Popmusik für die Gegenwart – Meine Welt des K-Pop

von Alex Bachler

Seit Beginn der Corona-Pandemie haben manche begonnen, Ukulele zu spielen, das Stricken für sich entdeckt oder haben angefangen, eine neue Sprache zu lernen. Ich habe eine große Liebe zu koreanischer Popmusik, kurz K-Pop, entwickelt. Im Sommer 2020 zog der junge Erwachsene J. bei mir ein und mit dieser Wahlfamilie, auch eine eigene Popkultur.

Ich bin seit über 20 Jahren eng mit der japanischen Anime- und Manga-Fankultur verbunden, deren Fandom sich oft mit dem des K-Pop überschneidet. Diese koreanische Popkultur war mir daher zwar früh ein Begriff, ich hielt mich selbst aber für zu alt für diesen gefühlt eher jugendlichen Trend, den ich nicht verstand. Als älterer Teenager hörte ich lieber japanische Rockmusik als den zuckersüßen J-Pop, der es in Deutschland nie aus der Nische herausgeschafft hat. Neben PSY, der 2012 mit dem Hit „Gangnam Style“ weltweit viral ging, ist BTS, eine siebenköpfige Boygroup, die aktuell wohl bekannteste und erfolgreichste koreanische Band der Welt. Ihre letzten Veröffentlichungen sind auch im deutschen Mainstream-Radio zu hören und für viele Fans, die so wie ich erst in den letzten Jahren zu koreanischer Popmusik fanden, waren sie der Einstieg und die erste Lieblingsband. Die Ursprünge meiner K-Pop-Liebe liegen woanders.

Ich war nie ein Fan von durchproduzierten, komplett gecasteten Bands, wie sie im K-Pop dem Anschein nach die Norm darstellen. Die Musiker*innen, die mich beeindruckten, spielten ihre Instrumente selbst, hatten keine perfekt ausgebildeten Stimmen und kamen mir authentischer vor. K-Pop war mir zu süß, zu künstlich und durchgeplant. Die oft jungen Talente  werden gezielt in Gesang, Tanz und Performance trainiert und die besten werden, teilweise nach jahrelangem Training, für eine neue Gruppe ausgewählt. In Südkorea werden neue Bands auch öfter durch wettbewerbsartige Castingshows („Idol-Producing-Shows“) zusammengestellt. Als weitere Hürde kam die für mich fremde Sprache hinzu, die sich vom Klang her, anders als das Japanische, noch nicht in meinem Kopf festgesetzt hatte. Dabei habe ich besonders Mitte der 2000er Jahre neben japanischen und chinesischen Spielfilmen auch gerne koreanische Filme geschaut, sofern sie zugänglich waren.

Viele Reize und Nostalgie

Anfangs war K-Pop daher für mich vor allem überfordernd, eine Reizüberflutung an Informationen. Ich lernte J.s Lieblingsband B.A.P. kennen und war beeindruckt von den aufwändig produzierten Musikvideos, die mich an die großen Produktionen von Michael Jackson, den Beastie Boys, Daft Punk oder die ausschweifenden Luxus-Party Videos der Rapper aus meiner Teenagerzeit erinnerten. Damals, als wir noch vor dem Fernseher saßen und warteten, dass VIVA und MTV die neuesten Videos von großen Popstars zeigten. Mir war nicht bewusst, dass es heute, nach dem großen Sterben des Musikfernsehens, noch Musikvideos in dieser Form gibt. Kleine Filme, die große Bilder zeigen und ganze Geschichten erzählen. Schnell geschnitten, gepaart mit Szenen komplizierter Tanzchoreografien und Nahaufnahmen von idealschönen Bandmitgliedern, die ich aufgrund ihrer großen Anzahl (manche Bands bestehen aus acht, dreizehn oder sogar 23 Mitgliedern) und ihren aufeinander abgestimmten, oft ähnlichen Outfits, nicht gleich voneinander unterscheiden konnte. Dass K-Pop Bands oft ihr komplettes Styling mitsamt Frisuren und Haarfarben ändern, hat die Sache für mich nicht erleichtert. 

Anfangs wusste ich nur, dass fast jede Band eine feste Rollenverteilung hat: Sänger*innen, Rapper*innen, besonders begabte Tänzer*innen, Mitglieder, die vor allem die Aufgabe haben, gut auszusehen, ein*e Leader*in und Sprecher*in für die Gruppe. Sogar das jüngste Mitglied der Gruppe („Maknae“) ist eine feste Position, die mit einem bestimmten Image einhergeht.

Ich kommentierte das Gesehene anfangs sehr ironisch und mit einer großen Portion Humor, aber als angehende Kulturwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Popkultur waren meine Neugier und mein Interesse schnell größer als meine Skepsis. Ich begann, mich in die Geschichte der koreanischen Popmusik einzulesen. Wie definiert sich K-Pop und wodurch unterscheidet er sich von westlicher Popmusik? Beim ersten Hören, scheint K-Pop westlich und von Musik und Tanz Schwarzer US-Künstler*innen beeinflusst zu sein. Der wichtigste Faktor ist anscheinend der Gesang in koreanischer Sprache, gespickt mit eingängigen englischen Catchphrases. Sprache ist aber auch eng mit Herkunft verbunden und vor dem Hintergrund, dass Korea jahrzehntelang japanisches Kolonialgebiet war, wo patriotischer, koreanischer Gesang, ebenso wie die weitere Ausübung koreanischer kultureller Praktiken verboten waren, wird die große Bedeutung von koreanischen Texten in der Musik deutlicher. In der Nachkriegszeit folgte durch den Aufenthalt US-amerikanischer Truppen dann der Einfluss von westlicher Musik in Korea. Mitte bis Ende der 1990er Jahre gründeten sich nach dem Erfolg der Boygroup Seo Taiji & Boys die ersten großen Agenturen, bei denen auch heute noch zahlreiche bekannte Bands unter Vertrag stehen. Popmusiker*innen wurden seitdem gezielter an ein Teenagerpublikum vermarktet und vor allem gecastet und für den Erfolg trainiert. Zusammengestellte Gruppen, synchrone Tanzchoreographien und gutes Aussehen einer Band sind Faktoren, die wir auch von westlicher Popmusik kennen, die K-Pop Industrie treibt das aber mit ihrem Streben nach absoluter Perfektion weit über den westlichen Standard hinaus. 

Mein grundsätzliches Interesse ermutigte J. mir weitere Gruppen und Künstler*innen zu zeigen. Als ich das erste Mal Lieder von der Band The Rose gehört habe, wurde mir klar, was K-Pop außer perfekter Popinszenierung auch bedeuten kann. Manche Bands spielen ihre Instrumente durchaus selbst und ich war überrascht, wie viele K-Pop Musiker*innen die Lieder auf den Alben mitkomponiert oder produziert haben.

Weil ich mit den superniedlichen, sehr kindlich wirkenden Girlgroups in aufeinander abgestimmten Uniformen nicht wirklich viel anfangen konnte, zeigte J. mir das Musikvideo zu “HIP”, der erfolgreichsten Single der Gruppe Mamamoo. Vier junge Frauen, die sich selbstbewusst und authentisch in ihrem Video präsentieren und sich sogar, wenn auch oberflächlich, politisch positionieren. Ich lernte, dass die perfekten K-Pop Stars, die auch „Idols“ genannt werden, unkonventionell und im Rahmen ihrer Möglichkeiten sogar feministisch sein können.

„HIP“ ist ein extrem gut produzierter Ohrwurm, der großen Spaß macht – und dessen Bedeutung der Lyrics mir damals wegen fehlender Hintergrundinformation und Sprachkenntnisse nicht bewusst war. Diese Einsicht hatte ich in den kommenden Monaten noch öfter: K-Pop ist nicht ausschließlich bunt, süß und schnulzig, selbst, wenn der Klang der Musik es manchmal vermuten lässt. Auch ist die Musikrichtung nicht auf typische Popsounds festgelegt. Hip Hop, Elektrobeats, traditionell anmutende Balladen, Jazz und Discosongs, die an die 70er und 80er Jahre erinnern – K-Pop ist ein Oberbegriff für eine riesige Palette an Genres.

Seit ich offen erzähle, dass ich K-Pop mag, folgt schnell die Frage, ob ich Koreanisch spreche oder wenigstens verstehen könne. Das wundert mich immer: Wieviele kennen und verstehen tatsächlich den spanischen Text von „Despacito“?

Wie in vielen Musikgenres reichen die Themen der Lyrics von Liebe, Freundschaft und persönlichen Erfolgen bis hin zum Umgang mit eigenen Emotionen, Problemen mit mentaler Gesundheit, persönlichen Erinnerungen oder auch subtiler Kritik an der Gesellschaft. Übersetzungen im Internet machen es möglich, die Inhalte zu verstehen. Oft habe ich den Eindruck, nicht nur einen, sondern drei verschiedene Songs in einem zu hören. Eingängige Ohrwurm-Refrains wechseln sich mit einer Rap-Einlage ab, oft gibt es einen Beat Drop. K-Pop macht Spaß, weckt Lust am Tanzen und Mitmachen. Auch darum gibt es wohl zahlreiche Dance-Challenges auf Social Media , bei denen Fans und befreundete Idols die neuesten Tanzchoreografien rasch nachtanzen und in Videoclips oder Tutorials teilen.

Politische Statements und mein „Ultimate Bias“

Mamamoo haben mein Interesse für das Politische im K-Pop geweckt. Die Band wurde in den koreanischen Medien oft wegen ihrer „schlechten Manieren“ kritisiert und wird genau deswegen von vielen anderen weltweit so gefeiert. Die Sängerin Hwasa, die jüngste der Band, verursachte 2019 einen kleinen Skandal, als sie ohne BH und in einem weißen T-Shirt am Flughafen gefilmt wurde. Es blieb offen, ob es sich dabei um ein Statement zum damaligen „No Bra Day“ handelte, der ein Bewusstsein und Aufmerksamkeit für das Brustkrebsrisiko schaffen sollte, oder ob Hwasa mit ihrem Outfit provokant auf eine frühere Kritik reagierte. Einige Tage zuvor ging sie nur mit einem knappen Bustier-Top bekleidet über den Flughafen und wurde dafür beschimpft, lediglich einen BH zu tragen. In den Lyrics und im Video zu „HIP“ adressieren Mamamoo schlagfertig die Aufreger um ihre Mode und stellen sich geschlossen hinter Hwasa. Es schmerzt zu lesen, wie Hwasa, die eine einzigartige, herausragende Stimme hat, in ihrer Anfangszeit verspottet und als dick und hässlich bezeichnet wurde. Hwasa schweigt heute nicht über diese abfälligen Kommentare und zeigt sich selbstbewusst in körperbetonten, auffälligen Designer-Kleidungsstücken aus Lack und Latex und vermittelt: Trag, was du willst! K-Pop Fans stellen sich untereinander die Frage nach dem „Bias“, dem Lieblingsmitglied einer Gruppe. Hwasa ist zweifelsfrei mein „Ultimate Bias“, mein liebstes Idol von allen K-Pop Gruppen, die ich höre und mag.

Ich liebe Mamamoo auch, weil sie sich regelmäßig öffentlich als LGBTQ+ Allys positionieren, während Homosexualität in der K-Pop Industrie  noch immer stark tabuisiert wird. Moonbyul, die Rapperin der Gruppe, stellt Gendernormen in Frage und erklärte in Interviews, dass sie ihre Lyrics genderneutral schreibe, damit sich möglichst viele mit den Inhalten identifizieren können. Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn sowohl die meisten K-Pop Texte, als auch die Inszenierung der Idols selbst unterliegen einem immens heteronormativen und konservativen Rahmen. Gleichzeitig geben viele Idols den Fans mit bestimmten Formulierungen, intimen Gesten untereinander (die Bekundung von körperlicher Zuneigung zwischen Freund*innen ist in Korea allerdings viel geläufiger) oder auch konkreten Statements immer wieder Grund für Spekulationen rund um ihre sexuelle Orientierung oder Allyship. Der Sänger Holland, einer der sehr wenigen geouteten homosexuellen K-Pop Musiker, wies bereits 2019 auf den Widerspruch zwischen homoerotischen Fan-Service Fantasien und dem Tabu eines tatsächlichen Coming-Outs in der Industrie hin und nannte dies “ironisch”. 

Zumindest die westliche Fanszene ist eine sehr aufgeschlossene, queere Community, die in ihren Idolen eine Vorbildfunktion sucht und wertschätzt. Solar, Mamamoos Bandälteste, zeigte sich jüngst zusammen in einem Fotoshooting mit Nana Young-Rong Kim, einem der bekanntesten Drag Artists Südkoreas, der gemeinsam mit der Band auch einen Auftritt in deren „HIP“ Video hatte.

Eine andere Frau, die in der K-Pop-Industrie immer wieder provoziert und schockiert, ist die aus New York stammende, US-amerikanisch-koreanische Rapperin Jessi. Mit Mitte 30, einem deutlich dunkleren Teint, vollen Lippen, einer rauen, kratzigen Stimme und großen, gemachten Brüsten stellt sie sich komplett gegen die gängigen koreanischen Schönheitsideale und Normen. Auch wenn ihr Blackfishing, das sie selbst zurückweist, als eine Form der kulturellen Aneignung kritikwürdig ist, überwiegt die Faszination für ihre selbstbewusste, direkte Art, mit der sie anderen K-Pop Idols gleichermaßen imponiert und sie in Verlegenheit bringt. Ihr offenes Sprechen über ihre Schönheitsoperationen, ihr Support für andere Frauen im Business und ihre oft selbstironische Art machen sie zu einer der wichtigen Figur der K-Pop Industrie, die besonders junge Newcomer-Idols oft in ihrer Selbstbestimmtheit einschränkt.

Jessi ist seit einigen Jahren bei P Nation unter Vertrag, dem Plattenlabel von PSY. Hier sammeln sich die Enfants Terribles der K-Pop-Industrie, denn auch die Künstler*innen HyunA und Dawn sind hier unter Vertrag. Beide sind im Jahr 2018 gemeinsam von ihrer alten Plattenfirma gekündigt und aus ihren jeweiligen Bands geworfen worden, weil sie eine feste Beziehung miteinander hatten. Dating ist den meisten Idols vertraglich strengstens verboten. Kaum etwas hat mich mehr beeindruckt als ein kurzer Clip, in dem Hyuna und Dawn, sie tanzend mit ihren Papieren in der Hand, das Firmengebäude verlassen. Kürzlich erschien ihre erste gemeinsame EP bei P Nation. Die beiden sind immer noch ein Paar.

Romane und inszenierte Nähe

Diese absurd wirkenden „Skandale“ ließen mich wiederum verstehen, warum die koreanische Schriftstellerin Han Kang in ihrem Roman Die Vegetarierin mehrfach das Verweigern eines BHs ihrer Protagonistin erwähnt und welche Wut und Verständnislosigkeit das bei ihrem Ehemann, dem Erzähler des Romans auslöst. Ich begann, weitere aktuelle Romane von koreanischen Autorinnen zu lesen und freue mich über jede Verknüpfung, die ich zwischen K-Pop und Literatur entdecke und die mich Zusammenhänge besser verstehen lässt. Im Jahr 2018 gab es eine große Kontroverse, weil Irene, Sängerin der Girlgroup Red Velvet, erwähnte, dass sie gerade Cho Nam-Joos feministischen Bestseller Kim Jiyoung, geboren 1982 lese. Einige Fans verbrannten deshalb Bilder von Irene. Das Buch verkaufte sich daraufhin noch besser. Der US-Amerikanisch-koreanische Journalist und K-Pop-Fan Stephan Lee schrieb mit K-Pop Confidential einen überraschend guten Jugendroman, der den Weg vom Trainee bis zum Debüt eines Mädchens in einer K-Pop Company erzählt. Das Buch ist spürbar an viele reale Ereignisse und Personen angelehnt und übt gekonnt ehrliche und berechtigte Kritik an der Industrie, lässt dabei aber keinen Zweifel, wie sehr der Autor K-Pop liebt.

K-Pop funktioniert auch über die inszenierte Zugänglichkeit der Idols, die hier viel intensiver ist als man es von westlichen Boygroups kennt. Es scheint, als durchliefen sie das harte Training nicht nur für sich und den Erfolg, sondern für die Fans. Oft geben sie das Versprechen, noch härter zu arbeiten, besser zu werden, eine gute Show zu liefern. Das bereits erwähnte Miteinander, Dance-Challenges, bei denen Fans und andere Idols mitmachen, etablierte Bands, die Songs covern und Collab-Projekte, beflügeln ein Gefühl von Gemeinschaft. Fangemeinschaften großer K-Pop-Gruppen haben einen eigenen, einzigartigen Namen und symbolisieren somit Unterstützung und Zusammenhalt. Das bekannteste Beispiel ist hier zweifelsfrei BTSs „ARMY“, die sich auch online schon mehrfach kreativ politisch eingemischt hat. Auch ich habe bald festgestellt, dass einige meiner gleichaltrigen Freund*innen gerne K-Pop hören und mit großer Leidenschaft zu einem Fandom gehören und dass es keine Altersbeschränkung gibt.

Viele Idols gehen regelmäßig online live und erzählen aus ihrem Alltag oder lassen sich direkt bei ganz alltäglichen Dingen in ihren Unterkünften filmen. Viele Idols sprechen bereits neben Koreanisch auch noch Japanisch und Chinesisch und lernen neben ihrem vollen Terminplan zusätzlich noch Englisch, um ihre Kommunikation mit internationalen Fans zu verbessern und ihre Erfolgschancen auf dem westlichen Markt zu erhöhen. Über den Kauf eines Albums ist es manchmal möglich, die Teilnahme an einem Fansign-Event, einem persönlichen Treffen mit der Band, zu gewinnen. Hier zeigen sich die Idols lockerer, weniger perfekt, geben Autogramme und beantworten Fragen. In Zeiten der Pandemie bieten viele Bands stattdessen die Möglichkeit an, einen Videocall zu gewinnen und einige Zeit mit dem eigenen Bias zu chatten. Auch internationale Fans sind von diesen Treffen nicht ausgeschlossen und haben prinzipiell die Möglichkeit, solch einen Call zu gewinnen. Einige dieser Gewinner*innen teilen Aufzeichnungen dieser persönlichen Online-Zusammenkünfte auf TikTok oder Instagram. 

Bisher werden nur wenige koreanische Bands im deutschen Radio gespielt, aber der Markt öffnet sich und in den großen Elektronikmarkt-Ketten finden sich bereits meterlange Auslagen mit den wichtigsten und neuesten importierten K-Pop Alben der erfolgreichen Gruppen und Sänger*innen.

Diese physischen Alben sind in ihrer aufwändigen Ausgestaltung ein Paradoxon der digitalen Gegenwartskultur und (vielleicht gerade deswegen) ein wichtiger Teil Faszination: Die CDs befinden sich meist in schönen, stabilen Boxen oder liegen sehr liebevoll gestalteten Fotobüchern bei. Diese Bücher gehen in Sachen Format und Ausstattung weit über das altbekannte CD-Booklet hinaus. In der Regel liegen Gimmicks wie Postkarten, Sticker und ein exklusives Poster bei. Das Wichtigste sind jedoch die Foto-Sammelkarten, die beiliegen. Mit etwas Glück hat eins nun also vielleicht eine Sammelkarte mit dem eigenen Favoriten der Band. Wenn nicht, kann eins sich längst in virtuellen Communities oder außerhalb des Internets mit anderen zusammenschließen und die Karten tauschen oder online kaufen. Die Ausstattung eines solchen K-Pop Albums löst in Zeiten von Youtube und Musik-Streamingdiensten, die physische Alben geradezu unnötig machen, zuerst großes Erstaunen, aber auch echte Bewunderung und Anerkennung aus.

Kulturelle Hintergründe und nationale Bezüge

Idols gehören allen. Den Fans, ihrer Nation. In Stephan Lees Roman K-Pop Confidential erklärt eine fiktive, strenge koreanische PR-Chefin der Protagonistin: „Wenn du als K-Pop-Idol in der Öffentlichkeit auftrittst, repräsentierst du nicht nur dich selbst, sondern auch die Hoffnung des koreanischen Volkes. Du verkörperst das Beste, was dieses Land hervorbringen kann.“ Hier wird die Relevanz koreanischer Idols auf einmal klar und welche großen Aufgaben mit der Rolle verbunden sind. K-Pop ist mittlerweile südkoreas kultureller Export Nummer 1. BTS allein tragen aktuell fast 5 Milliarden Dollar zu Südkoreas Bruttoinlandsprodukt ein. Spannender finde ich jedoch, wie sie zu Südkoreas diplomatischen Beziehungen beitragen. Die Boygroup hielt bereits mehrfach hoffnungsvolle Reden bei Versammlungen der Vereinten Nationen und gab Jugendlichen weltweit eine Stimme. Die populäre Girlgroup Red Velvet trat 2018 im kleinen Rahmen einer Kampagne für “kulturelle Diplomatie” sogar in Pjöngjang, Nordkorea auf. Es scheint, als verbinde K-Pop trotz vieler Kritiken die Welt ein bisschen. Ich bekomme, wie viele andere Fans, ein Verständnis von koreanischer Kultur und öffne mich immer weiter. Erfahrenere Fans erkennen trotz der westlichen Klänge auch jenseits der koreanischen Sprache typische traditionelle Elemente. Am deutlichsten wird das meist im Zusammenspiel von Musik und Ästhetik in den Musikvideos oder Live-Auftritten: Oft enthalten die modischen, aufeinander abgestimmten Styles der Idols traditionelle Elemente im Makeup oder den Frisuren. Manchmal sind sie auch direkt in modernen Versionen traditioneller koreanischer Kleidung oder Accessoires zu sehen, wie die Boygroup Oneus, die bereits mehrfach zahlreiche folkloristische Elemente in ihre Performance einarbeitete. Ein weiteres Beispiel ist der aktuelle Song “The Real” der Gruppe Ateez.

Oneus‘ „kleinen Brüder“ der Gruppe Onewe, die ihre Instrumente selbst spielt, haben ihren Song „Parting“ in einer traditionellen Version eingespielt. Auch BTS Rapper Suga lässt als Soloartist Agust D im Video seines Hits „Daechwita“ in Sachen Ästhetik keinen Zweifel an seiner koreanischen Herkunft.Traditionelle Sänger und Instrumente aus der Militärmusik vereinen sich hier gekonnt mit westlichem Rap.

Diese Kombination von koreanischen und westlichen Elementen steht vielleicht für das jugendliche Lebensgefühl, das unsere globalisierte, immer mehr verbundene Welt ausmacht. Eine wachsende Sensibilisierung für kulturelle Aneignung und der respektvolle Umgang mit kulturellen Einflüssen, schaffen eine neue Wertschätzung, Offenheit und anerkennendes Miteinander. Viele schauen japanische Animes und erfolgreiche, koreanische Netflix-Serien im Original mit Untertiteln. Und hören selbstverständlicher Musik aus vielen Winkeln der Welt, nicht nur während des ESCs. 

Mein Fach-Vokabular ist in den letzten Monaten sehr gewachsen und ich habe ein größeres Wissen über Zusammenhänge angesammelt, das im ersten Moment bedeutungslos und kurios erscheinen mag. Es macht mir mittlerweile großen Spaß, mich mit anderen befreundeten Fans auszutauschen und einem Gespräch über K-Pop inklusive Begriffen wie “Bias” (Lieblingsmitglied einer Gruppe), “Comeback” (jede Veröffentlichung eines neuen Songs oder Albums mit einem neuen Konzept) oder “Stage” (Live-Auftritt) ganz selbstverständlich folgen zu können. Ich freue mich darüber, dass ich Referenzen wie in der Netflix Serie “Never Have I Ever” sofort verstehe. Aber das Wichtigste ist für mich, dass J. und ich wöchentlich zusammenkommen und auf Youtube gemeinsam die neuesten K-Pop-Veröffentlichungen ansehen. Mit großer Begeisterung freue ich mich an Release-Tagen schon am Morgen darauf, abends zusammen das neueste Video einer Lieblingsband zu sehen. Wir verfolgen und kommentieren die K-Pop Charts und erfahren durch Top10-Listen von den wichtigsten Songs und Branchen-Kontroversen. All dies sind Erfahrungen des Austauschs zu Musik, die ich als Teenager nicht wirklich gemacht habe.

Eine bunte Welt mit Skandalen

Neben den lautesten und immer wiederkehrenden Kritiken über die erschöpfenden und harten Trainingsjahre, die die Idols in ihren Firmen durchlaufen müssen, um überhaupt die Chance auf ein Debüt zu haben, den eisernen Diäten, den Dating- und Sprechverboten und allgemein schlechter Behandlungen seitens der Plattenfirmen habe ich im Laufe der Monate auch die gravierenderen Skandale nachgelesen.

Idols, deren perfektes Image nachweislich in irgendeiner Form angekratzt wird, werden, sofern sich der Skandal nicht unterdrücken lässt, rasch von der jeweiligen Company aus ihren Bands entfernt. Die Vergehen reichen von leichten Drogendelikten, internen Konflikten, älteren, schwer wiegenden Mobbingvorwürfen aus der Schulzeit oder die simple Tatsache, dass Idols eben doch eine Liebesbeziehung führen. Manche führen ihre Karrieren anderweitig fort, andere nicht. Nicht wenige Mitglieder einer Band nehmen sich wegen Problemen mit der mentalen Gesundheit eine monatelange Auszeit, auch wenn die Firmen lieber darüber schweigen. 

Auch die K-Pop Industrie hatte in den Jahren 2018/19 ihren sehr großen und verstrickten „Me Too“-Moment, der unter dem Namen „Burning Sun Scandal“ bekannt wurde und im Zuge dessen etliche sehr erfolgreiche, männliche Idols nach schweren sexuellen Missbrauchsdelikten ihre Karriere beenden mussten. Als „Späteinsteigerin“ in die K-Pop-Welt (wir befinden uns derzeit in der „3rd Generation“) habe ich rasch gemerkt, wie groß die Enttäuschung über so eine Enthüllung sein kann. Mehrere Songs, die ich zu Beginn sehr, sehr mochte und ständig hörte, stammen, wie ich dann bald darauf erfahren musste, von Sängern, die tief in diesem Skandal verwickelt waren.

Über weiteren Erfolg oder Karriereende entscheiden nicht selten die weitere Unterstützung und das Verständnis der Fans, die sich online oft schützend hinter „ihre“ Stars stellen – oder sie eben fallen lassen und den Support entziehen.

All diese Facetten, das soziale Miteinander, der internationale Austausch über Sprachbarrieren hinweg, die universelle Sprache der Musik und eine rund 30 Jahre alte Popgeschichte, die eng mit der komplexen Geschichte Südkoreas verknüpft ist und die sich stetig weiterentwickelt, halten mein Interesse und meine Begeisterung für K-Pop am Laufen. Und nicht zuletzt spielt in meinem Fall durch die Erinnerungen an meine Teenagerzeit in den 90er Jahren auch eine große Portion Nostalgie mit hinein. K-Pop macht mich eine zeitlang unbeschwert, lässt mich mitfiebern, in derselben Unschuld wie früher träumen und regelmäßig ohne Scham in der Küche tanzen.

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