Vier Egomaninnen in der Great American Novel [Podcastkolumne]

von Svenja Reiner

 

Hands down: Mit diesem Text habe ich lange gerungen. Denn als ich zu Beginn dieser Kolumne erklärt habe, dass ich über 40 Podcasts in meinem Apple Podcasts-Account abonniert habe, war das keine Übertreibung. Ich könnte über einen Podcast schreiben, der sich mit unsichtbaren Einflussfaktoren auf unser Leben beschäftigt, über einen, der Scheitern zum Thema macht oder das Schreiben oder das Lesen oder das Denken. Aber es ist auch für mich der 12. Pandemiemonat und mir ergeht es gerade wie Isabella Caldart: Auch ich habe angefangen, meine Guilty Pleasures rauszukramen, um nicht an mir und dem Zustand der Welt zu verzweifeln

Tagsüber arbeite ich der Kulturpolitik, versuche ein intersektional-feministisches Festival mit Abstand und zwei Seminare zu planen, und nicht so oft daran zu denken, dass Mitglieder meiner gesundheitlich vorbelasteten Familie gerade heimlich einkaufen könnten und dass meine Freund:innen mehr Rückenübungen machen und weniger arbeiten müssten. Ich gebe mir Mühe, nur alle zwei Tage zu wischen, keine Menschen im Supermarkt auf 1,5 Meter Abstand zu schubsen und nicht an der Frage zu verzweifeln, ob ich jemals meine Dissertation beenden werde, wie relevant eigentlich die Erforschung fantypischer Rezeption von Hochkultur ist, wenn es Klimawandel und Nazis und Rassismus und Corona gibt, oder wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass meine neurodiverse Katze einen epileptischen Anfall erleidet während ich sie eine halbe Stunde zum Spazieren alleine lasse. 

Aber wenn ich abends den Laptop zu und wieder aufklappe, schaue ich Sex And The City  – und Schuld daran ist ein Podcast bzw. die Miniserie Sentimental in the City von Dolly Alderton und Caroline O’Donoghue. Zunächst ihr Manifest:

This is not gonna be a judgement or breakdown of the more problematic elements of the show, although we will talk about them when they come up. This is not gonna be a place where we roll our eyes about things that people have rolled their eyes about before. We are not gonna be talking about the allegedly ongoing feud about Kim Catrall and Sarah Jessica Parker and we take that as a political stance.

Stattdessen behandeln Alderton und O’Donoghue in sechs Folgen jede einzelne SATC-Staffel als die Großen Amerikanischen Romane, die sie ihrer Meinung nach sind, und diskutieren die Themen, Charakterentwicklungen und Botschaften der Serie. 

Beide erinnern sich an ihren ersten jugendlichen Kontakt mit SATC, als sie die Abenteuer der vier New Yorkerinnen noch als affirmativen “blueprint for adult life” und urbane Weiblichkeit verstanden. Alderton beschreibt eindrücklich ihre 15jährige Faszination für die Protagonistinnen, die eigene Wohnungen (!) hatten, in denen sie alleine (!!) wohnen konnten und rauchen (!!!) und Sex (!!!!) mit all diesen Männern haben. “A passport to a well lived life […] to adulthood and sophistication was having a sex life”.  

Dreizehn Jahre später wird alles ein bisschen komplizierter: Carrie Bradshaw erscheint O’Donoghue und Alderton nicht mehr als Role Model mit einem aufregenden Leben, in dem alles nur ein kleines bisschen schief läuft. Obwohl sie an der Figur immer wieder Eigenschaften identifizieren, die sie ehrlicherweise an sich selbst nicht ausstehen können, lautet ihre These:

The Great American Novel of season one: Carry Bradshaw is a New York partygirl who has spent the last ten years becoming a notable, independent, likeable, creative, interesting woman with a huge rolodex of contacts. Who is beloved everywhere she goes. And this is the story of how she lost her fucking mind.

Der Twist besteht also darin, SATC nicht affirmativ zu verstehen – auch wenn Elemente wie die Outfits oder Appartements der Charaktere bis heute Neid hervorrufen. Die Beziehung zwischen Carrie und ihrem Traummann Mr. Big würde, so die These der beiden Podcasterinnen, 2021 als Comedy-Psychodrama verfilmt werden, das die düsteren Elemente ihrer Dynamik expliziter machen würde.

Denn in der Serie geraten viele der red flags neben Witz und Glamour schnell wieder aus dem Blick. Trotzdem wird die Partnerschaft wortwörtlich als „addict relationship“ (S1E4 Valley of the Twenty-Something Guys) dargestellt, ihre Dynamik als sadomasochistisch beschrieben (S2E12 La Douleur Exquise!). 

So überzeichnet und komisch Carries Reaktionen nach einem Furz vor Mr. Big auch sein mag (S1E11 The Drought), deutet ihre sich steigernde Verzweiflung in den nachfolgenden Tagen, in denen beide nicht miteinander schlafen, auf einen zentralen Kontrollverlust hin:

When you’re in the relationship with that men that make you sick – especially when you’re young – […] the only time that that person feels truly focused on you is when you’re having sex. You think that when they are not having sex they’re not focused on you. Which means they don’t love you. Which means you have nothing that you’re actively giving the relationship. Which means you could be abandoned at any time.

So buchstabiert O’Donoghue die Psychologie der Protagonistin aus. Vor dieser Diagnose bekommt das Furzkissen, das Mr. Big Carrie schließlich spaßeshalber unter den Po schiebt, eine ganz andere Bedeutung.

Neben diesen sehr reflektierten Beobachtungen, widmen sich O’Donoghue und Alderton auch einzelnen Szenen wie dem legendären Dialog auf der Taxirückbank (S1E4 Valley of the Twenty-Something Guys), der in unter zwei Minuten die vier Protagonistinnen und ihre Beziehung etabliert – indem er die Frauen darüber debattieren lässt, ob Charlotte ihrem Freund den Wunsch nach Analsex erfüllen sollte.  Carrie untersucht die Formulierung der Nachricht (“Tell me exactly, how he worded it”), Miranda lotet die Machtbeziehung aus (“The question is: If he goes up your butt, will he respect you more or less?”), Samantha plädiert für sexuelle Offenheit (“Front, back, who cares? […] And P.S., it’s fabulous”) – und Charlotte? Macht mit “What are you talking about? I went to Smith” klar, wie viel normative Bedeutung sie aus Statussymbolen zieht.

Es gäbe noch viele Gründe, Sentimental in the City zu empfehlen. Der Umstand, dass sogar 140-minütige Folgen zu kurz erscheinen. Die liebevolle Art, in der sich die beiden Podcasterinnen ergänzen, gemeinsam in Erinnerungen schwelgen und sich niemals zu ernst nehmen. Dolly Aldertons Beobachtungen über das Verhältnis von weiblicher Exzellenz und Autorinnenschaft am Beispiel von Carries Buswerbung. Caroline O’Donoghue engagierte Verteidigungen der Serie (“Do you want people operating like clockwork to totally appropriate emotional cues all the time? Watch [The Great British] Bake Off!”). 

Sex and the City bietet im zweiten Pandemiejahr eine Auszeit von einem Alltag, in dem sich urbanes Dating vor allem zwischen Schnelltestscentern, Videocalls und Desinfektionsmittel abspielt. Sentimental in the City entwickelt einen neuen Blick auf diese alte Bekannte und schätzt sie auch für Momente jenseits von eskapistischen Sexabenteuern und schicken Drinks. Etwa für das melancholische Ende von The Baby Shower (S1E10), das niemals wirklich klärt, ob Carrie nicht doch hätte Mutter werden wollen, und das mit der Illusion von Der Richtigen Lebensentscheidungen aufräumt: “There is a world in which you have a child and you adapt and you’re really happy and it’s the best thing that has ever happened to you. And then, there is a world in which you don’t have a child and you adapt and it’s the best thing that has ever happened to you.”

 

Photo by Will Francis on Unsplash