[Atelier NRW] Ein Mantel aus Papier – Nachwort zu einem unvollendeten Roman (Auszug)

Im vergangenen Oktober trafen sich sechs Autorinnen und Autoren aus Nordrhein-Westfalen im Gräflichen Park Bad Driburg zu dem dreitägigen Symposium Atelier NRW. Aus den Vorträgen und geführten Gesprächen sind Essays entstanden, die einmal im Monat auf 54books veröffentlicht werden.

Einleitung von Dorian Steinhoff
Über das Leben der Ideen im Verborgenen von Sabrina Janesch
Nabelschau von Yannic Han Biao Federer
Ans Ende schreiben von Gunther Geltinger
Leben, um zu schreiben – schreiben, um (davon) zu leben? von Juliana Kálnay

 

Von Albert Weiden

Im Herbst 2017 erschien in der Zeitschrift Lettre International ein Text mit dem Titel „Bastian Schneider“. Darin behauptet ein Mann selben Namens Folgendes: „Originalität kann ich nirgendwo entdecken. Und was ich da sage, leitet sich nicht nur aus meinem Amt als intertextueller Assistent ab, sondern auch von meinem ewigen Eindruck, daß alles die Kopie von etwas ist, das seinerseits die Kopie einer anderen Kopie war. Ich selbst bin nur der Abklatsch anderer, die vor mir bereits ebensolches mutmaßten. Machen wir uns also nichts vor. Hier ist alles falsch. Dessen eingedenk, habe ich eines Tages beschlossen, Nägel mit Köpfen zu machen und, wenn ich schon nicht auch nur im Traum daran denken kann, nach Originalität zu streben, mich zumindest einer extremen Haltung zuzuwenden. Seither habe ich die Neigung, möglichst radikal unoriginell zu sein.“

 

Der Text besteht aus insgesamt 48 solcher kurzen Absätze, in denen alle möglichen Berühmtheiten herbeizitiert werden, um diese These zu untermauern. Verfasst hat ihn der berühmte katalanische Autor Enrique Vila-Matas. Die Tageszeitung La Vanguardia mutmaßte in einer Rezension, wer dieser Bastian Schneider denn nun eigentlich sei – tatsächlich eine Erfindung von Vila-Matas, ein Gespenst oder der deutsche Schriftsteller Bastian Schneider, Autor von Vom Winterschlaf der Zugvögel, der Vila-Matas nur nachmache.

Schon in Vila-Matas‘ Roman Kassel: Eine Fiktion von 2014 taucht ein Bastian Schneider auf. Mit „The Last Season of the Avant-Garde“ soll der Künstler bei der documenta 13 vertreten gewesen sein. Bei dem Werk handelt es sich um ein unfertiges Schlachtengemälde. Daran angebracht ist ein hölzernes Schild mit einer sogenannten Priamel, die fälschlicherweise Martinus von Biberach zugeschrieben wird. Von Biberach ist möglicherweise 1498 in Biberach gestorben, wann und ob er überhaupt je geboren wurde, ist nicht bekannt. Der Spruch besagt jedenfalls Folgendes:

                 Ich leb und waiß nit wie lang, / ich stirb und waiß nit wann, / ich far und
weiß nit wohin, / mich wundert daß ich frölich bin.

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 Als mich der Verlag damit beauftragte, das unvollständige Manuskript von Bastian Schneiders Buch Das Loch in der Innentasche meines Mantels für eine Publikation zusammenzustellen, war mein Freund bereits seit über einem Jahr verschwunden. Ich rede hier von dem echten Bastian Schneider – was auch immer das heißen soll –, von jenem deutschen Schriftsteller also, in dem die spanische Presse einen Plagiator witterte. Eine Spekulation, die wohl nicht ganz unschuldig an seinem Verschwinden ist und ihn nun tatsächlich zu einem Gespenst gemacht hat. Alle Versuche ihn zu finden sind fehlgeschlagen. Selbst die Verleihung des Prix Perec hat bisher nichts dazu beigetragen, ihm auf die Spur zu kommen. Und auch die Polizei gab ihre Bemühungen auf und die Suche wurde endgültig eingestellt.

Der Verlag sieht es nun als sein Recht und seine Pflicht an, wenigstens den Torso des von Schneider im Vorfeld versprochenen Romans der Öffentlichkeit anheim zu stellen, womit man schließlich mich betraut hat, seinen besten Freund und Mentor. Vielleicht erhofft sich der Verlag, ein wenig vom Mythos des jungen Schriftstellers und Dichters zu profitieren. Ich für meinen Teil habe nur deswegen eingewilligt, das Buch nach Möglichkeit zu dem zu machen, was Schneider sich darunter vorgestellt haben mag, weil ich darin die einzige noch verbliebene Chance sehe, er möge – wenn er denn noch lebt – dieses sein Buch in die Hände bekommen und endlich aus seinem Versteck treten.

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Ich schätze Bastian Schneider als den Verfasser von literarischen Miniaturen, Skizzen und Prosagedichten, mit denen er mit einigem Erfolg die Bühne der Literatur betreten hatte. Er hatte sich die sogenannte kleine Form fleißig erarbeitet und beherrschte sie leidlich. Aber nach drei derartigen Büchern hatte er alle Formen des Kleinen ausgeschöpft. Zeit also für den großen Wurf, den kontroversen Roman zur Lage der Gesellschaft (oder gegen sie), nach dem die Feuilletons und demnach die Verlage fortwährend lechzen. Doch dazu fehlten ihm, ganz offen gesprochen, und ich glaube er wußte das, die Ausdauer, die Disziplin, und schlichtweg auch das Talent (für langatmige Handlungen und Familienaufstellungen mit allerlei durchpsychologisierten sogenannten Charakteren, die sich dann auch noch entwickeln!). Vor allem aber fehlte ihm dazu eines: die Lust. Davon legen sowohl seine vorherigen Bücher Zeugnis ab, allein schon durch ihre Form, als auch die Seiten des hier nun endlich vorliegenden Buches, indem er die bereits begonnene Geschichte, die ja durchaus Potenzial hat, schlichtweg einem anderem zu erzählen überläßt, diesen anderen aber schließlich mit sich ins Verschwinden reißt und am Ende nichts weiter übrig bleibt als ein paar leere Seiten, die zu füllen nun mir obliegt. Und was sind diese leeren Seiten anderes als das Loch in der Innentasche seines Mantels? Mit etwas Phantasie könnte man meinen, er hätte es genau so gewollt – aber soviel Phantasie hatte Bastian Schneider nun auch wieder nicht. Das belegen auch seine drei Bücher, allen voran Die Schrift, in dem sich vordergründig eine Alltagsbeobachtung an die nächste reiht.

Sicher, das war sein poetisches Programm, die „profane Epiphanie“, wie er es, sich auf Kafka, Joyce und Benjamin berufend, gelegentlich nannte. Drunter machte er es nicht. Er wollte ja gerade das erzählen, was zwischen den Zeilen der vermeintlich eigentlichen Geschichte passiert, das was auf dem Weg zu einem konventionellen Roman auf der Strecke bleibt und von den meisten Romanciers achtlos liegen gelassen wird, während sie einer aufregenden Handlung nachjagen oder ein spannendes und aktuelles Thema erörtern. All das interessierte Schneider nicht, jedenfalls nicht in der Literatur. Er wollte ganz einfach nicht über derlei „Gewäsch“ schreiben, wie wir gelesen haben. Und auch wenn die „Vorbereitung zur Vorbereitung des Romans“, wie er es im Tagebuch einmal treffend formuliert, durchaus Züge eines konventionellen Romans hat, so bleibt er sich und seinem Programm treu, wenn er all das nach kürzester Zeit wieder aufgibt und verschwinden läßt inklusive sich selbst.

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Bei unserem letzten Treffen in Paris machte ich folgendes Foto von Bastian Schneider:

Wir saßen in der Métro auf dem Weg zu den Buttes Chaumont, um auf den Spuren des Pariser Bauern zu wandeln. Er war, wie so oft, gerade dabei etwas zu notieren, wie man in der unteren Bildhälfte erkennen kann. Als ich bemerkte wie der Chinese am Gleis Schneider beim Schreiben beobachtete, mit diesem verwunderten Ausdruck im Gesicht, drückte ich den Auslöser. Möglich, daß der Mann wiederum mein Vorhaben durch- und mich anschaute. Als ich Schneider das Foto einige Wochen später zuschickte, bedankte er sich jedenfalls sehr für dieses „Portrait des Künstlers als verdutzter Chinese“. Das Sich-Wundern über das Alltägliche hat Schneider immer wieder vehement verteidigt gegenüber den Jägern nach dem Besonderen, und vielleicht sah er sich deswegen in dem Foto durchschaut und gespiegelt gleichermaßen.

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 Der von Bastian Schneider zitierte Roland Barthes meinte zu seinem Buch Über mich selbst: „All dies muß als etwas betrachtet werden, was von einer Romanperson gesagt wird.“ Eine durch ihren inflationären Gebrauch leere Behauptung, und doch immer noch kühn. Schneider hätte sie gewiß für sich und sein Leben reklamiert, wenngleich nicht für seine Texte. Für seine Texte hätte er im Gegenteil behauptet, sie müßten als etwas betrachtet werden, was eben nicht von einer Romanperson gesagt wird. Sein Leben oder das Leben an sich war ihm Roman genug, weswegen er es nicht für nötig erachtete, daraus wiederum einen Roman zu machen, einen Roman zweiter Ordnung sozusagen oder einen Roman des Romans. Dazu hätte es ja nur des Fleißes bedurft, sein Leben – ob erfunden oder erlebt – abzuschreiben, ein paar Namen zu ändern und einen Plot zu stricken, wie es die meisten Schriftsteller tun. Gerade daran lag ihm – bislang – nichts, er wollte das Nicht-Romanhafte ins Recht setzen, erzählt zu werden, den kleinen Splitter Wirklichkeit, den er dann mittels der Sprache bis zur Kenntlichkeit entstellt (oder es wenigstens versuchte). Deswegen hatte Schneider auch eine besondere Vorliebe fürs Groteske, für Kippbilder aller Art, die immer beides liefern, die schöne Oberfläche und den Abgrund dahinter. Beide leben von einander und beide dürfen einander nicht an die Perfektion verraten, sei es an die des Scheins oder an die der Tiefe. Er haßte die Perfektion, und er verabscheute Perfektionisten. Ihre Verbissenheit bis zum Stumpfsinn war ihm fremd. Er hatte auch einfach keine Zeit dafür, das Leben war ihm wichtiger und mußte gelebt werden, als Roman versteht sich. Vielleicht war er einzig darin Perfektionist, sorglos und glücklich zu leben als Figur seines eigenen Lebensromans. Umso verwunderlicher, daß er einfach so verschwunden ist. […]

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 Abschließend möchte ich sagen, daß das Rätsel des Lochs in der Innentasche meines Mantels nicht nur von kriminalistischer Art ist, bei dem man sich fragt: Wo steckt Bastian Schneider? Wer ist er oder wer steckt hinter ihm? Und wer hat was getan beziehungsweise wen geschrieben? Der Roman schließt bereits bei der Konzeption ein anderes Rätsel ein, das die Beziehung des Lesers zum Text sowie die Beziehung Schneiders zu seinem eigenen Werk betrifft. Diese faszinierende Komplexität wird in Wirklichkeit noch verstärkt und nicht etwa zerstört durch die Tatsache, daß das Buch nicht abgeschlossen werden konnte. Denn das Geheimnis der Unabgeschlossenheit ist eng verflochten mit dem Projekt des Buches. Die von mir zusammengetragenen Materialien zeigen uns Schneider bei der Arbeit. Beim Lesen dringen wir in die Fabrik des Romanciers ein, und dieser Romancier ist gerade durch seine Unoriginalität wohl einer der originellsten des 21. Jahrhunderts. Zugegeben, hier matrjoschkat es gewaltig – zum Besten des Buches, wie ich meine, und zum Gewinn für die Leser, die über allerlei Umwege in den Genuß von Schneiders mutmaßlich letztem Buch kommen. Somit ist er am Ende in gewisser Weise doch wieder aufgetaucht, und zwar in diesem seinen Mantel aus Papier, den ich die Ehre hatte fertig zu schneidern.