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Pixelstörungen im Alltag – Clemens J. Setz’ Erzählband “Der Trost runder Dinge”

Simon Sahner

Literaturwissenschaftler und Doktorand der Neueren deutschen Literaturgeschichte am GRK1767 - Faktuales und fiktionales Erzählen in Freiburg im Breisgau.
Simon Sahner

In einem Interview mit dem Magazin der Süddeutschen Zeitung im September 2015 erzählte Clemens J. Setz, in seiner Jugend habe er sich „in Internetforen nächtelang mit anderen Außenseitern über die obskursten Dinge unterhalten“, solange bis er „eines Tages einen Gesichtsfeldausfall erlitt.“ Wollte man kurz zusammenfassen, was es mit dem Erzählband Der Trost runder Dinge (Suhrkamp 2019) von Clemens J. Setz auf sich hat, könnte man genau das antworten: Es geht um Außenseiter, um die obskursten Dinge in Internetforen und eben um Gesichtsfeldausfälle. Bei einem Gesichtsfeldausfall, einem sogenannten Skotom, verschwinden kleine Felder im Sichtbereich des Auges und werden blind, fangen an zu flackern oder färben sich seltsam. Wie kleine Pixelstörungen auf einem Monitor. Setz’ Erzählungen sind voll von solchen Pixelstörungen, von Glitches oder eben voll von kurzen Gesichtsfeldausfällen.

Immer wieder entsteht in den mal kürzeren und mal längeren Texten der Eindruck, dass etwas aus den Fugen geraten ist, eine leichte Verschiebung aufgetreten ist. Nicht, dass man genau erklären könnte, was diesen Eindruck auslöst, aber er ist da. Dabei hat der Autor die Fähigkeit, seine Geschichten exakt so zu erzählen, dass sie zwar absurd sind, aber eben gerade noch realistisch sein könnten. Da ist die Erzählung Otter Otter Otter über einen Mann, der nachts als Hausmeister in einer Schule und tagsüber in einem Café arbeitet. Dort lernt er eine blinde Frau kennen, in die er sich verliebt. Als er das erste Mal mit ihr nach Hause geht, entdeckt er, dass jemand in der ganzen Wohnung wüste, vor allem frauenfeindliche Beschimpfungen auf alle Oberflächen geschrieben hat. Überfordert von der Frage, was es damit auf sich hat und ob er seine blinde Freundin darauf hinweisen soll, verzweifelt er. In der Geschichte Zauberer bestellt sich eine Frau, deren Sohn im Koma liegt, Männer von einem Escort-Service nach Hause und fordert sie auf, im Beisein ihres komatösen Sohnes, Sex mit ihr zu haben, um zu sehen, wie sie reagieren und wie sie sich verhalten. Die Kunst dieser Erzählungen liegt darin, dass sie sich in ihrer Absurdität gerade so nah an eine plausible Realität heranwagen, dass sie so passieren könnten. Was fehlt, sind aber die Hintergründe, die die absurden Umstände erklären würden. Stattdessen wird man allein gelassen mit einem Bild, auf dem etwas verschoben wurde.

Dass dieser Eindruck von kleinen Verschiebungen und Glitches entsteht, hat auch mit den ungewöhnlichen Bildern zu tun, die Setz wieder und wieder findet. Es ist inzwischen fast eine literaturfeuilletonistische Trope geworden, dass die deutschsprachige Literatur an zu wenig Handlung krankt und stattdessen besonders kunstvoll sein will. Und wenn sie doch einmal handlungsstark ist, verliert sie sich oft in den immer gleichen Bildern. Die Erzählungen in Der Trost runder Dinge sind dagegen häufig alles andere als handlungsschwach. Strukturell gesehen, sind es klassische Kurzgeschichten, die ihren Reiz aber aus Bildern, Metaphern und Vergleichen ziehen, die originell und gleichzeitig selbstverständlich und offensichtlich – weil passend – wirken. In Geteiltes Leid beschreibt der Erzähler die Angstzustände eines alleinerziehenden Vaters, der seine Söhne vor diesen Ängsten bewahren will und gleichzeitig hofft, dass sie diese Ängste auch empfinden, um so eine engere Verbindung zu seinen Kindern aufbauen zu können. Mittendrin in dieser – der längsten Erzählung – fällt der Satz „Bombenalarm mitten im Frieden“ und ist in diesem Moment die perfekte Verbildlichung für die Gefühle des Vaters. Setz’ Literatur ist geprägt von kleinen Beobachtungen, die Emotionen und Momente genauso erfassen, dass man als Leser*in versteht, was er meint, ohne dass er viele Worte braucht:

Es war schon die Stunde, da die Kofferräume der überall in die Siedlung heimkehrenden Familien ein wenig länger offen bleiben durften.

Daher sind die stärksten Erzählungen in diesem Band die, in denen Setz genau den Punkt trifft, an dem sich eine Handlung, die absurd, aber gerade so realistisch ist, dass sie vielleicht geschehen könnte, mit sprachlichen Bildern trifft, die Momente oder Gefühle nicht nur darstellen, sondern einen Assoziationsraum öffnen, der über die Beschreibung eines Moments hinausgeht:

Unten im Hof waren ein paar Kinder und wiederholten, lautlos wie GIFs, aus irgendeinem Grund immer wieder dieselbe Bewegung.

Was in Setz’ Jugend die Internetforen waren, sind heute soziale Netzwerke, in denen sich Setz – vor allem auf Twitter – immer noch viel bewegt. Er ist damit eine der wenigen deutschsprachigen Stimmen in der Literatur, die es schafft, Strukturen und Spezifika des Lebens und Denkens im Internet in die Literatur zu bringen. Selbst die simple Erwähnung eines GIFs, einer Folge von Bildern, die sich daumenkinoartig immer wiederholen, als ein Vergleich, stellt Ähnliches Foto(leider) schon eine Besonderheit dar. Was jedoch noch deutlicher zutage tritt, ist das obskure Wissen, das man sich durch eine Online-Teilexistenz aneignet und das einem in den seltsamsten Situationen in den Sinn kommt. Wie in einer Erzählung die beiden Golfbälle, die auf dem Mond liegen oder eine sechseckige Wolkenkonstruktion am Nordpol des Saturn. Clemens Setz treibt dieses Spiel mit dieser Art von „obskuren Dingen“ noch ein Stückchen weiter, indem er sie in seine fiktionalen Erzählungen einbaut und damit den*die Leser*in im Unklaren darüber lässt, ob diese kleinen Details, dieses scheinbar wahllos eingefügte Wikipedia-Wissen, stimmen oder ob sie nur ein fiktiver Teil einer ebenso fiktiven Welt sind. Auf die Spitze treibt das die Erzählung Die Katze wohnt im Lalande’schen Himmel, in der der Erzähler einem Künstler mit psychischer Störung Anfang des 20. Jahrhunderts nachspürt, der in einer bestimmten Sternenformation am Nachthimmel ein erschreckendes Bild erkannte und nun nicht mehr in den Sternenhimmel blicken kann. Hier ist die gesamte Handlung mit allen Details (sogar eingefügten Fotos) und Informationen ein einziger Aufruf zu googleln – oder eben nicht.

Natürlich sind nicht alle der zwanzig Erzählungen und Prosastücke herausragend. Wie in den meisten Prosasammlungen sind auch in Der Trost runder Dinge Erzählungen, die das Gedächtnis schnell wieder verlassen, an die man sich am folgenden Tag nicht mehr erinnert. In Spam entwirft Setz im Stile typischer Spammails die Mail einer Frau, die scheinbar den Vater ihres Sohnes sucht und am Ende ihre Kontodaten hinterlässt, damit er Unterhalt zahlt. Die Sätze und Formulierungen, die durch die fingierte Übersetzung mit Hilfe einer schlechten Software entstehen, entwickeln anfangs noch einen absurd poetischen Ton, der sich aber schnell in seinem Effekt erschöpft. Die kürzesten Texte, die manchmal nur eine Seite lang sind, hinterlassen auch teilweise ein Gefühl der Wahllosigkeit, ihre Existenz in diesem Band macht ihn nicht stärker oder schwächer. Andere Erzählungen wie Das Schulfoto oder Ein See weiß mehr von der Erdkrümmung als wir erreichen schlicht nicht den sprachlichen und narrativen Sog wie Geteiltes Leid und Otter Otter Otter, sind dabei aber immer noch solide Kurzgeschichten.

In den stärksten Momenten aber – und davon gibt es einige – liefert Clemens J. Setz in Der Trost runder Dinge Erzählungen, von denen viel im Gedächtnis bleibt, sei es wegen Sprachbildern, wegen kleinen Beobachtungen oder aufgrund von Geschichten, die teilweise rührend, teilweise verstörend und teilweise beunruhigend realistisch sind. Clemens Setz Erzählungen sind Risse in der glatten Oberfläche des Alltags. Er deckt auf, was wir alle kennen, was wir aber einer gesellschaftlich akzeptierten Fassade zuliebe immer wieder verstecken. Deswegen kommen einem die Geschichten so nah; sie erscheinen seltsam bekannt und doch fremd – kaputte Pixel auf einem HD-Bildschirm. Hier zeigt sich, zu was deutschsprachige Literatur in der Lage sein kann, wenn man nicht in vorgefertigten Pfaden verharrt und trotzdem nicht mit Gewalt versucht originell zu sein. Man liest dieses Buch am besten mit einem Bleistift in der Hand, damit man auch die weniger prägnanten, aber außergewöhnlichen Sätze nicht vergisst. Die besten unter ihnen behält man auch so im Gedächtnis.

Photo by Michele Bitetto on Unsplash

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Ein Kommentar

  1. Ich fand das Buch eher anstrengend zu lesen. Der Stil war nach meinem Geschmack zu gewollt und so gar nicht anmutig.
    Mit freundlichem Gruß
    The Fab Four of Cley
    💃🚶‍♂️👭

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