Utopische Dystopie – Die DDR-Obsession der Rechten

von Peter Hintz

 

Es dürfte kein Geheimnis sein, dass deutsche Rechte seit Jahren eine Ostdeutschland-Obsession haben. So berichtet etwa der Journalist Roland Tichy in der aktuellen Printausgabe des nach ihm selbst benannten rechtspopulistischen Blogs Tichys Einblick von seinen eigenen Erlebnissen in der Wendezeit. Als sogenannter “Buschoffizier” der Bundesregierung war Tichy damals als Berater nach Ostdeutschland geschickt worden, um die staatlichen Strukturen der DDR abzuwickeln. Im Tonfall eines gealterten Kriegsreporters erzählt er unter anderem, wie man im Flugzeug von Köln nach Berlin die Beine der mitreisenden Sekretärinnen berührt hätte, aber vor allem, mit welchem Missionseifer er gekommen sei, um “Freiheit und Wohlstand” mitzubringen.

Nach einigen Indiskretionen über seine ehemaligen Kollegen gibt sich Tichy aber geläutert und bekennt, dass es die Ostdeutschen selbst gewesen seien, die sich befreit hätten. Was wie eine Abrechnung mit westdeutscher Arroganz klingen soll, dient Tichy dann aber nur dazu, so über ostdeutsche Geschichte zu schreiben, dass die Deutung zu seinen eigenen Befindlichkeiten passt. In Tichys Text bedeutet das, Ablehnung der derzeitigen rechten Agenda unter Diktaturverdacht zu stellen und Ostdeutschland dafür zum Hauptzeugen machen.

So gut wie jede breite öffentliche Kontroverse des letzten Jahrzehnts – von der Eurokrise zur sogenannten Asylkrise bis zur Klima- und Coronakrise – wird von Tichy mit DDR-Vergleichen versehen: “Was die DDR im Notfall mit einer Kugel aus der Makarow erzwingen musste, geht freiwillig effizienter.” Unter Ablegung seiner Buschoffizier-Persona versteigt sich Tichy im selben Artikel sogar dazu, aus der Erzählperspektive eines Ostdeutschen zu schreiben: “Die im Westen waren immer schon an offene Grenzen gewöhnt und fühlen sich überall daheim; seit Corona sind sie wieder da, die Schlagbäume.” Dieses method acting des westdeutschen Ossis Tichy erinnert an den aus Rheinland-Pfalz stammenden AfD-Politiker Björn Höcke, der mit Verweis auf die Regierungspolitik einmal behauptete, “dafür haben wir nicht die Friedliche Revolution gemacht!”

Natürlich handelt es sich bei diesem Diskurs nicht nur um eine ideologische Vereinnahmung von Ostdeutschland durch in der ‘alten’ BRD aufgewachsene rechte Eliten. Vielmehr erzeugt sich die Identität ‘des Ostens’ als rechte Projektionsfläche in so engem gesamtdeutschen, Schichten übergreifenden Austausch, dass dahingehend von einer deutschen Binarität eigentlich keine Rede sein kann. Mit Slogans wie der “Vollendung der Friedlichen Revolution” und “Wende 2.0” holten die AfD-Wahlkämpfe in Sachsen und Brandenburg letztes Jahr jeweils rund 25% Stimmenanteil und DDR-Vergleiche gehören auch zum rhetorischen Standardrepertoire der rechtsradikalen Dresdner Bürgerbewegung PEGIDA. Das Selbstverständnis der Figur des Reaktionärs als Freiheitskämpfer gefällt offensichtlich auch in der DDR aufgewachsenen Intellektuellen wie Uwe Tellkamp, Neo Rauch oder Monika Maron. Rechte politische Positionierungen werden zu Dissidenz und Exil aufgewertet, als ob es Maron nach ihrem ‘Rauswurf’ bei S. Fischer nicht weiterhin offenstünde, ihre Bücher bei einem dezidiert rechten Verlag wie der Edition Buchhaus Loschwitz herauszugeben und sie auch nicht prompt neue Buchverträge bei Hoffmann und Campe bekommen hätte. Als Legitimationsstrategie werden dabei immer wieder biografisch begründete DDR-Dikatur-Vergleiche gemacht. So behauptete Maron bei ihrem Abgang von S. Fischer, dass diese “Situation der vor 40 Jahren ähnlich” sei, als ihr Roman Flugasche “im Osten nicht gedruckt werden konnte – wobei der Unterschied ist, dass damals mein Verlag zu mir gehalten hat.” Auch in der Pressemitteilung von Hoffmann und Campe berief sich Maron dann auf den “freiheitlichen Geist” des Exilanten Heinrich Heine, ihrer “literarischen Jugendliebe”, was ihren vorherigen DDR-Bezug seltsam affirmierte.

Ironischerweise ist die DDR aber nicht nur Dystopie der Rechten, sondern auch ein Sehnsuchtsort. Während sie einerseits als Diktatur instrumentalisiert wird, um sie mit der Bundesrepublik gleichzusetzen, wird sie andererseits auf merkwürdige Weise aufgewertet, um den Osten kulturell gegen den Westen auszuspielen. So wird spätestens seit der Flüchtlingskrise von 2015 immer wieder positiv darauf verwiesen, dass die DDR einen viel geringeren Anteil von Migranten gehabt hätte als der Westen – was Soziologen häufig als eine Erklärung für stärker verbreiteten Rassismus in Ostdeutschland anführen. Verständnis für diese Mentalität steckt auch in Tichys abschätziger Bemerkung, “die im Westen waren immer schon an offene Grenzen gewöhnt und fühlen sich überall daheim.” So mache DDR-Erfahrung nicht nur immun gegen Autoritätshörigkeit, sondern gegen jede Form des Multikulturalismus.

Die DDR wird dabei als kulturkonservatives Refugium imaginiert, das kein ‘1968’ erlebt habe, also eine gesellschaftliche Liberalisierung verbunden mit dem Aufstieg der intersektionalen Neuen Linken. Obwohl die “Neue Rechte” sich theoretisch auf Augenhöhe mit den Linken sieht und sich strategisch – wie auch ihre Selbstbezeichnung signalisieren soll – von ihnen inspiriert fühlt, ist 1968 ihr Schreckgespenst. Mit Verweis auf die alte westdeutsche Studentenbewegung erinnerte im Jubiläumsjahr 2018 der Hallenser Ableger der rechten Jugendorganisation Identitäre Bewegung an “50 Jahre Gift für die Uni”. Nach dem DDR-Verständnis der sogenannten Neuen Rechten bewahrte der Eiserne Vorhang Ostdeutschland aber vor Verwestlichung im Sinne von Konsumgesellschaft und Neuer Linker. So bezeichnete ein (aus Österreich stammender) Autor der Antaios-Zeitschrift Sezession einmal die Mauer als “anti-antideutschen Schutzwall” und für einen anderen war die DDR die “letzte Variante deutscher Staatlichkeit.” Das ähnelt etwas dem aus dem Kalten Krieg stammenden Kampfnarrativ von der DDR als nationalistisch-militaristischem “Roten Preußen”, das nun allerdings nicht verächtlich, sondern aufwertend zu verstehen ist – was die rechte Autoritätskritik wohl relativiert.

Obwohl 2019 im Dresdner Buchhaus Loschwitz, das gemeinsam mit der Sezession die YouTube-Literatursendung Mit Rechten lesen produziert, sarkastisch “70 Jahre DDR” gefeiert wurde, sollte man nicht überrascht sein, wieviel tatsächliche DDR-Nostalgie in denselben Leuten steckt. Kultureller Verwestlichung wird der reale und vermeintliche Kulturkonservatismus der DDR entgegengehalten. Ingo Schulze porträtierte dieses Gefühl in seinem 2020 erschienenen Roman Die rechtschaffenen Mörder mittels einer Binnenerzählung, die von einem fiktiven, nach der Wende aus Sachsen weggezogenen Autor verfasst ist. Darin wird vom Dresdner Antiquar Norbert Paulini berichtet, der sich mangels anderer Freiheiten seit DDR-Zeiten als Hüter des klassischen literarischen Kanons versteht, bis ihm nach ‘89 westdeutsche Banausen und der freie Markt das Geschäft zunehmend verunmöglichen. Ebenfalls mit Fokus auf die Geschichte des sächsischen Bildungsbürgertums schwärmte zuletzt Uwe Tellkamps in der Edition Buchhaus Loschwitz erschienene Novelle Das Atelier von kleinen ostdeutschen Galerien und einem kultivierten Kombinatsdirektor, der die Kunst der klassischen Moderne sammelte und schützte, bis nach der Wende stilistisch die Postmoderne und wirtschaftlich der Neoliberalismus einbrach. Allerdings stellt Schulzes Roman durch Perspektivwechsel schließlich die Zuverlässigkeit der Paulini-Erzählung in Frage – und damit auch Romantisierungs- und Dämonisierungsmöglichkeiten der Figur des Ex-DDR-Bürgers.

Die Mehrdeutigkeit rechter DDR-Diskurse sollte nicht als Widerspruch begriffen werden. Vielmehr gehört die Funktionalisierung von ostdeutschen Erinnerungen zur rechten Geschichtspolitik dazu: Egal ob Ostdeutschland als ehemaligem Stasi- oder Leseland, jeweils geht es um die Legitimierung und Popularisierung gegenwärtigen rechten Protests.

 

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