Soziale Distanz – Ein Tagebuch (2)

Dies ist der zweite Teil unseres kollektiven Tagebuches, in dem wir mit zahlreichen Beiträger*innen fortlaufend sammeln, wie der grassierende Virus unser Leben, Vorstellungen von Gesellschaft, politische Debatten und die Sprache selbst verändert (hier Teil 1).

Es schreiben mit:

Andrea Geier: @geierandrea2017, Anna Aridzanjan: @textautomat, Berit Glanz: @beritmiriam, Birte Förster: @birtefoerster, Charlotte Jahnz: @CJahnz, Elisa Aseva, Jan: @derkutter, Johannes Franzen: @johannes42, Magda Birkmann: @Magdarine, Marie Isabel Matthews-Schlinzig: @whatisaletter, Matthias Warkus: @derwahremawa, Nabard Faiz: @nbardEff, Philip: @FreihandDenker, Sandra Gugić: @SandraGugic,  Simon Sahner: @samsonshirne, Slata Roschal, Sonja Lewandowski: @SonjaLewandows1, Svenja Reiner: @SvenjaReiner, Tilman Winterling: @fiftyfourbooks, Viktor Funk: @Viktor_Funk

Woche 2 (erster Teil): 16. März bis 18. März

16.3.2020

Magda, Berlin
Wie kann man kleinen Kindern die aktuelle Ausnahmesituation verständlich machen? Wie erklärt man einer 2jährigen, warum man gerade das Haus nicht verlassen darf? Was macht die allgemeine verunsicherte Stimmung mit so einem kleinen Kind?

Berit, Greifswald
Die überall angepriesenen Online-Lernplattformen laufen nur noch in Schneckengeschwindigkeit oder brechen direkt unter der Last der Anfragen zusammen. Ich mache mir Gedanken darüber, was diese Wochen für Familien bedeuten, in denen die notwendigen Ressourcen für Heimunterricht nicht vorhanden sind.

Sonja, Köln
Ich denke an meinen Vater, der eigentlich schon lange in Rente sein müsste. Der Musiker ist. Der uns Kinder großgezogen hat und immer noch keine Mindestrente bekommt. Der jetzt keine Auftritte mehr hat. Der auch keinen privaten Unterricht als Musiklehrer mehr geben kann. Der kein Einkommen hat, der kein Einkommen hat, der kein Einkommen hat. Ich sehne mich für ihn und alle meine Lieben, die in ihren überteuerten Wohnungen sitzen und nicht wissen, wie sie diese in den nächsten Monaten bezahlen sollen, nach einem Grundeinkommen ohne Bedingungen. Als mein Vater vor drei Wochen ängstlich über die sich anbahnende Situation gegrübelt hat, habe ich gelacht und abgewunken. Jetzt schäme ich mich dafür.

Simon, Freiburg
Ich habe mich in den letzten Tagen oft über Fotos von Menschen aufgeregt, die in großen Gruppen im Freien herumstanden, über Berichte von Leuten, die zu Corona-Parties einluden oder über diejenigen, die jetzt noch feiern gehen. In mir hat das alles eine große Frustration und Wut ausgelöst, weil diese Haltung zum einen zeigt, dass viele nicht verstanden haben, was passiert, und weil sie tatsächlich gefährliche Folgen haben kann. Zum anderen befürchte ich, dass genau diese Haltung letztlich doch zu Ausgangssperren und ähnlichem führen könnte, die unter Umständen per se nicht nötig wären, wenn sich alle an die Empfehlungen halten würden und alleine oder als Familie oder als Paar spazieren gehen, Fahrradfahren oder Picknicken würden. Ich werde unruhig, wenn ich so etwas sehe, weil ich es nicht verstehe, dass man sich in solchen Situationen nicht an einfachste Grundregeln halten kann, die vielleicht unangenehm sind, die aber per se nur bedeuten auf ein Freizeitprivileg zu verzichten.

Johannes, Bonn
Jede Krise, die eine Gemeinschaft betrifft, bringt neue Tugenden und damit neue Laster hervor. Man macht einen Spaziergang (aber allein!) und sieht auf der Straße die fröhlichen Zusammenrottungen des Frühlingsanfangs plötzlich mit finstererem Blick. Krise bedeutet Verzicht, aber diese Krise fordert den Menschen nicht den Verzicht auf Materielles ab, sondern auf soziale Kontakte, genau das, was ja normalerweise in Krisenzeiten eingefordert wird. Eine moralgeschichtlich komplizierte und faszinierende Situation.

Andrea, Tübingen
Auf Twitter trendet kurz “Tag 1”. Als ob die Krise erst jetzt beginnen würde. Ich verstehe das, insofern erst jetzt die Schulen schließen, gleichzeitig ist es seltsam, weil es signalisiert, dass das Wochenende noch als ‘jetzt kann man nochmal alles machen’ von vielen wahrgenommen wurde. Im Verlauf des Tages wird das Maßnahmenpaket der Bundesregierung angekündigt, das ich gut finde. Pragmatisch, wichtige symbolische Wirkung: Keine Urlaubsreisen etc. Beschränkung auf das wirklich wichtige, hoffentlich geht das in die Köpfe! Nach der PK der Kanzler spricht endlich der Bundespräsident zur Corona-Krise: “Die Welt danach wird eine andere sein.” Hoffentlich gilt das auch zukünftig für die Frage, wie effizienzorientiert das Gesundheitswesen sein muss, denke ich. “Ich glaube an unsere Vernunft. Ich glaube an unsere Solidarität. Halten wir heute voneinander Abstand, damit wir uns morgen wieder umarmen können.” Gut.

Philip, Göttingen
Es fühlt sich unwirklich an. Für mich hat sich nicht viel geändert mit dem Lockdown. Es ist keine Vorlesungszeit und ich gehe auch nicht in die Bibliothek, weil ich die Arbeit an meiner Dissertation pausiert habe. Corona scheint online viel präsenter als im Analogen. Wie jeden Montag erledigen wir den Wocheneinkauf. Worüber wir bisher vor allen gewitzelt haben, ist jetzt wirklich. Das Nudelregal ist komplett leer und Toilettenpapier ist nur noch wenig da. Wir beschließen, doch keines mitzunehmen. Wir wollen bewusst nicht “hamstern”, aber ein bisschen lässt es sich doch nicht vermeiden. Wir nehmen hier eine Dose, dort ein Glas mehr mit als wir es unter normalen Bedingungen getan hätten. Nachmittags mache ich einen kurzen Spaziergang. Es ist richtig frühlingshaft, und statt der üblichen Leute mit Hund sind auch viele Familien und ältere Paare im Wald, der gleich hinterm Haus beginnt, unterwegs. Ich muss an einen Tweet denken, der von “Coronaferien” sprach. Aber wer wollte es den Leuten verdenken, die ersten schönen Tage zu genießen? Später telefoniere ich mit meinem Vater. Er arbeitet in Basel, lebt aber in Deutschland. Er erzählt mir, dass er nicht sicher war, ob man ihn nach der Arbeit wieder die Grenze überqueren lassen würde, und scheint sich spitzbübisch darüber zu freuen, dass es ihm gelungen ist. Wir reden darüber, dass wir die Situation nutzen, um es ein wenig langsamer angehen zu lassen. Ich freue mich, dass er jetzt kürzer tritt, denke aber daran, wie glücklich unsere Lage ist, dass wir so mit dieser Krise umgehen können.

Tilman, Hamburg
Eben war ich bei Giovanni, den Tisch für Samstag stornieren. “Haben schon ganz viele gemacht”, sagte Mirko traurig. 11 Personen hatte ich angemeldet. Meine Schwester heiratet im Mai und unsere Eltern und die Eltern ihre Freundes kennen sich noch nicht. Aus Nürnberg, Frankfurt, Münster und Bad Hersfeld sollte angereist werden. Als wir vor zwei Wochen das erste Mal darüber sprachen, ob das denn alles so stattfinden könnte, war meine Mutter bereits sehr skeptisch, mein Vater dagegen noch fest überzeugt, alles stelle kein Problem dar. Die Entscheidung abzusagen, fiel bereits letzte Woche, gestern war es aber mein Vater, der sehr vehement in der Familien-Whatsapp-Gruppe forderte, meine Chefs sollten von ihrem Hausrecht Gebrauch machen, falls Kollegen sich nicht freiwillig in häusliche Quarantäne begäben.

Matthias, Jena
Mir wird zum ersten Mal seit Tagen richtig mulmig, als ich mitbekomme, dass eine neue Stufe der Einschränkungen bekanntgegeben wurde. Ich muss an »When the Wind Blows« denken. Beim Abendessen schalte ich das Radio ein, ich will jetzt weder ein Feature über ein Massaker in Apartheid-Südafrika noch E-Musik hören, also schalte ich um auf MDR Thüringen Ost, und dort läuft »Some Broken Hearts Never Mend«, es macht direkt alles noch schlimmer, weil es so eine postapokalyptische Atmosphäre produziert. Woran liegt es, dass bestimmte Musik (z.B. älterer Country oder amerikanische Schlager aus dem 2. Weltkrieg) sich so sehr nach Autoradio nach dem Atomkrieg anhört und andere nicht? Es gibt da eine popkulturelle Überlieferungslinie, die den Abspann von »Doktor Seltsam« und den Vorspann von »Fallout« verbindet, aber da muss es doch noch mehr Datenpunkte geben.

(Danach übrigens Bobbie Gentry, »I’ll Never Fall in Love Again« mit den herzigen Versen: »What do you get when you kiss a girl? / You get enough germs to catch pneumonia«.)

17.3.2020

Nabard, Bonn
Die Straßenbahn ist ziemlich gefüllt. Es herrscht eine erstaunlich gespenstische Ruhe. Nicht aber weil die Schulkinder fehlen. In ein paar Minuten bin ich im Krankenhaus. Mein praktisches Jahr hab ich mir sicherlich anders vorgestellt, doch was soll’s. Hier hat gerade jemand gehustet und alle haben ihn mit einer Mischung aus Ekel, Panik und Verachtung angeschaut. Gleich in der Besprechung erfahren wir die neuesten Zahlen. Von befreundeten Ärzten aus Köln und Berlin höre ich, dass sie in ihren Krankenhäusern sich aufs schlimmste eingestellt haben. In einem teil-privatisierten Gesundheitswesen, was auf Gewinn aus ist, ein radikaler Schritt! Erst einmal Hände desinfizieren und dann den Kittel anziehen.

Magda, Berlin
Über ein Facebookupdate ihrer Tochter erfahre ich heute morgen, dass sich der Hirntumor meiner amerikanischen Gastmutter, bei der ich 2006 ein Schuljahr lang gelebt habe, nach über einem Jahr ohne Wachstum nun plötzlich verdoppelt hat, dass sie wieder mit der Chemo beginnen müsse, dass ihr Zustand sehr verschlechtert sei. An manchen Tagen könne sie sich wohl nicht einmal wirklich erinnern, wer sie selbst sei. Meine Gastfamilie lebt in Kalifornien, das inzwischen als Covid19-Risikogebiet gilt, sie haben wenig Geld, wie es um ihre Krankenversicherung gestellt ist, weiß ich nicht. Der Kontakt zwischen uns ist in den letzten Jahren über die gelegentliche Facebooknachricht ihrer Tochter hinaus sehr eingeschlafen, aber heute wird mir plötzlich klar, dass ich vermutlich keine Gelegenheit mehr bekommen werde, sie jemals wiederzusehen. Mit dem Ausnahmezustand hier in Deutschland irgendwie klarzukommen und gleichzeitig zu wissen, dass es überall auf der Welt gerade genauso schlimm aussieht, dass es anderswo auch kein von all dem unberührtes Idyll mehr gibt, bringt mich immer näher an meine mentalen Grenzen.

Sonja, Köln
Dem Social Media-Dinosaurier Facebook wird die Funktion kupiert. Wer Facebook noch als Veranstaltungsbörse nutzte, kann jetzt die veralteten Klopapier-Gags und die unzähligen Anfragen von Autor*innen, ihre Seite zu liken, endlich hinter sich lassen.

Bei Tinder und OkCupid alles beim Alten: Man matched, man schreibt, man trifft sich nie.

Andrea, Tübingen
Die gesundheitlichen Fragen beschäftigen mich am meisten. Aber auch wie es an den Unis weitergeht, diskutiere ich mit Lehrenden verschiedener Unis seit Tagen auf Twitter. Die Informationspolitik der Unis ist dabei sehr unterschiedlich, und das hat keineswegs nur mit verschiedenen Semesterstart-Zeiten zu tun. Manche berichten, dass sie schlicht aufgefordert werden, sich auf digitale Lehre einzustellen. Ohne dass gleichzeitig kommuniziert wird, wie das gehen soll. Online-Formate muss man extra konzipieren. Wer sich etwas mit digitaler Lehre auskennt, weiß, dass das viel Vorlauf braucht. Und da reden wir noch gar nicht über rechtliche Fragen, Netz-Kapazitäten etc.

Sonja, Köln
Von dem neuen Hashtag #stayhomechallenge wird mir erst schlecht und ich befürchte einen blinden Aktivismus, der unter Publikum propagiert wird, dann scroll ich ein bisschen durch und kichere ein bisschen rum

Heute Nacht die erste Panikattacke. Was, wenn der Lockdown wirklich kommt? Ich wohne allein, ich arbeite allein, ich kann allein sein, aber ich kann nicht eingesperrt sein. Wer schon mal weggesperrt wurde – ob ins Badezimmer, auf eine geschützte Station in einer Klinik oder ins Gefängnis – weiß, wie unvergleichbar beklemmend diese Situation ist. Nur dass man in einer Psychiatrie noch in Gesellschaft ist, wie fordernd die Mitpatient*innen, wie streng die Pfleger*innen auch sind, man kann jemanden zu sich rufen und in Kontakt treten, wenigstens einen Anflug von Berührung erleben. In der Quarantäne aber, wer will mich da mit einer Hand auf meinem Handgelenk, einer Schulter in meinem Rücken, einer Stirn an meinem Kopf beruhigen?

Das abendliche Twitterkonzert von Igor Levit gibt mir Halt, gibt mir eine Routine in der Ausnahmesituation, 19 Uhr ein Klavier. Gibt mir ein Gefühl von Gemeinschaft, spendet Nähe.

Ich telefoniere mit einem Freund, der in der gleichen Situation ist. Ein Musiker, der für die nächsten Wochen ohne Aufträge sein wird. Er ruft schon das vierte Mal an heute. Auch ihm klemmt der Brustkorb, rauschen die Ohren. Unsere Unruhe wuchert. Die antizipierte Einsperrung ist die Schlimmste. Wieso lässt man sich freiwillig in einen Container einsperren? Aber neugierig, wie die Bewohner*innen von Big Brother hier in Köln Ossendorf heute auf die Info reagieren, bin ich auch.

Andrea, Tübingen
Gegenüber anderen Menschen habe ich in dieser neuen Situation nicht wirklich etwas zu bewältigen. Ja, ich mache mir Sorgen um Verwandte, aber mein Alltagsleben ist gut zu managen. Eigentlich sollte es nicht viel anders sein als sonst in der vorlesungsfreien Zeit. Aber so fühle ich mich nicht. Das entspricht viel eher meinem Zustand:

Magda, Berlin
Ich mache mich bereit für meine heutige Spätschicht in der Buchhandlung. Heute werde ich die Strecke von ca. 2,5 km ausnahmsweise zu Fuß gehen (ich besitze kein Fahrrad, fahre sonst immer Tram). Die angekündigte Pressekonferenz des Berliner Senats wurde von 13 auf 14:30 Uhr verschoben, noch weiß also niemand, ab wann die vom Bund empfohlene Schließung aller nicht-essentiellen Läden hier in Berlin umgesetzt wird. Das heißt auch, dass keine*r aus dem Buchhandlungsteam weiß, ob wir morgen zur Schicht antreten müssen und wie es überhaupt jetzt weitergehen wird. Es fühlt sich komisch an, nach vier freien Tagen gleich im Laden stehen und mit Kundschaft interagieren zu müssen. Bei meiner letzten Schicht am Donnerstag war noch alles vergleichsweise “normal”, unser Café war noch in Betrieb, der Laden voll. Wie die Stimmung wohl heute Nachmittag sein wird? Ob überhaupt Leute kommen werden?

Beim kurzen Spaziergang im Park am Sonntag habe ich mich erst über die ganz ungerührt dicht an dicht sitzenden Menschenmassen geärgert. Dann kam mir der Gedanke, dass zum Glück inzwischen Pokémon Go schon wieder out ist, weil es sonst in den Berliner Parks noch viel schlimmer aussähe. Gotta catch ’em all!

Birte, Darmstadt
Mein Sohn und ich versuchen, einen Rhythmus des zuhause Seins, Arbeitens und Lernens zu finden. Ganz gegen Brecht haben wir einen Plan gemacht, vor allem, damit wir wissen, wann wir frei, gemeinsame Zeit haben oder allein sind. Seinen Vater wird er mehrere Wochen nicht sehen können, der lebt in der Schweiz. Wenn vieles ungewiss ist, hilft vielleicht ein Rhythmus, ein Plan. Wir wissen beide: wir müssen uns noch eingewöhnen.

Gerade sind wir über die Rosenhöhe spaziert, einem Darmstädter Park. Hier scheint die Sonne, die Magnolienbäume öffnen ihre Knospen. Alle gehen sorgsam miteinander um, alle vermeiden zu große Nähe, wenn sie anderen begegnen.

http://www.park-rosenhoehe.info

Ich musste an meinen Kollegen Jonathan Triffitt denken, der über die Entmonarchisierung Hessens, Württembergs und Bayerns nach 1918 promoviert, denn das Palais Rosenhöhe gehörte dem letzten regierenden Großherzog von Hessen-Darmstadt Ernst Ludwig. Überhaupt denke ich viel an Kolleg*innen, tausche mich mit ihnen aus, froh über die Zeit, die uns noch bleibt, die Lehre online vorzubereiten.

Hier ist Frühling.

Simon, Freiburg
Es ist sehr seltsam und anstrengend, die Diskrepanz zwischen Normalität und Ausnahmezustand aushalten und balancieren zu können. Während in meiner Region die Lage angespannter wird, schaue ich auf die Deutschlandkarte und sehe Städte und Regionen, die 3 vielleicht 5 Fälle haben – ganz Thüringen hat derzeit weniger als Freiburg, deutlich weniger. Manchmal schalte ich das Radio an und hoffe auf einen Beitrag, der nichts mit der aktuellen Situation zu tun hat und gleichzeitig fühlt es sich seltsam an, wenn dort wie heute morgen über die ersten freien Wahlen in der DDR vor 30 Jahren gesprochen wird. Ich werde mir in den nächsten Tagen und Wochen Momente freischaufeln müssen, in denen das Thema Covid19 keine Rolle spielt, in der sich alles normal anfühlt – und ich befürchte, dass sich es diese Momente nicht geben wird, weil sich diese Abwesenheit seltsam anfühlen wird.
Gerade bin ich durch meine Timeline auf Twitter gegangen, auf der Suche nach einem Tweet, der nichts mit der Situation zu tun hat. Ich musste lange scrollen.

Tilman, Hamburg
Ich habe noch nie Home Office gemacht. Das will erstmal eingerichtet werden. Also muss ich mit dem Mann von der IT telefonieren. Das ist ein externer Dienstleister und hin und wieder hat man zwar eine bekannte Stimme dran, aber so häufig hat man eigentlich keine Computer-Probleme, dass man sich da groß anfreunden würde. Nach der Schilderung meines Problems, (ich habe eigentlich zwei, denn ich habe meine Maus im Büro liegen lassen), schaltet er sich auf meinen Rechner auf. Während nun ferngesteuert der Cursor über meinen Bildschirm flitzt, schweigen wir uns an. Er schweigt so deutlich, dass ich ins Grübeln komme, was für ein IT-Hotline-Typ ich wäre, also auf Dienstleisterseite.

Kenne nicht so viele, aber für ein Magazin würde ich u. a. die folgenden nehmen:

  • manche brabbeln oder machen so Geschäftigkeitsgeräusche,
  • manche erklären dem Gegenüber, was sie tun,
  • manche schweigen.

Dann müsste ich mir noch welche ausdenken, damit dieser Typen-Test einen lustigen Spin bekommt und die Leute weiterlesen, vor allem damit sie die Auflösung lesen, hihi, bist Du auch der “XYZ-Typ” und dann unterhalten die Leser*innen sich darüber, was die Redaktion sicher für einen Heidenspaß hatte sich so einen Test auszudenken. Der Schweigetyp sagt jetzt, dass er zurückruft. Bestimmt einfacher sich zu konzentrieren, wenn der andere nicht in den Hörer schweigt.

Im Supermarkt bietet jemand an der Kasse einem anderen jemand Geld für zwei Rollen Klopapier. Das Angebot wird einfach überhört. Ein Edeka Mitarbeiter sagt dem Anbietendem, dass heute Nachmittag neues Klopapier kommt (wir kaufen Saft und vegane Burger und bisschen Obst und Gemüse; extra kein Klopapier und keine Nudeln).

Wir treffen Daniel und Judith. Judith hat ein Baby und sagt, dass das Zuhausebleiben einfach wie sehr langes Wochenbett sei. Das verstehe ich nicht richtig.

Charlotte, Bonn
Aufwachen. Die ersten 30 Sekunden sind immer die besten des Tages, weil ich solange brauche, um mich daran zu erinnern, was gerade los ist. Seit gestern bin ich im Home-Office. Das ist eine enorme Umstellung, bislang haben wir eng im Team gearbeitet. Jetzt gibt es zwar einen Chat, aber darin passiert nicht viel. Wir müssen erstmal unsere Abläufe einstellen. Und technische Probleme sind da auch, nicht gerade wenige. Mein Mann arbeitet noch im Büro, also sitze ich alleine im Home-Office. Es ist seltsam, dass der Arbeitsplatz jetzt direkt neben dem Schlafzimmer liegt. Ich lese regelmäßig twitter und merke, dass es nicht gut tut, ich es aber auch nicht lassen kann. Jede*r postet ständig Artikel wie es jetzt weitergehen könnte. Es entstehen Diskussionen über Fake-News, die heute keine Fake-News mehr sind. Alle regen sich auf, niemand weiß genaues. Das ständige Updaten tut mir nicht gut, gleichzeitig habe ich das Gefühl, ich könnte etwas “Wichtiges” verpassen. Aber was ist denn gerade “wichtig”? Gegen Mittag höre ich den neuesten Corona-Virus-Update-Podcast und wage mich hinaus. So ein paar Einkäufe will man dann ja doch erledigen. Auf dem Weg zum Supermarkt achte ich kleinlichst darauf, dass mir niemand zu nahe kommt, an der Ampel nähert sich mir dann trotzdem ein Mann, obwohl ich versuche ihm auszuweichen. Ich mache die

Social-Distancing-Playlist auf Spotify an, sehr eklektisch.

https://open.spotify.com/playlist/0uJbw1w5FtiC1RGcRlFpgv?si=eGxN3k8OTiu1ALv5SesIVw

Im Supermarkt ist eigentlich alles wie immer, auch wenn es hier das zu sehen gibt, was ich schon von Fotos auf twitter kenne: leere Regale bei gewissen Produkten. Aber alle versuchen möglichst nett zueinander zu sein. An der Supermarktkasse telefoniert eine Frau, es geht um Nachschreibetermine und das Schulministerium und ich versuche niemandem nahe zu kommen, aber die zwei Meter Abstand, die empfohlen werden, hält niemand ein. Auf dem Weg zurück ins Home-Office schreibe ich Freunden, aber der Ausnahmezustand ist nicht wirklich spürbar. Es sind allerdings weniger Menschen unterwegs und ich habe das Gefühl, die Sirene der Polizei nebenan geht in letzter Zeit öfters als sonst, aber vielleicht bin ich auch nur viel sensibler dafür geworden. Abends registriere ich mich für eine Studie der Ruhr-Universität Bochum, die herausfinden will, wie sich unser Erleben und Verhalten gerade über die Zeit verändert. Bislang planen sie mit vier Tagen, die die Studie dauern soll.

https://covid-19-psych.formr.org/

Anna, Berlin
Ich denke gerade sehr viel über Freiheit nach. Freiheit in all der Vielfalt, die dieses Wort beinhaltet. Unsere Freiheit ist mehr und mehr eingeschränkt, ist ja auch erstmal gut so, es ist wichtig, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, usw usf. Aber wie viel Freiheit wir plötzlich aufgeben. Es trifft mich. Es schnürt sich eng um meine Brust. Für wie lange wird das gehen? Wann dürfen wir wieder? Reisen, umarmen, Essen gehen, all diese kleinen Luxusmomente? Und Eltern, wann dürfen sie wieder etwas zusammen ohne die (kleinen) Kinder unternehmen? Ins Kino, Date Night, einfach raus? Sonst haben immer Oma und Opa aufgepasst, aber jetzt, tja, Risiko.

Wann wird die Freiheit wiederkommen? Und wie? Auf einen Schlag? Nach und nach? Werden wir sie uns erkämpfen müssen?

Viktor, Frankfurt
Seit Tagen Diskussionen über Freiheit und was die richtigen Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus’ sind.

Heute schrieb mir eine gute Freundin, (über 60 Jahre, DDR-Flüchtling), dass sie lieber am Virus sterbe als in einer Notstandsverordnungsgesellschaft zu leben.  Sie schrieb auch “Ich werde die Grundsätze der Aufklärung niemals aufgeben”. Mich beschäftigt das. Ich frage mich, ob die naturwissenschaftliche Aufklärung, also das Wissen über das Virus, nicht auch ein Teil der Aufklärung ist? Mediziner und Naturwissenschaftler können sagen – oder zum jetzigen Zeitpunkt wohl auch nur vermuten – was gegen das Virus hilft, aber die entsprechenden Maßnahmen umsetzen müssen dann Politiker:innen. Und hier steckt ein gesellschaftlicher Konflikt. Mein Nachbar ist selbstständiger Optiker, er hat drei Kinder, er weiß nicht, wie er die nächsten Monate überstehen soll …

Wütend machen mich Gerüchte und Verschwörungstheorien. Wütend macht mich auch, dass viele Menschen sich nicht informieren, Unsicherheit nicht aushalten können und dann ihre Unsicherheit mit einfachen, realitätsfernen Erklärungen beruhigen.

18.3.2020

Marie Isabel, Dunfermline
Mein Flug nach Deutschland wurde abgesagt. Das schon gebuchte Brahms-Konzert auch. Erstattungen erfolgen automatisch oder lassen sich leicht online vornehmen. Sogar die sonst nicht als mildtätig bekannte Deutsche Bahn macht einem Hoffnung … Die Welt ist wirklich aus den Fugen. Im hiesigen Supermarkt klaffen die gleichen Regallücken wie in Deutschland: kein Toilettenpapier (ich verstehe es immer noch nicht), wenig Tiefgefrorenes, null Spaghetti … An der Kasse meint ein Mann, in anderen Ländern seien leere Regale alltäglich, wir daran nur nicht gewöhnt. Ich nicke der Einfachheit halber. Es wäre zu umständlich, ihm zu erklären, wie beeindruckt ich Anfang 1990 war, als ich (DDR-Kind) zum ersten Mal in einen westdeutschen Supermarkt ging. Wann werde ich meine Familie wiedersehen? Ich sorge mich um sie. Sie sich um mich. Wie letztes Jahr um diese Zeit, als ich mitten in der Chemotherapie steckte. Im Nachhinein wirkt das wie ein Intensivvorbereitungskurs für die Pandemie: Menschenansammlungen meiden, ausreichenden Abstand von Hustenden halten, Hände gründlich waschen, im Zweifelsfall daheim bleiben, regelmäßig die Körpertemperatur messen, etc. Ich denke momentan viel an all jene, die sich jetzt in einer solchen oder ähnlichen Situation befinden, die besonders verletzlich sind … Als würde einem der Krebs nicht schon genug Angst machen. Ich hoffe, sie verbringen nicht allzu viel Zeit online oder vor dem Fernseher, wo es momentan eigentlich nur eine Nachricht zu geben scheint. Auf Twitter sehe ich, dass dank Little Miss Corona (wie eine Survivor aus meinem Bekanntenkreis Covid-19 nennt) der Sehnsuchtsort Venedig nun eine Geisterstadt ist – mit plötzlich wieder klarem Wasser in den Kanälen, bevölkert von Schwänen.

Ich kann das erleichterte Seufzen der Erde förmlich hören. Manche Zeitung schwelgt derweil in postapokalyptischen Szenarien, die uns in Folge der Pandemie bevorstehen könnten.

Es gibt Journalisten, die sollten vielleicht doch besser schlechte Literatur schreiben. Und es gibt Premierminister, die hätten lieber bei ihrem Zeitungsjob bleiben sollen. Dann würde so jemand wie Boris Johnson nicht in diesem Amt verkünden, dass aufgrund des neuen Virus „noch viel mehr Familien geliebte Menschen zu früh verlieren werden“. Ein Satz, der in meinem Kopf wider- und widerhallt, wie in einer Echokammer.

Nabard, Bonn
Studientage dienen dem Eigenstudium und sollen von Studierenden genutzt werden, praktisch erlerntes theoretisch zu festigen. So viel zur Theorie. Ich nutze die Zeit um einen Zahnarzttermin wahrzunehmen. Die Straßenbahn fährt jetzt nach einem gesonderten Fahrplan. Hätte man mir gerne früher sagen sollen aber sei’s drum. Bin eh zu spät. Heute kam eine email, dass sollte es zu einer Ausgangssperre komme wir von unserem Krankenhaus eine Bescheinigung erhalten auch außerhalb der Sperrzeiten rausgehen zu dürfen. Zu meiner linken fließt der Rhein, ganz ruhig und wir überqueren die Konrad Adenauer Brücke. Ich selbst bin aufgewühlt und habe eine innere Unruhe. In den Nachrichten taucht jetzt vermehrt Professor Streeck auf, Virologe aus Bonn. Irgendwie entwickeln wir gerade eine Obsession zu Virologen. Problem ist nur, sie alle sind keine Kliniker. Was soll’s.

Die ganze Zeit begleiten mich Jay Electronica und Jay Z. Die passende Musik für so einen morgen.

Viktor, Frankfurt
Immer wieder fasziniert, wie schnell in Krisen oder Stresssituationen Humor eine besondere Rolle im Alltag einnimmt. Menschen posten Bilder, wie sie in der Dusche – angekleidet, Kopfhörer im Ohr – wie in einer Straßenbahn stehen; Menschen witzeln über strikte Struktur für den besonderen Alltag, tragen in den Kalender ein “evtl. duschen” ein

Andere verzweifeln, weil sie als Ärzte zerrissen sind zwischen Fürsorge für die Familie und gesellschaftlicher Aufgabe

Berit, Greifswald
Von einem besorgten älteren Verwandten aus Island bekommen wir auf Facebook ein Video mit einem “todsicheren Trick” um Corona-Viren zu bekämpfen. Ich schaue es mir komplett an. Es dauert mehrere Minuten und ist erstaunlich professionell produziert. Gegen hitzeempfindliche Viren soll es angeblich helfen, sich mit dem heißen Fön ins Gesicht zu blasen und die Viren so zu töten. Dazwischen soll man sich mit der Pflanzenspritze Wasser ins Gesicht spritzen, damit die Haut nicht geschädigt wird. Ich muss lachen, bei der Vorstellung, dass sich gerade viele Menschen mit dem Fön selbst behandeln. Angst geht seltsame Bahnen und wir sind wahrscheinlich alle gerade empfänglich für falsche Informationen und dumme Tipps. Es gibt einem das Gefühl etwas Handlungsmacht zu haben. Wir schreiben freundlich zurück, dass dieses Video nicht wissenschaftsbasiert ist. Vielleicht haben wir die virale Ausbreitung dieses Videos so zumindest an einem Zweig gestoppt.

Birte, Darmstadt
Heute auf dem Markt die Choreographie des neuen Körperregimes. Lange Abstandschlangen im Sonnenschein, die sich langsam und aneinander vorbei bewegen. Schlecht damit zurecht zu kommen scheinen mir all jene, die auch sonst nicht darüber nachdenken, wo ihr Körper anfängt und wo er endet.

Das erste Mal seit mein Sohn sehr klein war, sind wir mindestens fünf Wochen zusammen, keiner muss wegfahren oder morgens zur Schule. Noch ist das Homeoffice ein ohnehin eingeübter Zustand, noch macht er nicht mürbe, noch haben wir Phantasien, wie wir uns schöne Momente schaffen. Unsere Wohnung ermöglicht Alleinsein, draußen auf dem Balkon zu sitzen. Luxus, den wir jetzt deutlicher sehen.

Ich frage mich, ob ich ungeduldiger bin, mit schlecht komponierten Texten, wie dem zu Freiheitseinschränkungen in der Süddeutschen, mit den Appell-Tweets, die jetzt meinen oder schon immer meinten zu wissen, was das richtige ist. Früher haben sie mich gelangweilt, jetzt finde ich sie kaum erträglich.

Sorge bereitet mir die Situation in Großbritannien. Norbert Kraas aka @reclamekaspar hat dazu heute morgen einen so bitteren wie guten Text der Schriftstellerin A. L. Kennedy verschickt.

Mein vor drei Tagen aus Österreich zurückgekehrter Nachbar läuft an meinem Balkon vorbei. Da sitze ich beim Arbeiten und komme mir vor wie Frederick aus dem Kinderbuch von Leo Lionni. Den Plan haben wir für heute ausgesetzt.

Berit, Greifswald
Island ist sehr stark von den Unmengen an Tourist*innen abhängig, die entscheidend daran beteiligt waren, dass das Land die Wirtschaftskrise von 2008 relativ gut überstanden hat. Der Wegfall dieser Touristen in Zeiten von Corona wird Island sehr hart treffen, die Folgen sind noch nicht absehbar. Die notorisch instabile isländische Krone ist bereits um 15% gefallen – das Gehalt meines Mannes, der für eine isländische Universität arbeitet, ist somit von einem Tag auf den anderen um 15% gesunken. Wir hoffen, dass es nicht noch mehr wird. Viele meiner Lesungen und Veranstaltungen sind ausgefallen oder abgesagt, mittlerweile fehlen Honorare im vierstelligen Bereich. Zumindest bleibt meine halbe Stelle an der Universität uns als Quelle eines stabilen Einkommens noch bis ins Frühjahr 2021 erhalten.

Simon, Freiburg
Mich irritieren im Moment Zahlen. Einerseits suche ich sie, weil das handfeste Anker für Entwicklungen im Chaos sind, andererseits verunsichern sie mich; und vor allem verwirren sie mich. Der Spiegel Online veröffentlicht einen Artikel mit Fallzahlen vom 14. März, ich werde wütend, weil ich diese Zahlen seit vier Tagen kenne, was soll mir das bringen? Die Johns Hopkins University veröffentlicht permanent deutlich höhere Zahlen als das Robert-Koch-Institut, gleichzeitig beobachte ich die Fallzahlen in meiner näheren Umgebung und dort, wo Familie und Freund*innen leben. Und bei all dem weiß ich, dass das sowieso nur identifizierte Fälle sind und dass Schätzungen davon ausgehen, dass ⅓ der Infizierten symptomlos bleibt. Eine Studie spricht von 7-10x so vielen Infizierten wie die offiziellen Zahlen anzeigen. Hier, schon wieder, Zahlen. Dann höre ich wie Christian Drosten Prozentzahlen einer britischen Schätzstudie zitiert, die er bei aller Vorsicht, die er deutlich ausdrückt, für relevant hält. Die Prozentzahlen klingen beruhigend, Krankenhausaufenthalte nur bei sehr niedrigen Prozentzahlen überhaupt nötig, intensivmedizinische Betreuung bei noch weniger, ich fahre innerlich herunter – dann nennt er die Studie alarmierend. Ich bin verwirrt, auch wenn ich verstehe, dass Prozentzahlen und und tatsächliche Zahlen in der Realität etwas anderes sind. Manchmal wünschte ich mir, ich hätte einen Tick weniger Informationen.

Slata, München
In aufgeregten Diskussionen bei facebook, etwa unter Beschlüssen des OB, Polizeiberichten, Rathausinformationen, finden sich ältere Frauen, die sich über Kinder auf Spielplätzen, Jugendliche in Parks beschweren, die zuständigen Ämter darauf aufmerksam machen wollen. Die stecken doch einander an, verbreiten es weiter, sie spielen, als ob da nichts wäre, wo sind ihre Eltern eigentlich, sind Eltern nicht für ihre Kinder verantwortlich.

Svenja, Köln
Schreibt man Grußformeln? Hallo! Bei uns hat das Semester bereits angefangen (Niedersachsen, formerly Fachhochschule). Weil ich in dieser Woche auf einer Spring Academy in Portugal sein sollte, fielen die Seminare geplant aus bzw. die Studierenden waren mit Essay- und Rechercheaufgaben versorgt. Jetzt versuche ich eine Onlinelehre zu planen; das textlastigere Fan-Seminar mit älteren Studierenden lässt sich gut mit Skype oder Zoom durchführen, Text-Diskussionen werden als Chats durchgeführt, wir haben keine social-reading-Plattform und ich greife mit schlechtem Gewissen auf googledrive und die integrierte App Kami zurück: PDFs können geteilt und dann gemeinsam gelesen und kommentiert werden. Schenke ich google dafür alle meine Daten? Vermutlich. Ironie: Herhalten müssen zunächst Adornos Gedanken zu leichter Musik. Sorgen mache ich mir um jüngere und fremdsprachigere Studierende: Ist diese Form des Unterrichts überfordernd?

Dann versuche ich einen Leitfaden zur Onlinelehre zu formulieren: Richtet einen Arbeitsplatz ein (Laptop, Kopfhörer, Papier+Stift). Informiert Eure Mitbewohner:innen über die Seminarzeit. Wenn es geht: Schließt die Zimmertür. Ladet das Material vorher runter. Bereitet Euch vor. Seid weiterhin pünktlich. Strukturen helfen uns allen. Verlasst Euch bei Gruppenaufgaben aufeinander und seid verlässlich. Aber auch: Niemand erwartet, dass das das beste Semester Eures Lebens wird.

Slata, München
Da kommt das Ökonomische ins Spiel, hätten wir, ja wären wir, stell dir vor, wir, jeder in seinem Arbeitszimmer, das Kind in seinem Spielzimmer irgendwo im zweiten Stock, in einem großen, hellen, gut eingerichteten, in so einem Zimmer könnte man Monate verbringen, ohne irgendwas zu vermissen, alles nach Bedürfnis und Geschmack und es hat einfach Stil, mit viel Luft unter hohen Decken, und abends essen wir gemeinsam auf der Veranda, so guter stabiler Holztisch, passendes Geschirr, hübsche Servietten, so ikeamäßig, alle lächeln und genießen und haben sich total gern, egal, wie lange die Quarantäne noch dauern sollte, wir zufrieden mit allem, was wir in unseren Arbeitszimmern geschafft haben den Tag lang, das Kind total happy, endlich ein paar Wochen allein Lego zu spielen, in seinem Zimmer mit Stil, dann räumen wir zusammen vom Tisch ab, denn wir machen so gerne alles zusammen.

Andrea, Tübingen
So langsam spiegelt sich die neue Situation auch in neuen Formaten wie hier etwa in “Die Zeit”:

Als ich das gesehen habe, habe ich spontan gedacht (& dann auch geantwortet), dass für mich die größte Umstellung in der Lehre liegen wird, nicht im wissenschaftlichen Arbeiten. Bei Letzterem sehe ich einfach Hürden, wenn die Bibliotheken zu sind. Da können wir Wissenschaftler*innen uns gegenseitig ein wenig aushelfen, aber vieles wird nicht greifbar sein. In der Lehre hat sich das bei mir aber auch entwickelt: Nach einer aktivistischen Phase, was die Umstellung auf online-Lehre betrifft, bin ich jetzt wieder stärker im Lese-Vorbereitungsmodus. Ich habe viele Links abgespeichert und kann mir das alles noch rechtzeitig in den nächsten Wochen ansehen und anlernen, falls am 20.4. tatsächlich unser Semester mit online-Teaching gestartet werden soll, aber eigentlich warte ich jetzt erstmal auf weitere Informationen für uns Lehrende. Relaxter bin ich vor allem, seit ich mir klar gemacht habe, dass es eben nicht darum gehen kann, Präsenzlehre vollständig durch tools in online-Lehre umzusetzen, sondern auch darum andere Formate zu finden. Und da habe ich Ideen & denke am Material entlang, mit dem ich mich gerade beschäftige. Gleichzeitig bin ich weiterhin über den ganzen Tag immer wieder auf Twitter. Ich verstehe, wen das eher nervös macht. Mir tut es gut. Zu sehen, dass es ähnliche Schwierigkeiten gibt im Umfeld, aber auch, um Neuigkeiten zu erfahren und zu teilen – z.B. heute eine Petition für den Schutz und die Unterstützung von Pflegekräften auf change.org. Vor allem aber bin ich dort vernetzt und bekomme neben Infos auch emotionalen Halt.

Marie Isabel, Dunfermline
Meine Schwiegermutter teilt mit mir per WhatsApp ihre Begeisterung über den irischen Premier Varadkar. Dessen gestrige Rede zur derzeitigen Situation machte auch auf Twitter die Runde. Mit Blick darauf, dass ältere und chronisch kranke Menschen in naher Zukunft gebeten werden sollen, daheim zu bleiben, sprach er nicht von Selbstisolation – was technokratisch klingt, kalt, einsam – sondern von cocooning, was man als Rückzug an einen sicheren Ort übersetzen könnte, aber auch anders verstehen: als ein wärmendes Sich-Einspinnen, ein Verpuppen. Ich schwanke zwischen Grusel und Wohlgefallen. Meine Schwiegermutter jedenfalls verabschiedet sich wohlgestimmt und beruhigter mit Grüßen aus ihrem ‘Kokon’. Was Worte doch für einen Unterschied machen. Von ‘Superhelden’ sprach Varadkar ebenfalls und meinte damit jene, die die medizinische Versorgung der Bevölkerung stemmen. Überhaupt war diese Rede so ganz anders als die Äußerungen ‘führender’ Politiker wie Johnson, Trump, Macron: ehrlich und ohne den Ernst der Lage herunterzuspielen, aber gleichzeitig voller Zuversicht und Dankbarkeit angesichts dessen, was die Menschen bereits leisten. Gegen übertriebene Angst und für ein weltweites, solidarisches Miteinander. Letzteres sieht der britische Außenminister, Dominic Raab, übrigens als besten Ansporn, die Brexitverhandlungen ohne Verzögerung Ende 2020 abzuschließen. Ist das Wahnsinn oder hat es Methode? Gerade meldet die BBC mittlerweile 104 Tote in Großbritannien.

https://www.irishtimes.com/news/ireland/irish-news/coronavirus-many-of-you-are-feeling-scared-full-text-of-varadkar-speech-1.4205405

https://www.independent.co.uk/news/uk/politics/coronavirus-brexit-dominic-raab-uk-cuba-foreign-secretary-a9406736.html

Svenja, Köln
Ich bin irritiert davon, wie schnell ich diesen Status als neue Lebensrealität akzeptiere. Schon jetzt schaue ich Serien und denke automatisch: Warum treffen die sich diese Figuren? Warum sind sie gemeinsam auf der Straße unterwegs? Hat da jemand geniest?

Ein befreundeter Wissenschaftler schreibt, dass sich sein Alltag nicht besonders verändert hat – vielleicht liegt es daran, vielleicht sitzen wir (Single, kinderlos, promovierend) sowieso ständig alleine daheim. Ich teile das Zimmer, in dem ich wohne, arbeite, koche und schlafe nur mit ein paar Kompostwürmern, die meinen Biomüll zu wertvollem Pflanzendünger verarbeiten. Die meisten Menschen halten Würmer für unrein, meine leben in einem sehr eleganten Tongefäß. Gestern mischte ich ihnen – vielleicht als Soulfood gegen die Krise – viele Sellerieblätter unter die Erde. Meine eigenen Hummusvorräte neigen sich dem Ende.

Magda, Berlin
Der Berliner Senat hat beschlossen, dass neben Lebensmittelgeschäften, Apotheken, Baumärkten und zahlreichen anderen Ausnahmen auch Buchhandlungen systemrelevant sind und daher geöffnet bleiben dürfen. Aus der Chefetage kommt daher die Anordnung, dass auch wir vorerst offen bleiben. Im Team vor Ort stößt das auf wenig Begeisterung, die meisten mit uns kommen mit einem flauen Gefühl im Magen zu ihrer Schicht. Die meisten Kund*innen sind freundlich und freuen sich, dass wir noch auf sind, aber längst nicht alle halten sich an die empfohlenen Sicherheitsabstände und ALLE FASSEN SICH STÄNDIG INS GESICHT.

Auch oder vielleicht gerade weil ich bis auf weiteres meine Schichten im Einzelhandel ganz normal absolvieren muss, bin ich dauerhaft angespannt, kann mich zuhause auf nichts konzentrieren, habe ständig Kopfweh und Nackenschmerzen. Twitter ist mein Outlet für all den Frust, ich neige momentan deutlich mehr zum Oversharing als sonst.

Jan, Hannover
Seit einigen Tagen sind die Straßen so menschenleer wie auf den Captcha-Bildern. I am not a robot. Mein kleiner Hund (bekannt unter dem Namen Kleiner Hund) zieht auf dem Bürgersteig fröhlich nach vorne. Dreimal am Tag muss er raus, morgens und abends jeweils kurz, nachmittags lang, bei jedem Wetter, bei jeder Krankheit. Daran ändert auch Corona nichts. Wie Flugzeuge, die in Warteschleife über dem Flughafen kreisen, drehen wir Hundeleute also unsere Runden durch die einschlägigen Parks, stapfen die angelegten Wege entlang und halten respektvoll Sicherheitsabstand voneinander. Wo man früher kurz zusammengestanden und geplauscht hätte, winkt man sich nun von ferne zu. Die Hunde wollen sich beschnüffeln, miteinander herumtollen oder sich zurechtweisen, sie verstehen Social Distancing nicht. Manchmal tritt dann doch ein dazugehöriges Herrchen oder Frauchen zu einem, allem Abstandhalten zum Trotz. Das sind die, die Dir ungefragt erzählen wollen, wie übertrieben alles sei. Auch die Menschen verstehen Social Distancing manchmal nicht. Aber es hilft ja alles nichts, die Tiere müssen raus, sie müssen bewegt und geleert werden, sonst werden sie rammdösig oder kommen auf schlechte Ideen. Sollte es zu einer Ausgangssperre kommen, wird es hoffentlich geeignete Regelungen für Hund-Mensch-Gespanne geben, denn beim Fußball wie in der Hundehaltung gilt: You’ll never walk alone.

Viktor, Frankfurt
Spannend zu sehen, wie jeder einzelne Mensch in meinem Umfeld die Corona-Krise vor allem durch die eigene Prägung wahrnimmt und das in Diskussionen nie eine Rolle spielt. (Gilt auch für mich, hier schreibe ich das aber mal auf.) Persönliche Erfahrungen mit Krisen lassen diese Situation ganz unterschiedlich wahrnehmen. Ich höre sehr oft “Ich glaube, dass …” in den Gesprächen über Corona. Aber was nützt jetzt, etwas zu glauben?

Zugleich ist es auch möglich, sich auf einen Punkt zu einigen: Viele Menschen halten Unsicherheit/Ungewissheit nicht aus und sehnen sich nach einfachen, vielleicht realitätsfernen, aber vorstellbaren Antworten und Erklärungen für das, was da passiert.

Tilman, Hamburg
Das gibt es also wirklich, nicht nur in der Zeitung oder auf Twitter. Gestern hatte mir jemand per Whatapp geschrieben, seine Schwester habe von einer Freundin, die es wiederum von jemandem aus dem “Poltikbetrieb” in Berlin habe, gehört es soll Ausgangssperren geben. Morgens hört man dann, dass abends die Kanzlerin eine Fernsehansprache gibt. “Passt ja alles!!”, denkt man da und am Ende passt es doch nicht.