Zurück zum Content

Ulrich Greiner – Heimatlos

Ich habe keine Heimat mehr,
weil ich mein Lieb verloren;
fremd irr’ ich in der Stadt umher
und einsam vor den Toren.

Wer Ulrich Greiners Buch Heimatlos (Rowohlt, September 2017) aufschlägt, ein schmales Bändchen mit 162 relativ locker bedruckten Seiten, kann darin lesen, was anderswo schon gesagt wurde. Aber eben noch nicht von Ulrich Greiner. So wie der gut erhaltene Zweiundsiebzigjährige einen über seinen Kaschmirschal hinweg aus dem Autorenporträt anschaut, mag man denken, genau dieser Gedanke könnte auch ihn geleitet haben.

Was er schreibt, ist zunächst in seiner Flachheit ärgerlich. Bereits auf der zweiten Seite des ersten Kapitels wird die EU zum »bürokratische[n] Monstrum« erklärt und werden die »Internationalisten« als homogene Gruppe behauptet (8), auf der dritten heißt es, »jede Abweichung von der Mitte nach rechts« werde »mit dem Nazi-Vorwurf mundtot gemacht« (9), und so geht es denn auch weiter: Die Medien haben bis 2016 »den Migrationshintergrund bestimmter Straftäter« verschwiegen, eine nicht weiter qualifizierte »Elite« taucht auf einmal als Akteur auf (13), auf Seite 14 wird von einer »linksgrünen ›kulturelle[n] Hegemonie‹« schwadroniert und schon eine Seite weiter sind es dann allein die Grünen, die an allem Schuld sind. Ihr Vektor sind die »strukturell und gewissermaßen ungewollt die Unwahrheit« sagenden Medien, die während der ›Flüchtlingskrise‹ ein »Volkserziehungsprojekt« betrieben (17).

Wenn man nun berücksichtigt, dass Greiner nach eigener Auskunft immer brav rotgrün gewählt hat (10), zeigt sich schon, woher der Wind weht. Hier lehnt sich jemand öffentlichkeitswirksam gegen das auf, was er für das eigene Milieu hält. Erwartungsgemäß passiert das dadurch, dass die weichsten Ziele angegriffen werden und das dann zur gefahrvollen Tat erklärt wird: So ist das erste Beispiel für die »Unbequemlichkeiten«, die es mit sich bringe, heutzutage konservativ sein zu wollen, dass es einem nachgetragen werde, das deutsche Regietheater zu verachten (23). Ich bin kein großer Theaterkenner, aber dass es seit Jahrzehnten quasi ein gesellschaftlicher Konsens ist, das Regietheater für ein einziges lächerliches Herumschreienlassen nackter Subventionsempfänger zu halten, sollte doch auch Greiner erreicht haben.

Irgendwo zwischen verwickelt und fahrlässig rangieren die teils autobiographischen Einlassungen, mit denen Greiner um die Thesen, a) der Kommunismus sei schlimmer gewesen als der Nationalsozialismus und b) alle Linken stünden irgendwie in der Tradition des Sowjetkommunismus, herumeiert, ohne sie je geradeheraus auszusprechen (26–41). Nachdem das Feindbild klar karikiert ist, kommt er dann aber zum Punkt und skizziert seinen eigenen Konservatismus. Der lässt sich im Prinzip auf die simple Formel ›Leitkultur = deutsche Sprache + Auschwitz + Christentum‹ bringen; und diese christlich-abendländische deutsche Leitkultur muss in erster Linie gegen den Islam (nicht gegen den Islamismus!) verteidigt werden.

Die Vöglein lassen schon im Chor
ihr Frühlingslied erschallen;
die Sonne scheint noch wie zuvor,
doch will mir nichts gefallen.

Formal gefällt sich das Buch im ausgedehnten, teils seitenlangen Zitieren – von Feuilletonkollegen, von Luhmann, von Schiller, von wem auch immer. Wie oben schon angedeutet, werden zudem durchgängig, ohne sie irgendwie zu problematisieren, Worthülsen, die man aus dem Jargon Rechtsradikaler kennt (›linksgrün‹, ›Islamisierung‹, ›Kulturkreis‹, ›Gender-Ideologie‹ usw.), undifferenziert verwendet. Der Eindruck, dass hier eine Überlegung von geringer Eigenständigkeit vorgetragen wird, und dabei auch noch mit überraschend wenig Reflexion über die zu ihrem Ausdruck verwendeten Begriffe, verdichtet sich. Über weite Strecken wirkt die Argumentation fahrig und im schlechtesten Sinne essayistisch, wenn Greiner etwa von der deutschen Sprache über die deutsche Kollektivpsychologie, das Gedenken an die Toten der deutschen Geschichte, Schillers Antrittsvorlesung, den Begriff der Tradition, den Holocaust, den Begriff des Fremden und Anekdoten zu Auslandsreisen (52–57) einen Bogen dazu schlägt, die »Pogromstimmung« gegenüber Muslimen und nur diesen müsse ja wohl irgendetwas mit deren kulturkreismäßiger Fremdheit zu tun haben (59).

Ab dem fünften Kapitel ist Greiners Buch eine Art konservatives Malen nach Zahlen: Das als einzigartig unter den Religionen deklarierte Christentum – natürlich katholisch gefärbt, da es unter deutschen Rechten ja längst Konsens ist, dass der Protestantismus eine rationalistische und irgendwie von grünen Ossis und sonstigen Pullundermenschen geprägte Veranstaltung für gitarrespielende Blümchenpflücker darstellt – dient als Grundlage nicht nur für das Verlangen nach staatlicher und kultureller Abgrenzung, sondern auch für die Ablehnung von Selbsttötung, Sterbehilfe, Ehe für alle, Reproduktionsmedizin, Polyamorie, einer föderalen Europäischen Union (oder der EU überhaupt? Ganz klar wird es nie), staatlichen (insbesondere gesundheitspolitischen) Eingriffen in die persönliche Lebensführung, Umverteilung, Identitätspolitik, ›Political Correctness‹ und sakraler Popmusik. Dabei finden sich viele Gemeinplätze – Greiner ist sich nicht zu schade, auch die ganz alten Hüte (EG-Gurkenverordnung, 106) noch einmal von der Ablage zu holen – und mehr oder minder fragwürdige Hypothesen (dass z.B. die neue Beliebtheit aufwändigen Heiratens vor allem mit gesteigerter Hoffnung auf Nachwuchs zu tun habe, 81f.), aber auch wirklich Haarsträubendes wie etwa die auf einer längeren Strecke ausgebreiteten kryptovölkischen Überlegungen zu Kenntnis der biologischen Abstammung als Recht, Pflicht und kultureller Faktor (›genealogische Ordung‹, 84–97).

Die Blumen, die erst aufgeblüht,
sind über Nacht erfroren.
Was kümmert mich, was noch geschieht,
ich hab mein Lieb verloren.

Was hat einer gelernt, der Heimatlos gelesen hat? Wenn er jemand ist, der in Deutschland die überregionale Presse verfolgt: nichts, außer dass Ulrich Greiner die Brötchen in Berlin alle miteinander schlecht findet und einmal zusammen mit Siegfried Lenz in Dänemark zum Rauchen vor die Tür geschickt wurde (wobei ich nicht ausschließen möchte, dass beides schon einmal in der Zeitung gestanden hat). Buchstäblich jeder politische Gedanke, der in seinem Buch auftaucht, ist entweder ein Zitat, eine Paraphrase oder zumindest längst bekannt – neu war mir persönlich nur die fragwürdige Sache mit der ›genealogischen Ordnung‹, aber die hat Greiner schon 2014 anderswo aufgeschrieben, und zwar weitgehend wortwörtlich gleich. (Das steht übrigens nirgendwo. Womöglich ist das Buch auch in anderen Teilen ein Zusammenschrieb früherer Zeitungsartikel? Ich dachte immer, so etwas müsste man seriöserweise wenigstens kleingedruckt erwähnen.)

Das, wodurch das Buch die Grenze von der Belanglosigkeit zum Ärgernis überschreitet, ist dann einerseits der sichtlich laxe Umgang mit dem Vokabular der extremen Rechten, mit denen sich der Autor doch ausdrücklich nicht gemein machen will; andererseits und vor allem die unreflektierte Behauptung des eigenen Außenseitertums. Der deutsche Medienbetrieb war bereits, bevor die AfD begann, ihn vor sich herzutreiben, alles andere als linkslastig; wäre es anders, dann hätte nicht Thilo Sarrazin astronomisch viele Bücher verkauft, sondern Carolin Emcke. Wer sich heute zu einem Konservatismus, wie ihn Greiner skizziert, bekennt, ist kein Rebell, sondern ein Adabei; wenig ist risikoärmer. Heimatlos ist insofern ein Paradebeispiel für die Sprechhaltung, die den Rechten in Deutschland heutzutage fast ausnahmslos zu eigen ist: die Darstellung einer längst selbst hegemonial gewordenen Position als Auflehnung gegen einen imaginierten linken Mainstream. Vor Kühnheit zitternd steht Greiner da – und sagt doch nur, was alle anderen sagen.

Das zitierte Gedicht Heimatlos stammt von dem heute wohl zu Recht vergessenen Viktor Domeier. Die streng polyphone Vertonung von Hans Koessler (1853–1926) gehört sicher zu den schönsten und anspruchsvollsten Stücken, die je für vierstimmigen Männerchor geschrieben wurden.

Einen sehr sehr guten Blog abonnieren

Gib Deine E-Mail-Adresse an, um diesen Blog zu abonnieren und Benachrichtigungen über neue Beiträge via E-Mail zu erhalten.

Schließe dich 354 anderen Abonnenten an

Folge 54books.

3s Kommentare

  1. Wenn dir jemand sagt, Sprache sei ein Spiegel der Seele, zeig ihm ein Lächeln… Diesen Spruch habe ich irgendwo mal gesehen und weiß noch nicht mal, ob er chinesischen Ursprungs ist. Dennoch, mit der Wortwahl, besonders mit einer, die bereits so kontaminiert ist und so determiniert wie rechte Propaganda, müssen wir sorgsam umgehen. Danke für diese Darstellung und danke für den Hinweis auf Viktor Domeiers Gedicht. Tatsächlich ist zumindest digital über ihn nicht viel zu finden. Würde gern das ganze Gedicht „Heimatlos“ lesen. Gibt es ein Buch, Link oder eine CD dazu?

  2. Matthias Warkus Matthias Warkus

    Das Gedicht ist hier vollständig zitiert. Es gibt eine (leider nicht besonders gute) Aufnahme der Koessler-Vertonung von Cantabile Regensburg

  3. […] Feuilleton. Nach kurzfristiger Erweiterung des Teams um Matthias Warkus, der sich als dezidierter Sachbuchverreißer einen Namen machen soll, heiße ich, Tilman Winterling, nun auch noch Katrin Schuster und Samuel […]

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: