Das Sinnen der Zypresse: Neue persische Lyrik

von Gerrit Wustmann

In einem normalen Buchhandelsjahr muss man nach deutschen Übersetzungen persischer Literatur mit der Lupe suchen. Meist findet man dann ein, zwei, mit Glück sogar drei Bücher in Kleinverlagen. Manchmal auch kein einziges. 2021 hingegen war ein Jahr, das rot im Kalender markiert werden muss, tiefrot: Zehn neue Bücher sind erschienen! Und was das Ganze noch besser macht: Sie sind allesamt höchst lesenswert. Die neue Kurzgeschichtensammlung „An den Regen“ der iranischen Bestsellerautorin Fariba Vafi; die Gedichte von Garous Abdolmalekian; die von Ali Abdollahi und Kurt Scharf herausgegebene Anthologie „Ein Dieb im Dunkeln starrt auf ein Gemälde“, die erstmals überhaupt das lyrische Schaffen in persischer Sprache im 21. Jahrhundert auf Deutsch zugänglich macht, und einige mehr.

Womit wir beim Thema wären: Es ist jener Ali Abdollahi, der seit Jahrzehnten unermüdlich deutsche Literatur ins Persische übersetzt (von Grass über Musil, Tucholsky, Heine, Kafka, Rilke und rund hundert weitere) und sich nun anschickt, den umgekehrten Weg zu gehen und das Oeuvre persischer Lyrik in hiesigen Bücherregalen signifikant zu erweitern. Denn nebst der erwähnten Sammlung hat er gemeinsam mit Daniela Danz und den Übersetzer*innen Maryam Aras, Kurt Scharf und Maryam Tiuori im Wunderhorn Verlag die Anthologie „Kontinentaldrift. Das persische Europa“ vorgelegt. Auch dahinter steckt ein Konzept, das es so noch nicht gab: Eine umfangreiche Vorstellung der Arbeit persischer Dichterinnen und Dichter, die in Europa leben und arbeiten. 

Und als wäre das nicht genug, legte Chamisso-Stipendiat Abdollahi, der zur Zeit nicht in Teheran, sondern in Berlin lebt, mit „Wetterumschlag“ (Secession Verlag, Berlin) nach unzähligen Anthologie- und Zeitschriftenbeiträgen endlich einen Band seiner eigenen Gedichte vor, zweisprachig auf Persisch und Deutsch, übersetzt und nachgedichtet unter anderen von Max Czollek, Daniela Danz und Jan Wagner. Denn die Tatsache, dass Abdollahi selbst ein versierter Dichter ist, trat neben seiner Übersetzungsarbeit zu oft in den Hintergrund. Seine eigenen Texte aus über zwanzig Jahren hier nun in einer gebündelten Auswahl lesen zu können, ist ein Gewinn.

Politische Gedichte, aber nicht nur

Und, um diese Frage gleich zu Beginn abzuhaken: Ja, „Wetterumschlag“ enthält auch Gedichte, die in Iran aufgrund der Zensur kaum erscheinen könnten, wie beispielsweise jenes bissige Gedicht, das sich eben diesem Thema widmet, und in dem es heißt: „Die Zensurbeamten / Sie / sind erste und ernste Leser meiner Gedichte: / Sie finden Viren darin / die mich nie infiziert haben / (…) / Eines Tages erdrosseln / die zensierten Verse diese Beamten / diese Neuplatoniker. / Oder sie erleiden wegen Fettansetzens / einen Schlag.“

Ja, die Themen kommen vor: Zensur, Repression, staatliche Willkür, die Doppelmoral der Geistlichkeit, und einmal wird gefragt, wann die Sittenwächter denn den Wind verhaften, der einer Frau den Rock lupft. Es ist eine Art von Galgenhumor, der sich oft findet in der zeitgenössischen persischen Lyrik, mal offen, mal zwischen den Zeilen, mal direkt, mal in (klassische) Metaphern gekleidet. Aber, und das ist wichtig: Es ist bei weitem nicht der einzige Themenkomplex, und man möchte davor warnen, Abdollahis Gedichte rein politisch zu lesen, denn das griffe zu kurz und zeigte einmal mehr nur die thematische Engführung im Auge der hiesigen Leserschaft, die gerne asiatische und afrikanische Literaturen nach dem abklopft, was sie über die jeweiligen Länder aus den Abendnachrichten weiß.

Welche Themen werden behandelt? Deutlich zu viele, um sie alle hier aufzuzählen. Daher ein Blick auf einige Kernthemen, die sich durch das von Michael Krüger mit einem Nachwort versehene Buch ziehen. Abdollahis „Wetterumschlag“ ähnelt einer Reise. Der Dichter verwebt Orte miteinander: Teheran und München, Shiraz und Venedig, Natur und Stadt, inneres und äußeres Erleben, die Perspektiven der Literatur und Philosophie, die auf das Leben treffen und manchmal mit ihm kollidieren, bisweilen Symbiosen eingehen. Er ist ein Beobachter, der das, was er sieht, in Fragen kleidet, die nicht zwangsläufig beantwortet werden wollen: 

„Wenn also der Himmel nicht immer derselbe ist / dann ist wohl auch die Erde nicht überall dieselbe“, heißt es im Gedicht „München 4“, und in einem „den Flüchtlingen, die nach Europa kommen“ gewidmeten, „Regen und Wind“ betitelten Langgedicht: „Wie die Einsamkeit / kommt der Regen in tausenderlei Form / und hat doch nur ein Wesen / zögert nicht / wie der Staub auf meinen Büchern / in der stillen Mansarde.“ Die lange Form, meist in freien Versen, selten auch gereimt, wird von Kurzgedichten und Haikus begleitet: Atempausen, poetische Blitzlichter, die, wie hier, auf die Bildsprache klassischer persischer Vorbilder zurückgreifen: „Der Jahreszeiten / Unruhe stört das Sinnen / Der Zypresse nicht.“ Namen und Zitate tauchen auf: Hafez natürlich, aber auch Anspielungen auf das Shahname, auf Khayyam einerseits, auf Rilke, Heine, Nietzsche andererseits. Wo das Politische trennend ist, wirkt das Literarische vereinend.

Das persische Europa

Und das könnte ein Stichwort sein für „Das persische Europa“: 35 Dichterinnen und Dichter, die eines gemeinsam haben: Dass sie nicht (mehr) in Iran leben und publizieren, sondern in Europa. Viele von ihnen erscheinen hier zum allerersten Mal in deutscher Übersetzung, nur von wenigen gibt es übersetzte Einzeltitel. Dieser umfangreiche Band ist auch eine Einladung zum Weiterlesen und nicht weniger eine Einladung an Verlage, sich umzuschauen in diesem vielschichtigen lyrischen Katalog, nach interessanten Stimmen, deren Bücher auf den hiesigen Bücherregalen noch fehlen. Abdollahi und Danz machen den Anfang.

Diese Sammlung ist auch eine generationenübergreifende lyrische Bestandsaufnahme. Der Älteste, Yadollah Royai, wurde 1932 in Damghan geboren und lebt seit 1976 in Paris. Er gilt als eine der großen Stimmen der iranischen Poesie des 20. Jahrhunderts. Am anderen Ende des Spektrums steht der 1990 geborene Farshad Sonboldel, der in Teheran und St. Andrews Literatur studiert hat und seither in Großbritannien lebt. Sonboldel schreibt in einer jugendlich-flapsigen Sprache, während Royai ausholend in Versen erzählt, dabei aber kaum weniger jung und frisch wirkt als sein fast sechzig Jahre jüngerer Kollege.

Seit den Ursprüngen vor rund 1300 Jahren, so Abdollahi in seinem Vorwort, sei die persische Dichtung von Wanderbewegungen maßgeblich geprägt. Ein frühes, wohlbekanntes Beispiel, ist Rumis Flucht vor den Mongolen von Balkh nach Konya, weswegen er, der heute einer der meistgelesenen klassischen Dichter der Welt ist, sowohl von Iranern als auch von Türken als „ihr“ Dichter beansprucht wird, und beide können gute Argumente für ihre jeweilige Perspektive in seinem Werk finden. Es gab Migrationen, Vertreibungen, anfangs noch innerhalb eines von der persischen Sprache geprägten Gebiets, dann kamen darüber hinaus gehende Reisen, die bis ins Heute andauern, und es gab und gibt die Exilerfahrungen von Autor*innen, die im 20. Jahrhundert vor dem Shah-Regime nach Europa oder Amerika flüchteten und jenen, die nach der Islamischen Revolution das Land verließen – bis heute. 

Die vorliegende Anthologie zeichnet das Ergebnis dieser Migrationen und Fluchten in den letzten Jahrzehnten nach und wirft Schlaglichter auf Stimmen, die trotz oft langer Abwesenheit nach wie vor einen hohen Stellenwert unter Leser*innen in Iran haben, während es nur wenige in Europa zu einem gewissen Bekanntheitsgrad gebracht haben. Das liegt nicht an ihren lesenswerten Versen, sondern an den Gegebenheiten des europäischen Buchmarkts, auf dem nichtwestliche oder als solche wahrgenommene Literaturen und insbesondere die Lyrik eine Nischenrolle spielen.  Man kann das nicht oft genug sagen: Leider. 

Wie in „Wetterumschlag“ wird auch in „Das persische Europa“ Politik und Repression, Exil und Exilerfahrung thematisiert, aber auch hier ist das nur ein Thema unter vielen. Der Blick darf sich weiten, wenn Shabnam Azar (Iran – Deutschland – Großbritannien) vom „Fatum des Grases“ singt und von einem „Verlassenen Hafen“ mit „versandeten Häusern“; oder wenn Mahmood Falaki (von dem auch mehrere Romane auf Deutsch vorliegen) über seine Wahlheimat schreibt: „Am Ufer der Gegenwart / landet ein Stück Hamburger Nacht an, / das die Straße endlos macht.“ 

Bei Zia Ghassemi findet sich eine deutlichere Melancholie, er sagt: „Wir sind Robinson Crusoes ohne Inseln, / verloren in unserer Einsamkeit“. Manche schreiben in klarem, offenen, zugänglichen Stil, andere verrätseln ihre Sprache, verweben Metaphern ineinander, führen durch ein Labyrinth aus Versen, während wieder andere mit westlichen und östlichen Vorbildern spielen, Anspielungen und Zitate verwenden, um das Jetzt mit dem Damals zu verbinden. In seinem Vorwort geht Abdollahi auch darauf ein, zeigt die Wege der Dichtungen auf, die Traditionen und Stile und Formen, schafft Hintergrund und zugleich Vertrautheit, weckt Neugier.

Um es mit Royai zu sagen: „Das Ende des Textes löscht das Zeichen nicht.“

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