Never fuck the Company – Dating Advice von Scriptnotes [Podcastkolumne]

von Svenja Reiner

Bis zu meinem Schulabschluss war mein Liebesleben relativ unkompliziert. Entsprechend der Formel älter = cooler verliebte man sich abwechselnd in irgendeine*n Mitschüler*in aus der Oberstufe oder, sobald der nächste Teil der Herr der Ringe-Verfilmung im Kino lief, in Orlando Bloom. Beide Formen der Romanze eigneten sich zum Gruppengespräch auf dem zugigen Schulhof, und die Diskussion um Orlandos neue Bilder in der BRAVO oder der Versuch, einen Blick auf den Schwarm in der Raucherecke zu erhaschen, machten ereignislose Große Pausen etwas erträglicher. 

Dann wurden die Dinge bedeutend komplizierter, aber immerhin kann ich von mir eines sagen: Bis heute habe ich noch niemanden an meinen Arbeitsplatz gedatet, wenngleich zahllose Filme und Serien mir genau dieses Verhalten nahelegen. Deswegen wurde ich hellhörig, als dieses Thema, ausgelöst durch einen Leser*innenbrief, zwei Folgen lang in Scriptnotes diskutiert wurde. Eigentlich ist Scriptnotes ein Podcast, in dem die beiden Hosts John August und Craig Mazin alles aus dem Bereich Film, Serie und Drehbuch diskutieren: Wie schreibe ich ein Script in X Tagen? Welche Rolle spielen Farben in meinem Text? Wie lasse ich meine Charaktere lügen? Was macht eine gute Eröffnungsszene aus

Neben diesen großen Themen leben viele Folgen durch Einsendungen – etwa zu der Three Page Challenge, in der Hörer*innen die ersten drei Seiten ihres Scripts mailen um Feedback zu Aufbau, Einstieg oder Charakteren zu bekommen. John August hat u.a. für Drei Engel für Charlie, Big Fish oder Charlie und die Schokoladenfabrik geschrieben, Craig Mazin ist berühmt für seine Miniserie Chernobyl. Die jahrelange Schreiberfahrung der beiden hört man in der Konzentration, mit der sie Texte auf Anschlussstellen und Erzählperspektiven überprüfen, auf präzise Charakterbeschreibungen achten (“Page one, ‘Right now and always she means business.’ Great. That scene description on the page is working really nicely for me here.”, Folge 494), oder in der Genauigkeit, mit der sie die Entwicklung und arbeitsrechtlichen Kämpfe der Writers Guild of America und der Screen Writers Guild nachzeichnen und über Vertragsrecht und -veränderungen informieren. 

Ein anderer Umstand für die Besonnenheit des Podcasttons mag darin liegen, dass die beiden Autoren sich nicht sehen, sondern ohne Bild per Skype aufnehmen. Umso mehr fällt Folge 496 “The Thing You’re Not Writing” auf. August und Mazin sprechen kurz über Tatiana Siegels Exposé des Hollywood-Produzenten Scott Rudin, das dessen gewalttätiges und missbräuchliches Verhalten öffentlich machte. Im Anschluss diskutieren sie das Thema der Episode: Welche Schreibprojekte setzen sie um? Wie lang ist die Liste mit den Entwürfen, die liegen bleiben? Und welche Ideen schaffen es durch die Hintertür in aktuelle Projekte? Soweit, so routiniert. Doch dann widmen sie sich den Leser*innenbriefen. Produzentin Megana Rao liest die Nachricht der anonymisierten Hörerin Oops vor, die – vermutlich als Autorin – an einem Filmprojekt arbeitet und sich in ihren Produzenten verliebt hat. Oops vermutet, dass ihre Zuneigung erwidert wird, und fragt, wie sie sich jetzt verhalten sollte.

John August antwortet mit einer Statistik: In den USA lernen sich etwa 33% aller Ehepartner*innen online kennen, 22% am Arbeitsplatz, 19% durch gemeinsame Bekannte. (Zum Vergleich: In Deutschland werden angeblich 26% durch Bekannte vorgestellt, 18% lernen sich online kennen, 15% heiraten im Kolleg*innenkreis.) Sein Rat lautet “don’t run away from possible love” – und er schlägt vor, dass sie den Produzenten nach Beendigung der Dreharbeiten zum Essen einlädt. Craig Mazin vertritt eine ähnliche Meinung: Sie sind beide erwachsen, gemeinsame Arbeit schweißt zusammen, wieso sollte diese Beziehung nicht geführt werden? Megana Rao ist die einzige, die leise Zweifel hegt. Handelt es sich hier um eine Showmance, eine Romanze, deren Reiz vor allem darin liegt, dass man Professionalität und Liebe vermischt? Sie findet, die Hörerin sollte sich am täglichen Kribbeln in der Magengegend erfreuen und damit rechnen, dass es bald verschwindet. 

Die souveränste Antwort gibt Produzentin und Autorin Aline Brosh McKenna (u.a. Crazy Ex-Girlfriend, Der Teufel trägt Prada) in der nächsten Podcastfolge, in der sie eigentlich zu Gast ist, um über Schreibkritik (Script Notes) zu sprechen. Doch bevor das Gespräch auf unterschiedliche Formen von Feedback kommt, diskutieren die drei eine neue Zuschrift von Oops, die sich für ihren Rat bedankt und schreibt, dass sie das Gespräch mit ihrem möglichen Love Interest suchen wird. Während Mazin und August noch aufgeregt wie verliebte Teenager kichern, macht McKenna Nägel mit Köpfen. Unumwunden gibt sie zu, dass sie beim Anhören der vorherigen Folge am liebsten ihre Gewichtsdecke beiseite geschleudert hätte, um die beiden anzurufen. 

In ihren 25 Jahren Arbeitserfahrung habe sie Flirtversuche von Kollegen oder Vorgesetzten nie als romantisch motiviert, sondern immer als Machtdemonstration verstanden. “Like the director who looked at my ring and said, ‘Oh, you’re engaged. What a bummer.’ Never thought he was interested in me. Only thought he was trying to diminish me frankly.” Sie gibt zu bedenken: Freie Autor*innen haben keine Personalstelle, die für ihre Rechte eintritt. Und sie habe mehr als einmal gehört, wie machtvolle Männer über ihre Ex-Freundinnen und Affären reden: “[T]o this day, there are female writers who will come up [in a discussion] and men will say some version of ‘she slept to the top.’” Selten wird diesen Frauen ein Job angeboten. 

Scriptnotes ist für Drehbucheinsteiger*innen ebenso spannend wie für erfahrene Autor*innen. August und Mazin sind zweifelsohne Fachmänner, die mit viel Engagement und großer Liebe zum Detail einen wöchentlichen Podcast produzieren, den ich gerne höre. Und doch zeigt sich in diesen beiden Folgen, wie wichtig der intersektionale Blick, der gemeinsame Dialog über unterschiedliche Erfahrungen ist. Wo die beiden Autoren als schlimmste Folge Scham und Zurückweisung vermuteten, öffnet McKenna den Blick für das bigger picture. Denn losgelöst von dem Umstand, ob die Hörerin die Liebe ihres Lebens findet, besteht die Gefahr von langfristigen Folgen, die diese Verbindung für ihre Karriere haben könnte. “I’m not saying this is right. I’m not saying this is the way things should be. But when you’re dealing with a patriarchy there’s a way things should be and the way things are.”

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