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Konstantin Richter – Die Kanzlerin

Die Bundestagswahl 2017 steht kurz bevor, habe ich gehört, und während mir vor wichtigen politischen Abstimmungen in England, Amerika und Frankreich in den letzten Jahren immer wieder Artikel zu der Frage auffielen, welche Bücher man lesen könne, um etwas über die Stimmung, die Probleme oder die Gesellschaft in diesen Ländern zu erfahren, herrscht im deutschen Kulturjournalismus diesbezüglich auffälliges Schweigen: Lediglich in der Süddeutschen Zeitung gab es einen ähnlichen Artikel und interessanterweise empfehlen hier die Befragten fast durchgehend entweder Sachbücher oder Belletristik in Übersetzung bzw. von vor ein paar Jahrhunderten – deutschsprachige Literatur der Gegenwart scheint irgendwie zu diesem Thema nichts zu erzählen zu haben. (Falls ich entsprechende Artikel übersehen haben sollte, wäre ich um entsprechende Hinweise wirklich dankbar.)

Das ist aber natürlich Unfug, in den letzten zwei Jahren sind zahlreiche erzählende Texte deutschsprachiger Autorinnen und Autoren erschienen, die man mal darauf hin lesen könnte, was sie eigentlich über die deutsche Gesellschaft vor der Wahl zu erzählen haben. Es scheint mehr der deutschsprachige Kulturjournalismus zu sein, der kein Interesse an Politik oder politischen Lesarten von Literatur hat, als die deutschsprachige Literatur selbst. Das ist recht schade, mich hätte eine Liste mit entsprechenden Empfehlungen sehr interessiert.

Ohne eine solche Liste musste ich nun also selbst in den Buchladen gehen und nach Literatur, die aktuell etwas zur Bundestagswahl zu erzählen haben könnte, Ausschau halten, und leider griff ich zu dem offensichtlichsten Buch: Zu „Die Kanzlerin. Eine Fiktion“ von dem Journalisten Konstantin Richter. Es geht – wer hätte es gedacht – hier vor allem um die Phase des Jahres 2015, in der Merkel die Grenzen öffnen ließ: Konstantin Richter hat aber dem eigenen Anspruch nach keine Reportage geschrieben, sondern „eine Fiktion“, er will davon erzählen, was die Kanzlerin in dieser Zeit gedacht und gefühlt haben könnte, laut Klappentext lässt er dabei „Merkel als tragikomische Figur von Shakespeareschem Format lebendig werden“. Nun darf man einem Autor seinen Klappentext wohl nicht vorhalten, er kommt ja in der Regel nicht von ihm, aber dieser Klappentext ist völlig falsch: Tragikomisch ist nicht einmal das Buch selbst, das einfach langweilig ist, Figuren literarischen Formats fehlen hier völlig, lebendig wird hier auch nichts, außer einem Jahrhunderte alten Frauenbild.

„Die Kanzlerin“ ist schlicht keine Literatur: Man merkt Konstantin Richter den Journalisten zu sehr an. Er kann die Ereignisse des Jahres 2015 nachzeichnen, aber wenn es darum geht, das Innenleben von Figuren zu erzählen, fällt ihm kaum mehr ein als ein paar Kalauer. Es gibt ja Literatur, die von inneren Konflikten politisch mächtiger Figuren lebt: Die Dramen des im Klappentext bemühten Shakespeares, die Dramen Schillers, um nur die offensichtlichen zu nennen. In „Die Kanzlerin“ gibt es keine inneren Konflikte, gibt es kein Ringen, dieses Buch schärft nicht den Blick für die Realität, man erfährt nur, dass Konstantin Richter Frauen offensichtlich für ein bisschen dumm hält.

Die Erklärung der Ereignisse ab dem Herbst 2015 ist nach Konstantin Richter sehr einfach: Merkel war ein bisschen unglücklich und wollte so gerne glücklich sein, deswegen hat sie die Grenzen für die Flüchtlinge, die ihr zujubelten, geöffnet, und als sie dann wieder unglücklich wurde, weil keiner sie mehr lieb hat, bemühte sie sich wieder um eine Grenzschließung. Das ist sehr platt und dürfte dem Entscheidungsgang einer doch sehr intelligenten Frau nicht entsprechen – das zumindest, dass Merkel sehr intelligent ist, kann man ihr ja denke ich unabhängig vom politischen Lager, in dem man sich befindet, noch zweifelsfrei zusprechen.

Nicht so aber Konstantin Richter: Dieser vergleicht Merkel schon recht früh mit der weltfremden Marie Antoinette (S. 28) und hält diesen Vergleich über den Text hinweg aufrecht (z.B. S. 72), immer wieder lässt er Merkel an Marie Antoinette denken. Ihre Entscheidungen folgen Richter zufolge ihrem Gefühlshaushalt, der auch dadurch bedingt ist, dass Merkel nicht nur weltfremd ist, sondern auch sich selbst fremd, da sie zu viel über sich selbst gelesen hat (S. 19). Es gelingt der Kanzlerin im gesamten Roman kaum – oder doch nur unter Mühen – ihre eigene Situation oder das politische Tagesgeschehen rational zu durchdringen, überhaupt ist das Sache keiner einzigen weiblichen Figur in diesem Roman: Auch die andere weibliche politische Figur, die zumindest peripher eine Rolle spielt, die Büroleiterin, entscheidet emotional und verweigert Zusammenarbeit, wenn sie beleidigt ist. Vielsagend auch, dass Richter über die beiden schreibt, sie hätten „etwas von zwei klugen, aber nicht so gutaussehenden Schulmädchen“ (S. 99). Das sagt viel über Richter aus, wenig über Merkel.

Rationale, realistische Einschätzungen des politischen Geschehens kommen in diesem Buch ausschließlich von Männern: Vom bayerischen Ministerpräsidenten (S. 67f.), dessen Warnungen Merkel schlicht ignoriert, weil sie ja glücklich sein will (und dabei reflektiert der Roman nirgends, ob Seehofers Idee, die Grenzen zu schließen, im Jahr 2015 irgendwie realisierbar gewesen wäre, ob es sich hier also wirklich um die „realistischere“ Sicht gehandelt hat; die Alpenregion ist und bleibt kaum „abschließbar“), oder vom ehemaligen indischen Ministerpräsidenten (S. 140f.). Merkel wird als Figur gezeichnet, die dann beleidigt reagiert, weil sie eigentlich von diesen Männern hätte gelobt werden wollen, und die dann, weil sie jetzt „unglücklich“ ist, einfach so einen Mitarbeiter entlässt. Nur zwischendurch hat sie kurze Momente, in denen sie die Lage realistisch einschätzt, aber diese Momente werden dann schnell wieder von gefühlsbetonter Getriebenheit verdrängt, ihre Reflexionen auf vorangegangene Entscheidungen werden ebenfalls nicht als rational, sondern lediglich als nachträgliches Schönreden der Vergangenheit gezeichnet, in denen Merkel sich bemüht, die Irrationalität ihrer Entscheidungen nachträglich als rational auszugeben (S. 169). Selbst eine intellektuell angemessene Selbstreflexion wird Merkel damit abgesprochen.

Überhaupt scheint Richter sehr an der Idee zu hängen, dass Merkel eigentlich auch nur ein schwaches Weibsbild ist, dass auf starke Männer angewiesen ist: Als sie sich in Heidenau, weil sie dort von Demonstranten beschimpft wird, verletzlich fühlt, ist sie dankbar dafür, dass der sächsische Ministerpräsident sie an der Schulter durch die Menge schiebt: „eine unangebracht patriarchalische Geste war das, die der Kanzlerin in diesem Moment aber überraschend guttat.“ (S. 28). Als Merkel unsicher ist, erhofft sie sich Rat von ihrem Mann, dem sie ohnehin eigentlich das ganze Prinzip ihrer Politik verdankt: „Er musste wohl doch bemerkt haben, dass sie etwas quälte. Dass sie seinen Rat benötigte. Sie hatte ihm unrecht getan. Und da spürte sie auch gleich die alte Zuneigung wieder, das Bedürfnis, sich in schwachen Momenten bei ihm anzulehnen und helfen zu lassen.“ (S. 51). Auch am Ende des Romans wird Sauer in einer sehr väterlichen, oberlehrerhaften Szene das weinende Schulmädchen Merkel, als die Richter sie sich wohl vorstellt, trösten dürfen: „Doch die Kanzlerin wusste in diesem Moment auch, dass sie sich wieder auf Sauer verlassen konnte. Dass er für sie da sein würde. Als Ratgeber. Als Mann. Und sie wusste noch etwas: Egal was in nächster Zeit passieren würde, sie hatte festen Boden unter den Füßen.“ (S. 162) Solche Sätze wären in einem Roman über einen männlichen Kanzler wohl kaum geschrieben worden.

Natürlich hat jeder schwache Momente und selbstverständlich ist genau die partnerschaftliche Beziehung der Ort, der einem in diesem Moment Rückhalt geben sollte. Natürlich kann man Merkel als Frau zeichnen, die sich auch bei ihrem Mann anlehnt, selbstverständlich kann man davon erzählen. Aber wenn man Merkel durchweg als Figur entwirft, die weltfremd und irrational ist, lediglich getrieben von ihren Emotionen, und Männer durchweg als rationale, starke, realistische Denker zeichnet, dann ist das doch vielleicht ein bisschen zu viel Weltbild des 19. Jahrhunderts und wird der politischen Realität, auch den Figuren Merkel, Seehofer und Sauer wohl kaum gerecht. Richter zumindest sagt damit mehr über sich selbst aus als über Merkel.

„Die Kanzlerin“ ist keine Literatur, sondern mehr Reportage mit ein paar verzichtbaren und nicht sehr klugen Mutmaßungen. Man findet in diesem „Roman“ alle Merkel-Klischees wieder, die genau so auch an jedem niederbayerischen Stammtisch geäußert werden dürften, allerdings findet man diese Klischees eben nur in ihrer Reproduktion wieder, nicht in ein einer satirischen Brechung, die irgendwie über das Klischee der weltfremden, selbstentfremdeten Kanzlerin hinausführen würde. Vor allem aber ist dieses Buch leider zutiefst unpolitisch, es hat auch selbst keine politische Vision, es verlegt politische Entscheidungsfindung rein auf die unterkomplex entworfene Gefühlsebene eines Individuums, löst sie damit aus der Geschichte und politischen wie gesellschaftlichen Strukturen globaler wie nationaler Art heraus. „Die Kanzlerin“ macht ein paar Herrenwitze über die Kanzlerin und wird hoffentlich völlig zu Recht in Zukunft genauso wenig von der Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen werden bis bislang.

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Generation Generation

In stundenlanger, emsiger Kleinarbeit konnte der Verfasser des vorliegenden Beitrages folgende Liste von sogenannten Generationenbüchern zusammentragen:

  • Michael Adler (2011), Generation Mietwagen
  • Marcel Althaus (2017), Try Hard!: Generation YouTube
  • Sabine Asgodom/Bilen Asgodom (2010), Generation Erfolg
  • Roland Baader (1999), Die belogene Generation
  • Gabriele Bartsch/Raphael Gaßmann (2010), Generation Alkopops
  • Ulrich Beck (2007), Generation Global
  • Bernhard von Becker (2014), Babyboomer: Die Generation der Vielen
  • Peter Bergh (2003), Generation Golfkrieg
  • Hans Bertram/Carolin Deufhard (2014), Die überforderte Generation
  • Benjamin Bidder (2016), Generation Putin
  • Liane von Billerbeck (1999), Generation Ost
  • Herwig Birg (2006), Die ausgefallene Generation
  • Heike Bleuel (2007), Generation Handy
  • Stefan Bonner/Anne Weiss (2008), Generation Doof
  • Stefan Bonner/Anne Weiss (2016), Wir Kassettenkinder
  • Sascha Brinkmann/Joachim Hoppe (2010), Generation Einsatz: Fallschirmjäger berichten aus Afghanistan
  • Gisela Bruschek/Günter Keil (2008), Generation Kinderlos
  • Christina Bylow/Kristina Vaillant (2014), Die verratene Generation
  • Christian Cohrs/Eva Oer (2016), Generation Selfie
  • Dantse Dantse (2017), Burnout Generation
  • Annina Dessauer/Mirko Koch (2012), Generation Burn Out
  • Ursula Engelen-Kefer (2013), Eine verlorene Generation? Jugendarbeitslosigkeit in Europa
  • Gerhard Falschlehner (2014), Die digitale Generation
  • Susanne Finsterer/Edmund Fröhlich (2007), Generation Chips. Computer und Fastfood
  • Kathrin Fischer (2012), Generation Laminat
  • Leo Fischer (2012), Generation “Gefällt mir”
  • Erika Folges/Gerald Gatterer (2005), Generation 50 plus
  • Milan Freudenberg (2016), Generation Smartphone
  • Ines Geipel (2014), Generation Mauer
  • Christa Geissler/Monika Held (2007), Die Generation Plus lebt ihre Zukunft
  • Johannes Gernert (2010), Generation Porno
  • Manfred Gerspach (2014), Generation ADHS
  • Uta Glaubitz (2006), Generation Praktikum
  • Alina Gromova (2013), Generation »koscher light«
  • Meredith Haaf (2011), Heult doch: Über eine Generation und ihre Luxusprobleme
  • Michael Hacker/Stephanie Maiwald (2012), Dritte Generation Ost
  • Johnny Haeusler/Tanja Haeusler (2015), Netzgemüse: Aufzucht und Pflege der Generation Internet
  • Horst Hanisch (2016), Die flotte Generation Z im 21. Jahrhundert
  • Andreas Hock (2018), Generation Kohl
  • Ernst Hofacker/Meinrad Grewenig (2014), Generation Pop!
  • Klaus Hurrelmann/Erik Albrecht (2016), Die heimlichen Revolutionäre: Wie die Generation Y unsere Welt verändert
  • Katja Kullmann (2002), Generation Ally: Warum es heute so kompliziert ist, eine Frau zu sein
  • Philipp Ikrath/Bernhard Heinzlmaier (2013), Generation Ego
  • Florian Illies (2001), Generation Golf
  • Florian Illies (2003), Generation Golf zwei
  • Veronika Immler/Antje Steinhäuser (2010), Generation Yps
  • Maren Jahnke/Karen Schulz (2016), Schnellkochtopf: Die neue Generation
  • Oliver Jeges (2014), Generation Maybe
  • Sven Kuntze (2014), Die schamlose Generation
  • Daniel Kurth (2017), Generation Unverbindlich
  • Birgitta vom Lehn (2010), Generation G8
  • Theo Länge/Barbara Menke (2007), Generation 40plus
  • Claudia Langer (2012), Die Generation Man-müsste-mal
  • Roman Machens/Christoph Eydt (2015), Generation Sodbrennen
  • Ahmad Mansour (2017), Generation Allah
  • Rolf Meyer (2017), Generation der gewonnenen Jahre
  • Caren Miosga/Wolfgang Büscher (2011), Generation Wodka
  • Reinhard Mohr (2015), Generation Z
  • Jürgen Müller (2007), Generation Gold
  • Matthias Müller-Michaelis (2008), Generation Pleite
  • Michael Nast (2016), Generation Beziehungsunfähig
  • Paul Nolte (2005), Generation Reform
  • Michael Odent/Tanja Ohlsen (2014), Generation Kaiserschnitt
  • Nina Pauer (2011), Wir haben keine Angst: Gruppentherapie einer Generation
  • Christoph Quarch/Evelin König (2013), Wir Kinder der 80er
  • Hugo Ramnek (2017), Meine Ge-Ge-Generation
  • Martin Reichert (2008), Wenn ich mal groß bin: Das Lebensabschnittsbuch für die Generation Umhängetasche
  • Philipp Riederle (2013), Wer wir sind und was wir wollen: Ein Digital Native erklärt seine Generation
  • Jens Schneider et al. (2014), generation mix: Die superdiverse Zukunft unserer Städte
  • Christian Scholz (2014), Generation Z
  • Dirk Schunk (2004), Einführung in die Generation: Counter Strike
  • Stephanie Schwenkenbecher/Hannes Leitlein (2017), Generation Y
  • Michel Serres (2013), Erfindet euch neu! Eine Liebeserklärung an die vernetzte Generation
  • Hilal Sezgin (2006), Typisch Türkin? Porträt einer neuen Generation
  • Anna Spangenberg/Heike Kleffner (2016), Generation Hoyerswerda
  • Klaus Tauber (2008), Generation Fußnote
  • Gerlinde Unverzagt (2017), Generation ziemlich beste Freunde
  • Joachim Voss (2017), Generation Boxster S
  • Philippe Wampfler (2014), Generation “Social Media”
  • Katharina Weiß (2010), Generation Geil
  • Gülcin Wilhelm (2011), Generation Koffer: Die Pendelkinder der Türkei
  • Markus Willinger (2013), Die identitäre Generation
  • Bernhard Winkler (2013), So nicht! Anklage einer verlorenen Generation

Unschwer lässt sich erkennen, dass inzwischen quasi jeder Lebensaspekt in diesem nun immerhin auch schon über 15 Jahre alten Genre der deutschen Literatur (Generationenbücher vor Generation Golf zählen als Generationenbücher avant la lettre) abgebildet wird. Meine persönlichen Favoriten sind Generation Wodka, Generation Sodbrennen und Generation Laminat. Für die hiesige Sachbuchverriss-Rubrik plane ich derzeit, von denjenigen dieser Bücher, die für Centbeträge gebraucht zu bekommen sind (und das sind nicht wenige), die mit den lustigsten Titeln oder AutorInnennamen anzuschaffen und kurz zu rezensieren.

Bereits jetzt darf ich versprechen: Es wird dabei auch durchweg darum gehen, dass der Gebrauch des Ausdrucks »Generation« bei solchen Büchern und ganz allgemein bei »Generationentexten« sehr oft falsch und anmaßend ist; vgl. dazu auch die Kollegin Herrmann in ihrer Rezension zu Simon Strauß’ »Generationenroman« Sieben Nächte.

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Joachim Helfer et al. (Hg.) – Wenn ich mir etwas wünschen dürfte

Ein Buch mit dem Untertitel »Dichter und Denker zur Bundestagswahl 2017« wäre peinlich. Irgendjemand unter den Herausgebern (Joachim Helfer, Marco Meyer und Klaus Wettig) oder jemand beim Steidl-Verlag hat das noch rechtzeitig gemerkt, daher ist der 340-seitige Sammelband nicht mit dem verräterischen Untertitel, den man in der Artikelvorschau bei Amazon sehen konnte, erschienen, sondern heißt nun »Wenn ich mir etwas wünschen dürfte. Intellektuelle zur Bundestagswahl 2017«.

Von den 38 beteiligten Intellektuellen sind acht Frauen, das ist ein geringerer Anteil als bei der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, obwohl das knallrote Buch offen dafür antritt, für eine sozialdemokratische Bundesregierung zu argumentieren. (Harry Nutt stellt in seiner Rezension für die Frankfurter Rundschau auch fest, dass die Beiträge grob nach dem SPD-Parteiprogramm geordnet zu sein scheinen. Mir in meiner Naivität ist erst aufgefallen, dass es sich hier um eine parteipolitische Veröffentlichung handelt, als das Rezensionsexemplar schon auf meinem Schreibtisch lag.) Die Zusammenstellung der Beitragenden ist zumindest oberflächlich hochinteressant, da übliche Verdächtige (bis auf Tanja Dückers, die standesgemäß weniger als eine volle Doppelseite geliefert hat) komplett fehlen und stattdessen allein 22 größtenteils recht junge Philosophie-ProfessorInnen und -Dozierende aufgefahren werden. Die anderen sind nahezu vollständig entweder in Schriftstellerei, Publizistik, Politikwissenschaft oder -beratung zuhause, bis auf einen einsamen Musikwissenschaftler. Viele, wenn nicht gar die meisten von ihnen haben renommierte Adressen im Ausland im Lebenslauf (Harvard, Cambridge, Sankt Gallen usw.). Wie es sich für einen ordentlichen deutschen Diskursbeitrag gehört, kommen Naturwissenschaften nur zufällig vor, beispielsweise, weil einige der Beitragenden mal so etwas studiert oder darin promoviert haben. Dass aber auch andere geisteswissenschaftliche Felder jenseits der Philosophie und mit ihr verbandelter Querschnittsfächer gar nicht auftauchen, dass insbesondere die empirische Sozialforschung, die Kultur- und Religionswissenschaft, die Fachwissenschaften um Recht und innere Sicherheit nicht systematisch berücksichtigt wurden, ist angesichts der Konzeption des Buches als detailliertes und praxisnahes parteipolitisches Plädoyer anlässlich einer unmittelbar bevorstehenden Wahl kaum verständlich.

Das unübersichtliche, aber schicke Layout mit Großdruck und Flattersatz kontrastiert stark mit der Betulichkeit der Texte, die nahezu durchweg in dem zurückhaltenden und trockenen Idiom geschrieben sind, in das deutsche WissenschaftlerInnen meistens verfallen, wenn sie politische Forderungen kommunizieren. Wo immer man es aufschlägt, wimmelt es von Sharing Economy, globaler Gerechtigkeit, Kapitalflucht und Steuerwettbewerb. Eine gewisse unfreiwillige Komik kommt etwa dort auf, wo Marco Meyer in großer Ernsthaftigkeit bespricht, was eine SPD-Position zur zunehmenden Bedeutung computergestützter Entscheidungsverfahren (hier wie üblich mit Frank Schirrmacher, wenn auch nicht korrekt, als »Algorithmen« bezeichnet) sein könnte. Nur wenige Stellen stechen sprachlich aus dem mehr oder minder technokratischen Einheitsbrei hervor, etwa der haarsträubende Kurzbeitrag von Antje Rávic Strubel, der sich völlig darauf beschränkt, in von entsprechenden Texten aus der rechten Ecke nur im Detail unterscheidbarer Manier ein von sexueller Gewalt, drohenden Bürgerkriegen und einer bevorstehenden atomkriegsartigen Endzeitkatastrophe gebeuteltes Europa zu zeichnen.

Inhaltlich bietet sich wenig Überraschendes (mehr Geld für Bildung; mehr unbefristete Stellen, nicht nur, aber vor allem an der Uni; mehr Solidarität in Europa und überhaupt), und das, was überrascht, ist selten angenehm – so träumt Liane Dirks uns vor, dass sie gerne alle Politiker zwangsweise auf eine hübsch gelegene, sozusagen kastalische Akademie schicken würde, wo manfred-spitzer-mäßig allen die Handys abgenommen werden und WhatsApp verboten ist. Nicht nur bei solchen Beiträgen wird mir nicht klar, welche Lesezielgruppe dieses Buch hat – es hat seine Momente, mit denen es, wie bei Dirks und Strubel, das sanft reaktionäre Ü55-Milieu anspricht, das dieses Land seit mindestens 2010 dadurch dominiert, dass es auf jeden kulturpessimistischen Schlachtruf mit heftigem Kopfnicken reagiert; es ist in seiner Anlage aber eigentlich doch zu jung und zu differenziert, um den Baby-Boomern wirklich aus dem Herzen zu sprechen und sie einer Stimme für die SPD zuzutreiben. Für die akademische Intelligenz unter 40, die stark unter den Beitragenden vertreten ist, sind die Inhalte jedoch tendenziell zu bieder. Vielleicht wurde der Band hauptsächlich für Büchertische oder als Giveaway im Wahlkampf konzipiert?

Lehrreich ist er vor allem insofern, als man daraus erfährt, dass es tatsächlich noch ein SPD-geprägtes intellektuelles Milieu gibt, in dem holzschnittartige Erzählungen über das Elend des Neoliberalismus, die dann lediglich in völlig handelsübliche Forderungen nach gebührenfreier Kinderbetreuung und mehr Transferleistungen münden (Joachim Helfer), ebenso einen Ort haben wie Forderungen nach einer Art staatlicher Presse (Steffen Kopetzky) oder nach der völligen Enteignung der Kirchen (Michael Wildenhain). Ich prophezeie dem Buch jedenfalls: Es wird wenig gelesen werden und viel rumliegen. Erfreut bin ich immerhin darüber, dass Topoi des Antifeminismus und des Männerrechtlertums, obwohl punktuell zu finden, nicht so stark vertreten sind, wie man angesichts des Untertitels, der Geschlechterverteilung der Beitragenden und der Präsenz von Ralf Bönt befürchten konnte.

Disclaimer: Matthias Warkus ist kein Mitglied der SPD und ist es nie gewesen

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Selim Özdogan – Wo noch Licht brennt. Oder: Cash rules everything around me

Georg Simmel behauptete [jaja, I’m bildungsbürgering around again] in der „Philosophie des Geldes“ um 1900, es gebe „[f]ür den absoluten Bewegungscharakter der Welt nun […] sicher kein deutlicheres Symbol als das Geld“, denn dieses existiere immer nur, indem es weitergegeben werde. Selbst wenn es gespart werde, werde es gespart mit dem Zweck, später weitergegeben zu werden.

Ein paar Jahrzehnte später zeigt sich der absolute Bewegungscharakter der Welt immer noch am deutlichsten in Bezug auf das Geld, jetzt bewegt sich aber nicht mehr nur das Geld oder der Arbeiter vom Land in die Stadt, jetzt bewegt sich der Arbeiter über Landesgrenzen hinweg dem Geld hinterher: Die Arbeitsmigration ist ein Symptom der durch das Geld bewegten Welt.

Und das Geld und die Arbeit bringen auch Gül, die Hauptfigur aus Selim Özdogans „Wo noch Licht brennt“ nach Deutschland: Ihr Mann Fuat war vor vielen Jahren um Geld zu verdienen aus der Türkei nach Deutschland gegangen, sie war ihm gefolgt, zwischenzeitlich aber in die Türkei zurückgekehrt – davon handeln die ersten beiden Romane („Die Tochter des Schmieds“, „Heimstraße 52“) der Trilogie, deren dritter Band „Wo noch Licht brennt“ ist – und ist mit Beginn des Romans wieder in Deutschland, um in der Nähe ihres Mannes leben zu können, der eben in Deutschland geblieben ist.

Gül und Fuat sind also ein typisches Ehepaar der türkischen Arbeitsmigration: Sie haben ihr Zuhause verlassen, weil das Geld sie zwang, sie haben in einem anderen Land gearbeitet, das nichts dafür getan hat, sie zu integrieren (jahrzehntelang ging man in Deutschland ja davon aus, die aus der Türkei angeworbenen Arbeiter würden wieder zurück in die Türkei gehen), sie haben damit ihren Kindern sozialen Aufstieg finanziert und sie haben einen Preis dafür bezahlt:

„Wir sind als einfache Arbeiter in dieses Land gekommen, denkt Gül, und die Zukunft meiner Enkelin ist hier, wo sie einen ordentlichen Beruf lernt, wo sie nie putzen gehen wird oder Erdbeeren pflücken, bis ihr Rücken schmerzt, und nie in der Nachtschicht arbeiten. Vielleicht hat es sich dafür gelohnt. Wir konnten Ceren ein Studium finanzieren, unsere Zeit in der Fremde hat dazu gedient, dass Duygu und Timur nie hungern werden. Aber auch, dass sie in der Türkei immer Fremde bleiben werden.“ (S. 174)

Die Geschichte von Güls Familie, die die Geschichte sozialen Aufstiegs ist, ist doch auch die Geschichte sozialen Verlustes: Des Verlustes von sozialen Bezügen, von Freunden, Bekannten und Verwandten, die man in der Türkei zurücklassen musste, von sozialen Gewohnheiten und Gepflogenheiten, die man in der Türkei verloren hatte, weil man in Deutschland nicht in die Gesellschaft integriert wurde und gleichzeitig die Veränderungen in der Türkei verpasste. „Wo noch Licht brennt“ erzählt auch davon: Von dem Konflikt zwischen finanziellen und sozialen Bedürfnissen.

Dieser Konflikt ist auch ein Konflikt zwischen Mann und Frau: Für Gül ist Geld an sich nicht wichtig, es ist höchstens als Mittel wichtig, um den Kindern zu helfen, um in die Türkei reisen und telefonieren zu können, um das Erbe des Vaters, ein Sommerhaus in der Türkei, und damit die Erinnerungen an die Kindheit erhalten zu können. Das Geld dient Gül als Mittel, um soziale Beziehungen zu pflegen, aber es hat keinen Wert an sich. Für die männlichen Figuren des Romans ist das anders, insbesondere ihrem Mann Fuat, aber auch anderen männlichen Figuren im Roman schreibt Gül zu, am Geld stärker und anders interessiert zu sein als Frauen – im Hintergrund dürften unausgesprochen Geschlechterrollenbilder stehen, die dem Mann eben die Rolle des auf Geld bezogenen Ernährers, der Frau die der in sozialen Bezügen denkenden Mutter zuschreiben:

„Vielleicht hat Can Unrecht, die Welt trennt sich nicht in Arm und Reich, vielleicht haben Can und Yılmaz gemeinsam Unrecht, weil sie nicht sehen wollen, dass sich die Welt in Mann und Frau teilt. Und die Männer bestimmen, dass die Welt in Reich und Arm unterteilt wird. Die Männer wollen zum Geld, deshalb lassen sie ihr Land, ihre Eltern, ihre Kinder, ihre Heimat, ihre Sprache hinter sich und nehmen ein Leben voller Entbehrungen in Kauf.“ (S. 116)

Immer wieder gerät Gül innerlich in Konflikt mit dem Geldsystem: Das Geld nimmt ihr nicht nur das Zuhause, das Geld nimmt ihr auch den Ort ihrer Kindheit und schließlich sogar die Geschwister, die sich wegen des Erbes des Vaters zerstreiten – ein Erbe, das Gül nur aufgrund der Erinnerungen, die damit verbunden sind, interessiert, nicht aufgrund seines materiellen Wertes.

Geld bewegt sich aber nicht nur selbst und bewegt nicht nur Menschen, sondern es verändert auch die Orte, an denen die Menschen leben: Das Dorf an der türkischen Ägäis-Küste, in dem Gül mit ihrer Familie Urlaub macht, ist einige Jahre später, als Gül und Fuat sich dort eine Wohnung für die Zeit im Ruhestand kaufen, verschwunden: Der Tourismus hat das Dorf Neubaugebieten mit Hochhäusern weichen lassen, das Geld hat die Art des Zusammenlebens völlig verändert, wie Öykü, eine neue Nachbarin, Gül erzählt:

„Der Tourismus hat Geld gebracht, mehr, als man mit beiden Händen und dem eigenen Schweiß auf der Stirn verdienen kann. Jedermanns Augen sind größer geworden als seine Brieftasche, alle hat die Gier erfasst […]. Früher haben wir uns im Dorf gegenseitig beklaut, es gab Streitigkeiten und Fehden, es gab Schlägereien unter den Menschen, aber wir waren ein Dorf. Wie eine Familie. Jetzt ist nicht nur das Dorf auseinandergebrochen […], sondern auch die Familien sind auseinandergebrochen.“ (S. 274)

Um in den Konflikt zwischen sozialen und finanziellen Werten zu geraten, muss man also nicht erst das Land verlassen – verspätet, aber doch bewegt sich das Geld überall hin, es „spricht überall dieselbe Sprache“ (S. 221), und verändert das Zusammenleben der Menschen. Und egal, ob man nun für das Geld sein Land verlässt oder nicht, die Einsicht, dass man nicht nur seine Arbeitskraft, sondern auch seine Lebenszeit verkauft (vgl. S. 197) ist global.

Auch – aber nicht nur – davon erzählt „Wo noch Licht brennt“: Davon, was Menschen gewinnen und verlieren, wenn der materielle Wohlstand relativ gesehen zunimmt. Und der Roman erzählt von Gül, einer Frau, die nicht nur fremd in Deutschland ist und dann auch fremd in ihrem Geburtsort wird, sondern die auch fremd in der Welt des Geldes ist. Und hier ist Gül eine Heldin im Kleinen, die versucht auch dort, wo das ökonomische System bis in das Privateste des Menschen hineingreift, integer zu bleiben und den Menschen höher zu achten als das Geld. Die immer wieder das eigene Denken zu hinterfragen und sich selbst zu überwinden versucht, auch wenn sie ihre kleinen Fehler hat – und die damit eben wirklich eine klassische literarische Heldenfigur ist, gerade dann, wenn die Erzählweise des Romans (dazu übermorgen im Blogbeitrag von Teesalon vermutlich mehr) mit ihren Vorausdeutungen so an die Erzählweise antiker Epik erinnert. Güls Kämpfe finden nur eben nicht auf einem Schlachtfeld statt wie im klassischen Drama oder Epos, sondern im Alltag.

Und eine Heldin, die trotz ihren Bemühungen nicht verhindern kann, auch zu scheitern, auch Leiden weiterzugeben – sie wirft sich vor, ihre Tochter allein in der Türkei zurückgelassen zu haben, als sie das erste Mal nach Deutschland ging, es gelingt ihr nicht, ihren Mann zu verstehen, und beides – das Fehlen eines Elternteils, das Unglück in der Ehe, findet sie als Muster in allen Generationen der Familie.

Denn am Ende bewegt sich nicht nur Geld, sondern mit ihm und unabhängig von ihm auch Leid. In Thornton Wilders „Der achte Schöpfungstag“ heißt es einmal, Leiden sei wie Geld, es werde immer von dem, der es erhält, auch weitergegeben. Gül hätte vielleicht über diese Aussage nachdenken können, wenn sie nicht eine fiktive Figur wäre. Eine fiktive Figur aus einem Roman, den ich sehr gerne gelesen habe und dem ich viele Leser wünsche.

Dieser Beitrag steht im Zusammenhang einer Blogtour von Literaturschock.de zu “Wo noch Licht brennt”:

Gestern erschien bereits bei Bücherstadtkurier ein Interview mit Selim Özdogan zu dem Roman.
Zudem erschien bereits eine Rezension auf dem Blog Schreibtrieb, auf diesem Blog wird zudem morgen ein Beitrag über das Sehnsuchtsmotiv in dem Roman erscheinen.
Übermorgen folgt ein Beitrag auf Teesalon zur Erzählweise des Romans.
Am letzten Tag der Blogtour kommt noch ein zweites Interview auf Literaturschock.de, natürlich mit anderen Fragen.

(Den Roman habe ich im Rahmen der Blogtour als Leseexemplar vom Haymon Verlag zur Verfügung gestellt bekommen. Vielen Dank dafür!)

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Gespräch mit Albert Eibl vom DVB Verlag über “Das Vergessene Buch”

Als Student wundert man sich irgendwann, dass die Talente im Fußball mit Millionenverträgen jünger sind als man selbst. Doch Verleger und Verlegerinnen, so hat man zumeist das Glück, sind bis ins hohe Alter älter als man selbst. Der aus München stammende in Wien studierende Albert Eibl hat mit 24 Jahren den DVB Verlag gegründet und verlegt dort (bisher) vergessene österreichische Literatur der Zwischenkriegszeit. Verrückt? Nein! Denn Albert Eibl hat einen Plan und vor allem grandiose Literatur vor sich, davon erzählt er bei 54books.

1. Wo verläuft bei Dir die Grenze zwischen Liebhaberei, überambitioniert und Wahnsinn? Ein heute 27-jähriger Student, der bereits vor 3 Jahren einen Verlag gegründet hat, um vergessene Bücher wiederzuentdecken in einer Zeit des ständigen Abgesangs auf Buch und Buchhandel, voller Genretitel und immer schneller drehendem Markt. Die Frage muss also sein WARUM?

Die Grenze ist vielmehr ein schmaler Grad. Wer heutzutage einen anspruchsvollen Belletristikverlag gründet, muss sowohl ehrgeizig, als auch Liebhaber und ein Wahnsinniger. Trotz der generell schlechten Marktsituation denke ich, dass die Sehnsucht nach echter Kultur in unserer Generation gerade wächst. Nicht nur in der Literatur macht sich das bemerkbar. Darin liegt dann auch die Chance von Programmen, die Qualität über Quantität stellen und es damit schaffen, einen kleinen, aber feinen Zirkel von Lesern nachhaltig an sich zu binden.

2. Stoffe, die einmal funktioniert haben, funktionieren auch nochmal? Ist das eine Rechnung die aufgeht oder ist das viel zu kurz gedacht (sowohl vom Fragenden als auch vielleicht [?] vom Ausführenden)?

Das ist natürlich etwas zu kurz gedacht. Jedes Buch stellt ein eigenes Wagnis dar. Ich kann aufgrund von den bisher von mir verlegten Titeln natürlich irgendwelche Vorhersagen über den potentiellen Erfolg eines Titels treffen – wieviele Exemplare sich dann aber wirklich verkaufen, steht in den Sternen. Dafür spielen zuviele Faktoren mit rein – angefangen von der Wahl des richtigen Covers bis zur persönlichen Leidensgeschichte der Autorin. Verlegen ist da ein bisschen wie Roulette spielen. Wenn man Erfahrung hat und den richtigen Riecher kann das Risiko etwas minimieren. Wohin die Kugel dann aber genau fällt, bleibt dem Leser bzw. dem Markt und dem Literaturbetrieb überlassen.

3. Als Mitglied der Internationalen Stefan Zweig Gesellschaft kenne ich die Vorwürfe, dass sich das Nachkriegsösterreich zu wenig um den berühmten Wiener/”Salzburger” gekümmert hat. Du hast Dich ebenfalls auf Österreicher, bisher Frauen, spezialisert – warum sollen wir diese Titel auch heute noch lesen?

Die fünf bisher von mir verlegten Romane sind nicht nur für Österreicher oder Wiener interessant, obwohl sie in der Tat hauptsächlich in Wien und Umgebung spielen. Ich verlege nur Romane, von denen ich mir auch vorstellen kann, dass sie ein größeres Publikum interessieren könnten. Als Spiegel ihrer eigenen Zeit geben sie das spezifische Timbre wieder, die charakteristische Schwingung, die zur Zeit ihrer Entstehung in den Straßen und Cafes, auf den Plätzen und in den Vergnügungsstätten der mondänen Großstadt webte und durch die wir uns, wie in einer Zeitmaschine, zurückversetzen können zu jenem einzigartigen Nachmittag um 1900 an dem Arthur Schnitzler seine Melange mit Stefan Zweig und Felix Salten im berühmten Griensteidl trank und sich dabei gehörig seine Zunge verbrühte…Durch so manchen guten Roman kommen wir der Vergangenheit bedeutend näher als durch ein auf Hochglanz poliertes Geschichtsbuch – so meine Meinung.

4. Wie findest man solche Bücher? Ist es wirklich Recherche Arbeit im Antiquariat mit Wühlen durch “vergessene Bücher” oder ist es Arbeit am Lexikon und durch alte “Bestsellerlisten”?

Es ist weniger das wilde Wühlen im Antiquariat als die gezielte Recherche in Fachlexika, Tagebüchern der Zeit und Feuilletons, durch die man auf den ein oder anderen literarischen Schatz stoßen kann, der es Wert ist, wiederentdeckt zu werden. Zu den Tipps von interessierten Lesern kommen mittlerweile auch regelmäßig Anfragen und Angebote von Literaturwissenschaftlern, die ihrerseits vergessene Werke ausgegraben haben, die sie in meinem Verlag herausgeben wollen. Zusätzlich zu meinen eigenen Recherchen sondiere ich diese Angebote und entscheide mich dann für das Werk, das mir selbst am besten gefällt und von dem ich finde, dass es es Wert ist, ins kulturelle Gedächtnis der Leser zurückgeholt zu werden.

Auf Maria Lazar, die erste Autorin, die ich Ende 2014 verlegt habe, stieß ich durch eine Vorlesung zur österreichischen Zwischenkriegszeit von Herrn Prof. Johann Sonnleitner. Er erklärte sich dann überraschend schnell bereit, die beiden völlig in Vergessenheit geratenen Romane „Die Vergiftung“ und „Die Eingeborenen von Maria Blut“ in meinem noch völlig unbekannten Verlag neu herauszugeben und mit einem Nachwort zu versehen. Auch bei den beiden Werken von Marta Karlweis, die bis jetzt im DVB Verlag erschienen sind („Ein österreichischer Don Juan“ und „Schwindel. Geschichte einer Realität“) firmierte er als Herausgeber.

Auf den bisher medial und verkaufstechnisch erfolgreichsten Roman meines Verlags, den skandalträchtigen Rotlichtroman „Der heilige Skarabäus“ von 1909 machte mich erstmals die Grazer Germanistin Brigitte Spreitzer aufmerksam. Wenn du das im selben Band abgedruckte, rund 60 Seiten umfassende Nachwort zu Leben und Werk der Autorin Else Jerusalem liest, merkst du schnell, wieviel Arbeit es sein kann, eine völlig vergessene Autorin wieder zu rehabilitieren und sie im Kontext ihrer Zeit zu verorten. Dennoch lohnt sich der Aufwand allemal.

5. Du brauchst sicher Kritierien, ganz sicher ist es auch literarische Qualität, aber spielen bei Dir auch Überlegeungen hinsichtlich Zeitbezug, Skandalträchtigkeit oder andere Faktoren eine Rolle?

Als rein ideelles Unternehmen bleibt ein Verlag heutzutage leider schnell auf der Strecke. Ich muss mir also bei jedem wiederentdeckten Roman schon im voraus Gedanken machen, inwieweit ich genügend Aufmerksamkeit für ihn generieren kann, damit er bei seinem Erscheinen in einschlägigen Medien besprochen wird. Das wiederum führt dazu, dass Buchhändler ihn überhaupt in ihre Regale stellen und Leser ihn letztlich kaufen können. Ohne einen gewissen Umsatz und die Unterstützung von Förderungen für einzelne waghalsige Buchprojekte geht es nicht. So gesehen kommt der Wiederentdeckung eine skandalträchtige Autorenbiographie oder eine aufwühlende Hintergrundgeschichte natürlich immer zugute.

6. Wo willst Du hin mit Deinem Programm? Ist es absehbar, dass Du irgendwann sagst, “es gibt keine Bücher aus diesem Bereich mehr, die interessant für mich sind” oder wirst Du Dein Recherchegebiet einfach öffnen?

In der von mir in den letzten drei Jahren beackerten Nische der österreichischen Zwischenkriegszeit gibt es noch einige Werke, von denen es sich mit Sicherheit lohnen würde, sie wiederzuentdecken. Welche genau, möchte ich an dieser Stelle nicht verraten (Berufsgeheimnis;)). Ich bin aber durchaus offen, mein Verlagsprogramm in Zukunft auszuweiten und noch ungeahnte und entferntere Gebiete der deutschsprachigen Literatur nach archäologischen Sensationen zu durchkämmen.


Albert-Eibl Eva Reisinger
©Eva Reisinger

Albert C. Eibl, Jg. 1990, studierte Deutsche Philologie, Philosophie und Politikwissenschaft in Zürich und Wien. Nach einer Hospitanz im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gründete er den Verlag Das vergessene Buch (DVB Verlag), dessen Inhaber und Geschäftsführer er ist. Er veröffentlicht regelmäßig Beiträge im Wiener Falter und dem österreichischen Nachrichtenmagazin PROFIL und ist seit 2016 Mitglied des österreichischen PEN Clubs.

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Simon Strauß – Sieben Nächte

Sobald die Tage länger und wärmer werden, kann man überall – leider auch in Zügen, wo ein Entkommen besonders schwierig ist – ein besonders nerviges Naturschauspiel beobachten: Kleine Gruppen von jungen Männern oder Frauen ziehen sich alberne Sachen an, betrinken sich sehr und gehen in der Gruppe anderen, völlig unbeteiligten Leuten auf die Nerven. Es handelt sich natürlich um: Jungesell/innenabschiede. Kaum eine Hochzeit kommt ohne sie aus, denn bevor man in den Hafen der Ehe einschippert und also ein geregeltes Leben führt, möchte man die Regel noch einmal so richtig überschreiten. Das ist natürlich Unsinn: Schon die Verletzung der Norm, also der Jungesell/innenabschied, ist selbst so normiert, dass er gar keine Norm verletzten kann, sondern die Norm nur bestätigt. Vor der Hochzeit hat man – so will es die gesellschaftliche Norm – sich in der Gruppe zu betrinken, fremden Leuten Kondome und Schnäpschen zu verkaufen und am Ende im Stripclub zu landen. Selbst der Exzess, selbst der Ausbruch aus der Norm ist normiert.

Und genau dasselbe gilt für „Sieben Nächte“ von Simon Strauß: Es ist ein Buch wie ein Junggesellenabschied. In diesem „Manifest“ und „Generationenroman“, wie dieser Roman ja schon euphorisch bezeichnet wurde, will ein junger Mann an der „Schwelle zum Erwachsenenleben“, also vor seinem 30. Geburtstag, bevor sein Leben in geregelte Bahnen gebracht werden wird, „den festgelegten Ablauf noch einmal durchbrechen“ (S. 20), oder wie es dann am Ende des Buches plötzlich heißt: eine „Reifeprüfung“ bestehen. Es wird zwar nirgends zuvor mal deutlich, dass es sich um „Prüfungen“ handeln soll, es erschließt sich auch nicht so recht, wie mit dem Kram, den der Erzähler da so macht, irgendeine Reife geprüft werden oder entstehen soll, die Idee wirkt seltsam brüchig, so als hätte man die Idee der „Prüfung“ am Ende irgendwie dem ganzen aufgesetzt, ohne dann noch einmal zu schauen, ob das überhaupt zum Rest passt. Aber was soll’s.

Dass es sich um einen Generationenroman handeln soll, wie wohl der Autor, der Verlag und mehrere Literaturkritiker meinen, ist natürlich Blödsinn: Nur jemand, der wirklich noch nie über den Tellerrand des eigenen akademischen Milieus geblickt hat, kann glauben, dass eine ganze „Generation“ erst mit 30 auf der Schwelle zum Erwachsenenleben steht und dass das Problem dieser ganzen Generation zu viel Sicherheit ist. Ein großer Teil dieser Generation – wie im Buch ja aber deutlich wird, ist dieser Teil der Menschheit ja ohnehin berechtigterweise einfach als Arbeitssklave zu betrachten, der halt den Preis dafür zahlen muss, dass so schöne, kluge Bücher wie dieses hier geschrieben werden können (vgl. S. 93) – ist mit 30 schon seit Jahren mit der Lehre oder Ausbildung fertig und im Beruf, auch die Absolventen von G8 und Bachelor-Studium sind seit Jahren im Beruf, viele haben schon Kinder, und ein gar nicht unerheblicher Teil hat weder berufliche Sicherheit noch ist er dieser überdrüssig. Ein Buch wie „Sieben Nächte“ kann nur jemand schreiben und jemand als Generationenroman sehen, der aus einem Milieu stammt, dass es sich leisten kann, lange zu studieren, und einen Beruf in dem Wissen anfängt, ohnehin durchzukommen, weswegen er eigentlich nur die Freiheit, die man ja hat, einschränkt, nicht diese überhaupt erst ermöglicht, wie es bei Menschen außerhalb dieses Milieus der Fall ist. Es ist ein Milieuroman, kein Generationenroman, und das Milieu, aus dem er kommt, hat den Kontakt zur Realität außerhalb des eigenen Milieus anscheinend weitgehend verloren.

Aber sei’s drum: Jedenfalls geht der Erzähler um seines wilden Aufbäumens willen einen Pakt mit einem Bekannten ein: Er muss in sieben Nächsten jeweils die sieben Todsünden durchleben und danach dazu jeweils sieben Seiten aufschreiben. Und was macht er dann total Wildes, Exzessives, um „den festgelegten Ablauf noch einmal zu durchbrechen“? Erst springt er an einem Sicherheitsseil von einem Hochhaus, dann isst er viel Fleisch, dann bleibt er einfach mal zuhause, besucht ein Pferderennen, schmollt in der Universitätsbibliothek, besucht maskiert eine Swingerparty und fährt dann beleidigt im Auto eines Freundes mit. Um das also noch einmal zu paraphrasieren: Er besucht erst ein Jochen-Schweizer-Event, isst dann viel Fleisch, um ein Mann zu werden (S. 51) – eine Idee, die so normiert ist, dass man sie in Form des Magazins BEEF an jedem Bahnhofskiosk kaufen kann – tut dann mal nichts und sich dabei sehr leid, besucht völlig reguläre Veranstaltungen mit völlig geregeltem Ablauf (Pferderennen, Swingerpartys der Oberschicht), und das sollen die sieben Todsünden sein. Nirgends wird eine Norm überschritten, nirgends geht der Erzähler auch nur ernsthaft ein Risiko ein, alles passiert mit Sicherheitsschnur oder Maske, damit auch ja nichts von dem, was passiert, irgendeine Folge haben könnte. Und so ist es ja dann auch kein Wunder, dass der Erzähler am Ende keine Veränderung bewirken konnte (vgl. S. 134) – wie soll er denn auch, wenn der Autor ihn so bumslangweilige Sachen machen lässt? Wenn das ein Generationenroman wäre, wäre das doch ein sehr trauriges Zeugnis für eine Generation, der nicht einmal mehr einfällt, wie man eine Norm eigentlich überschreiten könnte. Es ist eben – wie bereits geschrieben – ein Roman wie ein Jungesellenabschied. Man möchte ein bisschen Exzess, sich ein bisschen besaufen, damit man sein Leben lang erzählen kann, wie man da aber mal einen drauf gemacht hat – in Wahrheit macht man aber nur das, was alle machen, hat dieselben Geschichten zu erzählen, die alle erzählen, weil einem nicht einmal einfällt, wie das gehen könnte: Mal richtig die Sau rauslassen. Wenn jedenfalls keine fünfzig Euro beim Galopprennen verwetten schon eine Todsünde sein soll, dürfte der Erzähler tatsächlich die langweiligste Figur der jüngsten Literaturgeschichte sein. Man möchte sich gar nicht ausmalen, was einer solchen Figur erst einfiele, wenn sie in die Midlife-Crisis käme – vermutlich so etwas Außergewöhnliches wie: Sich ein Motorrad kaufen und eine Affäre mit einer jüngeren Frau anfangen.

Zumindest sollte man diesen Roman nicht in der Erwartungshaltung lesen, dass hier tatsächlich irgendwie der Versuch unternommen würde, irgendwie mal auch nur vorübergehend aus der Norm auszubrechen. Man sollte es aber auch nicht in der Erwartung lesen, man bekäme hier schöne, poetische Sätze zu lesen. Vielmehr ist das Buch sprachlich merkwürdig uneinheitlich – die ersten zwei Kapitel sind schwülstig, danach wird die Sprache erträglicher, ohne dass ich irgendein Konzept dahinter erkennen könnte, irgendeine Wandlung in der Figur des Erzählers, die diese sprachliche Entwicklung zum poetischen Mittel machen würde. Darüber hinaus ist es aber halt auch sprachlich einfach nicht gut gemacht, gerade am Anfang nicht.

Zum einen ist es fürchterlich geschwätzig. Der Autor hat sich eben nicht eine Formulierung überlegt, mit der er etwas ausdrücken möchte, vielmehr hat er halt einfach mal alles aufgeschrieben, was ihm so eingefallen ist, damit irgendwie alles in allem rüberkommt, was er so meint. Und so sind dann wohl Sätze wie diese entstanden: „Wie mich diese Welt braucht. Wie sehr sie mich nötig hat. Jetzt. Heute. Hier. Nicht morgen. Nicht irgendwann, sondern jetzt.“ (S. 27). Oder: „Habe ich mich eben noch groß und bedeutend gefühlt, bin ich jetzt kleiner als klein. Ein Nichts, ein Niemand.“ (S. 22) Man hatte ja schon bei der ersten Formulierung erfasst, worum es geht, und die synonymen Wiederholungen sind weder ästhetisch besonders ansprechend, noch inhaltlich zielführend, sondern schlicht: geschwätzig.

In diese Kategorie fallen dann auch die völlig überflüssigen, eigentlich nur die Belesenheit des Autors belegenden Zitatwolken:

„Ich schleiche nach Hause. Wieder ein Tag ohne Tat. Und wieder nur Träume von Verschwörung, Geheimbund und Heldentum. In Schillers Fiesco wird gewarnt, dass ‚unsere besten Keime zu Großem und Gutem unter dem Druck des bürgerlichen Lebens begraben sind.‘ In Bruckners ‚Krankheit der Jugend‘ sagt Desiree: „Entweder man verbürgerlicht oder man begeht Selbstmord.‘“ (S. 36)

Ist das jetzt Poesie, wenn man zu einem Schlagwort mal einfach Zitate aneinanderreiht, die Dinge sagen, die man selbst auch hätte sagen können? Die Zitate werden ja in diesem Roman nicht funktionalisiert, sie stehen einfach im Text. Es gibt andere Zitate, die in die eigene Sprache eingewoben wurden, die damit tatsächlich poetisch sind. Aber alle paar Seiten stehen da auch einfach schlicht schlaue Zitate dazwischen, als hätte der Autor am Ende mal auf aphorismen.de nach passenden Zitaten, die man noch dazwischenkleistern könnte, um schlau zu wirken, gesucht. Mein liebstes Beispiel, das für diese Deutung spricht, ist ja dieses:

„Früher war das Haus der Inbegriff des Arbeitsplatzes – Ökonomie heißt ja nichts anderes als das Gesetz des Hauses.“ (S. 59f.)

Endlich erklärt das dem Leser mal einer! Wirklich, sehr schön, sehr poetisch. So poetisch wie eine Vorlesung zum Thema „Fremdwort und Lehnwort“.

Und bei manchen Wörtern, die der Autor verwendet, wie „schleichen“, „schlurfen“, „unwirsch“ „schlohweiß“ und „milchweiß“ fragt man sich ja auch unweigerlich: Ach, die gibt’s noch, die darf man jetzt wieder verwenden, ohne sich den Vorwurf gefallen zu lassen, die eigene Sprache sei irgendwie abgedroschen? Auf S. 41 weicht dann „ein Blusenkleid“ aus, auf S. 19 liest sich der Roman so altbacken wie der Schreibversuch eines 16-jährigen, der versucht, in seinem Tagebuch große Literatur zu schreiben:

„Sie [gemeint ist die Angst] kann machen, dass ich in einer Nacht wie dieser plötzlich vom Tisch aufstehe und auf den Balkon gehe, schüchtern erst, mit unsicherem Gang. Der Regen ist stärker geworden, die Äste der Kastanie knacken im Wind. Oben auf dem Dach sitzen ein paar Krähen und schauen spöttisch auf sie herab: Keine Haltung, diese Äste, immer nur ein schwaches Fähnlein im Wind.“ (S. 19f.)

Man fragt sich, ob der Lektor dachte, dass das passt: Äste als Fahnen. Spöttische Krähen. Schüchternes auf den Balkon gehen nach plötzlichem Aufstehen. Oder das Bild zum verschütteten Wein: „der Traubensaft [Hallihallo, „Traubensaft“ ist übrigens kein Synonym für „Wein“, auch wenn es hier als solches verwendet wird. Hätte man ja merken können.] rinnt die Finger runter wie warme Sonnenmilch [wirklich, Wein rinnt wie Sonnenmilch? Das ist dann aber ein besonders dickflüssiger Wein.].“ (S. 44) Man fragt sich auch, ob der Lektor dachte, das passt, wenn der Erzähler auf die Trabrennbahn geht (so im „Glossar“), dort dann aber Galopprennen stattfinden. Man fragt sich, ob der Lektor dachte, das passt, wenn da steht: „Ich werde dort Weintrauben und Rosmarin wachsen lassen und kleine Wasserkübel im Boden installieren.“ (S. 31f.), und nicht etwa „Weinreben/Weinstöcke wachsen lassen“. Sowas hätte doch auffallen müssen.

Man fragt sich auch, ob der Autor wirklich dachte, das hier wäre ein stimmiger, klingender Satz, nicht einfach ein Hybrid aus 19. Jahrhundert und Umgangssprache: „Und die Furcht vor dem unfertigen Ausdruck macht uns die Herzen kaputt.“ (S. 31) Wirklich, sie „macht kaputt“? Und man fragt sich vor allem, wie so viele Leser und Kritiker diese Sprache poetisch finden können. Vielleicht liegt es ja aber auch daran, dass manche Stellen klingen wie ein Songtext von Casper oder wie ein Kalenderspruch, etwa: „Vor der trockenen Sicherheit, dem Kniefall vor der Konvention. Nie geschrien zu haben, immer nur kleinlaut geblieben zu sein, davor fürchte ich mich.“ (S. 13). Ja, ich finde das auch ein bisschen beängstigend, wenn man die Angst vor der Konvention als Dichter nur so konventionell zum Ausdruck bringen kann. Und wenn ich mich fragen muss, ob der Erzähler sich eigentlich über eine Seite hinweg den eigenen Gedankengang merken kann, wenn er auf S. 93 noch die Arbeiter verachtet („Um die Mehrheit ging es noch nie, die hat immer schon geackert und geschuftet, damit die wenigen herrschen, malen und dichten konnten.“), sich dann aber schon auf S. 94 selbst als Arbeiter sieht: „Wir arbeiten und entspannen mit der Stechuhr im Rücken – das ist unsere Lage.“ Die herrschende, malende und dichtende Minderheit mit Stechuhr im Rücken. Ach so.

Da sind einfach wirklich zu viele Patzer passiert, was das Lektorat da gemacht hat, ob da überhaupt am Ende nochmal jemand drübergelesen hat, um zu schauen, ob der Roman konsistent ist – ich weiß es nicht. Die Sprache ist emphatisch, aber weder schön noch fehlerfrei (Fehler könnten poetisch sein – hier sind sie es nicht). Der ganzen Konzeption des Romans fehlt es an Mut und Ideen. Der ganze Roman hat das Pathos von Hasenclevers „Der Sohn“, leider aber eben auch nur das Pathos, sonst nichts. Schade drum.

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Moin aus dem Lesesaal

Blogs sind etwas für Opas! Wer heute angesagt ist und auf das schnelle Geld schielt, der muss zu YouTube gehen, denken zumindest die Leute, die den Trends immer geschmeidig hinterherhinken. Das Rückständigste sind dabei natürlich Bücher. Als Leser toter Bäume und Nutzer veralteter Technologie, kann man daher getrost jetzt erstmal paar YouTube-Videos machen, bevor das wieder retro wird. Videoschnipsel mit einer Länge von nicht mehr als 2 Minuten als Medium für Minimalaufmerksame eignen sich hervorragend auch für die schnelle Empfehlung von Büchern.

Der frische und angesagte Blogger dieser Zeilen betreibt daher seit Kurzem auch einen YouTube-Kanal. Mit im Boot ist dabei Stephanie Krawehl von der Hamburger Buchhandlung Lesesaal. Wer neben Lesen als auch Gucken und Hören kann, ist daher herzlich eingeladen dort vorbeizusehen und natürlich den Kanal zu abonnieren

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Zur Kritik des normierten Lesens

In den letzten Wochen wurde mir, vor allem anlässlich meines Beitrags „Endlich sagt’s mal einer“, aber auch in anderen Kontexten, vorgehalten, ich wolle Kritik an Bloggern grundsätzlich unmöglich machen und verstehe überhaupt all diese Feuilleton-Artikel über Blogger ganz falsch, da sei kein Dünkel, da seien nur „verwunderte“ oder „ganz sachliche“ Feststellungen. Warum sehe ich überhaupt in rein sachlichen Beobachtungen von Kulturjournalisten so etwas wie Dünkel und Klassismus?

Weil es bestimmte Äußerungen und „Beobachtungsmuster“ gibt, die keine Zufälle sind: Die gesamte Praxis der Kritik an Buchbloggern, Booktubern und Bookstagarmern bedient historisch eingeschliffene Muster, die über 200 Jahre alt sind. Damit meine ich nicht alle Kritikpunkte, die solche Artikel so vorbringen, sondern spezifische Muster, die im Folgenden deutlich werden sollten.

Zunächst müssen wir uns für das Folgende über eine Voraussetzung einig sein: Es gibt kulturelle Praktiken, die gesamtgesellschaftlich kulturell festgelegt und durch Sozialisation weitergegeben werden. Und: Kulturelle Praktiken werden immer unterschiedlich bewertet – gesamtgesellschaftlich betrachtet, gerade dann, wenn es um sozialen Aufstieg geht, ist nach wie vor der Theaterbesuch angesehener als das Ansehen des Programms des Privatfernsehens. Hier mag es milieuspezifische Unterschiede geben, insofern ist es natürlich zu grob, wenn ich mich im Folgenden auf ein Klassenmodell bzw. das Modell Bourdieus stütze, ich gehe aber davon aus, dass man mit diesem Modell gesamtgesellschaftlich schon noch etwas Richtiges und Wichtiges zeigen kann.

Ich werde – insbesondere im ersten Teil des folgenden Beitrags – einige theoretische Grundlagen erklären, die einige von euch vermutlich schon kennen. Da aber vielleicht doch nicht jeder Bourdieu gelesen hat, fange ich bei den Grundlagen an. Und sorry: Es wird ein paar Fremdworte geben, die gehören zur Theorie. Bei Fragen – gerne nachfragen.

Der Feuilleton-Literaturkritiker als Mitglied der Klasse der „beherrschten Herrscher“ und sein Habitus

Es gibt laut Bourdieu drei Sorten von Kapital, die in der Gesellschaft und für gesellschaftlichen Aufstieg wichtig sind: kulturelles, soziales und ökonomisches Kapital. Entweder man hat viel Geld (ökonomisches Kapital), oder gute Beziehungen (soziales Kapital), die sich wiederum in Geld umwandeln lassen (weil man durch Vitamin B an bessere Jobs kommt), oder hohes kulturelles Kapital (hohen Bildungsgrad), was sich auch wiederum in Geld umtauschen lässt (weil man sich auf besser bezahlte Jobs bewerben kann).

Die gesamte Gesellschaft untergliedert Bourdieu in drei Klassen: Die herrschende Klasse, die Mittelklasse (= Kleinbürgertum), die Beherrschten (= Volksklasse). Damit aber nicht genug: Die herrschende Klasse besteht aus zwei gegensätzlichen Fraktionen, die sich die Herrschaftsarbeit über die Gesellschaft teilen. Die eine Fraktion sind die „herrschenden Herrscher“, die über hohes ökonomisches Kapital verfügen, also klassischerweise die Unternehmer. Die andere Fraktion ist die der „beherrschten Herrscher“, der Intellektuellen, die über hohes kulturelles Kapital verfügen, wegen fehlenden ökonomischen Kapitals aber den herrschenden Herrschern unterlegen sind (es kommt entsprechend oft zu Rangeleien zwischen beiden). Das macht den Kulturjournalisten des Feuilleton so interessant: Es lebt vielleicht finanziell in einer prekären Lage, gehört aber trotzdem zur herrschenden Schicht der Bevölkerung, er hat trotzdem erheblichen gesellschaftlichen Einfluss und Prestige, kann schön nach unten treten, damit das auch so bleibt, weil er mit festlegt, was kulturell akzeptiert ist und was nicht. Und: Das kulturell Akzeptierte zu tun ist zentral für sozialen Aufstieg durch Bildung.

Diese Position gilt es nun also vorwiegend gegen das aufstiegswillige und daher bildungsbeflissene Kleinbürgertum zu verteidigen. Und verteidigt wird immer durch die Abwertung von kulturellen Praktiken, die nicht der eigenen entsprechen, durch die Abwertung von Lebensstilen. Nach Bourdieu geht der Raum der sozialen Positionen mit einem Raum der Lebensstile einher: Jede Klasse hat ihren spezifischen Lebensstil und ihren Habitus (das meint grob: Verhaltensmuster). Beides dient der Distinktion (Abgrenzung), markiert die „feinen Unterschiede“ in Geschmack, Verhalten, Lebensführung, mit denen sich der „aristokratische Ästhetizismus“ von der „Prätention“ des Kleinbürgertums unterscheidet.

Entsprechend der drei Klassen gibt es also drei Geschmacksformen: Den „legitimen Geschmack“ der herrschenden Klasse, der auf Distinktion achtet und seinen Geschmack durch kulturell anerkannte Legitimationsinstanzen (Universitäten, Kritiker usw.) mit Autorität versehen lässt (darum auch die gelegentliche Allianz der herrschenden Herrscher, also der Reichen, mit den beherrschten Herrschern, also denen mit hohem kulturellem Kapital – wenn man viel Kohle hat, hängt man sich gerne ein teures Bild an die Wand und lädt den Maler zu einer Party ein, um sich mit seiner Bekanntschaft zu schmücken). Dann: Den prätentiösen Geschmack der Mittelklasse, der versucht, den Geschmack der Herrschenden zu imitieren, dabei aber über die feinsten der feinen Unterschiede stolpert, beispielsweise durch den typischen Bildungseifer dieser Schicht – die herrschende Klasse schätzt den Fleißigen gar nicht so sehr, der sich Aufstieg erarbeitet hat, zumindest nicht so sehr wie das Genie, dem scheinbar alles mühelos zugeflogen ist. Ihn bewundert man, den anderen akzeptiert man höchstens. Und dann eben den illegitimen, populären Geschmack der Beherrschten mit seinem von kulturellen Legitimationsinstanzen (Universitäten, Kritiker usw.) für vulgär erklärten Werken und Praktiken. Abwertung des Geschmacks der anderen Schichten dient also zwei Dingen: Disktinktion und Selbstvergewisserung.

„Die Negation des niederen, groben, vulgären, wohlfeilen, sklavischen, mit einem Wort: natürlichen Genusses, diese Negation, in der sich der Heilige der Kultur verdichtet, beinhaltet zugleich die Affirmation der Überlegenheit derjenigen, die sich sublimierte, raffinierte, interesselose, zweckfreie, distinguierte, dem Profanen auf ewig untersagte Vergnügen zu verschaffen wissen. Dies der Grund, warum Kunst und Kunstkonsum sich – ganz unabhängig vom Willen und Wissen der Beteiligten – so glänzend eignen zur Erfüllung einer gesellschaftlichen Funktion der Legitimation sozialer Unterschiede.“

P. Bourdieu: Die feinen Unterschiede, 1987, S. 27

„Genuss“ ist also etwas für den Pöbel, für seinen billigen Massengeschmack. Das intellektualistische „Vergnügen“ ist für die Herrschenden, die einen Hang zur Distinktion durch Askese haben: Man weiß die eigenen Triebe zu kultivieren. Man schunkelt nicht im Musikantenstadl, man isst nicht wochenlang nur Nudeln und Fertigpizza, weil’s halt schmeckt, sondern man hält im Konzertsaal schön still und isst Salat, der zwar teurer ist und nicht satt macht, dafür aber gesund ist.

War die Lektüre gedanklich anregend?

Und: Die Herrschenden lesen anders. Sie betreiben nicht das Genusslesen, das stundenlange Schmökern, das Versinken in Romanen. Sie lesen kulturell akzeptierte Bücher, also entweder Klassiker oder von Kritikern für gut befundene Werke. Entscheidend ist dann auch nicht, ob man das Buch etwa gern gelesen hat oder – Gott bewahre – ob man sich gut unterhalten gefühlt hat. Gefühlt wird da ohnehin nicht, das ist was für den Pöbel. Nein nein, entscheidend ist: War die Lektüre gedanklich anregend? Gerne auch ein wenig emotional ansprechend, aber doch bitte eben die ganze Empfindungstiefe ansprechend, nicht nur die Sentimentalität (zu Tränen gerührt sind die Herrschenden ungern) oder gar ins Bewusstlose, Selbstvergessene führend.

Wichtig ist also: Es gibt und gab nie nur eine Art, zu lesen, und es gibt und gab nie nur eine Art von Literatur. Aber: Es gibt und gab eine kulturelle Elite, die die meisten Arten, zu lesen, und die meisten Formen von Literatur für illegitim erklärt hat, wobei sich die Autorität dieser Urteile in höherem Ausmaß aus Tradition und Prestige der Urteilenden als aus der argumentativen Kraft ihrer Urteile speist, insbesondere eben dann, wenn aus mitunter wirklich wirren Gründen andere Arten zu lesen, abgewertet werden. Diese kulturelle Elite gibt es seit sich der grundlegende Wandel von einer Gesellschaft, die in Stände (Klerus, Adel, Bürger und Bauern) gegliedert ist und die sozialen Aufstieg unmöglich macht (da man in den Adel nicht aufsteigen, sondern nur in ihn hineingeboren werden kann), zu einer Gesellschaft, die funktional gegliedert ist und sozialen Aufstiegt (v.a. durch Bildung und wirtschaftliches Geschick) ermöglicht – und das ist seit dem 18. Jahrhundert der Fall. Nicht umsonst ist das 18. Jahrhundert auch der Zeitpunkt der sog. „Leserevolution“, die zu einer stetigen Abwertung bestimmter Lesepraktiken, insbesondere der sog. „Lesewut“, geführt hat. Und auch das hat seinen Grund: Das Bürgertum und insbesondere auch Frauen begannen im 18. Jahrhundert, viel zu lesen, und dadurch sozial durch Bildung aufzusteigen – die Herrschenden reagierten mit einer Abwertung des massenhaften Lesens. Aber dazu später mehr.

Womit ich nicht leben kann

Einige Argumente, die wir in der „Feuilleton vs. Blogger“-Debatte finden, sind schlicht nicht zufällig. Beispielsweise ist es entsprechend nicht zufällig, dass die Subjektivität der Blogger abgewüdigt wird, ihre Betonung des „ichs“ und des Gefühls belächelt wird. Urteile wie „ich hatte Spaß beim Lesen“ sind keine Urteile, die dem Habitus und Lebensstil der herrschenden Klasse entsprechen. Im Gegenteil – sie sind diesen entgegengesetzt, sie entsprechen dem vulgären, populären Genusslesen. Wer als Blogger so schreibt, und meint, der hochliterarische Feuilleton würde das irgendwann akzeptieren, ist schon bemerkenswert optimistisch. Es gibt – soweit ich das sehe – keinen mit dem Internet verbundenen Menschen im Buchbetrieb, der sich im Feuilleton hätte wirklich zentral etablieren können – auch Karla Paul sitzt nicht im “Literarischen Quartett”, obwohl sie die Kompetenz dafür hätte. Das sehe ich nicht als zufällig an: Die Sphären der Urteilsformen sind nach wie vor getrennt, die „feinen Unterschiede“ der Distinktion sind nach wie vor da, und ich sehe da kein Ende.

Damit kann ich auch leben. Womit ich nicht leben kann, ist, wenn Bemerkungen wie diese eben nicht in ihrer Struktur erkannt werden und mir als „bloße sachliche Feststellungen“ verkauft werden: Die Lesebiografie von Tobi von Lesestunden wird von Marc Reichwein in der Literarischen Welt als „skurrile Emporlesebiografie“ bezeichnet – der Versuch des Bloggers, sich neue literarische Welten zu erschließen, wird abgewertet als Lesebiografie eines „Emporkömmlings“. Das ist eine vermutlich unbewusst gewählte Formulierung, die aber eben keinesfalls zufällig ist: Ein Emporkömmling ist ein seit dem 18. Jahrhundert – also seit der Zeit, in der die Gliederung der Gesellschaft in Stände (Adel, Bürger, Bauern) zu bröckeln begann und sozialer Aufstieg durch ökonomisches oder kulturelles Kapital möglich wurde – jemand, der schnell zu Reichtum gekommen ist, aber eben noch nicht als zur oberen Gesellschaftsschicht zugehörig akzeptiert ist. Reichwein überträgt hier – nochmal: und das ist nicht zufällig, sondern entspricht internalisierten Mustern von Lebensstil und Habitus – einen abwertenden ökonomischen Begriff auf den kulturellen Bereich, um jemanden abzuwerten: Der kulturelle Emporkömmling ist einer, der nicht dazugehört, der plötzlich zu kulturellem Kapital gekommen ist, was erst einmal skeptisch zu beobachten ist.

In dieselbe Kerbe schlägt ein Satz wie dieser in einem anderen Artikel von Reichwein:

„Kompetenz zählt definitiv weniger als Authentizität, und Lesen ist manchmal auch nur die Idee von Lesen – ein Habitus, ein Lifestyle, der sich durch volle Bücherregale, das Reden über Lesevorhaben oder Auspackvideos von Buchpaketen suggerieren lässt.“

Hier wird sogar explizit deutlich, was hier passiert: Ein bestimmter Lebensstil wird zum „lifestyle“ erklärt, ein bestimmter Habitus als illegitim erklärt. Und dabei wird verschleiert, dass der Autor des Artikels natürlich nicht minder einen Lebensstil und einen Habitus hat – warum dieser aber kein „lifestyle“ sein soll und eigentlich so überlegen sein soll, bleibt offen, Argumente fehlen.

Niemals bekäme Tobi von Lesestunden einen Artikel in der Literarischen Welt wie die Tochter von Heiner Müller, die dort ihre Lesebiografie vorstellen darf. Ihre Lesebiografie enthält Mangas, „Hanni und Nanni“, und anspruchsvolle Literatur, und niemals würde Marc Reichwein das als „skurrile Emporlesebiografie“ bezeichnen, denn: Die Tochter von Heiner Müller hat ererbtes kulturelles Kapital, weil ihr Vater Heiner Müller ist, und soziales Kapital, also vom Vater ererbte Kontakte in den Literaturbetrieb. Sie gehört dazu, ihre Bildung bzw. ihr kulturelles Kapital muss nicht skeptisch beobachtet und hinterfragt werden, was nichts anderes heißt als: eigentlich abgesprochen werden. Dass ein Artikel wie dieser in der Literarischen Welt erscheint, zeigt eben nicht, dass bestimmte Grenzen und Distinktionsmechanismen inzwischen aufgeweicht wären, im Gegenteil, ein Artikel wie dieser bestätigt gerade dadurch, dass Bücher wie „Hanni & Nanni“ vorkommen dürfen, wenn sie nur von der richtigen Person empfohlen werden, dass sozialer Aufstieg nach wie vor ein Weg ist, bei dem man erst Mal an den Herrschenden und an denen in die beherrscht-herrschende Klasse Hineingeborenen, gewissermaßen dem modernen kulturellen Adel, vorbei muss.

Klassische soziale Ausgrenzungsmechanismen funktionieren auch im Literaturbetrieb – und ein Diskurs über Blogger, der keine Argumente sondern nur „Beobachtungen“ bringt, die wertend formuliert werden, keine Analysen liefert und nicht nach gesamtgesellschaftlichen Hintergründen einer Entwicklung im Bereich des eigenen Publikums (denn die Blogger sind ja Publikum des Feuilleton) fragt, sondern diesen Teil des Publikums lieber abwertet, ist kein sinnvoller Diskurs, den ich ernst nehmen muss. Ernst nehmen wird man diesen Diskurs erst müssen, wenn die Frage beantwortet wird: Warum ist eigentlich das Geschmacksurteil etwas, was nur der Blogger, angeblich aber nicht der objektive Literaturkritiker fällt – wenn wir doch ausgehend von Konstruktivismus und Postmoderne längst wissen, dass es objektive Urteile nicht gibt, sondern nur unterschiedlich etablierte Mechanismen, die eigene Subjektivität zu verschleiern (z.B.: indem man nicht „ich“ schreibt, möglichst wenig Gefühle erwähnt etc.)? Oder: Warum soll das Urteil „ich habe gelacht“ unangemessen sein für die Beurteilung von humoristischer Literatur? Warum soll überhaupt Humor und Gefühl unliterarisch sein – hat da eigentlich mal jemand die Autoren gefragt, gibt es da eine Mehrheit derer, die auf gar keinen Fall den Leser emotional berühren wollen? Wird man mit germanistischer Textanalyse dem Text automatisch immer besser gerecht als mit einem subjektiven Urteil über die Wirkung des Buches, das sich darauf stützt, dass man viel gelesen hat und also vergleichen kann?

Frauen lesen anders, Männer lesen anders

Und dann kommt dazu noch etwas anderes, das auch nicht zufällig ist, nämlich die ständige „bloße Feststellung“, dass die meisten Buchblogger, Booktuber und Bookstagramer ja Frauen seien. Das ist eine Tatsache und selbstverständlich kann man die benennen. Die Frage ist nur, in welchem Kontext man das tut und ob man das wirklich als Beobachtung verwendet. Das sei an zwei besonders deutlichen Beispielen vorgeführt:

So schreibt Marc Reichwein in seinem Artikel über „Lesewut 3.0“ (der Titel ist wichtig, auch der ist kein Zufall):

„Literaturblogger von heute sind 3.0. Sie labern und fingern gern vor laufender Kamera herum. Beliebt sind Nagellackfarben passend zum Buchcover.

Gefühlte 90 Prozent aller Buchblogger sind weiblich. Die Verhältnisse sind also ein bisschen so wie im Germanistikstudium, nur stylisher. Manche Buchbloggerinnen tun nichts anderes, als Bücher in schöner Umgebung zu drapieren. Das gute Buch zur schönen Blume (wahlweise auch Teetasse, Lichterkette, Sofadecke).“

Nur als Randbemerkung: Die Abwertung der Frau, die sich „stylt“, die also deutlichen Wert auf ihr Äußeres legt, ist durchaus etwas für die Klasse des hohen kulturellen Kapitals Bezeichnendes, Klassenzugehörigkeit wird in den weiblichem Körper nach wie vor sehr viel stärker eingeschrieben als in den männlichen. Es gibt im Kulturbetrieb keine Frau, die auf die Idee käme, so herumzulaufen wie Daniela Katzenberger – die gehört klar zur Ästhetik der Beherrschten. Jede Frau, die in den Kulturbetrieb will, weiß, was sie optisch darf und nicht darf, wenn sie ernst genommen werden will. Clemens Meyer und Thomas Glavinic dürfen sich prollig geben und werden trotzdem ernst genommen. Es gibt kein weibliches Pendant dazu. Wenn Marc Reichwein also auf Weiblichkeit und Nagellack kombiniert hinweist, ist das kein Zufall, sondern ein klassischer Abwertungsmechanismus der oberflächlichen und schon darum nicht ernstzunehmenden Frau.

Nur noch einmal der Vollständigkeit halber – ich habe bereits mehrfach auf diese Stelle hingewiesen und sie zitiert – sei noch einmal auf die Passage aus dem Artikel „Wie entsteht ein Mega-Bestseller?“ von Oliver Jungen aus der FAZ vom 6.6.2016 zitiert:

„Sie lesen. Gemeint ist nicht das kontemplative Lesen, das auch gewöhnliche Kulturheinis kennen, sondern das exzessiv mitteilsame, das geschminkte Lesen. Sie nennen sich Literaturblogger, rutschen mit Geschrei durch den Bestsellerschlamm und halten bei Youtube oder Facebook reihenweise beschwärmte Titel in die Kamera, von denen man in den Feuilletons des Landes nicht einmal ahnt, dass sie existieren: „Schattentraum“, „Küsse zum Nachtisch“, „Allein unter Spaniern“. Mit etwas so Drögem wie Literaturkritik hat das nichts zu tun. Es geht um Fantum, Gemeinschaft und den offenbar unvergänglichen Traum junger Frauen, allein unter Spaniern zu landen. In Köln waren die mehr als 150 Blogger und „BuchTuber“ jedenfalls zu 98 Prozent weiblich.“

Warum ist das nun klassisch distinktiv? Ich schrieb bereits oben: Im 18. Jahrhundert kam es zur sog. „Leserevolution“. Der heutige Buchhandel und die heute gängigen Praktiken des Lesens entstanden. Die „Leserevolution“ ist vor allem auch dadurch gekennzeichnet, dass auch die unteren Schichten (Dienstboten, Soldaten) zu lesen begonnen haben, und insbesondere auch die Frauen – durch das Lesen erhoffte man sich sozialen Aufstieg. Insbesondere Pfarrer und Pädagogen sprachen von einer „Leseseuche“, von „Lesewut“, von „wildem Lesen“, die zu einem Rückzug der Menschen aus dem Alltag in Phantasiewelten führe (s. dazu beispielsweise: M. Maurer: Schreibkultur – Lesekultur, in: Ders.: Kulturgeschichte, 2008, S. 91-107). Das verdummende Lesen, das abzuwertende Lesen der Weiber und des Pöbels – das ist „Lesewut“. Nennt Marc Reichwein (oder irgendein Redakteur, der dafür zuständig ist) seinen Artikel „Lesewut 3.0“, so ist das ein Zitat, bedient das die traditionelle Abwertung eines Lebensstil. Das ist keine Beobachtung, das ist eine Wertung. Und zwar eine spezifisch männliche (s. dazu viel ausführlicher, als ich es hier leisten kann: S. Bollmann: Frauen und Bücher, 2015).

Als im 18. Jahrhundert Frauen zu lesen begonnen haben, haben sie sich oft – auch darauf rekurriert Reichwein ja deutlich in seinem Artikel – in Lesezirkeln zusammengetan und sich über ihre Lektüren in Briefen ausgetauscht:

„Es ging weniger um die Frage, ob und inwiefern sich aus Literatur etwas lernen lässt, und sei es fürs Leben, als um das Erlebnis und die Feier des Augenblicks: […] Lesen war ein Mittel zur Entfesselung von Emotionen. […] Die Lektüre von Literatur verlieh den Frauen eine Stimme und einen sozialen Status. Und der war nicht gänzlich, aber doch weitgehend unabhängig von ihrer Herkunft, der Zugehörigkeit zu einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht und akademischer, für Frauen in der Regel unerreichbarer Bildung. Lesen verschaffte ein Stück Unabhängigkeit und eröffnete neue Wege, das Leben zu genießen.“

S. Bollmann: Frauen und Bücher, 2015, S. 39

Weibliches Lesen ist also seit dem 18. Jahrhundert anders als männliches Lesen: Es ist das Lesen in Masse (im Sinne von: Lesen von möglichst vielen Büchern), es ist das gefühlsbezogene Lesen, es ist das identifikatorische Lesen. Weibliches Lesen konnte sich nicht anders entwickeln, weil Frauen keinen Zugang zu Bildung und eine andere Alltagswelt hatten. Männliches Lesen entwickelte sich aufgrund des anderen Zugangs zu Bildungswegen und Berufslaufbahnen anders: Als Lesen, bei dem weniger Bücher, diese aber eventuell wiederholt gelesen werden, und als vorwiegend informierendes Lesen. Genau diese beiden Arten von Lesen existieren bis heute, wie die Lesesozialisationsforschung weiß: Mädchen sind in der Schule inzwischen erfolgreicher als Jungen, weil sie viel mehr lesen. Mädchen lesen dabei fiktionale Texte, Jungen lesen Sachbücher (s. zu alle dem: B. Franzmann, K. Hasemann u.a.: Handbuch Lesen, 2006). Die Grundlagen dafür liegen im 18. Jahrhundert. Und: Würde diese Aufteilung endlich überwunden werden, würde „viel lesen, weil es eben Spaß macht“ nicht mehr als „weiblich“ und damit als defizitär gelten, würden auch Jungen mehr lesen, würden sie besser in der Schule abschneiden. Um was es hier geht, ist schlicht auch eine Frage der Bildungsgerechtigkeit.

Warum genau ist gefühlsbezogenes Lesen dümmer als informationsbezogenes?

Zurück zur Kritik des Feuilletons an den Bloggern: Die kulturell legitime Lesepraxis ist natürlich die männliche – es gibt ja auch erst seit ein paar Jahrzehnten weibliche Literaturkritiker. Seit dem 18. Jahrhundert machen Männer Witze über die weibliche Lesepraxis, wird das weibliche Lesen als Krankheit verteufelt, mitunter wird es Frauen sogar verboten zu lesen (s. auch dazu: S. Bollmann: Frauen und Bücher, 2015). Wenn nun also heute Feuilleton-Journalisten in einem spezifischen Kontext und abwertenden Ton die Beobachtungen aneinanderreihen, dass Blogger: weiblich sind, viel lesen, gefühlsbezogen urteilen – dann ist das nicht neutral, sondern bedient existierende, Jahrhunderte alte Disktinktionsmuster, und bedient zudem misogyne Muster. Das weibliche Lesen ist nicht vom selben Wert wie das männliche Lesen.

Warum genau ist gefühlsbezogenes Lesen dümmer als informationsbezogenes? Warum dürfen nicht beide Arten einfach nebeneinander stehen? Wegen der Gefahr der „Vermassung“, die konservative Kulturkritiker ja allenthalben wittern – schließlich bringt Vermassung solche Gefahren wie „Demokratie“ und die Emanzipation der Arbeiterklasse mit sich, sie führt zu weniger Leistungsbereitschaft und Forderungen nach mehr Gleichberechtigung. Und, ja, auf einer abstrakteren Ebene geht es eben genau darum: Eine beherrscht-herrschende Klasse möchte nicht, dass unterschiedliche Ansätze und unterschiedliche Lebensstile gleichwertig nebeneinander stehen. Es geht um Distinktion und um Machterhalt.

Männer lesen anders als Frauen. Frauen lesen anders als Männer. Big deal. Aus Konstruktivismus und von der Rezeptionsästhetik wissen wir: Jeder Mensch liest ein Buch auf seine eigene Art, abhängig von Sozialisation, Vorwissen etc. Männer und Frauen werden geschlechtstypisch unterschiedlich sozialisiert. Sie machen unterschiedliche Lebenserfahrungen. Natürlich lesen sie unterschiedlich. Aber: Obwohl Frauen die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, obwohl „weibliches Lesen“ als kulturelle Praxis nach wie vor da ist und vermutlich häufiger auftritt als das „männliche Lesen“, ist es nicht so viel wert wie das informationsorientierte, sachliche Lesen.

1994 schrieb Ruth Klüger in ihrem Essay „Frauen lesen anders“:

„Doch die Kritik der höheren Literatur und die traditionelle Literaturwissenschaft schließen die Augen vor den Einsichten des Buchmarktes und setzen einen geschlechtslosen idealen Leser voraus, der sich bei näherem Hinsehen immer als Mann entpuppt. Wie ich zu Anfang erwähnte, hat zwar die Rezeptionstheorie mit solchen Vorstellungen der Unvoreingenommenheit weitgehend aufgeräumt. Doch bleibt die weibliche Sicht klassischer Literaturwerke, soweit Leserinnen sich überhaupt genügend emanzipiert haben, um eine solche Sicht zu entwickeln, noch immer untergeordnet und wird von der etablierten, das heißt also männlichen Kritik, kaum wahrgenommen. Anders gesagt, feministische Theorie und Kritik ist bis jetzt kein Pflichtfach geworden, auch in Amerika nicht“

R. Klüger: Frauen lesen anders, in: Dies.: Frauen lesen anders. Essays, 1996, S. 99

Seither hat sich einiges getan. Es gibt heute vielmehr weibliche Literaturkritikerinnen als in den 1990ern. Aber: Akzeptiert und ernst genommen werden diese nur, wenn sie sich an die männliche, distinktive Praxis halten. Dass dem so ist, kann jeder an den Reaktionen auf Christine Westermanns Art, im „Literarischen Quartett“ über Literatur zu reden, beobachten. Sie verkörpert das „weibliche Lesen“ – und erntet dafür Spott. Und da muss ich mich selbst an die eigene Nase greifen – auch ich habe einige dieser distinktiven Muster durchaus sehr gut erlernt. Ich versuche aber zunehmend, diese Muster zu durchbrechen.

Ich begrüße jeden männlichen Literaturblogger, der gefühlsbetont in Masse liest. Es geht hier auch um eine Veränderung in der Lesesozialisation, um Bildungsgerechtigkeit und Chancen für Jungen, die sich im Bildungssystem schwer tun, weil sie weniger lesen. Das zu verändern scheint mir wichtiger als der liebgewonnene Habitus des ein oder anderen Kulturjournalisten.

Darf man Buchblogger, Booktuber und Bookstagramer nicht kritisieren?

Mir wurde vorgehalten, ich würde Kritik an Buchbloggern, Booktubern und Bookstagramern genuin ablehnen. Das ist nicht so. Ich bin immer für Kritik, ich bin immer für Diskurs – aber nicht, wenn dabei nur die stumpfen alten Mechanismen der Distinktion bemüht werden. Das ist mir vor allem auch zu langweilig.

Buchblogger, Booktuber und Bookstagramer müssen Inhalte liefern. Denn je weniger Inhalte sie liefern, je weniger sie wirklich über Bücher sprechen und stattdessen über sich selbst, die eigene Lesegewohnheit, den Ritus des Bücherkaufens etc., desto mehr tragen sie sich selbst zum Markt. Subjektivität selbst wird zur Ressource, das Individuum in seiner privaten Lesegewohnheit zum Schauplatz des Marktes. Hier habe ich deutliche kapitalismuskritische Bedenken. Die muss man nicht haben, wenn man so oder so nicht zur Kapitalismuskritik neigt. Ich aber habe bedenken, wenn „Selbstvermarktung“ eben zur freiwilligen Vermarktung des Privaten wird, wenn es wirklich nichts mehr im Leben gibt, was nicht in Klicks und Leistung verrechnet werden kann. Wer mag, kann jetzt noch selbst eine Verbindung zu Habermas‘ These der „Kolonialisierung der Lebenswelt“ herstellen, ich sehe hier Anschlussmöglichkeiten, aber ich möchte diesen Beitrag nicht heillos überfrachten. Man kann zumindest diskutieren, ob man das Private vermarkten sollte. Man kann zumindest diskutieren, ob Blogger das Lesen selbst so auf den Markt tragen sollten, wie Verlage die Bücher auf den Markt tragen. Es muss diskutiert werden, ob der Markt mit seiner Eigengesetzlichkeit nicht selbst zu einer neuen Normierung der Praxis des Lesens führt. Hier habe ich deutlichsten Bedenken. Es muss überlegt werden, ob nicht gerade durch instagram generell, aber auch in Bezug auf Lesepraxis, normative Idealbilder gelingendes Leben, die schädlich sein können, entstehen.

Aber: Ich halte die Schlussfolgerung, dass Buchblogger, Booktuber und Bookstagramer dann doch einfach, wenn sie ernst genommen werden wollen, auch nach den Regeln des Feuilletons spielen sollen, für furchtbar kurzsichtig. Warum ständig fordern, dass das Fußvolk sich gefälligst nach oben zu bücken habe? Einzig sinnvoll scheint mir ein Pluralismus, der unterschiedliche Formen kultureller Praxis nebeneinander stehen lässt, ohne Beißreflexe. Man muss nicht alles beklatschen, was andere tun – aber man kann sie auch einfach machen lassen.

Und: Wer behauptet, die Bookstagramer würden nur nette Bildchen machen und keine Inhalte liefern, hat sich das Medium nicht angeschaut. Meist werden die Bilder mit einer Kurzrezension verbunden (wenn es sich um genuine Bookstagramer handelt und nicht um Blogger, die ohnehin an anderer Stelle Inhalte liefern), meist schließt sich daran ein sehr viel regerer Austausch unter Bookstagramern und Followern über das fotografierte Buch an, als dies in den Kommentarspalten der Buchblogs oder des Feuilletons der Fall wäre. Instagram ist das kürzere, schnellere Medium – es ist aber nicht inhaltsfrei, sondern interaktiver. Ich denke, das kann ein Vorteil sein.

Es gibt keine etablierte Praxis der Kritik von Genreliteratur, von Jugendliteratur und Young Adult-Literatur. Ein Teil dieser Sparten ist dafür zu jung, vor allem aber hat sich die etablierte Literaturkritik darum nie intensiv gekümmert. Blogger, Booktuber und Bookstagramer können hier auf keine etablierten Muster zurückgreifen, sie müssen neue Muster herausbilden. Und man muss von ihnen verlangen dürfen, dass sie das tun und dass sie das reflektiert tun. Nur: Selbstverständlich ist doch „ich habe mich gut unterhalten gefühlt“ ein legitimes Beurteilungskriterium für einen Unterhaltungsroman. Selbstverständlich ist „ich konnte mich mit der Protagonistin identifizieren“ ein legitimes Beurteilungskriterium für Jugendliteratur, die doch genau darauf in der Regel angelegt ist. Natürlich ist „das Buch ist lustig“ ein legitimes Beurteilungskriterium für ein Buch, das genau das sein will. Nur weil das keine klassischen literaturkritischen Parameter sind, ist das eben nicht unreflektiert oder dumm, sondern vielleicht: schlicht angemessen.

Und, am Rande: Die spannendsten Debatten um beispielsweise Frauenbilder und Männerbilder in Literatur, um die Frage, inwiefern Bücher vielleicht schädliche Vorstellungen von Partnerschaft, Sexualität und unterschiedlichen ethnischen Gruppierungen transportieren – diese Debatten finden derzeit statt, und zwar im Internet, nicht im Feuilleton. Und zwar bei Buchbloggern, Booktubern und Bookstagramern mit den Schwerpunkten: Jugendliteratur, Genreliteratur, Young Adult. Diese Debatten führt nicht das Feuilleton. Obwohl ich schon längst die Methoden der Ideologiekritik, der feministischen Literaturkritik etc. im Feuilleton vermisse. Aber auch die gehören eben nicht zum Set etablierter distinktiver Kulturpraxis.

Diskutiert und kritisiert werden muss entsprechend auch die Praxis der Buchauswahl von Buchbloggern, Booktubern und Bookstagramern. Wenn ein Jugendbuch, das ein problematisches Ideal von Partnerschaft vermittelt, in den Himmel gelobt wird, wird man kritisch anfragen dürfen und müssen, ob das denn wirklich angemessen ist für ein Jugendbuch.

Natürlich muss man von Bloggern einfordern dürfen, sich an Regeln für Rechtschreibung und Grammatik zu halten. Man kann das aber ohne Herablassung und in der Anständigkeit tun, die weiß, dass es Leute mit LRS und Legasthenie gibt und dass es Leute gibt, die einfach nicht das Glück einer ausführlichen Bildungslaufbahn hatten.

Man wird jemanden, der einen Blog, Instagram- oder Youtube-Kanal betreibt und sich nicht als Literaturkritiker versteht, sondern als Leser oder Influencer, nach anderen Maßstäben bewerten müssen als den Literaturkritiker des Feuilletons. Die Medien funktionieren anders, das Selbstverständnis und das Ziel ist ein anderes, auch das Publikum ist ein anderes. Und bei aller Liebe zur fundierten, klugen Buchkritik (und die liebe ich sehr!): Wenn durch diese ganzen Bookstagramer auch nur 10 Jugendliche mehr zu einem Buch greifen, kann ich nicht sehen, wo hier der Untergang des Abendlandes drohen soll. Ich sehe auch nicht, welchen „Schaden“ das anrichten soll, auch wenn mir immer wieder gesagt wurde, das sei für irgendwen schädlich. Also mir schadet das nicht.

Gleichzeitig wird man von Journalisten verlangen dürfen, mit dem eigenen Status reflektiert umzugehen, Argumente und Analysen zu liefern, nach Hintergründen zu fragen, statt Artikel zu schreiben, die schlicht oberflächlich sind und auf 200 Jahre alten distinktiven Mechanismen beruhen.

Es wäre doch schön, wenn die professionelle Literaturkritik ihre Daseinsberechtigung (die beileibe niemand in Frage gestellt hat) dadurch rechtfertigen würde, dass sie kluge, lesenswerte Analysen von Literatur und literarischem Leben hervorbringen würde, nicht indem sie nach denen tritt, die sie als „unter ihre Niveau“ wahrnimmt. Solche Analysen von Literatur kann man finden – Meike Feßmann und Insa Wilke schreiben oft solche Artikel, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Und vielleicht, vielleicht entdecken ja alle irgendwann, wer eigentlich deutlich wichtiger ist als alle Journalisten, Verleger, Blogger, Booktuber, Bookstagramer zusammen: die Autoren.

P.S.: Damit wir uns recht verstehen: Ich unterstelle auf keinen Fall Marc Reichwein, misogyn oder ein Klassist zu sein. Mir geht es um Argumentationsmuster, die beileibe nicht nur er bedient, und die nicht für bewusste Denkmuster stehen müssen. Ein solches Urteil über eine Person, die ich nicht kenne, steht mir nicht zu, und ist definitiv nicht das, worauf ich hier hinaus will.

NACHTRAG, 10.5.2017: Liebe Leute: Dass sich weiblicher und männlicher Lesehabitus unterscheiden, ist nicht meine Erfindung, meine Pauschalisierung, sondern Ergebnis empirischer Lesesozialisationsforschung. Das gibt es, ob das nun allen gefällt oder nicht – es ist sehr einfach, hier zu sagen, das wäre nur Ergebnis meines schlichten Denkens, aber das ist es nicht. Es gibt Studien dazu, es gibt Bücher darüber. Ein Beispiel: Werner Graf: Lesegenese in Kindheit und Jugend. In unterschiedlichen Studien wird der Lesehabitus unterschiedlich benannt (“partizipatorisch”, “instrumentell” etc.). Hier habe ich vereinfacht, hier habe ich zu schnell geschrieben, hier hätte ich die Begriffswahl genauer reflektieren müssen – es ändert aber an dem Befund wenig, dass in allen Modellen das Ergebnis dasselbe bleibt: Mädchen lesen gefühlsorientierter als Jungen. Auch dass damit zusammenhängt, dass Jungen tendenziell oberflächlicher und weniger lesen, ist nicht mein Hirngespinst, sondern Forschungsergebnis (s. auch dazu Graf). (Und ja, natürlich zeigt PISA 2015, dass sich die Lesekompetenz der Jungen inzwischen der der Mädchen angenähert hat – genau daran arbeitet aber das Schulsystem doch auch, seit es solche Vergleichsstudien gibt, PISA macht man doch nicht, um zu schauen, ob die deutschen Schüler endlich die schlausten sind, sondern um u.a. genau solche Erhebenungen zur Lesekompetenz zu erheben, die dann mit weiteren empirischen Anschlussstudien erklärt werden, das macht die Bildungsforschung nicht seit gestern und auch nicht nur in Deutschland; und ja: natürlich gibt auch andere Bezeichnungen für “männliches Lesen”, und in den letzten Jahren lesen Jungen zunehmend auch, um unterhalten zu werden, hier zeichnet sich ein Wandel ab. Man kann über alles mögliche an den empirischen Befunden streiten, aber der Befund, dass Mädchen “intimes”, “einfühlendes” Lesen in der Regel bevorzugen, ist meines Wissens geblieben, das ist nicht meine Pauschalisierung) Auch der sozialgeschichtliche Erklärungsansatz für diese Unterschiede zwischen weiblichem und männlichem Lesehabitus kommt aus der Forschung. Natürlich gibt es daneben biologistische und psychologische Ansätze, mir ist aber ein Ansatz, der das über Sozialisation zu erklären versucht, lieber, weil er gerade nicht behauptet: Frauen und Männer sind so, sondern: Frauen und Männer werden so. Man kann mir an einigen Stellen Vereinfachung vorwerfen, aber explizit an diesem Punkt kaum, dass nur ich pauschal denken würde. Die Unterschiede im Lesehabitus sind nicht meine Idee, schon gar nicht mein Wunschdenken. Aus Ahnungslosigkeit gefühlte Wahrheiten (“der Sohn meines Schwippschwagers fünften Grades liest aber nicht informationsorientiert”) als Gegenargument zu belastbaren empirischen Studien einbringen – das halte ich nicht für zielführend. Praktisch alles, was ich dazu geschrieben habe, findet ihr schon in ganz einfachen Einführungen zur Lesesozialisation für das Lehramtsstudium (wie in dem oben schon genannten Buch von W. Graf), inklusive des sozialgeschichtlichen Erklärungsansatzes. Benutzt halt wenigstens mal Google, bevor ihr mich zur Genderklischeeerfinderin macht. Ein Kurzüberblick, dessen andere Begriffswahl – ich gebe gerne zu, hier ungenau gewesen zu sein – nicht zu einem abweichenden Ergebnis kommt, findet sich auch hier.

 NACHTRAG Nr. II, 12.05.2017: Ich finde es ehrlich gesagt ein bisschen albern, dass ich das wirklich explizit dazuschreiben muss, aber nachdem mir jetzt schon mehrfach gesagt wurde, ich würde “schwarz-weiß-zeichnen” und “das Feuilleton/die Blogger” als geschlossene “Blocks/Kasten/Schichten” behandeln: Ich war davon ausgegangen, dass es sich von selbst versteht, dass die Welt komplexer ist, als man es in einem Blogbeitrag sagen kann. Anscheinend ist es aber eine Zumutung, wenn ich das einfach voraussetze, und anscheinend ist es eine recht beliebte Reaktion, dem anderen Dummheit zu unterstellen. Für alle die, die das explizit hier stehen haben müssen, um mir zu glauben, dass ich das weiß: Natürlich gibt es nicht “das Feuilleton” und “die Blogger”, natürlich war nicht Ziel meines Beitrags, zu behaupten “alle sind so, genau so und nicht anders”. Dass es aber ein paar Muster gibt, die sich halt öfter als “mal vereinzelt” finden lassen, tut mir leid, das müsst ihr euch gefallen lassen, und das bedeutet SELBSTVERSTÄNDLICH nicht, dass “alle” so denken/sind/schreiben/handeln. Ich war davon ausgegangen, das ist eine Erkenntnis, die man voraussetzen kann OHNE sie nochmal explizit zu formulieren, es lebt doch keiner hier abgeschottet von der Menschheit unter einem Stein.
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