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Den Schuttberg erklimmen. Über Heinz Helles Roman „Die Überwindung der Schwerkraft“

„In diesem Augenblick erkannte A. wohl,
daß er die Welt nie in den Griff bekommen würde.“
(Paul Auster, Die Erfindung der Einsamkeit)

Der große Bruder in Heinz Helles Die Überwindung der Schwerkraft hätte das Zeug gehabt, ein berüchtigter Dozent an einem Schreibinstitut zu werden, in Biel, Wien oder Leipzig. Jedenfalls gibt er im Laufe eines Kneipenabends mit seinem jüngeren Bruder so manche Schriftstellerweisheit von sich:

„Ich habe immer versucht, die Erzählung zu finden, die davon handelt, wie gut es mir geht.“

„Es ist egal, wie sehr du einen Menschen liebst, wenn du ihn lange und genau genug ansiehst und dir dabei vorsagst, was du siehst, wird er verschwinden hinter den Wörtern, die du aus ihm machst.“

„Wie kann man auf eine interessante Weise davon erzählen, dass es noch viel dazwischen gibt, wie sollen wir das beschreiben, wie rühmen, wie kriegen wir es verdammt noch mal hin, dass wir uns endlich zu Hause fühlen, in dem großen, langweiligen, langen, bunten, unermesslichen Raum zwischen der Einsamkeit und dem Krieg?“

Aber die ersehnte Erzählung über das eigene gute Leben wird ausbleiben. Der gemeinsam verbrachte Abend in München, der Helle als erzählerisches Grundgerüst dient, wird das letzte geschwisterliche Treffen sein. Der große Bruder wird am Alkohol zugrunde gehen. Im Rückblick will der Erzähler, der unschwer als autofiktionales Pendant von Helle auszumachen ist, die Beziehung verstehen – und das heißt für ihn automatisch: literarisch erkunden. Dabei bleibt der biographische Bezug dezent und unaufdringlich. Er wird nicht als koketter voyeuristischer Kniff ausgespielt, sondern als Modus der Aufrichtigkeit begriffen: Hier spricht jemand von einem ungleichen Geschwisterpaar und meint damit nicht nur, aber eben auch sich selbst.

Der Große, das zeigen die Gespräche, an die sich der Kleine erinnert, ist wie ein Magnet, an dem alle möglichen Diskursspäne haften blieben, die unzähligen Wörter, Bilder und Videos, die uns umgeben. Der ganze Schrott dieser mühsamen medialen Jahre wird ihm zum Lebensthema, bis er der Sache überdrüssig wird. Das letzte Treffen arbeitet Helle als eine Art Protokoll auf, um diesen immer erratisch auftretenden Menschen zu portraitieren. Dabei kommt die posthume Entdistanzierung nicht ohne Pathos aus, schließlich schreibt hier jemand „mit dem zutiefst menschlichen Ziel, das jeder Austausch von Zeichen hat, der Erzeugung von Nähe“.

Auf einer ersten Stufe ist Die Überwindung der Schwerkraft als unaufdringliche und einfühlsame Beschreibung eines brüderlichen Verhältnisses zu lesen. Wie nah können sich die Zwei sein? Und ist eine Annäherung an den Vater möglich, von dem der Erzähler sagt, er habe „schlicht keine Sprache […] für Unterhaltungen mit ihm, in denen wir nicht einer Meinung sind, mein Vokabular ist nicht dafür geeignet, ihm zu widersprechen“?

Auf einer zweiten Ebene, die Helle nach und nach geschickt in die erste hineinmontiert, wird Die Überwindung der Schwerkraft zu einer sprachtheoretischen Schrift. Helle geht es dabei auch und besonders um das eigene Schreibhandwerk und die „Frage nach der Möglichkeit, mit Worten Einfluss zu nehmen auf das Leben“. Zugleich wird deren Umkehrung mitverhandelt: wie das Leben Einfluss nimmt auf die Worte. Solchen sprachphilosophischen Überlegungen widmet sich auch der Bruder, der jahrelang an einer Doktorarbeit gesessen hat, in der er sich dem Zusammenhang zwischen den Namen militärischer Operationen und derem Gelingen widmete. Dazu gehört auch die Operation Gomorrha, anlässlich der die Alliierten Hamburg im Juli und August 1942 massiv bombardierten. Bei seinen Recherchen stößt er, so erzählt er es seinem kleinen Bruder, auf eine „völlig neue, kategorial andere Schilderung“ der militärischen Operation:

„Das ebenso Merkwürdige wie Aufwühlende und später dann Beängstigende an seiner neuartigen Schilderung jener Luftangriffe sei die beinahe obszöne Poesie gewesen, in der das Unvorstellbare, das mein Bruder bis dahin immer nur mithilfe von isolierten Zahlen und Bildern, Statistiken, Augenzeugenberichten und technischen Daten versucht hatte bruchstückhaft zu imaginieren, plötzlich zu einer einheitlichen, zusammenhängenden Erfahrung wurde. Und obwohl ihm natürlich klar gewesen sei, dass seine Erfahrung der ruhigen, rhythmischen Prosa des Sprachforschers nicht viel mit der Erfahrung eines Bombenangriffs zu tun hatte, außer der Verarbeitung verschiedener Begriffe, die Dinge bezeichnen, die bei einem Bombenangriff von Bedeutung sind, war etwas in ihm überzeugt, dass es dem Autor, obwohl er selbst gar nicht dabei gewesen war, dennoch gelungen sei, einen kleinen Teil des echten Schreckens der Stadt Hamburg in Buchstaben zu konservieren und somit dazu beizutragen, dass dieser Schrecken niemals zu Ende ging.“

Einer, „der wirklich sich umsah“

Mit seiner Überwindung aktualisiert Helle eine Intervention von W. G. Sebald aus dem Jahr 1997. Damals hatte Sebald in Zürich in zwei Vorlesungen die These vorgebracht, die meisten deutschen Nachkriegsschriftsteller*innen seien daran gescheitert, die Bombennächte von Hamburg zu literarisieren: „Außer Heinrich Böll haben nur wenige andere Autoren wie Hermann Kasack, Hans Erich Nossack, Arno Schmidt und Peter de Mendelssohn es gewagt, an das über die äußere und innere Zerstörung verhängte Tabu zu rühren, zumeist freilich, wie noch zu zeigen sein wird, auf eine eher fragwürdige Weise.“

Dieses Scheitern an der Handhabung einer exzessiv erfahrenen Welt überträgt Helle ins digitale 21. Jahrhundert. (Um Vergleichbarkeit bzw. historische Analogisierung geht es ihm dabei nicht, sondern um die Aktualisierung der Frage, wie sich Leid und Schmerz künstlerisch bannen lassen.) Konsequenterweise lässt er sein Bruderpaar denn auch auf den Münchner Olympiaberg hochkraxeln, einem nach 1945 aufgeschütteten Hügel aus Weltkriegstrümmern. Sie besteigen gewissermaßen den Schuttberg, von dem bei Sebald zwanzig Jahre zuvor die Rede war. In der ersten Vorlesung hatte dieser gleich zu Beginn vom „Versagen vor der Gewalt der aus unseren ordnungswütigen Köpfen entstandenen absoluten Kontingenz“ gesprochen.

Bei Helle wiederum ist die Rede von „eine[r] Menge des Grauens, endlich und abzählbar, ohne Sinn oder Syntax“. Wenige Seiten zuvor hatte sich der Bruder in eine wüste Imagination der Verbrechen des Pädophilen Dutroux hineinerzählt und ohne Halt und Hemmung aus Ermittlungsakten zitiert, die als PDF-Dokumente frei verfügbar sind. Die Keller-Verliese in der belgischen Pampa werden heraufbeschworen, ebenso die Aussagen der überlebenden Mädchen anlässlich von Polizeibefragungen. Diese Gräuel-Interna, gepaart mit einer labilen Imagination, führen auf lange Sicht zum Kollaps. Wie, so lautet die zentrale Frage des Romans, soll man durch diese grauenbehaftete Welt gehen?

Um eine Antwort zu finden, steigert sich der Bruder in ein familiäres Phantasma hinein. Eine Freundin sei von ihm schwanger, gemeinsam werde man das Kind großziehen. Die forcierte Erzählung einer Vaterschaft könnte ihn, den Verdammten, das ist die Hoffnung, womöglich doch noch retten. Nicht nur an dieser Stelle erinnert die brüderliche Gestalt an A., die (Alter-Ego-)Hauptfigur aus Paul Austers Die Erfindung der Einsamkeit: „Da die Welt ein Monstrum ist. Da die Welt einen nur zur Verzweiflung treiben kann, zu einer so umfassenden, so entschlossenen Verzweiflung, daß nichts die Tür dieses Kerkers, der Hoffnungslosigkeit heißt, zu öffnen vermag, späht A. durch das Gitter seiner Zelle und findet nur einen Gedanken, der ihm so etwas wie Trost gibt: das Bild seines Sohnes, irgendeiner Tochter, irgendeines Kindes, irgendwelcher Eltern.“ Tatsächlich sind sich beide Bücher sehr nahe, vor allem im Zoom auf intime, nie einfache familiäre Beziehungen und im Abarbeiten an den Tücken des Schreibens.

Die Doktorarbeit wird der Bruder nie beenden. Ob die Freundin überhaupt schwanger war, wird sich nicht klären. Alle Versuche, egal ob sie analytischer oder emotionaler Art waren, seinen Ort zu finden, müssen bei dieser tragischen Figur scheitern. Es lässt sich nicht gut leben in dieser Welt, vor allem für jemanden, „der wirklich sich umsah“ (Sebald). Kehlmanns lässig dahergesagtes Bonmot – „Erzählen, das bedeutet einen Bogen spannen, wo zunächst keiner ist, den Entwicklungen Struktur und Folgerichtigkeit gerade dort verleihen, wo die Wirklichkeit nichts davon bietet“ –, es nützt dem großen Bruder bei seiner Suche nach einer Erzählung, „die davon handelt, wie gut es mir geht“, in all seiner klugen Steifheit rein gar nichts. Auch deswegen ist Helles Kritik am Storytelling so überzeugend: Er setzt ihr seine eigene Schreibpraxis entgegen. Mit der Überwindung bietet er einem nämlich eine gelingende Variante zum substanzarmen Narrationsbrei. Der Text ist hochreflektiert und in seinem Rhythmus durch und durch sinnlich. Von Selbstzweifeln ständig gehemmt, kommt er doch voran. Er ist resignativ und produktiv zugleich.

Am Ende lässt Helle seinen Erzähler folgerichtig in der Schleife einer Szene feststecken, die der Bruder einst beschrieben hatte: Als er eines Morgens aus dem Fenster geschaut habe, habe er „einen Mann und sein Kind bei den Recycling-Containern auf der anderen Seite der Kreuzung stehen“ sehen; er habe beobachtet, „wie der Mann sich langsam bückte, hinunter zur Tasche vor seinen Füßen, und sich dann wieder langsam aufrichtete, sich bückte und aufrichtete, bückte und aufrichtete“.

Ebenso macht es am Ende der kleine Bruder. Es ist eine Geste, die erinnern will und zugleich hilflos ist: „Ohne die Hand meines Kindes loszulassen, beginne ich dann, den Inhalt der Tasche Stück für Stück in die dafür vorgesehenen Öffnungen fallen zu lassen, ich bücke mich, richte mich auf, bücke mich, richte mich auf, Metall zu Metall, Glas zu Glas, Papier zu Papier. Glas haben wir am liebsten.“ Es ist eine Variation auf „Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub“, eine Übung in brüderlicher Verbundenheit, ein Tribut an die wahnwitzige Erzählkunst des Verstorbenen, die man nun, nach den Worten, erneut ins Leben setzen möchte. Und die Literatur, um die es in diesem schönsten Roman von 2018 mit jedem Wort ging, ist auch eine solche Box, ist Schutz- und Zerstörbehältnis zugleich. Sie ist der Container, in den wir die Sprache schmeißen, um uns an ihr nicht wund zu schlagen: „Nach jeder Flasche warten wir eine Weile und lauschen, wie der Klang der Splitter verhallt.“

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Die Freiheit, Last und Unmöglichkeit „Ich” zu sagen – Ein Gespräch über das Schreiben zwischen Identitätsdiskursen und Buchmarkt

Ein Beitrag von Asal Dardan, Berit Glanz und Simon Sahner

Im Frühjahr 2014 startete Florian Kessler mit dem Vorabdruck eines Anthologie-Beitrags eine Debatte in der ZEIT, in der er die Zusammensetzung der Studierendenschaft an der noch jungen Schreibschule in Hildesheim und an dem bereits 1955 gegründeten Literaturinstitut in Leipzig kritisierte und die Studierenden demselben saturierten Milieu” zuordnete. Auch wenn Kessler selbst mittlerweile etwas zurückgerudert ist und seine Thesen als hölzerne Polemik” bezeichnet, so hat die als Arztsohn-Debatte bekannt gewordene Diskussion doch einigen Nachhall erzeugt, stellt sie doch konkrete Fragen nach der Diversität der Autor*innen an Schreibschulen, die als Nachwuchs wesentlich die Gegenwartsliteratur beeinflussen. Eben diese Diversitätsfrage brannte im Juli 2017 wieder auf, als zunächst am Hildesheimer Institut und anschließend  in Beiträgen auf dem Blog der Zeitschrift Merkur eine Debatte zu Sexismus an Schreibschulen begann, die in den sozialen Medien mit dem Hashtag #WriteWhatWeKnow versehen wurde. Anhand dieses Schreibschulmantras, das in zahlreichen Schreibratgebern und Leitfäden eine zentrale Position einnimmt und dementsprechend intensiv diskutiert wird, wollen wir uns zu dritt darüber austauschen, was das Paradigma, nur darüber zu schreiben, was man kennt, für Schreibende bedeutet und welche Auswirkungen es auf Literatur und Buchmarkt hat. Wir haben uns entschieden, dieses Thema als Dialog zu bearbeiten, weil wir uns sicher sind, dass auch Fragestellungen, die eine Meta-Ebene der Literatur- und Literaturbetriebskritik betreffen, am besten aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet werden. Gerade der Austausch untereinander hat erheblich zur Schärfung unserer eigenen Überlegungen beigetragen.

BERIT:
Das Verhältnis der Autor*innenbiographie zu den produzierten literarischen Texten ist im Jahr Zehn nach Knausgaard in aller Munde. Besonders in den identitätspolitisch aufgeheizten Debatten der letzten Monate müssen auch Schreibende es sich gefallen lassen, dass literarische Texte in ein Verhältnis zu ihrer Identität gesetzt werden. Dieses Verhältnis wurde in der Arztsohn-Debatte bereits implizit mitgedacht, könnte man doch auf Kesslers Feststellung eines saturierten Herkunftsmilieus der Schreibschüler*innen auch entgegnen, dass nicht nur die individuelle Identität der Schreibenden, sondern auch das Konzept eines Autors Konstrukte sind, die nicht notwendigerweise Einfluss auf die Rezeption eines Textes haben sollten. Dieser Konflikt zwischen einem identitätsorientierten und einem konstruktivistischen Zugang zu literarischen Texten wurde erst kürzlich im New Yorker diskutiert:

If it is a game, then, does it really matter who wrote it? The old literature-professor response was that authorship, like identity, is a construction, and so it doesn’t. The response of what Miller calls “the new identitarians” is that we should not accept representations of experiences that the author could not have known, and so it does. Both arguments are provocations. They should get us thinking about what we mean by things like authenticity and identity.”
(Louis Menand: Literary Hoaxes and the Ethics of Authorship.” New Yorker, 10.12.2018)

Das Schlachtfeld von Identität, Wirklichkeit, Narration, Rezeption, Authentizität, Wahrheit und dem narrativen Eigentumsrecht von Individuen und Gruppen verdient es also näher betrachtet zu werden, möchte man nicht bei einem schlichten write what you know” verharren.  

SIMON:
Es zeigt sich vor allem deutlich, dass – unabhängig von dem Grund, aus dem eine Person sich selbst oder einen Teil ihrer Identität zum literarischen Thema macht – ein gesteigertes Interesse an vermeintlich authentischen Geschichten besteht und dass es sich bei dem Wunsch nach Authentizität offenbar um ein aktuelles Paradigma des deutschsprachigen Literaturbetriebs handelt, das sich auch in einigen anderen Ländern deutlich wiederfindet. Nicht allein das Phänomen Knausgaard, der offensichtlich autofiktional schreibt – der Untertitel der deutschen Ausgabe Das autobiographische Projekt suggeriert gar eine autobiographische Lesart – sondern auch der große Erfolg, den Elena Ferrante mit ihren Romanen in den USA und Europa erfahren hat, sind ein Beispiel dafür, dass der Wunsch nach Erzählungen, die in Bezug zu ihrem*r Verfasser*in stehen, sehr groß ist. Das zeigt sich gerade bei Romanen wie denen von Ferrante, die anders als die Werke von Knausgaard nicht ganz so offensichtlich eine autofiktionale Lektüre forcieren. Doch obwohl es sich hier deutlicher um einen Roman, einen also per Definition fiktionalen Text handelt, wurde schnell die Vermutung angestellt, es handele sich um die Geschichte der Autorin, was auch damit zusammenhing, dass durch Verschleierung ihrer Identität ein großes Augenmerk auf die Identität der Verfasserin selbst gelegt wurde. Um ein letztes Beispiel zu nennen: auch der Umgang mit dem Debütroman Mit der Faust in die Welt schlagen von Lukas Rietzschel, der im Zuge der Marketingkampagne des Verlags in ein direktes Verhältnis zu seinem Roman gestellt und zum vermeintlichen Experten in der Frage zur Entstehung und Verbreitung rassistischen und neo-nazistischen Gedankenguts in den neuen Bundesländern erklärt wurde, weist auf ein Bedürfnis hin, den literarischen Text durch die Brille der Autor*innenidentität wahrzunehmen. Dieses erkennbare Suchen nach autobiographischen Hintergründen von an sich fiktionalen Texten, wird einerseits vom Literaturbetrieb dankend als Möglichkeit zur Aufmerksamkeitserzeugung aufgegriffen, und andererseits befeuert es das Entstehen von Texten, die eine solche Lesart ermöglichen.

 

Die Freiheit, Ich” zu sagen

In those days, in the late 1970s, nearly all of the children’s literature that was available in Moroccan bookstores was still in French. The characters’ names, their homes, their cities, their lives were wholly different from my own, and yet, because of my constant exposure to them, they had grown utterly familiar. These images invaded my imaginary world to such an extent that I never thought they came from an alien place. Over time, the fantasy in the books came to define normalcy, while my own reality somehow seemed foreign. Like my country, my imagination had been colonized.”
(Laila Lalami: So To Speak, World Literature Today, September 2009)

BERIT:
Diese von Simon angesprochene aktuelle häufig anzutreffende Rezeption von Romanen mit übergroßem Fokus auf die Verfasser*innen zieht einige Fragen nach sich. Im Spannungsfeld aktueller identitätspolitischer Debatten wird oft über das Eigentumsrecht von Individuen oder gesellschaftlichen Gruppen an ihrer Geschichte gesprochen, hierbei geht es vor allem darum, welches Recht Schreibende haben eine Geschichte zu erzählen. Darf beispielsweise ein deutscher Autor eine Geschichte aus der Perspektive einer syrischen Geflüchteten erzählen? Mit welchem Recht können Autor*innen die traumatischen Erlebnisse bestimmter Gesellschaftsgruppen aufgreifen und fiktional verarbeiten? In der Vergangenheit gab zu diesem Problemfeld einer möglichen narrativen Enteignung einige große Skandale. Johannes Franzen schreibt dazu:

Auch die fiktionale Verarbeitung bestimmter Stoffe unterliegt also einem Autorisierungsgebot, das nur durch biographische Betroffenheit erfüllt werden kann.”
(Johannes Franzen:
Indiskrete Fiktionen. S. 333)

Dieses Eigentumsrecht lässt sich insofern um die Forderung erweitern, dass Gruppen von Menschen, die bisher im Literaturbetrieb kaum eine Chance dazu bekamen, ihre Geschichten selbst erzählen sollten. Obwohl einige Autor*innen mit dem Verweis auf die Freiheit der Fiktion das Argument vertreten, dass beispielsweise auch ein weißer männlicher Autor aus der Perspektive einer jungen schwarzen Frau schreiben darf, denke ich, dass es ein starkes Argument dafür gibt, eine Vielfalt an Stimmen direkt zu Wort kommen zu lassen. Das Recht auch literarisch Ich” zu sagen, das Recht auf Nabelschau und auf Thematisierung der subjektiven Identität wurde ja in einem Literaturbetrieb, der lange wesentlich die Texte weißer Männer veröffentlichte und kanonisierte, großen Gesellschaftsgruppen vorenthalten.

SIMON:
Das spricht einen wichtigen Punkt an. Es geht in dieser Frage ja nicht darum, dass alle Ich” sagen, sondern darum, dass Menschen, die Gruppen angehören, die bisher wenig bis gar nicht literarisch zu Wort kamen, ihrer eigenen Geschichte eine Stimme geben. Niemand wird fordern, dass der sogenannte alte weiße Mann endlich seine Geschichte aufschreibt. Im Gegenteil, die Forderung, dass bisher kaum vernehmbare Stimmen mit ihren Erzählungen Ich” schreiben, impliziert auch eine Absage an das Ich” der weißen Männer. Ebenso ist das vermeintliche Verbot, die Perspektive anderer einzunehmen, auch – zurecht – kein ausgeglichenes. Aus dem Blickwinkel einer anderer Person zu schreiben, ist immer eine Machtgeste. Man eignet sich die Gedanken, Emotionen und die Sprache eines anderen Menschen an und äußert gleichzeitig, dass man in der Lage sei, diese adäquat wiederzugeben. Mit Blick auf die Vergangenheit ist eine solche Machtgeste eines weißen Mannes gegenüber eines Menschen, aus einer gesellschaftlich weniger privilegierten Gruppe, problematisch. Aus einer ethischen Perspektive werden damit gerade weißen Männern, also auch mir, berechtigterweise Möglichkeiten des fiktionalen Erzählens genommen – das Spektrum möglicher Geschichten aus der Feder weißer Männer wird kleiner.

ASAL:
Das Spektrum wird in der Tat kleiner, weil nun alle, also auch die weiße, männliche Stimme, die bisher als Autorität für fast alles gelten konnte, auf sich selbst und ihre Limitationen zurückgeführt werden. Das ist verständlicherweise ein schmerzlicher Prozess für den Einzelnen. Doch den Schmerz, nicht immer und überall Gehör zu finden, nicht zu jedem Thema sprechen zu dürfen oder auf das reduziert zu werden, was man ist, den kennen bisher marginalisierte Menschen nur zu gut. Nun teilen wir diesen Schmerz – das ist auch eine Geschichte, die man erzählen kann.

Niemand braucht ein Sprachrohr, stattdessen bedarf es Zugang zu einem Publikum, das hören und lesen möchte. Aber diese Geschichten müssen von jenen, deren Stimmen bisher keinen Raum fanden, auch erst einmal entdeckt werden. Sie müssen ihr eigenes Vokabular finden, neue Bilder entwerfen, andere literarische Wege einschlagen. Das Ich” findet nämlich nicht nur Ausdruck in neuen Geschichten, es muss sich eine ganze Sprache zu Eigen machen und sich von den bestehenden Narrativen befreien. Meine Geschichte lässt sich nicht erzählen wie die von Wolfgang Herrndorf, ebenso wie meine Geschichten sich nicht wie seine anhören werden. Das ist eine immense Herausforderung für die Schreibenden, ebenso wie für den Literaturbetrieb und die Leserschaft, die sich öffnen und umgewöhnen müssen. Sucht der Literaturbetrieb jedoch nur Menschen, die bestimmte neue Kriterien erfüllen, sich aber in die tradierten Marketingmuster und den etablierten Habitus drängen lassen, dann haben wir vielleicht etwas mehr Abwechslung bei den Identitätsentwürfen, aber eine Veränderung der Machtverhältnisse findet damit noch lange nicht statt. Der Markt verleibt sich ja nur zu gern Neues ein, reduziert dabei aber die Komplexität von Themen und Lebenswelten. Diese Gefahr sehe ich derzeit bei all den Büchern, die zu stark auf die Person und Biografie der Autor*innen zurückgeführt werden. Das kann man den Schreibenden nur selten vorwerfen, sie wollen schreiben, sie wollen gehört werden und sie wollen vor allem auch von etwas leben. Die Frage ist, wie viele von ihnen veröffentlicht und gelesen würden, wenn sie sich stärker widersetzten und versuchten, über etwas zu schreiben, das nicht auf den ersten Blick in ihren Gesichtern, Körpern und Biografien abgelesen werden kann.

 

Die Last, Ich” sagen zu müssen

Ein Schriftsteller, der über Dinge schreibt, die er nicht kennt, ist wie ein Stierkämpfer, der die Bewegungen macht, ohne daß ein Stier da ist.”
(William S. Burroughs über Jack Kerouac, zitiert nach Jörg Fauser: „Die Legende des Duluoz.” In: Der Strand der Städte. Gesammelte journalistische Arbeiten von 1959 – 1987, Berlin 2014, S. 391)

BERIT:
Als Saša Stanišić 2014 seinen Roman Vor dem Fest veröffentlichte, wurde er von Maxim Biller in der ZEIT für seinen antibiografischen Themenwechsel” kritisiert. Am 31. Mai 2016 begründete Biller in der taz seine Kritik folgenderweise:

Weil er keine Ahnung von der Uckermark hat – und wenn, dann nur wie ein Tourist, wie ein siebengescheiter Reiseschriftsteller. Er war natürlich richtig sauer auf mich. Es gibt immer wieder Menschen, die nach Deutschland kommen, und die wollen dann unbedingt dazugehören. Aber wenn sie älter werden, werden sie schon merken, dass das nicht funktioniert. Statt aus der Not eine Tugend zu machen, versuchen sie sozusagen ihre Gesichter weiß zu malen.”

Ich frage mich jedoch inzwischen, ob sich aus diesem Recht an der eigenen Geschichte umgekehrt auch eine Verpflichtung auf das Erzählen eben dieser Geschichten ableitet. Wenn Maxim Biller seine Kritik an Saša Stanišićs Uckermark-Roman damit begründet, dass dieser keine Ahnung von der Uckermark haben könne und stattdessen anerkennen müsse, dass er nicht dazu gehöre, dann wird eben ein Schriftsteller anhand eines sehr engen biographischen Rahmens auf eine Geschichte festgelegt und ihm so letztlich auch die Freiheit genommen, andere Geschichten zu erzählen als die eigene.

ASAL:
Kein Mensch hat bloß eine Geschichte zu erzählen und vielleicht ist jene, die er über sich selbst zu erzählen hat noch nicht einmal die beste. Billers Kritik an Stanišić besteht allerdings aus einer literarisch-ästhetischen und einer politischen Ebene, die nicht unbedingt zusammen gehören. Zum einen steht die Frage im Raum, welche Geschichten man erzählen darf und soll, wie viel von einem selbst in diesen Geschichten sein muss. Was bedeutet es schon, eine Ahnung von der Uckermark zu haben? Wie viele Tage, Jahre, Generationen muss man dort verbracht haben, um etwas über sie schreiben zu dürfen? Auch wenn ich verstehe, dass Biller sich mit seiner Kritik lange vor der Publikation von Max Czolleks Desintegriert Euch! (2018) gegen die Anpassung an die dominante Kultur wehrt, erscheint mir sein Ansatz recht deutsch, deutscher als ich es ihm zugetraut hätte. Es steckt doch schon eine extreme Mythologisierung und Romantisierung darin, so auf die Beziehung eines Menschen zu einem Ort, zu einer Herkunft, zu blicken. Und das ist die zweite Ebene der Kritik, nämlich die Frage nach der gesellschaftlichen Verortung eines Menschen, der nicht in diesem Land geboren wurde. Er spricht von Zugehörigkeit, als sei Gleichheit ihre Voraussetzung und übernimmt damit die Idee, dass das konservative Leitkultur-Wir eine Entsprechung in der Realität hätte. Aber es ist ein Konstrukt, das man eben nicht nur dadurch auflösen kann, indem man als Marginalisierte von der eigenen Marginalisierung spricht, sondern auch, wenn man wie Stanišić sagt, ich schreib mal  über eure Uckermark, weil es auch meine Uckermark ist. Es gibt einen Unterschied zwischen write what you know” und write what you are”, und der ist in dieser Frage gravierend.

BERIT:
Genau deswegen finde ich es so spannend, wenn marginalisierte Stimmen nicht nur auf die eine Geschichte festgelegt werden, für die sie mit ausreichend autobiographischem Kapital bürgen können. Wenn man für jede erzählte Geschichte biographischen Rückhalt haben muss, also qua Identität auf ein Alleinstellungsmerkmal festgelegt wird, dann wird einem eben auch der Raum genommen sich mit Fiktionen an der Realität abzuarbeiten. Vielleicht bin ich aus diesem Grund skeptisch, wenn es um die autofiktionale Bearbeitung biographischer Traumata geht, besonders dann, wenn Autor*innen aufgrund ihrer Identität auf diese Narrative festgelegt zu werden scheinen. So werden seelische Verwundungen auf ein Reservoir für literarische Bearbeitungen reduziert, begründet durch beinahe fetischisierte Vorstellungen von Authentizität und mit einem voyeuristischen Beigeschmack. Für mich kommt das überspitzt gesagt einer Art narrativer Selbstausbeutung gleich, bei der die Teilhabe am Literatur- oder Kulturbetrieb mit dem Leiden der Schreibenden legitimiert werden muss. Es liegt eine subversive Kraft darin, die eigene Geschichte erzählen zu können, nicht sprachlos bleiben zu müssen, aber was passiert, wenn man nur auf diese eine Geschichte festgelegt wird? Wird dann die Identität zu einem Korsett für das eigene Schreiben?

ASAL:
In einem sehenswerten Gespräch mit Günter Grass erzählte der erst kurz zuvor aus der DDR ausgereiste Thomas Brasch, wie deprimierend er es als Dissident und Autor finde, dass solange man die Erwartungen der Öffentlichkeit bediene, niemand sage lieber Freund, da ist der Stil nicht gut.” Ich möchte dir also zustimmen, nicht zuletzt weil ich immer wieder merke, wie mir dieses Korsett angelegt wird oder ich es mir selbst anlege. Aber ich zögere auch, weil ich mich frage, ob man die Werke von Jeanette Winterson von der Armut in Manchester und die von Derek Walcott vom postkolonialen St. Lucia trennen kann oder ob Audre Lorde nicht immer wieder darauf hätte hinweisen sollen, dass sie eine Schwarze lesbische Poetin ist? An welcher Realität soll man sich abarbeiten, wenn nicht an der eigenen? Aber es stimmt, ohne identitätspolitische Schubladen kommt man heute nur sehr schwer weiter. Sie haben eine wichtige politische Funktion, von der sie allerdings nicht getrennt werden sollten. Sonst werden sie schnell zu einem Instrument der Reduktion anstelle der Weitung. Die Selbstausbeutung, von der du sprichst, ist eine von außen auferlegte. Was soll man tun, wenn man schreiben will und muss, wenn man das geschriebene Wort gewählt hat, um in die Welt zu treten? Das Dilemma ist, gehört werden zu wollen, aber auf Ohren zu treffen, die nur gewisse Klänge wahrnehmen möchten. Und selbst, wenn man es schafft, daraus auszubrechen, kommt einer um die Ecke und sagt, schreib doch lieber über dich selbst, du bist doch hier nur Tourist*in.

SIMON:
Die Anforderung an eine*n Autor*in, über sich selbst zu schreiben, ist in diesem Fall ja meist eine Forderung, die eigenen Traumata literarisch aufzuarbeiten. Daher auch die Ansicht, dass jemand wie Stanišić eben über seine Rolle als Kriegsgeflüchteter aus Bosnien-Herzegowina schreiben solle, auch wenn er vermutlich genauso über anderes aus eigener Erfahrung schreiben könnte – auch über die Uckermark, wenn er eine zeitlang dort verbracht hat. Es handelt sich hierbei, denke ich, um einen Blick auf das Schreiben, der das Erzählen der eigenen Geschichte zum Einen als Verarbeitung eines belastenden Ereignisses denkt, zum Anderen aber auch als politisch oder gesellschaftlich wichtigen Akt, im Sinne einer Forderung nach Aufklärung durch die Betroffenen. Im ersten Fall ist es auch der Wunsch des Publikums und des Literaturbetriebs sich selbst mit dem erfahrenen Leid, das nun vermeintlich literarisch verarbeitet wird, zu schmücken, indem man es honoriert. Der Nachweis der Bedeutung dieser Texte ist dann – wie Du, Asal, das mit dem Zitat von Brasch ja auch gesagt hast – nicht die literarische Qualität, sondern ihre Authentifizierung durch eigenes  Leid. Es ist die vermeintliche Nähe zum Leben einer anderen Person, die Leid erfahren hat, an dem man durch das Lesen dieser Erzählung teilnimmt. Die Honorierung dieser Geschichte ist dann gleichzeitig wieder in gewisser Weise ein selbstnobilitierender Vorgang.

BERIT:
Natürlich kann Literatur auch eine politische und gesellschaftliche Funktion erfüllen, es ist jedoch ein Problem, wenn bei den Texten bestimmter Autor*innen immer diese Funktion dominieren muss. Dann kommt es beinahe zwangsläufig zu einer Gleichförmigkeit sowohl in der Narration, nur bestimmte Themen und Erzählmuster werden diesen Autor*innen vom Literaturbetrieb gestattet, als auch in der Rezeption, indem jeder Text auf Bezüge zur Autor*innenbiographie heruntergebrochen und nicht mehr als vieldeutiger ästhetischer Texte rezipiert wird. Und die sehr eng abgesteckte Nische, die dann bestimmten Gruppen zum Publizieren ermöglicht wird, limitiert dann eben auch die Möglichkeiten dieser Autor*innen eine genuin eigene Stimme zu entwickeln. Es soll schon politisch sein, aber gleichzeitig muss es auch gefällig sein, nicht zu wütend, nicht zu bitter und schon gar nicht desillusioniert. Es ist beispielsweise kein Zufall, dass Anke Stelling, eine der Autorinnen mit wirklich eigener Stimme zum Thema Mutterschaft, die sich in ihren Romanen mit der ganzen emotionalen und sozialen Komplexität der Angelegenheit befasst, es schwer hatte, für diese Texte einen Platz in einem Literaturbetrieb zu finden, der diesem Thema viel zu wenig Aufmerksamkeit schenkt:

“In den Ablehnungen ging es nie um den literarischen Wert, erzählt Stelling. Stets war von Aufhängern die Rede, die man für Buchhandlungen, Kritik, Leserinnen finden müsse. Für die Verlage war die Inzestgeschichte offenkundig ein absolutes no-no gewesen. Aber auch Mutterschaft als Thema schien ein Problem, jedenfalls dann, wenn die Erzählung die negativen Seiten, freundlich gesagt, nicht verschweigt.”
(Ekkehard Knörer: Fata, Libelli. Literaturkolumne. 20.2.2018)

Ich bin oft überrascht, wie abwesend Kinder und Mütter in vielen Romanen sind und wenn sie überhaupt als Nebenfiguren auftauchen dürfen, wie stereotyp dann über sie geschrieben wird. Dabei würde die Erfahrung von Elternschaft, in all ihrer großartigen Ambivalenz, der intensiven Liebe, der gehirnzerfressenden Langeweile und der körperlich wahrnehmbaren Erfahrung des Würgegriffs gesellschaftlicher Strukturen, ein großartiges und spannungsreiches Erzählfeld bieten. Doch dazu bedarf es einer Stimmenvielfalt, die weit über die Grenzen der bürgerlichen Kleinfamilie hinausgeht, deren Rahmen noch das Erzählen von Elternschaft dominiert. Gerade am Beispiel der Erzählung von Mutterschaft wird sehr deutlich, wie dominante Narrative eine Komplexität und Vielfalt, die dem Thema angemessen und dringend nötig wäre, unterdrücken.

 

Die Unmöglichkeit, weiter so  Ich” zu sagen, wie bisher

„Mein Ziel ist eine Literatur der Konfrontation, die es dem Leser verbietet, sich abzuwenden von der Wirklichkeit. Sartre hat gesagt, engagierte Literatur, das ist die Freiheit, sich zuzuwenden. Ich möchte etwas anderes. Ich möchte eine Literatur der Konfrontation, die es dem Leser verbietet, sich abzuwenden von der Wirklichkeit, in der er lebt.”
(Édouard Louis im DLF Kultur 23.7.2018)

SIMON:
Wenn ich an meine Jugend denke, die sich größtenteils in einer südwestdeutschen Kleinstadt in den Nullerjahren abgespielt hat, tauchen sofort bestimmte Bilder auf: Sommernächte an Flussufern, heiße Augustnachmittage auf Wiesen, weite Felder in der Sommerhitze, vertrödelte Nachmittage nach der Schule. Die gleichen Bilder kenne ich aus Romanen – vorrangig von Männern, die in den 80er und 90ern ihre Jugend erlebt haben – wie Wolfgang Herrndorfs In Plüschgewittern und Thomas Klupps Paradiso. Diese beiden Romane sind nur die ersten, die mir einfallen, aber Erzählungen von Männern, die zwischen 1965 und 1985 geboren wurden und über eine Jugend schreiben, die ihre sein könnte, sind in den letzten zwanzig Jahren unzählige erschienen, flankiert von Filmen, die ähnliche Geschichten erzählen (beispielsweise Schule (2000)). Diese Romane affirmieren das Bild einer heilen Kindheits- und Jugendwelt in den 80er und 90er Jahren. Insbesondere durch Rückblicke der inzwischen erwachsenen Erzähler, die meist im gleichen Alter und Umfeld wie die Autoren sind, werden diese westdeutschen Idyllen aufgerufen:

In meiner frühsten Erinnerung läuft meine Mutter mit nackten Füßen durch den Garten auf mich zu. Sie trägt ein gelbes Kleid aus Leinen und um den Hals eine Kette aus rotem Gold. Wenn ich an diese ersten Jahre meines Lebens zurückdenke, ist immer später Sommer, und es kommt mir vor, als hätten meine Eltern viele Feste gefeiert, auf denen sie Bier aus braunen Flaschen tranken und wir Kinder Limonade, die Schwip Schwap hieß.
(Takis Würger: Der Club (Kein & Aber 2017)

Durch die Omnipräsenz dieser Geschichten, die einem ganz bestimmten Schema einer idealisierten Jugend und Kindheit in einer vermeintlich sicheren Umwelt folgen, habe ich das Gefühl, dass meine eigenen Erinnerungen in diese angelesenen, kollektiven Erinnerungen eingebettet werden, sie werden in gewisser Weise zu einem Teil einer großen Erzählung einer Mittelstandsjugend in Westdeutschland. Das führt in meiner Wahrnehmung zu zwei Phänomenen: Zum Einen führt es dazu, dass ich mir teilweise meiner eigenen Erinnerung nicht mehr sicher bin – spielen Felder in der Sommerhitze wirklich eine so große Rolle in meiner Jugenderinnerung oder ist das eine Verklärung anhand von angelesenen, vergleichbaren Erzählungen? Zum Anderen führt es dazu, dass das Erzählen meiner eigenen Geschichte beinahe unmöglich wird. Sie ist schon x-mal erzählt worden. Der erste Kuss auf einer Party im Sommer, während die anderen um das Lagerfeuer sitzen – das könnte auch Benjamin von Stuckrad-Barre erzählen, man würde es ihm glauben. Ist das noch meine Geschichte oder ist es einfach eine mögliche von tausenden ähnlichen?

ASAL:
Mir kommen diese Bücher und Filme und diese westdeutschen Urbilder, die sie kreieren, ebenfalls vertraut vor, wenngleich meine eigene Kindheit und Jugend an den Rändern dessen stattfanden, was dort beschrieben wird. Eben deshalb habe ich geschrieben, dass es einer neuen Sprache bedarf, nicht nur neuer Erzählender.

Für mich, die ja auch in Hildesheim Kulturwissenschaften studiert hat, steckt hier eine doppelte Erdrückung. Zum einen, weil mir als Heranwachsende meine Lebenswelt nirgends gespiegelt wurde, ich mich in keinen Büchern, Filmen und anderen Darstellungen wiederfand. Ich fühlte mich nicht gesehen und sah auch niemanden, dem ich mich nah fühlen konnte. In Hildesheim bewarb ich mich mit einem Text über einen politischen Häftling im Iran, der einen Brief an eine geliebte Person schreibt. Er erzählt darin, wie er immer wieder eine Waffe an den Kopf gehalten kriegt und jedes Mal wünscht, es möge nun doch endlich vorbei sein. Vermutlich alles etwas melodramatisch, aber ich war zwanzig Jahre alt und hatte fast ein Jahr in der internationalen Nachrichtenredaktion von CNN.com gearbeitet, wo die Berichterstattung über den Tschetschenienkrieg zu meinem täglichen Job gehörte. Ich wollte über meinen Vater schreiben, aber das hätte ich damals noch nicht geschafft. Der Prüfer sagte mir dann, es klinge alles ein wenig wie Peter Maffays Über Sieben Brücken Musst Du Gehen. Ich wurde dennoch angenommen, geweint habe ich an dem Tag aber nicht aus Freude. Ich war eine wütende Studentin, aber ich war auch gut. Und obwohl ich das Gefühl hatte, nicht dazuzugehören, saß ich mit den Leuten, die Florian Kessler in seinem Artikel erwähnt, in denselben Räumen und habe meistens innerlich, ganz selten auch öffentlich, gezetert über diese bürgerlichen Geschichten, die immer wieder wie Variationen der gleichen Geschichte wirkten. Irgendwann blieb ich diesen Schreibseminaren fern und konzentrierte mich auf jene, wo ich gehört und gefördert wurde. Im Anschluss an mein Studium in Hildesheim habe ich viele Jahre nicht geschrieben. Es ging einfach nicht. Erst mit Florian Kesslers Artikel, den ich sehr befreiend fand, und den ich ganz und gar nicht als hölzerne Polemik empfinde, wurde in mir eine Tür geöffnet. Ja, ein weißer, bürgerlicher Jungautor hat das für mich gemacht, weil meine eigenen Worte in der Zwischenzeit verschüttet wurden. Es hätten vielleicht meine sein können. Heute finde ich den Text von Selim Özdogan, der vor kurzem hier auf dem Blog veröffentlicht wurde, wesentlich wichtiger und dringlicher. Inzwischen schreibe ich auch wieder. Und werde schreiben und schreiben.

BERIT:
Es bedarf dann jedoch nicht nur einer neuen Sprache, wie du es ausführst Asal, sondern auch eines Literaturbetriebs, der sich solchen Schreibweisen öffnet und die Vermittlung neuer Ästhetiken unterstützt. Eine solche Öffnung kann jedoch nicht nur darauf basieren, dass neuen Stimmen wieder ähnlich festgelegte Narrative aufgedrückt werden, wir also der Erzählung einer westdeutschen Vorortkindheit nur einige neue statische Muster an die Seite stellen.

Es spricht im übrigen ja gar nichts dagegen, dass bestimmte gehäufte Weltzugänge und -wahrnehmungen sich auch in zahlreichen Texten wiederfinden, schwierig wird es dann, wenn Literatur zunehmend die Funktion einer Weltsichtbestätigung der Leser*innen erfüllt und es nicht mehr vermag diese zu Durchbrechen. Natürlich ist eine Bestätigung der eigenen Weltdeutung durch konventionalisierte Erzählverfahren und inhaltliche Stereotype etwas, das den Bedürfnissen vieler Menschen entspricht. Nicht zufällig verkaufen sich bestimmte Genreromane, die immer wieder die gleichen Erzählmuster mit kleinen Abweichungen durchspielen, hervorragend. Das ist auch nicht grundsätzlich negativ, manchmal möchte man eben einfach ausgelatschte Hausschuhe tragen oder sich in seine Lieblingskuscheldecke wickeln, nicht jeder literarische Text muss aufrütteln oder verstören. Texte können uns durch Vorhersehbarkeit auch ein Gefühl von Geborgenheit vermitteln, von einer Welt die nach geordneten Regeln funktioniert, in der die Guten gewinnen, die Bösen bestraft und die armen Stieftöchter zu Prinzessinnen werden können. Auch die Realitätsflucht durch Immersion in eine spannende Erzählung erfüllt eine Funktion für die Lesenden. Dennoch ist es zu kritisieren, wenn ein verstärkt unter ökonomischen Druck geratener Buchmarkt immer mehr auf wahlweise solche Kuscheldeckenliteratur setzt oder auf Romane, deren Autor*innen uns autobiographisch rückkoppelbar die Welt erklären sollen, weil solche Bücher ein größeres Marktpotenzial haben. Dieser durch Marktlogiken begründete Fokus äußert sich dann eben einerseits inhaltlich, indem bestimmte Geschichten wieder und wieder erzählt und Autor*innen qua ihrer Identität auf bestimmte Erzählmuster festgelegt werden, aber auch ästhetisch, beispielsweise in der Dominanz realistischer Erzählverfahren.

SIMON:
Es bleibt noch die Frage im Raum stehen, was weiße Mittelstandsmänner dann aktuell noch schreiben können, ohne wiederholt in die gleichen Muster einer westdeutschen Kleinstadtkindheit und -jugend zu fallen oder sich die Erzählungen von Menschen aus marginalisierten Gruppen anzueignen. Für mich sind an dieser Stelle die Romane und die darin angewendeten Erzählverfahren von Jakob Nolte eine mögliche Variante, sich neue Inhalte und Strategien des Erzählens zu erschreiben. Der Roman Alff (2014) erschien zunächst frei zugänglich auf der digitalen Leseplattform fiktion.cc und erst später im Verlag Matthes & Seitz. Mit parataktischer Sprache und filmischer Erzählweise, die die schnellen Schnitte amerikanischer Kinder- und Jugendserien der 80er und 90er Jahre imitiert, wird die Geschichte einer Mordserie an einer US-amerikanischen Highschool erzählt. Der Text ist beinahe überladen von Referenzen an die Popkultur der letzten dreißig Jahre und entfernt sich deutlich von realistischen Erzählmustern. Damit schafft Nolte einen Verweisraum, der sich zwar auf seine eigene Kindheit und Jugend bezieht, sich jedoch deutlich abkoppelt von den Schreibweisen und Zugängen der oben genannten Autoren und auch nicht im wiederholten Nacherzählen der eigenen Kindheitsidylle verharrt. Der zweite Roman Schreckliche Gewalten (2017) erweitert diesen Verweisraum auf die durch Hyperlinks geprägten Gedankensprünge und Querverweise im digitalen Raum. Diese und ähnliche Romane – auch die letzten beiden von Clemens Setz würde ich an dieser Stelle nennen – sind Beispiele für Auseinandersetzungen weißer, männlicher Autoren mit ihrer Lebenswelt und ihrer Jugend, die neue Wege suchen, diese literarisch umzusetzen.

ASAL:
In dem, was du schreibst, Simon, zeigt sich, dass es sich hier nicht bloß um eine Umkehrung handelt, in der nun jene Autor*innen verdrängt werden sollen, die bisher dominierten. Vielmehr geht es in dem, was wir hier gemeinsam herausgearbeitet haben darum, wie  wichtig es auch im Literaturbetrieb ist, eine Vielfalt herzustellen, in der so viele Stimmen wie möglich Platz haben.

BERIT:
Dafür bedarf es einer wirklichen Bibliodiversität nicht nur in der Verlagslandschaft, sondern auch in den Verlagsprogrammen, den Förder- und Stipendienstrukturen und den Zielgruppen der Literaturvermittlung.

 

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Abgründe sind wichtig im Leben

Ich reg mich ja so wenig auf und hab immer ein bisschen Angst, das öffentlich zu machen, weil man bestimmt immer die Hälfte nicht bedenkt und die andere Hälfte vergessen hat. Samstagmorgens liege ich allerdings im Bett und lese als wohlerzogener (ich zahle dafür), aber junger (digitale Ausgabe) Bildungsbürger die Zeitung (Süddeutsche). Dort hat man Felicitas von Lovenberg interviewt, weil man offenbar vorhat, alle zwei Monate mal mit ihr zu sprechen (zuletzt im November anlässlich des Erscheinens ihres platt-freundlichen Titels Gebrauchsanleitung fürs Lesen).

Sind Sie je Opfer von Sexismus geworden?

Im aktuellsten Interview, das die SZ nun unter anderem anteasert als Gespräch “über Männer und männliche Eigenschaften”, antwortet von Lovenberg auf die Frage, ob sie je Opfer von Sexismus geworden sei.

Darüber habe ich in letzter Zeit durchaus mal nachgedacht, weil man sich mittlerweile ja fast komisch vorkommt, wenn man sagt: Ich bin nie Opfer von Sexismus geworden.

Spötter könnten jetzt sagen, “oh, sie hat mal nachgedacht, über das Thema der letzten Jahre, hat sich mit gesamtgesellschaftlichen Debatten auseinandergesetzt, als Verlegerin eines der größten deutsche Verlage”, bevor man jetzt aber spotten könnte, antwortet FvL:

Aber gravierende Fälle habe ich tatsächlich nicht erlebt.

Das ist, was man allen wünscht. Case closed.

Aber! dann sagt sie, zwei Antworten weiter, auf die Frage, warum sie nicht in den FAZ Herausgeberkreis berufen wurde allen Ernstes, dass irgendein alter Heini (“ein mächtiger Mann”) ihr gesagt hat,

Ach wissen Sie, Frau von Lovenberg, ich finde nicht, dass sich ein so nettes Mädchen wie Sie einen solchen Job antun sollte.

Und jetzt, obwohl sie in letzter Zeit über das Thema durchaus mal nachgedacht hat, wahrscheinlich genau während sie das sagt, fällt ihr ein, “Oh! huch! Ist das das, wovon die anderen Furien immer berichten??”, und sie schiebt hinterher:

Und ja, wenn Sie so wollen, dieses eine Mal ist es mir dann eben doch passiert. Heute bin ich froh, der Job wäre nicht das Richtige für mich gewesen.

Also alles gut. Der Job wäre ja wirklich nichts für sie gewesen und lieb von dem alten, mächtigen Mann, dass er sie bewahrt hat.

Vielleicht habe ich nur zu versponnene Vorstellungen davon, was Nachdenken über ein Thema heißt, aber sie sagt mir nichts, dir nichts: “Sexismus? Drüber nachgedacht: Kenn ich nicht.” Und auf die erste Frage, die eigentlich nichts mehr direkt mit dem Thema zu tun hat, erzählt sie, dass sie unglaublich ekelhaft und herablassend behandelt wurde, weil sie eine Frau ist! Dies könnte ein feines Beispiel für Sexismus an allerhöchster Stelle des deutschen Journalismus sein.

“Ich mache mir schon ein wenig Sorgen, dass die Natürlichkeit im Verhältnis zwischen Männern und Frauen verloren geht.” (von Lovenberg)

Könnte natürlich sein, dass das ein Zufallstreffer war, aber sie liefert direkt den nächsten Knaller. Es geht immer noch um die FAZ und dass sie als junge Frau mit Marcel Reich-Ranicki gearbeitet hat und wie man mit so einem Mann arbeitet und sie sagt:

[…] wir hatten rasch unseren Modus gefunden. Da war viel Frotzelei dabei, da fielen sicher Sätze, die heute eher nicht mehr gehen, aber ich fand das nie schlimm, eher unterhaltsam und belebend.

Ich nehme an, mit “Frotzeleien” ist der gute, alte Herrenwitz gemint. Dann geht es allen Ernstes weiter:

Wir saßen einmal bei einer Preisverleihung nebeneinander und lauschten den Ansprachen, als er plötzlich tief aufseufzte und mir seine Hand aufs Knie legte.

Find ich ein bisschen übergriffig. Aber weil sie im Vorfeld schon ein bisschen über das Thema nachgedacht hat und auch eine Kollegin ihr damals sagte, sie hätte dem Herrn einfach eine schmieren sollen, macht sie erstmal nichts Weiteres als das kleinzureden (Frotzeleien, unterhaltsam, belebend [!]) und sagt am Ende noch:

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bewundere Feministinnen, die jungen und erst recht die älteren, die den Weg geebnet haben. Die sollen ihre Kämpfe kämpfen, das ist eine Qualität, so lange auf den Tisch zu hauen, bis sich was ändert. Ich kann da nur nicht so mitbrüllen. Vielleicht musste ich mich nie wehren, vielleicht habe ich mich in entscheidenden Momenten nicht unterlegen gefühlt, vielleicht bin ich manchen Kämpfen auch aus dem Weg gegangen.

Ach, Bewunderung ist so einfach und gibt es gratis an jeder Ecke. Verstehen Sie mich nicht falsch, liebe Leser*in, ich bin nur ein junger, weißer Mann, aber ist das nicht ein Schlag ins Gesicht für die meisten Frauen? Sagt sie nicht “Naja, sehen sie, ich hab immer artig gelächelt und bin jetzt halt Piper Verlegerin, wahrscheinlich weil ich immer so artig gelächelt habe, wenn mächtige Männer das wollten. Feminismus sollen die anderen machen. Aber was regen die sich eigentlich so auf?”

Wenn man sich ein Beispiel an von Lovenberg nehmen möchte und sich ebenso toll gegen Sexismus wehren will, der Trick ist einfach, man reagiert auf Sexismus:

Mit Humor. Ich war frech, schlagfertig und habe nicht alles persönlich genommen.

Andere Frauen nehmen einfach alles ein bisschen zu persönlich. Es ist das alte “Hab Dich doch nicht so” – nur dass es hier eben eine Frau sagt. Richtig gemacht kann Sexismus für alle Parteien eher unterhaltsam und belebend sein!

Es gibt keinen Sexismus im deutschen Kulturbetrieb, alle sind nur so fürchterlich empfindlich.

In diesem Zusammenhang ebenso schnurrig – und vielleicht ein Stück weit auch als Erklärung für ihre dicke Haut gegen Sexismus zu deuten – ihre Antwort auf die Frage, ob sie privilegiert aufgewachsen sei (na wegen des “von”). Durchschnaufen, Freunde:

Nicht so sehr in materieller Hinsicht…

Und dann sagt sie endlich Dinge, wie ich sie Samstagmorgens hören will: nicht reich an Geld, aber Reichtum an Kultur und Werten!

NICHT SO SEHR IN MATERIELLER HINSICHT, antwortet sie auf die Frage, die sie auf ihren Besuch eines englischen Internats und Studium in Oxford anspricht. Wann startet denn das Privileg?

Ich bin wirklich sprachlos.

Dazu “Sexismus im Literaturbetrieb – Die subtile Machtausübung der Männer” von Tanja Dückers.

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Eine Lüge in der Wirklichkeit wird keine Wahrheit im Roman – Zur Kontroverse um Robert Menasse

Um ein Haar hätte der ‚Fall‘ Menasse gar nicht stattgefunden: begraben unter der Lawine des feuilletonistisch unendlich schmackhaften Skandals um den Fälscher und Großjournalisten Claas Relotius und gehemmt durch eine allgemeine Skandalmüdigkeit am Ende eines Jahres, das vielleicht überreich an ‚Fällen‘ war. Aber etwas Skandalenergie steckt eben doch in der Geschichte des österreichischen Schriftstellers, der Zitate einer realen historischen Figur erfunden hat, und zwar nicht nur in einem Roman, sondern in Zeitungsartikeln, Reden und Essays. Robert Menasse hat dem Europapolitiker Walter Hallstein Sätze in den Mund gelegt, die dieser so gar nicht gesagt hat. Diese Sätze zielen auf eine erhoffte Überwindung der Nationalstaaten durch das politische Projekt eines vereinten Europas, wie etwa: „Ziel ist und bleibt die Überwindung der Nation und die Organisation eines nachnationalen Europa.“ Es handelt sich dabei um den Wortlaut einer Meinung, die aufs Dankbarste mit der Meinung Menasses übereinstimmt. Aber manchmal hat man eben Glück und findet das perfekte Zitat. Nur, und das zeigt auch der Skandal um Relotius: Die perfekte Geschichte und das perfekte Zitat, die gibt es meistens nicht.

Erwischt wurde der Dichter Menasse bei seinen Fälschungen von dem Historiker August Winkler, der die angeblichen Zitate in einer schlecht gelaunten Notiz im Spiegel vom 23. Oktober 2017 vornehm als „apokryph“ und „unecht“ bezeichnete. „Die Lesart vom post-, ja antinationalen EU-Vorkämpfer Hallstein“, schreibt er, „dürfte eine Legende oder, anders gewendet, Ausfluss einer postfaktischen Geschichtsbetrachtung sein.“ Winkler ging es um die Dignität seiner Wissenschaft und das Vetorecht der Quellen, aber wohl auch um das politisch Fehlerhafte der Idee einer anti-nationalstaatlichen EU. Gezeigt werden sollte nicht nur, dass die Sätze Hallsteins gefälscht waren, sondern auch, dass es sich um falsche Sätze handelt. Dem Historiker diente der Fall als Ausgangspunkt für eine weiterführende europapolitische Kontroverse.

Man hat allerdings den Eindruck, dass die Öffentlichkeit an dieser Kontroverse nicht wirklich interessiert war, sonst wäre der Skandal wohl schon im Oktober 2017 explodiert. Skandale als öffentlichkeitswirksame Einzelfälle generieren dann Aufmerksamkeit, wenn sie große Fragen, die eine Kultur aktuell umtreiben, metaphorisch verdichten. Sie verleihen abstrakten Problemen die Konkretion und Anschaulichkeit einer dramatischen Erzählung. In diesem Fall bezieht sich das Interesse allerdings nicht auf die Frage, ob ein post-nationales Europa wünschenswert ist, sondern auf den Aspekt des „Postfaktischen“, den Winkler wohl vor allem deshalb ins Feld geführt hatte, um Menasse inhaltlich zu delegitimieren.

„Postfaktisch“ bezeichnet in diesem Fall ein Wunschdenken, das zu historischen Fälschungen führt. Eine Geschichtsbetrachtung, die ideologischen Begehrlichkeiten folgt und so das narrative Genre der „Legende“ dem geschichtswissenschaftlichen Faktum vorzieht. Dieses Gespenst einer legendarisch verzerrten Wirklichkeitswahrnehmung gehört zu den wichtigsten Waffen im zeitgenössischen Diskursgetümmel. Politisch effektiv ist das Konzept des „Postfaktischen“, weil es – in der Tradition einflussreicher politischer Begriffe – extreme Aggression mit extremer Beliebigkeit verbindet; kulturwissenschaftlich interessant ist der Kampfbegriff „postfaktisch“, weil sich in ihm ein allgemeines erkenntnistheoretisches und ideologisches Unbehagen an einer als instabil wahrgenommenen Kultur verdichtet. Literaturtheoretisch einschlägig ist der Skandal um die die postfaktischen Mätzchen Menasses schließlich, weil (zumindest unterschwellig) der Versuch gemacht wird, das historische Wunschdenken in diesem Fall als Ausdruck einer literarischen Imagination zu adeln. Immerhin handelt es sich um die Fälschungen eines Romanautors, der doch qua Profession als professioneller Fälscher ausgewiesen ist?

So wird dem heillosen Begriffsdurcheinander, das sich um den unglücklichen Begriff „postfaktisch“ rankt, noch eine literarische Komponente hinzugefügt. Der Status eines Textes changiert nun zwischen „postfaktisch“, „gefälscht“, „literarisch“, „fiktional“, „faktual“ etc. und droht so, seine Funktion als Träger von Informationen vollständig zu verlieren. Bedenkenswert erscheinen in diesem Zusammenhang zunächst die Argumente des Autors. Menasse habe nämlich, so heißt es, als er im Schatten der Relotius-Affäre auf die Zitate angesprochen wurde, freimütig seine Fälschungen eingestanden. Dazu berichtet die Welt:

Seine [Menasses] Form des Zitierens sei „nicht zulässig – außer man ist Dichter und eben nicht Wissenschaftler oder Journalist“. Nach den „Regeln von strenger, im Grunde aber unfruchtbarer, weil immer auch ideologisch gefilterter Wissenschaft“ seien die Zitate „nicht ‚existent‘, aber es ist dennoch korrekt, und wird auch durch andere Aussagen von Hallstein inhaltlich gestützt. Was kümmert mich das ‚Wörtliche‘, wenn es mir um den Sinn geht.“ Wenn er also „Hallstein als Kronzeugen für die vernünftigerweise bewusst gestaltete nachnationale Entwicklung Europas brauche, dann lasse ich ihn das sagen, auch wenn es nicht den einen zitablen Satz von ihm gibt, in dem er das sagt – aber doch hat er es gesagt!“

Diese Argumente haben sich nicht nur auf den ersten Blick das Verdikt „aberwitzig“ (Patrick Bahners) redlich verdient: Man möchte die Person kennen lernen, die es sich gefallen lässt, die eigenen Worte sinngemäß im Sinne des Wiedergebenden aufgeschrieben zu sehen. Es scheint keine übertriebene Eitelkeit zu sein, in solchen Fällen auf dem stabilen Boden des „Wortwörtlichen“ verharren zu wollen. Das ist auch unumstritten oder es wäre unumstritten, wenn Menasse sich nicht selbst als Dichter von dieser Ethik des Wortwörtlichen entlastet hätte. Interessant werden seine Argumente nämlich dort, wo sie auf weitverbreitete und einflussreiche literaturtheoretische Missverständnisse verweisen.

Dieses Missverständnis bezieht sich vor allem auf die angebliche Freiheit in der Darstellung, die Dichter*innen traditionell zugesprochen wird. Es hat sich als stolze historische Errungenschaft unserer Kultur etabliert, dass die Autor*in eines Romans, eines Theaterstücks oder Gedichts mehr darf als die Verfasser*in einer Reportage oder eines Geschichtswerkes. Sie darf Figuren erfinden, sie darf abseitige und idiosynkratische sprachliche Mittel verwenden und sie darf mit den Figuren so schonungslos und indiskret umgehen, wie sie möchte. Diese Lizenzen kommen Texten aber eben nicht deshalb zu, weil sie von Dichter*innen geschrieben wurden oder weil sie dichterisch geschrieben sind, sondern aufgrund ihrer markierten Fiktionalität. Missverständlich wirkt in diesem Fall die Verwirrung von „Literat“, „literarisch“ und „fiktional“. Nicht alle literarischen Texte sind fiktional, wie die lange ruhmreiche Geschichte des Essays zeigt; und nicht alle fiktionalen Texte sind literarisch (Das zeigt die lange und alles andere als ruhmreiche Geschichte der Werbung). Literat*innen sind Menschen, die literarische, fiktionale und gänzlich alltägliche Texte schreiben können. Müssen die Empfängerinnen der dienstlichen E-Mails des Dichters Robert Menasse jedes Mal um deren Faktizität fürchten? Wohl eher nicht.

Fiktionalität bezeichnet vor allem einen Geltungsanspruch. Der Text tritt auf mit dem Versprechen, dass die wichtigsten Elemente erfunden sind. So werden die entsprechenden Lizenzen eingeworben. Fiktionalität ist also ein Status, der in einer Kommunikationssituation zwischen Autor*in und Leser*in ausgehandelt werden muss, im Sinne der Metapher eines „Fiktionsvertrags“ (Umberto Eco). Dieser Vertrag muss für jeden Text neu abgeschlossen werden. Auch ein als Verfasser fiktionaler Romane bekannter Autor wie Menasse hat keinen Anspruch darauf, dass für seine Äußerungen eine allgemeine Fiktionsvermutung gilt (was lebenspraktisch auch eher unerfreulich wäre) und noch viel weniger entlastet ihn dieser Status davon, sich im Fall faktualer Texte an die jeweils geltenden Regeln der Kommunikation zu halten. Wenn ein Text in einer Zeitung erscheint und nicht als fiktional markiert ist, dann dürfen die Leser*innen davon ausgehen, dass hier nichts erfunden wurde. Wenn sich herausstellt, dass Elemente gefälscht wurden, dann handelt sich – auch, wenn der Verfasser ein Dichter ist – nicht um einen fiktionalen Text, sondern um einen defekten faktualen.

Es mag also sein, dass das Publikum sich, wie Carsten Otte in der taz schreibt, vom Lebensthema des Autors (Europa) hat begeistern lassen, „ohne darauf zu achten, dass der Schriftsteller am Rednerpult weiterhin ein Künstler des Fiktiven ist.“ Es ist allerdings nicht die Aufgabe des Publikums, sondern die des Autors, den Status eines Textes zu markieren: Auch am Rednerpult (und vielleicht gerade dort) muss sich der Künstler deutlich zu erkennen geben, wenn er im Modus des Fiktiven sprechen möchte. Ottes Vermutung, dass Menasse „selbstverständlich“ weiterhin „Fiktion und Realität verschwimmen lassen“ wird, und zwar nicht nur im Roman, „sondern auch in allem anderen, was er sagt und schreibt“, sollte vor allem dazu führen, ihn als Redner und Essayisten zu disqualifizieren. Zumal es in diesem Fall auch gar nicht so wirkt, als hätte Menasse unter dem Vorbehalt des Fiktionalen gesprochen, sondern diesen Vorbehalt erst in dem Moment schützend vor den Text gestellt, als er bei einer gänzlichen prosaischen Schwindelei erwischt wurde.

Die Tatsache, dass Menasse vor allem als Romancier bekannt ist, entlastet ihn also keineswegs von den alltäglichen Regeln der Kommunikation – im Gegenteil kontaminieren seine Regelverstöße auch sein fiktionales Schaffen. Damit ist ein weiteres Missverständnis angesprochen, nämlich, dass Menasse, wäre er nur beim literarischen Erfinden geblieben, gar keine Probleme bekommen hätte. So stellt Carsten Otte in der taz fest: „Wer Menasse liest, wird feststellen, dass viel von dem, was derzeit moniert wird, schon im Roman thematisiert ist.“ Verbunden ist diese Feststellung mit der Hoffnung, der Autor möge sich wieder dem offiziell Fiktionalen zuwenden, wo sich das Problem erfundener Ereignisse und Zitate gar nicht erst stellt. Das bezieht sich insbesondere auf die unappetitliche Entdeckung, dass Menasse einen Auftritt Walter Hallsteins in Auschwitz (die Antrittsrede zu seiner EU-Kommissions-Präsidentschaft) ebenfalls erfunden habe – einen Auftritt, den der Autor sowohl in seinem hochgelobten Europaroman Die Hauptstadt als auch in faktualen Texten untergebracht hat. Auch Hubert Winkels geht im Deutschlandfunk von einer möglichen Legitimation dieser Erfindung im Schutzraum des Romans aus. „Und wenn er das alles in seinem Roman ‚Die Hauptstadt‘ gemacht hätte“, sagt Winkels, „würde man das vielleicht gelten lassen.“

Allerdings – und das ist ein großes Missverständnis in Bezug auf die autonome Fiktion – stellen  auch in der fiktiven Welt des Romans erfundene Zitate, die einer realen Person in den Mund gelegt werden, ein Problem dar. Auch im Modus des Fiktionalen kann man reale Personen nicht nach Belieben „gebrauchen“ oder brauchbare Dinge sagen „lassen“. Wer den Roman als den Ort der totalen Lizenz stark machen möchte, der muss sich nur einmal vorstellen, wie das wäre, wenn eine Autorin ihm unter Realnamen Worte in den Mund legen würde. Reale Personen sind, im Gegensatz zu fiktiven Figuren, keine reinen Marionetten, die dem Fingerspiel der Autor*in folgen. Sie haben ein Eigenleben außerhalb des Textes, das die Lizenzen in der Darstellung je nach Fall mehr oder weniger einschränkt. Tolstoi konnte zwar den realen Napoleon in Krieg und Frieden Dinge sagen und denken lassen, die so nicht nachweisbar sind, aber es handelte sich eben auch um ein feindseliges Porträt, das Verehrer Napoleons verstimmen musste.

Ähnliches gilt für den Goethe in Thomas Manns Lotte in Weimar. Gerade Thomas Manns Roman ist einschlägig als Vergleich, denn auch in diesem Fall „gebrauchte“ der Autor seine Figur als Sprachrohr für politische Aussagen, und auch damals führte dieser Umgang mit den Lizenzen der Fiktionalität zu realweltlichen Missverständnissen. In Lotte in Weimar (1940) lässt der Autor den alternden Goethe einen inneren Monolog halten, der sich als Kommentar gegenwärtiger Ereignisse lesen lässt. Im Jahr 1946, während der Nürnberger Prozesse, zitierte Hartley Shawcross, der Hauptankläger des britischen Königreichs, unwissentlich den fiktiven Goethe Thomas Manns mit einer Einschätzung über die Deutschen, in der es untere anderem heißt, „daß sie sich jedem verrückten Schurken gläubig hingeben, der ihr Niedrigstes aufruft, sie in ihren Lastern bestärkt und sie lehrt, Nationalität als Isolierung und Roheit zu begreifen, ist miserabel.“ Thomas Mann schrieb später in der Entstehung des Dr. Faustus, er habe damals diese Fehlzitat verteidigt: „Doch verbürgte ich mich dafür, daß, wenn Goethe nicht wirklich gesagt habe, was der Ankläger ihm in den Mund gelegt, er es doch sehr wohl hätte sagen können, und in einem höheren Sinn habe Sir Hartley also doch richtig zitiert.“

Das entspricht nun fast wortwörtlich der gegenwärtigen Verteidigung Menasses gegen den historischen Wortlaut. Der Erfinder von Hallstein-Zitaten könnte sich also auf den hoch-kanonisierten Erfinder von Goethe-Zitaten berufen. Allerdings zeigt gerade der Vergleich der beiden Fälle eher, warum Menasses Argumente nicht stichhaltig sind. Denn in Thomas Manns Lotte in Weimar ist die Figurenrede klar als Gedankenwiedergabe und damit als potentiell fiktiv markiert. Zudem handelt es sich um eine extrem berühmte historische Person, deren Aussagen sich mit den Aussagen der fiktiven Figur recht einfach vergleichen lassen; und schließlich sind die deutlichen Aktualisierungen gegenwärtiger politische Vorgänge ein klarer Indikator dafür, dass hier erfunden wurde. Vor allem aber hat Thomas Mann nicht versucht, diese Zitate auch außerhalb des Romans als O-Töne Goethes zu verkaufen. Es ist dieser Vorgang, der im Fall von Die Hauptstadt auch Menasses Romanfiktion ins Zwielicht rückt. Denn die faktuale Behauptung, Hallstein habe in Auschwitz eine Rede gehalten, erscheint wie der Versuch, die Fiktion im Roman mit einer Evidenz auszustatten, die sie auch als Realie erscheinen lässt. So beschmutzt die außerliterarische Fälschung die Erfindung des Romans.

Schließlich finden die Lizenzen der Fiktionalität in diesem Fall auch eine thematische Einschränkung. Auf diese hat Patrick Bahners in der FAZ deutlich hingewiesen: „In den Theorien des historischen Wissens und der literarischen Fiktion wie im öffentlichen moralischen Bewusstsein ist Auschwitz der Inbegriff der Tatsache, mit der man nicht spielt.“ Die Shoah erscheint als Paradigma eines Ereignisses, das sich seiner Verwendung als literarischer Stoff verweigert. Dieser Aspekt der Debatte lässt die Selbst-Entlastung des Dichters Menasse endgültig auch als ethisches Problem erscheinen. Denn selbst im Bereich des Dichterischen verbieten es die kulturell ausgehandelten Regeln und Konventionen mit einem historischen Faktum wie Auschwitz uneingeschränkt fantasievoll zu verfahren. Daraus folgt kein absolutes Fiktionsverbot, aber doch die Forderung nach einem respektvollen und reflektierten Umgang, der über das freimütige und freche Spiel einer dichterischen Entpflichtung hinausgeht.

Schließlich verweist die Behauptung, Hallstein hätte die erfundenen Sätze sagen können (und sollen) – eine Argumentationsstrategie, die Thomas Mann ja auch auf seinen Goethe anwendet – auf ein letztes Missverständnis in der Kontroverse: Die Vorstellung, dass die ‚höhere Wahrheit‘ der fiktionalen Literatur die Erfindung von höheren Wahrheiten rechtfertigt. Diese Vorstellung kann sich auf die berühmte Verteidigung der Tragödie durch Aristoteles berufen, der in seiner Poetik schreibt: „Deshalb ist Dichtung auch etwas Philosophischeres und Erhabeneres als Geschichtsschreibung. Denn die Dichtung sagt mehr das Allgemeine, die Geschichtsschreibung aber das Besondere.“ Allerdings beschränkt Aristoteles diese Spiele mit der Möglichkeit eines Geschehens auf den eng umgrenzten Bereich der Tragödie selbst, und deren Aufführungskontext allein minimiert die Gefahr von Missverständnissen. Auch die ‚höhere Wahrheit‘ der Fiktion bedarf eines markierten Schutzraumes und das ist der Schutzraum des literarischen Textes – und auch dort darf man nicht willkürlich hausen; von nichts anderem spricht die Poetik, die ein frühes Zeugnis für einen poetologischen Text ist, der die Freiheit der Fiktionalität nicht nur postuliert, sondern auch einschränken möchte.

Der Hinweis auf dieses Missverständnis ist deshalb von Bedeutung, da der Fall Menasse das Publikum mit dem eigenen Bedürfnis konfrontiert, die „höhere Wahrheit“ mit der Realität zu verwechseln. Es schien zunächst, als sei die Öffentlichkeit dazu geneigt, Menasse mit seiner Fälschung durchkommen zu lassen und zwar aus dem gleichen Grund, aus dem Menasse sich in diesen Fälschungen gerechtfertigt fühlte – weil es sich um eine politisch sympathische Illusion handelt. Allerdings gilt auch und gerade in diesem Fall: Eine Fälschung ist eine Fälschung und lässt sich auch nicht durch das vage literaturtheoretische Konstrukt einer ‚höheren Wahrheit‘ rechtfertigen, die nur deshalb anerkannt wird, weil es die ‚richtige Wahrheit‘ ist. Als reale Fälschung ist die ‚höhere Wahrheit‘ der Literatur überhaupt keine Wahrheit mehr, sondern eine Lüge. Natürlich möchte man gerne glauben, dass ein Mann wie Hallstein schon damals ein starkes Europa als Garant gegen die Exzesse des Nationalismus behauptet hat – aber es stimmt eben nicht. Es stimmt weder in der Historie, noch stimmt es im Roman. Postfaktisch sind immer die anderen, aber von Zeit zu Zeit erscheint es angemessen, das eigene Bedürfnis nach erwünschten ‚höheren Wahrheiten‘, die sich verführerisch als Realität ausgeben, zu hinterfragen.

 

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Isolde Charim: Ich und die Anderen. Wie die neue Pluralisierung uns alle verändert

In einem, wie immer selbstverständlich augenöffnenden und brillanten, Artikel der Vice über den „neuen deutschen Standard“, in dem vier „Millennials“ erklären, was „deutsch sein in der heutigen Zeit für sie bedeutet“, kann man drollige Dinge lesen. Vor allem kann man lesen, dass man Pluralisierung und Standardisierung offensichtlich irgendwie so einfach zusammendenken kann. Vor allem dann, wenn der Artikel eigentlich Teil einer Werbekampagne für Opel ist, man also hier mustergültig sehen kann, wie es neoliberalem Kapitalismus gelingt, irgendwie alles zu schlucken, egal wie gegensätzlich es ist – Nation, Standard, Pluralität, Nichtstandardisierung –, wenn es nur dazu dient, irgendeine möglichst viele ansprechende Ästhetik zu erzeugen, die verkaufsfördernd sein könnte, also wenn man nur am Ende eben ein Preisschild draufkleben kann.

Aber geht das so einfach: Pluralität und „neuer deutscher Standard“ gleichzeitig? Jein, würde Isolde Charim vielleicht sagen: Pluralität als Standard im Sinne einer Grundvoraussetzung ja, aber das ist dann eben nicht das, was „deutsch sein“ bedeutet, zumindest nicht im Sinne einer Identität. Sondern das ist dann das, was „in einer pluralen Gesellschaft leben“ bedeutet.

In ihrem Essay „Ich und die Anderen“ geht die österreichische Philosophin und Publizistin Isolde Charim richtigerweise von Pluralismus als gesellschaftlichem Faktum aus: Pluralisierung lässt sich nicht wegwünschen oder wegschimpfen, sie ist längst geschehen und vollzieht sich weiter. Volle Identitäten und klare Zugehörigkeiten sind nicht mehr zu haben, für keinen, denn Pluralisierung verändert alle wechselseitig. Jeder muss heute damit leben, dass seine Identität, seine Lebensweise gleichberechtigt neben anderen steht und stehen können muss. Mit einem kulturwissenschaftlichen Zugriff verabschiedet Charim die Fiktion einer homogenen Gesellschaft und führt vor Augen, wie eine solche, aller Fiktionen entkleideten, demokratische Gesellschaft funktionieren könnte: Indem jeder auf eine volle Identität, die als allgemeingültig gesetzt werden könnte, verzichtet.

Charim durchleuchtet auf den ersten hundert Seiten in vier Kapiteln scharfsinnig und aufschlussreich unterschiedliche Phasen von Individualisierung und Pluralität und untersucht deren Auswirkungen auf Religion und Kultur. Leider folgen darauf weitere hundert Seiten, auf denen Charim zunehmend pauschal und mitunter ziellos argumentiert, so dass nur noch einzelne interessante Beobachtungen – die aber immerhin da sind – gelingen, während viel anderes eher nebulös bleibt. In diesen Kapiteln beschäftigt sie sich mit den Auswirkungen der von ihr beschriebenen Entwicklungen auf das politische Feld. Und diese Kapitel kranken an holzschnittartigen Argumenten und Alternativen ohne Zwischentöne, an einem eigentümlichen Politikverständnis, dem gemäß das Gefühl der Teilhabe wichtiger ist als die realpolitische Veränderung – es mag sein, dass vielen Teilhabe wichtiger zu sein scheint als Veränderung, aber zur Norm braucht man das deswegen ja noch lange nicht zu erheben, es sei denn man will über die richtig Forderung, politische Emotionen ernst zu nehmen, so weit hinausschießen, dass man Politik auf politische Emotionen verkürzt. Daran schrammt Charim leider hart vorbei. Deutlich inspiriert ist Charim hier von Hartmut Rosas Theorie der „Resonanz“, dass dieser jedoch nicht zitiert wird, zumindest in den Fußnoten nicht auf ihn verwiesen wird, ist doch auffällig und kurios. Warum verweist man nicht auf jemanden, der einschlägig ist und den man offensichtlich gelesen hat? Genauso auffällig ist, dass Charim dann – erneut leider wenig konzise – ein ganzes weiteres Kapitel darauf abheben will, dass in der heutigen Situation politische Emotionen ernst genommen werden müssen, allerdings ohne die zwei Autorinnen zu zitieren, die hier eigentlich einschlägig wären: Martha Nussbaum und Eva Illouz. Vieles hätte hier prägnanter und klarer gefasst und argumentiert werden können, wenn man auf die einschlägige Vorarbeit anderer zurückgegriffen hätte. Warum das nicht geschieht, ist nicht nachvollziehbar. So bleibt schlicht unklar, warum man vierzig Seiten auf einen längst gut durchargumentierten Zusammenhang verwendet, ohne dabei zu klaren Schlussfolgerungen zu gelangen oder auch nur die bereits bekannten Zusammenhänge klar zu durchschreiten.

Im letzten Kapitel, das sich mit linken und rechten Identitätspolitiken und der Kritik an ihnen auseinandersetzt, wird dann leider erneut verkürzt argumentiert: Nicht nur behauptet Charim entgegen aller Evidenzen der Migration, die klar belegen, wie viele Menschen heute aus ökonomischen Gründen den Weg in westliche Länder einschlagen, der Westen habe seine „Verführungskraft einer Glücksvorstellung“ eingebüßt, und leitet daraus dann unterkomplexe, schiefe Schlussfolgerungen ab. Sie verkürzt auch massiv die linke Kritik an Identitätspolitik, wenn sie behauptet, diese würde mit ihrer Aktualisierung von Haupt- und Nebenwiderspruch und „Klassenkampf“ nur ökonomische Fragen forcieren und Fragen der Anerkennung und Teilhabe ignorieren – das Gegenteil ist entsprechend einer Theorie, die die Abhängigkeit des Überbaus von der Basis behauptet, der Fall, und auch, wenn man diese Theorie nicht teilt, muss man doch wenigstens einbeziehen, was Leute meinen, die sie teilen, wenn man fruchtbar deren Argumente widerlegen will. Vielmehr meinen diese linken Kritiker doch gerade das: Das Problem fehlender Anerkennung und Teilhabe über die Lösung der ökonomischen Frage bewältigen zu können. Dass Charim damit, dass sie dann Fragen der Anerkennung und Teilhabe deutlich über ökonomische Fragen stellt, ins andere Extrem rutscht und so selbst der Identitätspolitik, die ja ebenfalls eigentlich beide Aspekte im Blick haben möchte, unrecht tut, ist leider die logische Konsequenz daraus. Charim schreibt:

„Und hier muss man einen Punkt festhalten: Die leitende Vorstellung von Pc und Identitätspolitik ist die Inklusion – also das Szenario, bestehende Exklusionen durch aktive Inklusion aufzuheben. Das ist zwar eine (notwendige) Strategie, um die Ungerechtigkeiten einer pluralisierten Gesellschaft zu bekämpfen. Aber es ist zugleich auch eine begrenzte Strategie und kein gesamtgesellschaftliches Konzept. Pc und Identitätspolitik stellen keine wirkliche gesellschaftliche Utopie bereit. Zumal wenn man Inklusion als Einschluss ‘vorgängiger Identitäten‘ versteht – als jene Identitätsverfestigung also, die reaktiv ist und die Dynamik der pluralisierten Gesellschaft abwehrt und die Bewegung des dritten Individualismus verkennt.

Trotzdem aber ist Klassenkampf jenseits der Identitätsfrage heute weniger möglich denn je.“ (S. 208f.)

Warum der Klassenkampf nun unmöglich sein soll, wird nicht geklärt. Indem sie ihn, und damit die Frage ökonomischer Teilhabe, verabschiedet, fällt sie hinter ihre eigene Erkenntnis zurück: Dass Anerkennung/Teilhabe und ökonomische Verhältnisse zusammen hängen. Letztlich sagt Charim damit, indem sie behauptet, eine andere Lösung als Identitätspolitik sei unmöglich und eine wirkliche gesellschaftliche Utopie sei nicht zu haben: Ich will das Elend gerecht über alle gesellschaftliche Gruppen verteilen, das Elend selbst dabei aber nicht antasten. Genau das ist aber just das, was von linken Kritikern der Identitätspolitik vorgehalten wird – da Charim aber anscheinend ein verkürztes Verständnis von dieser Kritik hat, rennt sie mit ihren Ausführungen die Türen dieser Kritik ein und bestätigt sie. Natürlich mag es ein erster Schritt sein, diese Form der Gerechtigkeit herzustellen. Aber so offen schlicht behaupten „Mehr geht eh nicht“ ist doch eine bemerkenswert einfache Haltung, gerade eben dann, wenn man sonst nicht müde wird zu betonen, dass soziale Frage und Statusfrage zusammenhängen.

Damit jedoch nicht genug: Charim lässt auch andere Fettnäpfchen nicht aus, mit denen sie linke Kritik an identitätspolitischen Positionen fast bilderbuchmäßig bestätigt. So wiederholt sie immer wieder die Metaphorik von der „unsichtbaren Hand“ der Pluralisierung, in bewusstem Rückgriff auf die ökonomischen Theorien Adam Smiths – indem sie hier also Kulturtheorie und ökonomische Theorie parallel führt, öffnet sie Tür und Tor für die, die behaupten, „Diversity“ sei nur ein Feigenblatt des Neoliberalismus und damit Teil seiner Ideologie. Und damit nicht genug der ungeschickten Metaphern, die eine solche Kritik bestätigen: Ausgerechnet die „Begegnungszone“ soll als Metapher für die plurale Gesellschaft der Zukunft dienen, eine Verkehrszone, die über die Deregulierung der Verkehrsordnung funktionieren soll – weil keine Verkehrsregeln vorgegeben sind, müssen die Verkehrsteilnehmer aktiv aufeinander achten und also den öffentlichen Raum ohne eingreifende Autorität selbstständig organisieren. Freilich merkt Charim selbst an:

„In anderen Bereichen [als dem Straßenverkehr] führt solche Deregulierung, solche Freistellung von Schutz zu einer knallharten Ellbogengesellschaft.“ (S. 170)

Ja, möchte man sagen: Genau das ist die gängige Kritik am Neoliberalismus. Und man wundert sich, warum Charim dieses Bild dann über mehrere Seiten ausführt, wenn sie doch selbst sieht, dass es nicht übertragbar ist. Die Antwort ist leider: Weil sie es anscheinend nicht sieht, denn später greift sie dem Wissen darüber, dass Deregulierung realiter eben kein so gut funktionierende Lösung ist, zum Trotz darauf zurück:

„Angelehnt an die Verkehrsberuhigung ist die Begegnungszone, wie wir gesehen haben, das gesellschaftliche Konzept eines gleichberechtigten Miteinanders unterschiedlicher Teilnehmer – eine Gesellschaftsberuhigung also, wo die Begegnung sich durch die Unterschiede reguliert.“ (S. 210)

Den Widerspruch zu der eigenen Feststellung, dass Deregulierung nicht einfach auf andere Bereiche übertragbar ist, hat Charim zwischen Seite 170 und 210 nicht aufgelöst. Man fragt sich, ob sie ihn vergessen hat, oder ob sie davon ausgegangen ist, dass der Leser ihn schon vergessen haben wird. Dass sie damit selbst unterläuft, wofür sie eigentlich eintreten will – denn berechtigterweise spricht sich Charim für Pc aus, solange diese nicht zur Zerrform wird, Pc ist aber eben eine Form der Regulierung, Pc ist nicht nur subjektive Einsicht, sondern auch gesellschaftliche Konvention – scheint die Autorin nicht zu stören. Genauso wenig scheint sie zu stören, dass ihr Ideal der “Begegnungszone” durchaus nicht weniger utopisch ist als das Ideal einer marxistischen Linken, die die “klassenlose Gesellschaft” fordert:

“Und wie erreicht man diese wundersame Verwandlung von aggressiven Verkehrsbestien? Nicht durch Regeln – der Verkehr soll sich ja von allein organisieren. Nicht durch Appelle wie: Seien Sie doch bitte rücksichtsvoll! Nein, man erreicht das durch – Deregulierung. Das ist die bewusste, gezielte Herstellung von subjektiver Unsicherheit. Raumplaner sagen das ganz offen. Durch räumliche Gestaltung – wie dem Wegfall von eindeutig zugeordneten Straßenflächen – erzeugt man beim Einzelnen ganz absichtlich das Gefühl Unsicherheit. Denn genau das führt zu verändertem Verhalten. Die Unsicherheit des Einzelnen erzeugt eine sicherere Gesamtsituation.” (S. 169),

behauptet Charim da einfach, und ignoriert dabei, was sie selbst schreibt, was man weltweit derzeit beobachten kann: Die Unsicherheit des Einzelnen erzeugt beileibe nicht durch irgendeine “unsichtbare” Zauberhand eine sichere Gesamtsituation, das Gegenteil ist der Fall. Charim kippt hier eben von einer Seite des Skala zur anderen, einen Mittelweg möchte sie nicht vorschlagen. Stattdessen greift sie zu einer Utopie, die die von Libertären sein könnte: Deregulierung, völlige Abgabe jeder Verantwortung an das Individuum.

Ärgerlich ist das allemal, denn mit alledem bestätigt Charim nolens volens die linke Kritik an ihrer Position, die sie so verkürzt wiedergibt und also nicht widerlegen kann. Das ist bedauerlich, denn ihrer eigenen Position tut sie damit keinen Gefallen.

Hätte das Buch auch auf den letzten hundert Seiten im Blick behalten, was die Autorin selbst weiß und richtigerweise mehrfach festgehalten hat – dass soziale und ökonomische Teilhabe zusammenhängen und nur zusammen hergestellt werden können – statt in unterkomplexen Alternativen zu denken und sich dann auch noch für eine Seite zu entscheiden, statt beide zusammen zu halten, hätte das ein hervorragender zweihundertseitiger Essay sein können.

So muss man leider sagen: Ein bedenkenswerter, spannender, lesenswerter und gut zu lesender Essay, der auf den ersten hundert Seiten sehr klar und konsequent argumentiert, dann aber leider irgendwie auf hundert weiteren Seiten eher grob und ohne notwendige Sorgfalt, sowie rätselhafterweise ohne Einbezug der einschlägigen Autorinnen und Autoren, zu Ende geführt worden ist. Wer am Thema interessiert ist, sollte „Ich und die Anderen“ von Isolde Charim unbedingt lesen, es lohnt sich. Vielleicht auch gerade deswegen, weil man hier einiges gewinnbringend hinterfragen kann, was sowohl die eigenen Positionen, aber auch die Charims betrifft.

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Die Verkalkung. Von den Restbeständen des Pop-Journalismus

Winter 2018: Die Spex stirbt. Und Moritz von Uslar setzt folgenden Tweet ab:

Irgendwie geht hier etwas seinem Ende entgegen. Der Pop-Journalismus, der in den 90ern als Inkubator auch der jüngsten Literatur fungierte, liegt in den letzten Zügen. Die Jungs – ja, es waren fast ausschließlich Männer – sind zu Herren mit Körperbeschwerden und Twitteraccounts geworden. Der Tonfall, die Perspektive, der Weltenzugriff – all das hat Staub angelegt. Die Klugen, die das bemerken, hören auf, so zu denken bzw. zu schreiben. Die Anderen machen weiter. Aber was bedeutet dieser Wandel für die, die diesen vermeintlich jungen und frischen und frechen Feuilleton-Modus mitbegründeten, die diesen Sound satisfaktionsfähig machten?

Vielleicht ist es am einfachsten, sich anzuschauen, welche Texte die Gealterten, deren Alleinstellungsmerkmal immer die Idee von Jugend war, heute so schreiben. Im Oktober 2018 veröffentlicht von Uslar einen Artikel zur vermeintlich boomenden Start-Up-Szene in Berlin mit dem Titel „Geld ist okay“, deren langsames Sterben nur einen Monat später mit Googles Rückzug aus Berlin eingeläutet wurde. Das war doch einmal der junge Journalistikheld, der alpacareitend durch die Anden reiste. Und jetzt? Gibt’s Artikel mit Ankündigungen wie „Im Saunabad Vabali in Berlin-Moabit trifft sich die besser verdienende Hälfte der Gesellschaft. Muss man sich hier schämen, oder ist es einfach schön?“ So also strolcht einer durch die Redundanzen seines Milieus und nennt es Kolumne.

hergestellt und poliert von: Simon Sahner

Was bleibt einem bei diesem voraussehbaren Prozess der Verkalkung übrig? Wegzug, rigider Kontaktabbruch, Nummernwechsel, lieber früher als später. Das Edelgewächs des Pop-Journalismus der 90er, Christian Kracht, hat es vorgemacht: fast keine Interviews, keine Glossen, kein Dazwischenfunken und Zu-Wort-Melden von Sonstwoher. Auf Lesereisen nimmt er in deutschen Städten keine Fragen entgegen, bei Lesungen im Ausland, etwa in Luxemburg, sehr wohl. Und wenn es denn doch passiert und einer der Ödnis-Maschinisten des deutschen Literaturbetriebs sich mit ihm unterhält,  dann ist gleich einer der anderen Distinktionsverwalter zur Stelle, um ersteren wenig überzeugend anzugehen. Im Duett stellen beide vor allem eins unter Beweis: wie verschlackt, pfauig und inspirationsarm deutsche Literaturkritik immer wieder ist.

Wenig verwunderlich also, weshalb Kracht in seinen beiden letzten Romanen jeweils eine Weg-von-hier-Story erzählt: In Imperium verlässt August Engelhardt das wilhelminische Deutschland, um in der Südsee das Glück zu suchen und den Wahnsinn zu finden. Und in Die Toten kommt der Schweizer Regisseur Emil Nägeli ins Berlin der 20er, nur um mit den erflehten UFA-Geldern Reißaus nach Japan zu nehmen. Diese Geschichten, denen auch Krachts eigene Goodbye-Deutschland-Biographie hinzuzuschlagen ist, mögen inszeniert, auch vorausschaubar wirken. Als Output sind sie indes weitsichtiger und spannender als das Text-Tamtam der zurückgebliebenen Brudis.

Ein solchen Auszug aus Deutschland hat auch Benjamin von Stuckrad-Barre, der Feuilleton-Posterboy der 90er, in Panikherz inszeniert: als Einzug in das Chateau Marmont Hotel in Los Angeles, um fern der kontinentaleuropäischen Kleinlichkeit einem Lifestyle zwischen Geldprasserei, Gucci-Reklamen und bizarren Talks mit Doktorandinnen zu frönen. Aber so richtig gelingt seine Exilierung nicht. Denn gefühlte sieben Seiten nach einer der vielen Marmont-Szenen steht Stuckrad-Barre plötzlich vor Thomas Gottschalks Villa in Beverly Hills, um anschließend mit der Prachthecke der deutschen Medienlandschaft zu plaudern, wie in einer unsäglich spießigen deutschen Variante des sowieso immer schon fürchterlichen Cribs.

Ansonsten erinnern seine Bemühungen an das Zucken bzw. Schnappen eines altersschwachen Alligators: wie er einen so fiesen wie süffisanten Revanche-Text gegen Rainald Goetz raushaut, wie seine xte Lesereise mit seinem xten Remix-Buch auf dem Campus der Uni Bayreuth oder in der Centralstation Darmstadt groß plakatiert werden, als stünde ein Highlight bevor, wie er im “Wordrap” des Standard Dinge über Stadt und Idylle sagt, die von einem ratlosen Expressionisten stammen könnten, wie er nach Panikherz irgendein Buch über Nüchternheit veröffentlicht, das nur Takis Würger und Uwe Wittstock besprechen.

So setzt bei beiden langsam aber sicher der Walser-Effekt ein. Gefangen im penetranten publizistischen Wiederholungszwang, abgestellt in einer der wenigen Vollkasko-Nischen des Betriebs schreiben und sprechen sie weiter vor sich hin, ein wenig für sich, ein wenig für das Geld, ein wenig für eine treue Leserschaft, die eigentlich auch nicht mehr so viel mit sich anzufangen weiß und deswegen das zuverlässig Immergleiche, geschrieben von den Immergleichen, in sich reinstopft. Wie diese Bonbons, die, drapiert in hübschen Holzschalen, für einen bereitstehen, in den vielen Arztpraxen, die man jetzt immer öfters besuchen wird.

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Jahresrückblickssause 2018, bastelt mit!

Das Team von 54books hat sich zusammengesetzt, um das Jahr 2018 Revue passieren zu lassen. Der geneigte Leser möchte, so er sich dazu berufen fühlt, gerne aufgeworfene Fragen ebenso in den Kommentaren beantworten. Wir bedanken uns für die Aufmerksamkeit, den Zuspruch und das Mitlesen in 2018 und im Voraus für dasselbe in den kommenden Jahren.

1. Welches war das beste Buch, das du 2018 gelesen hast?

Tilman: Der Eindruck ist noch frisch, das beste Buch ’18 las ich gerade erst: Maya Angelou – Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt. Das hat mir die Schuhe ausgezogen. Außerdem mochte ich Tante Julia und der Kunstschreiber bzw. (in der neuen Übersetzung) Tante Julia und der Schreibkünstler von Vargas Llosa sehr. Das habe ich mal vor hundert Jahren gelesen und hatte es jetzt für meine Reise nach Peru im Gepäck. Gute Unterhaltung ohne platt zu sein. Apropos Ausland, nach Peru war ich in Bolivien, daher las ich vorher Die Affekte von Rodrigo Hasbún, das knallt!

Simon: Am meisten beeindruckt und zum Nachdenken gebracht hat mich Bettina Wilperts nichts, was uns passiert. Ob es DAS beste Buch war, kann ich nicht sagen, aber es ist mir am meisten positiv im Kopf geblieben aus diesem Jahr.

Katharina: Habe dieses Jahr sehr viele sehr gute Bücher gelesen, und dann habe ich gerade mal wieder “A Christmas Carol” von Dickens gelesen. Dickens. Man sollte nur noch Dickens lesen. Allein wie der Häuser beschreibt.

Samuel: Heinz Helles “Die Überwindung der Schwerkraft”

Berit: Ich habe, nachdem ich es ewig geplant hatte, endlich Audre Lordes Sister Outsider. Essays and Speeches by Audre Lorde gelesen und es war großartig. Danach hatte ich die Gelegenheit mit einigen Freundinnen und Bekannten in einem Gruppenchat via Skype über das Buch zu sprechen und es war wirklich bewegend, wie sehr es alle berührt hatte. Außerdem hat das Buch Match Deleted: Tinder Shorts von Sarah Berger bei mir nachhaltigen Eindruck hinterlassen, weil ich die Erzählweise innovativ und inspirierend fand.

Elif: Am meisten beeindruckt hat mich Bleib bei mir von Ayòbámi Adébáyò. Mit Du wolltest es doch von Louise O’Neill und Was ist schon normal? von Holly Bourne sind aber auch ein paar eindrucksvolle Jugendromane erschienen, die sich mit Themen wie Rape Culture und Feminismus auseinandersetzen. Max Czolleks Desintegriert euch! zähle ich auch dazu, hat mir sehr gut gefallen.

Matthias: Ich lese ja nicht so wahnsinnig viel. Das Buch, das mich 2018 am meisten fasziniert hat, habe ich vor 2018 angefangen und werde ich dieses Jahr nicht mehr abschließen, nämlich Uwe Johnsons Jahrestage. Max Czollek fand ich aber auch sehr klasse.

2. Welches war das schlechteste Buch, das du 2018 gelesen hast?

Simon: Ohne wenn und aber Andreas Eschbachs NSA – Nationales Sicherheits-Amt, das hat in diesem Jahr in vielerlei Hinsicht den Vogel abgeschossen.

Tilman: Boah, gab schon paar schlechte. Die siebte Sprachfunktion hat mich enttäuscht. Vieles war einfach so ein Grundrauschen, was nicht so richtig schlecht war, aber eben auch nicht gut.

Katharina: Habe ich alle rechtzeitig abgebrochen.

Samuel: Christian Torklers “Der Platz an der Sonne”

Berit: Mir hat Donna Haraways Unruhig bleiben: Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän nicht gefallen, das mag aber auch an mir liegen.

Elif: Ohne Zweifel Peter Stamms Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt. So nichtssagend. Ja, er spielt mit Zukunft und Vergangenheit und bla, aber im Grunde will ein alter Typ nur die ganze Zeit was mit einer jungen Frau haben und ist ganz melancholisch. Wie gefühlt jede 0815-Geschichte eines weißen, (mittel)alten Mannes. Vielleicht bin ich dadurch auch einfach nicht das Zielpublikum. Wäre auch meine Antwort für die nächste Frage, weil ich wirklich nichts aus diesem Buch ziehen konnte.

Matthias: Richard David Precht, Jäger, Hirten, Kritiker. Ein durchweg ärgerlicher, vorhersagbarer, schlecht gemachter und zu allem Überfluss heftig nach rechts anschlussfähiger Schinken. Den habe ich auch für 54books rezensiert.

Tilman: Ich muss mich hier nochmal einschalten und Bezug auf Elif nehmen. Ich war bei Peter Stamm völlig ratlos, was genau an diesem Buch erzählenswert ist, “nichtssagend” trifft es perfekt.  Wäre Walser jünger, er schriebe Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt.

3. Das überflüssigste Buch 2018 war?

Tilman: Ich finde diese ganzen Aufgüsse von alten Texten immer fürchterlich überflüssig. Stuckrad-Barre nennt das selbstentlarvend immer Remix, verkauft sich wie geschnitten Brot, gönn ich ihm – aber wenn jetzt jeder Internetschreiberling anfängt nur seine alten (also die letzten zwei Jahre) Texte aus dem Internet zusammenzusuchen und zu drucken .. schade um das Papier und das Geld und die Zeit und das Internet.

Simon: Martin Walsers Gar alles oder Briefe an eine Unbekannte, das waren vermutlich einfach Texte, die Walser noch rumliegen hatte, die er irgendwie zusammengeschraubt hat und weil Martin Walser drauf steht, wirds gedruckt. Auch überflüssig fand ich Marc-Uwe Klings Qualityland, das war nur platte Pauschalkritik und banaler Hihi-Humor.

Katharina: “Zusammenleben” von Leander Scholz, ein Buch, das so tut, als wäre ganz Deutschland eine Kleinfamilie aus der Mittelschicht.

Samuel: “Die Hungrigen und die Satten” von Timur Vernes

Berit: Überflüssige Bücher gab es einige, mich ärgern besonders “Debattenbücher” von Menschen, die mit einer sich verändernden Gesellschaft nicht klarkommen, der Schutzheilige dieser schmierigen Nische ist sicher Thilo Sarrazin.

Matthias: Im Zweifel immer der neue Maschmeyer.

Tilman: Es gibt einen neuen Maschmeyer?

4. Welches war die interessanteste Feuilleton-Debatte/der interessanteste Feuilleton-Artikel des Jahres?

Katharina: Ganz pauschal würde ich ja sagen, dass das Feuilleton an sich interessant ist und dass da viele, viele, viele interessante und lesenswerte Sachen geschrieben worden sind, dass es viele spannende Rezensionen gegeben hat und dass das Feuilleton halt häufig leider gerade da am uninteressantesten wird, wo es sich am meisten darum bemüht, interessant zu sein, eben deswegen, weil es oft sehr bemüht wirkt, wie Schattenboxen oder wie ein angestrengter Kompromiss.

Simon: Persönlich fand ich die Debatte – wenn man das in diesem Fall so nennen kann – im Anschluss an die Poetikvorlesung von Christian Kracht sehr interessant.

Berit: Ich habe gerne die Beiträge von Anna-Verena Nosthoff und Felix Maschewski zu digitalen und Tech-Themen in der NZZ gelesen.

Matthias: »After the Fall«, Adam Gopniks gigantischer Rezensionsessay von Patrick Sharkeys Buch Uneasy Peace über das faszinierendste soziale Phänomen der letzten Jahrzehnte, nämlich den drastischen und nachhaltigen Rückgang der Kriminalität; und »Safer Spaces«, Jia Tolentinos Reportage über evidenzbasierte Maßnahmen, um sexuelle Übergriffe auf amerikanischen Hochschulcampi zu reduzieren. Beides natürlich im New Yorker. (Ist das Feuilleton? Ich behaupte einfach mal: Im New Yorker ist immer alles Feuilleton.)

5. Welches war die überflüssigste Feuillleton-Debatte/der überflüssigste Feuilleton-Artikel des Jahres? [Welches war die Feuilleton-Debatte, die am weitesten vom wirklichen Leser entfernt war?]

Katharina: Die “Debatte” um Simon Strauß war ein phänomenaler Tiefflug, den zu unterbieten auch in kommender Zeit schwierig werden wird – immerhin haben sich in ihrem Kontext aber einige mühevoll als Ulknudeln positionieren können, die zwar Angst vor dem angenommenen Männlichkeitsbild von Simon Strauß haben, gerne aber öffentlich auf ihre Begeisterung für Haftbefehl hinweisen, als würden nicht tausende Teenager dessen “Rollenprosa”, sowohl die misogyne wie die antisemitische, sehr unironisch hören und auswendig lernen. Da sieht man halt, dass es eigentlich nicht so sehr um sachliche Fragen oder Inhalte ging, sondern viel mehr um die Positionierung im literarischen und kulturellen Feld.

Berit: Die Kollegah-Debatte hat mich sehr genervt und führte teilweise zu wirklichen Meisterwerken selbstgerechter Verblödung. Ich wäre dankbar, wenn ich in 2019 nie wieder Rollenprosageschwafel und Grenzüberschreitungsanhimmelei von saturierten Feuilletonbros hören muss.

Simon: Ich schließe mich hier Berit an!

Matthias: Wie seit Jahren war auch 2018 nahezu jede Äußerung des Feuilletons zu Verkehrsthemen großer Unfug, und den Vogel haben wie immer die Einlassungen von Ulf Poschardt zum Thema Autofahren abgeschossen. Möglicherweise hat auch Rainer Meyer, dem es aus mir komplett unverständlichen Gründen sogar von seriösen Medien gestattet wird, unter dem infantilen Pseudonym »Don Alphonso« zu schreiben, etwas zum Thema Auto gesagt, das könnte dann sogar noch schlimmer sein, ich traue mich aber nicht nachzuschauen, weil mich das dümmer machen würde.

6. Das beste/schlechteste lektürebegleitende Lebensmittel 2018?

Tilman: Habe mir gestern die Hände eingecremt – das war die Hölle, alle Seiten fettig.

Simon: Das beste war und ist ohne Frage heißer Ingwer mit Zitrone und Honig, aber so stark, dass es milchig ist, sonst kann man es auch lassen. Am schlechtesten alles, was fettig ist, da hat Tilman recht!

Katharina: Wenn man sich allerdings die Hände nicht eincremt und zu trockener Haut neigt und dann zu eingerissene Haut an den Fingern hat, die auch manchmal blutet, ist das auch nicht gut, dann hat man Blutflecken im Buch.

Samuel: Buttrige Artischockenblätter

Berit: Sehr gut und richtig sind Kaffee und Lakritz, sehr schlecht sind Lutschbonbons, die einem die Zähne zur Maulsperre zusammenkleben, wenn man abgelenkt beim Lesen darauf herumkaut.

Elif: Bei mir gibt es nur Mate. All day, every day.

Matthias: Ich esse und trinke eigentlich selten beim Lesen von Büchern. Beim Lesen am Bildschirm schaufle ich in mich hinein, was eben da ist, und muss dazu feststellen, dass die Bunten Schnecken von Haribo echt was taugen. Wie immer enttäuschend: Paprikachips in zu großer Menge.

7. Der unnötigste sachliche Fehler in einem Artikel/Buch im Jahr 2018 war….?

Katharina: Als ob mir sowas auffiele.

Samuel: Deportationen nach Auschwitz im Sommer 1939 stattfinden zu lassen (in einem Familienroman)

Berit: Mir ist keiner aufgefallen, vielleicht lese ich nicht genau genug?

Simon: Ich erinnere mich, irgendwo einen gesehen zu haben, aber offenbar war er nicht gravierend genug, mhm.

Matthias: Michael Naumann in seiner Rezension der Tagebücher von Lion Feuchtwanger: »Arno Schönberg«. Dass der Großjournalist das einfach so hinschrieb und die größte deutschsprachige Wochenzeitung des Universums es unkorrigiert durchwinkte – das war ein Lehrstück in Sachen deutscher Medienbetrieb. Es sind die Kleinigkeiten und Äußerlichkeiten, die den Kampfgeist ausmachen (glaubt das nicht mir Ungedientem, glaubt es Norman Schwarzkopf jr., den ich damit sinngemäß zitiere).

8. Ulkigste Äußerung einer Person des öffentlichen Lebens zum Buchmarkt 2018?

Katharina: “Was fehlt, ist eine Arbeiterliteratur, die erzählt, was Menschen überall in Deutschland weg von Linkspartei und SPD in die Arme der AfD treibt.” (Ulf Poschardt) Als gäbe es dafür nicht Sachbücher und als gäbe es nicht – inzwischen bekanntermaßen – auch sehr finanzkräftige Unterstützer der AfD, deren Motivation ja auch ganz spannend wäre. Was fehlt, ist eine Arbeiterliteratur, die nicht der argumentativen Verzweckung von irgendwem untergeordnet ist.

Samuel: Waren mehrere … man müsse Christian Kracht jedes Wort 1:1 so abnehmen, wie er es in Frankfurt anlässlich seiner Poetikdozentur vorgetragen habe, kam bei vielen Berichten einer Verkennung der Ambivalenz des inszenierten literarischen Sprechens im hyperöffentlichen Raum der Vorlesung gleich, in dem ja beides zugleich möglich ist: Aufrichtigkeit und Maskerade, Transparenz und Opazität.

Berit: Die Reaktionen von zentralen Instanzen des Buchbetriebs auf die Leserschwundstudie des Börsenvereins und den durch die Digitalisierung ausgelösten Marktveränderungen schwankten zwischen völliger Fassungslosigkeit angesichts eines seit Jahren absehbaren Paradigmenwandels und wirklich amüsant-verzweifelten Anrufen einer Art Buchhygges, in der das Buch dann rasch auf eine Ebene mit dem Gläschen Wein oder einer entspannten Yoga-Einheit gesetzt wurde. Lesen als “Oase der Entschleunigung” und die Zeitdiebe aus Michael Endes Momo als Metapher für die Digitalisierung.

Matthias: Ganz eindeutig die Forderung danach, die Anzahl der Neuerscheinungen im gesamten Markt zu reduzieren, weil ja niemand mehr alles lesen könne. Das macht aus Lesen ein komplettistisches Hobby wie Münzensammeln und erklärt zudem alle Bücher für irgendwie gegeneinander austauschbar. Unfug, wie auch immer man es dreht und wendet.

9. Hast du 2018 ein Buch wiedergelesen oder wiederentdeckt?

Tilman: Ja, der oben erwähnte Llosa, das war wirklich schön. Außerdem habe ich meine jährliche Dosis Die Welt von Gestern nicht verpasst. Grandioses Buch!

Simon: Ich habe noch einmal Jakob Noltes Alff gelesen, das mich vor vier Jahren vom Hocker gerissen hat und ich habe zufrieden festgestellt, dass es mich immer noch begeistert. Außerdem im Zuge meiner Dissertation sogar zweimal Jack Kerouacs On the Road, das war vor allem interessant, weil ich es zuletzt mit 19 gelesen hatte und einen völlig anderen Blick darauf hatte.

Katharina: Habe “Das Ungeheuer” von Terézia Mora nochmal gelesen und wieder sehr gemocht – ich weiß gar nicht mehr, warum ich “Der einzige Mann auf dem Kontinent” so unfassbar zäh fand, vielleicht sollte ich das auch nochmal lesen.

Samuel: Weiß nicht, ob das als “Wiederentdeckung” zählt, aber César Airas “Stausee” von 2000 (Droschl) ist sehr irre / merkwürdig / toll.

Berit: Herman Bang wiedergelesen, Herman Bang weiterhin gemocht.

Elif: Äh, ich leshöre grade nur Harry Potter und der Halbblutprinz wieder. Es ist immer noch sehr gut.

Matthias: Ich habe Mutanten auf Andromeda von Klaus Frühauf gelesen, ein Buch, das mich in meiner Kindheit so fasziniert hat, dass ich es ca. viermal gelesen habe. Und was soll ich sagen? Es ist Science-Fiction-Meterware aus der DDR, spannend, aber etwas hölzern geschrieben, hochwertig hergestellt, avantgardistisch illustriert, linientreu und letzten Endes langweilig. Ich habe ein ganzes Regalbrett mit dem Zeug, allmählich sollte ich es doch mal lernen.

10. Hat sich 2018 dein Leseverhalten verändert?

Tilman: Nicht das Lesen an sich, aber der Besitzstand. Schlechte Bücher verlassen meinen Haushalt – meist gratis auf die Fensterbank. Ich brauche Platz im Kopf, im Regal und im Herzen.

Simon: Sehr! 2018 war mein erstes Jahr auf Twitter und ich habe so viele Menschen (Wissenschaftler*innen, Autor*innen und Verlage) kennengelernt, die meine Perspektive auf Literatur sehr erweitert und verschoben haben.

Katharina: Nein, aber ich finde mein eigenes Leseverhalten inzwischen derart unerträglich, weil ich so langsam lese, dass ich mir vorgenommen habe, 2019 endlich nur noch schnell und oberflächlich und ohne Notizen zu lesen. Man kommt ja sonst zu nichts.

Samuel: Vielleicht ist es rationaler geworden, um das hässliche Wort “ökonomisch” zu vermeiden. Habe schneller den Drang, ein Buch nach 10, 20 Seiten als lesenswert bzw. abbrechbar zu rubrizieren, das hat ab und zu den Effekt, dem Buch nicht ausreichend viel Chancen-Freiraum zu geben, in dem es sich entfalten könnte.

Berit: Ich begleite mein Lesen noch mehr als früher bei Twitter und führe dort die interessantesten Gespräche über Texte, das war sehr bereichernd. Mein Lesen verändert sich ständig, gerade lese ich Abends manchmal wieder Print und nicht mehr nur eBooks.

Elif: Für mich war das ein Lyrik-Jahr. So viele Gedichtbände wie in 2018 habe ich noch nie gekauft und gelesen.

Matthias: Ich habe tatsächlich mal ein bisschen mehr gelesen als sonst. Also immer noch fast nichts, aber mehr als die letzten Jahre. Danke, 54books!

11. Welcher Indie-Verlag hat 2018 immer noch zu wenig Aufmerksamkeit erhalten?

Tilman: Jeder. Toll die Aufmerksamkeit für Sebastian Guggolz! Aber bitte noch mehr Aufmerksamkeit für Christiane Frohmann, für den Lilienfeld Verlag und alles Gutverkäufliche von Random House, Bonnier und Holtzbrinck!

Simon: Der Frohmann Verlag, der hat mich auf jeden Fall mit der spannendsten – für mich neuen – Literatur konfrontiert. Sehr gefreut hat mich die große Aufmerksamkeit für den Verbrecher Verlag dank Manja Präkels Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß.

Katharina: Neben den schon genannten vermutlich Kookbooks. Ah ja, und ich mag den Elif Verlag. Der macht schöne Bücher, in manchen kommen Mäuse vor. Albino macht auch gute Sachen. Ansonsten mag ich alle Verlage, die klingen wie Brauereien, also beispielsweise Schöffling.

Samuel: Diaphanes, ed[ition] cetera, Wunderhorn Verlag

Berit: Reinecke & Voß macht spannende Lyrik. Mikrotext, Guggolz und Frohmann sind ebenfalls großartig. Noch mehr mediale Aufmerksamkeit würde ich außerdem Reprodukt gönnen, die machen wunderschöne Bücher, besonders die Kindercomics sollten in jedem Kinderzimmer stehen.

Matthias: Im Zweifel alle, es sei denn, sie korrigieren nicht ordentlich, das braucht kein Mensch.

12. Welche ist deine Katze des Jahres?

Tilman: Die Katze meiner Mutter: Bebra. Sie ist benannt nach einer sehr hässlichen, hessischen Stadt. Meine Schwester behauptet, das sei ihre Idee gewesen. Das ist natürlich Unfug: Ich war es.

Katharina: Meine.

Simon: In meinem Leben gibt es keine Katzen und das ist sehr schade.

Samuel: Meiner (ein Kater). Er heißt Heng, wie der luxemburgische Großherzog, ist dementsprechend edel. Er leckt sich immer sehr aristokratisch das Fell und guckt wie der letzte Snob. Und er trinkt ausschließlich Évian – wie Madonna oder so.

Berit: Ich habe ein wenig Angst vor Katzen, schaue sie mir aber gerne aus der Ferne an. Christiane Frohmanns Kater Laser gefiel mir sehr gut, als ich ihn traf. Er war wunderschön wildtigrig und wollte nicht auf meinem Schoß sitzen – Perfekt!

Elif: Die Katzen von Sarper Duman. Besuch der Instagramseite auf eigene Gefahr – ihr werdet vielleicht schmelzen, Herzchenaugen kriegen, weinen, euch verlieben und die Seite nie wieder verlassen. Er adoptiert regelmäßig Straßenkatzen, spielt mit ihnen Klavier und hat inzwischen keine Ahnung wie viele.

Matthias: Meine Katzen des Jahres sind selbstverständlich Chewbacca (aka Chewie aka Tchou-tchou) und Fluse (aka Flusi aka Flou-flou), die beiden Katzen, die meine Frau und ich diesen Sommer adoptiert haben.

13. Welcher literarische Trend wird 2019 vorherrschen?

Tilman: Das gänzlich unliterarische Scheißbuch. Das kann sowohl der x-te Promiquatsch sein (von Promis, die das Leben erklären, bis zu Promis, die literarische dilettieren) als auch diese ganze andere Massmarket Mist. Ich habe sowieso die Hoffnung aufgegeben, nicht nur für 2019.

Simon: Ich habe die Hoffnung, dass es noch mehr Literatur geben wird, die sich der Schreibweisen und der Kommunikation annimmt, die im digitalen Raum immer mehr Alltag werden. Außerdem denke ich, dass noch einiges zu #metoo erscheinen wird, das vielleicht nicht direkt darauf Bezug nimmt, aber das Thema Geschlechterverhältnis/Machtstrukturen aufgreift. Außerdem scheint, wenn man sich in den Verlagsankündigungen umschaut, das Thema “dystopische Zukunft” weiterhin im Trend zu sein.

Katharina: Ich glaube tatsächlich, dass die Klassenfrage mehr und mehr zurückkommt – in der Theorie wie in der Literatur. Es wird Romane zu #unten geben und man kann nur hoffen, dass sie sich nicht mehrheitlich in Klischees und/oder Sozialromantik verheddern. Persönlich würde ich mir einen dauerhaften Trend hin zu einer Romanlänge von maximal 250 Seiten wünschen. Man kommt ja zu nichts.

Samuel: Die Deklination von Heimat in allen möglichen Fällen: kritisch, affirmativ, sarkastisch, naiv. Die normative Engführung von Relevanz und Literatur: Nur Bücher, die einen auf den ersten Blick ersichtlichen / konsumierbaren gesellschaftskritischen Beitrag liefern, sind “IN DIESEN ZEITEN” gefragt. Bücher, die es sich und der Leserschaft schwieriger machen, sind fatales Geplänkel zur falschen Zeit. Das wird die Unachtsamkeit gegenüber sprachlicher Verfahren sowie die Diskreditierung des Ästhetischen zugunsten einer Idee von Literatur als (er-)klärendem Diagnose-Service befeuern. (Ist aber auch schon länger so.) Positiv, hoffentlich, als Trend: dass mehr über Repräsentationen nachgedacht wird, wer wie bei wem auftritt, wem welcher Raum zugestanden wird, etc., zugleich hoffe ich, dass es auch hier nicht zu so einer Engführung kommt nach dem Motto: Ausschließlich Bücher, die eine Diversitätsquote erfüllen, sind wertvolle Bücher. Aber die Frage wird hoffentlich stärker gestellt und klüger beantwortet als bisher.

Berit: Ich prognostiziere eine Verstärkung des Trends zur Lyrik, auch vermehrt mit ästhetischen Verfahren, die dem digitalen Raum entstammen. Außerdem werden wir weiterhin die Tier- und Pflanzenwelt auf Buchdeckeln finden – Käfer, Vögel, Fische, Farne usw. Mit dieser gestalterischen Faszination für Flora und Fauna schleicht sich meiner Meinung nach die latente Wahrnehmung von Klimakatastrophe und Artenschwund auf die Cover. Persönlich hoffe ich daher auf Bücher, die sich auch zwischen den Buchdeckeln mit innovativen erzählerischen Verfahren mit dem Klimawandel befassen, gerne auch in ästhetisch herausfordernder Art und Weise, beispielsweise in Langgedichten oder mit phantastischen Elementen.

Matthias: Im Sachbuchbereich geht der Trend weiter Richtung Krempel und Nachahmertitel, vermute ich. Plus vermutlich eine Lawine billig runtergeschriebener Politsachbücher über den Wachwechsel bei der deutschen Christdemokratie und verwandte Phänomene.

14. Auf welche Neuerscheinung 2019 freust du dich besonders?

Tilman: Das Buch von Berit, das im Herbst 2019 bei Schöffling erscheint.

Katharina: Was Tilman sagt. Und es gibt einen neuen Roman von Streeruwitz, die ich gerne lese.

Simon: Was Tilman sagt. Und ich bin auf Yannic Han Biao Federers Debüt gespannt.

Samuel: Ann Cottens “Lyophilia”, Sibylle Bergs “GRM”, bien sûr auch Berits Roman, was sonst?

Berit: Ich freue mich sehr auf all die norwegischen Bücher, die zur Buchmesse erscheinen werden, ganz besonders darauf, dass nun auch meine Freunde Johan Harstads Max, Mischa und die Tet-Offensive lesen können. (Es wäre außerdem gelogen, wenn ich nicht zugeben würde, dass ich mich riesig auf mein eigenes Buch freue.)

Elif: Schließe mich allen an. Außerdem freue ich mich auf Eure Heimat ist unser Albtraum, Schamlos, beides aus der Perpektive von migrantischen und/oder muslimischen Menschen und auf die Jugendbücher On the Come Up und King of Scars.

Matthias: Was Tilman sagt. Und möglicherweise die Neuedition von Kants Kritik der Urteilskraft in der Akademie-Ausgabe, ich habe gehört, eventuell wird die tatsächlich bald mal fertig.

15. Welche Neuerscheinung 2019 lässt du lieber liegen?

Katharina: Gibt es wirklich noch Leute, die sich auf den neuen Roman von Houellebecq freuen? Ich habe den wirklich mal sehr gerne gelesen, “Die Möglichkeit einer Insel” ist einer meiner Lieblingsromane aus der internationalen Gegenwartsliteratur, aber der schreibt doch auch schon länger einfach nur immer wieder dasselbe Buch mit wechselnden “Zeitdiagnosen”, und wenn ich mir die Zeit erklären lassen will, lese ich Sachbücher von Leuten, die noch bei Trost sind, bei Houellebecq habe ich da meine Zweifel, schon allein, weil er einen Blick für soziale Themen haben mag, einen sehr männlichen, aber immerhin einen Blick – für politische Fragen hat er keinen. Und dieses “der arme einsame Mann in der sozialen Kälte unserer Zeit”-Ding reicht halt irgendwann vielleicht als literarischer Zugang auch nicht mehr, um abendfüllend zu sein.

Simon: Jedes Buch, das mir penetrant etwas erklären will: Sei es meine Generation, den Rechtsruck oder was auch immer.

Samuel: Jan Brandts “Ein Haus auf dem Land”

Berit: Selbstbespiegelnde Bücher arrivierter Autoren, wer interessiert sich schon für die filzigen Flusen aus deren Bauchnabel. Außerdem habe ich die Faustregel, dass ich nie Bücher lese, die kultige Kiezgrößen romantisieren.

Matthias: Grundsätzlich lasse ich jedes Buch liegen, das aus der Feder einer dieser typischen deutschen Themenpundits kommt. Wir haben ja für jedes wissenschaftliche Thema in Deutschland jemanden, der dafür als Experte herumgereicht wird, ohne ein nennenswertes Standing in der entsprechenden akademischen Disziplin zu haben. Leider muss ich den Quatsch trotzdem manchmal rezensieren.

16. Welchen (vergessenen) Klassiker sollte man 2019 wiederlesen bzw. neulesen?

Tilman: Ich werde mir Die Elenden von Hugo reinknattern, außerdem Große Erwartungen von Dickens und Die Auferstehung von Tolstoi, ob man das soll – das weiß ich erst hinterher.

Simon: Wolfgang Borcherts Gesamtwerk (ist ja leider nicht so lang). Ich werde mir im kommenden Jahr mal Hannah Arendt und Simone de Beauvoir vornehmen.

Katharina: 2019 ist Fontane-Jahr und Fontane mag ich. Ansonsten kann man halt mal wieder Gedichte von Lasker-Schüler lesen. Grundsätzlich will ich aber sowieso viel mehr Bücher von toten Menschen lesen – die schreiben einem keine nöligen eMails und außerdem gibt es so viele Klassiker und man kommt ja zu nichts.

Samuel: In der Hinsicht bin ich leider so ein kanonistischer Idiot, der sagt: die Novellen von Heinrich von Kleist.

Berit: Gedichte von Sibylla Schwarz sollte man mal anschauen, weil Barocklyrik fetzt. Ich werde 2019 etwas von der Norwegerin Cora Sandel lesen (Norwegen ist Buchmessegastland 2019) und etwas aus der Sandalen-Serie des dänischen Gladiator Verlages, die spannende nicht-kanonisierte Klassiker wiederauflegen.

Elif: Ich habe mir vorgenommen, Tess of the d’Urbervilles und Rebecca endlich zu lesen. Der ein oder andere Roman von Jane Austen könnte auch wieder dabei sein.

Matthias: Wie gesagt, ich bin immer noch an den Jahrestagen dran.

17. Wird es Print 2020 noch geben?

Tilman: Klar, Promis erscheinen nicht als ebook!

Katharina: Print lebt ewig weiter, wird aber eben zunehmend ein Liebhaber-Ding und verliert weiter an Einfluss. Stand neulich in einem Glückskeks (auch Print).

Simon: Solange Richard David Precht vor Regalen posieren will, wird es gedruckte Bücher geben.

Samuel: Na ja.

Berit: Spannender ist doch die Frage, ob es 2020 in Flaschen abgefüllten Buchseitengeruch und Bücher auf Esspapier geben wird!?

Elif: Solange es Bookstagram und Booktube gibt, wird Print leben. Was soll man sonst fotografieren und in die Kamera halten? E-Reader sehen nicht hübsch genug aus.

Matthias: Natürlich.

18. Welches ist dein liebster Knallkörper?

Tilman: Ich halte es da wie mit Kfz – Hauptsache schön laut!

Katharina: Seit ich sehr alt bin, also seit 2012, schätze ich es nicht mehr so, wenn es knallt und kracht. Da fällt mir ein, man hätte hier einen Wortwitz mit “Kracht” unterbringen können. Zu spät.

Berit: In Island gibt es so winzige Militärfahrzeuge/Panzer mit Böllerantrieb, die eine kurze Strecke fahren und dabei Funken sprühen. Daraus haben wir einmal eine sehr lange Reihe gebaut, dann den ersten angezündet und die Kettenreaktion beobachtet. Es war großartig!

Matthias: Als möglicherweise deutschester Mensch der Welt und allgemeiner Normcore-Typ bin ich tatsächlich ganz angetan von diesen großen Pappkisten, die man hinstellt, an einer Seite anzündet und die dann den Rest von alleine machen. Aber immer nur auf eine waagerechte Oberfläche, Kinder.

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Ein Weihnachtsmärchen für die plurale Gesellschaft? Stephen King – Erhebung (feat. Isolde Charim: Ich und die Anderen; René Girard: Das Heilige und die Gewalt; und ein bisschen Charles Dickens)

„Wir leben in einer pluralisierten Gesellschaft. Das ist nicht nur ein relativ neues Faktum. Das ist auch ein unhintergehbares Faktum: Es gibt keinen Weg zurück in eine nicht-pluralisierte, in eine homogene Gesellschaft. Das ist eine einfache Feststellung. Nicht ganz so einfach ist die Klärung der Frage, was das genau bedeutet: Was ist eine pluralisierte Gesellschaft? Welche Auswirkungen hat das für jeden von uns? Oder anders gefragt: Was heißt es eigentlich, in einer solchen Gesellschaft zu leben?“

(Charim: Ich und die Anderen, S. 11)

Mit diesen Fragen eröffnet Isolde Charim ihren 2018 erschienenen, bedenkenswerten Essay „Ich und die Anderen. Wie die neue Pluralisierung uns alle verändert“. Es sind drängende Fragen des Zusammenlebens in einer Gesellschaft, die in viele Gruppen zu zerfallen scheint, in der ein kollektives „Wir“ zu fehlen scheint, die nicht nur Charim beschäftigen: Auch Tristan Garcia beschäftigt sich in „Wir“ mit ähnlichen Themen, genauso und mit ganz anderem Ansatz Leander Scholz in „Zusammenleben“. Und: Sie beschäftigen auch Stephen King in seiner sehr kurzen neuen Erzählung „Erhebung“.

Diese Erzählung, die gewissermaßen eine Fortsetzung zu „Gwendys Wunschkasten“ ist, ist erneut in der Kleinstadt Castle Rock verortet, und diese Kleinstadt ist gespalten: Explizit zur Zeit der Präsidentschaft Trumps bewegt sich der Protagonist Scott durch eine kirchlich und republikanisch geprägte Kleinstadt, die nicht nur mit einer progressiven Minderheit, sondern jetzt explizit auch mit einem homosexuellen Ehepaar, zwei Frauen, konfrontiert wird, die ein vegetarisches Restaurant eröffnet haben. Die beiden Frauen werden ausgegrenzt, wie sie denken auch von Scott. Und Scott verliert jeden Tag an Gewicht – und bemüht sich darum, ein besseres Verhältnis zu seinen beiden Nachbarinnen Deirdre und Missy, eben diesem Ehepaar, aufzubauen, was sich als gar nicht so einfach erweist.

Ästhetisch ist hier vieles leider recht simpel, die Symbole sind leider an einzelnen Stellen zum Augenrollen, und ich weiß wirklich nicht, durch welches Lektorat dieser Satz durchrutschen konnte:

„Eine noblere Adresse, als ihm lieb war, aber Nora hatte dort hinziehen wollen, und er hatte Nora wollen.“

(King: Erhebung, S. 22)

Aber: Sprachlich-ästhetische Innovation ist nicht das Ziel von King und darum nicht der Maßstab, an dem „Erhebung“ gemessen werden sollte. King schreibt plot-zentriert und muss entsprechend beurteilt werden, die Frage ist also vielmehr: Funktioniert der Plot? Ist der Text inhaltlich innovativ? Ist er inhaltlich dem zeitkritischen Anspruch, den die Erzählung erhebt, gewachsen? Und das ist er, zumindest ist er dahingehend doch ernst zu nehmen und zu diskutieren. Abgesehen davon beherrscht King Sympathielenkung fantastisch, aber das ist ja auch bekannt.

Als „hochpolitisches Weihnachtsmärchen“ hat Irene Binal „Erhebung“ von Stephen King bezeichnet, weil die Handlung um Weihnachten herum, eigentlich von Spätsommer bis Winter, verortet ist, und weil die Erzählung den Leser daran erinnert, „dass Dinge sich verändern können – und dass jeder einzelne in seinem Umfeld mehr erreichen kann, als er vielleicht glauben mag“. Das mag ein bisschen dünn sein, um die Erzählung nun unbedingt mit Weihnachten zu verbinden, schließlich wird doch das ganze Jahr über ständig behauptet, dass jeder irgendwie alles ändern und erreichen kann, was in der Regel ideologischer Blödsinn ist, die meisten sind ja froh, wenn sie die Arbeitswoche überstehen.

Trotzdem ist die Zuordnung zutreffend, denn „Erhebung“ bedient sich nicht nur dem Christentum entliehener Motive, sondern hat auch ein Thema, das tatsächlich im Christentum als „weihnachtlich“ gilt: Es geht um Versöhnung, um das Herstellen von Gemeinschaft, natürlich hier in säkularer Form, und ja, die Erzählung beinhaltet einen moralischen Appell an den Leser, durchaus auch in Fortführung eines Gedankens der biblischen Weisheitsliteratur, nämlich des Gedankens, dass man im Angesicht der eigenen Sterblichkeit Prioritäten richtig setzen und hier bei King: entsprechend überflüssige Konflikte beilegen sollte (vgl. „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“, Ps 90,12).

Damit steht „Erhebung“ von King in der Tradition des vermutlich – ein dutzend Verfilmungen sei Dank – berühmtesten Weihnachtsmärchens: Von Charles Dickens „A Christmas Carol“, das ja ganz ähnliche Lehren bereit hält. Ebenezer Scrooge, ein misanthroper Greizkragen, wird bekanntlich von ein paar Geistern besucht, die ihn durch Glanz, vor allem aber Elend von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft führen, ihm so nicht nur das Elend der Armen, sondern schließlich vor allem auch den eigenen Tod vor Augen stellen. Scrooge, so geläutert, wird ein freigebiger, glücklicher Menschenfreund – auch hier werden nicht nur diverse Versatzstücke des Christentums, insbesondere christlicher Ethik, verwendet, sondern „A Christmas Carol“ beschäftigte sich eben auch in klar sozialkritischer Stoßrichtung mit einem zentralen gesellschaftlichen Problem seiner Zeit: Armut und Missstände in der Armenfürsorge.

Liest man nun das Weihnachtsmärchen von King, haben sich die Probleme verschoben, oder vielleicht auch dupliziert: Es geht um die Anerkennung von Lebensformen, um den Umgang mit Pluralismus. Aber nicht nur: Denn neben der Anerkennung der Ehe von Deirdre und Missy, geht es auch um deren ökonomische Existenz – weil die anderen Bewohner von Castle Rock die beiden ausgrenzen, besuchen sie auch nicht deren Restaurant, folglich droht diesem das Aus. Die Ausgrenzungs- bzw. Unterdrückungsformen durch die Mehrheitsgesellschaft in Castle Rock überlappen sich also.

Scrooge hat den Weg in die Gesellschaft und ein besseres Leben gefunden, indem er freigebiger und offener geworden ist, indem er seine Fehler erkannt hat. Wie lässt sich aber das Problem des Zusammenlebens in einer pluralen Gesellschaft lösen, noch dazu von einem, der zunächst unbeteiligt an der Ausgrenzung der beiden Frauen zu sein scheint?

Es gibt ein altes Muster, nach dem in früheren Gesellschaftsformen im Konfliktfall Einheit wiederhergestellt worden ist, als narratives Muster hat es sich in Mythen und Erzählungen niedergeschlagen: René Girard hat es u.a. in „Das Heilige und die Gewalt“ untersucht. Im Rahmen seiner mimetischen Theorie geht Girard davon aus, dass Konflikte mit der Zeit dazu führen, dass der Grund des Konfliktes in den Hintergrund tritt und die Kontrahenten zu Doppelgängern werden: Auf einen Schlag folgt ein Gegenschlag, die Rivalen werden im Austausch von Gewalt einander gleich. Zudem kommt es mit der Zeit zu einer Entdifferenzierung des Konfliktes: Die Rivalität und Gewalt wird mit der Zeit jeweils auf die Umgebung der Rivalen ausgeweitet, mehr und mehr stehen Gruppen im Konflikt miteinander, die die Spirale von Gewalt und Gegengewalt nicht durchbrechen können. Durchbrochen werden kann sie erst durch den Sündenbockmechanismus: Die in verfeindete Gruppierungen zerbrochene Gesellschaft kann erst wieder dadurch zusammengeschlossen werden, dass sie einen gemeinsamen Feind findet, den Sündenbock:

„wenn jeder der Doppelgänger […] seines Gegenspielers wird, wenn alle Doppelgänger gleich sind, dann kann irgendeiner von ihnen zu irgendeinem Zeitpunkt der Doppelgänger aller anderen werden und so Gegenstand einer umfassenden Faszination und eines umfassenden Hasses sein.“

(Girard: Das Heilige und die Gewalt, S. 120)

Der Sündenbock kann eine Einzelperson oder eine Minderheit sein, gegen diese richtet sich nun die Gewalt aller anderen, die durch diese Gewalt wieder zu einer Einheit werden. Der Sündenbock wird geopfert oder opfert sich scheinbar freiwillig selbst – gefunden wird er nicht entsprechend rationaler, sondern intuitiver Gründe: er ist in irgendeiner Art und Weise normabweichend, beispielsweise besonders schön oder besonders hässlich. Dies führt zu Ausgrenzung, Verfolgung, Opferung und anschließender Sakralisierung, sofern das Herstellen der neuen Einheit der Gesellschaft erfolgreich war – Girard belegt seine Theorie an zahlreichen Mythen und Verfolgungstexten, eines der prominentesten Beispiele dürfte wohl die Figur Jesus sein, er weist diese Mechanismen aber eben auch typischerweise in Erzählungen von Hexenverfolgungen oder Judenverfolgungen nach.

Ist dieses Muster, das insbesondere Texten vormoderner Gesellschaften entnommen worden ist, noch auf einen Text und auf die Gesellschaft am Anfang des 21. Jahrhunderts übertragbar? Teils. Tatsächlich gibt es auch in „Erhebung“ verhärtete Fronten: Die Stadtgemeinschaft schließt das lesbische Ehepaar aus, diese Reagieren ihrerseits mit schroffer Abwertung, insbesondere Deirdre ist zu Beginn der Erzählung eine äußerst unsympathische, arrogant wirkende Figur. Verfolgung und Opferung laufen freilich in einem Rechtsstaat anders ab: Den beiden werden eben Anerkennung und finanzielle Unterstützung entzogen, bis sie gehen müssen, sie werden unsichtbar gemacht, Plakate, auf dem sie zu sehen sind, werden nicht aufgehängt oder ausgetauscht. Körperliche Übergriffe sind bislang ausgeblieben, verbale Übergriffe dagegen finden statt. In westlichen Gesellschaften des 21. Jahrhunderts wurde der Lynchmob durch Abwertung, Unsichtbarkeit mit ihren ökonomischen Folgen ersetzt. Und die Einheit der Gesellschaft könnte wieder hergestellt werden, wenn die beiden ihr Restaurant aufgeben würden und Castle Rock verlassen würden – was von beiden schon als unabwendbares Schicksal akzeptiert worden ist.

Die Erzählung zeigt aber einen anderen Weg auf, die Spirale von Ausgrenzung und Abwertung zu durchbrechen. Sie zeigt dies an der Figur Scott, einem amerikanischen Jedermann, leicht übergewichtig, Programmierer – und also Vertreter des Medienmilieus. Explizit müsste er nicht in Castle Rock arbeiten, kann dies aber Dank globaler Vernetzung tun. Dass King eine Figur aus diesem Milieu wählt, ist vielleicht so geschickt wie ungeschickt: Zum einen bedient er damit das Stereotyp von den globalen Tech-Eliten, die eben einfach kosmopolitischer denken als die Arbeiter – eine homophobe Äußerung, die beinahe zu einer körperlichen Auseinandersetzung mit Scott führt, der die Frauen verteidigt, stammt explizit von einem Arbeiter, der damit ebenfalls zum Klischee seiner Schicht wird – und darum offener sind für andere Formen der Lebensführung. Vor allem ist es halt leider mal wieder ein Mann, der Frauen rettet – solang der Jedermann aber halt mehrheitlich schlicht als männlich gedacht wird, ist das vermutlich aber einfach eine pragmatische Entscheidung. Auf der anderen Seite ruft King damit eben auch symbolisch genau diese globalen Tech-Eliten, die realiter lieber nirgends ihre Steuern zahlen, aber überall Geld machen, zu ihrer lokalen Verantwortung. Immerhin gelingt es King in jedem Fall durch diese Stereotypisierung – Scott ist ja keine individuelle Figur, so wie keine Figur in diesem Märchen eine individuelle ist, sie stehen alle symbolisch für Gruppen und Verhaltensweisen – auch typische Probleme dieses Medienmilieus zu thematisieren: Scott hält sich für etwas Besonderes, erdichtet gerne Werbeslogans mit dem Wort „Inspiration“, und er kann es sich nicht leisten, krank zu werden, da er unter Termindruck steht.

Aber er wird eben „krank“. Er verliert an Gewicht, jeden Tag ein bisschen, mit der Zeit immer mehr. Die Umstände sind mysteriös: Egal, wie viel er isst, sein Gewicht nimmt ab. Egal, ob er sich mit zusätzlichen Gewichten auf die Waage stellt oder nackt, sein Gewicht nimmt ab. Dabei bleiben seine Muskeln aber erhalten – für ihn haben die Dinge weiterhin ihr Gewicht, aber sie wiegen nichts mehr, wenn er sie trägt. Bald geht er davon aus, dass dieser Prozess immer weiter gehen und zu seinem Tod führen wird. Wie Scrooge wird also auch Scott mit seinem Ende konfrontiert. Und es verändert sein Verhalten.

Hat er zuvor im Zwist mit seinen Nachbarinnen gelebt, weil deren Hunde ihre Geschäfte immer auf seinem Rasen erledigen, so bemüht er sich jetzt, das Verhältnis zu beiden zu verbessern. Und das, obwohl speziell Deirdre es ihm nicht einfach macht: Auf jeden Versöhnungsversuch reagiert sie mit Unterstellungen, Zurückweisungen und Beleidigungen. Aber Scott reagiert eben nicht spiegelbildlich, er wird nicht zu ihrem Doppelgänger – er probiert es einfach immer wieder neu. Er steigt aus der Gewaltspirale aus:

[Deirdre:] „Wieso ist Ihnen das eigentlich so wichtig? Liegt es daran, dass ich – oder wir – irgendwie eine Bedrohung für Ihre Männlichkeit darstellen?“
Nein, das liegt daran, dass ich nächstes Jahr sterben werde, dachte er, und vorher möchte ich wenigstens noch eine Sache ins Lot bringen.

(King: Erhebung, S. 82)

Er hört plötzlich auf, homophobe Beleidigungen den Frauen gegenüber zu überhören, zeigt Zivilcourage – obwohl er dafür wieder Kritik von Deirdre erntet – und gesteht sich ein, die Ausgrenzung lange einfach ausgeblendet zu haben. Er geht mit einem Freund in das Restaurant der beiden, bringt sie mit dessen Frau Myra, die diverse wichtige Posten in der Kirchengemeinde inne hat, an einen Tisch. Die Frauen entdecken Gemeinsamkeiten, eine neue Gemeinschaft entsteht und wird möglich, weil Scott auf mysteriöse Weise an Gewicht verliert.

Auf dem Höhepunkt seiner Bemühungen um die Herstellung einer funktionierenden pluralen Gesellschaft nimmt Scott mit Deirdre an einem Marathon teil – bezeichnenderweise regnet es auf den letzten Metern, Deirdre und Scott rennen durch eine reinigende „Sintflut“ (Erhebung, S. 96), am Ende entsteht ein Foto, das in allen lokalen Zeitungen abgedruckt werden und eine enorme Wirkung auf die Stadtbewohner entfalten wird, bei dem Deirdre und Missy sich umarmen, Scott steht dahinter mit geöffneten Armen, als würde er entweder an der Umarmung teilhaben oder diese segnen. Gegen Ende der Erzählung heißt es explizit an einer Stelle „und es war vollbracht.“ (Erhebung, S. 140), womit die letzten Worte Jesu am Kreuz zitiert sind. Scott wird zum Sündenbock, er nimmt die Aggressionen der anderen Bewohner von Castle Rock auf sich, wenn er Zivilcourage zeigt, er wird durch seine „Krankheit“ zum Außenseiter, zum Unberührbaren, zur – wie er es selbst sagt – „Monstrosität“, und schließlich werden gerade Deirdre und er enge Freunde, weil sie versteht, wie er sich daher fühlt und warum er sich verhält, wie er sich verhält. Er hat also tatsächlich mehrere Eigenschaften der Ausgegrenzten übernommen – allerdings wurde er dafür nicht von der gespaltenen Gesellschaft ausgewählt, sondern es scheint sein mysteriöses Schicksal zu sein. Auch das hilft, die Ausgrenzungs- und Abgrenzungsspirale zu durchbrechen, und entsprechend stellt sich die Frage, ob „Erhebung“ jetzt deswegen durchdacht ist oder eben auch gerade nicht: Soll die Moral von der Geschicht‘ dann sein, dass es nicht in der Hand des Einzelnen liegt, aus eben dieser Spirale auszusteigen, dass es dazu eine höhere Macht braucht, und überhaupt, was soll diese komische Gewichtsabnahme?

Der erste Teil dieses Vorwurfs würde die Absicht solcher Märchen verkennen: Dickens wollte wohl auch kaum zum Ausdruck bringen, dass ein Scrooge nur dann seinen Lebenswandel verändern kann, wenn eine höhere Macht ihm ein paar Geister schickt – er ging davon aus, dass die Lesenden am symbolischen Beispiel Scrooges lernen, ihr eigenes Verhalten zu reflektieren. Ähnlich dürfte King hier mit Scott verfahren. Aber wofür steht die Gewichtsabnahme? Zum einen sehr offensichtlich für so etwas wie Erlösung, Versöhnung: Scott wird, obwohl er davon ausgeht, bald sterben zu müssen, immer fröhlicher und optimistischer, eine anfängliche Angst legt er bald ab. Scott denkt an einer Stelle, an der auch der Titel geklärt wird:

„Alles führt hierher, dachte er. Zu dieser Erhebung. Wenn sich auch das Sterben so anfühlt, sollte jeder froh sein, dass er hingehen kann.“

(King: Erhebung, S. 96)

Zum anderen steht die Gewichtsabnahme für die Beschwernis, für das Gewicht, das Scott durch sein Handeln vor allem von den Schultern der beiden Frauen, aber auch von anderen Mitgliedern der Stadtgesellschaft nimmt: Mehrere Bewohnerinnen und Bewohner bedanken sich bei Scott, Myra ganz besonders, die einräumt, dass sie ohne Scott töricht und vorurteilsbelastet geblieben wäre, und Missy teilt Scott schließlich in Bezug auf Deirdre mit:

„Du hast ihr ein Gewicht von der Schulter genommen. Es war ein schweres Gewicht, und jetzt kann sie wieder aufrecht gehen.“

(King: Erhebung, S. 133)

Und eben hierin ist Scott tatsächlich ein klassischer Sündenbock im Sinne Girards: Er nimmt die Last der zersplitterten Gesellschaft auf sich, indem er Gewicht verliert, verliert sie ihre Gewicht – und für ihn behalten alle Dinge ihr Gewicht. Wie in christlichem Verständnis – und mit Girard als Sündenbockmechanismus deutbar – Jesus die Sünden der Menschheit auf sich genommen hat, nimmt Scott die Belastungen der Menschen auf sich und nimmt ihnen ihr Gewicht. Aber welche Lehre sollte denn jetzt der Leser daraus parallel ziehen können? Während des Marathons, den er mit Deirdre läuft, erklärt Scott sein beschwingtes Gefühl und nennt es, dem Titel entsprechend, „Erhebung“:

„Das Gefühl, dass man über sich hinausgegangen war und trotzdem noch weiter gehen konnte.“

(King: Erhebung, S. 94)

Eigentlich ist “die Moral von der Geschichte” also eine klassische aufklärerische Forderung: Selbstüberwindung, Selbstdistanzierung. Man findet sie bei Kant, man findet sie in der ästhetischen Theorie der Weimarer Klassik. Scott stellt im Laufe seiner Gewichtsabnahme sich und seine Emotionen zunehmend zurück – erkennbar auch daran, dass er eben nicht auf Deirdres Provokationen reagiert – und erkennt den Wert von Freundschaft und Gemeinschaft neu, vor allem aber den Wert von Verantwortung. In der Annahme, bald sterben zu müssen, regelt er all seine letzten Dinge. Indem er – symbolisch durch die Gewichtsabnahme, auf der Handlungsebene real durch sein Verhalten – sich selbst und seine alten Verhaltensmuster überwindet, ermöglicht er das auch für andere: Für Deirdre, die offener wird, Missy, die mutiger wird, für Myra, die ihre Vorurteile überwindet, schließlich für die ganze Stadt, die lernt, plural miteinander zu leben, weil alle auf einen Teil ihres alten Ichs verzichten. Erhebung ist Selbstüberwindung – und vielleicht so gar nicht so weit vom “Erhabenen” weg.

Und damit könnte Scott eine Symbolfigur für das sein, was Isolde Charim als das „pluralistische Subjekt“ bezeichnet: Identität ist für das einzelne mündige Subjekt in einer pluralen Gesellschaft nicht mehr als volle Identität zu haben, sondern nur noch als eine, die um ihre Relativität weiß.

„Der dritte Individualismus hingegen (also der Individualismus der Pluralisierung) bedeutet die Spaltung des Individuums, die Erfahrung der Kontingenz, die Erfahrung der Ungewissheit, der prinzipiellen Offenheit also. Anders gesagt: Der dritte Individualismus bedeutet die Einführung der Kontingenz ins Herz dessen, was gegen die Kontingenz im eignen Leben gerichtet sein sollte – ins Herz der Identität.“

(Charim: Ich und die Anderen, S. 47)

Hinter diesen Zustand zurück gibt es für das mündige pluralistische Subjekt keinen Weg – zumindest eben: keinen mündigen. Das Individuum muss in einer pluralen Gesellschaft mit einem Weniger-Ich leben lernen, damit, dass seine Identität gleichberechtigt neben anderen Identitäten steht, dass Identität per se offen steht und stehen muss. So wenig, wie Scott etwas gegen seine Gewichtsabnahme tun kann, kann der einzelne Pluralismuskritiker den Pluralismus wegzetern – wer vernünftig in der pluralen Gesellschaft leben will, lebt mit dem Aufwand, von sich selbst zu abstrahieren, Selbstdistanz aufzubringen, ein Minus-Ich zu sein. Wenn Kings „Erhebung“ ein Weihnachtsmärchen ist, dann ist vermutlich das seine Botschaft.

(Beitragsbild von Roman Kraft auf unsplash.com)

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Lesekreise werden den Buchmarkt auch nicht retten. Wir starten trotzdem einen!

2018 wurde weithin als ein Katerjahr für den deutschen Literaturbetrieb wahrgenommen, abnehmende Leserzahlen verursachen Bauchweh und Sorgenfalten in der Vermarktungskette. Doch wo eine Krise ist, ist auch die Hoffnung nicht weit: Der aktuellste Rettungsring des Buchmarktes, den Eindruck gewinnt man zumindest angesichts der Berichterstattung der letzten Monate, sind Lesekreise. Die Verlage springen begeistert auf diesen gar nicht mal so neuen, aber neuerdings ausgesprochen schick glänzenden Zug auf und gründen Portale für Lesekreise, von denen sie sich Kundenbindung und Förderung der Lesebegeisterung versprechen. Mit dieser Entwicklung haben sie wahrscheinlich nicht ganz unrecht, sind doch die Mitglieder von Lesekreisen oft fleißige Buchkäufer und Literaturkommunikatoren in ihrem sozialen Umfeld. Kennzeichen dieser von den Verlagen aufgelegten Angebote, die sich unter anderem an Buchhandlungen richten, die in ihren Räumlichkeiten diese Leseevents (mit passendem Weinangebot) veranstalten sollen, ist eine Betonung der Unmittelbarkeit, des persönlichen Gesprächs miteinander. Eine Art analoge Lesenische, die alle Sinne anspricht und auf die Diskussions- und Kommunikationsfreudigkeit der Mitglieder setzt.

Dabei ist es zum gemeinsamen Lesen wirklich keine unbedingte Notwendigkeit, in einem realen Raum beieinander zu sitzen. Auch im virtuellen Raum gab und gibt es Lesekreise, neben den Lesegruppen bei Lovelybooks und Goodreads gibt es auch bei Twitter Lesekreise und kollektive Lesepraktiken wie den #Lesemittwoch. Aus den gemeinsamen Gesprächen über Sachbücher und theoretische Texte bei Twitter entstand beispielsweise im Februar 2018 die #TwitLektüre. Gemeinsam wurden im Jahr 2018 acht Bücher gelesen, von Zygmunt Bauman bis Mary Beard. Die Gespräche über die gelesenen Texte wurden mit jeweils eigenen Hashtags verschlagwortet und zahlreiche Interessierte fanden sich zum Lesen, zum Nachdenken über die Texte und zum anschließenden Gespräch zusammen. Dabei kam auch immer wieder die Idee auf, dass man nicht nur gemeinsam Sachbücher und kulturtheoretische Texte lesen könne, sondern auch Belletristik. Deswegen haben wir von 54Books beschlossen, dass wir im neuen Jahr 2019 den Versuch unternehmen wollen, einen gemeinsamen virtuellen Lesekreis zu starten.

Dieser #54Reads Lesekreis soll folgenderweise ablaufen:

  1. Wir legen für einige Monate im Voraus Bücher fest, die wir dann gemeinsam lesen werden. Jeweils ein Mitglied von 54Books zeigt sich verantwortlich für den Monat und das ausgewählte Buch.
  2. Beim Lesen oder im Anschluss können alle Mitlesenden ihre Gedanken, Frage, Inspirationen oder weiterführende Hinweise in den sozialen Medien teilen. Dafür benutzen wir den Hashtag #54Reads und einen speziell für das jeweilige Buch gewählten Hashtag.
  3. Der eigens für den 54Books-Lesekreis gegründete Twitter-Account @54Reads wird alle auf Twitter geteilten Beiträge retweeten. Für den Account ist der-/diejenige verantwortlich, der/die den jeweiligen Monat übernommen hat. 
  4. Alle Mitlesenden sind herzlich willkommen, alle Beiträge sind willkommen. Es gibt kein richtiges oder falsches Lesen, nur unseren Enthusiasmus einfach zu schauen, ob und wie sich Dialoge um ein Buch herum entwickeln.
  5. Am Ende des Monats schreibt der/ die Lesekreisleitende von 54Books einen Blogpost zum Buch. Je nach Neigung, Zeit und Lust derjenigen/desjenigen kann das eine Rezension sein, weiterführende Gedanken oder eine knappe Zusammenfassung der auf Twitter gelaufenen Diskussionen.

So sehen die nächsten 54Reads-Lesekreismonate aus:

Januar: Tilman mit Maya Angelou: Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt

Februar: Berit mit Karin Boye: Kallocain

März: Simon mit Emmanuel Carrère: Der Widersacher

April: Katharina mit Theodor Fontane: Frau Jenny Treibel

Wir freuen uns drauf!

 

 

 

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Kathleen Collins – Nur einmal. Storys

„For women, then, poetry is not a luxury. It is a vital necessity of our existence. It forms the quality of the light within which we predicate our hopes and dreams toward survival and change, first made into language, then into idea, then into more tangible action. Poetry is not only dream and vision; it is the skeleton architecture of our lives. It lays the foundations for a future of change, a bridge across our fears of what has never been before.“

So bestimmte Audre Lorde in ihrem beeindruckenden[1] Essay „Poetry Is Not a Luxury“ (aus: „Sister Outsider“) das, was Literatur zu leisten vermag: Als Ort sprachgewordener, verdichteter Erfahrung ermöglicht sie die Verbindung mit dem Fühlen anderer, da alles bereits erlebt und gefühlt worden sei, ermöglicht sie neuen Mut, neues Fühlen, neue Kraft, aus denen Handeln und also Veränderung erwachsen können. Literatur als Ort, an dem individuelle Erfahrungen sich verbinden können, da sie sagbar und mitteilbar und fühlbar geworden sind, ist der Ort, aus dem heraus Zukunft entstehen kann.

Kathleen Collins, deren Storys 18 Jahre nach ihrem Tod im Jahr 2016 neu entdeckt und zunächst im englischen Sprachraum unter dem Titel „What Happend to Interracial Love?“, jetzt auch in der deutschen Übersetzung von Brigitte Jakobeit und Volker Oldenburg unter dem Titel „Nur einmal“ erschienen sind, war wie Audre Lorde Künstlerin und Bügerrechtsaktivisin. Lorde, Schriftstellerin, 1937 geboren und 1992 an den Folgen von Brustkrebs verstorben, und Collins, Filmproduzentin und Autorin, 1942 geboren und 1988 an den Folgen von Brustkrebs verstorben, waren Zeitgenossinnen, die beide in derselben, für das Verhältnis zwischen People of Color und Weißen von Umbrüchen gekennzeichneten Zeit ähnliche Hoffnungen, Enttäuschungen und Formen der Diskriminierung erlebt haben dürften. Nicht nur deswegen lesen sich Collins‘ neu entdeckte Storys wie Beispiele einer Literatur, wie Lorde sie beschreibt.

Collins‘ Storys, die durch einzelne Figuren oder identische Erlebnisse der Figuen miteinander verbunden sind, sind vor allem: Verdichtete, sprachgewordene Erfahrung. Sie erzählen vom Zusammenhang zwischen Rassismus und Depression, Rassismus und Armut, zwischen Diskriminierung und Gewalt, von psychischer und physischer Gewalt von Männern gegenüber Frauen, von der Bedeutung von Helligkeit und Dunkelheit der Haut auch in der eigenen Familie, vom Umgang mit Verlust, vom Weitermachen, vom sozialen Auf- und Abstieg, von Liebe, von ungleichen Beziehungen. Nicht zuletzt handeln sie auch von ungleichen Erwartungen in Partnerschaften, von dem Wunsch nach Anerkennung durch den Partner und von der Enttäuschung dieses Wunsches.

In der Story „Nur einmal“, die der deutschsprachigen Ausgabe den Titel gegeben hat, geht es um die Liebe eines jungen Paares, die zerstört wird durch Rassismus, durch den „die goldene Haut [des männlichen Partners] schwarz wurde und bei anderen Verachtung hervorrief“, bis „das Lachen in seinen Augen erstarb“ (S. 34). Die Story „Was ist nur aus der Liebe zwischen den Rassen geworden?“, die für die englischsprachige Ausgabe titelgebend war, erzählt vom Jahr 1963, in dem Gemeinschaft zwischen People of Color und Weißen, eine andere, gleichberechtigte Zukunft plötzlich möglich schien: Eine junge Schwarze verliebt sich in einen weißen Bürgerrechtsaktivisten, sie erkennt, dass sie jetzt plötzlich jeden heiraten kann – sogar einen Weißen. Doch so einfach ist es nicht: Nicht nur sind die Eltern des weißen jungen Mannes dagegen, auch ihre Familie, insbesondere der Vater, verstehen die neue Zeit nicht, sie sind enttäuscht von dem Verhalten der Tochter. Der kurze Moment, in dem Gemeinschaft möglich schien, zerbricht.

Zahlreiche der Storys spiegeln autobiografische Erfahrungen von Collins: Ihr Vater arbeitete als Leichenbestatter wie eine Vater-Figur in einer Story, mehrere Figuren fahren, wie sie selbst es tat, als BürgerrechtsaktivistInnen in den amerikanischen Süden, auch ihre Erfahrungen als Filmproduzentin haben Eingang in die Storys gefunden, inhaltlich wie als erzählerische Mittel: Die erste Story des Bandes arbeitet explizit mit filmerischen Mitteln, die eigentliche Handlung wird durch die Linse der filmischen Inszenierung, der Ausleuchtung, der Blenden hindurch erzählt. Allen anderen Storys merkt man einen Hang zu klaren Schnitten, zum präzisen Einfangen von Atmosphäre und Stimmung durch Blicklenkung auf Details und Lichtverhältnisse an. Eine Story mischt Ich-Erzähler und die Darstellung von Dialogen wie sie im Drama oder im Drehbuch üblich ist, man sieht hier lesend die Schnitte und Szenenwechsel vor sich – in der einen Szenerie ein Mann, der Ich-Erzähler, der von einer Bekanntschaft erzählt, dazwischen in Rückblenden die Dialoge von ihm und dieser Dame.

Die Sprache ist schlicht und pointiert, vor allem aber bemerkenswert gelungen rhythmisiert und in ihrer Rhythmik an die innere Handlung der Figuren angepasst. Collins wiederholt in mehreren Storys einzelne Sätze refrain- oder leitmotivartig, wodurch die Storys nicht nur die medialen Grenzen zum Film, sondern auch zum Song überschreiten. Das muss man freilich mögen, es passt zu der Sprachrhythmik, wirkt aber vielleicht doch etwas zu forciert.

„Nur einmal“ ist eine inhaltlich wie erzähltechnisch hochinteressante, sprachlich gelungene Sammlung von Storys, die Einblick geben in das Leben und Lieben in Zeiten des Umbruchs, in die Spuren, die Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen auf unterschiedlichen Ebenen hinterlassen, die zu ganz gewöhnlichen Schicksalsschlägen hinzukommen und sich in das Leben und die Psyche der Figuren einschreiben, und wie diese Figuren dennoch um ein besseres Leben zu ringen versuchen – meist sind es hier die weiblichen Figuren, die immer weitermachen, die ihr Leben immer wieder neu aufzubauen versuchen.

„But women have survived. As poets. And there are no new pains. We have felt them already. We have hidden that fact in the same place where we have hidden our power. They surface in our dreams, and it is our dreams that point the way to freedom. Those dreams are made realizable through our poems that give us the strength and courage to see, to feel, to speak, and to dare.

If what we need to dream, to move our spirits most deeply and directly toward and through promise, is discounted as a luxury, then we give up the core – the fountain – of our power, our womanness; we give up the future of our worlds.

For there are no new ideas. There are only new ways of makeing them felt – of examing what those ideas feel like being lived on Sunday morning at 7 A.M., after brunch, during wild love, making war, giving birth, mourning our dead – while we suffer the old longings, battle the old warnings and fears of being silent and impotent and alone, while we taste new possibilities and strengths.“ (Audre Lorde: Poetry Is Not a Luxury)

Schön, dass diese so gut lesbaren wie lesenswerten Storys doch noch ihren Weg zu den Lesenden gefunden haben, es bleibt zu hoffen, dass unter den gefundenen Manuskripten von Kathleen Collins noch mehr fertiggestelltes Material zu finden ist, das veröffentlicht werden kann.

Auf der Seite des Kampa Verlags, bei dem die Storys in deutscher Sprache erschienen sind, findet sich auch ein Video über Kathleen Collins, das ebenfalls sehenswert ist:

HOW ARE YOU A PEOPLE | Remembering Kathleen Collins from Kampa Verlag on Vimeo.

[1] (leider aber an ein paar Stellen essentialistisch argumentierenden)

(Beitragsbild von Patrick Tomasso auf unsplash.com)

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