Gesundheit! – Über Juli Zeh und über Juli Zeh über Juli Zeh

von Matthias Warkus

Die Pandemie ist irgendwie von Amts wegen beendet, und allmählich weicht auch das große Kopfschütteln und Händeringen über die Reaktionen der Intellektuellen einer Art Rückschau. Vielleicht nicht der schlechteste Zeitpunkt, um auf etwas zurückzuschauen, was selbst eine Rückschau ist. Im Juli 2020 veröffentlichte die Brandenburger Landesverfassungsrichterin Juli Zeh ein enorm ungewöhnliches Buch namens »Fragen zu Corpus Delicti« (btb, München; im Folgenden zitiert unter F). Cover des Buchs »Fragen zu Corpus Delicti«Ungewöhnlich ist nicht nur die Form – es handelt sich um ein Selbstinterview, ein Format, das man in Deutschland hauptsächlich von der dezent cringigen taz-Kolumne »Die Woche« von Friedrich Küppersbusch kennt, nur eben mit buchfüllender Länge. Ungewöhnlich ist zudem der Gegenstand, das Buch bietet nämlich erschöpfende Erläuterungen zu Zehs Roman Corpus Delicti von 2009, gerichtet »an Schüler und Studenten« (F10). Die Autorin liefert Lehrenden und Lernenden direkt die Sekundärliteratur für ihr eigenes fantastisch erfolgreiches, bis 2019 allein 380.000-mal verkauftes und vielerorts zur Schullektüre gewordenes (F188) Werk. Der Rückentext spricht unbescheiden von einem »unverzichtbare[n] Begleitbuch«.

Corpus Delicti (ich zitiere im Folgenden die 24. Auflage, btb, München 2010, unter C) ist ein dystopischer Science-Fiction-Roman*, der dem klassischen Schema solcher Romane folgt, die Schrecken einer hypothetischen Gesellschaft dadurch plastisch zu machen, dass der zum Scheitern verurteilte Konflikt eines Abweichlers mit dem übermächtigen System beschrieben wird. Was die hypothetische Gesellschaft in diesem Buch so dystopisch macht, ist die Rolle, die Gesundheit in ihr spielt. Dass Zeh ausgerechnet zu Beginn der Pandemie ihr bandfüllendes Selbstinterview zu ausgerechnet diesem Buch veröffentlichte, das zudem nach eigener Auskunft ihr einziger politischer Roman ist (vgl. F14) und in dem der Name von Giorgio Agamben gedroppt wird (C128), mag ein Zufall sein. So oder so ist es sicher nicht falsch, Corpus Delicti in einer Zeit, in der Zeh wiederholt durch starke gesundheitspolitische Stellungnahmen in Erscheinung getreten ist, erneut zu lesen und dabei auch die erläuternde Nachschrift zur Kenntnis zu nehmen; nach allem, was man inzwischen weiß, ist das zumal sicher die erträglichere Option, als Zehs tatsächlichen »Corona-Roman«, die Dorfnazi-Elegie Über Menschen, zu lesen.

Zunächst zur Handlung. Mitte des 21. Jahrhunderts: Die mit dem Tatortnamen Mia Holl** ausgestattete Protagonistin, von der man eingangs erfährt, dass sie von einem Schwurgericht »zum Einfrieren auf unbestimmte Zeit« (C9f.) verurteilt werden wird, hat vor einiger Zeit ihren Bruder Moritz verloren. Moritz wurde wegen eines Sexualmordes, den er nicht begangen hatte, verurteilt und hat sich in Haft mit einer Angelschnur, die Mia ihm beschafft hat, das Leben genommen, bevor er selbst eingefroren werden sollte. Durch dieses Unglück seelisch angegriffen, vernachlässigt Mia ihren gesunden Lebenswandel und gerät ins Visier der Behörden, da Gesundheit im Überwachungsstaat von Corpus Delicti die oberste regulative Idee darstellt, die alles staatliche und private Handeln leitet. Der ihr zugeteilte Pflichtverteidiger Lutz Rosentreter, der selbst in Konflikt mit der herrschenden Ordnung gekommen ist, weil er verbotenerweise eine Frau liebt, die mit ihm nicht immunkompatibel ist, wird Mias Komplize beim Versuch, gegen die METHODE, wie diese Ordnung sich nennt, aufzubegehren.

Moritz hat als Kind eine Leukämieerkrankung durch eine Knochenmarkspende überstanden und dadurch nicht nur eine tiefer reflektierte Einstellung zu Gesundheit, Tod und anderen existenziellen Themen erhalten, die den jeglichen Leides entwöhnten Kindern der Gesundheitsdiktatur sonst fremd sind. Er trug dadurch auch die DNA seines Knochenmarkspenders. Rosentreter sorgt bei Mias Prozess für einen Eklat, indem er enthüllt, dass der Spender und nicht Moritz der Täter bei der damaligen Vergewaltigung gewesen sein muss. Die dadurch anscheinend rehabilitierte Mia, die nun bereit ist, sich gegen die METHODE zu stellen, diktiert dem inoffiziellen Machthaber, dem Journalisten Heinrich Kramer, ein kurzes staatsfeindliches Pamphlet und wird als selbstmordgefährdet in Gewahrsam genommen. Menschenmassen demonstrieren für Mias Freilassung, Revolution liegt in der Luft. Kramer hält im Fernsehen ein Grundsatzreferat, das Härte in der Bekämpfung der Staatsgegner ankündigt.

Um den Justizskandal zu entschärfen und die Situation im Sinne der Führung zu drehen, soll Mia ein falsches Geständnis unterschreiben. Darin wird sie als Kopf einer staatsfeindlichen Terrorgruppe dargestellt. Moritz’ Tod und die vorangegangenen Ereignisse samt der Täuschung über die DNA sollen allesamt Teil eines Plans zur Erschaffung einer Märtyrerlegende, sein Knochenmarkspender ein Komplize gewesen sein. Der Talkshowmoderator Würmer tritt als falscher Kronzeuge und angeblicher weiterer Komplize auf. Mia werden gefälschte Beweisstücke für einen geplanten Giftanschlag untergeschoben. Die Aussicht, nur zu Gefängnis statt zum dauerhaften Einfrieren verurteilt zu werden, sowie schwere Folterungen sollen sie dazu bringen, das falsche Geständnis zu unterschreiben. Erfolglos: Vor Kramers Augen bohrt sie mit einer von Rosentreter eingeschmuggelten Nadel den Chip, den alle Bürger im Bizeps tragen, aus ihrem Fleisch. Beim letzten Gerichtstermin kommt es zu Tumulten, Mia ruft zum blutigen Umsturz auf (»Tötet oder schweigt. Alles andere ist Theater«, C258). Sie wird verurteilt und soll, auf ihren Wunsch in Anwesenheit Kramers, eingefroren werden, wird aber im letzten Moment begnadigt und freigelassen, um dem Widerstand keine Märtyrerin zu bescheren.

*

An Werke der Science-Fiction oder der spekulativen Fiktion ganz allgemein kann man mehrere Plausibilitätsfragen stellen, die gerne miteinander verwechselt werden:

  1. Sind die beschriebenen Geschehnisse in sich plausibel? Diese Frage ist die einzige, die sich auch bei nichtspekulativer Fiktion stellen lässt. (Ist es plausibel, dass eine Person sich nach einem einzigen gelungenen Date in einen Kotzbrocken verliebt?)
  2. Sind die beschriebenen Geschehnisse in der hypostasierten Welt plausibel? In diese Kategorie fallen viele klischeehafte Nerd-Diskussionen. (Ist es plausibel, dass die Müllpresse auf dem Todesstern so leicht zu blockieren ist?)
  3. Ist die beschriebene Welt in sich plausibel? (Passt es zusammen, dass der Weltstaat in Schöne Neue Welt gleichzeitig eine Planwirtschaft und eine Überfluss- und Wegwerfgesellschaft ist?)
  4. Wie plausibel ist der Pfad, der von unserer Welt zu der beschriebenen führen könnte oder hätte führen können? (Könnte das übliche Cyberpunk-Szenario wirklich zustandekommen, dass Industriekonzerne und Verbrechersyndikate zusammenwachsen, Staaten hingegen bedeutungslos werden?)

Eine Pointe bei der kritischen Beschäftigung mit Science-Fiction jenseits von Fandom ist, dass diese Fragen, die in der Regel behandelt werden, als wäre das fiktionale Werk die Darstellung von etwas Vorfindlichem, gegenüber einer fünften Frage in den Hintergrund treten: Warum wurde die beschriebene Welt durch die Verfasserin(nen) überhaupt so eingerichtet und wird so beschrieben, dass das, was darin geschieht, plausibel wirkt? An Tom Godwins berühmt-berüchtigter Story »The Cold Equations« beispielsweise ist vielleicht gar nicht so interessant, ob die melodramatische Handlung nicht hätte anders verlaufen können, wenn ein paar Beteiligte sich ein bisschen schlauer angestellt hätten. Nerdige Diskussionen zu solchen »alternativen Lösungen« werden geführt, seit die Geschichte verfasst wurde. Interessant ist aber vielmehr, warum Godwin überhaupt eine fiktive Welt so konstruiert hat, dass die Prämissen seiner Geschichte es am Ende erforderlich machen, dass ein technisch gebildeter Mann im Namen des Überlebens einer größeren Zahl ein etwas naives junges Mädchen tötet.

Wenn man Juli Zehs eigener Darstellung glaubt, hat sie selbst nie groß darüber nachgedacht, ob es im Sinne von Frage 4 einen plausiblen Pfad im Sinne von »konkreten politischen Entwicklungen« (F43) von unserer hin zur beschriebenen Welt gibt. Sie ist sich im Gegenteil sogar sicher, dass ihr Buch gerade nicht die Zukunft unserer Gesellschaft beschreibt, sondern gewissermaßen einfach in einer akzentuierten Version des Deutschlands spielt, in dem wir bereits leben (vgl. F103).

Auch dass kaum innere Plausibilität im Sinne von Frage 3 besteht, ist ihr klar. Immerhin hat Zeh eine Gesellschaft konstruiert, in der Zeitung und Fernsehen die allein dominierenden Medien sind (in der Mitte des 21. Jahrhunderts!) und möglicherweise sogar das Internet als Massenmedium nicht mehr existiert, obwohl die für die ständige Gesundheitsüberwachung der gesamten Bevölkerung notwendige Technik ein ubiquitäres Datennetz impliziert. Die Welt von Corpus Delicti ist ohnehin eine durch und durch sonderbare. Obwohl sie nach Zehs Dafürhalten in gewisser Weise das heutige Deutschland ist, hat sie eher Ähnlichkeit mit einem unbestimmt vergangenen – in dem etwa der Journalist Kramer ein Sachbuch schreibt, das »Gesundheit als Prinzip staatlicher Legitimation« heißt, unter diesem sperrigen Titel verlegt und dennoch ein sagenhafter Publikumserfolg wird (C8).

Die Schöffen im Schwurgerichtsprozess sind von Beruf »Hausfrau« und »Kaufmann«, die sonstigen Verfahrungsbeteiligten heißen z.B. Hutschneider, Danner, Hager, Stock und Bell (C9). Gerichtsakten sind noch ausschließlich aus Papier (vgl. C12f.), etwas, was in Deutschland bereits heute anachronistisch ist.*** Die Volksmassen reagieren auf gestanzte Zeitungsartikel, dürre Pamphlete und zwanzigminütige Referate im Fernsehen mit gebannter Aufmerksamkeit und revolutionärem Elan, dass es eine wahre Freude ist.

Auf die Frage 2 muss man ebenfalls tendenziell mit Nein antworten: Die für die Handlung zentrale unerhörte Begebenheit, dass nämlich jemand aufgrund einer genetischen Spermauntersuchung für eine Vergewaltigung verurteilt wird, die sein Knochenmarkspender begangen hat, ist heutzutage nichts Neues und dürfte in der geschilderten Gesellschaft erst recht weder unbekannt noch selten sein, da Knochenmarkspenden dort verpflichtend erfolgen und Leukämie routinemäßig behandelt wird (vgl. C165). Zudem sind die Gewebeeigenschaften aller Bürger zentral vollständig erfasst, weswegen es wundert, dass der Spermafund überhaupt nur mit den Genen eines Tatverdächtigen und nicht mit der gesamten Datenbank abgeglichen wurde.

Corpus Delicti hat also eine nicht sonderlich plausible Handlung und spielt in einer nicht sonderlich plausiblen Welt, die zudem nicht als Extrapolation konkreter Missstände der Gegenwart gelesen werden soll. Die interessanteste Frage, die man an das Buch stellen kann, ist daher in der Tat Frage 5: Warum diese ganze Konstruktion? Welche Ideen soll es transportieren, dass die Handlung in der Welt des Buchs genau so funktioniert, wie sie funktioniert?

Das Dystopische an Zehs Dystopie ist nicht nur die »Gesundheitsdiktatur« bzw. »Wellnessdiktatur« (F125) selbst, sondern vor allem deren Charakter als »Tyrannei der Mehrheit« bzw. »Tyrannei der vorherrschenden Meinung« im Sinne John Stuart Mills, was sehr dick aufgetragen vermittelt wird: Die führende Zeitung heißt »Der Gesunde Menschenverstand« (C21 u.ö.), die große Fernsehtalkshow heißt »Was Alle Denken« (C83). Heinrich Kramer, der Spiritus rector der Gesundheitsdiktatur, ihr Oberstrippenzieher und ihre graue Eminenz, ist nicht etwa Politiker, Arzt oder General, sondern eben Journalist. Die Staatsdoktrin METHODE gibt sich als reflektierte, rationale und nicht von Fehlern freie Summe von Erkenntnis und Fortschritt einer freien, pluralen Gesellschaft (vgl. C42), obwohl vom ersten Moment an klar ist, dass es sich um ein repressives System handelt, dessen Rechtsstaatlichkeit eine bloße Farce ist, was direkt zu Anfang dadurch symbolisiert wird, dass Verteidigung und Staatsanwaltschaft nach der »Rechtstradition« gemeinsam an einem Tisch sitzen (C13).

Die Figuren philosophieren unablässig über Gesundheit und Krankheit, Geist und Körper, Tod und Leben, Wahrheit und Lüge, das Wesen des Menschen und die Frage danach, ob und wie unfehlbare Vollkommenheit möglich ist, herum – dabei kommt der Eindruck, die Welt der METHODE könnte wirklich eine lebenswerte sein, nie auf, da unter anderem kein einziges Mal ein überzeugter Anhänger der herrschenden Ordnung bei irgendwelchen befriedigenden Lebensvollzügen vorgestellt wird. (Dies ist übrigens ein gravierender Unterschied zu Huxleys Schöne Neue Welt, einem Buch, das sehr überzeugende Momentaufnahmen von beglückt in ihrem normenkonformen Leben aufgehenden Figuren liefert, allen voran Lenina Crowne.) Die einzigen wirklichen Glückserlebnisse, die angesprochen werden, sind die sexuellen Eskapaden und regelwidrigen Naturerlebnisse des Dissidenten Moritz. Die Zufriedenheit anderer auftretender Figuren wird nur behauptet.

Ohnehin ist viel dick aufgetragen. Kern der Ideologie, die die Welt von Corpus Delicti beherrscht, ist eine Gleichsetzung von Gesundheit mit Wert und Krankheit mit Unwert. Liest man Zehs Überlegungen zur Konzeption des Buchs (vgl. z.B. F98ff.), könnte man auf die Idee kommen, dass diese Gleichsetzung gar nicht vorgenommen wurde, sondern von vornherein unterstellt war. Wer, nicht bloß im Roman, sondern bereits in unserer realen Gesellschaft, überhaupt normativ über die Gesundheit von Menschen redet, also impliziert, dass jemand, um gesund zu werden oder zu bleiben, irgendetwas tun oder lassen sollte, ist für Zeh schon halb auf dem Weg dazu, den Menschen in einem radikalen, totalitären, agambenschen Sinne auf seinen Körper zu reduzieren – auf einem Weg, an dessen Ende das Vernichtungslager steht.

Das Faszinierende bei der Lektüre des Beibuchs ist nun, dass nach Zehs eigenem ausführlichen Dafürhalten zu den großen Motiven von Corpus Delicti gerade Ambivalenz, Zerrissenheit und Widersprüchlichkeit gehören sollen (vgl. z.B. F69f.). Man kann während der gesamten Lektüre meinen, dass das Rad, das hier gedreht wird, größer erscheinen soll, als es wirklich ist. Es ist nichts und niemand je glaubwürdig ambivalent oder zerrissen; es geschieht lediglich eine Performance von Ambivalenz und Zerrissenheit. Mittel dazu sind u.a. die immer hart an der Grenze zur Banalität bleibenden philosophischen Äußerungen der Figuren, die teilweise den Eindruck machen, als hätte man Existenzialismus auf Wish bestellt (vgl. C92ff.; siehe auch den Anhang dieses Textes), und die durch Moritz’ Hintergrund als studierter Philosoph (vgl. C128, C147f.) beglaubigt werden sollen.

Auf Frage 5 könnte man daher antworten: Corpus Delicti und in noch größerem Maße das Beibuch, das Entstehung und Motivation des Romans haarklein ausbuchstabiert, transportieren die unerschütterliche Überzeugung Juli Zehs, dass die darin explizierte Anthropologie und die dazugehörigen Gedanken über Gesundheit, Zwang und Liberalismus nicht geradlinig aus der unerschütterlichen Überzeugung Juli Zehs hervorgegangen, sondern das Produkt einer vertieften gedanklichen Auseinandersetzung mit Ambivalenzen und Dilemmata der Conditio humana nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts, modernen Biopolitiken sowie mit großen Werken von Philosophie und Weltliteratur sind. Eine kaum interpretationsbedürftige Dystopie soll »ein Roman über die Bedeutung von Zeit, über Sterblichkeit, über den Gottesverlust, über die transzendentale Obdachlosigkeit des säkularen Menschen, über die geistigen Folgen von bürgerlicher Emanzipation und Aufklärung« sein (F146). Ein stumpfes Einebnen aller kategorialen Unterschiede bei biopolitischen Praktiken, das zwischen Schrittzähler und Holocaust eine einzige durchgehende Slippery Slope sieht, will uns Zeh als reflexiv hart erkämpft verkaufen.

Diese Intentionen stehen aber nicht nur zur Geradlinigkeit, mit der das Buch seine Aussage transportiert, im Widerspruch, sondern auch zum Stil, der durch die für Zeh charakteristische muntere Gesprächigkeit geprägt ist. Es ist ohnehin schwer, die Contenance zu bewahren, wenn man den Stil von Corpus Delicti beschreiben soll. Die Figuren unterhalten sich entweder im Duktus altmodischer Kino- und Fernsehdialoge (inklusive kommisshaften Anredens mit dem nackten Nachnamen) oder durch Austausch von Sentenzen. Wenn sie monologisieren, dann geht es direkt in die Vollen:

»Ich erkenne diese Wohnung nicht mehr […] Sie kommt mir fremd vor wie ein Wort, das man so lange wiederholt, bis es jeden Sinn verliert und zu einer bloßen Abfolge von Lauten wird. Auch das Vergehen der Tage ist mir fremd geworden. Ich erkenne mein Leben nicht mehr, eine bloße Abfolge von Handlungen. Alles ohne Bedeutung. Ohne Zweck.« (C47)

»Dem wahren Menschen genügt sein Dasein nicht, wenn es ein bloßes Hier-Sein meint. Der Mensch muss sein Dasein erfahren. Im Schmerz. Im Rausch. Im Scheitern. Im Höhenflug. Im Gefühl der vollständigen Machtfülle über die eigene Existenz. Über das eigene Leben und den eigenen Tod.« (C92)

Zehs Prosa lässt nichts unversucht, um altmodisch daherzukommen – da heißt eine Nachbarin konsequent »die Pollsche« (C20 u.ö.), da wird behauptet, jemand sei von seinen Freunden »Freidenker« genannt worden (C33), da wiederholt einer vor Gericht ständig den Satz »Ihr opfert mich auf dem Altar eurer Verblendung« (C34). Am Rande sei noch angemerkt, dass das Buch mehrere Passagen enthält, die fast wörtlich aus Thomas Manns Zauberberg übernommen sind. Zeh will dies erst bemerkt haben, als sie die Übersetzerin der englischen Ausgabe darauf aufmerksam machte (vgl. F108f.), was im Übrigen kein gutes Licht auf das Lektorat des Originals wirft. Dass Corpus Delicti auch als Variation über das Antigone-Motiv gelesen werden kann, soll ebenfalls bloß Zufall sein (vgl. F110ff.).

Der Frageband ist mindestens genauso munter und gesprächig wie der Roman und bespricht die verschiedensten Phänomene im Buch und um das Buch herum – man kann z.B. erfahren, dass es eine Bearbeitung als Rockoper gab, bei der Juli Zeh singen musste (»aber nur Background«, F190); wie das Drehbuch der aktuell in Entwicklung befindlichen Filmfassung aussieht (vgl. F193); warum Zeh es »dekadent« findet, dass es im Supermarkt so viele Milchsorten gibt (F147); dass es ihr ein bisschen den Bauch pinselt, dass die Protagonistin von Dave Eggers’ The Circle für ihr Empfinden so ähnlich heißt wie die von Corpus Delicti (vgl. F112); was sie jungen Menschen rät, die Schriftsteller*innen werden wollen (»schreiben, schreiben, schreiben. Und natürlich: leben, leben, leben«, F224) usw. 

Verschiedene Fragen, die sich bei der Lektüre von Corpus Delicti stellen, werden aber durch das Beibuch nicht beantwortet:

  • zum Beispiel, was eine promovierte Volljuristin dazu bringt, das Rechtssystem ihres dystopischen Zukunftsdeutschlands mit fernsehkrimibekannten Versatzstücken amerikanischer Justiz (Hammer, C98 u.ö.; Anrede »Euer Ehren«, C52 u.ö.; Miranda-Rechte, C151 u.ö.; usw.) auszustatten;
  • oder warum die selbst bei Wikipedia nachzulesenden Ähnlichkeiten des Romans zur SF-Filmkomödie »Demolition Man« (1993) gar nicht thematisiert werden;
  • warum Zeh in einem eigenen Abschnitt größere Ähnlichkeiten zu Neunzehnhundertvierundachtzig abstreitet, einem Buch, das immerhin ebenso wie Corpus Delicti zentral überwachtes, individuelles Treiben von Sport und biopolitische Funktionalisierung von Sexualität und Fortpflanzung thematisiert, ein persönliches Verhältnis zwischen Unterdrücker und Unterdrücktem behandelt und in einer Folterszene kulminiert (F125f.);
  • und ob die naheliegenden Bezüge auf die schillerschen Freiheitsdramen, insbesondere »Maria Stuart«, die bei einem als Schullektüre populären Buch sicher regelmäßig im Unterricht angesprochen werden, gewollt oder Zufall sind (»Vollkommen ausgeliefert, also vollkommen frei. Ein heiliger Zustand«, sagt Mia zu Kramer vor ihrer Tiefkühl-Exekution, C248). Gerade hier hätten sich die Schüler*innen und Lehrer*innen, die offensichtlich Hauptzielgruppe des Beibuchs sind, bestimmt Auskunft gewünscht.

Das Schöne oder zumindest Praktische an der ganzen Sache ist, dass Zeh mit dem Kapitel »Die zentralen Themen« des Fragebuchs (F145–184) quasi ein kompaktes politisches Glaubensbekenntnis abliefert – zumindest, wenn man zu den Wenigen gehört, die es irgendwie geschafft haben, bisher nicht mitzubekommen, was Juli Zeh politisch denkt.

*

Ich verzichte darauf, mich eingehend mit den Beiträgen in der Presse auseinanderzusetzen, in denen nicht nur Zeh selbst hervorgehoben hat, Corpus Delicti sei auch als Kommentar zur Pandemiepolitik valide. Eindeutig klar ist, dass die Begrifflichkeiten und das Vokabular, die sie im Buch und im Buch über das Buch verwendet, wie aus dem Wörterbuch der Covid-»Widerstandsbewegungen« wirken: Es geht um »Hexenjagd«, um die angebliche Verängstigung risikoentwöhnter Insassen einer Präventionsgesellschaft, in der durch übersteigerte Hygienemaßnahmen »niemand mehr ein intaktes Immunsystem« hat (C233), um eine emphatische leibbezogene Rede von Freiheit und so weiter. Im Frageband, erst einige Monate nach dem Covid-Ausbruch erschienen, tauchen »Mundschutz« und »Quarantäne« als Symbole der Gesundheitsdiktatur auf (F171); wenn Zeh diese handfesten Fingerzeige nicht gewollt hätte, hätte sie das Buch vor Druckfreigabe noch einmal zurückziehen können, was sie aber nicht getan hat.

Aus einer heutigen Lektüre der beiden Bücher nimmt man meines Erachtens jedoch weniger etwas Inhaltliches mit als eine bestimmte intellektuelle Atmosphäre, die wenig mit der Pandemie zu tun hat****. Aus Corpus Delicti und Fragen zu Corpus Delicti weht einen ein Denken an, das sich durch den Glauben, es sei bescheiden, reflektiert, an Geschichte, Wissenschaft und Literatur geschult, den Blick auf die eigene Selbstgefälligkeit verblendet. Letztlich pumpt der Roman eine simple Grundidee mit allerlei Versatzstücken zu etwas auf, was formal leicht verdaulich und inhaltlich unmissverständlich ist, dabei aber die plausible Illusion von Gedankenschwere erzeugt. Dass ein solches Buch ein Megaseller und eine Pflichtlektüre an Schulen wird, dass Zeh sich darüber zehn Jahre später noch bandfüllend selbst interviewt und dabei die Abseitigkeit und letztlich Pietätlosigkeit von so etwas wie dem Inbeziehungsetzen von Rauchverboten und KZs gar nicht wahrnimmt; das ist im Deutschland des frühen 21. Jahrhunderts vermutlich nicht bloß wahrscheinlich, sondern unvermeidlich.

Berichtigung: Die Küppersbusch-Interviewkolumne »Die Woche« in der taz ist, anders als hier behauptet, keine Selbstinterview-Reihe. Vielen Dank an Daniel Schulz für den Hinweis.


*Zeh selbst behauptet, der Roman sei keine Science-Fiction, weil er keine technologische Zukunftsvision vorstelle. Dem liegt eine enge und überholte Definition von Science-Fiction zugrunde; abgesehen davon stellt Corpus Delicti durchaus eine technologische Zukunftsvision vor.

**Die Entstehungsgeschichte von Corpus Delicti, das zunächst als Drama zum Thema »Mittelalter« im Auftrag der RuhrTriennale 2007 entstand, möchte ich nicht vertieft behandeln. Patin für Mia Holl stand jedenfalls die 1593/94 in Nördlingen 62-mal als angebliche Hexe gefolterte Gastwirtin Maria Holl. Ihren Namen hat Juli Zeh, die ja bürgerlich einmal Julia Zeh hieß, auf genau dieselbe Weise zu einem Tatortnamen verschliffen wie ihren eigenen.

***Viele werden es angesichts des schlechten Rufs deutscher Behörden, was Digitalisierung betrifft, nicht glauben, aber bereits seit Jahren gibt es in Deutschland Gerichtsverhandlungen, bei denen einige oder alle Verfahrensbeteiligte keinerlei Papierakten, sondern nur noch ein Tablet oder Notebook vor sich haben.

****Möglicherweise wird hier ein bisschen das intellektuelle Klima der Entstehungszeit des Buches transportiert – vergessen wir nicht, dass Corpus Delicti ziemlich genau zwischen Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? und Deutschland schafft sich ab erschienen ist, fast gleichzeitig mit Frank Schirrmachers Quatschbestseller Payback.

Anhang: Die schönsten Kalendersprüche aus Corpus Delicti

  • »Alles, was einen Zweck hat, erfüllt ihn eines Tages und ist dann verbraucht.« (C25f.)
  • »Wer Ewigkeit will, darf nicht einmal den Zweck des eigenen Überlebens verfolgen.« (C26)
  • »Gesunder Menschenverstand […] ist, wenn einer recht haben will und nicht begründen kann, warum« (C37)
  • »[D]er Verstand ist […] [n]ichts weiter als ein Kostüm, in das der Mensch die Summe seiner Gefühle steckt.« (C37f.)
  • »Das Leben […] ist ein Angebot, das man auch ablehnen kann.« (C46)
  • »Der Kopf kann dem Kopf das Denken nicht verbieten.« (C80)
  • »Die Suche nach dem Menschen ist wie das Anklopfen an einem leeren Zimmer.« (C109)
  • »Der Mensch ist doch nur eine hübsche Verpackung für die Erinnerung.« (C122)
  • »Außenseiter leben gefährlich.« (C144)
  • »Man kann sich seinen Platz im Leben nicht aussuchen.« (C146)
  • »Die Vernunft zerlegt alles in zwei einander widersprechende Teile.« (C160)
  • »Es gibt keinen Satz auf der Welt, der so dumm ist, dass Menschen ihn nicht im Ernst äußern könnten.« (C190)
  • »Wenn einsame Geister die Lockstoffe der Gemeinsamkeit wittern, entsteht eine gewaltige Macht.« (C198)
  • »Manchmal stellt man fest […], dass der Geruch eines anderen Menschen etwas Wunderbares ist.« (C210)
  • »Das Mittelalter ist keine Epoche. Mittelalter ist der Name der menschlichen Natur.« (C235)

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