Teuflische Intrigen, wilde Plot Twists – Theodor Fontanes Übersetzung von „Der Geldverleiher“

von Christina Dongowski

Ein grundsympathischer, hübscher junger Kerl gerät aus Hochherzigkeit und Liebe zur Tochter eines deutschen politischen Flüchtlings in die undurchsichtige und aufregende Welt des Londoner Finanzkapitals. Dabei stößt er nicht nur auf das gut gehütete Familiengeheimnis der eigenen Mutter, sondern auch noch auf die Geheimnisse einiger der fashionablesten Familien Englands. 

Ein geheimnisvoller, charismatischer Geld- und Machtmensch wird durch die uneigennützige Zuneigung und Hilfsbereitschaft des jungen Mannes vom Fluch seiner Vergangenheit und seinem Panzer aus Zynismus und Menschenverachtung erlöst. Hochmögende Lords und Ladies fallen tief, und ein genialer Maler erhält endlich auch die finanzielle Anerkennung, die ihm gebührt. Am Schluss kriegen sich die jungen Leute, die alten Leute versöhnen sich, aus dem großstädtischen Geldverleiher wird ein britischer Landedelmann und engagierter Onkel.  

Warum der junge Theodor Fontane für seine gewandte Übersetzung des Romans The Money-Lender der englischen Erfolgsautorin Catherine Gore 1843 keinen deutschen Verleger fand, bleibt tatsächlich das einzige große ungeklärte Geheimnis des Romans. Nun aber, 180 Jahre später, ist er doch in Deutschland erschienen – in einer sehr schön gemachten Ausgabe der Anderen Bibliothek, mit einem informativen Vorwort von Iwan-Michelangelo D’Aprile, der 2018 bereits eine Fontane-Biographie veröffentlicht hat.

Dass wir diesen unterhaltsamen Schmöker, der im Vereinigten Königreich ein Bestseller mit mehreren Auflagen war, endlich in Fontanes Deutsch lesen können, verdanken wir wohl dem Zufall. D’Aprile hat ein durch Kriegsverlust unvollständiges Manuskript Fontanes und ein von Fontanes Sohn angefertigtes Typoskript beim Recherchieren im Fontane-Archiv gefunden. Genau so vermarktet die Andere Bibliothek auch Catherine Gores Roman: „ein verblüffender Fund“ prangt auf der Banderole. Und Fontane hat geschafft, wovon viele Übersetzer*innen träumen:  Er steht gleichberechtigt neben der Autorin auf dem Titel. Das ist kein Vorwurf an den Verlag, im Gegenteil. Auch wenn Der Geldverleiher vielleicht von dem seit wenigen Jahren wieder erwachenden Interesse an erfolgreichen Autorinnen der letzten Jahrhunderte, die aus Kanon und literaturgeschichtlicher Überlieferung verdrängt worden waren, profitieren kann – die größere Zugkraft hat der Name Fontane.

Dass der dreiundzwanzigjährige Fontane sich für seine erste große Übersetzungsarbeit gerade den Roman einer Autorin wie Gore aussuchte, erscheint heute erklärungsbedürftig. Anfang der 1840er Jahre war es das eher nicht: Gore war bereits eine erfolgreiche Autorin – und Autorinnen waren im englischen Literaturbetrieb seit der Regency auch keine exotischen Ausnahmeerscheinungen. Dass uns Namen wie Maria Edgeworth, Harriet Martineau, Elizabeth Gaskell, Anna Maria und Jane Porter, Mary Russell Mitford, Ann Radcliffe, Mrs. Henry Ford (Ellen Price), Charlotte Riddell oder eben Catherine Gore kaum etwas oder gar nichts mehr sagen, hat wenig mit deren literarischer Qualität oder damit zu tun, dass sie bereits auf dem zeitgenössischen Literaturmarkt kaum bekannt gewesen wären. Vielleicht eher mit dem Gegenteil: Gerade Erfolgsautorinnen haben es schwer in einem universitären literaturhistorischen Traditions- und Kanonisierungsbetrieb, der seine Wissenschaftlichkeit und Seriosität lange vor allem in der Abgrenzung und Abwertung des Populären behauptet hat und noch heute von Leserinnen geschätzte Genres und Autorinnen systematisch ab- und entwertet.

Catherine Gore ist genau so eine Autorin. Zusammen mit einigen den genannten Schriftstellerinnen hat sie das Genre des Gesellschaftsromans mitentwickelt und ist als Miterfinderin der Post-Austen Regency Novel, der sogenannten Silver Fork Novel, eine der literarischen Urgroßmütter von Autorinnen wie Julia Quinn, deren Regency Romance-Serie Bridgerton durch Netflix mittlerweile auch außerhalb der Kreise von Romance-Leser*innen bekannt geworden ist.

Für den jungen Fontane, der The Money-Lender neben seinem Job als Apotheker in Ausbildung in Dresden übersetzte, war wohl vor allem Gores Bestseller-Status attraktiv: als Verkaufsargument gegenüber Verlegern, aber vor allem auch, so D’Aprile in seiner Einleitung, weil Fontane an seinem Einstieg in eine eigene Karriere als Schriftsteller arbeitete – und weil er ein Fan englischer Literatur und Kultur war. Für Gores Werk selbst ist der Roman aber eher untypisch. In ihrem kurzen Vorwort weist sie selbst darauf hin, dass das, was die Leser*innen nun erwartet, eher in der Tradition einer Romance stehe als in der der Gesellschaftsromane, für die sie bisher bekannt war.

Teuflische Intrigen, wilde Plot Twists, Protagonisten mit mehrfachen Identitäten und exotischer Vergangenheit, zerfallendes Gemäuer, schummrige Gewölbe und dunkle Gassen und Geheimgänge, Wahnsinn, sinnliche Ausschweifungen und moralische Verkommenheit – all das bestimmt in einem Ausmaß Struktur und Atmosphäre des Romans, die George Wickhams Treiben in Pride and Prejudice wie das eines Konfirmanden aussehen lassen. Was nach einer Adaption der von Horace Walpole, Clara Reeves, Anne Radcliffe und William Beckford entwickelten Gothic Novel-Formel an ein Setting Ende der 1820er Jahre klingt, lässt einen beim Lesen aber tatsächlich an eine andere ‚Romance‘-Tradition denken. 

Zum einen an die Erzählungen und Romane Balzacs, in denen er versucht, die Dynamik der neuen kapitalistischen Gesellschaftsformen als dämonische Energien und magische Praktiken zu fassen, und in denen sich das Geld als der von Alchimist*innen lang herbeigesehnte und -spekulierte Alkahest erweist, als das universelle Lösungsmittel. Zum anderen lässt sich die Titelfigur, Abednego Osalez, nicht nur als ein alt gewordener Held im Stil Lord Byrons lesen oder als eine Variation des Finsterlings Vautrin/Abbé Herrera der Comédie humaine. A. O., wie er im Roman vorwiegend genannt wird, ist auch der von Rache an der bürgerlichen Gesellschaft und von wahnsinnigem Schmerz um seine verlorene Liebe getriebene Vorgänger des Grafen von Monte Christo. (Le Comte de Monte Christo beginnt 1844 zu erscheinen, zwei Jahre nach The Money-Lender.)

Catherine Gore lebte von 1832 bis kurz vor Erscheinen von The Money-Lender mit ihrer Familie in Paris. Es ist davon auszugehen, dass sie die zeitgenössische französische Literatur gut kannte, ob Dumas d. Ä. wiederum Gores Roman kannte, lässt sich nicht mehr klären. Aber Helden wie A. O. und der Graf von Monte Christo, in denen die anonymen, schöpferischen und zerstörerischen Kräfte des globalen, alle Gesellschaftsbereich durchdringenden Kapitalismus Gestalt annehmen, lagen um 1840 wohl auch einfach in der Luft.

Im Gegensatz zu Edmond Dantès, der Opfer einer Intrige seiner beruflichen Rivalen und eines Verehrers seiner Verlobten wird, die geschickt die politisch volatile Situation bei der Rückkehr Napoleons aus dem Exil 1815 nutzen, ist der Mann, den unser naiver Held Basil Annesley als den gefürchteten und verachteten Geldverleiher A. O. kennenlernt, Opfer und Produkt eines sehr viel umfassenderen gesellschaftlichen Verhängniszusammenhangs: des Antisemitismus, der ihm überall begegnet, und der ihn alles, sogar eine eigenständige, stabile Identität kostet.

Abednego Osalez ist der Erbe eines erfolgreichen, international tätigen portugiesischen Bank- und Handelshauses. Seine Familie ist bereits seit drei Generationen christlichen Glaubens – aber die Osalez bleiben für die anderen in ihrer Vergangenheit verhaftet. Ganz gleich ob von katholischen Priestern aufgewiegelte Mobs in Cadiz, Dandys aus der britischen Oberschicht oder die braven Wahlbürger eines englischen Provinzstädtchens, Osalez gilt für sie als „der Jude“ oder „der Sohn des Juden“. Auch sein enormer Reichtum schützt ihn nicht davor, bei jedem Schritt und Tritt als Jude, als der Andersartige markiert und ausgeschlossen zu werden. 

An einem persönlichen Tiefpunkt angekommen, entscheidet sich Abednego, die gesellschaftliche Stigmatisierung, die er erfährt, offensiv anzunehmen. Er wird „Jude“ – und nicht nur einer. Shylocks „Die Bosheit, die ihr mich lehrt, die will ich ausüben, und es muß schlimm hergehen, oder ich will es meinen Meistern zuvortun“, wird zu seinem Motto. Abednego verkörpert nun bewusst alle möglichen antisemitischen Phantasmen, die das zeitgenössische englische kulturelle Imaginäre produziert hatte: Neben der titelgebenden Figur des kaltherzigen, profitorientierten Geldverleihers, der die finanziellen Zwangslagen seiner Kund*innen ausnutzt, nimmt er die Gestalt des geizigen Slumlords, des zwielichtigen Trödel- und Kunsthändlers, des „orientalischen“ Juwelenhändlers und des Großbankiers an, der zusammen mit einem kleinen Kreis Kollegen Regierungen in ganz Europa nach seinem Willen tanzen lassen kann. Gestalt annehmen ist hier ganz wörtlich gemeint: Menschen, denen er in unterschiedlichen Rollen begegnet, begreifen meist nicht, dass sie es mit ein und derselben Person zu tun haben.

Der Verlust beziehungsweise die Multiplizierung seiner Persönlichkeiten bildet sich auch im Verzicht auf die Verwendung seines eigenen Namens ab. Aus Abednego Osalez wird A. O., eine Chiffre, die alles und deswegen auch nichts bedeuten kann. A. O. wird so zu einem Gestaltwandler, weil er, – als einer der ganz wenigen im Roman –, das Wesen des Kapitals und den Geist des Kapitalismus verstanden und verinnerlicht hat, und deren gesellschaftliches Transformationspotenzial. In einem seiner großen Rechtfertigungsmonologe gegenüber Basil Annesley beschreibt Osalez, wie er sich, am Ende aller gutbürgerlichen Ambitionen und von Freund und Feind für tot gehalten, durch geistige und körperliche Exerzitien dem wahren Kern der bürgerlichen Gesellschaft anverwandelt, dem Geld. Von nun an kann A. O. in gewisser Weise alles in Gold verwandeln – eine Fähigkeit, die seinen vielen Geschäftspartnern und sehr lange auch Basil tatsächlich wie Alchemie oder Magie erscheinen muss, auch weil ihnen selbst Prozentrechnung und selbst einfache Formen der Buchhaltung Mysterien bleiben.

Catherine Gore hat The Money-Lender sehr deutlich auch als Kritik am offenen und verborgenen Antisemitismus der englischen Gesellschaft ihrer Zeit und deren Bigotterie geschrieben – und so wurde der Roman auch zeitgenössisch rezipiert. Für heutige Leser*innen sind die antisemitischen Stereotype, die Gore quasi in bester Absicht reproduziert, aber genauso deutlich: Auch wenn Gore die kapitalistischen Kompetenzen und Erfolge ihrer Titelfigur eindeutig positiv bewertet und vor allem in der Unbeugsamkeit, mit der Osalez seine Forderungen gerade gegen adlige und großbürgerliche Verschwender*innen durchsetzt, die ihre eigenen Leute ausbeuten, einen Dienst an der Gesamtgesellschaft sieht, – geistert hier eben doch das Klischee vom Juden herum, der naturgegeben einfach gut in Geldgeschäften ist. Und bei einigen jüdischen Nebenfiguren aus den Londoner Slums arbeitet Gore leider selbst mit klar antisemitischen Klischees.

Vergleicht man Gores Der Geldverleiher mit anderen englischen Romanen der Zeit, zum Beispiel mit Dickens Oliver Twist oder Trollopes The Way We Live Now, zeigt sich Gores ausgesprochen liberale Position in den Debatten über die gesellschaftliche und politische Rolle von Juden und Jüdinnen aber sehr deutlich. Weil im Geldverleiher wie auch in ihren klassischen Silver Fork Novels (sehr viel) Geld zu verdienen kein Zeichen moralischer Ambiguität ist, brauchen die erzählerischen Ökonomien Gores keine antisemitisch gezeichneten, pseudo-kapitalismus- oder modernisierungskritischen Buhmänner, als die jüdische Figuren immer wieder auch von deutschsprachigen Autoren des 19. Jahrhunderts erzählt werden. Einer dieser Autoren antisemitischer Texte wird, vierzig Jahre nachdem er Catherine Gores Roman über einen Mann übersetzt hat, dessen Charakter und Biographie durch den Antisemitismus der Gesellschaft unwiderruflich deformiert worden ist, Theodor Fontane sein.

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