Normalisieren statt rechtfertigen – Zwei Bücher über Kinder und Transidentität

von Katja Anton Cronauer

Die Graphic Novel Steinfrucht von Lee Lai und das Kinderbuch Das schönste Kleid von Holger Edmaier (Text) und Kai D. Janik (Illustrationen) unterscheiden sich in einigen Punkten, wie Alter der Lesenden, zugrundeliegender Geschichte und Auflösung der dargestellten Problematik. Doch haben sie etwas wesentliches gemeinsam: Beide normalisieren statt Othering zu betreiben und beide thematisieren, wie es trans* Kindern und Jugendlichen in einer cis-normativen Gesellschaft ergeht.

Während Das schönste Kleid der Welt die Geschichte des trans* Mädchens Anna von ihrer Geburt bis in ihre Schulzeit hinein erzählt, ist die trans* Hauptfigur in Steinfrucht erwachsen und kümmert sich regelmäßig zusammen mit ihrer Beziehung um deren kleine Nichte Nessie.

„Am Besten lief es, als Nessie sechs war“, lautet der erste Satz, mit dem uns die Comickünstlerin Lee Lai in Steinfrucht in einen dunklen Wald führt, durch den drei Personen rennen, ganz vertieft in eine spielerische Verfolgungsjagd. Dank feiner Striche in Gesichtern und Körpern, geweiteten Augen und spitzen Zähnen wirken sie wild, glücklich und voller Energie.

©Lee Lai/avant-verlag

Erst ein Telefonanruf holt sie zurück in die Wirklichkeit.

Eine Wirklichkeit, die kein fantastischer Wald mehr ist, sondern in der zwei dieser Personen, Bron und Ray, im fünften Jahr ihrer Beziehung sind, die geprägt ist von Familienaltlasten und festgefahrenen Dynamiken. Dieser im Vergleich geradezu banalen, aber bedrückenden Realität entflieht das Pärchen regelmäßig, wenn es sich um die sechsjährige Nichte kümmert. Gemeinsam tauchen sie dann ein in eine magische Welt mit Silberhund und selbst ausgedachten Liedern und erleben „Tage wie kleine Inseln des Trosts“.

Wie Max in dem Kinderbuchklassiker „Wo die wilden Kerle wohnen” flüchten die Protagonist*innen sich hier in eine Traumwelt, wo sie ihre Wut, ihren Frust kanalisieren und abbauen können.

Mit ihrem zeichnerischen Kniff verleiht Lee Lai dem Spielen mit der Nichte sowie einer Sexszene mit Ray und Bron eine Intensität, die alles andere verblassen, die Protagonist*innen alles andere vergessen lässt. 

Dieses Verblassen wird versinnbildlicht durch den Gegensatz der Darstellungen des spielerisch Animalischen zu den realistischeren Zeichnungen.

In letzteren wirken die Charaktere je nach Situation unzufrieden oder – im Fall von Nessie, als diese wieder zu Hause ist – angepasst und brav. Oder traurig und ratlos, wie wenn Ray und Bron am Frühstückstisch sitzen und über die Mauer sprechen, die Bron immer wieder aufs Neue um sich errichtet, oder wenn die Unsicherheiten, die dies bei Ray auslöst, zu Tage treten.

©Lee Lai/avant-verlag

Schließlich beschließt Bron, eine Zeit lang zu ihren Eltern und ihrer jüngeren Schwester zurückzuziehen, nachdem sie vier Jahre lang keinen Kontakt hatten und die, wie Ray anmerkt „nicht mal [ihren] Namen richtig“ sagen, religiös sind und offensichtlich eine „Therapie“ für Bron wollten.

Erst in dieser Textpassage erahnen wir zwei zentrale Elemente der Handlung, die bisher keine Erwähnung erfahren haben und auch im weiteren Verlauf der Geschichte zwar eine Rolle spielen, aber nicht für sich allein ins Zentrum des Erzählens gerückt werden: Bron ist trans* und ihre Eltern wollten ihr das austreiben. 

Wir erfahren also erst nach etwa einem Drittel des Buchs, dass Bron trans* ist. Zudem wird weder an dieser Stelle noch im Weiteren erklärt, was es bedeutet, trans* zu sein. Die Thematisierung dieser Eigenschaften einer Figur lediglich am Rande als Element der Handlung wie jedes andere auch, ist eine genauere Betrachtung in diesem Kontext wert. Es findet Normalisierung statt, kein Othering.

Normalisierung statt Othering

Othering bezeichnet den Prozess sich von einer Gruppe von Menschen abzugrenzen, indem diese als andersartig und als abweichend von der Norm beschrieben werden. Leider ist ein Othering von trans* Charakteren in Büchern gängig. Meist muss die trans* Figur sich erklären, oft im Rahmen einer Coming-Out-Story oder in rückblickender Reflektierung.

In Steinfrucht dagegen lernen wir Bron zunächst rein als Person über ihre Charaktereigenschaften kennen, als gleichwertigen Teil eines wenn auch dysfunktionalen Beziehungsgeflechts.

©Lee Lai/avant-verlag

Selbst als wir erfahren, dass Bron trans* ist, wird nicht die trans* Person als „anders“ dargestellt; sie muss sich nicht erklären. Im Gegenteil, hier wirken die transfeindlichen Eltern „anders“ – verschlossen und stur – und bedürfen der Erklärung, in diesem Fall durch Brons Schwester, die dieser versichert, dass ihre Eltern sich über Brons Anwesenheit freuen und hinzufügt: „Natürlich würden sie niemals ihre Gefühle zeigen […] Aber man merkt es an den kleinen Dingen. Ich mach das schon so lange mit, dass ich eine Sozialstudie über die beiden machen könnte. Ich bin eine Expertin.“

Dieses Umdrehen des Otherings und die Tatsache, dass auch nicht ansatzweise erklärt wird, was es bedeutet trans* zu sein, es keiner Rechtfertigung bedarf, ist eine erfrischende Abwechslung, die es viel zu selten gibt. Solche Darstellungen „normalisieren“ das Trans*-Sein.

Auch in dem Kinderbuch Das schönste Kleid findet eine solche Normalisierung statt. Zum Teil erzählt aus der Sicht des Kindes, erscheinen hier die Reaktionen der Erwachsenen merkwürdig. So heißt es kurz nach Annas Geburt: “Dann passiert etwas Seltsames. Die Ärztin schaut Anna an und sagt: „Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Junge.“” Ebenfalls seltsam erscheint, dass die Eltern ihrem Kind zwar nicht nur geschlechterstereotype Spielsachen schenken, sich aber wundern, dass Anna gern Prinzessin spielt und sich weigern, ihr ein Kleid zu kaufen, denn: „Jungen tragen keine Kleider!“ […] so haben sie es gelernt.

Da alle annehmen, dass Anna ein Junge ist, muss Anna zwar schließlich all ihren Mut zusammennehmen und ihren Eltern sagen, dass sie ein Mädchen ist, doch von da an erfährt sie Verständnis. Weitere Erklärungen sind nicht vonnöten. Damit wird eine Akzeptanz vermittelt, die häufig fehlt und die sich jedes trans* Kind wünschen dürfte. Dass dennoch in Zukunft nicht alles einfach sein wird für Anna, wird realistischerweise auf der letzten Seite angedeutet: „Mama, Papa und Anna […] wissen, dass sie gemeinsam alles schaffen werden.“

Zum elterlichen und gesellschaftlichen Umgang mit trans* Kindern

Äußern trans* Kinder und Jugendliche sich zu ihrer geschlechtlichen Identität wird dies meist als Phase abgetan, ins Lächerliche gezogen oder gar problematisiert.

Die beiden hier besprochenen Bücher präsentieren zwei sehr unterschiedliche Reaktionen von Eltern: In Das schönste Kleid sind die Erwachsenen zwar zunächst irritiert, dass Anna nicht ihren Rollenerwartungen entspricht, doch als Anna erklärt, ein Mädchen zu sein, erhält sie von ihren Eltern liebevolle und bedingungslose Akzeptanz. Der Vater umarmt sie zärtlich und sagt: „Wir haben eine Tochter! Wie heißt Du denn?“ Und der Mutter ist egal, dass Leute „blöde“ schauen, als sie mit Anna in ihrem neu gekauften und ersten Kleid nach Hause laufen.

Im Gegensatz hierzu haben Brons Eltern in ihrer Kindheit dafür gesorgt, dass sie „mehrmals in der Woche mit Pater Williams“ sprach und „einen Psychiater für [Bron] bezahlt“. Auch später finden sich Brons Eltern nicht damit ab, dass sie ihre Tochter und nicht ihr Sohn ist. Zwar sagt ihr Vater „Zuhause gibt es immer einen Platz für Dich“ (S. 103), denkt aber immer noch von Bron als Sohn. So sagt er über Brons Besuch: „[Deine Schwester] freut sich sehr. Sie hat ihren großen … sie hat dich vermisst.” Die Mutter sagt Bron ins Gesicht, dass sie „vom Weg abgekommen“ sei.

Insgesamt weichen Brons Eltern Gesprächen über ihr Trans*-Sein allerdings möglichst aus. Auf Brons Beschwerde „Niemand hier spricht über seine Gefühle. Ich weiß nicht, wie ihr das macht.“, erwidert ihre Mutter schon von Bron weglaufend: „Ich weiß nicht, was du hier suchst. Ich mache Abendessen.“ und lässt Bron allein im Garten zurück. In Das schönste Kleid ist das zunächst nicht anders. Hier wird denn auch angemerkt: „Alle reden über Anna. Aber niemand redet mit Anna. Niemand fragt Anna, wie es ihr geht. Niemand fragt Anna, was sie will.“ Ein Freund von Anna bezeichnet sie gar als „komisch“ und „anders“. Im Sportunterricht wird sie ausgelacht, weil sie sich bei der Einteilung in Mädchen und Jungen zu den Mädchen stellt. Keines der anderen Kinder will mehr mit ihr spielen.

Die dargestellten Erfahrungen sind keine Ausnahmen: „Trans* Kinder und Jugendliche erfahren überdurchschnittlich Mobbing und Ausgrenzung an Schulen und in Ausbildungsstätten, aber auch in ihren Familien.” Das hat naturgemäß Folgen für ihr Selbstbewusstsein und ihre psychische Gesundheit bis ins Erwachsenenalter. „Die Suizidversuchsraten von trans* Personen liegen studienübergreifend bei 30 % und höher.“ Die Auswirkungen solcher Diskriminierung werden exemplarisch in Steinfrucht gezeigt. Bron ist depressiv und sagt wiederholt, dass sie versucht „klarzukommen“. Ray erklärt ihrer Schwester: „[W]enn dir alle in deinem Umfeld einreden wollen, dass es das, was du bist, eigentlich nicht gibt … das tut keinem gut.“ 

Denn auch auf Rays und Brons Beziehung wirkt sich aus, was Bron als Kind und Jugendliche durchmachen musste. So erklärt sie: „Ich wusste einfach nicht, wohin mit all dem, was ich hinter mir hatte. Und ich hatte das Gefühl, [Ray] wollte davon gar nichts wissen.“ Ray bestätigt in einem Gespräch mit ihrer Schwester zwar, dass sie Bron in Bezug auf ihr religiöses Aufwachsen „nicht ganz versteh[t]“, aber grübelt auch darüber nach, wie sie mit der Zeit „auf etwas härteres, tief in [Brons] Inneren” stieß und “keine Ahnung hatte, wie [sie] damit umgehen sollte.”

©Lee Lai/avant-verlag

Für Bron und Ray gibt es kein Happy End. Aber sie finden einen besseren Kontakt zu ihren Schwestern und kommen schließlich auch miteinander wieder ins Gespräch. Denn die zunächst simpel erscheinende Handlung beinhaltet so viel mehr: die Wichtigkeit miteinander zu kommunizieren und Raum für Gefühle zu lassen, auch traurige. Steinfrucht präsentiert komplexe Themen und keine einfachen Lösungen, sondern einen Versuch familiäre und romantische Beziehungen aufzuarbeiten. 

Hier unterscheiden sich die beiden Bücher. Das Kinderbuch präsentiert – in diesem Fall zu Recht – eine einfache Lösung: Dem Kind Glauben zu schenken, ihm zu vertrauen und den Weg mit ihm gemeinsam zu gehen. Da dies aufgrund gesellschaftlicher Reaktionen auch für Eltern nicht immer einfach ist, gibt es am Ende des Buchs eine Liste mit Adressen und Anlaufstellen.

Beitragsbild von Ben Wicks