Wenn sich Wörter mögen – Die Kinderlyrikwerkstatt Poedu

von Kathrin Schadt

 

Während des ersten Lockdowns ab dem 13.3.2020 befand ich mich mit meiner 7-jähringen Tochter Greta in Barcelona und erfand  zunächst in privatem Rahmen für sie eine Poesiewerkstatt, um sie während der Quarantäne irgendwie zu beschäftigen. In wenigen Tagen fand dieses Projekt dann aber überraschend viele Neugierige, über 60 Familien haben sich mittlerweile auf Facebook dazu angemeldet, außerdem kooperieren Dichter*innen und zahlreiche Institutionen aus dem deutschsprachigen Raum.

Jeden Freitag wird seitdem den teilnehmenden Kindern eine jeweils andere Poesieaufgabe von bekannten Poet*innen gestellt. Unter ihnen bislang: Michael Stavarič, Ulrike Almut Sandig, Michael Augustin, Uljana Wolf, Yevgeniy Breyger, Andrea Karime u.v.m. Innerhalb einer Woche können die Kinder dann die Ergebnisse zunächst in einer geschlossenen, virtuellen Gruppe untereinander austauschen, Fotos und Videos hochladen, miteinander auch in Pandemiezeiten in Kontakt kommen. Am darauffolgenden Freitag werden dann auf der öffentlichen Poedu-Facebookseite und auf Fixpoetry jeweils die neuesten Gedichte der Kinder veröffentlicht.

Poedu habe ich das Projekt genannt, weil Poesie meist etwas ist, was Erwachsene für Erwachsene machen. Also PoeSIE. Ziel des Projektes ist es aber eine Werkstatt zu schaffen, bei der alles erlaubt ist, bei der jede und jeder mitmachen darf: ich, er, sie und du. Wir machen PoeDU. In dem Namen steckt auch noch fein und heimlich das Wort EDUcación, spanisch für Bildung und PuEDo, ich kann.

Mit dem Projekt sollen Kinder und Jugendliche an die Möglichkeiten unserer Sprache herangeführt werden. Als spielerische Quelle, als Ventil, als Befreiung, fern von zähen Homeschooling-Aufgaben. In Zeiten der Krise brauchen auch Kinder Ausdruck und Hoffnung und mit dem Poedu wollen wir herausfinden, welche Möglichkeiten die Lyrik uns bietet, um dazu beizutragen. Im Vorwort zum gerade entstehenden Poedu-Buch schreibt die Lyrikerin Monika Rinck:

„Was man alles mit [Sprache] machen kann, zeigen die Poedu-Kinder […]. Was für eine Fülle tritt den Leser:innen gleich auf den ersten Seiten entgegen. Das Herz geht auf! Hier wird mit großem Ernst gespielt und das Spiel so ernstgenommen, dass es eine Lust ist. […] Es ist für Menschen in jedem Alter eine schöne und sehr erheiternde Lektüre. Reime und Lügen, die Verbundenheit der Klänge und ihr verführerisches Flüstern, ganz knapp an der Realitätsprüfung vorbei. Durchgewitscht! Gerade nochmal entkommen. Und wie schön es ist, Verse in oft so erfindungsreicher alternativer Rechtschreibung zu lesen und Befehle zur Kenntnis zu nehmen, die zunächst unmöglich zu sein scheinen. „Los, schwimm zurück in den Garten!“ Alles spricht, und alles ist ansprechbar. Es ist ein großzügiger Hochgenuss, der außerdem zum Mitmachen, Nachmachen und Neumachen einlädt. Anleitungen zum Jubel und zur Beschimpfung, Schriftcollagen, Gedichte in den Sprachen der Tiere, Gedichte in altehrwürdigen Formen, wie dem Akrostichon, übersetzte Gedichte, Gedichte mit Gebrauchsanleitungen und Pflegehinweisen, Gedichte, die sich auf der Schwelle zwischen den Sprachen treffen, und die bevölkert sind von Wesen, die es gar nicht, aber im Gedicht dann ja doch gibt. Denn da ist Platz dafür. Die erneuerte Erinnerung daran, wie groß dieser Platz ist, ist ein Geschenk, das Poedu und alle an der Entstehung des Buches Beteiligten uns machen. Danke!“

Die virtuelle Poedu-Werkstatt begann mit der Frage, was Poesie denn nun eigentlich sei? Die Antworten der Poedu-Kinder zeigten den Macher*innen dann gleich zum Auftakt, was alles Großartiges auf sie warten würde:

Poesie ist ein weibliches Wort oder eine Mehrzahl, obwohl es sich eher wie Singular anhört. – (Leo, 10)

Ich glaube, Poesie ist, wenn die Wörter etwas verbindet und sich die Wörter mögen.  (Gwang, 11)

Für mich ist Poesie wie ein großer Himmel, wo ganz viele Wörter drin sind. Und die Wörter sind die Kinder […]. – (Rübezahl Cocktail, 7)

Im April 2021 wird ein Buch zum Projekt im Elif Verlag erscheinen, illustriert von Petrus Akkordeon. Das Buch wird die Gedichte der teilnehmenden Kinder auf Papier festhalten, damit sie tatsächlich anfassen, blättern und zusammenhängend lesen können, was sie selbst über die Monate geschaffen haben. Aber auch, um diese besondere, miteinander erlebte Zeit festzuhalten, in der die Welt aus den Fugen geriet und die Kinder sich diese mit Worten wieder zusammenfügten.

Das Buch trägt das Poedu aber auch zu allen anderen Familien nach Hause, von Kindern für Kinder, zum Lesen, Schreiben, Nachahmen: zum Poeduen. Zu allen im Buch enthaltenen 25 Aufgaben dürfen die Leser*innen ihre eigenen Gedichte ins Buch schreiben und auch gerne dem Poedu schicken. Hinter jedem Kapitel findet sich auf Leerseiten Platz dafür. So können die Familien selbst, aber auch Schulen, Kindergärten und Einrichtungen die Poesiewerkstatt für sich fortsetzen und weiterspinnen.

Juliane Ziese von der Edition Lyrigma lernte das Poedu über ihren Sohn Vito (5) kennen und wurde bald von der Begeisterung dafür angesteckt. Sie ist mittlerweile Teil des Poedu-Teams und entwickelt dazu ein Kartenspiel, das dem Spiel mit Sprache nun noch ein feines Krönchen aufsetzt: ist es ein Quartett? Ein Rufspiel? Eine Fragerunde? Es ist alles zusammen und kann in vier verschiedenen Variationen gespielt werden. Das Spiel leitet außerdem an, selbst Gedichte zu schreiben, zu malen und Poesie laut vorzutragen.

Mit Buch und Kartenspiel kommt Poesie nun mit einem derart leichtfüßigen Schritt daher, dass es auch den Deutschunterricht um eine verspielte Variante erweitern könnte. Die Dichterin Karla Reimert Montasser, die im Haus für Poesie für die poetische Bildung zuständig ist, schreibt dazu:

„Ich sitze hier und bin den Tränen nahe, weil das Poedu – auf poetischste Weise – ohne Rückhalt, ohne größere Ressourcen, nur ausgestattet mit Sprache und Spieltrieb, diesem Lockdown etwas Unglaubliches abgerungen hat. Entstanden ist womöglich das beste Projekt für poetische Bildung im Grundschulalter, mit einem Feuerwerk an Ideen und unfassbar schönen Ergebnissen. In jeder Zeile fühlt man die Verbindung der Kinder zu der Aufgabe, zum Projekt, im Sinne von absolutem Vertrauen. Wunderbar auch, bald ein Buch in den Händen halten zu können, an dem so viele DichterInnenfreunde aus dem deutschsprachigen Raum mitgearbeitet haben. Ihr Geist und ihre Ansätze verteilen sich feinstofflich über alle Seiten. Ich wünsche mir, dass dieses Buch in allen Schulen eingesetzt wird und in allen Schreibgruppen.“

Aber letztlich zählt beim Poedu nur eine Stimme: die der Kinder. Und die kommt mit einer Wucht daher, dass nur laut: „In Deckung!“ gerufen werden kann. Deshalb sollen hier nun ein paar Gedichte sprechen, stellvertretend für alle Poedu-Gedichte die während der letzten Monate entstanden sind:

Gebrauchsanleitung für mein Gedicht

Mein Gedicht braucht
eine Strickleiter,
um ganz nach oben zu kommen.
Es muss 3-mal am Tag gefüttert werden,
sonst bekommt es rote Zähne
vor Wut.
Mein Gedicht möchte mit dir spazieren gehen,
egal ob Regen oder Sonne,
es klettert gern mit dir.
Es will am Mittag duschen
und ab und zu in einen See springen.
(Karl Egal, 6)

*

Ich werde die Nachtleuchtende genannt
und schreibe meinen Text auf diese Hand
Ich bin Feuer und Wasser
in der Ferne wirke ich blasser
Schillernd und bunt
schwebe ich über den Meeresgrund
Mit anderen bilde ich einen Schwarm
ich mag es mal kalt, mag es mal warm
Gegen den Strom schwimme ich
auch als Medusa kennt man mich
(Tintenfisch, 9)

*

Meine Bucket-List

Ich wünsche mir, eine einzige Mama zu sein
Ich wünsche mir 50 Kinder
Ich wünsche mir viele Papageien, die immer, wenn ich nach Hause komme, in meinen ganzen Körper  fliegen
Ich wünsche mir, Sitter von Babytieren zu sein
Ich wünsche mir, Bauchreden zu können
Ich wünsche mir, wenn ich aufwache, dass mein ganzes Haus voller Wasser, Fische, Wale und Delfine ist, und meine Papageien auf Seepferdchen reiten
Ich wünsche mir eine Hose, die mit Wasser gefüllt und ganz dick ist
Ich wünsche mir, mit meinen Papageien in der Badewanne zu baden, wo wir zusammenschrumpfen und durch den Abfluss in eine andere Welt rutschen
Ich wünsche mir vor meiner Haustür eine Rutsche, die mich überall hin in die Welt bringt
Ich wünsche mir, dass all meine Papageien ein Flugzeug formen, das ich von innen steuern kann
Ich wünsche mir, mit den Babytieren, die ich sitte, durch eine Türe in eine Welt aus Decken und Kissen zu gehen, wo wir tun können, was wir wollen
Ich wünsche mir, fliegen zu können
Ich wünsche mir, reiten zu lernen
(Anisnofla, 7)

*

Ein Klatschspiel für Kinder in Fantasiesprache

KLATSCH KLATSCH TSCHU TSCHU

Tschitschi baka dudu
Ehbeh ahdeh hai!

Dakdak bubu De
De daka gugu hai!

Pupu kahkah blu
Kah eff hakah ta!

All Se Ma Lu Tu
An lulu baka tschutschu …

Tee kah!
(Rübezahl Cocktail, 7)

 

Das Poedu-Buch (ISBN: 978-3-946989-38-7) kann beim Elif-Verlag vorbestellt werden: eMail Elif Verlag

Das Poedu-Kartenspiel kann bei der Edition Lyrigma vorbestellt werden: eMail Edition Lyrigma

(Titelbild: Poedu-Illustration von Petrus Akkordeon)