Soziale Distanz – Ein Tagebuch (5)

Dies ist der fünfte Teil unseres kollektiven Tagebuches, in dem wir mit zahlreichen Beiträger*innen fortlaufend sammeln, wie der grassierende Virus unser Leben, Vorstellungen von Gesellschaft, politische Debatten und die Sprache selbst verändert. (hier Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4)

Das mittlerweile über 70 Seiten umfassende kollektive Tagebuch „Soziale Distanz – Ein Tagebuch“ gibt es auch als vollständige Leseversion in Google Docs.

Es schreiben mit:

Andrea Geier: @geierandrea2017, Anna Aridzanjan: @textautomat, Berit Glanz: @beritmiriam, Birte Förster: @birtefoerster, Charlotte Jahnz: @CJahnz, Elisa Aseva, Emily Grunert, Fabian Widerna, Jan: @derkutter, Johannes Franzen: @johannes42, Magda Birkmann: @Magdarine, Maike Ladage @mai17lad, Marie Isabel Matthews-Schlinzig: @whatisaletter, Matthias Warkus: @derwahremawa, Nabard Faiz: @nbardEff, Nefeli Kavouras, Philip: @FreihandDenker, Rike Hoppe: @HopRilke, Sandra Gugić: @SandraGugic, Sarah Raich: @geraeuschbar, Shida Bazyar, Simon Sahner: @samsonshirne, Slata Roschal, Sonja Lewandowski: @SonjaLewandows1, Svenja Reiner: @SvenjaReiner, Tilman Winterling: @fiftyfourbooks, Viktor Funk: @Viktor_Funk

27.3.2020

 

Viktor, Frankfurt

Denke nun länger darüber nach, ob ich das hier schreibe oder nicht, aber wann, wenn nicht jetzt offen sein … Ich bin zu 50-Prozent allein erziehend (der Ausdruck kommt mir komisch vor), d.h., seit der Trennung vor paar Jahren lebt mein Sohn eine Woche bei mir, eine Woche bei seiner Mutter. Im „normalen“ Alltag klappen die Wechsel gut, wir drei haben uns bestens aufeinander eingespielt und die Trennung war für jede:n das Beste, was uns passieren konnte.

In der Corona-Zeit hatte ich etwas Angst, wie das laufen soll. Homeoffice, mehr Zeit mit dem Kind, mehr Pflichten (Schule zu Hause usw), zugleich können wir den Kreis der Kontaktpersonen nur begrenzt minimieren wegen der Wohnungswechsel, weil es nun einmal Nachbarn, Partner und andere Menschen gibt, die da sind.

Ich habe erwartet, dass der Stress größer wird. Und er wurde größer. Täglich ein Mindestpensum an Schulaufgaben, täglich mehrmals kochen, Wohnung einigermaßen sauber halten, das Bedürfnis, hier zu schreiben, zu lesen, sich zu informieren  …

Was half, war ein „Ach, scheiß drauf“. Meine glücklichsten Kindheitserinnerungen sind die, in denen ich ein inniges Erlebnis mit meinen Eltern – vor allem meinem Vater – hatte. Es sind keine guten Schulnoten, es ist kein Lob für eine Leistung, sondern eine gemeinsame emotionale Erfahrung.


Als die Anfrage für eine Online-Lesung am 25.03. auf dem Twitter-Account des Internationalen Kulturzentrums Heidelberg kam, wollte ich zuerst absagen. Ne, dachte ich, das wird nie gehen, wenn mein Kleiner dabei ist. Er kann nur dann ruhig sitzen, wenn er zockt, und selbst dann arbeitet sein Körper, seine Beine sind in der Luft, die Hände fuchteln und ich sehe vor meinem geistigen Auge mein Handy irgendwo hin fliegen. Ich sprach mit ihm, ob er sich vorstellen könne, eine halbe Stunde ruhig zu sein. Ich erkläre, dass es kürzer als eine Schulstunde sei. Er verstand nur „Schulstunde“ und verdrehte die Augen. Wir übten. Beim Übungsvorlesen sprang er auf, zog Grimassen und tanzte. Ich schwankte zwischen Lachen und Verzweiflung und Stress (um nicht zu sagen Wut).

Ach, scheiß drauf, wenn er rumalbern will, soll’s so sein. Dann erklärte ich ihm noch vor der Online-Lesung, dass ich nervös bin, und dass es nichts mit ihm zu tun hat. Dann las ich. Und er lag neben mir auf zwei Stühlen, die er sich vorher zusammengeschoben hatte („Falls ich einschlafe.“) und blieb da ruhig liegen, bis ich fertig war.

„Es war sooo anstrengend. Aber ich habe es geschafft, ich habe es geschafft, ich bin ruhig geblieben!“ Er hüpfte nach der Lesung durch die Wohnung und freute sich über sich selbst. Und das war eigentlich der schönste Moment des Tages: seine Freude über sich selbst.

Die Verben und Nomen und die Rechenaufgaben, die wir diese Woche geübt haben, wird er vergessen. Aber ich hoffe sehr, dass der Vorlese-ruhig-bleiben-können-Abend in seiner Erinnerungen bleibt.

 

Sarah, München

Ich halte das nicht mehr lange aus, schreibt eine Freundin. Wenn ich noch lange meine Teenager-Tochter zu jeder Zeile Hausaufgabe bringen muss, müssen hier die Messer versteckt werden.

Ich weiß nicht, wie lange ich das noch aushalte, schreibt eine andere Freundin. Ich darf eigentlich noch nicht mal die Nachbarin sehen. Ich wohne alleine. Ich kann doch nicht Wochenlang keinen einzigen Menschen treffen?

Die einen ertragen die Nähe kaum, den anderen fehlt sie. Beide haben recht. Es gibt keinen guten Zustand. Und doch ist es, wie so vieles, einfach eine Verschärfung des Früheren. Auch vor Corona waren die einen zu überlastet, die anderen mit zu wenig Austausch. Nicht jeder, immer. Klar. Aber die Quarantäne friert unseren hauptsächlichen sozialen Zustand ein. Und der ist oft: Allein oder Kleinfamilie. Und wir brauchen eigentlich beides. Und mehr. Mehr Menschen. Ich habe jetzt verstanden, wie sehr mich auch die kleinen Begegnungen tragen. Die zwei scherzhaften Halbsätze in der U-Bahn. Das verständnisvoll-verschwörerische Anlächeln von Mutter zu Mutter, wenn man sich mit einem plärrenden Kleinkind auf dem Arm nach Hause kämpft, der etwas sinnentleerte, aber freundliche Schwatz mit der betagten Nachbarin. Dieses hauchdünne Geflecht aus Momenten der Nähe. Jetzt, wo es fehlt, ziehen sich die Leerstellen schmerzhaft durch die Tage.

 

Jan, Hannover

Gestern nachmittag marschierten T., Kleiner Hund und ich mal wieder unten am Fluss entlang. Der Weg auf dieser Runde führt am Krankenhaus vorbei, in dem mein Vater vor einigen Jahren gestorben ist. Später wurde es abgerissen und neu aufgebaut, und dann wurde meine Mutter dort ständig eingeliefert, wenn sie wieder keine Luft bekam (oder in eines der vielen anderen Krankenhäuser in der Region, je nachdem, wo gerade noch ein Bett frei war, egal, ob es dort eine zuständige Fachabteilung gab, Hauptsache, keine unwirtschaftlichen «Überkapazitäten» bereithalten; ich kenne seither fast jede Notaufnahme und jede Intensivstation im Landkreis). Zwei Jahre nach meinem Vater starb auch sie. Mir ist also immer etwas mulmig zumute, wenn ich mit finster entschlossener Miene am Krankenhaus vorbeistapfe.

In den letzten Tagen habe ich mir immer wieder vorzustellen versucht, wie meine federleichte, von der COPD ausgezehrte, an den fortwährend brummenden und zischenden Sauerstoffkonzentrator geschnürte und immer weiter rauchende Mutter wohl diese pandemische Zeit überstanden hätte. Oder wie ich hilflos versucht hätte, meinem immer wieder das gleiche Lied auf der Mundharmonika spielenden Alzheimer-Vater den Ernst und die Notwendigkeit von Social Distancing zu erklären. Dann bin ich froh, dass sie das hier beide nicht mehr miterleben müssen. Auch T.s Eltern leben nicht mehr, bei ihnen kam der Tod überraschender und nicht so quälend. Unsere Familie hat Corona also nicht mehr erreicht, nur T. und ich sind noch da und ein paar verstreute fernere Verwandte hier und da; Großeltern gibt es schon lange keine mehr. Es mag oberflächlich klingen, aber das macht den Umgang mit dem Virus einfacher.

Aber jetzt, da der Tod die Familie weitgehend abgeräumt hat, sind offenbar die Freunde und Bekannten dran. Ich hatte gehofft, ich würde noch ein bisschen älter werden, bevor es wieder losgeht. Vor ein Monaten gab es den dritten Suizid von jemand, den ich recht gut kannte. Hatte ich bis dahin zumindest gedacht. Bei meinem besten Freund J. haben sie im vergangenen Sommer Krebs im fortgeschrittenen Stadium festgestellt. Seitdem versuche ich irgendwie zu akzeptieren, dass er sterben wird. Ich will mir von fucking Corona nicht kaputtmachen lassen, was die letzten gemeinsamen Monate sein könnten. Aber als Chemopatient ist er auf Distanz noch mehr angewiesen als die meisten. Seine Diagnose erhielt er im wohlvertrauten Krankenhaus am Fluss, das sie mittlerweile vornehm Klinikum nennen, dort saßen wir auf dem Bett und heulten. Die Tage danach marschierten wir jeden Tag mit Kleiner Hund auf dem Damm am Ufer entlang und versuchten, einen sinnvollen Weg zu erkennen durch das, was kommen würde. Stattdessen kam eine globale Pandemie.

Es ist ein wohltuend kalter Nachmittag, die Sonnenstrahlen gleißen durch die winterkahlen, mistelbepackten Äste der alten Baumriesen auf den Flusswiesen. Ein paar Krankenschwestern stehen in einem Glaskabuff vor dem Cafeteria-Ausgang des Klinikums und rauchen. Für Besucher ist das Krankenhaus geschlossen, Corona-Prävention. Auf der anderen Seite des Flusses erhebt sich die kühn geschwungene Westtribüne des Stadions, das sie nach dem Krieg auf dem zusammengeschobenen Trümmerschutt der zerbombten Stadt errichtet haben. Bis vor ein paar Jahren hatten T., J. und ich dort Dauerkarten. Und mein Vater war immer so aufgeregt gewesen, wenn ich ihn mitgenommen hatte! Jetzt liegt das Station nutzlos und still herum. Kleiner Hund eiert schnuppernd und schwanzwedelnd die Böschung hinab und hinauf, er mag es hier. Hundefreilauffläche. Ich setze meine finster entschlossene Miene auf und bin froh, als das Krankenhaus endlich hinter uns liegt. Von mir aus könnten sie es gleich nochmal abreissen.

 

Janine, Flensburg

Ausnahmezustand, alle reden vom Ausnahmezustand: die Medien, die sozialen Netzwerke, die Nachbar*innen, die Home Office-Kolleg*innen. Kollektive und begründete Angst, dass die Alten, die Kranken, die Schwachen in der Familie oder im Freundeskreis dieses Jahr nicht überleben. Bekannte erzählen mir davon, wie sie ihre Eltern oder Großeltern übers Telefon anflehen, so weit möglich zuhause zu bleiben, stay safe!!!, schildern das merkwürdige Empfinden bei dieser Rollenumkehr.

Auch ich habe Angst. Weil ich so ruhig bin. Es gruselt mich vor mir selbst, dass ich keine Panik empfinde und ich frage mich, was nur falsch ist mit mir. Dann weiß ich es wieder: Ich lebe einfach normal weiter. Weil nichts an dieser Situation neu für mich ist. Mein Krisenmodus, meine Alarmbereitschaft, meine Vorsichtsmaßnahmen, mein Verantwortungsgefühl. Meine Eltern leben in Nordrhein-Westfalen, bei Köln. Aktuell gibt es dort etwa 10.000 Corona-Infizierte.

Meine Mutter ist seit fast 40 Jahren an Multipler Sklerose erkrankt, inzwischen mehrfach behindert, Pflegestufe 5. Die Sorge, „was“ könnte mit ihr sein, begleitet mich und meinen Vater seit Jahrzehnten. Plötzliches Fieber, Halluzinieren, nächtliche Atemstillstände. Lungenentzündung, Infektionen, immer gerade noch rechtzeitig bemerkt, fünf vor zwölf. Als Kind führte mich mein Weg von der Schule oft nicht nach Hause, sondern direkt ins Krankenhaus, zu ihr.

Mein Vater, ebenfalls Hochrisikogruppe mit beinahe achtzig und diversen Vorerkrankungen: „Ich habe keine Angst vorm Sterben. Wir müssen alle mal gehen. Ich habe nur Angst, was dann mit deiner Mutter ist.“ Eine für ihn ganz gewöhnliche Aussage, in unseren Sonntagsnachmittagstelefonaten, seit fast zwanzig Jahren. Im Moment tätigt er sie lediglich noch ein wenig öfter und dringlicher.

Meine Mutter könnte ohne meinen Vater, der sich mithilfe eines Pflegedienstes um sie kümmert, nicht überleben. Mein Vater will nicht ohne meine Mutter sein, niemals. Sie haben mir schon vor Jahren mitgeteilt, wo und wie sie bestattet werden wollen: nebeneinander, in einer Urnenwand.

Seit Ausbruch von Corona denke ich manchmal, es gibt doch einen Gott, er hat mein Bitten erhört. Er hat diesen Virus geschickt, damit meine Eltern zusammen sterben können. Jetzt sitzt er da, gekränkt, zieht ein Journal heraus, eine saubere Liste: Hier. November 1999, da hast du es dir doch zum ersten Mal gewünscht! Doch er vergisst, schon wieder, dass das eine andere Zeit gewesen ist. Eine, in der er und ich noch eine Beziehung hatten.

Ich stehe am Küchenfenster und blicke über den Hafen und die Förde bis zum dänischen Ufer. Das Wetter ist so frühlingshaft klar, dass ich bis zu den Ochseninseln sehe und mir einbilde, selbst Annie’s Kiosk in Kruså zu entdecken, wo es die roten Pølser und die gigantischen Softeiswaffeln gibt.

Ich habe meine Eltern an Weihnachten zuletzt gesehen. Ich werde nicht hinfahren, man soll jetzt vorsorglich nicht reisen. Stattdessen werde ich auf den Anruf warten, wie abgemacht, für wenn „was“ ist.

 

Birte, Darmstadt

Ich würde so gerne mal auf die Shetlandinseln reisen, vielleicht käme @Wolfseule mit und wir blieben möglichst lange, hätten da ein Haus. Ich bin aber gar nicht so ein Outdoorfan, deshalb ist in meiner Vorstellung immer gutes Wetter und wenn nicht, dann schreibe ich eben. Gerade habe ich diesen schönen Tweet entdeckt, Seehunde singen in einer Bucht.

Wonach wir greifen in Ausnahmesituationen. Wie unsere Erfahrungen sind. Das soll jetzt gesammelt werden, für die nachfolgenden Historiker*innen und mein erster Gedanke war: bloß nicht.

 

Nefeli, Hamburg / Berlin 

 


Die Sonne scheint heute unverschämt unbekümmert. Trotzdem keine Lust gehabt, rauszugehen. Ich war um genau zu sein nur 8 Minuten draußen, habe S. beim Holzschleifen zugeschaut und mit ihm Salzstangen gegessen. Ansonsten habe ich den Platz auf dem Sofa kaum verlassen. Zwischendurch Verwunderung, wie lange und wie blendend das Licht sein kann. Heute früh dann die erste online-Hafenlesung aufgenommen. Ich war aufgeregt und dann traurig, weil es ja doch nicht ist wie die richtige Hafenlesung ist und dann aber wieder erleichtert, weil es besser als nichts ist.

Ansonsten träge. Schlecht und wenig geschlafen. Im Traum sammelte ich Steine in einer Wüste.

 

Slata, München

Der Abend als Versuch, den Kern dieses Tages auszumachen, ihn im Inneren abzutasten, mit den Fingerspitzen nach Unterschieden zu suchen, von allen Seiten, diesen Tag von anderen Tagen abzugrenzen. Emil kommt ins Zimmer und legt eine Wunschliste für seinen Geburtstag im November hin.

 

Rike, Refrath

Die Bauarbeiter hören laut by the rivers of babylon und brüllen sich gegenseitig im strahlenden Sonnenschein an.

Eine Onlinedatingapp fragt: what’s your ideal virtual date?

Außenwerbung trifft jetzt nicht mehr jeden.

Wir entwickeln langsam eine Sicherheit in der Unsicherheit,

schauen Pornos und befriedigen uns selber oder spielen wieder Chatroulette,

die meisten Unfallumarmungen passieren im Haushalt.

 

Andrea, Tübingen

Gestern Abend bin ich direkt nach der OnlineLesung von Berit Glanz – #CoronaReadings – ins Bett gefallen. Ich bin so alt, dass mir dabei eine Zeile aus dem Film “Harry und Sally” einfiel: “Das habe ich seit der achten Klasse nicht mehr gemacht”. Zu wenig Schlaf, nicht nur wegen viel Arbeit, sondern auch innerer Unruhe, Erschöpfung. Jetzt ist es besser. Nach dem Frühstück habe ich auch endlich wieder was zum #LyrikSamstag auf Twitter beigetragen!

In der ganzen letzten Woche habe ich so viel und so intensiv kollaborativ gearbeitet wie noch nie, in verschiedenen Gruppen und in schnellem Wechsel zwischen Dokumenten, Mails, Skype, Whatsapp, Twitter, dabei auch verschiedene Tools für die Lehre gemeinsam ausprobiert … Dazu kamen Absprachen für Artikel und Interviews zum Offenen Brief für ein #NichtSemester. Mehr als 6000 Wissenschaftler*innen haben ihn innerhalb einer Woche unterzeichnet, und das ist ein so starkes Signal! Gleichzeitig habe ich fünf Seiten für meine Germanistik als Einstieg in die digitale Lehre zusammengestellt, eine ganz pragmatische & niedrigschwellige Einführung nach dem Motto “Die Studierenden sind angemeldet, was nun?”-Kommunikation, und Kolleg*innen haben nun schon angefangen, das Papier mit Informationen, Vorschlägen, konkreten Erfahrungen weiterzuschreiben. Dass die Initiative für das #NichtSemester und das Engagement für eine möglichst gute digitale Lehre im Sommersemester Hand in Hand gehen, verstehen manche (teilweise absichtlich, um sich als ‘Macher’ präsentieren zu können?) offenbar gar nicht.


In der Germanistik organisieren sich gerade auch universitätsübergreifend Gruppen und Projekte zur digitalen Lehre. Das ist wunderbar zu sehen, und ich freue mich, dass ich ein Teil davon bin. Dabei geht es erstmal viel um Tools & Austausch von Material, aber hoffentlich bald auch um die Frage, wie wir die virtuelle Universität gemeinsam als einen auch emotionalen Raum gestalten können. Denn niemand weiß, was auf uns noch zukommt und unter welchen Bedingungen Lernen und Lehren stattfinden wird.

Einige wenige heftige Reaktionen auf das #NichtSemester haben mir auch gezeigt, wie schwer es ist, über Solidarität zu sprechen. Manche tun so, als würde man, wenn man im eigenen Verantwortungsbereich etwas für die am meisten belasteten Gruppen tun will, nicht sehen, wie es anderen geht, den Pflegekräften, dem gesamten medizinischen Personal, Kassierer*innen u.v.m. Aber für die einen etwas zu tun, bedeutet nicht, die anderen nicht zu sehen. Ich habe eine Petition für den besseren Schutz von Pflegekräften unterschrieben. Aber mehr kann ich da im Moment nicht tun. An der Uni dagegen schon. Es gibt eine Verantwortung im eigenen Alltag und im Beruf, die man wahrnehmen sollte, weil man hier mehr und konkreter etwas bewirken kann als das mit Solidaritätsadressen der Fall ist.

 

Shida

Zu diesen merkwürdigen Spaziergängen in der großen, gruselig stillen Stadt muss ich mich zwingen. Ganz toll, frische Luft, super fürs Immunsystem, ich würde am Liebsten nur drinnen sein und prügle mich raus, weil ich es mir hinterher ja dann doch immer danke. Wenn man ein paar Tage nicht draußen war und isoliert bleibt, ist ein Spaziergang auch die reinste Reizüberflutung. Jeder LKW kommt mir unverschämt laut vor, an jeder Ampel fahren die Autos viel zu nah an mir vorbei und die Osterglocken leuchten neon, als wären sie aus Plastik.

Im Park liegen in riesigen Abständen Menschen auf Picknickdecken und erholen sich von dem ganzen Mist. Drei Männer liegen nebeneinander im Gras und schlafen. Sie sind alle in Schwarz gekleidet, in einem Schwarz, das mal richtig Schwarz war und jetzt eher so eine Ahnung davon hinterlässt, wo diese Männer sonst schlafen. Ein weiterer Mann gesellt sich zu ihnen, legt seine Sachen neben ihnen ab. Er hat eine Plastiktüte voller Klamotten dabei und probiert die Pullis, Hosen, Shirts an, wechselt einfach so im Stehen die Klamotten. Die Männer würden an einem nicht-Corona-Tag nie so selbstverständlich hier liegen, sich sonnen und Klamotten testen. Jetzt wirken sie, als würde ihnen der Park gehören. Das ist nur fair, finde ich.

Auf einer Parkbank sitzen zwei sehr alte Männer, Kategorie Risikogruppe, und lachen miteinander. Sie sitzen beide jeweils ganz an einer Seite der Bank, halten also Abstand, der Corona-bedingt aussieht. Den Platz zwischen sich nutzen sie, um ihre Bierflaschen abzustellen. Sie sehen gut gelaunt aus, alle sehen heute gut gelaunt aus, es ist ja auch plötzlich Sommer. Vielleicht war das Problem der vergangenen zwei Wochen auch gar nicht Corona, sondern dass wir plötzlich Wintertemperaturen hatten, mit denen doch kein Mensch mehr rechnen wollte.

Ich mache mich wieder auf den Heimweg und denke über diese Männergruppen nach, denke an die Taxifahrer-Gang, über die ich an dieser Stelle vor einigen Tagen schrieb und stelle die steile These auf, dass die Männerbündnisse in diesen Tagen wie immer das stabilere Netzwerk sind als das, was alle anderen Personen untereinander aufbauen. Und dass der Mangel dieser Bündnisse – neben der gottverdammten unbezahlten Care-Arbeit und der unterbezahlten systemrelevanten aktuell plötzlich hoch beklatschten Arbeit – eine weitere Bürde für alle ist, die nicht zum Boysclub dazugehören und sich irgendwie durch diese Pandemie schleppen müssen. Das ist allerdings zugegebener Maßen keine richtig ausgefeilte These, es ist vielleicht noch nicht mal eine These sondern nur steil. Ich gehe auf jeden Fall weiter spazieren und suche nach den vergleichbaren Corona-Frauen-Gangs, Fortsetzung folgt also.

 

28.3.2020

 

Nabard, Bonn

Es ist eines dieser sonnigen Samstage die so friedlich wirken. Lasse seit einer Stunde Frank Ocean’s Debut Mixtape „Nostalgia!Ultra“ laufen. Diese schöne Stimme. Seit Dienstag hab ich Fieber, Schüttelfrost, Kopfschmerzen. Am Donnerstag musste ich einen Abstrich machen lassen, Verdacht auf CoVid19. Angeblich war einer der Patienten mit denen ich Kontakt hatte positiv. Schlimmer als das dröhnen im Kopf ist die Ungewissheit. Naja, jetzt erstmal in die Sonne, der Espresso duftet kräftig herb. Mein Geruchssinn ist also noch da.

 

Marie Isabel, Dunfermline

Ich merke, wie ich mich aus der Welt draußen in meine eigene, kleine, mich selbst zurückziehe. Brot bäckt Trost. Schokokekse auch. Ostereier baumeln vor und hinter dem Haus an Zweigen. Um unser wie der Nachbarn Vergnügen (macht hier sonst niemand). Mein Mann räumt die Vorratsregale aus, um, ein. Ich putze, wusele. Verfalle beim späteren Spaziergang immer wieder in Laufschritt. Es ist still auf den Brücken über den Firth of Forth. Dafür bleibt es in den sozialen Netzwerken laut. Immer mehr Menschen verlieren Verwandte oder Freund:innen. Der Tod lugt aus ihren Nachrichten hervor, ein Abschreckgespenst. Wenn man, indem man zuhause bleibt, doch unsterblich werden könnte. Aber wer würde das wollen? Auf der Weide unten am Hügel Schafe mit ihren frischgeborenen Lämmern. Neugierig, näher an Zaun und Mauer als sonst. Nummer 28 hat zwei. Kinderaugen. Daheim wickle ich mich ein in Fantasiewelten aus Zelluloid und Papier, erlebe Abenteuer, gehe auf Reisen, vergesse.

 

Berit, Greifswald

Ich denke darüber nach, welche Geschichten wir als Referenz für unsere Realität nehmen, welche Vergleiche wir ziehen, um unser Erleben zu beschreiben. Auf Twitter sehe ich zahlreiche Tweets, in denen Vergleiche zu Computerspielen gezogen werden. Vielleicht liegt es daran, dass wir uns in unseren Bewegungen im öffentlichen Raum gelenkt fühlen und die naheliegendste Erfahrung, die wir damit in Vergleich bringen können, mit dem Steuern einer Figur in Computerspielen zu tun hat.


Zuvor unbewusst durchgeführte Bewegungen sind durch die neuen Regeln unnatürlich geworden, das Nachdenken darüber, wie man seinem Gegenüber auf dem Gehweg am geschicktesten ausweicht, über den kontaktärmsten Weg um andere Menschen herum, verändert die Bewegungen. Kleist schrieb 1810 in seinem Essay “Über das Marionettentheater” darüber, dass vollendete Anmut nur bei fehlendem Bewusstsein erreicht werden kann, wenn keine Reflexion die Natürlichkeit verfälscht. Dass scheinbar einfach Dinge sich verändern, wenn man anfängt über sie nachzudenken, sieht man beispielsweise daran, wie merkwürdig fremd sich der Körper anfühlt, wenn man sich plötzlich seines vegetativen Nervensystems bewusst wird, darüber nachdenkt, dass das Herz immer schlagen und die Lunge ständig Atemzüge durchführen muss und das ganz automatisch passiert. Vielleicht ist es durch die veränderten Regeln seit Corona ein wenig so, wenn man sich auf den Straßen bewegt: zuvor unbedachtes und automatisches wird plötzlich reflektiert und nun fühlt sich der öffentliche Raum fremd an.

 

Slata, München

Ich will keine gutgemeinten Links zu aktuellen Sterbezahlen in Italien, will nichts mehr lesen von Kirchenglocken, Urnen und Lastwagen mit Leichen, will nichts von Ausnahmefällen hören, wenn doch Junge, und doch Gesunde, und Kinder sogar. Will nichts von Kindern hören, denen es zuhause schlecht geht, will mich nicht fragen, ob ich zur Beerdigung meiner Oma fahren würde, und von der Begegnung dann mit meinen Eltern träumen, will an keine apokalyptischen Reiter denken, Armageddon und das Ende aller Dinge. Wenn ich es jetzt schaffe, dem Tod mit Würde zu begegnen, denn es geht ja um den Tod, der sowieso, bei jedem, irgendwann, wenn ich es schaffe jetzt, tatsächlich, werde ich, vielleicht, stell ich mir vor, nie mehr Angst vor etwas haben.

 

Rike, Köln-Kalk

Heute bin ich umgezogen. Etwas in der Grauzone zwischen illegal und legal tun, weil man zu dritt in einem Auto sitzt.
Ich bin nicht mehr gewohnt, an einem Tag verschiedene echte Orte zu sehen.
In der alten Straße regt sich die Nachbarin über einen vom Gehweg her einsehbaren Wäscheständer auf. Es gibt nichts Schlimmeres. In der Neuen spielen Kinder mit zotteligen lila gefärbten Haaren Federball auf der Straße. Unaufgeregtes Kinderspiel ist wie Lagerfeuer gucken.  Gestern Trostpreis im Edeka eine große Taschentuchpackung mit kleinen albernen Katzen drauf. Auf WDR4 die schlimmsten 3 Tage alten auf-alte-Hits-neu-vertonten Coronahits beim über den Fluss fahren, und es war trotzdem verstörend romantisch, verstörend und romantisch. Vielleicht besonders, weil auf der Autobahn die Autos fehlen.

29.3.2020

 

Nefeli, Hamburg/Berlin

Gestern gelesen, dass in Südkorea nun Auto-Kinos absolut angesagt sind. Können wir das bitte hier auch umsetzen? Schon als Teenie träumte ich ja davon, ein Date in einem Auto-Kino zu haben. Ich besitze zwar weder einen Führerschein, noch ein Auto, aber in Corona-Zeiten wäre ich einfach froh, mich mit jemanden in ein Auto zu setzen, einen südkoreanischen Film zu sehen, Gummibären und Dosenbier zu genießen. Das wäre ein kleiner schöner Traum. Stattdessen: mühevolles in den Tag kommen. Viel Nachdenken über den Begriff der “systemrelevanten Berufe”. Ich glaube, das wird ein wenig den Diskurs zwischen Eltern und Kindern revolutionieren. Anstatt zu fragen, ob die Kids nicht mal etwas Vernünftiges machen könnten, wird nach der Systemrelevanz gefragt. Mach doch mal was Systemrelevantes.

Ich mach absolut nichts Systemrelevantes die Tage. Ich verschiebe das Staubsaugen, ich komme noch nicht einmal dazu, meinen Pony nachzuschneiden. Es fühlt sich auch alles nach einem Experiment im Experiment im Experiment an. Eindämmung des Sozialen zur Corona-Prävention als Experiment, darin das Zusammenleben mit S als Experiment, darin das  Digitalsetzen von Veranstaltungen als Experiment. Und niemand, der einem sagt, ob und wann Experimente eigentlich als geglückt gelten.

Außerdem bin ich mittlerweile frustriert mit “Drop the Number”. So langsam langweilt mich das Spiel. Dann brauche ich ein neues Quarantäne-Sucht-Spiel.

 

Fabian, München

Sicher drückt sich etwas von den Umständen auch im Menschen ab, mehr, als man, als Mensch, im Moment glaubt, oder glauben kann. Weil die Maßnahmen schließlich vorübergehen, aber das auf Sicht fahren politischer Stimmen trifft zu, natürlich lehrt die Geschichte früherer Pandemien, etwa der der viel bemühten spanischen Grippe, eine faktische Absehbarkeit dessen, was passieren kann; was wäre etwa, wenn ein zweites, vergleichbar aggressives Virus auf den Plan träte, im Verhältnis von jetzt oder in fünf Jahren und keine Lehren gezogen worden wären dann, entgegen den vielen Utopisten, die noch vor einer Woche  auf den Plan zu treten begannen und da und dort das Ende eines globalen, ernsthaft, Leute, absehen können meinen zu müssen begannen, wenn sich für viele, von uns oder wem auch immer, in den ersten Stunden der Durchsetzung der Gesellschaften mit neuen Umständen alles ziemlich viel unabwägbarer angefühlt haben mag, aber und in vielerlei Hinsicht ganz sicher nicht systemumstürzend, nicht mal im entferntesten, sanftesten Sinn.

 

Marie Isabel, Dunfermline

Was ich heute gelernt habe:

  1. Es gibt winzigkleine Schrauben mit großer Verantwortung.
  2. Nach dem ersten Schreck kommst du dir vor wie in einer Screwball-Komödie, wenn aus der Duscharmatur in senkrechtem Strahl Wasser spritzt.
  3. Nur weil Putzbedarf besteht, solltest du das Bad nicht gleich ertränken.
  4. Unbewusst den Pool zu vermissen, ist auch keine Entschuldigung.
  5. Pitschnasse Klamotten sind voll ok. Solange du nicht mehr drinsteckst.
  6. Immer zuerst den Hauptwasserhahn zudrehen. Und wenigstens Youtube konsultieren, wenn schon kein Fachmensch da ist.

PS: Ich bin sicher nicht die Einzige:


Shida

Wir sind abgehauen. Wir haben ein Auto (nicht unseres) gepackt und sind in ein leerstehendes Haus (nicht unseres) gezogen. Wir sind jetzt draußen auf dem Land, im buchstäblichen Nichts (nichts davon war illegal). Das Haus tröstet leise. Das letzte Mal haben wir es gesehen, als alles noch gut war. Hätte uns zu dem Zeitpunkt mal jemand gesagt, was in ein paar Monaten ist, wir wären doch ausgerastet vor Panik. Jetzt sind wir alle so routiniert. Verdrehen die Augen, wenn der Deutschlandfunk vor jeder Sendung schon wieder erklärt, warum das eigentliche Programm nicht mehr existiert. Weiß doch jeder man. Das Haus tröstet, als würde es sagen: “Kommt her, ich weiß schon, was Sache ist, ihr müsst nichts erklären, kommt einfach her, alles wird schon irgendwann wieder, im Schrank sind noch Kekse von Weihnachten.” Wenn man mich tröstet, bin ich immer sofort wieder sechs Jahre alt. Ich sitze hier und bin sechs Jahre alt und ziehe den Rotz hoch und fühle mich sehr gewertschätzt. Und merke, wie elendig müde ich bin, so unglaublich hundemüde, das kann nicht allein die frische Landluft sein. Ich habe Lust, was Witziges zu schreiben, aber dafür bin ich zu müde. Für neue Gedanken bin ich auch zu müde. Der letzte, neue Gedanke, den ich hatte, ist ziemlich alt. Ich habe Videos von den AfD Fraktionen in Bundes- und Landtagen gesehen, die sich demonstrativ nicht an die Vorgaben zur körperlichen Distanz halten und ganz nah beieinander stehen bzw. sitzen. In Krisenzeiten halten Menschen zusammen, habe ich gedacht, werden solidarisch, wo sie es sonst nicht waren; tun füreinander und für sich selbst Dinge, die sie sonst nie tun (und genießen es plötzlich, auf dem Land zu sein, wo sie es sonst nicht mögen). Aber die grundsätzlichen, allgegenwärtigen „Gefahrenherde“ und „tickenden Zeitbomben“, bleiben auch in der Krise das, was sie sind: Gefahrenherde und tickende Zeitbomben. Sie bleiben gefährlich, sie suchen sich nur neue Wege, um gefährlich zu sein.

Ich bin entweder zu müde oder zu gut erzogen, um ihnen gesundheitliche Folgen dafür zu wünschen.

 

Janine, Flensburg

Ich leide immer noch nicht merklich unter den Auflagen. Vor zwei Jahren bin ich aus München hierher gezogen, an die Ostseeküste, eine Stunde gemütlicher Fußweg bis zur deutsch-dänischen Grenze. Das hier ist nicht direkt der Arsch der Welt, aber so was wie ihr fusseliger Bauchnabel. Ich habe es vom ersten Augenblick an genossen. Wie privilegiert ich bin, gerade jetzt. Ich muss diese Zeit nicht in einer engen, stickigen Großstadt aussitzen, sondern hier oben, „wo andere Urlaub machen“.

Täglich gehe ich mit meiner Home Office-Kollegin am Hafen spazieren, zwischen uns zwei Meter Abstand, wir schreien uns zeitweise durch die Windböen an. Sie ist kurz vorm Durchdrehen aufgrund der Isolation. Sie tut mir leid, aber nachfühlen kann ich es bislang kaum. Es geht mir gut. Mein Alltag hat sich praktisch nicht verändert. Ich sitze immer noch den Großteil meiner freien Zeit vorm Laptop. Entweder Netflix oder Arbeiten am Manuskript. Ich rufe nur öfter die Seiten mit den Nachrichten aus aller Welt auf und schreibe mit mehr Leuten auf Whatsapp. Wenn ich noch mehr Ablenkung brauche, sind da mein Partner und unser Hund, und bisher sieht es nicht danach aus, als würden wir einander demnächst zerfleischen.

Meine Kollegin und ich gehen weiter, Richtung Werftgelände. Seit einigen Tagen sind mehr Möwen, Enten und Schwäne in Ufernähe zu sehen, vielleicht haben sie Hunger, weil weniger Senioren und Familien mit Kindern zum Füttern kommen. Ich weiche einem Radfahrer aus, der heftig klingelnd an mir vorbeiwill, ich komme dabei einer Frau zu nahe, die hinter mir geht, sie weist mich zurecht, dass man ausreichend Platz lassen soll.

Überall sitzen Menschen im Gras, brav verstreut und maximal zu zweit. Auffällig viele haben Alkohol in Flaschen, Dosen oder Tetrapaks dabei. Und Gläser, denen man ansieht, dass es „die guten“ aus der Vitrine oder von Oma sind.

Machen wir das morgen auch, fragt meine Kollegin. Ich hab so Lust auf Wein.

Tagsüber, um 14 Uhr? will ich fragen, aber diese Regeln gelten ja nicht mehr, wir lachen.

Am nächsten Tag können wir nicht spazierengehen, weil es in der Nacht Sturmflut gegeben hat, der Hafen ist überschwemmt. Das Wasser ist, ähnlich wie in den Kanälen von Venedig, nicht mehr tümplig braun, sondern sehr klar.

 

Viktor, Frankfurt

Heute mehrere Gespräche über die jetzt öffentlich diskutierte Triage geführt, also der Einteilung von Kranken in mehr oder weniger hoffnungsvolle Fälle. Zwei Sachen bleiben hängen: Erstens findet die Triage schon heute täglich in deutschen Kliniken statt, wenn zB entschieden wird, wer auf die Palliativstation kommt und wer ohne palliativer Pflege sterben muss. Und zweitens: Die Kriterien für ein Triage-System unterliegen zwar bestimmten ethischen Normen, aber diese Normen werden maßgeblich vom Gesundheitssystem einer Gesellschaft bestimmt. Und die dabei entscheidenden Frage ist: Ist das Gesundheitssystem profitorientiert, oder ist es solidarisch?

 

Woche 4: 30. März bis 5. April

30.3.2020

 

Simon, Vorort bei Freiburg 

Gestern habe ich das Wort “Paarantäne” gelesen. Meine Freundin und ich leben jetzt seit fast zwei Wochen zusammen hier und es werden vermutlich noch einige mehr. Wenn man ansonsten eine Fernbeziehung über mehr als 500km führt und sich ungefähr 2-3 mal im Monat für ca. 3 Tage sieht, ist das eine enorme Umstellung. Wir wurden gewissermaßen in das Zusammenleben gedrängt, haben uns dafür entschieden, die nächsten Wochen gemeinsam zu verbringen. Die Alternative wäre gewesen, dass wir uns auf unbestimmte Zeit nicht sehen würden. Das Unerträgliche an der Situation wäre weniger gewesen, sich nicht zu sehen, das ist man in Fernbeziehungen ja gewohnt, das Unerträgliche wäre gewesen, nicht zu wissen, wann man sich wieder sieht. Auch das Gefühl, in einer Extremsituation nicht füreinander da sein zu können, hätten wir beide nicht erleben wollen. Also los, auf eine unbestimmte, aber begrenzte Zeit unter widrigen Umständen zusammenwohnen. Selbst wenn wir seit über einem Jahr zusammen sind, haben wir noch nie so eine lange Zeit am Stück in einer Wohnung verbracht und schon gar nicht in einer Situation, in der das Verlassen der Wohnung nur eine Notfalloption darstellt. #stayhome heißt in diesem Fall auch #staytogether. Und es läuft gut bisher und ich bin sehr froh, dass wir die Möglichkeit bekommen haben, in einer Wohnung, die für zwei Personen groß genug ist, diese Wochen zusammen zu durchleben. Heute morgen bat mich meine Freundin, vielleicht nicht jeden Morgen direkt nach dem Aufstehen DLF Kultur anzumachen, müsse das jeden Morgen sein? Wir arbeiten uns gerade in einer Extremsituation durch die schönen und irritierenden Seiten des Zusammenlebens und wissen doch, dass das hier nur die Generalprobe sein kann, weil es eben keine realistischen Bedingungen sind – es ist wie ein Versuchsaufbau. Ab morgen werde ich mit Kopfhörern DLF Kultur hören und dabei Kaffee trinken.


Emily, Rostock

Allein mit dem Internet habe ich gedacht, es gibt nur noch eine Lesart der Situation, aber umso mehr ich mit meinem Umfeld zutun habe, umso deutlicher wird, dass ich wieder einmal strikter und unentspannter bin als die Menschen um mich herum. Gestern wollte ich nicht allein sein, aber mein Gegenüber ist so deutlich hörbar verschnupft, dass wir entscheiden, den Abend doch wieder getrennt zu verbringen. Noch immer telefoniere ich mit drei oder vier Menschen am Tag, aber ein Gefühl von Nähe will sich nicht mehr so recht einstellen. Mein Vater lernt in seiner Wohnung Koreanisch und kocht; ich schreibe mir jeden Tag auf meine To-Do-Liste, dass ich einen Apfelkuchen backen werde. Die Produktivität des Internets nagt an mir. Nachmittags hänge ich Essen an einen Zaun, damit auch diejenigen, die gerade durch das Raster fallen, etwas bekommen. Abends dann ein Telefonat mit einer befreundeten Gynäkologin. Wir erzählen uns das letzte halbe Jahr nach bis ihr Lieferessen kommt. Sie sagt, zum Kaiserschnitt müssen alle Patientinnen jetzt allein. Kein Besuch gestattet. Ich bin überrascht wie dünnhäutig ich geworden bin. Jede Nachricht dieser Art treibt mich stundenlang um.

Bevor wir auflegen sage ich, dass es meine Vorstellung einer guten Beziehung ist, sich während einer Pandemie gegenseitig die Haare zu schneiden.

 

Slata, München

Eine Möglichkeit, sich von allem Druck zu lösen, mit gutem Gewissen zuhause zu bleiben vor dem Laptop, egal, ob draußen ein Frühling anbricht oder ein letzter Schnee fällt, keine Zeit für Aufrechterhaltung sozialer Kontakte zu vergeuden, endlich ein An-Sich-Sein verspüren, nicht ablenken lassen von online-Lesefestivals, Schluss mit Werbung, mit aller Konkurrenz, wer was geschafft bisher und wie bekannt und wie beliebt geworden, die Zeit zum Anhalten bringen. Eine andere, schnell zwei Koffer packen, ins Auto werfen, ab zur Grenze, wieder, nochmal, irgendwo wird es schon ein Flugzeug geben, ein Pilot wird sich schon überreden lassen, uns auf eine unbewohnte Insel im Pazifik ‒ dann abwarten, bis die Menschheit ausstirbt, am Ufer sitzen, Kokosnüsse brechen, ein An-Sich-Sein verspüren.

 

Berit, Greifswald

Es hat geschneit, was mich immer glücklich macht. Wir haben eine Schneeballschlacht im Hinterhof gemacht, aber gegen Ende war es eher eine Wasser-Matsch-Schlacht. Als ich einen Eisball auf das linke Auge bekam, fühlte ich mich sofort wieder wie früher auf dem Schulhof, bloß das man sich als Mutter nicht an seinen Kindern rächen und ihre Gesichter mit Schnee bewerfen darf.

Später habe ich versucht zu arbeiten, aber ich habe dabei immer das Gefühl ein Teil dieses Orchesters zu sein, das auf der Titanic weiterspielt, während das Schiff untergeht. Man muss wohl eine funktionierende Zukunft denken, damit die Gegenwart einen Sinn ergibt, aber das fällt mir schwer gerade, besonders in Bezug auf leerlaufende Administrationsaufgaben.

 

Fabian, München

Schwer, etwas Offensichtlicheres zu finden. Nach der Arbeit, fast zuhause, diesmal nicht zu Fuß und an der letzten Umsteigehaltestelle noch zwischenstoppen, im Drogeriemarkt, derzeit „hoch gefragte“ Hygieneprodukte kaufen, nach zwei Wochen mal wieder, man möchte ja vernünftig sein, aber der Verbrauch erhöht sich doch etwas, wenn drei Menschen mehr Zeit zuhause verbringen, oder viel mehr, als sonst. Vor zwei Wochen, man hält sich ja für vernünftig, gab es das noch nicht, aber jetzt ist selbst nach Einführung einer Beschränkung, eine Packung pro Kunden/in, und es ist schließlich erst Montag, immerhin abends, wieder bis auf zehnfünfzehn Stück, was ist los mit euch, ihr …, alles leergeräumt. Erstaunlicherweise scheinen inzwischen auch Hygiene-Küchenreiniger zu den stark nachgefragten Produkten zu zählen.

 

Rike, Köln-Kalk

Weil ich merke, dass ich meine Freunde lange nicht mehr in 4D gesehen habe, weil sie teilweise in Quarantäne sind, neue Idee gegen die Entfremdung und die soziale Distanzierung: Bei allen Fenstern der Freundschaften in der Nachbarschaft vorbeilaufen und ihnen Hallo winken. Ich verspreche, ich halte auf dem Weg 2m Abstand mindestens zu jeder Person. Und Spaziergänge alleine sind in Ordnung, oder bin ich jetzt eine Gefährderin? Bin ich asozial? Zwei alte Worte mit jetzt frischen neuen Bedeutungen.
Ich kenne Seb’s genaue Adresse nicht, weil er umgezogen ist, aber hinter dem Fairstore links rein hat er gesagt und dass er Probleme mit dem Dönergeruch hat, der von der Hauptstraße aus in seine Wohnung zieht. Mir fällt auf, ich habe lange nicht mehr wen überraschend Zuhause besucht. Ich habe noch nie jemanden überraschend exklusiv vor seinem Haus besucht. Angenehm unmodern und daneben. In meinem Kopf bin ich ein weiblicher Barde.

Auf dem Weg dahin sehe ich die diversen Arten der Ladeninhaber*innen, sich auszudrücken, dass sie zu sind. Man kann ihnen statt dessen auf Instagram folgen teilweise. Der Zettel vom HUMANA scheint auf Schreibmaschine geschrieben und dann 30x kopiert worden zu sein. Ein Laden mit Schaufensterpuppen, die kreative Formen von Atemschutzmasken tragen, liest allen Klopapierhamstern die Leviten per Aushang vor. Das geht weit über jede professionell unterkühlte geschäftsmäßige Handlung hinaus. Hinter diesen Geschäften sind richtig individuell getroffene Menschen. Nur das Backwerk hat einen stolzen Zettel auf die Fensterfront geklebt (WIR HABEN NOCH OFFEN) und das professionelle Layout zeigt seine Kettenhaftigkeit an.
An einem Zaun hängt Fladenbrot in Plastiktüten und beschriftete Beutel, auf denen Damenjacke, Handseife, Wollpullover steht. Ein Vater redet in einem alten klugen Tonfall auf sein Kind herunter und schiebt es zum Zaun, er wird neugierig wie ein eigenes Kind, weil er selbst so etwas noch nie gesehen hat. Eine Teilherde Papageien, die vor Jahren aus dem Zoo ausgebüchst sind, fliegt über die Hauptstraße, weil sonst niemand anderes da ist. Absurdes Pseudoparadies. Nur hin und wieder kommen mir Menschen mit halb verpackten Gesichtern entgegen und ich weiß nicht, ob sie mich anlächeln oder nicht. Im Hauseingang eines Bestattungshauses schützen sich Männer mit dunklen Bärten vorm Wind, einer sagt etwas über das Aussehen einer Frau, die Frau antwortet zurück: du bist auch schön. Die Bestattungshausfrau schiebt mit einem ängstlichen Blick die weißen Gardinen zur Seite und schaut, was lost ist. In einem Handyladen sind alle Handys in der Auslage entfernt. Es gibt Preise für Dinge, die es nicht mehr gibt. Ein Sonderangebot für eine Reiseapotheke in der Apotheke offenbart schlechtes Timing. Es gibt neue Plakate auf der Straße, die sagen, der Virus heißt Corona, die Wirtszelle Kapitalismus; alle Namen alle getöteten jungen Menschen in Hanau: Ferhat Ünvar, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtovic, Said Nesar El Hashemi, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Kalojan Welkow, Vili Viorel Paun, Fatih Saracoglu; eine anderes Plakat fragt, was passiert, wenn ich auf engstem Raum in einer Sammelunterkunft lebe und mein Zimmer teilen muss? Ein Sonnenstudio wirbt mit einer Flatrate für die 18-20 Jährigen. An einem Blumenbeet auf der Straße sind die Frühlingsglocken mit Raketenstöckern gegen blöde Hunde geschützt. Die auf die Straße zwischen die Phosyzien gestellten kaputten Elektrogeräte wirken auf Gentrifizierende wie Kunstinstallationen, für Gentrifizierte sind sie Schrott. Alles wie immer. Ein 1 Kubikmeter großer Plastiksack voll ausrangierter Weihnachtszweigen aus China vor einer Hauswand, auf der jemand in der Vergangenheit geschrieben hat: NO BORDERS, NO NATION.
Ich klingle 2x hintereinander bei Seb, ich hoffe, dass sein Fenster nach vorne auf die Straße zeigt, als ich eine Sprachnachricht aufnehme, öffnet sich im obersten Dachgeschoss das Fenster und ich bin stolz und froh gleichzeitig. Da oben sitzt ein Freund in 4D, eingeklemmt in einem Zimmer, aber er ist da und wir sehen uns. Wir unterhalten uns 5 Minuten von der Fußgängerzone zum Dachgeschoss, obwohl niemand auf der Straße ist, fühlt es sich etwas gezwungen an, als wenn wir auf einer Stehparty stehen und uns nicht richtig konzentrieren können auf das Gegenüber. Ich probiere, Smalltalk zu überspringen, aber es geht doch nicht so gut. Seb schreibt danach: Das ist total absurd. Also von der Situation her. Ich schreibe zurück: aber wenigstens mal ein bisschen ein anderes Erlebnis. Ich gehe weiter zu Jon’s Zimmer, auf dem weg dahin ein Friseur, der anbietet, ein kleines Flugzeug in die Hinterkopffrisur zu rasieren, wenn man es mag. Es gibt ein illustratives Foto von einem Hinterkopf mit einem Urlaubsflieger. Ich denke an Apreskiparties in Oberösterreich. Jon’s Rollladen ist bis nach unten zugeklappt. Es sieht aus wie ein Bunker von außen. Gestern, auf dem Weg in die Stadt, ist mir ein Panzer auf einem Tieflader begegnet, der hinter einem privaten Stadtjeep hergezogen wurde.
Ich frage mich, was für ein Privatmensch zum Hobby Panzer sammelt.
Unter Vicky’s Balkon hängt ein Transparent, das sich im Wind verheddert hat.
GRENZ   ÖTEN
Sie zeigt mir ein Peacezeichen. Sie kann nicht lange am Fenster stehen, sie hat ein Skypedate. Auf dem Rückweg schaut eine kleine tibetische Mönchsfigur fern, es läuft Bierwerbung und man sieht Wälder und Inselbilder und das braune Auge einer Frau in Großaufnahme. Die Kirschblüten sammeln sich in Rillen vor den Türeingängen. Die Welt ist noch da, wenn ich rausgehe. Alle Menschen sind noch da, sie existieren noch in 4D, ich muss nur in einiger Entfernung bei ihnen vorbei spazieren.

 

Janine, Flensburg

Ich war joggen. Ich weiß, das sagt man nicht. „Joggen“ klingt nach Jogginghose und Trinkhalle und RTL, man sagt „laufen“, dann weiß das Gegenüber, dass es einem doll ernst ist damit. Aber mir ist es ja nicht ernst. Ich will mich nur wieder bewegen. Ok, das Gefühl haben, vor allem wegrennen zu können. Das ist eine Weile schon schön.

Sehr bald muss ich pausieren. Die Luft ist noch eiskalt und schneidend, von den Bronchien löst sich Schleim, ich muss husten. Die Leute machen einen Bogen um mich.