Offenes Selbstbild, verkrustete Strukturen [Queering Literaturbetrieb]

Queering Literaturbetrieb
In den letzten Jahren ist ein Trend queerer Literatur auszumachen, in Übersetzung feiern Autor*innen wie Ocean Vuong, Maggie Nelson oder Edouard Louis große Erfolge. Dennoch haben queere Autor*innen in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, aber auch im Literaturbetrieb, immer noch zu wenig Präsenz und Mitspracherecht. Diskriminierung, Sexismus, LGBTIQ+-Feindlichkeiten und Ignoranz gehören leider weiterhin zum Alltag. Die neue Kolumne Queering Literaturbetrieb widmet sich in kurzen Essays den Dissonanzen zwischen Literaturproduktion und Verlagswesen. Sie fragt nach dringlichen Themen und Diskursen innerhalb der Gruppe der queeren Schreibenden. Eva Tepest, Katja Anton Cronauer, Kevin Junk und Alexander Graeff haben sich als Autor*innen zusammengeschlossen, um mit dieser neuen Kolumne den aktuellen Wasserstand der queeren, deutschsprachigen Literatur auszuloten. Sie wollen mit ihren Essays individuelle Erfahrungen aus den verschiedenen Berufs- und Lebensrealitäten zusammentragen und zugleich ein größeres Bild von aktuellen Chancen, Ambivalenzen und Missständen aufzeigen.

eine Kolumne von Kevin Junk

 

Literatur gab mir mein Leben. Sie zeigte mir, dass mein Begehren seinen Platz in der Welt hatte. Um es mit trans YouTuberin Natalie Wynne zu sagen: „The only good thing about being gay is doing gay shit.“ Und den fand ich in der Literatur: Klaus Manns unglückliches Verliebtsein, Genets brachiales Begehren, Mishimas schüchterne Zärtlichkeit, Schernikaus süffisante Affären. Ich fand ihn auch bei Else Lasker-Schüler, die zumindest mit Queerness spielt, so wie sie mit dem Verliebtsein kokettiert, als wäre es eine Droge, die gerade erst synthetisiert wurde. Ich lernte von Audre Lorde über das Begehren, über die Politisierung von Körpern und Intersektionalität. So viele queere Intellektuelle fütterten mein Selbstverständnis als schwuler Mann. Aber diese Texte waren alle Zeugen ihrer eigenen Zeit. Was war mit meiner Gegenwart?

Unsere Stimmen haben gesamtgesellschaftliche Relevanz

2019 sah ich Ocean Vuong auf dem Berliner Literaturfestival. Auf die Frage, wie er queeres Schreiben verorte, antwortete der amerikanische Autor, dass wir als queere Personen eine Verantwortung für die Gesellschaft haben. Denn wir sind in der Lage, so beschrieb es Vuong, Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen. Diese Perspektive habe ihre Berechtigung und einen Wert, den wir als Schreibende nicht vergessen dürften. Das hat mich beeindruckt und den Blick auf meine eigene Arbeit nachhaltig geändert. Für mich heißt das nicht, dass ich einer mehrheitlich cis-geschlechtlichen, heteronormativen Gesellschaft mein queeres Begehren erklären muss. Aber ich adressiere auch kein exklusiv queeres Publikum. Meine Texte sind kein Nischenphänomen – sie sind die Arbeit eines Autors, der auch ein queerer Mann ist. Muss man ein queerer Mann sein, um über zwei Männer zu lesen, die sich verlieben? Kann ich denn keine Lust dabei empfinden, wenn Audre Lorde in einem Gedicht den Sex mit einer Frau beschreibt? Kann ich als schwuler Mann denn nicht die Liebe zwischen zwei cis geschlechtlichen Heteromenschen in einem Film sehen wollen (wobei ich davon, wenn ich ehrlich bin, genug hatte)? Von trans Männern und ihrem Schreiben dürfte ich mehr über Männlichkeit gelernt haben als von vielen cis Männern. Unabhängig von unserer intersektionalen Verortung sind wir alle Menschen und wenn Literatur eines ist, dann eine Übung in Menschlichkeit, in Vorstellungsvermögen und in Mitgefühl. Literatur ist für mich ein Raum kritischer Reflexion, von erotischer Freude und von rationaler Stärke. Literatur kann so viel sein – aber der deutsche Literaturbetrieb zensiert sich selbst.

Wer will schon einem queeren Arbeiterkind zuhören

Als queerer cis Mann, als neurodiverse Person, als Arbeiterkind finden so viele Aspekte meines Erlebens nur selten in kulturellen Erzeugnissen statt. Erst recht nicht gleichzeitig. Mir wurde bei Weitem kein Selbstverständnis im Umgang mit kultureller Produktion auf den Weg mitgegeben. Das ist keine Anklage an meine Herkunft – mehr eine Beschreibung von realen Verhältnissen. Meine Herkunft konnte ich erst durch die Reflexion mit Freund*innen spiegeln, denen dank ihrer Bildung, ihrer Klasse und ihrer Herkunftsfamilie mehr soziales und kulturelles Kapital gegeben war.

Bereits in der Grundschule hielt meine Klassenlehrerin mich für sprachlich wenig begabt. Sie attestierte mir, dass meine sprachlichen Fähigkeiten nicht für das Gymnasium ausreichten und schickte mich auf die Realschule. Als ich Jahre später vom Begriff „Kevinismus“ hörte, wurde mir klar: Vielleicht gab es einen Grund, warum die Bernds und Hannahs auf das Gymnasium kamen, Kevins und Kerstins aber nicht. Auch ein Kevin kann schreiben, das musste ich mir immer wieder sagen. Schreiben lernt man nur vom Schreiben, sagte mir eine Deutschlehrerin. Recht hat sie – und ich wollte Schreiben lernen, daran bestand kein Zweifel.

Aber Arbeiterkind sein, das hieß für mich: Scham. Also lieber verschweigen. Ich bin schon schwul, jetzt muss ich meine intersektionalen Mühen nicht noch verschlimmern und mich damit belasten, dass ich mir Bildung erarbeiten und zum Teil erkämpfen musste. Ich wollte einfach ein belesener junger Mann sein, der sich zwanglos mit Literatur auskennt. Ich bin ein Literaturnerd – aber habe ich was zu schreiben? Bestimmt nicht, wenn ich auch noch meine Mehrfachdiskriminierung zur Schau stelle. Mir war noch nicht klar, das genau darin mein kreatives Potenzial liegt.

Nerdgasm: Die erotische Kraft der Gegenwart

Ich war 20, als ich nach Berlin kam. Ich verlor mich im intertextuellen Austausch zwischen den schwulen Literaten des 20. Jahrhunderts, las Kurzgeschichten von Mishima über Radiguet, jagte nach alten Klaus Mann-Romanen auf dem Flohmarkt. Ich hatte schon ein Promotionsthema in der Schublade. Ich wusste, wo ich hinwollte. Wie so oft kam es anders. Wenn alles glatt gelaufen wäre, wäre ich dank des Vorsprungs, den ich durch mein Frühstudium hatte, noch mit 22 oder 23 mit dem Master fertig gewesen. Aber nach den sehr früh begonnenen Jahren in der akademischen Welt, fehlte mir etwas. Ich wollte am Leben teilhaben, wollte in dieses Berlin eintauchen. Ich wollte nicht nur in queerer Literaurgeschichte sein, ich wollte queere Lebensrealität erfahren. Was war all die Forschung wert, all das Lesen, wie sollte ich jemals selbst schreiben, wenn ich nie am Leben teilgenommen hatte?

Ich war ausgebrannt von der Universität und verliebt in die queere Gemeinschaft, die ich auf Tanzflächen und in Toilettenkabinen fand. Das, was ich auf den Seiten von Büchern zwischen den Zeilen durchscheinen zu sehen glaubte, was ich aus Party Monster kannte (die zärtliche Hassliebe zwischen Seth Green und Macaulay Culkin), diese erotische, alles durchdringende, radikal am Leben teilhabende Energie, ich hatte sie gefunden. Meine Herkunft war egal, meine akademischen und intellektuellen Leistungen waren egal, ich hatte durch meine bloße Existenz bereits kulturelles Kapital und Teilhabe. Kleidung, Tätowierungen, Habitus: Sie wurden zur Währung in einer Gemeinschaft, die sich außerhalb von heteronormativen Räumen bewegte. Flirts, Küsse, Musik: Sie wurden zu kleinen Ritualen der Aufmerksamkeit, zu Wertschätzung in einer Welt, in der wir als queere Menschen nicht begrüßt wurden. In einem Raum voller queerer Menschen zu stehen und zu tanzen hat mich befreit, weil wir uns in diesen Momenten unsere Lust und unsere Lebensfreude zurückholten.

Der Bruch zwischen der geradlinigen Akademia und dem frei schwebenden Zustand außerhalb von Bildungseinrichtungen und hinter gut bewachten Clubtüren, eröffnete mir eine neue Perspektive auf mein Leben als queerer Mann. Ganz auf mich gestellt, mit der Aufgabe betraut, meinem Leben selbst Richtung zu geben, hatte ich hier Inspiration gefunden. Meine Herkunftsfamilie konnte mir keine Karrieretipps geben, genausowenig konnte meine kulturwissenschaftliche Ausbildung mich auf ein Leben außerhalb der akademischen Weltvorbereiten.

Nach Jahren der Analyse von Romanen und Texten, nach Jahren der Theorie, war es an der Zeit, in die Praxis zu gehen. Ab 2013 schrieb ich regelmäßige kultur- und gesellschaftskritische Essays auf einem mittlerweile eingestellten Blog. Meine Essays zur Gegenwartskultur mündeten dann irgendwann in den Band “Berliner Befindlichkeiten”, den ich 2015 bei Culturbooks veröffentlichte. Aber ich  wollte einen Roman schreiben, der die Gegenwart in den Blick nahm, eine Geschichte erzählen, die Relevanz hatte, ohne dabei meine eigene Biografie in den Mittelpunkt zu stellen (das können Mittelschichtskinder bestimmt besser). Ich wollte von der erotischen Kraft der Gegenwart erzählen, so wie ein Genet mir von der erotischen Kraft eines Seemanns erzählt.

Wie ein Roman funktionierte, wusste ich durch Jahre der Analyse – aber wie schrieb man einen? Die Falle autobiografischer Nabelschau löste ich durch eine auf mehrere Figuren aufgeteilte Geschichte. Der Schreibprozess absorbierte mich komplett, so sehr, wie mich sonst nur akademisches Arbeiten absorbiert hatte. Feedback aus meinem direkten Umfeld gab mir das Gefühl, dass ich mit dem Text nicht komplett daneben lag. Also schloss ich den Roman ab und suchte mir eine Agentur. Glücklicherweise sah eine Praktikantin, wie mir eine spätere Agentin erzählte, das Potenzial im Text. Insgesamt sollte ich mit drei Agent*innen arbeiten, die mir alle das gleiche sagten: Es ist ein toller Text, du hast eine Stimme. Aber das Thema, die Figuren, das Set-up – das wird schwierig. Niemand sagte es so gerade heraus, aber der Roman war zu queer. Kein großer Verlag würde sich an den Stoff trauen.

Kann ein Roman zu queer sein?

Da war ich nun mit einem Manuskript in der Hand, das ich im Laufe der Jahre immer wieder anpasste, an dessen Relevanz ich glaubte, das mir als veröffentlichungswürdig attestiert wurde, und doch war etwas falsch daran: Es war nicht mein Talent, es war meine Geschichte. Es war die Beschreibung einer Realität, die scheinbar in der Literatur nicht sein durfte. Hätte ich den Roman einfach auf eine eher straighte Storyline umschreiben sollen? Nein, auf keinen Fall.

Ich wartete auf Mails von Agent*innen, hoffte auf eine Zusage und irgendwann gab ich auf. Ich hatte keine Hoffnung mehr in der Prosa. Zugleich hatte ich kleine Erfolge mit lyrischen Veröffentlichungen: Hier war ich nicht zu queer, hier konnte ich gar nicht queer genug sein. Vielleicht weil man mit Lyrik ohnehin kein Geld macht. Mit Lyrik wurde ich zu Anthologien eingeladen, von Magazinen zur Einsendung aufgefordert, fand Freundschaften und war Teil von Lesungen. Dann eben Lyrik, dachte ich mir. Aber die Prosa ganz aufgeben? Dazu war ich nicht bereit. Ich kann nicht sagen, ob es Sturheit oder Selbstbewusstsein war, aber als ich die Chance hatte, persönlich mit einem Verlag zu sprechen, brachte ich den Roman wieder auf den Tisch. Wir tauschten uns aus, wir näherten uns an – für den ersten schwul-lesbischen Verlag Deutschlands konnte ein Buch zumindest nicht zu queer sein. Während diese Zeilen entstehen, liegt das Romanmanuskript in den letzten Zügen des Lektorats – nach 8 Jahren Arbeit am Text wird „Fromme Wölfe“ im März 2021 im Querverlag erscheinen. Ein weiter Weg, der sich, um ehrlich zu sein, für den Roman als Projekt gelohnt hat. Aufgeben war nie eine Option.

Es gibt zu viele Barrieren

Karten auf den Tisch: Ich bin froh, in einem queeren Verlag zu veröffentlichen, fühle mich in der Autoren-Verleger*innen-Beziehung aufgehoben. Was ich dem allgemeinen Literaturbetrieb aber guten Gewissens vorwerfen kann, ist dass das offene tolerante Selbstbild leider mit der Realität kollidiert. Als schwules Arbeiterkind muss ich sagen: Es gibt viele unsichtbare Barrieren. Diese Barrieren sind in den Köpfen des Literaturbetriebs. Niemand will es zugeben, niemand will sein*ihr offenes Selbstbild mit der Realität kollidieren lassen. Aber die Barrieren werden anfassbar, wenn Aussagen kommen wie: “Das wird schwer zu veröffentlichen.” Diese Barrieren hemmen meine Finger beim Tippen und sie machen mich vorsichtig. Will ich veröffentlicht werden oder will ich mein Leben ungehindert ausbuchstabieren? Ich will ja noch nicht mal provozieren, ich will ja noch nichtmal anklagen, aber das, was für mich selbstverständlich ist, das wird bereits als Schreiben gegen Normen lesbar. Wo liegt der Unterschied zwischen einem nicht-veröffentlichten Roman, der aufgrund seiner schwulen Figuren nicht zu verkaufen ist, und den Menschen, die mich anspucken, weil ich schwul bin? Es fällt mir schwer, beides zu trennen, denn beides ist in letzter Konsequenz: homofeindlich. Beides limitiert meinen Ausdruck in der Welt, nur weil ich mich in Männer verliebe.

Zugleich ist der Literaturbetrieb reich an Beispielen, die meine Argumente widerlegen könnten. Wurde nicht Mishima kürzlich wieder aufgelegt? Gibt es nicht queere Arbeiterkind-Geschichten von Édouard Louis? Was diese beiden Beispiele gemein haben: Sie sind nicht in der deutschen Gegenwartskultur entstanden. Scheinbar kann das queere Erzählen im deutschen Literaturbetrieb nur als das andere, das übersetzte oder das historische passieren. Wir brauchen mehr queere Stimmen, wir brauchen einen ganzen Chor, der die Vielfalt und die erzählerische Kraft einer queeren Perspektive auf die Welt zeigt.

Aber die strukturellen Bedingungen machen es mehrfach diskriminierten Menschen nicht leicht, ihre Geschichten zu erzählen. Doch dafür genügen nicht Autobiografien queerer Menschen, die ihre Berechtigung haben. Es braucht jede mögliche Form des kulturellen und literarischen Ausdrucks, in jeder Form, von autobiografisch bis Science-Fiction. Wir können mehr als eine tokenisierte Sprecher*innenposition, aus der queere Menschen nicht ausbrechen dürfen Was wenn ich nicht so beharrlich gewesen wäre? Was, wenn mir Agent*innen und Weggefährt*innen nicht immer wieder Mut gemacht hätten? Wie viele Menschen gibt es, die weniger Privilegien haben als ich, die relevante und schöne und politische Geschichten zu erzählen hätten, aber leider nie die Chance auf eine Veröffentlichung bekommen?

Audre Lorde sagt in ihrem Essay “The Uses of the Erotic”, dass das erotische Erleben kein Zurück kennt:

Es drückt sich als ein inneres Gefühl von Befriedigung aus, das wir, sobald wir es einmal erfahren haben, immer wieder anstreben können. Weil wir die reiche Tiefe der Gefühle und die ihnen innewohnende Kraft erfahren haben, erwarten wir aus Ehre und aus Respekt vor uns selbst nicht weniger als eben diese Fülle von uns. [1]

Genau dieses Erleben speist literarisches Schreiben. Genau dieses Erleben speist mein Verständnis von Literatur. Und weil ich nicht weniger von mir erwarte, als genau mit dieser erotischen Kraft zu arbeiten, kann ich mich nicht zensieren. Als queere Schreibende haben wir die Chance unsere Lebensfreude, unsere Lust und unsere erotische Kraft in Texte zu gießen. Als queere Kulturschaffende können wir zu einer besseren, zu einer offeneren Gesellschaft beitragen. Wir haben das Privileg Räume der Gemeinschaft zu schaffen, unsere Imagination dazu zu nutzen neue Möglichkeiten des Mitfühlens zu schaffen. Unsere Geschichten haben Relevanz, gerade weil sie sich nicht in das heteronormative Normgefüge einordnen lassen. Wir müssen uns dabei nicht für unsere Queerness rechtfertigen, sie erklären. Sie darf einfach sein – denn auch wir verlieben uns, auch wir altern, auch wir kennen Rassismus. Auch wir schlendern durch Wälder und schreiben Gedichte. Auch wir haben etwas von Bedeutung und von Schönheit zu erzählen. Queere Autor*innen sind bereits ein integraler Teil der Literaturgeschichte und wir werden weiterhin da sein. Doch der deutsche Literaturbetrieb ist weniger mutig, weniger offen, als er sich gerne sehen will. Deswegen: Queering Literaturbetrieb. Und zwar jetzt.

 

[1] “It is an internal sense of satisfaction to which, once we have experienced it, we know we can aspire. For having experienced the fullness of this depth of feeling and recognizing its power, in honor and self respect we can require no less of ourselves.”

 

Photo by Jonathan Kemper on Unsplash