True Crime als Gesellschaftsanalyse – Stuart Hall und der Trojan Horse Skandal

von Robert Heinze

Ich habe ein eher gespaltenes Verhältnis zu Serial. Ein True Crime-Podcast aus dem Umfeld der berühmten NPR-Radiosendung This American Life, der Fixpunkt des liberalen Medienkonsums in den USA. Der Podcast schien mir immer zwei schlechte journalistische Traditionen miteinander zu verbinden, nämlich die inhaltsleer-investigative Suche nach einer Täterperson mit einer Erzähltechnik, die politische Themen auf individuelle Erfahrungen herunterbricht und ganz auf die „Story“ fokussiert. Eine Erzählweise, die sich darauf verlässt, dass diese Story aus sich selbst heraus weitergehende Erkenntnisse hervorbringt.

Der erste Podcast der Reihe ist ein gutes Beispiel für dieses Problem: die Entfaltung eines Justizfalls, der genug Anknüpfungspunkte für eine Reflektion über die soziale Funktion von Rassismus und die institutionell verankerten rassistischen Ungerechtigkeiten insbesondere des US-amerikanischen Justizsystems geboten hätte, geriet zum schlichten Whodunit. Dass dieses letztlich gar nicht auflösbar war, war Teil der viralen Sensation, weil es das „audience engagement“ der zuhörenden Hobbydetektive sicherte. Was dabei in den Hintergrund trat, war eine tiefergehende Untersuchung des Rassismus von Polizei und Justiz in den USA, die die Ermittlungen gegen den jugendlichen, muslimisch-amerikanischen Protagonisten von Beginn an prägten.

Eine neue Produktion aus dem Umfeld aber beweist, dass ich das Format wohl unterschätzt habe. Die Produktionsfirma hinter „Serial“ veröffentlichte vor Kurzem in Kooperation mit der New York Times den Podcast The Trojan Horse Affair, der plötzlich zeigt, welches Potential in der Kombination aus „True Crime“-Format und journalistischem Storytelling steckt, wenn man die individuellen Geschichten und Charaktere als Ausdruck eines gesellschaftlichen Prozesses ernst nimmt. Die Geschichte, die The Trojan Horse Affair erzählt, macht dabei deutlich, wie Rassismus in einer postkolonialen Gesellschaft wie der britischen funktioniert, wie er alle Ebenen individuellen und gesellschaftlichen Lebens durchdringt, und wie er als Chiffre funktioniert, durch die soziale, kulturelle und politische Konflikte gedeutet werden. 

Einem Roman von Evelyn Waugh entsprungen

In The Trojan Horse Affair versuchen der britische Journalistenschüler Hamza Syed und der amerikanische Journalist Brian Reed eine eigentlich ganz einfache Frage zu beantworten: wer schickte 2013 einen anonymen Brief an den Stadtrat von Birmingham, der einen angeblichen Plan zur islamistischen Übernahme mehrerer Schulen in vor allem von Muslimen bewohnten sozialen Brennpunkten der Stadt beschrieb? Der Brief, obwohl von Beginn an als plumpe Fälschung verworfen, löste einen Skandal aus, der sich immer mehr ausweitete, bis er schließlich mehrere Lehrer*innen und Rektor*innen ihre Positionen und Karrieren kostete und vielversprechende Schulen in sozialen Brennpunkten in ihren Versuchen hemmte, ihren Schüler*innen bessere Bildungsmöglichkeiten zu erschließen.

Die beiden Journalisten folgen in acht Episoden dem Weg des Briefs durch die Institutionen, von seinem wahrscheinlichen Ursprung in einem arbeitsrechtlichen Konflikt über die lokalen Behörden und den Stadtrat von Birmingham bis zur Einschaltung des Bildungsministeriums, die in der Folge den Brief zum nationalen Skandal ausweitet, der auch medial auf rassistische Art ausgeschlachtet wird. Dabei interviewen sie viele der Beteiligten, dokumentieren aber immer auch die Diskussionen, die sie untereinander führen, während ihnen nach und nach die systemischen, sozialen und individuellen Faktoren des Skandals deutlich werden.

Dass einige der Dramatis Personae aus einem Roman von Evelyn Waugh entsprungen scheinen, schadet den systemischen Aspekten des Podcasts nicht, im Gegenteil. Unter anderen treten auf: eine Rektorin, deren Passion für ihre Schüler*innen sie im Konflikt mit einigen Lehrerinnen in immer bizarrere Lügengebäude führt, und ein weißes Ehepaar, das, um Gayatri Spivak zu zitieren, „braune Frauen vor braunen Männern“ retten will und eine extrem rassistische Version von Orwell‘s Animal Farm verfasst hat, in der muslimische Männer als Ziegen und muslimische Frauen als die von ihnen angeführten Schafe dargestellt werden. Dass solche individuellen Idiosynkrasien eine entscheidende Rolle im Skandal spielen, ist selbst Ausdruck der Krise und der Antworten, die der Rassismus darauf findet. 

Die Affäre lieferte die legitimatorische Grundlage für die Ausweitung der sogenannten „Prevent“-Strategie, die Lehrer*innen und Bildungsinstitutionen verpflichtet, Frühwarnsignale für die Radikalisierung von Schüler*innen und Studierende zu beachten und Verdachtsfälle an spezialisierte Polizeibeamt*innen weiterzuleiten. Obwohl die Strategie sich allgemein auf mögliche Nähe zu Terrorismus bezieht, werden ein Großteil der Verweisungen wegen des Verdachts islamistischer Radikalisierung unternommen. Viele Untersuchungen und Medienberichte haben inzwischen die Unwirksamkeit dieser Strategie aufgezeigt, sowie den Schaden für die Betroffenen und den Beitrag zum wachsenden antimuslimischen Rassismus im Königreich.

Die Frage der Autorschaft des Briefes scheint ausgehend von diesen Effekten und der Eigendynamik, die britische Institutionen in der Folge entwickelten, erst einmal nicht besonders interessant. Der Podcast könnte ein weiterer sensationalistischer „True Crime“ Fall werden, der eine skandalträchtige Geschichte als erzählerischen Aufhänger nimmt, ohne etwas über soziale und kulturelle Dynamiken auszusagen. Dass das nicht passiert, hat mehrere Gründe. Erstens drehen sich die persönlichen Dialoge zwischen Syed und Reed bald nicht mehr nur um ihre Investigation, sondern um die zunächst verblüffende, dann immer ärgerlichere Mauer des Schweigens von Schulen, politischen Institutionen und Medien, die ihnen entgegenschlägt. Zweitens sehen sich die beiden zusehends mit der Frage konfrontiert, welche Rolle sie selbst als Journalisten in der Affäre und ihrer Aufklärung eigentlich spielen. Syed hinterfragt bald die journalistischen Prinzipien der Ausgeglichenheit und Objektivität, die sich als Teil des Problems im rassistischen Diskurs um den Brief und die angebliche Verschwörung entpuppen, und er zwingt damit auch den wesentlich erfahreneren Journalisten Reed, über sein eigenes Selbstverständnis und seine weiße Perspektive auf den Fall nachzudenken.

Drittens führt die einfache Frage der Autorschaft bald zu einer ganz anderen: warum interessiert sich eigentlich niemand unter den beteiligten Politiker*innen, Beamt*innen und Journalist*innen dafür? Fast alle Interviewten – bis auf die Betroffenen selbst – tun die Frage nach der Autorschaft als unwichtig ab. Dabei zeigt sich schnell, dass die wahrscheinlichste Theorie dafür auf eine tiefergehende Dimension des ganzen Themas verweist, nämlich die Probleme und Konflikte in britischen Schulen nach der Privatisierung des Bildungssystems. Der Brief entstand vermutlich im Zusammenhang mit einem arbeitsrechtlichen Konflikt zwischen der Rektorin und einigen Lehrerinnen in einer Schule in Birmingham. Sowohl diese Rektorin als auch der Hauptbeschuldigte in dem Brief, Tahir Alam – ebenfalls ein Rektor – hatten eine Umstrukturierung ihrer Schulen in die Wege geleitet, die ihnen eine Höherstufung durch die nationale Schulbehörde OFSTED und den Ruf von Modellschulen einbrachte, die Schüler*innen aus sozialen Brennpunkten eine Zukunft ermöglichte. An beiden Schulen waren mehrheitlich muslimische Lehrer*innen tätig, die mehrheitlich muslimische Schüler*innen betreuten. Das schlug sich auch in den religiösen Programmen der Schulen nieder.

Rassistische Panik

Die rassistische Panik, die der Trojan Horse Brief anfeuerte, schwelte schon länger – Michael Gove, der damalige Bildungsminister, hatte bereits mehrfach (unter anderem in einem Roman) deutlich gemacht, dass er die dahinter liegende rassistische „Theorie“ – dass muslimische Immigrant*innen ein „trojanisches Pferd“ seien, das die europäische “Zivilisation” unterwandere – teilte. Aber in dem Skandal, das zeigt der Podcast auf brilliante Weise, verdichtet sich die soziale, politische, institutionelle und kulturelle Krise so, dass er breitere gesellschaftliche Entwicklungen in Großbritannien seit dem Beginn des 21. Jahrhunderts beleuchten kann.

Das macht den Podcast nicht nur zu einem extrem guten Stück Journalismus. Mehr als das kann man ihn als Umsetzung der Theorien des britischen Soziologen Stuart Hall verstehen, der gerade wiederentdeckt wird. Tatsächlich spiegelt sich in derTrojan Horse Affair ein kollaboratives Forschungsprojekt, das Mitte der 1970er Jahre unter seiner Leitung am Centre for Contemporary Cultural Studies (CCCS) in Birmingham entstand. Die fünf Koautoren untersuchten darin ein Phänomen, das in den Jahren zuvor in der britischen Öffentlichkeit als neue Form der Kriminalität diskutiert wurde: „mugging“, der bewaffnete Raubüberfall. Mugging, ein vorher in Großbritannien selten verwendeter Begriff, tauchte zuerst in der Berichterstattung zu einem äußerst gewalttätigen Überfall (ebenfalls in Birmingham) auf und wurde in der Folge immer häufiger von britischen Medien genutzt, um die angeblich neue Qualität gewaltvoller Kriminalität in einer Gesellschaft in der Krise zu beschreiben. 

Als (potentielle) Täter wurden vor allem junge Schwarze Männer ausgemacht. Der Diskurs um das „Mugging“, diente den Autoren zur Analyse einer „Krise der Hegemonie“, die eine zunehmend ideologisch und materiell-politisch autoritärer werdende Gesellschaft prägte. Ihr Begriff für das, was sie beobachteten, bildet den Titel des daraus entstandenen Buchs: „policing the crisis“, also eine gesellschaftliche und ideologische Krise mit polizeilich-politischen Methoden managen. Der in Policing the Crisis entwickelte methodische Apparat ist heute noch unverzichtbar zur Untersuchung nicht nur der britischen Gesellschaft: eine am konkreten Beispiel erprobte Anwendung der von Hall in seinem weit verstreuten Werk herausgearbeiteten Theorien zu Rassismus, Identität, Hegemonie und dem Wechselspiel zwischen massenmedialer und popularer Kultur einerseits und ihren materiellen, sozialen und ökonomischen Grundlagen andererseits. 

Es ist daher nicht überraschend, dass dieses Werk aktuell neu erschlossen und wieder entdeckt wird. Der deutsche Argument Verlag, der in den 1980er und 1990er Jahren viele wichtige Aufsätze Halls übersetzte und in der Zeitschrift Das Argument sowie in fünf Sammelbänden als „Ausgewählte Schriften“ publizierte, hat sie neu in einer überarbeiteten Übersetzung in zwei Sammelbänden aufgelegt. Bereits vorher erschien bei der amerikanischen Duke University Press eine neue Werkausgabe mit vielen bisher wenig bekannten Aufsätzen. Diese „Wiederentdeckung“ stellt Halls Materialismus heraus, der seine früher oft betonte „poststrukturalistische Wendung“ relativiert und immer wieder empirisch und historisch grundiert. 

The Trojan Horse Affair ist ein verblüffendes Beispiel dafür, wie diese Theorien auch in einem weniger akademischen Format umgesetzt werden können – Hall, der selbst immer wieder Fernsehsendungen produzierte und in ihnen auftrat, wäre wahrscheinlich begeistert. Die darin beschriebene Mobilisierung von „Terrorismus“ als Chiffre für die Gefahr und Devianz muslimischer Identität und insbesondere muslimischer Männlichkeit kann zunächst mit Halls Methodik verstanden werden: „once you perceive ‚mugging‘ not as a fact but as a relation – the relation between crime and the reaction to crime – the conventional wisdoms about ‚mugging‘ fall apart in your hands.“ Diese Beziehung und die sozialen Kräfte und Widersprüche, die sie bestimmen, sowie der historische Kontext, in dem sie sich herausbilden, verändern das Terrain, auf dem sie untersucht werden. Das ist die erstaunliche Leistung von The Trojan Horse Affair. Der Podcast verschiebt das Terrain und ermöglicht eine neue Perspektive auf die Konstruktion des Problems „Terrorismus“ und den antimuslimischen Rassismus in britischen Institutionen, Politik und Medien.

Wie beim „Mugging“ gibt es auch beim Thema „Terrorismus“ reale Ereignisse und Probleme. Syed beginnt den Podcast damit, diese zu beschreiben: „It sounded possible“, auch für ihn, den in Birmingham lebenden Muslim: „The guy who killed five people and then tried to run into parliament with a knife, he did his planning in a flat above the Persian restaurant across the street from me.“ In mehreren Episoden werden tatsächliche Vorfälle und Probleme an den Schulen genannt – ein Lehrer, der Schülerinnen erklärte, sie hätten ihren Ehemännern untertan zu sein, Männercliquen, die homophobe WhatsApp-Nachrichten austauschten, sexistische Diskriminierung und konservativ-religiöse Praktiken. 

Wie Hall zeigte, besteht die analytische Frage aber nicht in der Faktizität der Ereignisse, sondern in der diskursiven Rahmung, in die sie eingeordnet werden. So erklärt er in einem Text zur „Konstruktion von ‚Race‘ in den Medien“ wie das britische Fernsehen in seiner „sorgfältigen Ausgewogenheit und Neutralität“ das „Problem der ‚Race‘-Verhältnisse“ behandelt: „Jedes Wort und jedes Bild derartiger Sendungen ist von einem unbewussten Rassismus durchsetzt, denn sie fußen sämtlich auf der ungenannten und unerkannten Annahme, dass die Schwarzen die Quelle des Problems sind.“ Das stellen auch Syed und Reed fest. Hätten die britischen Medien sich für den Ursprung und die vermutliche Autorschaft des Briefes interessiert, wäre die Rahmung von Beginn an anders gewesen:

„Instead of news reports starting like this: ‚A leaked letter outlining a plot by hard line Muslims to take over schools — Accusations a plot by hard line Muslims to take over — By hard line Muslim — Radical Muslims in Birmingham have got together to take control –‘ It would have had to begin with: ’someone appears to have fabricated a plot in an attempt to defend a headteacher who’s being sued for wrongful dismissal by four employees at a Primary school, who claim she forged resignation letters on their behalf.'“

Gleitender Signifikant

Hall konzeptualisiert Rassismus in Anschluss an Louis Althusser als gesellschaftliche „Artikulation“, als ein verdichtetes Ganzes aus sozialer Praxis, miteinander verbundenen aber jeweils eigenlogischen sozialen Phänomenen und den Produktionsverhältnissen. Rassismus, so Hall, sei „nicht unter Abstraktion von anderen sozialen Verhältnissen erklärbar“, könne aber auch nicht „auf diese Verhältnisse reduziert“ werden. Er muss also in jeweils unterschiedlichen historischen Gesellschaftsformationen neu analysiert werden. 

Es gibt einen Unterschied zwischen dem anti-Schwarzem Rassismus, der in Policing the Crisis analysiert wird, und dem antimuslimischen Rassismus, den The Trojan Horse Affair beschreibt. Insbesondere hat sich – auch das ein Begriff den Hall (gemeinsam mit Étienne Balibar) prägte – ein „Rassismus ohne Rassen“ herausgebildet, ein kultureller Rassismus, der nicht mehr mit genetischen Unterschieden, sondern ebenso essentialistisch gedachten kulturellen Unterschieden argumentiert. In seinem 1989 in Hamburg gehaltenen Vortrag „Rassismus als ideologischer Diskurs“ entwickelt Hall diesen Begriff ausgerechnet am Beispiel nordenglischer Schulen: „Die Mehrheit der Schüler und Schülerinnen dort sind entweder afrokaribisch oder asiatisch. Die Eltern der weißen Minderheit möchten ihre Kinder in einer anderen Schule einschulen. Sie argumentieren mit kulturellen Gründen […] Wichtig ist für sie, dass das Christentum ein Kennzeichen ihrer Kultur ist und deshalb wollen sie, dass ihre Kinder Zugang zu bestimmten kulturellen Werten bekommen, nicht zu bestimmten Glaubenssätzen.“ 

Durchgesetzt wurde dies unter anderem mittels eines nationalen Curriculums, das die bisher durch relative lokale Autonomie geprägten Schulen zwang, antirassistische Programme zu ersetzen: „Nichts mehr über die Geschichte der Sklaverei, die Geschichte Indiens, die Geschichte anderer Sprachen—nur noch die englischen Könige und Königinnen.“ Der Konflikt im Zentrum von The Trojan Horse Affair findet unter ähnlichen Vorzeichen statt: die Liberalisierung des englischen Schulsystems, die es privaten Trägern wieder ermöglichte, eigenständige Curricula zu entwickeln, erlaubte es Alam und anderen schulischen Trägern in Birmingham, besser auf die Bedürfnisse ihrer Schüler*innen und Zielcommunities einzugehen. 

Ironischerweise war Alams Schule so tatsächlich eine der wenigen „schwachen“ Schulen, denen es tatsächlich gelang, die Bildungschancen der Kinder durch die Überführung in private Trägerschaft (in diesem Fall einer Art gemeinnützigem Verein) zu verbessern. Andererseits bildet diese Privatisierung, die insgesamt zur Verschlechterung schulischer Bildung in Großbritannien führte, auch den Hintergrund der sich verschärfenden Konflikte zwischen immer prekärer angestellten Lehrer*innen, deren Gewerkschaften und den Rektor*innen, die auch in dem erwähnten arbeitsrechtlichen Streit eine wichtige Rolle spielten.

Auch die religiöse, nämlich muslimische Prägung von Teilen des schulischen Lebens kann im säkularen Staats- und Bildungsverständnis durchaus, wie Syed und Reed auch anmerken, legitim kritisch betrachtet werden – jedoch stellen sie auch den großen Unterschied zwischen der Problematisierung muslimischer Schulen und der ebenfalls teilweise sehr konservativen Schulen in z.B. katholischer Trägerschaft durch das Bildungsministerium und die Medien fest. Die Reaktion auf den Skandal, nämlich mittels des „Prevent“-Programms die Überwachung und Kontrolle von Schüler*innen und Lehrer*innen durch nationale Institutionen voranzutreiben, erlangte eine neue, sicherheitspolitische Dimension, die Halls Analyse des Rassismus im Schulsystem mit seiner Untersuchung der „law and order“-Reaktion auf angeblich „neue“, wiederum rassistisch kodierte Formen der Kriminalität verbindet.

Rassismus als gesellschaftliche „Artikulation“ zu verstehen, heißt auch, seine Funktion in der hegemonialen Vermittlung sozialer Krisen zu analysieren. Hinter dem rassistischen Skandal stehen, wie eben auch die nur scheinbar den Regeln des „True Crime“-Formats folgende Suche nach der Autorschaft des „Trojan Horse“-Briefes zeigt, soziale Konflikte, die sich in Institutionen, Politik und Kultur ausdrücken und durch sie vermittelt werden. Deswegen funktionieren die sehr persönlichen Gespräche zwischen Syed und Reed, die immer wieder in die Episoden eingeflochten sind, denn sie reflektieren und kommentieren die Umstände, nicht wie so oft in diesem Podcast-Format als reine Individualisierung von eigentlich sozialen Prozessen; stattdessen machen sie deutlich, was Hall anmerkte: Rassismus durchzieht alle Ebenen einer Gesellschaft und sedimentiert sich in Individuen.

Er fungiert dabei als „gleitender Signifikant“, als entleertes Zeichen, das je nach historischer Konstellation immer wieder „aus der zufälligen Variation der menschlichen Phänotypen Bedeutung“ erzeugt und damit auch den „Rassismus ohne Rassen“ biologisch – in den rassifizierten Körpern selbst – rückbindet. Diese „biologische Spur“, die im kulturellen Rassismus verbleibt, prägt auch antirassistische Politik. Syed bemerkt dies an einer zentralen Stelle in der letzten Episode, in der er den letzendlichen politischen und ideologischen Nutzen des Trojan Horse Skandals analysiert. Dieser sei, so Syed, zu einem Teil der “Infrastruktur” geworden, die es Politiker*innen, Kommentator*innen und Entscheidungsträger*innen erlaube, ihre rassistischen Politiken zu rechtfertigen und Muslime als gefährlich zu markieren. Die Gegenstrategie, die Islamophobie und den Rassismus zu benennen, die die ganze Affäre überhaupt erst antrieben, und den Schaden für die muslimischen Gemeinschaft in Großbritannien hervorzuheben, habe dagegen nicht funktioniert. 

Syeds Lösung dieses Problems ist es, auf das „agnostische Faktum“ des Briefs zu fokussieren. Er habe geglaubt, so alle dazu zwingen zu können, anzuerkennen, was eigentlich passiert war. Hall warnte davor, antirassistische Arbeit an solche Fakten rückzubinden. Sie bestehe nicht darin, aufzuzeigen, was am Rassismus faktisch „falsch“ sei oder dessen Essentialismen unter umgekehrten Vorzeichen zu reproduzieren, sondern seine gesellschaftliche Funktion offenzulegen. Syed muss sich am Ende eingestehen, dass sein Ansatz gescheitert ist.

Er kontrastiert zwei Arten von Aktivismus, sein journalistisches Ideal – die Wahrheit zu berichten, wird gesellschaftlichen Wandel anstossen – und das, was sein Begleiter Ahmad Dacosta, eines der Opfer der rassistischen Kampagne, angesichts ihres Scheiterns theologisch unter Bezug auf den Propheten Mohammed formuliert: die Wahrheit im Angesicht der Unterdrückung auszusprechen allein ist eine der wichtigsten Formen des Jihad, des religiös gebotenen Einsatzes und der Anstrengung auf dem Weg zu Gott. Die Wahrheit zu berichten ist also ein Wert an sich. Stuart Hall nahm eine dritte, prekärere und schwierigere, Position ein:

„The one thing we are not guaranteed is the truth of what we do. Indeed, I believe that without that kind of guarantee we would need to begin again, begin again in another space, begin again from a different set of presuppositions to try to ask ourselves what it might be in human identification, in human practice, in the building of human alliances, which without the guarantee, without the certainty of religion or science or anthropology or genetics or biology or the appearance of our eyes, without any guarantees at all, might enable us to conduct an ethically responsible human discourse and practice about race in our society.“