Stigmata – Wie die Serie „Golden Girls“ HIV thematisierte

 von Isabella Caldart

 

Sitcoms sind per Definition dazu da, die Zuschauer*innen zum Lachen zu bringen, der Begriff steht für Situationskomödie. Aber es gibt in diesem Genre einige Ausnahmen, Comedyserien, denen der Spagat gelingt, ernste Themen auf einfühlsame Weise zu behandeln.

Ein gutes Beispiel dafür ist „Brooklyn 99“, eine Serie, die sich unter anderem mit Coming Out, Rassismus und sexuelle Belästigung befasst. Die Protagonistin der eher unbekannten, aber sehenswerten Sitcom „You’re The Worst“ ist bipolar, glaubwürdig dargestellt von Aya Cash, während „8 Simple Rules“ nach dem überraschenden Tod von John Ritter gar nichts anders übrig blieb, als die Trauer seiner Fernsehfamilie zu behandeln und sehr sensibel damit umging. Andere Serien, die herausragende Episoden rund um das Thema Trauer haben, sind etwa „Scrubs“ (vor allem die Folge mit Brendan Fraser, die zu recht für einen Emmy nominiert wurde), „Der Prinz von Bel-Air“, in der Will erneut von seinem Vater enttäuscht wird, oder „Roseanne“ und „Full House“, die Gewalt und Missbrauch thematisieren.

Enter „Golden Girls“

Zu den Klassikern der Sitcoms gehört die Serie „Golden Girls“, die schon vom Konzept her fast als revolutionär bezeichnet werden kann. Noch heute gibt es kaum Fernsehserien, die Leben und Alltag von Frauen über 40 in den Fokus rücken – in den achtziger Jahren war das noch viel seltener. Enter „Golden Girls“, die ab 1985 sieben Staffeln lang von vier Frauen in einer Seniorenresidenz in Miami erzählte. Inhaltlich schreckte die Serie nicht davor zurück, für damalige (und teilweise noch heutige) Zeit kontroverse und unbequeme Sujets anzusprechen, darunter Sexualität älterer Frauen, Menopause, assistierter Suizid, Homosexualität, Fehlgeburt, Abschiebung, Spielsucht oder – immerhin befinden wir uns in den Achtzigern – Angst vor einem Atomkrieg.

Und dann gab es da noch diese Folge, die erstmals am 17. Februar 1990 ausgestrahlt wurde: „72 Hours“. „72 Hours“ thematisiert HIV zu einem Zeitpunkt, in dem sich die Angst vor Aids (in den Vereinigten Staaten) auf dem Höhepunkt befand. Ronald Reagan, bis 1989 Präsident in den USA, hatte mit seiner katastrophalen Aids-Politik (Er hatte die Krankheit jahrelang totgeschwiegen) nicht nur zur Stigmatisierung der Positiven, sondern mit den wilden Gerüchten und Fehlinformationen, die kursierten, auch zur Verbreitung von HIV beigetragen. Bis Ende 1990 starben in den USA mehr als 100.000 Menschen an Aids, allein ein Drittel davon im Jahr der Erstausstrahlung der „Golden Girls“-Folge.

HIV war ein Thema, mit dem sich Film und Fernsehen nur sehr zögerlich auseinandersetzen. Der erste große Hollywood-Film, „Philadelphia“ mit Tom Hanks und Denzel Washington in den Hauptrollen, kam erst drei Jahre nach „72 Hours“ in die Kinos.

72 Stunden bangen

In „72 Hours“  ist es Rose (Betty White), die befürchtet, sich durch eine Bluttransfusion sechs Jahre zuvor mit HIV angesteckt zu haben. Es ist eine interessante Entscheidung, ausgerechnet sie für diese Storyline auszuwählen, wie Betty White im 2016 erschienen Buch „Golden Girls Forever: An Unauthorized Look Behind the Lanai“ von Jim Colucci ausführt: 

Die Menschen hatten nicht nur verständlicherweise Angst vor Aids, viele wollten nicht einmal wahrhaben, dass es existiert. Deswegen war es gewagt, diese Folge zu machen, und die Autor:innen haben sich vollkommen darauf eingelassen. Es ist interessant, dass sie Rose für diese Situation ausgewählt haben. Blanche war eine Frau, die viel rumkam, aber wäre es ihre Geschichte gewesen, hätte sie eine ganz andere Färbung bekommen. Mit Rose aber als Miss Nicht-immer-up-to-date war das eine echte Überraschung.[1]

Rose macht einen Test und verbringt drei Tage in Angst und Unsicherheit, bis sie das Ergebnis bekommt. Diese drei Tage sind auch ein Toleranztest für ihre Freundinnen, die unterschiedlich reagieren: Dorothy (Beatrice Arthur) und Blanche (Rue McClanahan) versuchen, so unterstützend wie möglich zu sein. Sophia (Estelle Getty) jedoch verarbeitet die Situation weniger gut. Sie möchte nicht mehr das gleiche Badezimmer wie Rose benutzen und markiert eine Tasse mit einem großen „R“, um Verwechslungsgefahr zu vermeiden. „I know intellectually there is no way I can catch it”, sagt sie, als Dorothy und Blanche sie mit ihrem Verhalten konfrontieren. „But now that it’s so close to home, it’s scary.” Auch wenn ihr Verhalten nicht vorbildhaft ist, ist Sophias Reaktion im Jahr 1990 für viele sehr nachvollziehbar. Darstellerin Estelle Getty war übrigens Aids-Aktivistin. Bereits 1987 sagte sie bei einer Benefizveranstaltung in Los Angeles: „Aids is my most important cause right now.“

 

Wichtige Botschaft zur Primetime

Die Schlüsselszene der Episode spielt sich zwischen Rose und Blanche ab. Blanche, die Rose beistehen will, erzählt ihr, dass sie ebenfalls schon einen HIV-Test gemacht habe. Rose gehen die Nerven durch: „This isn’t supposed to happen to people like me”, wirft sie Blanche an den Kopf. „You must have gone to bed with hundreds of men! All I head was one innocent operation.” Womit sie die Stigmatisierung und falsche Vorstellungen über HIV-positive Menschen in den achtziger und neunziger Jahren (und teilweise heute noch) auf den Punkt bringt: Es trifft Schwule, Drogenabhängige und promiskuitive Menschen – aber doch nicht so anständige (weiße, heterosexuelle, aus der Mittelschicht stammende) Frauen wie Rose.

Blanche lässt sich dieses Vorurteil nicht gefallen. „Are you saying this should be me and not you?”, fragt sie. „No, I’m just saying that I’m a good person”, antwortet Rose. Womit die Frage aufgeworfen wird, was es eigentlich bedeutet, „gut“ oder „schlecht“ zu sein, und damit verbunden auch, ob es Menschen gibt, die eher „verdient haben“, an HIV zu erkranken. Blanche sagt daraufhin den wichtigsten Satz der Folge, vielleicht sogar der gesamten Serie: „Aids is not a bad person’s disease, Rose. It is not God punishing people for their sins.“ Die Bedeutung dieser Botschaft, Anfang 1990 samstags zur Primetime auf NBC ausgestrahlt, ist nicht zu unterschätzen.

Das war hinter den Kulissen auch den Drehbuchautor:innen und Produzent:innen der „Golden Girls“ bewusst, die teilweise persönliche Schicksale mit der Folge verbanden. Regisseur Peter D. Beyt beschreibt in „Golden Girls Forever“, die Scham, die er als schwuler Mann empfand, gesteigert noch davon, dass sein Partner im Sterben lag: „I was ashamed about that, too, and feeling on some level like I deserved this.“ Über die Szene zwischen Blanche und Rose sagt er im Rückblick:

Mein Herz setzte aus. Plötzlich, ganz unerwartet, war hier diese Frau in einer Sitcom, die ich selbst schnitt, und sprach über das, was ich fühlte. Ich habe Rue sowieso immer als Star und Freundin bewundert, aber jetzt sagte eine Figur, die ich so gut kennengelernt hatte, das, was ich hören musste. Ich bin natürlich zusammengebrochen. Ich musste aufhören zu arbeiten. Dann habe ich mich zusammengerissen – und von diesem Augenblick an, mitten im Kampf meines Partners, dachte ich nicht mehr, dass ich ein schlechter Mensch sei. Die Serie hat mich in diesem Moment der Verzweiflung verändert. Und mein Gott, hatte die Welt es gebraucht, dass das gesagt wird! [2]

Die Folge der „Golden Girls“ geht, immerhin ist es trotz allem eine Sitcom, gut aus – Rose ist negativ. Sie verdeutlicht aber, worin die Serie so stark war: Die Bedeutung von Freundschaft und die von gegenseitiger Unterstützung der Wahlfamilie zu betonen. Oder um es mit dem Themesong zu sagen: „Thank you for being a friend.“

 

 

 

[1] „Not only were people understandably afraid of AIDS, but a lot of people wouldn’t even admit it existed. So this was a daring episode to do, and the writers went straight for it. It’s interesting that they picked Rose for that situation. Blanche was such a busy lady, but if it had been her story it would have taken on a whole other color. But with Rose being Miss Not-Always-With-It, it came as a real surprise.“

[2] „My heart stopped. All of a sudden, unexpectedly, here was this woman on a sitcom I was cutting, talking about what I was feeling. I always admired Rue as a star and a friend anyway, but now a character I’d come to know so well was saying what I needed to hear. I broke down, of course. I had to stop working. And then I pulled myself together — and from that point, right in the middle of my partner’s battle, I no longer thought I was a bad person. The show changed me in that moment of desperation. And my God, did the world ever need that to be said!“

 

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