Der Pionier – ‘This American Life’ macht das Persönliche politisch [Podcast-Kolumne]

von Svenja Reiner

Ich bin mit der medial geprägten Vorstellung aufgewachsen, dass es sich bei den Tagen vor Weihnachten vor allem um eine romantische und besinnliche Zeit handelt. Glühwein, Weihnachtsmärkte und halb geöffnete Wintermäntel gehören zu den wichtigsten Accessoires einer guten Romcom, in der Schnee nur leise und vor allem so wohldosiert rieselt, dass keine Frisur zerstört und keine Mascara verwischt wird. Bis heute verfolge ich diese Filme mit großer Faszination, obwohl oder weil sie so fürchterlich wenig wie meine eigenen Feiertage aussehen. Der ästhetische Versuchsaufbau von Podcasts hingegen zielt ja eher auf das zynisch rationale Ohr denn auf das verliebte Auge, und folglich ist eine meiner Lieblingsfolgen von This American Life (TAL) die Nummer 47.: Christmas and Commerce.

Streng genommen ist TAL kein Podcast, sondern eine Radioshow, aber seit jeder Audiocontent, der ins Internet geladen wird, “Podcast” genannt wird, sehen wir das an dieser Stelle nicht so eng. TAL wird seit 1995 wöchentlich von Ira Glass gehostet und hat seitdem unglaubliche 619 Folgen produziert. Für seinen Storyjournalismus, mit dem TAL viele folgende Podcasts geprägt hat, wurden die Macher:innen mehrfach ausgezeichnet – zuletzt mit dem Pulitzer Prize, der zum ersten Mal an eine Radioshow oder einen Podcast vergeben wurde. Aus der TAL-Redaktion sind eine Reihe von weiteren erfolgreichen Podcaster:innen hervorgegangen, wie Sarah Koenig (Serial), Brian Reed (S-Town), Alex Blumberg (StartUp), Alix Spiegel (Invisibilia) und Jonathan Goldstein (Heavyweight). Lulu Wang schrieb ihre Story What You Don’t Know sogar in den erfolgreichen Kinofilm The Farewell um.

Obwohl der Titel Böses ahnen lässt, ist Christmas and Commerce keine trockene Konsumkritik am Ausverkauf von Weihnachten, sondern featured zwei der charmantesten und weirdesten Autoren, die als freie Mitarbeiter über viele Jahre Geschichten beigesteuert haben: David Rakoff und David Sedaris. David Sedaris ist in Deutschland spätestens seit der Veröffentlichung seiner Kurzgeschichtensammlung Calypso bekannt. In Santaland Diaries, der Nacherzählung seiner Weihnachtstage von 1986, etabliert er jenen humorvoll plauderigen, sarkastischen und sehr selbstironischen Ton, mit dem er seitdem tragische Geschichten aus seinem Leben erzählt. Zum Zeitpunkt der Erzählungist Sedaris 33 Jahre alt und nimmt den Job eines Weihnachtselfs im SantaLand der Kaufhauskette Macy’s an. Nach seiner ursprünglichen Vorstellung dieser Beschäftigung (“I told the interviewers that I wanted to be an elf because it was the most ridiculous thing I’d ever heard of”), stellt sich heraus, dass das ganze Unterfangen doch anstrengender und deprimierender ist als ursprünglich gedacht. In samtgrünen Elfhosen, zwischen riesigen Zuckerstangen und mechanisch tanzenden Pinguinen trifft Sedaris auf einen Reigen alltäglicher menschlicher Grausamkeiten: Sexistische Männer, rassistische Mütter, minderjährige Fisher Price-Models, entnervt schreiende und schlagende Eltern, Kinder, die sich verstorbene Familienangehörige zurückwünschen. 

Auch innerhalb des Weihnachtswunderlandcasts wird gelogen, betrogen, verletzt und gedemütigt. Die meisten Darsteller:innen sind junge Schauspieler:innen, die an den Broadway wollen, und die entsprechend verbittert darüber sind, Entrance Elf, Water Cooler Elf, Santa Elf oder Cash Register Elf spielen zu müssen. All diese Erlebnisse erzählt Sedaris tagebuchartig, so laid-back wie die E-Gitarre, die im Hintergrund klimpert, und macht gemeinsam mit der Santa Claus Is Comin’ to Town stolpernden Hammond Orgel ein realistisch New York zwischen all dem Kunstschnee sichtbar.

Eine andere Form der Begegnung macht der mittlerweile verstorbene David Rakoff, der viel nüchterner und schneller einsteigt: “I am the ghost of Christmas subconscious. I am the anti-Santa. I am Christmas Freud.” Rakoff verbringt die Tage vor Weihnachten ebenfalls in einem Verkaufsraum. Die New York Filialen von Barney’s verzichten auf klassische Dekorationen und widmen jedes ihrer Schaufenster einer historischen Persönlichkeit. Rakoff ist der einzige engagierte Schauspieler, und er spielt Sigmund Freud. Zunächst kommt er sich lächerlich vor, dann verschwimmen auch hier die Grenzen: Rakoff läd Freund:innen auf die Couch ein, mehr als eine Sitzung endet in Tränen. Das Schaufenster wird trotz Publikum weniger Aquarium als Versteck. Ist Rakoff, selbst Analysepatient, Therapeut geworden? Ist Freud der echte Weihnachtsmann? Gibt es wahre Intimität unter Aufsicht von Kaufhauskameras? Auch Rakoff trifft einen Kinderstar und bleibt nach dem zweireihigen Lächeln, den strahlenden Augen und der Intensität ihrer Worte zerrüttelt zurück. 

Vielleicht, so überlegt er zuletzt, liegen in den Liedern von Doris Day, Mae West oder Marlene Dietrich, mit denen das Kaufhaus die feierliche Zeit bespielt, die eigentliche Tragik. Heimliche Lieben, verlorene Geliebte, der Wunsch nach Verbundenheit mögen von Kritiker:innen nach wie vor als (zu) simple Themen oder vorhersehbare Plots belächelt werden. Trotzdem geben sie Einblicke in die unerreichbare Wunschvorstellungen vieler Menschen, in emotionale Bedürfnisse und die Tragik und Schwere von Einsamkeit.

Die musikalische Begleitung der Folge ist fantastisch: Neben der Auftragskomposition Christmas Freud Caroling von The Formerly Known As Family hören wir Sedaris, wie er Away in a Manger interpretiert “the way Billie Holiday might have sang if she had put out a Christmas album”. Wir hören verzerrte Stimmen, schiefe Tonlagen, dramatische Intonationen, die die erwarteten Christmas-Klassiker dehnen und biegen, bis sie endlich passen, denn: “Christmas is the time when everybody is who they normally are, but more so.”

Während Sedaris’ mit der Feststellung endet, dass Macy’s Weihnachtsland weder Kinderträume erfüllt noch das Weihnachtsmärchen wahr werden lässt, sondern einzig dazu da ist, elterlichen Vorstellung zu entsprechen, endet Rakoff ungleich sehnsüchtiger. Am Ende seiner Amtszeit sträubt es sich in ihm, das Schild abzunehmen. “I know this will pass, but for now I want nothing more than to continue to sit in my chair, someone on the couch, and to ask them, with real concern, ‘So tell me, how’s everything?’”.