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Soziale Distanz – Ein Tagebuch (6)

Dies ist der sechste Teil unseres kollektiven Tagebuches, in dem wir mit zahlreichen Beiträger*innen fortlaufend sammeln, wie der grassierende Virus unser Leben, Vorstellungen von Gesellschaft, politische Debatten und die Sprache selbst verändert. (hier Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5)

Das mittlerweile über 85 Seiten umfassende kollektive Tagebuch “Soziale Distanz – Ein Tagebuch” gibt es auch als vollständige Leseversion in Google Docs.

Es schreiben mit:

Andrea Geier: @geierandrea2017, Anna Aridzanjan: @textautomat, Berit Glanz: @beritmiriam, Birte Förster: @birtefoerster, Charlotte Jahnz: @CJahnz, Elisa Aseva, Emily Grunert, Fabian Widerna, Jan: @derkutter, Johannes Franzen: @johannes42, Magda Birkmann: @Magdarine, Maike Ladage @mai17lad, Marie Isabel Matthews-Schlinzig: @whatisaletter, Matthias Warkus: @derwahremawa, Nabard Faiz: @nbardEff, Nefeli Kavouras, Philip: @FreihandDenker, Rike Hoppe: @HopRilke, Sandra Gugić: @SandraGugic, Sarah Raich: @geraeuschbar, Shida Bazyar, Simon Sahner: @samsonshirne, Slata Roschal, Sonja Lewandowski: @SonjaLewandows1, Svenja Reiner: @SvenjaReiner, Tilman Winterling: @fiftyfourbooks, Viktor Funk: @Viktor_Funk

31.3.2020

 

Matthias, Jena

In Jena zeichnet sich eine Maskenpflicht ab, zunächst im ÖPNV und im Einzelhandel, ca. in einer Woche soll es so weit sein, die Leute müssen sich zuerst irgendwie mit selbstgenähten Masken eindecken. Zu kaufen gibt es schließlich keine.

Ich habe Anfang des Jahres begonnen, auf eine »Clean Desk Policy« hinzuarbeiten und bin jetzt nahezu am Ziel: Auf meinem Schreibtisch ist, verglichen zu früher, fast nichts mehr, meine Arbeitsunterlagen sind ordentlich in Mappen sortiert und liegen in einem Schubfach. Ausgerechnet während der Pandemie bekomme ich also etwas hin, was ich jahrelang nicht geschafft habe, und ich habe eine Art schlechtes Gewissen dabei, obwohl die Seuche ja keinen großen Einfluss auf meinen Arbeitsalltag hat. Das schlechte Gewissen ist ohnehin (bzw. in noch stärkerem Maße als sonst) ein ständiger Begleiter, seit die Belastungen durch die Epidemie völlig an mir vorbeigehen. Ich konsumiere, bestelle Essen und zahle meine Steuern, das war’s. Toilettenpapier ist übrigens problemlos zu bekommen, ich bin dem Eindruck auf den Leim gegangen, den die leergefegten Regale in mehreren Geschäften reproduzieren; in einer Drogerie war am Regalkopf eigens eine große, noch sehr volle Palette aufgebaut. Abgabe nur eine Packung pro Person.

 

Marie Isabel, Dunfermline

Wir wohnen mit Aussicht. Von meinem Arbeitszimmer aus sehe ich den großen blauen Kran der Werft von Rosyth. Der Firth of Forth windet sich gemächlich und silbern ins Land. Dort versammelten sich kurz nach dem Waffenstillstand 1918 siebzig deutsche Kriegsschiffe. Filmaufnahmen zeigen die Flotte vor der roten Eisenbahnbrücke, die hier jeder mit ehrlicher Zuneigung liebt. Die beiden anderen Querungen, von denen in Nichtpandemiezeiten der Verkehrslärm zu uns herüberschwallt, gab es damals noch nicht. Sie fehlen mir wenig, die zahllosen Metallkäfige auf Rädern. Ich mag, wie viel ruhiger es um uns herum geworden ist. Entspannter. Auf der Straße vor dem Haus, der großen Kreuzung rechts daneben. Dafür strömen täglich Menschen mit und ohne Hund die Fußwege entlang. Als sei jeden Tag Osterspaziergang. Manchmal so viele, dass einige meiner Nachbarn auf Facebook darüber wuschig werden. Ich lausche den Frühlingsvögeln, deren Stimmen einmal nicht untergehen. Altansässige haben mir erzählt, dass hier bis vor wenigen Jahren noch überall Felder waren, alte Bauernhöfe. Davon ist kaum etwas geblieben. Eine der letzten Freiflächen, die ich noch als wilde Wiese schätzen lernte, wird gerade bebaut. Mit Blick auf die Werft, den Firth of Forth, die drei Brücken. Ich schaue wieder aus dem Fenster. Die Aussicht hat sich noch einmal geweitet, scheint es. Schnee bedeckt die Berge am Horizont.

 

Sandra, Berlin

Das Weitermachen hat etwas Absurdes. Als wäre nichts anders. Aufstehen, essen, arbeiten, am Wochenende raus ins Grüne. Und natürlich ist dabei alles anders. Der Spaziergang am Sonntag im Grunewald wird begleitet von polizeilichen Megafon-Durchsagen, man solle den schönen Tag genießen, aber Abstand halten und möglichst nirgendwo verweilen. Die täglichen Telefonate mit Familie, Agentur, Verlag, Freunden – dabei habe ich davor so gut wie nie telefoniert. Die neuen Verhaltensregeln des Draußen, wir dürfen das Kind nicht mehr mit anderen spielen lassen, alle Eltern versuchen die Kinder mit mehr oder weniger subtilen Tricks voneinander fernzuhalten, statt wie davor das gemeinsame Spielen zu fördern. Eine neue Unruhe zeigt sich im Verhalten des Kindes, es wacht um drei Uhr morgens auf, ist hellwach, und will sich nicht mehr beruhigen lassen – das mag ein Entwicklungsschub sein, aber genauso wahrscheinlich ist, dass die kleinen und großen Veränderungen spürbar sind, ebenso wie meine, wie unsere eigene Unruhe, die wir versuchen, unter dem Deckel zu halten. Es rumort in meinem Hirn, als wäre es ein hungriger Magen. Die Fragen nach einem DANACH. Was kommt danach? Und wann beginnt es wieder? Und wie wird das JETZT uns bis dahin verändert haben? Ich spreche Gedichte aus meinem Debüt für einen Podcast des Verlags ein, sie hören sich anders an im Kontext der aktuellen Ereignisse. Ich streiche am Vorschautext für meinen Roman herum. Alle Wörter scheinen ungeeignet. Die Bedeutungen, die Wahrnehmungen, die Befindlichkeiten der Worte und Dinge scheinen sich stündlich zu verschieben. Mein Blick geht immer wieder vergleichend zu den viel strengeren Maßnahmen in Österreich/Wien, dort habe ich die meiste Zeit meines Lebens verbracht, dort leben die Menschen, die mich mit am besten kennen, dort sollen die Menschen ab sofort Schutzmasken tragen, erst mal nur im Supermarkt, aber wahrscheinlich bald überall. Alles nur eine Frage der Zeit, dann wird Deutschland nachziehen. Die Haut auf meinen Händen ist rot, trocken und schuppig vom ständigen Waschen. Manche posten Bilder ihrer rotgeschrubbten Hände in den sozialen Medien. Das Bild der von Schutzmasken halb verdeckten Gesichter auf den Straßen beunruhigt mich am meisten. Beim Kontrolltermin (es hustet seit Wochen) streckt das Kind die Hände nach der Maske unserer Ärztin aus, sieht uns fragend an. Wir machen einen Scherz daraus, der keiner ist.

Mein täglicher Gedanke: Ich will einen Garten.

 

Slata, München

Wenn wir hier reingehen, sage ich, Dann huste bitte nicht, und niese nicht, auf keinen Fall, verstehst du? Und geh an keinen näher ran als etwa so, von hier bis zur Tür, achte drauf, dass da Platz ist zwischen dir und den anderen. Berühr am besten keine Sachen, lass mich das machen, ich werde alles nehmen, was wir brauchen, dann bezahlen wir und gehen raus, berühr nicht dein Gesicht dabei, lass die Hände weg, von den Augen, von dem Mund, hier, nimm dir einen Kaugummi, steck ihn in den Mund, dann hat er was zu tun und du schiebst keine Finger rein, hier, gib mir das Papier, ich schmeiß es weg, berühr bitte keine Sachen, die wir nicht sicher mitnehmen und bezahlen, ok, so, bei drei gehen wir rein also, denk dran, nicht zu husten, bitte, sonst können wir ein Problem bekommen, eins, bist du sicher, dass du es schaffst nicht zu husten, zwei, drei ‒

 

Tilman, Hamburg

Am ersten Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl bin ich auf die Welt gekommen. Bis heute kann ich mir nur eine schlechte Vorstellung machen, wie meine Mutter während der Schwangerschaft gefühlt und gefürchtet haben muss. Bis heute hält sie sich eisern an bestimmte Regeln wie “keine Pfifferlinge aus Weißrussland!”, die mir unhinterfragt in Fleisch und Blut übergegangen sind. (Irgendwann habe ich mal gegoogelt, wie belastet Pfifferlinge aus Weißrussland wirklich sind – alles nicht so schlimm, las ich, halte mich aber trotzdem weiter an das Verbot meiner Mutter.) Mein Kind wird – wenn alles gut geht – nicht mehr in unsere diffusen Ängste und Befürchtungen geboren, mit großem Glück gibt es einen Impfstoff und wir führen wieder ein normales Leben. Aber was werde ich ihm dann für (ir)rationale Bräuche und Regeln mitgeben? Was bleibt von all dem für nahe und ferne Zukunft an und in uns hängen?

 

Sarah, München

Deutschland hört seinen Podcast. Deutschland träumt von ihm. Deutschland glaubt an ihn. Christian Drosten.

Er gibt den Menschen die Orientierung, die sie sich wünschen, oder es fühlt sich jedenfalls so an, dass er sie gibt. Und das reicht.

Die Locken, die sonore Stimme, das ebenmäßige Gesicht, der drahtige Körper. der leicht leidende Blick. Ein moderner Schmerzensmann, natürlich nicht am Kreuz. Aber immer ein wenig gequält von den Umständen. Selbstlos. Aufopferungsvoll. Christian Drosten ist das Komplettpaket vom sexy Erlöser mit der starken Schulter zum Ausweinen.

Bis vor kurzem ging mir das irgendwie ähnlich. Christian Drosten gefiel mir. Besonders seine uaufgeregte Art, die Bescheidenheit. Ein Mann, der öffentlich sagt: Das weiß ich jetzt nicht. Ein Mann, der öffentlich vertritt: Es ist nicht an mir das zu entscheiden. Auch wenn ich mir damit schmeichele, dass da auch ein Augenzwinkern dabei war. Wenn man etwas ein bisschen ironisch macht, dann bewahrt man sich ja, so wird behauptet, ein kleines bisschen Würde.

Aber seit ein paar Tagen kippt für mich das ganze. Ein Unbehagen hat sich eingeschlichen, wenn ich Drostens Ausführungen lausche. Liegt es an mir, nicht an ihm? Ich bin mir nicht sicher.

Ich bin dafür, dass wir den Experten zuhörern.

Aber warum dieses Verlieben in einen einzelnen Wissenschaflter? Warum sucht sich unser kollektiv EINEN? Und warum ist es schon wieder ein Mann? Dafür kann Christian Drosten natürlich nichts. Dass er ein Mann ist. Und auch Männer sagen gute Sachen und sind tolle Menschen.

Ich höre ihm gestern nur noch halb zu. Irgendwie bin ich genervt. Und zum Schluss kommt eine Suada. Er fühlt sich missverstanden. Er findet die Medien doof. Er ist ziemlich aufgeregt. Und redet viel von sich.

Ist er wirklich so bescheiden wie ich dachte? Oder ist er nur nicht ganz so großkotzig, wie ich es sonst von solchen Männern im Rampenlicht gewöhnt bin. Und applaudierte ich ihm also innerlich für ein Verhalten, welches eigentlich nichts besonderes ist, sondern einfach ein ziemlich durchschnittlicher Standart?

Tatsächlich habe ich entdeckt, dass er sich durchaus zu Dingen auslässt, von denen er nichts versteht.

Er forderte Zeitungen auf, ihre Corona-Inhalte kostenfrei zur Verfügung zu stelle, weil sie einen “Aufmerksamkeitsgewinn” aus der Krise haben. Dass das Anzeigenvolumen massiv eingebrochen ist und deshalt die finanzielle Situatione düster bis bedrohlich ist, das weiß er nicht. Aber er hat sich trotzdem dazu geäußert.

Klar. Passiert. Und das macht ihn nciht gleich zum Narzissten.

Aber Christian Drosten ist wohl einfach in vielem ein regular Dude.

Also liegt es nicht an ihm. Es liegt an mir.

Bin ich so patriarchal geprägt, dass ich, sobald ein Mann nicht die härtesten Silberrücken-Anzeichen hat, auf seinen Schoss will und es toll finde, dass er tatsächlich mal zugibt etwas nicht zu wissen?

Warum reden wir eigentlich nicht mit und über die Expertinnen? Denn die gibt es doch! Zum Beispiel Marylyn Addo, die Leiterin der Infektologie der Univerisätsklinik Eppendorf. Sie ist ganz ganz vorne mit dabei, auf der Suche nach dem Corona-Impfstoff. Wenn sie in den MEdien spricht, ist sie wunderbar klar. Und auch ein wenig heiter. Kein bisschen leidend. Sie sieht auch gut aus, ähnliche Liga wie Drosten, würde ich sagen. Sie hat sogar Locken.

Ich erinnere mich nicht daran, dass sie ein einziges Mal das Wort “ich” gesagt hätte. Während Christian Drosten das ganz gern benutzt.

Wir und Christian Drosten, es ist einfach noch mehr vom Same Old, same old … Fuck. So genau wollte ich das gar nicht wissen. Ich wollte eigentlich weiter sein. Marylyn Addo! Rette mich!

 

Svenja, Köln

Vielleicht habe ich wirklich social distancing gemacht. Vielleicht bin ich jetzt wieder da.
Gestern habe ich in der zweiten Woche Onlinelehre gemacht. Wir haben Adorno gelesen, ganz langsam und auf einer geteilten PDF. Der Text ist schwierig und hat daheim alle frustriert. In den Kommentaren am Rand stehen viele Fragen: „Was meint er damit?“ „Was ist denn jetzt das Argument?“. Als ich erkläre, dass die Kommentare uns weiterhelfen, sind manche erstaunt. Ganz oft wurden Stellen markiert, an denen der Text polemisch wird oder rhetorisch trickst. Nach jedem verstandenen Absatz versuchen wir, einen zusammenfassenden Satz zu formulieren.

Digital sind wir alle ganz schnell beieinander, aber auch ganz weit weg. Ich kann auf den kleinen Bildschirmen nicht erkennen, ob ich zu schnell spreche oder zu langsam, ob jemand mitkommt oder abdriftet oder gerade ganz anders beschäftigt ist.

Digitale Lehre macht mir deutlich, wie subtil ist sonst kommuniziere und wie plump ich dieses System gerade übertrage. Körpersprache muss übertrieben werden, damit ich sie erkenne.

Im dritten Seminar machen wir die erste Breakoutsession.

Ich frage ständig nach, ob alles klar ist.

Diesmal isst niemand Nudeln.

 

Fabian, München

Noch ist’s zu früh, um auch nur irgendeine oder Zwischen-Bilanz zu ziehen, für die von allem Überblick und informationell-evaluative Kapazitäten noch am frappierendsten fehlen. Dem entgegnet sich die schlagwörtliche Dunkelziffer, die mit der Schlagzeile kollidiert, der ersten Infizierten, einer afrikanischen Migrantin in einem griechischen Flüchtlingslager, “wo sie sich infiziert habe, wisse man nicht”, und auffiel sie bloß zufällig, in Folge, na toll, ihrer Entbindung, als man seit Monaten von den humanitären Katastrophen und seit mindestens Wochen von den drohenden einer ja ja nur noch zeitlich dispositiven in Folge eines Ausbruchs “der” Krankheit weiß; aber eine Tendenz zum Fehlversuch, immerhin, steht steht steht einem ja ganz maßgeblichen Hang zur Beschäftigung mit sich selbst einer Mehrzahl der sichtbaren Gesellschaften entgegen, Kolportage – die andern beschäftigen sich auch mit sich selbst, aller Wahrscheinlichkeit nach, mit ihren Umständen, und es hat schon etwas von der Appropriation eigentlich unzugänglichen leids, wenn man das für existentieller hält, als die Ausspielung der Interessen “einer” Wirtschaft gegenüber dem mehrheitlichen Anspruch auf körperliche Unversehrtheit. Derweil Platinmünzen in Amerika, zwei an der Zahl, spektakuläre Überlegungen, nicht neu, aber gut, zur Rettung des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts, im Wert von Billionen, wird nie passieren. Ausspielung, wie sie schon seit, auch schon wieder, Wochen die Stimmungsbilder der Akteure im Schlagschatten dr Experten zu bestimmen beginnen. Die Bayreuther Festspiele finden nicht statt.

 

1.4.2020

 

Sandra, Berlin

Guten Morgen, ihr Nachbarn drüben auf dem Balkon in der Sonne (ich will einen Garten). Ja, wir sind hier drinnen. Guten Morgen Meditationsvideo, das ich laufen lasse, während das Kind kreischend zwischen Vergnügen und Wahn durchs Wohnzimmer rast (ich will Stille). Guten Morgen, Gemurmel, Raunen und Rauschen auf allen Kanälen (Ssssh!). Guten Morgen, blauer Himmel über Berlin (ich will raus aus der Stadt). Heute ist also der erste April, gratuliere, wir haben den endlosen März überstanden.

Und jetzt?

Ich mach die Pixies an und singe so laut mit, dass die Nachbarn drüben auf ihrem Balkon auch was davon haben: I had me a vision / There wasn’t any television / From looking into the sun / I’m looking into the sun

 

Jan, Hannover

Vergangene Woche hätte ich wieder meinen Routinetermin bei der Arbeitsagentur gehabt, wegen der Corona-Krise fiel er aus, verständlicher- und auch erfreulicherweise, denn viel zu erzählen gäbe es dort nicht. Mitte vergangenen Jahres hatte ich meinen Job gekündigt mit der vagen Idee, mich mit irgendetwas selbständig zu machen, mit der Betonung auf: irgendetwas. Ideen gibt es mehrere, darunter allerdings keine, die seither ein gewisses Maß an planerischer Konkretion erreicht hätte. Zunächst wollte ich nichts überstürzen, sondern erstmal meinen Kopf sortieren und sorgsam meine Begeisterungsfähigkeit wieder aufbauen, dann, zur Jahreswende, grätschte mir das obligatorische schlechte Gewissen von hinten in die Beine, weil ich mit dem Neustart nicht in die Puschen kam. Auf die protestantische Arbeitsethik, die man mir eingetrichtert hat, ist Verlass, zumindest auf Gewissensebene.

Dann kam Corona. Jetzt bin ich heilfroh, nichts gestartet zu haben, mit Mühe, Aufwand, womöglich Liebe und mit schmerzhaften Anfangsinvestitionen, das jetzt im Corona-Lockdown gleich wieder hilflos abschmieren, absaufen und vor die Wand fahren würde, um hier mal fröhlich einige Metaphern durcheinander zu werfen.

Aber wie wird es weitergehen, hinterher, wenn diese Virensache irgendwann, wann auch immer, endlich durchgestanden ist? In was für eine volkswirtschaftliche Situation werde ich, werden wir, wenn überhaupt je, unsere kleine, bescheidene Neugründung dann pflanzen? Und da ich von der Arbeitsagentur keine Leistungen erhalte (ich bin dort nur aus formalen Gründen gemeldet): Wie lange halten wir noch durch, bis die Sache (welche auch immer) nicht nur laufen, sondern sich auch tragen muss? Unsere Reserven reichen nicht unendlich und waren unvorsichtigerweise auf andere makroökonomische Rahmenbedingungen ausgelegt als auf eine globale Rezession von unbestimmter Dauer, langsam schmelzen sie ab, während es draußen wärmer wird.

Das sind Sachverhalte, die ich derzeit lieber verdränge, weil es bekanntlich die Verdrängung ist, die uns über Wasser hält. Stattdessen verkitsche ich mir meine bisherige Ziellosigkeit als weise Voraussicht. «Bleiben Sie gesund», hätte meine Betreuerin von der Arbeitsagentur als letzten Satz in die Mail schreiben können, mit der sie unseren Termin ersatzlos absagte. So wie es jetzt alle tun. (Seit neun Monaten versaue ich ihr nun schon ihre Vermittlungsstatistik. Ob sie bei der Arbeitsagentur auch schon diese umständlichen Zielvereinbarungsprozesse haben wie bei meinem alten Arbeitgeber?) Stattdessen stand da: «Bitte teilen Sie unverzüglich eventuelle Veränderungen mit.» Ich fürchte, da könnt Ihr noch lange warten.

 

Slata, München

Wie viele sich umgebracht haben mittlerweile zum Beispiel, weil Therapieräume geschlossen wurden, jeder Gang nach draußen schwieriger geworden, die Tabletten ausgingen schließlich und die Praxis nicht mehr erreichbar oder unerreichbarer geworden, so, dass endlich gar nichts mehr erreichbar, und da Hirngespinste sowieso nicht ansteckend, weiter mit den eigenen Gedanken, man findet sie, wenn das Schlimmste vorbei ist, der Geruchr von Desinfizierungsmitteln im Treppenhaus verflogen und die Nachbarn eine immer noch geschlossene, immer seltsamer riechende Tür bemerken ‒

 

Emily, Rostock

Es ist lächerlich: manchmal bin ich fast ein bisschen stolz darauf, dass die Zahlen im Bundesland so langsam steigen. Als hätten die Menschen bewusst etwas dafür getan, außer ihre Häuser möglich weit auseinander zu bauen. Als hätte ich überhaupt eine Verbindung zu dieser Region und würde mehr kennen als das Viertel, in dem ich lebe. M sagt, hier umarmt sich sowieso niemand. Der verordnete Abstand in Mecklenburg-Vorpommern liegt bei 2 Metern, nicht den üblichen 1,5. Damit wir überhaupt einen Unterschied bemerken. Ich habe mir meine Haare in meinem ursprünglichen Ton gefärbt. Niemand sieht es, ich selbst auch nicht. Nur die Strähnen sind jetzt so ausgetrocknet wie meine Hände. Wenn M die Stadt wieder verlässt, werde ich mich zurück in die Arbeit stürzen, bis dahin liege ich neben ihm auf der Couch und esse Kaubonbons. Ich weiß nicht, ob mein Therapeut noch Stunden anbietet und ich frage nicht nach. Auf der Straße wirken die Menschen entspannt. Sie tragen Jogginghosen und halten ihre Hunde an langen Leinen. Die Gewöhnung ist eingetreten und ich spüre keinen Anflug von Rebellion. Täglich läuft die Anzeige auf meinem Inhalator rückwärts, noch 70 Schub Cortison und ich warte darauf, dass mein Gesicht anschwillt.

Was im Kopf bleibt: Streiten und sich danach nicht umarmen können. Bloß kein Wort über Schnee schreiben.

 

Birte, Darmstadt

Ich bereite die Lehre vor. Es ist merkwürdig, an einer neuen Uni anzufangen und wirklich niemanden im virtuellen Seminar vorher zu kennen. Wir müssen distanziert einen Weg finden, gemeinsam im Seminar zu kommunizieren, zugleich werden die Aufgaben zeitflexibel sein, damit ich die Lebenssitutation der einzelnen zumindest im Ansatz berücksichtigen kann. Gerade bereite ich einen Fragebogen vor, eine Anregung die ich aus der Diskussion zu #virtuelleLehre von Patrick Reitinger bekommen habe. Bei mir wird es aber mehrere Antwortoptionen und Freitext geben.

Ich finde es schwer, den Studierenden nicht sagen zu können: dieser Zustand dauert so und so lange, dann wird es wieder anders. Ich muss ganz viel Flexibilität und Selbstkompetenz voraussetzen in einer fordernden Situation. Das einzige, was hilft, scheint mir derzeit zu sein: selbst auch flexibel zu sein. Anpassungen vorzunehmen, zu fragen, zuzuhören.

 

Marie Isabel, Dunfermline

Eigentlich will ich über Kreatives schreiben: über #nanowrimo bzw. #napowrimo und mein neu gefasstes Vorhaben, an jedem Tag im April ein Gedicht zu verfassen. Über den inklusiven #internationalpoetrycircle (https://twitter.com/IntPoetryCircle), den die Dichterin und Schrifstellerin @TaraSkurtu ins Leben gerufen hat, um Menschen durch Gedichte über alle selbst- und fremdverfügte Isolation hinweg zu verbinden. Über die vielen Gedichte, die wie Leuchtkäfer nun täglich durch meine Timeline huschen. Über den legendären @SirPatStew, der seit einigen Tagen #ASonnetADay liest. Über …

Dann aber schaue ich doch wider besseres Wissen auf die BBC-Webseite und andere Gedanken drängeln sich in den Vordergrund: Frontline. Field hospital. Enemy. Heroes. Grim. Das Wörterbuch der Pandemie bedient sich aus dem des Krieges. 2.352 Menschen sind offiziellen Zählungen zufolge auf der Insel an den Folgen einer Infektion mit Covid-19 verstorben. Der jüngste war 13 Jahre alt. Wäre er noch am Leben, wenn die Schulen eher geschlossen hätten?

Ich verfolge die täglichen Pressekonferenzen aus London nur noch sporadisch. Was mir, abgesehen von verlässlichen Zahlen, fehlt, sind Informationen darüber, wie viele Menschen sich mittlerweile erholt haben. In der London Review of Books lese ich einen Bericht aus Italien. Anscheinend wurden dort Patient:innen, egal welchen Alters, mit Vorerkrankungen wie Krebs oder Diabetes aufgrund der Überbelastung des Gesundheitssystems teilweise nicht einmal mehr von Ärzten untersucht, geschweige denn intubiert. Der Guardian berichtet, in Wales habe eine Allgemeinarztpraxis Patient:innen mit lebensverkürzenden Erkrankungen gebeten, ein Formular auszufüllen, in dem sie für den Fall einer Covid-19-Infektion Wiederbelebungsversuche ablehnen. Inzwischen habe man sich für diesen Brief entschuldigt (https://www.theguardian.com/society/2020/mar/31/welsh-surgery-says-sorry-after-telling-the-very-ill-not-to-call-999).

Angesichts solcher Meldungen stockt mir als junger Krebs-Survivor das Blut in den Adern.

Der hiesige NHS ist mittlerweile komplett auf Notfallbetrieb umgestellt, scheint es. Vorsorgeuntersuchungen sind ausgesetzt. Zahnarztbehandlungen finden nur noch begrenzt und in zentralisierten, klinischen ‘Hubs’ statt. Die Kapazitäten, die von der Pandemie Betroffene binden (werden), fehlen an anderer Stelle.

Ich denke an all diejenigen, die jetzt eine Chemotherapie durchlaufen, deren Behandlungen sich verzögern, die in ihrer Brust, am Hals, in den Hoden einen Knoten ertasten (etc.) und vor Angst nicht mehr schlafen können, deren Wartezeit bis zu irgendeiner Form von Gewissheit sich noch einmal um wer weiß wie viele Wochen verlängert (diese Mühlen mahlen schon unter normalen Umständen teils eher langsam). Meine eigene Dauertherapie kann in seltenen Fällen lebensgefährliche Nebenwirkungen haben. Die Löcher im Sicherheitsnetz für Menschen mit chronischen Erkrankungen wachsen.

Gleichzeitig gehört unter anderem für Survivors die nun für alle omnipräsente Unsicherheit zum täglich Brot. ‘Wir haben, was solche (gesundheits- bzw. lebensgefährdenden) Situationen angeht, die Nase vorn’, meint dazu sinngemäß der an Krebs und zudem gerade an Covid-19 erkrankte BBC-Journalist George Alagiah

Seine Wortmeldung ist eine der positivsten, klarsten und ermutigendsten, die ich in den letzten Wochen gehört habe. Sie bestätigt etwas, was ich spätestens seit meiner eigenen Erkrankung weiß: Dass gesunde Menschen, ja Gesellschaften insgesamt, auf die Erfahrungen chronisch bzw. Schwersterkrankter mehr hören sollten. Die Stärke und Perspektive auf das Leben dieser Menschen ist eine Ressource von Kraft und Erkenntnis, die allen zugute kommen sollte.

 

Svenja, Köln

Ich lese einen Artikel darüber, dass das präsenteste Gefühl zur Zeit Trauer ist (“That Discomfort You’re Feeling Is Grief”). Der Autor erklärt, dass Trauer eine Reihe von Ausprägungen annehmen kann: Trauer über den Verlust von Normalität, Verbindung, Mitmenschen. Trauer über die unbestimmte, bedrohliche Zukunft. Der Autor bricht es noch auf die fünf Phasen von Trauer herunter, aber mich interessiert vor allem der letzte Absatz: Es hilft, dieses unbestimmte Gefühl ‘Trauer’ zu nennen und es durchzufühlen.

“Your work is to feel your sadness and fear and anger whether or not someone else is feeling something. (…) Sometimes we try not to feel what we’re feeling because we have this image of a ‘gang of feelings.’ If I feel sad and let that in, it’ll never go away. The gang of bad feelings will overrun me. The truth is a feeling that moves through us. We feel it and it goes and then we go to the next feeling.”

Ich habe mich gefragt, warum ich so oft Freund:innen anrufe und scheinbar das immergleiche erzähle. Warum diese Aktivität so mehr Raum in meinem ‘Alltag’ einnimmt, als sonst, wenn ich nie telefoniere. Vielleicht ist es Trauerarbeit.

 

Fabian, München

Nagut. Kein Weg nach draußen, nichts passiert, eine Nebenrecherche weltweiter Verdopplungszahlen, Kennziffer 8,9 und Kennziffer 8,2 blieben hängen. Ein wenig Frustration schieben, ich mekre, ich bin nicht, ich denke ich bin nicht persönlich genug, oder, aber Selbst bringt man auch abseits der personalisierenden Pronomen, ohne nach Persönlichkeiten zu greifen, ins Spiel, Künstler fordern Corona-Bonds und ich weiß nicht, in welches Eck mich das stellt, wenn selbst gemessen an der Tragik der Umstände ahistorisierte Solidarität ans Jetzt Jetzt Jetzt geklebt mir Unbehagen bereitet. Die Frustration kommt nicht daher, gestaltet sich “nun”, als doch rein persönlicher Effekt, ein emotionaler Reflex, der mehr nachwirkt, als dass er rational nicht doch, doch bewältigt worden wäre. Was sind Begegnungen, und noch so vermittelte, und noch, schon der Sicherheitsabstand nimmt eine Mittlerinstanz ein, die sich nicht durch Konventionen deckt; was wären, wenn sie selbst sich nicht mehr auswirkten, oder ein Bedürfnis, zu agieren, während natürlich Vor- und Vor- und Vorgeschichten-, man könnte sagen, -geflechte “hier” schon lange determiniert zu haben schienen, dass es besser ist, nicht zu viel, ganz sparsamen Dosen “den” Kontakt in Erwiderungen bloß sich, vielleicht wieder, entwickeln zu lassen. Und alles jetzt, oder das, in den Hintergrund bitte, oder unscharf stellen – als bräuchte man solche diffusen, auslaufenden Tage.

 

Rike, Köln 

Notiz: die utopischen Momente im Alltag verstärken. Heute, mit den Mitbewohnerinnen in den Park. Mit Handys und Kopfhörern und einer gemeinsamen Playlist ausgerüstet in 30m Entfernung zueinander ausflippen und alles wegschütteln. Wir tanzen im Shuffle in verschiedenen Rhythmen. Hundläufer bleiben stehen und schauen zu. Nichts ist peinlich und ich bin nicht einsam, obwohl ich physikalisch distanziert bin. Wir lächeln uns alle immer wieder zu. Han. tanzt um einen Baumstamm, L- beginnt an einem Punkt, wild über die Wiese zu rennen, Mi. liegt mit dem Rücken auf dem Boden und strampelt in die Luft. Ich springe und tanze einen Hund mit zu kurzen Beinen an, ich entdecke Bewegungen, für die sonst in einem Club kein Platz ist. Das Licht kommt gegen 6uhr von schräg und ist orange, der Park ist ein ehemaliger Friedhof, ein paar Grabsteine und ein Kreuzjesus stehen noch so rum und erinnern. Dahinter die Gleise. Eine Rangierlok ohne Anhänger fährt vorbei. Ich entdecke einen Baum, der einen Grabstein seit ein paar Jahrzehnten auffrisst. Irgendwie fast schon zu sinnbildhaft. Abends gehe ich spontan ins Theater (ins HAU in Berlin).

Ich fasse es nicht. Ich sitze vor diesem Laptop alleine in meinem Zimmer und stelle mir vor, wie in dieser Welt verteilt Leute allein in ihren Zimmern vor ihren Laptops sitzen und HELP ME MAKE IT THROUGH THE NIGHT gemeinsam isoliert alleine sind. Dieses Paradox von gemeinsam einsam, ich bin zu nah am Wasser gebaut. Virtuelle Vertrautheit. Die anderen machen Yoga in ihren Zimmern. Mein Semester wurde mir heute abgesagt, das heißt für das nächste Jahr doch auch für mich kein Geld und kein Muss. Irgendwie passiert bei mir keine Panik. Ich könnte Spargel ernten in Oberbayern, wenn ich nicht zu sehr eine deutsche Kartoffel bin. Vielleicht fahr ich mit dem Fahrrad hin. Die interviewten Landwirtschaftsbayern sagen, mit den Deutschen haben sie schlechte Erfahrung, denen ist das physikalisch was arbeiten immer zu anstrengend.1Irgendwie reagiert mein Gehirn auf das Chaos dankbar. Alte Denke wird radikal durchfurcht, irgendwas wird lockerer. In meiner Hausarbeit über Beschleunigung und Entfremdung schreibe ich heute das vorläufige Fazit: Die „Coronakrise“ betrifft fast ausnahmslos die gesamte Weltbevölkerung und bremst Menschen und Unternehmen aus. Sie machen nie vorher da gewesene Kontingenzerfahrungen. Das könnte der Moment sein, in dem eine Zeitenwende möglich ist. Das Virus zeigt an, dass das dynamische Wachstum tatsächlich zu einem „totalen Unfall“ führt. Dem Wachstumsimperativ muss ein neuer Imperativ entgegen gesetzt werden: Sei so langsam wie möglich. Es ist die Aufgabe der Geschichtenerzähler:innen einer Gesellschaft, dieses neue Narrativ zu etablieren, damit nach der Krise die Wirtschaftsweisen übertönt werden, die erzählen, die selbe Geschwindigkeit müsse wieder aufgenommen werden.“ Mein Vater ruft spät Abends an, weil das Foto von meinem umgetopften Affenbrotbaum nicht angekommen ist. Er hat sich schon die Zähne geputzt, aber er kann nicht einschlafen, wenn er nicht weiß, ob noch was kommt. Ich verspreche ihm, dass ich ihm morgen auch die Hausarbeit zum Korrekturlesen schicke. Oton Nachricht: „Bin gespannt. Der Verstand braucht frisches Futter.“ Jahrgang 1946. Ich bin so vollgestopft mit Gedanken, dabei war ich heute nur einmal im Park, ich komme trotzdem nicht hinterher mit den hängen gebliebenen Bildern. Die wirklich alte Frau mit einem Kopf in einem Tuch und schief gelaufenen Beinen wie verbogene Löffel, in einem langsamen Gang, der ich entgegen jogge. Die Frage von mir an mich selber, was die Alte mit meinem Mitleid anfangen soll. Was kann ich in meiner Situation für andere tun, außer spenden, soli-einkaufen und versuchen, anderen per Telefon beizustehen? Die Hunde, die im Park an mir vorbeirennen, von denen ich sehe, wofür ihre Körper ausgelegt sind (Galopp). Meine staksigen Beine, mein Nerdneck und die Frage an mich selber, wofür mein Körper eigentlich evolutiv mal ausgerichtet wär.

Mitgehörte Straßengespräche: „Aber es kam ja von China.“
„Hat dat Blomenjeschäft hat dat denn noch auf?“

Ich habe aufgehört, Nachrichten über Zahlen zu lesen. „Die sofortige Information hilft nicht mehr zu entscheiden, was wichtig ist und was nicht.“ schrieb Virilio 1970.

1Ich kannte mal ein kleines 3jähriges kind, das sich diesen Satz von seinem Vater gemerkt hat und dann auch beim Spielen mit den anderen Kindern irgendwann immer anfing zu sagen: das ist

 

2.4.2020

 

Jan, Hannover

Gestern wie jeden Tag mit Kleiner Hund kreuz und quer durchs Viertel gelaufen. Noch nie bin ich so oft auf offener Straße angesprochen worden von Leuten, die man eigentlich nur vom Sehen kennt, weil man früher in denselben Cafés abhockte oder ähnliches, von Leuten also, denen man sonst allenfalls zunickt, wenn man ihnen im Stadtbild begegnet, wir sind schließlich immer noch eine Großstadt hier (zumindest aus kommunalrechtlicher Sicht). Jetzt aber reden die Leute. Man merkt, sie wollen, müssen nicht nur raus in die Sonne, sie wollen auch sprechen. Sie müssen kommunizieren. Notfalls sogar mit mir, dem riesigen Kerl mit dem mürrischen Gesicht und dem freundlichen Hund, der diese Art von öffentlicher Ansprache deutlich mehr gewohnt ist. Man bleibt stehen und unterhält sich darüber, wie es geht, wie man es aushält, was im Haushalt fehlt, wie lange es wohl noch dauert, ob das wirklich alles sein muss. In diesem Viertel ist man sofort beim distanzlosen Du, doch selbst die, die «das alles» für übertrieben halten, achten auf den nötigen räumlichen Sicherheitsabstand. Im Zweifel steht man lieber einen oder zwei Meter zu viel auseinander als zu wenig. (Ich höre und lese natürlich auch von anderen, distanz- und respektloseren Verhaltensweisen, aber ich erlebe die Menschen im Umgang überwiegend als vernünftig und vorsichtig. Als riesiger Kerl mit grimmigen Gesicht bin ich da aber sicherlich auch privilegiert, und Kleiner Hund mit seiner eklatanten, offensiven Niedlichkeit ist ohnehin ein Deeskalationswunder. Wir sind ein gattungsübergreifendes, mit einer Leine verbundenes Good-Cop-Bad-Cop-Team.) Die neue Verabschiedungsformel bei diesen ungeplanten Aufeinandertreffen in Parks und auf Plätzen lautet: «Ach, das wird schon alles wieder!», worauf entweder ein skeptisches «Na, hoffentlich!» zu erwidern ist oder ein optimistisches «Aber wann?»

 

Emily, Rostock

Abends habe ich jetzt mehr Zeit, aber ich stelle fest, dass ich keine Science-Fiction-Filme, keine Nachrichten und keine amerikanischen Late-Night-Formate mehr schauen kann. Alles zu dem ich normalerweise eine Distanz herstelle, rückt zu dicht an mich heran. Nachdem ich gestern das Gefühl hatte krank zu werden, liegt meine Körpertemperatur (laut Anzeige) jetzt bei 35,3 Grad und ich suche im Netz Unterkühlungstabellen nach Gewichtsklassen und mögliche Begründungen. Nachts der Traum an einem Steg festgekettet zu sein, während die Menschen am Ufer mit Ferngläsern eine nahende Sturmflut beobachten.

Zu früh morgens dann eine Nachricht. Stichwort Enttäuschung. Die Unfähigkeit zurück in schlechte Träume zu finden.

 

Wir und die Anderen – Das Feuilleton im Social Reading

von Vera K. Kostial (@vkostial)

 

In Zeiten von Social Distancing ist Bücherlesen die  risikoärmste Freizeitbeschäftigung. Doch Literatur als Flucht aus der realen Welt, als rein ästhetisches Erlebnis, Literatur um der Literatur Willen also, ist aktuell eher nicht in Mode. Literatur ist wieder politischer geworden, sie politisiert sich wieder, wie wohl spätestens in der zweiten Hälfte der 2010er Jahre allgemein übereinstimmend festgestellt wurde. Allein ein Blick auf die großen Feuilleton-Debatten des letzten Jahres zeigt: Wirklich bewegt hat die Literaturwelt das, was an der Schnittstelle von Literatur und Politik passiert ist. Takis Würgers Roman Stella wurde direkt bei Erscheinen zum Skandal und löste eine hitzige Debatte darüber aus, was Fiktion in Bezug auf die Shoah eigentlich darf.

Ganz anders stellte sich die Frage nach den Grenzen der Fiktion bei Robert Menasse, der diese weit über historische Tatsachen hinaus zur besseren Untermauerung seiner politischen Message ausdehnte. Uwe Tellkamps neuer Roman riecht schon vor Erscheinen nach Skandal und wirft erneut die Frage auf, inwiefern sich die politischen Ansichten des Verlags von denen des Autors unterscheiden dürfen. Und ob gewisse politische Ansichten mit dem Nobelpreis vereinbar sind, darum ging es im Fall Peter Handkes.

Diese Debatten waren sehr unterschiedlich strukturiert – Skandalereignisse, die mal vom Autor, mal vom Werk, mal von der Institution Literaturpreis ausgingen; unterschiedliche Diskurse, deren Dynamiken man wunderbar aufdröseln kann. Oder man kann erst einmal festhalten: Es geht in all diesen Fällen immer um handfeste Politik. Keine Plagiate, keine Persönlichkeitsrechtsverletzungen, sondern konkrete politische Themen hielten und halten das Feuilleton in Atem. Und das mag dann wirklich noch die allerletzten Zweifel an der gesellschaftlichen Relevanz von Literatur ausräumen. Anhand von Literatur werden Zeitgeschehen und gesellschaftliche Debatten gespiegelt. Die wichtige Frage ist allerdings: Interessiert das außer uns eigentlich irgendjemanden? Uns, die Literaturschaffenden, -vermittelnden, -analysierenden und -kritisierenden, kurz: die sogenannte ‘Literaturbubble’ oder anders, der Literaturbetrieb. Was ist mit dem Teil der literarischen Öffentlichkeit, der außerhalb dieser Filterblase steht, Leser:innen, die keinen literaturbetrieblichen oder -wissenschaftlichen Hintergrund haben, also in keinem professionellen Kontext mit Literatur zu tun haben? Werden die Feuilleton-Debatten in dieser Leser:innenschaft wahrgenommen oder weiterdiskutiert?  

Social Reading-Plattformen wie LovelyBooks, Goodreads etc. versprechen ein virtuelles gemeinsames Leseerlebnis für genau diese Zielgruppe nicht-professioneller Leser:innen. Professionell Lesende sind natürlich nicht ausgeschlossen, kennzeichnend für “Deutschlands größte Buchcommunity” LovelyBooks ist jedoch das niedrigschwellige Angebot für alle User:innen, Rezensionen zu verfassen, Bücher auf unterschiedliche Art zu bewerten und in der Community zu diskutieren. 1,5 Millionen Leser:innen nutzen nach LovelyBooks-Angaben monatlich die Plattform. Und so ist LovelyBooks bestens geeignet für einen Blick aus der Bubble heraus, um festzustellen, ob nicht-professionelle Leser:innen teilnehmen an dem, was das Feuilleton bewegt, oder ob sie ein gänzlich anderes Gespräch über Literatur führen. Ist das Social Reading eine Art Laien-Feuilleton, wo die dortigen Diskussionen weitergeführt werden, oder doch ein Paralleluniversum? Dem möchte ich hier nachgehen anhand der Leser:innen-Bewertungen zweier Bücher, die 2019 in der Literaturkritik für Aufruhr gesorgt haben: Robert Menasses Die Hautpstadt und Takis Würgers Stella

Den oder die prototypische:n User:in, so viel vorab, gibt es auf LovelyBooks nicht, vielmehr lassen sich drei unterschiedliche Schwerpunkte der Literaturrezeption feststellen. Eine Tendenz zum delectare (Lektüretyp 1) oder aber zum prodesse (Lektüretyp 2), abgeleitet von der horatischen Formel, Dichtung müsse unterhalten und/oder nützlich sein, oder aber eine bewusste Auseinandersetzung mit der professionellen Literaturkritik (Lektüretyp 3). 

Lektüretyp 1, Delectare: „Bewegende Geschichte – Muss man unbedingt lesen!“, schreibt User:in KuElKrk zu Stella. Und erklärt weiter: „Man spürt die Angst und man stellt sich immer wieder die Frage, wie können Menschen anderen Menschen so viel Leid antun.“ Mit dieser Art von Bewertung ist KuElKrk nicht allein. Wiederholt ist von Emotionen während der Lektüre die Rede, deren Ausbleiben von der Userin StephanieP bemängelt wird: „Takis Würgers Schreibstil ist nüchtern und beschreibend, wodurch mich leider keine Emotionen erreichen konnten.“ Der Account gst hingegen war von Stella „emotional sehr berührt“; ebenso „sehr berührt“ fühlt sich FreizeitPrinzessin: „Es wird nie leichter etwas über diese schreckliche Zeit zu lesen, hören oder zu sehen. Wir können alle froh sein das nicht selber miterleben zu müssen. Das Buch regt zum nachdenken an: würde ich das selbe tun wie Stella? Wie würde ich handeln?“

Es geht für diese Leser:innen also um eine identifikatorische Lektüre. Das Lesen muss Emotionen hervorrufen und muss die Figuren nicht nur nachvollziehbar, sondern nachfühlbar machen. „Gegen Ende war es schwierig zu entscheiden, wen und was man schließlich mochte“, schreibt BuecherweltenBummlerin. Emotion in Form eines Berührtwerdens durch die Lektüre und Identifikation in Form von Nachfühlbarkeit und Sympathie, das sind die zwei Zutaten für Leselust: Ich und das Buch.

Lektüretyp 2, Prodesse: Lernen durch Lesen – dieser Rezeptionsmodus lässt sich auch bei Stella beobachten, findet sich in Reinform aber bei Robert Menasses Roman Die Hauptstadt. „Robert Menasse erzählt auf spannende Weise wie es in Brüssel, genauer der Europäischen Kommission, zugeht. Dabei lernt man viel über Politik und auch über andere Mitgliedsstaaten“, so beurteilt AlexandraK den Roman. Ähnlich schreibt Alexlaura, es sei „sehr spannend hinter die Kulissen der Behörden zu sehen und dass auch hier nur normale Menschen tätig sind, die wie alle auch ihre persönlichen Schicksale haben“. Die Bewertungen dieser beiden User:innen reihen sich ein in viele weitere, die Menasses Roman vor allem für eines loben: die politische Bildung, die sie als Leser:innen erfahren; mehr noch, die unterhaltsame politische Bildung. Damit wären prodesse und delectare doch wieder vereint, wobei dem delectare aber eine andere, weniger emotional und identifikatorisch aufgeladene Funktion als bei Typ 1 zukommt. 

Dass Menasses Buch auch wirklich Bildungsarbeit leisten kann, dafür wird von mehreren Rezensent:innen seine Recherchearbeit in Brüssel als Beleg angeführt. Der Autor war vor Ort, er hat sich also informiert; und diese Tatsache verleiht ihm in den Augen vieler Leser:innen eine Autorität und Glaubwürdigkeit in der Wissensvermittlung. Zusätzlich erfolgt häufig eine Übertragung des Literarischen in den realen Bereich der Politik. Viele User:innen positionieren sich proeuropäisch zu Menasse. Dass die eigentliche Geschichte in Die Hauptstadt Fiktion ist, wird als unterhaltendes Element der politischen Bildung gutgeheißen. Ganz ähnlich bei Würger: „Geschichtlich wirkt das Buch gut recherchiert und ich denke, dass der Autor die historischen Fakten lange und ausführlich studiert hat. Die Vermischung aus Fiktion und Fakten finde ich wirklich gelungen“, schreibt StephanieP.

In diesem Typus der Literaturrezeption offenbart sich ein Wunsch nach Erklärung und Einordnung politischer Sachverhalte durch einen als Experte wahrgenommenen Autor. Interessant ist mit Blick darauf die Rezension des Accounts Alais, für den „[d]ie einzige Enttäuschung“ an Die Hauptstadt war, dass die Figur Armand Moens erfunden ist; „da dieser aber zu jenen Menschen gehört, die man unbedingt erfinden müsste, wenn es sie nicht gäbe, finde ich es umso besser, dass Menasse das für seine Leser übernommen hat.“ Dass Menasse neben dem fiktiven Ökonomen auch Zitate des sehr realen Walter Hallstein erfunden und bekanntermaßen nicht nur in Die Hauptstadt, sondern auch in als faktual gekennzeichneten Texten eingebaut hat, findet in der LovelyBooks-Community keinerlei Erwähnung.

Lektüretyp 3, Wir und die anderen: Sehr wohl setzt man sich in den Rezensionen zu Menasse aber mit der Verleihung des Deutschen Buchpreises auseinander, und diese Auseinandersetzung ist symptomatisch für einen dritten Typus des Lektüreverhaltens auf LovelyBooks: die selbstbewusste Positionierung zum Literaturbetrieb. Viele User:innen stimmen der Preisvergabe in ihren Rezensionen ganz dezidiert zu, andere sind nicht vollkommen überzeugt: „Mein Leserherz blutet – wollte ich diesen Roman doch eigentlich in den Himmel loben“, schreibt MikkaG (vier Sterne). „Nicht nur hat es den Deutschen Buchpreis gewonnen, nein: der Autor wirkte bei der Verleihung so charmant verblüfft und überrumpelt, dass ich bereit war, sein Werk zu lieben. Stattdessen muss ich mich damit begnügen, dass ich es ‚nur‘ gut finde…“. Und Pongokater, der fünf Sterne vergibt, schreibt: „Originell ist es nicht, dieses Werk von Robert Menasse zum ‚Roman des Jahres‘ zu erklären. Aber unvermeidlich.“

Der Buchpreis zeigt sich hier als wichtige Richtschnur zur eigenen Positionierung – was allerdings auch ex negativo funktionieren kann: „Literaturpreise sind mir in meiner Auswahl der Lektüre nicht besonders wichtig, da ich oftmals nicht finde, dass prämierte Romane besser sind als andere“, schreibt Petris. „Mir ist bewusst, dass die Kriterien der Juroren andere sind als meine. Ich lese schon mit hohem Anspruch und wünsche mir ein gewisses Niveau, aber mich muss eine Geschichte in erster Linie fesseln, berühren oder auch irritieren.“ 

Eine solche bewusste Abgrenzung von der professionell literaturkritischen Wertung findet sich auch in Bezug auf Stella: „Ich schätze es nicht, wenn mir das Feuilleton vorschreiben möchte, wie ich ein Buch zu bewerten habe und gehe gerne unvoreingenommen an eine Lektüre heran, bilde mir meine eigene Meinung“, schreibt leselea in ihrer positiven Bewertung des Romans. Strukturell ähnlich, aber mit entgegengesetztem Ergebnis argumentiert Stephan59. An den vorhergehenden Debatten „will ich mich nicht beteiligen, sondern nur darüber etwas schreiben, wie der Roman auf mich gewirkt, was ich dabei gedacht und empfunden habe.“ Und auch kruemelmonster798 bezieht die Lektüre, die „mit etwas Abstand“ zu dem „Medienrummel“ erfolgt sei, ausschließlich auf sich selbst: Das Buch habe ihn:sie „sehr berührt“, und die Entscheidung über die Angemessenheit der Geschichte müsse jede:r Leser:in für sich selbst treffen.

Ein konkretes Leser:innen-Selbstverständnis kommt in diesen Bewertungen zum Ausdruck. In Relation und Abgrenzung zu den Feuilleton-Diskussionen wird eine eigene Meinung gebildet, wodurch eine bewusste Identität als Laienleser:in etabliert wird. Dies kann man einerseits als gemeinschaftsstiftend interpretieren – die Gemeinschaft der Laienleser:innen bei LovelyBooks. Gleichzeitig sind die Bewertungen aber, besonders im Falle von Stella, sehr auf das eigene subjektive Leseerlebnis bezogen. Dennoch wird bei beiden Büchern ein politischer Mehrwert für die Gesellschaft betont, indem die jeweilige Thematik als wichtig eingestuft wird. 

Und dann gibt es noch Leser:innen, die nach bestimmten Strukturen hinter den Rezeptionsprozessen suchen, die sie beobachten. Da wird im Falle von Stella eine „Hetzkampagne“ vermutet oder aber ein von Würger selbst initiierter „Marketing-Trick“. Ähnlich wird bei Menasse vermutet, er habe Die Hauptstadt speziell an die Vorlieben der Buchpreis-Jury angepasst. Diskussionen solcher Art können durchaus auch im Feuilleton stattfinden; gewagter ist da schon die Hypothese von Userin ronja_waldgaenger, die EU-Kommission habe Die Hauptstadt zur „Imageverbesserung“ schreiben lassen. „Das Feuilleton wäre begeistert, der Autor würde mit Preisen überhäuft und am Ende würde die gute Geschichte des europäischen Friedensprojektes wieder in den Herzen und Köpfen der Menschen ankommen.“ Diese Hypothese sei, so lenkt die Rezensentin gleich ein, „– so steht zu hoffen – vermutlich am weitesten von der Realität entfernt“, zeige aber die unklare Gattungszuordnung von Menasses Text – „Roman“ oder „Aufklärungs- und Erziehungsschrift“.

Durchaus ernsthaft wird eine solche Unterwanderung von Literaturpreisen an anderer Stelle diskutiert: in der Kommentarspalte zu einer Rezension der Hauptstadt im Tagesspiegel, die bezeichnenderweise in der Sparte Politik erschien. Roland Freudenstein, seines Zeichens EVP-Politiker und in Sachen Literaturkritik somit auch Laie, ignoriert die Gattungsbezeichnung Roman und wettert gegen Anti-Nationalismus und Menasses „fest geschlossenes, links-westeuropäisches Weltbild“. „Klingt nach politisch gewolltem Bestseller!“, kommentiert Holmichhierraus. Buchpreise seien ganz eindeutig moralisch aufgeladen und würden „links-einseitige Bücher“ propagieren. Aber: „Die Leser merken das doch!“ Und die Amazon-Rezensionen zeigten eindeutig: Die Hauptstadt sei gar nicht so gut. Eilfertige Zustimmung findet dieser Kommentar durch ralf.schrader: „Der Deutsche Buchpreis ist seit der Jahrtausendwende mit solchen Machwerken wie Der Turm genau so der Literatur entfremdet und der politischen Agitation des Westens untergeordnet, wie der Literatur- Nobelpreis.“

Dass Der Turm nun mit linker Unterwanderung des Literaturbetriebs in Verbindung gebracht wird, vermag die Paradoxie dieser verschwörungstheoretisch anmutenden Behauptungen noch um eine Umdrehung zu steigern. Sie zeigen einen Extremfall von Literaturrezeption: Die Denkweise des ‚Wir gegen die da oben‘, die mittlerweile so strukturgebend für den politischen Diskurs des rechten Rands ist, wird hier in das Feld der Literatur überführt. Die Literaturpreise werden als feindliches Anderes etabliert, dessen Intentionen seitens der Gemeinschaft der Lesenden durchschaut würden, die dann in einem anderen Medium – Amazon-Rezensionen – die ‚falsche‘ politische Haltung des Romans sanktionieren würden. 

Solche Extremfälle finden sich – zumindest bei den gesichteten Beispielen – auf LovelyBooks nicht, was wiederum ein interessantes Spezifikum der Social Reading-Plattform verdeutlicht. Tatsächlich sind die User:innen dort offenbar mehr buch- und weniger debattenfixiert. Im Falle von Stella wird zwar auf die Feuilleton-Diskussionen eingegangen, die gingen allerdings direkt mit Erscheinen und somit Lektüre des Buchs einher. Debatten, die weit nach Erscheinen des betroffenen Buchs oder Gesamtwerks ihren Anfang nahmen, werden auf LovelyBooks nicht abgebildet: Der Hallstein-Skandal und die Diskussion um Tellkamp finden dort keinen Niederschlag, auf die Nobelpreisvergabe an Peter Handke geht lediglich eine Rezension ein. Direkte Reaktionen auf Feuilleton-Artikel gibt es zu diesen Debatten allerdings durchaus; zum Falle Tellkamps verzeichnet ein einziger Zeit-Artikel von Ende Januar 91 Kommentare. Sie nehmen als Laienkritik im Rahmen und als Reaktion auf ein Medium der professionellen Kritik eine Art Zwischenposition ein.

Spezifisch für die Social Reading-Plattformen sind auch die ganz unterschiedlichen Arten der Literaturbewertung, die hier vereint werden. Neben den Rezensionen erfüllt die moderierte „Leserunde“ zu Stella sicherlich noch einmal andere Bedürfnisse. Die Antwort jedenfalls auf die Frage, wie viel Feuilleton im Social Reading steckt, liegt erwartungsgemäß im Dazwischen: Weder die einigermaßen elitäre Annahme, die Feuilleton-Debatten würden nur die Literatur-Filterblase selbst ansprechen, noch die ebenso elitäre Annahme, dass sich natürlich alle Leser:innen dafür interessierten, trifft zu; stattdessen zeigt sich bei LovelyBooks ein ganz eigenes Lektüreverhalten mit unterschiedlichen, sich überschneidenden Tendenzen: selbstbewusste Positionierung zum Feuilleton, der Wunsch nach unterhaltsamer politischer Sachinformation, das Bedürfnis nach ‚einfach nur Literatur‘  – und wohl einfach die Freiheit zu lesen, wie man möchte.

 

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Soziale Distanz – Ein Tagebuch (5)

Dies ist der fünfte Teil unseres kollektiven Tagebuches, in dem wir mit zahlreichen Beiträger*innen fortlaufend sammeln, wie der grassierende Virus unser Leben, Vorstellungen von Gesellschaft, politische Debatten und die Sprache selbst verändert. (hier Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4)

Das mittlerweile über 70 Seiten umfassende kollektive Tagebuch “Soziale Distanz – Ein Tagebuch” gibt es auch als vollständige Leseversion in Google Docs.

Es schreiben mit:

Andrea Geier: @geierandrea2017, Anna Aridzanjan: @textautomat, Berit Glanz: @beritmiriam, Birte Förster: @birtefoerster, Charlotte Jahnz: @CJahnz, Elisa Aseva, Emily Grunert, Fabian Widerna, Jan: @derkutter, Johannes Franzen: @johannes42, Magda Birkmann: @Magdarine, Maike Ladage @mai17lad, Marie Isabel Matthews-Schlinzig: @whatisaletter, Matthias Warkus: @derwahremawa, Nabard Faiz: @nbardEff, Nefeli Kavouras, Philip: @FreihandDenker, Rike Hoppe: @HopRilke, Sandra Gugić: @SandraGugic, Sarah Raich: @geraeuschbar, Shida Bazyar, Simon Sahner: @samsonshirne, Slata Roschal, Sonja Lewandowski: @SonjaLewandows1, Svenja Reiner: @SvenjaReiner, Tilman Winterling: @fiftyfourbooks, Viktor Funk: @Viktor_Funk

27.3.2020

 

Viktor, Frankfurt

Denke nun länger darüber nach, ob ich das hier schreibe oder nicht, aber wann, wenn nicht jetzt offen sein … Ich bin zu 50-Prozent allein erziehend (der Ausdruck kommt mir komisch vor), d.h., seit der Trennung vor paar Jahren lebt mein Sohn eine Woche bei mir, eine Woche bei seiner Mutter. Im „normalen“ Alltag klappen die Wechsel gut, wir drei haben uns bestens aufeinander eingespielt und die Trennung war für jede:n das Beste, was uns passieren konnte.

In der Corona-Zeit hatte ich etwas Angst, wie das laufen soll. Homeoffice, mehr Zeit mit dem Kind, mehr Pflichten (Schule zu Hause usw), zugleich können wir den Kreis der Kontaktpersonen nur begrenzt minimieren wegen der Wohnungswechsel, weil es nun einmal Nachbarn, Partner und andere Menschen gibt, die da sind.

Ich habe erwartet, dass der Stress größer wird. Und er wurde größer. Täglich ein Mindestpensum an Schulaufgaben, täglich mehrmals kochen, Wohnung einigermaßen sauber halten, das Bedürfnis, hier zu schreiben, zu lesen, sich zu informieren  …

Was half, war ein „Ach, scheiß drauf“. Meine glücklichsten Kindheitserinnerungen sind die, in denen ich ein inniges Erlebnis mit meinen Eltern – vor allem meinem Vater – hatte. Es sind keine guten Schulnoten, es ist kein Lob für eine Leistung, sondern eine gemeinsame emotionale Erfahrung.


Als die Anfrage für eine Online-Lesung am 25.03. auf dem Twitter-Account des Internationalen Kulturzentrums Heidelberg kam, wollte ich zuerst absagen. Ne, dachte ich, das wird nie gehen, wenn mein Kleiner dabei ist. Er kann nur dann ruhig sitzen, wenn er zockt, und selbst dann arbeitet sein Körper, seine Beine sind in der Luft, die Hände fuchteln und ich sehe vor meinem geistigen Auge mein Handy irgendwo hin fliegen. Ich sprach mit ihm, ob er sich vorstellen könne, eine halbe Stunde ruhig zu sein. Ich erkläre, dass es kürzer als eine Schulstunde sei. Er verstand nur „Schulstunde“ und verdrehte die Augen. Wir übten. Beim Übungsvorlesen sprang er auf, zog Grimassen und tanzte. Ich schwankte zwischen Lachen und Verzweiflung und Stress (um nicht zu sagen Wut).

Ach, scheiß drauf, wenn er rumalbern will, soll’s so sein. Dann erklärte ich ihm noch vor der Online-Lesung, dass ich nervös bin, und dass es nichts mit ihm zu tun hat. Dann las ich. Und er lag neben mir auf zwei Stühlen, die er sich vorher zusammengeschoben hatte („Falls ich einschlafe.“) und blieb da ruhig liegen, bis ich fertig war.

„Es war sooo anstrengend. Aber ich habe es geschafft, ich habe es geschafft, ich bin ruhig geblieben!“ Er hüpfte nach der Lesung durch die Wohnung und freute sich über sich selbst. Und das war eigentlich der schönste Moment des Tages: seine Freude über sich selbst.

Die Verben und Nomen und die Rechenaufgaben, die wir diese Woche geübt haben, wird er vergessen. Aber ich hoffe sehr, dass der Vorlese-ruhig-bleiben-können-Abend in seiner Erinnerungen bleibt.

 

Sarah, München

Ich halte das nicht mehr lange aus, schreibt eine Freundin. Wenn ich noch lange meine Teenager-Tochter zu jeder Zeile Hausaufgabe bringen muss, müssen hier die Messer versteckt werden.

Ich weiß nicht, wie lange ich das noch aushalte, schreibt eine andere Freundin. Ich darf eigentlich noch nicht mal die Nachbarin sehen. Ich wohne alleine. Ich kann doch nicht Wochenlang keinen einzigen Menschen treffen?

Die einen ertragen die Nähe kaum, den anderen fehlt sie. Beide haben recht. Es gibt keinen guten Zustand. Und doch ist es, wie so vieles, einfach eine Verschärfung des Früheren. Auch vor Corona waren die einen zu überlastet, die anderen mit zu wenig Austausch. Nicht jeder, immer. Klar. Aber die Quarantäne friert unseren hauptsächlichen sozialen Zustand ein. Und der ist oft: Allein oder Kleinfamilie. Und wir brauchen eigentlich beides. Und mehr. Mehr Menschen. Ich habe jetzt verstanden, wie sehr mich auch die kleinen Begegnungen tragen. Die zwei scherzhaften Halbsätze in der U-Bahn. Das verständnisvoll-verschwörerische Anlächeln von Mutter zu Mutter, wenn man sich mit einem plärrenden Kleinkind auf dem Arm nach Hause kämpft, der etwas sinnentleerte, aber freundliche Schwatz mit der betagten Nachbarin. Dieses hauchdünne Geflecht aus Momenten der Nähe. Jetzt, wo es fehlt, ziehen sich die Leerstellen schmerzhaft durch die Tage.

 

Jan, Hannover

Gestern nachmittag marschierten T., Kleiner Hund und ich mal wieder unten am Fluss entlang. Der Weg auf dieser Runde führt am Krankenhaus vorbei, in dem mein Vater vor einigen Jahren gestorben ist. Später wurde es abgerissen und neu aufgebaut, und dann wurde meine Mutter dort ständig eingeliefert, wenn sie wieder keine Luft bekam (oder in eines der vielen anderen Krankenhäuser in der Region, je nachdem, wo gerade noch ein Bett frei war, egal, ob es dort eine zuständige Fachabteilung gab, Hauptsache, keine unwirtschaftlichen «Überkapazitäten» bereithalten; ich kenne seither fast jede Notaufnahme und jede Intensivstation im Landkreis). Zwei Jahre nach meinem Vater starb auch sie. Mir ist also immer etwas mulmig zumute, wenn ich mit finster entschlossener Miene am Krankenhaus vorbeistapfe.

In den letzten Tagen habe ich mir immer wieder vorzustellen versucht, wie meine federleichte, von der COPD ausgezehrte, an den fortwährend brummenden und zischenden Sauerstoffkonzentrator geschnürte und immer weiter rauchende Mutter wohl diese pandemische Zeit überstanden hätte. Oder wie ich hilflos versucht hätte, meinem immer wieder das gleiche Lied auf der Mundharmonika spielenden Alzheimer-Vater den Ernst und die Notwendigkeit von Social Distancing zu erklären. Dann bin ich froh, dass sie das hier beide nicht mehr miterleben müssen. Auch T.s Eltern leben nicht mehr, bei ihnen kam der Tod überraschender und nicht so quälend. Unsere Familie hat Corona also nicht mehr erreicht, nur T. und ich sind noch da und ein paar verstreute fernere Verwandte hier und da; Großeltern gibt es schon lange keine mehr. Es mag oberflächlich klingen, aber das macht den Umgang mit dem Virus einfacher.

Aber jetzt, da der Tod die Familie weitgehend abgeräumt hat, sind offenbar die Freunde und Bekannten dran. Ich hatte gehofft, ich würde noch ein bisschen älter werden, bevor es wieder losgeht. Vor ein Monaten gab es den dritten Suizid von jemand, den ich recht gut kannte. Hatte ich bis dahin zumindest gedacht. Bei meinem besten Freund J. haben sie im vergangenen Sommer Krebs im fortgeschrittenen Stadium festgestellt. Seitdem versuche ich irgendwie zu akzeptieren, dass er sterben wird. Ich will mir von fucking Corona nicht kaputtmachen lassen, was die letzten gemeinsamen Monate sein könnten. Aber als Chemopatient ist er auf Distanz noch mehr angewiesen als die meisten. Seine Diagnose erhielt er im wohlvertrauten Krankenhaus am Fluss, das sie mittlerweile vornehm Klinikum nennen, dort saßen wir auf dem Bett und heulten. Die Tage danach marschierten wir jeden Tag mit Kleiner Hund auf dem Damm am Ufer entlang und versuchten, einen sinnvollen Weg zu erkennen durch das, was kommen würde. Stattdessen kam eine globale Pandemie.

Es ist ein wohltuend kalter Nachmittag, die Sonnenstrahlen gleißen durch die winterkahlen, mistelbepackten Äste der alten Baumriesen auf den Flusswiesen. Ein paar Krankenschwestern stehen in einem Glaskabuff vor dem Cafeteria-Ausgang des Klinikums und rauchen. Für Besucher ist das Krankenhaus geschlossen, Corona-Prävention. Auf der anderen Seite des Flusses erhebt sich die kühn geschwungene Westtribüne des Stadions, das sie nach dem Krieg auf dem zusammengeschobenen Trümmerschutt der zerbombten Stadt errichtet haben. Bis vor ein paar Jahren hatten T., J. und ich dort Dauerkarten. Und mein Vater war immer so aufgeregt gewesen, wenn ich ihn mitgenommen hatte! Jetzt liegt das Station nutzlos und still herum. Kleiner Hund eiert schnuppernd und schwanzwedelnd die Böschung hinab und hinauf, er mag es hier. Hundefreilauffläche. Ich setze meine finster entschlossene Miene auf und bin froh, als das Krankenhaus endlich hinter uns liegt. Von mir aus könnten sie es gleich nochmal abreissen.

 

Janine, Flensburg

Ausnahmezustand, alle reden vom Ausnahmezustand: die Medien, die sozialen Netzwerke, die Nachbar*innen, die Home Office-Kolleg*innen. Kollektive und begründete Angst, dass die Alten, die Kranken, die Schwachen in der Familie oder im Freundeskreis dieses Jahr nicht überleben. Bekannte erzählen mir davon, wie sie ihre Eltern oder Großeltern übers Telefon anflehen, so weit möglich zuhause zu bleiben, stay safe!!!, schildern das merkwürdige Empfinden bei dieser Rollenumkehr.

Auch ich habe Angst. Weil ich so ruhig bin. Es gruselt mich vor mir selbst, dass ich keine Panik empfinde und ich frage mich, was nur falsch ist mit mir. Dann weiß ich es wieder: Ich lebe einfach normal weiter. Weil nichts an dieser Situation neu für mich ist. Mein Krisenmodus, meine Alarmbereitschaft, meine Vorsichtsmaßnahmen, mein Verantwortungsgefühl. Meine Eltern leben in Nordrhein-Westfalen, bei Köln. Aktuell gibt es dort etwa 10.000 Corona-Infizierte.

Meine Mutter ist seit fast 40 Jahren an Multipler Sklerose erkrankt, inzwischen mehrfach behindert, Pflegestufe 5. Die Sorge, „was“ könnte mit ihr sein, begleitet mich und meinen Vater seit Jahrzehnten. Plötzliches Fieber, Halluzinieren, nächtliche Atemstillstände. Lungenentzündung, Infektionen, immer gerade noch rechtzeitig bemerkt, fünf vor zwölf. Als Kind führte mich mein Weg von der Schule oft nicht nach Hause, sondern direkt ins Krankenhaus, zu ihr.

Mein Vater, ebenfalls Hochrisikogruppe mit beinahe achtzig und diversen Vorerkrankungen: „Ich habe keine Angst vorm Sterben. Wir müssen alle mal gehen. Ich habe nur Angst, was dann mit deiner Mutter ist.“ Eine für ihn ganz gewöhnliche Aussage, in unseren Sonntagsnachmittagstelefonaten, seit fast zwanzig Jahren. Im Moment tätigt er sie lediglich noch ein wenig öfter und dringlicher.

Meine Mutter könnte ohne meinen Vater, der sich mithilfe eines Pflegedienstes um sie kümmert, nicht überleben. Mein Vater will nicht ohne meine Mutter sein, niemals. Sie haben mir schon vor Jahren mitgeteilt, wo und wie sie bestattet werden wollen: nebeneinander, in einer Urnenwand.

Seit Ausbruch von Corona denke ich manchmal, es gibt doch einen Gott, er hat mein Bitten erhört. Er hat diesen Virus geschickt, damit meine Eltern zusammen sterben können. Jetzt sitzt er da, gekränkt, zieht ein Journal heraus, eine saubere Liste: Hier. November 1999, da hast du es dir doch zum ersten Mal gewünscht! Doch er vergisst, schon wieder, dass das eine andere Zeit gewesen ist. Eine, in der er und ich noch eine Beziehung hatten.

Ich stehe am Küchenfenster und blicke über den Hafen und die Förde bis zum dänischen Ufer. Das Wetter ist so frühlingshaft klar, dass ich bis zu den Ochseninseln sehe und mir einbilde, selbst Annie’s Kiosk in Kruså zu entdecken, wo es die roten Pølser und die gigantischen Softeiswaffeln gibt.

Ich habe meine Eltern an Weihnachten zuletzt gesehen. Ich werde nicht hinfahren, man soll jetzt vorsorglich nicht reisen. Stattdessen werde ich auf den Anruf warten, wie abgemacht, für wenn „was“ ist.

 

Birte, Darmstadt

Ich würde so gerne mal auf die Shetlandinseln reisen, vielleicht käme @Wolfseule mit und wir blieben möglichst lange, hätten da ein Haus. Ich bin aber gar nicht so ein Outdoorfan, deshalb ist in meiner Vorstellung immer gutes Wetter und wenn nicht, dann schreibe ich eben. Gerade habe ich diesen schönen Tweet entdeckt, Seehunde singen in einer Bucht.

Wonach wir greifen in Ausnahmesituationen. Wie unsere Erfahrungen sind. Das soll jetzt gesammelt werden, für die nachfolgenden Historiker*innen und mein erster Gedanke war: bloß nicht.

 

Nefeli, Hamburg / Berlin 

 


Die Sonne scheint heute unverschämt unbekümmert. Trotzdem keine Lust gehabt, rauszugehen. Ich war um genau zu sein nur 8 Minuten draußen, habe S. beim Holzschleifen zugeschaut und mit ihm Salzstangen gegessen. Ansonsten habe ich den Platz auf dem Sofa kaum verlassen. Zwischendurch Verwunderung, wie lange und wie blendend das Licht sein kann. Heute früh dann die erste online-Hafenlesung aufgenommen. Ich war aufgeregt und dann traurig, weil es ja doch nicht ist wie die richtige Hafenlesung ist und dann aber wieder erleichtert, weil es besser als nichts ist.

Ansonsten träge. Schlecht und wenig geschlafen. Im Traum sammelte ich Steine in einer Wüste.

 

Slata, München

Der Abend als Versuch, den Kern dieses Tages auszumachen, ihn im Inneren abzutasten, mit den Fingerspitzen nach Unterschieden zu suchen, von allen Seiten, diesen Tag von anderen Tagen abzugrenzen. Emil kommt ins Zimmer und legt eine Wunschliste für seinen Geburtstag im November hin.

 

Rike, Refrath

Die Bauarbeiter hören laut by the rivers of babylon und brüllen sich gegenseitig im strahlenden Sonnenschein an.

Eine Onlinedatingapp fragt: what’s your ideal virtual date?

Außenwerbung trifft jetzt nicht mehr jeden.

Wir entwickeln langsam eine Sicherheit in der Unsicherheit,

schauen Pornos und befriedigen uns selber oder spielen wieder Chatroulette,

die meisten Unfallumarmungen passieren im Haushalt.

 

Andrea, Tübingen

Gestern Abend bin ich direkt nach der OnlineLesung von Berit Glanz – #CoronaReadings – ins Bett gefallen. Ich bin so alt, dass mir dabei eine Zeile aus dem Film “Harry und Sally” einfiel: “Das habe ich seit der achten Klasse nicht mehr gemacht”. Zu wenig Schlaf, nicht nur wegen viel Arbeit, sondern auch innerer Unruhe, Erschöpfung. Jetzt ist es besser. Nach dem Frühstück habe ich auch endlich wieder was zum #LyrikSamstag auf Twitter beigetragen!

In der ganzen letzten Woche habe ich so viel und so intensiv kollaborativ gearbeitet wie noch nie, in verschiedenen Gruppen und in schnellem Wechsel zwischen Dokumenten, Mails, Skype, Whatsapp, Twitter, dabei auch verschiedene Tools für die Lehre gemeinsam ausprobiert … Dazu kamen Absprachen für Artikel und Interviews zum Offenen Brief für ein #NichtSemester. Mehr als 6000 Wissenschaftler*innen haben ihn innerhalb einer Woche unterzeichnet, und das ist ein so starkes Signal! Gleichzeitig habe ich fünf Seiten für meine Germanistik als Einstieg in die digitale Lehre zusammengestellt, eine ganz pragmatische & niedrigschwellige Einführung nach dem Motto “Die Studierenden sind angemeldet, was nun?”-Kommunikation, und Kolleg*innen haben nun schon angefangen, das Papier mit Informationen, Vorschlägen, konkreten Erfahrungen weiterzuschreiben. Dass die Initiative für das #NichtSemester und das Engagement für eine möglichst gute digitale Lehre im Sommersemester Hand in Hand gehen, verstehen manche (teilweise absichtlich, um sich als ‘Macher’ präsentieren zu können?) offenbar gar nicht.


In der Germanistik organisieren sich gerade auch universitätsübergreifend Gruppen und Projekte zur digitalen Lehre. Das ist wunderbar zu sehen, und ich freue mich, dass ich ein Teil davon bin. Dabei geht es erstmal viel um Tools & Austausch von Material, aber hoffentlich bald auch um die Frage, wie wir die virtuelle Universität gemeinsam als einen auch emotionalen Raum gestalten können. Denn niemand weiß, was auf uns noch zukommt und unter welchen Bedingungen Lernen und Lehren stattfinden wird.

Einige wenige heftige Reaktionen auf das #NichtSemester haben mir auch gezeigt, wie schwer es ist, über Solidarität zu sprechen. Manche tun so, als würde man, wenn man im eigenen Verantwortungsbereich etwas für die am meisten belasteten Gruppen tun will, nicht sehen, wie es anderen geht, den Pflegekräften, dem gesamten medizinischen Personal, Kassierer*innen u.v.m. Aber für die einen etwas zu tun, bedeutet nicht, die anderen nicht zu sehen. Ich habe eine Petition für den besseren Schutz von Pflegekräften unterschrieben. Aber mehr kann ich da im Moment nicht tun. An der Uni dagegen schon. Es gibt eine Verantwortung im eigenen Alltag und im Beruf, die man wahrnehmen sollte, weil man hier mehr und konkreter etwas bewirken kann als das mit Solidaritätsadressen der Fall ist.

 

Shida

Zu diesen merkwürdigen Spaziergängen in der großen, gruselig stillen Stadt muss ich mich zwingen. Ganz toll, frische Luft, super fürs Immunsystem, ich würde am Liebsten nur drinnen sein und prügle mich raus, weil ich es mir hinterher ja dann doch immer danke. Wenn man ein paar Tage nicht draußen war und isoliert bleibt, ist ein Spaziergang auch die reinste Reizüberflutung. Jeder LKW kommt mir unverschämt laut vor, an jeder Ampel fahren die Autos viel zu nah an mir vorbei und die Osterglocken leuchten neon, als wären sie aus Plastik.

Im Park liegen in riesigen Abständen Menschen auf Picknickdecken und erholen sich von dem ganzen Mist. Drei Männer liegen nebeneinander im Gras und schlafen. Sie sind alle in Schwarz gekleidet, in einem Schwarz, das mal richtig Schwarz war und jetzt eher so eine Ahnung davon hinterlässt, wo diese Männer sonst schlafen. Ein weiterer Mann gesellt sich zu ihnen, legt seine Sachen neben ihnen ab. Er hat eine Plastiktüte voller Klamotten dabei und probiert die Pullis, Hosen, Shirts an, wechselt einfach so im Stehen die Klamotten. Die Männer würden an einem nicht-Corona-Tag nie so selbstverständlich hier liegen, sich sonnen und Klamotten testen. Jetzt wirken sie, als würde ihnen der Park gehören. Das ist nur fair, finde ich.

Auf einer Parkbank sitzen zwei sehr alte Männer, Kategorie Risikogruppe, und lachen miteinander. Sie sitzen beide jeweils ganz an einer Seite der Bank, halten also Abstand, der Corona-bedingt aussieht. Den Platz zwischen sich nutzen sie, um ihre Bierflaschen abzustellen. Sie sehen gut gelaunt aus, alle sehen heute gut gelaunt aus, es ist ja auch plötzlich Sommer. Vielleicht war das Problem der vergangenen zwei Wochen auch gar nicht Corona, sondern dass wir plötzlich Wintertemperaturen hatten, mit denen doch kein Mensch mehr rechnen wollte.

Ich mache mich wieder auf den Heimweg und denke über diese Männergruppen nach, denke an die Taxifahrer-Gang, über die ich an dieser Stelle vor einigen Tagen schrieb und stelle die steile These auf, dass die Männerbündnisse in diesen Tagen wie immer das stabilere Netzwerk sind als das, was alle anderen Personen untereinander aufbauen. Und dass der Mangel dieser Bündnisse – neben der gottverdammten unbezahlten Care-Arbeit und der unterbezahlten systemrelevanten aktuell plötzlich hoch beklatschten Arbeit – eine weitere Bürde für alle ist, die nicht zum Boysclub dazugehören und sich irgendwie durch diese Pandemie schleppen müssen. Das ist allerdings zugegebener Maßen keine richtig ausgefeilte These, es ist vielleicht noch nicht mal eine These sondern nur steil. Ich gehe auf jeden Fall weiter spazieren und suche nach den vergleichbaren Corona-Frauen-Gangs, Fortsetzung folgt also.

 

28.3.2020

 

Nabard, Bonn

Es ist eines dieser sonnigen Samstage die so friedlich wirken. Lasse seit einer Stunde Frank Ocean’s Debut Mixtape „Nostalgia!Ultra“ laufen. Diese schöne Stimme. Seit Dienstag hab ich Fieber, Schüttelfrost, Kopfschmerzen. Am Donnerstag musste ich einen Abstrich machen lassen, Verdacht auf CoVid19. Angeblich war einer der Patienten mit denen ich Kontakt hatte positiv. Schlimmer als das dröhnen im Kopf ist die Ungewissheit. Naja, jetzt erstmal in die Sonne, der Espresso duftet kräftig herb. Mein Geruchssinn ist also noch da.

 

Marie Isabel, Dunfermline

Ich merke, wie ich mich aus der Welt draußen in meine eigene, kleine, mich selbst zurückziehe. Brot bäckt Trost. Schokokekse auch. Ostereier baumeln vor und hinter dem Haus an Zweigen. Um unser wie der Nachbarn Vergnügen (macht hier sonst niemand). Mein Mann räumt die Vorratsregale aus, um, ein. Ich putze, wusele. Verfalle beim späteren Spaziergang immer wieder in Laufschritt. Es ist still auf den Brücken über den Firth of Forth. Dafür bleibt es in den sozialen Netzwerken laut. Immer mehr Menschen verlieren Verwandte oder Freund:innen. Der Tod lugt aus ihren Nachrichten hervor, ein Abschreckgespenst. Wenn man, indem man zuhause bleibt, doch unsterblich werden könnte. Aber wer würde das wollen? Auf der Weide unten am Hügel Schafe mit ihren frischgeborenen Lämmern. Neugierig, näher an Zaun und Mauer als sonst. Nummer 28 hat zwei. Kinderaugen. Daheim wickle ich mich ein in Fantasiewelten aus Zelluloid und Papier, erlebe Abenteuer, gehe auf Reisen, vergesse.

 

Berit, Greifswald

Ich denke darüber nach, welche Geschichten wir als Referenz für unsere Realität nehmen, welche Vergleiche wir ziehen, um unser Erleben zu beschreiben. Auf Twitter sehe ich zahlreiche Tweets, in denen Vergleiche zu Computerspielen gezogen werden. Vielleicht liegt es daran, dass wir uns in unseren Bewegungen im öffentlichen Raum gelenkt fühlen und die naheliegendste Erfahrung, die wir damit in Vergleich bringen können, mit dem Steuern einer Figur in Computerspielen zu tun hat.


Zuvor unbewusst durchgeführte Bewegungen sind durch die neuen Regeln unnatürlich geworden, das Nachdenken darüber, wie man seinem Gegenüber auf dem Gehweg am geschicktesten ausweicht, über den kontaktärmsten Weg um andere Menschen herum, verändert die Bewegungen. Kleist schrieb 1810 in seinem Essay “Über das Marionettentheater” darüber, dass vollendete Anmut nur bei fehlendem Bewusstsein erreicht werden kann, wenn keine Reflexion die Natürlichkeit verfälscht. Dass scheinbar einfach Dinge sich verändern, wenn man anfängt über sie nachzudenken, sieht man beispielsweise daran, wie merkwürdig fremd sich der Körper anfühlt, wenn man sich plötzlich seines vegetativen Nervensystems bewusst wird, darüber nachdenkt, dass das Herz immer schlagen und die Lunge ständig Atemzüge durchführen muss und das ganz automatisch passiert. Vielleicht ist es durch die veränderten Regeln seit Corona ein wenig so, wenn man sich auf den Straßen bewegt: zuvor unbedachtes und automatisches wird plötzlich reflektiert und nun fühlt sich der öffentliche Raum fremd an.

 

Slata, München

Ich will keine gutgemeinten Links zu aktuellen Sterbezahlen in Italien, will nichts mehr lesen von Kirchenglocken, Urnen und Lastwagen mit Leichen, will nichts von Ausnahmefällen hören, wenn doch Junge, und doch Gesunde, und Kinder sogar. Will nichts von Kindern hören, denen es zuhause schlecht geht, will mich nicht fragen, ob ich zur Beerdigung meiner Oma fahren würde, und von der Begegnung dann mit meinen Eltern träumen, will an keine apokalyptischen Reiter denken, Armageddon und das Ende aller Dinge. Wenn ich es jetzt schaffe, dem Tod mit Würde zu begegnen, denn es geht ja um den Tod, der sowieso, bei jedem, irgendwann, wenn ich es schaffe jetzt, tatsächlich, werde ich, vielleicht, stell ich mir vor, nie mehr Angst vor etwas haben.

 

Rike, Köln-Kalk

Heute bin ich umgezogen. Etwas in der Grauzone zwischen illegal und legal tun, weil man zu dritt in einem Auto sitzt.
Ich bin nicht mehr gewohnt, an einem Tag verschiedene echte Orte zu sehen.
In der alten Straße regt sich die Nachbarin über einen vom Gehweg her einsehbaren Wäscheständer auf. Es gibt nichts Schlimmeres. In der Neuen spielen Kinder mit zotteligen lila gefärbten Haaren Federball auf der Straße. Unaufgeregtes Kinderspiel ist wie Lagerfeuer gucken.  Gestern Trostpreis im Edeka eine große Taschentuchpackung mit kleinen albernen Katzen drauf. Auf WDR4 die schlimmsten 3 Tage alten auf-alte-Hits-neu-vertonten Coronahits beim über den Fluss fahren, und es war trotzdem verstörend romantisch, verstörend und romantisch. Vielleicht besonders, weil auf der Autobahn die Autos fehlen.

29.3.2020

 

Nefeli, Hamburg/Berlin

Gestern gelesen, dass in Südkorea nun Auto-Kinos absolut angesagt sind. Können wir das bitte hier auch umsetzen? Schon als Teenie träumte ich ja davon, ein Date in einem Auto-Kino zu haben. Ich besitze zwar weder einen Führerschein, noch ein Auto, aber in Corona-Zeiten wäre ich einfach froh, mich mit jemanden in ein Auto zu setzen, einen südkoreanischen Film zu sehen, Gummibären und Dosenbier zu genießen. Das wäre ein kleiner schöner Traum. Stattdessen: mühevolles in den Tag kommen. Viel Nachdenken über den Begriff der “systemrelevanten Berufe”. Ich glaube, das wird ein wenig den Diskurs zwischen Eltern und Kindern revolutionieren. Anstatt zu fragen, ob die Kids nicht mal etwas Vernünftiges machen könnten, wird nach der Systemrelevanz gefragt. Mach doch mal was Systemrelevantes.

Ich mach absolut nichts Systemrelevantes die Tage. Ich verschiebe das Staubsaugen, ich komme noch nicht einmal dazu, meinen Pony nachzuschneiden. Es fühlt sich auch alles nach einem Experiment im Experiment im Experiment an. Eindämmung des Sozialen zur Corona-Prävention als Experiment, darin das Zusammenleben mit S als Experiment, darin das  Digitalsetzen von Veranstaltungen als Experiment. Und niemand, der einem sagt, ob und wann Experimente eigentlich als geglückt gelten.

Außerdem bin ich mittlerweile frustriert mit “Drop the Number”. So langsam langweilt mich das Spiel. Dann brauche ich ein neues Quarantäne-Sucht-Spiel.

 

Fabian, München

Sicher drückt sich etwas von den Umständen auch im Menschen ab, mehr, als man, als Mensch, im Moment glaubt, oder glauben kann. Weil die Maßnahmen schließlich vorübergehen, aber das auf Sicht fahren politischer Stimmen trifft zu, natürlich lehrt die Geschichte früherer Pandemien, etwa der der viel bemühten spanischen Grippe, eine faktische Absehbarkeit dessen, was passieren kann; was wäre etwa, wenn ein zweites, vergleichbar aggressives Virus auf den Plan träte, im Verhältnis von jetzt oder in fünf Jahren und keine Lehren gezogen worden wären dann, entgegen den vielen Utopisten, die noch vor einer Woche  auf den Plan zu treten begannen und da und dort das Ende eines globalen, ernsthaft, Leute, absehen können meinen zu müssen begannen, wenn sich für viele, von uns oder wem auch immer, in den ersten Stunden der Durchsetzung der Gesellschaften mit neuen Umständen alles ziemlich viel unabwägbarer angefühlt haben mag, aber und in vielerlei Hinsicht ganz sicher nicht systemumstürzend, nicht mal im entferntesten, sanftesten Sinn.

 

Marie Isabel, Dunfermline

Was ich heute gelernt habe:

  1. Es gibt winzigkleine Schrauben mit großer Verantwortung.
  2. Nach dem ersten Schreck kommst du dir vor wie in einer Screwball-Komödie, wenn aus der Duscharmatur in senkrechtem Strahl Wasser spritzt.
  3. Nur weil Putzbedarf besteht, solltest du das Bad nicht gleich ertränken.
  4. Unbewusst den Pool zu vermissen, ist auch keine Entschuldigung.
  5. Pitschnasse Klamotten sind voll ok. Solange du nicht mehr drinsteckst.
  6. Immer zuerst den Hauptwasserhahn zudrehen. Und wenigstens Youtube konsultieren, wenn schon kein Fachmensch da ist.

PS: Ich bin sicher nicht die Einzige:


Shida

Wir sind abgehauen. Wir haben ein Auto (nicht unseres) gepackt und sind in ein leerstehendes Haus (nicht unseres) gezogen. Wir sind jetzt draußen auf dem Land, im buchstäblichen Nichts (nichts davon war illegal). Das Haus tröstet leise. Das letzte Mal haben wir es gesehen, als alles noch gut war. Hätte uns zu dem Zeitpunkt mal jemand gesagt, was in ein paar Monaten ist, wir wären doch ausgerastet vor Panik. Jetzt sind wir alle so routiniert. Verdrehen die Augen, wenn der Deutschlandfunk vor jeder Sendung schon wieder erklärt, warum das eigentliche Programm nicht mehr existiert. Weiß doch jeder man. Das Haus tröstet, als würde es sagen: “Kommt her, ich weiß schon, was Sache ist, ihr müsst nichts erklären, kommt einfach her, alles wird schon irgendwann wieder, im Schrank sind noch Kekse von Weihnachten.” Wenn man mich tröstet, bin ich immer sofort wieder sechs Jahre alt. Ich sitze hier und bin sechs Jahre alt und ziehe den Rotz hoch und fühle mich sehr gewertschätzt. Und merke, wie elendig müde ich bin, so unglaublich hundemüde, das kann nicht allein die frische Landluft sein. Ich habe Lust, was Witziges zu schreiben, aber dafür bin ich zu müde. Für neue Gedanken bin ich auch zu müde. Der letzte, neue Gedanke, den ich hatte, ist ziemlich alt. Ich habe Videos von den AfD Fraktionen in Bundes- und Landtagen gesehen, die sich demonstrativ nicht an die Vorgaben zur körperlichen Distanz halten und ganz nah beieinander stehen bzw. sitzen. In Krisenzeiten halten Menschen zusammen, habe ich gedacht, werden solidarisch, wo sie es sonst nicht waren; tun füreinander und für sich selbst Dinge, die sie sonst nie tun (und genießen es plötzlich, auf dem Land zu sein, wo sie es sonst nicht mögen). Aber die grundsätzlichen, allgegenwärtigen „Gefahrenherde“ und „tickenden Zeitbomben“, bleiben auch in der Krise das, was sie sind: Gefahrenherde und tickende Zeitbomben. Sie bleiben gefährlich, sie suchen sich nur neue Wege, um gefährlich zu sein.

Ich bin entweder zu müde oder zu gut erzogen, um ihnen gesundheitliche Folgen dafür zu wünschen.

 

Janine, Flensburg

Ich leide immer noch nicht merklich unter den Auflagen. Vor zwei Jahren bin ich aus München hierher gezogen, an die Ostseeküste, eine Stunde gemütlicher Fußweg bis zur deutsch-dänischen Grenze. Das hier ist nicht direkt der Arsch der Welt, aber so was wie ihr fusseliger Bauchnabel. Ich habe es vom ersten Augenblick an genossen. Wie privilegiert ich bin, gerade jetzt. Ich muss diese Zeit nicht in einer engen, stickigen Großstadt aussitzen, sondern hier oben, „wo andere Urlaub machen“.

Täglich gehe ich mit meiner Home Office-Kollegin am Hafen spazieren, zwischen uns zwei Meter Abstand, wir schreien uns zeitweise durch die Windböen an. Sie ist kurz vorm Durchdrehen aufgrund der Isolation. Sie tut mir leid, aber nachfühlen kann ich es bislang kaum. Es geht mir gut. Mein Alltag hat sich praktisch nicht verändert. Ich sitze immer noch den Großteil meiner freien Zeit vorm Laptop. Entweder Netflix oder Arbeiten am Manuskript. Ich rufe nur öfter die Seiten mit den Nachrichten aus aller Welt auf und schreibe mit mehr Leuten auf Whatsapp. Wenn ich noch mehr Ablenkung brauche, sind da mein Partner und unser Hund, und bisher sieht es nicht danach aus, als würden wir einander demnächst zerfleischen.

Meine Kollegin und ich gehen weiter, Richtung Werftgelände. Seit einigen Tagen sind mehr Möwen, Enten und Schwäne in Ufernähe zu sehen, vielleicht haben sie Hunger, weil weniger Senioren und Familien mit Kindern zum Füttern kommen. Ich weiche einem Radfahrer aus, der heftig klingelnd an mir vorbeiwill, ich komme dabei einer Frau zu nahe, die hinter mir geht, sie weist mich zurecht, dass man ausreichend Platz lassen soll.

Überall sitzen Menschen im Gras, brav verstreut und maximal zu zweit. Auffällig viele haben Alkohol in Flaschen, Dosen oder Tetrapaks dabei. Und Gläser, denen man ansieht, dass es „die guten“ aus der Vitrine oder von Oma sind.

Machen wir das morgen auch, fragt meine Kollegin. Ich hab so Lust auf Wein.

Tagsüber, um 14 Uhr? will ich fragen, aber diese Regeln gelten ja nicht mehr, wir lachen.

Am nächsten Tag können wir nicht spazierengehen, weil es in der Nacht Sturmflut gegeben hat, der Hafen ist überschwemmt. Das Wasser ist, ähnlich wie in den Kanälen von Venedig, nicht mehr tümplig braun, sondern sehr klar.

 

Viktor, Frankfurt

Heute mehrere Gespräche über die jetzt öffentlich diskutierte Triage geführt, also der Einteilung von Kranken in mehr oder weniger hoffnungsvolle Fälle. Zwei Sachen bleiben hängen: Erstens findet die Triage schon heute täglich in deutschen Kliniken statt, wenn zB entschieden wird, wer auf die Palliativstation kommt und wer ohne palliativer Pflege sterben muss. Und zweitens: Die Kriterien für ein Triage-System unterliegen zwar bestimmten ethischen Normen, aber diese Normen werden maßgeblich vom Gesundheitssystem einer Gesellschaft bestimmt. Und die dabei entscheidenden Frage ist: Ist das Gesundheitssystem profitorientiert, oder ist es solidarisch?

 

Woche 4: 30. März bis 5. April

30.3.2020

 

Simon, Vorort bei Freiburg 

Gestern habe ich das Wort “Paarantäne” gelesen. Meine Freundin und ich leben jetzt seit fast zwei Wochen zusammen hier und es werden vermutlich noch einige mehr. Wenn man ansonsten eine Fernbeziehung über mehr als 500km führt und sich ungefähr 2-3 mal im Monat für ca. 3 Tage sieht, ist das eine enorme Umstellung. Wir wurden gewissermaßen in das Zusammenleben gedrängt, haben uns dafür entschieden, die nächsten Wochen gemeinsam zu verbringen. Die Alternative wäre gewesen, dass wir uns auf unbestimmte Zeit nicht sehen würden. Das Unerträgliche an der Situation wäre weniger gewesen, sich nicht zu sehen, das ist man in Fernbeziehungen ja gewohnt, das Unerträgliche wäre gewesen, nicht zu wissen, wann man sich wieder sieht. Auch das Gefühl, in einer Extremsituation nicht füreinander da sein zu können, hätten wir beide nicht erleben wollen. Also los, auf eine unbestimmte, aber begrenzte Zeit unter widrigen Umständen zusammenwohnen. Selbst wenn wir seit über einem Jahr zusammen sind, haben wir noch nie so eine lange Zeit am Stück in einer Wohnung verbracht und schon gar nicht in einer Situation, in der das Verlassen der Wohnung nur eine Notfalloption darstellt. #stayhome heißt in diesem Fall auch #staytogether. Und es läuft gut bisher und ich bin sehr froh, dass wir die Möglichkeit bekommen haben, in einer Wohnung, die für zwei Personen groß genug ist, diese Wochen zusammen zu durchleben. Heute morgen bat mich meine Freundin, vielleicht nicht jeden Morgen direkt nach dem Aufstehen DLF Kultur anzumachen, müsse das jeden Morgen sein? Wir arbeiten uns gerade in einer Extremsituation durch die schönen und irritierenden Seiten des Zusammenlebens und wissen doch, dass das hier nur die Generalprobe sein kann, weil es eben keine realistischen Bedingungen sind – es ist wie ein Versuchsaufbau. Ab morgen werde ich mit Kopfhörern DLF Kultur hören und dabei Kaffee trinken.


Emily, Rostock

Allein mit dem Internet habe ich gedacht, es gibt nur noch eine Lesart der Situation, aber umso mehr ich mit meinem Umfeld zutun habe, umso deutlicher wird, dass ich wieder einmal strikter und unentspannter bin als die Menschen um mich herum. Gestern wollte ich nicht allein sein, aber mein Gegenüber ist so deutlich hörbar verschnupft, dass wir entscheiden, den Abend doch wieder getrennt zu verbringen. Noch immer telefoniere ich mit drei oder vier Menschen am Tag, aber ein Gefühl von Nähe will sich nicht mehr so recht einstellen. Mein Vater lernt in seiner Wohnung Koreanisch und kocht; ich schreibe mir jeden Tag auf meine To-Do-Liste, dass ich einen Apfelkuchen backen werde. Die Produktivität des Internets nagt an mir. Nachmittags hänge ich Essen an einen Zaun, damit auch diejenigen, die gerade durch das Raster fallen, etwas bekommen. Abends dann ein Telefonat mit einer befreundeten Gynäkologin. Wir erzählen uns das letzte halbe Jahr nach bis ihr Lieferessen kommt. Sie sagt, zum Kaiserschnitt müssen alle Patientinnen jetzt allein. Kein Besuch gestattet. Ich bin überrascht wie dünnhäutig ich geworden bin. Jede Nachricht dieser Art treibt mich stundenlang um.

Bevor wir auflegen sage ich, dass es meine Vorstellung einer guten Beziehung ist, sich während einer Pandemie gegenseitig die Haare zu schneiden.

 

Slata, München

Eine Möglichkeit, sich von allem Druck zu lösen, mit gutem Gewissen zuhause zu bleiben vor dem Laptop, egal, ob draußen ein Frühling anbricht oder ein letzter Schnee fällt, keine Zeit für Aufrechterhaltung sozialer Kontakte zu vergeuden, endlich ein An-Sich-Sein verspüren, nicht ablenken lassen von online-Lesefestivals, Schluss mit Werbung, mit aller Konkurrenz, wer was geschafft bisher und wie bekannt und wie beliebt geworden, die Zeit zum Anhalten bringen. Eine andere, schnell zwei Koffer packen, ins Auto werfen, ab zur Grenze, wieder, nochmal, irgendwo wird es schon ein Flugzeug geben, ein Pilot wird sich schon überreden lassen, uns auf eine unbewohnte Insel im Pazifik ‒ dann abwarten, bis die Menschheit ausstirbt, am Ufer sitzen, Kokosnüsse brechen, ein An-Sich-Sein verspüren.

 

Berit, Greifswald

Es hat geschneit, was mich immer glücklich macht. Wir haben eine Schneeballschlacht im Hinterhof gemacht, aber gegen Ende war es eher eine Wasser-Matsch-Schlacht. Als ich einen Eisball auf das linke Auge bekam, fühlte ich mich sofort wieder wie früher auf dem Schulhof, bloß das man sich als Mutter nicht an seinen Kindern rächen und ihre Gesichter mit Schnee bewerfen darf.

Später habe ich versucht zu arbeiten, aber ich habe dabei immer das Gefühl ein Teil dieses Orchesters zu sein, das auf der Titanic weiterspielt, während das Schiff untergeht. Man muss wohl eine funktionierende Zukunft denken, damit die Gegenwart einen Sinn ergibt, aber das fällt mir schwer gerade, besonders in Bezug auf leerlaufende Administrationsaufgaben.

 

Fabian, München

Schwer, etwas Offensichtlicheres zu finden. Nach der Arbeit, fast zuhause, diesmal nicht zu Fuß und an der letzten Umsteigehaltestelle noch zwischenstoppen, im Drogeriemarkt, derzeit “hoch gefragte” Hygieneprodukte kaufen, nach zwei Wochen mal wieder, man möchte ja vernünftig sein, aber der Verbrauch erhöht sich doch etwas, wenn drei Menschen mehr Zeit zuhause verbringen, oder viel mehr, als sonst. Vor zwei Wochen, man hält sich ja für vernünftig, gab es das noch nicht, aber jetzt ist selbst nach Einführung einer Beschränkung, eine Packung pro Kunden/in, und es ist schließlich erst Montag, immerhin abends, wieder bis auf zehnfünfzehn Stück, was ist los mit euch, ihr …, alles leergeräumt. Erstaunlicherweise scheinen inzwischen auch Hygiene-Küchenreiniger zu den stark nachgefragten Produkten zu zählen.

 

Rike, Köln-Kalk

Weil ich merke, dass ich meine Freunde lange nicht mehr in 4D gesehen habe, weil sie teilweise in Quarantäne sind, neue Idee gegen die Entfremdung und die soziale Distanzierung: Bei allen Fenstern der Freundschaften in der Nachbarschaft vorbeilaufen und ihnen Hallo winken. Ich verspreche, ich halte auf dem Weg 2m Abstand mindestens zu jeder Person. Und Spaziergänge alleine sind in Ordnung, oder bin ich jetzt eine Gefährderin? Bin ich asozial? Zwei alte Worte mit jetzt frischen neuen Bedeutungen.
Ich kenne Seb’s genaue Adresse nicht, weil er umgezogen ist, aber hinter dem Fairstore links rein hat er gesagt und dass er Probleme mit dem Dönergeruch hat, der von der Hauptstraße aus in seine Wohnung zieht. Mir fällt auf, ich habe lange nicht mehr wen überraschend Zuhause besucht. Ich habe noch nie jemanden überraschend exklusiv vor seinem Haus besucht. Angenehm unmodern und daneben. In meinem Kopf bin ich ein weiblicher Barde.

Auf dem Weg dahin sehe ich die diversen Arten der Ladeninhaber*innen, sich auszudrücken, dass sie zu sind. Man kann ihnen statt dessen auf Instagram folgen teilweise. Der Zettel vom HUMANA scheint auf Schreibmaschine geschrieben und dann 30x kopiert worden zu sein. Ein Laden mit Schaufensterpuppen, die kreative Formen von Atemschutzmasken tragen, liest allen Klopapierhamstern die Leviten per Aushang vor. Das geht weit über jede professionell unterkühlte geschäftsmäßige Handlung hinaus. Hinter diesen Geschäften sind richtig individuell getroffene Menschen. Nur das Backwerk hat einen stolzen Zettel auf die Fensterfront geklebt (WIR HABEN NOCH OFFEN) und das professionelle Layout zeigt seine Kettenhaftigkeit an.
An einem Zaun hängt Fladenbrot in Plastiktüten und beschriftete Beutel, auf denen Damenjacke, Handseife, Wollpullover steht. Ein Vater redet in einem alten klugen Tonfall auf sein Kind herunter und schiebt es zum Zaun, er wird neugierig wie ein eigenes Kind, weil er selbst so etwas noch nie gesehen hat. Eine Teilherde Papageien, die vor Jahren aus dem Zoo ausgebüchst sind, fliegt über die Hauptstraße, weil sonst niemand anderes da ist. Absurdes Pseudoparadies. Nur hin und wieder kommen mir Menschen mit halb verpackten Gesichtern entgegen und ich weiß nicht, ob sie mich anlächeln oder nicht. Im Hauseingang eines Bestattungshauses schützen sich Männer mit dunklen Bärten vorm Wind, einer sagt etwas über das Aussehen einer Frau, die Frau antwortet zurück: du bist auch schön. Die Bestattungshausfrau schiebt mit einem ängstlichen Blick die weißen Gardinen zur Seite und schaut, was lost ist. In einem Handyladen sind alle Handys in der Auslage entfernt. Es gibt Preise für Dinge, die es nicht mehr gibt. Ein Sonderangebot für eine Reiseapotheke in der Apotheke offenbart schlechtes Timing. Es gibt neue Plakate auf der Straße, die sagen, der Virus heißt Corona, die Wirtszelle Kapitalismus; alle Namen alle getöteten jungen Menschen in Hanau: Ferhat Ünvar, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtovic, Said Nesar El Hashemi, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Kalojan Welkow, Vili Viorel Paun, Fatih Saracoglu; eine anderes Plakat fragt, was passiert, wenn ich auf engstem Raum in einer Sammelunterkunft lebe und mein Zimmer teilen muss? Ein Sonnenstudio wirbt mit einer Flatrate für die 18-20 Jährigen. An einem Blumenbeet auf der Straße sind die Frühlingsglocken mit Raketenstöckern gegen blöde Hunde geschützt. Die auf die Straße zwischen die Phosyzien gestellten kaputten Elektrogeräte wirken auf Gentrifizierende wie Kunstinstallationen, für Gentrifizierte sind sie Schrott. Alles wie immer. Ein 1 Kubikmeter großer Plastiksack voll ausrangierter Weihnachtszweigen aus China vor einer Hauswand, auf der jemand in der Vergangenheit geschrieben hat: NO BORDERS, NO NATION.
Ich klingle 2x hintereinander bei Seb, ich hoffe, dass sein Fenster nach vorne auf die Straße zeigt, als ich eine Sprachnachricht aufnehme, öffnet sich im obersten Dachgeschoss das Fenster und ich bin stolz und froh gleichzeitig. Da oben sitzt ein Freund in 4D, eingeklemmt in einem Zimmer, aber er ist da und wir sehen uns. Wir unterhalten uns 5 Minuten von der Fußgängerzone zum Dachgeschoss, obwohl niemand auf der Straße ist, fühlt es sich etwas gezwungen an, als wenn wir auf einer Stehparty stehen und uns nicht richtig konzentrieren können auf das Gegenüber. Ich probiere, Smalltalk zu überspringen, aber es geht doch nicht so gut. Seb schreibt danach: Das ist total absurd. Also von der Situation her. Ich schreibe zurück: aber wenigstens mal ein bisschen ein anderes Erlebnis. Ich gehe weiter zu Jon’s Zimmer, auf dem weg dahin ein Friseur, der anbietet, ein kleines Flugzeug in die Hinterkopffrisur zu rasieren, wenn man es mag. Es gibt ein illustratives Foto von einem Hinterkopf mit einem Urlaubsflieger. Ich denke an Apreskiparties in Oberösterreich. Jon’s Rollladen ist bis nach unten zugeklappt. Es sieht aus wie ein Bunker von außen. Gestern, auf dem Weg in die Stadt, ist mir ein Panzer auf einem Tieflader begegnet, der hinter einem privaten Stadtjeep hergezogen wurde.
Ich frage mich, was für ein Privatmensch zum Hobby Panzer sammelt.
Unter Vicky’s Balkon hängt ein Transparent, das sich im Wind verheddert hat.
GRENZ   ÖTEN
Sie zeigt mir ein Peacezeichen. Sie kann nicht lange am Fenster stehen, sie hat ein Skypedate. Auf dem Rückweg schaut eine kleine tibetische Mönchsfigur fern, es läuft Bierwerbung und man sieht Wälder und Inselbilder und das braune Auge einer Frau in Großaufnahme. Die Kirschblüten sammeln sich in Rillen vor den Türeingängen. Die Welt ist noch da, wenn ich rausgehe. Alle Menschen sind noch da, sie existieren noch in 4D, ich muss nur in einiger Entfernung bei ihnen vorbei spazieren.

 

Janine, Flensburg

Ich war joggen. Ich weiß, das sagt man nicht. „Joggen“ klingt nach Jogginghose und Trinkhalle und RTL, man sagt „laufen“, dann weiß das Gegenüber, dass es einem doll ernst ist damit. Aber mir ist es ja nicht ernst. Ich will mich nur wieder bewegen. Ok, das Gefühl haben, vor allem wegrennen zu können. Das ist eine Weile schon schön.

Sehr bald muss ich pausieren. Die Luft ist noch eiskalt und schneidend, von den Bronchien löst sich Schleim, ich muss husten. Die Leute machen einen Bogen um mich.

Wie betrifft die aktuelle Situation Menschen im Kulturbetrieb?

Wir haben in der letzten Woche Stimmen von Menschen aus dem Kulturbetrieb, Dienstleister*innen und  anderen Arbeiter*innen der Kulturbranche darüber gesammelt, wie die Corona Krise sie betrifft.

John Cohen, Buchhändler
www.codobuch.de
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© Ulrike Schmitt | Cohen & Dobernigg

Die behördlich verordnete Schließung unseres Ladengeschäfts hat uns natürlich schwer getroffen. Sofort gingen alle Alarmglocken an und wir haben uns schnell koordiniert. Die größte Frage ist die der Liquidität. Unser Lager ist gerade proppenvoll, da die meisten Bücher der Frühjahrsproduktion der Verlage schon eingetroffen sind und diese auch bezahlt werden wollen. Gehälter, Miete etc. laufen auch weiter. Glücklicherweise hat unser Vermieter uns die Miete für zwei Monate gestundet, das hilft schon sehr. Für unsere Mitarbeiter werden wir Kurzarbeit beantragen und last but not least werden wir auch die Möglichkeit von Krediten nicht ausschließen.

Unser großes Glück ist jetzt, dass wir innerhalb von ein paar Stunden unseren kompletten Betrieb von hauptsächlich Ladengeschäft auf einen reinen Liefer-, Versand- und seit einigen Tagen auch wieder Abholservice umstellen konnten. Wir sind hierbei als Buchhandelsbranche sehr viel besser aufgestellt als andere Einzelhändler. Schon seit Firmengründung vor 18 Jahren besorgen wir Bücher (und mehr) über Nacht. Diese verschicken wir auch schon immer per Post und im Stadtviertel beliefern wir seit jeher per Bote. Was wir nicht wussten: Wie nehmen unsere Kunden die neue Situation an? Werden sie diese Kanäle nutzen? Schaffen wir es das alles schnell und effektiv zu kommunizieren?

Tatsächlich ist die Resonanz der Kunden ist im Moment phänomenal. Wenn weiterhin in dieser Größenordnung Bestellungen bei uns eingehen und unsere Lieferanten ihren Service aufrecht erhalten können, haben wir gute Chancen diese Krise glimpflich, aber nicht schadlos, zu überstehen. Wir vermissen natürlich unsere Kunden hier im Laden und freuen uns jetzt schon, wenn wir wieder ein normaler Buchladen sein können.

Wir fühlen sehr mit anderen Akteuren aus dem Kulturbereich, die es bisher viel schlimmer erwischt hat als uns. Es muss hier schnelle und unbürokratische staatliche Hilfsprogramme geben!

 

Leona Stahlmann, Autorin und Journalistin
Letzte Veröffentlichung: “Der Defekt”, Februar 2020 bei Kein & Aber
www.leonastahlmann.de
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© Simone Hawlisch

Hätte jeder von uns einen ihm zugeteilten Alltagsprotokollanten, einen minutiösen Beobachter mit Vierundzwanzigstundenschichten und spitzem Bleistift und kariertem Blockpapier und saurem Behördenkaffeeatmen – für meinen hätte sich an den Kulissen nicht viel geändert. Ich stehe jeden Morgen auf, später meist, als ich “sollte” (aber wenn sich eines ebenso beängstigend wie beglückend aufgelöst hat in diesen Tagen – kommt bei seinem Text hier irgendeiner ohne “in diesen Tagen” aus? – dann ist es der Zusammenhang zwischen Leistung und gesicherter Existenz),  davor war es genauso, und es wird danach so bleiben und bis zum Ende aller möglichen Krisen so geblieben sein. Ich stehe jedenfalls auf, jeden Tag, und tue, was Autorinnen so tun sollten, wenn sie trotz aller Widrigkeiten nicht nur Autorinnen sein, sondern auch bleiben wollen, länger womöglich, auch wenn es ein Wahnsinn ist, diese Idee; ich schreibe, Mails und Artikel und Skizzen und Anfänge oder Enden oder halbrohe Mittelstücke von irgendwas manchmal, und den Wahnwitz dieses Unterfangens macht mir spätestens meine Agentin schmerzhaft bewusst: Ich habe im Februar debütiert und Glück im Unglück gehabt, ich hatte eine ordentliche Premiere und viele Besprechungen und Interviews und gute Verkäufe im ersten Monat, ein kleiner Höhenflug nach anderthalb Jahren Schreibtischarbeit, dann kam Corona, und Flüge waren plötzlich gestrichen, auch der meines Buches. Gestrichen die Lesungen bis Herbst, die Dozententätigkeit an der Kunsthochschule bis Jahresende. Die Krise, sagt meine Agentin, wird uns Autor*innen zeitversetzt erreichen. Zuerst trifft sie Buchhandlungen und Verlage, aber deren Verluste sind auch unsere Verluste: weniger Buchverkäufe, in Zukunft noch kleinere Vorschüsse. Ich habe mich auf Preise beworben und für Aufenthaltsstipendien, weiß der Teufel, ob es sie dieses Jahr überhaupt geben wird, ob man die Gelder anderswo dringender braucht als für die Literaturschaffenden dieses Landes und ob man die Grenzen dieses Landes für Aufenthaltsstipendien überhaupt noch wird verlassen dürfen. Beide Fördermittel sind existenznotwendig für mich, könnten gedrosselte Buchverkäufe und ausfallende Lesungen und verschobene Dozentur abfedern. Die Ungewissheit habe ich mit meinem Beruf zusammen eingekauft, ich habe sie akzeptiert. In diesem Ausmaß, der über mich als herumkrauchelndes Individuum hinausgeht und penetrant gesamtgesellschaftlich wird, kann ich sie kaum schultern.  Was hilft? Sich nicht jeden Tag an der Pandemie abarbeiten. Schreiben, trotzdem und deswegen. Der Alltagsprotokollant nickt bekräftigend und reicht mir eine Tasse dünnen Tchibobohnenkaffee. Es ist tröstlich, dass er noch da ist und notiert. Und darum werde ich das auch weiter tun: Notieren.

 

Kai Schumacher, Pianist
Letzte Veröffentlichung: „Rausch“ wurde im Oktober 2019 bei Neue Meister/Edel veröffentlicht
www.kaischumacher.com
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© Marvin Böhm

Als das Corona-Chaos vor knapp drei Wochen begann, den Kulturbetrieb nach und nach lahm zu legen, steckte ich gerade mitten in den Proben für ein wunderbares Schubert-Projekt, einer Herzensangelegenheit, die nach über einem Jahr Vorbereitung kurz vor der Premiere stand. „Habe ja doch nichts begangen, dass ich Menschen sollte scheu´n“ – die Zeile aus Schuberts „Wegweiser“ bekam dank Covid-19 auf einmal eine völlig neue Bedeutung für mich. Eine Absage jagte die nächste, nach wenigen Tagen waren sämtliche Konzerte bis weit in den Mai gecancelt, der Blick in den leeren Terminkalender nahm den Blick auf das Bankkonto voraus. Für viele Kolleg*innen, mich inbegriffen, die von Konzert zu Konzert, von Tour zu Tour planen, und für die die Bildung von größeren finanziellen Rücklagen kaum möglich ist, wurden die traditionell umsatzstarken Monate von März bis Mai auf einmal zur existentiellen Bedrohung. Wer von solch profanen Sorgen verschont bleibt und in Zeiten von sozialer Distanzierung eine entsprechende Social-Media Reichweite besitzt, macht aus der Not eine medienwirksame Tugend und setzt dem Virus vom heimischen Wohnzimmer aus beispielsweise den Geist Beethovens als kulturellen Antikörper entgegen. Da dieser allerdings vermutlich nicht in der Lage sein wird, zehntausenden von freischaffenden Künstler*innen die Miete und notwendigen alltäglichen Ausgaben zu begleichen, werden Live-Streams für diejenigen Musiker, die unter dem Feuilleton-Radar fliegen, in den nächsten Wochen (und Monaten?) wahrscheinlich leider nicht mehr als eine willkommene Abwechslung vom Isolations-Trott sowie ein paar Instagram-Herzchen bringen.

 

Nefeli Kavouras, mairisch Verlag, Veranstalterin in Hamburg, Autorin
Letzte Veröffentlichung: Beitrag in “Briefe an die Täter – Akzente”, erschienen bei Hanser
www.mairisch.de | www.hafenlesung.com

© Avi Bolotinsky

In erster Linie kann man sagen: Es fühlt sich gerade ein wenig an wie die Zeit zwischen Weihnachten und Silvester und ich komme mir unnütz vor. Auf 2020 hatte ich mich sehr gefreut. Es wären etliche Veranstaltungen angestanden, ein Magazin-Release, die Hafenlesung, die ich in Hamburg organisiere, die Messe in Leipzig, die Messe in Thessaloniki, coole Dinge durch mairisch und stattdessen sitze ich am Küchentisch und entferne einen Termin nach dem anderen aus meinem Google-Kalender. Das fühlt sich nicht gut an. Ich frage mich als Veranstalterin: Welche Verantwortung habe ich gegenüber den Autor:innen? Und als Verlagsmitarbeiterin: Wie können wir den Büchern, die gerade frisch erschienen sind, in diesen Zeiten gerecht werden, so ohne Release, ohne Buchhandlungstische? Und ganz privat: Wie kann ich gerade das Richtige tun? Ich bestelle Kinogutscheine, Bücher über Buchhandlungen, Schallplatten über den Schallplattenladen des Vertrauens und hoffe, dass es viele genauso tun. Dieses Jahr fühlte sich auch der Indiebookday komisch an, da man nicht einfach in die Buchhandlung gehen konnte. Gleichzeitig verblüfft es mich, wie viel Kreativität gerade aus der Nasen vieler gezogen wird, wie wir alle versuchen digital umzudenken. Sogar meine Mutter hat WhatsApp-Video für sich entdeckt. Das Gute an der Zeit zwischen Weihnachten und Silvester ist ja, dass man weiß, dass sie ein Ende hat. Hier ist es anders. In mir löst das alles ein ziemliches Unwohlsein aus und ich gucke ein bisschen ängstlich auf meine frühen Sommerpläne und hoffe vor allem, dass ich bald wieder mit meinen Kollegen Daniel und Peter im mairisch-Büro sitzen kann. Das fehlt nämlich.

 

Benjamin Quaderer, Autor
Letzte Veröffentlichung: Für immer die Alpen, 2020
Twitter

© Maximilian Engel

Am 9. März ist mein Debütroman Für immer die Alpen erschienen. Zwei Tage später hat die Bundesregierung empfohlen, sämtliche Veranstaltungen mit mehr als 100 Personen abzusagen und zum Ende der Woche hin haben schon gar keine Veranstaltungen mehr stattgefunden. Ich wäre auf Lesereise gegangen. Quer durch Deutschland, nach Österreich, in die Schweiz, sogar in die USA. Von den 25 Lesungen konnten zwei stattfinden, alle weiteren bis Anfang Mai sind abgesagt worden, und die Chance, dass es bis in die Sommerpause so weitergeht, liegt bei ungefähr 90 Prozent. Ausfallhonorar gezahlt wurde eins, sicher nachgeholt werden zwei Veranstaltungen, danach kommt der Herbst und im Herbst erscheinen neue Bücher und die vom Frühjahr sind dann wahrscheinlich nicht mehr so interessant. Wie soll ich sagen. Die Verdienstausfälle sind das eine; das andere ist das Gefühl, dass die fünfjährige Arbeit, die in diesem Text drinsteckt, gerade so in der Luft verpufft.

 

Corinna Kroker, Lektorat Literatur, Klett-Cotta
www.klett-cotta.de/

© Martin Krondorfer

Für uns Lektoren ist der März ja vor allem die trubelige Hochphase der Akquise. Hier werden die kommenden Programme gefüllt, es wird gelesen bis zum Umfallen und im Idealfall tolle neue Stimmen entdeckt. Nun hat sich die Lage grundlegend verändert. Statt in Messegespräche und Rechtelisten fließt meine gesamte Energie nun in Ideen und Strategien, wie unter solchen Bedingungen Bücher machen eigentlich noch möglich ist. Denn das fein austarierte Netz aus Besprechungen, Empfehlungen des Buchhandels, Marketingaktionen und persönlichen Begegnungen mit den Autoren (also Lesungen, Gesprächsrunden, Interviews etc) wird ja gerade völlig aufgebrochen. Es gilt also, für die aktuellen Frühjahrstitel neue, kreative Wege zu finden. Wenn uns das so gut gelingt wie bei den Romanen von Anna Burns und Ulla Lenze, die mit ihren zeithistorisch anspruchsvollen Stoffen – der Nordirlandkonflikt bei Anna Burns, die Tätigkeiten der deutschen Abwehr im New York der 30er Jahre bei Ulla Lenze – seit kurzem auf der Bestsellerliste stehen, dann ist das ein Glücksfall. Gleichzeitig arbeiten wir aber auch mit Hochdruck an der Vorbereitung des Herbstprogramms, um in diesen ungewissen Zeiten für jedes Buch die richtigen Maßnahmen zu ergreifen. Den neuen Roman von Kai Wieland haben wir beispielsweise um zwei Monate verschoben, um ihm die idealen Startbedingungen zu verschaffen. Das alles geht nur natürlich nur mit dem unermüdlichen Einsatz des ganzen Verlagsteams, mit großartigen Autoren, die sich unheimlich engagieren, und der beeindruckenden Leistung der Buchhändler und vieler Menschen des Literaturbetriebs, die in kürzester Zeit unglaubliche Projekte auf die Beine stellen und unseren Autoren so den nötigen Raum geben. Ein solches Engagement ist gar nicht hoch genug zu würdigen.

 

Silke Hartmann, Kulturmanagerin und -veranstalterin, Inhaberin der Agentur Kulturperle
www.kulturperle.com

© Alexander Paul Englert

Ich bin seit mehr als zehn Jahren Inhaberin und Betreiberin der Agentur Kulturperle und konzipiere und organisiere für verschiedene Institutionen Veranstaltungen, Reihen und Festivals, vor allem im Bereich Literatur. Zudem bin ich Dozentin für Kulturmanagement an der Goethe-Universität Frankfurt. Derzeit erlebe ich eine Vollbremsung all meiner Projekte und Planungen. Aktuelle Veranstaltungen und Reihen sind gestrichen worden, kurz- und mittelfristig anstehende Projekte hängen in der Luft, nichts ist planbar. Ein normalerweise sehr trubeliger Arbeitsalltag samt abendlichen Veranstaltungen steht plötzlich still, der Terminkalender ist auf einmal leer, ich sitze derzeit noch an einem Korrektorat und einer Textredaktion, aber langsam dünnt sich das Arbeitsportfolio aus. Als sogenannte Soloselbständige geht damit natürlich auch der Verlust von Einnahmen einher. Und wie lange diese ausbleiben werden, ist noch nicht absehbar. Als Dozentin für Kulturmanagement würde ich normalerweise ab dem 20. April gemeinsam mit meinen Student*innen eine Veranstaltung planen, die am 1. Juli im Rahmen einer Ausstellung stattfinden soll. Mein Kurs lebt von Exkursionen, Trainings, verschiedenen Gästen, intensiver Gruppenarbeit und viel Interaktion. Das lässt sich kaum ins digitale Kurszimmer verlagern. Ob und wie dieser Kurs stattfinden wird, lässt sich aktuell nicht absehen. Ebenso wie ein für den Herbst geplantes Festival, in dessen Team ich mitarbeite. Neben der unsicheren finanziellen Situation finde ich es vor allem bedrückend, wie mein Beruf und meine gesamte Branche gerade ausgebremst ist.

 

Gunda Windmüller, Journalistin und Autorin
aktuelles Buch: “Weiblich, ledig, glücklich – sucht nicht. Eine Streitschrift” – Rowohlt
Twitter | Instagram

© Lia Haubner

Als erstes dachte ich: ok, das war’s. Ich kann nicht mehr schreiben. Mit welcher Dringlichkeit kann ich denn jetzt noch über Themen nachdenken, die nichts mit der aktuellen Situation zu tun haben? Wie kann ich überhaupt nachdenken, wo mein Hirn so vollgestopft ist mit Angst? 

Mein Vater erzählte mir am Telefon, das er im Garten sitzt und Bach hört. Ich hab mich für ihn gefreut, obwohl es mir fast obszön erschien. Kunst zum Trost. Ist es das, was bleibt?

So ging es mir die ersten Tage. Mittlerweile merke ich, dass ich noch denken kann. Genießen kann. Schreiben geht auch. Wobei ich merke, dass die aktuelle Situation derzeit für mich noch keine sehr produktive Zeit ist. Mental Oberwasser zu behalten frisst grad ganz schön Energien. Kulturschaffen mit angezogener Handbremse vielleicht.

Inwiefern mich die Krise auch finanziell betreffen wird, kann ich noch gar nicht sagen. Wir werden vieles an der gewohnten Welt nicht mehr wiedererkennen, denke ich. Aber meine Ur-Großmutter sagte immer: “Vorher wird nicht geheult.” Daran versuche ich mich gerade zu halten, obwohl ich wirklich herausragend gut “vorher heulen” kann. Aber diese Sorgen mache ich mir ausnahmsweise wirklich erst, wenn es soweit ist.

 

Hannes Wittmer, Musiker
Letzte Veröffentlichung: Album – “Das große Spektakel”
www.hanneswittmer.de
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© Christoph Naumann | www.mairisch.de

Eigentlich wäre ich gerade auf einem Frachtschiff mitten im Altantik auf dem Weg Richtung Kanada. Nach einem längeren, kräftezehrenden Projekt wollte ich mich dort neu sortieren, leben, arbeiten und an neuen Ideen feilen. Ich stand schon in Kontakt mit dem Goethe Institut in Montreal und mehreren Musiker*innen im ganzen Land und meine Wohnung in Würzburg ist längst gekündigt.

Ich habe das Glück, nun erstmal auf meine Rücklagen für die Reise zurückgreifen zu können und komme vorübergehend in der Wohnung von Freunden unter. Parallel versuche ich mich einzubringen wo ich kann. Mitte März war ich Gast bei einem Livestream zur Eröffnung einer Nachrichtenseite, speziell für Menschen mit Angststörungen (www.angstfrei.news) und gerade nehme ich ein Video für ein Online-Soli-Festival für die Geflüchteten auf, die gerade auf Lesbos vom Rest der Welt vergessen werden.

Anfang März habe ich zusammen mit Marcus Wiebusch von Kettcar einen Podcast über das Politisch-Sein als Musiker aufgenommen, der nur zwei Wochen später wohl ganz anders abgelaufen wäre. Ich hab das Gespräch letzte Woche auf meiner Website (www.hanneswittmer.de) veröffentlicht und denke nun darüber nach, in den nächsten Monaten weitere Podcasts aufzunehmen.

Bei all den schrecklichen Dingen die gerade passieren, hoffe ich, dass wir diese sonderbare Zeit auch als längst überfällige Zäsur für eine Gesellschaft begreifen, die aus den Fugen zu geraten droht und ein paar richtige Schlüsse daraus ziehen können.

 

Claudia Feldtenzer, Autorenberatung und Agentur
www.feldtenzer.com

© Anette Göttlicher

Ganz konkret, meine Aufträge in diesem Frühjahr wurden entweder abgesagt oder verschoben. Das war eine Vollbremsung sozusagen auf 0. Ich habe zum Glück einige eigene Ideen und Projekte, um die ich mich schon länger kümmern wollte, dazu jedoch noch keine Zeit hatte. Um die kümmere ich mich aktuell. Darin sehe ich auch eine Chance für die Kultur- und Verlagsbranche: Viele kreative Digitalisierungsprojekte könnten jetzt realisiert werden. Ich glaube, die Kultur- und Verlagslandschaft wird reichhaltiger und vielfältiger aus dieser Krise hervorgehen.

 

Markus Huber, Kulturamt Frankfurt am Main, Fachbereich Literatur
Markus gehört unter anderem zum Orga-Team des Literaturfestivals literaTurm, das von 23. bis 29. März 2020 in Frankfurt am Main und Umgebung hätte stattfinden sollen
www.kultur-frankfurt.de
www.literaturm.de
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© privat

Was man dieser Tage gefühlt beinahe so oft liest wie Klagen über ausverkauftes Toilettenpapier: Wir sitzen alle in einem Boot, Corona geht uns alle an. Diese Vorstellung hat in unsicheren Zeiten etwas sehr Tröstendes, verwischt aber auch die Unterschiede. Wer wie ich beruflich irgendwas mit Kultur macht, ist von der Pandemie anders betroffen als Beschäftige im Gesundheitswesen oder Geflüchtete auf Lesbos, für deren Lage sich gerade überhaupt niemand mehr zu interessieren scheint. Aber auch innerhalb der überschaubaren Literaturbetriebsblase unterscheiden sich die Schicksale ja sehr. Als Angestellter einer Behörde befinde ich mich in der privilegierten Position, dass ich mir keine Sorgen machen muss, ob ich am Ende des Monats meine Miete zahlen kann oder dass ich demnächst auf Grundsicherung angewiesen sein werde. Mein persönlicher Verlust ist eher ideell: Monatelang auf ein Festival hinzuarbeiten, das dann zehn Tage vor Beginn abgesagt wird, ist – vorsichtig ausgedrückt – frustrierend. So ein bisschen fühlt das sich an, als würde man bei schneller Fahrt plötzlich eine Vollbremsung hinlegen. Wobei die Kolleg*innen und ich eben nicht allein im Auto sitzen, sondern zusammen mit zahlreichen Autor*innen und vielen anderen Menschen, die leider nicht alle einen Sicherheitsgurt tragen (können). Und dass niemand sicher zu sagen vermag, wie und wann es weitergeht, bestimmt jetzt den Alltag im Home Office. Man hat Ideen, macht Pläne – aber hinter vielem steht ein Fragezeichen. Mit dieser Unsicherheit ist immerhin niemand allein.

 

Lukas Diestel, Schriftsteller / Social Media Kram

© Marvin Ruppert

Ich war noch nie so froh, nicht mein gesamtes Geld mit Auftritten zu verdienen. Dank Nebeneinkünften sind meine Fixkosten halbwegs abgedeckt. Trotzdem bricht viel weg, natürlich. Die Auftritte und das damit verbundene Gehalt fehlen und, als jemand der viel “für Bühnen” schreibt, mitunter auch die Motivation. Zwischen Sorge um die Szene, die Spielstätten, die eigene Gesundheit und die Kolleg*innen, die erfolgreicher mit ihrer Kunst sind, und dadurch jetzt ironischerweise schlechter dastehen, verbringe ich meine Zeit damit, mich zu fragen, ob ich jetzt eigentlich mehr oder weniger Zeit habe als vor der Ausgangssperre. Ansonsten ankämpfen, anschreiben, andichten gegen das allgegenwärtige Gefühl der Ohnmacht. Als Kulturschaffende (was für ein Wort) kennen wir, denke ich, das ewige auf und ab des “Warum mache ich den ganzen Scheiß überhaupt?” etwas besser, als einige, die sich mit der Frage jetzt vermehrt konfrontiert sehen in Bezug auf Arbeit, Gesellschaft, etc. Irgendwie ist die Kunst ja schon immer das vielleicht Unwichtigste und Wichtigste zugleich gewesen.

Es wird sich zeigen, wie wir aus der Nummer rauskommen. Im besten Fall stürmen wir dann wieder auf die Bühnen, in die Konzerte, zu den Lesungen. Im besten Fall mit offenen Augen und Ohren für die weniger privilegierten Mitmenschen, aber das war ja auch schon vor der Ausgangssperre so.

 

Jonathan Löffelbein, Autor, Performer (Poetry Slams, Comedy und Mixed Shows, Lesungen)
Letzte Veröffentlichungen: Worst of Chefkoch, Der Bock singt, Besucher
www.derloeffelbein.de
Twitter | Instagram

© Henrike Dusella

Was sich geändert habe, fragen die Leute, was man jetzt mache. Meine finanzielle Existenz ist weg. Ich lebe von Bühnen, schreibe und trage Texte vor. Diese Bühnen werden auf unbestimmte Zeit, vermutlich Mai, leer bleiben. Und danach kommt der Sommer, und auch im Sommer bleiben Bühnen leer. Wer hockt sich bei gutem Wetter in einen alten Schlachthof? Und selbst wenn die Auftrittssaison wieder startet, wahrscheinlich September, bleibt es ungewiss. Werden die Leute hungrig oder ängstlich sein? Bookings haben sich verschoben. Wann ich wieder ein Einkommen habe – keine Ahnung.

Das alles sollte mir Angst machen, ich bin sowieso ängstlich. Dennoch ist da eine Ruhe: Auch in diesem Chaos habe ich viele Privilegien. Ich habe ein kleines finanzielles Polster, kann durchhalten, auch wenn ich nicht weiß, wie lange. Ich bin ein weißer cis Mann aus der unteren Mittelschicht, habe über Bühnen Kontakte geknüpft. Ich bin von der Pandemie betroffen. Aber es gibt Leute, die es sehr viel härter trifft. Es gibt Leute, deren Beruf weniger Prestige hat.

Mein Alltag, wenn ich nicht auf Bühnen stehe, hat sich kaum geändert. Ich bin darin geübt, allein in meinem Zimmer zu hocken, im Internet zu bleiben. Was sich geändert hat? Meine Zukunft ist letztendlich wie zuvor auch: ungewiss. Es ist ein Durcheinander und niemand weiß, was danach kommt. Diese radikale Offenheit gibt mir Ruhe, denn welche Option habe ich schon? Ich kann gerade nichts tun, außer nichts tun.

 

Isabella Caldart, Journalistin und auch sonst Vielwörterei
www.novellieren.com | www.isabellacaldart.de
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Ich habe gezögert, ob ich öffentlich über meine Situation schreiben soll. Fällt es nicht negativ auf mich zurück, wenn ich zugebe, dass ich gerade wenig Aufträge habe? Ich tue es dennoch, da ich stark davon ausgehe, dass ich nicht die einzige in dieser Situation bin. Von vielen Seiten höre ich: Aber jetzt lesen die Leute erst recht! Im Feuilleton ist mehr Platz! Ja, ich frage mich auch, warum mir so viel weggebrochen ist durch Corona. Ich versuche, mir das selbst zu erklären, um mich nicht noch mehr verrückt zu machen: Als freie Autorin ist Akquise eh nie einfach. Und im Moment interessieren sich die Zeitungen nur für Corona. Das wird sich wieder ändern, aber Rezensionen sind derzeit wohl unsexy. Dazu kommt, dass ich nicht nur Literaturkritiken schreibe, sondern viele Dinge mache, und Artikel absagen musste. Ein Stadtmagazin, für das ich öfter schreibe, hat den Erscheinungsrhythmus halbiert, ein anderes setzt das nächste Heft komplett aus – wer sich auf Veranstaltungs- und Restauranttipps konzentriert, hat im Moment echt verloren. Zuletzt ist mir der Deutsche Sachbuchpreis, der verständlicherweise auf nächstes Jahr verschoben wurde, weggebrochen. Und so sind es kleine (auch zukünftige) Aufträge und größere Projekte, die plötzlich flöten gehen. Zudem stand ich kurz davor, nach Barcelona umzuziehen, Ende März wäre es soweit gewesen. Der Plan ist nur aufgeschoben. Aber in einem Land, das wirtschaftlich am Boden ist (Spanien ist frisch aus der Weltwirtschaftskrise von 2008 raus), Fuß zu fassen, wird nicht lustig.

Aber was bringt lamentieren? Ich bin froh, dass es Förderprogramme gibt und hoffe, die werden ausgeweitet. Irgendwie geht es schon weiter, tut es ja immer.

 

Ulla Lenze, Schriftstellerin
Letzte Veröffentlichung: Der Empfänger, Klett-Cotta Verlag Februar 2020
www.ullalenze.de
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© Julien Menand

Auch nach mehreren Wochen wirkt die Situation surreal auf mich. Am 22. Februar 2020 ist mein neuer Roman erschienen („Der Empfänger“, Klett-Cotta Verlag), ich hatte insgesamt drei Lesungen; Hamburg, Berlin und Koblenz. Zuerst wurde die Leipziger Buchmesse abgesagt, dann die LitCologne, dann nach und nach alle anderen Veranstaltungen. Statt auf Lesereise (die Monate vorher von meiner Verlagsveranstaltungsfrau auf die Beine gestellt wurde) sitze ich nun in meiner Wohnung in Berlin. Die Situation ist durchaus bedrückend. Auf die Lesereise-Phase habe ich während des Romanschreibens hingelebt, es ist eine Art Belohnung für drei, vier Jahre reduzierten Soziallebens (ich gehöre zu der Sorte Schriftsteller, die sich zum Schreiben zurückziehen müssen). Aber vor allem ein „Wirklichwerden“ des Buches mit den Lesern, durch Vortrag und Gespräch. Das fehlt. Und natürlich fehlen auch die Lesungshonorare.

Die Kommunikation findet vermehrt in den sozialen Medien statt, durch Blogger, digitale Leseevents oder Interaktionen auf Facebook und Instagram. Vereinzelt wagen einige Sender Interviews oder TV-Drehs; neulich saß ich mit einem Redakteur im Park statt im Studio, mit langem Kabel, das Mikro hielt ich selber in der Hand, nachdem ich die mitgebrachten Latexhandschuhe übergestreift hatte. Bei der TV-Lesung schwebte das Mikro hoch über meinem Kopf, und das obligatorische Lesungs-Wasserglas fehlte.

Immerhin bin ich gewohnt, viel zuhause zu sein – ich fürchte also keine Langeweile – das ist aber auch schon der einzige Trost.

 

Dorian Steinhoff, Autor & Literaturvermittler
Letzte Veröffentlichung/Veranstaltung: Das Licht der Flammen auf unseren Gesichtern, mairisch Verlag, Leseclubfestival NRW
www.doriansteinhoff.dewww.handforahand.dewww.leseclubfestival.nrw
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© Marco Piecuch

Die Kastanien vor unserem Haus werden bald blühen und um mich herum zerbrechen Existenzen von Menschen, die ich schon lange kenne, mit denen ich arbeite und von denen ich noch nie etwas gehört habe. Mir geht es den Umständen entsprechend gut. Meine finanziellen Einbußen sind verkraftbar. Vieles werde ich nachholen können. Manches findet weiterhin statt. Für anderes gibt es Kompensation und neue kreative Wege. Als KSK-versicherter Künstler habe ich das Glück, bei Öffentlichkeit und Politik Berücksichtigung für meine Lage zu finden, die Hilfen greifen. Gleichzeitig bedrückt mich die Paralyse des ganzen Betriebs, in dem ich normalerweise tätig bin. Ich fühle mich ohnmächtig, körperlich wahrnehmbar elend. Und mich ärgert, dass viele Menschen, die ein kulturelles Leben in Deutschland ermöglichen, offensichtlich nicht gemeint sind, wenn Bundeswirtschaftsminister Peter Altmeier von einer lückenlosen Solidarität spricht. Für freie Bühnen- und Tontechniker*innen, Beleuchter*innen, Stage Hands und Veranstaltungshelfer*innen greift die Soforthilfe in unzähligen Fällen nicht. Ein großes Versäumnis, eine politische Unverzeihlichkeit: Menschen durch unzureichende Maßnahmen unverschuldet in die Grundsicherung fallen zu lassen. Um meiner Ohnmacht etwas entgegenzusetzen, habe ich mit einer Hand voll Leuten (u. a. dem Herausgeber dieses Blogs), den Soldaritätsfonds #handforahand gegründet. Meine Kompetenzen und Kapazitäten einzubringen und damit Menschen in finanzieller Not zu unterstützen, ist mir Beschäftigungstherapie und politisches Anliegen zugleich. Wenn es das Wetter zulässt, gehe ich joggen. Ich kenne mittlerweile mehr Menschen, die in meiner Nachbarschaft leben als früher. Hunde auch. Wo keine Verzweiflung ist, kann man hoffen.

 

Beitragsbild von Branimir Balogović auf Unsplash

Ein zersetzender Plan – “Providence” von Alan Moore und Jacen Burrows

von Anselm Neft

 

Die Geschichte dieser 12-bändigen Comicreihe läuft darauf hinaus, dass eine kosmische Lebensform durch die Werke des Horrorautors H.P. Lovecraft Einfluss auf das kollektive Unbewusste der Menschheit nimmt und dadurch die Realität verändert. Wer jetzt denkt: „Hä?“ oder „Och nö!“ braucht nicht weiterzulesen, denn das hier ist Stoff für Nerds, für Eingeweihte, oder solche, die die Kraft aufbringen wollen, es zu werden. Providence verlangt seinen Leser*innen viel ab, intellektuell und emotional.

Es handelt sich eindeutig um das ambitionierteste Unterfangen des englischen Comicautors Alan Moore. Wer seine Comics Watchmen, The League of Extraordinary Gentlemen oder V wie Vendetta kennt, hat wahrscheinlich eine Ahnung davon, was ihn bzw. sie erwarten könnte. Die Verfilmungen dieser populäreren Werke hingegen sollten nicht als Referenz dienen. Sie reduzieren die Komplexität und mindern die emotionale Verstörungpotential der Vorlagen. Die beste Filmadaption eines Moore-Comics ist in meinen Augen bisher From Hell, in der ein suizidal-opiumvernebelter Johnny Depp Jagd auf Jack the Ripper macht. Allerdings habe ich die HBO-Serie Watchmen noch nicht gesehen. Doch zurück zu Providence.

Erzählt wird die Geschichte von Robert Black, einem jungen Journalisten, der sich 1919 aufmacht, um in Neu England über eine Geheimgesellschaft zu recherchieren. Er will einen „großen, amerikanischen Roman“ schreiben, der diese Okkultisten auch als Metapher für soziales Außenseitertum nutzt. Black selbst ist aufgrund seiner jüdischen Herkunft und seiner geheimgehaltenen sexuellen Ausrichtung ein solcher Außenseiter, auch wenn er dem Augenschein nach das heteronormative Ideal des modernen, gut aussehenden, heterosexuellen cis-Mannes erfüllt. 

Konkretes Ziel seiner Suche ist anfangs ein alchemistischer, auf Arabisch verfasster Text aus dem Mittelalter, in dem Methoden beschrieben werden, das eigene Leben zu verlängern. Seine Recherche führt Black in die New Yorker Stadtteile Flatbush und Red Hook, nach Salem, Athol, Manchester, Boston und schließlich nach Providence, in die geliebte Heimatstadt des Horrorautors H.P. Lovecraft (1890 – 1937). Dabei fallen schon im ersten Heft ein paar Besonderheiten auf, die sich durch die ganze Reihe ziehen: Die Handlung ist sehr dialoglastig, oft bestehen die 26 Seiten eines Heftes zu zwei Dritteln aus Gesprächen des Protagonisten mit Menschen, die ihn tiefer in eine Welt hinter der Welt einführen. Diese Dialoge sind in der Regel anspielungsreich, verweisen auf Insiderwissen, es wird mehr angedeutet als ausgesprochen und es gibt nicht selten einen Subtext, den weder der Protagonist noch der/die Leser*in auf Anhieb verstehen. 

Eine weitere Besonderheit sind die in der Regel vierzehn Textseiten, die dem Comic angehängt sind: das sogenannte Kollektaneenbuch von Robert Black. Es handelt sich bei Providence somit um eine ganz besondere literarische Form, nämlich einen Hybrid aus Bildergeschichte und pseudo-autobiographischer Prosa. Im Kollektaneenbuch schildert Black die erlebten Ereignisse noch einmal aus seiner Sicht, kommentiert, ordnet ein und schreibt über seinen Weg als Schriftsteller-Novize, der mehr und mehr Zugang zu verbotenem Wissen findet. Zugleich skizziert und bewertet Black in diesen Anhängen auch Ideen für Kurzgeschichten oder den Roman, den er schreiben will. Hin und wieder fügt er seinen Aufzeichnungen auch Quellen bei, wie die Zeichnungen einer Leticia Wheatly oder den Gemeindebrief der sehr unkonventionellen St.- Judas Gemeinde.

Und noch etwas zeigt sich bereits im ersten Band: Moore spielt auf Geschichten von Lovecraft an, indem er Figuren, Ideen und Plotmotive daraus für seine eigene Story verwendet. Es finden sich deutliche und weniger deutliche Verweise sowohl auf besonders bekannte Geschichten von Lovecraft (z.B. Die Farbe aus dem All, Schatten über Innsmouth, Das Grauen von Dunwich) als auch auf nicht ganz so populäre wie Kühle Luft oder Herbert WestReanimator. Allerdings erschöpft sich diese Art der Hommage nicht im bloßen Zitieren. Vielmehr fügt Moore Details der Erzählungen so ein, dass sich neue Blickwinkel auf die Geschichten ergeben und zahlreiche Querverbindungen sowohl zwischen den einzelnen Lovecraftgeschichten als auch innerhalb des Providence-Comics entstehen. Dabei bringt er auch den eher sublimen psychosexuellen Inhalt der Vorlage an die Oberfläche.

Obendrein erweitert Moore dieses intertextuelle Spiel mit Betrachtungen zu Lovecrafts Biografie sowie seinen Einflüssen und Nachahmern. Das entspricht stark dem „open source“ Gedanken, den Lovecraft kultivierte. Er begrüßte es, wenn andere Autor*innen von ihm erdachte Figuren, wiederholt erwähnte Wesen wie Cthulhu oder fiktive Bücher wie das Necronomicon in ihren eigenen Geschichten verwendeten. Etliche haben sich mittlerweile an diesem Fundus bedient: zum Beispiel Ramsey Campbell, Robert Bloch, Clark Asthon Smith, Andrzej Sapkowski oder der deutsche Fantasyautor Wolfgang Hohlbein. 

Der erste Autor, der Lovecrafts Ideenwelt weiterspann, war sein Freund und Nachlassverwalter. August Derleth (1909 – 1971) überarbeitete oder vollendete nach Lovecrafts Tod einige seiner bisher unveröffentlichten Geschichten und publizierte sie. 1939 gründete er zu diesem Zweck gemeinsam mit Donald Wandrei den bis heute existierenden Verlag Arkham House. (Mit Evangeline Walton, Majorie Bowen, Joanna Russ und Tanith Lee finden sich auch einige wenige Autorinnen im männlich dominierten Programm des auf Horror und Phantastik spezialisierten Verlags.) Auf Derleth geht der Begriff „Cthulhu-Mythos“ zurück, mit dem er die kosmologische Mythologie bezeichnete, die den Hintergrund vieler phantastischer Kurzgeschichten, Erzählungen und Novellen von Lovecraft bildet. Lovecraft selbst nannte seine innovative Privat-Mythologie humorvoll nach einer seiner erfundenen Wesenheiten „Yog Sothothery“. 

Kern dieser Mythologie ist die Irrelevanz des Menschen in einem gewaltigen, unvorstellbaren Kosmos, der sich für den anthropozentrischen Blickwinkel nicht im Geringsten interessiert. Verkörpert wird dieser „kosmische Schrecken“ in einem Pantheon von Wesenheiten, den „großen Alten“. Zu diesen gehört die vor vielen 100 Millionen Jahren auf die Erde gekommene „Gottheit“ Cthulhu, die in einer untergegangenen Stadt im pazifischen Ozean in einem traumdurchzogenen Schlaf vegetiert und erwachen wird, wenn die Sterne richtig stehen.   

Lovecraft betrachtete sich als Atheist, Materialist und Determinist. Das Universum glich für ihn einem Uhrwerk, das der Mensch weder gebaut hatte, noch beeinflussen konnte. Zeit seines Lebens interessierte sich Lovecraft mit glühendem Eifer für die unterschiedlichsten Wissensgebiete von Geschichte bis Astronomie, von Volkskunde bis Chemie und Evolutionsbiologie. Seine fiktive Kosmologie bezieht ihre Verstörungskraft in erheblichem Maße daraus, dass sie den „drei narzisstischen Kränkungen der Menschheit“ (Freud) Gestalt verleiht: Die Erde ist nicht der Mittelpunkt des Weltalls. Wir stammen vom Affen ab und sind biologisch betrachtet Säugetiere. Uns nicht bewusste Antriebe beherrschen einen großen Teil unseres Denkens, Fühlens und Handelns.

Lovecraft, der die Psychoanalyse für unwissenschaftlich hielt, konnte die Kälte und den Schrecken, die ein solcher Blick auf den Menschen als Fremden inmitten von Fremdheit mit sich bringt, vermutlich deswegen so intensiv empfinden, weil er selbst ein Außenseiter war. Bereits als Kind zeigten sich bei ihm gesundheitliche und psychische Probleme. In der Schule, die er ohnehin nur gelegentlich besuchte, verhielt er  sich so aggressiv und unangepasst, dass er schließlich im Alter von neun Jahren ganz vom Unterricht freigestellt wurde. Ab seinem 13. Lebensjahr besuchte er zwar wieder eine Schule, machte dort aber unter anderem wegen eines Nervenzusammenbruchs nie einen Abschluss. Auch trug er sich in seiner Jugend mit Selbstmordgedanken. Viel ließe sich über Lovecrafts Persönlichkeit und ihren mutmaßlichen Einfluss auf sein Werk schreiben, und viel ist natürlich darüber auch schon geschrieben worden, vor allem von seinem wohl besten Kenner S.T. Joshi (I Am Providence. The Life and Times of H. P. Lovecraft), der auch im Providence-Comic am Ende einen Auftritt hat. 

Hier soll es genügen, darauf hinzuweisen, dass sich rassistische, homophobe und antisemitische Äußerungen in Lovecrafts Geschichten und Briefen finden, und dass sich sein Sexualleben äußert übersichtlich gestaltete. Eine tiefere Betrachtung über diese Art toxischer Männlichkeit, also ein kränkelndes Muttersöhnchen, das sich im Erfinden größter Schrecken bei gleichzeitig entrückt-kühler Intellektualität hervortut, wäre sicher lohnend. 

Einen Beitrag dazu hat bereits Michel Houellebecq geleistet: Sein erstes publiziertes Buch ist tatsächlich kein Roman über einen depressiven, sexsüchtigen Mann, sondern ein Essay über H.P. Lovecraft („Gegen die Welt. Gegen das Leben.“). Houellebecq versucht, Lovecrafts Rassismus zu analysieren und nutzt den Horrorautor zugleich als Ausgangspunkt, um sein eigenes Verständnis von Literatur und Schreiben zu erläutern (Was immer auch darüber gesagt wird, der Zugang zum künstlerischen Universum ist mehr oder weniger für jene reserviert, die ein wenig die Schnauze vollhaben.). Alan Moore kann diesem Essay allerdings nicht viel abgewinnen. Seiner Ansicht nach war Lovecraft nicht der welthassende Misanthrop, als den ihn Houellebecq als Spiegel seiner eigenen Persönlichkeit zeichnet. Laut Moore kann man sich aus den angeblich 100.000 Briefen, die Lovecraft geschrieben haben soll, leicht einen Misantrophen basteln. Dabei übersehe man aber, dass Lovecraft seine Freunde, seine Heimat, den Austausch und das Forschen intensiv geliebt habe. Aus den menschenfeindlichen Äußerungen und Haltungen Lovecrafts macht Moore jedoch dennoch keinen Hehl. 

Vielmehr thematisiert er diesen Umstand sehr bewusst, indem er in Providence die Ausgrenzung durch solche Ansichten immer wieder emotional nachvollziehbar macht und den jüdischen Robert Black schließlich auf Lovecraft treffen lässt. Zunächst bewundert Black den belesenen, höchst phantasiebegabten und extrem eloquenten „Einsiedler von Providence“. Dann nimmt die Schüler-Lehrer-Beziehung eine besorgniserregende Wendung. Dass Providence nicht nur die Heimatstadt Lovecrafts und Zielpunkt des Comics ist, sondern auf Englisch auch Fügung und Vorhersehung bedeutet, ist kein Zufall. Auch ist es für das Werk Lovecrafts wie für den Comic entscheidend, dass der kosmische Schrecken im Regionalen verankert wird. S. T. Joshi äußerte in einer seiner Abhandlungen über Phantastik, dass sich diese besonders glaubhaft innerhalb eines ansonsten realistischen Settings entwickeln ließe. So haben Moore und der Illustrator Jacen Burrows einen großen Aufwand betrieben, um die neuenglischen Städte und Landschaften von 1919 gründlich zu recherchieren. Das betrifft neben der Architektur auch Kleidung und Interieur, und wird abgerundet durch eine minutiöse Karte von Providence, die sich im Einband der deutsch- und englischsprachigen Sammelbände findet.

Jacen Burrow, hat schon zuvor mit Moore zusammengearbeitet. So bei Neonomicon, einer vierbändigen Comicreihe, die zugleich als Sequel und Prequel von Providence fungiert und selbst wiederum die Fortsetzung von The Courtyard ist, adaptiert von Antony Johnston nach einer Geschichte von Alan Moore, und ebenfalls illustriert von Jacen Burrow. Seine Zeichnungen setzen mit ihrem klaren, nüchternen Stil einen guten Kontrast zur zunehmend fiebrigen Handlung des Comics. Noch beeindruckender sind die Lichtstimmungen, die Burrows mit scheinbar einfachen Mitteln erzeugen kann. Beim Betrachten mancher Panels fühlte ich mich an Spaziergänge als Jugendlicher erinnert, bei denen das Innere und das Äußere zu einer gefühlsteigernden Kulisse verschwamm. Ich hatte den Eindruck, die Ortschaften des Comics nicht nur sehen, sondern auch riechen, schmecken und fühlen zu können. 

Weniger beeindruckend fallen die Darstellungen mancher Monstrositäten aus. Das liegt nicht so sehr an den Grenzen von Burrows Zeichentalent, sondern an einem Umstand, den Robert Black in seinen Notizen selbst benennt: Das Unheimliche verliert einen Großteil seines Schreckens, wenn es eindeutig beschreibbar und vertraut wird. Er nennt die klar definierten Monster Vampir, Werwolf und Gespenst, denen zu seiner Zeit schon etwas Behaglich-Folkloristisches anhaftet. Genau dem wollte sich Lovecraft mit seinen unbekannten, kosmischen Wesenheiten verweigern. Zugleich mühte er sich in seinen Geschichten immer wieder, das Unbeschreibbare zu beschreiben. Heutzutage, da es Fanartikel wie Cthulhu-Plüschpuppen gibt, viele Horrorfilme bewusst oder unbewusst Ideen von Lovecraft nutzen und gefühlt jede fünfte Metalband in ihren Songs eine entsprechende Referenz untergebracht hat, sind die Figuren des Cthulhu-Mythos längst selbst zur Folklore geworden. Ihre Darstellungen sind vertraut und weitgehend standardisiert, da machen die Zeichnungen von Burrow keine Ausnahme. So ging es mir mit Providence ähnlich wie mit dem ganz anders gearteten Lovecraft Country von Matt Ruff (bald auch als HBO-Serie): Das größte Grauen sind weniger amorphe Gottheiten aus dem All, sondern ganz alltägliche Menschen, die sich gegenseitig das Leben zur Hölle machen.

Den Umstand, dass Lovecraft längst Pop ist, macht sich Alan Moore in seinem Narrativ clever zunutze. Denn eben diese populäre Verbreitung des Cthulhu-Mythos nutzen kosmische Mächte, um sich wie ein Virus in der Welt auszuweiten und das Bewusstsein des Menschen zu infiltrieren. Die Idee geht auf William S. Burroughs zurück, der einen signifikanten Einfluss auf Moore hatte. Burroughs nennt die Sprache ein außerirdisches Virus, mit dem das Bewusstsein des Menschen versklavt wird (The Ticket That Exploded). In Providence sind es literarische Phantasien, die sich ausbreiten und die lange unterdrückte „Traumwelt“ wieder zur Herrscherin über die sogenannte Realität machen. Alan Moore, der sich als Anarchist und Anhänger zeremonieller Magie beschreibt, ist durch Providence Teil dieses zersetzenden Plans.

Anmerkungen

Die Comicreihe erschien zunächst zwischen Mai 2015 und April 2017 in 12 Einzelheften. Diese sind längst vergriffen. Es existieren aber Sammelbände in verschiedenen Sprachen, die jeweils vier Hefte in insgesamt drei Bänden zusammenfassen. Die englischsprachigen „Act I“ und „Act II“ sind ebenfalls vergriffen und werden im Netz für ein paar hundert Euro angeboten. „Act III“ und die sehr gut übersetzte deutsche Ausgabe sind für etwa 20 Euro pro Band zu haben.

Wer die zahlreichen Anspielungen in Providence erläutert haben will, findet hier einen liebevoll und kenntnisreich gestalteten Blog. 

Wer sich für Lovecrafts Kosmologie aus der Sicht des spekulativen Realismus‘ interessiert, sollte unbedingt einen Blick werfen auf Weird Realism: Lovecraft and Philosophy von Graham Harman. Der spekulative Realismus ist eine philosophische Strömung, die unter anderem davon ausgeht, dass sich die Philosophie bis heute weitgehend ignorant gegenüber wissenschaftlichen Erkenntnissen verhält. Lovecraft hätte dieser Ansatz sicher gefallen.

 

Photo by Robert Coelho on Unsplash

Soziale Distanz – Ein Tagebuch (4)

Dies ist der vierte Teil unseres kollektiven Tagebuches, in dem wir mit zahlreichen Beiträger*innen fortlaufend sammeln, wie der grassierende Virus unser Leben, Vorstellungen von Gesellschaft, politische Debatten und die Sprache selbst verändert. (hier Teil 1, Teil 2, Teil 3)

Das mittlerweile knapp 60 Seiten umfassende kollektive Tagebuch “Soziale Distanz – Ein Tagebuch” gibt es auch als vollständige Leseversion in Google Docs.

Es schreiben mit:

Andrea Geier: @geierandrea2017, Anna Aridzanjan: @textautomat, Berit Glanz: @beritmiriam, Birte Förster: @birtefoerster, Charlotte Jahnz: @CJahnz, Elisa Aseva, Emily Grunert, Fabian Widerna, Jan: @derkutter, Johannes Franzen: @johannes42, Magda Birkmann: @Magdarine, Maike Ladage @mai17lad, Marie Isabel Matthews-Schlinzig: @whatisaletter, Matthias Warkus: @derwahremawa, Nabard Faiz: @nbardEff, Nefeli Kavouras, Philip: @FreihandDenker, Rike Hoppe: @HopRilke, Sandra Gugić: @SandraGugic, Sarah Raich: @geraeuschbar, Shida Bazyar, Simon Sahner: @samsonshirne, Slata Roschal, Sonja Lewandowski: @SonjaLewandows1, Svenja Reiner: @SvenjaReiner, Tilman Winterling: @fiftyfourbooks, Viktor Funk: @Viktor_Funk

23.03.2020

 

Andrea, Tübingen

Jeden Tag spazieren zu gehen. Das hatte ich mir fest vorgenommen. Es hat letzte Woche fast geklappt. Diese Woche will ich es wirklich jeden Tag schaffen. Lunge lüften, Kopf lüften. Das mit dem Kopf war heute nicht drin. Ich bin meine übliche kleine Hausstrecke gelaufen am Neckar. Es gibt eine Stelle, an der Schwäne sind, und es braucht nur einen kleinen Schlenker, dann kann man sie ganz nah sehen. Ich liebe das. Heute bin ich einfach vorbeigelaufen, habe es erst danach gemerkt. War offenbar gedanklich nicht *da*, wo ich eigentlich sein wollte.

Sonja, Köln

Ich bin ruhiger. Vor dem Supermarkt um die Ecke wartet man jetzt vor der Tür bis ein Einkaufender herauskommt, ein Türsteher winkt dann wortlos den nächsten rein. Ich muss nicht rein, Klopapier habe ich am Wochenende für 4,50 an einem Kiosk gekauft.

Ich bin ruhiger, weil ich jetzt viel in Kontakt mit Freund*innen und der Familie bin. Die Videochats sind voll besetzt, dass sich der Bildschirm bei Whatsapp in vier kleine Fenster teilt, und bevor wir anfangen durcheinander zu reden, machen wir erst alle einen Screenshot von unseren digital dicht gedrängten Gesichtern.

Jeder Spielplatz, an dem ich vorbeilaufe, ist gerahmt durch Absperrband, das sehr selbstverständlich im Wind weht. Das katastrophische Denken, das meine letzte Woche beherrscht hat, hat sich in ein angenehmes Gefühl der Entschleunigung und Akzeptanz verwandelt. Ich genieße das Alleinsein, wenn ich weiß, dass ich es nicht bin. Außerdem habe ich nun einen Coronaabschnittsgefährten. Seit Freitag. Wir hatten schon vorher Kontakt, wohnen beide alleine, arbeiten von zu Hause aus und irgendwann habe ich mich dann getraut und gefragt: Möchtest du mein Quarantänepartner sein? Er hat Ja gesagt. Nun spazieren wir zusammen, kochen uns wechselseitig Essen und besuchen uns in unseren Mittagspausen, um uns feste zu umarmen. Es geht mir gut. Eine Freundin skyped mich an. Am Samstag hat sie mich aufgebaut, heute bricht die Situation über sie herein.


Meine Schwester leitet eine Whatsapp-Audiodatei unsere “Familie 2.0”-Gruppe weiter:

“Hi Leute! Ähm, der Schwager von dem Heilpraktiker von meinem Paketlieferanten, der arbeitet beim Robert Koch-Institut und die haben gerade Experimente durchgeführt und das vielversprechendste, was die jetzt herausgefunden haben, is äh, wenn man sich Wachsmalstifte in die Nase steckt, am besten rote und blaue, dann ist man immun gegen Coronavirus. Das is halt noch nicht offiziell und so, weil die Studien noch nicht veröffentlicht werden, die noch nicht so weit sind, aber, ähm, das kommt von ganz intern. Also wenn ihr euch schützen wollt, dann wollt ich’s euch auf jeden Fall weitergeben. Also seid immer sicher und, äh, geht am besten nicht raus, es sei denn mit Wachsmalstiften in der Nase. Tschüss!”

24.03.2020

 

Viktor, Frankfurt

@geraeuschbar hat mir „Zen-Buddhismus und Psychoanalyse“ empfohlen und darin schreibt Fromm: „Es gibt viele affektive Empfindungen, für die eine bestimmte Sprache keine Bezeichnung hat, während eine andere reich an Ausdrücken ist, die diese Gefühle benennen. (…) Allgemein kann man sagen, dass eine Empfindung selten bewusst wird, für die die Sprache kein Wort hat.“

Und wenn eine Sprache die Worte dafür hat, aber ein Mensch es nicht lernt, seine Empfindungen zu erkennen? Weil er zum Abstumpfen gezwungen war, oder weil er die Wörter nicht kennt, aber trotzdem empfindet?

Wie fühlt sich das Unabsehbare an? Das Ungewisse? Es liegt offenbar eine Grundnervosität über allem, zumindest deuten manche Einträge in diesem Tagebuch darauf hin und manche Tweets:

Ich wundere mich zugleich darüber, wie die erzwungene Entschleunigung auf mich wirkt. Ich lese mehr, ich lese langsamer (und ich lese auch sonst sehr langsam), ich klebe länger an einzelnen Sätzen, lese sie noch einmal und noch einmal und dann erinnere ich mich an ein anderes Buch, im Kopf entsteht eine Landschaft aus Büchern, die durch Pfade miteinander verknüpft sind, Gedankenpfade. Das befriedigt ungemein.

 

Maike

Immerzu verwundert. Ausnahmezustand ständig präsent, gleichzeitig seltsames Aus-der-Zeit-Fallen und ganz Gegenwärtig-sein. Der Lebensmitteleinkauf wie der Fall in einen dystopischen Roman.

Aber auch das plötzliche Aufatmen, weil die Leute Abstand halten und ich merke, wie gut mir das tut. Mir war nie klar, wie sehr mich das alltägliche Gedränge vieler Menschen belastet hat.

 

Shida

Heute ging es mir kurz so richtig gut, mit guter Laune und allem.  Ich habe dann überlegt, was ich davor gemacht habe, um es möglichst oft, am besten durchgehend, ganz genau so ab jetzt täglich zu wiederholen. Ich kam dann zu dem naheliegenden Schluss: Ich habe mich nicht mit Corona beschäftigt. Ich habe einfach nur lässig ge-care-arbeitet und Tee getrunken und dabei überhaupt kein Corona Moment Stopp noch mal zurück gespult bitte was war das das für ein Rauschen. Von wegen. Es war anders. Ich habe lässig ge-care-arbeitet und Tee getrunken und Radio gehört. Im Radio ging es durchgehend um Corona, wie immer, und ich habe konzentriert zugehört, nicht etwa an etwas Wunderschönes aus der Vergangenheit gedacht oder so. Es gab keine Pause von Corona, ich hatte nur ein paar Minuten später vergessen, dass ich mich mit Corona beschäftigt habe. Da war er dann also, der Beweis Nummer 2: Ich habe mich an all das gewöhnt.

(Das Rätsel über die Herkunft der guten Laune ließ sich übrigens nicht klären. Vielleicht waren es einfach erste Anzeichen des Durchdrehens. Wie neulich, als B. mir einen witzigen Tweet zeigte und wir beide für viele Minuten lachend auf dem Boden lagen, ohne Geräusche außer leisem Jauchzen von uns zu geben und dabei zu weinen, als hätten wir noch nie in unserem Leben etwas witzigeres gehört:

Wimmelbücher erscheinen heute trotzdem sehr aus der Zeit gefallen. Die bunten Bilder von vollen Straßen, Autos, Menschen, Hunden, machen mich nostalgisch, ungefähr so, als würde ich mir eine Folge Wetten dass…? aus den 90ern anschauen.

 

Slata, München

Es sind eher die Reste der Sozialität, die uns stören, einzeln würden wir wunderbar unsere Tage am Computer verbringen, einmal am Tag kurz rausgehen in die Felder vielleicht, um vergleichen zu können, wie das Wetter heute ist, wie es gestern war, wie es sein wird morgen, und sonst wären wir völlig zufrieden mit unserem produktiven, konzentrierten, unaufgeregten Dasein. So aber bilden wir ein Kollektiv, irgendwie, von außen und auch von innen, und zum Abend hin, wenn es unanständig wird, weiter am Computer zu sitzen, wissen wir nicht recht, können wir uns mit Mühe daran erinnern, wozu man ein Gegenüber braucht.

 

Emily, Rostock

An einem Sonntag ist das Ganze nicht weiter schlimm, es fällt mir kaum auf. Zum Anfang der Woche kommt dann die Unruhe zurück. Freund*innen erzählen mir wie sie – allein in ihren Wohnungen – plötzlich laut aufschreien oder um sich schlagen und meine Mutter ist deprimiert, weil es keinen Grund mehr gibt, schöne, unbequeme Kleider anzuziehen. Ich rede mit der Espressokanne und zähle rückwärts bis zu dem Tag, an dem ich das letzte Mal einen Menschen umarmt habe. Anfang letzter Woche habe ich mir Weidenkätzchen und Pfirsichzweige gekauft. Ich habe jetzt schon Angst davor, dass sie verblühen und ich beim Aufwachen auf leere Vasen schauen muss. Statt den Blüten der Magnolie im Innenhof beim Wachsen zuzusehen, schreibe ich Emails. Der Buchstabe „E“ auf meiner Tastatur funktioniert nicht mehr. Ich kann nur unter erschwerten Bedingungen Pandemie schreiben. Epidemie. Was noch geht: Virus. Isolation. Social Distancing. Traurig und taub. In meinem Kühlschrank liegen zu viele Bierflaschen und ein bisschen Sorge habe ich vor dem ersten Mal betrunken ins Bett gehen ohne ein Gegenüber gehabt zu haben.

Vor der Klinik ein Banner, das allen Menschen in systemrelevanten Berufen für ihre Arbeit dankt. Auf beide Seiten leuchtend rot gesprüht: ACAB.

 

Fabian, München

Es ist dann noch recht schwer, ein seit Monaten aufgeschobenen Projekt monatelang immerhin im Hinterkopf in die eine oder andere Richtung geschoben habend, an verschiedenen losen Enden weitergeschrieben, deren Anknüpfungspunkte dann oft verlorengehen, jetzt wieder anzupacken, jetzt, wo man Zeit hätte, einerseits, und andererseits dem Kälteeinbruch zum Trotz, der vorgestern den Garten vorm Balkon, zumindest ein paar Stunden lang, bevor die Sonne doch alles wieder weggetaut hat, schneebedeckt hatte daliegen lassen, das schöne Wetter dort draußen und ein doch noch erstaunlich diffuses Gefühl einer Einübung in den totalitären Staat, wenn draußen die Mannschaftswagen der Münchner Polizei unter Androhung harter Bestrafung zum Zuhausebleiben auffordern. Jetzt, drei Tage später, könnte man auf die Idee gekommen sein, was für einen hirnrissigen Eindruck das macht; oder an den entscheidenden Stellen fühlt man sich der Kooperationsbereitschaft der Münchner Bevölkerung ausreichend sicher; oder eine potentielle personelle Knappheit im exekutiven Bereich führt dazu, und wir sind nur samstags und sonntags dran, gut, wir werden sehen.

 

Marie Isabel, Dunfermline

Nun also die Insel im #lockdown. Heute früh auf dem Mobiltelefon eine entsprechende SMS. Direkt von www.gov.uk. Woher haben die nochmal meine Nummer?

Im Radio erzählen Menschen davon, wie die Pandemie ihren Alltag verändert. Einer psychisch Erkrankten ist die professionelle Unterstützung weggebrochen; sie hofft nun auf Nachbarschaftshilfe. Ein älterer Mann macht sich gut gelaunt in seinem Garten zu schaffen. Ein Theaterproduzent versucht, so viele Schauspieler wie möglich weiter zu beschäftigen. Eine Mutter berichtet glücklich, dass einer ihrer Söhne nach über zwei Dekaden Funkstille plötzlich bei ihr angerufen habe.

Als ich am Nachmittag zum alleinsamen Spaziergang aufbreche, scherzt mein Mann, ich solle das Handy lieber daheim lassen. Für den Fall, dass die Regierung überwache, wie lange und wie weit ich laufe. Wenn sie meine Schritte zählen würden, wäre das ganz praktisch. Später, auf freiem Feld, fühle ich mich beobachtet von einem Satelliten, der im All in gerader Linie über mir hängt. Beruhigend, die Blätter der Kastanien aus ihren klebrigen Ummantelungen hervorbrechen zu sehen und die Farbtupfer überall: violet, blaulila, dottergelb, weiß, grün (alle erdenklichen Varianten), kaminrot. Die elektronische Tafel eines Verkehrsschilds vermeldet stauvergessen: ‘Covid-19 essential travel only’.

Es ist an der Zeit, in meinem Gedankenpalast ein neues Zimmer einzurichten. Darin wird alles, was mit ‘Little Miss Corona’ zu tun hat, weggesperrt. Die Tür ist einfallslos blutrot, darauf, mittig und in zersplitterter Form, eine überlebensgroße Darstellung des Virus, wie man ihr momentan überall begegnet. In dieses Zimmer hineingelauscht und -geschaut habe ich bislang nur kurz, die Tür gleich wieder zugemacht. Not a pretty sight.

Heute abend per WhatsApp die Nachricht einer Freundin, mit der ich Freitag noch unterwegs war: Sie hat angefangen zu husten.

 

Birte, Darmstadt

Ich bin jetzt stolze Besitzerin eines temporären Zugangs zur Bayrischen Staatsbibliothek, damit ich da Digitalisate der Bücher lese und ggf. herunterladen kann, die im Büro liegen, in das ich nicht gehe. Die Beschaffungswege sind nahezu abenteuerlich, gegenseitig bietet man sich die Zugänge zu Bibliotheken an als würde man dealen. Ein Buch hat mir ein britischer Kollege als pdf über eine rumänische Kollegin besorgt, damit ich es den Studierenden zur Verfügung stellen kann. Eins ist am 19. März erschienen und weder an der Uni noch bei mir privat eingetroffen. Dafür kam heute nochmal Katzenfutter.

 

25. März

 

Sarah, München

Köpfe wandern vorbei an unserem Erdgeschossfenster, von morgens früh bis zum Sonnenuntergang zieht ein stetiger Strom vorbei. München spaziert und joggt, radelt und skatet. Wir wohnen in einem Randbezirk, hier ist die Stadt zu Ende, aber davor kommt noch ein Wald. In den Zeiten vor Corona war in unserer Straße nichts los. Es gab keinen Grund hierher zu kommen. Hier ist nichts. Noch nicht mal ein Briefkasten. Kein Zigarettenautomat und auch keiner für Kaugummis. Also kam niemand. Außer am Sonntag. Da kamen Menschen mit Hunden und solche ohne, und jene mit Kinderwagen und Laufrad im Kofferraum und suchten einen Parkplatz, um ihren Sonntagsspaziergang zu starten. Nun ist jeden Tag Sonntagsspaziergang. Das Ende der Stadt ist auf einmal beliebt.

Das noch etwas anders ist, fällt auf, wenn man mitgeht. Wo man früher aneinander vorbei schlenderte, einander ignorierte, um die gegenseitige Sonntagsfamilienblase nicht zu stören, geht man heute zögerlich aufeinander zu, beäugt den Abstand, wartet, lächelt ein wenig verschämt einander an. Corona, sie wissen ja.

Und irgendwie drängt sich Corona in alles, tropft in jeden Gedanken, wenn nicht als Wort, dann doch als Zustand, als Gefühl. Auch das Schreiben lässt es nicht in Ruhe. Obwohl doch schon ausführlich getwittert wurde, dass das jetzt verboten ist, über Corona schreiben. Nein, natürlich nicht. Weiß ja jeder. Will ja keiner. Und dann kommt es eben doch durch und zwängt sich aufs Papier.

Dieses makellose Blau

Es beginnt in der Ecke oben links, hinter dem Hochbett. Die Tapete verdunkelt sich, wirft schwarze Blasen, für einen Moment schein alles still zu stehen, und dann fegt der Feuersturm das Zimmer fort.

„Mama, du sollst bauen!“

Ob sie die Schmerzen spüren würden? Oder geht es so schnell, dass das Nervensystem blockiert, bevor die Gefühle durchkommen?

Sie geht in die Küche und steckt zwei Scheiben Toast in den Toaster. Der Raum ist dunkel und gemütlich, alles okay hier. Alles okay. Der Frischkäse ist schon ein bisschen eingetrocknet, eine gelbliche Kruste, die am Rand der Packung klebt. Sie hebt sie hoch zu ihrem Gesicht und sucht nach den dunklen Flecken von Schimmel. Die weiße Masse riecht wie immer, kühl, salzig und metallen.

„Mama! Essen!“ Die Freude in ihren Stimmen ist laut und grob, sie stupsen ihre kleinen Körper an ihren, springen auf der Stelle, die Arme nach oben gestreckt, als könnten sie so irgendwie ändern, dass ihr Kopf unerreichbar ist. Sie lächelt zurück, streicht über verstrubbeltes Haar, das Spiegeln von Emotionen ist so wichtig.

Die Sonne ist hell, der Himmel blau. So blau als wäre dahinter nichts, keine Schwärze, die auf die Nacht lauert. Er wirkt so echt, dieser Himmel über ihnen. Dabei ist Nichts an ihm wahr. Bloß eine Hülle zwischen ihnen und der Wirklichkeit, der Düsternis des Weltalls und den brennenden Sternen.

„Schau mal, ein Hubschrauber“, sagt der Kleine und zeigt hoch. Sie schaut nicht hin, da oben fliegt nichts, sie kennt das schon. „Ja“ sagt sie. „Schön.“

Wieder kommen die Flammen, diesmal fegen sie über die Straße, schmelzen den Asphalt, sie kann sehen, wie er zu kochen beginnt. Sie kann nicht aufhören, darüber nachzudenken. Ob es einen Moment des Schmerzes geben wird?

„Guck mal, was ich kann!“ Der Große ist auf das Mülltonnenhäuschen geklettert. Sie schaut, die Hand über den Augen, so dass die Sonne ihr nicht die Sicht nimmt. Er breitet die Arme aus, der ganze Körper gestreckt, ein festgefügter Zellhaufen voller Spannung. „Ich fliege!“ schreit er und stößt sich mit beiden Beinen vom kieselbesetzten Waschbeton ab. Sie macht einen Schritt vorwärts und breitet die Arme aus. Sein Körper schlägt auf ihr ein, fast stürzen sie zu Boden, aber sie fängt sich mit einem weiteren Schritt auf. „Hast du das gesehen?“ Er nimmt ihr Gesicht in die Hände, seine Augen blitzen vor Stolz. Sie nickt und fragt sich, wie das eigentlich geht, dass die Augen so aussehen können, so voller Gefühl. Es sind doch am Ende nur gefärbte Fitzelchen, die ein schwarzes Loch umklammern. Sie lässt ihn langsam zu Boden gleiten und streicht ihm über die Stirn. „Hast du gesehen?“ fragt er noch einmal. Sie nickt und nimmt seine Hand. Den Kleinen greift sie mit der anderen und wuchtet ihn auf ihre Hüfte. Er ist schon so schwer, aber wenn sie ihn trägt, muss sie nicht darauf achten, wo er gerade hinläuft. Wenn sie ihm zuschaut muss sie manchmal an einen schlecht programmierten Roboter denken, der hin und her irrt, Dinge aufhebt, wieder hinwirft, immer auf der Suche nach der Logik in seinem Programm.

„Wohin gehen wir eigentlich, Mama?“ Der Große fragt ohne Argwohn in der Stimme. Eine reine Neugierde, an die sie sich gern erinnern würde, aber sie weiß nicht, ob sie sich je so gefühlt hat. „Einfach ein bisschen die Straße entlang“, antwortet sie schließlich. Sie weiß, er würde nicht lockerlassen, wenn sie schweigt. Das hat er noch nie akzeptiert. Deshalb hat sie sich angewöhnt das zu sagen, was nach den vielen Filtern, die sie für ihn zwischen ihre Gedanken und ihre Worte legt, noch übrigbleibt. Wir gehen einfach ein bisschen die Straße entlang, weil es nichts gibt, wohin wir gehen können, weil es kein Versteck gibt.

„Warum können Menschen eigentlich nicht fliegen?“

„Weil wir keine Vögel sind.“ Sie weiß, das ist nicht genug als Antwort. Sie will anheben und etwas über Gewicht und Röhrenknochen sagen, über das Verhältnis von Spannweite und Körpergröße. Aber es gelingt ihr nicht so recht, die Gedanken so zusammenzufügen, dass sie sie aussprechen mag.

„Du fliegst, die ganze Zeit“, hört sie sich schließlich sagen. „Wir alle fliegen im Weltall.“ Auf dieser winzigen Kugel von der es kein Entkommen gibt.

„Cool!“ brüllt er und streckt seine Faust in die Luft. „Wie Superman! Wir sind alle Superman!“ Dann macht er sich los von ihrer Hand und klettert auf das Mäuerchen neben ihnen. „Fängst du mich auf der anderen Seite auf?“

„Ja“, sagt sie. „Natürlich.“ Sie blickt hinauf in den Himmel. In dieses makellose Blau.

 

Marie Isabel, Dunfermline

Eigentlich sollte ich heute mit meiner Schwester in Deutschland ihren Geburtstag feiern. Beim Aufstehen merke ich, wie traurig ich bin, nicht bei ihr zu sein. Um ihr dennoch gut gelaunt gratulieren zu können, schicke ich erst einmal Nachrichten in alle Himmelsrichtung mit der Frage danach, wie es Freund:innen geht. Von der Mehrheit positive Rückmeldungen. Ein oder zwei bedenkliche Nachrichten. Ich halte die Daumen, versuche aus der Ferne da zu sein. So, wie frau es bei mir gemacht hat, als es mir schlecht ging. Wer es nicht selbst erlebt hat, ahnt vielleicht nicht, wie wichtig selbst kleinste Gesten der Zuneigung in schweren Zeiten sind. Wie nachhaltig sie wirken.

Deutschlandfunk Kultur berichtet über den PEN-Aufruf, der sich gegen die Verwendung des Begriffs ‘soziale Distanz’ und für Alternativen wie ‘körperlicher Abstand’ ausspricht. Berechtigt. Denke über ein positiveres Covid-19 Vokabular nach. ‘Solidarischer Abstand’ finde ich gut. Statt ‘Ausgehverbot’ fällt mir nur ‘Daheimbleiberlaubnis’ ein – zu nah am Euphemismus, oder? ‘Massenansammlungen’ sind ja eigentlich ‘Zusammenkünfte Vieler’. Von diesem Punkt aus weiterdenken, bitte.

https://www.deutschlandfunkkultur.de/autorenzentrum-pen-gegen-begriff-soziale-distanz.265.de.html?drn:news_id=1113373

Auf meinem Nachmittagsspaziergang laufe ich anarchisch quer über den Golfplatz in unserer Nähe (Schottland hat gefühlt an jeder Ecke einen). Bislang habe ich mich fast immer nur brav am Rand herumgedrückt, nun fülle ich die weißen Flecken meiner mentalen Landkarte mit Farbe. Mir begegnen Bäume, Eltern, Kinder, Hundebesitzer, Vierbeiner, Vögel – 16 Elstern auf einen Schlag (ist das ein gutes Omen?). Die Geistergolfspieler stets unter uns, das Klackern der Bälle herrlich abwesend, ein Abenteuerpark, der darauf wartet, dass die Natur ihn zurückerobert. Irgendwie fühlt sich dieser leere Golfplatz wie die perfekte Metapher für den gegenwärtigen Zustand der Welt an, ich weiß nur noch nicht genau, warum.

 

Viktor, Frankfurt

Noch keine Gedanken dazu:
US-Pflegekräfte aus Krankenhäusern berichten aus ihren Corona-Erfahrungen und verschaffen damit einen Einblick in ein System, das sonst unsichtbar bleibt.

https://www.nytimes.com/2020/03/25/business/media/coronavirus-nurses-stories-anonymous.html

Wenn ich nicht in der Redaktion bin, versuche ich, mich nur ein-, zweimal am Tag gründlich zu informieren. Sonst werde ich zu unruhig und kann mich anderen Dingen nur schlecht widmen. Die digitale Nachrichtenwelt lässt einen nicht in Ruhe, wenn wir uns ihr nicht selbst entziehen. Dabei entwickelt sich alles, selbst bei Corona, nicht so schnell, wie die immer auf Klicks bedachten News-Sites es suggerieren.

 

Slata, München

Drachensteigen macht man im Herbst, brummt Emil, Ihr könnt das selber machen, aber dann, in den Feldern, findet er es toll und will die Führung übernehmen. Der Wind ist so stark, dass der Drache reißt, immer wieder kopfüber ins Gras fällt, wir falten ihn zusammen, wickeln die Schnur auf, tasten uns zurück, nach Hause.

 

Fabian, München

Eine, man lässt sich, heute Büro, dann Mittagessen und ein wenig, zwei, Sport, später Netflix und später den Freunden in und aus Österreich beim Spielen zuhören, drei, getoastetes Brot, Steam ist offenbar überlastet, eine Weile lang nur das Klicken der Schalter der mechanischen Tastaturen, vermutlich braune, vier, Switches, oder auch nicht, was weiß man schon, so genau hört man nicht, stattdessen eine Runde Starcraft, eine Mission einer Kampagne, die er selbst nach zwanzig Jahren Spielerfahrung, fünf, noch nicht zu Ende gespielt hat, ein wenig Sport, als hätte man sonst nichts zu tun, man hat ja sonst nichts zu tun, wenn ich das Büro heute mal nicht mehr ins Zimmer lasse, sechs Serien, mehr zur Gewährleistung zuverlässigen, allerdings, Hintergrundrauschens zur Grundierung der Nicht-gerade-Langeweile, aber eines, acht, nicht gerade Angekommenseins in den neuen Umständen, läuft die etwas, aber immerhin auf sympathische Weise alberne ORF-Netflix-Co-Produktion, neun, “Freud”, zehn, und gut, eine 610Serie Liegestütze zu guter Letzt, oder zumindest heute.

 

Simon, Vorort von Freiburg

Diese Wohnung hier fühlt sich an wie eine sichere Burg, solang ich nicht raus muss, erscheint alles einigermaßen ruhig. Doch in ruhigen Momenten kriecht doch eine Unruhe die Beine herauf, manchmal fällt einen die Absurdität der Situation hinterrücks an und schleicht sich dann den Rücken hinauf, fällt dann wieder ab und kauert knapp über dem Boden. Wartet dort.

Gleichzeitig spüre ich wie eine seltsame Gewöhnung eintritt, die mich auch wiederum beunruhigt. Ich meine, diese Gewöhnung auch in der Berichterstattung zu spüren. Der Deutschlandfunk hat einen neuen Podcast unter dem Titel Alltag einer Pandemie. Es hat keine zwei Wochen gedauert bis wir die Situation teilweise zum Alltag erklärt haben und jeden Abend beim Kochen höre ich die täglichen Berichte aus verschiedenen Regionen des Landes. Auch die Fallzahlen scheinen nachlässiger veröffentlicht zu werden oder vielleicht bilde ich mir das auch nur ein, weil ich die Seiten des RKI, der John Hopkins University und der Badischen Zeitung nicht mehr im regelmäßigen Rhythmus von 15 Minuten neu lade. Diese vermeintliche Ruhe fühlt sich trügerisch an, als wüssten wir noch gar nicht, was da auf uns zukommt und als glaubten wir auch noch immer, dass das Schlimmste vielleicht doch an uns vorbeiziehen würde. Auch meine ich in meinem Umfeld eine Beruhigung festzustellen, die Gespräche in Chats und in den Skype-, Facetime- und Zoomanrufen drehen sich nicht mehr ausschließlich um Corona.

Die warme Frühlingssonne dieser Tage macht das alles noch surrealer. Wenn man spazieren geht, über die Felder und die letzten Wochen vergessen würde, nichts würde darauf hindeuten, dass gerade Chaos herrscht.

 

Emily, Rostock

Es gibt eigentlich nur noch zwei Handlungsorte: meine Wohnung und den Hafen, der am Ende der Parallelstraße beginnt. Solange ich mich nicht aufraffen kann, den Schlauch meines Fahrrads zu reparieren, ist mein Radius furchtbar beschränkt. Heute der erste Tag, an dem ich hinterfrage, wozu es gut ist, aufzustehen und mir die Haare zu waschen. Die meisten meiner Freunde verbringen die Quarantäne mit ihren Partnerinnen und ich versuche eine halbe Stunde lang, die Katze der Nachbarn auf meinen Balkon zu locken. Aus der Ferne die Nachricht „Be my Quarantine“, auf die ich keine Antwort weiß. Alle Arbeitskontakte, die mich anrufen, haben ihre Nummer unterdrückt, weil sie so ein kleinwenig Kontrolle behalten. Ich denke, es wird Zeit, die Schrauben an meinem Wasserhahn nachzuziehen und die Schublade meines Kleiderschranks zu reparieren. In anderen Städten wird abends um 19 oder 21 Uhr applaudieren. In meinem Hinterhof beginnt ein Blockflötensolo und dann singen sie gemeinschaftlich „Der Mond ist aufgegangen“. Weil es noch immer hell ist, kann ich sie dabei beobachten.

 

26. März

 

Jan, Hannover

Der Beginn der räumlichen Distanzierung ging zunächst einher mit neuen (oder eben gar nicht so neuen, aber bisher von uns nur selten genutzten) Formen der Online-Gemeinsamkeit: Der abendliche Sun-Downer mit Freund*innen aus drei Städten auf Skype oder im WhatsApp-Videochat. Gemeinsam kochen und essen mit den Nachbarn in Facetime. (Die Online-Bandprobe meiner Frau mit ihrem Gitarristen scheiterte allerdings, zu viel Zeitversatz.) Ersatz-Gemeinschaft im Display.

In Woche 1 der Sozialen Distanz habe ich mehr Zeit mit Facetime verbracht als vorher in drei Jahren zusammengenommen. Man lässt sich lustige Sachen für die Bildgestaltung einfallen, schiebt ein niedliches Stofftier vor die Kamera oder wählt eine expressionistische Kameraperspektive und Lichtsituation. Ich habe mir sogar eine Smartphone-Halterung für meine Kamerastative bestellt, um keine abenteuerlichen Konstruktionen mehr bauen zu müssen, wenn man beim Videochat beide Hände freihaben möchte.

Aber jetzt beobachte ich eine gewisse Videomüdigkeit bei mir, cam chat fatigue. Das aufgekratzte Durcheinanderkrähen, das aus dem zu kleinen Smartphone-Lautsprecher plärrt, und die leicht überdrehte Euphorie beim virtuellen Anstoßen empfinde ich zunehmend als anstrengend, ich beobachte mich dabei, wie sich mein Gesicht in eine Kulisse verwandelt. Ich grinse unentwegt in die Kamera, obwohl ich eigentlich nur müde bin, und kontrolliere ständig das Bild, das wir von uns machen, im Minifenster oben links. Und die unaufhörlichen, unausweichlichen Corinna-Witzchen strengen mich an, obwohl ich natürlich unentwegt selbst welche rausfeuere, gute wie nicht so gute, ich kann gar nicht anders. Das ist noch zwanghafter als Händewaschen. Lachen soll ja bekanntlich die beste Medizin sein, aber es kann auch eine verdammt bittere Medizin sein.

Mittlerweile hat die Häufigkeit der Online-Zusammenkünfte wieder abgenommen, und ich habe nicht den Eindruck, dass es nur an mir liegt. Es ist schön, sich zu sehen. Aber manchmal macht einem der schwarze Rahmen des iPhone-Gehäuses, der die Gesichter der anderen einhegt, die herrschende Distanz nur noch schmerzlicher bewusst.

 

Nefeli, Hamburg/Berlin 

Vor zwei Tagen hat mich S. mit dem Auto aus Hamburg abgeholt und nach Berlin verfrachtet. So sind wir eben zu zweit in Quarantäne und ich bin nicht allein meiner Misere ausgesetzt. Seine Wohnung ist größer, aber mein Traum, alle Nachbar:innen um 21 Uhr dazu zu bringen, “Someone like you” von Adele zu singen, ist hier bei all den älteren Menschen nicht möglich. Auf der Autobahn wurde S. geblitzt und kurz darauf sahen wir eine Sternschnuppe, die senkrecht ins Nichts fiel. Als käme mir das Leben, die Welt und mein Sein nicht schon komisch genug vor. Und dann schämte ich mich, weil ich mir nichts Sinnstiftendes wünschte, sondern nur etwas Privates. S. hat mir später das Handyspiel “Drop the Number” gezeigt, ich habe es innerhalb von zwei Tagen des intensiven Spielens schon geschafft, 44.738 Punkte zu erzielen, was wirklich gut ist, aber vielleicht sollte ich mein Selbstbewusstsein nicht aus einem Handyspiel ziehen. Und so ein wirklicher Trost ist es auch nicht, wenn ich die 16 auf die 32 ziehe und dann die nächste 16 kommt und dann ploppt es und ich denk mir “geil”. Ich hab wenig Struktur, jetzt noch weniger als Pre-Corona. Da tut es gut, S. um sich zu haben, der eine feste Abendroutine hat, der auch viel rausmöchte. Ich würde ja ansonsten wirklich nur drinbleiben. Mich macht Sonne nicht glücklicher. Sie ist einfach da, das ist okay. Heute Abend gibt es Fisch, ich muss daran denken, meine Mutter anzurufen. Und ich will mich auch bei meinen Freund:innen melden, die alle allein in ihren Wohnungen sitzen. Und Mails schreiben. Und Abrechnung machen. Den nicht ausgetrunkenen Tee von gestern trinken. Aufpassen, mich nicht zu betrinken. Nicht auf YouTube versacken. Jetzt wäre die Zeit zum Lesen da aber ich bin so unkonzentriert. Und jammern bringt auch so furchtbar wenig, es ergeht ja zu vielen so.

 

Matthias, Jena

Vermutlich geht es mir nicht anders als den meisten, aber der tägliche Blick auf die Fallzahlen und dann der Klick zum Desktop-Taschenrechner, um die Steigerungsrate zu gestern auszurechnen, ist ein Ritual geworden. Meine Lieblingsmedizinerin findet, die Zahlen sähen gar nicht so schlecht aus, insbesondere die sehr geringe Sterberate in Deutschland findet sie beeindruckend. An ihrer Klinik werden inzwischen alle stationären Aufnahmen routinemäßig getestet. Von Twitter aus gesehen kann man hingegen meinen, dass gerade ein abgewirtschaftetes Gesundheitssystem unter der Seuche zusammenbricht und die Eingriffe in die Freiheit der Bevölkerung zugleich den Weg in einen totalitären Post-Covid-Staat bahnen. Je länger der ganze Zustand dauert, desto allergischer werde ich gegen eine bestimmte Sorte politischer Hottakes. Ich muss darauf achten, in dieses Tagebuch nicht immer nur dieselben Beschwerden darüber hineinzuschreiben.

Mein Arbeitsalltag ist so normal, dass es mir fast Angst macht. Dabei ist nichts von dem, was ich tue, irgendwie »systemrelevant«. Ich rechne damit, dass ich in spätestens 2–3 Wochen mit mehr oder minder sanftem Zwang dazu herangezogen werde, irgendwelche Verwaltungsaufgaben in Testlabors oder beim Gesundheitsamt zu machen.

Wir haben die Sorge wochenlang weggeschoben, aber langsam beschäftigt auch uns die Frage, was wir tun, wenn unser Toilettenpapier alle wird. Die Regale scheinen wirklich nachhaltig leergefegt. Als braver Jenaer Bürger habe ich bei einem größeren Anfall von Online-Shopping heute auch schön beim lokalen Einzelhandel bestellt, zwar nur zwei Instrumentenkabel, aber immerhin.

Fragilitäten – Gedanken über den unabhängigen Buchhandel

von Isabella Caldart (@isi_peazy)

What a difference a day makes. Ein Songtitel, der wörtlich zu nehmen ist: Es ist kaum mehr als zwei Wochen her, da bekam ich den Auftrag, einen ausführlichen Artikel über den florierenden unabhängigen Buchhandel in den USA zu schreiben. Was für ein toller Auftrag, was für eine Freude, darüber zu schreiben!

Denn nach Jahrzehnten der Amazon-Dominanz (und davor von Ketten wie Barnes & Noble) hatte dort in den letzten Jahren eine Gegenbewegung eingesetzt. Vor allem in ländlicheren Gegenden, in denen es bisher außer über Amazon nicht möglich war, bequem an Bücher zu kommen, hatten neue Buchhandlungen eröffnet. Nicht selten übrigens durch die Unterstützung der Locals, die etwa via Crowdfunding dafür sorgten, dass ihr Ort wieder um eine Buchhandlung bereichert wurde – wie Lark & Owl in Georgetown, Texas. Unabhängige Buchhandlungen boomen, hieß es überall. Passend dazu rief eine Buchhändlerin 2014 in Kalifornien den Independent Bookstore Day ins Leben, der ab 2015 jeden letzten Samstag im April USA-weit gefeiert wurde.

Eine erfreuliche Entwicklung, über die ich sehr gerne berichtet hätte. Passend dazu wäre ich heute vor zwei Wochen nach New York geflogen, eine Stadt mit einer unglaublich vielfältigen Indie-Buchhandlungs-Szene. Erst im Mai 2017 hatte Books Are Magic in Brooklyn eröffnet, eine Buchhandlung, die sich nicht zuletzt dank des auffälligen und sehr instagrammable Graffiti an der Häuserwand größter Popularität erfreute. Ebenfalls in Brooklyn stand die deutsche Buchhändlerin Susanne König kurz davor, ihre dritte Filiale der Powerhouse Arena zu eröffnen, im Mai wäre es soweit gewesen. Und nachdem Book Culture auf der Upper West Side (wegen Misswirtschaft) im Januar ohne Ankündigung von einem Tag auf den anderen schloss, kündigte kurz darauf der Strand Bookstore an, im März die Buchhandlung zu übernehmen. Es ist nicht lange her. Es fühlt sich sehr lange her an.

Als ich den Auftrag bekam, den Text über die florierende Indie-Buch-Szene zu schreiben, war Corona hier bereits angekommen, die Leipziger Buchmesse abgesagt. Und doch war das Virus in vielen Köpfen noch nicht präsent, auch ich war noch dabei zu verarbeiten, dass es sich hierbei nicht um ein temporäres, mehr oder weniger zu ignorierendes Phänomen handelte. Ich konzentrierte mich auf meinen Flug nach New York – in den USA war, so schien es, so wollte ich es glauben, Corona eh noch kein Problem. Am Abend vor unserem Abflug dann diskutierte ich mit meiner Freundin: Sollten wir wirklich fliegen? Die Entscheidung verschoben wir auf den nächsten Morgen. Sie wurde uns in der Nacht von Trump abgenommen, der einen Einreisestopp für alle Europäer*innen verhängte. Wir wären gerade noch reingekommen. Und sogar darüber dachten wir noch kurz nach, so absurd das im Rückblick klingt. Aber eigentlich war schon da klar, dass es keinen Sinn machen würde.

Jetzt sitze ich hier, habe den Artikel abgesagt. Nicht nur, weil auf meine E-Mails, die ich, peinlich berührt schon beim Verfassen, in den letzten Tagen verschickt hatte, keine Antwort kam. Sondern vor allem, weil ich keine Antwort erwartete. What a difference a day makes. Die boomende Indie-Szene in den USA ist tot, das kann man, selbst wenn man diesen Text ohne Frust schreiben würde, kaum beschönigender ausdrücken. Sie ist innerhalb weniger Tage komplett zusammengebrochen. Das ist schrecklich für die Buchbranche, die Indie-Szene, die Buchhändler*innen, die jetzt vor dem Nichts stehen. Dass die USA in jeder Hinsicht instabilere Sozialsysteme haben, wissen wir. Und so kam es, wie es kommen musste; die Buchhandlungen, die wegen Corona schließen mussten, entließen von einem Tag auf den nächsten reihenweise ihre Mitarbeiter*innen, es blieb ihnen gar nichts anderes übrig. Schrecklich für die Entlassenen, die zumeist nur bis zum Ende der jeweiligen Woche bezahlt werden.

Besonders hart hat Corona New York getroffen, wo mehr als die Hälfte der in den USA bekannten Corona-Fälle verzeichnet sind. McNally Jackson, eine SoHo-based Buchhandlung, die 2018, 2019 und, oh, the irony, erst vor drei Wochen je eine neue Filiale eröffneten, verkündete vergangene Woche, alle Mitarbeiter*innen entlassen zu müssen. Am Wochenende war es beim Strand Bookstore, der größten und bekanntesten Indie-Buchhandlung der USA, soweit: 188 Mitarbeiter*innen wurde gekündigt, nur 24 können fürs Erste gehalten werden. Im ganzen Land sieht es nicht anders aus. „Mein Herz bricht für uns alle“, schrieb die Inhaberin von Powell’s Books in Portland in einem offenen Brief. „Ich kann nur hoffen, dass wir auf der anderen Seite dieser schrecklichen Zeiten einen Weg finden, wieder zusammenzukommen.“ Innerhalb weniger Tage war die Buchbranche, die sich in den letzten Jahren ganz neu erfunden hatte, zerstört.

Eigentlich habe ich überhaupt keine Lust auf Schwarzmalerei. Sie ist nicht produktiv, sie hilft niemandem, macht nicht glücklich, gibt keine neuen Impulse. Schaut man in andere Länder, in denen das Sicherheitsnetz etwas weniger fragil ist als in den USA, sieht man durchaus interessante Entwicklungen. In England, so dokumentiert der Guardian, liefern Buchhandlungen per Fahrrad oder gar Skateboard aus und bieten das, wofür sie als Kontrast zu Amazon immer gelobt wurden: persönliche Beratung, teilweise gar ein offenes Ohr fern von Lektüretipps. In Spanien versucht man ebenfalls, alternative Wege zu finden. Erst am 21. März vermeldete El País, dass vier der größeren Buchhandlungen in Barcelona mehr als 800 Mitarbeiter*innen (temporär) entlassen mussten. Womöglich, steigt man auch hier auf Fahrradlieferungen um. Kundenservice also als Neuerung: Wer einmal versucht hat, in einer spanischen Buchhandlung, wie man es hierzulande gewohnt ist, ein Buch zu bestellen, wird nur irritierte Blicke geerntet haben.

Dass Amazon in Deutschland Bücher als nicht essentiell eingestuft hat, deren Lieferung bis April aussetzt und lieber auf die neue Währung Klopapier setzt, könnte auch hierzulande ein entscheidender Faktor sein. Viele Käufer*innen erkennen zum ersten Mal, dass lokale Buchhandlungen eigene Onlineshops haben oder an größere Shops (mit fairen Bedingungen) angegliedert sind, dass Bestellungen per Telefon, E-Mail oder Instagram abgesetzt werden können und diese teilweise mit dem Fahrrad noch am selben Tag geliefert werden. Und innerhalb kürzester Zeit haben einige Buchhandlungen gezeigt, dass sie kreativ und innovativ sein können und um den Einfluss von Social Media wissen. In einem Artikel im Börsenblatt zählt Torsten Woywod verschiedene Aktionen auf, die sich Buchhändler*innen spontan haben einfallen lassen, darunter individuelle Beratung per FaceTime oder die Vorstellung von Novitäten auf IGTV.

Doch nicht alle sind so innovativ. In meiner Heimatstadt Frankfurt fällt mir keine Buchhandlung ein, die eine gute Onlinepräsenz hätte.
Dabei kann genau das entscheidend sein: Online, vor allem auf Instagram, durch Inhalte überzeugen, durch die Vorstellungen von Büchern, Blicke hinter die Kulissen und, essentiell für die persönliche Bindung die Mitarbeiter*innen zeigen. Buchhandlungen, die wissen, wie man sich digital präsentiert, sind über die regionalen Grenzen hinaus bekannt. Bekanntheit zahlt keine Miete, klar. Aber wenn es darum geht, welche Buchhandlungen überleben werden und welche nicht, wenn Support gefragt ist, der sich vor allem auf einer emotionalen Ebene (hier sind wir wieder bei der persönlichen Bindung) abspielt, kann eine guter Onlineauftritt an genau diesem Punkt entscheidend sein.

Stichwort Support: Auf sämtlichen Medien riefen Verlage, Buchhandlungen und Kulturinstitutionen dazu auf, jetzt erst recht den lokalen Buchhandel zu unterstützen, ein Appell, der, fragt man Buchhändler*innen im ganzen Lande, auch ernst genommen wurde, die Läden und Telefonleitungen brummten in der vergangenen Woche. Es ist ein Trend, der sich unbedingt etablieren und vom Trend zum Habitus werden muss, damit es den unabhängigen Buchhandel, wenn wir irgendwann aus diesem Albtraum aufwachen, noch gibt. Es gilt, das eigene Konsumverhalten zu überdenken. Kein origineller Gedanke, und doch scheint er noch immer nicht bei allen angekommen zu sein. Damit Buchhandlungen eine Chance haben, zu überleben, sind neben dem Rettungsschirm, den Monika Grütters am Dienstag präsentierte, zwei Faktoren wesentlich: Die bereits erwähnte soziale Bindung – und Zeit. Ein vager Faktor, der nicht von Individuen beeinflusst werden kann. Privatpersonen wie Restaurants, Kinos oder Buchhandlungen rufen dazu auf, Gutscheine zu kaufen, um kleinen Geschäften das Überleben zu sichern. Doch das kann nicht auf ewig gut gehen. Wie lange wird es dauern, bis die Leute aufhören, Gutscheine zu kaufen, weil sie es vergessen, weil sie bereits genug zu Hause rumliegen haben, weil sie sie sich aus eigenen Geldprobleme nicht mehr leisten können oder weil sie die Befürchtung haben, diese wegen Insolvenz nicht mehr einlösen zu können?

Jetzt einen optimistischen Schluss für diesen pessimistischen Text finden, um keine Weltuntergangsstimmung zu verbreiten? Ich bemühe mich darum. Ich bemühe mich darum, den Mut nicht zu verlieren, nicht die Hoffnung, den Glauben daran, dass die Kneipen, Cafés, Arthaus-Kinos und unabhängigen Buchhandlungen auch Post-Corona noch existieren werden. Aufgeben ist keine Option. Ein müdes Motto. Aber zu mehr bin ich nicht fähig. Was die nächste Zeit bringt, wer will da schon Prognosen abliefern? Jeden Tag gibt es neue Entwicklungen, neue Eilmeldungen. Es ist eine merkwürdige Gleichzeitigkeit vieler Dinge, die sich widersprüchlich anfühlen. Das subjektive Zeitempfinden vieler. Die Zeit jetzt fühlt sich so bleiern an, und noch bleierner, die immer gleich ablaufenden Tage ziehen sich in die Länge, während an jedem Tag so viel passiert, dass diese Informationen nur schwer zu verarbeiten sind. Oder, um es mit den Worten von Roxane Gay zu sagen: Every day is a month now.

 

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Wortgewaltige Sehnsucht – Mary MacLanes “Ich erwarte die Ankunft des Teufels”

von Magda Birkmann (@magdarine)

Das Manuskript einer gänzlich unbekannten Autorin findet innerhalb von nur einer Woche einen Verlag, wird lektoriert und gedruckt und dann im ersten Monat nach Erscheinen rund 80.000 mal verkauft. Das hört sich an wie der unerfüllte Wunschtraum zahlreicher Hildesheimer Schreibschüler*innen. Im Amerika des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts jedoch wurde dieser Traum Wirklichkeit und machte eine junge Frau aus der Bergbaustadt Butte im Bundesstaat Montana quasi über Nacht zum Star. Nun ist ihr Buch nach über hundert Jahren von der Schriftstellerin Ann Cotten erstmals ins Deutsche übersetzt worden.

Ich, neunzehn Jahre alt und im weiblichen Geschlecht geboren, werde jetzt, so vollständig und ehrlich wie ich kann, eine Darstellung von mir selbst verfassen, Mary MacLane, die in der Welt nicht ihresgleichen kennt.
Davon bin ich überzeugt, denn ich bin ungewöhnlich.
Ich bin ausgesprochen originell, von Geburt an und in meiner Entwicklung.
Ich habe eine ganz ungewöhnliche Lebensintensität in mir.
Ich kann fühlen.
Ich habe eine wunderbare Fähigkeit zu Elend und zu Glück.
Ich bin gedanklich offen.
Ich bin ein Genie.

Mit diesen mehr als selbstbewussten Worten beginnt die neunzehnjährige Highschool-Absolventin Mary MacLane im Januar 1901 die Arbeit an ihrem ersten literarischen Projekt, zu dem sie durch die Lektüre des Tagebuchs der jungen russischen Malerin Marie Bashkirtseff inspiriert wurde. Doch im Gegensatz zu der jungen Künstlerin soll MacLanes Tagebuch ihr nicht erst den Ruhm nach ihrem Tod sichern – die junge Frau will jetzt berühmt werden.

Mary MacLane, 1881 in Winnipeg in Kanada als Tochter eines Regierungsbeamten geboren, wächst zunächst in Wohlstand in einem großen Haus mit Bediensteten auf. Als Vierjährige zieht sie mit ihrer Familie nach Minnesota, wo der Vater einige Jahre später stirbt. Die Mutter heiratet bald erneut und die Familie folgt dem Stiefvater in die Bergbau-Boomtown Butte in Montana. MacLane wird zur unersättlichen Leserin. Zwei Jahre lang bringt sie die Schülerzeitung der Butte High School heraus, bei ihrem Abschluss 1899 hat sie unter anderem gute Kenntnisse in Latein, Griechisch und Französisch erworben, aber keine echten Freundschaften geschlossen. In Butte fühlt sie sich unverstanden und eingeengt, sie träumt vom Besuch der Stanford University, vom Aufbruch in die weite Welt außerhalb Montanas. Doch kurz vor der geplanten Abreise nach Stanford eröffnet der Stiefvater, dass er all das Geld, das für den Universitätsbesuch vorgesehen war, verspielt hat. Mary MacLane hat weder das geringste Interesse an einer Ehe, noch verfügt sie über eine berufliche Ausbildung oder die nötigen finanziellen Mittel, um das Elternhaus zu verlassen. Daher sieht sie nur einen Ausweg: Ihr Buch soll ihr den Ausbruch aus den unerträglich gewordenen Verhältnissen ermöglichen.

Selbsterklärtes Genie

Die nächsten drei Monate verbringt sie mit der Niederschrift eines Textes, der bald darauf Leser*innen wie Kritiker*innen im ganzen Land in großen

Bildergebnis für mary maclane ich erwarte die ankunft des teufels

Aufruhr versetzen wird. Das fertige Manuskript schickt sie sofort an einen Verleger in Chicago. Der ist allerdings auf evangelikale Literatur spezialisiert und kann den Text mit dem provokanten Titel I Await the Devil‘s Coming unmöglich veröffentlichen. Das gewaltige Potential von MacLanes Erstlingswerk erkennt er trotzdem. Er sieht darin „the most astounding and revealing piece of realism I had ever read“, und reicht das Manuskript an die Kolleg*innen von Herbert S. Stone & Co weiter. Dort wird schnell klar: Man hat es mit einer literarischen Sensation zu tun. Im April 1902 erscheint das Buch unter dem weniger anstößigen Titel The Story of Mary MacLane und übersteigt noch alle Hoffnungen von Verlag und Autorin.

Zu einer Zeit, in der jungen Mädchen von der Gesellschaft keine Ambitionen, keine Sinnlichkeit und schon gar keine selbstbestimmte Sexualität zugestanden werden, erklärt sich Mary MacLane selbst zum Genie und macht die Erkundung ihrer eigenen Persönlichkeit auf eine bis dahin unbekannte Weise zum Kunstwerk. Sie verspricht ihren Leser*innen schonungslose Offenheit und doch ist beinahe alles an ihrem Buch gezielte, kalkulierte Provokation:

Oh, denken Sie keinen Augenblick, dass diese Untersuchung meiner Gefühle nicht vollkommen aufrichtig und echt ist, noch, dass ich sie nicht alle, mehr als ich in Worte fassen kann, gefühlt habe. Es sind meine Tränen – das Blut meines Lebens! Aber in meinem Leben, in meiner Persönlichkeit, gibt es eine Essenz von Falschheit und Unehrlichkeit.

MacLane, die sich selbst mit Byron und Napoleon vergleicht, nimmt in diesem Buch keinerlei Rücksicht auf die Befindlichkeiten ihrer Leser*innen. Sie berichtet von ihrer Faszination für den eigenen jugendlichen, wohlgeformten Körper, erhebt den Verzehr einer einzelnen Olive zur Kunstform, schildert freimütig ihre Liebe zu und ihr sexuelles Verlangen nach ihrer ehemaligen Lehrerin Fannie Corbin, das über eine einfachen Schulmädchenschwärmerei weit hinausgehen. Selbst ihren eigenen Vorbildern gegenüber hält sie sich für überlegen. Über Marie Bashkirtseff, deren posthum veröffentlichtes Tagebuch erst wenige Jahre zuvor die Öffentlichkeit in Aufruhr versetzt hat und deren Fotografien die Wände von MacLanes Zimmer zieren, urteilt sie:

Denn obwohl sie bewundernswürdig und großartig war, durch und durch, war sie kein solches Genie wie ich. Sie hatte ihr eigenes Genie, es ist wahr. Aber die Bashkirtseff mit ihrem sinnlichen Körper und ihrer anziehenden Persönlichkeit ist doch ein wenig gewöhnlich. Mein Genie, wenngleich schwach, ist selten und tief, und es hat noch niemand ein ähnliches Genie gehabt, und es wird auch nie jemand ein ähnliches haben.

Verzweiflung und Satan

MacLane ist um keinen Tabubruch verlegen, verschweigt ihre Abneigung gegenüber dem Konzept der heterosexuellen Ehe genauso wenig wie ihr angebliches Hobby des gelegentlichen Diebstahls. Und immer wieder bringt Mary MacLane den Teufel ins Spiel:

Ich bin bereit und warte darauf, alles, was ich habe, dem Teufel zu übergeben im Austausch gegen Glück. Ich bin so lang mit dem öden, öden Elend des Nichts gequält worden – meine gesamten neunzehn Jahre lang. Ich will glücklich sein – oh, ich möchte glücklich sein.

Wortgewaltig beschreibt sie ihre Sehnsucht nach dem Satan als einem Befreier, der sie nicht nur aus der intellektuellen Beschränktheit von Butte und aus der für sie vorgesehenen gesellschaftlichen Rolle, der sie sich auf keinen Fall beugen will, retten, sondern der auch ihre geheimsten sexuellen Wünsche erfüllen soll.

Regelmäßig verliebe ich mich vollends und wahnsinnig in den Teufel. Er ist so faszinierend, so stark – so stark, genau die Art von Mann, die mein hölzernes Herz erwartet. Ich möchte mich ihm an den Kopf werfen. Ich wurde eine süße kleine Frau für ihn abgeben. Er würde mich lieben – er würde mich lieben. Ich wäre in Ekstase. Und ich würde ihn lieben, ach, wahnsinnig, wahnsinnig! […]

Der Teufel und ich werden einander heftig und vollkommen lieben – tagelang! Er wird im Fleisch sein, aber er wird kein Mann sein. Er wird der Mann-Teufel sein, und seine Seele wird meine zu sich nehmen, und sie werden tagelang eins sein.

Immer wieder bricht neben diesen überspitzten satanischen Fantasien aber auch die ehrliche Verzweiflung hervor, in die Mary MacLane durch ihre tiefe Einsamkeit gestürzt wird:

Mein Herz ist voller Lust.
Meine Seele ist voller Leidenschaft.
Mein Leben ist ein Leben der Sehnsucht.
Alle Bilder verblassen vor diesem Bild. Sie verblassen ganz und gar. Als die Sonne selbst verblasste, blickte ich über den Sand und die Ödnis mit verschwimmenden Augen und sah nichts, und wünschte mir nur, mit schwerer, trostloser Seele, dass der Teufel kommen möge.

Neben all ihrem Kokettieren mit einem literarischen Satanismus sehnt sich Mary MacLane aufrichtig danach, verstanden zu werden und jemanden zu finden, der ähnlich wie sie empfindet, sie vielleicht sogar wirklich lieben könnte. Und solange der Teufel mit seiner Ankunft noch auf sich warten lässt, schickt sie eben ihr Buch in die Welt hinaus in der Hoffnung, damit gleichgesinnte Seelen zu erreichen:

Meine Darstellung wird in ihrer Analyse und ihrer Egomanie und ihrer Bitterkeit sicherlich für manche von Interesse sein. Für den einen allein, der es verstehen mag, oder für manche, die selbst auch alleingelassen wurden; oder für jene drei, die ich, an drei trüben Tagen, um Brot bat, und die mir jeder einen Stein gaben – und denen ich nicht vergebe (denn das ist das Bitterste überhaupt): Vielleicht richtet sie sich an all diese. […] Es wird Sie amüsieren. Es wird Ihr Interesse wecken. Es wird Ihre Neugier erregen. Manche Menschen werden es lächerlich finden. Es wird Ihnen Rätsel aufgeben.

Vor allem aber wird es gelesen. Im ersten Monat nach Erscheinen wird das Buch 80.000 mal verkauft und Leser*innen wie Presse überschlagen sich fast in ihrer Begeisterung und in ihrem Bedürfnis, mehr über die junge Frau aus Montana zu erfahren. Der Mary MacLane-Hype kennt keine Grenzen: das Baseballteam ihrer Heimatstadt Butte benennt sich kurzerhand um in „The Mary MacLanes“ und Bars fangen an, den „Mary MacLane High-Ball“ zu verkaufen – ein neu erfundener Drink, der als „abkühlend, erfrischend/belebend, teuflisch“ beworben wird. Ein Faksimile von MacLanes Unterschrift wird gar von einem Zigarrenhersteller zum Druck auf Zigarrenpackungen lizensiert. Und auch andere Schriftsteller*innen springen schnell auf den MacLane-Zug auf – mit Damn! The Story of Willie Complain (1902) und The Devil’s Letters to Mary MacLane (1903) erscheinen mindestens zwei Parodien in Buchlänge.

Nachgeahmt und verrissen

Auch die Presse zeigt sofort großes Interesse an dem Phänomen. Am 27. April 1902 erschienen landesweit zahlreiche Rezensionen des Buches in verschiedenen Zeitungen. Die Meinungen in den Rezensionen gehen dabei weit auseinander. Für The San Francisco Call handelt es sich bei dem Buch um „the worst trash that printer and publisher ever spent time and money on“. Die Autorin wird als „a silly maid“ abgetan, die lediglich einige „freak expressions of opinion“ niedergeschrieben habe. Andere wiederum preisen MacLane für die „splendid sounds and harmonies in her thrilling, vibratory prose“ oder sind wie das Fergus Falls Daily Journal der Meinung, nur zwei Schriftsteller*innen der westlichen Hemisphäre hätten jemals makelloses Englisch produziert – Nathaniel Hawthorne and Mary MacLane.

Besonders gut kommt Mary MacLane, wenig erstaunlich, bei anderen jungen Mädchen und Frauen an. Überall werden zahlreiche Mary MacLane-Societies gegründet, die nicht nur gemeinsam MacLanes Texte lesen und in eigenen Texten nachzuahmen versuchen, sondern außerdem Verhaltensweisen an den Tag legen, „wie sie sich für ihr Vorbild ziemen“. Die 16jährige Elsie Viola Larsen, Mitglied des örtlichen Mary MacLane-Clubs, wird beispielsweise am 4. Dezember 1902 in Chicago wegen Pferdediebstahls verhaftet. Bei ihrer Befragung gibt sie an, dieses Vergehen begangen zu haben, um die nötigen Erfahrungen für ein Buch zu sammeln.

Dass Mary MacLane mit ihrem Buch einen Nerv getroffen hat, zeigt sich aber nicht nur in der Verehrung und Nachahmung, sondern vor allem in den erbarmungslosen, vor misogynen Gewaltfantasien strotzenden Reaktionen von großen Teilen der Presse. Ein katholischer Rezensent, der MacLanes Buch für „ungesund, unanständig, teuflisch“ hält, schlägt folgendes vor, um ihr die Flausen aus dem Kopf zu treiben: „An irate parent with a good, strong slipper could work wonders with the young thing’s longing by plying it frequently and lustily on her bustle rest.“ Auch ein Rezensent der New York Times ergötzt sich an der Vorstellung von körperlicher Züchtigung. Da keine Frau, die bei klarem Verstand sei, solche schrecklichen Dinge schreiben könne, erklären zahlreiche Kritiker Mary MacLane kurzerhand für verrückt. So beispielsweise der New York Herald: „She should be put under medical treatment and pens and paper kept out of her way until she is restored to reason.“ Besonders gern wird Mary MacLane von ihren Kritikern außerdem Hysterie attestiert – vermutlich aufgrund ihres sehr offenen und enthusiastischen Umgangs mit dem Thema Sexualität. Laut landläufiger Meinung konnte Hysterie bei jungen Frauen schnell zu Nymphomanie führen, falls deren sexuelles Verlangen nicht schleunigst das einzige angemessene Ventil fand – im Ehebett. Eine Option, die MacLane in ihrem Buch kategorisch ablehnt.

Der „MacLaneism“ wird als so große Bedrohung für Leib und Seele argloser heranwachsender Frauen betrachtet, dass ihr Buch nicht nur in der Bibliothek von Butte verboten wird, sondern auch Geistliche immer wieder über den schlechten Einfluss, den Mary MacLane angeblich auf die Jugend ausübt, predigen. Ein besonders perfides Beispiel für die Denunziation der jungen Autorin ist der Artikel The Harvest Begun: The Story of Mary McLane Drives Young Girl to Suicide in Kalamazoo, Michigan in der Tribune-Review.

Durch die Lektüre von MacLanes Buch, die zudem auch noch unbekleidet erfolgt sein soll, sei ein junges Mädchen so verrückt geworden, dass sie erst ihren physischen Hunger „mit einem Festmahl aus Konfekt und Kuchen gestillt“ habe, bevor sie ihren „eitlen Vorstellungen und Sehnsüchten“, von der „neurotischen Autorin aus Montana“ inspiriert, durch die Einnahme von Arsen ein Ende setzte. „When she was discovered writhing in the awful agony of arsenical poisoning, the book was still clasped in her hand.“ Während Mary MacLane in ihrem Text kulinarischen Genuss, Sinnlichkeit und Körperlichkeit in eine positive, emanzipatorische Beziehung zueinander setzt, werden diese Themen, zumindest im Zusammenhang mit jungen Frauen, im öffentlichen Diskurs als hochgradig moral- bzw. sogar lebensgefährdend behandelt.

Rebellin in New York – Einsiedlerin in Massachusetts

Aber auch das tut Mary MacLanes Erfolg zunächst keinen Abbruch. Das Buch hat ihr in den ersten Wochen bereits 17.000$ an Tantiemen eingespielt, ihr Plan ist also aufgegangen – am 5. Juli 1902 steigt sie in einen Zug Richtung Ostküste und lässt ihre Heimatstadt Butte für die nächsten neun Jahre hinter sich. Ihre Reise wird zum großen Medienspektakel, Journalist*innen verfolgen sie auf Schritt und Tritt, um heißbegehrte Interviews mit ihr zu ergattern. Nach Zwischenstopps in Chicago (wo sie die Dichterin Harriet Monroe kennenlernt, die eine der großen unerwiderten Lieben ihres Lebens werden wird) und Boston verschlägt es MacLane endlich nach New York, denn die Zeitung New York World hat ihr ein Angebot gemacht. Für einige Wochen lebt sie nun also in Manhattan und verpackt ihre Beobachtungen über die Wall Street, Coney Island, die feine Gesellschaft von Newport und andere Orte in exzentrische Artikel, die von der Zeitung mit großem Aufwand vermarktet werden.

Mary MacLane in 1918.jpg

Doch irgendwann wird auch Mary MacLane, die ihre öffentliche Rolle der verruchten Rebellin zunächst voller Enthusiasmus weitergespielt hat, die anhaltende Aufregung um ihre Person zu viel. Sobald ihre Arbeit für die New York World beendet ist, verlässt sie die Metropole und taucht in Massachusetts unter, wo sie sich der Arbeit an ihrem nächsten Buch widmet. Als dieses schließlich im Sommer 1903 unter dem Titel My Friend Annabel Lee erscheint, stehen Leser*innen und Kritiker*innen vor einem Rätsel. Das Buch hat wenig mit seinem Vorgänger gemein. Statt den bekannten Anrufungen des Teufels und grenzüberschreitenden Schilderungen ihres sexuellen und sonstigen Begehrens besteht das Buch größtenteils aus Dialogen zwischen der Erzählerin und einer kleinen japanischen Porzellanfigur, die auf einem Regalbrett thront und den Namen Annabel Lee trägt. Auch wenn sich das Buch aufgrund von MacLanes Bekanntheit recht passabel verkauft, wird es wegen seiner literarisch schwierigen Einordnung von der Presse im Großen und Ganzen als Enttäuschung betrachtet.

Daraufhin wird es für einige Jahre wieder ruhiger um die Autorin, bis Mary MacLane, die in den letzten Jahren eine Schwäche fürs Glücksspiel entwickelt hat, schließlich 1908 unter düsteren finanziellen Vorzeichen nach New York zurückkehrt. Ein von ihrem Verleger vermittelter Zeitungsjob verläuft schnell im Sande und MacLane ist erneut darauf angewiesen, ihren Verleger um finanzielle Unterstützung zu bitten. Derweil stürzt sie sich in ein neues Buchprojekt – sie hat vor, all die vielen unterschiedlichen Frauen zu portraitieren, denen sie in Manhattan tagtäglich begegnet:

During my last two years in New York, life seethed with women. They were one’s companions in the apartment houses where one lived, at matinees, in tea rooms, at the Cafe Martin, in the shops, on Fifth Avenue at the ends of the afternoons, on Broadway always, at the apartments of friends … If you’re an unattached young woman living alone in New York, and markedly a free-lance, you’ll meet up with a million other unattached women. They colour up your life and mean adventure – in the daylight and the dark.

Nicht nur, aber wohl auch zu Recherchezwecken stürzt sie sich tief ins (lesbische) Nachtleben von New York, bis ihre finanzielle Lage irgendwann ausweglos erscheint. Ihr Stiefvater reist schließlich nach New York und nimmt Mary MacLane mit zurück nach Butte.

Letzte Jahre in der Provinz

Kaum wieder in ihrem Elternhaus angekommen, erkrankt Mary MacLane schwer an Scharlach und Diphtherie, die Prognosen stehen zunächst eher schlecht. Die Zeitungen von Butte berichten ausführlich über den heiklen Gesundheitszustand der Heimgekehrten und das Telefon im Hause MacLane steht kaum mehr still vor lauter Genesungswünschen aus der Bevölkerung.

Sobald MacLane nach sechs Wochen wieder einigermaßen auf den Beinen ist, verarbeitet sie ihre Krankheitserfahrung in einem Artikel für die Zeitung. Dieser Text bildet den Auftakt zu einer Reihe von Zeitungsessays, die zum Besten gehören, was MacLane in ihrer schriftstellerischen Laufbahn verfasst hat – darunter ihr berühmter Artikel Men Who Have Made Love To Me sowie zwei spektakuläre Texte über die Frauen in ihrem Leben, die vermutlich aus dem inzwischen verworfenen New Yorker Buchprojekt hervorgingen. Danach wird es wieder stiller um die Autorin, die 1912 mit der Niederschrift ihres dritten und letzten Buchs beginnt. I, Mary MacLane, das persönlichste und vermutlich ehrlichste ihrer drei Bücher, erscheint 1917 und bekommt zwar einige Presseaufmerksamkeit, kann aber an ihre frühen Erfolge bei weitem nicht anknüpfen.

Bildergebnis für mary maclane

Einen letzten Rest öffentlichen Interesses erzeugt MacLane als 1918 eine Verfilmung ihres Artikels Men Who Have Made Love to Me in die Kinos kommt, zu der sie nicht nur das Drehbuch verfasst hat, sondern in der sie auch selbst die Hauptrolle spielt. Der Film, von dem heute leider keine einzige bekannte Kopie mehr existiert, erregt zwar genug Aufmerksamkeit, um in mindestens einem Bundesstaat verboten zu werden, seine filmhistorisch betrachtet revolutionäre Bedeutung – als eine der ersten Filmprotagonist*innen durchbricht MacLane darin beispielsweise die vierte Wand und spricht die Zuschauer*innen direkt an – bleibt aber von Presse und Publikum verkannt.

Mary MacLane hat das Ende ihrer Karriere erreicht. Nach einem letzten Skandal 1919, als sie für den Diebstahl einiger Kostüme vom Filmset verhaftet wird, verschwindet sie endgültig aus dem öffentlichen Leben. Gesundheitlich inzwischen immer mehr angeschlagen, zieht sie in ein Hotel in einem Mixed-Race-Viertel von Chicago, wo sie viel Zeit mit einer langjährigen Freundin, der afroamerikanischen Fotografin Lucille Williams, verbringt. Im August 1929 wird sie in ihrem Hotelzimmer tot aufgefunden. Einige Presseberichte behaupten, es handle sich um einen Suizid, den die einst berühmte und nun vergessene Autorin umringt von alten Zeitungsausschnitten und in ihr bestes Outfit gekleidet begangen habe. Andere verkünden dagegen, dass Mary MacLane einer Tuberkuloseerkrankung erlag.

Die Spekulationen über die Umstände ihres Todes werden für lange Zeit das letzte Mal sein, dass sich eine breitere Öffentlichkeit mit Mary MacLane und ihrem Werk befasst. Obwohl sie mittlerweile als Vorreiterin des Confessional Writings und der autofiktionalen Literatur, wie sie sich vor allem in den letzten Jahrzehnten immer größerer Beliebtheit erfreut, erkannt wurde, hat ihre „Wiederentdeckung“ bis zum einundzwanzigsten Jahrhundert gedauert.

“Then which is better, to be remembered, and remembered shortly, by the multitudes; or to be forgot by the multitudes and remembered long by the one or two?” lässt Mary MacLane ihre Erzählerin in My Friend Annabel Lee fragen. “It is incomparably better to be remembered long by the one or two”, gibt sie sich selbst zur Antwort.

Es bleibt zu hoffen, dass nun, da über 90 Jahre nach Mary MacLanes Tod ihr außergewöhnliches Debüt Ich erwarte die Ankunft des Teufels in der Übersetzung von Ann Cotten nun endlich auch einem deutschsprachigen Lesepublikum zugänglich gemacht wurde, die Erinnerung an das selbsternannte Genie aus Butte, Montana, nicht nur in den Köpfen von ein oder zwei, sondern von einer Vielzahl von Leser*innen weiterleben wird.

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Soziale Distanz – Ein Tagebuch (3)

Dies ist der dritte Teil unseres kollektiven Tagebuches, in dem wir mit zahlreichen Beiträger*innen fortlaufend sammeln, wie der grassierende Virus unser Leben, Vorstellungen von Gesellschaft, politische Debatten und die Sprache selbst verändert. (hier Teil 1, Teil 2)

Es schreiben mit:

Andrea Geier: @geierandrea2017, Anna Aridzanjan: @textautomat, Berit Glanz: @beritmiriam, Birte Förster: @birtefoerster, Charlotte Jahnz: @CJahnz, Elisa Aseva, Jan: @derkutter, Johannes Franzen: @johannes42, Magda Birkmann: @Magdarine, Marie Isabel Matthews-Schlinzig: @whatisaletter, Matthias Warkus: @derwahremawa, Nabard Faiz: @nbardEff, Philip: @FreihandDenker, Rike Hoppe: @HopRilke, Sandra Gugić: @SandraGugic, Shida Bazyar, Simon Sahner: @samsonshirne, Slata Roschal, Sonja Lewandowski: @SonjaLewandows1, Svenja Reiner: @SvenjaReiner, Tilman Winterling: @fiftyfourbooks, Viktor Funk: @Viktor_Funk

19.03.2020 

 

Jan, Hannover

Vor ein paar Tagen habe ich meinen Lieblingsnachbarn Ph. auf dem potemkinschen Parkplatz hinter dem Haus getroffen. Wir haben uns die Ellbogen gegeben. Ph. erzählte, dass die Patienten ihm die Klopapierrollen aus der Praxis klauen. Einen habe er letzten Freitag dabei erwischt, wie er auf dem WC die Handwaschlotion aus dem Wandspender in eine mitgebrachte Flasche umfüllte. Das fortwährende pfft-pfft-pfft war auch durch die geschlossene Tür zu hören gewesen und hatte ihn verraten. Das Mitführen einer leeren Flasche verriet Planung und Vorsatz. Ph. ist Franzose, er sagt, Quarantäne mache ihm nichts aus, er habe genug Wein im Keller, «viel Spaß mit Eurem Klopapier!» Wenn er «Ihr» zu mir sagt, meint er immer die Deutschen. Seine beiden Töchter heizen mit ihrem Longboard über den Hof.

 

Andrea, Tübingen

Bin immer noch erstaunt, wie unterschiedlich die Rede von Merkel gestern aufgenommen wurde. Den einen hat sie viel zu wenige wichtige Themen angesprochen (zB fehlte europäischer Austausch/Solidarität etc.), anderen hat sie viel zu lange gesprochen. Vielen war sie nicht nachdrücklich genug, andere loben, dass sie die Balance in der Krisenkommunikation zwischen Panik und wir schaffen das gewahrt hat. Vielleicht sind die unterschiedlichen Reaktionen aber gerade auch ein Zeichen dafür, dass es eine Quadratur des Kreises-Aufgabe war und sie es dafür doch wirklich gut gemacht hat? Ich fand die Wiederholungen in den Appellen sehr gut, & gleichzeitig die Abstufung der Hierarchie, indem sie zB erst über die Pflegekräfte und dann über ökonomische Sorgen gesprochen hat. 

 

Slata, München

Wenn das Erste, früh morgens, mit einem halb geöffneten Auge unter der Bettdecke, als erste Nachricht bei facebook, das Wort Ausgangssperre ‒ nichts fürchte ich so sehr wie Fremdanweisungen, wie staatliche, elterliche, sonst welche Kontrolle, uniformierte Männer, die darüber zu bestimmen haben, wo und wie ich lebe, die Möglichkeit schon allein, allein dass es ausgesprochen und ausgeschrieben wird, mir wird schwindelig und übel, und das eine Auge beginnt zu zucken. Sollen sie doch alle, sage ich laut, unter der Bettdecke, sollen sie doch, sind wir nicht überaltert als Gesellschaft, tun uns solche Viren nicht gut, aus irgendeinem Grund entstehen die, natürliche Selektion vielleicht, ja, vielleicht Selektion und so. Sind meine zwei Wochen Lebenszeit, in denen ich wahnsinnig werde, jeden Abend mich mit zuckenden pulsierenden Augen ins Bett lege, sind sie nicht etwa mehr wert als ein verbliebenes Lebensjahr, nehmen wir an, sowieso verbliebenes, einer alten, faltigen, vor sich hin lebenden Alten, wer nimmt sich das Recht heraus, darüber zu entscheiden, zu messen und abzuwägen. Schätzen sie das überhaupt, sage ich laut, was wir hier alles machen, um sie zu schützen, die abstrakten Gestalten, aus humanistischen Motiven heraus, werden sie sich bei uns bedanken dafür. Sollten die Nachbarn von unten, von gegenüber und die ganze Straße weiter nicht enteignet werden, alle, die einen Garten haben, ihre Kinder toben lassen an der frischen Luft, Frühlingsanfang, erste Sonne und so, während wir hier, als ob unsers das nicht nötig hätte, Verdachtsfälle, Kontaktpersonen, scheiß Wörter haben sie erfunden, und dann höre ich auf, halte still, denn ich habe noch nie das Wort scheiße ausgesprochen, habe sie immer gemieden, die deutschen Analflüche, und jetzt, so weit ist es mit mir gekommen.

 

Birte, Darmstadt

Im Netz kursiert ein Video mit jungen Leuten auf einer Partymeile, die trotz Pandemie weiterfeiern wollen. Weiter erleben. Was für Idioten, habe ich gedacht. Aber vielleicht, weil mein Erleben nur einfach Corona-kompatibler ist, ich es auch genießen kann, nicht pendeln zu müssen und schon an interessanten Orten war, weil ich doppelt so alt bin und vermutlich über bessere finanzielle Ressourcen verfüge. Es sind ja keine Luxusreisende, die man da sieht. Ich muss mich korrigieren.
Ein apokalyptischer Kollege erklärt die Situation zum Drehbuch für die Machtübernahme durch Rechtspopulisten. Ich sehe vor allem die teilweise Beschränkung von Konsum. Das Profilieren in dieser Situation überlasse ich dann doch lieber Herrn Drosten. Kritisch beobachten kann man die Maßnahmen zur Eindämmung neuer Ansteckungen ja auch ohne derlei unsaubere Drohszenarien.
So viele Hinweise im Internet, wie man sich verhalten soll, wie man durch die Krise kommt, wie man Mut, Humor oder was auch immer nicht verliert, dabei fühlt sich alles so fern von mir an. Wie Bettina Hitzer in “Krebs fühlen” schreibt, Gefühle sind zugleich universal und individuell. Meine passen gerade nicht zur Ratgeberliteratur. Ich rufe jetzt Freundinnen an.

 

Viktor, Frankfurt

Es ist so viel einfacher für andere da zu sein als für sich selbst. Heute morgen ruft mich eine Freundin aus Stockholm an, weil sie Stress mit ihrem Chef befürchtet. Der Stress ist nur in ihrem Kopf, ihrer Fantasie, und diese fantasierte Sorge treibt sie an, lässt sie Pläne schmieden, die wahrscheinlich mehr schaden als nutzen würden. Und wir reden, sie kommt runter – Slow. It. Down. – und etwas später schreibt sie mir per WhatsApp, dass alles gut sei, der Chef cool war und sie sogar nun eine Referenz für ihre Arbeit selbst verfassen soll. (Es ging um die Bewertung ihrer Arbeit.) Und etwas später bin ich in einer Stresssituation und mache was? Genau – ich schaffe es nicht, zu bremsen und motze rum. Stresszeiten sind wahrlich spannende Zeiten, wie ein Spiegel, in den wir reinzublicken gezwungen sind. 

Marie Isabel, Dunfermline

Heute morgen auf Twitter ein Foto von Militärfahrzeugen, die 60 Tote aus Bergamo in Krematorien anderer Städte transportieren. Der heimatliche Friedhof hat keinen Platz mehr für sie. In Friedenszeiten ist man nicht darauf vorbereitet, zu viele Menschen auf einmal zu beerdigen. Die toten Körper selbst finden nicht ins Bild, dafür die Särge, die sie umhüllen und die metallenen Autos, in denen sie reisen. Es wirkt pietätlos, fremde Menschen im Tod öffentlich zur Schau zu stellen. Dürfen das nur Kriegsberichterstatter heutzutage? Um Zeugnis abzulegen, Gewalttaten anzuklagen? Die Verheerungen, die das Virus anrichtet, sind unserer Fantasie überlassen. Sterbende bleiben isoliert, nicht einmal Angehörige dürfen zu ihnen. Der Weg, den letztlich jeder allein geht, ist nun ein einsamer. Ihre Gesichter sehen wir dann manchmal doch: Wenn sie uns aus italienischen Todesanzeigen entgegenblicken, noch aus dem Leben, aus ihrer Vergangenheit in unsere Gegenwart. 

 

Svenja, Köln
Wie oft kann man den Boden saugen? Wie oft kann man die Fensterscheiben putzen? Wie oft kann die Tischplatte durch das schräg einfallende Licht betrachten und die Oberfläche schmierig finden? Und die Fließen in der Küche? Und die Türrahmen. Und die Türgriffe. Und die Fußleisten. Und die Küchenschränke. Und überhaupt alles, was sich in dieser Wohnung befindet. Ich habe eine Neigung zur Reinlichkeit, vor allem, wenn ich sie bei all der Sonne ständig überprüfen kann, deswegen arbeite ich tagsüber oft in Bibliotheken. Jetzt bin ich alleine mit dem Staub. Und der Essigreiniger ist fast alle.

 

Berit, Greifswald

Es ist schwierig nachzudenken, geschweige denn zu arbeiten, wenn fünf Leute in einer Stadtwohnung versuchen eine Art von Alltag zu erzeugen, Schule weiterzuführen, die Arbeit nicht fallenzulassen, den Boden von Lego zu befreien, Wäsche zu waschen, Mahlzeiten zu produzieren. Bis jetzt hält sich der Streit in Grenzen, aber ich merke, wie ich an den Rändern immer mehr zerfasere. Ich sehe Bilder von zu Notfallambulanzen umgebauten Messen auf Twitter und gleiche sie in meinem Kopf mit den Schwarz-Weiß Fotos von Notfalllagern der Spanischen Grippe ab, an die ich mich erinnern kann. Ich weiß nicht genau, ob mir diese historische Perspektivierung Angst macht oder mich beruhigt.  

Hoffnung macht mir ein Zeitungsartikel über den erfolgreichen Versuch Bestandteile von Beatmungsmaschinen mit dem 3-D-Drucker nachzudrucken. Das wird Leben retten. Natürlich folgen auf die gute Nachricht Berichte, dass der Hersteller der aktuell nicht-lieferbaren Beatmungsmaschinen einen Patentbruch festgestellt hat. Solidarität und Innovation im akuten Notfall werden gegen marktwirtschaftliche Mechanismen ausgespielt. Diese Konflikte wird es wahrscheinlich jetzt häufiger geben – oder sind sie nur sichtbarer?

 

Philip, Göttingen

Meine hochfliegenden Pläne, auf entspannte Weise produktiv zu sein, sind Makulatur. Ich hatte mir vorgenommen endlich ohne Druck die Texte zu lesen und zu schreiben, die seit einiger Zeit in der Warteschlange hängen. Jetzt stelle ich fest, dass ich starke Schwierigkeiten habe, mich zu konzentrieren. Jeder Absatz braucht gefühlt eine Viertelstunde. Selbst zu diesem Tagebuch habe ich in den letzten zwei Tagen nichts beigetragen. Ich verbringe (verschwende?) viel Zeit damit, durch meinen Twitter-Feed zu scrollen, in der Hoffnung, etwas Interessantes zu sehen. Dort bekommt ein Tweet, der die Pandemie als “Earth’s Vaccine” feiert und verkündet: “We’re the virus”, fast eine Viertelmillionen (Stand 14:30) “Gefällt mir”-Angaben. Viele widersprechen, aber das so viele Menschen diese Art der scheinbar tiefgründigen Betrachtung gut finden, macht mir Sorgen. Als Philosoph, denke ich mir, wäre ich hier berufen, etwas dazu zu sagen. Aber ich glaube nicht, irgendwen zu einer anderen Ansicht bringen zu können.

 

Shida
Gestern war ich spazieren, weil ich nach Tagen der Krankheit (kein Fieber + kein Husten = kein Corona?) wieder fit genug dafür war.

Die Straßen waren erstaunlich belebt. Wenn mir jemand entgegenkam, lächelten wir uns an. Ehrlich wahr, alle lächelten. Die meisten Leute waren alt. Risikogruppe. Sie lächelten und machten gleichzeitig einen Bogen um mich, während ich lächelte und gleichzeitig auch einen Bogen zu machen versuchte. Das Wort „Risikogruppe“ gebührt eigentlich eher mir als euch, dachte ich. Ich bin doch hier das Risiko. Ihr geht einfach nur spazieren und lächelt.

Heute Spaziergang Nummer 2. Merkels Ansprache scheint zu wirken: Es ist deutlich menschenleerer. Es wird aber auch nicht gelächelt. Auch nicht, als mir auf dem Bürgersteig drei Menschen entgegenkommen. Wir wissen nicht, wie wir aneinander vorbeikommen sollen. Die drei und ich. Wir bleiben alle vier voreinander stehen und es passiert nichts. Nichts! Ich weiß nicht, wie wir uns am Ende weiterbewegt haben. Wir sind auf jeden Fall alle vier noch neu im Land der Social-Distancing-Spaziergänge.

Nach beiden Spaziergängen habe ich komatös geschlafen. Das macht mir Angst. Dass ich in ein paar Tagen denke: Wie konnte ich nur so selbstverliebt sein zu denken, mich würde der Virus verschonen. Und dann denke: Wen habe ich vor meiner Isolation (heute ist es Tag 6) alles in Gefahr gebracht? Erst mal versuche ich zu denken: Das ist eine ganz normale kleine Grippe wie ich sie ständig habe. 

 

Sandra, Berlin

Hardcore Homeoffice mit Kind. Tagsüber Grüner Tee, abends Gin Tonic. Wir erfinden neue Rituale im Großen und Kleinen um den neuen Alltag zu bewältigen. Mein Partner und ich ringen um Zeit und Nerven, versuchen unsere Arbeit weiterzubringen. Die Sonne scheint, das Kind will und muss auch mal raus, rennen, laufen, atmen. Also heisst es für einen von uns, möglichst täglich einen möglichst menschenleeren Flecken Grün zu finden, wo ein bisschen Freiheit und Bewegung möglich ist. Und ja, wir sind privilegiert, weil wir homeoffice machen können, und nein, ich bin es eigentlich überhaupt nicht, weil ich immer homeoffice mache, überhaupt das letzte Jahr, all die Abende, Nächte, Wochenenden arbeiten und tagsüber das Kind betreuen, mangels Kitaplatz. Und jetzt, endlich, haben wir einen und (verständlicherweise) hat die Kita zugemacht, noch bevor wir mit der Eingewöhnung beginnen konnten. Ich hätte heulen können. Die Babysitterin, die uns ab und zu geholfen hat, ist seit ein paar Tagen in Quarantäne und würde im Moment ohnehin nicht kommen (was wir alle für das Beste halten), sie schreibt, dass sie das Kind schon vermisst. Ich hoffe, dass sie gesund bleibt. Wir schreiben via whatsapp und reden einander gut zu, versichern einander gegenseitige Hilfe, wenn etwas dringend wird und überhaupt. Wir führen diese Gespräche nicht nur mit ihr, auch mit Freund_innen, Familie. Wenn ich einkaufen gehen muss, sind die einen viel nahbarer als sonst, kurze Gespräche ergeben sich, Freundlichkeiten werden ausgetauscht – dafür sind andere sehr viel unangenehmer, distanzlos, rücksichtslos. Berlin kann manchmal so ein Riesenarschloch sein. Vor mir an der Kasse im Bioladen werfen zwei Twentysomethings Berge von Haferflocken, Bohnen, Klopapier aufs Kassenband und ernten böse Blicke. Aber keine_r sagt was. Sollten wir etwas sagen? Und wenn ja, was?

Meine Wiener Freund_innen abends auf meinem Bildschirm im Splitscreen, wir sitzen in unseren Wohnzimmern, erzählen, freuen uns, dass es allen gut geht, hoffen, dass es so bleibt. Manche von ihnen leben allein, andere haben Kinder. Ich bin froh, dass ich eine kleine Familie habe, auch wenn es mich in diesen Tagen oft an meine Grenzen bringt, ich müsste in Stille und Konzentration an meinem Manuskript sitzen. Eigentlich. Täglich telefoniere ich mit meinen Eltern, sie wohnen bei Wien, ich bin weit weg, kann ihnen nicht zur Hand gehen – und das Digitale ist nicht ihre Welt – vielleicht üben wir heute Abend Videotelefonieren. Die Zeit rast, ich wundere mich, dass manche anscheinend nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen. Mein Problem ist viel eher, Ruhe zu finden, auch in diesen Tagen. Ganz oft ist es jetzt so: Die Stimme auf der einen und der anderen Seite der Leitung, ein gemeinsamer Moment, ein Durchatmen.

 

Matthias, Jena
Wie schnell sich Ordnung aus dem Chaos herausbildet: In Jena hat die Initiative des Innenstadtgewerbes eine Seite aufgesetzt, auf der Ladengeschäfte und gastronomische Betriebe, die jetzt nur noch liefern bzw. Abholservice anbieten dürfen, ihre Angebote sammeln. Im Kaufland Aushänge, die zu zwei Metern Abstand auffordern (daran hält sich kaum jemand) und regelmäßige Durchsagen, die bitten, bargeldlos zu zahlen. Ein Haufen E-Mails von Onlineshops, die mir versichern, dass der Betrieb weitergeht, nahezu inhaltsgleich: Die Büroangestellten habe man heimgeschickt, die Logistik arbeite im Mehrschichtenbetrieb mit strikter Trennung (genau so ist es in der Firma meiner Frau übrigens auch, die u.a. Apothekenlogistik betreibt). Schreiben die alle voneinander ab, gibt es da eine Richtlinie? Es erinnert mich so ein bisschen an den erst tröpfelnden, dann reißenden Strom der DSGVO-Infomails im Mai 2018.

Ich habe mich dabei ertappt, zu überprüfen, wie viel Toilettenpapier wir noch haben – sieben frische Rollen plus die angebrochene. Meine Arbeitsmotivation ist gering, aber das Thema ist bei mir ohnehin schwierig. Ich hatte einen Chat mit einer Verwandten, die meinte, vielen käme die Epidemie gerade recht, so müde und erschöpft wie alle seien. Passend bzw. kontrastierend dazu der National-Geographic-Artikel von neulich, der feststellt, dass die Menschen in den westlichen Gesellschaften anscheinend seit mindestens dem Mittelalter zu jedem Zeitpunkt denken, die aktuelle Epoche sei die müdeste und erschöpfteste.

In den sozialen Medien hat sich der normale Umgangston von Gereiztheit und Zurechtweisungsdrang nicht etwa abgeschwächt, sondern noch verschärft, zugleich liegen bei mir die Nerven natürlich blanker. Auch die klassischen Medien scheinen ihre Unsitten (z.B. überhastete Produktion quatschiger Einordnungsthinkpieces) eher noch zu verstärken. Ich ertappe mich beim Gedanken, dass ich mir geschwätzfreie Medien wünsche, aber das ist natürlich so, wie sich eine Graffitikultur ohne Tags oder Gewitter ohne Regen zu wünschen. Ich bin mir selbst etwas peinlich. Ich muss die Tage vor die Tür, um ein paar Kurzvideos für einen Beitrag über DDR-Architektur zu drehen, und frage mich jetzt schon, wie die Leute darauf reagieren werden, dass ich mit meinem Handy in einem großen Gimbal durchs Viertel laufe. Ob man glauben wird, dass ich für den Corona-Überwachungsstaat unterwegs bin? Mir ist es unter anderen Umständen schon unangenehm genug, in der Öffentlichkeit zu filmen.

 

Marie Isabel, Dunfermline

Unsere Allgemeinarztpraxis vergibt momentan keine regulären Termine mehr, nicht einmal Telefontermine. Notfälle werden einer Triage-Krankenschwester vorgestellt, die einen dann zurückruft. Bin ich ein Notfall? Nein. Wird sie zurückrufen? Ich hoffe doch. Der NHS im Pandemie-Modus. Ruft man die direkte Nummer der Breast Care Nurses im örtlichen Krankenhaus an, die sich um Brustkrebspatient:innen kümmern, begegnet man einer Informationsansage, deren Länge die elektronischen Aufnahmekapazitäten sprengt. Überall die Frage nach möglichem Kontakt mit Corona-Erkrankten. Da hilft nur eins: Sprachnachrichten hinterlassen, ruhig bleiben und das Stressniveau niedrig halten, damit der eigene Körper nicht auf unangenehme Ideen kommt, während das Gesundheitswesen implodiert. 

PS: Sie haben alle zurückgerufen. Das System steckt zwar etwas im Chaos aber funktioniert: Notfälle haben absolute Priorität. Einen Termin habe ich zwar noch nicht, aber mehr Informationen, Handlungsanweisungen bei Verschlechterung und die Aussicht, dass es nächste Woche mit dem Arztbesuch klappen könnte.

PPS: Ich merke, wie gut mir das Schreiben an diesem kollektiven Tagebuch tut. Manchmal, wenn ich eine Notiz hinterlassen will, sehe ich, dass andere gerade auch schreiben, und ich stelle mir vor, wie sie irgendwo auf dem europäischen Festland vor ihren Bildschirmen sitzen und tippen und korrigieren, während ich hier an meinem Schreibtisch auf der Insel genau das Gleiche mache. Eine Gemeinschaft von Schreibenden in Zeiten der sozialen Distanz.

 

Svenja, Köln
Ich verschicke Hundevideos. Ich verschicke Katzenbilder. Ich verschicke tic toc-Aufnahmen. Ich schreibe SMS, Emails, Instamessages, Facebooknachrichten. Gestern Abend hatte ich ein vierstündiges Skypegespräch mit ebenfalls isolierten Freundinnen. Wir trinken – Wein, alkoholfreies Bier und Cola mit Jägermeister – und hören Angela Merkel zu. Wir besprechen die Lage der Nation und wie wir uns verhalten wollen. Wir reden über Ängste, Fragen, Ärger. Und dann sprechen wir über uns. Eine Freundin ist seit längerer Zeit krankgeschrieben und leidet darunter, nicht wieder in den Job zurückkehren zu können. Eine Freundin plant ihre weitere Zukunft. Ich habe die meisten Termine aus meinem Kalender gelöscht. Manchmal steht „Skype mit…“ zwischen den vielen weißen Spalten.

 

Shida

Während meiner care-Arbeit, die gerade meine Hauptarbeit geworden ist, läuft das Radio. Im Halbstundentakt erzählt mir der Deutschlandfunk, dass „die Bundeswehr“ sich „vorbereite“. Die Kombination dieser beiden Worte macht mir mehr Angst als die Meldungen, die darauf folgen. Geht das allen Menschen so? Schöpfen manche Vertrauen? 

A propos Angst und alle Menschen: Heute vor einem Monat hat ein rechtsradikaler Terrorist neun rassistische Morde in Hanau begangen. Seitdem ist kein Tag vergangen, an dem ich mich nicht gefragt habe, wie es den Angehörigen der Opfer geht. Jetzt, in diesen Tagen, frage ich mich das umso öfter. Es übersteigt meine Vorstellungskraft. 

Heute habe ich vier Taxifahrer gesehen. Sie standen vor ihren leeren Taxis, mit Kaffee und Gebäck und plauderten in einer Sprache, die ich nicht verstand. Sie standen in einer symmetrischen Formation, die so aussah, als hätten sie vorher mit dem Zollstock abgemessen, ob sie auch wirklich zwei Meter Abstand zueinander halten. Sie plauderten und lachten. Sie sahen so aus, wie ich mir wünschen würde, dass alle aussehen: Sich dem Ernst der Lage bewusst, sich an die Vorgaben haltend, sich nicht in Panik versetzend. 

 

Nabard, Bonn

Mit der Angst kommt die Wut. Nicht auf die Politik. Oder auf die Gesellschaft. Wut auf eine Institution die das Leben eines jeden Mediziners lenkt und waltet wie es ihm beliebt. Das IMPP, Institut für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen, seit 2016 geleitet von Frau Prof. Dr. Jünger.

Ein Institut was sich seitdem zu einem diktatorischen Bürokratiemonster entwickelt hat. 

Neuester clou von Prof. Jünger; aussetzen des Staatsexamens für Medizinstudierende damit diese als Hilfskräfte in den Krankenhäusern eingezogen werden sollen. 

Ohnmacht macht sich unter meinen Kommilitonen breit. Sie lernen, wie ich im Sommer seit mehr als 80 Tagen ohne Pause. Geschlossene Bibliotheken. Keine Möglichkeit analog an Lehrbücher zu kommen. Doch online Tools und Plattformen helfen. 

Wir haben eine Petition* gestartet, doch Solidarität von anderen außer Medizinern erhalten wir kaum. Die Resonanzen sind überschaubar. „Wir“ sollen helfen und retten aber sind einem System ausgesetzt welches Schach mit uns spielt. So wird der Nachwuchs an jungen Medizinern vergrault. Kein Wunder dass die meisten in die Schweiz, nach Skandinavien oder Kanada auswandern wollen. 

*support Us

 

20.3.2020

 

Sonja, Köln

Mir ist nicht mehr nach Pandemie-Pointen. Die Blumenläden haben ihre Blumen verschenkt. Auf dem Markt stehen die Leute rum wie meine Avatare bei Sims früher, weit auseinander mitten auf dem Platz ohne direkten Anhaltspunkt, dass sie da vorne ein Ei und ein Glas Honig kaufen wollen (natürlich wollen sie mehr kaufen, wir brauchen Essen, Stressessen, Angst essen Seele auf und Essen isst Angst auf). Verloren stehen die Menschen über den Platz verteilt an und warten sehr geduldig, aber es sieht nicht nach Warten aus. Warten sieht anders aus. Warten ist doch sonst ein enges Hintereinander, ein drängelndes Gehtsbaldweiter, ein eiliges Mussjetztwieder. 

Der ganze Marktplatz ist ein Wartezimmer, aber die Handys darf man anlassen. Das Robert-Koch-Institut braucht das Handy nah bei uns, um uns tracken zu können, will wissen, ob wir zu Hause bleiben. Die Telekom stellt unsere Mobilfunkdaten zur Verfügung, damit das RKI Bewegungsprofile erstellen kann. 

Einmal am Tag gehe ich im Kölner Volksgarten spazieren. Ein paar Gruppen grillen dort, noch mehr Menschen stehen um die Wiese herum und schauen dabei zu, wie ein Polizeiwagen von Gruppe zu Gruppe fährt, um die Ansammlungen aufzulösen. Ich fotografiere zwei Kamerateams, die die Szenerie filmen. Dann folge ich dem Team vom WDR ein bisschen durch den Park, wie sie den leeren Spielplatz filmen. Journalist*innen sind systemrelevant, ich nicht. Ein Mann zieht seinen noch qualmenden Grill über die leere Wiese. Ob er noch ein Würstchen essen konnte?

Auf Facebook wird man entweder über den Klee gelobt, weil man zu Hause bleibt, oder wüst beschimpft. Idealisierung und Entwertung bestimmen viele Wahrnehmungen. Abends lese ich in meiner Facebookstadtteilgruppe, dass wir auf Bewährung seien. Ich kann das Wort nicht ertragen und die Moderatorin in der Extrasendung nach der tagesschau (auch das Extra ist jetzt new normal) wiederholt diese Warnung – die Bevölkerung ist jetzt auf Bewährung! Folgt auf die Kriminalitäts- die Kriegssemantik, wie in Frankreich und Italien? Im Krieg ist alles möglich. So, wie in der jetzigen Ausnahmesituation schon das Asylrecht ausgesetzt wird, die Kinder nicht aus dem Flüchtlingslager in Moria geholt werden. #LeaveNoOneBehind? Wir lassen alle da, wo sie gerade sind. Der März ist ein riesiges überfülltes Wartezimmer und ich blättere mich ungeduldig durch die Hashtags, die sich auf dem stuhlkreisgeborgenem kniehohen Glastisch stapeln.

 

Jan, Hannover

«Das soll man aber nicht machen», sagt die Verkäuferin an der Supermarktkasse und zeigt auf das Zeitschriften-Cover, das sie gerade über den Warenscanner gezogen hat. Das Foto darauf zeigt das Faschistenmännchen Björn Höcke beim Händeschütteln mit einem Stundenministerpräsidenten, dessen Namen ich gnädigerweise schon wieder vergessen habe. (Im Supermarkt verkaufen sie keine «Compact» mehr, aber immer noch die gute alte «Konkret»; ein kleiner Sieg.) Nein, Nazis sollte man nie die Hand reichen, denke ich, aber natürlich geht es nicht um Politik, sondern um das Virus, dieses heimtückische Ding. Es geht jetzt immer alles um das Virus.

Der Einkauf war seltsam. Wir können schon deswegen nicht hamstern, weil wir nicht in der Lage sind, für mehr als zwei Tage vorauszuplanen. Im Supermarkt laufe ich immer noch herum, als müsste ich wie vor 25 Jahren mein kleines Vorratsregal in der WG-Küche auffüllen (zweites Brett von oben). Aber heute habe ich zum ersten Mal im Leben Sachen gekauft, weil sie wieder da sind, nachdem sie zu Beginn der Woche noch ausverkauft waren. Hey, Parmesan ist wieder da! Dafür sind jetzt die Kartoffelchips aus, zumindest die guten Sorten, ein untrügliches Zeichen dafür, dass Deutschland sein Schicksal auf dem heimischen Sofa endlich angenommen hat.  Nudeln sind auch immer noch ausverkauft, aber Gnocchi sind ungeachtet der Coronakrise erstaunlicherweise durchgehend problemlos zu bekommen. Niemand fotografiert in den Gängen die leergekauften Regale, entweder ist das Thema durch oder die Menschen in meinem Stadtteil sind nicht auf Twitter.

«Da haben Sie natürlich recht», sage ich zu der Verkäuferin und zücke meine Karte. Die Wahrheit ist, ich war noch nie der große Händeschüttler. Von mir aus müssen wir nach Corona nicht zu diesem Brauch zurückkehren.

 

Birte, Darmstadt
Gestern Abend habe ich im Dunkeln in der Wohnung getanzt. Wir haben die vierte Folge der zweiten Staffel von Derry Girls geschaut, die mühelos eine Hochzeit und eine Beerdigung in 25 Minuten unterbringt. Es gibt Rock the Boat, Haschscones von Michelle und Sister Micheal fragt sich, ob sie eigentlich auf ihrer eigenen Beerdigung ist, als der langweiligste Erzähler der irischen Insel Onkel Colm ihr ein Ohr abkaut. Der Sohn hat auf Spotify die Derry-Girls–Playlist (meiner Jugend) gefunden und so kam eins zum anderen.

Das und telefonieren war gut. Auf Twitter Stimmen lesen, die vorgeben, die Situation bewerten zu können, die sich gar damit hervortun wollen, eher nicht. Apokalyptiker und Integrierte, so kommt mir die aktuelle Aufteilung vor meiner Umgebung vor. Und dennoch ist auf Twitter mein Netz virtueller Kontakte, die ich nicht missen mag und kann, von denen ich lesen möchte. Oder noch lieber hören.

Ach ja: Onkel Colm hat Präsident Kennedy getroffen, als der in Nordirland war. Darauf Gerry, Vater der Hauptfigur Erin Quinn: “JFK spoke to Colm? Christ, that man didn’t have much luck, did he?” 

Das Gefühl, ständig Ähnliches zu schreiben.

 

Shida

Mit welchen Worten sagt man Verabredungen zum Kaffeetrinken ab, die man letzte Woche gemacht hat? „Aus gegebenem Anlass“? Muss man Verabredungen überhaupt explizit absagen? Versteht sich das nicht von selbst?

Ich verstehe gerade überhaupt nichts von selbst. Ich finde es jetzt seit einer Woche völlig klar, dass wir das Haus nicht verlassen, wenn es nicht sein muss (oder wir spazieren gehen um nicht krank zu werden). Menschen, die sonst eher so denken wie ich, denken in dieser Hinsicht plötzlich anders und ich verstehe so überhaupt nicht, nach welchem Muster das folgt. Haben sie einfach andere Gespräche geführt, andere Sachen gelesen? Andere Schutzmechanismen, die sie von der Realität fernhalten?

Gestern wäre ich mit einer Bekannten verabredet gewesen. Ich habe aus Überforderung, die Bekannte im Umgang mit social distancing nicht einordnen zu können, nicht die leiseste Idee gehabt, wie ich ihr absage. Am Ende habe ich einfach nichts getan, nichts erklärt, nichts abgesagt. Ich habe mich einfach nicht bei ihr gemeldet. Sie hat sich auch nicht bei mir gemeldet. Wir haben also ohne Worte die einzig logische Konsequenz getragen und unser Treffen bis auf weiteres vertagt. Das ist also noch mal gut gegangen.

Manchmal wünsche ich mir eine Ausgangssperre, einfach, damit solche Unsicherheiten vom Tisch sind. Je länger all das geht, desto simplere Lösungen wünsche ich mir. Heute finde ich sogar die Vorstellung von Bundeswehrsoldat*innen, die Lebensmittel in Autostaus verteilen, toll. Huch.

 

Sonja, Köln

Meine Schwester schreibt eine Nachricht in die Whatsappgruppe “Familie 2.0”: “Die Ausgangssperre wird wohl kommen. Wir haben jetzt Bescheinigungen bekommen.” Mir kommen die Tränen. Ich will nicht eingesperrt sein. Meine Angst ist mir unangenehm, wo doch andere vermeintlich viel größeren Belastungen ausgesetzt sind, mit ihren Kindern zu Hause, in beruflichen Ausnahmesituationen; mein Bruder, meine Schwester, meine Mutter, die in den Kliniken und Praxen arbeiten und gerade mit das Gesundheitssystem aufrecht erhalten. Aber mich beherrscht einfach nur die Angst, isoliert zu sein, nicht raus zu dürfen und das auf unbestimmte Zeit. Ich werde keine Bescheinigung bekommen, weil ich nicht “systemrelevant” bin. Akut nicht, flüstere ich hinterher. 

Nie hätte ich gedacht, dass mich die Einschränkung meiner Bewegungsfreiheit psychisch so dermaßen zerfressen würde. Wie mit der erzwungenen sozialen Distanz umgehen? Und wie lange?

Wann warst du das letzte Mal in einer Situation, in der du nicht wusstest, was in drei Wochen sein wird?

Die Straßen werden leerer, die Kreidebilder auf den Bürgersteigen größer und bunter.

 

Svenja, Köln

Ich bin perfektionistisch veranlagt und mit der Situation überfordert, sobald ich rausgehe. Heute muss ich einkaufen. In meinem Rucksack ist Platz für fünf Tage Essen. Ich weiche den Menschen auf den Bürgersteigen aus und bin bald so genervt, dass ich auf der Straße laufe. Autos fahren hier eh selten. Im Supermarkt, der nicht REWE heißt sondern einen türkischen Namen trägt, ist es leer und es gibt viel Gemüse. Noch trage ich Handschuhe (temperaturbedingt) und weiß nicht weiter: Fasse ich Gemüse an? Oder besser nicht? Bei den Konserven ist es einfacher, die staple ich behandschuht im Einkaufskorb. Dann: Kasse. Fließband: Bad, klar. Aber der Kassierer desinfiziert nach jedem Bezahlvorgang seine Hände, sodass ich ein schlechtes Gewissen bekomme: Wenn er meine Möhren anfasst und sie mir reicht, erscheint es unhöflich, sie nicht auf die gleiche Art anzunehmen. Ich bezahle trotzdem mit Karte, trage alles nach Hause und überlege, ob man Äpfel jetzt auf die gleiche Art wäscht wie Hände (20 Sekunden, Seife, 1 Refrain “I will survive”).

Ich betrachte alles, was von draußen kommt, misstrauisch und beschließe, es einfach neun Stunden lang nicht zu berühren, dann ist vielleicht alles gut. Ein Bekannter schreibt, er geht jeden Tag einkaufen und gleich auf den Wochenmarkt, denn er vermisse die Menschen. Ich halte mich davon ab, zu antworten, dass er doch bitte aus dem Fenster sehen möge, in seinem Viertel sind ständig Menschen auf der Straße, aber dann antworte ich einfach gar nicht. Ich möchte nicht übertreiben. Ich möchte nur alles richtig machen.

Ich weiß nicht, ob wir hier auch dialogisch vorgehen. Aber: Ausgangssperren sind keine Einschlussgebote. Nadja Schlüter schreibt über ihre Situation in Belgien: “Hier in Belgien ist seit heute Ausgangssperre. Und das ist ein Segen. Denn natürlich darf man raus und spazieren oder joggen – aber eben nur noch maximal zu zweit. Im Park waren viele Menschen, denn die Sonne scheint, aber alle einzeln/zu zweit und mit sehr viel Abstand. I like.”

 

Nabard, Bonn

Geh heute früher nach Hause. Ruh dich aus, du wirst die Kraft brauchen für die nächste Woche.“ Mit diesen Worten verabschiedeten mich die beiden Oberärzte. Ich weiß nicht ob ich mich geehrt fühlen soll so wertgeschätzt zu werden oder Angst bekommen muss weil die Docs mehr über die kommenden Tage wissen als ich. Ein anderer Oberarzt, liebevoll „Motivator“ genannt hat defacto resigniert. Ärzte die 15 Jahre + den Laden am laufen gehalten haben, senken ihre Köpfe. SARS CoVid19 ist nicht die einzige Krankheit gegen die wir kämpfen müssen. Sie kommt als Sahnehäubchen oben drauf. Und wir haben (noch) keine Waffe dagegen. Vielleicht begreife ich es eher wenn ich später selbst einen Patienten verliere. Aber es kommt mir noch so weit weg vor. Gestern stand ich am Präperiertisch, sezierte die Leiche einer 87 jährigen Spenderin. Womöglich muss ich in den kommenden Wochen erstickende Patienten intubieren. This shit scares me. It does. 

Gestern meinte ein befreundeter Zahnarzt, dass die Praxis in Urlaub geschickt wird. Wir sprachen lange, viel, über alles was uns einfiel. Unsere Studienzeit, Romanzen, Dozenten und Profs. Ich sei nicht ganz anwesend waren seine Worte zum Abschied.

Ich fahr jetzt heim, eigentlich will ich gar nicht. Die Spät- und Wochenendschicht beginnt. Sechs Docs und ne Handvoll Pflegekräfte die das ganze Haus auf dem laufenden halten müssen. Einzig erfreuliche, Patienten mit „banalen“ Symptomen meiden die Notaufnahme.  

Am Wochenende werde ich wohl das neue Album von The Weeknd rauf und runter hören. Etwas Melancholie was mich abholt. 

 

Marie Isabel, Dunfermline

Da die wöchentliche Wassergymnastikstunde (mit bis zu 75 Teilnehmer:innen) bis auf Weiteres ausfällt, beschließen wir, stattdessen im Park zu spazieren. Drei Frauen sind keine Menschenmenge. Ein seltsames Unterfangen, den empfohlenen Sicherheitsabstand voneinander zu halten, während man sich unterhält. Wir füttern Vögel und Eichhörnchen, praktizieren auf einem kinderlosen Spielplatz etwas Tai Chi. Die Sonne scheint aus blauem Himmel, Bäume wiegen sich in lauem Wind, allüberall zwitschert und blüht es. Die Natur hat etwas besonders Berückendes in unsicheren Zeiten.

Eine von uns ist Malerin und erzählt davon, dass alle Galerien, die sie ausstellen, geschlossen haben; ein für den Spätsommer geplantes Kunstfestival ist schon abgesagt. Gut, dass sie gespart hat, meint sie, und stellt sich innerlich darauf ein, diesen Sommer im Garten statt vor ihrer Staffelei zu verbringen. Das Problem ist auch mir vertraut. Seit Wochen warte ich darauf, dass mir eine Klientin einen zugesagten Auftrag zuschickt. Drängen kann und mag ich sie nicht – sie hat Familie in Italien.

Inzwischen haben viele Bibliotheken geschlossen, teilweise bis Juni. Theater, Kinos, Museen, Konzerthallen – das kulturelle Leben bricht weg. Was aber ist mit den Künstler:innen – viele freischaffend, ohne festen Vertrag? Sollen sie sich jetzt alle arbeitslos melden, weil das Gesundheitswesen über Jahrzehnte kaputtgespart wurde und der Brexit den bereits bestehenden Personalmangel noch verstärkt hat? Die hiesige Diskussion zur wirtschaftlichen Situation von Freiberuflern bzw. Selbständigen – ca. 5 Millionen Menschen in Großbritannien – hat gerade erst begonnen. Auch mein Mann und ich gehören zu dieser Gruppe.

 

Slata, München

Eigentlich ändert sich ja kaum was, nur, dass Begegnungen nun offiziell verboten werden, davor nur gemieden, aus freiwilliger Motivation heraus, jetzt haben es alle verstanden, dass Begegnungen unangenehm, verdächtig, gefährlich sind, wie ein Freund neulich schrieb, Ich bin ja sowieso immer in Quarantäne. Der Tag zieht sich vor sich hin, unförmig und seltsam, die Zeit lässt sich vom Stundenplan ablesen, den wir am Anfang erstellt, feierlich auf den Kühlschrank geklebt haben, naiv sind wir gewesen, Frühstück, Arbeit, Spielen, Mittag, Arbeit, Spielen, Abendessen, Schlafen, wer macht eigentlich das Essen und wer räumt ab und wird das von der Arbeitszeit abgezogen. Die Sonne brennt durch die Jalousien im Schlafzimmer, auf dem Bett hocke ich zwischen Büchern und Zetteln, auf diesem Bett schlafe ich, sitze ich, schreibe ich, manchmal liegen wir zusammen drauf, ein Ort für alles, für alle Umstände des Lebens. Etwas Wichtiges vollzieht sich gerade, unsichtbar, kaum spürbar, eine ungemeine Veränderung liegt in der Luft, verteilt sich im Land, wir werden auf Probe gesetzt, ob wir uns sagen lassen, wann wir unser Haus verlassen dürfen, ob wir uns zurechtweisen lassen, ehrliche Auskunft geben über Ziel und Zweck unserer Bewegungen außerhalb der Wohnung.      

‒ Ich rufe Oma stets mit einer wohltätigen Mission an, um ihr zu zeigen, dass sich jemand an sie erinnert, ihr treu bleibt, um ihr die Möglichkeit zu geben, in Schwärmereien zu versinken, zugehört zu werden, und merke jedes Mal, dass sie von meinem taktvollen Schweigen müde wird und nach einem Anlass sucht, den Hörer aufzulegen. Oma klingt heiter, sie freut sich über die Deutschen, die Klopapier kaufen und in ihren Wohnungen stapeln, was wollen die denn nur damit. Sowas, sagt sie, Na sowas hab ich ja noch nie erlebt, Und ich hab schon vieles erlebt, und ich versuche mich zu erinnern, wie alt sie eigentlich ist. Oma sagt, Ich habe ja sowieso nichts zu verlieren, und da sie nicht aufstehen kann, kann sie auch keine Türklinken desinfizieren oder eineinhalb Meter Distanz zu ihren Krankenschwestern einhalten, sie atmet schwer genug, um sich Gesichtsmasken aufzusetzen, sie liegt Tag für Tag vor dem Fernseher und beobachtet das Wetter aus den Fenstern. Ich denke auch, dass sie nichts zu verlieren hat, und freue mich darüber, dass sie heiter klingt.

 

Viktor, Frankfurt

Vor einige Zeit das Buch “Never Split the Difference/ Negotiating As If Your Life Depended on It” (Chris Voss, Thal Raz) gelesen. Ein ehemaliger US-Spezialist für Verhandlungen bei Geiselnahmen schreibt darin über grundlegende zwischenmenschliche Kommunikationmechanismen. Mehrfach macht er deutlich, dass wir in Krisen so gut verhandeln/sie meistern können, wie gut wir vorbereitet sind. Aktuell merke ich auf verschiedenen Ebenen die Corona-Stresstests: die technische Infrastruktur der Gesellschaft, die Arbeitsabläufe im Job, die privaten Beziehungen. Alles beeinflusst sich gegen- und wechselseitig. Und ich merke, das wir mit dem Stress immer nur so gut umgehen können, wie gut wir auf die Notsituationen vorbereitet sind.

Strukturen helfen. Manchmal ist es einfacher, sich welche zu geben, manchmal schwieriger. Wer gesund ist, keine innerfamiliären Probleme hat, kann sie leichter einhalten. Wer sowieso in einem stressigen Alltag steckt, kann den jetzt vermutlich erst recht nur schwer strukturieren.

 

 

Sandra, Berlin

Die Manuskriptabgabe rückt näher, lässt mich Abstand suchen zu dem, was draußen in der Welt vor meinem Fenster geschieht. Ich igle mich ein, verschiebe Sätze, Wörter, Bedeutungen, sortiere Szenen neu. Gleich hinter der Tür meines Arbeitszimmers spielt das Kind, tippt mein Partner an seinem Arbeitsplatz auf seiner Tastatur, telefoniert, wartet auf den Beginn von Online-Meetings. Auch die Nachrichten von Freund_innen aus verschiedenen Teilen der Welt holen mich immer wieder zurück in die Realität. In der digitalen Welt tobt der Streit pro und contra Ausgangsbeschränkungen in Berlin, die in Wien, wo ich herkomme, schon seit Tagen analoge Realität sind. Die Spielplätze in unserem Kiez sind seit heute morgen gesperrt, und ich denke, dass das gut ist. Also gehen wir auf den Friedhof um die Ecke, wo es Singvögel, Spechte und Eichhörnchen gibt, in einen versteckt liegenden Teil, wo Bienenstöcke auf einer Lichtung stehen. Ich sehe zu, dass das Kind nicht über die Gräber läuft, wir suchen lange Stecken und stochern im Laub, in den trockenen Böden der Wasserbecken, vergessen die Zeit. Das Kind scheint nicht müde zu werden, sobald wir vom Spaziergang zurückkommen, will es schon wieder am Fenster stehen, mein Partner übernimmt, ich schließe die Tür zu meinem Arbeitszimmer wieder vor der Welt, sehe noch, wie sie gemeinsam beobachten, das Kind deutet und mein Partner benennt, was sie sehen: Ein Vogel. Ein Rad. Ein Lastwagen. Ein Auto. Ein Mann. Noch einer. Eine Frau. Ein Moped. Ein offenes Fenster. Ein Kind. 

  

Svenja, Köln

Wir haben einen Antrag geschrieben. Wir haben ein Abstract geschrieben. Ich habe einen Granatapfel entkernt und Kerzen angezündet. Es ist schon wieder dunkel. Alles dauert merkwürdig lange.

 

Emily, Rostock

Ich bin gern zuhause, lieber dort als irgendwo sonst, und trotzdem stehe ich jetzt am geöffneten Fenster und schaue in Richtung der Jugendlichen, die in der Deckung der Unterführung rauchen. Ich bin unsicher, ob ich ihnen etwas zurufen soll, fluchen, um sie auseinanderzutreiben. Stattdessen starre ich nur vor mich hin. Gestern die lokale Schlagzeile „Gruppe von Jugendlichen fährt aus Langeweile Bus“. 

Der Hausmeister trägt jetzt dünne Plastikhandschuhe, wenn er den Müll in den Tonnen auf dem Gehweg umschichtet. Wer unsere Haustür seit Montag abschließt, weiß ich nicht. 

Jeden Morgen stehe ich zwischen sechs und sieben auf. Ich habe mich seit Jahren nicht so gut ernährt. Ich habe meine Großmutter seit Jahren nicht so regelmäßig angerufen. Ich habe mich noch nie zuvor zum Morgensport aufraffen können. Ich bemühe mich um Optimismus, der nicht meine Art ist und träume wie man meinem Vater die Schlafmaske abnimmt, um einem Schäferhund das Atmen zu erleichtern. 

Beim Spaziergang am Hafen zähle ich die zufriedenen Gesichter der Angler. Sie hören leise Musik und fangen dennoch Fische. Ich lächele einem Mann zu, dessen Sohn neben ihm auf dem Asphalt schläft. Er deutet auf das Wasser und sagt, dass er sobald nicht einkaufen gehen muss. Und ich fühle mich beruhigt. 

 

Berit, Greifswald

Ich habe angefangen zu husten. Wir haben Brettspiele gespielt, ein wenig gearbeitet – es war ein guter Tag, aber ich bin dennoch dünnhäutiger als sonst. Vielleicht ist es der Husten. Wir sind jetzt eine Woche zu Hause, die Zeit fühlt sich länger an. Ich lese in diesem Tagebuch und es beruhigt mich, die Gedanken der anderen zu sehen, mich in eine Menge menschlicher Erfahrung eingefügt zu wissen. Wie ein Mosaiksteinchen in einer Krise, deren Gesamtbild noch gar nicht zu erahnen ist. Mein Kind hustet im Schlaf. Hoffentlich verschwindet dieser Infekt bald.

 

21.3.2020

 

Jan, Hannover

Liebes Tagebuch, lass uns über Angst reden. Ich bin für gewöhnlich ein ziemlich ängste- oder zumindest sorgengetriebener Mensch. Ich kann nicht gut Dinge tun, ohne Konsequenzen zu bedenken und potentielle Gefahren zu wittern. Ich bin jemand, der notwendige Entscheidungen wie ein Risikomanager in endlosen Optionsbäumen zerdenkt. Obacht geben, länger leben. Szenarien, Sprachregelungen. Immerhin habe ich diese «Fähigkeit» beruflich nutzbar und daraus eine Karriere machen können (und diese beendet, weil ich das nicht mehr wollte). Selbst die schönsten Momente und Erfolge im Leben sind für mich ein fröhlich sprudelnder Quell neuer Zweifel und düster gründelnder Grübelei. In jedes Gelingen ist ein späteres Scheitern stets schon eingeschrieben, selbst wenn es nie kommt.

Ich habe immer die Menschen um mich herum beneidet, die überwiegend zur unbeschwerten «Ach, wird schon!»-Fraktion gehören und damit ja meist auch noch recht behalten. Ich habe versucht, mir davon etwas abzugucken, aber dann meist doch nur darüber gegrübelt, warum es nicht klappt.

Es klingt vielleicht ein bisschen arschig, aber jetzt, in times of Corona, da die Angst plötzlich überall um sich greift und immer mehr Menschen erfasst, fühle ich mich damit weniger allein, weniger als Außenseiter, der sich für seine düsteren doom-&-gloom-Momente, für seine mangelnde Fähigkeit zur Unbeschwertheit insgeheim schämt. Ein bisschen ist es so wie in dem berühmten Satz von Hunter S. Thompson: «When the going gets weird the weird turn pro.» Wenn überall Angst und Grübelei um sich greifen, fühlen sich die Ängstlichen und Grübler*innen vielleicht weniger sonderbar. 

Und es geht sogar noch weiter: Jetzt, da alle grübeln und Sorgen wälzen, habe ich das seltsame Gefühl, dass ich es endlich etwas lockerer angehen kann. Ich spüre, dass ich zwar nicht sorglos bin, aber deutlich gelassener als noch vor ein paar Wochen. Es ist fast so, als würde jemand sagen: Thanks for all the anxiety so far, but we’ll take it from here. Wir sind mit unserer Angst nicht mehr allein, wir reden darüber, das hat etwas befreiendes. Welcome to Angstville.

Aber ich mache mir keine Illusionen, irgendwann wird sich alles wieder einpendeln, das Leben wird weitergehen, zurück in die alte Normalität finden oder in eine neue Normalität münden. Das Unbeschwerte wird in die Leben zurückkehren. Und das mag hoffnungsvoll klingen und sein, aber es bedeutet eben auch, dass irgendwann auch die Grübelscham zurückkommen wird.

 

Birte, Darmstadt

Heute ist Welttag der Poesie. Die Vorstellung, aus etwas Traurigem, Anstrengendem, Verzweifeltem kann etwas Schönes, Verzauberndes entstehen, wenn andere Schmerz und Anstrengung so sublimieren können, gelingt mir das auch, irgendwann, irgendwie, sie hält mich schon lang.

Ich habe heute dieses Gedicht von Rumi (1207-1273) gefunden, übersetzt von Coleman Barks. Ich finde es passt.

The Guest House

This being human is a guest house.
Every morning a new arrival.

A joy, a depression, a meanness,
some momentary awareness comes
As an unexpected visitor.

Welcome and entertain them all!
Even if they’re a crowd of sorrows,
who violently sweep your house
empty of its furniture,
still treat each guest honorably.
He may be clearing you out
for some new delight.

The dark thought, the shame, the malice,
meet them at the door laughing,
and invite them in.

Be grateful for whoever comes,
because each has been sent
as a guide from beyond.

Auf Twitter folge ich Comfort-Accounts wie @yearinShetland, @PastPostcard und @HillFarmBnB. Außerdem habe ich angefangen, Meeresrauschenvideos zu sammeln. 

Ausbalancieren, was geschieht und nicht geschieht, wie das Denken nur noch bis zum nächsten Tag geht. Wir alle müssen unsere Beobachtungen wohl irgendwie verwandeln, gerade habe ich gedacht, wie gut man an Covid-19 Ereignis und Struktur erklären könnte. Um gleich wieder zu wissen: wenn wir gemeinsam nachdenken, dann vielleicht gerade nicht darüber.

 

Simon, Vorort von Freiburg

Seit heute morgen habe ich das Gefühl, dass sich etwas einspielt im Ausnahmezustand. Seit zwei Tagen bin ich mit meiner Freundin in der Wohnung eines Freundes in einem Vorort von Freiburg. Hier haben wir mehr Platz als in meiner 24qm Wohnung, in der nur das Bad abgetrennt ist vom Küche/Wohn/Schlafzimmer. Ich bin etwas ruhiger geworden, aber immer alles im Verhältnis zur Situation – von innerer Ruhe kann per se keine Rede sein. Heute klappt zum ersten mal eine Art von Arbeiten ein bisschen. Ich schwanke zwischen Sorge, Beruhigung und schlechtem Gewissen, weil ich in einer sehr privilegierten Situation bin und trotzdem Angst habe, unsicher bin und besorgt um meine Familie, meine Freund*innen, von denen es manchen schlechter und anderen genauso gut geht. Gleichzeitig habe ich in Chemotherapie gelernt, dass Angst und Sorge immer relativ sind und nichts, wofür man sich entschuldigen muss. Das Wetter ist heute passender zur Situation. Gestern beim Spaziergang in der prallen Frühlingssonne kam mir das alles wieder so surreal vor. Mein Hals kratzt seit über einer Woche tagsüber manchmal ganz leicht, leichtes Husten bilde ich mir auch seit einer Woche ein und höre auf meinen Atem. Am meisten Angst machen mir Prognosen, die von Monaten und “einem Jahr” sprechen – ich kann mir das nicht vorstellen, es ist in meinem Kopf nicht als Realität umsetzbar. Ich lese mal weiter einen literaturwissenschaftlichen Text…als wäre nichts. 

 

Svenja, Köln

Ich kann keine Nachrichten mehr beantworten. Ich will nicht mehr ans Telefon gehen. Ich reagiere nicht mehr auf Emails. Ich kenne dieses Reaktionsmuster von mir: Wenn mich über längere Zeit ein Gefühl oder ein Problem beschäftigt, kann ich nur so oft darüber sprechen. Wenn es sich dann immer noch nicht gelöst hat, will ich es nicht weiter thematisieren. Problemgefühle kommen an die Oberfläche wenn es ein Gegenüber gibt und mein diffus durch die Wohnung waberndes Ich eine Form annehmen muss. Wenn ich alleine bin, kann es mit medialen Fiktionen (Podcast, Serien, Bücher) verschwimmen, notwendige oder neurotische Alltagshandlungen ausführen und dabei sich selbst vergessen.

Ich versuche zum dritten Mal an diesem Morgen, alle Edelstahloberflächen von Wasserrändern zu reinigen. Ich, dass das eine Kompensationshandlung ist und ich gerade etwas im Außen zu kontrollieren versuche, was ich im Inneren nicht in den Griff bekomme.

Es ist ein Wochenende und ich weiß nicht, wie man Wochenende macht.

 

Shida

Gestern war Eyde Nouruz. Das Neujahrsfest, das man unter Anderem in Iran und in den kurdischen Gebieten feiert, das Fest, das ich mit Familie, mächtig guter Laune, Essen, Küssen, neuen Kleidern, Geld und irgendwo am Rande mit Widerstand verbinde (und dabei kenne ich nur die Exil-Version davon). Gestern habe ich mir den ganzen Tag gewünscht, es wäre einfach kein Nouruz. Ich blocke alle Gedanken an die Situation in Iran, wo man Massengräber für die Corona-Toten aushebt, ab; ich blocke alle Gedanken an kurdische Menschen in den Krisenregionen einer rassistischen Weltpolitik ab, ich kann nicht, ich kann das nicht, ich bin gerade nicht stark genug für die Realität. Ich sitze also in dieser luxuriösen Isolation und wünsche mir, es sei einfach kein Nouruz.

Wir besuchen natürlich nicht meine Eltern, wir bleiben zu Hause und improvisieren einen Haft Sin, den „Gabentisch“, wir haben ganz gute Ideen, wie wir die Hälfte der Gaben mit etwas Vergleichbarem ersetzen. Das aber, was den Tisch erst zu einem Hoffnungsträger und Symbol des Frühlings macht, fehlt. B. macht mehrmals den Versuch, vorzuschlagen, Hyazinthen zu kaufen. Er verpackt es geschickt mit anderen halbwegs wichtigen Erledigungen, die man doch mal machen könnte. Er macht das, weil er denkt, dass ich mich über Hyazinthen so richtig freuen würde. Würde ich ja auch. Aber nicht unter diesen Umständen. Ich sage, Hyazinthen gehören nicht zu den lebensnotwendigen Dingen. Am Ende stellen wir einen klobigen Blumentopf von der Fensterbank auf unseren Gabentisch. Der Tisch sieht jetzt bewaldet aus, überwuchert, ich mag das irgendwie. Dieses Improvisieren macht Spaß, tröstet auf merkwürdige Art. Wenn der ganze Spuk vorbei ist, denke ich, wenn die Folgen nicht so schlimm waren, wie ich es jetzt befürchte, dann werden wir an diese Tage zurückdenken und sie gemütlich finden. Ein paar Minuten später revidiere ich das wiederum als mein persönliches, privates Privileg, so zu denken, denn nicht jede*r wohnt in den menschlichen Konstellationen, die gut tun. Ich lese von der Zahl der häuslichen Gewalt, die bei Isolation steigt und mir wird schlecht.

Bei jedem Anruf, der an diesem Neujahrstag folgt, wird mir klar, dass meine Phantasie nicht ausreicht, die einzelnen, unmittelbaren Folgen dieser Krise für andere auszurechnen. Klar kann ich ganz toll zu Hause bleiben und mich wundern, dass das nicht allen klar ist, dass man das macht. Andere aber müssen jeden Tag zur Arbeit, wo sie Tisch an Tisch mit fünf anderen Leuten Viren und sinnlose Tätigkeiten austauschen und verstehen natürlich nicht, warum sie nachmittags plötzlich isoliert sein sollen. Die Schließung von Schulen und Kitas, die vor 8 Tagen angekündigt wurde, hat allen Erwachsenen, die davon betroffen sind, einen großen Dienst erwiesen: Sie haben den Ernst der Lage sehr viel schneller einsehen MÜSSEN (zumindest theoretisch). Alle anderen, die ihn früh verstanden haben, imponieren mir.

Ich fühle seit gestern meine Lunge, sie fühlt sich an wie eine Raucherkneipe vor Corona. Ich frage mich, ob ich meine Lunge immer spüre und nur jetzt auf sie sensibilisiert bin. Oder ob meine Lunge gerade hart am Ackern ist, sich gegen Eindringlinge zu wehren versucht. Klar kriegen wir den Virus fast alle. Aber ich hätte ihn gerne erst viel, viel später. Irgendwann, wenn Kranksein wieder gemütlich ist.

Vor ein paar Tagen schrieb Svenja, dass sie Serien schaut und sich dabei um die Figuren sorgt – warum treffen die sich, warum halten die keinen Abstand und so. Das fand ich lustig, denn genau das Gleiche dachte ich beim Seriengucken auch. Gestern war der erste Tag, an dem das bei mir aufhörte. Gestern schaute ich Serien und hatte offenbar endlich verstanden: Die echte Welt ist gerade diese, die fiktive ist die andere. Ich habe die Situation wohl verinnerlicht und verstanden und kann sie von den Serien trennen. Man könnte auch sagen: Ich habe mich daran gewöhnt.

 

Andrea, Tübingen

Bevor wir gestern Abend zum Einkaufen gegangen sind, haben wir überlegt: Wohin? Dabei ging es zum ersten Mal nicht ums Angebot, sondern um die Räumlichkeiten: Welcher Supermarkt hat die breitesten Gänge? Wo hat man voraussichtlich bei der Flaschenrückgabe am wenigsten Kontakt – oder umgekehrt: Wo ist uns der Raum zu eng?. Dann: Handschuhe mitnehmen. Das wird Routine werden, aber noch steigert das alles meine innere Unruhe. 

Seit gestern bin ich zugleich ziemlich stetig beschäftigt, weil ich mit den Kolleg*innen Paula-Irene Villa Braslavsky und Ruth Mayer einen offenen Brief gestartet habe zu den Bedingungen, unter denen das Sommersemester stattfindet oder besser: stattfinden sollte. Wir waren selbstverständlich überzeugt, dass die Fragen, die uns umtreiben, auch andere beschäftigen, aber mit dieser Resonanz haben wir nicht gerechnet. Es ist überwältigend, und das tut gut. Viele unterschreiben nicht nur, sondern bedanken sich auch und schildern ihre konkrete Situation und strukturelle Probleme, die sie im Brief wiederfinden. Eine Nachricht kam von einer ehemaligen Studentin, die nun an der Uni Dozentin ist, und eine von einem Dozenten, bei dem ich studiert habe, das war beide Male ein netter Austausch! Kritik gibt es selbstverständlich auch, glücklicherweise meistens ernsthaft und nur selten ärgerlich-albern, etwa als jemand mir schrieb, dass er sich von unserem Brief distanziert. Als müsse man mir gegenüber Ablehnung bekunden statt einfach nicht zu unterschreiben. Aber das ist wie bei den Evaluationen der Lehre: Sie können insgesamt noch so gut sein, vereinzelte seltsame Kommentare gehen einem immer lange nach.

Im Hintergrund laufen weiter die Nachrichten über die Ausgangsbegrenzungen und/oder Ausgangssperren. Seit gestern scheint mir, dass die “die Demokratie ist in Gefahr”-Wortmeldungen stark zugenommen haben. Mir ist wirklich unklar, wie man die Priorisierung von Gesundheit so framen kann. Als ob der Ausnahmezustand, den wir jetzt haben und der klar begründet ist, ein Vorschein des Totalitarismus wäre, der auf uns wartet. Ja, man muss da kritisch hinschauen, und gerade was die Migrations- und Asylpolitik angeht, ist im Moment alles alles alles verheerend! Aber deshalb sollte man keine Demokratiekrise herbeireden. Mir ist da viel zu viel slippery slope zu Verschwörungstheorien drin.

Jetzt weiter Mails abarbeiten!

 

Slata, München

Ich stelle mir vor, dass alles weitergeht, weiterzieht, wie eine alte Lokomotive vorbeiraucht, und ich liege immer noch da im Bett um acht Uhr morgens und denke, dass ich dem Tag nicht gewachsen bin, begebe mich wankend ins Bad, dusche, rasiere, schminke mich, begebe mich in die Küche, trinke Tee, zwei, drei, vier Gläser. Gestern beschlossen wir, Schluss mit gesunder Ernährung zu machen, ich beschloss, meine Diäten zu brechen. Gestern haben wir drei Bleche voll Gebäck gemacht, Quarkteig mit einer Füllung aus Zucker, das Rezept soll von meiner Urgroßmutter sein und ich stelle es mir als eine Art Nachkriegserbe vor, so minimalistisch die Zutaten, wir nehmen aber Rohrohrzucker und schütten Vanillin zum Mehl dazu, ich esse alles Übriggebliebene davon zum Frühstück, stopfe es in den Mund hinein.

 

Matthias, Jena

Ich habe es jetzt auch gesehen, das Symbolbild unserer Tage, und zwar in gleich zwei verschiedenen Supermärkten: das leere Toilettenpapier-Regal. Anscheinend hält jetzt schon seit Wochen die Situation an, dass sehr viel auf Vorrat gekauft wird, und ich frage mich: Wie viel kaufen die Leute denn alle? Stapeln die sich alle ihre Keller voll? Wie lang kann das so weitergehen, irgendwann müssen doch alle so viel gekauft haben, wie es geht?

Die Atmosphäre im Supermarkt ist gedrückt. Es ist in Deutschland ohnehin so, dass es sehr einfach ist, in der Öffentlichkeit aufzufallen, anzuecken, verdächtigend beäugt zu werden, und die Möglichkeiten dafür haben sich jetzt natürlich noch vervielfacht. Laute, nörgelige und/oder angetrunkene Menschen, die sich an einem Samstagabend vor dem Netto aufhalten, wirken noch auffälliger als sonst. Ich fühle mich von den lachenden und schimpfenden Menschen belächelt, wahrscheinlich, weil ich sozialmedial aufgeschnappt habe, dass es dieser Tage hier und da Spott über Leute gegeben hat, die sich Mühe geben, sich an die Regeln zu halten.

Meine Frau berichtet, dass in lokalen Facebook-Gruppen Verschwörungstheorien umlaufen, mit erstaunlicher Konkretion. Da wird SARS-CoV2 zum Hebel, den nicht irgendwelche finsteren internationalen Mächte, sondern ganz konkret der Jenaer Oberbürgermeister ansetzt. Hier im Viertel wird gerade eine Schule wegen einer anstehenden Sanierung temporär in ein leerstehendes Schulgebäude umgezogen. Eigentlich sollte das im laufenden Betrieb sukzessive passieren, jetzt wurde es, da die Schulen ja geschlossen sind, binnen Tagen durchgeführt. Einer der typischen Lokalgruppen-Trolle, der den Umzug gesehen haben muss, fragt auf Facebook »besorgt«, was denn in der ehemaligen Schule »eingelagert« worden sei. Man möchte aktuell noch weniger in der Haut wahnhaft Denkender stecken als sonst.

 

Rike, Köln-Vorort Refrath

Seit Mittwoch ist jetzt immer Samstag. Die Kölner Verkehrsbetriebe haben eine neue Zeitrechnung für uns angefangen.

Bald gibt es wieder verschiedene Lokalzeiten in Deutschland. Köln wird die Samstagsstadt ohne Nachtbetrieb. Der ewige Samstag.

Seite heute: milde Formen von Ausgangssperre. 2+2 werden sich alle Grundschulkinder und Freibad- und Abiturjugendliche gut merken können, die bis gestern noch mit ihren Boomboxen fröhlich durch den Park getingelt sind: Nicht mehr als 2 (Menschen), nicht weniger als 2 (meter physische Distanz). 2+2. Die Grundschulkinder scheinen sich das besser merken zu können als die Jugendlichen. Die werden jetzt geshamed.
Sonja sagt, in der Stadt kann sie jetzt nur noch Slalom gehen.
Warum sprechen alle so dystopisch von sozialer Distanz, die wir jetzt neu überbrücken müssen? Geht es nicht um physische Distanz? Ist es so etwas Neues?

Versuch 1: Ich chatte das erste mal Video mit meiner Mutter, sie ist so froh mich an der Strippe zu haben, wie sie sagt, dass sie rangeht, obwohl sie gerade das letzte Fenster putzt. Ich tauche ein in ihre Frisur und zähle neue graue Strähnen. Corona ist Perspektiv-Erweiterung.
Heute scheint der Tag zu sein, an dem vermehrt der Fensterputztrend losgegangen ist, vielleicht liegt es am blauen Himmel über Mehrteiligdeutschland. Außer in Stuttgart, da schneit es angeblich. Immerhin gibt es doch noch Schnee. 

Mein Vater erzählt mir leidenschaftlich davon, wie er ein Eichhörnchen dabei beobachtet hat, wie es vom Efeu in den Ahorn gesprungen ist, waghalsig so weit, mein Vater sagt: ich habe den Mund nicht mehr zubekommen. Er erzählt mir noch von allen Vögeln, die er heute gesehen hat und über die Streits mit meiner Mutter darüber, wer welche Vogelart richtig identifiziert hat (Vater versus Mutter 1:0. besser als kein Fußball). Sie sind seit einem fast halben Jahrhundert zusammen und gemeinsam in Rente, sie wissen, wie es funktioniert, gemeinsam allein zu sein und nicht durchzudrehen. Ich muss mir bei ihnen keine Sorge um #häusliche Gewalt machen, nur über die Gesundheit.
Ich bin froh, dass mein Bruder es übernommen hat, meine Mutter fürs auf-den-Markt-gehen-weil-sie-nicht-auf-den-Fisch-verzichten-will zu rügen, ich hau aber auch noch mal drauf und sage, dass es kein Argument ist, Fisch auf dem Markt zu holen, weil der so gesund ist. 

Fische im Canal Grande war leider auch dann doch wieder nur Fake News. Bei meiner Recherche lande ich auf einer Seite, die nur positive Nachrichten schreibt und bleibe dran kleben. Ich backe einen Zitronenkuchen für meine 9er-WG und erhalte Beifall, dabei hat es nichts mit wirklicher Arbeit zu tun. Ich fantasiere darüber, auf chefkoch.de einen Rezeptvorschlag für eine Mehl-Klopapierschichttorte hochzuladen, lasse es dann aber sein, es gibt Wichtigeres. Auf change.org kann man jetzt für das bedingungslose Grundeinkommen unterschreiben, 5 minuten Zeit. Die habe ich jetzt, ich bin eins der privilegierten weißen Toastbrote mit Gartenauslauf. Die Geflüchteten an der Grenze sind immer noch da, wo sie sind. Ich sehe keine andere Möglichkeit gerade, als zu spenden und Politiker böse Emails zu schreiben zusammen mit anderen. Meine Mitbewohnerin malt im Garten auf ein Bettlaken den hashtag wirhabengenugplatz. Ich bedanke mich bei ihr für die Arbeit. Sich bedanken wird gerade ein neuer positiver Trend. Allerdings brauchen die Pflegekräfte nicht nur ein Danke sondern bessere Arbeitsbedingungen, merkt eine Pflegerin bei Twitter an.  Coronazeit ist vielleicht Zeit für Netzaktivismus, obwohl ich nicht richtig an Netzaktivismus geglaubt habe bist jetzt, aber es braucht neue Formen von Protest. Zoom-Demos mit 200 Aktivisten vor ihren Bildschirmen zuhause.

PS: Heute morgen: Eine Frau mit einer beflaumten Glatze wie eine junge Taube und Atemschutzmaske an der Kasse sagt zu dem Kassierer das find ich aber gut, dass Sie das mit den Markierungen auf den Boden geklebt haben. Der Mann sagt ja, gerne, 4,95. Ich muss schnell meine nassen Augen wegblinzeln um mir nicht ins Gesicht zu fassen. Ich bin zu nah am Wasser gebaut. Bloß nicht ins Gesicht fassen üben. 

Corona ist Bedachtsamkeitsübungen.
Eine Plexiglasscheibe trennt mich von der Kassiererin. Sie wünscht mir noch ein schönes Wochenende. Ich bedanke mich. Eigentlich fühle ich mich ihr näher als sonst. 

 

Marie Isabel, Dunfermline

Die irische An Post wird in den nächsten Tagen jedem Haushalt kostenlose, frankierte Postkarten zustellen, die an Adressaten im ganzen Land verschickt werden können: ‘The written word is a powerful thing, so embrace it and come together’, heißt es begleitend.

 

Eine gute Werbeaktion, klar, aber mit ernsthaften Kern. Denn, anders als ihre virtuellen Abkömmlinge – Email, WhatsApp, Tweet, etc. – speichern und vermitteln materielle Kommunikationsträger wie Postkarten und Briefe mehr als nur eine Nachricht: Die Handschrift der Absender:in ist nur eine Körperspur neben anderen; man denke an Kaffeeflecken, Tränenspuren, Fingerabdrücke … Postkarten und Briefe werden gehandhabt, adressiert, vielleicht verziert, laufen mit der Post über weite Distanzen, tragen das Nahe in die Ferne und geben den Empfänger:innen etwas, woran sie sich festhalten können, ein Objekt, dessen haptische und optische Qualitäten über lange Zeit zu trösten vermögen.

Über Briefe in Zeiten von Covid-19 dachte ich schon ein paar Tage nach, als Angela Merkel in ihrer jüngsten Ansprache zum Thema bemerkte, dass mancher (neben anderen Kommunikationsformen) vielleicht mal wieder auf den Brief kommen werde. In Krisen- und das heißt auch in Krankheitszeiten gewinnen Formen schriftlicher Kommunikation an Bedeutung – und werden teilweise einer eigenen ‚Behandlung‘ unterworfen (zu beobachten etwa am Beispiel überlieferter Cholerabriefe aus dem frühen 19. Jahrhundert).

Nun plane ich also Briefe, Postkarten – und Pakete – für liebe Menschen. Außerdem habe ich (denn wozu sich auf ein Medium beschränken) heute morgen eine neue WhatsApp-Gruppe für alte Freunde gestartet, die mittlerweile mit Kind und Kegel über ganz Deutschland verstreut sind. Die familiäre WhatsApp-Gruppe wird ab jetzt häufiger nach dem Wohlbefinden befragt (mehrere Verwandte arbeiten im Gesundheitswesen). Eine mentale Telefonliste ist in Arbeit. Am Ende weiß ich jedoch: Alles, was per Schneckenpost rausgeht, wird den Empfänger:innen eine besondere, begreifbare Freude machen.

 

22.3.2020

 

Andrea, Tübingen

Seit kurz vor 8 arbeite ich wieder die Mails ab. Aber ich habe mir auch schon  den Roman “Pixeltänzer” von Berit Glanz rausgelegt, um später die Laudatio von Hanna Engelmaier zum Friedrich-Hebbel-Preis in angemessener Begleitung auf dem Sofa anhören zu können.

 

Viktor, Frankfurt

Mein Nachbar ist selbstständiger Optiker mit zwei Mitarbeiterinnen, ich habe ihn noch nie so viel rauchen sehen wie in diesen Tagen. Unser Gespräch – zwei Meter Abstand – dreht sich um Ungewissheiten und Unsicherheiten, er weiß nicht, wie er ein halbes Jahr in diesem Zustand durchhalten kann, denn “Machen wir uns nichts vor, das dauert alle noch viel länger.” Ein Kunde schrieb, dass er seinen Job verloren und die neue Brille nicht abholen kann. Die Mitarbeiterinnen sollen zu Hause bleiben, für sie will der Nachbar Kurzarbeitergeld “mit Null Stunden” beantragen. Seine ganze Existenz und das ganze Familienleben (fünf Menschen) hängen im Moment an dem Laden. Und mehr als der momentane materielle Verlust quält ihn die Unsicherheit. 

Wen quält sie nicht. 

Passenderweise lese ich gerade “Suleika öffnet die Augen” (Gusel Jachina), der Roman handelt vom Leben einer jungen Tatarin im Süden der Sowjetunion der 20er/30er Jahre, einer Zeit heute unvorstellbarer Umbrüche, in der die Gesetze von heute morgen nichts mehr galten und die Machthabenden heute die Macht morgen schon wieder verlieren konnten.   

Mich interessierte das Thema ”Unsicherheit” schon lange vor der Corona-Krise. Das hat sehr viel mit meiner Kindheit und Jugend zu tun, mit der Unberechenbarkeit, die ich sehr lange in unterschiedlichsten Kontexten um mich herum erlebt hatte. Unsicherheit kann die Sinne schärfen, kann empfänglich und empfindsam machen, kann aber auch nachhaltig schaden. Ich hatte immer wieder das Glück, dass es Menschen und Phasen gab, die am Ende so etwas wie eine sichere Basis mir halfen aufzubauen, eine Art Sicherheitsinsel für den großen, unsicheren Ozean Leben. Manchmal erscheint mir die Insel groß, manchmal winzig, wie groß sie gerade jetzt ist, kann ich noch nicht einschätzen. Und es ist dann auch schwierig, etwas sinnvolles zu meinem Nachbarn zu sagen oder so für jemanden da sein zu können, dass die eigene Unsicherheit nicht übertragen wird. 

 

Birte, Darmstadt

Heute habe ich Hanna Engelmeier dabei zugesehen, wie sie eine Wohnzimmerlaudatio auf Berit Glanz hält, die mit dem Hebbel-Preis geehrte wird. Wofür muss ich ja wohl nicht noch extra sagen. Ich bin ab sofort für Wohnzimmerlaudationes, vor allem, weil ich die dann auch gucken kann. Nach Westerdingenskirchen, wo der Preis eigentlich verliehen wird, wäre ich ja niemals extra gereist. So konnte ich die schöne Rede und Perspektive auf den Roman hören, auf Berit anstoßen, mich für sie und mit ihr freuen.

Gestern habe ich ein Video aus unserem vorletzten Sommerurlaub gepostet, Strandläufer an der Küste von Montauk.

Seither geht ein sanfter Regen von Meeraufnahmen auf meine Timeline nieder und ich versuche, all das in einem eigenen Account @jedestundemeer zu bündeln, der @spinfocl ist so freundlich, mir bei der technischen Umsetzung zu helfen.

Das Rauschen des Meeres, die gleichförmige Unterschiedlichkeit der Wellen, ihr Rhythmus, all das beruhigt mich. Brauche ich gerade.

 

Slata, München

Jemand schreibt im Messenger wieder über Risikogruppenfaktoren oder die neusten Sterberaten. Zu allem kommt ein neuer Geruch dazu, ein neues Parfüm, das alte leer geworden, es erinnert an das erste Trimester, an zwei Monate Toxikose, ein Erbrechen am Morgen schon, ich bat um ein neutrales Duschgel, ohne Gerüche, Joghurt vielleicht oder Aloe Vera, sowas, könntest du bitte das Deo draußen, vor der Wohnungstür benutzen. Da ist dieser Geruch wieder da, und ich bestelle heimlich ein neues Parfüm, ein anderes, das ich kenne aus der Zeit, als die Geschäfte auf hatten, hundert Milliliter, Eau de Toilette lieber, und dann noch eins für mich, wenn wir schon alle dahocken zuhause, dann Miss Dior, Blooming Bouquet, wenn wir schon alle sterben werden, und vielleicht sogar bald, dann mit einem Hauch Dior auf dem Hals.

 

Berit, Greifswald

Heute habe ich einen Preis gewonnen und mich (wie oft) online geborgen gefühlt. Das war ein Lichtblick, den Rest der Zeit habe ich mit Schmerzen und leichtem Fieber geschlafen. Ich habe mir verordnet an nichts zu denken, einfach gesund zu werden und dafür zu sorgen, dass diese Zeit für meine Kinder eine Zeit mit guten Erinnerungen wird. Das ist Aufgabe genug. 

Bei Twitter entdecken immer mehr Menschen ihr Klassenbewusstsein, zumindest kommt es mir so vor. Schon in den letzten Monaten habe ich immer mehr wütende Tweets gegen die großen Unterschiede in der Einkommensverteilung gesehen und ich habe den Eindruck, dass sich diese Tweets nochmal vermehrt und verschärft haben. Guillotine-Gifs haben Hochkunjunktur. Corona ist auch ein Indikator für soziale Ungerechtigkeiten, die Krankheit verschärft die sowieso vorhandenen Unterschiede, macht sie sichtbar und die Konsequenz ist Wut:

 

Shida

Wir haben uns zum ersten Mal zu dritt zum Spaziergehen verabredet. Im weiten Abstand miteinander geplaudert und uns dabei irgendwie fortbewegt (und uns dabei sehr merkwürdig gefühlt). Eine halbe Stunde später kommt das „Kontaktverbot“, ab jetzt sind Verabredungen solcher Art dann also verboten.  

Später trinken wir per Zoom Konferenzschaltung Bier mit anderen Menschen. Es sind so viele Menschen, dass kein richtiges Gespräch zustande kommt, letztlich trinke ich Bier und schaue dabei andere Menschen an, wie sie in ihren Computer gucken, über irgendwas lachen, irgendwelche Dinge sagen. Trotzdem irgendwie schön.

Gleichzeitig kommt die Meldung, dass Merkel in Quarantäne muss, weil ihr Arzt positiv auf Corona getestet wurde. Ich sehe wie immer, wenn es um Merkel geht, ihre politischen Feinde vor mir und hoffe einfach, um ihnen keinen „Triumph“ zu gönnen, dass sie kein Corona hat. Wo man nicht alles seine Energie reinsteckt.

23.3.2020

 

Marie Isabel, Dunfermline

Es braucht also eine Pandemie, um die britische Bahn wieder zu verstaatlichen. Zumindest für ein paar Monate. Gleichzeitig scheinen im Hinterhof von Downing Street “magic money trees” gewachsen zu sein, die der junge Finanzminister (mancher hat in ihm schon den nächsten Premier zu sehen geglaubt), seit Tagen kräftig schüttelt. 

Nachdem mir Covid-19 wortwörtlich Alpträume bereitet, hege ich die Informationsflut ein – weniger Social Media, weniger Nachrichten, mehr Beschäftigung mit Nichtvirusbezogenem. Die Menge an Berichterstattung und digitalem Lärm steht in einem schwer aushaltbaren Missverhältnis zur (scheinbaren?) Ungewissheit der Situation. Aus diversen Ecken des politischen Spektrums verlauten Versuche, Kapital aus der Verängstigung der Menschen zu schlagen. Gleichzeitig wird der eigene Bewegungs- und Handlungsspielraum immer weiter beschnitten.  

Auf Instagram lese ich den Kommentar einer ehemaligen Kollegin, Akademikerin, promoviert, talentiert, vom Befristungsmangelsystem Universität nach Jahren der Anstrengung ausgespuckt (wie so viele junge Menschen meiner und der folgenden Generationen). Sie arbeitet jetzt als Lehrerin, ist zweifache Mutter. Ab heute haben die Schulen in Großbritannien geschlossen, betreuen nur noch die Kinder der ‘key worker’ (es herrscht noch eine gewisse Unsicherheit darüber, wer dazugehört). Die Schüler seien durch die Situation verunsichert, schreibt meine Bekannte – das höre ich auch, fast gleichzeitig, im Radio. Die Lehrer:innen fühlen ähnlich, halten ob der Reaktion der Kinder ihrer Tränen nur mit Mühe zurück. Ihnen kommt das gerade zweifelhafte Privileg zu, erwachsen zu sein. 

 

Jan, Hannover

Am Samstag sollten wir also am offenen Fenster stehen und für die Menschen in den Pflegeberufen applaudieren, die gerade den härtesten aller Jobs machen. Aber wieso eigentlich «gerade»? Auch unter «Normalbedingungen» kann ich mir keinen Beruf vorstellen, in denen die Härte der Arbeit und die gesellschaftliche Notwendigkeit einerseits und die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen andererseits in einem derart krassen Missverhältnis stehen. Ich habe in den letzten Jahren (als Angehöriger, als Freund) viel Zeit in Krankenhäusern und Pflegeheimen verbracht und dabei gelernt, dass die Verzweiflung der Kranken- und Altenpfleger*innen jener der Angehörigen meist in nichts nachsteht. Mit einem gewaltigen Unterschied: Für mich als Angehörigen ist es sozial akzeptiert, ja erwartet, dass ich sie zeige.

Dennoch sträubte sich in mir einiges dagegen, mich in diese absolut folgenlose, rein symbolische Aktion einzureihen. Ich empfinde immer einen starken Widerwillen, wenn Aktionismus und Symbolpolitik aufeinandertreffen, um von mir ein «Zeichen» (oder zumindest eine Unterschrift oder eine verwertbare Mailadresse) zu verlangen. Ich bin keiner, der überall «Gutmenschentum» wittert und verspottet, das ist ein Cover-up für Arschlöcher, und ich versuche, keins zu sein. Aber ich habe so eine gewisse Herdenaversion, ein Unbehagen bei Ansammlungen aller Art. Und ich mag keinen Politkitsch. Das klingt fein nonkonformistisch, man darf sich mit dieser Haltung als kritischen Geist sehen, der stets über den Dingen steht (wir wissen ja, Ibsen, der Stärkste ist der, der alleine steht, dies das), aber natürlich hat diese Haltung auch eine Schattenseite: Sie ist reichlich selbstverliebt und eröffnet einem allerlei bequeme Ausflüchte in Situationen, in denen es eigentlich angebracht wäre, praktische Solidarität zu üben.

Was tat ich denn eigentlich sonst so? Unsymbolisch, konkret, mit praktischen Folgen, jenseits der üblichen kapitalismuskritischen Diskussionen am reichgedeckten Esstisch, wenn Freund*innen zu Besuch waren (damals, in der guten alten Zeit, als man sich noch gegenseitig besuchte)? Was tat ich denn tatsächlich, außer reden und twittern? (Regieanweisung: An dieser Stelle bitte Tumbleweeds und Grillenzirpen und ein paar Spendenquittungen einspielen.)

Zur Auflösung: Natürlich standen wir am Samstag am Fenster und klatschten. Wie Klatschvieh im Musikantenstadl, dachte ich. Aber es tat ja schließlich keinem weh. Und im Stadion war ich mir früher auch nicht zu schade gewesen, einem knappen Dutzend kurzbehoster Bälletreter zuzujubeln. Also. Vielleicht applaudierten wir auch ein bisschen uns selbst, aber entscheidend war dann doch etwas anderes: Man war ja nicht Teil einer uniform marschierenden Masse. Da standen die Nachbarn von der anderen Straßenseite auf ihren Balkonen, mit denen ich sonst nie redete. Jetzt auch nicht, aber wir sahen einander über die Straße hinweg und wussten: We’re all in this together. Bislang hatte uns lediglich ein straff gespanntes Stahlseil verbunden, an dem eine alte Straßenlaterne in der Schlucht zwischen unseren Häuserblocks sacht im Wind baumelt.

Vielleicht war es auch einfach die Hilflosigkeit, die man derzeit andauernd spürt, die mich ans Fenster zog. Vor allem aber das Gefühl, dass es einfach lächerlich ist, in einer Zeit wie dieser selbstverliebt darauf zu beharren, man stünde über den Dingen, während man in Wahrheit genauso hilflos mittendrin steckt wie alle anderen auch, während man sich auf die Arbeit anderer verlässt, verlassen muss. Symbolpolitik ist, zumindest wo sie kein Ausdruck inszenierter Macht ist, oft ein Zeichen von Hilflosigkeit, und in times of Corona sollte sich niemand seiner Hilflosigkeit schämen oder sich zu fein für sie sein.

Am Sonntag um 18 Uhr standen wir dann wieder am offenen Fenster, diesmal, um im weiten Kreise der distanzierten Nachbarschaft die «Ode an die Freude» zu spielen. Um ehrlich zu sein, ich empfand ich keine Freude beim Spielen. Aber einen gewissen Trost. Ich sah wieder die Nachbarn von gegenüber, die gleichen wie gestern, klar, wen sonst, wo sollten denn auch plötzlich andere herkommen, und ich wusste bisher gar nicht, dass die junge Frau von ganz oben Geige spielt. «No man is an island entire of itself; every man is a piece of the continent, a part of the main», hatte meine frühere Kollegin C. gern John Donne zitiert, wenn ich ihr mal wieder mit dem Ibsen kam. (Ach, überhaupt Kolleg*innen: Auch so etwas, das ich vermisse.)

«… alle Menschen werden Brüder, wo Dein sanfter Flügel weilt.» Und Applaus. Man winkte einander noch einmal über die Straße hinweg zu, dann schlossen wir wieder die Fenster. Ein kurzer Moment der Gemeinsamkeit, dann war man wieder für sich. Wir teilten mit Freund*innen und Bekannten kreuz und quer durchs Land die Handyvideos, die unsere Straßen in den verschiedenen Städten und Dörfern beim Musizieren zeigten. Ein bisschen stolz, ja, tatsächlich. Ich Herdentier. Als dann aber schließlich die WhatsApp-Gruppen mit neuen Appellen bimmelten, man möge bitte alle miteinander um 21 Uhr eine Kerze ins Fenster stellen («bitte leitet diese Nachricht an alle weiter!!!»), da reichte es mir dann doch.

(sorry, viel zu lang, künftig wieder kürzer, versprochen)

 

Slata, München

Neue Dinge entstehen, eine heiße Badewanne voller Schaum zum Beispiel, entspannend, beruhigend, davor ein Fondant au chocolat (lava cake ist aussprechbarer), dazu Puderzucker wie Schnee auf Erdbeerscheiben, schmale Dessertgabeln, lass uns noch ein paar Tafeln Schokolade holen, bevor alle Geschäfte dicht machen, selbst als ein Glas zu Boden fällt, sich in tausend Scherben verbreitet, freuen wir uns fast darüber, sammeln, fegen sie geduldig auf.

 

Nabard, Bonn

Bin gerade am Münsterplatz entlang gelaufen und vor Ludwig stehen geblieben. Zwei Tauben sitzen auf ihn. Happy Birthday Ludwig, ich wette deinen 250. hast du dir anders vorgestellt oder? Niemand der vom Café nebenan zu dir hochzieht. Niemand der vor dir stehen bleibt und ein paar Fotos schießt. Guess that’s life. 

Laufe weiter Richtung Bertha und muss an die Fortbildung der Anästhesisten gerade denken. Was machen wenn ein Patient akut zu ersticken droht…bis mir eine Gestalt über den Weg läuft den ich wohl noch von früher kenne. Er hat einen grauen Bart und graue Haare bekommen. Sieben Jahre können doch lang sein.

Musik-Tip:

The Weeknd – Snowchild

 

Berit, Greifswald

Wenn die Spielplätze und Fußballplätze zu sind, kann man mit seinen Kindern draußen herumlaufen und Pokemon Go spielen. Man steht an Ecken und beugt sich konspirativ gemeinsam über das Handy, fängt dieses und jenes Pokemon, fachsimpelt über Bälle und läuft noch den einen Extrakilometer, den es braucht, um das Ei auszubrüten. Alles fühlt sich sehr normal an, bloß die anderen Passanten machen große Kreise um uns und sie schauen nicht mehr skeptisch auf die Kinder mit dem Smartphone, sondern lächeln mich mitleidig an. Im Hinterhof jagen Eltern ihre Kinder zwischen den Wäschestangen hinterher, damit sie später in der Wohnung ausgetobt sind, andere haben ein Trampolin gekauft. Ein kleines Mädchen rollt sehr lange bäuchlings auf einem Rollbrett hin und her, es klackert leise durch das geöffnete Fenster.

 

Marie, Isabel Dunfermline

Heute auf dem Weg zu Post und Supermarkt (ausgerüstet mit offiziell ausreichend notwendigen Gründen, das Haus zu verlassen und öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen): Vom Bus aus eine kleine Kinderzeichnung hinter Fensterglas. Ein Regenbogen. Auf dem Rückweg ein Stück zu Fuß, der frischen Luft wegen. Ein Taubenpaar sitzt winterdick und eng aneinander geschmiegt auf einem Zaun. Eine pickt der andere liebevoll den Schnabel. Halte an für Finken, Rotkehlchen, Spatzen, Möwen, Krähen, Meisen, Amseln, noch mehr Tauben. Hundehalter ziehen im Sicherheitsabstand vorbei. Vierbeiner begreifen nicht, warum sie Fremden nicht mehr begrüßen dürfen. In einem großen Haus (dessen Garten immer voller Spielzeug wimmelt) ein Wohnzimmerfenster, hinter dem Luftballons tanzen. Auf dem Glas in leuchtenden Farben ein großer Regenbogen, schönstes Halbrund, die Enden stecken in fluffigen Wolken. Darunter in Großbuchstaben, im genau richtigen Dunkelblauton: NHS. Als ich nach Hause komme und mir ausführlich die Hände wasche, sehe ich im Spiegel, dass ich auf dem Gang in die Stadt mein Regenbogentuch um den Hals getragen habe.

Ein Zweiter Frühling – Der Verlag Voland & Quist verschiebt sein aktuelles Programm

von Isabella Caldart (@isi_peazy)

Dass Voland & Quist äußerst kreativ und zugleich resilient ist, hat der Verlag in der Vergangenheit bereits mehrfach bewiesen. 12 Prozent des Jahresumsatzes gingen im vergangenen Jahr durch die KNV-Insolvenz verloren – also stellte Voland & Quist kurzerhand eine Benefizveranstaltung auf die Beine. Ebenfalls letztes Jahr kündigte der Verlag ein außergewöhnliches Imprint an, das im Herbst 2020 mit dem ersten Programm an den Start geht: V&Q Books wird deutschsprachige Literatur ins Englische übersetzen und in Großbritannien vertreiben. Da wundert es wenig, dass sich Voland & Quist auch von der Coronakrise nicht in die Knie zwingen ließ und stattdessen den Zweiten Frühling ausrief (dem sich hoffentlich viele Verlage anschließen werden): Das Frühjahrsprogramm wird im Herbst erneut aufgelegt. Bereits einen Tag zuvor hatte der Elif Verlag auf Facebook angekündigt, das Frühjahrsprogramm zu schieben, und den Börsenverein und die Kurt Wolff Stiftung dazu aufgerufen, diese Idee zu verbreiten. In vielen weiteren Verlagen wird intern bereits diskutiert, ob und wie eine Programmverschiebung gehandhabt werden kann.

Ja, wie handhabt man das? Voland-&-Quist-Verleger Sebastian Wolter gibt Antworten.

Wie sehr ist euer Frühjahrsprogramm von der Coronakrise betroffen? Waren alle Titel bereits ausgeliefert? Wie war die Aufmerksamkeit bisher?

Wolter: Die Leipziger Buchmesse ist ausgefallen, fast alle Lesungen wurden abgesagt, Buchhandlungen müssen schließen – ich würde sagen, das Frühjahrsprogramm hat es hart getroffen. Zwei Titel, Marc-Uwe Klings Graphic Novel „QualityLand, Band 1“ und Beka Adamaschwilis „In diesem Buch stirbt jeder“, sind sowieso noch nicht erschienen, die kommen aber wie geplant in den nächsten Wochen. Die Aufmerksamkeit insgesamt ist viel geringer als sonst, Corona überlagert natürlich alles gerade.

 

Wie kamt ihr auf die Idee, das Frühjahrsprogramm im Herbst erneut zu veröffentlichen? Was genau erhofft ihr euch davon?

Wolter: Wir finden, dass unsere Frühjahrstitel von Anna Herzig, Ivana Sajko, Nora Gomringer, Nancy Hünger und Volker Sielaff mehr Aufmerksamkeit verdient haben, das ist der Grundgedanke. Und wir veröffentlichen sie nicht neu, sie sind ja schon draußen. Es geht einfach um eine Verlängerung und darum, sie länger im Gespräch zu halten, zum Beispiel auch Lesereisen neu zu organisieren, weil jetzt alles abgesagt wurde.

 

Wie wird die Presse-, wie die Marketingarbeit bei Titeln aussehen, die eigentlich schon angekündigt sind? Wie arbeiten die Vertreter*innen? Gibt es eine Herbstvorschau?

Wolter: Wir kündigen die Titel nochmal in der Herbstvorschau an, ergänzt um zwei Titel aus dem kommenden Programm, darunter Julius Fischers neuer Roman „Ich hasse Menschen – eine Stadtflucht“.  Unsere Vertreter fanden die Idee sehr gut, sie stellen die Titel den Buchhändlern dann wieder vor. Im Grunde befindet sich der Buchhandel gerade in einer Auszeit. Das unterbrochene Spiel kann ja danach auch beim vorigen Punktestand weitergehen, bevor ein neues beginnt, finden wir.

 

Ihr habt in eurer Ankündigung im Verlagsblog noch kein konkretes Datum genannt. Wartet ihr damit ab, bis klar ist, wie sich die Coronakrise entwickelt?

Wolter: Das gilt ab sofort, wir arbeiten derzeit an der Herbstvorschau und somit an der nach der Buchmesse erstmaligen größeren Ankündigung des Programms mit Auslieferung ab Juli/August. Wir sind ansonsten noch dabei mit dem Buchhandel zu klären, wie sie die erwähnten ausstehenden Frühjahrstitel jetzt bekommen wollen, damit ihnen kein Nachteil entsteht. Gerne können sich Buchhändler*innen dazu bei uns melden.

 

Was geschieht mit den Titeln die für den Herbst geplant waren, was mit denen, die ihr im Frühjahr 2021 bringen wolltet?

Wolter: Wir haben natürlich zuerst mit den Autor*innen, Übersetzer*innen und Agenturen gesprochen und das Einverständnis für eine Verschiebung eingeholt – alle fanden die Idee sehr gut und richtig. Wir werden alle geplanten Titel jeweils um ein Programm verschieben. Unser englischsprachiges Imprint V&Q Books wird aber wie geplant im Herbst an den Start gehen.

 

Wie hat Corona eure Arbeit bisher allgemein gesehen beeinflusst? Womit rechnet ihr in den nächsten Wochen, Monaten? Wie kann man als kleiner Verlag finanziell damit umgehen?

Wolter: Tja, natürlich ist zuerst viel Organisatorisches zu erledigen, beispielsweise den Betrieb auf Homeoffice umstellen, VPN einrichten, Reisen absagen, Termine umlegen, so was alles. Was die Zukunft betrifft: Wir müssen hoffen, dass die Buchverkäufe nicht völlig wegbrechen und dass die Krise nicht zu lange anhält. Was passiert, wenn genau das eintrifft, weiß keiner. Aber dann wird es sehr schwer.

 

Was wünschst du dir von den Leser*innen?

Wolter: Kauft Bücher, kauft und lest! Kauft sie bei kleinen unabhängigen Buchhändlern, per Webshop, Telefon oder E-Mail. Die Buchhandlungen trifft es gerade auch hart, viele Läden müssen geschlossen bleiben. Aber unabhängige Buchhändler*innen sind kreativ und findig, wie sie Bestellungen an ihre Leser*innen bringen, das wird funktionieren. Und jedes gekaufte Buch hilft auch den Autor*innen, die jetzt keine Einnahmen aus Lesungen und Vorträgen haben. #buchsolidarität und #bücherhamstern sind das Gebot der Stunde.

 

Photo by Jan Haerer on Unsplash