Podcast-Kolumne: Julie Klausner (How Was Your Week?)

von Svenja Reiner

 

Erinnerungen sind eine tricky Angelegenheit. Im Rückblick fällt es schwer zu unterscheiden, welche Details wichtig sind und welche nostalgisch-romantische Erinnerung an das frühere Ich. Daher mache ich es kurz: Durch Umstände, die anderswo ausführlicher erzählt werden könnten, immatrikulierte ich mich vor 11 Jahren ohne ausreichende Sprachkenntnis in einen englischsprachigen Studiengang. Aus Furcht darüber, direkt wieder rausgeworfen und in meine Heimatstadt zurückgeschickt zu werden, begann ich, möglichst viele englischsprachige Medien zu konsumieren und landete schließlich bei Podcasts, weil man sie sogar zwischen Audimax und Netto hören kann.

How Was Your Week war mein und  Julie Klausners erster Podcast. Vermutlich stimmt das nicht, aber das ist nicht weiter schlimm. Wichtig ist vor allem, dass ich damals zum ersten Mal in einer Stadt mit Straßenbahn lebte, ‘particular’ und ‘peculiar’ nicht unterscheiden konnte und deswegen unter schlimmen Impostersyndrom litt. Meine Orientierungslosigkeiten manifestierte sich noch in allerlei weiteren Merkwürdigkeiten und erreichte einen komischen Höhepunkt als ich eines Morgens die Schuhe meiner Mitbewohnerin anzog und einen Tag lang mit Chucks All Stars über den Campus lief, die mir eine Nummer zu klein waren. 

Katja Petrowskaja hat die Theorie, dass es charakterliche Wachstumsphasen gibt, in denen Literatur noch die DNA formt, organisch wird und ins Blut übergeht. Ab einem bestimmten Alter wird alles Gelesene zu Wissen und Theorie, aber davor kann sie sogar Herkunft und Familiengeschichte ersetzen. Ich las nicht, ich hörte Julie Klausners dichten Monologen zu, und mir ging alles unter die Haut: Ihre Popkulturverweise, ihre ironische Selbstkritik, die zahllosen Namen queerer Künstler*innen und Musicalstars, ihre große Aufmerksamkeit für Absurditäten des Alltags und die Liebe zu The Monkees und Basset Hounds und ihre Sprache. Ich habe noch nie zuvor jemanden so eloquent und so entschlossen über Kultur reden hören. Endlich sagte mir jemand seine Meinung, aber es klang anders als das kühle Kunsturteil des Literaturseminars, sprunghaft, assoziativ und spielerisch. In ihrer ersten Folge interviewt Klausner ihre eigenen Eltern über The King’s Speech, der 2011 für 11 Oscars nominiert war und vier davon gewann. Wären Klausners Eltern Teil der Jury gewesen, wäre die Entscheidung anders ausgefallen.

Dass Julie Klausner sich auch in dieser ersten Episode nicht vorstellt, fällt mir erst heute auf. Sie verschweigt ihre Ausbildung an der New York University, der Upright Citizens Brigade und der School of Visual Arts, ihr bereits erschienenes und von HBO optioniertes Memoir I Don’t Care About Your Band, ihre vielen Schreib- und Schauspielaufträge (u.a. für Mulaney, Best Week Ever, Saturday Night Live, The Awl, Vulture). Anders als die meisten Hosts von Podcasts holt sie sich keinen Vertrauensvorschuss durch alte Karrierelorbeeren ab. Stattdessen benennt sie die sehr schlichte Prämisse: “I’m going to talk to a guest and ask them how their week went. And hopefully in the process we will learn – this is a very pedantic endeavour – we will learn about each other and get to know each other and what have you.

Neun Jahre später kenne ich Irene M. Pepperberg, David Rakoff, David Sedaris und Natasha Vargas-Cooper. Ich bin dabei, als Klausners Katze Smiley Muffin stirbt, sie sich von ihrem langjährigen Partner trennt, David Rakoff dem Krebs erliegt, ihre Fernsehserie Difficult People von Hulu gekauft wird, sie und Billie Eichner die Hauptrollen spielen, Klausner alle Drehbücher selbst schreibt, und die Show nach drei Staffeln abgesetzt wird. Dazwischen höre ich ihre Kritiken über John Waters, The Real Housewives of New York City, Kermit The Frog, Salt-N-Peppa, House of Cards, Frozen, DJ Khaled, Rosemary’s Baby, Alice Cooper, SMASH und Marina Abramovic an, ihre Überlegungen, wer in die Redhead Hall of Fame des Podcasts aufgenommen werden sollte, ihre Ausführungen zu zeitgenössischem Feminismus, Hollywoodgossip oder Verschwörungstheorien (Johnny Depp is bold! You read it here first!). Ich lerne Wörter wie zeitgeisty, cautionary tale, soulpatch und gentleman friend, während die Show heute genauso klingt wie in der ersten Folge und lediglich die Hintergrundmusik des Monologs angepasst wurde.

Mittlerweile habe ich mein Studium beendet, HWYW läuft unregelmäßiger und ich habe knapp 40 weitere Podcasts mit meinem iTunes-Account abonniert. Um die soll es hier in den nächsten Monaten gehen. HWYW war mein Einstieg und ich weiß nicht, ob er heute jemand anderem taugen kann. Ich habe Julie Klausner 236 Episoden lang zugehört, wie andere Susan Sonntags 48 Notes on Camp gelesen haben: Auf der Suche nach Orientierung und Geschmack, einer großen Schwester oder einer älteren Freundin. Und natürlich hoffe ich, dass bald irgendjemand über sie sagen wird: “This is all I’m going to say about the Oscars: I am glad that Céline Dion no longer needs an introduction.

 

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