Politik darf keinen Spaß machen! – Über die angemaßte Unschuld von Videospielen

von Eugen Pfister

Ende Mai 2021 erschien auf der Seite des Spiele-Publishers Ubisoft ein kurzes Statement von Navid Khavari, dem Narrative Director von Far Cry 6, einem First Person Shooter, der im Oktober 2021 erscheinen soll. Titel des 400 Wörter langen Kurztextes: „The Politics of Far Cry 6“. Erster Satz: „Our story is political.“ Punkt. Absatz [1].

Ein Raunen in unseren sozialen Medien war die Folge. Der eine Satz genügte. Für all jene, die nicht seit Jahren internationale Spieleentwicklungen mitverfolgen, ist der Aufruhr aber naturgemäß nur schwer nachvollziehbar. Far Cry 6 soll laut Angaben auf Wikipedia ein Spiel werden, in welchem Spieler:innen auf Seiten einer Guerilla auf der fiktiven Karibikinsel Yara gegen einen brutalen Diktator kämpfen. Wer bitte schön käme auf die Idee, den bewaffneten Aufstand gegen eine Diktatur in Südamerika als unpolitisch zu bezeichnen?

Es ist ein bisschen so als ob Graham Greene nach Erscheinen von The Comedians erklärt hätte, dass sein Roman über die Diktatur in Haiti und die brutale Repression der Geheimpolizei eigentlich nicht als politischer Kommentar missverstanden werden dürfte, oder aber wenn Richard Lester seinen Film Explosion auf Kuba als unpolitische Romantikkomödie bezeichnet hätte.

Wer würde denn überhaupt auf die Idee kommen, dass so eine Geschichte unpolitisch sei? Als wäre das eine wichtige Feststellung? Die Antwort: Multinationale Spiele-Publisher. Zumindest behaupten diese seit Jahren mantraartig, dass ihre digitalen Spiele nur der Unterhaltung dienten und im tiefsten Inneren ihres Herzen unpolitisch seien.

Ich untersuche in meiner Forschung nun schon seit mehreren Jahren die politische Ideengeschichte – also politische Kommunikation egal ob bewusst oder unbewusst – in digitalen Spielen: Spiele über den Zusammenbruch unserer Demokratie im Angesicht einer Pandemie, Spiele über politische Verschwörungen und ideologische Bürgerkriege, Spiele über weltweite Terroristenringe, Spiele über korrupte Regierungen und Drogenkartelle. Wenn ich aber den Sprecher:innen der Publisher glauben würde, dann wären all diese Spiele einfach nur unpolitische Unterhaltungsprodukte.

Noch vor drei Jahren erklärte Reggie Fils-Aime, Präsident von Nintendo of America einem kanadischen Nachrichtenteam: „Making political statements are for other people to do. We want people to smile and have fun when they play our games.“[2] Mit dieser eigentümlichen Aussage stand Fils-Aime bei weitem nicht alleine. Die Argumentationsfigur ist weit verbreitet. Der französische Spielentwickler David Cage, der zuletzt das Spiel Detroit: Become Human über Künstliche Intelligenz und die Konflikte zwischen Menschen und Maschinen entwickelt hat, erklärte in einem Interview: „I didn’t want to deliver a message to mankind with this game. I just want to ask questions.“[3] Der prominenteste Vertreter des Unpolitisch-Disclaimers war aber über viele Jahre Ubisoft, der ursprünglich französische nun multinationale Spielepublisher, der diesen Mai dann ebenso plötzlich wie unerwartet seine Meinung diametral geändert hat.

Mit etwas Abstand zur Materie kann man die Geschichte durchaus amüsant finden. Ein besonders absurdes für die Beteuerung des Unpolitischen war eine Aussage von Julian Gerighty, Associate Creative Director des Taktik-Shooters Tom Clancy’s the Division in einem Interview mit Michelle Ehrhardt aus 2016: “At the end of the day, it’s a videogame, it’s an entertainment product… There’s no particularly political message with it.”[4] Die Aussage ist gleich aus zwei Gründen bemerkenswert.

Erstens: Die Hintergrundgeschichte des Spiels ist, dass eine Gruppe von Öko-Terrorist:innen massenweise Dollar-Noten mit Pockenviren infiziert haben, woraufhin die Infrastruktur in Manhattan zusammenbricht. Folge ist ein Bürgerkrieg in den Straßen der Stadt, nachdem Polizei und Militär sich überfordert zurückgezogen haben. Die Stadt wird von außen abgeriegelt und es gilt fortan das Gesetz der Straße. Einziger Hoffnungsschimmer: Eine Spezialeinheit von Schläferagenten der Strategic Homeland Division, die nun vor Ort aktiviert werden und mit Waffengewalt für Gerechtigkeit sorgen. Und das soll nun also ein Unterhaltungsprodukt ohne politische Aussage sein?

Zweitens: Besonders ironisch ist in diesem Kontext, dass der zum Zeitpunkt des Erscheinens verstorbene Namenspatron Tom Clancy nie von sich behauptet hätte unpolitisch zu sein. [5] Ganz im Gegenteil hielt sich der US-amerikanische Autor nie mit seiner politischen Überzeugung zurück. Er war ein glühender Fan von Ronald Reagan und verschwieg seine politische Meinung in Interviews nicht. Seine Romane widmete er gerne republikanischen Politikern. Verfilmungen seiner Jack Ryan-Romane werden selbstverständlich zum Genre Politthriller gezählt, aber ausgerechnet die Spiele, die unter seinem Markennamen laufen,  sollen plötzlich unpolitisch sein, obwohl sie sich bewusst an seinen politischen Inhalten orientieren?

Einer meiner liebsten Momente in der Debatte war ein Interview anlässlich des Nachfolgespiels Tom Clancy’s The Division 2, ein Spiel das den Bürgerkrieg in den USA nun in die Hauptstadt Washington DC verlegt, wo mehrere politische Gruppierungen (u.a. Anarchist:innen und Militarist:innen) um die Vorherrschaft kämpfen. Damit nicht genug stellt sich in der Story des Spiels der amerikanische Präsident, auf dessen Seite die Spieler:innen anfangs kämpfen als kriminell heraus. Das Interview von Charlie Hall mit Terry Spier, Creative Director des Spiels, kann man mit etwas Abstand durchaus als (ungewollte) Satire genießen:

“Charlie Hall : Wait a minute. It’s in DC.

Terry Spier: Yes.

Charlie Hall: Your central character here on the key art has an American flag bandana tied to their backpack.

Terry Spier: That’s correct.

Charlie Hall: This is not a political statement?

Terry Spier: Absolutely not.

Charlie Hall: Taking up arms against a corrupt government is not a political statement?

Terry Spier: No. It’s not a political statement. No, we are absolutely here to explore a new city.

Charlie Hall: You have this grin on your face.

Terry Spier: I can absolutely understand the question, the assumption, and the nature of it, but I’m here to tell you that DC, the reason that we chose it was for the ones that I said.”[6]

Vielleicht geht es ja nur mir so, aber ich muss bei dem Interview ebenfalls grinsen. Ich glaube, der Grund ist, dass ich immer an Monty Python’s Argument Clinic Sketch [7] denken muss: Offensichtlichen Fakten widersprechen um zu schauen, wie weit man kommt. Nun sind da aber gewisse zeithistorische Parallelelen zu erkennen, die dieses Beharren auf dem Unpolitischen in einem weitaus weniger amüsanten Licht erscheinen lassen. Regierende Politiker:innen, die wider besseren Wissens behaupten, dass die Covid-Epidemie gar nicht existiere, oder – wie zum Beispiel gerade in Österreich gar nicht mehr auf Fragen von Journalist:innen eingehen und stattdessen – dem message control gehorsam – die immergleichen Behauptungen wiederholen.

Insofern muss es ja eigentlich beruhigen, dass ausgerechnet Ubisoft hier mittlerweile seine Kommunikationspolitik geändert hat: „What players will find is a story that’s point-of-view attempts to capture the political complexity of a modern, present-day revolution within a fictional context.” Was eigentlich selbstverständlich sein sollte, muss extra betont werden. Aber warum ist das  so? Das ist die eigentlich relevante Frage: Warum wurde überhaupt von Ubisoft über Jahre hinweg behauptet, dass ein Spiel über US-amerikanische Militäreinsätze gegen Drogenbarone in Südamerika ebenso wie ein Spiel über eine rechtsextreme Sekte im Mittleren Westen unpolitisch sei? Dafür gibt es zwei plausible Erklärungen.

Erstens steckt dahinter die Befürchtung von Marketingabteilungen, Anteile am Markt zu verlieren. Das hat der Spiele-Reviewer Jesse Hennessy gut zusammengefasst: „If you come across as preaching your political agenda, you’re gonna alienate everybody who doesn’t agree with you.”[8]. Wer sein Spiel so wie der schwedische Entwickler Machinegames dezidiert als Anti-Nazi-Spiel positioniert – so geschehen in einem Tweet anlässlich von Wolfenstein: The New Colossus: „Make America Nazi-Free Again. #NoMoreNazis #Wolf2“[9] – der muss in Kauf nehmen, dass Nazis sich dann über das Spiel beschweren.

Gut, das war ja hoffentlich in unseren Nachkriegsgesellschaften kein allzu schmerzhafter Schritt. Die Frage ist ob die politische Positionierung wirklich automatisch zum Verlust des entgegengesetzten politischen Lagers als Käufer:innen führt. Immerhin verkaufte sich Bioshock, eines von wenigen Spielen, das von seinen Entwickler:innen bewusst als politisch verkauft wurde, weltweit über vier Millionen mal. Und das, obwohl die darin angegriffene objektivistische Ideologie von Ayn Rand gerade heute im politisch rechten Lager der USA wieder besonders populär ist. Auch würde ich jetzt bei aller Vorsicht davon ausgehen, dass nicht nur überzeugte Republikaner:innen die Filme von Clint Eastwood und Chuck Norris anschauen. Das Argument die andere politische Seite zu verschrecken, reicht also als Erklärung nicht aus.

Deshalb gilt es sich zweitens der Frage zu stellen, ob nicht der Begriff des Politischen an sich hier das Problem ist. Tatsächlich wurde nämlich in diesen und ähnlichen Debatten das Politische als ein Makel gesehen, der das zuvor unschuldige Unterhaltungsmedium nachhaltig verunreinigt. Tatsächlich kommt der Vorwurf des Politischen oder der Aufruf „Keep your Politics out of my game“ meiner Erfahrung nach fast ausschließlich aus dem ideologisch rechten Lager. Das zeigte sich zuletzt anlässlich eines Tweets von Neil Druckmann, einer der leitenden Entwickler des postapokalyptischen Action Adventures The Last of Us. Als dieser sich in einen Tweet auf Seiten von BlackLivesMatter positionierte, kam rasch der Angriff von einem anonymen Twitter Account: „Please keep out of politics, you make videogames“.[10]

Inklusive Darstellungen von Geschlecht und Sexualität werden als politische Übergriffe gewertet, während Darstellungen von verdeckten militärischen Operationen, vom Einsatz von Folter und Selbstjustiz als unpolitisch durchgehen. In dieser Logik wird der Begriff Politik selbst zum Problem umgewertet, zum Makel, zur Infektion des Spielspaßes. Politisch ist dann immer das Andere, das Unnatürliche, das Störende. Diese Vorstellung ist an und für sich eine schwerwiegende Gefahr für demokratische Gesellschaften, die darauf basieren, dass die Gesamtheit der Bevölkerung politisch agiert und eben nicht nur eine kleine Elite.

Das Problem ist auch eine verbreitete Verengung des Politikbegriffs auf das Handeln von Regierungen. Tatsächlich müssten wir den in der Forschung verbreiteten weiteren Politikbegriff verwenden. Politisch ist es nämlich nach Ute Frevert immer dann wenn sich „vielfältige[n] Machtbeziehungen […] als politische dort konstituieren, wo es um die Begründung, Verteidigung und Ablehnung ungleicher sozialer Beziehungen geht“[11]

In einer Demokratie müssen alle politisch handeln, vor allem aber denken – und das nicht nur alle paar Jahre anlässlich von Wahlen. Die Verbindungen zwischen Regierung, Parlamenten und Wähler:innen muss eine ständige sein und keine punktuelle, denn sonst verliert die Regierung das Vertrauen der Bevölkerung und damit ihre Legitimation. Die Geschichte hat uns genug Beispiele dafür gebracht wie gefährlich solche Momente werden können.  

Nun ist es zum Glück so, dass diese Form der Argumentation des Unpolitischen – bis auf einen etwas verzweifelten Versuch von Sylvester Stallone, sich vom ideologischen Gehalt der Rambo-Filme zu distanzieren – bisher auf digitale Spiele beschränkt blieb. Wenn also Michel Houellebecq unbedingt wieder einen politischen Kommentar als Roman veröffentlichen will, wird vielleicht sein Weltbild in der Öffentlichkeit kritisiert, nicht aber der Umstand, dass ein Roman an sich politisch sein kann. Dasselbe gilt für Spielfilme und Serien. Und vermutlich ist jetzt auch langsam der Moment gekommen, in dem digitale Spiele von einer breiten Öffentlichkeit als kulturelle Artefakte konkreter Gesellschaften verstanden werden, die ganz selbstverständlich dominante ideologische Aussagen und Gegen-Aussagen kommunizieren.

Es ist wichtig festzuhalten, dass politische Aussagen, solange sie sich im Rahmen der  Verfassung befinden, an sich kein Problem für die Demokratie darstellen, sondern im Gegenteil zu einem gesunden und notwendigen Gedankenaustausch beitragen. Problematisch wird es erst dann, wenn jede Form der Diskussion im Vorhinein durch absolute Aussagen unterbunden werden soll. Wie soll man über die Politik in Tom Clancy’s The Division diskutieren, wenn das Spiel einfach “unpolitisch” ist. Meine Hoffnung ist deshalb, dass in Zukunft ebensolche Diskussionen im Feuilleton und in Social Media normal werden. Ganz so weit sind wir aber noch nicht: So erklärte Daniel Berlin, ein Entwickler des bald erscheinenden First Person Shooter Battlefield 2042, dass das Spiel kein politischer Kommentar sei: ein Spiel, dessen Story nach einer (fiktionalen) globalen Klimakatastrophe auf der Erde angesiedelt ist und unter anderem massive weltweite Klimaflüchtlingsströme thematisiert.[12]


[1] https://news.ubisoft.com/en-us/article/jzZzBMLk8k4XAWgNpXfju/the-politics-of-far-cry-6

[2] https://spielkult.hypotheses.org/1566

[3] https://www.vice.com/en/article/wjqy94/david-cage-wants-to-know-what-youd-do-to-fight-for-your-rights

[4] https://killscreen.com/previously/articles/the-division-doesnt-want-you-to-think-about-911/

[5] https://www.derstandard.at/story/2000054381783/es-ist-nur-ein-spiel-eine-ausrede-die-nicht-gilt

[6] https://www.derstandard.at/story/2000054381783/es-ist-nur-ein-spiel-eine-ausrede-die-nicht-gilt

[7] https://www.youtube.com/watch?v=xpAvcGcEc0k

[8] https://spielkult.hypotheses.org/1566

[9] https://twitter.com/wolfenstein/status/916075551382585344

[10] https://www.reddit.com/r/Gamingcirclejerk/comments/gu3k9t/keep_politics_out_of_games/

[11] https://hgp.hypotheses.org/176

[12] https://kotaku.com/battlefield-2042-is-not-commentary-on-climate-refugees-1847066559

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