.” Ich bin also ein Lebendköder, muss mich selber auslegen und nachher meine Stiche zählen. Ist das sein Ernst? Die Menschen können zum Mond fliegen, aber ich muss hier jeden Abend Dschungelprüfung machen, wenn ich mich schlafen lege? Der Weg des geringsten Widerstands, den ich nicht gewählt habe: Leg dich hin und lass dich stechen. Bleib reglos liegen, bis sie alle einmal rüber sind. Denk einfach an was Schönes.

Bullshit. Ich kann nichts vergessen, gar nichts. Ich kann nur tolerieren, während mich alles andere daran erinnert, wo mein Platz ist, wo ich hingehöre. Ich würde dir damit ja ständig auf deinen achsoheiligen Sack gehen, damit du es ebenfalls nicht vergisst, aber – ich bin einfach zu müde.

Ich seh’s in deinen Augen, ich bin in schwänzliche Ungnade gefallen. Du fängst an mich zu hassen. Alles, was du vorher stark und verwegen fandest, findest du jetzt – anstrengend. Das ist die Essenz der ganzen Sache. Anstrengend. Du findest es nicht natürlich oder notwendig sondern übertrieben, daher ist es so anstrengend.

Jetzt sagst du plötzlich, ich sei frustriert. Frustriert, frigide, ungefickt, misogyner Klimax. Das was mir nämlich eigentlich fehlt ist – Überraschung – ein Schwanz. Ein richtig dicker, der am Anfang wehtut, aber genau das ist, was ich brauche. Denn ohne ihn, nimmst du mich einfach nicht ernst. Du langweilst mich. Frag mich doch noch, ob ich meine Tage habe. Was ist? Traust du dich jetzt nicht mehr? Hm? Verdammt, dieses Jucken bringt mich um. Ich kratze mich leidenschaftlich am Fuß, während sich meine Augen nach innen rollen. Jetzt juckt es noch viel mehr. Und ich kann nichts dagegen tun. Dass du mich so siehst. Und ich konnte auch nichts tun, als wir beide uns letztens begegnet sind. Wir zwei, alte Bekannte, immer viel Sympathie gehabt und viel geschäkert. Ein freundschaftliches Augenzwinkern, das mir plötzlich zwischen die Beine fasst. Wie unangenehm, wenn du dich genau so daran erinnern würdest, wie ich es tue. Wie du mir ins Ohr geflüstert hast, dass ich dich lasziv angeschaut hätte. Glücklicherweise machst du das nur, wenn du betrunken bist, du merkst es dann kaum und ich denke stattdessen darüber nach, welche meiner Gesten als erotisch interpretiert hätten werden können. In deinen Augen bin ich ein notgeiles Stück, das hast du gedacht und ich hab’s gehört. Laut und deutlich. Und ich kann nichts dagegen tun, dass du mich so siehst. Nichts.

Bin nicht Mutter, bin nicht Mädchen, ich bin ledig. Mit Schlampenpotential. Die Haut an meinem Fuß ist offen, blutet ein bisschen, ich kann jetzt nicht mehr kratzen. Ich könnte dir auch all das sagen, es würde sich nichts ändern. Ich könnte deine Hand von meiner Hüfte nehmen, es würde sich nichts ändern. Ich könnte mir mit Edding Femen auf die Titten malen und dich anschreien, du würdest mich ganz genau so anschauen. Als könnte ich dir nie gefährlich werden.

Ich richte mich auf, steif wie eine Spielzeugpuppe und fühl mich ähnlich seelenlos, drehe meinen angeschraubten Kopf und sehe wie eine fette, vollgesogene Bettwanze unter meinem Kopfkissen hervor krabbelt. Du entkommst mir nicht, du Miststück. Mit einem Kippenstummel, den ich schnell aus dem Ascher fischen kann, quetsche ich das Blut, mein Blut, aus ihr heraus, und zerdrücke ihren kleinen Körper vor mir auf dem Fußboden. Ich bin angewidert. Von allem, von diesem winzigen, verwanzten Zimmer, von mir, die ich hier übernachten muss, von mir, die so müde ist, zu müde ist, um weiter zu sprechen, angewidert von meiner Schwäche, davon, dass mein Kampfgeist gebrochen scheint, weil ich nicht die Kraft besitze jeden Tag aufs Neue den “Dialog zu öffnen”, angewidert von meinem eigenen Schweigen, kann fühlen, wie ich mich selbst in die stumme Masse einfleische, meine Faust zur Hand wird und ich beinah untergehe. Beinah. Kämpfe gegen Windmühlen aus schlackernden Vorhäuten und ProLifeChristinnen. Bin so angewidert und bleibe einfach liegen.

Danke, mir geht’s gut, ehrlich. Ja, ich schaff das schon. Bestimmt. Ja, wirklich. Obwohl sie sich jede Nacht an mir festsaugen, sich von mir ernähren, von meinem Körper, meinen Brüsten, meinen Armen, Beinen, meinem Bauch und meinen Händen, geht es mir gut. Sie saugen mein Blut und verdauen es zu Überheblichkeit und Arroganz, reiben sich an mir ab, pissen überall hin, markieren ihr Revier.

Legen sich wie grausame Liebhaber jede Nacht unbemerkt in mein Bett. Tagsüber findet man sie nicht, seh’ ich sie nicht, existieren sie nicht. Hab sie eingeschleppt, hat jemand eingeschleppt, verstecken sich in Koffern, Taschen, alten Büchern, schämen sich vielleicht, legen ihre Eier zwischen die Zeilen, schlüpfen irgendwann, ganz unbemerkt.

Was, wenn ich nie wieder wirklich schlafen kann und deswegen nie wieder wirklich wach werde. Nicht mehr weiter machen kann. Wenn ich wirklich ernsthaft resigniere und dann im Petticoat und mit einem angeschminkten Lächeln in der Küche stehen muss like it’s 1955. Ja, ich weiß, aber es fühlt sich genauso an.

Tim schreibt: „Ich hab mir schon gedacht, dass du ‘ne miese Fotze bist, die einfach nur…“ Das Display wird wieder dunkel. Jaja, ist schon okay, war mein Fehler, dich nicht sofort zu blockieren.
Das Gefühl der Bestätigung drehe ich in eine dünne Zigarette und mit dem Schnippen des Feuerzeugs ist es vorbei. Ich puste den heißen Rauch in die Luft, ganz langsam und sehe dabei zu, wie sich die dichteren Wolken schnell auflösen und im gemütlichen Licht nur ein schlechter, kalter Geruch zurückbleibt. Ich weigere mich unsichtbar zu werden, mich zu verstecken, zu tarnen, parasitär zu leben, und ich weigere mich heimlich zu trauern, heimlich zu ficken und heimlich wütend zu sein. Heimlich wird vergessen. Versteckt wird übergangen. Nicht sichtbar ist nicht existent. Dann lasse ich lieber meine Achselhaare zum Fenster rauswachsen, damit alle Tims dieser Welt sie sehen und mich nicht vergessen, auch wenn ich dann „die verrückte Alte“ bin. Ich drücke auf den Einschaltknopf des Vibrators. Neuer Versuch. Einmal lange gedrückt halten und dann presse ich ihn zwischen meine Beine. Angestrengt beiße ich für Sekunden die Zähne zusammen, das Ding stottert wie ein kaputtes Auto und gibt dann endlich den Geist auf. Klar. Resigniert falle ich in die Kissen zurück und gebe auf. Es ist so weit. Ich bewege mich jetzt nicht mehr und mein Mund bleibt geschlossen bis die Erschöpfung mich hoffentlich irgendwann übermannt. In der einen Hand ein kaputter Vibrator, in der anderen eine eingerollte Zeitung zur Verteidigung liege ich da wie ein Unfallopfer. Ein verdrehter Körper, der aus dem zehnten Stock gefallen ist, und aus irgendwelchen Gründen überlebt hat. Zum Glück.

Kamala Dubrovnik ist die Hedonistin der Herzen, die Smooth Operator der Literaturszene, die Matriarchin musischer Ausschweifung. Sie ist Autorin, Sprecherin, Musikerin und Künstlerin und beschäftigt sich mit den essentiellen Themen des Lebens: Sex, Tod, Politik. 

www.kamaladubrovnik.com

Soundcloudlink zur Lesung des Textes

[Kolumne] Blickpolitik: Flaneur rempelt Phoneur

Zombies, unheimliche Wiedergänger ohne Persönlichkeit oder Seele, treffen auf Smartphones und heraus kommt das Kofferwort „Smombies“, das nun unbeaufsichtigt durch den Diskurs geistern darf. Der Begriff für Menschen, die sich in ihrem Smartphone versenken und ihre Umwelt gar nicht oder kaum noch wahrnehmen, machte eine rasche Karriere und wurde 2015 sogar mit dem Titel des „Jugendworts des Jahres” gekrönt, und das, obwohl es kaum Nachweise über eine tatsächliche Verwendung des Wortes gab. Aber wer kann schon einem smarten Jugendwort widerstehen, das so schön die (eigene) Technikskepsis zusammenfasst.

In ihr Telefon vertiefte Menschen werden seit einiger Zeit  als Ärgernis wahrgenommen; davon zeugen die ironischerweise regelmäßig in den sozialen Medien verbreiteten Posts von Gastronomiebetrieben, die Smartphoneverbote aussprechen oder stolz verkünden kein W-Lan zur Verfügung zu stellen. Und selbstverständlich findet sich diese Form von Kritik, die  schnell in einen Schwanengesang auf das Echte, Reale und Authentische, die zwischenmenschliche Interaktion und die gute alte Zeit ausarten kann, auch in den etablierten Medien.

Ein aktuelles Beispiel liefert ein Kommentar des Medien- und Literaturwissenschaftlers Roberto Simanowski im DLF Kultur, dort schreibt er: „Also stört uns die Ignoranz des Smartphone-Zombies – oder kurz: Smombies – nicht nur uns, sondern auch dem Raum gegenüber. Und mit dem Raum entwerten sie zugleich dessen Geschichte und Gegenwart, die präsent ist in der Häuserstruktur, den abgetretenen Treppenstufen, dem Denkmal im Park. Das alles geht ebenso verloren wie die Menschen vor Ort. Kein Blick für die Jugendlichen an der Ecke und die Trinker im Park. Kein Blick für die alte Frau mit dem Baguette oder das kleine Mädchen mit dem großen Hund. Aber damit nicht genug. Das Smartphone lenkt nicht nur ab vom Raum, es ändert auch den Blick auf diesen.“

Natürlich möchte man direkt zurückfragen, ob Herr Simanowski schon mal eine halbe Stunde auf Instagram verbracht hat, wo Bilder der von ihm beschriebenen spezifischen Form von Lokalkolorit, Perspektiven auf interessanten Ecken im öffentlichen Raum und eine beinahe fetischisierte Verfallsästhetik zahlreiche der geposteten Bilder prägen – fotografiert von den vielfach kritisierten Smombies, die angeblich ihre Umwelt nicht mehr wahrnehmen.

Simanowski vertritt in seinem Text, wie auch in einem sehr ähnlichen Vorläufertext in der NZZ von 2017 (Kulturkritik kann man eben auch drei Jahre später noch aus dem Gefrierfach nehmen), eine Flanierästhetik alter Schule, die allzu oft andere Menschen im öffentlichen Raum zur Kulisse reduziert. Der Flaneur ist historisch betrachtet eine männliche Figur, und  es ist daher auch durchaus bezeichnend, wer in Simanowskis Text angeschaut wird: Jugendliche, Trinker, Kinder und Frauen.

Wem gehört der öffentliche Raum? Wer fühlt sich dort sicher und willkommen? Für wen werden öffentliche Plätze und Straßen geplant und wer ist ein öffentliches Ärgernis? All diese Fragen treiben nicht nur Stadtplaner*innen und Geograph*innen um, sondern werden auf immer wieder neue Art und Weise auch in der Literatur verhandelt. Der Blick auf die räumlichen Verhältnisse in literarischen Texten, auf Raumkonzepte als zentralen Vorstellungsbildern von Kulturen und auch auf die Machtdimensionen, die unseren Vorstellungen von Raum immer eingeschrieben sind, ist mittlerweile zu einem Kernthema der Kultur- und Literaturwissenschaften geworden und auch in der Literaturkritik angekommen.

Raum in literarischen Texten kann eine Bühne für die Figur sein, kann Heimat und Geborgenheit oder Abenteuer und Eroberung bedeuten, kann distanziert beobachtet oder halsbrecherisch durchdrungen werden. Figuren können von Machtverhältnissen, die sich räumlich abbilden unterdrückt oder ermächtigt werden, aber zu dem Raum, in dem sie erzählt werden, müssen sich die Figuren immer irgendwie verhalten. Literatur steht immer in einem Verhältnis zur Gegenwart der Schreibenden, unterläuft Wahrnehmungsmuster und soziale Ordnungen oder affirmiert diese. So setzen sich beispielsweise zahlreiche Texte der Anthologie FLEXEN. Flaneusen* schreiben Städte, die 2019 im Verbrecher Verlag erschienen ist, mit dem öffentlichen Raum auseinander, eignen sich die traditionell Männern vorbehaltene Sozialfigur des Flaneurs an und erobern den Raum aus einer eigenen Perspektive. Dabei wird ein kulturell etabliertes Blickregime unterlaufen, das dem männlichen Flaneur die Rolle des betrachtenden Subjekts zuweist, der mit seinem Blick anderen Personen im öffentlichen Raum zu Objekten machen kann. Flanieren als feministische Praktik setzt also diesem männlichen Blickregime einen eigenen Blick entgegen, versucht Unsichtbares sichtbar zu machen und den eigenen Status in etablierten Blickregimes zu reflektieren.

In Zeiten der Digitalisierung aber hat sich die Rolle der Flaneure im öffentlichen Raum grundsätzlich verändert. Einerseits gibt es Theorien, die das Flanieren selbst in die Virtualität verlegen, also beispielsweise zielloses Surfen im Internet oder das Wandern in Computerspielen als neue Form des Flanierens bezeichnen, andererseits entstehen aus der allgegenwärtigen Verzahnung von virtuellem und realem Raum neue Fragen und Herausforderungen. Welche Rolle spielen Flaneure und Flaneusen in der Gegenwart zwischen Pokémon Go und Schrittzähler-Armbändern?

Robert Luke formuliert 2005 erstmalig den Begriff des Phoneurs für die flanierenden Menschen in sich überlappenden virtuellen und realen Räumen. Corinna Pape schreibt: „‘Strolling‘ lautet der englische Begriff für die Praxis des Flaneurs – ‘scrolling‘ nennen wir heute das Lesen auf digitalen Geräten. Ausgehend von der Annahme, das sich mobile Medientechnologien zunehmend in den urbanen Raum einschreiben, stellt sich die Frage: Wird der Flaneur heute zum ‘scrollenden‘ Spaziergänger, zum Phoneur, der sich ausgestattet mit mobiler Technologie ebenfalls in einer Zwischenwelt innerhalb des Stadtraums bewegt?“[1]

Der sich aktiv im realen Raum bewegende Phoneur, der diesen durch Verknüpfung mit dem sozialen Gefüge des virtuellen Raums mitgestaltet, steht im klaren Gegensatz zu dem von Simanowski kritisierten hirnlosen Smombie. Der öffentliche Raum gehört den Menschen, die sich dort aufhalten, ob sie mit gesteigerter Sensibilität nach Bildern für ihren Instagramfeed suchen, alltagsbeobachtend im Kopf Tweets formulieren, versuchen ihre 10000 täglichen Schritte zu erreichen, das ein oder andere Pokemon fangen, oder eben andere bei ihrem fluiden Wechsel zwischen Virtualität und Realität bewerten und beobachten.

Das Gerede von Smombies, die in ihr Smartphone starrend die Sinnlichkeit des öffentlichen Raums verpassen, ist eine reaktionäre Argumentationsfigur, die auch dem Zorn darüber zu verdanken ist, dass sich viele Menschen nicht mehr den etablierten Blickregimes unterwerfen, den Blick zurück verweigern und sich stattdessen teilweise in den virtuellen Raum zurückziehen. Damit werden etablierte Machtverhältnisse im öffentlichen Raum nicht mehr bestätigt, sondern ständig in Frage gestellt und das macht wütend. Simanowskis formuliert es in der NZZ vielleicht selbst am besten: „Ärgerlich ist, dass wir nicht infrage kommen, dass wir keine Rolle spielen, dass wir ignoriert werden.“ Seine Antwort auf diese Zumutung des Blickentzugs scheint übrigens zu sein, sich den Phoneuren mutig in den Weg zu stellen: „Diese Smartphone-Zombies sind keine Überbleibsel einer unbegrabenen Vergangenheit, sondern Vorboten einer Zukunft, der wir nicht entgehen können. Ihr Anblick gemahnt uns, dass wir die technische Entwicklung nicht aufhalten können. Wer wollte da nicht wenigstens den Boten dieser Entwicklung sich wacker in den Weg stellen?“ Hier rempelt dann der Flaneur alter Schule die Phoneure zurück in das alte Blickregime – zumindest für einen Augenblick.

[1] Corinna Pape: „Lernen findet Stadt. Der urbane Raum als transmedialer Spielplatz.“ In: Gerhard Chr. Buckow et. Al. (Hg.): Raum, Zeit, Medienbildung. Untersuchungen zu medialen Veränderungen unseres Verhältnisses zu Raum und Zeit. Wiesbaden, 2012. S. 155-172

 

Was man lesen kann – Frühjahrsempfehlungen von 54books

Wer einmal über eine der beiden großen Buchmessen Deutschlands in Leipzig und Frankfurt gelaufen ist, hat eine Ahnung davon bekommen, wie viele Bücher jedes Jahr im Frühjahr und in der Herbstsaison erscheinen. Niemand kann da den Überblick behalten, und warum auch? Von den rund 70 000 Büchern, die jährlich in Deutschland auf den Markt kommen, kann und will man nicht einmal einen Bruchteil lesen. Und selbst diejenigen, die man gerne lesen würde, wird man nicht alle innerhalb des Jahres lesen können. Es scheint ein schier unmögliches Unterfangen zu sein, eine Schneise der Empfehlungen in dieses Dickicht aus Neuerscheinungen zu schlagen.
Und dennoch, wir haben es versucht, uns durch eine Liste von 50 Verlagen mit über 500 Neuerscheinungen im Frühjahr 2020 gearbeitet und herausgesucht, was für uns interessant, nennenswert oder auch nur zumindest relevant erschien.

Wir präsentieren euch die 54books-Vorschau des ersten Halbjahres 2020

 

Sprache und SeinWie beeinflusst Sprache unser Denken? Welche normativen Überlegungen folgen aus dem, was wir darüber wissen? Und was hat das alles mit Feminismus zu tun, mit Emanzipation, mit Rassismus, mit Diskriminierung und Befreiung? In Sprache und Sein, einem erzählenden Sachbuch, geht Kübra Gümüşay, immer wieder mit autobiographischer Färbung, diesen Fragen nach.

(Kübra Gümüşay Sprache und Sein, Hanser Berlin, erscheint am 27. Januar 2020)

Der Verbrecher Verlag hat in den letzten Jahren für einige positive Sonne, Mond, ZinnÜberraschungen gesorgt und auch Alexandra Riedels Debüt Sonne Mond Zinn verspricht anhand des ersten Eindrucks der Leseprobe, ein guter Roman zu sein. Über den Inhalt selbst erfährt man nicht viel aus der Vorschau, aber die Haltung, mit der die Erzählfigur in einem lockeren Ton an ein Du gerichtet in den Roman einsteigt, lässt auf ein geschmeidig fließendes Erzählen hoffen.
(Alexandra Riedel Sonne Mond Zinn, Verbrecher, erscheint am 28. Januar 2020)

Der Titel des neuen Roman von Bov Bjerg bietet Raum für Interpretationen. Serpentinen handelt von einem Vater, der mit seinem Sohn auf die Suche nach der eigenen Vergangenheit geht. Beinahe metaphorisch, meint man, steht der sich schlängelnde Weg den Berg hinauf für die Reise in die Kindheit des Vaters. Düsterer als Bjergs Bestseller Auerhaus wirkt dieser Roman und der reduzierte, parataktische Stil der Leseprobe verspricht ein zurückgenommenes Erzählen über die Männer einer Familie.
(Bov Bjerg Serpentinen, Claassen, erscheint am 31. Januar 2020)

Tine Høeg Buchcoverhat mit ihrem ersten Roman Neue Reisende den Debütpreis einer Dänischen Buchmesse erhalten und eigentlich schreckt uns die Ankündigung erst ab, denn eine junge Lehrerin lernt auf dem Weg zum ersten Arbeitstag einen verheirateten Mann kennen und dann Affäre und dann Drama, schaut man aber in die Leseprobe, flattern einem die Sätze nur lose gesetzt um die Ohren und es könnte sein, dass das auf 200 Seiten ganz fürchterlich in die Hose geht oder ganz, ganz grandios ist.
(Tine Høeg Neue Reisende, aus dem Dänischen von Gerd Weinreich, Droschl, erscheint am 7. Februar 2020)

Es fällt schwer, sich das Buch Eisfuchs der kanadischen Autorin Tanya Coverbild Eisfuchs von Tanya Tagaq, ISBN 978-3-95614-353-3Tagaq nicht von der Ankündigung des Verlags verderben zu lassen, die nicht nur in der marktschreierischen Rhetorik dieser Texte ein „atemberaubendes Debüt“ ankündigt, sondern auch alle YA-Klischees abdeckt, die in den letzten Jahren bis zum Überdruss verbraten wurden: Kindliche Perspektive, bedrohliche Erwachsenenwelt, Magie, Füchse. Allerdings erreicht uns dieses Buch auch mit einer kurzen sehr positiven Notiz des New Yorker, die uns gespannt macht: “This mystical novel draws on the author’s life to tell the story of a young girl growing up in Nunavut in the nineteen-seventies, in an Inuit community that has experienced ‘government relocation, the shift into capitalism, and the moulting of the Shaman Skin.’” Wir sind optimistisch, und vertrauen in dieser Hinsicht dem New Yorker, der uns einen ernsten poetischen Text verspricht.
(Tanya Tagaq Eisfuchs, aus dem Englischen von Anke Caroline Bruger, Kunstmann, erscheint am 11. Februar 2020)

Interessant klingt allein schon der Titel von Valerie Fritschs Roman Die Herzklappen von Johnson & JohnsonHerzklappen von Johnson & Johnson und auch die Handlung von einem jungen Paar, das ein Kind bekommt, das keinen Schmerz empfinden kann, ist vielversprechend. Wie eine außerhalb der Zeit stehende Litanei ziehen die ersten Seiten dieses Romans die Leser*innen hinein. Dabei spannt die Autorin einen Bogen von den Erinnerungen der Großmutter der kleinen Alma bis in die Gegenwart des Kindes.
(Valerie Fritsch Die Herzklappen von Johnson & Johnson, Suhrkamp, erscheint am 17. Februar 2020)

Der Ruf nach mehr Zeitgeschichte in der Gegenwartsliteratur wird allzuoft mit Romanen beantwortet, die thesenhaft und aufgesetzt allerlei Talking Points zu literarischen Handlungen verrühren. Am Ende hat man dann Palast der Miserableneine Peinlichkeit wie Jenny Erpenbecks Gehen, ging, gegangen. Von Abbas Khiders neuem Roman Palast der Miserablen, der vom Leben einer Familie im Irak unter Saddam Hussein erzählt, versprechen wir uns im Gegenteil ein Buch, das den Horror der Geschichte nicht nur benutzt, um einen Leitartikel zu vertonen, sondern um echte Literatur zu schaffen. Die Ankündigung des Verlags, uns erwarte ein „persönlicher, höchst lebendiger Roman voll unvergesslicher Figuren“ klingt zwar einigermaßen bedrohlich, aber wir hoffen das Beste.
(Abbas Khider Palast der Miserablen, Hanser, erscheint am 17. Februar 2020)

Liest man durch das Programm von Blumenbar, drängt sich der Eindruck auf, die Voraussetzung in dieses aufgenommen zu werden sei eine Menge Instagram-Follower: Die Gedichte von Yrsa Daley-Ward lesen „im Internet Hunderttausende“ (@yrsadaleyward), Morgane Ortin hat gar aus ihrem https://i0.wp.com/www.aufbau-verlag.de/media/Upload/cover/9783351050795.jpg?resize=246%2C382&ssl=1Instagram Account einen Roman gezimmert (@amours_solitaires). Damit kann Mary Gaitskill nicht dienen, aber mit ihrem „Skandalbuch“ von 1988, dem Kurzgeschichtenband Bad Behavior, der ein Jahr später auf Deutsch erschien, aber nicht mehr lieferbar war. Ihre Geschichten drehen sich um Drogenmissbrauch, Prostitution und BDSM. Die englische Wikipedia fasst das knackig zusammen:
Gaitskill’s fiction is typically about female characters dealing with their own inner conflicts, and her subject matter matter-of-factly includes many “taboo” subjects such as prostitution, addiction, and sado-masochism.
(Quelle: Wikipedia, letzter Abruf 17.1.2020).
Obvious, warum das Buch aktuell ist und warum man sich das ruhig mal auf den Zettel schreiben darf.
(Mary Gaitskill Bad Behavior – Schlechter Umgang, aus dem Englischen von Nikolaus Hansen, Blumenbar, erscheint am 18. Februar 2020)

In einer Zeit, in der Ereignisse gemacht werden, um das Konstrukt einer politisierten Realität zu bestätigen, kann man nicht genug darüber lesen, wie die Medien funktionieren, und darüber, was guten und was schlechten Journalismus ausmacht. 2019 erschienen mit Ronan Farrows Catch and Kill und She Said von Jodi Kantor und Megan Twohey zwei Bücher über heroischen Journalismus und die sinistren Kräfte, die sich ihm entgegenstellen. Von den sinistren Kräften innerhalb des Journalismus erzählte Juan Morenos Tausend Zeilen Lügen. Nun veröffentlicht der Secession Verlag das Buch Breaking News. Das Ende des Journalismus und seine Zukunft von Alan Rusbridger, dem ehemaligen Guardian-Chefredakteur. Wir hoffen auf eine spannungs- und anekdotenreiche Geschichte und Analyse des Journalismus in den letzten Jahrzehnten.
(Alan Rusbridger Breaking News – Das Ende der Journalismus und seine Zukunft, aus dem Englischen von Joachim von Zeppelin, Secession, erscheint im Feburar 2020.)

Passend zur Poschardt-Monografie (siehe weiter unten) liefert der Heidelberger Geschichtsprofessor Edgar Wolfrum uns mit Der Aufsteiger, der „ersten historischen Gesamtdarstellung der Berliner Republik“ den Buchdeckel „978-3-608-98317-3Hintergrund. In den vergangenen Jahren ist klar geworden, dass Kämpfe um die Deutung der jüngsten Geschichte dieses Landes möglicherweise von größerer Bedeutung sind, als man es noch vor einem knappen Jahrzehnt hätte meinen können. Das Urteil eines seriösen Historikers dazu zu hören kann nicht schaden.
(Edgar Wolfrum Der Aufsteiger, Klett-Cotta, erscheint am 22. Februar 2020)

Wense, Hauptfigur und Namensgeber des Romans von Christian Schulteisz wird als „Universaldilettant“ angekündigt. Sowas bin ich ja auch – sind wir das nicht alle? Von allem ein bisschen, da und dort, reinschnuppern, ausprobieren, weglegen, vergessen.

[I]ch bin kein schriftsteller, kein literat, kein dichter, kein gelehrter, kein musicus, vielmehr nichts als ein mensch, d. h. philosoph, ein rebell!

Aus: Von Aas bis Zylinder. Werke. Das Briefwerk. Hrsg. Reiner Niehoff und Valeska Bertoncini. 2 Bde. Zweitausendeins, Frankfurt 2005.

Der Roman, soviel wird in der Vorschau zumindest verraten, beruht auf dem Leben Jürgen von der Wenses, aus dessen Leben und Werk der blauwerke Verlag auf Twitter postet. Der Wikipedia Eintrag von Wense ist uns zusammen mit dem Wort „Universaldilettant“ bereits Grund genug, diesen Roman auf dem Zettel zu haben.
(Christian Schulteisz Wense, Berenberg, erscheint am 25. Februar 2020)

Im Guardian wurde Saskia Vogels Roman Permission so beschrieben: „Permission is a story about grief, loneliness and sadomasochism.” Und mehr müssen wir eigentlich über dieses Buch gar nicht wissen, um es interessant zu finden. Außer vielleicht die Ankündigung, dass die Klischees von BDSM, die sich durch Heuler wie 50 Shades of Grey in unserer Kultur sedimentiert haben, konsequent unterlaufen werden.
(Saskia Vogel Permission, aus dem Englischen von Benjamin Dittmann, Secession, erscheint am 28. Februar 2020)

Die Fiktionalisierung von Biographien bleibt offenbar Trend. Das Mädchen mit der Leica ist Gerda Taro, eine in 1910 in Stuttgart geborene Fotografin, die 1937 im spanischen Bürgerkrieg starb. Mit 23 verließ Taro das nationalsozialistische Deutschland und ging ins Pariser Exil. Bei ihrer Das Mädchen mit der LeicaBeerdigung führten Pablo Neruda und Louis Aragon den Trauerzug an, ihr Grabmal schuf Giacometti. Dem Leben der ersten weiblichen Kriegsfotografin spürt Helena Janeczek nach, Aufhänger ist die (reale) Wiederentdeckung eines Koffers mit Negativen von Taro in Mexico.
(Helena Janeczek Das Mädchen mit der Leica, aus dem Italienischen von Verena von Koskull, Berlin Verlag, erscheint am 2. März 2020)

Der andere Roman dieses Frühjahrs, der mit dem Bild der Serpentinen im Titel spielt, ist Olivia Wenzels Debüt 1000 Serpentinen Angst. Hier 1000 Serpentinen Angstbekommt die Metapher aber noch einmal eine ganze andere Wucht. So atemlos wie der Titel es vermuten lässt, scheint sich auch die Handlung durch die Jahrzehnte der wiedervereinigten Bundesrepublik zu winden. Schon die Vorschau ruft einige wichtige Ereignisse der letzten Jahrzehnte auf und positioniert die Erzählerin dazu. Nach einigen Theaterstücken dürfte Wenzels vielversprechender Roman die Autorin auch auf anderen Feldern der Literatur bekannt machen.
(Olivia Wenzel 1000 Serpentinen Angst, S. Fischer, erscheint am 4. März 2020)

Im Dezember 2019 erschien ein Text in der ZEIT, der die 122 Morde an Frauen in Deutschland durch Männer und Lebensgefährten im Jahr 2018 in horrend effektiver Weise einfach aufzählte. Ebenfalls 2019 wurde Rachel Louise Snyders No Visible Bruises, eine Reportage über häusliche Gewalt, auf die Liste der besten Bücher des Jahres gesetzt. Gewalt gegen Frauen als epidemisches und allgegenwärtiges Phänomen ist – viel zu spät – zum Gegenstand einer öffentlichen Debatte geworden. 2020 veröffentlicht der Kunstmann Verlag nun Christina Clemms Akteneinsicht. Geschichte von Frauen und Gewalt. In der Coverbild AktenEinsicht von Christina Clemm, ISBN 978-3-95614-357-1Verlagsvorschau heißt es darüber: „Nach den neuesten Zahlen des BKA ist jede dritte Frau in Deutsch­land von physischer und/oder sexualisierter Gewalt betroffen. Welche Lebensgeschichten sich hinter dieser erschreckenden Zahl verbergen, davon erzählt die Strafrechtsanwältin, empathisch und unpathetisch.“ Wir hoffen vor allem, dass die Vorgaben „emphatisch“ und „unpathetisch“ eingehalten wurden, und ein Buch entstanden ist, das auf nicht-exploitative Art und Weise einem Phänomen, das existieren kann, weil es oft im Privaten stattfinden, mehr Öffentlichkeit verschafft.
(Christina Clemm Akteneinsicht. Geschichte von Frauen und Gewalt, Kunstmann, erscheint am 3. März 2020)

Sibylle Berg hasst oder liebt man, und es gibt gute Gründe, sie mindestens anstrengend zu finden. Genau deswegen ist sie wiederum wahrscheinlich die Beste, um mit 17 renommierten Wissenschaftlern über den Zustand unserer Welt zu sprechen. Nerds retten die Welt entstand während der Recherchen zu GRM und wir möchten gerne, dass Sibylle Berg uns auch einmal interviewt.
(Sibylle Berg Nerds retten die Welt, Kiepenheuer & Witsch, erscheint am 05. März 2020)

Nicht nur, aber vor allem in Deutschland kommt spätestens seit Anfang der Nullerjahre keine technikpolitische Diskussion ohne den Verweis auf China aus. Dass irgendetwas Technisches in China schneller, früher oder Die Frage nach der Technik in Chinaenthusiastischer betrieben werde als anderswo, ist ein Standardkommentar geworden. Da kann es nicht schaden, sich damit zu beschäftigen, ob es tatsächliche Unterschiede im Technikdenken zwischen China und »dem Westen« gibt. Der international tätige chinesische Philosoph Yuk Hui, derzeit Dozent in Weimar, beschäftigt sich in dem Großessay Die Frage nach der Technik in China mit der Suche nach einem genuin chinesischen Denken über Technik in Anschluss an „westliche“ und „östliche“ Literatur.
(Yuk Hui Die Frage nach der Technik in China, Matthes & Seitz, erscheint am 6. März 2020)

Der Titel Von den Deutschen lernen ist gewagt und erzeugt allein dadurch schon Aufmerksamkeit. Von der jüdischen amerikanischen Von den Deutschen lernenPhilosophieprofessorin Susan Neiman kann man sich aber tatsächlich eine sinnvolle Auseinandersetzung mit der Frage erhoffen, was an der spezifisch deutschen Art des Umgangs mit dem Bösen in der eigenen Vergangenheit wertzuschätzen sein könnte, ohne dass es in der typisch deutschen Selbstzufriedenheit der „Erinnerungsweltmeister“ versinkt.
(Susan Neiman Von den Deutschen lernen, aus dem Englischen von Christiana Goldmann, Hanser Berlin, erscheint am 9. März 2020)

Nicht nur ein Sachbuch, das sich mit dem Thema häusliche Gewalt gegen Frauen auseinandersetzt, erscheint dieses Frühjahr, sondern auch ein schon hochgelobter Roman. In Schläge. Ein Porträt der Autorin als junge Ehefrau erzählt Meena Kandasamy autobiographisch gefärbt von der Ehe zwischen einer jungen Frau und einem Professor, der sich nach kurzer Zeit vom „perfekten Mann“ zum „perfekten Monster“ (Verlagsvorschau) entwickelt. Die Vorschusslorbeeren, mit denen dieser Roman jetzt nach Deutschland kommt, sind groß, aber man darf zu Recht hoffen, dass er ihnen gerecht wird.
(Meena Kandasamy Schläge. Porträt der Autorin als junge Ehefrau, aus dem Englischen von Karen Gerwig, Culturbooks, erscheint am 9. März 2020)

Dass die Deutschen ein ganz eigenes Verhältnis zu ihren kreuzungsfreien Fernstraßen haben, pfeifen die Spatzen von den Heckspoilern. Auf der Buchdeckel „978-3-608-50448-4Autobahn ist der Deutsche ganz bei sich, am liebsten im schwarzen TDI mit 190 auf der linken Spur – oder bei Sanifair und Riesenbockwurst. Soweit das Klischee. Zugleich ist die ohnmächtige Wut auf den Autoverkehr in seiner spezifisch hässlich-deutschen Machart seit Langem nicht so laut und präsent gewesen wie heute. Michael Kröchert hat ein Jahr lang die deutschen Autobahnen bereist: genau zur rechten Zeit.
(Michael Kröchert Autobahn, Tropen, erscheint am 11. März 2020)

Als Katharina Herrmann ihren Beitrag Auch ein Land der Dichterinnen und Denkerinnen für 54books schrieb, avancierte dieser über Nacht zu dem meistgelesen und -diskutierten Beitrag auf diesem Blog. Rund drei Jahre später erscheint nun bei Reclam das gleichnamige Buch Dichterinnen & Denkerinnen. Von Luise Gottsched bis Marieluise Fleißer: Katharina Herrmann stellt zwanzig Autorinnen und deren (mal mehr, mal weniger) vergessene Werke vor. Wer die Artikel der Autorin kennt, weiß, dass man sich über 200 Seiten bestens unterhalten und hinterher klüger fühlen wird. Ganz klar: absolutes Muss im Frühjahr!
(Katharina Herrmann Dichterinnen und Denkerinnen, Reclam, erscheint am 11. März 2020)

Poschardt? Soll das ein Witz sein? »Drulf«, wie Kenner den schneidigen Franken nennen, der seinen Doktorgrad bei Formularen gerne mit ins Vorname-Feld einträgt, hat seinen Ruhm eher als ständiges mediales Buchdeckel „978-3-608-98244-2Ärgernis erworben denn als seriöser Autor. Von einer Art porschefahrendem Maskottchen der frühen Berliner Republik hat er sich inzwischen zum Chefredakteur bei Springer und Lieblings-Twittertroll der Boomer-Jahrgänge hochgearbeitet, aber: Sollte man denn ein Buch von ihm lesen? Ja, man sollte Mündig lesen, und sei es, um sich fundierter ärgern zu können. Auf Twitter postet er ja keine zusammenhängenden Sätze mehr.
(Ulf Poschardt Mündig, Klett-Cotta, erscheint am 14. März 2020)

Cover ZerstörungÜber das Schreiben in einer Diktatur, die unerwartet über die Erzählerin hereinbricht, erzählt Cécile Wajsbrot in ihrem Roman Zerstörung. Die Inhaltsangabe des Verlags über eine Diktatur, die die Erinnerung an die Vergangenheit auslöscht und Geschichte tilgt, klingt nach einem Roman, der auf aktuelle politische Entwicklungen in Europa und dem Rest der Welt reagiert.
(Cécile Wajsbrot Zerstörung, aus dem Französischen von Anne Weber, Wallstein, erscheint am 20. März 2020)

Da heutzutage jeder Hinz und Kunz im politischen Tagesgeschäft mit irgendwelchen Rekursen auf kulturelle »Eigenbestände« von wem auch immer hausieren geht, ist es dringender denn je notwendig, sich ein wenig fundiert damit auseinanderzusetzen, was ein Kulturelles Erbe überhaupt sein könnte. Sabine Benzer beschäftigt sich im Dialog mit einer Reihe hochkarätiger Expert*innen mit unterschiedlichen Aspekten des Themas. Sicherlich lesenswert und erfreulich dünn.
(Sabine Benzer (Hg.) Kulturelles Erbe, Folio, erscheint am 31. März 2020)

Im April veröffentlicht Rowohlt die Übersetzung des vierten Romans von Khaled Khalifa. Das Buch trägt den Titel Keine Messer in den Küchen dieser Stadt (zuerst veröffentlicht 2013) und erzählt anhand des Schicksals einer Familie in Aleppo die Geschichte des modernen Syrien. Der Erzähler wird geboren während Hafiz al-Assad die Macht im Land an sich reißt. Man kann nur hoffen, dass die Übersetzung das Versprechen dieses Buches einhält. Verheißungsvoll klingt bereits, was der Guardian über die englische Version schreibt: „The writing is superb – a dense, luxurious realism pricked with surprising metaphors.“
(Khaled Khalifa Keine Messer in den Küchen dieser Stadt, aus dem Syrischen von Hartmut Fähndrich, Rowohlt, erscheint am 21. April 2020)

Ungewöhnlich und vermutlich eine Beschreibung eines Gemäldes ist der Titel von Alena Schröders Roman über drei Frauen Bildergebnis für Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleidim 20. und 21. Jahrhundert. Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid erzählt von den Umwegen, auf denen das Kunstvermögen einer jüdischen Familie im Jahr 2017 zu der 27-jährigen Hannah Borowski gelangt. Nach den unerwarteten Verstrickungen von Lebensläufen klingt die Handlung um die junge Senta Köhler in den 1920er Jahren, die ihr Kind aus erster Ehe beim Vater zurücklassen muss, und Hannah Borowski in der Gegenwart des 21. Jahrhundert. Wer der Autorin in ihrem Podcast sexy und bodenständig im Gespräch mit ihrem Kollegen Till Raether zugehört hat, weiß schon ein paar Dinge über die Entstehung dieses Romans.
(Alena Schröder Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid, Ullstein, erscheint am 24. April 2020)

Einen Schreibtisch mit Aussicht braucht frau, um zu schreiben. Ausgehend von Virginia Woolfs Aussage, eine Frau brauche nur 500 Pfund im Monat und ein eigenes Zimmer (A room of one’s own), um große Literatur verfassen zu können, versammelt diese Anthologie (herausgegeben von Ilka Piepgras) Essays, in denen sich Schriftstellerinnen mit ihrem Schreiben auseinandersetzen; darunter Autorinnen wie Eva Menasse, Sybille Berg, Zadie Smith, Sheila Heiti und Joan Didion. Der Essayband reiht sich damit ein unter Bände mit unterschiedlichen Autor*innen, die in den letzten Jahren erschienen sind.
(Ilka Piepgras (Hg.) Schreibtisch mit Aussicht, Kein & Aber, erscheint am 12. Mai 2020)

Drei 34-jährige Kulturjournalisten aus Berlin und eine 31-jährige Kulturjournalistin aus Berlin unterhalten sich in Liebe, Körper, Wut & Nazis über „Fragen, die niemand zu stellen wagt“. Das klingt entsetzlich. Man Buchdeckel „978-3-608-50465-1möchte es aber trotzdem gerne lesen, denn entweder ist der „Selbstversuch“ von Jennifer Beck, Fabian Ebeling, Steffen Greiner und Mads Pankow wirklich aufschlussreich; oder man lernt bei der Lektüre zumindest etwas über Illusionen und blinde Flecke eines bestimmten Segments des Literaturbetriebs. (Offenlegung von Matthias Warkus: Ich habe einmal in einer Marburger WG gewohnt, in der Steffen Greiner ab und zu am Küchentisch saß.)
(Jennifer Beck et al. Liebe, Körper, Wut & Nazis, Tropen, erscheint am 23. Mai 2020)

Das ist sie, die Liste der Neuerscheinungen des Frühjahrs, die das 54books-Team für erwähnens- und empfehlenswert hält. Und nun lest!

Wer hat das Gudbrandstal geschrieben?

Klima, Kunst und Erde: In diesem Gesamtkunstwerk, zu dem auch wir gehören, hängt alles mit allem zusammen.

Susanne Christensen, 1969 geboren, ist eine dänisch-norwegische Literatur- und Kunstkritikerin. Der vorliegende Text stammt aus der norwegischen Literaturzeitschrift Vagant und war ursprünglich ein Beitrag zum Kunstprojekt Framtidsruiner (Zukunftsruinen) über Orte im norwegischen Gudbrandstal. Das Gudbrandstal ist eine nahezu mythisch aufgeladene Landschaft: Vom sogenannten „Eidsvoll-Eid“ („Einig und treu, bis der Berg Dovre fällt“), den sich die verfassungsgebende Reichsversammlung 1814 schwor und damit für Norwegens Unabhängigkeit sorgte, bis zu Edvard Griegs Vertonungen des Ibsen-Dramas Peer Gynt ist es für die Ausprägung der norwegischen Nationalromantik von höchster Bedeutung.

2011 wurde Christensen zur norwegischen Kritikerin des Jahres gewählt, im gleichen Jahr erschien ihre Essaysammlung Den ulne avantgarde (Die heikle Avantgarde), 2015 En punkbønn (Ein Punkgebet), ein Buch über feministischen Punk-Aktivismus. 2019 gab sie Leonoras reise heraus, eine theory fiction über die britisch-mexikanische Surrealistin Leonora Carrington, Ökofeminismus, Klimawandel und die prekären Arbeitsbedingungen von Kritiker*innen. Derzeit ist sie Herausgeberin des Norwegischen Jahrbuchs für Kunst. Für Leonoras reise liegen ein Exposé und eine deutschsprachige Leseprobe in Übersetzung von Matthias Friedrich  vor. Das Buch sucht derzeit einen Verlag.

Die im Text mehrfach erwähnte Künstlerin und Filmemacherin Bodil Furu wurde 1976 geboren und lebt in Oslo. In ihren Arbeiten beschäftigt sie sich insbesondere mit den Auswirkungen des Bergbaus, der Repräsentation von Landschaften sowie den fiktionalen Dimensionen des Dokumentarischen und komplexen Narrativen.

 

1.

Ein Zug, der fast schon am Ufer entlangfährt. Genauso fühlt es sich an, mit dem Zug von Oslo ins Gudbrandstal hinauf zu reisen, etwa Richtung Lillehammer. Das ist kein langsamer Zug. Zum Monatswechsel zwischen Mai und Juni, wenn die Tour gerne zum regionalen Literaturfestival führt, tanzt ein eilig wechselndes Flimmern grüner Zweige und Wasserlichtreflexen am Zugfenster vorbei. Dieses Flimmern ist eine treffende Illustration eines sprudelnden Glücksgefühls, einer Euphorie, für mich jedoch folgt darauf blitzschnell eine Warnung vor einem herannahenden Migräneanfall. Einen Staketenzaun zu passieren, der Lichtschimmer für Lichtschimmer hervorruft, hat bei mir früher schon Migräne ausgelöst, ebenso der Anblick einer weißen Tafel, die das von draußen kommende Licht reflektiert. Konkrete Beweise gegen die schädlichen Wirkungen des Stroboskoplichts habe ich keine; bei Konzerten wende ich mich aber gerne ab und schließe die Augen.

Ein flimmerndes, sprudelndes Glücksgefühl im overdrive und eine Antwort meines Gehirns: Sehstörungen in Form eines Lichtkranzes im Augenwinkel. My own private modernism, erschaffen von meinem Gehirn, ein Vorzeichen wahnsinnigen Schmerzes, wie ein das Auge durchbohrendes Schwert. Oft trifft das Phänomen nach einer halben Stunde mit brutalem, weißem Rauschen im Sichtfeld ein. Ein tiefes Tal mit herabbrausendem Wasser in der Mitte, es liegt nahe, diese Landschaft als weiblich zu bezeichnen. Passagiere in einer energischen Blechbüchse auf dem Weg zurück, in den Geburtskanal. Auf dem Literaturfestival penetrieren Oslos Verlagsleute diese mystische Landschaft mit ihren lärmenden Rollkoffern. Die Aussichten, morgens um fünf mitten in einem Kreis lachender Hyänen im Hotel Breiseth zu enden, sind unheimlich groß.

Im Oktober 2013 allerdings fuhr ich an Lillehammer vorbei und weiter landauf- und landeinwärts. Die Station, an der ich ausstieg, hieß Harpefoss, und meine Frage lautete: Was ist ortsspezifische Schrift? Das Laub war nicht mehr grün, es war gelb, orange und rot. Eine Farbpalette, die unmittelbar weniger Migräne verursachte als die schrillen Neonfarben des Frühjahrs. Mein Job war es, in einem Loft herum zu spuken, um Mitternacht ein bisschen auf den Fußboden zu klopfen und nachts schweren Schrittes über die Treppen zu laufen. Vom Vollmond inspiriert, forderte ich die Grenzen heraus, als ich versuchte, Nicos „Janitor of Lunacy“ vom Album Desertshore (1970) mit dem schwachen Stimmchen einer Schneeeule aufzuführen. Die Vertikalität der Bergböschungen da draußen erschloss sich mir nicht. Drückte ich das Gesicht an die kühlen Fensterscheiben meiner Mansardenkammer, sah ich, wie der Mond eine Landschaft beleuchtete, die zwei Jahreszeiten zugleich zu beherbergen schien: Noch immer glühte warm der Herbst im Schoß des Tales, während der Raureif eine strenge Linie über die Baumwipfel zeichnete. Etwas da oben atmete kalt, eine Temperaturgrenze schied die feuchte Tiefe des Tales von den verfrorenen Silberfarben der Berge.

Auf ziellosen Wanderungen durch die Umgebungen und auf Expeditionen zum lokalen Kiwi-Supermarkt versuchte ich, meine Arbeit zu planen und zu dokumentieren. Aber handelte es sich hierbei um ein Werk? Sieh an, ein Lastwagen voller schwarzer Rundhölzer. Die Rundhölzer waren zu lang, die Ladefläche stand offen und bezog sich mit ihrem blauen, metallischen Rechteck auf Rothko. Wenn ich auf meine Zeit in Harpefoss zurückblicke, halte ich allerdings zwei von Richard Long inspirierte Werke für die gelungensten. Die Werke sind Spaziergänge bis an meine absoluten geographischen Außengrenzen. Harpefoss als solches ist keine wiedererkennbare Stadtkonstruktion. Das Harpefoss Hotel, ein ornamentiertes Holzgebäude im Schweizerstil von 1896, in dessen Dachkammer ich wohnte, lässt sich vielleicht als soziales Stadtzentrum beschreiben, wohingegen das Lebensmittelgeschäft Kiwi eher ein Handelszentrum repräsentiert. Auf dem Parkplatz halten die Autos, aus denen scheue Menschenkörper in Richtung des Ladens laufen und mit Tragetaschen wieder zum Auto zurück. Man ist in dieser Landschaft, wie auch in Los Angeles, ohne Wagen aufgeschmissen.

In beiden Werken wollte ich so weit wie nur irgend möglich spazieren und auf meinem Weg in einem Spiel mit meinen Umgebungen eingehen, die sowohl in aktiver als auch in passiver Hinsicht zur Formbestimmung meines Werkes beitragen sollten. Das Werk bestand aus den Linien, die unsere Fußspuren über der Landschaft zeichnen. Das erste Werk zog sich am Fluss Gudbrandsdalslågen nach unten. In diesem Gebiet waren bereits viele Arbeiten im Gange. Es ist unklar, ob diese Tätigkeit etwas mit dem Ausbau der E6 zu tun hatte, nichtsdestoweniger wurden meine Aktivitäten schon bald von Menschen bemerkt, die hier beschäftigt waren. Mit Händen und Füßen vermittelte ich, dass ich gerne am Gewässer entlanggehen wollte. Der Arbeiter, mit dem ich sprach, war in einen astronautenartigen Sicherheitsanzug eingepackt; wir kommunizierten mühevoll, doch er zeigte eine gewisse Offenheit. Bald nahm er mich in seine gelbe Maschine mit und fuhr mich durch das verbotene Gebiet. Dann setzte er mich ab, und ich hatte die Freiheit, das Werk in einer kreisförmigen Improvisation am Gewässer entlang zu vollenden.

2.

Von dem Ort aus, an dem ich dies schreibe, dem Nordwestviertel Kopenhagens, scheint es leicht, das Gudbrandstal als Natur einzuordnen, aber unberührte Natur ist es kaum, es ist Natur, die beständig von vielen Händen geknetet und geformt wird. Man kann wirklich behaupten, dass das Gudbrandstal von Henrik Ibsen (1828-1906) geschrieben wurde: Peer Gynt (1876) spielt genau hier. Dass Ibsen sein Theaterstück im Umkreis von Vinstra ansiedelte, nur sechs Kilometer von Harpefoss entfernt, hat für die Region eine große Bedeutung, sie ist Kronborg, wo Shakespeares Hamlet von 1605 spielt, nicht unähnlich. Am Gålåvatnet, Peer Gynts Geburtsort, findet jetzt jährlich das Peer-Gynt-Festival statt, mit einer Aufführung des Theaterstücks als Höhepunkt. Das Festival ist ein internationaler Publikumsmagnet, und man rechnet damit, dass es jeden Sommer ungefähr 12000 Gäste nach Vinstra lockt. 12000 Paar trampelnde Füße, die an der Landschaft mitkneten.

Die Künstlerin Bodil Furu (geb. 1976) arbeitet im Film Landscapes By The Book an einer Art Porträt des Gudbrandstals. Es handelt sich um einen dokumentarischen Film, der aber essayistisch aufgebaut ist. Ohne, dass es zu explizit hervorgekehrt wird, scheint er so etwas wie eine poetische compilation von Faktoren zu sein, die diese Landschaft beeinflussen und verändern. Die Veränderungen werden beobachtet und kommentiert von den etwa neun Hauptpersonen des Films, die sich auf ihre je eigene, spezifische Weise äußern dürfen. Der Tankwart Kristen Bjørgen, der einen afrikanischen Hintergrund hat, hieß früher Jules Kayabal, hat sich jedoch für eine Namensänderung entschieden, weil er – wie er lächelnd sagt – reinpassen will. Bjørgen und ein Freund eröffnen den Film mit der Lektüre eines Volksmärchens über Ulveig, eine Frau, die man für eine Hexe hielt, weil sie heftig gegen das neu eingeführte Christentum opponierte. Der Legende zufolge warf sie Steine auf die Sør-Fron-Kirche, weil sie das Geräusch der Kirchenglocken nicht ertrug. Im Laufe des Filmes gibt es noch mehr ähnliche Zwischenspiele älteren Wissens, dargebracht in Form von erzählten, gesungenen und aufgeführten Volksliedern und Legenden, die dadurch als Kommentar zum zeitgenössischen Gudbrandstal wiederbelebt werden. Ein wehmütiges Volkslied über Liebeskummer zum Beispiel wird mit zwei gelben Traktoren im Hintergrund dargeboten. Migration ist ein verändernder Faktor, aber hier ist es Kristen Bjørgen, der sich verändern lässt, um hineinzupassen, etwas, das er mit Freude und Dankbarkeit zu tun scheint.

Die größten landschaftsverändernden Faktoren sind indes zwei umfangreiche Bauvorhaben: Das inzwischen beerdigte Kåja-Kraftwerk hätte einen Damm quer über den Gudbrandsdalslågen zur Folge gehabt. Furu folgt der Debatte über das Wasserkraftwerk aus mehreren Perspektiven. Ein weiteres Projekt, das sich in der Entstehung befindet, ist die Verlegung der E6-Autobahn, für die die staatliche Straßenbehörde verantwortlich ist. Zwei Vertreterinnen dieser Behörde, gekleidet in neonorange Anzüge, teilen ihre Reflexionen mit uns. Am auffälligsten ist die Sprache, die sie für ihre Arbeit verwenden, sie, die professionell Geschäfte mit dem Wahrnehmbaren treiben: Unter anderem reden sie davon, „Regie“ bei Reiseerlebnissen zu führen. Genauso gut könnten sie davon reden, bei einem Theaterstück oder einem Film Regie zu führen, und wir erhalten Einblick in einen szenischen Gedankengang, der der Methode zugrunde liegt, mit der die „wilde“ Natur des Gudbrandstals inszeniert und, verglichen mit einem Blick aus dem Autofenster, angeordnet wird.

Ein weiterer Ausdruck, den die Frauen von der Staatlichen Straßenbehörde verwenden, lautet „Konsequenzen ohne Preisfestsetzung“. Dabei geht es um diejenigen Schriftsteller aus dem Gudbrandstal, die sich schwerlich berechnen lassen. Es sind keine steinblockwerfenden Hexen, sondern Steinrutsche und Überschwemmungen, die auf eine ähnliche Art die im Tal vor sich gehenden Veränderungen beantworten. Wir müssen annehmen, dass Teile hiervon, nämlich die gewaltigen Überschwemmungen von 2011 und 2013, mit weitaus größeren Erzählungen außerhalb des Gudbrandstals zusammenhängen, nämlich mit den Veränderungen des Klimas. In diesem Gesamtkunstwerk, zu dem auch wir gehören, hängt alles mit allem zusammen.

In Mangeurs de Cuivre (Copper Eaters) von 2016 behandelt Furu einige der gleichen Problemstellungen. Vom Gudbrandstal aus haben wir uns in den südöstlichen Kongo begeben, und hier entwickeln sich die Konflikte zwischen einer magischen, von Ritualen und Respekt vor der Natur geprägtem Denkweise und den an Naturressourcen interessierten Geschäftsleuten und Unternehmern als reale lokalpolitische Konfrontationen. Wo Ulveig aus dem Gudbrandstal bloß als Sage existiert, spielen Geister in politischen Diskussionen über die Verwendung des 600 Kilometer langen Kupfergürtels im Gebiet des heiligen Berges Lunsebele tatsächlich eine Rolle. Als die ausländischen Bergbaugesellschaften in der Region ankommen, entstehen mehr Jobs für die Lokalbevölkerung, doch das zieht immer mehr in die Region, sie finden nichts und entscheiden sich für die Kriminalität. Tiefgreifende zivilisatorische Veränderungsprozesse sind im Gang.

Die Unternehmer haben sich mit idealistischen – ja, oder idealistisch-kapitalistischen – lokalen Geschäftsleuten verbündet, die meinen, der schwache Staat könne die Interessen des Kongo nicht wahrnehmen. Als Ausdruck eines Nationalismus, aus Liebe zum Heimatland, entscheiden sich diese Geschäftsleute dazu, als Bindeglied zwischen den ausländischen Firmen und der Lokalbevölkerung aufzutreten. Wir sehen, wie sie in einer orangen Weste, derjenigen der Staatlichen Straßenbehörde nicht unähnlich, mit dem Vorstand der Dörfer verhandeln. Heftig mit den Armen fuchtelnd, sprechen sie zu den lokalen Ortsvorsteherinnen, die eine ausgeprägt defensive Körpersprache an den Tag legen: Dürfen wir? Dürfen wir das Land betreten? Indes ist kaum anzuzweifeln, dass Probebohrungen die Bevölkerung aus der Region vertreiben werden.

Furus Kamera observiert ruhig und offen. Diejenigen Menschen, die im Film erscheinen, betreten oft selbst die Bildfläche und verharren gerne für ein paar Minuten in absoluter Stille, ehe sie zu sprechen beginnen. Mit einer leichten, zitternden Bewegung wie von einem Atemhauch scheint die Kamera passiv-beobachtend darüber zu schweben. Die Art des Filmens ist nahezu frei von rhetorischen Attitüden, der Grad aktiver Inszenierung ist auf ein Minimum beschränkt. Ist die Kamerahaltung aktivistisch? Ja, aber sie steht im direkten Gegensatz zu den überschwänglichen Attitüden des gewöhnlichen Aktivisten.

Ganz zu Beginn von Landscapes By The Book stellt Furu uns einem Strom weißer Lämmer vor; diese wuseln einem Bauern um die Beine, der sie zu füttern versucht. Wir hören die zarten Stimmchen der Lämmer. Der Hof des Mannes wurde von einem durch heftigen Regen verursachten Steinrutsch verwüstet. Steinrutsche werden unter anderem vom Straßenbau ausgelöst, weil man diejenigen Bäume fällt, die mit ihren Wurzeln den Boden zusammenhalten. Keines seiner vierzig Lämmer hat überlebt. Gegen Ende scheinen die Stimmen der Lämmer Furus Film heimzusuchen.

Die vierzig Lämmer wirken wie indirekte Opfer des von der Staatlichen Straßenbehörde vertretenen ästhetischen Gedankengangs, eine Schlussfolgerung, die Furu zu bombastisch erscheint, in meinem Kopf jedoch widerhallt, wenn ich diese blökenden Gespensterlämmer höre. Mein eigener Spukversuch im Harpefoss Hotel im Oktober 2013 führte bloß zu einer Abendesseneinladung von der Familie, die in der Etage unter mir wohnte. Die Grübeleien über die ortsspezifische Schrift resultierten in ein paar Werken, das eine relativ geglückt, das andere nahezu gescheitert. Bei der Evaluierung des ersten Werkes war ich zufrieden mit der spontanen Zusammenarbeit, die dort eine Bruchlinie und eine Wegstrecke erzeugt hatte, wo sich am Ufer des Gudbrandsdalslågen ein spektakuläres Raupenkettenmuster erstreckte. Das zweite Werk indes erhielt eine dunklere Klangfarbe. Hier entschloss ich mich, am Harpefossen und am Solbråfossen vorbeizugehen und das Kraftwerk von Harpefossen anzusteuern. Auch hier schien es nicht unbedingt empfehlenswert, einfach durch die Gegend zu trotten. Ich wusste nicht, ob meine Wanderung gegen das Gesetz verstieß, aber diesmal beschwerte sich niemand über meinen Einbruch, und das, obwohl ich im Gebiet um das Kraftwerk herum ganz sicher gefilmt wurde.

Meine Füße sanken in die weiche Erde ein, und ich schaute auf sie herunter und nach hinten, wo sich Spuren abzeichneten. Ich schreibe, dachte ich, das da ist meine Schrift über der Landschaft. In der Nähe einer Überwachungskamera hielt ich an und versuchte, Kontakt zu ihr herzustellen: „Das ist Kunst!“, sagte ich zuerst, mich auf meine Spuren beziehend, woraufhin ich mich verbesserte: „Ist das Kunst?“ Keine Antwort, nur eine tote Kameralinse. Das Kraftwerk von Harpefossen war nicht auf Zusammenarbeit eingestellt. Es wirkte wie ein dead end, bald schon zwangen mich Wasser und Klippen auf eine Böschung, die an die E6 grenzte. Ich kletterte über die Schutzmauer. Ganz offensichtlich war hier für Fußgänger kein Platz vorgesehen. Autos fuhren in einem wahnsinnigen Tempo vorbei. Nach etwa zehn Metern kam ich heftig ins Zweifeln. War ich wirklich in Gefahr? Dieses Werk, meine Schrift, eingeklemmt zwischen der Schutzmauer und den eilig vorbeifahrenden Autos, gelangte ans Ende. Hier konnte man nicht schreiben, daher wurde das Werk aus dem schnöden Grund abgeschlossen, weil ich leben wollte.

Aus dem Dänischen von Matthias Friedrich.

Ursprünglich veröffentlicht auf der Internetseite der Zeitschrift Vagant.

[Kolumne] Frauen zählen gegen #frauenzählen?

Der zeitgenössische literarische Diskurs ist ein streitgeplagter Ort. Und Mara Delius, die Leiterin der Literarischen Welt, ist nicht zufrieden damit. Wieder werden nämlich Verlagsprogramme kalt durchgezählt, und wieder wird der Umstand angeprangert, dass in manchen Verlagsprogrammen Autorinnen signifikant weniger präsent sind als Autoren. Einen Überblick über diese Misere hatten Nicole Seifert und unsere Autorin Berit Glanz für Spiegel Online zusammengestellt. Aus dem Durchzählen der Verlagsprogramme ergab sich vor allem, dass die etablierten Literaturverlage nach wie vor kein Problem damit haben, Programme mit wenigen Autorinnen in die Saison zu schicken (Hanser 4/14, Fischer 4/11, Diogenes 5/15).

Allerdings ist es nicht dieser offen sichtbare und von den Verlagen auch selbstkritisch reflektierte Umstand, der Delius unfroh macht, sondern das Zählen selbst. Zunächst verlangt sie misstrauisch zu wissen, wer hier überhaupt spricht, frei nach der sehr deutschen Frage: ‚Wer sind Sie eigentlich?‘ Offen sei nämlich geblieben, „wer die moralische Richterposition einnähme und wieso, bei wem wer wie wegen welcher Unausgewogenheit nun ‚in die Kritik geraten‘ oder ‚unangenehm aufgefallen‘ war.“ Gemeint ist damit: Die Kritik kommt aus den sozialen Medien und ist also eine amorphe Masse, die eigentlich keine Autorität beanspruchen kann (anders etwa als ein Artikel in der Literarischen Welt). Diese argumentative Strategie entspricht einer aktuellen Tendenz in der feuilletonistischen Praxis, das anarchische und nicht legitimierte wilde Internet gegen die aufgeklärte absolutistische Ordnung am Hof des Printfeuilletons auszuspielen – als wären diejenigen, die sich auf Twitter zu diesen Themen äußern, nicht die Kolleg*innen selbst. Man hätte, anstatt mit pompösem Konjunktiv die Frage raunend in den Raum zu stellen, wer da die Richterposition „einnähme“, auch einfach nachschlagen können (die Diskussion wurde unter #vorschauenzählen geführt). Delius geht es aber, das wird recht schnell deutlich, gar nicht ums Diskutieren, sondern ums Delegitimieren:

„[E]benfalls offen blieb“, schreibt sie, „ob ein Literaturkritiker heute auch als Aktivistin auftreten muss und ein Verlagsprogramm vom Gleichstellungsbeauftragten geprüft; kurz, ob nicht langsam der an sich richtige Impuls, auf ein ausgewogenes Verhältnis von Frauen zu Männern im Literaturbetrieb zu achten kippt, von aufklärerisch zu eindimensional – nicht unbedingt die beste Haltung, um sich der Welt der Literatur zu nähern. Und dürfte es ein 50-jähriger Debütant momentan am Markt nicht schwerer haben als die instagramkompatible 20-jährige, selbst wenn er den besseren Roman geschrieben hat?”

Schon in der verunglückten sprachlichen Geschlechterverwirrung, die dem ewig männlich-stabilen „Literaturkritiker“ die nervös-destruktive „Aktivistin“ beiseite stellt, entbirgt sich ein generelles konservative Ressentiment gegen die politische Kritik an den Verlagsprogrammen. Man befindet sich nun in einer Welt, in der ein höhnischer Verweis auf den „Gleichstellungsbeauftragten“ (nun wieder generisch männlich) eine legitime Form der Abwertung ist. Offenbar geht die Leiterin der Literarischen Welt davon aus, dass ihre Leser*innen ebenfalls schaudernd zusammenzucken, bei der Vorstellung, die Gleichstellungsbeauftragte würde sich über die Literatur hermachen. Zumindest kann man diese Leser*innen in Bezug auf das Wohlergehen der männlichen, nicht jugendlichen, nicht instagramkompatiblen Autoren beruhigen. Immerhin wurde einer von ihnen im letzten Jahr noch mit 870 000 Euro alimentiert.

Nun darf man aber nicht zu dem Schluss kommen, Delius habe sich hier gegen feministische Kritik gestellt, denn es geht ihr in ihrem Text, der den Titel Die Frauen des Frühlings trägt (man würde der Literarischen Welt eine Gleichstellungsbeauftragte – oder geschmackvolle Person – wünschen, die bei solchen Titeln Einspruch erhebt) eigentlich ja darum, die vielen Autorinnen, die unser literarisches Leben doch gerade sichtbar bereichern, davor zu beschützen, dass sie durch das abstrakte Zählen unsichtbar gemacht werden. Gibt es nicht Ottessa Moshfegh und Delphine de Vigan? Was ist mit Lisa Taddeo oder  Jhumpa Lahiri?  Und so vielen mehr? So viele Frauen! Könnte man da nicht zu dem Fazit kommen: „Bei aller berechtigter Kritik an strukturellen Unausgewogenheiten in der Verlagswelt sollte man nicht übersehen, welche Autorinnen welche Bücher schreiben.“

Wenn Kritik auf diese großzügige Art „berechtigt“ genannt wird, dann ahnt man schon, wie ernst sie genommen wird. Und dann drängt sich auch der leise Verdacht auf, dass die Autorinnen, die dieses Jahr einen ‚Frühling der Frauen‘  herbeigezaubert haben, hier vielleicht nur benutzt werden, um eine politisch unliebsame Agenda zu diskreditieren. Immerhin kam Delius in ihrer Kolumne mit dem Titel Im Zweifel für die Literatur  im Sommer noch ganz ohne die Fotowand brillanter Frauen aus. Allerdings hieß es damals schon: „Inzwischen aber scheint die Haltung, mit der gezählt wird, zu kippen: von aufklärerisch zu eindimensional.“ Und auch das Schreckgespenst der Gleichstellung hatte bereits einen Auftritt: „Ein Verlagsprogramm ist kein Gleichstellungsbeauftragtenpapier, das 50/50 durchsetzt, und die Qualität von Literatur hängt nicht vom Geschlecht ihres Verfassers ab.“ Offenbar ist die Kritik an dem Durchzählen von Verlagsprogrammen ein so wichtiges Anliegen, dass man ein halbes Jahr später die gleichen Argumente bis in den Wortlaut hinein recyclen muss.

Es gehört zu den Strategien zeitgenössischer konservativer Kritik, aufklärerische Aktionen vordergründig zu loben, um dann sofort (über die Diagnose eines angeblichen Exzesses) ein Umkippen dieser Aktionen ins Antiaufklärerische zu beklagen. Im Sommer 2019 war die Irritation über das Ungleichgewicht in den Verlagsprogrammen überhaupt erst gerade angelaufen, da wollte Delius das Ganze bereits wieder abblasen, weil es zu kippen drohte, aber eine Kritik, die man von Anfang an als bedrohlich und illegitim empfindet, ist natürlich auch von Anfang an gekippt.

Was im Sommer aber noch damit begründet wurde, dass der Wert von Literatur nicht am Geschlecht hängen kann (Judith, die von Virginia Woolf erfundene Schwester Shakespeares, wird es mit Erleichterung hören), wird jetzt damit begründet, dass das Zählen doch eigentlich selbst den individuellen Erfolg individueller Frauen unsichtbar macht. Das entspricht der gängigen konservativen Kulissenschieberei von Evidenz: Wenn Diskriminierung beklagt wird, dann werden streng Fakten eingefordert, Statistiken, Belege. Wenn diese Belege dann vorliegen, wird ein kaltes Abzählen beklagt, das den Blick auf die individuellen Erfolge von diskriminierten Personen verstellt. Beide Strategien geben sich gerne als unpolitisch aus: Es geht ja um die Kunst oder um Individuen! Unpolitisch sind sie aber nur in dem Sinne, dass sie legitime Anliegen aus dem literarischen Diskurs ausschließen wollen. Dass diese Form der Kommunikation je nach Kontext vom Statistischen ins Anekdotische und zurück fallen kann, zeigt, wie eminent politisch die Strategie dahinter tatsächlich ist.

Feuilleton auf unserem Planeten

Als Tilman Winterling im November 2012 einen Beitrag mit dem Titel “Startschuss!” auf seiner neuen Homepage 54books.de veröffentlichte, stand dort lediglich “Hier soll in nächster Zeit mein Blog entstehen.” Einen genauen Plan gab es damals eigentlich nicht, Tilman hatte sich im Vorfeld nicht mit anderen Blogs, Twitter oder Rezensionen beschäftigt; er war nach eigener Aussage ein Hobbyleser, wie es bis heute Bloggern vorgeworfen wird. 

Aber 54books.de blieb nicht der Blog einer einzelnen Person. Mit dem Einstieg von Katharina Herrmann – die inzwischen wieder auf Kulturgeschwätz bloggt –  erweiterte sich der Blog zu einem Projekt, das immer neue Stimmen in sich vereinte und eine kleine, aber stets lebendige Plattform für Texte über Literatur, den dazugehörigen Betrieb und literarisches Leben wurde. Matthias Warkus fuhr im Bloggerbus nach Görlitz, Berit Glanz rief mal eben schnell #54reads ins Leben, Samuel Hamen entwickelte tendenziöse Thesen zur Literaturkritik, Simon Sahner schlug sich durchs Dickicht des Literaturbegriffs, Johannes Franzen sezierte Robert Menasses Fiktionen und Nichtfiktionen, Elif Kavadar deckte die Absurdität des Zensurvorwurfes auf und Peter Hintz flanierte mit Nobelpreisträgern.

Als Wolfram Eilenberger 54books im Interview mit dem Tagesspiegel als “fast schon zu niveaubetont” bezeichnete, deutete sich an, dass hier vielleicht etwas entstanden war, das man weiterverfolgen und vorsichtig ausbauen sollte. Aber wie? Wir wollen uns Kathrin Passigs Aussage über 54books zu Herzen nehmen: “Ich glaube, das war tatsächlich das erste Mal, dass ich so was Literaturfeuilletonartiges gelesen habe und dachte “Hey! Das spielt ja auf meinem Planeten!”

Wir wollen versuchen mit 54books eine Lücke zu schließen. 54books soll ein Ort sein, von dem einerseits schnell und unkompliziert auf aktuelle Debatten reagiert werden kann, der uns und diversen Gastautor*innen Raum bietet, Gedanken auszuarbeiten und zur Diskussion zu stellen, und der uns andererseits die Flexibilität gibt, auch Themen zu bearbeiten, die sonst nicht vorkommen oder zunächst auf wenig Interesse stoßen und dabei nicht an Zeichenlängen gebunden zu sein. In sozialen Medien finden so viele spannende und inspirierende Gespräche über Literatur und alles, was damit zusammenhängt statt. Dafür einen ergänzenden Ort zu haben, ist die Idee von 54books.

Wie wäre es also, wenn das Feuilleton ins Internet käme? Wenn all die Menschen, die sich tagtäglich online in Deutschland über Literatur austauschen, selbst auf dem Feuilleton Platz nehmen würden? Wenn es einen Ort gäbe, an dem die langen Threads, die Twitter-Gespräche und Facebook-Diskussionen zu längeren Texten ausgearbeitet werden können? Wo aber auch die Formen und Längen, die im Feuilleton keinen Platz mehr haben, wieder einen Raum bekommen? Diese Vorstellung unter einem Schirm Autor*innen zu versammeln, die sonst auf eigenen Blogs, in Twitter-Threads, längeren Facebook Statusmeldungen oder mal in Magazinen und Zeitungen Rezensionen und Essays veröffentlicht hatten, hat sich aus dem Blog 54books langsam entwickelt. Nun wollen wir 54books auch ganz offiziell zu diesem Raum machen, den wir mit euch gestalten wollen. Dazu nehmen wir gerne Vorschläge für Essays von euch entgegen, die wir dann besprechen können. 

Aus einem Blog, auf dem immer dann etwas erschien, wenn eines der Mitglieder, einen Text geschrieben hatte, soll ein regelmäßiges Magazin für Feuilleton im Internet werden. Im Wochenrhythmus sollen jeden Mittwoch Beiträge veröffentlicht werden. Neben längeren Essays (3x im Monat, jeweils mittwochs) soll monatlich auch ein literarischer Text veröffentlicht werden, so wollen wir den Grundgedanken von www.54stories.de in 54books integrieren. Wir wollen  Gastautor*innen dazu holen, neue Stimmen suchen und schon etablierten einen freieren Raum bieten. Außerdem werden wir selbst Essays beisteuern, fremdsprachige Texte übersetzen (lassen), Gastbeiträge redaktionell betreuen und das Ganze mit einer kürzeren, wöchentlichen Kolumne und einem monatlichen Presserückblick abrunden. Und all das wollen wir bezahlen, zuallererst natürlich die Texte, die Menschen für uns schreiben und übersetzen. Wir sind daher auf Unterstützung durch unsere Leser*innen über Steady und andere Förderungen angewiesen. Dabei legen wir Wert darauf, dass wir die Schreibenden bezahlen können, aber auch darauf, dass Menschen nicht ausgeschlossen werden, die sich ein Abo im üblichen Preisbereich nicht leisten können. Deswegen bleiben wir mit unserem niedrigsten monatlichen Betrag bei Steady unter den gewohnten Abo-Preisen und die Seite wird die erste Zeit ohne Paywall bleiben. 

Alles in allem und kurz gesagt: Wir wollen mit 54books Feuilleton auf unserem und hoffentlich eurem Planeten machen und freuen uns darauf, aus unserem privaten Blog jetzt ein Online-Sofa zu machen. 

Gezeichnet, das 54books-Team 

Rückblick auf 2019

Welches war das beste Buch, das du 2019 gelesen hast?

Matthias Warkus: Sachbuch – James Donovan: Shoot for the Moon; Essayband – Jia Tolentino: Trick Mirror
Johannes Franzen: Emily Nussbaum: “I like to Watch”
Berit Glanz: Ich fand “Rage Becomes Her: The Power of Women’s Anger” von Soraya Chemali sehr interessant, viel habe ich über “Vom Fischen und von der Liebe – Mein irisches Tagebuch” von Benoîte Groult nachgedacht und ich habe sehr gerne Nella Larsen und Karin Boye (wieder)gelesen. Außerdem hatte ich viel Freude daran “Zwei für mich, einer für dich” von Jörg Mühle vorzulesen.
Tilman Winterling: Ich hab 2019 durchaus ein paar sehr ordentlich Sachbücher gelesen. “Der Klang von Paris” von Volker Hagedorn hat mich angeregt, mir Spaß und mich neugierig gemacht.
Simon Sahner: Wirklich beeindruckt hat mich Maggie Nelson “The Argonauts”, das ist wirklich großartig.
Samuel Hamen: Jeanette Winterson: “Frankissstein” (bitte nicht vom albernen Titel blenden lassen)
Peter Hintz: “Eine Frau” von Annie Ernaux war wunderbar (wie alle ihre Bücher), sehr gut gefallen hat mir aber auch “Fliegen” von Albrecht Selge.
Elif Kavadar: “Unerhörte Stimmen” von Elif Shafak habe ich sehr gerne gelesen. Zuletzt hat mich “Loyalitäten” von Delphine de Vigan aber auch sehr beeindruckt. Nicht zu vergessen: “The Color Purple” von Alice Walker.

Welches war das schlechteste Buch, das du 2019 gelesen hast?

Berit Glanz: Es gab einige, die ich rasch abgebrochen habe.
Johannes Franzen: “Die Geschichte der Frau” von Feridun Zaimoglu:
Tilman Winterling: “Der Lesebegleiter” von Tobias Blumenberg war schon ausgesprochen ärgerlich. Meine jährliche Martin-Walker-Lektüre war wieder die zu erwartende Enttäuschung (freue mich schon auf 2020).
Simon Sahner: Ich habe es rechtzeitig abgebrochen, aber Edgar Rai “Im Licht der Zeit” war in jeglicher Hinsicht schlimm.
Tilman Winterling: Da fällt mir ein, ich höre gerade so einen Krimi als Hörbuch “Todesfrist” von Andreas Gruber, das ist auch wirklich ausgemachter Quatsch – nebenher spiele ich Fifa 20 auf der Playstation und bin momentan mit dem SC Freiburg ganz gut in der Champions League dabei, was ich wiederum nicht auf den Krimi zurückführe.
Matthias Warkus: Ich habe mich ziemlich geärgert über das neue Buch von Anke Stelling und über »Proleten, Pöbel, Parasiten« von Christian Baron. Würde ich aber beide nicht direkt »schlecht« nennen.
Samuel Hamen: Axel Milberg: Düsternbrook

Das überflüssigste Buch 2019 war?

Johannes Franzen: Ulrich Tukurs neuer Roman stellvertretend für alle Romane von Promis, die die Verlage als große Titel in ihre Programme gehievt haben. Stop doing that.
Berit Glanz: Ich bin kein Fan von all den Selbstoptimierungsratgebern, aber zu faul da jetzt einen Titel zu nennen.
Matthias Warkus: Michael Winterhoff, »Deutschland verdummt«. Man muss es gar nicht gelesen zu haben, um das zu wissen.
Tilman Winterling: Diese “Lesebegleiter”-Bücher, für die “Der Lesebegleiter” stellvertretend steht: was soll das? einen traditionellen Kanon, der schon 5.400 mal durchexerziert wurde, nochmal und nochmal wiederkäuen – bitte neue Perspektiven oder einfach lassen.
Simon Saher: Solange Martin Walser noch alte Notizzettel zu veröffentlichen hat, wird dafür jedes Jahr wieder Papier verschwendet werden. Überflüssig waren aber auch wieder einige Bücher, bei denen man merkte, dass der Autor Kumpels in einem Verlag hat, weswegen der Nostalgieflash dann veröffentlicht wurde.
Tilman Winterling: Man sollte eigentlich noch viel mehr Promiromane verlegen, es gibt doch mit Sicherheit noch paar so komisch Fernsehhanseln, die noch auf etwas brüten. So Menschen, die auf einer Party sagen “Ich schreibe ja auch!”, dann wackeln sie ein bisschen rum und “naja, eine Kurzgeschichte (2 Seiten) und einen Romananfang (2 Seiten)” – da wird man noch was drauszaubern können. Ich erstelle mal eine Liste von Leuten, die sollten:

  • Beckmann (saunachdenklich, bisschen kritisch, bisschen politisch, eigentlich Punk)
  • JB Kerner (kumpelig, kernig!)
  • Barbara Schöneberger (freches Frauenbuch)
  • Horst Lichter (kölscher Krimi)

Dabei fällt mir ein, man könnte das auch mit Influencern machen. Welcher Roman wohl in Bibi schlummert?!
Samuel Hamen: Wolfgang Joop: “Die einzig mögliche Zeit”.
Peter Hintz: Das Jahrzehnt, das mit “Deutschland schafft sich ab” von Thilo Sarrazin begann, endet mit “Erst die Fakten, dann die Moral!” von Boris Palmer. Passt. Leider.
Elif Kavadar: “Stella” von Takis Würger hat ziemlich viel von dem vereint, was an der Literaturbranche fragwürdig ist. Hätte nicht sein müssen, das Buch.

Welches war die interessanteste Feuilleton-Debatte/der interessanteste Feuilleton-Artikel des Jahres?

Johannes Franzen: How to choose. Es war eine reiche Ernte dieses Jahr! Aber ich sage: Immer noch die Kontroverse um “Stella” von Takis Würger
Tilman Winterling: Es gibt keine interessanten Feuilletondebatten. An der “Stella”-Debatte hat mich durchaus interessiert, dass dieser Furor noch möglich ist, ein Buch so aufregen kann – das ist an sich ja wirklich erfreulich.
Berit Glanz: Ich habe aus einigen Beiträgen zur Debatte um ”Stella” und zu der Nobelpreisverleihung an Peter Handke viel gelernt. Ansonsten gab es viele interessante Feuilleton-Artikel in diesem Jahr.
Simon Sahner: Am wichtigsten war wahrscheinlich wirklich die Debatte um “Stella”, interessant fand ich aber auch die Diskussion um Karen Köhlers “Miroloi”, die war vor allem entlarvend. Was da an fragwürdigen Dingen gesagt wurde, war schon beeindruckend.
Matthias Warkus: Tatsächlich interessant fand ich die Debatte um Antisemitismus und Architektur, die sich an dem antisemitischen Ezra-Pound-Zitat, das Hans Kollhoff an seinem Walter-Benjamin-Platz in Berlin untergebracht hat, entsponnen hat.
Samuel Hamen: Ich würde Frage 4 & 5 so beantworten wollen: Die Debatte, die nicht im ausreichenden Maß geführt wurde, gilt der Distributionsproblematik, mit der die Branche zu kämpfen hat. Also: Das Barsortiment bei den Großhändlern ist teils dramatisch geschrumpft, die Händler klagen über immer kleinere Margen, die Verlage darüber, dass ein Teil ihres Programms nicht mehr in Umlauf gebracht wird. Das Feuilleton widmet sich (zurecht) ästhetischen Fragestellungen, aber diese strukturelle Facette, die das Lesen und Schreiben ebenfalls stark beeinflusst, bleibt größtenteils außen vor – vielleicht weil sie sich nicht so hübsch / hyperklug in vergeistigter Form verhandeln lässt. Mittel- und langfristig wird sich dieses Strukturdefizit vielleicht stärker auf die literarische Vitalität auswirken als der neue schlechte Würger, der sicherlich gerade in der Mache ist und auf den sich die gesammelten Feuilletonistas- und -os mit Sicherheit stürzen werden.
Peter Hintz: Die das ganze Jahr andauernde Kanonisierungs- und Dekanonisierungsdebatte, die anhand verschiedener Schriftsteller*innen ausgetragen wurde (von Hölderlin bis zum #vorschauenzählen), habe ich mit großem Interesse verfolgt. Außerdem die vielen Faktualitäts- und Fiktionalitätsdebatten (Stella, Relotius, Hingst, Handke).
Elif Kavadar: Auch “Stella” und Handke, wobei ich die Debatten nicht interessant fand, sondern ärgerlich. Beiden Debatten liegt ähnliches zugrunde (Privilegien und das Nicht-Abgeben-Wollen von Definitionsmacht). Still a long way to go.

Welches war die überflüssigste Feuilleton-Debatte/der überflüssigste Feuilleton-Artikel des Jahres? Welches war die Feuilleton-Debatte, die am weitesten vom wirklichen Leser entfernt war?

Johannes Franzen: Nach dem fünften empörten Artikel über Petra Hartliebs Buchpreis-Bericht hat sich zumindest bei mir eine gewisse Ermüdung eingestellt.
Tilman Winterling: Feuilleton-Debatten sind per definitionem vom wirklichen Leser entfernt. (Als Aussage von mir natürlich Müll, weil das auch nur Öl ins Feuer dieses platten, ewigen “Feuilleton ist am Leser vorbei” ist; daher nehme ich es wieder zurück.)
Berit Glanz: Ich bin keine Freundin der Twitter-vs.-Feuilleton-Beiträge, dazu gab es ja in den letzten Monaten einiges. Auch die wiederholt aufgekochten Beiträge zu Identitätspolitik / Political Correctness / Kulturverfall fand ich sehr ermüdend und ärgerlich.
Matthias Warkus: Am überflüssigsten sind jedes Jahr die FAZ-Beiträge, in denen sich gealterte Professoren darüber echauffieren, wie dumm die Studierenden seit Neuestem wieder seien.
Simon Sahner: Jeder Artikel, der zum gefühlt 1000. mal die Fahne der Freiheit gegen scheinbare Sprachverbote schwenkt.
Elif Kavadar: Was Berit sagt. Und dieser eine Text von Martenstein übers Sensitivity Reading. Generell alle Texte von alten Männern, die in großen Zeitungen von Zensur sprechen.

Das beste/schlechteste lektürebegleitende Lebensmittel 2019?

Matthias Warkus: Salatherzen. Einfach mit Vinaigrette aus der Hand essen! Spart Zeit und Schüsseln!
Tilman Winterling: Ich hab 2019 durchaus eine beachtliche Zahl an Nüssen gegessen. Das soll sehr gesund sein, kleckert nicht – aber ich habe diese irrationale Angst vor Mandeln mit Blausäure. Wahrscheinlichster Tod von mir: selbst vergiftet mit blausäurehaltigen Mandeln beim Lesen.
Berit Glanz: Dominosteine, Lakritz, Käsebrote sind gut. Passen auch alle prima zu den vielen Bechern Kaffee, die meine Lektüren immer begleiten.
Simon Sahner: Mandeln sind ein Kindheitstrauma von mir, weil meine Mutter immer sagte, ich solle nicht so viel davon essen, wegen der Blausäure…einem Kind sagen, in etwas, das es gerne isst, sei eine Säure. Ich glaube, ich habe viel Sellerie gegessen dieses Jahr und Ingwer literweise getrunken.
Tilman Winterling: Ich würde da auch mit dem Finger auf meine Mutter zeigen wollen, die ich im übrigen sehr, sehr schätze!
Johannes Franzen: Man isst nicht beim Lesen!
Samuel Hamen: gut: die katastrophal misslungenen Kekse, die Kinder befreundeter Eltern mit ihren Tollpatschhänden backen – sie sind viel zu fest, krümeln also nicht und schmecken nach so wenig, dass die Textaufmerksamkeit nicht gestört wird. Schlecht: die gut gebackenen Kekse der Streberkinder – zu viel Marmelade, zu viele Krümel, zu viel Ablenkung.
Peter Hintz: Eigentlich kann man alles außer Lakritz essen.
Berit Glanz: Das ist leider falsch, Peter.
Elif Kavadar: Was Berit sagt (generell ist das eine gute Lebensdevise). Und Sonnenblumenkerne.

Berit Glanz: Vielleicht sollten wir “54Books & 54Snacks” als Kochbuch schreiben.

Der unnötigste sachliche Fehler in einem Artikel/Buch im Jahr 2019 war….?

Tilman Winterling: Ich will hier nur reinschreiben, dass Matthias immer so schöne Fehler findet. Mir fallen die ja gar nicht auf.
Matthias Warkus: Auf Befragen fallen mir natürlich keine ein.
Tilman Winterling: Sicher?
Berit Glanz: Fehler in eigenen Texten ärgern mich am meisten, bei anderen bin ich recht nachsichtig.
Matthias Warkus: OK, Tilman, dann sag ich halt: die atemberaubend, unverfroren, hirnschüttelnd miserabel falsche französischsprachige Passage in Takis Würgers »Stella«. Die ist symptomatisch für so vieles.

Ulkigste Äußerung einer Person des öffentlichen Lebens zum Buchmarkt 2019?

Tilman Winterling: Richtig super finde ich, dass jeder Verlag, der groß posaunte “WIR LASSEN DIE FOLIE WEG!” eine Meldung in sämtlichen Branchenblättchen wert war.
Berit Glanz: Tilman, ich finde das mit der Folie gut.
Johannes Franzen: Also, dass Denis Scheck gesagt haben soll, durch den Nobelpreis für Handke habe die “politische Korrektheit” eine “krachende Ohrfeige” erhalten, hat mir zumindest ein gequältes Schmunzeln abgerungen. Vor allem, wenn man bedenkt, was für einen Ohrfeigenhagel es danach setzte.
Peter Hintz: Stimme Johannes zu.
Matthias Warkus: Da fällt mir tatsächlich nichts Konkretes ein.
Samuel Hamen: Dass Twitter das Ende des Denkens bedeutet, dass die Plattform anti-literarisch ist und so weiter und so fort.
Berit Glanz: Einige Aussagen von Bildungsministerin Anja Karliczek zu den schlechten Lesekompetenzergebnissen der Pisa-Studie fand ich ärgerlich, weil sie nicht am zentralen Punkt ansetzen, dass sehr viel mehr Geld in das Bildungssystem investiert werden muss. Ist das überhaupt noch Buchmarkt? Im weitesten Sinne schon, oder?

Hast du 2019 ein Buch wiedergelesen oder wiederentdeckt?

Matthias Warkus: Einige. U.a. John Keegan, »The Face of Battle« – wenn man im Leben nur ein einziges Buch über Militärgeschichte liest, dann bitte dieses.
Simon Sahner: Joan Didions Essays. In die hatte ich mit 18/19 mal reingelesen und fand sie langweilig, dieses Jahr hab ich “The White Album” gelesen und war begeistert.
Berit Glanz: Karin Boye “Kallocain” habe ich wiedergelesen und sehr gemocht.
Johannes Franzen: Anlässlich der vielen Preisskandale in diesem Jahr habe ich Edward St. Aubyns supervergnügliche Satire “Lost for Words” wieder als Hörbuch gehört.
Samuel Hamen: Die “Pariser Briefe” des luxemburgischen Schriftstellers Frantz Clément, der zwischen 1924 und 1933 in Paris lebte und Freund*innen zuhause von allem und nichts berichtete: von der Einsamkeit des Exilierten, von dem Pochen der Metropole, von der Sehnsucht nach einem Heimatgefühl abseits extremistischer / exkludierender Konnotationen. Auch, etwas jünger: Thomas Stangls “Der einzige Ort”.
Peter Hintz: Die neue Susan-Sontag-Biografie von Benjamin Moser kann ich nur mit Vorbehalten empfehlen, die Essays von Sontag (z.B. die Sammlung “Against Interpretation”) sind aber immer wieder eine Lektüre wert.
Elif Kavadar: Äh, ich habe wieder “Harry Potter und die Heiligtümer des Todes” gelesen/gehört und entschieden, dass ich die Bücher immer noch sehr mag, J.K. Rowling aber so gar nicht.

Hat sich 2019 dein Leseverhalten verändert?

Tilman Winterling: Hab mir immer noch keinen eReader gekauft. Aber z.B. das digitale SZ Abo verlängert, weil mich Zeitungsformat (als das Format von Zeitungen, nicht das Format Zeitung) schon immer genervt hat. Wahrscheinlich habe ich insgesamt ein bisschen weniger gelesen.
Simon Sahner: Ich glaube dieses Jahr war das erste Jahr, in dem ich mehr Literatur, die von Frauen geschrieben wurde, gelesen habe und ich glaube, ich habe vieles gezielter gelesen, im Sinne von “Das ist wichtig, das sollte ich lesen.”
Johannes Franzen: Es stellt sich heraus, dass mehr Arbeit mit weniger Lesen einhergeht, was ziemlich traurig ist, wenn dein Beruf eigentlich das Lesen ist.
Matthias Warkus: Ich habe endgültig beschlossen, dass es okay ist, mehr Bücher zu kaufen als man dann auch liest.
Samuel Hamen: Nein, ich lese vielleicht öfters schlecht abfotografierte JPEG-Handyfoto-Texte, das macht sehr wenig Spaß.
Berit Glanz: In diesem Jahr habe ich viel geschrieben und hatte dadurch etwas weniger Zeit zum Lesen. Das frustriert mich manchmal. Ich lese momentan vermehrt lange Artikel (“Longreads”) in Zeitschriften und online, dadurch lese ich wahrscheinlich etwas weniger Romane.
Elif Kavadar: So sehr wie noch nie. Ich habe viel, viel weniger gelesen (was schade ist), mich dafür aber viel bewusster damit beschäftigt, was mich wirklich interessiert und weitaus mehr Sachbücher gekauft und gelesen als je zuvor. Außerdem habe ich mein Regal radikal aussortiert und besitze im Vergleich zu vorher kaum mehr Bücher, was irgendwie sehr befreiend, früher aber undenkbar gewesen wäre.

Welcher Indie-Verlag hat 2019 immer noch zu wenig Aufmerksamkeit erhalten?

Tilman Winterling: Auf der einen Seite will man immer sagen “alle Indie Verlage”, andererseits ist auch dieses ewige Lobhudeln falsch, es gibt doch auch Indies, die fürchterlichen Quatsch machen, für die Entscheidung, ob man Quatschbücher verlegt, ist es völlig unabhängig ab man “abhängig” oder “unabhängig” ist. Und trotzdem: ganz viele bekommen zu wenig Aufmerksamkeit und jedes Jahr kann man sagen Frohmann, Mikrotext, Weidle, Lilienfeld und viel andere, die irre gutes Zeug abseits des Mainstream machen.
Simon Sahner: Letztes Jahr habe ich Frohmann-Verlag gesagt, das gilt natürlich immer noch, aber dieses Jahr ist mir dank Sina Kamala Kaufmanns “Helle Materie” vor allem Mikrotext aufgefallen.
Johannes Franzen: Verbrecher (Es war schon reichlich, aber es könnte noch mehr sein.)
Matthias Warkus: Was Johannes sagt, denke ich mal.
Berit Glanz: Ich bin Fan von Reprodukt, die können meiner Meinung nach immer mehr Aufmerksamkeit bekommen. In diesem Jahr habe ich versucht mehr Bilderbücher aus unabhängigen Verlagen zu kaufen und empfehle den Kullerkupp Verlag und Baobab Books, die haben tolle Bücher im Programm.

Welcher literarische Trend wird 2020 vorherrschen?

Matthias Warkus: Der Trend zum irgendwie mit Sex und fahrlässigen Geschichtsdeutungen vollgestopften Dickbuch aus außerliterarisch bekannter Feder (»Tatortkommissarroman«) wird sich sicherlich weiter verstärken.
Tilman Winterling: Trends sind einfach richtig geil. Ist Waldbaden schon wieder durch? Neulich hat eine Kollegin – die nicht wusste, dass ich sie höre – zu einem anderen Kollegen gesagt: “Tilman macht das schon, der ist Narzisst.” War bestimmt fürchterlich lieb gemeint, seitdem sehe ich überall Bücher über Narzissten. Ansonsten sollte man mehr Bücher über Leute machen, die gar nichts zu erzählen haben und ihnen dann Raum geben, damit sie den großen Roman, der bestimmt in ihnen schlummert, endlich schreiben können.
Simon Sahner: Ich denke das essayistische Selbsterzählen, Personal Essays werden noch stärker in den Fokus rücken und Autofiktion scheint ja immer weiter auf dem Vormarsch zu sein. Generell eine Stärkung faktualer oder autofiktionaler literarischer Texte. Das fände ich auch persönliche keine schlechte Entwicklung.
Samuel Hamen: ganz grundsätzlich Romane, die es sich konsequent mit vielem zu einfach machen, mit ihren Szenarien (einfalls- und hilflose Dystopien werden sicherlich zuhauf kommen), mit ihrer immunisierenden “Wokeness”, mit ihrer Medienkritik, mit ihren einfältigen Geschichtsbildern und Gesellschaftsdiagnosen, mit ihren antimodernen Ressentiments, die als legitime Einwände verschnürt werden, also eigentlich mit allem. Sobald die Texte ahnen, dem sog. Zeitgeist auf der Spur zu sein, wirds gefährlich / öde / vorhersehbar.
Berit Glanz: Der Sachbuchboom wird weiter um sich greifen und wahrscheinlich auch zu noch mehr schnell zusammengeschusterten Debattenbüchern führen.
Elif Kavadar: True Crime wird 2020 einen Höhepunkt erreichen, glaube ich.

Auf welche Neuerscheinung 2020 freust du dich besonders?

Tilman Winterling: Der neue Martin Walker Krimi! Freue mich sehr auf Katharina Herrmanns “Dichterinnen und Denkerinnen”.
Simon Sahner: Ich bin sehr gespannt auf Olivia Wenzels “1000 Serpentinen Angst”, Sarah Bergers neues Buch und auf Sjón “CoDex 1962”.
Tilman Winterling: Ich freue mich auf alle hochgejazzten Debüts, die mehr als 150k Vorschuss bekommen haben.
Matthias Warkus: Ist es sehr schlimm, überhaupt nicht zu wissen, was 2020 Wichtiges rauskommt?
Samuel Hamen: Schimpft mich Fanboy, stempelt mich als Badminton-Simplizist ab, aber: Leif Randts “Allegro Pastell”. Auf was ich mich auch freue: Valerie Fritschs “Herzklappen von Johnson & Johnson”.
Peter Hintz: “Death in Her Hands” von Ottessa Moshfegh.
Berit Glanz: Wenn man sich hier als letztes äußert, kann man den anderen nur zustimmen. Das tue ich hiermit. Ansonsten freue ich mich besonders auf eine Neuerscheinung (ich sag noch nicht welche), die im Herbstprogramm 2020 kommen wird. In den Frühjahrsprogrammen habe ich soviele spannende Bücher gesehen, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Es freut mich aber wirklich, dass nun bald auch meine deutschen Freunde “CoDex 1962” von Sjón lesen können und ich bin gespannt auf Alena Schröders Roman bei Ullstein.

Welche Neuerscheinung 2020 lässt du lieber liegen?

Simon Sahner: Das Buch, das Peter Handke hoffentlich nicht über das zweite Halbjahr 2019 schreiben wird.
Johannes Franzen: Wie jedes Jahr den neuen Walser.
Matthias Warkus: Wie jedes Jahr den neuen Winterhoff und den neuen Spitzer.
Berit Glanz: Ich lasse bei dem großen Angebot an Büchern ja zwangsläufig mehr liegen, als ich lesen kann. Momentan versuche ich noch diverser zu schauen, von mir bis jetzt übersehene Bücher von Autorinnen zu lesen und übersetzte Bücher aus kleinen Sprachen gezielt zu suchen. Liegen bleiben dann wahrscheinlich Neuerscheinungen von kanonisierten Großliteraten.

Welchen (vergessenen) Klassiker sollte man 2020 wiederlesen bzw. neulesen?

Matthias Warkus: Jetzt wo die Neuausgabe endlich raus ist, natürlich Klaus Theweleit, »Männerphantasien«. Wenn man die unzähligen Satzfehler erträgt, heißt das. Inhaltlich rentiert es sich, und das Buch ist sicher aktueller, als es je war.
Simon Sahner: “Männerphantasien” liegt schon auf meinem Nachttisch, das also auf jeden Fall. Und ich möchte es endlich schaffen “Effingers” von Gabriele Tergit zu lesen. Nach der Lektüre von Maren Lickhardts “Pop in den 20er Jahren” will ich außerdem mehr Literatur von Frauen aus der Dekade lesen.
Tilman Winterling: Gerade flippen ja alle regelrecht auf “Middlemarch” von George Eliot aus, das kann ich bestimmt auch 2020 lesen. Ich wollte echt mal Johnsons “Jahrestage” lesen.
Matthias Warkus: »Jahrestage« habe ich nach mehreren Jahren On-/Off-Dranrumlesen irgendwann im Laufe dieses Jahres abgeschlossen. Weiß gar nicht mehr genau, wann.
Tilman Winterling: Ja, irgendwas klingelte da auch bei mir. Hast Du es Dir komplett reingezogen? Sollte man das tun? Bewundere bei Johnson immer am meisten, dass er so einen unfassbar prächtigen Eierkopf hatte. Gleichzeitig diese tragische Biographie, totgesoffen in einem Haus in England, Tilman Jens bricht ein und wühlt in deinen Unterlagen – bei welchem Schriftsteller heute, stürbe er, würde jemand einbrechen, wer ist noch so groß, so wichtig, so interessant – doch wieder nur Tukur oder?
Johannes Franzen: Kein “Klassiker” in dem Sinne, aber ich trommele ja immer noch für den Erzählband “Barbara the Slut and Other People” von Lauren Holmes. Außerdem wird mir Jane Smiley im deutschsprachigen Raum zu wenig gelesen.
Matthias Warkus: »Jahrestage« lohnt sich wirklich, ich bereue keine Stunde, die ich hineingesteckt habe.
Peter Hintz: “Franziska Linkerhand” von Brigitte Reimann war nie vergessen, wird aber gerade erneut neu entdeckt, was gut ist.
Berit Glanz: Cora Sandel sollte mehr gelesen werden (“Café Krane” ist 2019 bei Verlag Freies Geistesleben & Urachhaus erschienen). Ich hoffe außerdem auf eine Neuübersetzung von Karin Boyes “Astarte.”

Von wegen Ponyhof. Über Marieke Lucas Rijnevelds Roman „Was man sät“

In der ersten Szene reibt die Mutter die vier Kinder mit Eutersalbe ein, um sie gegen den Frost zu schützen. Eutersalbe – es ist eines von vielen Wörtern, an die man sich schnell gewöhnt in Marieke Lucas Rijnevelds Roman „Was man sät“. Dazu gesellen sich noch die Samenscheune, die Holzpantinen, der Scheuerschwamm und die Silageballen. Auf den ersten Blick ließe sich das Debüt der 1991 geborenen Rijneveld, das von Helga van Beuningen aus dem Niederländischen übersetzt wurde, durchaus als Milieuschilderung rubrizieren, in der das ärmliche Bauernleben in der Provinz portraitiert wird. Aber die soziale Topographie, die hier erkundet wird, ist nicht der Primärgegenstand des Romans. Das Leben auf dem Bauernhof ist der Hintergrund, vor dem sich eine Tragödie in vielen kleinen Szenen abspielt und die mit einem totalen Ereignis ihren Lauf nimmt.

Matthies, der älteste Sohn, ertrinkt, als er beim Schlittschuhfahren im See einbricht. Die initiale Katastrophe setzt den Rahmen für die kommenden etwas mehr als dreihundert Seiten. Die strenggläubigen Eltern versinken in Gram, den die 10-jährige Ich-Erzählerin ratlos und verängstigt festhält. Die Mutter isst nur mehr wenig und wird zum Automaten, der Dosensuppen aufwärmt und vor den Augen seiner Familie preisgibt: „Ich will sterben!“ Anschließend fegt sie die Kartoffelsprossen in den Abfalleimer für die Hühner. Der Vater arbeitet sich auf dem Hof wund: Die Kühe, die Kühe, die Kühe – alles andere gerät aus dem Blick. Und die Tochter? Sie kämpft mit Gefühlen, wie Judith Butler sie 2014 in einer Rede beschrieben hat:

“Trauer hat damit zu tun, dass man sich einer unerwünschten Transformation hingibt, wobei man weder die ganze Ausprägung noch die ganze Tragweite dieser Veränderung im Voraus erfassen kann. […] Was immer es ist, es ist nicht dem Willen unterworfen. Es ist eine Art Vernichtung. Man wird am hellichten Tag von Wellen getroffen, mitten bei der Arbeit. Und alles kommt zum Stillstand. Man taumelt, ja, stürzt.” (Hier ist das Video der Rede, auf die ich beim Lesen von “Weinen” stieß.)

„Aber sie haben doch ihren Gott!“, würde der Atheist an dieser Stelle einwenden. Beim Glauben geht’s doch gerade darum: den Tod zu deuten, ihn zu integrieren in die Praxis eines Lebens, das seinem Ende sekündlich entgegengeht. Rijnevelds Blick auf die Religion ist indes schonungslos: Denn die orthodox-calvinistische Kirche, zu der die Familie gehört, verspricht alles und hält nichts. Sie ist ein Rudiment, ein Ding wie ein Blinddarm, dem irgendwann mal eine Funktion zukam, die es indes längst eingebüßt hat. So schleppen die Eltern ihren Glauben als Mühsal mit sich herum und finden statt einer Antwort ein restriktives Weltbild, dem sie ihre Kinder unterwerfen.

Trauer und Stagnation

In das familiäre Leid treten die pubertären Nöte der Geschwister. Ein Verhältnis zum eigenen Körper, das auf aufrichtiger Lust beruht, ist ihnen nicht vergönnt. Alles ist Schuld und Scham und Schande. Bibelzitate über den Zorn Gottes ploppen wie Anti-Virus-Warnungen immer dann im Kopf der Erzählerin auf, wenn sie meint, etwas Unrechtes zu tun, zu spüren oder zu denken. Zugleich ist den drei Kindern die Neugierde nicht auszutreiben. Aber auf diesem Bauernhof der hilflosen Rigidität wird sie ausschließlich im perversen Gewaltakt Realität. Wenn diese Verlassenen und Verzweifelten in einer jaucheverpesteten Scheune mit Besamungsspritzen „spielen“, ist alles möglich – außer kindlichem Spaß:

„Obbe stellt sich auf einen umgedrehten Futterimer, so dass er besser drankommt, zielt mit dem Besamungsgerät zwischen Belles Pobacken und schiebt das kalte Metall ohne Vorwarnung in sie rein. Sie schreit auf wie ein verletztes Tier. Ich lasse vor Schreck ihre Pobacken los. „Bleib liegen“, sagt Obbe, „sonst tut es noch mehr weh.“ Tränen strömen über Belles Wangen, sie zittert am ganzen Leib.“

Die Romanstruktur ist so angelegt, dass auf den Tod des Bruders nichts mehr folgt. Die Zwangsmassenschlachtungen anlässlich der Maul-und-Klauenseuche, die den Vater an den Rand der Existenz und Verzweiflung drängen, sind nur das nachrichtliche Pendant zum totgeweihten Hofleben. Rijneveld will insgesamt keinen Parforce-Ritt durch die Trauerphasen inszenieren, wie die Psychologie sie seit den 1970er Jahren ausarbeitet: Auf Verweigerung und Ungläubigkeit folgen unkontrollierte Emotionen, die allmählich kanalisiert werden und zu Veränderungen führen. Am Ende steht ein aktualisiertes Selbstbild, der Umgang mit Tod und Verlust ist ein anderer geworden. Einen solchen Heilungsprozess verweigert die Autorin ihrer Hauptfigur. Wir werden vielmehr Zeuge einer innerlichen Stagnation, die auch zu einer Monotonie der Sprache und Szenen führt.

Hier bleibt eine Stimme stecken. Noch nach 260 Seiten steigert sich die Hauptfigur in teilweise überausgetüftelte Vergleiche über ihr Verlassen-Sein: „Ich habe vergessen, ein Eselsohr in die Seite zu machen, auf der ich war. Gäbe es nur jemanden, der das bei mir macht, damit ich weiß, wo ich bin und von wo aus ich meine Geschichte weiterleben muss.“ Nicht nur hier äußert sich weniger eine kindliche Figur als vielmehr eine Autorin, die einen ihrer vielen, vielen Einfälle unterbringen möchte. Selbst wenn wir der kindlichen Protagonisten zugestehen, im Laufe der Seiten eine Intelligenz der Trauer auszubilden, die sie zu kühnen Bildern animiert, bleibt ein Überschuss an symbolischer Prägnanz und Erwachsenen-Imagination. Immer mal wieder klemmt etwas; besonders wenn auf einer Seite zwei, drei solcher Bilder aufeinanderfolgen, offenbart sich dieser Kniff des Unterjubelns.

Wenn die Systeme scheitern

„Was man sät“ vermag dennoch zu überzeugen, weil es sich keinen fadenscheinigen Optimismus zugesteht. Sein humanistisches Commitment entfaltet der Roman dadurch, dass er seiner Heldin in die Kälte ihrer Gedanken folgt. Er nimmt ihre mal kindliche, mal kindische Verzweiflung ernst. Denn ihrer Armut, sei sie gedanklicher, inte oder materieller Art, kann die Erzählerin nicht entfliehen. Da hilft auch der Cheat nichts, den sie ihrem sadistisch-manipulativen Bruder entlockt, um ihren Figuren im Computerspiel The Sims mehr Geld zuzuschustern. (Er gibt ihr eh den falschen Code.)

Im Gegensatz zu ihrem Bruder Obbe kann die Ich-Erzählerin sich auch in keine Geschlechterschablonen flüchten. Während er sich zum Ende hin auf Dorffesten besäuft, erste sexuelle Erfahrungen sammelt und sich Chauvinismus und Machismus als Rüstung zulegt, bietet sich für sie keine vergleichbare Methode des Klarkommens. Judith Butlers Frage, ob denn “in der Fähigkeit zu trauern” nicht eventuell eine “Quelle der Gewaltlosigkeit” zu finden sei, die dabei helfe, “bei dem unerträglichen Verlust auszuharren, ohne ihn in Zerstörung umzuwandeln”, beantwortet Rijneveld mit der dunkelsten aller möglichen Antworten. Die Eutersalbe, die die Mutter anfangs auftrug, hält die Kälte auf den letzten gespenstischen Seiten nicht mehr ab, eine Kälte, die dann Einzug hält, wenn alle Systeme scheitern, die ein Leben zusammenhalten sollten.

Flâneur am rechten Rand

Nachdem die Vergabe des Literaturnobelpreises an Peter Handke verkündet worden war, übermittelte die Antaios-Lektorin Ellen Kositza auf Twitter die begeisterte Zustimmung ihres Ehemanns, des Antaios-Verlegers Götz Kubitschek: Per Shelfie zeigte sie die einigermaßen umfangreiche Handke-Sektion des Burgbücherschranks. Tatsächlich hatte Kubitschek, der seit einigen Jahren einem breiten Publikum am besten für seinen Speiseplan und seine Funktion als Ideologe von AfD und Identitärer Bewegung bekannt ist, Handke bereits 2012 als Teil des „Lektürekanons rechter Leser“ (Sezession 45/2011) bezeichnet. Literatur spielt für eine Gruppe, die sich vom Mainstream wahlweise als kulturell enthoben oder eingebunden verstehen will, schließlich keine ganz triviale Rolle.

Doch warum Handke? Zunächst haben die Schnellrodaer Selbstdarsteller*innen die Angewohnheit, ihrer eigenen Marke Publizität zu verschaffen, indem sie sie gebeten (Uwe Tellkamp) oder wahrscheinlich ungebeten (Eugen Ruge) mit etablierten Namen aus dem Kultur- und Literaturbetrieb verknüpfen. Handke ist dabei aufgrund seiner geschichtsrevisionistischen Haltung zum Völkermord im ehemaligen Jugoslawien eine Figur, die sich ähnliche Kritiker*innen wie Kubitschek gemacht hat – Kritiker*innen, die einem positivem Bezug auf Rassismus und Nationalismus weder zustimmen und denen diese Haltung auch nicht egal ist, nur weil sie sich nicht von angeblich kontextbefreiter Ästhetik ablenken lassen.

Betrachtet man Handkes eigene Jugoslawien-Interventionen, so wird deutlich, dass eine Nähe zur europäischen radikalen Rechten nicht rein zufällig ist. Wie bereits von FAZ und besonders eindrucksvoll von Alida Bremer im Perlentaucher berichtet, gab Handke noch 2011 dem verschwörungstheoretischen Magazin Ketzerbriefe ein Interview, in dem er die Opfer des Massenmords von Srebrenica verhöhnte. Wie weiter zurückliegende Äußerungen Handkes in einschlägigen Publikationen zeigen, hat eine Nähe zu rechten Extremisten bei ihm Tradition. Als Teil seiner Unterstützung Serbiens im Kosovokrieg war Handke 1999 einer der Unterzeichner einer Querfront-“Antikriegspetition” des Gründervaters des intellektuellen Nachkriegsrechtsradikalismus in Europa, des französischen Philosophen Alain de Benoist. Die Erklärung sprach sich unter anderem gegen das “erste Bombardement eines souveränen europäischen Staates durch eine amerikanische Militärallianz” seit dem Zweiten Weltkrieg aus und solidarisierte sich gleich auch noch mit den Palästinensern. Unter den Unterzeichnern fanden sich neben Handke die Schriftsteller Jean Raspail (“Das Heerlager der Heiligen”) und Guillaume Faye (“Ethnische Apokalypse: Der kommende europäische Bürgerkrieg”), sowie viele andere französische, deutsche und amerikanische Autoren aus dem ganzen neurechten, rassistischen Spektrum.

Während andere prominente Unterzeichner, denen der Inhalt des Aufrufs wohl nicht unangenehm genug gewesen war, ihre Unterschrift zurückzogen, als die Initiatoren und Mitunterzeichner noch offensichtlicher geworden waren, geht Handkes Verbindung zur französischen Nouvelle Droite weiter zurück. Bereits 1996, auf der Höhe des Skandals um Handkes Jugoslawien-Reportagen, erschien sowohl in der deutschen Zeitschrift Novo (Nr. 22/1996, wiederveröffentlicht von Suhrkamp) als auch in französischer Übersetzung im Theorieorgan Alain de Benoists, der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Éléments pour la civilisation européenne (Nr. 86/1996, wiederveröffentlicht in Nr. 149/2013), ein Interview mit Handke. Ganz im Duktus der heutigen Lügenpresse-Rufer erzählt Handke darin dem Novo-Chefredakteur Thomas Deichmann (später als Beistand des Kriegsverbrechers Duško Tadić und noch später als “Klimaskeptiker” bekannt), dass die “Medien […] eine Art Viertes Reich bilden” würden, in dem “im Vergleich zum Tausendjährigen Reich, das nur zwölf Jahre gedauert hat, überhaupt kein Ende abzusehen” sei.

Handke kann behaupten, von diesen Assoziationen mit europäischen Faschisten nichts gewusst zu haben, nichts autorisiert zu haben, nicht für das Handeln seiner Fans verantwortlich zu sein. Aber Nichtwissen hat bei ihm Tradition, und das, was er unterschrieben und gesagt hat, spricht für ihn selbst.