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Wovon wir sprechen, wenn wir Versöhnung sagen oder: Wer fabriziert hier wem einen Popo?

von Mia Raben

Ich bin ein von innen verschmutztes, kluges, auffällig musikalisches, ordentlich frisiertes Mädchen mit Kragen. Ich bin irgendwie anders, aber sympathisch, denn ich bin anpassungsfähig. Ich lese den Erwachsenen ihre Wünsche aus den Gedanken ab, bevor sie sie selbst formulieren können. Zum Beispiel: Zeige dich lässig und unbeeindruckt vom Reichtum deiner Freundinnen und Freunde. Tu so, als sei es ganz normal, vier Mercedesse vor dem Haus stehen zu haben, alle mit fast gleichem Kennzeichen, immer Hamburg und die Initialen meiner Freundin. HH-DH. Tu so, als gehörtest du dazu. Als hättet ihr in der Familie dieselben Rituale, wie alle anderen auch. Lindenstraße gucken. Das Auto waschen. Sonntagsfrühstück. Mahlzeiten immer zur selben Zeit. „Wir essen immer um 18.30 Uhr”, höre ich mich sagen. Das ist nicht wahr. Wir essen, wann es uns in den Kram passt. Manchmal erst um neun. Damit das nicht rauskommt, und auch andere Dinge nicht, die bei uns „komisch“ oder anders sind, übernachte ich lieber bei meiner Freundin, anstatt sie bei mir. Dagegen hat niemand etwas einzuwenden. Erst zwei Jahrzehnte später werde ich erleichtert feststellen, dass meine Kinder gern andere Kinder zu uns zum Übernachten einladen.

Schamhafte Wahrheiten. Wie sich ihnen nähern?

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Handlungsspielräume – Über zwei Arten von Rollenspiel

von Philipp Schwarz

Videospiele sind interaktiv. Spieler*innen bewegen ihre Figur durch die Spielwelt und beeinflussen auf diese Weise den Ablauf der Ereignisse. Hier entsteht eine gewisse Spannung. Denn einerseits sollen Spieler*innen das Gefühl haben, dass ihre eigene Herangehensweise tatsächlich einen Unterschied macht, andererseits kann keine noch so gute Programmierung alle möglichen Herangehensweisen vorwegnehmen und Reaktionen auf sie parat haben (jedenfalls bisher nicht). Die Entscheidungsmöglichkeiten beim Spielen müssen also schon aus rein ökonomischen Gründen begrenzt sein. Andererseits wirkt es oft unbeholfen und gezwungen, wenn Spieler*innen offen damit konfrontiert werden, dass die Spielmechanik an einer bestimmten Stelle Grenzen setzt und offen sagt “Das kannst du nicht tun”. Im Idealfall erklären sich die Möglichkeiten und Grenzen des Einflusses auf die Spielwelt also aus der Logik dieser Spielwelt selbst, anstatt als äußere Faktoren erkennbar zu werden. 

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Expedition ins Tankstellen-Terrain – Florian Werners „Die Raststätte“

von Lena Brinkmann

Kann etwas so funktional und wenig einladend sein, dass darin eine Schönheit liegt? Florian Werner ist sich dessen sicher und geht einer Faszination aus Kindertagen nach: Die Raststätte soll nicht länger als Inbegriff des Gewöhnlichen herhalten. Mit dem Vorsatz, die blinden Flecke am Wegesrand der Autobahnen auszuleuchten, begibt er sich auf eine Expedition. In Die Raststätte. Eine Liebeserklärung (erschienen im Februar 2021 bei Hanser) rekonstruiert er die deutsche Raststätten-Topografie, nimmt beobachtend teil und spielt sprachlich auf hohem Niveau die landläufigen Vorurteile gegen kluge Beobachtungen aus.

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Tödliche Theorien – Rechtsradikale Verschwörungserzählungen und das Versagen der Medien

von Annika Brockschmidt

Am 14. Mai 2022 fuhr der 18-Jährige White Supremacist P.G. zum „Tops“ Supermarkt in Buffalo, New York, mit dem Ziel, Schwarze Menschen zu töten. Er ermordete zehn Menschen und verwundete drei, bevor er festgenommen wurde. Alle  Opfer waren Schwarz. Sehr schnell wurde klar, dass es Rassismus war, der die Taten inspiriert hatte. Der Täter hatte ein hasserfülltes, 180-Seiten langes Manifest online gestellt, bevor er die Morde beging – die er live auf Twitch streamte. Außerdem analysierten Expert:innen sein digitales Tagebuch, das hunderte Seiten von Information beinhaltet – unter anderem die Geschichte, wie er radikalisiert wurde. P.G. nennt sich einen „Faschisten“ und einen „Nazi“ und sagt offen, dass es sein erklärtes Ziel ist, Schwarze Menschen zu töten. Er glaubt an den rassistischen Verschwörungsmythos, der White Replacement genannt wird – also „Weißer Austausch“. Der Mythos vom White Replacement ist eine Kombination zweier Verschwörungsnarrative: Great Replacement (in deutschen rechten Kreisen taucht er oft als „Umvolkung“ auf) und White Genocide („Weißer Genozid“).

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White, hot, problematisch – Die Modemarke Abercrombie & Fitch

von Kais Harrabi

1950 erschien im „New Yorker“ ein Porträt über den Schriftsteller Ernest Hemingway. Die Autorin Lillian Collins verbringt darin mehrere Tage mit Hemingway in New York. Sie holt ihn am Flughafen ab, hängt mit ihm, seiner Frau Mary (und Marlene Dietrich) im Hotelzimmer herum. Und sie geht mit ihm einkaufen. Mary schickt ihn los, sich eine wasserdichte Jacke zu kaufen. Für Hemingway gibt es nur ein Geschäft, das infrage kommt: Abercrombie & Fitch.

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Distinktion zum Frühstück – Über »Klassik–Pop–et cetera« als kulturellen Offenbarungsort

von Matthias Warkus

Eine der großen Radiotraditionen, vielleicht sogar die größte überhaupt, sind Sendungen, in denen Gäste eigene Musik mitbringen. Die älteste unter ihnen, »Desert Island Discs«, läuft im BBC-Radio seit über 80 Jahren und ist damit unter den ältesten Radiosendungen überhaupt, die noch regelmäßig ausgestrahlt werden. Im Deutschlandfunk gibt es mindestens zwei solcher Sendungen, und eine davon, »Klassik – Pop – et cetera« (im Folgenden »KP&c.«), ist ebenfalls ein Methusalem, mehr oder minder die älteste Sendung im deutschen Radio überhaupt, ausgestrahlt seit dem 7. Oktober 1974. Bis auf eine An- und Abmoderation wird die gesamte wöchentliche Sendung von dem Gast (manchmal auch: den Gästen) bestritten.

KP&c. hat sich in diesen fast 50 Jahren durchaus verändert, vor allem, was die Auswahl der Gäste angeht; darauf möchte ich nicht detailliert eingehen. Auf dem heutigen Stand ist die Zusammensetzung jedenfalls so, dass 43 % der Sendungen von Musiker*innen aus dem Bereich E-Musik (inklusive Jazz) moderiert werden, 25 % von Schriftsteller*innen, 18 % von Künstler*innen, Schauspieler*innen, Regisseur*innen usw., gut 8 % von Musiker*innen aus dem U-Bereich und der Rest von Wissenschaftler*innen bzw. sonstigen Intellektuellen. (Diese Verteilung wird möglicherweise später noch wichtig.)

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Die Verteidigung der Poesie in Zeiten dauernden Exils

von Volha Hapeyeva

Präambel

Im Sommer 2020 gab ich der Journalistin eines einflussreichen Portals ein Interview zu meinem neuen Gedichtband. Ein paar Tage später teilte sie mir mit, dass der Redakteur das Material nicht angenommen hätte, und begründete seine Ablehnung mit dem Satz: »This is not the time for poetry« (»Dies ist nicht die Zeit für Poesie«). Das Land, mein Land, Belarus, bereitete sich auf die Präsidentschaftswahlen vor.

Schiffe vor Anker, Autos auf Parkplätzen,
aber ich bin diejenige, die kein Zuhause hat

Wo immer ich hingehe, wo immer ich bleibe, auch wenn es nur für eine Nacht ist, fange ich sofort an, diesen Ort mein Zuhause zu nennen. Ein Hotelzimmer ist mein Zuhause, ein Gästezimmer bei einem Freund – Zuhause; Flughäfen, Bahnhöfe – auch die. Das ist eine Art nomadisches Denken. Der Versuch dazuzugehören. Wenn man keine eigene Wohnung hat, wird jeder Ort zu einem potenziellen Zuhause. Ist das Verzweiflung oder Hoffnung? Viele Jahre des Reisens und das Fehlen einer eigenen Wohnung haben mich daran gewöhnt.

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Über die Zukunft

von Shida Bazyar und Emma Braslavsky

Emma: Als Kind dachte ich, Zukunft sei ein ferner Ort, so wie ein Briefkasten auf dem Mond, an den ich meine Träume und Sorgen adressieren konnte. Ich empfand Zukunft als Wohltat, weil ich dort oft meinen Kram loswurde, mit dem ich mich gerade nicht beschäftigen wollte. Zukunft war mir mehr Trost als Herausforderung, mehr Abenteuer als Vision. Das änderte sich, als ich im Teenager-Alter war. Plötzlich wurde Zukunft für mich immer dort sichtbar, wo Menschen scheiterten.

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Eine Poetik des Zweifels – Zum hundertsten Geburtstag der Schriftstellerin Ruth Rehmann

von Nicole Seifert

Ruth Rehmanns erster Auftritt bei der Gruppe 47 war denkwürdig. Am Abend sang sie „schallplattenreif Chansons mit einer wilden Stimme“, wie es später in der FAZ heißen sollte, und ihre Lesung am nächsten Tag rief in Großholzleute im Allgäu derart positive Reaktionen hervor, dass sie für den Preis der Gruppe des Jahres 1958 im Gespräch war. Und hätte Günter Grass nicht noch Aufsehen mit einem Kapitel aus seinem unveröffentlichten Roman Die Blechtrommel erregt – sie hätte den Preis wohl auch bekommen. Ebenfalls auf der Tagung anwesend war Siegfried Unseld, der Ruth Rehmann schließlich unter Vertrag nahm. Der Roman, aus dem sie den Auszug „Das erste Kleid“ gelesen hatte, erschien 1959 unter dem Titel Illusionen bei Suhrkamp, wurde in mehrere Sprachen übersetzt, ein weiteres Kapitel schaffte es in die Schulbücher, dann geriet der Roman langsam in Vergessenheit. Der AvivA Verlag hat Illusionen nun anlässlich des hundertsten Geburtstags der Autorin neu aufgelegt.

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Von kapitalistischen Vampiren und kommunistischen Gespenstern – Julian Radlmaiers Film ‚Blutsauger‘

von Lukas Betzler und Judith Niehaus

Holt die blauen Bände raus, es ist Marx-Lesekreis: Zu Beginn von Julian Radlmaiers Blutsauger, an “einem Dienstag im August 1928”, wie eine anfänglich eingeblendete Zeitangabe verrät, will eine in den Dünen sitzende Gruppe von Arbeiter*innen das achte Kapitel im ersten Band des Kapital besprechen – Absatz für Absatz. Der Arbeiter Bruno (Bruno Derksen) hat jedoch zu einer Stelle eine brennende, keinen Aufschub duldende Frage. Er zitiert:

[…] ‘Das Kapital ist verstorbne Arbeit, die sich nur vampyrmäßig’ – Achtung, darum geht’s mir jetzt – ‘die sich nur vampyrmäßig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit und umso mehr lebt, je mehr sie davon einsaugt.’ Und dann ein bisschen später: ‘Die Verlängerung des Arbeitstags in die Nacht hinein … stillt nur annähernd den Vampyrdurst nach lebendigem Arbeitsblut.’ Ja und noch weiter unten steht: ‘daß in der Tat sein Sauger nicht losläßt, solange noch ein Muskel, eine Sehne, ein Tropfen Bluts auszubeuten’ ist. [1]

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