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Hype und Enttäuschung – Über die Unfähigkeit, Widerspruch auszuhalten

von Matthias Kreienbrink

 

Neben allem war 2020 auch das Jahr des Videospiel-Hypes. Neue Konsolen erschienen und ebenso Blockbuster, die kaum lauter, schriller und umkämpfter hätten veröffentlicht werden können. The Last of Us 2, Playstation 5, Cyberpunk 2077. All das sind Schlagworte in einem Diskurs um Hype, Gamer, Presse, PR und schlussendlich auch Hass. Weiterlesen

Hauptperson Havanna – Ein Interview mit dem Übersetzer Hans-Joachim Hartstein

Seit gut 40 Jahren überträgt Hans-Joachim Hartstein Literatur aus dem Spanischen und Französischen ins Deutsche. Er hat u. a. Werke von Georges Simenon, Léo Malet, Luis Goytisolo, Juan Madrid, Marina Mayoral, Leonardo Padura und Ernesto Che Guevara ins Deutsche übertragen – ein Gespräch über die Arbeit als Übersetzer, Entdecker neuer Autorinnen und Autoren und warum er das Feld inzwischen lieber jüngeren Kolleginnen und Kollegen überlässt.

Das Gespräch führte Viktor Funk

Herr Hartstein, in der deutschen Auslandsberichterstattung kommt Spanien nicht zu kurz und es gibt auch ein Interesse an Lateinamerika. Ist es dann leichter für Autorinnen und Autoren aus diesen Ländern, in den deutschen Buchmarkt vorzudringen?

Hans-Joachim Hartstein: Nein, das war mal ganz kurzfristig so, als García Márquez 1982 den Nobelpreis bekam, da war Interesse für Südamerika geweckt. Aber grundsätzlich ist es schwierig für spanischsprachige und lateinamerikanische Autorinnen und Autoren. Vor allem, sie neu einzuführen, ist schwierig. Es gibt einige Namen, die allgemein bekannt sind, ansonsten wird alles vom angloamerikanischen Buchmarkt erschlagen.

Sie haben unter anderem alle Bücher vom kubanischen Autoren Leonardo Padura übersetzt, ohne eine Reise nach Kuba wäre ich selbst nie auf ihn gestoßen, wie war das bei Ihnen?

Hans-Joachim Hartstein: Als Übersetzer frage ich auf Reisen manchmal Bekannte oder Freunde, was sich für Europa oder den deutschsprachigen Raum eignen könnte. So wurde ich auch auf Padura aufmerksam gemacht, las den ersten Krimi aus seinem Havanna-Quartett. Der hat mir so gut gefallen, dass ich versucht habe, Kontakt zu ihm aufzunehmen. Das war Ende der 90er Jahre, 1996/97 hat das angefangen. 1994 war ich das erste Mal auf Kuba.

Die 90er Jahren waren sehr dramatisch für das Land, eine brutale Wirtschaftskrise, die sozialistischen Handelspartner verschwanden, das Land setzte auf Tourismus, litt aber dennoch sehr. Was hat Sie nach Kuba gelockt?

Hans-Joachim Hartstein: Ich wollte da schon sehr lange hin, in den 1970er und 80er Jahren war es sehr schwierig, aber als der Tourismus in den 90ern anfing, wollte ich hin. Wir hatten ein Hotel in einer Kleinstadt gewählt und bekamen schnell Kontakt zur Bevölkerung.

Was natürlich nur geht, weil Sie Spanisch perfekt sprechen. Seit wann übersetzen Sie spanischsprachige Literatur?    

Hans-Joachim Hartstein: Aus dem Spanischen übersetze ich seit Ende der 80er Jahre, ich habe aber um 1980 als Französisch-Übersetzer angefangen. Dann habe ich meine jetzige Frau 1987 in Spanien kennengelernt, und die Arbeit verlagerte sich nach und nach auf Spanien, Mittel- und Südamerika.

Dann schauen wir das konkret am Beispiel von Padura an. Sie sind auf ihn gestoßen und was passierte dann?

Hans-Joachim Hartstein: Normalerweise fragen Verlage an, ob man eine Übersetzung übernehmen will. Einem Verlag etwas selbst vorzuschlagen, ist im Moment fast unmöglich. Das war früher anders. In den 80ern, bis Mitte der 90er Jahre ist mir das schon öfters gelungen. Padura war dann später eine Ausnahme. Da war es tatsächlich so, dass ich Kontakt zu ihm aufgenommen habe, wir haben uns auf einer Buchmesse in Havanna getroffen, 1998 oder 1999 war das. Er erzählte mir, dass er Schwierigkeiten hat, Kontakte nach Europa zu finden, obwohl er in Spanien bei Tusquets Editores in Barcelona schon veröffentlicht wurde. Ich habe zugesagt, mal nachzufragen bei Verlagen, mit denen ich zusammenarbeite. Aber das ist ein unüblicher Weg, die Verlage haben ihre eigenen Scouts, und die Verlage haben miteinander Abmachungen. Und wenn ich zum Beispiel in Spanien ein Buch entdecke, sind die Rechte daran garantiert schon vergeben. Bei Padura half da ein Zufall, weil der damalige Cheflektor des Unionsverlags Thomas Wörtche in Zürich sich auch für Padura interessierte. Ich würde ihn als Alleskenner für Kriminalromane bezeichnen, deswegen hatte er Padura auch schon bemerkt. Dann kamen wir zusammen, und der Unionsverlag erwarb die Rechte für alle vier Havanna-Krimis. Ich bekam dann vom Unionsverlag den Zuschlag für die Übersetzung, darum ging es mir ja auch. Ein Literaturvermittler bin ich ja nicht.

War das der einzige kubanische Autor?

Hans-Joachim Hartstein: Ich hatte noch einen, Abel Prieto [1], er hat ein tolles Buch geschrieben. Die Verlage, die ich angesprochen habe, waren begeistert, ich habe ein paar Kapitel vorübersetzt und ihnen gezeigt. Nur hatte Prieto den großen Fehler, wenn man so sagen will, für den deutschen Markt, dass er damals schon Kultusminister war und damit Mitglied der kubanischen Regierung und der Parteispitze und war dann für die Verlage plötzlich nicht mehr interessant.

War das ein politisches Buch?

Hans-Joachim Hartstein: Nein, es handelte von einer Gruppe Jugendlicher, die in den 70er und 80er Jahren erwachsen werden, mit all den Problemen. Es war auch andeutungsweise kritisch, es hat nicht die stramme Parteilinie verfolgt, trotzdem wurde das nicht veröffentlicht.

Padura würde ich einerseits nicht als politischen Schriftsteller bezeichnen, aber seine Alltagsdarstellung ist im Zweifel eher kritisch. Wie wird er hier in Deutschland angenommen?

Hans-Joachim Hartstein: Das Echo, das ich kenne, ist durchweg positiv und interessiert. Man erfährt durch ihn sehr viel über den Alltag, hauptsächlich in Havanna. Das ist ja quasi die Hauptperson jedes seiner Romane, Kubas Hauptstadt Havanna.

Welche andere Autorinnen oder Autoren aus Lateinamerika haben Sie übersetzt?

Hans-Joachim Hartstein: Zum Beispiel zwei Bücher von Óscar Martínez, eins hat er allein geschrieben und eins mit seinem Bruder Juan José Martínez.[2]  Die Bücher handeln von der Situation in El Salvador, von den Bandenkriegen, der Kriminalität, der Situation in den Gefängnissen und wie das überhaupt entstanden ist, dieses Bandenwesen in El Salvador und überhaupt in Mittelamerika. Und wie so oft ist der Ursprung in den USA zu suchen, aber das führt hier zu weit. Es ist einerseits ein Sachbuch, andererseits wird am Beispiel einer Person gezeigt, wie so etwas möglich ist. Besonders im zweiten Buch wird beschrieben, wie dieser junge Mann, der mit 32 ermordet wird, selbst zu einem Mörder geworden war, schon als Kind. Es ist sehr berührend geschrieben, obwohl es ein Sachbuch ist.

Wie erfolgreich sind solche Bücher aus einem Land, das wenig beachtet wird in Deutschland?

Hans-Joachim Hartstein: Solche Bücher zu machen, das ist schon selbstloses Handeln. Solche Bücher muss der Verlag dann durch andere Bücher finanzieren.

Auf 54books erschien einmal ein Gespräch mit dem Persisch-Übersetzer Mahmoud Hosseini Zad. Er erzählte davon, dass im Iran deutsche Literatur, Klassiker und auch neuere, beachtet werden, dass in Deutschland Literatur aus dem Iran aber kaum zu finden ist. Wie ist es mit Kuba?

Hans-Joachim Hartstein: Nach meiner Erfahrung eher umgekehrt. Deutsche Literatur ist dort lediglich bei Studenten, Professoren oder Leuten bekannten, die sich beruflich damit beschäftigen. Aber sonst nicht. Es liegt auch daran, dass es dort an allem fehlt, an Papier, an Geld, an allem. Deswegen wird wenig veröffentlicht. Und hier sind neben Padura auch noch einige kubanische Klassiker bekannt wie Alejo Carpentier oder Gabrera Infante. Zugleich ist es aber so, dass wir die aktuelle Szene aus Kuba auch kaum kennen.

Bei Padura ist neben der Stadt Havanna die zweite Hauptperson seiner Romane Mario Conde. Er war lange Polizist, dann wurde er zu einer Art Privatermittler. Ich habe mich manchmal gefragt, ob er überzeichnet ist. Er ist ein Macho, hat ein kompliziertes Leben, philosophiert viel und ist zugleich herzensgut. Wie realistisch sind die Alltagsdarstellungen und die Beschreibungen der Menschen in Paduras Büchern?

Hans-Joachim Hartstein: Sehr repräsentativ. Das sind so auch Charaktere, die ich dort kennengelernt habe. Wenn ich die Bücher lese, meine ich, die Menschen zu kennen, angefangen bei Mario Conde. Sein Freundeskreis, der da beschrieben wird, der ist mir sehr gegenwärtig, auch alle Ausdrucksweisen kenne ich.

Diese Macho-Kultur in den Büchern, die sieht man auch im Land.

Hans-Joachim Hartstein: Ja, das hat auch der Sozialismus nicht geschafft einzuschränken, ein wenig vielleicht. Die Situation ist ja folgendermaßen: Die Frauen sind sehr, sehr selbstbewusst, weil eben auch berufstätig selbstverständlich. Sie sind unabhängiger. Trotzdem ist die Macho-Kultur sehr spürbar. Ich will’s mal so sagen: Es ist sehr einfach dort nicht als Macho zu gelten. Man fällt dann eher positiv auf.

Die Frauen in Paduras Büchern sind eher so Nebenfiguren, oft im sexualisierten Kontext.

Hans-Joachim Hartstein: Ja, das schon. Aber sie wissen auch, was sie wollen, lassen häufig Conde abblitzen, er sieht nicht immer gut aus. Es steht dann oft als der Dumme da und trinkt dann wieder mit seinen Freunden.

Sind die spanischsprachigen Buchmärkte auch von Männern dominiert wie in Europa?

Hans-Joachim Hartstein: Auf jeden Fall.

In Deutschland gab es in den vergangenen zwei, drei Jahren Diskussionen darüber, wie viele Männer die Verlage erscheinen lassen und wie viele Frauen. Gibt es solche Diskussionen in der spanischsprachigen Buchwelt?

Hans-Joachim Hartstein: Insgesamt dominieren Männer da den Markt, mehr noch als hier. Natürlich gibt es auch Schriftstellerinnen, aber ich finde die nicht. Ich habe zum Beispiel die Spanierinnen Carmen Laforet übersetzt oder Marina Mayoral. Und in Lateinamerika, auf Kuba, kenne ich persönlich keine Schriftstellerin. Obwohl ich da immer drauf dränge und danach frage und auch deutsche Verlage da Interesse haben. Idealtypisch dann eine Schriftstellerin 35 bis 40 Jahre mit zwei bis drei veröffentlichten Romanen.

Wenn in Kuba das Geld und das Papier fürs Herausgeben der Bücher fehlen, wie ist es mit dem Lesen, wird viel gelesen, gehören Bücher da zum Alltag?

Hans-Joachim Hartstein: Oh ja, aber anders. Hier liest man ein Buch, findet es gut und sagt: Kauf es dir auch mal. Dort gibt es private Wartelisten. Wenn jemand ein Buch ergattert hat, dann wird es weitergereicht. Es ist völlig üblich, dass zehn, fünfzehn, zwanzig Menschen dasselbe Buchexemplar lesen. Wenn ich zum Beispiel spanischsprachige Bücher mitbringe nach Kuba, entsteht sofort eine Warteliste unter den Bekannten.

Weil die Bücher teuer sind?

Hans-Joachim Hartstein: Nein, weil sie nicht vorhanden sind. Es gibt zu wenig. Wenn man eins ergattert, dann ist es billig. Vor allem sind die Bücher nicht in den Buchläden zu finden, da sieht es wirklich mau aus. Der große Hype sind die Buchmessen, die von einer Provinz in die nächste ziehen. Die Saison beginnt in Havanna Ende Februar, dann zieht die Messe weiter. Das sind reine Verkaufsmessen für die Leserinnen und Leser. Da muss man dann ganz schnell sein und Bücher kaufen, denn es gibt einfach zu wenige, es werden zu wenige gedruckt, das ist eine finanzielle Frage. Vor allem vor den Ständen mit Kinderbüchern stehen viele Kinder und Jugendliche an, um ein Buch zu bekommen, das ist wirklich atemberaubend, das zu sehen.

Zum deutschen Buchmarkt: Haben Sie den Eindruck, dass das deutsche Publikum offen wäre für mehr Literatur aus Lateinamerika? Trauen sich die Verlage nicht, hier mutiger zu sein und hier noch unbekannte Autorinnen und Autoren zu verlegen?

Hans-Joachim Hartstein: Ich bin mir sicher, dass das Interesse beim Publikum da wäre. Aber es ist natürlich auch immer die Frage des finanziellen Einsatzes. Nehmen wir zum Beispiel Paduras Der Mann, der Hunde liebte, das ist ein Buch von mehr als 700 Seiten. Da müssen die Rechte bezahlt werden, dann die Übersetzung und dann die Erstellung, Marketing … da kommt viel zusammen. Und da trauen sich viele Verlage nicht. Ich habe zum Beispiel ein höchst interessantes Buch aus Uruguay, das ähnlich wie Padura auf Fakten basierend eine Geschichte über die Diktaturen in Uruguay, Argentinien und so weiter, die sich gegenseitig die Widerstandskämpfer ausgeliefert haben. Das Buch hat den Nachteil, dass es rund 1000 Seiten hat, das ist für die Verlage in der Investition ganz einfach zu teuer. Das ist mit us-amerikanischen Schriftstellern leichter, da kann man schon 1000 Seiten produzieren, die verkaufen sich dann auch millionenfach. Bei Büchern aus Lateinamerika ist der Einsatz zu hoch und es ist fast sicher, dass es sich nicht so gut verkauft. Und einen langen Atmen mit einer Autorin oder einem Autor zu haben, das trauen sich höchstens die unabhängigen Verlage, aber die haben oft kein Geld.

Der Soziologe Norbert Elias, der in den Niederlanden lebte, sagte, dass vor allem kleine Länder große Probleme haben, die Literatur aus ihrer Sprache, bekannter zu machen …

Hans-Joachim Hartstein: Manchmal gibt es einen Hype um jemanden, dann bekommt man einen kleinen Einblick, wie damals, nach der Verleihung des Nobelpreises an den Kolumbianer García Márquez, in die lateinamerikanische Literatur. Und einen Niederlanden-Hype gab es auch mal, denken wir nur an Leon de Winter, Cees Nottenboom, Margriet de Moor. Auch über die Rolle des Gastlandes auf der Frankfurter Buchmesse bekommt ein Land mal kurz Aufmerksamkeit, aber lange hält sich das alles nicht. Für kleine Verlage, die vielleicht mutiger sind, gibt es außerdem kaum die Möglichkeit, ihre Bücher auf den Tischen am Eingang der Buchläden zu platzieren. Die Platzierungen der Bücher in den Läden werden ja bezahlt. Um eine neue Autorin einzuführen muss man sehr gut vernetzt sein, das ist für die Vielfalt natürlich nicht förderlich. Das ist schon für deutsche Autoren schwer, für jemanden aus anderen oder gar kleinen Ländern ist es doppelt und dreifach schwer.

Was entgeht uns denn?

Hans-Joachim Hartstein: Uns entgeht die Möglichkeit, die Kulturen kennenzulernen. Wir haben jetzt noch gar nicht von asiatischen Ländern gesprochen oder afrikanischen, das ist ja in unserer Wahrnehmung noch weiter weg.

Soweit müssen wir gar nicht gehen, mein Eindruck ist, dass osteuropäische Literatur auch kaum wahrgenommen wird in Deutschland, nur, wenn wichtige Preise vergeben werden wie für die Polin Olga Tokarczuk oder Zsuzsa Bánk, die ungarische Wurzeln hat. Dann erhöht sich die Wahrnehmung …

Hans-Joachim Hartstein: … aber auch nur für diese Autorinnen, sonst nichts.

Dabei beschäftigen wir uns politisch geradezu obsessiv mit dem Osten.

Hans-Joachim Hartstein: Ja, so geht es mir tatsächlich auch. Ich interessiere mich nun wirklich für die Literatur, aber ich weiß auf Anhieb nicht, ob ich denn jemals einen ukrainischen Schriftsteller gelesen hätte. Das gleiche gilt für den Balkan.

Sie sind ja seit Jahrzehnten im Geschäft, wie hat sich eigentlich die Arbeit eines Übersetzers in dieser Zeit verändert?

Hans-Joachim Hartstein: Verändert hat sie sich auf jeden Fall, ob etwas besser oder schlechter ist – mit solchen Bewertungen bin ich vorsichtig. Anders betrachtet: Wer heute neu als Übersetzer oder Übersetzerin anfangen will, hat es schwerer, Aufträge von Verlagen zu bekommen. Es sind sehr viele, es war früher nicht so überfüllt, sagen wir’s mal so.

Es gibt heute mehr Konkurrenz?

Hans-Joachim Hartstein: Das zum einen, aber die Verlage machen teilweise auch Angebote, die eigentlich nicht in Frage kommen. Die gehen sehr weit runter mit dem Preis, jüngst habe ich sogar gehört, dass erstmal eine Gratisübersetzung verlangt wurde, quasi ein Buch als Praktikum, eine Art Bewährung. In diesem Punkt ist die Situation offensichtlich schwieriger geworden. Wenn ich mir überlege, wie ich angefangen habe …

Wie war das?

Hans-Joachim Hartstein: Ich habe damals beim Diogenes Verlag schlichtweg angerufen und wurde mit dem damaligen Cheflektor Gerd Haffmanns (später Gründer des gleichnamigen Verlags) verbunden. Und der hat mich dann an die Lektorin Irene Riesen verwiesen, sie suchte gerade Übersetzer für die zahlreichen Maigret-Romane des Belgiers Georges Simenon. So bin ich dann reingekommen. Heute ist es viel schwieriger, sich mit den Verlagen in Kontakt zu setzen. Der persönliche Kontakt ist aber wichtig, wenn man sich kennenlernte, bekam man dann neue Aufträge, nur so ging das.

Wie viel übersetzen Sie heutzutage noch?

Hans-Joachim Hartstein: Ich habe ja schon das gesetzliche Rentenalter erreicht, bin 1949 geboren. Die Rente ist aber so bescheiden, dass ich gerne noch übersetze und das auch brauche. Aber ich gebe keine Seminare mehr an der Uni Düsseldorf, da war ich früher aktiv im Studiengang Berufsübersetzerinnen und -übersetzer. Irgendwann muss man das einfach Jüngeren übergeben.

Das können manche nicht, klammern sich dann an so etwas fest.

Hans-Joachim Hartstein: Ich kann das ganz gut, weil ich merke, dass sich vieles geändert hat.

Die Sprache, oder was meinen Sie?

Hans-Joachim Hartstein: Die Sprache sowieso, das war aber früher nicht anders. Man muss unterscheiden, ob es sich um eine der permanent stattfindenden Veränderungen der Sprache oder um eine Verschluderung oder Verflachung der Sprache handelt. Ich meine aber auch die Art und Weise wie mit digitalen Medien umgegangen wird, zum Beispiel Wörterbücher. Einsprachige, zweisprachige, Synonymwörterbücher – das geht jetzt alles mit einem Klick. Das hat aber den Nachteil, dass dann nicht mehr so viel nachgedacht wird. Es wird angeklickt und was da steht, wird genommen. Doch dann beginnt die eigentliche Arbeit: Passt der gefundene Ausdruck zum Kontext? Oder muss ich „in der Nähe“ suchen, um gegeben falls etwas Passenderes zu finden. Ich habe dann vor einigen Jahren gemerkt, jetzt muss ich loslassen können, obwohl ich wirklich gerne gelehrt habe.

Wenn Sie jetzt nicht mehr so viel übersetzen müssen, wählen Sie jetzt gezielter aus, was Sie machen?

Hans-Joachim Hartstein: So häufig kommen die Anfragen für spanischsprachige Bücher nicht bei, das ist nicht so üppig. Aber was ich an Anfragen bekomme, das interessiert mich auch immer, wie der Óscar Martínez über El Salvador. Das ist wahnsinnig interessant, weil wir da nicht so viel drüber wissen. Nur, dass es da sehr kriminell ist, aber warum, weshalb, wie kam es dazu, das wissen wir nicht. Und ich lerne beim Übersetzen ja enorm viel.

Wie klären Sie etwas, wenn Sie unbekannte Themen übersetzen.

Hans-Joachim Hartstein: Ich habe schon zum Beispiel das eine oder andere Mal mit der Polizei gesprochen, wenn ich Krimis übersetzt habe, um zu erfahren, wie was genau abläuft. Ich habe einfach angerufen, die staunen zuerst, aber die wehren nichts ab und erklären gerne, die freuen sich auch. Einmal war ich auch im Generalvikariat hier in Münster, weil ich einmal eine Geschichte übersetzt habe über einen Bischof, der ein kleines Mädchen  als Patenkind aufgezogen hat, ihr eine Schulbildung und so weiter ermöglicht hat. Da gab es sehr viele kirchliche Ausdrücke. Ich war zwar mal Messdiener, aber vieles wusste ich doch nicht. Es waren viele Dinge, wie zum Beispiel die Anreden, wie redet man richtig einen Bischof an und wie redete man ihn vor 50 Jahren an, da gibt es auch einen Unterschied. Und da bin ich dann dahin marschiert und der damalige Bischof Lehmann hat mir das alles erzählt, es war ein sehr angenehmes Gespräch.

Sie recherchieren also auch selbst.

Hans-Joachim Hartstein: Ja. Da hilft das Internet natürlich sehr, aber auch nicht immer. Früher war man aber viel stärker darauf angewiesen, dass es jemand einem erklärt. Man musste irgendwo anrufen. Es ist schon interessant, dass das jetzt ein bisschen verloren geht durch das Internet. Früher hat man die unmöglichsten Dinge unternommen, um an Informationen zu kommen. Telefon natürlich, Briefe, Kontakte, Kollegen, die jemanden kennen, der weiterhelfen kann; oder Ansprechen von Personen, die sich auskennen müssen, z.B. bei kriminaltechnischen Fragen hilft gerne die Polizei, bei Fragen zur Kirche eben kirchliche Stellen (Beispiel: Wie wurde in den Zwanzigerjahren ein Bischof angesprochen? Wie werden die verschiedenen Kopfbedeckungen eines Würdenträgers bezeichnet? Dafür war ich im Generalvikariat Münster.) Bei Padura gibt es zum Beispiel viele Baseball-Ausdrücke, die musste ich erst verstehen. Ich habe ihn gebeten, mal über Fußball zu schreiben, aber für ihn zählt nun mal Baseball. Es war auch ein befriedigendes Gefühl, wenn man etwas rausgekriegt hat.

Ist das Übersetzen eigentlich eine genauso einsame Tätigkeit wie das Schreiben von Büchern?

Hans-Joachim Hartstein: Ja. Und ich liebe es. Das muss man wirklich vorher wissen. Und wenn man das nicht mag, sollte man das lieber nicht tun. Das ist eine einsame Geschichte.

 

[1] Abel Prieto, Jahrgang 1950, war 1997 bis 2012 und Juli 2016 bis Juli 2018 Kulturminister in Kuba. Er ist Literaturwissenschaftler und Schriftsteller.

[2] Bücher von Óscar Martínez  und Juan José Martínez: „Eine Geschichte der Gewalt“ 2016 und „Man nannte ihn El Niño de Hollywood“ 2019, beide Bücher: Verlag Antje Kunstmann

Empfehlungen von Hans-Joachim Hartstein:

  • Juan Marsé: Die obskure Liebe der Montserrat Claramunt. Moos, 1991.
  • Marina Myoral: Helena. Marion von Schröder Verlag, 1997.
  • Carmen Laforet: Nada. Claassen, 2005.
  • Antonio Ortuño: Madrid, Mexiko. Antje Kunstmann Verlag, 2017.

 

Titelbild von Viktor Funk

Genie und Gewalt – Toxische Mythen kultureller Heldenverehrung

von Simon Sahner

CN: Misogyne Gewalt, Femizid

 

Norman Mailer, William S. Burroughs, Roman Polanski, Louis Althusser, Peter Handke, David Bowie, Jimmy Page und der gerade vor wenigen Tagen verstorbene Phil Spector.

Was haben diese Autoren, Schauspieler, Philosophen, Musiker, Regisseure, Produzenten und viele andere, deren Namen sich vergangene Woche unter einem langen Thread der Schriftstellerin und 54books-Redakteurin Berit Glanz sammelten, gemeinsam? Sie haben Frauen oder Mädchen geschlagen, sexuell missbraucht, vergewaltigt oder umgebracht, es wurde bekannt und sie haben danach ihre Karriere weitgehend problemlos, teilweise bis heute, fortgesetzt. Die meisten werden als Genies und wichtige Künstler verehrt. Bei dieser Auswahl handelt es sich nur um die berühmtesten; die Liste auf Twitter ist länger und auch sie ist nicht vollständig. Viele von ihnen haben darüber gesprochen, ihre Taten relativiert oder nach Jahren als großen Fehler öffentlich bereut, manche wurden rechtskräftig verurteilt, wirklich lange ins Gefängnis musste außer Spector kaum einer von ihnen.

Berühmte Männer, die Frauen Gewalt angetan haben, sind keine Seltenheit und es ist erschreckend, das so sagen zu müssen. Eine Liste mit diesen Männern würde Seiten füllen. Die genannte Auswahl beschränkt sich jedoch auf solche, deren Taten bekannt wurden, bevor ihre Karrieren beendet oder sie gestorben waren. Wenn Männer Frauen schlagen, verletzen oder gar töten, ist das vordergründig ein Fall für die Gerichte, wenn diese Männer aber Musik machen, Bücher schreiben oder Filme drehen, dann ist es auch Aufgabe der Rezeption damit entsprechend umzugehen. Problematisch wird diese Rezeption dann, wenn der gewaltvolle Teil der Künstlerbiografie zum imagefördernden Detail des künstlerisch verehrten Bad Boys oder des mysteriösen Outlaws wird. Weiterlesen

Ein Orwellsches Albträumchen – Robert Habeck bevorwortet ‘1984’

von Till Raether

 

Robert Habeck hat ein Vorwort zur Neuübersetzung von George Orwells 1984 geschrieben, und es ist nicht so gut geworden. Das ist einerseits nicht überraschend, denn Politiker schreiben selten gute Vorworte zu literarischen Werken. Andererseits ist es schade, denn Robert Habeck ist selbst Schriftsteller und promovierter Literaturwissenschaftler: „Als 31-Jähriger verteidigte er an der Universität Hamburg eine Dissertation mit dem Titel ‚Die Natur der Literatur: Zur gattungstheoretischen Begründung literarischer Ästhetizität‘. Erschienen ist sie 2001 in einer soliden literaturwissenschaftlichen Reihe“, bemerkte vor zwei Jahren anerkennend Die Zeit.   Weiterlesen

Kriminalliteratur und Paranoia – Zwischen Wahrheitsfindung und Verschwörungsfiktionen

von Sandra Beck

 

In Klappentexten wird Kriminalliteratur als ein Genre vorgestellt, das immer neue Erzählungen von unvorstellbaren Abgründen produziert: „Doch in diesem Fall ist nichts, wie es scheint, und hinter jeder Wahrheit verbirgt sich eine weitere…“, heißt es etwa im Klappentext zu Linus Geschkes Finsterwald.[1] Die hyperbolischen Formulierungen suchen nicht nur Aufmerksamkeit für den Einzeltitel auf dem notorisch überfüllten Krimimarkt zu generieren, sondern erfassen überraschend präzise ein grundlegendes Prinzip kriminalliterarischen Erzählens. Folgt man dem Soziologen Luc Boltanski ist Kriminalliteratur ein Genre, das unsere Vorstellung von der Welt als Scheinrealität enttarnt: Weiterlesen

„Welten aktiv gestalten und verändern“ – Ein Interview mit Muna AnNisa Aikins

Muna AnNisa Aikins ist Sozialwissenschaftlerin, Trainerin für Empowerment und Antidiskriminierung und leitet als Mitglied von Each One Teach One (EOTO) e.V. den Afrozensus. In ihrem literarischen Debüt „Die Haut meiner Seele“ erzählt sie in Gedichten und Erzählungen von den Etappen ihres Lebens: von der Flucht aus einem Krieg, dem Leben in Deutschland, den Narben ihres Aufwachsens in Strukturen, die sie marginalisieren, und von ihrem Weg, diese Wunden zu heilen. Mit Charlotte Milsch spricht sie über literarisches Schaffen, Befreiungsmomente und Verantwortung.

„Die Haut meiner Seele“ ist eine Komposition aus Gedichten und Erzählungen. Und du hast darin einen ganz eigenen Ton gefunden, um dich auszudrücken. Wie kam es zu dieser Sprache?

Muna AnNisa Aikins: Sprachen, die mich geprägt haben, empfinde ich als Möglichkeiten, als Reichtum, was sie ja in unserer Gesellschaft oft nicht sind, zumindest manche Sprachen. Ich kann Realität in verschiedenen Formen ausdrücken, was mir hilft, ein Puzzlestück zu sehen, das ich vorher nicht gesehen habe. Und das war auch der künstlerische Teil, der mir am meisten Spaß gemacht hat: Worte finden als kreativer Prozess. Es hat etwas Symbolisches: Ich drücke etwas mit einem Wort aus und drücke so auch mich selbst aus. Und fühle mich dadurch. Deswegen ist Schreiben für mich ein Heilungsprozess. Sprache als Heimat sozusagen. Sprache ist auf der einen Seite ein Instrument, um mich zu befreien, aber es ist auch ein Instrument, in dem ganz viel Gewalt steckt. Sprache ist kein neutrales Werkzeug.

„Die Haut meiner Seele“ ist autobiografisch, du schreibst darin u.a. von der Gewalt, die du erlebt hast, von Flucht, vom Zurechtfinden in Deutschland, von Erlebnissen in der Familie. Hat es Überwindung gekostet, das zu veröffentlichen?

Muna AnNisa Aikins: Ich habe das Gefühl es ist wichtig, notwendig, dass diese Geschichten erzählt werden, gerade für die Menschen, mit denen ich durch die geografische Herkunftsverbindung verbunden bin, und für deren Herausforderungen innerhalb dieser Gesellschaft und deren Kämpfe. Ich musste für mich eine Ebene finden, wo ich hin konnte mit meinem persönlichen Schmerz und meiner Zerrissenheit. Ich glaube, wir haben eine gemeinsame Verantwortung und deswegen stelle ich es einer breiteren Öffentlichkeit zur Verfügung.

Ich hab auch zwischendurch einige Gewalterfahrungen weggelassen, weil ich dachte, das sei zu viel. Ich will niemanden desillusionieren. Aber diese Geschichten sind entscheidend, um das Bild komplett zu machen, um die gesellschaftlichen Gewaltmechanismen wie Patriarchat oder Sexismus zu verstehen. Ich habe mich aber auch gefragt: Wie viel kann ich anderen zumuten? Auf der anderen Seite, ist es ja so, dass bestimmte Gewalterfahrungen in marginalisierten Positionen härter zusammenkommen.

In deinem Buch heißt es: „Ich habe lange versucht, die Seiten in diesem Buch zu reparieren“. Wie sahen diese Versuche aus und was hat sich dann verändert?

Muna AnNisa Aikins: Vieles von dieser Gewalt bestimmt mich ja so, dass ich damit trotzdem werde. Ich finde einen Weg damit zu sein. Irgendwie hat das, was ich an Gepäck mit Mitte 20 hatte, keine Zukunftsvision mehr für mein Werden ergeben. Mein Sein war so schwer und zerrissen, dass ich mich gefragt habe: Wie kann ich mit all dem sein? Die Konsequenz war, dass manches davon aufhören musste, weil ich es nicht mehr mittragen konnte, auch innerhalb meiner Familie.

Und leider müssen Menschen, die in diesen Gewaltmechanismen feststecken, und so erschöpft davon sind, sich diese Befreiungsmomente selbst schaffen. Die werden nicht angeboten oder ermöglicht. Da sieht sich niemand in der Verantwortung. Und wenn, dann im Kampf gegen eine andere Seite. Verantwortung wird oft reduziert auf Schuld und schlechtes Gewissen, aber ich habe gelernt, dass sie einen im Status Quo halten: Du fühlst dich schlecht, weil die Umstände schlecht sind, und das macht dich unfähig zu reagieren.

Geht es dabei auch um generationenübergreifende Traumata? Und was ist deiner Meinung nach besonders wichtig, wenn es darum geht, sie zu durchbrechen?

Muna AnNisa Aikins: Verlust von Heimat bedeutet, dass die folgenden Generationen etwas mitverloren haben, wovon sie gar nicht wissen, was es ist. Es prägt ihr Sein. Es ging mir aber auch um Gewaltmomente, die zwar weit zurückliegen, wie die FGM-Geschichte (FGM = Female Genital Mutilation). Denn sie bestimmten mein ganzes Leben. Es ist wichtig, dass ich nicht nur eine Co-Existenz damit finde, sondern eine eigene Existenz, die davon gesunden kann. Ich hab sehr lange mit mir gekämpft, mich dafür zu entscheiden, eine Rekonstruktions-OP zu machen, weil ich das Gefühl hatte, ich verrate den Struggle, den die Frauen vor mir hatten. Aber wenn ich mich dagegen entscheide, würde ich mir Situationen zumuten, die noch mehr Schmerz und Gewalt bedeuten, z.B. wenn ich Kinder kriegen möchte. Ich wollte, dass andere Frauen wissen, dass es diese Option gibt, denn ich wusste es lange Zeit nicht.

Wir haben uns über Instagram kennengelernt und dort erlebe ich, dass du viel zum Thema Heilen teilst. Du beschreibst den Weg der Heilung in „Die Haut meiner Seele“ auch als Kampf um einen Platz in dieser Welt. Wie sah dieser Kampf für dich aus?

Muna AnNisa Aikins: Das ist eng verwoben mit dem Veröffentlichen. Das, was ich bin, hat seinen Platz. Mein Buch ist wie ein gesamtgesellschaftlicher Hinweis, sich mit dieser Gewaltsituation auseinanderzusetzen. Für mich bedeutet es ja, ein Stück Sicherheit aufzugeben. Es macht mich angreifbar, verwundbar. Trotzdem habe ich eine Stabilität und Balance, von der ich denke, dass es auch den Ursprung jedes Wesens ausmacht, die ich mir wieder dadurch zurück erkämpft habe: Mich dafür nicht zu schämen, den Schmerz nicht zu relativieren. Das begleitet mich wie eine Melodie, auch im Kontext von Gerechtigkeits- und Menschenrechtskämpfen in meiner Arbeit. Ich glaube wir haben alle eine Form des Schaffens in uns, die uns hilft zu heilen. Und das ist meine. Heilen ist ein ständiger Prozess.

Du hast über die Bedeutung deines Schreibens für dich gesprochen. Was ist mit den Leser*innen? Hast du einen Wunsch, was dein Schaffen bei Ihnen bewirken könnte?

Muna AnNisa Aikins: Ich wünsche mir mehr zwischenmenschliche Verbindungen und über diese Bindungen gemeinsame Verantwortungsübernahme, die aktiv wahrgenommen wird, in der wir unsere Welten aktiv gestalten, positiv beeinflussen und verändern. Das verlangt eben auch, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.

Sharon Dodua Otoo stellt in „Das unveröffentlichte Interview“ die Frage: Wie können Schwarze feministische Schriftsteller*innen schreiben und sich in den Strukturen bewegen, die sie marginalisieren und ausschließen? Hast du für dich Antworten auf diese Frage gefunden?

Muna AnNisa Aikins: Ich bin nicht wirtschaftlich vom literarischen Schreiben abhängig. Insofern habe ich viele andere Optionen, die diesen gesellschaftlichen Druck in einem literarischen Kontext relativieren. Aber ich bin von meinen Lebensrealitäten her schon emotional und ganzheitlich darauf angewiesen, dass bestimmte Geschichten erzählt werden, dass es Repräsentation gibt. Und das war beim Schreiben für mich ein Orientierungspunkt: Dass ich möchte, dass bestimmte Geschichten, dass meine Stimme als Angebot platziert wird.

Ich wollte mein Buch aber auch nicht in einem großen Verlag unterbringen, in einer Konstellation, wo ich dem Machtgefälle nicht gewachsen bin. Mir war klar: Das muss in einem emotional für mich erträglichen Setting passieren. Agentinnen haben mir zurückgemeldet, sie wüssten nicht, wie das zu platzieren sei, es sei zu spezifisch. Und das war ein Argument, das mich wütend gemacht hat, wenn Menschen, die zur weißen Mehrheitsgesellschaft gehören, sagen, das sei nicht relevant für die Allgemeinheit. Das hat mich bestärkt, mein Ding zu machen. Es war ein Findungsprozess, wo ich viel mit mir verhandelt habe: Was kann ich annehmen, hinnehmen? So kam ich zu Unrast, wo auch viele andere BIPoC und Feminist*innen veröffentlicht haben. Und dort wurde ich mit offenen Armen empfangen.

Es geht in dem Artikel von Sharon ja auch um Engagierte Literatur: Da werden oft die Inhalte thematisiert und gar nicht mehr das Schreiben als Kunst. Es geht gar nicht mehr darum, wie die Personen schreiben, sondern nur um die Themen. Das Schreiben an sich sollte auch thematisiert werden. Ich war beim Schreiben auch sehr vorsichtig. Ich muss meine Geschichten navigieren in den Verhältnissen: Wenn ich bestimmte Geschichten erzähle, kann ich dann instrumentalisiert werden für rassistische Gewalt oder Zuschreibungen? So etwas muss ich immer mitdenken.

Du hast von anderen BIPoC Autor*innen gesprochen. Gibt es denn für dich Schriftsteller*innen, die dieses Buch oder dein Schreiben begleitet haben?

Muna AnNisa Aikins: Beim Schreiben habe ich viel von Nayyirah Waheed gelesen. Ich finde es beeindruckend, wie kurz und prägnant sie Gefühle erklärt und auf den Punkt bringt. Das war ein Rettungsanker. Genauso Audre Lorde. Einer der Sätze von ihr, die mich sehr geprägt haben, war: „Your silence will not protect you“. Und „Mindplatter“ von Najwa Zebian hat mich begleitet. Bei ihr geht es auch um Heilen und Zurechtkommen in dieser Welt.

Du schreibst: „Ich bin nicht geboren, um fremd zu bleiben, sondern um zuhause zu sein.“ Hast du dieses Gefühl von zuhause, von Zugehörigkeit, mittlerweile gefunden?

Muna AnNisa Aikins: Ich sage vorsichtig: „Ja“. Das Zuhause bin ich selbst, in meinem ganzen Sein. Ich habe gelernt, dass ich schon alles dabei habe, was ich brauche, und was ich bin. Dass ich mir ein Zuhause in meinem Körper, in meinem Sein machen möchte. Ich möchte meine Erinnerungen und meinen Körper heilen. Auch nach der Geburt meiner Kinder bin ich körperlich noch mehr zu mir selber gerückt, noch mehr in mein Zuhause eingezogen. Es ist das Gefühl von im Hier und Jetzt sein, lebendig sein und fühlen.

Beitragsbild von Diego PH

Demokratie (vor)lesen – Über politische Kinder- und Jugendbücher in Krisenzeiten

von Tobias Gralke

 

Neulich war ich mit meinem Kind (5) in der Buchhandlung. Nachdem wir uns ein paar Titel angesehen hatten, sagte es: „Ich werde das Gefühl nicht los, dass mir einige dieser Bücher nicht weniger als die Weltrettung aufbürden wollen – was ja okay wäre, wenn sie dabei nicht so tun würden, als wäre das ein Kinderspiel, und vor allem, wenn sie dabei nicht die Unterdrückungsverhältnisse aussparen würden, deren Beseitigung unsere Elterngeneration versäumt hat.“ Ich war sprachlos.

Auf Twitter gibt es ein Meme, das genau so funktioniert: Unter der Behauptung, eine tatsächlich erlebte Alltagssituation nachzuerzählen, werden (fiktiven) Kindern politische Weisheiten und Parolen in den Mund gelegt, die durch den offensichtlichen Widerspruch zwischen der elaborierten Aussage und dem Alter der Sprechenden als Ironie erkennbar werden.

Die Ironie verweist darauf, dass das Kind, von dem erzählt wird, vor allem ein Medium für die Gedanken von Erwachsenen ist. Im Meme dient sie dazu, sich über (gänzlich unironisch gemeinte) Anekdoten lustig zu machen, in denen Kindern fremde Aussagen zugeschrieben werden, um einer banalen Aussage poetische Wucht zu verleihen. “Ausdenktwitter” wird das in den Sozialen Medien genannt.

In diesem Text wiederum dient die Ironie der ausgedachten Anekdote dem Einstieg in ein Thema, über das zu schreiben mir erst über Umwege möglich scheint: Politische Kinder- und Jugendbücher. Der Anlass ist simpel. Im Höllenjahr 2020 habe ich mir einen Stapel von Kinder- und Jugendbüchern zu politisch-gesellschaftlichen Themen gekauft – weil ich (29 Jahre alt und noch kinderlos) mich frage, wie es ist, im Deutschland der Gegenwart aufzuwachsen, mit welchen Bildern und Vorstellungen junge Menschen hier politisch sozialisiert werden. Ein bisschen auch, weil ich selbst nach einem anderen, ermutigenden Blick auf die krisenhafte Gegenwart suche.

Was Kinder- und Jugendbücher politisch macht

Dass es mir als kinderlosem Erwachsenen zumindest umwegsbedürftig vorkommt, über politische Kinder- und Jugendbücher zu schreiben, hat einen einfachen Grund. Kinder- und Jugendbücher werden in den allermeisten Fällen von Erwachsenen geschrieben, illustriert, verlegt und vermarktet. Daraus ergeben sich vier Aspekte, die diese Bücher auch unabhängig von ihrem Inhalt politisch machen: das Verhältnis der Autor:innen zu den Lesenden, das individuelle Rezeptionsverhältnis zwischen Medium und Leser:in, das Werteverhältnis der Produzent:innen zum Thema und die diskursive Rolle des Buchs in der Öffentlichkeit. Durch dieses vierfache Verhältnis geben politische Kinder- und Jugendbücher auf besondere Weise Aufschluss über Themen, Konflikte und Fragestellungen einer gesellschaftlichen Gegenwart.

Indem politische Kinder- und Jugendbücher versuchen, komplexe Themen auf greifbare Bilder zu bringen, erzählen sie auch etwas darüber, welche politisch-moralischen Vorstellungen und Grundannahmen für relevant und vererbungswürdig gehalten werden. Hinzu kommt, dass Kinder- und Jugendmedien generell im gleichen Maß Gegenstand politischer Konflikte sind wie ihre jungen Rezipient:innen besondere politische Subjekte verkörpern. Kinder (und mit Abstrichen auch Jugendliche) gelten gemeinhin als unschuldig, von gesellschaftlichen Konflikten und Zwängen noch unkompromittiert, als Hoffnungsträger:innen, Zukunftsversprechen und radikale Neuanfänge.

Im gesellschaftlichen Umgang mit Kinder- und Jugendbüchern spiegeln sich darum nicht nur politisch-kulturelle Auseinandersetzungen über die nähere Zukunft, sondern immer auch verschiedene Verständnisse davon, wie junge Menschen erzogen und gebildet werden sollen. Im besten Fall äußert sich das in Ansätzen, mit denen Kinder zur selbstbestimmten Persönlichkeitsentfaltung begleitet oder zum kritischen Umgang mit Vorurteilen befähigt werden, manchmal auch darin, dass Pädagog:innen für diskriminierende Machtverhältnisse sensibilisiert werden – im schlechtesten Fall gestaltet es sich als reaktionäre Vereinnahmung und als entmündigender Angstdiskurs um die angebliche Indoktrination oder „Frühsexualisierung“. Politische Kinder- und Jugendbücher geben also nicht nur Aufschluss darüber, mit welchen Themen, Konflikten und Fragestellungen junge Menschen konfrontiert, sondern auch, welche Rollenbilder und Handlungsspielräume ihnen in Bezug darauf vermittelt werden.

Mit diesen Gedanken im Kopf beginne ich zwischen den Jahren, den kleinen Bücherstapel zu lesen. Was erzählen diese vier Kinder- und Jugendbücher (alle 2020 in Deutschland erschienen) mir als erwachsenem Leser? Welche Themen, Rollenbilder und Handlungsspielräume stellen sie dar? Welche Zusammenhänge zeigen sie auf, welche Details lassen sie aus? Was setzen sie den oft eindimensionalen Kindheitsdarstellungen in Erwachsenenmedien entgegen? Wie verhalten sie sich zu einer Gegenwart, in der jungen Menschen ein gewaltiges Ausmaß an intergenerationaler Solidarität abverlangt wird, die grundgesetzliche Verankerung von Kinderrechten aber immer noch aussteht?

Einer Gegenwart, in der fast jedes fünfte Kind in Deutschland von Armut bedroht ist und Kinder an den europäischen Außengrenzen mit Tränengas beschossen, mutwillig dem Tod im Mittelmeer oder Traumatisierung und Rattenplagen in Notlagern überlassen werden? In der Kinder gezielt in die faschistoiden Abgründe der „Querdenken“-Bewegung gezogen werden? In der junge Menschen für Klimagerechtigkeit und den Erhalt ihrer Lebensgrundlagen demonstrieren, aber lediglich Schulterklopfen und halbgaren Reformismus ernten? In einer Gegenwart also, in der ich nicht aufhören kann mich zu fragen, ob es verantwortlich oder auch nur fair ist, selbst Kinder zu bekommen. Wie kann ich, in Anbetracht dieser Machtgefälle, über politische Kinder- und Jugendbücher schreiben, wenn sie doch eigentlich nicht für mich sind?

Das ikonische Kind: Greta Thunberg und die Klimakrise

Das erste Buch auf meinem Stapel richtet sich nicht nur an Kinder und Jugendliche, es handelt auch von einer Aktivistin, die zum Vorbild vieler junger Menschen wurde, als sie selbst noch fast ein Kind war: Greta Thunberg, deren Schulstreik Jahr 2018 die größte Klimaschutzbewegung der Geschichte auslöste und einen rasanten Ikonisierungsprozess in Gang setzte, der in der Kino-Dokumentation I am Greta (2020) seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht hat. Seit 2020 ist Greta Thunberg nun auch Titelheldin der populären Little People, Big Dreams-Reihe (Maria Isabel Sánchez Vegara),Vegara, M: Greta Thunberg Little People, BIG DREAMS, Band 40: Amazon.de: Sanchez Vegara, Maria Isabel, Weckmann, Anke: Fremdsprachige Bücher in der auf jeweils wenigen Seiten die Biographien bekannter Persönlichkeiten (u.a. Martin Luther King, Simone de Beauvoir, Bob Dylan) erzählt und illustriert werden. Die Reihe richtet sich vorrangig an Menschen zwischen 4-10 Jahren und porträtiert ihre Protagonist:innen entsprechend. Die Erzählungen starten in der Kindheit und enden mit einem Vermächtnis, das zu ähnlichen Großtaten inspirieren soll.

Im Fall Greta Thunbergs beginnt die Erzählung damit, dass die „kleine Greta“, die von ihren Eltern gelernt hatte, „freundlich zur Natur“ zu sein, von der Klimakrise erfährt: „Die Erde wurde wärmer, und das war von Menschen gemacht. Die Erwachsenen wissen das schon lange, haben aber wenig dagegen getan. Jeden Tag erzeugen sie Millionen Tonnen von Gasen, die dem Klima schaden.“ Greta kann diese Tatsache nicht ignorieren, wird aktiv und inspiriert weltweit Menschen, gegen Erderhitzung und Massenaussterben zu protestieren. Nach 26 Seiten ist der Höhepunkt bereits erreicht: „Was mit nur einem Mädchen und ihrem handgemalten Schild begann, ist eine Bewegung geworden und geht uns alle was an. Gegen den Klimawandel muss die gesamte Menschheit handeln, und Greta ist zwar klein, aber längst nicht mehr allein.“

Die Erfolgsgeschichte und ihre bunt bebilderte Darstellungsweise sind einnehmend, sie vereinfachen den komplexen Gegenstand jedoch an den falschen Stellen. Das gilt weniger für die rasante Dramaturgie, die sich mit der erzählten Zeit besser decken dürfte als bei den meisten anderen Titeln der Reihe. Vielmehr wird die Protagonistin durch verschiedene Faktoren zu einer Figur verniedlicht, die zwar als mutige, zunehmend auch selbstständige Aktivistin erscheint, an der echten Greta Thunberg (Anfang dieses Jahres übrigens volljährig geworden) aber auffallend vorbeigeht.

Die durchgehende Verniedlichung reicht von dunkelrosa Backen (die im ganzen Buch dazu noch fast ausschließlich von weiblich gelesenen Figuren getragen werden) bis hin zur Frage, in welchem Ausmaß Greta – und damit Kinder überhaupt – die Klimakrise begreifen können. Das Buch stellt die katastrophalen Folgen der Erderhitzung („Den meisten in Gretas Klasse taten die Eisbären leid“) genauso reduziert dar wie ihre systemischen Ursachen und die Spielräume politischen Handelns. Greta überzeugt zwar ihre Eltern davon „nicht mehr zu fliegen und kein Fleisch mehr zu essen“, verlangt von „den Mächtigen der Welt“, vor denen sie in New York spricht, aber lediglich, „sich nicht länger herauszureden und endlich etwas zu tun.“ Die Frage, was genau getan werden müsste, bleibt dabei unbeantwortet und wird ins private Konsumverhalten verschoben: „Man kann so viele kleine Dinge ändern! [Greta] weiß, willst du etwas bewegen, musst du bei dir selbst beginnen.“

Diese Vereinfachung mag der Ausrichtung auf eine junge Zielgruppe geschuldet sein, ist aber auch genau deswegen problematisch. Sie nimmt der Aktivistin Greta Thunberg ihr Detailwissen, ihre inhaltliche Wucht und reduziert die Figur auf Kleine-Mädchen-Klischees (sowie ihren als Superkraft dargestellten Autismus). In dieser Mischung aus Verniedlichung und Vereinfachung mag die Erzählung zwar sicher einige Kinder inspirieren und an das Thema heranführen, steht aber leider auch symptomatisch für den Umgang vieler Erwachsener mit der jungen Klimabewegung: Infantilisierung als bewusste genau wie unbewusste Abwehrstrategie, um von der grundstürzenden Klarheit ihrer Forderungen abzulenken. Greta selbst spricht übrigens kein einziges Mal im Lauf des Buchs.

Die Erinnerung wachhalten: Comics nach Auschwitz

Von den Problemen der Gegenwart und Zukunft geht es zu einem Buch, das sich der Vergangenheit widmet. Die Graphic Novel Bald sind wir wieder zuhause (cross-cult Verlag, Jessica Bab Bonde, Peter Bergting) dokumentiert die Geschichten von sechs jüdischen Holocaust-Überlebenden, die zum Zeitpunkt ihrer Deportation noch Kinder waren. Die Texte basieren dabei auf Gesprächen der sechs Überlebenden mit den Macher*innen des Buchs.

Bald sind wir wieder zuhause erzählt in sechs kurzen Kapiteln wie Tobias,Bald sind wir wieder zu Hause eBook: Bonde, Jessica Bab, Bergting, Peter: Amazon.de: Kindle-Shop Livia, Selma, Susanna, Emerich und Elisabeth aus ihrem gewohnten Leben gerissen werden, ihre Freund:innen und Eltern verlieren, in nationalsozialistischen Arbeits- und Vernichtungslagern gefangen gehalten und nach Kriegsende in Freiheiten geworfen werden, mit denen umzugehen sie erst lernen müssen. Der Frage nach der Darstellbarkeit der Shoah scheint sich das Buch dabei erst gar nicht zu stellen. Die Bilder sind düster, ausdrucksstark, mitunter auch drastisch. Sie zeigen brennende Synagogen, Deportationszüge, Erschießungen, Skelette, Leichenberge, Selektionen, Krematorien. Manche bebildern Leerstellen in den Erfahrungsberichten der Überlebenden. Anderswo lassen dafür die Gutters (die weißen Streifen zwischen den einzelnen Bildern) Raum für die Stille des Unaussprechbaren. Die im Rückblick formulierten Erinnerungen der Überlebenden perspektivieren die Bilder der jungen, kahlgeschorenen Protagonist:innen und schaffen Distanz zur unmittelbaren Darstellung des Lagergrauens.

Durch die insgesamt nicht respektlose, aber doch mindestens effektvolle Darstellungsweise steht Bald sind wir wieder zuhause in einer Reihe neuerer Holocaust-Vermittlungsformen für junge Publika (zuletzt etwa die kontrovers diskutierte Instagram-Webserie Eva Stories), die in Anbetracht immer weniger werdender Zeitzeug:innen und geringen Wissens unter deutschen Schüler:innen von zunehmender Relevanz sind. Die dokumentarische Basis der Erzählung legitimiert ihre explizite Ästhetik und stellt diese in den Dienst der Erfahrungsweitergabe – eine Motivation, die von den Protagonist:innen selbst sowie den Macher:innen des Buchs an mehreren Stellen benannt wird.

Konterkariert wird der Ansatz lediglich dadurch, dass diese Rahmung sowie die Plötzlichkeit, mit der der Einbruch der Shoah ins Leben der sechs Kinder dargestellt wird, mitunter verschleiernd wirken. So wie es schon im Vorwort zwar gut gemeint, aber doch stark verallgemeinernd heißt: „Ich glaube, dass diese Dinge auch uns, dir und mir und unseren Familien passieren können“, so fehlt leider auch eine Einordnung der nationalsozialistischen Verbrechen in historische Kontinuitäten der Judenfeindlichkeit und des völkischen Nationalismus – eine Zeittafel am Ende des Buchs umfasst lediglich die Jahre 1933-45. Wie es zur konservativen Machtübergabe an die Faschisten und zum Holocaust kommen konnte, von wem heute Wiederholungsgefahr ausgeht, bleibt unbenannt.

Plurales Zusammenleben, homogenes Schreiben?

Dem demokratischen Zusammenleben im Deutschland der Gegenwart widmet sich: Wer tanzt schon gern allein? (Hrsg.: Karin Gruß) von der Bundeszentrale für politische Bildung. Es versammelt 25 „Bilder, Geschichten und Gedichte zur Demokratie“, wie es im Untertitel heißt. Das Buch richtet sich an Menschen ab sieben Jahren und versucht, einen kindgerechten Blick auf Deutschland als plurale Gesellschaft im Kontext von Flucht und Einwanderung sowie der politischen Verschiebungen seit 2015 zu werfen.

Wer tanzt schon gern allein? will die Grundlagen des Zusammenlebens in Wer tanzt schon gern allein? | bpbVielfalt vermitteln, ohne dabei zu abstrakt oder theoretisch zu werden. In manchen Texten geht es um die Ungerechtigkeit, als Kind noch nicht wählen zu dürfen, um Widerstand gegen Erwachsene und um demokratische Streitkultur. Viel wird dabei über Tiere („Disku-Tiere“, „Lamen-Tiere“, …) oder weitere Elemente kindlicher Bildwelten (die Erde als schmelzende Eiswaffel) erzählt. Andere Texte drehen sich um „Wutbürger“, den Weltuntergang oder die Ehe für alle. Das meiste ist liebenswürdig erzählt und gestaltet, in seiner thematischen und ästhetischen Bandbreite aber auch nah an der Beliebigkeit.

Dieser Eindruck würde insgesamt nicht zu stark ins Gewicht fallen, wenn an anderen Stellen nicht große Fragezeichen entstünden. So wird beispielsweise in einem Text ein offensichtlich darauf angewiesener Pfandflaschensammler („Harry findet immer etwas“) dargestellt und an die Lesenden die Frage gerichtet: „Was WÜRDE ihm helfen?“  Das suggestive Wortspiel (mit ‘Menschenwürde’) mag zwar im besten Fall zu einem Anflug von Empathie führen, konkretere Antworten aber – Umverteilung, Hartz IV abschaffen, Maßnahmen gegen Altersarmut – spart das Buch aus.

Zum genügsamen, staatstragenden Eindruck trägt auch das Vorwort des stellvertretenden Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen, Joachim Stamp (FDP), bei, der zwar pflichtschuldig über Demokratie und Menschenrechte sinniert, dabei aber leider (?) vergisst, seine umstrittenen Positionen zu Abschiebungen und sogenannter „Clan-Kriminalität“ zu erwähnen. Ein weiteres Fragezeichen entsteht in Bezug auf das Verhältnis von Produzent:innen, thematischem Anspruch und Zielgruppe. So oft im Buch auch von Einwanderung und Vielfalt die Rede ist, die Autor:innen- und Illustrator:innen sind – soweit sich das aus den abgedruckten Biographien und Google-Recherchen herauslesen lässt – mit wenigen Ausnahmen weiß und ohne Flucht- oder Migrationserfahrung. Dieses Missverhältnis äußert sich in Details wie ausgeschriebenen N-Wörtern sowie im insgesamt fehlenden Bewusstsein für Machtverhältnisse und ihre Veränderung, sowie für Differenz statt unreflektierter Gleichheit („Ausländer haben wir nicht. Bei uns gibt es nur Kinder.“) Insgesamt bleibt so die Frage, an wen und mit welchem Ziel sich das Buch richtet.

Das Buch vom Antirassismus und das Kontextproblem

Das vierte Buch auf meinem Stapel adressiert seine Zielgruppe dagegen wesentlich klarer: Das Handbuch This book is anti-racist (Tiffany Jewell, Aurélia Durand) erschien im Januar 2020 in Großbritannien, wurde in den USA zum New-York-Times-Bestseller und im September als Das Buch vom Antirassismus im Berliner Zuckersüß-Verlag veröffentlicht. Es richtet sich an Menschen im Alter von 10-17 Jahren, soll vor allem junge BIPoC in ihrer politischen Identitätsfindung begleiten und sie für anti-rassistische Kämpfe empowern.

In 20 Lektionen führt es die Lesenden an theoretische Konzepte heran und weitet ihren Blick für historische wie strukturelle Zusammenhänge. Viel mehr noch lädt es sie in kleinen Zwischenaufgaben dazu ein, sich ins Verhältnis zu diesen Strukturen zu setzen, die eigene Position zu entdecken und schließlich ein intersektionales, solidarisches Bewusstsein für die gemeinsamen Kämpfe rassifizierter Menschen zu entwickeln. Das Buch nimmt seine Lesenden bei alledem auf eine liebevolle, zugewandte Weise ernst. Es spart nichts aus, ermutigt aber zu Atempausen und vermittelt Fehlerfreundlichkeit. Es ist in zärtlichen Parolen geschrieben (“Du hast das Recht gesehen und verstanden zu werden!”) und mit Illustrationen versehen, die gleichermaßen als Demo-Schilder wie als stylische Lerngrafiken funktionieren.

Das Buch vom Antirassismus reflektiert an vielen Stellen seine Rolle als emanzipatorisches Bildungsmedium in rassistischen Gesellschaften. Es spricht die „globale Mehrheit“ an statt „marginalisierte Menschen“, historisiert die Schule als koloniales Unterdrückungsinstrument genau wie als Ort des Widerstands und setzt Statistiken über mangelnde Diversität auf dem Buchmarkt strahlende Repräsentationen nicht-weißer Jugendlichkeit entgegen. Ein Problem der deutschsprachigen Ausgabe ist allerdings: Sie tut all das vorrangig in Bezug auf Großbritannien und die USA. So sind zwar einzelne knappe Absätze über die deutsche Kolonialgeschichte eingefügt – spezifische Rassismuserfahrungen von jungen Menschen in Deutschland (antimuslimischer und antiasiatischer Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus, …)  fehlen aber komplett. Wie auch die Kuratorin und Autorin Mahret Ifeoma Kupka argumentiert hat, wird dadurch nicht nur fälschlicherweise der Eindruck erweckt, Rassismus sei vor allem andernorts ein Problem, sondern  es werden auch kontextbezogene Rassismusforschung und anti-rassistischer Widerstand in Deutschland unsichtbar gemacht.

Eine Frage des Ernstnehmens

Ist es nun aber eigentlich angebracht, Kinder- und Jugendbüchern Auslassungen vorzuwerfen, wo es womöglich einfach um Zugänglichkeit geht? Strukturfragen zu stellen, wo doch für Kinder vermeintlich ‚alle Menschen gleich‘ sind? Das alles noch dazu als Erwachsener und ohne kindliches Korrektiv? Ich denke, ja. Man kann die Welt der Kinder- und Jugendmedien natürlich als politikfreien Raum verklären – aber ich glaube, dass man damit weder dem Genre noch jungen Menschen, geschweige denn der Welt, in der sie aufwachsen gerecht wird. Es geht letztlich darum, eine Literaturform genauso ernst zu nehmen wie im besten Fall ihre Leser:innen.

Die vier hier behandelten Bücher sind natürlich nur ein Ausschnitt. Zufällig gewählt aber sind sie nicht. Sie erreichen hohe Verkaufszahlen, werden von der Kritik gefeiert oder mit öffentlichen Geldern finanziert. Und sie geben einen Eindruck davon, vor welchen epochalen Herausforderungen und Kämpfen junge Menschen stehen: die ökologische Krise, die Wiederkehr des Faschismus, das friedliche Zusammenleben in Pluralität, das Aufwachsen in einem rassistischen Gesellschaftssystem. Gemessen daran mag es verständlich sein, sich nach einer Schonfrist für Heranwachsende zu sehnen. Dabei kann aber leicht der Eindruck entstehen, dass es eher um den Gegenwartseskapismus Erwachsener geht, die Kindheit als vorpolitischen Urzustand romantisieren.

Die für mich beim Lesen der vier Bücher letztlich entscheidenden Fragen stecken bereits in der Aussage meines fiktiven Kinds im eingangs zitierten Twitter-Meme: Welche Handlungen und welches Wissen trauen politische Kinder- und Jugendbücher ihren Leser:innen zu? Was ist das sinnvolle Maß zwischen Empowerment und Erschütterung? Zwischen der Vermittlung von Sicherheit, die es braucht, um in die Gesellschaft hineinzuwachsen und dem Wissen, der Wut, der Umsicht, die es braucht, sie zu verändern? Die hier behandelten Bücher beantworten diese Fragen auf ganz unterschiedliche Weise. Sie zeigen aber alle vier, dass die politische Wissens- und Erfahrungsweitergabe sich nie auf so etwas wie einfache oder überzeitliche Kernbotschaften reduzieren lässt, sondern immer an historische und gesellschaftliche Kontexte gebunden ist. Diese gilt es, früher oder später, zu erschließen.

Ich glaube, dass darin ein großes politisches Potential liegt. Denn Kinder- und Jugendbücher sind, stärker noch als Erwachsenenliteratur, eingebunden in die soziale Praxis des Vorlesens. Über diese entstehen im besten Fall Räume für weiterführenden Austausch und vielleicht sogar gemeinsames Lernen. Das eingangs aufgemachte Problem, dass auch dabei immer zuerst Erwachsene zu Kindern und Jugendlichen sprechen, lässt sich im Grundsatz zwar nur schwer auflösen. Die Frage ist aber darum vielleicht auch eher: Welche Impulse für Gespräche, Diskussionen und eigene Gedanken bieten politische Kinder- und Jugendbücher ihren Lesenden, Vorlesenden und Mitlesenden? Dass das Vorlesen und Diskutieren dabei nicht auf den Kreis der Kleinfamilie beschränkt bleiben muss, zeigt beispielsweise die US-amerikanische Netflix-Show „Bookmarks“: Celebrating Black Voices,  in der Schwarze Prominente Kinderbücher von Schwarzen Autor:innen vorlesen und die (wahrscheinlich nicht nur jungen) Zuschauer:innen zum Gespräch darüber einladen.

Als ich im Sommer auf Twitter nach Empfehlungen für politische Kinder- und Jugendbücher fragte, kam nicht nur ein ganzer Thread mit schönen Tipps zusammen. Es kommentierte auch ein User: „jugendbücher haha welcher jugendliche der kein alman ist liest noch Bücher“. Die ehrliche Antwort ist: Ich weiß es nicht. Aber sowohl die einschlägigen Mediennutzungsstudien als auch jüngste Verkaufszahlen aus der Pandemiezeit lassen darauf schließen, dass es noch eine ganze Menge sind. Die Themen, die sie behandeln mögen dabei nicht immer im engeren Sinn politisch sein – die Begegnungen und Gespräche, die sie anstiften, sind es aber in jedem Fall.

 

Als Anhang eine unvollständige Liste von Büchern, über die ich gerne noch geschrieben hätte:

 

Photo by Johnny McClung on Unsplash

Ein moralisches Komplettversagen – Über die Rezeption von Leni Riefenstahl

von Christina Dongowski

 

In den deutschsprachigen Feuilletons wird alle paar Jahre neu verhandelt, wie inakzeptabel es ist, sich mehr oder weniger affirmativ zu Nazi-Ästhetik, ihren Vertreter:innen und ihrem xten Aufguss zu verhalten. 2020 waren es die Juden-Witzchen von Lisa Eckart, ein im Retro-Ufa-Look auftretendes österreichisches Humor-Sternchen, die zum Gipfel ironischer Meta-Diskurse und ästhetischer Provokation hochgeschrieben wurden. Für diese Debatte hätte die Veröffentlichung der neuen Leni Riefenstahl-Biographie der Dokumentarfilmerin und Autorin Nina Gladitz im Herbst 2020 ein wichtiger Beitrag sein können. Gladitz macht die Funktion etlicher, scheinbar rein ästhetischer Argumente für die Verwischung und Normalisierung von Täterschaft im Kulturbetrieb der Nazi-Zeit und danach explizit zu einem der zentralen Themen des Buches. Diskutiert wurde die Biographie in den Feuilletons so aber nicht. Die Reaktion auf das Buch war trotzdem in gewissem Sinne einschlägig, hat es doch zu erstaunlichen (sozial)medialen Erkenntnisschüben geführt: Die Lieblingsregisseurin Adolf Hitlers und Regisseurin der wichtigsten und erfolgreichsten NSDAP-Propagandafilme war eine Nazi-Täterin. No shit, Sherlock! könnte man meinen. Bloß gehört die schlichte Erkenntnis, dass Leute, die freiwillig Nazi-Kunst machen, auch Nazis sind, eben noch immer nicht zu den Basics deutscher Debatten. Genauso wenig verbreitet ist das Wissen, dass man Menschen in Lager sperren und sie dort ermorden (lassen) und gleichzeitig Künstler:innen oder unglaublich belesen und gebildet sein kann. Mit dem Kunst-Bonus kommt der Persilschein. Immer noch.

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Books & Babies!

von Elisabeth R. Hager

 

Am Ende von neun schwangeren Monaten verlangte alles in meinem Leben danach, neu organisiert zu werden: die Paarbeziehung, die Wohnsituation, das Werwannwie der Sorgearbeit. Auch das Schreiben, das mich bis zum Tag der Geburt unserer ersten Tochter selbstverständlich in jeder Lebenslage begleitet hatte, war nicht mehr einfach so möglich. Und in meinem Umfeld häuften sich die Stimmen, die mir zu verstehen gaben, dass es damit nun wohl für ein Weilchen vorbei sei. Books or Babies schien die Devise zu lauten. Eine nahe Verwandte attestierte mir, dass ich nun wohl literarisch „leiser treten müsse“. Und eine Berliner Buchhändlerin, in deren Geschäft ich im Jahr zuvor eine Lesung abgehalten hatte, fragte mich beim Wiedersehen neugierig, woran ich aktuell arbeite, ehe ihr Blick den Kinderwagen streifte, den ich vor ihrer Auslage geparkt hatte. „Ach so. Verstehe“, sagte sie schnell und schenkte mir ein abschätziges Lächeln. Bücher oder Babies… Als wäre es nicht möglich, eine geistige Tätigkeit und das Aufziehen von Kindern in ein gemeinsames Leben zu packen. Weiterlesen

Nicht mitgemeint – Olivia Wenzels ‘1000 Serpentinen Angst’ im ‘Literaturclub’

von Maryam Aras

 

„Wie gesagt, ich, Elke, bin auch kein Freund von Rap.“ „Ich, Elke, bin kein Freund von R-A-P.“  Olivia Wenzel und Malu Peeters sitzen auf der Bühne der Frankfurter Naxos Halle, an einem Tisch mit ungefähr einem Meter Abstand zueinander. Hinter ihnen ist ein Bild einer Hand an die Wand geworfen, die wiederum ein kleineres Foto einer Hand verziert mit einer Kette und vielen Ringen zu halten scheint. „Hallo, ich bin Philipp Tingler und ich finde, das ist kein Schreiben, das ist Seitenfüllen.“ „Das ist Seiten-FÜHLEN.“ Weiterlesen