Noch ganz dicht? Zynische Leere in 52 Akten

von Anne Fritsch

 

Leben in der Pandemie macht keinen Spaß. So ein Lockdown ist kein Stimmungsaufheller. All das, was in normalen Zeiten das Leben schön macht, fällt auf einmal weg: essen gehen, Freunde treffen, Theater- und Konzertbesuche, reisen und und und. Zum Weniger an Spaß kommt ein Mehr an Sorgen. Auch für die, die das Glück haben, bisher gesund geblieben zu sein und keine Angehörigen verloren zu haben. Ganze Branchen liegen auf Eis, der Kulturbetrieb ist quasi lahmgelegt. Wer sein Geld mit Kunst verdient, hat es noch schwerer als ohnehin. Dass man und frau da nach einem Jahr Ausnahmezustand auch mal weinerlich wird und sich leid tut, ist menschlich. Dass man diese Weinerlichkeit allerdings öffentlich über alles andere stellt, ist nicht nur egozentrisch: Es ist unsolidarisch und spielt den falschen Leuten in die Hände.

Dennoch hat vergangene Woche eine ganze Reihe prominenter Schauspieler*innen genau das getan. In der Online-Kampagne #allesdichtmachen, für die der Filmproduzent Bernd K. Wunder aus München verantwortlich zeichnet, haben sie sich zu Wort gemeldet. Heike Makatsch, Ulrich Tukur, Jan-Josef Liefers, Ulrike Folkerts, Volker Bruch, Meret Becker, Nicholas Ofczarek, Nina Proll und viele andere. Diverse „Tatort“-Ermittler*innen und andere Filmgrößen. In kurzen Videos, die alle nach demselben Prinzip aufgebaut sind, spricht da nacheinander der eine und die andere in die Kamera, stellt sich als Schauspieler*in vor, gibt vor, die Corona-Maßnahmen zu unterstützen, und macht sich anschließend darüber lustig. Da spottet Meret Becker über das Maskentragen („Ich verstehe jetzt gar nicht mehr, wie ich so lange leben konnte mit den ganzen Viren“), und Nina Proll erklärt: „Ich bin Schauspielerin. Früher dachte ich, ich könne frei und selbstbestimmt Karriere machen. Doch das war naiv. Die Pandemie hat mir gezeigt, wo mein Platz ist.“ Miriam Stein erklärt, es werde zu wenig getestet: Man solle alle, „auch Ungeborene“, zweimal täglich testen. Und zur Sicherheit nur mit negativem PCR-Test zum PCR-Test gehen. Kathrin Osterode erklärt ihre persönlichen familieninternen Inzidenzregeln, die vorsehen, dass ab einer Inzidenz von 250 das erste Kind zur Adoption freigegeben wird.

Eine gute Stunde dauern die Videos insgesamt, das Unbehagen wächst von Clip zu Clip. Immer wieder diese Worte: „Ich mache mir Sorgen“, die hier eingesetzt werden, um echte Probleme zu bagatellisieren und ad absurdum zu führen. Als wären sie nur ausgedacht, um die Menschen zu verunsichern und unter Kontrolle zu bringen. Auf der anderen Seite werden Probleme konstruiert, wo keine sind, zum Beispiel wird da von Kindern berichtet, die sich nach Schnelltests übergeben, von Jugendlichen, die von der Polizei mit Gummiknüppeln verprügelt werden, oder davon, dass der Applaus im Theater von der falschen Seite komme. Hier geht es nicht darum, Maßnahmen kritisch zu hinterfragen. Hier wird Stimmung gemacht. Zynisch. Und teilweise menschenverachtend. Die Sprechenden implizieren, dass es da draußen jemanden gibt, der Spaß daran hat, ihre Freiheiten einzuschränken und ihnen das Leben zu vermiesen. Immer wieder fällt als Name des Verdächtigen: „die Bundesregierung“. Als lebten wir längst nicht mehr in einem demokratischen Staat, sondern in einem von dieser ominösen „Bundesregierung“ drakonisch gelenkten Land. Als ginge es darum, „die Coronamaßnahmen“ zu unterstützen, nicht etwa darum, Menschenleben zu retten.

Empathie ist ohnehin nicht unbedingt das, was diese Videos, die bezeichnenderweise alle in der „Ich“-Form gehalten sind, auszeichnet. Die Empfehlung von Thorsten Merten beispielsweise, alle Menschen sollten in große Villen ziehen, um den nötigen Abstand halten zu können, entbehrt natürlich nicht eines gewissen Reizes, in irgendeiner Art nützlich oder hilfreich aber ist sie nicht. Im Gegenteil: Hier sitzt jemand sehr Privilegiertes und spricht im wahrsten Sinne von oben herab, von der Galerie des Altbaus darüber, dass er sich „Sorgen“ mache, weil es so viele „Egoisten“ gäbe, die keinen Abstand halten: „Kann die Bundesregierung nicht dafür sorgen, dass wir alle in Villen wohnen?“ Der Mechanismus ist einfach: Man nehme eine unbequeme Maßnahme, führe sie ad absurdum und stelle damit ihren Sinn in Frage. Die AfD ist sehr gut in dieser Art der Argumentation. Und so ist es kein bisschen verwunderlich, dass prompt Applaus aus dieser Ecke kam.

Die Videos laufen unter den Hashtags „allesdichtmachen“, „niewiederaufmachen“ und „lockdownfürimmer“. Schon diese Hashtags sollten den inzwischen in Sachen Verschwörungsglauben sensibilisierten Geist in Alarmmodus versetzen. Sie implizieren, dass die Einschränkungen nicht zeitlich begrenzt seien, dass hinter den Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie düstere Absichten stünden, ein gezieltes Abwürgen der Kultur etwa. Die Bitten, sich an die Maßnahmen zu halten, werden ironisiert und ins Lächerliche gezogen. Da appelliert ein Volker Bruch an die Regierung, ihm „wieder mehr Angst“ zu machen. Auch Bernd Gnann hätte gerne mal wieder ein paar „Horrorszenarien“ von der Regierung, sowas mit „Millionen Toten“. Die über 80.000 in Deutschland Gestorbenen sind ihm anscheinend nicht genug. Dass sehr viele Menschen gerade mehr als genug Angst haben? Die, die nicht in weitläufigen Villen wohnen etwa, sondern auf engem Raum in Gemeinschaftsunterkünften? Die, deren Eltern, Ehepartner*innen oder Freund*innen gerade um ihr Überleben kämpfen? Die, die durch Vorerkrankungen in besonderem Maße gefährdet sind? Geschenkt.

Wenn man all sowas sagt, ganz groß ist im Kritisieren und Sich-Lustig-Machen, wäre es vielleicht hilfreich, einen Gedanken darauf zu verschwenden, was wäre, wenn. Wenn alle Maßnahmen tatsächlich aufgehoben würden. Wenn sich „die Bundesregierung“ nicht länger in unser Leben und unsere Gesundheit einmischen würde. – Ist das das Ziel der Kampagne? Eine Aufhebung der Masken- und Testpflicht, all der lästigen Regeln? Wo Kabarett für gewöhnlich Umstände zugespitzt darstellt, die die Künstler*in für änderungswürdig hält, bleibt die Stoßrichtung hier merkwürdig schwammig. Dieser Rundumschlag steht einer differenzierten Kritik im Wege. Denn natürlich gibt es einiges zu kritisieren, natürlich sind nicht alle Maßnahmen gleich sinnvoll, natürlich ist die Situation der Kulturschaffenden seit einem Jahr extrem schwierig und angespannt. Diese Aktion allerdings trägt nicht dazu bei, denen Gehör zu schaffen, die gerade in ihrer Existenz bedroht sind. Es ist die eitle Selbstdarstellung der Saturierten, die eher dazu führt, dass Schauspieler*innen in der Öffentlichkeit als wenig empathische Spezies wahrgenommen werden, die nur um sich selbst kreist, als dass irgendjemand sich nun Gedanken machen wird, wie man sich für den Bestand der Kunst nach Corona einsetzen kann.

Um ehrlich zu sein: Nicht alle Videos sind gleich schwer zu ertragen. Hilfreich aber ist in der aktuellen Situation kein einziges. Wem nützt es, wenn Felix Klare behauptet, sich in Erziehungsfragen nun an seinem Urgroßvater zu orientieren und die Kinder auch mal „übers Knie zu legen“, wenn es im Homeschooling nicht so läuft? „Der Staat“ würde ja neuerdings auch recht klare Ansagen machen… Wenn Richy Müller in Tüten atmet, um nicht mit der Raumluft in Kontakt zu kommen… Da behauptet Nina Gummich, sie mache sich stark für Meinungsfreiheit und habe sich daher von ihrer eigenen befreit: „Eine eigene Meinung zu haben, ist zur Zeit wirklich krass unsolidarisch“, sagt sie lächelnd in die Kamera. Und: „Es ist für uns alle am besten, wenn wir einfach wiedergeben, was uns von der Bundesregierung aufgetragen wird.“ – Diese Mischung aus Ironie und Zynismus ist schwer zu ertragen.

Natürlich wird denen, die diesem „Spaß“ kritisch begegnen, nun vorgeworfen werden, dass sie keinen Humor hätten. Nur: Was ist daran komisch? Und: Wer findet das komisch? Ist Humor wirklich, wenn man trotzdem lacht? Obwohl da draußen die applaudieren, die sich mit Rechtsradikalen zusammentun? Ist es lustig, wenn sich ein Ulrich Tukur hinstellt und fordert, dass alles geschlossen wird, nicht nur die Theater, sondern auch die Supermärkte und Wochenmärkte? Weil, wenn wir „alle am Leibe“ verhungert seien, entzögen wir dem Virus seine „Lebensgrundlage“. Und: Werden hier Rollen gespielt oder ist das echt? Nachdem jeder sich namentlich vorstellt, ist davon auszugehen, dass die Sprechenden hinter dem stehen, was sie da sagen. Oder zumindest: dahinter standen. Denn bereits am Morgen danach, am Freitag Vormittag, ließ Heike Makatsch als erste ihr Video von der Homepage nehmen, andere folgten. Schockiert von der Welle der Kritik. Vielleicht war einigen der Kontext tatsächlich nicht klar. Doch auch jeder einzelne Beitrag war ganz für sich genommen daneben.

Da setzt sich Jan-Josef Liefers doch tatsächlich vor eine Kamera und dankt „allen Medien unseres Landes“ dafür, dass sie dafür sorgen, „dass kein unnötiger kritischer Disput uns ablenken kann von der Zustimmung zu den sinnvollen und immer angemessenen Maßnahmen“. Er wirft alle Medien in einen Topf, macht sich keine Mühe zu unterscheiden und bedient dadurch den Mythos der „gekauften“ Medien, eines der Lieblingsthemen der AfD. Joana Cotar, AfD-Bundestagsabgeordnete, reagierte prompt auf Twitter: „Ich feier ihn gerade! Jan Josef Liefers. Das ist intelligenter Protest.“ Liefers postete zwar im Anschluss eine „Klarstellung“, distanzierte sich von AfD und Co., nicht aber von seinen Aussagen: Sein Video ist noch immer online. Es ist schlicht Unsinn, den Medien von Tagespresse bis zum Öffentlichen Rundfunk ein Agieren im Auftrag einer dubiosen Macht vorzuwerfen. Allzu viele glauben es ohnehin, holen sich ihre Informationen lieber aus den sozialen Netzwerken. Ein ebenso großer Unsinn ist der Vorwurf, es wäre nicht erlaubt, die Regierung zu kritisieren. Natürlich ist das erlaubt. Aber Widerspruch ist eben auch erlaubt. Wenn Liefers – und all die anderen – die Parallelen zu der Argumentation der Rechten erst sehen, wenn andere sie mit dem Finger darauf stoßen, macht das die Sache nicht weniger peinlich. Klar ist es besser, sich von etwas zu distanzieren, das falsch war. Noch besser aber wäre es, erst zu denken und dann zu sprechen. Beziehungsweise zu posten.

Was man hier zu sehen und zu hören bekommt, sind keine spontanen Straßeninterviews zwischen Tür und Angel, wo der Sprecherin oder dem Sprecher zugestanden werden muss, vielleicht etwas Unüberlegtes gesagt zu haben. Es sind professionell gedrehte Videos. Hier hatte jede*r genügend Zeit zu überlegen, was sie oder er da sagt. Die da sprechen, sind Medienprofis. Die wissen (sollten), was sie tun. Und von wem das geliked werden wird, wem das in die Hände spielt. Nach einem Jahr Pandemie, nach einem Jahr voller Querdenker und Querdenkerinnen als prominente Persönlichkeit derartige Dinge in eine Kamera zu sprechen und sich anschließend zu wundern, wenn Verschwörer und Rechte begeistert darauf reagieren, das ist nicht nur naiv. Es ist unglaubwürdig. Dieses sich selbst als Maßstab aller Dinge Nehmen, eine weltweite Katastrophe als Angriff auf die persönliche Entfaltung Interpretieren – und vor allem dieses Implizieren, dass dahinter eine irgendwie geartete Absicht stehe: Das ist ein Aushöhlen der Demokratie unter dem Deckmantel, ein kritischer Geist zu sein.

Es ist nicht zu bestreiten, dass die Kultur unter den Lockdowns leidet wie wenig andere Branchen. Dass hier sehr viel in Hygienekonzepte und Sicherheitsstudien investiert wurde, die anschließend von der Politik nicht anerkannt wurden. Dass sich da Frust aufstaut, verwundert kaum. Nur: Vielen geht es sehr viel schlechter als denen, die sich hier so lautstark zu Wort melden. Wer als Schauspieler nicht eben als Gerichtsmediziner im Tatort Leichen seziert, sondern als Gast an Theatern spielt, der hatte seinen letzten Job vor über einem Jahr. Eine Zeitlang haben sich nicht wenige Theater um Solidarität mit ihren Freien bemüht und Ausfallhonorare gezahlt, doch inzwischen müssen alle streng haushalten. Eine längerfristige Planung ist kaum möglich, man setzt auf das feste Ensemble. Schon das kommt ja wenig bis gar nicht zum Einsatz. Unter den Theaterschauspieler*innen sind heute glücklich die, die sich fest an ein Haus gebunden haben, ein Festengagement bekommen haben. Viele Freie sind in ihrer Existenz bedroht. Wer heute mit der Ausbildung fertig wird, für den sieht es düster aus. Sie alle haben größere Probleme als sich über das Tragen von Masken lustig zu machen.

Die Not der Kolleg*innen aber kommt nicht vor in den Videos. Die Aktion ist kein Sich-Stark-Machen für die Schwächeren. Es ist kein solidarischer Akt unter Kulturschaffenden. Es ist Hohn, der ins Leere geht und keinerlei Perspektive aufzeigt. Es ist keine Kritik an einzelnen Maßnahmen oder Beschlüssen, sondern ein unkonkretes Herumschwurbeln. Wie bei all den anderen selbsternannten „Corona-Kritikern“ fehlt hier das Konstruktive: Wie könnte es besser laufen? Was wäre eine Alternative? Beim Anschauen der Filmchen wird eine Frage immer lauter: Warum das Ganze? Was soll das bewirken? Weiter polarisieren? Noch mehr Spaltung? Noch mehr Realitäts- und Wissenschaftsleugnung?

Am Freitagnachmittag waren die Videos dann erstmal nur noch auf Youtube zu sehen, die Originalhomepage war vorübergehend nicht erreichbar. Nur eine Alternative mit einer abweichenden Endung: www.allesdichtmachen.com (statt .de). Diese leitete weiter auf die Homepage des rbb, zur ARD-Dokumentation „Charité intensiv“. Mit einem solchen Verweis hatte bereits Jan Böhmermann reagiert, indem er auf Twitter eben diese Serie empfahl: „Das ist das einzige Video, das man sich ansehen sollte, wenn man Probleme mit Corona-Eindämmungsmaßnahmen hat.“ Dem ist nichts hinzuzufügen. Zu sehen, was in den Krankenhäusern los ist, rückt die eigene Weinerlichkeit gehörig zurecht.

Kurz schleicht sich der Gedanke ein, was möglich gewesen wäre, hätten sich all diese Menschen zusammengetan, um etwas von Belang zu sagen. Man stelle sich vor, sie hätten ihre Prominenz genutzt, um für eine Einhaltung der Maßnahmen zu werben, die ja nicht umsonst die Vorsilbe  „Schutz-“ tragen. Um zu motivieren, diese hoffentlich letzten Monate der Pandemie noch einmal zusammen zu halten. Damit möglichst viele gesund bleiben. Damit wir alle bald wieder unser Leben und auch die Kultur genießen können. Es wäre ein versöhnliches Zeichen gewesen in einer gespaltenen Gesellschaft. Ein Beitrag zu einer baldmöglichen Rückkehr zur Normalität. Man hätte sich die Videos gerne angesehen. Und am Sonntag mit einem guten Gefühl dem Tatort noch eine Chance gegeben. So bleibt das Gefühl, dass es nun noch ein paar mehr Menschen gibt, zu denen man lieber Abstand hält.

 

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