Raunen für Clicks

Von Peter Hintz

 

Botho Strauß spricht wieder zu uns. In gewohnt metaphernreicher Sprache heißt sein neuester Aufsatz Der Leviathan unserer Tage. Es gehört nun zu den etablierten Kuriositäten der deutschen Nachrichtenmedien, dass dort alle 3-5 Jahre ein neuer, kulturkritischer Großessay von ihm erscheint. Diese Texte verstehen sich in der Nachfolge seines Aufsatzes Anschwellender Bocksgesang (1993), der während der Jugoslawienkriege dem bürgerlichen Ressentiment gegen Geflüchtete Ausdruck verlieh und zum Gründungsdokument der Wendegeneration der sogenannten Neuen Rechten wurde. Traditionell wählt Strauß für diese Textsorte nicht etwa – wie in kulturkritischer Praxis zu vermuten – eine Literaturzeitschrift mit winzigem Publikum, sondern entweder den Spiegel, oder, wie für seinen neuesten Essay, Die Zeit.

Im Leviathan unserer Tage stellt sich Strauß einerseits gegen das “Populistische und Populäre“, mokiert sich andererseits aber über “Gesinnungs-Minoritäten.“ Strauß bedient sich nämlich selbst gern der Rhetorik des Populismus: Minderheit sein wollen, wenn man als Elite wahrgenommen werden will, und sich in der Mehrheit wähnen, wenn der Rest stört.

Wie Der Leviathan unserer Tage zeigt, hat sich seit Der letzte Deutsche, seinem 2015 erschienenen Spiegel-Text (zumindest essayistisch) nicht sehr viel bei Strauß getan. Strauß ist – so viel Metapher sei hier selbst erlaubt – ein intellektueller Wiederkäuer. Ältere Textstellen hat er, um damaligen verschwörungsideologischen Anklang erleichtert, übernommen. Aus “Uns wird geraubt die Souveränität, dagegen zu sein” (2015) wird “Schaden nimmt die Begabung, dagegen zu sein” (2020). Auf der Höhe der letzten sogenannten Flüchtlingskrise beschwor er Stefan Georges “Geheimes Deutschland” und gab sich als den gleichnamigen “letzten Deutschen” aus. Aktuelle Lieblingsthemen rechter Polemik, die nahtlos nun auch bei Strauß auftauchen, sind “Gendertum”, “Multiminoritäten-Patchwork”, “Klimawandel” und die “Netzgemeinschaft,” über deren angebliche Konformität er allerdings bereits 2013 ein ganzes Buch vorlegte. Gegen die Linken positioniert Strauß noch immer George, den er nun direkt als “geistigen Rechten” bezeichnet. Aber bereits im Anschwellenden Bocksgesang hieß es ja, dass rechte Intellektuelle im Gegensatz zu den linken eine “Phantasie des Dichters, von Homer bis Hölderlin” besäßen. Angesichts dieser Neuauflage alter Lieder bleibt zu hoffen, dass er nach der heftigen Debatte um seinen Text von 2015 keinen ähnlichen Provokationserfolg wird verbuchen können. Strauß ist wohl auch ein Opfer seines eigenen Erfolgs: Er ist längst nicht mehr der einzige Feuilletonist, der mit populären Thesen wie von der deutschen “Schuld- und Verschuldenshybris” und dem “Gutgemeinten unter dem Triebzwang von Gesinnung” für große deutsche Zeitungen Leserschaft erzeugen soll.

Im Leviathan unserer Tage ist man erstaunt, wie leicht einem Autor die politische Klassifizierung von Schriftstellern als “geistigen Rechten” fällt, der im selben Text mit kunstreligiösem Pathos das Werk gegen die Ideologiekritik verteidigt: “wenn die Neuen Mönche in herrenlosen Clouds auf verschlüsselte Archive stoßen, in denen sie etwas Interessantes vermuten, werden große Werke wieder ausgegraben und neu ediert für den Klosterbestand.” Wie immer wirkt es unfreiwillig komisch, wenn der Ewigkeitsdenker Strauß sich an Vokabeln aus der Tagespolitik orientiert, um sein Programm zu formulieren: “Kein Neuerer, kein Umstürzler, nicht einmal ein diabolischer Durcheinanderwerfer in Sicht! Dafür jede Menge denkfaule ‘Querdenker.’”

Nicht besonders originell stellt er George in eine Reihe mit “Jünger, Benn, Schmitt, Borchardt, Heidegger, Hofmannsthal.” Diese Liste liest sich so, als hätte Strauß aus dem Inhaltsverzeichnis der Konservativen Revolution von Armin Mohler abgeschrieben, der nach 1945 damit eine Tradition angeblich antifaschistischer Rechter konstruieren wollte. Und obwohl diese Namen auch sonst, nicht zuletzt bei Linken, außerordentlich bekannt sind, stehen sie für Strauß “entgegen dem Klischee, der Geist und das Gute stünden notwendig links.” Da merkt man dann auch, wie gering der Anspruch an seine Leser tatsächlich ist: Für die Entschlüsselung seines inhaltlich und stilistisch klischierten ‘Raunens’ reicht es, in den letzten paar Jahren mal irgendeine (geschichts-)politische Debatte mitbekommen zu haben, die nicht Strauß selbst betraf.