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Thea Dorn – Deutsch, nicht dumpf

Ich muss vorweg sagen, dass ich eine Aversion gegen Tatortnamen habe; gegen jene für ein vergesslich gedachtes Publikum leicht merkbar konzipierten, furchtbar ausgedachten Banalnamen aus Vornamen mit zwei unbetonten Silben und einsilbigem Nachnamen, wie sie vornehmlich KommissarInnen im deutschen Fernsehen haben (bzw.: in öffentlich-rechtlichen Fernsehkrimis, aber anderes Fernsehen gibt es ja eigentlich nicht mehr): Vera Lanz, Rosa Roth, Felix Stark – oder eben Juli Zeh, Peter Bamm, Thea Dorn. (Natürlich hat auch Dorns Kronzeuge Thomas Mann einen Tatortnamen, aber der hat ihn sich wenigstens nicht selbst ausgesucht.) [Nachtrag, 25.5.: Hat er doch, der alte Schlawiner, hieß er doch mit vollem Namen Paul Thomas Mann. h/t Marian T. Wirth]

Dorns selbstgewählten Tatortnamen hat sie offen und schamlos vom Namen des Philosophen Theodor W. Adorno abgeleitet (»Als eingefleischter Adornitin blieb mir doch kaum eine andere Wahl, als mich so bei Theo für seine erhellenden Geistesblitze zu bedanken«, 1995). Und zwar für ihr Debüt als Krimiautorin. Und unter demselben Namen hat sie allen Ernstes 2011 mit jemandem namens Richard Wagner zusammen ein Buch namens »Die deutsche Seele« geschrieben.

Wie soll ich so arbeiten? Wie soll ich unter diesen Umständen ein Buch von Thea Dorn über deutschen Patriotismus rezensieren und dabei ernst bleiben? (Nun ja, unter uns: Ich habe es auch irgendwie geschafft, jahrelang unter Leuten zu leben und zu arbeiten, die alle miteinander wissen, dass der Begründer des Neuplatonismus ausgerechnet Plotin heißt – als hätte der erste Neukantianer Emmanuel Kont geheißen! –, und auf diese schreiend komische Absurdität nur äußerst selten zu sprechen kommen.)

– Aber ich schweife ab. Thea Dorn nun hat also mit Deutsch, nicht dumpf (Knaus, 338 S., 2. Aufl. 2018) ein Buch über deutschen Patriotismus geschrieben, das unter anderem auf ihrer genannten Arbeit mit Richard Wagner aufbaut. In Zeiten anschwellenden Heimatgebrülls und einer seit Jahren rapide nach rechts rutschenden politisch-medialen Gemengelage will dieses Buch laut Klappentext die Themen »Heimat, Leitkultur, Nation […] nicht den Rechten überlassen«.

»Dürfen wir unser Land lieben?« wird da sogleich rhetorisch gefragt, und unter anderem auch: »[V]on wem reden wir […], wenn wir ›wir‹ sagen?« Dorn als gelernte Philosophin und offenbar schon seit einigen Jahren mit dem Thema vertrauter Medienprofi ist, Name hin, Name her, vielleicht nicht die falscheste Ansprechpartnerin für solche Fragen. Ihr Text ist, mäandernd, mit Exkursen über dies und jenes (z.B. von Prometheus über Luzifer zur Gentechnik, 153ff.) und sehr demonstrativ bildungsbürgerlichen Bezügen zu allem, was bei drei noch auf dem Kanonbaum ist, stilistisch ein völlig aus dem Ruder gelaufener Feuilletonbeitrag, geht aber doch entlang einer erkennbaren Linie vor:

Dorn hebt damit an, zu argumentieren, trotz grundlegenden Zweifeln könne man durchaus im Sinne einer wittgensteinschen Familienähnlichkeit von einer deutschen Kultur sprechen (Kap. 1), um anschließend unter anderem die in Deutschland lange so wirkungsmächtige Unterscheidung zwischen Kultur und Zivilisation an schlagenden Beispielen zu erläutern und zu kritisieren (Kap. 2). Im dritten Kapitel wird dann in einem recht unstrukturierten Geschlinger zwischen Berichten von Demonstrationen pro und contra LBGTQ*-Rechte und Überlegungen zu Persönlichkeitsbildung in der Postmoderne das Thema Identitätspolitik abgehandelt, im vierten ein Heimatbegriff erläutert. (Dorns Überlegungen zu »Mikroaggressionen« und »Political Correctness« übergehe ich, sonst rege ich mich zu sehr auf.)

Die Vorstellung von Kultur, Identität und Heimat, die dabei entwickelt wird, ist eine mehrschichtige: Ähnlich, wie die deutsche Kultur als ein harter und erfreulicherweise weltanschaulich neutraler Kern von »Leitzivilität« gedacht wird, um den sich bestimmte nicht austauschbare kulturelle Bestände gruppieren, die wichtiger sind als andere, konzipiert Dorn auch die persönliche Identität des Einzelnen und seine Heimat (das heißt: Deutschland als kulturellen Ort) als plastische, sich mit ihrer Umwelt austauschende, aber dennoch zentrierte und mit einem Kern versehene Strukturen. Die Kerne sind dabei, wie mehrfach erwähnt wird, nicht definierbar, sondern höchstens konstellativ aufzeigbar, und scheinen für Dorn irgendwie phänomenologischen Grundkategorien ähnlich (121) und an sinnliche Schlüsselerlebnisse à la Madeleine-Episode gekoppelt (137 – und tatsächlich, auf 143f. kommt dann der Proust-Bezug, vorhersagbar wie das schlechte Wetter in der Kölner Bucht). Über solche Kerne zu verfügen sei dabei unter anderem Grundbedingung für individuell sinnerfülltes Leben, wahre Kreativität und die gute Einrichtung eines politischen Gemeinwesens. Eine radikale Neuerschaffung solcher Kerne ist unmöglich – man muss sich immer schon, und sei es im Modus des Verlusts, auf sie beziehen können.

In den folgenden Kapiteln wird dann, wieder sehr weitschweifig, anhand einer Vielzahl locker gestreifter theoretischer Quellen gezeigt, warum Europa, wie es heute als politische Realität um die EU herum existiert, sowie die Welt als kosmopolitisch verstandene nicht als Heimatböden taugen sollen (übrigens genauso wenig wie autochthon verstandene Kleinregionen, 174f.). Der heterogene, aber irgendwie kulturell zentrierte Nationalstaat, speziell der deutsche, der für sie seine wahre Wurzel im Bildungsbürgertum des 18. Jahrhunderts hat, ist für Dorn der einzige gangbare Identifikationsgegenstand, der kulturelle Identität und Heimat auf einen Nenner bringt. Dafür müssen einige Randbedingungen stimmen, und es gereicht der Verfasserin zur Ehre, dass sie feststellt, dass Liberalität, Westbindung, Verzicht auf originelle politische Entwürfe à la »Dritter Weg« und Unterlassen kraftmeiernder »Selbstverständigungen« dazugehören (245–271).

Das Fazit der kurzen deutschen Nationalgeschichte, die Dorn in Kapitel 7 abliefert, ist denn auch mehr oder minder: Allein das Bekenntnis zum Nationalstaat, als konstitutioneller, umverteilender und kulturell zentrierter aufgefasst (274) kann uns im gegenwärtigen Schlamassel retten. Dieses Bekenntnis soll dabei ein aufgeklärter Verfassungspatriotismus sein, wie Dorn ihn bei Thomas Abbt, C. S. L. von Beyer und W. A. Teller im 18. Jahrhundert begründet sieht (281 ff.), allerdings unterzogen von einer Vorstellung von Deutschland als »Kulturnation«, ganz konkret verstanden als Nation, in der Staat und Zivilgesellschaft Güter der Hochkultur nutzen, um integrative und solidaritätsstiftende Projekte zu veranstalten (303 ff.). Der Verfassungspatriotismus ist es, »der alle sonstigen Patriotismen vor Exzessen bewahrt« (312), während die Leitkultur das Volk bildend und einend mit Schubert-Liedern versorgt (313). (If you want a picture of the future, imagine Elke Heidenreich explaining concertos to teenagers – forever.)

Bis zum Schluss wurde mir dabei nicht klar, wie Dorn darauf kommt, dass ihr kultureller Kern, den sie so hochhält, ausgerechnet koinzidieren muss mit dem, was seit jeher im Elitendiskurs als deutsche Kultur gehandelt wird, und das, obwohl oder gerade weil sie sich mit deutscher Alltagskultur anscheinend umfänglich befasst hat. Deutsche Kultur ist für mich z.B. die hartnäckige Heterogenität der Nahverkehrstarife. Oder, unvergleichlich: wenn man im Hotel »Emshof« in Warendorf, wo die Zeit je nachdem, in welchem Raum man sich aufhält, seit 40 bis 90 Jahren stillzustehen scheint, eine armselige zweiseitige Speisekarte in Klarsichthülle mit ca. zehn Hauptgerichten und weder Vorspeisen, Desserts noch Getränken vorgelegt bekommt und entmutigt etwas bestellt, nur um festzustellen, dass alle Hauptspeisen spektakulär gut sind und kommentarlos mit Hochzeitssuppe als Vor- und Herrencreme als Nachspeise serviert werden. Dagegen kann ich auf Thomas Mann ganz gut verzichten – und auch darauf, wenn die ungeheuer belesene Enkelin einer Vorderpfälzerin erklären möchte: »[S]teckt im Pfälzer Wort für Kartoffel, der ›Krummbeere‹, nicht ein verhunztes französisches ›pomme de terre‹?« (139), was der größte Quatsch zum Thema französische Sprache ist, den ich lesen musste, seit Byung-Chul Han sich offiziell dazu bekannt hat, den Unterschied zwischen »bonheur« und »bonne heure« nicht zu kennen.

Dorn macht ihren Staat aber mit Thomas Mann, mit dem Hambacher Fest, mit der Konsensgeschichte der Berliner Republik dazu, was deutsch ist; die Leitidee, dass dieser Konsens die Tiefenstruktur von Deutschsein treffe, hinterfragt oder begründet sie nicht. Der Tiefenkern wird als Ressource postuliert, ohne die der Verfassungspatriotismus nicht funktioniere, und ohne den auch individuelle Autonomie, gedacht als die Persönlichkeitsbildung leitende Selbstgesetzgebung, nicht zu haben sei. Warum muss es aber gerade die konkrete deutsche Verfassung sein? Warum müssen es die hegemonialen kulturellen Inhalte sein? Konkret: Was spricht dagegen, Dorns Muster zu verallgemeinern und zu sagen: Gesellschaften und Individuen sollten über einen liberalen, universalistischen Regelrahmen für ihr Handeln verfügen und auf als bedeutsam anerkannten kulturellen Inhalten operieren – ganz gleich, wie viel oder wie wenig Nation dahintersteckt, geschweige denn, welche? Die Antwort kann Dorn nicht geben, weil sie sie bereits voraussetzt. Ihr Buch argumentiert nicht für deutschen Patriotismus; es argumentiert aus der Position heraus, dass Patriotismus und eben auch deutscher Patriotismus aus gewissermaßen existenziellen Gründen unverzichtbar sei, für eine bestimmte Form von deutschem Patriotismus (vermutlich immerhin tatsächlich für die brauchbarste). Wer die Sinnhaftigkeit von Patriotismus überhaupt hinterfragt, wird in diesem Werk nichts finden, was argumentativ vom Gegenteil überzeugen könnte.

– Zuletzt noch einmal zum Stil. Länger habe ich darüber nachgedacht, warum mich der aufgekratzt muntere Plauderton des Buches so stört. Ist es das Thema? Gönne ich diesen Ton nur englischsprachigen Sachbüchern? Sind es meine Vorurteile über die (mir zuvor fast unbekannte) Person Thea Dorn, hat das Lästern über sie als Galionsfigur einer bestimmten Art von Kulturbetrieb auf mich abgefärbt?

Mir ist dann aber aufgefallen, dass es nicht einfach der Ton ist, sondern der Ton in Verbindung mit der Sprechhaltung. Wenn Dorn sich auf Seite 55 über jene empört, denen die Erinnerung an die deutschen Verbrechen lästig ist, schafft sie dies nicht, ohne emphatisch festzustellen, dass Bilder der Shoa ihr, ihr, Thea Dorn persönlich, das Herz zerreißen, wo Empfindsamkeit doch eine der »nobelsten deutschen Tugenden« sei. Es passiert wenig in diesem Buch, ohne dass Thea Dorn sich je selbst als herausragendes Exemplar des Erwünschten zeichnet.

Zugleich passieren dabei unfassbare Fehlgriffe, wenn die Verfasserin etwa Ernst Moritz Arndt darin zustimmt, dass »ein übersteigerter Kosmopolitismus zur Lähmung aller gestalterischen und bildenden Kräfte führen« könne (125), ohne dies irgendwie einzuordnen. Da darf dann wenig später auch das Schimpfen auf die »›Heuschreckenschwärme‹ des »globalen Finanzkapitalismus« (129) nicht fehlen. Ja, ganz recht: Thea Dorn plädiert in der Tat für heimatliche Verwurzeltheit und gegen kosmopolitisches »Nomadentum« (sic!, 129), bezieht sich zustimmend auf einen Antisemiten, nutzt strukturell antisemitisches Vokabular und schafft es zugleich, stolz auf ihren adornitischen Namen und ihr Angetansein von der eigenen Verstörung über den Holocaust zu sein. Auch Turnvater Jahn (225) findet in ihr eine Fürsprecherin. Ein Bild von einer Deutschen! Eine bessere Autorin konnte dieses Buch nicht finden.

Ein Letztes noch: Deutsch, nicht dumpf ist zwar über weite Strecken eine Abhandlung, die sich auf eine Primärquelle nach der anderen bezieht und auch viel wörtlich zitiert, enthält aber keine einzige Fußnote, keinen einzigen Literaturbeleg, keine Bibliographie, noch nicht einmal ein Personenregister. Das Buch endet, seinem Gegenstand und seiner Haltung angemessen – nachdem es festgestellt hat, dass man für Deutschland, wenn auch »postheroisch«, sterben wollen und Deutschland lieben darf – mit dem Deutschlandlied (schauen Sie ruhig selbst nach). Man kann Thea Dorns Namen auf dem Umschlag also gewissermaßen als performativen Widerspruch lesen – denn was immer man von Theodor W. Adorno hält: dass jemand Bücher schreibt, die man ungeprüft hinnehmen und an deren Ende man innerlich die deutsche Nationalhymne absingen soll, wird er vermutlich nicht gewollt haben.

Photo by “My Life Through A Lens” on Unsplash

 

Dr. Matthias Warkus
Hau rein

Dr. Matthias Warkus

Matthias Warkus ist gelernter Philosoph und lebt als freier Publizist und Redakteur in Jena.
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6s Kommentare

  1. Sehr unterhaltsam, Herr Dr. Warkus.
    Thea Dorn ging mir schon von Anfang an auf die Nerven.
    Das mit Platon und Plotin hat mich auch schon oft beschäftigt. Sachen gibt´s…
    Beste Grüße,
    A. Goldberg

  2. Als gäbe es für alle die gleiche Antwort. Für manche ist die Verwurzelung notwendig und sie tut ihnen vielleicht sogar gut. Andere können ohne Wurzeln fliegen. Leider verbreiten sogenannte Patrioten ihre persönlichen Bedarfe nach Heimat als wären sie universell. Auch wenn die Kritikpunkte in dieser Rezension berechtigt sind, der Diskurs über dieses Themenfeld ist wichtig und längst überfällig. Doch was Heimat ist und was genau deutsch, das zu fassen ist wohl fast unmöglich, so beweglich ist es. Kommt nur ein Kaleidoskop oder ein Flickenteppich bei raus. Aber auch der ist schön zu betrachten.

  3. Danke für die genauere Aufschlüsselung zur “Kosmopiltismus”-Kritik. Die ZEIT erwähnte es in ihrer Besprechung ohne es zu problematisieren und ich war schon versucht, mir das Buch zu besorgen um zu prüfen wie weit ins strukturell-antisemititische Frau Dorn sich vorwagt – was ja kaum zu vermeiden ist, wenn Wurzeln gegen weltbürgerliches Nomadentum aufgewogen werden – aber meine Lust sinkt nach dieser Kritik dann doch deutlich 😉

  4. Danke für die ausführliche Besprechung, die mir die Lektüre und das Selbstärgernmüssen erspart.

  5. Meine Lust ist auch deutlich gesunken, wenngleich ich stellenweise das Gefühl hatte, Sie haben schlicht ein anderes Buch lesen wollen, als es die Autorin schreiben wollte. Und dass die Autorin ihnen deshalb unbekannt ist, hätte Sie doch schon eingangs stutzig machen können. Danke trotzdem für die vertane Zeit.

    • »wenngleich ich stellenweise das Gefühl hatte, Sie haben schlicht ein anderes Buch lesen wollen«

      Na klar, nämlich ein gutes.

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