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Das „Jahr der Autorinnen“, seine Deutung und eine Rückfrage

Bemerkenswert viele der großen Literaturpreise sind dieses Jahr an Autorinnen vergeben worden, stellte Dirk Knipphals am 8.12. in der TAZ fest. „Was ist da geschehen?“, fragte er sich, und leider versuchte er dann, diese Frage auch noch zu beantworten, was vielleicht besser unterblieben wäre.

Knipphals resümiert zutreffend, dass den Preis der Leipziger Buchmesse dieses Jahr Esther Kinsky für „Hain“, den Deutschen Buchpreis Inger-Maria Mahlke für „Archipel“, den Büchnerpreis Terézia Mora, den Wilhelm-Raabe-Preis Judith Schalansky für „Verzeichnis einiger Verluste“, den Bachmannpreis Tanja Maljartschuk erhalten habe. Das trifft zu, ja. Später wird noch erwähnt, dass Lucy Fricke den Bayerischen Buchpreis für „Töchter“ erhalten habe. Andere Preise könnte man ergänzen: Der aspekte-Preis beispielsweise ging an Bettina Wilperts Debüt „nichts, was uns passiert“.

Lediglich Arno Geiger habe auch einen wichtigen Preis, den Bremer Literaturpreis, erhalten. Gut, es gibt ein paar hundert Literaturpreise, man könnte jetzt anfangen, zu recherchieren, wie da die Geschlechterverhältnisse aussehen, aber Knipphals hat ja recht: Auffällig viele der bedeutenden Preise sind in diesem Jahr an Autorinnen bzw. ihre Werke vergeben worden. Das hält Knipphals sehr sachlich, bisweilen auch zufrieden fest, richtigerweise weist er auch eine Deutung zurück, die diese auffällige Verteilung der Preisvergaben auf metoo zurückführen wollte: Alle Entscheidungen für die ausgezeichneten Autorinnen bzw. Werke seien „interessante und nachvollziehbare Entscheidungen“ gewesen. Man möchte lesend hinzufügen: Manche sind vielleicht sogar schlicht richtig gewesen.

Sodann weist Knipphals überholte Begriffe von Weiblichkeit zurück, der ganze Artikel könnte ein sachlicher, differenzierter, erfreulicher Artikel sein, und dass er am Ende doch noch ein ärgerlicher geworden ist, ist bestimmt nicht auf Knipphals und fehlendes Problembewusstsein oder gar eine uneingestandene Herabwürdigung von Autorinnen zurückzuführen, wie geschrieben ist es ein sachlicher Artikel, der resümiert, feststellt und dann eben leider doch: Zu deuten versucht.

Hatte Knipphals nämlich eben noch festgestellt, dass die Werke der ausgezeichneten Autorinnen wenig gemeinsam haben, findet er dann doch noch eine (klar positiv konnotierte) Gemeinsamkeit: Sie alle haben Bücher  geschrieben, „die in ihren Schreibweisen ganz souverän künstlerischen Raum einnehmen“. Interessant und ärgerlich wird es aber danach, wenn Knipphals Folgendes befürchtet:

„Das kann nun aber – wofür die einzelnen Autorinnen gar nichts können – insgesamt auch den Effekt haben, dass durch die weiblichen Buchpreise eine strikte literarische Hochkultur wieder eingeführt wird, die zuletzt durch (männliche) Preisträger mit popkulturellen Schreibweisen produktiv durchgeschüttelt worden war.“

Und dann müssen also die Werke der Autorinnen doch noch gegen die von Autoren (wenn auch nur in Klammern) aufgerechnet werden, und es wäre ja lustig, wenn es nicht traurig wäre, wie sich hier unbemerkt ein altes Vorurteil eingeschlichen hat, denn nolens volens schwingt hier der seit dem Entstehen des Ideals vom Künstler als (exklusiv männliches) Genie um 1800 gängige Glaube mit, dass künstlerische Innovation eben Sphäre des Mannes ist. Dass dieses Jahr so viele Werke von Autorinnen ausgezeichnet worden sind, weil sie vielleicht einfach gut waren, dass es einfach Zufall war, bei diesen Deutungen kann man anscheinend einfach nicht stehen bleiben. Nein, man erfindet die – bei allem Respekt, denn ich lese Knipphals gerne – Mär von „(männliche[n]) Preisträger[n]“, die „zuletzt“ die „strikte literarische Hochkultur“ angeblich mit „popkulturellen Schreibweisen produktiv durchgeschüttelt“ hätten. Und wer waren denn diese Preisträger „zuletzt“?

Preis der Leipziger Buchmesse: Natascha Wodin, Guntram Vesper, Jan Wagner

Deutscher Buchpreis: Robert Menasse, Bodo Kirchhoff, Frank Witzel

Büchnerpreis: Jan Wagner, Marcel Beyer, Rainald Goetz

Wilhelm-Raabe Preis: Petra Morsbach, Heinz Strunk, Clemens Setz

Bachmannpreis: Ferdinand Schmalz, Sharon Dodua Otoo, Nora Gomringer

Wer von denen soll jetzt eigentlich nicht „Hochkultur“ sein? Dass Goetz die Hochkultur popkulturell durchgeschüttelt hat, ist meines Wissens ein paar Jahre her, nicht umsonst wurde er mit dem Büchnerpreis für sein bisheriges Werk ausgezeichnet; Witzel schreibt in demselben Maße hochkulturell wie Setz oder Mahlke, sollen mit den popkulturell produktiven (männlichen) Preisträgern jetzt also die BachmannpreisträgerInnen gemeint sein? Ist aber der Text von Maljartschuk, der diesjährigen Gewinnerin, wirklich „strikt literarische Hochkultur? So kam er mir gar nicht vor, ich erinnere auch, dass viele meinten: Hier habe ein sehr guter, aber eben auch sehr gut verkäuflicher Text mit, wie man so schön sagt, „feinem Humor“ gewonnen. “Strikt literarische Hochkultur”?  Aber Menasse, Wagner, Morsbach, Kirchhoff, Beyer sind das nicht?

Vielleicht kann mir die Knipphalsche These ja noch jemand erklären. Bis dahin gehe ich davon aus, dass es sich hier um eine These handelt, die bei näherem Betrachten vielleicht nicht sehr viel hergibt, ja, sogar ärgerlich ist, weil sie vielleicht nicht jede Implikation ihrer kritisch-zeitgenössischen Haltung mitbedacht hat. Dafür kann Knipphals nichts, wer denkt schon immer alles mit oder wäre dazu verpflichtet. Es ist halt erst mal eine These. Aber gebraucht hätte es eine These, die auf so tönernen empirischen Füßen steht und die jetzt schlimmstenfalls halt von anderen aufgegriffen und festgetreten wird, zum Schaden der ausgezeichneten Autorinnen, die damit auf eine (in der Gegenüberstellung) bereits überholte Hochkultur-Ästhetik festgelegt werden, eigentlich vielleicht nicht.

Ja, mei, haben dieses Jahr halt viele Autorinnen gewonnen. Vielleicht hätte es gereicht, das einfach festzuhalten.

[Anmerkung, kurz nach der Veröffentlichung: Zu Knipphals‘ Absichten und Position sei auch auf diesen Tweet verwiesen, um Missverständnisse zu vermeiden.]

(Beitragsbild von Emily Morter auf unsplash.com)

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Nazi-Kitsch, Internetkritik und sexuelle Gewalt oder warum dieser Roman einen Skandal auslösen müsste

[CN: In dieser Rezension wird die Darstellung einer Vergewaltigung aus dem Roman zitiert]

Fangen wir mit einem Staatsoberhaupt an, das einem im Zusammenhang mit diesem Roman vielleicht eher nicht in den Sinn kommt. Fangen wir mit Barack Obama an. Im Mai 2018 wurde bekannt, dass Barack und Michelle Obama einen umfassenden Vertrag mit Netflix abgeschlossen haben, in dem es um die Produktion verschiedener Serienformate in den kommenden Jahren geht. In diesem Zusammenhang stolperte man auf Twitter über einen Witz:

Warum beginnt diese Rezension damit? Weil dieser Witz das Verhältnis, das ein nicht unbeträchtlicher Teil der deutschen Bevölkerung zu Adolf Hitler und der Nazi-Diktatur hat, sehr gut beschreibt: das Thema birgt eine seltsame Faszination. Auch für die Unterhaltungsbranche gilt: Nazis gehen immer und wenn es dann noch um die Wunderwaffen, die Flugscheiben, die Nurflügler, die angeblich gebaut werden sollten geht, kurz um die mysteriösen Bereiche, dann sind die Einschaltquoten und die Aufmerksamkeit der Leser*innen gesichert.

Und was geht auch immer? Kritik am Internet!

NSA - Nationales Sicherheits-Amt - Andreas Eschbach - Hardcover

Das dachte sich wohl auch Andreas Eschbach als er auf die Idee kam, aus seinem neuen Roman NSA – Nationales Sicherheits-Amt (Bastei Lübbe 2018) ein Internetbashing-Nazikitsch-Mashup zu machen. Die Prämisse wird nun grob umrissen, damit ich mich im Weiteren damit nicht mehr aufhalten muss.

Die Grundannahme, dieses Romans ist, dass sich im 19. Jahrhundert in Großbritannien eine mechanische Computertechnik entwickelt hat, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts elektrisch wurde. (Das beruht auf der Annahme, dass Charles Babbage seine analytische Maschine tatsächlich gebaut hätte.) So entstand in den darauffolgenden Jahren ein dem Internet vergleichbares Netzwerk, das in groben Zügen nach dem gleichen Prinzip funktioniert wie das uns bekannte Internet und das die gleichen Konsequenzen nach sich zog, unter anderem totale Überwachung. Die Entwicklung von Smartphones, social media, bargeldlosem Zahlen per Handy, Handyortung etc. ist ebenso vorhanden wie die meisten anderen uns bekannten Online-Phänomene: Shitstorms, Chats, und vieles mehr (seltsamerweise aber kein Onlinedating), wodurch eine beinahe lückenlose Überwachung durchgeführt werden kann. Diese Aufgabe übernimmt das NSA, das Nationale Sicherheits-Amt in Weimar. Und hier fangen die Probleme dieses Romans auch direkt an. Das Internet ist das Weltnetz, Computer heißen Komputer, social media sind Gemeinschaftsmedien, E-Mails sind Elektrobriefe, ein Passwort ist eine Parole. Jedes uns bekannte Wort im Zusammenhang mit digitaler Technik hat eine deutsche Entsprechung, das mag Sinn ergeben, ist aber nach kürzester Zeit sehr anstrengend, weil es letztlich nur ein Ratespiel ist, was gemeint ist. Dass die Behörde, die all die Daten sammelt und überwacht, auch noch die Abkürzung hat, die inzwischen zum drohenden Menetekel aller Kritik an Datensammlung geworden ist, ist ein Flachwitz, der aber immer noch über dem Niveau des Gesamtromans daherkommt. Denn die Tatsache, dass die Übertragung des digitalen Zeitalters in die Zeit des Zweiten Weltkrieges im Kontext dieses Romans nur dürftig funktioniert, ist vielleicht das geringste Problem:

Eine Rezension in Fünf Akten

1. Die Computertechnik

Die Computer in NSA sind im Grunde, folgt man der Beschreibung, bessere Dampfmaschinen, die aber in der Lage sind weltumspannende Netzwerke aufzubauen. Damit begeht Andreas Eschbach den Fehler in umgekehrter Reihenfolge, den viele Zukunftspropheten im 19./20. Jahrhundert gemacht haben: er denkt vom Technikstand der Zeit in die Zukunft. In einer Dokumentation aus den siebziger Jahren über die Welt der Zukunft, werden Zeitungen direkt in der Wohnung gedruckt – die Idee, dass man sie als PDF Dateien auf dem Tablet lesen kann, war noch nicht denkbar. Die Raumschiffe, die Jules Verne entworfen hat, konnten natürlich nicht funktionieren, weil sie vom Stand seiner Zeit ausgingen. Die technische Entwicklung, die durchlaufen werden musste, um zu dem nötigen Stand der Technik zu kommen, führte dazu, dass die Raumfahrzeuge, die dann wirklich in die Luft gingen, ganz anders aussahen und funktionierten. Eschbach denkt jetzt die Computertechnik der heutigen Zeit, deren Komplexität gerade wenn die gesamte Welt des Internets dazukommt, extrem hoch ist, mit dem Technikverständnis der 1920er-1940er Jahre – kurz es ergibt keinen Sinn, dass die Server (hier Datensilos) des besten Überwachungsapparates des mächtigsten Staates der Zeit in einem feuchten, schummrigen Keller stehen, nur weil Keller in Nazi-Filmen nun einmal meistens feucht und schummrig sind!

Per se ist gegen die Grundidee dieses Romans kaum etwas einzuwenden. Er ist kontrafaktische Literatur, also Literatur deren Prinzip es ist, einen Punkt der Geschichte zu nehmen und ein oder mehrere Ereignisse entgegen der historischen Realität zu verändern und so die Möglichkeit zu haben, anhand dieser Koordinaten zu spekulieren, was sich im Verlauf verändert hätte. Eines der beliebtesten Szenarien ist – oh Wunder – die Frage, was passiert wäre, wenn Nazi-Deutschland den Krieg gewonnen hätte, damit setzen sich zum Beispiel Robert Harris in Fatherland und Philip K. Dick in The Man in the High Castle auseinander. Die Frage also, wie hätte das alles ausgesehen, was wäre passiert, wenn die Welt ebenso vernetzt gewesen wäre, wie sie es heute ist, mit all den Konsequenzen für Kommunikation, Überwachung, Konsum, Politik und Diskurs ist durchaus spannend. Sie ist aber auch unheimlich komplex und Andreas Eschbachs Versuch zeigt, dass das simple Zusammenschieben von heute und damals nicht funktioniert.

Anzumerken ist, dass Softwareentwicklung im Roman, wie es bis in die 1960er auch der Fall war, Frauensache ist, weswegen man auch vom Programmstricken spricht – soweit, so platt. Das führt zu einer klaren Aufteilung des Umgangs mit Computertechnik. Die Frauen können lediglich Software programmieren, also Programme stricken, während die Männer lediglich damit umgehen können, aber nicht verstehen, wie ein Programm funktioniert. Das Grundlehrbuch zum Stricken von Programmen ist ein blumenverziertes Buch, in dem das Programmstricken mit Küchenarbeit verglichen wird: das Stricken folgt einem Rezept, man braucht Zutaten und alles ist so gemacht, dass frau es auch versteht.

2. Handlung und Erzählweise

Die ersten über 200 Seiten wird die historische Entwicklung bis etwa 1938 dargestellt. Das könnte in Kombination mit der Prämisse interessant sein, letztlich verändert sich aber erschreckend wenig und wir lesen einen weitgehend historisch korrekten Bericht aus der Sicht zweier unterschiedlicher Figuren. Die Handlung folgt den beiden Hauptfiguren Helene Bodenkamp und Eugen Lettke, wobei Helene die positive Figur und Eugen die negative ist. Schwarz-weiß ist in diesem Fall gar kein Ausdruck. Helene ist so naiv, lieb und herzensgut, dass es einem die Schuhe auszieht und Eugen ist so durchtrieben, menschenverachtend und brutal, dass es einem ebenfalls die Schuhe ausziehen würde, hätte man noch welche an. Helene, die Tochter eines Arztes, ist ausgebildete Programmstrickerin, weil sie alles andere nicht konnte, das Stricken von Programmen aber wie keine zweite. Außerdem lässt der Erzähler immer wieder durchblicken, dass sie sich selbst als nicht so schön wie andere Frauen wahrnimmt, sie ist gezeichnet als das klassische Klischee der grauen Maus.
Sie bekommt eine Stelle beim NSA und entwirft Programme, die Daten aufeinander beziehen, sodass die Überwachung perfektioniert werden kann. Sie ist so talentiert, dass sie die Beste ihres Fachs ist und so bescheiden, dass sie das nie zugeben würde, aber in Wahrheit ist sie natürlich ein Genie. Ein Genie aber auch, das kreuznaiv ist. Eines Tages steht ein junger Mann, ein Soldat, vor der Tür ihrer Eltern, die gerade weg sind. Es stellt sich heraus, dass es sich um Arthur handelt, den einzigen jungen Mann, an dem Helene je Interesse hatte und der dann in den Krieg musste, jetzt desertiert ist und sie aufsucht. Dass ein desertierter Soldat Anfang der 1940er das Risiko eingeht durch Weimar zu laufen und an der Tür eines Hauses zu stehen, dessen Bewohner*innen er quasi nicht kennt, scheint keine zwei Sätze mehr wert zu sein. Jedenfalls hat er Glück und Helene ist alleine, sie bringt ihn bei ihrer besten Freundin und deren Mann unter, die rein zufällig ein perfekt ausgebautes und ausgestattetes Versteck haben, weil sie eigentlich einen Juden verstecken wollten, der aber dann noch fliehen konnte – was für ein glücklicher Umstand. Helene ist dann in den folgenden Jahren vorrangig damit beschäftigt, Arthur zu besuchen, Sex zu haben (dazu später mehr) und ihren Job beim NSA so zu erledigen, dass Arthur trotz Totalüberwachung nicht gefunden wird.

Eugen Lettke wiederum ist ein brutaler Sadist, aber kein ideologisch überzeugter Nazi, das wird erschreckend oft betont. Er wurde in seiner Jugend von einer Gruppe Frauen gedemütigt und ist seitdem auf Rache aus. Sein Job beim NSA ermöglicht es ihm, die Frauen aufzuspüren, ihre Geheimnisse zu finden, sie damit zu erpressen und sie zum Sex zu zwingen – das heißt, er vergewaltigt sie auf die demütigendste Art und Weise. Dabei wird immer wiederholt, dass ihm die ganze nationalsozialistische Ideologie egal ist, sein Antrieb ist seine zutiefst misogyne Rache an den Frauen. Bald ist die Verbindung von Gewalt, Sex und Unterwerfung für ihn so selbstverständlich, dass er anders keine Erregung mehr empfindet. Durch Zufall müssen Eugen und Helen zusammenarbeiten, sodass sich ihre Wege kreuzen.
Wie das alles im Einzelnen von statten geht, ist mehr oder weniger irrelevant. Der Plot ist ein typischer Pageturner-Plot mit Cliffhangern am Ende von Kapiteln und düsteren Vorausdeutungen. Wie simpel das gestrickt ist, fällt nicht zuletzt daran auf, wie oft Sätze fallen wie „Sie musste ihn retten und wusste auch schon wie sie es anstellen würde“, woraufhin wieder in die Perspektive der anderen Fokusfigur gewechselt wird. Ebenso auffällig ist die Erzählweise in Bezug auf die Konstruktion der Handlung, alles fügt sich wie durch ein Wunder ineinander: Arthur findet Helenes Elternhaus, diese sind gerade nicht da, Helenes Freundin Marie hat mit ihrem Mann ein perfektes Versteck, Helene arbeitet beim NSA und kann auf die Überwachung Einfluss nehmen und so weiter. Die Handlung wird abwechselnd als personales Erzählen aus der dritten Person von Helene Bodenkamp und Eugen Lettke berichtet, wobei das Vokabular und die Perspektiven an die der Figuren angepasst sind.

3. Figurendarstellung / Sexualität / Männlichkeit & Weiblichkeit

Was uns zum nächsten Punkt bringt und hier wird so langsam deutlich, warum Eschbachs Roman nicht nur simpel gebaut und schlecht erzählt ist, sondern warum er ein echtes Problem darstellt.

Für einen Roman mit der oben beschriebenen Prämisse enthält NSA auffällig viel Sex und sexuelle Gewalt. Da ist einerseits die Rache in Form von sexueller Nötigung und Vergewaltigung, auf die Eugen Lettke wie besessen aus ist. Hier wäre eine fundierte und detaillierte Zeichnung seiner Psyche notwendig gewesen, aber leider dient seine psychische Verrohung lediglich zum Schockeffekt. Selbstverständlich soll anhand seines Vorgehens dargestellt werden, wie gefährlich die Totalüberwachung sein kann, weil Lettke die Frauen durch das Aufdecken von Vergehen erpressen kann, was in einem Staat, in dem das kleinste Vergehen zum Tode führen kann, eine machtvolle Waffe ist. Das Schlimme daran ist, dass aus dieser Konstellation ein sich immer wiederholender Schockeffekt gezogen wird. Die Häufigkeit mit der in diesem Roman sexuelle Gewalt bis hin zur Vergewaltigung dargestellt wird und die Art und Weise der Darstellung sind erschreckend. Die literarische Beschreibung einer Vergewaltigung oder sexuellen Nötigung aus der Perspektive des Täters ist ein literarischer Drahtseilakt, bei dem es nicht nur Fingerspitzengefühls bedarf, sondern auch eines profunden Hintergrundwissens, was die Auswirkungen einer solchen Schilderung angeht, und vor allem der Fähigkeit das alles entsprechend darzustellen und selbst dann ist diese Form der Rollenprosa noch diskutabel – im vorliegenden Fall ist nichts dergleichen vorhanden:

„Justus schrie auf wie ein angestochener Stier, brüllte, wand sich, dass die vier Kameraden sich anstrengen mussten, ihn zu halten. Sie stopften ihm ein Geschirrtuch in den Mund, so fest, dass ihm die Augen aus dem Kopf quollen, während Lettke es seiner Freundin besorgte. Er nahm sie hart, brachte sie zum Schreien, und es war ihm egal, ob sie vor Schmerz schrie oder vor Lust. Das hörte sich ohnehin beides gleich an.“ (111)

Die Drastik dieser Darstellung ist darauf ausgelegt, Eugen Lettke als eine zutiefst menschenverachtende und brutale Person darzustellen. Offenbar meint Eschbach, dass es dazu dieser Beschreibung einer Vergewaltigung – und nichts anderes ist hier beschrieben – in dieser Form bedarf. Das Problem ist u.a. die Perspektive. Formulierungen wie es jemandem besorgen oder jemanden hart nehmen sind der Sprachgebrauch des Täters, der die Vergewaltigung als Lustgewinn empfindet. Eschbach wählt in diesen Fällen grundsätzlich die Täterperspektive, schreibt aber in der dritten Person, was wir lesen sind demnach die Worte des Erzählers gefiltert durch die Wahrnehmung von Eugen Lettke. Es handelt sich also nicht um Rollenprosa in der Ich-Perspektive, was psychologisch glaubhaft sehr komplex zu erzählen wäre, aber immerhin eine bessere Ausrede für die Beschreibung wäre. Die Perspektive des Opfers kommt in diesem Zusammenhang nicht vor. Dadurch bekommen diese Darstellungen eine höchst problematische Note, weil eine Gegenposition fehlt und beispielsweise das, was beschrieben wird, nie als das benannt wird, was es ist: sexuelle Nötigung, Vergewaltigung. Lettke ist zwar eindeutig der negative Gegenpart zu Helene, aber es gibt kein Korrektiv in Form einer übergeordneten Erzählinstanz.

Neben Vergewaltigung wird auch häufig Sex dargestellt. Helene, die mit Arthur, während er im Versteck sitzt, eine Beziehung beginnt und nach dem quälend langen Umschiffen der unterschiedlichsten Probleme, dann schließlich Sex hat, wird als das Stereotyp der Grauen Maus gezeichnet: sie ist naiv, sie ist ein bisschen schwer von Begriff, sie ist schüchtern und natürlich im Sinne des gesellschaftlichen Ideals keine Schönheit. Aus diesem Grund wollen ihre Eltern sie verkuppeln, aber natürlich sind unter den stattlichen jungen Männern nur eklige SS-Offiziere und stramme Nazis, die Helene alle abstoßend findet. Dabei kommen dann solche Szenen zustande:

„“Marie – es ist Krieg!“, schluchzte Helene. „Die Männer sterben weg. Bald wird es nicht mehr für jede Frau einen geben!“ Darauf wusste Marie nichts mehr zu sagen. Sie hielt sie nur fest, und so blieben sie sitzen, bis der Schmerz abgeklungen war.“ (224)

Die Naivität, mit der sich Helene in das vorgeschriebene Rollenmuster einfügt, ist bestechend. Man kann einwerfen, dass sie ja die treibende Kraft dieses Romans ist, dass sie mutig ist, dass sie intelligent ist, dass sie – und das ist vielleicht das Problem – eine starke Frau ist, aber umso seltsamer ist dementsprechend ihr Verhalten.

Man fragt sich ab einem gewissen Punkt der achthundert Seiten auch, warum hier die Geschichte des sexuellen Erwachens einer jungen Frau in der Zeit der Nazi-Diktatur mit einem kontrafaktischen Roman zusammengebracht wird, aber letztlich wird es derselbe Grund sein, der auch für die Vergewaltigungsszenen gilt: Während die Vergewaltigungen als Schockelemente verwendet werden, die Abscheu aber auch Schauer erzeugen sollen, ist die Darstellung von Sex die Garnitur auf dem klassischen Thriller-Plot durch einige pseudo-erotische Stellen: Sex sells. Um zu illustrieren, wie in diesem Roman über Sex geschrieben wird, hier ein Beispiel. Der Kontext dieser Szene ist, dass Arthur und Helene die Kondome (hier: Frommser) ausgegangen sind:

„“Das ist nicht so schlimm“, meinte Arthur. „Hauptsache du bist bei mir.“ Aber Helene schüttelte den Kopf. „Aber du willst es tun. Und ich will es auch tun. Ich weiß nicht, ob wir der Versuchung wirklich standhalten werden.“
„Es gibt andere Dinge, die man machen kann.“
„Was für Dinge?“, fragte Helene verwundert. Er zeigte sie ihr. Er macht irgendetwas absolut Großartiges mit dem Mund zwischen ihren Schenkeln, und er brachte ihr bei, das Vergnügen sinngemäß bei ihm zu erwidern. „Wo hast du das gelernt?“, wollte Helene hinterher wissen, noch schwer atmend und außerdem schwer eifersüchtig.“

Die Dialoge, die teilweise klingen wie aus Pornofilmen entnommen, gepaart mit der Darstellung von Sex, die jede Erotik vermeidet, und vollendet mit der sehr klaren Konstellation der sexuell-naiven und verwirrten jungen Frau und dem erfahrenen jungen Mann, bringen Sexszenen hervor, die nicht nur jeder Erotik entbehren, sondern an Fremdscham und klischiertem Geschlechterbild kaum zu überbieten sind.

4. Umgang mit dem Nationalsozialismus

Es ist eine breit diskutierte Frage, wie man in Literatur, in Filmen und anderen Medien mit der Darstellung des Nationalsozialismus umgehen sollte. Wie man es im Zweifel nicht tun sollte, zeigt der vorliegende Roman gleich zu Beginn.

Der Roman setzt chronologisch nicht am Anfang ein, sondern beginnt mit einem Besuch von Heinrich Himmler im NSA, um dort festzustellen, ob das Amt noch gebraucht wird. Durch das geschickte Aufeinanderbeziehen verschiedener Daten, zeigen ihm die Mitarbeiter*innen des NSA, wie sie herausfinden können, in welchen Häusern Leute versteckt werden. Als Stadt, um das zu demonstrieren, wählen sie Amsterdam und entdecken schließlich in der Prinsengracht 236 einen ungewöhnlich hohen Kalorienverbrauch. Manche werden an dieser Stelle schon erkennen, was hier geschieht, denn es ist die Adresse des Verstecks von Anne Frank. Ein kurzer Befehl mit dem Smartphone von Himmler und Anne Frank und ihre Familie werden deportiert.

Letztlich ist die Sache einfach. Die Geschichte von Anne Frank, die wir durch ihr Tagebuch kennen (oder zu kennen meinen), ist vielleicht die Geschichte aus der entsprechenden Zeit, die am meisten Scham, Rührung und Abscheu in der deutschen Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit ausgelöst hat. Sie konfrontiert uns in der perfekten Mischung aus Naivität, Kindheit, Grausamkeit und Hilflosigkeit mit den Taten unserer Großeltern und Urgroßeltern. Diese Geschichte als schockierendes Opening in den Kontext des Romans zu bauen ist ein weiteres perfides Ausschlachten eines grausamen Verbrechens. Leider ist das nur der Anfang.

Was des Weiteren auffällt ist, dass die einzigen überzeugten Nationalsozialisten in diesem Roman eklige SS-Schergen sind, die Helene heiraten soll. Der schlimmste von ihnen ist Ludolf von Argensleben, er ist überzeugter Nationalsozialist und Antisemit, zudem ist er ölig, ekelerregend, körperlich hässlich und deformiert (an jeder Stelle seines Körpers, wie wir erfahren müssen). Die normalen Deutschen sind entweder naiv, das heißt sie verstehen eigentlich nicht, was um sie herum passiert, widerständig, das heißt sie verstecken Juden, Widerstandskämpfer*innen oder Deserteure, oder sie sind Mitläufer*innen. Alle überzeugten Nazis sind als ausgesprochen widerwärtig beschrieben. Kurz gesagt, es wird vermittelt, die meisten seien eigentlich keine Nazis gewesen.

Das größte Problem ist aber, – wie bereits an dem Umgang mit der Geschichte von Anne Frank gezeigt – dass die Grausamkeiten des Nationalsozialismus nur eine schockierende Folie darstellen, die der Spannungserzeugung nutzt. Die Krönung dieses Umgangs ist erreicht, als Helene, die den ekligen Ludolf von Argensleben schließlich heiraten muss, so verzweifelt von ihrem Leben ist, dass sie ein Verbrechen begeht und es so arrangiert, dass sie verhaftet und ins KZ gebracht wird, weil alles besser ist als das Leben mit Ludolf, natürlich handelt es sich um Auschwitz – genau das hat Helene geplant. Sie geht lieber ins KZ Auschwitz als mit Ludolf zu leben – mehr muss man zum Umgang mit diesem Thema in diesem Roman nicht sagen.

5. Ein Fazit

Es wurde nun deutlich, warum dieser Roman nicht nur schlecht, sondern auch in seiner Darstellung von sexueller Gewalt, Männlichkeit und Weiblichkeit und nicht zuletzt der Zeit des Nationalsozialismus höchst problematisch ist. Er zeigt zudem, dass der Themenkomplex Zweiter Weltkrieg, Shoa, Nationalsozialismus, Adolf Hitler immer noch als Schockeffekt in Unterhaltungsmedien zieht. Letztlich ist Andreas Eschbachs NSA ein Roman, der all das miteinander vermischt, was die deutsche Seele offenbar zur Unterhaltung braucht ( 81% der Bewertungen auf Amazon mit 4 oder 5 Sternen): Nationalsozialismus, Sex, ein bisschen Grusel und das große Grauen des Internets. Das Schlimme daran ist, dass die Frage, wie diktatorische Regime die Totalüberwachung für sich nutzen können, wirklich relevant ist und in einem guten Roman ausgearbeitet hätte werden können. Hier dient sie leider nur dem Thrill.

Man kann nun die Frage stellen, warum man einem solchen Buch eine so ausführliche Rezension widmen soll, sollte man es nicht einfach ignorieren und ihm auf diese Weise so wenig Aufmerksamkeit wie möglich verschaffen? Ich denke, nein, denn der Roman zeigt, dass in der Unterhaltungsbranche der Holocaust immer noch als plumper Gruseleffekt genutzt wird und funktioniert, ebenso dass literarischer Sexismus einfach so hingenommen wird und dass sexuelle Gewalt als schockierendes Element unhinterfragt dargestellt wird. Die Frage muss gestellt werden, warum ein solcher Roman in einem Land, das sich die Aufarbeitung seiner jüngeren Vergangenheit mit Recht derart auf die Fahnen geschrieben hat, keinen Aufschrei auslöst und nicht einmal einen nennenswerten Widerhall in den Medien findet. Darin zeigt sich der zweigleisige Umgang mit dem Thema Nationalsozialismus – einerseits sind die Aufarbeitung und die Auseinandersetzung damit vordergründig nicht nur Staats- sondern auch Gesellschaftsräson, andererseits ist die geschichtsblinde und teilweise -revisionistische Verarbeitung des Themas in Unterhaltungsmedien anscheinend akzeptierter Konsens. Eine Grundaussage dieses Romans ist, dass die meisten Deutschen naive und eigentlich liebenswerte Mitläufer*innen waren oder gar im Widerstand. Das sagt auch Eschbach selbst in einem Interview mit dem DLF Kultur:

Meyer: Ihre Hauptfigur, die ganz maßgeblich auch an solchen Programmen mitwirkt, das ist eine begeisterte Programmiererin, Helene Bodenkamp heißt sie. Eine „Programmstrickerin“ in der Sprache Ihres Buches. Das ist aber keine hundertprozentige Anhängerin der Nazis, oder?

Eschbach: Nein, die ist ganz normale Bürgerin, die halt einen Job macht und in diesem Amt angefangen hat und sich da nicht weiter drüber Gedanken macht. Ein Mensch wie du und ich praktisch.

Diese Darstellung der meisten Deutschen als ganz normale Bürger*innen, die ihren Job machen, relativiert die Tatsache, dass genau auf diese Weise das System und letztlich das organisierte Töten funktioniert hat. Helene ist ein wichtiges Rädchen in der großen Maschinerie des Völkermords und der Unterdrückung. In Eschbachs Roman erscheint sie als eine Frau, die ab und zu mal Zweifel hat, aber letztlich einfach nur ihren Job macht und wenn man Eschbach glaubt, dann soll das auch genauso sein. Die echten Nazis sind allesamt abstoßende Schergen der SS und des Regimes. Dass eine solche Darstellung in einem großen Feuilleton wie dem DLF Kultur nicht nur unwidersprochen bleibt, sondern im Gegenteil auch noch affirmiert wird, ist nicht zu rechtfertigen.
Das betrifft nicht einmal nur den Umgang mit der deutschen Vergangenheit, sondern auch den Umgang mit Sexismus und sexueller Gewalt. Dass sich die Kulturressorts deutscher Großmedien nicht darum scheren, dass in einem Roman, der von einem großen Verlag publiziert wird, Themen wie Sexualität und Geschlechterverhältnisse auf dem Niveau von Mario Barth Witzen verhandelt werden und sexuelle Gewalt in der hier beschriebenen Form dargestellt wird, zeigt, dass #metoo und vergleichbare Debatten noch nicht bis in alle Bereiche der Unterhaltungsbranche vorgedrungen sind und dass das still akzeptiert wird. Die großen Print-Feuilletons haben diesen Roman weitgehend ignoriert und wenn er doch besprochen wurde, wie in dem Interview des DLF Kultur mit Andreas Eschbach, dann ohne jede Kritik oder lobend wie in der ARD-Sendung druckfrisch. Denis Scheck, der in seinem Leben so viel gelesen haben dürfte, dass er weiß, was er tut, nennt ihn einen „fulminant spannenden Roman mit intellektuellem Mehrwert“. Diesem Urteil würde man gerne vertrauen und man hätte diesen Roman, von dem Scheck da spricht, gerne gelesen, allein, es ist nicht NSA – Nationales Sicherheits-Amt von Andreas Eschbach.

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Gastbeitrag von Asal Dardan

Der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gründete 1919 den Berliner Philo-Verlag mit dem Ziel, dem immer bedrohlicher werdenden Antisemitismus in Deutschland mit, wie es hieß, Aufklärungs- und Abwehrliteratur entgegenzutreten. Die zum größten Teil liberal-bürgerlichen Mitglieder des Central-Vereins glaubten an eine deutsch-jüdische Symbiose und das „Heimatrecht“ der deutschen Juden, das sie noch 1934 mit dem Philo-Lexikon – Handbuch des jüdischen Wissens zu verteidigen suchten. Dieses tausend Seiten umfassende Handbuch mit jüdischen Persönlichkeiten und Errungenschaften aus 2.000 Jahren ist im Rückblick bedrückendes Zeugnis einer Selbst- und Weltvergewisserung, wie auch des gescheiterten Versuchs, mit Kultur- und Vernunftargumenten gegen Hasspropaganda anzukämpfen. Nur vier Jahre später, wenige Wochen nach den Novemberpogromen veröffentlichte der Philo-Verlag das letzte in Nazideutschland von einem jüdischen Verlag herausgegebene Buch, den Philo-Atlas – Handbuch für die jüdische Auswanderung. Man hatte einsehen müssen, dass der Nationalsozialismus keine vorübergehende Erscheinung sein würde. Nun ging es vor allem darum, Leben zu retten und Jüdinnen und Juden die Möglichkeiten einer Zukunft außerhalb Deutschlands und Osteuropas aufzuzeigen. Die Verlagsleiterin Lucia Jacoby schaffte es selbst nicht mehr ins Exil, sie wurde 1942 nach Auschwitz verschleppt und ermordet.

Die Letzten Tage des PatriarchatsVor diesem Hintergrund wirkt nicht nur der gegenwärtig unter Konservativen beliebte Begriff der „jüdisch-christlichen Leitkultur“ zynisch, sondern auch die Annahme, man müsste sich 2018 noch intensiv mit rechtem Gedankengut auseinandersetzen, um diesem angemessen zu begegnen. So fragte etwa die Autorin Svenja Flaßpöhler letzte Woche in einem Interview, das sie dem Standard gab: „Und wie kann man eigentlich ‚gegen rechts‘ sein, wenn man das rechte Denken überhaupt nicht kennt?” Anlass dieser überraschenden Frage, die suggeriert, es handelte sich bei rechtem Denken um ein in unserer Zeit noch nicht ausreichend erforschtes Mysterium, war Margarete Stokowskis Absage einer Lesung in der Münchner Buchhandlung Lehmkuhl. Publik wurden die Gründe der Absage nicht durch Stokowski, sondern durch eine Presseerklärung des Geschäftsführers der Buchhandlung. Michael Lemling konnte Stokowskis Unbehagen an dem in seiner Buchhandlung ausgestellten Regal Neue Rechte, Altes Denken schlicht nicht nachvollziehen und kommentierte: “Was wir mehr denn je brauchen, sind offene und streitbare Debatten über die kontroversen politischen Themen unserer Gegenwart. Schade, dass Margarete Stokowski es vorzieht, lieber in ihrer eigenen Echokammer zu verbleiben.” Zumindest scheint man im Gegensatz zu Frau Flaßpöhler bei Lehmkuhl zu wissen, dass im Neuen bloß das Alte steckt, das ist immerhin etwas. Aber auch hier wird Stokowski eine mangelnde Debattenfähigkeit unterstellt, obwohl es ihr vor allem darum ging, nicht aus ihrem deutlich eine politische Haltung vertretendem Buch Die Letzten Tage des Patriarchats lesen zu wollen, während im Hintergrund reaktionäre Bücher stehen. Da ist es auch völlig egal, ob Lehmkuhl eine linksliberale Buchhandlung ist oder angibt, diese Bücher aus einem Interesse an der Debatte zu verkaufen. Dem Betreiber einer Buchhandlung steht es frei, das Sortiment auszuwählen, ebenso wie es einer Autorin freisteht, die Veranstaltungsorte für ihre Lesungen zu wählen.

Die Tugendhaftigkeit der Primärlektüre

charim ich und die anderenAllerdings hat die überraschend hitzige Debatte um Stokowskis Entscheidung die Unverwüstlichkeit der irrigen Annahme, es entspräche demokratischen Werten, auch demokratie- und menschenfeindlichen Inhalten gegenüber offen zu sein, erneut sehr deutlich zutage gefördert. Es ist erstaunlich, wie tugendhaft sich etwa Fréderic Schwilden und Per Leo in der WELT oder Iljoma Mangold in der ZEIT bei ihrer Kritik an Stokowski gebärden. Es wird behauptet, dass die Gegenüberstellung von rechter Lektüre mit kritischen Texten wie in dem erwähnten Regal ausreiche, um eine aufgeklärte und ausgewogene Debatte zu ermöglichen. Doch seit wann werden Veröffentlichungen wie Finis Germania allein weil sie nicht verfassungswidrig sind als demokratisch relevante Debattenbeiträge angesehen? Und wie kann es sein, dass in einem Land mit der Geschichte Deutschlands die logischen Konsequenzen solcher Schriften nicht mitbedacht werden?

Das Problem an dieser Idee einer durch simple Gegenüberstellung ermöglichten Debatte, erkennt man, wenn man das Argument auf Medizinratgeber und impfkritische Pamphlete oder christliche und satanistische Texte ausweitet. Nicht jede These und Antithese führt zwingend zu einer Synthese, insbesondere, wenn es um gefährliche, irrational suggestive Inhalte geht. Man kann diese Bücher lesen oder verkaufen, aber das als besonders demokratischen oder aufgeklärten Akt hinzustellen, ist schon reichlich frech, insbesondere wenn man bedenkt, dass es Menschen gibt, die sich nicht aussuchen können, ob sie sich von derlei Gedankengut angegriffen fühlen oder nicht. Ihre Existenz wird relativiert, da gibt es nichts zu debattieren. Für sie ist die Exegese rechter Schriften also nicht ergebnisoffen und ein respektvoller Dialog mit Rechten entsprechend, ganz gleich wie adrett und heimelig jene auftreten, nicht möglich. Die “überraschenden Gemeinsamkeiten”, die Per Leo laut eigener Aussage im Gespräch mit Rechten entdeckt, sind ein Indiz dafür, dass er in diesen Gesprächen nicht persönlich in seiner Menschenwürde angegriffen wird. Margarete Stokowskis Absage ist in diesem Sinne auch ein solidarischer Akt, sie hat sich in der Gruppe jener verortet, die sich nicht nur angegriffen fühlen, sondern konkret angegriffen werden. Die Philosophin Isolde Charim erfasst den Kern dieses Konflikts in ihrer wichtigen Analyse Ich und die Anderen, wenn sie schreibt, dass “[d]ie wahre Demarkationslinie […] zwischen Pluralismus und Anti-Pluralismus” verläuft. Menschen, die sich also gegen rechts positionieren, sind nicht, wie es Mangold behauptet, Gleichgesinnte, sondern denken und handeln im Sinne dieses pluralistischen Verständnisses von Gesellschaft. Dabei ist Pluralismus kein Synonym für Multikulti oder Vielfalt, sondern beschreibt, dass es kein vorherrschendes Narrativ mehr gibt, das Gesellschaften zusammenhält. Pluralismus ist laut Charim keine Addition unterschiedlicher Elemente, sondern eine Beschränkung aller. Marginalisierten wurde ohnehin schon immer zugemutet, in einer Gesellschaft zu leben, in der sie sich nicht oder zumindest nicht komplett wiederfinden. Nun muss die früher als Mehrheitsgesellschaft den Ton angebende Gruppe sich ebenso einfügen und dieser Zumutung aussetzen.

Nicht jede Differenz ist pluralistisch

ich will zeugnis ablegen bis zum letzten klempererDifferenz gehört also tatsächlich zum Pluralismus dazu, aber es ist kein Verbleiben in der Echokammer, wenn man daran erinnert, dass selbst in einer pluralistischen Demokratie Meinungen und Aussagen nicht tolerierbar sind, die die tatsächliche Differenz einer Gesellschaft zum Feind erklärt haben. Man kann niemandem seinen Dünkel und seine Vorurteile verbieten, aber man muss sie auch nicht zur validen Diskussionsgrundlage erklären. Es gibt einen Unterschied, ob man “Deutschland wird von einer Umvolkung bedroht” oder “Wie können wir mit dem Zuwachs migrantischer Mitbürger*innen angemessen umgehen” sagt und diskutiert. Das wissen wir, es ist bloß die Länge eines ungemordeten Menschenlebens her, dass dieses Land die Missachtung dieses Unterschieds in all seiner mörderischen Brutalität zu verantworten hatte.

Gerade erst haben wir den 9. November begangen; ein AfD-Politiker hat sich erlaubt, mit dem rechtsextremen Symbol der blauen Kornblume am Revers an einem Gedenkmarsch in Berlin teilzunehmen. Dies wurde richtigerweise als Hohn erkannt, doch es liegt auch ein Hohn darin, an allen anderen Tagen so zu tun, als könnte man mit der AfD oder dem Antaios-Verlag so umgehen, als wären sie ideologisch nicht mit dem verbunden, weshalb wir den Verbrechen des 9. Novembers gedenken. Nichts an der Machtergreifung der Nationalsozialisten, nichts am Faschismus ist zwangsläufig oder schicksalshaft. Möchte man sich mit wirklich relevanter Primärliteratur auseinandersetzen, seien Victor Klemperer und Christabel Bielenberg empfohlen. Was die Lektüre ihrer Bücher zutage fördert, ist, dass Haltung zu zeigen tatsächlich auch eine Strategie ist, um demokratische Werte zu vertreten und nicht bloß selbstgefälliges Gebaren. Im Gegensatz dazu ist es zwecklos, rechtem Denken mit Verständnis und Gegenargumenten entgegenzutreten oder kulturellen Abgrenzungsversuchen mit einer Liste an positiven Aspekten gesellschaftlicher Vielfalt zu begegnen, so wie es etwa der Philo-Verlag versuchte. Der Pluralismus mag gleichzeitig schöne und schwierige Aspekte bergen, aber er ist, wie auch Charim schreibt, schlichtweg eine soziale Realität. Man kann diese Realität weder romantisieren noch wegdiskutieren – und beseitigen kann man sie nur mit Gewalt. Was eine pluralistische Gesellschaft also benötigt ist kein bewertendes Auseinanderdividieren, sondern ein ge- und erlebtes kollektives Wir, das es schafft, Solidarität über Pluralität hinweg zu etablieren, damit die von Charim beschriebene Demarkationslinie auch endlich als das für heutige Demokratien entscheidende Kriterium wahrgenommen wird.

Politische Solidarität trotz Differenz

Race and the Politics of Solidarity hookerDie Frage, wie das möglich ist, greift die Politikwissenschaftlerin Juliet Hooker in ihrer 2009 erschienen Analyse Race and the Politics of Solidarity auf. Darin erklärt sie, dass liberale Demokratien heute vor der Herausforderung stehen, ein neues kollektives Selbstbild zu festigen, das nicht auf präpolitischen Affinitäten wie biologischen, ethnischen und kulturellen Faktoren aufbaut. Hooker vertritt die These, dass nicht die Gleichmacherei, sondern gerade die Sichtbarmachung der Differenz zwischen den Menschen zu mehr Gerechtigkeit und politischer Solidarität führt. Solidarität ist in einer Demokratie essentiell, weil sie die Basis für politische Entscheidungen bildet, aus denen unsere Institutionen und Gesetze hervorgehen. Für Hooker ist Solidarität nicht nur das Gefühl von Sympathie, sondern eine ethische Haltung, die kultiviert werden muss. Um andere in Entscheidungen mit einzuschließen und sie als gleichberechtigte Mitmenschen zu respektieren, muss man sich nicht mit ihnen identifizieren oder sie als besonders wertvoll betrachten. Es liegt nämlich im Wesen demokratischer Gemeinschaften, dass nicht jede*r allen zusagt. Man muss sich nicht im Anderen erkennen, sondern vielmehr lernen, ihn und vor allem sich selbst mit dessen Augen zu sehen. Das findet sich auch sehr deutlich in den Überlegungen von Charim wieder, wenn sie schreibt: “Die Pluralisierung verändert unseren Bezug zu anderen, und sie verändert den Bezug zu uns selbst, die Art, wie wir uns auf uns selbst beziehen.” Die Vertreter*innen der Rechten führen einen hegemonialen Kampf, um sich dieser Veränderung zu widersetzen. Sie sind nicht Teil des Pluralismus, sondern haben sich freiwillig zu seinem Gegner erklärt. Aus diesem Grund steht für Hooker in erster Linie die Mehrheitsgesellschaft in der Pflicht, die eigene Position zu reflektieren und sich stärker vom Anti-Pluralismus zu distanzieren, denn Diskriminierungen sind nicht bloß eine Abweichung von einer grundsätzlich fairen und ausgewogenen Gesellschaftsstruktur. Im Gegenteil, sie sind unserer politischen und sozialen Realität eingeschrieben. Unsere Vorurteile schlagen sich in unseren Institutionen nieder, die wiederum unser Leben beeinflussen. Das bedeutet aber nicht, dass wir unsere Gesellschaft nicht gerechter gestalten können und müssen. Und auch wenn in Demokratien meist Einigkeit darüber herrscht, dass jedem Menschen ein würdiges und autonomes Dasein zusteht, ist es bei genauerer Betrachtung recht unklar, was das konkret bedeutet. US-amerikanische Politiker*innen beziehen sich etwa gerne auf die Unabhängigkeitserklärung, obwohl deren wohl bekannteste Formel „All men are created equal“ die Sklaverei und alle folgenden Ungerechtigkeiten nicht verhinderte. Es gibt also viel Anlass zum Streit, häufig ausgelöst durch identitätspolitische Debatten, die manche als unentbehrlich und andere als spalterisch wahrnehmen. Wenn aber das gemeinsame Ziel ist, Leben zu verbessern und eine pluralistische Gesellschaft zu schützen, dann muss auch im Kampf um dieses Ziel die Pluralität beibehalten werden. Es gilt, nicht Differenz zu harmonisieren, sondern sie anzuerkennen und nicht länger als ein Gegeneinander zu deuten. Das Gegeneinander findet nicht innerhalb einer pluralistischen Gesellschaft statt, sondern zwischen ihr und ihren Widersacher*innen, denen etwa in der Debatte um Stokowski und Lehmkuhl noch immer zu viel Verständnis entgegengebracht wird. Auch wenn Harmonie schön klingt, sie verlangt Menschen oftmals ab, sich gegen ihre Neigung einzureihen oder einem höheren Ziel unterzuordnen. Sie ist also kein Indiz dafür, dass es einer Gesellschaft gut geht. „Wir müssen an einem Strang ziehen“ heißt es dann oft. Aber wer entscheidet, was das Ziel ist, was ihm dient und was nicht? Sind manche emanzipatorischen Bestrebungen wichtiger als andere? Und gibt es tatsächlich eine Hierarchie demokratischer Interessen?

Ich! Du? Wir.

desintegriert euchNatürlich steht das soziale Zusammenleben immer in einem gewissen Spannungsverhältnis zu abstrakten Prinzipien. Doch nur ein politisches Einzelkind würde „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ mit Harmonie verwechseln. Welche freien und gleichen Geschwister streiten sich nicht? Wir brauchen keine Harmonie, sondern vor allem Respekt. Wer den Respekt und die Achtung vor der Würde aller Menschen verweigert, sollte stärker sanktioniert und ausgegrenzt werden. Man kann auch ohne eine direkte Auseinandersetzung erfolgreich widersprechen, nämlich indem man so wie Margarete Stokowski selbstbewusst und konsequent für das eintritt, woran man glaubt. Die Debatte mit rechts zur wichtigen demokratischen Aufgabe zu erklären und dabei die Bedenken und Anliegen kleinerer oder schwächerer Gruppen auf später zu verschieben, wenn die gute Zeit ohne Antisemitismus, Rassismus, Sexismus und andere Formen der Diskriminierung anbricht, ist illusorisch, weil wir schlicht anerkennen müssen, dass all dies eben keine Abweichung und Ausnahme ist. Es geht nicht darum, dass eine fiktive Mitte sich wohl fühlt, sondern möglichst alle Gesellschaftsmitglieder. Das Selbstverständnis einer genuin pluralistischen Gemeinschaft darf also nicht nur davon geprägt sein, wie sich die Mehrheit sieht und was sie möchte. Eine Lehre aus der deutschen Geschichte, die immer wieder formuliert wird, ist doch gerade, dass sich vor allem im Umgang mit Minderheiten zeigt, wie gerecht eine Gesellschaft ist. Das demokratische Wir muss immer wieder neu verhandelt werden, um konstruktiv zu sein. Max Czollek lässt das in seinem vielgelobten Buch Desintegriert Euch! anklingen, wenn er fordert, die Gesellschaft „als Ort der radikalen Vielfalt“ zu sehen. Es handelt sich natürlich um ein metaphysisches, sogar utopisches „Wir“, aber das ist das Selbstbild eines aufgeklärten, humanistischen Abendlandes ebenfalls.

Hoffnung statt Harmonie

Identitätspolitische Fragen sind nützlich, um die Interessen, Bedürfnisse und auch Verletzungen einzelner Gruppen besser zu verstehen. Aber je heftiger die Konflikte, desto schneller bleiben alle Seiten in Selbstbezüglichkeiten stecken. Dann werden die formulierten Identitäten mit der Lebensrealität von Menschen verwechselt, dabei dienen sie vor allem dazu, politisches Handeln zu ermöglichen. In der Folge richten sich Zorn und Entrüstung, die ein kraftvoller politischer Motor sein könnten, vor allem auf individuelle Verfehlungen. Da wird dann eine Buchhandlung prompt als rechts oder eine kritische Autorin als Gesinnungsterroristin diffamiert, dabei sind es nicht in erster Linie moralische Fragen, die wir diskutieren müssen, sondern strukturelle und systemische Probleme. Hooker, Charim und Czollek sehen die Probleme richtigerweise bei der Mehrheitsgesellschaft, schließlich bildet sie den Ursprung von Diskriminierung. Hooker verknüpft dies mit der konkreten Forderung, den weißen Blick sichtbar zu machen, was für sie die Voraussetzung für Veränderung ist. Czollek hingegen hat kein wissenschaftliches sondern ein in Teilen polemisches Buch geschrieben, das aber für diese Debatte genauso wichtig ist, weil er darin die Doktrin der Integration über Bord wirft, die nichts anderes ist als die Forderung, dass Menschen sich unsichtbar machen. Dennoch macht er es sich stellenweise ein wenig zu bequem, schließlich ist es eine recht privilegierte Position, auf einer Berliner Dachterrasse stehend einen Film über James Baldwin zu gucken und dabei seinen Gedanken darüber nachzuhängen, dass mehr Desintegration vonnöten ist. Der Ansatz ist sehr nachvollziehbar, gleichzeitig ist fraglich, ob eine im jüdischen Diskurs so wichtige und seit Jahrhunderten geführte Debatte wirklich auf migrantische Realitäten übertragen werden kann. Was zum Beispiel bedeutet Desintegration als Maxime im Zusammenhang mit den vom NSU Ermordeten und ihren hinterbliebenen Familien? Was bedeutet das für Menschen, denen ihr Anderssein auf den ersten Blick zugeschrieben wird, egal ob sie das für sich wählen oder nicht? Oder für jene, die aufgrund ihrer beruflichen und sozialen Verhältnisse eine Abhängigkeit von bestehenden Strukturen schlicht nicht umgehen können? Desintegration als Handlungsmöglichkeit ist wiederum ein Privileg, das nicht allen zugänglich ist. Natürlich ist es ärgerlich, dass Marginalisierte immer wieder ihre Positionen erklären und verteidigen müssen. Doch möchte man, dass eine Gesellschaft sich entwickelt, muss man akzeptieren, dass es auf allen Seiten Arbeit gibt: die einen müssen sich in Selbstreflexion und Solidarität üben, während die anderen nicht die (ebenfalls zu kultivierende) Hoffnung aufgeben dürfen. Das ist nicht einfach, aber wer Veränderung fordert, sollte daran glauben, dass diese möglich ist. Nötig ist sie allemal.

Das klingt zweifellos anstrengend und konfliktreich, aber das oftmals vorgebrachte Argument, dass die Linke sich in einem selbstgefälligen Elfenbeinturm mit Diskussionen und Zersplitterung aufhielte, während die extreme Rechte viel besser zusammenstünde und mobilisierte, basiert auf einem gravierenden Denkfehler. Die Rechtsextremen mögen in ihrer Rhetorik und Präsentation sehr anpassungsfähig sein, doch ihre totalitäre Ideologie und ihr rassistisches Menschenbild sind starr und unverändert: Neue Rechte, altes Denken. Leitkultur, Patriotismus, Nationalismus sind alles Variationen einer erstickenden Sentimentalität, die eine Demokratie davon abhält, auf ihre Menschen zu schauen und sich mit ihnen zu verändern. Eben aus diesem Grund sind die Rufe nach einem liberalen Patriotismus oder einem linken Populismus absurd. Die Rechte möchte einen Menschen kreieren, der in ihren totalitären Staat passt, während es in einer Demokratie darum geht, einen Staat immer wieder daraufhin zu prüfen, ob er noch den Menschen gerecht wird – allen Menschen.

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Angela Nagle im Gespräch über Mainstream und Minderheiten (Gastbeitrag von Bernhard Pirkl und Tijan Sila)

Dieses Interview ist ein Gastbeitrag von Bernhard Pirkl und Tijan Sila. Bernhard Pirkl hat für die Jungle World auch eine Rezension zu Angela Nagles “Die digitale Gegenrevolution” geschrieben.

Die irische Kommunikationswissenschaftlerin Angela Nagle hat im vergangenen Jahr einen schmalen Band veröffentlicht, dessen Thesen es in sich haben. Vordergründig behandelt das Buch, das nun unter dem Titel “Die Digitale Gegenrevolution” (im Original: “Kill all Normies”) im Transcript Verlag erschienen ist, die vielfältigen Erscheinungsformen der amerikanischen Rechten im Internet, von Neonazis über Männerrechtler bis zu obskuren Erscheinungen wie der neoreaktionären Bewegung (NRx); dabei belässt sie es allerdings nicht, sondern nimmt auch die Linke kritisch in den Blick: Die Hoffnungen, die sich an das utopische Potential des Internets geknüpft hatten, haben sich nicht verwirklicht, und auch der Politikstil großer Teile der Linken müssen vor dem Hintergrund des Erstarkens der Rechten in den USA und Europa neu bewertet werden. Im Gespräch mit Tijan Sila und Bernhard Pirkl zieht Angela Nagle eine Bilanz über die bisherige Resonanz des Buches.
PIRKL: “Kill all Normies” war ein enormer Verkaufserfolg in den Vereinigten Staaten, das bestverkaufte Buch, das der Verlag Zero jemals herausgebracht hat. Wie erklären Sie sich diese unerwartet starke Rezeption?

NAGLE: Offenbar gab es ein sehr großes allgemeines Interesse am „Kulturkrieg“ im Internet, und ich habe einen neuen Ansatz angeboten, jenseits des üblichen Hin und Hers der verfeindeten Lager. Es wurde von Slavoj Zizek und anderen bekannten Autoren gelobt, aber es stieß auch auf viel negative Aufmerksamkeit, wobei auffällig war, dass die negativsten Reaktionen von einer relativ kleinen, auf das Internet konzentrierten Gruppe kamen. Es ist nun ein Jahr her, dass “Kill all Normies” erschienen ist, und seitdem gibt es eine unermüdliche Kampagne persönlicher Angriffe, die im Grunde fast täglich stattfinden. Was in der Hinsicht von der alt-right kam, war gewissermaßen vorhersehbar, Gemeinheiten über mein Aussehen, antisemitisches Geraune, ich sei von den „jüdischen Medien“ gesteuert und dergleichen mehr. Die Reaktion auf der Linken war in gewisser Weise schlimmer, weil sie natürlich nicht so leicht abzuwehren waren, und sie den Tenor hatten, ich wäre nicht aufrichtig und würde eine konservative Agenda verbergen. Einigen war ich zum Beispiel nicht ausreichend kritisch bzw. feindselig genug gegenüber konservativen Figuren wie Jordan Peterson, während hingegen ich das Gefühl hatte, mir Mühe gegeben zu haben, ihren Beitrag zu den „culture wars“ halbwegs sachlich und neutral darzustellen.

PIRKL: Woher kommt dieser Zwang zur Vereindeutlichung? Hat man Angst vor der Schwäche der eigenen Argumente?

NAGLE: Mein Eindruck ist, dass es sich dabei um eine Art Tribalismus handelt, der durch soziale Netzwerke verstärkt wird, und sich im gemeinschaftsstiftenden Hass auf Einzelpersonen ausdrückt. Mittlerweile ist es zum Glück fast schon so, dass etwa das „Twittershaming“ ein so großes Ausmaß angenommen hat, dass es beinahe schon egal ist, wenn man zur Zielscheibe gerät, weil die Frequenz an Kampagnen so groß ist, dass in dem Moment bereits die nächste Person ins Visier genommen wird. Ich kenne Journalisten, deren Twitter-Accounts beinahe ausschließlich von einer schier endlosen Suche nach persönlichem Fehlverhalten künden, begleitet von Forderungen nach Stellungnahmen. Ein großer Teil der Medienlandschaft scheint in einer permanenten Schleife des Bedienens unseres Bedürfnisses nach öffentlichen Bloßstellungen gefangen zu sein. Die Geschichte ist freilich voll mit Beispielen für dieses Stärken kollektiver Normen durch die genüssliche Bloßstellung von Outsidern, aber irgendwie haben soziale Netzwerke dieses Phänomen mit voller Wucht wieder salonfähig gemacht.

SILA: Inwiefern ist solches Verhalten von Nutzern sozialer Medien denn mit Subkulturen verwandt?

NAGLE: Der subkulturelle Aspekt ist ungemein wichtig. Es gibt eine Sehnsucht nach einem höheren Grad der Identifikation mit anderen – etwas, das es historisch in kleineren Gemeinschaften gab. Einerseits entspringt Gemeinschaftsbildung einem positiven Impuls, andererseits setzt die Vorstellung einer Gemeinschaft, so schön sie auch ist, einen Außenseiter voraus – eine Person, die diese Gemeinschaft dadurch definiert, indem sie nicht zu ihr gehört. Eine der interessantesten Sachen, die man bei Online-Subkulturen beobachten kann, ist dass sie davon besessen sind, ihre Grenzen zu überwachen: Wer gehört zu uns, wer nicht? Sobald neue Menschen hinzukommen, wird noch enger zusammengerückt und der Eintritt in die Subkultur wird schwieriger. 4Chan-User, die ursprünglich damit begonnen hatten, Pepe-Memes zu posten, wollten mit der Erfindung der „Rare Pepes“ der ihrer Meinung nach zu großen Verbreitung dieser Memes entgegentreten. Solche Säuberungsmaßnahmen werden immer von Diskussionen darüber begleitet, wie man sich vor Verwässerung durch den Mainstream schützen kann. Zugleich fiel mir bei den persönlichen Anfeindungen gegen mich – insbesondere, wenn sie von links kamen – der obsessive Versuch auf, einzuordnen, wohin ich politisch gehöre. Man sagte nicht, dass ich falsch läge. Man sagte vielmehr, dass ich keine linke Position verträte – oder eine ganz spezifische. Schlussendlich ging es aber nicht um mich, sondern um jene, die diese Vorwürfe erhoben und um ihren Versuch, sich abzugrenzen, sicherzustellen, dass nur bestimmte Menschen der Beschreibung der Identität entsprechen, der sie, aus welchem Grund auch immer, einen großen emotionalen Wert beimessen.

PIRKL: “Kill all Normies” ist ein Destillat Ihrer Doktorarbeit, einer feministisch orientiertem medienwissenschaftliche Untersuchung der Online-Kultur. Bei der Lektüre fällt einem folgendes Oppositionspaar auf: die männlich konnotierte Sphäre der transgressiven, avantgardistischen Subkultur auf der einen, und die als feminisiert wahrgenommene Sphäre des Mainstreams, bzw. was man dafür hält.

NAGLE: In der Tat wird der Mainstream als feminisierend empfunden. Die „Feminisierung der Kultur“ ist eines der größten Themen nicht nur der alt-right, sondern auch des weitaus größeren Milieus, das sich zum Beispiel von Jordan Peterson angesprochen fühlt, und das seit dem Erscheinen meines Buches stark angewachsen ist. Sie sehen darin einen ent-zivilisierenden Einfluss, etwas, dass sich der Kultur die Virilität entzieht. Das ist Teil der Pop-Kultur seit über einem halben Jahrhundert, wie ich auch in meinem Buch erwähne, man denke an die rebel culture der 50er Jahre, die Sorge um die abenteuerlustigen jungen Männer, die keinen Krieg mehr zu kämpfen hatten, und so weiter. Dennoch ist es nicht ganz so einfach, es gibt auch weiblich dominierte Räume im Internet, die auf eine sehr aggressive Art und Weise exklusiv sind. Mittlerweile ist das einfach ein generelles Merkmal von online-Subkulturen. Trotzdem war und ist diese Ordnung auffällig.

PIRKL: “Kill all Normies” erzählt auch eine Geschichte vom Umschlag einer Form – transgressiver Humor in Form von Memes und ähnlichem – zu tatsächlichem Handeln, auch in Form von Gewalt, man denke etwa an Charlottesville. Wie funktioniert dieser Übergang?

NAGLE: Ich möchte auf diese Frage gerne aus dem Rückblick antworten. In meinem Buch gibt es ein Kapitel, das sich mit den Cyberutopien der Linken beschäftigt, Leute wie Paul Mason hatten große Hoffnungen an das Internet geknüpft. Ironischerweise sind es heute die Rechten, die glauben, dass das Internet Trump an die Macht gebracht hat. Sie machen denselben Fehler wie die Linke, und nun müssen sie zusehen, dass ihre politischen Vorstellungen nicht umgesetzt werden. Trump handelt im Großen und Ganzen nicht radikal anders, als man es von einem republikanischen Präsidenten erwarten würde. Folglich ist die alt-right-Bewegung gegenwärtig im Zerfall begriffen, und auch die Verfallsformen ähneln dem, was man von der Linken, zum Beispiel in der Folge von Occupy Wall Street kennt: Interne Spaltungen, nicht zuletzt aufgrund ganz alter Motive wie Egos und – im Falle der Traditional Worker’s Party – Eifersucht. Die Idee, das Internet als Abkürzung zur Macht zu benutzen, hat sich als Trugbild entlarvt.

SILA: Mitglieder der Alt-Right-Bewegung sind demnach nicht die bessern Internet-Nutzer, sie waren nur besser darin, das Internet zu einem bestimmten Zeitpunkt zu nutzen.

NAGLE: Genau. Zu anderen Zeiten war die Linke besser darin. Die AltRight-Bewegung erreichte ihren Höhepunkt als Trump auf die Bildfläche trat. Sie wandte sich wie er gegen political correctness und besaß den gleichen respektlosen Humor – oftmals war er ziemlich clever und lustig. Zur gleichen Zeit war die Linke in humorloser Verzweiflung erstarrt und, genau wie die Alt-Right aktuell, in Grabenkämpfe verstrickt. Die Alt-Right hatte also ideale Bedingungen, um Erfolg zu haben. Das ist nicht mehr der Fall. Eins der größten Probleme, das sie derzeit hat, besteht darin, dass soziale Netzwerke wie PayPal, YouTube, Twitter – allesamt Privatunternehmen natürlich -, sie zunehmend ausschließen. Seltsamerweise hat die Rechte darauf keine Antwort. Alle, die dazu bereit sein könnten, das Recht der Alt-Right auf freie Meinungsäußerung zu verteidigen – AltLight-Libertinäre etwa -, sind überzeugt, dass nur der Staat dieses Recht einschränken könne. Ihre einzige Antwort lautet: „Es ist ein Privatunternehmen, und du hast einen Vertrag unterschrieben, in dem steht, dass sie dich rausschmeißen können, wenn sie es wollen.“ Da sie Kapitalismus nicht als entsprechende Triebkraft anerkennen können – es muss der Staat sein -, kommen sie mit dem Problem nicht zurecht. Die Vorstellung also, das Internet würde dieser magische Pfad sein, auf dem sie in die Politik gelangen könnten, hat sich als falsch herausgestellt.

SILA: Um nochmal auf das Thema Sub- bzw. Gegenkultur zu sprechen zu kommen, das ja im Zentrum von Kill all Normies steht: Die Begriffe haben ja in der Linken eigentlich einen guten Klang. An welchem Punkt läuft es schief? Gibt es ein Problem, das sich alle Subkulturen teilen?

NAGLE: Massenkultur geht immer mit einem Paradoxon einher: Einerseits sind wir alle ein Teil von ihr, andererseits fühlen wir uns von ihr abgestoßen und möchten nicht als Teil der Masse gelten. Alle möchten entweder einzigartig oder wenigstens Teil einer kleinen Subkultur sein, die dem Mainstream feindselig gegenübersteht. Beispielhaft fürs Ganze ist der Begriff des Hipsters – niemand würde sich selbst als Hipster bezeichnen. Es ist ein Schmähbegriff für Menschen, die gerne Teil einer Subkultur wären, es jedoch nicht sind, zumindest nicht in ausreichendem Maße. Woher kommt unsere große Sehnsucht, nicht Teil des Mainstreams zu sein? Wieso widern uns Massenkultur und der Mainstream derart an, dass wir uns konstant von ihnen abgrenzen und durch diese Abgrenzung zu definieren versuchen? Diese Fragen beschäftigen mich seit Jahren. Zu welcher Art von Politik führt ein solches Denken über Kultur? Auch Konsumkonzerne versuchen, Nischenmärkte jenseits des Mainstreams zu erschließen. Wer möchte noch der Norm entsprechen, wenn selbst McDonalds sie aufgegeben hat? Niemand. Welche politischen Folgen hat solch eine Wahrnehmung von Durchschnittsmenschen, von ihrem Recht auf Würde und materiellen Besitz? Das sind Sachen, für die die Linke historisch eingetreten ist. Einerseits können Subkulturen radikal sein, andererseits können sie oftmals nur eine Nachahmung der Konsumkultur sein, die uns daran hindert, Massenpolitik zu haben, insbesondere, wenn sie uns vergessen lassen, dass der Durchschnittsmensch jemand ist, für den es sich politisch zu kämpfen lohnt.

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Von Bullshitjobs und vergessenen Gesten

In einer Whatsapp-Gruppe, deren Mitglied ich bin, befinden sich fünf Juristen. Diese Gruppe wird hauptsächlich dazu genutzt, digitalen Internetmüll zu perpetuieren und – natürlich – um über das jeweilige Beschäftigungsverhältnis Leid zu klagen. Einer dieser fünf – nach eigener Aussage, sehr glücklich mit seiner Tätigkeit in der Rechtsabteilung einer großen Bank, die noch dazu (angeblich) geistig äußerst fordernd sei und sich ebenfalls nach eigener Aussage im Anspruch auf einem Level mit Raketenwissenschaften befindet – postete vor Wochen einen Artikel aus der FAS. Dieser war eine einseitige Zusammenfassung des Buchs Bullshitjobs: Vom wahren Sinn der Arbeit von David Graeber erschienen bei Klett-Cotta. Wie bei Unternehmensjuristen üblich, hatte er offenbar den Artikel selbst nicht gelesen, sondern wahrscheinlich eine externe Kanzlei damit beauftragt, dies zu tun und dann das Gutachten dazu nicht gelesen, denn in diesem Artikel stand unter anderem, ein klassischer Bullshitjob sei der des Unternehmensjuristen.

 

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Was ist ein Bullshitjob?

David Graeber definiert einen Bullshitjob wie folgt

Ein Bullshit-Job ist eine Form der bezahlten Anstellung, die so vollkommen sinnlos, unnötig oder gefährlich ist, dass selbst derjenige, der sie ausführt, ihre Existenz nicht rechtfertigen kann, obwohl er sich im Rahmen der Beschäftigungsbedingungen verpflichtet fühlt, so zu tun, als sei dies nicht der Fall.
Aus: David Graeber – Bullshitjobs: Vom wahren Sinn der Arbeit

David Graeber BullshitjobsDie fünf Grundtypen von Bullshitjobs erkennt Graeber dabei in den Lakaien, den Schlägern, den Flickschustern, den Kästchenankreuzern und den Aufgabenverteilern. Der Lakai ist nur dafür da die Arbeit derer zu erledigen, die sich den Lakai halten, weil sie es eben können. Streng gesehen ist also nicht der Job des Lakaien Bullshit, sondern der des Chefs. Schläger sind Menschen, deren Tätigkeit ein aggressives Element beinhaltet, die aber – und das ist entscheidend – nur deshalb existieren, weil andere Menschen sie anstellen. Paradebeispiel wären Streitkräfte, die nur deshalb notwendig sind, weil andere Länder ebenfalls Streitkräfte haben. In diese Kategorien fallen für Graeber die meisten Lobbyisten, PR-Spezialisten, Telefonwerber und Unternehmensanwälte. Der Flickschuster wiederum ist nur dafür da Probleme zu lösen, die es eigentlich nicht geben sollte, insbesondere die Fehler auszubessern, die Vorgesetzte verursacht haben. Kästchenankreuzer sind Angestellte, die einem Unternehmen dabei helfen so zu tun als würden sie Dinge tun. Klassisches Beispiel ist die Erledigung von Bürokratie um ihrer selbst willen. Zuletzt der Aufgabenverteiler, der lediglich Arbeit an andere verteilt, er ist das Gegenteil von einem Lakaien, er ist kein unnötiger Untergebener, sondern ein unnötiger Vorgesetzter.

Schon an dieser Einteilung wird ein eklatantes Problem deutlich. Graeber – immerhin Lehrender an der London School of Economics – definiert nicht sauber, sondern plaudert Fallbeispiele daher. Ich vermute, dass dies im Wesentlichen auch mit der Entwicklung des Themas zusammenhängt. Denn Graeber schrieb im August 2013 einen Artikel für das Strike! Magazin, auf den sich eine Vielzahl von Menschen bei ihm meldete und ihre persönliche Bullshit-Job Geschichte erzählten. Ein Großteil des Buchs besteht daher in der Wiederholung von Fallgeschichten, die so nicht unbedingt verallgemeinert werden können.

So kennen viele wahrscheinlich die Geschichte des Mitarbeiter eines spanischen Wasserwerks, der sechs Jahre nicht zur Arbeit kam und das erst auffiel, als er eine Auszeichnung für zwanzig Dienstjahre erhalten sollte oder der andere Vogel, der einfach 24 Jahre der Maloche fernblieb. Das ist auf den ersten Seiten unterhaltsam und hilft dabei ein „Gefühl für das Problem“ zu bekommen, eine wissenschaftliche Problemanalyse sieht aber anders aus.

Hier ist das Problem!

Immer wieder plauderige Beispiele aus der ganzen Welt, geben dem Buch Seiten, dem Leser aber keine neue Erkenntnis. Was Graeber – auf mindestens 150 Seiten zu viel – aber sehr erfolgreich tut, ist, den Leser zu reizen. Er ist pauschal, er ist ungenau und häufig viel zu undifferenziert (was ist z.B. mit all den Jobs, die einfach nur ein bisschen oder zu einem Teil Bullshit sind?) und trotzdem zeigt er Missstände auf, die zweifelsohne existieren. Seit der Lektüre sehe ich die moderne Arbeitswelt anders.

Aus der Peripherie der persönlichen Arbeitswelt des Rezensenten sind beispielsweise solche Aussagen zu hören. „Ja, Kanzlei ist hart, schrubbe 60-80 Stunden, kriege aber auch 110k. Denke ich mache das noch zwei, drei Jahre und dann will ich in eine Rechtsabteilung, auch gut bezahlt, aber ruhige Kugel schieben in einer 40-Stunden-Woche.“ Offensichtlich besteht also der Drang danach weniger zu arbeiten, trotzdem aber „gutes Geld“ zu verdienen. Die ruhige Kugel suggeriert dabei aber stets, dass man den Job eigentlich in kürzerer Zeit ausführen könnte, es aber notwendig ist, 40 Stunden vor Ort zu sein, damit das Gehalt für genau diese Summe verkaufter Zeit gezahlt wird. Es wird also die Zeit gezahlt, nicht die geleistete Arbeit. (Bei Kanzleijuristen ist es in der Regel andersherum: kommt man nicht auf eine gewisse Anzahl abrechenbarer Stunden, vulgo billables, wackelt der Stuhl. Selbstverständlich ist dabei wiederum zu bedenken, dass sich geleistete Arbeit und abrechenbare Arbeit nicht zwangsläufig decken müssen, weder in die eine noch in die andere Richtung.) Vor der Lektüre von Bullshitjobs hätte ich unreflektiert genickt. Denn es ist doch so, dass man 40 Stunden arbeiten muss. Oder nicht?

Wir könnten ohne Weiteres zu einer Freizeitgesellschaft werden und eine 24-Stunden-Arbeitswoche einführen. Vielleicht sogar eine 15-Stunden-Woche. Stattdessen sind wir als Gesellschaft dazu verdammt, den größten Teil unserer Zeit bei der Arbeit zu bringen und Tätigkeiten zu verrichten, von denen wir den Eindruck haben, dass sie für die Welt keinerlei Nutzen bringen.
Aus: David Graeber – Bullshitjobs: Vom wahren Sinn der Arbeit

Eine Lösung wäre fein!

Unbefriedigend bleibt dann aber, dass der Leser nach dem Aufzeigen des Problems alleine gelassen wird.

Wenn es wirklich stimmt, dass bis zur Hälfte der Arbeit, die wir leisten, ohne nennenswerte Auswirkungen auf die Gesamtproduktivität abgeschafft werden könnte, warum verteilt man dann nicht einfach die verbleibende Arbeit so, dass jeder nur einen Vierstundentag hat? […] Aber aus irgendeinem Grund haben wir als Gesellschaftskollektiv entschieden, dass es besser ist, wenn Millionen Menschen viele Jahre ihres Lebens so tun, als würden sie etwas in Tabellenkalkulationen eintragen oder geistige Landkarten für PR-Meetings vorbereiten, statt ihnen die Freiheit zu verschaffen, Pullover zu stricken, mit ihren Hunden zu spielen, eine Garagenband zu gründen, mit neuen Kochrezepten zu experimentiere, in Cafés zu sitzen und über Politik […]
Aus: David Graeber – Bullshitjobs: Vom wahren Sinn der Arbeit

Wie also die Umverteilung dieser Arbeit konkret aussehen könnte, wird nicht gesagt, nicht mal angedacht. Das ist für ein weltveränderndes Sachbuch dann doch arg dünn. Ebenso die Lösungsleere nach der Zusammenfassung Graebers „von Studien zur Arbeit“ in

  1. Das Gefühl für die eigene Würde und den Selbstwert verkörpert sich für die meisten Menschen darin, dass sie mit Arbeit ihren Lebensunterhalt verdienen.
  2. Die meisten Menschen hassen ihren Job.

Welche Studien er da ausgewertet hat oder was diese aussagen, behält der Autor geflissentlich für sich. Was die Leute dann in ihrer ganzen freien Zeit dann treiben sollen, weiß ich daher auch nicht (– aber es ist natürlich immer noch besser nach eigenem Gusto rumzulungern als nur Bullshit zu machen.)

Das Arbeiten „nach der Uhr“ führt zu der Absurdität, dass Leute Zeit einfach nur absitzen oder so tun als würden sie etwas produktives machen, nur damit sich der Chef nicht eine total sinnlose Beschäftigung ausdenkt – die dann wiederum Bullshit par excellence ist.

Bedingungsloses Grundeinkommen?

Philpp Blom Was auf dem Spiel stehtBullshitjobs‘ bester Freund ist die Digitalisierung. Das führt zu weiteren Problemen, denn bisher ist unsere Gesellschaft so zugeschnitten, dass nur Geld bekommt, wer dafür arbeitet. Für viele Tätigkeiten ist heute aber kein trotteliger Mensch von Nöten, sondern das kann wunderbar ein Maschinchen erledigen. Ohne das Geld aus seinem (Bullshit-)Job kann aber das Konsument nicht konsumieren und dem Unternehmer mit seinen Maschinen dessen Produkte abkaufen.

Der Job selbst mag unnötig sein, aber man kann darin kaum etwas Schlechtes sehen, solange er die Möglichkeit schafft, damit die eigenen Kinder zu ernähren. Man kann fragen, was das für ein Wirtschaftssystem ist, das eine Welt schafft, in der man die eigenen Kinder nur dann ernähren kann, wenn man sich während eines großen Teils seiner wachen Stunden mit nutzlosen Übungen im Kästchenankreuzen beschäftigt oder Probleme löst, die es eigentlich gar nicht geben sollte. Man kann die Frage aber ebenso gut auch auf den Kopf stellen und fragen, ob das alles wirklich so nutzlos ist, wie es scheint, wenn das Wirtschatsystem, das solche Jobs geschaffen hat, die Menschen in die Lage versetzt, ihre Kinder zu ernähren.
Aus: David Graeber – Bullshitjobs: Vom wahren Sinn der Arbeit

Auf den letzten Seiten bietet daher Graeber immerhin für die Frage nach dem „Wer soll das (Produkte) alles bezahlen?“ das bedingungslose Grundeinkommen an. Gleiches tut auch Philipp Blom in seinem bei Hanser erschienen Buch Was auf dem Spiel steht. Bloms Buch liest sich wie eine abgespeckte, unaufgeregtere Version von Graeber. Selbst wenn dieses ebenso aus einer Vielzahl von Fragen und Fragezeichen besteht, ist dies die eindeutigere Lektüreempfehlung.

Ein oft vorgebrachtes Argument gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen ist moralisch oder, um genau zu sein, protestantisch gefärbt. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen, besagt es, in einer anständigen Gesellschaft gibt es nichts umsonst, auch wenn sich der Staat aus Barmherzigkeit bereitfindet, den Bedürftigsten Unterstützung zukommen zu lassen, die oft mit demütigenden Ritualen und Befragungen auf den entsprechenden Ämtern verknüpft ist. Was aber wird aus diesem Argument, wenn ein Großteil der Bürger eines Landes für die Produktivität der Wirtschaft einfach nicht mehr gebraucht wird? Was wird dann aus dem Menschenrecht auf Würde, geschweige denn dem pursuit of happiness? […]

Diese Änderung, das bedingungslose Grundeinkommen, kommt nicht, weil sie nett oder edel ist, sondern weil sie notwendig ist. Es ist eine der ganze wenigen Neuerungen, die sowohl vom rechten als auch vom linken Spektrum befürwortet wird. Den Linken geht es dabei vornehmlich um soziale Gerechtigkeit und Umverteilung. Rechte Ökonomen und Politiker sehen im Grundeinkommen die einzige Möglichkeit, im Zeitalter von Maschinen noch Konsum und dadurch Wirtschaftswachstum zu ermöglichen. Inzwischen allerdings sind so viele Menschen ohne Erwerbarbeit, in einigen entwickelten Ländern geht die Zahl an die 40 Prozent, und sie wäre noch höher, würde nicht jede Regierung ihre Statistiken schönen. Die Kosten für den Staat sind astronomisch, und doch ist ein wesentlicher Teil der Bevölkerung arm, deprimiert, nutzlos und gedemütigt.
Aus: Philipp Blom – Was auf dem Spiel steht

Vergessene Gesten

Vergessene Gesten Alexander Pschera das vergessene buchWundgeschlagen also von der Erkenntnis des bevorstehenden Untergangs unserer Gesellschaft, las ich noch Alexander Pscheras Vergessene Gesten, das im kleinen Wiener Verlag Das vergessene Buch erschien. Vor dem Hintergrund der Sorge um die Zukunft meiner Kinder und Kindeskinder empfahl mir Pschera mal wieder Urlaubsfotos in ein Album zu kleben, statt nur durchs Handy zu wischen oder mir einen Toast Hawaii zu kredenzen (eine „Geste“, die nun wirklich mal langsam aussterben sollte) oder derlei Unfug mehr. Pscheras Buch kann sich getrost mit dem des rückwärtsgewandten Grafen, der es pflichtschuldig in der BILD am Sonntag erwähnte (die leider ebenfalls nicht vergessene Geste/Tugend des Klüngels), in eine Reihe stellen.

Diese nebenbei verteilte Ohrfeige für ein Buch, das auf den ersten Blick gar nicht in diese Reihe passt, erscheint etwas wahllos und passt doch so hervorragend. Denn wenn man sich vor Augen hält, mit welchen Problem der moderne Mensch in Zukunft (und der gegenwärte Mensch in der Jetztzeit) konfrontiert sein mag (hervorragend zum Laune verderben in dieser Hinsicht auch Yuval Noah Hararis 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert) und dies der Gefahr des Aussterbens des Toast Hawaii gegenüberstellt, kann einem doch etwas blümerant werden. Aber so ist es ja immer, die großen Fragen muss jeder für sich selbst beantworten, denn weder Graeber oder Blom noch Schönburg oder Pschera können oder wollen uns dabei helfen. Einer wandelnden Gesellschaft kann man wie der Graf Schönburg begegnen und es sich im Zustand der Verarmung im Porsche Targa gemütlich machen oder wie Pschera, der das Heil der Welt durch das Grüßen des Busfahrers wiederherstellen will, oder man beginnt, statt im Manufactum Katalog zu blättern, damit etwas zu ändern.

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Andreas Thalmayr/Hans Magnus Enzensberger: Schreiben für ewige Anfänger

Die Verlagsbranche geht seit Jahren vor die Hunde, sagen die Verlagsbranchenmenschen und meinen damit, dass es weniger Leser gibt, die Bücher kaufen. Also „machen“ die Verlagsbranchenmenschen einfach mehr Bücher und fluten damit den Markt. Es bleibt deswegen keine Zeit mehr Titel aufzubauen, weil auch der alte Frühjahrs-/Herbst-Turnus aufgeweicht wurde und sich innerhalb von Monaten, wenn nicht gar Wochen, entscheidet, ob eines der laufend neuerscheinenden Bücher läuft oder nicht. Es gibt viel zu viele Bücher, sagen dann die Verlagsbranchenmenschen.

Umso schöner daher die Worte, die Jo Lendle auf der Buchmessen-Stehgreifparty – eine Stehgreifparty wurde nötig, da eine Reihe kostspieliger Verlagspartys abgesagt wurde – fand

Das Türhütermonopol kommt nicht wieder. Das ist auch so in Ordnung. Etwas anderes aber bleibt: Wir können entscheiden, wofür wir stehen, welche Bücher wir verlegen. Und die Antwort muss sein: Nicht irgendwelche.

Jo Lendle hat natürlich gut reden, denn sein Haus ist – so wie einige viele – genau dafür bekannt, dass man eben nicht auf den Markt schleudert, was verkäuflich erscheint, sondern dem eigenen Anspruch und Selbstverständnis entspricht.

Andreas Thalmayr/Hans Magnus Enzensberger: Schreiben für ewige AnfängerUmso erstaunlicher ist daher die Veröffentlichung eines Buches namens Schreiben für ewige Anfänger: ein kurzer Lehrgang in eben diesem Hanser Verlag. Dieser schmale Band für 16 Euro enthält über zwanzig Briefe eines alten Schriftstellers an einen (fiktiven?) jungen Kollegen. Wer nun aber Schreibtipps erwartete, wird schnell enttäuscht. Hier wird plauderig-onkelhaft erzählt, wie ein Buch „im Betrieb“ entsteht. Das ist auf so unbeholfene Art und Weise langweilig und bemüht, dass man zwangsläufig die Frage auftaucht, warum genau man ein solches Buch veröffentlichen sollte. Beim besten Willen fällt mir kein einziger Mensch ein, dem dieses Buch von Nutzen sein könnte.

Der einzige Grund für einen Verlag ein solches Buch zu veröffentlichen, kann aus meiner Sicht nur sein, dass man dem Autor einen Gefallen schuldete. Andreas Thalmayr ist ein Pseudonym von Hans Magnus Enzensberger, der sonst bei Suhrkamp verlegt wird. Dieses Buch ist leider ansonsten ein einziges Ärgernis.

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Ein Roman fürs postfaktische Zeitalter: Paulo Coelho – Hippie feat. Carl Cederström – The Happiness Fantasy

Glück als moralischer Imperativ

„The coal miner gets black lung disease, his son gets it, then his son. But most people don’t have the imagination – or whatever – to leave the mine. They don’t have ‚it‘. If I had been the son of a coal miner, I would have left the damn mines.“, diese Selbstbeschreibung Trumps aus dem Jahr 1990 zitiert Carl Cederström in „The Happiness Fantasy“ (S. 146), zusammen mit der Anmerkung, dass Trump sich gerne als self-made man inszeniere und dabei die ererbten Millionen verschweige. Am Beispiel Trumps macht Cederström deutlich, wie sich die klassische bürgerliche Ideologie, dass derjenige, der arm ist, selbst daran schuld sei, im neoliberalen Gewand zeigt. Derjenige, der arm ist, ist jetzt nicht mehr einfach arm, weil er faul ist. Wer arm ist, dem fehlt es an innerer Stärke, dem fehlt „it“, die Vorstellungskraft, die Realität zu überwinden, der Wille, ein authentisches, glückliches Leben zu führen.

Die Entstehung dieser spezifischen Ausprägung bürgerlich-neoliberaler Ideologie führt Cederström dabei zurück auf die Pop- und Gegenkultur der 1960er: Hier sei mit dem Wunsch nach Individualität und authentischer Erfahrung, mit der Idee, dass der Mensch sein „ganzes Potential“ zu entfalten habe, um glücklich zu sein, zudem durch die Rezeption mitunter kruder Theorien Wilhelm Reichs eine dezidiert neue Vorstellung von „Glück“ entstanden. Glück ist nicht mehr wie bei Freud die größtmögliche Reduktion von Unglück, es bedeutet auch nicht Mäßigung wie bei den Stoikern oder ein geregeltes, aber angenehmes Leben wie bei Epikur. Glück ist hier zu einem moralischen Imperativ geworden: Gelungenes Leben ist glückliches, authentisches Leben in individueller Freiheit. Nach Glück hat jeder zu streben.

Diese Vorstellung hat in Kalifornien zügig und unter Zuhilfenahme von unterschiedlichen vulgär-psychoanalytischen und schlicht psycho-manipulativen Techniken zur Herausbildung von Trainingszentren wie „est“ geführt, in deren natürlich kostenpflichtigen Kursen die Teilnehmer zuverlässig bis zum Nervenzusammenbruch zur psychischen Selbstentblößung gezwungen wurden – um ihre Angst zu überwinden, um frei zu sein, um ihr wahres Selbst zu finden und ihr ganzes Potential entfalten zu können. Schon früh waren dabei auch Ratgeber der 1930er wie „Think and Grow Rich“ von Napoleon Hill oder „How to Win Friends and Influence People“ von Dale Carnegie von Bedeutung, schon in der Entwicklung von diesen Trainingsprogrammen war also die Verbindung von Idealen und kapitalistischen Motiven angelegt.

Ein zentraler Aspekt in den Vorstellungen der Gegenkultur der 1960er, dann aber vor allem in den Trainingsprogrammen von Zentren wie „est“ war die Idee, dass Realität nicht außerhalb des Willens des Einzelnen existiert: Eine Teilnehmerin eines Kurses bei „est“ gab an, sie habe dort gelernt, „ (1) that the individuals will is all-powerfull and totally determines one’s fate; (2) that she felt neither guilt nor shame about anyone’s fate and that those who were poor and hungry must have wished it on themselves.“ (Cederström: The Happiness Fantasy, S. 63). Hier wurde also eine Ideologie verbreitet, die besagte, dass die Realität vollständig steuerbar ist und dass jeder einzelne für seine Realität selbst verantwortlich ist, weswegen niemand zur Solidarität oder zu Unterstützung anderer verpflichtet ist. Und „vollständig“ meint „vollständig“: Die Kursteilnehmerin gab weiterhin an: „she had learnt that the North Vietnamese had wanted to be bombed; that a friend of hers who had been raped and murdered also had wished it upon herself; that she had now become fully enlightened, a sort of god; and that whatever you think is true is true, because reason is irrational.“ (ebd.). Bei „est“ wurde einer Holocaustüberlebenden, die an einem Kurs teilnahm, tatsächlich überzeugend beigebracht, nicht Hitler oder die Nazis, sondern sie selbst sei verantwortlich für ihre Erfahrung im Holocaust, denn sie selbst habe diese Erfahrung erschaffen (vgl. Cederström: The Happiness Fantasy, S. 64). Realität ist Anschauungssache, ist postfaktisch – die Ideologie, dass es ein „it“ braucht, das man laut Trump haben muss, um etwas zu werden, beginnt hier. Und um zu diesem „it“ vorzudringen, um Herr über das eigene Potential, den eigenen Willen zu werden, muss sich der Einzelnen von emotionalen Einschränkungen, von Ängsten und negativen Erinnerungen befreien. Genau das lernte man bei „est“: „how to stop being slaves under external circumstances.“ (Cederström: The Happiness Fantasy, S. 63)

Schon früh ließ sich mit dieser Vorstellung von „Glück“ also auf recht krude Weise Geld verdienen – und genauso zügig verband sie sich mit der neoliberalen Firmenkultur im Silicon Valley, in zahlreichen Start-Ups: Der Arbeitnehmer sollte nicht mehr einfach arbeiten, er sollte sich glücklich arbeiten, seine ganzen Potentiale entfalten und einbringen, er sollte auch als Privatperson an der Arbeit teilnehmen. Scheitert ein Arbeitnehmer, so scheitert er als freies Individuum an sich selbst und muss sein Scheitern als Chance sehen, über sich hinauszuwachsen. Der flexible Arbeitsmarkt mit unsicheren Jobsituationen wird in dieser Ideologie zu einem Hort der individuellen Freiheit und der Möglichkeiten zur Entfaltung immer neuer Potentiale. Rauchte man in den 1960ern Cannabis und nahm LSD, um das Bewusstsein zu erweitern und also neue Potentiale zu erschließen, so kokst man heute, um seine Potentiale auch dann noch am Arbeitsplatz ausschöpfen zu können, wenn man eigentlich nicht mehr kann – individuelle, freie Selbstoptimierung ist in arbeitsmarktkonforme Selbstoptimierung umgeschlagen.

Aus den Idealen der Gegenkultur der 1960er, die Freiheit wollte, ist eine kapitalistische Ideologie geworden, die das Individuum zwingt, sich mit dem Ziel, durch Arbeit und Selbstausbeutung glücklich zu werden, jedem noch so miesen Arbeitsverhältnis freudig zu unterwerfen. Sie sind vor allem, so Cederström, zu einer Rechtfertigung für einen narzisstisch-individualistischen Raubtierkapitalismus geworden, in dem eine Rücksichtnahme auf andere hinter dem Ziel der Befriedigung individueller Wachstumsbedürfnisse zurückstecken muss. Die Ideale der Gegenkultur sind zu einer männlichen Vorstellung von Glück geworden, so wie die Ideale der sexuellen Revolution, der freien Liebe bekanntermaßen – auch darauf geht Cederström ein – eben nicht zur Emanzipation der Frau führten, diese vollzog sich erst ab den 1970ern in eigenen Bahnen, sondern vor allem dazu führten, dass Frauen und Männer, die sich klassische monogame Beziehungen wünschten, nun als „spießig“ galten.

„The happiness fantasy, as it brings together the notions of being oneself (without worrying too much about others), pursuing enjoyment (in the form of sleeping with women), and becoming successful through one’s career (achieving positions of power), is a distinctly male fantasy. It is based on entitlement, self-mastery, and selfish accumulation. It is a fantasy that fetishizes the image of the self-made man, and his ability to become great, at the expense of others.“ (Cederström: The Happiness Fantasy, S. 143)

Die Erinnerungen eines ehemaligen Hippies

Wenn nun also Paulo Coelho im Jahr 2018 mit „Hippie“ einen Roman veröffentlicht, der die Erlebnisse Coelhos selbst als Hippie in den 1970ern in Literatur zu verwandeln sucht, wird man gespannt sein dürfen, wie viel dieser Ideologie sich in seiner Darstellung der 1970er findet.

Coelho erzählt in der dritten Person von Paulo, einem jungen Hippie und angehenden Schriftsteller, dessen Erlebnisse mehr oder weniger mit denen Coelhos selbst identisch sein dürften: Er reist zunächst durch Lateinamerika, wird in Vila Velha zusammen mit seiner Freundin von der brasilianischen Polizei entführt und festgehalten, da man beide verdächtigt, kommunistische Untergrundkämpfer zu sein. Kaum freigelassen, trennt sich seine Freundin einfach von ihm, er selbst ist nun traumatisiert, arbeitet sein Trauma aber während einer Zugfahrt durch, um es zu überwinden, später holt es ihn aber, wenn Coelho es eben gerade brauchen kann, doch wieder ein – plausible Figurenpsychologie und Figurenentwicklung interessieren Coelho nicht die Bohne. Paulo reist dann – wie alle Hippies in der Zeit, so der Roman, gemeinerweise aber auch wie alle anderen Touristen, „sogenannte Spießer“ (Hippie, S. 60) – mit Hilfe des Reiseführers „Europe on Five Dollars a Day“ durch Europa, trifft in Amsterdam auf Karla, die eine Reise mit dem „Magic Bus“ plant, der für nur 70 Dollar von Amsterdam bis nach Kathmandu fährt. Paulo entscheidet sich, Karla zu begleiten, die beiden verlieben sich, suchen viel nach sich selbst, haben viele Gefühle und viele Erkenntnisse, irgendwann ist das Buch zu Ende und beide haben sich total weiterentwickelt, aber sind natürlich noch nicht am Ziel angekommen, weil ja der Weg das Ziel ist, yada yada yada.

Man könnte jetzt einiges über die fehlende Dramaturgie dieses Romans schreiben, darüber dass er schlicht sehr langweilig ist, dass er auch sprachlich nur durchschnittlich ist, dass einzelne Handlungsstränge und -ebenen nur holprig aneinandergeklatscht worden sind und – wenig überraschend – der esoterische Kitsch mit Händen zu greifen ist. Aber das wäre banal.

In der Schule des Lebens

Viel interessanter ist die Frage, welche Vorstellungen die Figuren des Romans verkörpern und wonach die suchen. Sie suchen – wenig überraschend – Erkenntnis, Wahrheit, Verbindung mit dem Unendlichen, Freiheit, die Öffnung des dritten Auges, Erweiterung der Wahrnehmung und des Bewusstseins. Auch hier geht es also um eine Entfaltung des vollständigen Potentials des Menschen – deswegen will Karla nach Kathmandu, um dort in einer Höhle zu meditieren, und deswegen will sich Paulo den Derwischen in Istanbul anschließen. Denn Karla weiß: „Ihr scheinbares Ich, das, was man zu sein glaubt, ist nur ein begrenztes und dem wahren Ich fremd.“ (Hippie, S. 75) Es gilt also, das wahre Ich aus seinen Grenzen zu befreien.

Auch hier ist es also das einzelne Ich mit seinem Willen, das die Realität bestimmt: So deutet Paulo seine Entführung durch die brasilianische Polizei bereitwillig als „Strafe der Götter“, „[w]egen all der Traurigkeit, die er hervorgerufen hatte, musste er nackt auf dem Boden einer Zelle mit drei Einschusslöchern in der Wand sitzen.“ (Hippie, S. 50) Er hat sein Schicksal also selbst über sich gebracht – aber kein Problem, denn dann kann er es auch weiterhin steuern: So bemüht er sich während des Verhörs durch die Polizei um Selbstbeherrschung, denn „[n]egative Schwingungen ziehen negative Schwingungen an“ (Hippie, S. 59), und wenn man nur positiv genug herumschwingt, dann wird noch der größte Folterknecht handzahm.

Es geht also – wie Cederström auch schon gezeigt hat – darum, das wahre Ich durch erinnerndes Durchleben negativer Erfahrungen von den „Schrecken der Vergangenheit“ (Hippie, S. 58) zu befreien und alle Angst abzulegen, denn: „Wir können nicht wählen, was mit uns geschieht, aber wir können wählen, wie wir damit umgehen.“ (Hippie, S. 57), verstanden als: Man kann sich von „Leid, Ungerechtigkeit, Verzweiflung und Ohnmacht so auffressen lassen“, dass daraus ein „Geschwür“ wird, das am „Astralleib Metastasen“ (Hippie, S. 58) bildet, oder man kann, einfach so, neu anfangen. Von jetzt auf gleich, indem man die Vergangenheit los lässt. Und: „Alles, was wir uns jetzt vorstellen, wird sich während des Rests der Reise offenbaren.“ (Hippie, S. 139). Diese Ideen der inneren Überwindung der Realität sind – wie auch in den Kursen des Trainingszentrums „est“ – durchaus nicht emanzipativ. Es gibt einen Unterschied zwischen Kants „Ich kann, weil ich will, was ich muss“ oder Schillers „Erhabenem“, beide gehen davon aus, dass das Gegebene bei Anerkennung des Gegebenen überwunden werden muss. Die Vertreter der Happiness Fantasy und die Figuren Coelhos erkennen gar nicht erst an, dass es ein Gegebenes gibt, dass es eine unveränderbare Realität gibt. Realität ist Einbildung (so das Trainingszentrum est) oder aber zumindest durch den Willen beeinflussbar, zumindest aber ein- und ausschaltbar wie eine Taschenlampe.

Einzelne Figuren in „Hippie“, der irische Hippie Ryan und die weibliche Hauptfigur Karla, gehen sogar davon aus, dass es „parallele Realitäten“ gibt, zwischen denen man hin- und herwechseln kann. Insbesondere Karla findet diese parallelen Realitäten so viel interessanter, dass sie die Versuche anderer Figuren, von politischen Realitäten – der langen Unterdrückung der Iren und der Inder durch die Englänger – zu erzählen, zu unterbinden versucht, weil sie Ryan dazu bringen möchte, mehr über die parallelen Realitäten, zu denen er Zugang haben soll, zu erzählen (vgl.S. 139-141; 152-159).

Realitäten, Fakten? Braucht „Hippie“ nicht. Man kann ja auch tanzen, dann ist auch Inhaftierung gleich nicht mehr so schlimm: „Der Tanz verändert alles, fordert einem alles ab, im Tanz sind alle gleich. Wer innerlich frei ist, tanzt, selbst wenn er in einer Zelle oder in einem Rollstuhl sitzt.“ (Hippie, S. 182) Und schließlich kann man die Realität einfach wegträumen, denn: „Ein einfacher Traum ist mächtiger als tausend Wirklichkeiten.“, und: „Das war es, was das System nicht tolerierte, doch am Ende würde der Traum siegen, und zwar noch bevor die Amerikaner in Vietnam besiegt werden würden.“ (Hippie, S. 83) Fiktion schlägt die Realität, Fiktion schaltet Realität ein und aus, alles eine Frage des Willens.

Und nicht nur das: Paulo, der den Tanz der Derwische erlernen möchte und der sich explizit für Istanbul mit seinen Sehenswürdigkeiten genauso wenig interessiert (vgl. Hippie, S. 262) wie für Fakten über die Geschichte Hollands, die man ja ohnehin nur wieder vergisst (vgl. Hippie, S. 120), der stattdessen wie alle anderen Figuren auch lieber ‚authentische‘ Erfahrungen machen will, findet einen alten Lehrer in Istanbul, der ihm empfiehlt, die Dichter zu studieren (ein Schelm, der hier denkt, Coelho sehe sich vielleicht durchaus selbst in der Rolle eines solchen zu studierenden Dichtergurus), ansonsten aber alle Bücher wegzuwerfen, denn der Weg zur „Wahrheit“ ist die „Verrücktheit“ (Hippie, S. 206), während „das Wissen der Menschen […] Wahnsinn vor Gott“ ist (Hippie, S. 288): „Wissen ist eine Illusion, die Ekstase ist Realität. Das Wissen erfüllt uns mit Schuldgefühlen, die Ekstase lässt uns mit jenem eins werden, der das Universum ist“ (Hippie, S. 207). Wie bei „est“ soll Paulo hier erkennen, dass er das Göttliche in sich trägt, dass er eine Art Gott ist.

„Hippie“ ist ein Roman für das postfaktische Zeitalter: Alle Weltanschauungen und Religionen werden hier zu einem großen Brei vermatscht, alle sind irgendwie gleich und enthalten ein Fünkchen Wahrheit, Bücher sind doof (außer Dichtung), die wirklich Wahrheit kann nur im Inneren des Menschen durch Verrücktheit und Ekstase erfahren werden. Schließlich empfiehlt der Lehrer aus Istanbul Paulo noch, ein „Schüler des Lebens“ (Hippie, S. 255) zu werden. Wer schon mal in sozialen Netzwerken unterwegs war, weiß, was das bedeutet: Wenn es einen Typ User gibt, der rationaler Argumentation völlig unzugänglich ist, dann ist es der, der im Profil stehen hat: „Ist hier zur Schule gegangen: Schule des Lebens“. In „Hippie“ ist alles und jeder Quelle von wahrem Wissen – nur nicht die Wissenschaft oder auch nur die Ratio.

Und natürlich wird auch hier der Individualismus gepredigt: Nicht nur sind Menschen, Partner und Freunde hier für alle Figuren beliebig durch andere ersetzbar (vgl. z.B. Hippie, S. 84), sondern irgendwann steht Paulo auch mal etwas zu lange in der Sonne und hat daraufhin eine Erleuchtung, bei der er erkennt: „Geht gemeinsam, trinkt und erfreut euch am Leben, aber haltet Abstand zueinander, damit einer den anderen nicht stützen kann – Stürzen gehört zum Weg, und alle müssen lernen, allein wieder aufzustehen.“ (Hippie, S. 209). Warum sollte man sich auch gegenseitig helfen, wenn doch jeder selbst lernen muss, seine Potentiale frei zu entfalten – das ist exakt die Ideologie, die Cederström in „The Happiness Fantasy“ analysiert, bis zu der Schlussfolgerung, dass Glück das höchste Gut ist: „Der schlimmste Mord ist der, der an unserer Lebensfreude begangen wird.“ (Hippie, S. 63)

Erleuchtung im Konsumtempel

Und so, wie man sich die Selbstfindungskurse an Trainingszentren der 1970er erst einmal leisten können musste, die hier verbreiteten Ideale also die einer privilegierten, westlichen Schicht waren, so sind auch alle Figuren aus „Hippie“ Sprösslinge einer privilegierten Schicht, woraus nirgends ein Hehl gemacht wird. Karla langweilt sich in Amsterdam ob ihrer Sicherheit dort (vgl. Hippie, S. 67), Paulo kommt aus guten Verhältnissen, in die er nach seiner Reise auch zurückzukehren gedenkt, das teure Rückflugticket hat er schon (vgl. Hippie, S. 81), auch die anderen Mitreisenden im „Magic Bus“ – mit Ausnahme von Ryan, der einen wohlhabenden Arbeiterhintergrund hat, seinen Eltern gehört ein Molkereibetrieb, den er erben wird – entstammen der akademischen Oberschicht. Eine französische Journalistin, die eine Reportage über die Hippies schreiben soll, und genau das kritisiert – dass es sich bei den Hippies um gelangweilte Kinder reicher Eltern handelt, die politisch völlig desinteressiert sind, weder an Rechts noch an Links glauben und diejenigen, die sich für eine freiere, gerechtere Gesellschaft einsetzen, verachten (vgl. Hippie, S. 211-213, 218) – wird mit ihrer Kritik als dumm, gar als unredlich desavouiert (vgl. Hippie, S. 216). Wohlgemerkt: Ihrer Charakterisierung der Hippies – dass diese unpolitisch und an sozialer Gerechtigkeit desinteressiert seien – pflichten diese explizit bei. Nur dass sie dies kritisiert, wird als dumm dargestellt.

Und so ist „Hippie“ ein Roman, der politisches Desinteresse propagiert: Weil man ja alles einfach wegträumen kann, weiß Paulo ganz sicher: „Ja, das Morgen würde besser sein, kein Zweifel, trotz allem, was zu Hause in Lateinamerika oder anderswo geschah.“ (Hippie, S. 79) Dazu braucht es keine Politik, innere Gewissheit reicht, wenn diese über positive Schwingungen die Realität kontrolliert. Kommunistische Länder, die der „Magic Bus“ durchquert, interessieren nur insofern, als sie ein Reisehindernis darstellen könnten – was dann nicht der Fall ist, die österreichische Polizei dagegen erscheint als brutaler Störfaktor; ist ja auch egal, ob das eine ein demokratisches und das andere kein demokratisches Land ist, wenn es ohnehin keine Realität gibt. Schließlich kann man gegen die Mächtigen der Welt antanzen (erneut): „Sie tanzten, um die Dämonen zu vertreiben, tanzten, um zu zeigen, dass sie, auch wenn so manche Herren der Welt das nicht wahrhaben wollten, stärker waren als sie.“ (Hippie, S. 171) Ja, da werden die Herren der Welt aber vor Angst gezittert haben.

Und mit den 1968ern haben die Hippies ohnehin nichts zu tun (vgl. Hippie, S. 169), Jaques, ein Mitreisender im „Magic Bus“ und ehemaliger Marketindirektor, der auch noch auf die dezent kapitalistische Idee kommen wird, dass das, was Istanbul wirklich braucht, ein Tourismusbüro ist („Hippie“ als Geschichte der Entdeckung des Massentourismus hat sehr aufschlussreich Lothar Müller hier untersucht), hat ohnehin kein Verständnis für die Proteste von 1968, Streiks und Arbeitskampf, denn „[d]er Pariser lebte in einem privilegierten Land, in dem die jungen Menschen alles hatten, was sie wollten, und die Erwachsenen bei entsprechend harter Arbeit mit einer guten Rente rechnen konnten“ (Hippie, S. 227). Ja, wenn man einfach ganze Gesellschaftsschichten ausblendet, mag das stimmen.

Und das wird auch seine Tochter Marie, die mit ihm zusammen im „Magic Bus“ reist und Politikwissenschaft studiert hat, noch erkennen: Auf einem LSD-Trip, der ihr Bewusstsein erweitert, schwört sie dem Maoismus und jedem politischen Engagement ab, erkennt dies als Irrweg (vgl. Hippie, S. 273f.), und das bezeichnenderweise im Basar von Istanbul, den sie während ihres LSD-Trips als „wunderschön“ und als „Konsumtempel“ (Hippie, S. 272, 275) erkennt. Nahmen die Hippies in der Gegenkultur 1960 also Drogen zur Bewusstseinserweiterung, so führt 2018 in Coelhos „Hippie“ der LSD-Trip zu der Erkenntnis, dass Politik falsch, Konsum aber heilig und wunderschön ist, zudem erkennt Marie, dass sie endlich frei ist (vgl. Hippie, S. 275) und dass sie in Zukunft ein Alltagsleben als nützlicher Teil der Gesellschaft leben will, weswegen sie nie wieder LSD nehmen will. Denn sie erkennt die Folgen, die es hätte, wenn alle LSD nehmen würden: „Die Autos würden nicht mehr fahren. Die Flugzeuge nicht mehr starten. Es würde weder gesät noch geerntet werden – es gäbe nur Begeisterung und Ekstase. Was anfangs ein reinigender Wind wäre, würde dereinst wie ein Tsunami die Auslöschung der Menschheit herbeiführen.“ (Hippie, S. 282) Zudem hat sich schon weiter vorne im Roman Paulo gewünscht, dass die Polizei doch – so toll LSD ist – in Amsterdam viel härter gegen Drogensucht durchgreifen und alle, die mit Drogen zu tun haben, von der Gesellschaft fern halten sollte (vgl. Hippie, S. 117), so viel Obrigkeitsstaat und Ordnung muss in der Rebellion schließlich möglich sein. Die Hippies der 1960er erscheinen bis Coelho im Jahr 2018 ungefähr genauso rebellisch wie ein sich mit Koks selbstoptimierender Börsenmarkler. Prima!

Männer finden sich selbst, Frauen finden einen Mann

Wie oben bereits angemerkt, ging es bei der sexuellen Revolution und der „freien Liebe“ nicht so sehr um die Emanzipation der Frau, geschweige denn um eine Revision stereotyper Geschlechterrollen. Hier dürfte „Hippie“ von Coelho durchaus das Denken der 1960er/70er spiegeln, gerade dann, wenn Coelho schreibt, viele wollten damals Hippies werden, weil über sie „das Gerücht umging, dass die Mädchen immer bereit seien, mit dem Erstbesten Sex zu haben“ (Hippie, S. 98). Aber es ist doch ein bisschen sehr bedauerlich, wenn man 2018 so altbackene Sachen lesen muss.

Zwar schreibt Coelho, dass 1970 die Frauen geherrscht haben (vgl. Hippie, S. 17), aber nur, um die so behauptete Emanzipation dann permanent zu unterlaufen. Man kann beispielsweise den ganzen Roman lesen und weiß am Ende, dass Paulo schlank ist, dunkle Augen und dunkle lange Haare hat – über Karla weiß man, dass sie keinen BH trägt, obwohl sie keine kleinen, dafür sehr schöne Brüste hat, zudem ist sie „das zweitschönste Mädchen im Bus“ (Hippie, S. 181), und sie hat lange Haare und trägt Hippie-Kleider. Wie ihr Gesicht aussieht, ist nicht überliefert, dafür ist die „Göttin“ im „Magic Bus“ Mirthe, die Freundin von Ryan, von der man aber eben nur erfährt, dass sie „perfekte[] Proportionen“ (Hippie, S. 147) hat. Das reicht ja auch als Figurenbeschreibung eigentlich, zumindest bei Frauen, anscheinend. Ein ähnliches Schönheits-Ranking der männlichen Figuren findet natürlich nicht statt.

Leider ist Karla aber genau so, wie eine Frau Coelho zufolge wohl nicht zu sein hat, nämlich kritisch, selbstbewusst, entschieden, weswegen er schon mal Dinge festhält wie: „Die zweite Muse des Omnibusses musste mal wieder zeigen, dass sie den dünnen Brasilianer unter ihrer Fuchtel hatte.“ (Hippie, S. 186) Aber Paulo, der dünne Brasilianer, ist – da hat sie aber Glück gehabt – sehr nachsichtig: „So sehr sie sich auch bemühte, nervig zu sein, er empfand eine tiefe Achtung für sie.“ (Hippie, S. 193) Auch Jaques findet Karla störend, weil sie immer versuche, klüger und gebildeter als alle anderen zu sein (vgl. Hippie, S. 271), und wo kämen wir denn hin, wenn Frauen das plötzlich dürften. Das merkt auch Karla mehrfach, also natürlich: Dass die Männer recht haben und mit ihr einfach was nicht stimmt. Denn nachdem Paulo mit den Anhängern von Hare Krishna getanzt hat und sie nicht mitgemacht hat, bereut sie dies: „Ich hätte es am liebsten auch gemacht, aber mein Wunsch, mich als starke Frau zu geben, hat mich davon abgehalten.“ (Hippie, S. 102). Und später denkt sie über sich nach und merkt: „Doch sie hatte es satt, sich immer stark und mutig zu zeigen, und konnte ihre ständige Aggressivität, ihr permanentes Konkurrenzdenken nicht mehr ertragen.“ (Hippie, S. 195)

All das sind aber natürlich Eigenschaften, die Männer haben müssen. So ärgert es Karla, dass sie – bis Paulo kam – „nur auf feige Jungs getroffen“ ist, die sich nur trauen, sich „frei zu fühlen, sofern sie sich in sicherer Nähe von Mutters Rockzipfel befanden.“ (Hippie, S. 122) Männer müssen nämlich mutig sein, findet Karla (vgl. Hippie, S. 196).

Aber kein Problem, es gibt ja so etwas wie Figurenentwicklung, und dank des Mannes Paulo kann sich die nervige Karla auch entwickeln: Karla gesteht nämlich Paulo, dass sie ihn liebt, er denkt sich „Ne, ich dich nicht“, sagt ihr das aber nicht, sondern schläft lieber trotzdem mit ihr, und dabei findet sich Karla dann selbst: „Sie hatte sich ihr Leben lang ein in Liebe entflammtes Herz gewünscht, und der Mann, der in diesem Augenblick in ihr war, hatte ihr dies gegeben.“ (Hippie, S. 285) Fortan ist sie fröhlich, strahlend, ausgeglichen, wird von einer neuen Leichtigkeit umgeben, nervt nicht mehr, ist nicht mehr dominant, auch Jaques bemerkt die positive Veränderung, kurz: Sie ist „wahrhaftig eine Frau geworden“ (Hippie, S. 285). Auch dass Paulo sie nicht liebt und sie verlässt, verzeiht sie ihm ohne Vorwürfe, so sind echte Frauen eben, so ist wahre Liebe eben, jedenfalls bei Frauen.

Dass ist keineswegs ein Einzelfall in „Hippie“: Auch Mirthe – zur Erinnerung: die mit den guten Proportionen – findet durch den Mann zu sich, wie Karla (vgl. Hippie, S. 264). Weil sie weiß, dass Ryan seine Seele in Nepal suchen muss, lässt sie ihn ziehen, traut sich aber nicht ihm zu sagen, was sie schon weiß, nämlich: „Meine Seele bist du.“ (Hippie, S. 158) Der Mann findet sich also selbst, Ryan kommt „als Mann zurück“ (Hippie, S. 159) aus Nepal, die Frau dagegen findet sich im Mann, und die Frau muss entsagend, genügsam, leidensbereit lieben (vgl. Hippie, S. 290).

Das gilt sogar für Marie, die auf LSD die Schönheit des Konsums erkannt hat und sich von politischen Engagement befreit hat: Sie erkennt auf LSD ja nicht nur, dass sie ein nützliches, alltägliches Leben führen will, Nein, sie erkennt vor allem, dass sie ab jetzt ihren Vater Jaques bei seiner Selbstverwirklichung – wie Paulo will der Schriftsteller werden – unterstützen will, danach kann sie ja immer noch heiraten, auch wenn sie das bislang nie in Betracht gezogen hatte (das steht da wirklich so, inklusive des Zusatzes, dass sie bislang eigentlich nicht vor hatte, zu heiraten; vgl. Hippie, S. 281). Eine Bestimmung findet die Frau also immer im Mann.

Wie geschrieben: Darin dürfte sich durchaus das Frauen- und Männerbild der 1960er/70er spiegeln. Aber ob das 2018 noch sein muss? Und völlig unkritisch gibt „Hippie“ auch wieder, was „freie Liebe“ für Frauen mitunter auch bedeutet hat, denn als Ryan mit Karla flirtet, wird Mirthe immer „unsicherer und wütender […] – selbstverständlich ohne etwas davon zu zeigen, weil dies als Zeichen von mangelndem Selbstbewusstsein hätte gewertet werden können.“ (Hippie, S. 143)

Sensationell ist übrigens auch Karlas rebellische Zukunftsvorstellung: Ihren Wunsch, nach Nepal zu reisen, begründet sie folgendermaßen:

„Naja – eines Tages werde ich alt und dick sein, einen eifersüchtigen Ehemann und Kinder haben, die mir nicht erlauben werden, etwas für mich zu tun. Außerdem einen Bürojob, bei dem ich jeden Tag das Gleiche machen muss. Und ich werde mich an die Routine, an die Bequemlichkeit, an den Ort gewöhnen, an dem ich lebe. Nach Rotterdam kann ich später immer noch zurückkehren und auch die Segnungen der Arbeitslosenversicherung genießen, die unsere Politiker uns zugestehen. Auch Vorsitzende von Shell oder Philips oder der United Fruit kann ich noch werden, weil ich Niederländerin bin und diese Firmen nur Niederländer in höhere Positionen befördern. Aber nach Nepal reisen kann ich nur jetzt oder nie mehr“ (Hippie, S. 100).

Die Gegenkultur der Hippies hat es bei Coelho wirklich darauf abgesehen, die Gesellschaft grundlegend zu verändern. Zumindest für sich selbst, in der Jugend, bis man ins Berufsleben eintritt und von etablierten Diskriminierungsstrukturen profitieren kann. Lustigerweise zeigt Coelho selbst im Epilog, in welche Gegenwart das, wovon er aus dem Licht dieser Gegenwart heraus erzählt, geführt hat: Die Jugendherberge in Amsterdam, in der der junge Paulo übernachtet hat, ist heute ein Luxushotel, die moderne Fassung von „Europe on Five Dollars a Day“ heißt „Europe on Thirty Dollars a Day“ (Hippie, S. 295). Immer wieder ist in „Hippie“ die Rede davon, dass die Figuren sich bemühen, ihren Kopf zu leeren. Man möchte fast meinen, den Kopf des Lesers vollständig auszuleeren, könnte auch das erklärte Ziel Coelhos mit seinem Roman sein.

Cederström dagegen setzt an das Ende seines Buches eine feministische „Happiness Fantasy“, in dem Wissen, dass diese utopisch ist: „Instead of a happiness fantasy based on the notion that we should win ourselves and become authentic, we could perhaps imagine a happiness fantasy in which we lose ourselves and become inauthentic. We would lose ourselves in the sense of acknowledging our fundamental dependency on others, including people we will never get to meet or know.“ (Cederström: The Happiness Fantasy, S. 152). Das ist wenigstens ein Vorschlag, über den man diskutieren kann.

(Beitragsbild von Vasilios Muselimis auf unsplash.com)

1 Kommentar

Sieben Schwierigkeiten und einer der immer schmaler werdenden Pfade (Gastbeitrag von Selim Özdoğan)

Gastbeitrag von Selim Özdoğan / Dieser Text enstand im Rahmen des Autorensymposiums Atelier NRW und erscheint in leicht abweichender Form in Sprache im technischen Zeitalter.

 

1 Die Geschichte mit der Herkunft.

1.1

“Bin dafür, dass wir alle Leute mit reichen Eltern ein Jahr lang keine Romane veröffentlichen lassen und dann nochmal schauen, wie der Buchmarkt aussieht.”

Tweet von Matthias Warkus, 12. Juni 2018, 352 Gefällt mir Angaben, 52 Retweets.

1.2

Man kann niemandem seine Herkunft vorwerfen.

Herkunft ist kein Kriterium literarischer Qualität.

1.3

Literatur entsteht hauptsächlich in einer bildungsbürgerlichen Mitte und das wird weiterhin so bleiben.

1.4

Autoren, die eine andere soziale Klasse als die ihrer Herkunft beschreiben, kennen sie häufig aus eigener Anschauung.

1.4.1

Autoren wie Hans Fallada oder später Jörg Fauser stammen aus Elternhäusern, in denen Bildung vermittelt wurde.
Es war ihre Drogensucht, die dazu geführt hat, dass sie sich in anderen Milieus bewegt und darüber geschrieben haben.

1.4.2

Ralf Rothmann stammt aus dem Arbeitermilieu, über das er viel geschrieben hat. Er ist einer der wenigen Autoren der letzten 100 Jahre, die aus dieser Schicht kamen und anerkannte Schriftsteller wurden, ohne dass ihnen der Nimbus des Proletenhaften, des Hofnarren, des Anrüchigen anhaftete.

Autoren, die aufgrund von Tätowierungen, Hilfsarbeiten oder Hartz 4-Vergangenheit als Repräsentanten einer anderen Welt gelten, aber eigentlich aus Elternhäusern mit Bibliotheken stammen, halten wir uns immer wieder mal.

(„Wir“ meint in diesem Text nicht eine Gruppe von Personen, sondern Strukturen eines Betriebs, unabhängig davon, wer sie gerade am Leben hält oder gegen sie ankämpft.)

Vielleicht ist es eine Art Sidney-Poitier-Effekt. Man kann einem Schwarzen einen Oscar geben, um zu zeigen, dass man das ja auch tut. Und den Rest ignorieren.

1.5

Es braucht kein eigenes Erleben, um aus einem bestimmten Milieu zu berichten, doch es braucht eine Haltung. Empathie und Voyeurismus sind zwei mögliche. Dazu mehr bei 5.3.

1.6

Die Furcht vor dem Abstieg ist größer geworden in einer Welt, in der immer mehr von der Kaufkraft des Individuums abhängt, seinem Image und seinem Status.

Es hat in den letzten dreißig Jahren keinen deutschen Schriftsteller gegeben, der einen Wechsel in eine andere Schicht auch nur in Kauf genommen hätte. Wer heute drogensüchtig wird, berichtet von seinen Erlebnissen in einer Entzugsklinik in Beverly Hills. Schlimmstenfalls lebt man als akademischer Geringverdiener in einem bislang nicht gentrifizierten Viertel, stopft Löcher mit dem Geld aus Papas Tasche und versucht es als Quereinsteiger, sollte auch dieser Strick mal reißen.

1.7

Sozialer Aufstieg ist schwer.

Sozialer Aufstieg in die Literatur, ohne Ghettoromantik zu bedienen, noch schwerer.

2 Die Geschichte mit der Normsprache.

2.1

Wir erwarten, dass jede Autorin die Normsprache beherrscht. Wir betrachten es als legitim, Jargon, Umgangssprache, Mundart und Ähnliches in literarischen Texten zu verwenden, setzen aber voraus, dass diese Mittel bewusst gewählt werden.

H.C. Artmann durfte in Mundart schreiben und mit der Sprache spielen, weil wir wissen, dass er Dudendeutsch konnte.

2.1.1

Das Etikett Gastarbeiterliteratur hat man Texten aufgeklebt, die wir als authentischen Versuch der Beschreibung einer Lebenswelt wahrgenommen haben, aber aufgrund mangelnder ästhetischer Qualität nicht so richtig der Literatur zurechnen wollten. Befindlichkeitsprosa ohne künstlerischen Mehrwert.

Deutsch war meist die zweite oder dritte Sprache dieser Autoren. Wie hätten sie mit jemandem konkurrieren können, dessen Muttersprache Deutsch war.

2.1.2

Gastarbeiter. Fremdarbeiter hatten die Nazis schon belegt. Also brauchte es ein neues Wort.

Wo hat man schon mal gesehen, dass man seinen Gast für sich arbeiten lässt?

2.2

“Man,echt,Twitternazis,zum hundertsten Mal: lernt Rechtschreibung.Hört auf die Timelines anderer Leute zuzumüllen, während Ihr nichtmal „Amazon“ richtig schreiben könnt.Was ist „AMASON“?!Was ist „stärbenslangweilig“?Und was bedeutet „dir zaig ich‘s noch!“?! Echt.Löscht Euch.Danke.”

Tweet von Igor Levit, 30 August 2018, 181 „Gefällt mir“-Angaben, 11 Retweets.

Wer Sprachkompetenz bemängelt, möchte keine inhaltliche Auseinandersetzung, sondern diffamieren und ausgrenzen.

2.2.1

Es ist bekannt, dass F. Scott Fitzgerald große Probleme mit der Rechtschreibung hatte. Niemand glaubt, das hätte ihn zu einem schlechteren Schriftsteller gemacht.

2.3

Über den Autor des Romans Sagt Lila weiß man nichts. Das Manuskript (handgeschrieben in Schulheften) wurde dem Verlag über einen Anwalt angeboten. Heißt es. Möglich, dass das nicht stimmt.

Es sind Fehler in diesem Roman, in dem eine Geschichte aus einem Pariser Banlieue erzählt wird. Grammatische, orthographische und Fehler im Ausdruck. Das Vokabular ist beschränkt. Doch die Auffassungsgabe des Erzählers und seine Fähigkeit, Bilder für sein Innenleben zu finden, machen dieses Buch zu Literatur.

2.4

Der Israeli Tomer Gardi hat sich dafür entschieden, ein Buch auf Deutsch zu schreiben, im vollen Bewusstsein, dass sein Deutsch sich von dem eines Muttersprachlers unterscheidet.

Einen Auszug aus dem Buch Broken German hat er 2016 in Klagenfurt gelesen. Die anschließende Jurydiskussion demonstrierte, wie sieben Menschen, die sich seit Jahren hauptberuflich mit Literatur beschäftigen, völlig unfähig sind, über einen Text zu sprechen, weil er von der Normsprache abweicht und sie vermuten dass der Autor dies auch tut.
Der Text arbeitet eindeutig mit literarischen Mitteln.

2.5

Wir beanspruchen die Deutungshoheit darüber, wer die Sprache beherrscht. Alle anderen Sprachformen neben der Normsprache werden herabgestuft.
Sprache dient als Herrschaftsinstrument.

Wir bejammern die Verrohung der Sprache, die Anglizismen, die fehlenden Artikel, die Verkürzungen, die Auslassungen, die Vulgarität, die Unfähigkeit, einen geraden Satz zu bilden, der womöglich auch noch mehrere Nebensätze hat.

Wir übersehen dabei, dass Texte über literarische Qualitäten verfügen können, auch wenn sie von Menschen geschrieben wurden, deren Sprache nicht Normdeutsch ist.

2.6

Sprache ist lebendig, das heißt, sie verändert sich ständig. Sie lebt von der Vielfalt. Die Deutungshoheit über sie haben zu wollen, schränkt die Lebendigkeit, die Vielfalt nicht ein, verwehrt aber anders Sprechenden und Schreibenden den Zugang zur Literatur.

2.7

Ohne die Eintrittskarte Normdeutsch kommst du nicht rein. Egal, wie viel du von Dramaturgie verstehst, von Dramatisierung, von Metaphern, vom glaubhaften Abbilden von Innenwelten, von Spannung, von Tragik, von Komik, von Psychologie, von Figurenführung, von Aufbau, von Komposition, von Mehrdimensionalität von Texten.

3 Die Geschichte mit den Kritikern.

3.1

Es braucht viel Lektüre und viel Zeit, um Kritikerin zu werden.

Wie jeder, der eine Arbeit macht, die in der Öffentlichkeit sichtbar ist, möchte die Kritikerin Anerkennung: Für ihr Urteil, für ihr literarisches Verständnis, für ihren Blick für das Handwerk, für ihre Expertise.

Sie ist allerdings nur Expertin innerhalb ihres Lektürehintergrundes. Außerhalb kann sie keine sicheren Urteile fällen.

3.1.2

Der Kritiker könnte bei der Beurteilung des Textes Unsicherheit einräumen. Würde sich damit aber sein hart erarbeitetes Expertentum quasi selbst absprechen.
Stattdessen wird er wahrscheinlich weiterhin die gewohnten Kriterien anwenden. Zum Beispiel das Beherrschen der Normsprache. Die Referenzen an den Kanon.

3.1.2.1

In den 60er-Jahren hat es den Versuch gegeben, Phänomene der Popkultur in der Literatur zu verarbeiten und Hierarchien aufzuweichen. Zum Beispiel unseren Dünkel gegenüber Comics.

In den 90er-Jahren verschoben sich die Inhalte der Popliteratur. Während man in den 60ern versucht hatte, die Literatur für neue Bereiche zu öffnen, nutzte man in den 90ern die neu gewonnenen Bereiche dazu, sich abzugrenzen, indem man Geschmacksurteile fällt. Auf einmal ging es darum, warum man nicht Tina Turner hören konnte, und nicht darum, dass Pop insgesamt nicht minderwertig war.

Der Kritiker ist ebenfalls ständig damit beschäftigt, Grenzen zu ziehen, zwischen gut und schlecht, zwischen Sprachkompetenz und mangelnder Kenntnis, zwischen authentisch und konstruiert, zwischen preiswürdig und unterhaltungsverdächtig.

Natürlich gefällt ihm die neuere Popliteratur besser.

Natürlich gefallen ihm Grenzen, weil sie Selbstverortung vereinfachen.

3.2

Die Kritik bescheinigt gerne Authentizität, wenn Texte in einem anderen sozialen Milieu spielen als jenem, in dem die Kritiker sich bewegen. Was in der Regel auch jenes ist, aus dem sie stammen. Die Geschichte mit der Herkunft gilt für Autoren und Kritiker gleichermaßen.

Es ist das eine Mal, dass sie als Experten außerhalb ihres Fachgebietes in Erscheinung treten. Siehe dazu auch Punkt 6, die Geschichte mit der Authentizität.

4 Die Geschichte mit den Pförtnern.

4.1

Der erste in der Familie, der studiert, geht in der Regel nicht nach Biel, Hildesheim oder Leipzig, um Literatur zu studieren, sondern versucht es mit BWL, Jura oder Medizin.

Menschen, die glauben, man sei da frei in der Wahl, sind in der Regel nicht von einem Wertesystem in ein anderes gewechselt und nicht in der Lage, die Schwierigkeiten zu sehen.

4.2

Ich habe nie eine dieser Schreibschulen von innen gesehen, aber ich kenne einen Absolventen ganz gut und einige andere leidlich. Viele sind am Ende nicht Autoren geworden, sondern Literaturvermittler unterschiedlichster Art: Lektoren, Redakteure, Veranstalter, Kritiker.

Gebiete, auf denen man mehr Deutungshoheit gewinnt als mit dem Verfassen von Romanen. Und weniger Gefahr läuft, in die akademische Prekariatsblase zu rutschen.

Das muss nicht das Motiv für die Entscheidung gewesen sein, nicht Autor zu werden, doch diese Entscheidung hilft – ob man will oder nicht –, bestehende Machtstrukturen weiter fortzuschreiben.

4.3

Das Beste, was eine Lehrerin tun kann, ist sich selbst überflüssig zu machen. Schüler heranzubilden, die ihr in nichts nachstehen.

4.4

Das Klügste, was eine Institution tun kann, ist sich der eigenen Bedeutung zu vergewissern.

Genau wie ein Kritiker.

Weder Institutionen noch Kritiker sind bestrebt, sich selbst überflüssig zu machen.

4.4.1

Institutionen brauchen sich selbst nicht überflüssig zu machen, weil sie immer Nachschub bekommen. Es liegt in der Natur jeder Schule, Schüler in ein Wertesystem einzugliedern, das sie selbst miterschafft. Ein Lehrer kann diese Werte in Frage stellen, die Institution selbst kann das nicht.

4.5

Maren Kames, Hildesheim-Absolventin, hat ein Vorwort für eine jährlich veröffentlichte Hildesheimer Anthologie geschrieben, das dort jedoch nicht veröffentlicht wurde.

Darin schreibt sie: Ich habe in Hildesheim übers Schreiben nichts gelernt.

Und: Wenn ich sage, ich wisse nichts im Schreiben, es finde sich oft Nichts und selten Stabiles, meine ich das nicht weinerlich, sondern nüchtern.

Dazu später mehr in 7, der Geschichte mit dem Vorwissen.

Was auch immer die Verantwortlichen dazu bewogen haben mag, das Vorwort abzulehnen, Souveränität und die unerschütterliche Überzeugung von der eigenen Wichtigkeit können es nicht gewesen sein.

4.6

Der Literaturagent ist ein Zwischenhändler. Einer, der eine Vorauswahl trifft, die möglicherweise weder im Interesse der Verlage noch der Lesers ist. Wer weiß das schon so genau?

Er ist ein weiterer Schleusenwärter, der die Möglichkeit hat, den Aufstieg eines Autors zu erschweren, der aufgrund seiner Herkunft wenig Kontakte zum Kulturbetrieb mitbringt.

4.7

Wessen Vater mit Programmleitern von Verlagen essen geht, braucht sich um 4.6 nicht zu sorgen.

5 Die Geschichte mit dem Personal.

5.1

Hat Selim nicht aufgepasst? Da ist doch lauter Personal aus den unteren Schichten in den Romanen der letzten Jahre. Der goldene Handschuh, Hool, Ellbogen, um nur drei der bekannteren zu nennen.

5.2

Hans Fallada schreibt zu Wer einmal aus dem Blechnapf fraß:

Nicht aus Freude am Abenteuerlichen, nicht als echte Milieuschilderung wirklicher ‚Unterwelt‘ wird der Roman geschrieben, sondern um zu zeigen, wie der heutige Strafvollzug und die heutige Gesellschaft den einmal Gestrauchelten zu immer neuen Verbrechen zwingt.

Der Autor interessiert sich nicht für die Kriminalität, sondern für seine Figuren und die Strukturen in der Gesellschaft. Er führt seine Figur nicht vor, lässt ihr ihre Würde.

5.3

In den neueren Romanen interessiert die Figur aus der Unterschicht meist als Delinquent. Pow, da hat er jemandem in die Fresse geschlagen. Wups, da hat sie jemand auf die Gleise geschubst. Ach, da hat er wieder viel getrunken, wie die Unterschichtler es halt so tun, und ist dann brutal geworden.

Es gibt ein voyeuristisches Element, ein Ausstellen von Figuren ohne jegliche Empathie, eine Bestätigung von Klischees.

5.4

Das Personal aus der Unterschicht interessiert nicht als ein Nebenprodukt, das diese Gesellschaft nunmal hervorbringt, sondern als eine Art Freak, der aus der Art geschlagen ist, ohne dass jemand etwas dafür kann, und den man nun bestaunt.

5.5

Mir fällt nur ein Roman ein, der eine Unterschicht nach der Jahrtausendwende beschreibt, ohne voyeuristisches Interesse und ohne Absicht, die Lust am scheinbar Authentischen zu befriedigen. Man Down von André Pilz, ein Roman, in dem Kriminalität das Nebenprodukt der Bedingungen ist, die die Mehrheitsgesellschaft diktiert.

André Pilz ist den wenigsten ein Begriff.

6 Die Geschichte mit der Authentizität.

6.1

Die Kritik bescheinigt Romanen, deren Personal keine Privilegien besitzt, gerne Authentizität. Woher sie die Vergleichsmöglichkeit hat, um diese Bescheinigung auszustellen, bleibt schleierhaft. Und warum das ein Kriterium für Literatur sein sollte, auch.

6.2

Senthuran Varatharajah sagt dazu:

Authentizität als literarisches Kriterium […] ist die Bestätigung dessen, was ich immer schon gewusst habe, über Menschen, von denen ich nichts weiß und nichts wissen möchte. Es ist ein Synonym für Ressentiment.

6.3

Wolf Wondratscheck hat Karasek mal mit Prügeln gedroht. Nein, hat er nicht. Er hat nur gesagt, er bedaure, dass sie Zeiten vorüber sind, in der man derlei Dinge (einen Verriss für Einer von der Straße) vor der Tür unter Männern regelt. (Diese Zeiten hat es natürlich nie gegeben, selbst Hemingway hat keine Kritiker geschlagen, sondern nur Kollegen.)

6.4

Ich haue gerne jedem aufs Maul, der nochmal was von authentisch faselt, wenn er einen Roman bespricht, in dem Menschen vorkommen, mit denen er nie redet.

6.5

Der Ausdruck im Gesicht eines Menschen, der gerade hart geschlagen wurde, ist immer authentisch.

6.6

Ich war seit 25 Jahren nicht mehr beim Boxtraining, traue es mir nicht mehr zu und versuche Gewalt zu vermeiden, wo immer es geht.

Aber die bloße Androhung wirkt schon authentisch, oder?

7 Die Geschichte mit dem Vorwissen.

7.1

Leonard Cohen zitierte häufiger den kanadischen Dichter Irving Layton, der gesagt hat: Zwei Eigenschaften sind für einen jungen Dichter von größter Bedeutung – Arroganz und Unerfahrenheit.

7.2

Sagt Lila (siehe 2.3) wurde in Schulhefte geschrieben und war möglicherweise nie für eine Veröffentlichung gedacht. Zumindest war die Veröffentlichung unwahrscheinlich, sofern es sich nicht um einen Marketingzug handelte.

7.3

Kreativität entsteht auch aus Unwissen. Unwissen darüber, wo die Grenzen liegen. Unwissen darüber, was die richtige Technik ist. Unwissen darüber, wie ein Text eigentlich funktioniert.

7.4

Unwissen darüber, wie die betrieblichen Strukturen aussehen. Unwissen darüber, wie Preise, Stipendien und Ehrungen vergeben werden. Unwissen darüber, wo die richtigen Schaltstellen sind.
Diese Art von Unwissen ist sicher hinderlich, aber sie geht Hand in Hand mit dem Unwissen, wie schnell man zermahlen werden kann. Dieses Unwissen macht Mut und zwingt einen, mit eigenen Augen nach Optionen zu suchen, und bietet mehr Möglichkeit, Strukturen zu hinterfragen, weil man sie erst mühsam erlernen muss.

7.5

Ich habe den Eindruck, jeder der Autoren, die heute auf den Markt drängen, kennt sich nicht nur bestens aus mit seinen Bedingungen, mit Preisen, Stipendien, hilfreichen Beziehungen, den Schreibschulen und Selbstvermarktung, sondern auch mit literarischen Techniken, mit Autorenwerkstätten, in denen an Texten geschmiedet wird, bis sie jegliche Hitze verloren haben.

7.6

Das Wissen, das erworben wird, ist im Hinblick auf die Literatur eine Illusion. Siehe 4.5

Siehe auch die acht Regeln von Kurt Vonnegut zum Schreiben, die mit dem Nachsatz enden, dass große Schriftsteller dazu neigen, all diese Regeln zu brechen.

7.7

Ohne das Wissen kann man heutzutage kaum noch einen Vertrag bekommen.

8 Die Geschichte mit der eigenen Biographie.

Meine Großmutter väterlicherseits hat erst nach ihrem 40. Lebensjahr zu lesen und zu schreiben gelernt. Es war ihre einzige Möglichkeit, Kontakt zu halten mit meinem Vater, der in Deutschland Gast war, aber trotzdem arbeiten musste. Meine andere Großmutter war Analphabetin. Meine beiden Großväter nicht. Oder irgendwie schon. Denn sie hatten Lesen und Schreiben gelernt, bevor die lateinische Schrift in der Türkei eingeführt wurde.

Ich bin in den 70ern aufgewachsen, in einer Zeit, in der man mit einem durchschnittlichen Gehalt noch eine Familie ernähren konnte. Meine Eltern haben beide gearbeitet, wir waren nicht reich, wir hatten aber mehr Geld als die meisten in unserer Nachbarschaft.

Mein Vater hat immer gesagt: Lesen bildet. Und: Für Bücher gibt es immer genug Geld in diesem Haus.

Wir hatten vielleicht 40, 50 Bücher daheim und ich habe meinen Vater fast täglich mit einer Zeitung in der Hand gesehen, aber selten mit einem Buch. Er behauptete, früher viel gelesen zu haben, und die Sätze, die er manchmal zitierte, fand ich später bei Dostojewskij, Hamsun und London.

Ich durfte mir so viele Bücher kaufen, wie ich wollte. Von denen, die im großen Supermarkt bei den Schreibwaren auslagen. Als ich das erste Mal eine Buchhandlung betrat, war ich 13. Ich hatte einen Ausweis für die Stadtbücherei, war aber schon auf der weiterführenden Schule, als ich feststellte, dass es nicht nur den Bus der Bücherei gab, der einmal die Woche kam, sondern auch noch eine Niederlassung direkt im benachbarten Stadtteil.

Niemand lenkte oder beeinflusste mich in meinem Lesen. Meine Eltern wussten nicht, was ich las. Sie wussten auch sonst so einiges nicht. Sie konnten mir nicht bei den Hausaufgaben helfen. Sie konnten mir keine Wörter erklären, die ich nicht kannte.

Aber es war nicht nur die Sprache, die fehlte. In dem Viertel, in dem wir lebten, gehörten Diebstähle im Kiosk, frisierte Mofas, heimlich rauchende Kinder, beim Fußballspielen zerschossene Fenster und Prügeleien zum Alltag. Manche Eltern schwankten auf den Schulfesten in der Grundschule, weil sie zu viel getrunken hatten.

Ich sah, wie Freunde geschlagen wurden, weil ihr Ball unter ein fahrendes Auto geraten und geplatzt war. Ich lernte, Verkäufer abzulenken und was Hausverbot bedeutete. Ich musste Kölsch wenigstens verstehen, weil es wichtig war zu wissen, wann man beschimpft wurde.

Ich lernte Dinge, die man lernt, wenn man in so einem Viertel lebt.

Doch alles, was ich über Literatur wusste, hatte ich aus den Büchern, die ich las.

Ich lernte Fremdwörter mit einem Taschenlexikon, das ich mir dafür kaufte, weil ich begriff, dass es mir der Zugang zur Literaturwelt erschweren würde, wenn ich Wörter nicht verstand.

Ich wusste, es gibt Manuskripte und Verlage machen daraus Bücher. Ich ahnte, dass man in Literaturkreisen Fremdwörter kennen muss. Damit war mein Wissen über den Literaturbetrieb erschöpft.

Ich schickte mit Anfang zwanzig Manuskripte an Verlage. In manchen Büchern stand die Verlagsanschrift drin, die Adressen anderer Verlage fragte ich in der Buchhandlung nach.

Vor der ersten Veröffentlichung bekam ich dutzende Formbriefe als Absagen, einige davon mit dem handschriftlichen Vermerk, dass der Titel toll sei. Die Absagen frustrierten mich nicht. Siehe 7.1, Unerfahrenheit und Arroganz.

Ich entwickelte den Ehrgeiz, von jedem deutschsprachigen Verlag eine Absage zu erhalten. Jedem. Ich denke, man bekommt eine Ahnung von meiner Ahnungslosigkeit.

Als später mein erster Roman erschien und sich alle im Verlag freuten, weil ich eine positive Besprechung in der NZZ hatte, wusste ich nicht, was die NZZ war und warum alle wegen einer Zeitungsrezension so aus dem Häuschen waren.

Ein Buch hatte zum nächsten geführt, ich war durch Buchhandlungen und die Regalreihen in der Bücherei gestolpert, ich hatte nie Rezensionen in Zeitungen gelesen oder gar von Literaturbeilagen gehört. Ich bezweifle, dass ich von den beiden Messen wusste.

Heute erscheint mir der Weg, den ich gegangen bin, völlig unwahrscheinlich. Ich bin dankbar, dass ich den Worten und ihrem Klang so weit folgen konnte.
Vielleicht unterschätze ich das Internet, jemand wie ich könnte sich heute ausführlich informieren. Vielleicht hat jede Zeit ihre eigenen Schwierigkeiten, so wie jeder Autor seine eigenen Schwierigkeiten hat. Vielleicht ist der Zustand des heutigen Literaturbetriebs auch nur ein Ausdruck der zunehmenden Kommerzialisierung, die alle Lebensreiche erfasst hat.

Aber ich weiß, dass Literatur Grenzen überwinden kann. Ich weiß, dass Grenzen überwinden Bewegung bedeutet.

Ich bedaure, dass die Unwahrscheinlichkeit dieser Bewegung heute größer scheint, als sie es damals für mich war.

12s Kommentare

Institutsprosa, Urwaldgäste und Wüsteneinerlei. Viel über Eckhart Nickels Roman „Hysteria“ und ein wenig über zwei andere, auch tolle Bücher

Mit Heyms Träumen stimmt etwas nicht. Mal kommen ihm in der Nacht Bilder davon, wie er sich schreiend mit einem marokkanischen Fensterputzer auf einem Fensterputzlift unterhält, mal träumt er „von einem Wald, in dem Tiere ohne Haut umhergehen und sich wundern“. Heym arbeitet als Designer, als „Fleurateur“, wie die Kollegen sich gegenseitig nennen, in einer Firma, die möglichst realitätsgetreue Imitate von Pflanzen herstellt. Dabei interessiert ihn besonders die Verweigerungshaltung seiner echten Gegenstände, die „Intelligenz der Pflanzen“, wie er es nennt, die sich „dem Prozess der Fälschung“ widersetzen: „Es war das beste Beispiel für das Wunder, das Heym faszinierte, für die Sache an sich, die er nie ganz begreifen konnte, egal wie lange er darüber nachdachte, und die ihm gleichzeitig das letzte, unüberwindbare Hindernis seiner Arbeit aufzeigte. Die Himbeere, deren Samen erst keimfähig werden, nachdem sie gepflückt, gegessen und verdaut wurden.“

In Roman Ehrlichs Erzählung aus seinem Band „Urwaldgäste“ von 2014 wird Heym, grundsätzlich verunsichert von sich und Welt, in den Fängen einer obskuren Erlebnisfirma namens „Agentur Lateralis“ landen, die mit dem Spruch „Lassen Sie sich täuschen“ alternativ gescriptete Realitäten anbietet, ganz ähnlich, wie es im (ziemlich großartigen) Spielfilm „The Game“ die „Consumer Recreation Services“ einem Investment-Banker (Michael Douglas) verspricht. Aber Ehrlichs Figur ist – anders als die Hollywood-Variante – kein Patrick-Bateman-Verschnitt, der sich einem dekadenten Ennui hingibt, sondern ein mattes und medial verstörtes Männlein, das eine Art von Simulationsfieber erfasst hat. Er produziert Plastikpflanzen als „immerschöne Ergänzung des Natürlichen“ und sehnt sich doch nach dem „Echten im Hoheitsgebiet der Nachbildungen“.

Bevor Heym sein erstes Treffen mit der Agentur wahrnimmt, streift er durch die Stadt und „schaut sich in einer Buchhandlung lange Zeit Bildbände über unberührte Urwaldgebiete in Kanada, Alaska und Sibirien an, über Blauwale und ein Kunstbuch über europäische Marinemalerei“. Nachdem ich „Hysteria“ von Nickel gelesen und mir daraufhin Ehrlichs Erzählung nochmal angeschaut habe, hätte ich mich nicht gewundert, wenn Heym an dieser Stelle in der Erzählung als nächstes Nickels Roman in die Hand genommen hätte, so gruselig nah sind sich beide Texte.

Es wirkt tatsächlich, als seien Ehrlichs Himbeeren weitergereicht worden, bis sie endlich, vier Jahre später, bei Nickel angelangt seien, der sie sich nochmal ganz genau angeschaut hat. Sein erster Roman, erschienen bei Piper, beginnt so: „Mit den Himbeeren stimmte etwas nicht. Die kleinen geflochtenen Holzschalen, die Bergheim [ja, der heißt wirklich so, wie der große Bruder von Heym] auf dem Markt immer hochhob, um zu sehen, ob sich das weiße Vlies am Boden schon von zerfallenden Früchten rötlich verfärbte, waren übervoll mit zu dunklen Beeren.“ Verstört blickt sich Nickels Protagonist nun auf dem Markt um; ihm ist, als sei etwas Grundsätzliches ins Wanken geraten. Er schaut sich das provisorische Gehege einer Weidefarm für Wagyu-Rinder an, und ihm, dem hypersensiblen Neurotiker, fällt ein Rind auf, das sich eigenartig bewegte:

„Während die anderen bereitwillig zu den Kindern der Einkäufer am vorderen Rand der Koppel kamen, um sich streicheln zu lassen, blieb das Tier verstört an der Tränke stehen. Es kratzte mit den Hufen monoton das Stroh zur Seite und rieb sein Fell an den mit krumm geschlagenen Nägeln übersäten Brettern des Zauns. Dabei blieben Hautteile am Holz hängen, sodass allmählich das Fleisch durchzuschimmern begann. Als er genauer hinsah, entdeckte Bergheim, dass trotz der Verletzungen, die sich das Tier beibrachte, kein Blut zum Vorschein kam, sondern immer größere Flächen einer gräulich glänzenden Fleischmasse, die verdorbener Hähnchenbrust in Zellophan ähnelte.“

Der Traum von hautlosen Tieren, den Ehrlich seine Figur träumen lässt, hat, so scheint es, ein Eigenleben entwickelt. Die waidwunden Gestalten sind schlafwandlerisch aus dem einen Buch hinein ins andere getorkelt, um dort Nickels Figur zu traktieren. Denn die Erfahrung auf dem Markt setzt den Startpunkt für Bergheims investigativen Irrweg, der auf den folgenden gut 230 Seiten skizziert wird. In einer Kooperative namens „Sommerfrische“ lernt er eine Mitarbeiterin namens Asche und einen Wissenschaftler namens Dr. Haupt kennen, die ihm stolz eine belebte Natur-Szenerie in Miniatur-Maßstab zeigen: „Erst jetzt bemerkte Bergheim, dass das, was er sah, nicht nur eine perfekte Nachbildung der Natur in Form einer Spielzeugwelt war, sondern dass sich alles noch dazu bewegte.“ Die „Dermo-Plastiker“ haben ganze Arbeit geleistet. Sie sind in der Fälschungsindustrie die nächste Entwicklungsstufe nach den „Fleurateuren“ und arbeiten daran, „ein Abbild dessen, was so sein sollte, wie es einmal war“, zu erschaffen.

Noch am selben Tag nimmt Bergheim einen Termin im sogenannten „Kulinarischen Institut“ wahr, wo er auf zwei frühere Freunde trifft, zuerst auf Charlotte, später auf Ansgar. Das Trio hatte gemeinsam studiert und sich u. a. Vorlesungen über das Leuchten von Meeresquallen angehört. Wir erfahren insbesondere von einem Abend in der sogenannten Aromabar, in der – nachdem Kaffee und Alkohol verboten wurden – die Studis Trips auf Basis von biologischen Rauschstoffen haben. Aber diese unbekümmerten Zeiten sind längst passé, die Ideologeme des sogenannten „Spurenlosen Lebens“, die dem Trio erstmals im Studium begegnet waren, sind zur Staatsdoktrin geworden. Die „Naturpartei“ ist an der Macht und verkündet salbungsvoll ihre Gebote: Die Existenz der Menschheit sei „ein biologischer Zufall“, eigentlich sei sie „nutzlos“ und „sämtliche Eingriffe in das natürliche Leben“ durch den Menschen seien zurückzunehmen. Dementsprechend seien „Einfluss und Auswirkungen, die seine Existenz an sich auf [die Natur] hat, nach bestem Wissen und Gewissen [zu] reduzieren, und, in letzter Konsequenz, auf[zu]heben“.

Im „Kulinarischen Institut“ laufen alle Stränge zusammen: Charlotte ist die Leiterin des Hauses und eine Adeptin des „Spurenlosen Lebens“ geworden, Ansgar hat als „Frucht-Detektiv“ Karriere gemacht, der besonders raren, noch nicht ausgestorbenen Pflanzen nachspürt. Es entspinnt sich eine merkwürdig motivationslose, zugleich soghaft irritierende Handlung, in deren Verlauf Bergheim für mehrere Stunden abtaucht, um mit einer Gedächtnis-Apparatur frühere Studienerfahrungen nachzuerleben. Später werden die Figuren ein absurd aufwändiges mehrgängiges Menü zu sich nehmen, das Nickel in penetranter Eleganz beschreibt. (Ja, wer mag, kann hier eine aristokratische, parfümierte Wertschätzung des Erlesenen erkennen, eine Absage an die Masse. Aber nicht jeder Typ in der Fußgängerzone, der mit einem beigen Trenchcoat und langstieligen Regenschirm herumläuft, ist ein Dandy, und nicht jeder Text, der sich dem Fetisch der Oberfläche und dem Sezieren von Genuss-Mechanismen widmet, ist ein apolitisches, popiges und dekadent-reaktionäres Stück Literatur.) Im Laufe des Abendmahls werden persönliche und institutionelle Geheimnisse zu Tage gefördert, letztlich aber kreist alles um die Frage, die Charlotte einst als Studentin gestellt hatte: „Was ist mit dem Menschen und seinen Spuren? Da wird es doch erst richtig interessant. Wie schaffen wir es, nicht nur unseren, wie haben sie früher noch gesagt, Kohlenstoffdioxid-Fußabdruck, verschwinden zu lassen, sondern den biografischen, mit dem wir uns so viel nachhaltiger in den Leben der anderen verewigt haben, die wir im Laufe unserer Existenz gemeinhin mit den Füßen getreten haben oder noch treten werden?“

Wie eine erste Erprobung dieser Selbsttilgungsphantasie kommt – lange vor „Hysteria“ – Christoph Ransmayrs bizarres Prosagedicht „Strahlender Untergang“ daher. Es ist im Tonfall einer pathetischen TED-Konferenz geschrieben und verkündet in bemerkenswerter Nähe zu Nickel die Lehre von einer „Neuen Wissenschaft“, welche „Beihilfe zur Zukunft“ sei.  Denn sie „erzeugt […] nichts anderes mehr / als die Bedingungen des Wesentlichen: / die Organisation des Verschwindens“. Der Mensch solle sich abschaffen, aber dieser „planmäßige Untergang ist längst / nicht das Ärgste – im Gegenteil: / Seine umsichtige Organisation / und rasche Verwirklichung / bringt alles zurück, was im / Verlauf der beschämenden Entwicklung / eines von der Herrschaft / über die natürliche Welt / blind faszinierten Denkens / schon verloren schien.“

Ransmayrs Debüt, das bei der Veröffentlichung 1982 größtenteils unbeachtet blieb, ist stark durch das postmoderne Phantasma vom Ende des Subjekts geprägt, von Foucaults Bild eines Menschen, der „verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand.“ „Les mots et les choses“, aus dem das Zitat stammt, war 1966 im Original erschienen, fünfzehn Jahre vor Ransmayrs post-humanistischer Verstirade. Letzterer malt sich die „die Organisation des Verschwindens“ derart aus, dass in Wüsten Terrarien angelegt werden, „[m]eterhoch die Umzäunung, / sorgfältig geglättet / die Ebene aus Steinen und Sand / und frei von Wasser und Bewuchs“, in die dann ein Mensch eingesperrt wird, bis er dehydriert und sich bis zur Substanzlosigkeit auflöst: „Ich bin der Zusammenbruch der Thermoregulation, / ich bin / der allesumfassende Verlust. / Ich konzentriere mich in allem / und werde weniger.“

„Strahlender Untergang“ mag es sich ein wenig zu schnell zu bequem gemacht haben in seiner Untergangslust. Und doch zeigt das Langgedicht die Nervosität der menschlichen Spezies auf, die zwischen verfluchter Präsenz und ersehnter Abwesenheit, zwischen der schuldbehafteten Unlust am Hier und der schamvollen Lust am Dort pendelt. Bei Nickel ist das „spurenlose Leben“ zur „Neuen Wissenschaft“ geworden. Die Doktrin wird als kritische Fortsetzung eines ambigen Verhältnisses zur Natur entworfen, freilich als zeitgeistige Aktualisierung: Das Programm besteht wesentlich im Versprechen von bzw. in der Nötigung zu einer ethischen Gesundung durch ein dauer-achtsames Leben. Als finale Pointe lockt die Wiederherstellung eines wildwüchsiges Paradieses ohne menschliche Makel. In der Kooperative ebenso wie im Institut wird indes klar, wie schizophren diese Unternehmung ist: Der Wissensstand und die Apparaturen, die nur eine hochentwickelte Kultur hervorbringen können, werden eingesetzt, um eben diese dem Abgrund entgegenzuführen. Nickels schelmisches Buch führt uns eine alte zivilisationskritische Dauerschleife vor: Je mühsamer sich der Mensch im Anthropozän danach sehnt, vom Erdball zu verschwinden, umso stärker schreibt er sich ihm ein.

Aber was gehört überhaupt getilgt? Wer definiert, was am Leben lebenswert, was verabscheuenswürdig ist? Hier treffen sich Nickels Öko-Dystopie „Hysteria“ und Juli Zehs Medizin-Dystopie „Corpus Delicti“: Beide kritisieren eine Form der hygienischen Moralisierung, die keinen Erreger und keinen Abfall, keine Spuren und keine Rückstände zulässt. Während Zehs Roman aber ziemlich konform vor sich hin erzählt und ständig auf seine alarmistische Botschaft schielt, ist Nickels Roman ästhetisch weit anspruchsvoller und verspielter. Der Text inszeniert auch auf einem formalen Level das Thema der Künstlichkeit, etwa durch das unorganische Gebaren der Figuren. Ihnen wohnt kein Leben inne, ihr Habitus ist widernatürlich, sie sprechen an den unpassenden und schweigen an den falschen Stellen. Insgesamt wirken Bergheim, Charlotte & Co wie Apparate, die ruckeln, wie Maschinen, die stottern, während sie so tun, als seien sie Menschen. Ständig hat man das Gefühl, Widergängern aus anderen Büchern zu begegnen, literaturhistorischen Kopien, die in „Hysteria“ als schlechter Import umherstolpern.

Auch glänzt und brilliert und blendet die höchst stilisierte Text-Oberfläche mit Adjektiven, Archaismen und Anspielungen. Das Buch ist ein Pastiche, und die Feuilletons sind ihrer Lieblingsbeschäftigung, der Erbuddelung intertextueller Referenzen, längst nachgekommen. Zeit, SZ und FAZ warten u. a. auf mit: Sigmund Freud (das Unheimliche als Grundgefühl), Edgar Ellen Poe (grusel, grusel), E. T. A. Hoffmann (die Ununterscheidbarkeit menschlicher und nicht-menschlicher Sphären, die Krise des Subjekts), Joris-Karl Huysman (die unbedingte Verschönerung der Natur) und Franz Kafka (Irrwege in einem institutionellen Apparat). Neben der gesättigten Lektüre-Erfahrung bietet einem dieses erratische und kokette und zehnfach geschichtete Werk zwei Boni an: dass erstens jede Seite einen immer neu dazu einlädt, die in launigen Kolumnen gelesenen Bio- und Anti-Bio-Kommentare weiterzudenken und auf ihre Widersprüche und Möglichkeiten, auf ihre Verschwiegenheiten und Selbstlügen hin zu überprüfen, und dass, zweitens, dieser bemerkenswerte opake Text einem – endlich mal – ein genuin ästhetisches Reflexionsangebot unterbreitet, um dem irrsinnigen Zeitgeist beizukommen.

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Who put the T in Theweleit? Tijan Sila – Die Fahne der Wünsche

Seit Freitag Abend habe ich ohne jeden Anlass leider einen ziemlich, ziemlich nervigen Ohrwurm von „Who put the bomb“. Es ist anstrengend, wer wacht schon gerne auf und denkt als erstes „Who put the bomp in the bomp bah bomp bah bomp? Who put the ram in the rama lama ding dong?“, und ja, mein Leben ist wirklich so albern, wie es sich gerade liest. Schon am Freitag, als ich den Song, den ich gemeinerweise plötzlich im Kopf hatte, auf YouTube gesucht habe, fiel mir auf, dass ich das Original von Barry Mann eigentlich gar nicht so gut kenne, sondern vor allem die Coverversion von Me First and the Gimme Gimmes, und dabei fiel mir wiederum auf, wie viele Popsongs ich eigentlich vor allem aufgrund ihrer Coverversion kenne und gar nicht so sehr im Original, was dann dazu führt, dass ich beim Hören des Originals ständig „huch, ist das langsam“ denke und doch lieber weiter das Cover höre. Ein bisschen passt dieses Cover-Thema zu „Die Fahne der Wünsche“ von Tijan Sila, aber dann auch wieder nicht. (Super Überleitung, oder? Na ja, ok, dann nicht.)

„Die Fahne der Wünsche“ erzählt von Ambrosio, einem Jugendlichen aus dem fiktiven Land Crocutanien, das irgendwo am Mittelmeer liegen könnte und in dem ein totalitäres System herrscht. Ambrosio stammt aus prekären Verhältnissen und sichert durch sein Talent als Radrennfahrer seine Existenzgrundlage, gerät aber deswegen auch in Abhängigkeit von der Partei und damit in Schwierigkeiten, und das alles, obwohl er eigentlich nur ein ganz normaler Teenager sein möchte mit coolen Klamotten, erster Freundin, Comics und ein bisschen Flippern.

Nirgends, immer

Man könnte jetzt annehmen, es handle sich bei diesem Roman um eine klassische Dystopie, schließlich findet die Handlung in einem fiktiven, totalitär regierten Land statt – und einer von vielen Vorzügen von „Die Fahne der Wünsche“ ist schon mal, dass genau diese Erwartungshaltung nicht erfüllt wird. Die Handlung ist weder in der Gegenwart, noch in der Zukunft verortet, sondern in der Vergangenheit, der dargestellten technischen Entwicklung entsprechend spätestens in den 1990ern, und damit deutet sich schon an, was hier eben genau nicht passiert: Dem Roman geht es nicht darum, gegenwärtige Probleme oder Entwicklungen weiterzuspinnen und davor zu warnen, wo das alles hinführen könnte, wie das Dystopien gemeinhin tun würden. Im Gegenteil: „Die Fahne der Wünsch“ erzählt von spezifisch modernen, der Psyche eingeschriebenen Strukturen, die sich im 20. Jahrhundert genauso finden wie heute, und die narrativ zu fassen eben dort klarer gelingt, wo sie sich deutlicher zeigen können; und das ist eben in einem totalitären System, das es einzelnen Typen erlaubt, ihren unausgeglichenen psychischen Haushalt sehr viel freieren Lauf zu lassen, als dies in einem funktionierenden demokratischen Rechtsstaat der Fall wäre. Die Verlagerung der Handlung an einen inexistenten, totalitär regierten Ort hat keine gegenwartsdiagnostische Funktion, sondern höchstens eine allgemeindiagnostische.

Dies zeigt sich auch darin, dass mehrfach deutlich wird, dass das totalitäre Regime, das Aufhebung der Klassenunterschiede und Einheit des Volkskörpers propagiert, mit seinem Beginn und seinem Ende eigentlich lediglich die Veränderung gebracht hat, dass sich während seines Bestehens einzelne Figuren sehr viel einfacher brutal und willkürlich verhalten konnten: Ansonsten bestehen im System alte Klassenunterschiede weiter, die davor schon bestanden haben, die Parteielite ist die alte Elite und die Armen sind weiterhin die Armen. Und das wird sich auch mit dem Niedergang des Regimes, von dem lediglich in groben Zügen erzählt wird, weil ja eben das Regime selbst gar nicht so sehr im Vordergrund steht wie das, was es ermöglicht, nicht ändern: Günstlinge des alten Regimes führen auch nach der Veränderung des politischen Systems ein gutes Leben, Vertreter der Elite des Regimes machen nach seinem Ende weiterhin politisch Karriere. Die Menschen ändern sich nicht und ihre gesellschaftliche Position ändert sich nicht, unabhängig vom herrschenden politischen System – das politische System kann lediglich Dinge unterschiedlich gut regulieren. Und das totalitäre System begünstigt es eben, dass manche Menschen den destruktivsten Trieben in ihnen in besonderer Weise freien Lauf lassen.

Und so kommt es auch nicht von ungefähr, dass manche Bevölkerungsgruppen einem eben beim Lesen nicht völlig unbekannt vorkommen. Die Oberschicht, Kinder der „Erstkämpfer“ und also der Revolutionäre, die der totalitären Partei zur Macht verholfen haben, ist genauso gelangweilt (vgl. S. 162, 248) und privilegiert wie die Oberschicht in Romanen von Christian Kracht oder Bret Easton Ellis, der Unterschied zu diesen ist lediglich, dass im totalitären System ihre Privilegierung noch sehr viel deutlicher ist: Die Kommissare der Partei haben sie nicht zu fürchten, sie können das Land verlassen und dürfen ungestraft auch verbotene Dinge tun. Davon abgesehen leben sie denselben Lebensstil wie Leute ihres Alters im Ausland (vgl. S. 226), mit dem Unterschied, dass sie eben wirklich überzeugte Ideologen sind. Und auch die im Roman dargestellte Jugendkultur kommt einem nicht völlig unbekannt vor, und das so sehr, dass man sich mitunter wundert, wie eine solche Jugendkultur in einem totalitären Regime sich überhaupt entwickeln kann: Die „Mobilen“ (vgl. S. 84), die Mopeds fahren und sich zu einander bekämpfenden „Eskadronen“ zusammenschließen und das System mit seinen brutalen Schergen so wenig fürchten, dass sie es nicht nur offen und lautstark kritisieren, sondern irgendwann auch offen bekämpfen, erinnern nicht nur an Rocker und Biker, sondern vor allem auch an rollerfahrende Gruppen von Jugendlichen in Kreuzung von Mods und Unterschichtschic, wie man sie in den 1990ern manchmal gesehen hat (die entsprechenden Leute sind heute über 40, man sieht sie aber manchmal noch, wenn sie gemeinsam ihre Lambrettas durch die Gegend fahren – sie laufen noch heute dabei rum, als wären sie einem Oasis-Video entsprungen).

Dazwischen leben ganz normale Jugendliche wie Ambrosio, die sich eigentlich nur durch ihren Alltag durchwursteln wollen und irgendwie ein bisschen was vom guten Leben abhaben wollen – Sila erzählt in „Die Fahne der Wünsche“ wieder, wie schon in „Tierchen unlimited“, nicht von heroisch über sich hinauswachsenden Figuren, er erzählt eben nicht vom Rebellen, der das System stürzt, wie man das von einer Dystopie erwartet, sondern von einer alltäglichen Figur, die ein bisschen was richtig macht, und einiges eben auch nicht so richtig macht (und höchstens indirekt und unabsichtlich in den Niedergang des Systems verwickelt wird). Dass Ambrosio im Verlauf der Romanhandlung „schuldig werden“ kann, liegt eben nicht nur daran, dass er einen „Fehler“ hat, wie das bei klassischen Heldenfiguren der Fall wäre. Er wird vor allem auch deswegen „schuldig“, weil er aufgrund seiner sportlichen Karriere von der Partei abhängig ist, und dass dies der Fall ist, ist eben unter anderem seinen Verhältnissen geschuldet: Sportliche Leistung ist sein Weg sozialen Aufstiegs, sein biografischer Ausweg, und darin ist er ohne nennenswerte Alternative – nur eine privilegierte Figur aus der Oberschicht wie Elvira kann ihm sagen, dass er eben einfach etwas anderes machen solle, um sich aus seiner Abhängigkeit aus der Partei zu befreien. Elvira, die alle Möglichkeiten hat, kann nicht nachvollziehen, was es bedeutet, nur eine Möglichkeit zu haben.

Körperpanzer, fragmentarischer Panzer

Der Titel des Romanes ist angelehnt an ein Zitat aus Klaus Theweleits sehr dickem bzw. zweibändigem Buch „Männerphantasien“, was am Ende des Romans auch deutlich gemacht wird, und an mehreren Stellen wird deutlich, wie stark dieser Roman die Ergebnisse der Untersuchungen Theweleits narrativ umsetzt. Ich habe leider nur einzelne Kapitel aus „Männerphantasien“ gelesen, deswegen mag im Folgenden manches schief oder nicht ganz zutreffend sein, vieles habe ich deswegen bestimmt auch übersehen, aber an den Stellen, an denen mir die Parallelen zu Theweleit aufgefallen sind, fand ich schon bemerkenswert gelungen und konsequent, was dieser Sila da macht.

„Männerphantasien“ ist eigentlich erst mal eine stark literaturwissenschaftliche Publikation, in der Klaus Theweleit mit einem psychoanalytischen Zugriff vor allem Literatur der deutschen Freikorps der Zwischenkriegszeit, aber auch ein paar andere Texte untersucht, um anhand dieser Texte herauszuarbeiten, was den faschistischen Männertyp des Nationalsozialismus ausmacht und prägt. Der faschistische Mann, so Theweleit, ist ein nicht-zu-Ende-geborener, kindlicher Mann, geprägt von tiefer Angst vor der Außenwelt und einem chaotischem Innenleben, dem durch Drill ein „Körperpanzer“ anerzogen wurde, der ihn zwar aufrecht hält, ihn aber sowohl von sich selbst, als auch von der Außenwelt, vor allem aber auch vom anderen Geschlecht fernhält und dazu führt, dass der faschistoide Typ Ich-Einheit durch Gewalt gegen seine Umwelt herzustellen versucht.

Und genau dieser faschistoide Typ tritt in „Die Fahne der Wünsche“ in Form der „Mäntel“ auf, einer Art Polizei im totalitären Regime, die aber auch die Verwaltung kontrolliert. Die „Mäntel“ sind brutal und haben Freude daran, Angst auszulösen. Sie schlagen aus Anlässen, die psychisch normal gestrickten Menschen nicht nachvollziehbar sind, andere Menschen halbtot. Sie genießen die Angst, die sie auslösen, weil sie selbst tiefe Angst haben – so beobachtet Ambrosio, wie es zwei der Mäntel, die ihn eben noch brutal verprügelt haben+++, nicht „gelang […], ihre Angst zu verbergen“ (S. 131), als sie an Kollegen vorbeigehen müssen, sie in der Hackordnung über ihnen stehen könnten. Er bezeichnet sie entsprechend auch als „unfertige Kindsmänner, die allesamt in jenem Abschnitt des Heranwachsens stecken geblieben waren, in dem jeder unbeabsichtigte Rempler eine Kränkung darstellte, auf die man mit Gewalt antworten musste.“ (S. 252f.). Die Mäntel sind nichts anderes als nicht-zu-Ende-geborene Kindsmänner mit Körperpanzer – und das so eindeutig, dass es mir schleierhaft ist, warum man annimmt, dies träfe auf Ambrosio zu, der sich in mehreren Punkten (s.u.) deutlich von ihnen unterscheidet.

Der deutlichste Vertreter des faschistoiden Typs ist Cherubino, der Kommissar, der leider auch für Sport zuständig ist und von dem Ambrosio also abhängig ist. Alles Kindliche hasst er, genauso wie er Mütter hasst, ohne die die Welt eine bessere wäre – statt Müttern wünscht er sich Laboratorien (S. 205).

„Daß man die Eltern ehren soll, muß also, wie die andern Teile des Panzers angeprügelt werden. Kein einziges Kind mit dieser Art Ich liebt oder achtet seine Eltern wirklich, im Gegenteil: da es ihrer substanzlosen Herrschaft, die es als Terror empfinden muß, unterworfen ist, haßt es sie.

Besonders haßt es die Mutter, aber es haßt sie an sich selbst; der Selbsthaß, die Autodestruktionstendenzen, die sich in der Nichtachtung des eigenen Lebens und in allerlei körperlichen Leiden äußern, sehen wie eine Strafe an der introjizierten ‚bösen‘ Mutter aus: Rache für ihr Versagen, die Nicht-zuende-Geborenen der zerreißenden Kälte ausgesetzt zu haben. (Die reale Mutter als Person wird dagegen zwanghaft verehrt.)“ (Theweleit: Männerphantasien, Bd. 2, S. 289-292)

Besonders große Angst hat Cherubino – typisch – vor Wasser, Flüssigkeiten, Fluten. So wird davon erzählt, dass er bei einem Schwimmausflug schon nach wenigen Metern einen „Anfall“ gehabt habe, bei dem er panisch geschrien habe, aus Angst, zu ertrinken (vgl. S. 235f.). Mit seiner Freundin hat Cherubino keinen Sex, denn Sex ekelt ihn, er ist eine „viehische Flut von Sekreten“ (S. 205). Im Wasser, in Sekreten, also in der Lust, könnte sich der männliche Körperpanzer auflösen – darum lösen Flüssigkeiten Panik bei diesen Männern aus:

„Dieses deutet auf eine Umkehrung der Affekte, die ursprünglich mit der Aussonderung der verschiedenen Substanzen des menschlichen Körpers verbunden sind: Lustempfindungen. An die Stelle solcher Lustempfindungen ist eine panische Abwehr ihrer Möglichkeit getreten.“ (Klaus Theweleit: Männerphantasien, Bd. 1, S. 425)

(am Rande: In Kontext dieser psychoanalytischen Theorie ist es interessant, mal über Begriffe wie „Flüchtlingswelle“ oder „Flüchtlingsflut“ nachzudenken.)

Und hier unterscheidet sich Ambrosio klar von Cherubino: Auf Cherubinos Zuschreibung hin, Ambrosios Sex mit seiner Freundin Betty sei eine „viehische Flut von Sekreten“ gewesen, „protestierte“ er „aufgebracht“, es seien „Zärtlichkeiten“ gewesen (S. 205). Ambrosio hat eben keinen Körperpanzer, er ist kein soldatischer Typ und auch kein faschistischer – wenn er auch von manchem selbst nicht ganz frei ist. Ambrosio hat sich zwar von seiner psychisch kranken Mutter gelöst, hat durch sie aber eben aufgrund ihrer Krankheit auch Zurückweisung erfahren, allerdings erst in fortgeschrittenerem Kindesalter. Er zeigt entsprechend nicht Züge des faschistischen Männertyps, sondern eines „autistischen”: „Autistische“ Kindern richten die Aggression, die aus der Verunsicherung durch diese Zurückweisung resultiert, gegen sich selbst, nicht gegen andere:

„Das Kind selbst also verfällt in seiner Not auf den Ausweg, sich durch den Schmerz seiner fehlenden Körpergrenzen zu vergewissern, sich durch Schmerz vorübergehend zu einem Körper-Ich zu verhelfen und sei es um den Preis der Selbstzerstörung.“ (Theweleit: Männerphantasien, Bd. 2, S. 258)

So zeigt Ambrosio zum ersten Mal seine Höchstleistungen als Radrennfahrer, bei denen er sich bis zum körperlichen Zusammenbruch verausgabt, nachdem er Verunsicherung darüber empfindet, ob seine Freunde sich über seine Mutter und ihren Zustand lustig gemacht haben (vgl. S. 37) – diese Unsicherheit wird zur Leidensfähigkeit, auf die Ambrosio im Roman auch wiederholt seine Karriere zurückführen wird. Nicht Disziplin, Härte, Körperpanzerung haben ihn zum besten Radrennfahrer des Landes gemacht, sondern seine Leidensfähigkeit.

Entsprechend ahmt Ambrosio das parteitreue Gerede von Sport und Disziplin explizit nur nach, um Ärger aus dem Weg zu gehen (vgl. S. 180), die für den faschistischen Typ anziehende Idee, der Körper solle nicht in Flüssigkeit/Lust, sondern im geformten und disziplinierten Kollektiv aufgehen, für „dummes Gerede“ (S. 151). Nicht umsonst erkennt Cherubino an ihm die Fähigkeit zum Regress – eine Fähigkeit, die die nicht-zu-Ende-geborenen faschistischen Männer nicht haben, da sie ja gar nicht erst bis zu einem Entwicklungsstand vorgedrungen sind, von dem aus sie zurückfallen könnten (vgl. S. 132; Theweleit: Männerphantasien, Bd. 2, S. 295f.).

Dennoch: So ganz psychisch „normal“ entwickelt ist Ambrosio eben auch nicht bzw. vollständig kann er sich wohl auch den Einflüssen seiner Umwelt nicht entziehen, insbesondere nachdem seine Freundin Betty – eine erfolgreiche Schwimmerin, angesichts der Bedeutung, die Wasser/Weiblichkeit laut Theweleit haben, ist das kein Zufall – ins Ausland geflohen ist, beherrscht Angst sein Leben (vgl. S. 178), und bei einem Segeltörn empfindet auch er Angst vor dem Wasser und vor dem Ertrinken (vgl. 221f.), allerdings lässt er sich auch hier – wie früher eben von Betty – von Frauen helfen, diese Angst zu überwinden (vgl. S. 221f.). Er ist, wie Elvira ihn nennt, ein „Männlein“, kein körpergepanzerter Mann, und Betty mit ihrem wegen des Schwimmens breiten Rücken ist auch körperlich das Gegenstück zu ihm mit seinen für Radrennfahrer typisch trainierten Beinen und untrainiertem Oberkörper.

Wunschmaschine Flipper

Vor allem aber hat Ambrosio im Gegenteil zum soldatischen Cherubino Freude am Kindlichen, das letzterer ja strikt ablehnt – deswegen spielt Ambrosio Flipper, was ihn erstmals in Konflikt mit Cherubino geraten lässt, denn eben deswegen hasst Cherubino Flipper. Tatsächlich ist es ein GENIESTREICH von Sila, Flipper als Gegenstand des Konflikts zwischen „Mänteln“ und Jugendlichen zu wählen, denn der Flipper steht nicht nur für Spiel und Kindlichkeit, sondern er ist sehr viel deutlicher als etwa Videokonsolen auch eine Maschine, eine Theweleitsche Wunschmaschine. Der faschistoide Typ vermenschlicht Maschinen und maschinisiert Menschen:

„Die Maschine, das Produktionsmittel, dessen sinnvoller Gebrauch dazu führen könnte, die Lage der Menschen so weit zu verbessern, daß sie sich verfleischlichen, ihren im Kampf ums Überleben erworbenen Muskelpanzer ablegen könnten, wird zu einem Ausdrucksmittel fleischlicher Lust degradiert, während der Mensch, Produzent von Lust, in eine Muskelmaschine verwandelt wird, die die Produktion von Lust verbietet und verfolgt. […] Die natürliche Maschinerie des menschlichen Unbewußten wird eliminiert zugunsten einer künstlichen Maschinisierung seiner Peripherie, während das natürliche Produktionselement der Maschine eliminiert wird zugunsten ihrer künstlichen Vermenschlichung. Aus der Vielheit der menschlichen Wunschmaschinen wird die Einheit der Lustverfolgungsmaschine soldatischer Mann, während aus der Einheit und Einfachheit der Maschine, die Objekte produziert, eine ästhetische Vielheit quasimenschlichen Ausdrucks gewonnen wird, so daß der Mensch zu einer unvollkommenen Maschine, die Maschine zu einem unvollkommenen Menschen wird, beide nicht mehr in der Lage, zu produzieren, sondern den Schrecken auszudrücken und weiterzugeben, den sie erlitten haben: in ihrer perversen Form werden beide zu Zerstörern. Die wirklichen Menschen und die wirklichen Maschinen fallen dieser Verkehrung zum Opfer.“ (Theweleit: Männerphantasien, Bd. 2, S. 230f.)

Nicht umsonst sucht Cherubino nach einem bestimmten Flipper, dessen Existenz Ambrosio abstreitet, da er ihn als Pervertierung des Flippers wahrnimmt, weswegen er Cherubino unterstellt, sich diesen Flipper nur ausgedacht zu haben: Der Flipper heißt „Embryo“ und auf ihm sind nicht nur mehrere Penisse und Spermien, sondern auch eine Vagina zu sehen – das, was menschliche Lust ausmachen könnte, was Cherubino ekelt und ängstigt, überträgt Cherubino auf die Maschine. Ambrosio, der das durchschaut, wird von den „Mänteln“ deswegen fehlende Männlichkeit unterstellt (vgl. S. 68f.) und konsequenterweise verbietet Cherubino nun die Maschine, auf die er die von ihm abgewehrten Wünsche projiziert hat. Der Flipper steht für das Kindliche, für Lustempfinden, und muss daher verschwinden. Daneben ist das Verbot des Flipperns ein Beispiel für das willkürliche Agieren totalitärer Systeme, das für die Bevölkerung nicht nachvollziehbar ist.

Flut und Masse

Der soldatische Mann hat nicht nur Angst vor Fluten – entsprechend meiden in Crocutanien die Menschen überhaupt das Wasser (vgl. S. 110f.) – sondern auch vor der einer Flut ähnlichen Menschenmasse, also der Volksmasse, die nicht soldatisch geformt und geordnet ist.

„Das öffentliche Erscheinen revolutionärer Massen ist eine Folge von Dammbrüchen; es bedroht auch dic eigenen Dämme, als bräche die Körpergrenze der Männer durch den ‘Einfluß’ der äußeren Massen zusammen; die eigene innere Masse ‘zerfließt’ in die äußere – die äußere wird zur Verkörperung des ausgebrochenen eigenen Inneren. Der Mann wird ‘überschwemmt.

Daraus ergibt sich ein Zugang zur scheinbaren Widersprüchlichkeit des faschistischen Massenbegriffs. Neben der Fähigkeit zur Mobilisierung großer Menschenmassen steht die gleichzeitige Verachtung der Massen durch den Faschisten; er wendet sich an sie, fühlt sich aber gleichzeitig aus ihr erhoben, als Elite gegenüber der niedrigen ‘Masse Mensch’.

Die Widersprüche hören auf, welche zu sein, wenn man sich klar macht, daß von jeweils zwei verschiedenen Massen die Rede ist; sie sind einander gegensätzlich. die gefeierte Masse ist immer eine formierte, in Dammsysteme gegossene. Ein Führer ragt aus ihr heraus. die verachtete erscheint dagegen immer unter den Attributen des Flüssigen, Schleimigen, Wimmelnden.”“ (Theweleit: Männerphantasien, Bd. 2, S. 9)

Für diese (proletarische) ungeordnete Menschenmasse stehen die Mobilen als oben schon genannte Jugendbewegung. Im Gegensatz zum soldatischen Mann sind sie Hedonisten – sie sind alo an die “Lustseuche” (Theweleit: Männerphantasien, Bd. 2, S. 18) verfallen, wie der faschistoide Typ dies sehen würde: Die Fahnen, die sie für ihre Eskadronen entwickeln, stehen symbolisch für Saufen oder für Prügeleien, für ihre Wünsche, nicht für die Nation (im Gegensatz zu den allgegenwärtigen aber eben immer identischen Fahnen der Partei) – ihrer Hymne nach ist ein Mobiler ein „Soldat der guten Fahne“ (S. 261). Männer sind sie also auch, als Soldaten sehen sie sich auch, aber sie unterscheiden sich von den Männern faschistischen Typs (vermutlich würde ich dazu auch was bei Theweleit finden, aber wie geschrieben: Ich habe nur einzelne Kapitel aus „Männerphantasien“ gelesen). Auf die Frage, was die Mobilen eigentlich wollen, sagt Ambrosio: „Sie sagen, sie wollen saufen und bumsen.“ (S. 213) Sie stehen für das Lustprinzip, das Männer wie Cherubino beseitigen wollen, weil es ihnen Angst macht. Entsprechend haben die Mobilen eben auch keine Angst, auch nicht vor der Brutalität der „Mäntel“ oder der Macht der Eliten (vgl. S. 212). Sie durchbrechen das körpergepanzerte Männlichkeitsideal, wenn sie sich über das ideologische Staatsoberhaupt Spiro lustig machen, indem sie „Mutter-Vater“ rufen und damit die Grenze zwischen Männlichem und Weiblichem auflösen, oder wenn sie ein Denkmal Spiros travestieren, indem sie seine Lippen und Wangen rot anmalen (vgl. S. 213).

So kommt es nicht von ungefähr, dass schließlich ein Konflikt zwischen Mobilen und Partei entstehen muss, der dazu führt, dass die ungeordnete Masse der Mobilen praktisch abgeschlachtet wird. Eine Rolle spielt dabei u.a. die Soldatin Rhonda, ein Theweleitsches „Flintenweib“: Sie schlägt einem Mobilen den Kopf ab (vgl. S. 272f.), denn „[i]hre Tätigkeit ist eine kastrierende: Hälse, Nasen, Ohren – alles was hervorsteht – wird von ihnen [den Flintenweibern] abgeschnitten.“ (Theweleit: Männerphantasien, Bd. 1, S. 80), und sie wird von Männern gedemütigt und ist als Soldatin und „Braut des Volkes“ (vgl. S. 215) verpflichtet, allen ranghöheren Soldaten sexuell zu Diensten zu stehen, denn sog. „Flintenweiber“ als weibliche Aggressoren werden typischerweise auf irgendeine Weise degradiert, häufig zur „Hure“ erklärt, denn ihre Seinsweise „macht sie einerseits zu Objekten männlicher Verfügung, andererseits aber ungebunden, mächtig, gefährlich – besonders in Zeiten zusammenbrechender politischer ‚Ordnung‘.“ (Theweleit: Männerphantasien, Bd. 1, S. 83)

Eine mächtige, aggressive Frau muss Männer ängstigen – bezeichnenderweise findet Ambrosio sie dagegen zunächst durchaus anziehend, erst im Moment der Gewaltausübung jagt sie auch ihm verständlicherweise Angst ein. Und: Vor diesem Hintergrund – dass das Abschlagen des Kopfes eine Kastration bedeutet – ist es doch interessant, dass das Denkmal Spiros, das im Roman eine wichtige Rolle als Treffpunkt der Jugendlichen spielt und auch auf dem Buchcover zu sehen ist, eben ein abgeschlagener Kopf des ideologischen Staatsoberhauptes ist.

Meta-Meta-Meta

Vermutlich würde man, wenn man mehr Theweleit gelesen hätte als ich, noch viel mehr entdecken, und gerade das ist doch wirklich beeindruckend: Dass ein Roman, der so unaufgeregt, so schlicht daherkommt, als wollte er gar nichts Neues, sondern nur malwieder vom Totalitarismus erzählen, in Wahrheit so wahnsinnig konsequent und komplex und mehrschichtig ist. Man kann den Roman ohne Theweleit lesen: Dann liest man einen gut erzählten, gut geschriebenen, oft auch witzigen Roman über einen jungen Mann in einem totalitären Regime, der ein bisschen ein guter Typ, aber eben auch ein bisschen ein Egoist („Autist” im Sinne Theweleits) ist und einfach nur ein gutes Leben will – und wenn man aufmerksam liest, wird man vermutlich auch ohne Theweleit merken, dass es hier ganz massiv auch um Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit geht. Und darum, dass es im Alltag vielleicht keine Helden gibt, aber dafür kann es manchmal Freundschaft, Zärtlichkeit, Liebe und Vertrauen geben, und das ist dann schön. Und wenn es sie nicht gibt, dann ist es schlimm.

Der Roman hat schon auf den ersten 100 Seiten ein paar kleine Längen – das ist aber für einen Roman, der ein ganzes Land mit eigenem politischen System entwirft, nicht ungewöhnlich, das hat man auch in all den Büchern, die wirklich Dystopien sein wollen. Sobald Ambrosio dann in Einflussbereich Cherubinos ist, zieht die Handlung an und dann hat sich auch das.

Mit Theweleit hat man vermutlich mehr Spaß am Roman, weil es dann wirklich viel zu INTERPRETIEREN gibt. Und an einigem rätsle ich auch noch herum: Zum Beispiel warum Bilder von Ilja Repin erwähnt werden (vgl. S. 40f.). Da kann man länger drauf rumdenken, und wenn man das mag, sollte man „Die Fahne der Wünsche“ schon mal lesen. Es ist doch spannend, wie hier aus einer Theorie, die maßgeblich auch aus Literatur erarbeitet wurde, wieder Literatur gemacht worden ist – nur diesmal eben kritisch reflektierte Literatur, mit der man darüber nachdenken kann, wie totalitäre Strukturen in männliche Psyche eingeschrieben werden, statt Literatur, die diese Strukturen unkritisch reproduziert. Vielleicht ist das ein Meta-Roman. Eben kein Cover, eher sowas wie ein Meta-Cover-aber-so-dass-was-ganz-eigenes-dabei-rauskommt. Aber schön, dass sowas komplexes geschrieben wird, und schön, dass ein Verlag sowas dann auch wirklich macht. Alles sehr schön!

tl;dr: Beeindruckend konsequent gedacht, beeindruckend gelungen umgesetzt – es ist wie beim Sport: Es ist halt erst richtig gut, wenn etwas sehr schwieriges sehr leicht wirkt. Und in diesem Roman steckt wahnsinnig viel theoretischer Unterbau, der trotzdem die Handlung nicht schwer werden lässt. Ich hatte großen Spaß.

[Beitragsbild von asoggetti auf unsplash.com]

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