Unheimlich blond – Der Weihnachtsfilm „Der kleine Lord“

von Thomas Wortmann

In meiner Erinnerung ist Weihnachten das Fest der blonden Kinder. So zumindest wirkte es im Fernsehen: Der oder die mit einem Atomkraftwerk im Miniaturformat beschenkte Dicki Hoppenstedt, der alleine zu Hause bleibende Kevin – und natürlich das Christkind selbst: ob glatt oder gelockt, alle waren sie blond. Geradezu unheimlich blond und strahlend aber war Cedric Errol, dieser kleine amerikanische Junge, der eines Tages zum Lord wird und durch seine Güte die Herzen aller Menschen gewinnt und dasjenige seines griesgrämigen Großvaters erweicht. An Cedrics Engagement musste ich denken, als ich las, dass Ricky Schroder, der 1980 als Zehnjähriger den kleinen Lord spielte, sich 2020 mit einem mindestens sechsstelligen Betrag an der Millionenkaution beteiligte, um Kyle Rittenhouse, der während der Proteste in Kenosha zwei Menschen erschossen hatte, aus dem Gefängnis zu befreien. Ganz so blond wie 1980 ist Schroder auf aktuellen Bildern nicht mehr, unheimlich wirkt er aber trotzdem, gerade weil es so eine auffallende Nähe zwischen Figur und Schauspieler gibt: Wie der kleine Lord, den er vor über vierzig Jahren spielte, setzt Schroder sein Geld für andere ein. Nur die Ziele sind unterschiedlich, um es freundlich zu formulieren. Irgendwo muss Ricky falsch abgebogen sein.

Primetime und Prätexte

Aber eins nach dem anderen: Wer in den Achtzigern oder Neunzigern aufwuchs, der hatte zum Fest gewollt oder ungewollt den kleinen Ceddie zu Gast. Dem Kleinen Lord konnte man, gerade in Zeiten, in denen es nur drei Sender gab, nur schwer entgehen. Die Handlung des Films ist schnell erzählt: Der junge Cedric Errol lebt zusammen mit seiner Mutter im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Der Vater, Sohn eines englischen Earls, ist gestorben. Cedrics beste Freunde sind der Ladenbesitzer Mr. Hobbs, ein Anhänger der demokratischen Partei und Gegner der Aristokratie, sowie der Schuhputzer Dick. 

Cedrics Leben erfährt eine Wendung, als der Anwalt seines Großvaters auftaucht: Nachdem alle Söhne des Earls verstorben sind, ist Cedric, dessen Vater der Earl nach dessen Heirat mit einer Amerikanerin verstoßen hatte, der Erbe des Hauses. Dieses Erbe soll der kleine Lord nun antreten. Die Bedingung sind streng: Cedric muss auf dem Schloss leben und vom Earl erzogen werden; seine Mutter kann mit nach England kommen, erhält ein Haus und Unterhalt, darf das Schloss aber nicht betreten. Cedric und seine Mutter willigen ein. Als der Anwalt Cedric Geld in Aussicht stellt, wünscht dieser nichts für sich, sondern versorgt selbstlos den Schuhputzer Dick mit einem eigenen Geschäft und Mr. Hobbs mit einer goldenen Uhr.

In England angekommen, ist Cedric beeindruckt vom Reichtum des Earls, dessen Besitz unermesslich erscheint. Wenig beeindruckt ist er hingegen vom mürrischen Wesen des Großvaters; ja er scheint es nicht einmal zu bemerken. Der alte Mann wird vom kleinen Lord mit Liebe überschüttet und in Nächstenliebe unterrichtet: Einem säumigen Pächter wird eine Stundung der Schulden gewährt, ein kranker Junge mit Krücken versorgt und das Elend eines ganzen Dorfviertels geheilt. Ähnlich mildtätig ist auch Cedrics Mutter, die die Alimente des Earls ablehnt, stattdessen als Näherin eigenes Geld verdient und sich daneben um Arme und Kranke kümmert. 

Cedrics Engagement bleibt nicht ohne Folgen: Schritt für Schritt wird der alte Earl milder, die Liebe zu seinem Enkel macht ihn zu einem gutherzigen Grafen. Gefährdet wird dieses Glück, als eine weitere Amerikanerin auftaucht, sich als Ehefrau des zweiten Sohnes ausgibt und mit ihrem Sohn den rechtmäßigen Erben des Earls präsentiert. Der Skandal zieht weite Kreise, auch in den USA machen die Geschehnisse Schlagzeilen. Zum Glück, denn der Schuhputzer erkennt in der Amerikanerin seine Schwägerin Minna. Zusammen mit seinem Bruder und Mr. Hobbs macht er sich nach England auf. Minna wird entlarvt, die Ehe mit dem Sohn des Earls ist ungültig, das Kind ohnehin nicht von ihm. Ende gut, alles gut. Der Earl bittet Cedrics Mutter aufs Schloss, ihr Erscheinen dort ist das Weihnachtsgeschenk an den kleinen Lord. Der Film endet mit einer großen Weihnachtsfeier, bei der Hausangestellte, der Schuhputzer Dick, Mr. Hobbs, der alte Earl, der kleine Lord und seine Mutter gemeinsam um den Tisch sitzen.

Im Weihnachtsprogramm der öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland hatte der Film seinen festen Platz, einige Jahre war es sogar der Primetime-Slot schlechthin, Heiligabend um 20.15 war dem Kleinen Lord vorbehalten. Das wirkt bis heute nach: In allen Top-Ten-Listen zu Weihnachtsfilmen, die regelmäßig ab November im Internet kursieren, taucht der Kleine Lord auf. Entstanden ist der Film, der mit Frances Hodgson Burnett Litte Lord Fauntleroy (1888) einen der Bestseller der amerikanischen Literatur des 19. Jahrhunderts adaptierte, als Auftragsarbeit für das britische Fernsehen. In den USA lief er auch kurze Zeit im Kino, in Deutschland aber entwickelte sich der von Jack Gold gedrehte Film nach seiner Erstausstrahlung im Jahr 1982 zu einem echten Kultfilm.

In Großbritannien und in den Vereinigten Staaten gilt der Kleine Lord nicht als Weihnachtsklassiker. Mehr noch: Selbst in der Reihe der Verfilmungen von Burnetts Roman ist Golds Regiearbeit nahezu vergessen. Bekannt sind vielmehr die Adaptionen aus den 1920er und 1930er Jahren. In der Verfilmung von 1921 spielte Mary Pickford, einer der Stars des Stummfilms, gleich zwei Rollen, nämlich sowohl den kleinen Lord als auch dessen Mutter. Dass mit Pickford eine Frau in die Rolle des kleinen Cedric schlüpfte, war für das Publikum nicht sonderlich überraschend: Auch in den Bühnenadaptionen des Romans wurde die Rolle des kleinen Lords meist von Mädchen oder jungen Frauen gespielt. 

Die international bekannteste Kino-Verfilmung des Romans stammt aus dem Jahr 1936. Es handelt sich um den ersten Film, den David O. Selznick als eigenständiger Produzent realisierte. Die Rechte dazu musste er von Pickford erwerben. Das Investment aber zahlte sich aus: Sein Little Lord Fauntleroy mit dem Kinderstar Freddie Bartholomew in der Hauptrolle wurde zum Erfolg an den Kinokassen. Als erfolgreichster Film des Studios wurde er erst drei Jahre später abgelöst von Gone with the wind.

Dass die Adaptionen der Kleinen Lords von Pickford und Selznick nicht zum Kanon der Weihnachtsfilme zählen, liegt weder am Alter der Filme noch an dem Umstand, dass Stummfilme es bei einem an ‚talkies‘ gewöhnten Publikum schwer haben, sondern ist wohl eher damit zu begründen, dass in beiden Filmen Weihnachten keine Rolle spielt. In beiden Adaptionen benötigt die große Versöhnung zwischen dem Earl und Cedrics Mutter sowie die Zusammenführung der Familie kein Weihnachtsfest. 

Während bei Pickford Großvater, Mutter und Kind ohne einen besonderen Anlass zueinanderfinden, ist es im Film aus dem Jahr 1936 der Geburtstag des kleinen Lords, der den Schlusspunkt der Handlung bildet. Damit bleibt die Adaption von 1936 nah am Prätext, denn auch in Burnetts Roman gibt es kein Weihnachtsfest, ja im gesamten Text ist nicht einmal von Weihnachten die Rede. Wenn Golds Regiearbeit das Weihnachtsfest prominent an den Schluss setzt, entfernt sich der Film in diesem Punkt vom Roman sowie den bekannten Adaptionen. Oder anders gesagt: Erst Golds Adaption macht aus dem Kleinen Lord einen Weihnachtsfilm.

Versehrte Familien

Neben dem (Liebes-)Paar bildet vor allem die Familie den imaginären Mittelpunkt, um den Weihnachtsfilme kreisen. Wie die Heilige Familie das Zentrum des Festes bildet, so ist die Heiligkeit der Familie das Zentrum zahlreicher Filme, die sich dem Thema Weihnachten widmen oder denen an Weihnachten ein Sendeplatz gewidmet wird. Auch der Kleine Lord bildet da keine Ausnahme. 

Allerdings erscheinen hier alle Familien auf unterschiedliche Weise und aus ganz unterschiedlichen Gründen versehrt. Cedrics Vater ist gestorben (im Film ist er nur noch als Fotografie und in Erzählungen präsent), die Mutter ist in ihrem Handeln aber noch ganz auf ihn bezogen. Der kleine Junge übernimmt die Position des Verstorbenen, er spricht seine Mutter nun mit dem Kosenamen an, den der Vater für sie hatte: „Dearest“. Komplettiert wird dieses Ensemble durch die Hebamme, die offensichtlich nach der Geburt Cedrics den Absprung nicht geschafft hat.  

Die Familie des Earls wiederum ist ein Trümmerfeld zwischenmenschlicher Beziehungen. Die Position der Mutter ist eine Leerstelle, ob und wann sie gestorben ist, darüber erhält man keine Auskunft. Ohnehin sind Frauen im Allgemeinen und Mütter im Speziellen für den Earl offensichtlich ein Problem, zumindest nimmt er sie als konsequente Bedrohung wahr. Sie üben als Schwestern Kritik, verführen als Geliebte Söhne, heiraten sie im schlimmsten Fall auch noch. Als Mütter könnten sie Ansprüche erheben und tun dies sogar. 

Aber auch über die Figurenperspektive des Earls hinaus ist die Genderpolitik des Films durchaus rigide, die Weiblichkeitskonfigurationen, die Golds Regiearbeit aufruft, schwanken zwischen den Extremen Heilige und Hure. In die Richtung der letzteren tendiert die Hochstaplerin mit dem sprechenden Namen Minna, die zusätzlich auch noch Schauspielerin ist und damit die ‚Verstellung‘ zum Beruf hat; ihr Kostüm (rot-strahlend, mit Pelz und Rüschen besetzt, zum Pompösen tendierend) verstärkt diesen Eindruck und steht im krassen Gegensatz zu der stets einfach gekleideten Mutter Cedrics. 

Im Gegensatz zu ihr, die nur eine Liebe hatte, der sie über den Tod hinaus treu bleibt, hat Minna gleich mehrere, ist sogar gleichzeitig mit zwei Männern verheiratet und macht den Sohn zum Kuckuckskind, um ihn auf diese Weise als Lord zu etablieren. Den Gegensatz dazu bildet „Dearest“, deren Kosename Programm ist. In England angekommen, sorgt sie für die Armen und Kranken. Nicht umsonst erinnern die Bilder, die ihren karitativen Einsatz in Earl’s Lane zeigen, an ikonische Bilder Mutter Teresas, die 1979, ein Jahr bevor der Film produziert wurde, mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Selbstlos ist sie aber auch im Hinblick auf die Familie: Den Weg nach England tritt sie an, weil sie sich der englischen Herkunft ihres Mannes ebenso verpflichtet fühlt wie der Zukunft ihres Sohnes.

Familienbilder

Die beiden Familien, die im Kleinen Lord kontrastiert werden, stehen damit paradigmatisch für die Gegensätze, die den Film strukturieren: Da ist zunächst einmal derjenige zwischen alter und neuer Welt, zwischen Großbritannien und den Vereinigten Staaten, der schon zu Beginn des Films angedeutet wird, wenn  Mr. Hobbs emphatisch die Errungenschaften der Republik gegenüber der Monarchie lobt. Der Konflikt zwischen diesen beiden Welten findet seinen Höhepunkt in einem Rededuell auf offener Straße, das darin gipfelt, dass Cedrics Mutter, die Amerikanerin, dem Großvater des Jungen, dem englischen Adligen, erklärt, jeden Tag dankbar für die Revolution und den Krieg zu sein, der ihnen die Unabhängigkeit von Großbritannien beschert habe.

Dieser Gegensatz zwischen republikanischen und aristokratischen Idealen wird in den Familienmodellen gespiegelt. Gegenübergestellt wird der bürgerlichen Kleinfamilie ein aristokratisches Familienverständnis – und das gleich in mehrfacher Hinsicht: Den zwei Fotografien von Cedrics verstorbenen Vaters (ein Porträtbild und ein Hochzeitsbild) stehen die unzähligen Porträts von Vorfahren gegenüber, die im Schloss zu sehen sind. Im Vergleich dazu gibt es in der Familie der Errols keine Familiengeschichte außerhalb der Vater-Mutter-Kind-Konstellation. Es handelt sich um eine Kernfamilie im radikalen Sinne – außerhalb dieses Kern gibt es nichts, historisch existiert kein ‚Vorher‘. Insofern ist die erste Anrede, die der Anwalt an Cedric richtet, programmatisch zu verstehen: „Das ist also der kleine Lord Fauntleroy“ – damit ist Cedric aus der bürgerlichen Kernfamilie in die aristokratische Genealogie überführt.

Dieser Gegensatz zeigt sich schließlich auch im Hinblick darauf, was diese Familien zusammenhält. Bei Cedrics ist es die Liebe zwischen Vater und Mutter, zwischen Eltern und Kind, die als unbedingt zu verstehen ist und die auch den Tod überdauert. Bei der Familie des Earls wiederum ist es der Besitz, der den Zusammenhalt stiftet. Die Zugehörigkeit zu einer Familie ist damit nicht primär eine Liebes-, sondern eine rechtliche (Streit-)Frage.

Nun könnte man im Hinblick auf die Familienkonfigurationen im Kleinen Lord einerseits von einem Gegensatz zwischen emotionaler und funktionaler Beziehung sprechen. Andererseits aber sind die Familienverhältnisse auch beim Earl durchaus emotional aufgeladen, nur eben im negativen Sinne. Sein Hass auf die Söhne wird immer wieder artikuliert – und rückgebunden an deren enttäuschenden Lebenswandel. Es bedarf keiner großen analytischen Anstrengung, um diesen Hass wiederum auf das Familienmodell zurückzubeziehen. Das Lebensmodell der Söhne ist auf den Tod des Vaters ausgerichtet. Dieses ‚Problem‘ kommt auch zwischen Großvater und Enkel zur Sprache – und zwar in einer der rührendsten Szenen des Filmes, die sich gleichzeitig fast als eine Liebesprobe lesen lässt. Als der Earl Cedric erklärt, dass all der Besitz einst an ihn übergehen wird, schlägt dieser das ‚Erbe‘ aus, weil er den Preis dafür, den Tod des Großvaters, nicht zahlen möchte. Wenn es eine Probe ist, so besteht Cedric sie mit Bravour.

Wie groß die Gegensätze zwischen der amerikanischen und der britischen Familie, zwischen bürgerlichen und aristokratischen Familienmodellen auch sein mögen: Das Fest der Liebe schafft alle Probleme aus der Welt. Der Kleine Lord schreibt sich damit in die Reihe von Weihnachtsfilmen ein, die die wunderwirkende Kraft des Festes betonen. Weihnachten löst alle Konflikte, führt Feinde zusammen, macht aus den Bruchstücken zweier Familien eine einzige heile neue.

Familienbildungsfernsehen

2010 hat Terry Eagleton ein Buch über Das Böse geschrieben und sich darin gleich in der Einleitung auch mit Kindern beschäftigt. Dass Kinder böse Dinge tun, sich gegenseitig quälen, ja sogar töten, kann deshalb laut Eagleton nicht sonderlich überraschend sein, schließlich seien Kinder „nur halbsozialisierte Geschöpfe, bei denen damit zu rechnen ist, dass sie sich von Zeit zu Zeit ziemlich unzivilisiert benehmen. Wenn wir Freud Glauben schenken dürfen, haben sie ein schwächeres Über-Ich oder Moralempfinden als Erwachsene. […] Vielleicht bringen Kinder sich ständig gegenseitig um und reden bloß nicht darüber.“  

Ob Eagleton jemals Little Lord Fauntleroy gelesen oder eine Verfilmung des Romans gesehen hat, ist unbekannt. Es ist aber davon auszugehen, dass er von dem beinahe ins Extrem gesteigerten Moralempfinden des kleinen Ceddie irritiert gewesen wäre. Cedric ist die Personifikation des Guten. Gibt man ihm Geld, verschenkt er es. Schenkt man ihm ein Pony, so lässt er andere Kinder darauf reiten, wird er mit Spielzeug überhäuft, denkt er nur an seine Mutter. Mit dieser Güte bekehrt Cedric auch seinen hartherzigen Großvater – so ähnlich liest man es in den Kurzbeschreibungen, die sich zum Kleinen Lord finden. Das ist nicht falsch, aber ganz richtig ist es auch nicht. Ausgeblendet wird bei diesem Blick auf den Film der Eifer, mit dem das Projekt einer Bekehrung des Großvaters durch den kleinen Cedric betrieben wird. In einem Tweet zum Film hat Nikolas Immer vom „Tugendterrorismus“ des kleinen Lords gesprochen und damit den Zusammenhang präzise beschrieben. (https://twitter.com/NikolasImmer/status/1462366541283041280) Cedric ist ein Despot des Guten. 

Die Liebe, davon war bereits die Rede, ist das, was die Familie Eroll zusammenhält. Der kleine Cedric macht daraus ein Gebot, dem man sich in jeder Situation unterzuordnen hat. In nahezu jedem Gespräch, in dem der Earl die Möglichkeit ins Spiel bringt, dass man seinen Großvater ja auch nicht lieben, dass man von einem Familienmitglied enttäuscht sein könnte, ja dass Familie vielleicht nicht das bringt, was man von ihr erwartet, antwortet Cedric, dass man seinen Großvater lieben müsse, weil man seinen Großvater eben liebt. Und weil man seinen Großvater liebt, kann man auch niemals von ihm enttäuscht werden. Cedric entwirft eine Parallelwelt der Familienliebe, in der alles Wissen, das es um das eigentliche Wesen und Verhalten des alten Earls gibt, keine Rolle spielt. Die verdrehten Augen des Personals, ihr  unterdrücktes Lachen, ihre spöttischen Bemerkungen: All das blendet Cedric auf geradezu bewundernswerte Weise aus.

Bedingungslose Liebe ist stattdessen die Losung, die er predigt. Vor diesem Hintergrund lässt sich die Entscheidung in Golds Film, die Handlung im Weihnachtsfest enden zu lassen, als ein dramaturgischer Clou verstehen. Der kleine Lord ist nichts anderes als die Personifikation der Ideologie von Weihnachten: Egal was geschehen ist, egal, wie sich einzelne Mitglieder der Familie verhalten haben, man hat seine Familie zu lieben. Die Familie erscheint als das höchste Gut, dem man nicht nur die eigenen Gefühle, sondern auch sich selbst unterzuordnen hat. 

Damit ist der Kleine Lord ist das Familienbildungsfernsehen schlechthin: Wer Heiligabend um 20.15 Uhr in die Schule des kleinen Ceddie geht, lernt, wie er am ersten und zweiten Weihnachtstag die Familie überleben kann: Man muss einfach alle immer lieben und allen alles verzeihen! Und wem selbst das nicht mehr hilft, der kann immerhin noch davon träumen, dass eines Tages auch ein Anwalt vor der Tür steht, der ihn mit unendlich viel Geld und einem Teil der Familie ‚beschenkt‘, den er bisher nicht kannte und der vielleicht nicht unbedingt besser, zumindest aber anders ist.

Lieben müssen

Der Kleine Lord erzählt von einem Bildungsprojekt, bei dem sich die Rollen umkehren: Der junge Amerikaner soll in das Schloss unter die Obhut des Großvaters, um dort zum Lord erzogen zu werden. Erzogen wird schließlich aber der Erzieher selbst – und zwar zu einem gutmütigen, zur Verzeihung und zur Versöhnung fähigen Menschen. Man müsste einmal nachzählen, wie oft der kleine Lord das Wort „müssen“ in seinen Reden nutzt: Man muss einem kranken Pächter die Schulden stunden, man muss einem kranken Jungen helfen, man muss dem Elend in Earl’s Lane ein Ende machen, man muss die Mutter lieben, man muss an seine Freunde in den Vereinigten Staaten schreiben, man muss den Großvater in sein Herz schließen. Und so erweist sich auch das Bildungsprojekt des Lords als auffallend radikal. Der kleine Cedric entwirft ein spezifisches, genauer sein spezifisches Bild des Großvaters, die Idealvorstellung eines guten und freundlichen Aristokraten. Interessanterweise ist dies das genaue Gegenteil des Bildes, das Mr. Hobbs in seinen täglichen Lektionen gezeichnet hat. Cedrics erweist sich als ein kleiner Anti-Hobbs, bei ihm ist der Mensch dem Menschen ein Engel. Der Großvater aber muss diesem Idealbild nahekommen – und dazu zwingt der Enkel ihn geradezu, indem er ihn wieder und wieder mit diesem Idealbild konfrontiert.

Die Kehrseite dieser moralischen Verbesserung des Großvaters ist dessen Entmachtung. Wenn Cedric in der bereits erwähnten Rührungsszene sagt, dass er den Besitz nicht haben wolle, wenn dies nur mit dem Tod des Earls zu erreichen sei, dann lügt er nicht und er raspelt auch kein Süßholz, sondern er beschreibt sein Projekt ziemlich präzise. Schließlich ist er es, der zu Lebzeiten schon die Entscheidungen trifft, das Geld ausgibt und die Grafschaft nach seinen Vorstellungen umgestaltet. 

Und so verabschiedet sich der Earl nach und nach von seinen Idealen und Geboten – im Großen und im Kleinen. Dafür ist das Weihnachtsfest am Ende das beste Beispiel: Wir lernen den Earl alleine in seinem Schloss kennen, zwischen Schwertern und anderen Kriegswaffen sitzend,  Und nun sitzt das Gesinde mit am Tisch, die Mutter ist ins Schloss eingezogen, der Schuhputzer und der Lebensmittelhändler feiern mit dem Aristokraten –  und das letzte Wort hat der Kleine Lord, der im wörtlichen und im übertragenen Sinne das Zentrum der Familie bildet. Ende gut, alles gut?

Andere blonde Kinder …

Sicher, das ist ein Happy End, schließlich ist ja auch Weihnachten. Und wer würde sich nicht auf die Seite des kleinen Lords stellen, wenn es darum geht, Kinder mit Krücken zu versorgen, Pächterfamilien vor der Obdachlosigkeit zu bewahren und ganze Straßenzüge zu renovieren? Die Versessenheit, mit der dieses Gute erreicht wird, mit der der kleine Lord sein Bildungsprojekt verfolgt, wirkt aber zumindest irritierend, denn die Härte und Entschiedenheit des kleinen Lords in seinem Willen zum Guten steht der Härte und der Entschiedenheit des Earls in nichts nach. 

Und damit sind wir wieder beim Anfang und bei Weihnachten als Fest der blonden Kinder. In Golds Film hat der kleine Lord eines seiner beiden wichtigsten Attribute verloren hat: die Locken. Ricky Schroder ist zwar so blond, wie es Cedric auch im Roman ist, er trägt das Haar aber glatt. Ob es ein Zufall ist, dass dieses Kind damit ausgerechnet jenen Kindern aus Wolf Rillas Film Village of the Damned (1960) gleicht, die in der Filmgeschichte für das Böse schlechthin stehen? Man weiß es nicht. Und Ricky Schroder mag man nicht fragen.

Der Text ist die verschriftlichte Fassung eines Vortrags, der als digitaler Abendvortrag in der Reihe „Weihnachtsfilme lesen“ am 07.12.2021 gehalten wurde.