Schlagwort: Lyrik

Ein kummergebrandmarktes ukrainisches Lexikon

von Natalia Sadovnik

So lebe ich: als Affe unter Affen

echt kummergebrandmarkt, mit sündiger Stirn,

schleudre ich mich gegen steinharte Wände,

bin ihr Sklave, Sklave, niedrigster Knecht.

Mit gewichtstrunkenen Schritten und firm

paradieren indes die Affen und tun so behände. (Wassyl Stus)

Deutsche Talkshow-Gäste dürfte das besonders freuen: Um die Hintergründe des russischen Krieges gegen die Ukraine zu verstehen, müssten sie nicht einmal Deutschland verlassen. Beginnen können wir in Bad Ems, wo der russische Zar Alexander II einst seinen Spa-Urlaub verbrachte. Die Gedenktafel am Haus der Vier Türme erinnert immer noch an seinen Emser Erlass von 1876, der Bücher, Theaterstücke und Konzerte auf Ukrainisch verbot. Dreizehn Jahre zuvor hatte der Innenminister Pjotr Walujew Ukrainisch bereits aus wissenschaftlichen und religiösen Schriften im Russischen Kaiserreich verbannt. Es war nicht das erste Mal: Bereits Peter der Große hatte das Ukrainische in mehreren Druckereien untersagt, eine ähnliche Sprachpolitik verfolgte auch seine Tochter Ekaterina. 

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Das Sinnen der Zypresse: Neue persische Lyrik

von Gerrit Wustmann

In einem normalen Buchhandelsjahr muss man nach deutschen Übersetzungen persischer Literatur mit der Lupe suchen. Meist findet man dann ein, zwei, mit Glück sogar drei Bücher in Kleinverlagen. Manchmal auch kein einziges. 2021 hingegen war ein Jahr, das rot im Kalender markiert werden muss, tiefrot: Zehn neue Bücher sind erschienen! Und was das Ganze noch besser macht: Sie sind allesamt höchst lesenswert. Die neue Kurzgeschichtensammlung „An den Regen“ der iranischen Bestsellerautorin Fariba Vafi; die Gedichte von Garous Abdolmalekian; die von Ali Abdollahi und Kurt Scharf herausgegebene Anthologie „Ein Dieb im Dunkeln starrt auf ein Gemälde“, die erstmals überhaupt das lyrische Schaffen in persischer Sprache im 21. Jahrhundert auf Deutsch zugänglich macht, und einige mehr.

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Instapoetry und Öffentlichkeit -„Rupi Kaur Live“

von Magdalena Korecka

„Rupi Kaur Live“ heißt das im Sommer in den USA und Kanada auf Amazon Prime erschienene, Online-Special der 28-jährigen Dichterin. Die einstündige Performance, gefilmt in Los Angeles im Jahr 2020, vor Corona also, beinhaltet Lesungen von Gedichten aus den millionenfach verkauften Anthologien milk and honey (2014), the sun and her flowers (2017) und home body (2020). Berühmt wurde Kaur durch eine Menstruations-Fotoserie und ihre kurzen, mit eigenen Illustrationen versehenen Gedichte auf Instagram. Dieser Instapoetry folgen mittlerweile 4.4 Millionen Leser*innen (@rupikaur_). 

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Poetische Peinlichkeiten – Über Ben Lerners „Warum hassen wir die Lyrik?“

von Antje Schmidt

Die Lyrik umgibt der Nimbus des Besonderen. Wer Gedichte liest oder schreibt, darf sich zu einer ebenso geschätzten wie bedauerten Außenseiter*innengruppe zählen. Darauf hat etwa Nora Bossong, selbst Dichterin, hingewiesen. Damit wird die Gattung identitätsstiftend für den eingeweihten Kreis ihrer Autor*innen und Leser*innen und nicht ohne Grund zählt die lyriklesende Einzelgänger*in längst zum Standardrepertoire der Popkultur. Im Rahmen retrotopischer Inszenierungen wie der Dark Academia Ästhetik auf Plattformen wie Tik Tok oder Instagram partizipieren zahlreiche Menschen an einem retrophilen Lifestyle, der Distinktion über die Nähe zur Lyrik sucht. 

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Vor der Grenze – Über einen Übersetzungsstreit

von Sharon Dodua Otoo

 

Es gibt eine Art von Rassismus, der böse und verwerflich ist, und bekennende Antirassist*innen sind sich einig, dass er dort bekämpft werden muss, wo auch immer er sein hässliches Haupt erhebt. Dies ist die Art von Rassismus, die ich kürzlich auf Twitter als „Argh!“-Rassismus beschrieben hörte. Er ist vorsätzlich. Er ist gewalttätig. Die Leute, die ihn ausüben, gehören geächtet. Bis auf sehr wenige Ausnahmen – in der Regel werden sie „Einzelfälle“ genannt – sind die wirklich rassistischen Menschen sowieso alle weg. Nach 1945 wurden sie weggesperrt oder sind weggestorben oder haben ihre rassistische Gesinnung ein für alle Mal hinter sich gelassen. Dieser Art von Rassismus werde ich in diesem Text keine weitere Aufmerksamkeit schenken. Weiterlesen

Was Lyrik will, ist ein gesichertes Einkommen – Manifest des Lytter Zines

von Miedya Mahmod & Jonathan Löffelbein

Dies ist das Manifest des Lytter Zines, ein Magazin, das auf Twitter veröffentliche Lyrik sammelt, abdruckt und illustriert. Lytter ist der zwingend scheiternde Versuch Lyrik abzubilden, die mit anderem Content in unmittelbarer Konkurrenz steht. Jeder Satz dieses Manifests wurde auf Twitter geschrieben und dort einzeln veröffentlicht.

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…und bey den Liechten Sternen stehen – Gedichte zu Sibylla Schwarz‘ 400. Geburtstag

Sibylla Schwarz, die am 14. Februar 1621 geboren wurde, feiert an diesem Tag ihren 400. Geburtstag. Das Werk der Dichterin, die auch „pommersche Sappho“ genannt wurde, ist vielfältig, inspirierend und von der Literaturgeschichtsschreibung nicht ansatzweise ausreichend gewürdigt. Im Jahr 1638 verstarb die Barocklyrikerin im Alter von nur 17 Jahren. Sie hatte ihr ganzes Leben in den Wirren des 30jährigen Krieges verbracht. Nach ihrem Tod veröffentlichte ihr Hauslehrer Samuel Gerlach ihre Gedichte.

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Ein Gegenentwurf – Warum Amanda Gorman die amerikanische Dichterin der Stunde ist

von Marcel Inhoff

 

Lyrik ist die literarische Gattung, die häufig ein Dasein im Schatten der erzählenden Prosa führt. Gerade im politischen Diskurs sind es die Reden, Romane und Fernsehserien, die die meiste Aufmerksamkeit bekommen. Am 20. Januar 2021 stand jedoch eine junge Schwarze Lyrikerin im Zentrum der Aufmerksamkeit – Amanda Gorman las auf Einladung von Dr. Jill Biden ein Gedicht bei der Amtseinführung von Joe Biden und Kamala Harris. Es war erst das sechste Gedicht überhaupt, das bei einer Amtseinführung gelesen wurde – und die Wirkung ihres Textes und Vortrags war so außerordentlich, dass sie, als erste Lyrikerin, eingeladen wurde, auch beim Super Bowl am 7. Februar ein Gedicht zu lesen (“Chorus of the Captains”).

Dass sie außerdem auf dem Cover des Time Magazine am 15. Februar sein wird – als erste reine Lyrikerin, der diese Ehre zuteil wird, seit Robert Lowell 1967  – ist ein weiterer Beweis dafür, dass Gorman eine besondere und wichtige Position in der amerikanischen Lyrik einnimmt. Ihr Auftritt – vom Vortrag bis zu ihrem Outfit – war so bemerkenswert und entsprechend diskutiert, dass die Qualität des Textes selbst und seine Bezüge oft aus dem Blick gerieten. Um diese Bezüge zu erkennen und einzuordnen, bedarf es eines geweiteten Blicks in die Geschichte der amerikanischen Lyrik. Weiterlesen