Zwischen Comfort Binge und Neuentdeckung – „Friends“ als Utopie

von Isabella Caldart

 

Wir befinden uns in der goldenen Ära des Fernsehens: Nie zuvor waren TV-Serien so aufwändig, teuer produziert und komplex erzählt. Und doch gehören zu den meistgestreamten Serien jene, die bereits vor Jahren abgesetzt wurden – allen voran Friends. Warum ist das so?

Der Versuch einer Erklärung.

Akte X, Gilmore Girls, Twin Peaks, Roseanne, Full House, Will & Grace – zahlreiche populäre Serien der Neunziger- und frühen Nullerjahre haben in der letzten Zeit Revivals erlebt. Bemerkenswerter noch als diese Revivals ist ein anderer, aber vom Prinzip her ähnlicher Trend: Streaming-Plattformen lassen sich alte Sitcoms wie Friends oder Seinfeld einiges kosten. Laut Medienberichten zahlte Netflix den stolzen Preis von 100 Millionen US-Dollar, um die Laufzeit von Friends 2019 um ein weiteres Jahr zu verlängern, bevor die Sendung für die Summe von 425 Millionen US-Dollar zu HBO Max wechselte, dem neuen Streaming-Angebot von WarnerMedia. Die Lücke, die Friends bei Netflix hinterlässt, soll nun Seinfeld füllen, das ab 2021 streambar ist – was sich Netflix wiederum, so heißt es, mehr als 500 Millionen US-Dollar kosten ließ.

Easy statt Peak TV

Zum Vergleich: The Crown, Netflix‘ teuerste eigene Serie über das Leben der amtierenden britischen Königin, kostet 130 Millionen US-Dollar pro Staffel. Obwohl wir uns im Zeitalter des Golden Age of Television, auch Peak TV genannt, befinden, in dem einige Serien so aufwändig produziert werden wie Kinofilme, scheinen sich nicht wenige Zuschauer:innen zu einer Einfachheit zurückzusehnen, zu einer Zeit, als die Figuren simpler gestrickt und mehr oder weniger sympathisch waren, der Handlungsbogen überschaubar, die Kulisse statisch und man die Gewissheit haben konnte, dass am Ende alles gut ausgeht.

Das zeigt sich an keinem Trend deutlicher als an diesem: Rund 25 Jahre nach dem Start im Jahr 1994 gehört Friends wieder zu den beliebtesten Serien (und das nicht nur in den USA, sondern von Großbritannien bis nach Indien). Der heute bedeutende Unterschied zu den Neunzigerjahren war die fehlende Konkurrenz: Damals gab es in den USA mit NBC, ABC, CBS und Fox nur vier große Fernsehkanäle – während allein Netflix im Jahr 2019 371 Eigenproduktionen auf den Markt brachte. Und doch war Friends nach der US-amerikanischen Version von The Office (übrigens auch eine ältere Serie, die von 2005 bis 2013 lief), die meistgestreamte Serie auf der Plattform.

Das Kuriose an dem Phänomen Friends ist, dass es sich bei den Zuschauer:innen nicht nur um jene handelt, die Friends noch aus dem Fernsehen kennen und die Serie mit einer gehörigen Portion Nostalgie erneut schauen. Auch Kids und Jugendliche, die in den Nullerjahren, teilweise sogar nach der Absetzung 2004 geboren sind, haben dank Netflix Friends für sich entdeckt. Ein weiteres Kuriosum dieses Trends: Es gibt zwar weitaus schlimmere Beispiele, aber Friends ist nicht sonderlich gut gealtert. Die Serie ist in vielerlei Hinsicht problematisch, angefangen bei dem all-white Cast bis hin zu den Witzen, die teilweise homosexuellen- und transfeindlich, sexistisch oder fatshaming sind. (Als Fußnote, ohne dies schönreden zu wollen, sei hier angemerkt, dass Friends auch progressive Momente hatte – wie etwa die lesbische Hochzeit in einer Episode, die im Jahr 1996 ausgestrahlt wurde.)

Die Realität bleibt außen vor

Wieso also ist ausgerechnet Friends so beliebt? SZ-Redakteurin Dorothea Wagner bringt es auf den Punkt: „Es kommt mir fast vor, als verbrächte ich Zeit mit Freunden. Ich glaube, dass die Sogwirkung des Comfort Binge auch zu weiten Teilen mit dem Gefühl zusammenhängt, Menschen wiederzusehen, an denen man hängt.“ Den Begriff Comfort Binge verwendet Wagner mit Bezug auf Alexis Nedd. „The TV show people turn to in their coziest, laziest, or most bored moments is their Comfort Binge”, schreibt Nedd auf der Entertainment-Website Mashable. „The comfort binge is about minimizing effort while maximizing pleasure.” Es geht also um Fernsehen, das nichts anderes will, als seinen Zuschauer:innen ein gutes Gefühl zu verleihen. Comfort Binge, das stundenlange Versinken im leicht konsumierbaren Serienstoff, ist das Schlüsselwort, wenn es um die Generation Friends im Fernsehen geht. Zuschauer:innen wissen genau, was sie erwartet, sie kennen, wie bei echten Freund:innen, alle Spleens der Figuren, die Insiderwitze. Das beruhigt, lenkt vom Alltagsstress ab und gibt das Gefühl, aufgehoben zu sein. Kurz: Man ist zu Hause.

Für die Jüngeren hingegen, die Generation Friends auf Netflix, stellt die Serie eine Utopie dar, die es den Protagonist:innen erlaubt, trotz (vor allem zu Beginn) schlecht bezahlter Jobs fabelhafte Wohnungen im Village mitten in Manhattan zu mieten und den Tag damit zu verbringen, gemeinsam im Café Central Perk abzuhängen. Mehr noch: Es ist eine Zeit vor Internet, vor Social Media, in der insbesondere jenen, die die Neunziger nicht bewusst erlebten, alles einfacher scheint. Eine Illusion zwar, aber eine, die zu verlockend ist, um sich ihrer zu erwehren.

Einfacher scheint das Leben der sechs Freund:innen auch deshalb, weil die Serie durch und durch unpolitisch ist. Friends hat keinen doppelten Boden, keine Metabene, keine politischen Anspielungen – die Zuschauer:innen müssen sich im Weltgeschehen nicht auskennen, um abgeholt zu werden. Der andere Effekt, der sich daraus ergibt, ist, dass die Serie dadurch, Kleidung und Technologie zum Trotze, erstaunlich zeitlos wirkt. Weder 9/11 noch der Irakkrieg werden thematisiert, Geldprobleme nur am Rande erwähnt, sexuelle Bedrohung oder Rassismus existieren nicht. Die böse Realität bleibt außen vor. Auch dies eine Utopie.

Simples Konzept: Freundschaft

Entsprechend ist Friends hinsichtlich Settings, Handlung und Figuren unschuldig und frei von Zynismus. Die Grundlage der Serie ist Freundschaft, und diese Warmherzigkeit und Vertrautheit macht sie so attraktiv. Friends war eine der ersten US-amerikanischen Sitcoms, die sich nicht um die Familie, sondern um Freund:innen drehte. „The premise of Friends is the friends … The theme song didn’t lie: They really were there for each other, punch lines and all. That thereness was the show’s intangible hook”, beschreibt Filmkritiker Wesley Morris in der New York Times dieses Gefühl. Auch wenn man Jennifer Aniston als größten Star bezeichnen kann, so werden innerhalb der Serie alle sechs Figuren gleichwertig behandelt, verdienten die sechs Schauspieler:innen dasselbe Gehalt. Es gab sie nur im Sechserpack. Als Zuschauer:in hat man die Beruhigung, zu wissen: Selbst bei Streit oder nach Trennungen bleiben die sechs zusammen – die unzerstörbare Wahlfamilie.

Viele Sendungen, darunter How I Met Your Mother, New Girl und The Big Bang Theory als bekannteste Beispiele, haben versucht, dieses Konzept zu imitieren und wie bei Friends die Freundschaft in den Mittelpunkt zu stellen. Sie vermitteln eine idealisierte Vorstellung der USA, in der Freundschaft siegt, Rassismus nebensächlich ist und das Leben in der Großstadt für alle ohne Probleme möglich ist. Nicht zuletzt zeigen Friends und How I Met Your Mother zudem den Inbegriff von New York als Stadt der Träume, die so nicht mehr existiert und vielleicht auch nie existierte; die romantische Version, in der man im Central Park Schlittschuhlaufen geht statt arbeiten müssen; eine zwar noch windschiefe, leicht dreckige Stadt, in der Kriminalität aber nicht thematisiert wird und der Turbokapitalismus höchstens eine untergeordnete Rolle spielt.

Nicht wenige Menschen finden übrigens, Seinfeld (1989-1998) sei die Blaupause für all diese Serien. Der Rahmen ist ähnlich wie bei Friends: Eine Handvoll weißer Freund:innen, die im Manhattan der neunziger Jahre lebt und viel im Stamm-Diner abhängt. Aber es gibt eine entscheidende Differenz, und deswegen ist auch fraglich, ob es Netflix gelingen wird, diesen enormen Erfolg mit Seinfeld zu wiederholen: Die Figuren, das Setting, sind zynisch und misanthropisch. Die Serie strahlt nicht die heimelige Wärme aus wie Friends – und genau das macht den Unterschied aus.

 

 

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