Literarischer Trumpismus – Constantin Schreibers „Die Kandidatin“

von Peter Hintz

Wer nach der Abwahl Donald Trumps gehofft hatte, dass es nach über einem Jahrzehnt rechtspopulistischer Bestsellerindustrie nun erst einmal genug mit rassistischen und sexistischen Mängelexemplaren sei, den wird die eben bei Hoffmann und Campe erschienene dystopische Satire Die Kandidatin enttäuschen. Es geht um eine islamische Politikerin, die als Kind wohl während der ‘Flüchtlingskrise’ 2014/15 aus dem Libanon nach Deutschland gekommen ist und die nun Mitte des 21. Jahrhunderts als Repräsentantin einer grünen Partei kurz vor der Kanzlerschaft steht, obwohl sie und ihre Anhängerschaft das Land ruiniert haben.

Geschrieben hat den Roman Constantin Schreiber, bekannt als Tagesschau-Moderator und Journalist, der in den letzten Jahren mit reißerischen ‘migrations-’ und ‘islamkritischen’ Sachbüchern wie Inside Islam (2017) oder Kinder des Koran (2019) kommerziellen Erfolg und herbe Fachkritik eingefahren hat. Das Genre des ressentimentgeladenen Corona-Romans scheint so schnell wieder zu verschwinden wie es gekommen ist. Stattdessen hat sich nun Schreiber auf Platz 18 der Spiegel-Bestsellerliste vorgearbeitet. Damit liegt der Autor bislang allerdings etwas hinter seinen Sachbuch-Schlagern aus den vorigen Jahren.

Laut Umschlag ist das Buch als Zukunftsvision von “Deutschland in ungefähr dreißig Jahren” angelegt, was außerhalb dieses Paratexts allerdings nicht explizit gemacht wird. So ist es sicher kein Zufall, dass die Handlung in einem Bundestagswahljahr – wie 2021 – spielt, in dem eine alte Kanzlerin abgelöst wird. Nur kann es in Die Kandidatin offensichtlich nicht um die aktuellen grünen, linken oder sozialdemokratischen Spitzenkandidatinnen gehen, auch wenn der Text durchaus mit dieser Vorstellung und der faktualen Unmittelbarkeit der Fiktion spielt.

Die sozialen Medien von heute haben sich offensichtlich nicht geändert, denn erstaunlicherweise wird in dreißig Jahren immer noch über “Twitter, Instagram, TikTok, Clubhouse” (S. 25) kommuniziert. In Frankreich hingegen ist längst Marine Le Pen an der Macht, das China von Xi Jinping hat Taiwan erobert und dem Euro droht der Wertverlust.

Hauptsächlich ist der Roman, wie zuvor Schreibers Sachbücher, ein Kommentar zur deutschen Einwanderungspolitik der letzten Jahre und diesmal insbesondere auch ein Angriff auf eine linke Identitätspolitik, die Deutschland und die Welt bis kurz vor den Kollaps herabgewirtschaftet und gespalten haben. Die literarisierte Sozialprognose muss man als Diagnose der Gegenwartsgesellschaft verstehen. Sie ist kultureller Bestandteil einer gesellschaftlichen Affektpolitik, die aktuelle Sehnsüchte und Ängste reproduziert.

Es ist an manchen Stellen behauptet worden, dass es Schreibers Roman offen lasse, ob er eine Dystopie oder eine Utopie sei. Man wundert sich aber, womit sich etwa Thomas Brussigs These im Tagesspiegel überzeugend belegen lässt, dass Schreibers Text “provoziert […] ob uns das, was uns Schreiber zeigt, gefällt” – der Roman also auch eine Lesart hergebe, nach der mit seiner Zukunftsvision sympathisiert werden könne. Wie so oft zielt die Polemik von einer ‘gesellschaftlichen Spaltung’ auch in Schreibers Erzählung nämlich recht deutlich auf eine Seite.

So begrüßt gleich der erste Satz des ersten Kapitels (den auch Brussig zitiert) im Goebbels-Sprech mit “Wollt ihr absolute Diversität?”, den der Text einem jungen linken Aktivisten “mit Vielfaltsmerkmal” (S. 5) in den Mund legt. In starrer Nachahmung von George Orwells Ur-Dystopie 1984 herrscht in Deutschland ein “Ministerium für Gerechtigkeit” und der süffisante und affirmative Tonfall des ganzen Buchs kann nur bemüht seine eigene Ironie unterdrücken.

Welche Leser*in soll bei dieser sprachlichen Ausgestaltung und diesen Bezügen die Erzählung ausgerechnet für eine Utopie halten? Wenn das Buch migrantische Figuren beschreibt, dann nicht selten im Modus des literarischen Blackfacings, denn sie sind für eine angenommene weiße Leserschaft gestaltet, um rassistische Vorurteile über nicht-weiße Menschen als fundamentalistisch und hinterlistig oder als gewalttätig und ungebildet zu bestätigen. Die Figuren sind überzeichnete boshaft-lachhafte Karikaturen. So wird einer Künstlerin etwa folgender Rap in den Mund gelegt:

Ich lass mich nicht ankacken

Von Rassisten und Nazis

Damit das klar ist, ah,

Ich scheiß auf Hegel und Schiller

Ich hab meine eigenen Vorbilder

Alter, meine Kultur und Religion.

Was hast du dagegen schon?

Also, halt’s Maul, sonst

Hol ich meine Brüder,

Die zieh’n dir einen über.

Ich hol meine Brüder!

Hörst du, ich hol meine Brüder

[…]

Allahu Akbar, Berlin! (S. 155)

Bei einer Begegnung mit PEGIDA-artigen Demonstrant*innen in Dresden ist es die Kanzlerkandidatin Sabah Hussein, die die Protestierenden bewusst provoziert, um sich anschließend in den sozialen Medien als Opfer auszugeben. Schubweise bemüht sich der Text, Ambiguität zu erzeugen, die Kanzlerkandidatin wieder zu humanisieren, ihre eigenen Ängste, Unsicherheiten und persönlichen Erfolge abzubilden. Sogleich bricht darauf wieder das grell karikierende erzählerische Ressentiment durch: In einer Szene des Romans geht Hussein zur Entspannung ins Kino und erinnert sich an früher, was abrupt damit endet, dass die “schwarze Silhouette” einer James-Bond-Agentin auf der Leinwand auftaucht, die “eine schwarze, lesbische Frau mit Behinderung” (S. 115) ist.

Gleich ganz zu Anfang wird Hussein (zuerst von “ein[em] Journalisten” und dann von der Erzählinstanz selbst) als “‘Kleopatra der deutschen Politik’” charakterisiert, die eine “orientalische Erscheinung, […] Nase und […] modische Röcke, Schuhe und Kleider” (S. 8) habe. Als arabische Frau funktioniert sie auf der orientalistischen Erzählebene des Romans eben auch als sexuelle Projektionsfläche. Es fällt auf, wie oft der Text ihren Körper beschreibt – etwa wenn sie ein “enges rotes schulterfreies Kleid” (S. 119) trägt – worauf auch das Coverfoto einer als mächtig oder dominant stilisierten schwarzhaarigen Frau anspielt.

Sabahs Bruder gehört zu einer kriminellen Gang und hat bei einem illegalen Autorennen in Berlin Menschen verletzt. Sabah Hussein selbst ist Teil der korrupten Finanzelite mit geheimer Wohnung und Sportwagen in Monaco, kanzelt regelmäßig Kinder, Arbeiterfamilien und Unternehmer mit Belehrungen ab und unterhält seit ihrer eigenen Kindheit Kontakte zu islamistischen Fundamentalisten. In ironischer Manier enthält das Buch am Anfang den Disclaimer, “Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen wäre rein zufällig.” Tatsächlich wirkt der Text nicht selten wie ein diffamierender Schlüsselroman über konkrete SPD-, Linken- und Grünen-Politikerinnen, denen eben jene Charakteristika, die die Figuren im Roman haben, von rechter Seite immer wieder zugeschrieben werden.

Aber das Buch bewegt sich über aus der ‘Flüchtlingskrise’ bekannte rassistische Diskurse und Szenarien hinaus und bedient das ganze, in den letzten Jahren öffentlich gefestigte Tableau des spezifisch deutschen Rechtspopulismus und häufig auch des republikanischen Trumpismus aus den USA. So finden in Amerika bürgerkriegsähnliche Schlachten von Black-Lives-Matter-Anhänger*innen und weißen Milizen statt, während China zur unangefochtenen wirtschaftlichen und militärischen Supermacht aufsteigen konnte. In Deutschland hat der Mietendeckel dazu geführt, dass Menschen nun in Containern leben, weil normale Wohnungen für Vermieter unrentabel geworden sind, während gesetzlich Krankenversicherte auf Intensivstationen unter Umständen nur noch Schmerzmittel erhalten. Per Gesetz werden Menschen unter anderem auf weiße “Hautpigmentierung” (S. 34) und Heterosexualität untersucht und können dafür ihre Arbeit verlieren:

Besteht zwischen Arbeitgeber:in und Arbeitnehmer:in keine Einigkeit über das Vorliegen von Vielfaltsmerkmalen und/oder über die Zugehörigkeit von Personen zu diskriminierten Identitäten, so entscheiden die örtlich zuständigen Gesundheitsämter.

[…]

Angestellte und Manager:innen ohne Vielfaltsmerkmale können mit einer Frist von sechs Wochen entlassen werden, sofern und soweit sie durch Angestellte und Manager:innen ersetzt werden, die Vielfaltsmerkmale […] aufweisen. (S. 35/36)

Wiederum fragt man sich, warum Thomas Brussig in seiner Tagesspiegel-Rezension glaubt, dass das wie “alle Details” des Romans “laufenden Debatten entnommen” sei – außer es wäre der neurechte Schreckensdiskurs vom Großen Austausch der Deutschen gemeint, den der Roman allerdings nicht kritisch parodiert, sondern als Satire des restlichen politischen Spektrums reproduziert. Die “progressiven Frauen” tragen einen “einfarbigen Genderkaftan, der jegliche Körperformen neutral verhüllt” (S. 22) und das Tragen von Schleiern wird bei Frauen staatlich gefördert.

Offenkundig knüpft der Roman an Horrorvisionen aus Fox News und der WELT-Meinungsseite an, was im Roman jedoch nicht etwa als Persiflage der rechten Ideologen, sondern ihrer linken Gegner funktioniert. Der Reporter, der Husseins Machenschaften aufdecken will, schreibt zwar Hetzartikel für ein Boulevardblatt, hat für seine Recherchen aber selbst den Respekt der linken Kommentatoren, die den klassischen Journalismus abgelöst haben – wohl der Wunschtraum jedes BILD-Redakteurs.

Rassismus und Antifeminismus kommen nur selten allein und im Roman wird bei jeder Gelegenheit nicht nur geschlechtergerechte Sprache nachgeäfft, sondern Feminismus wird entweder als Ergebnis gehirngewaschener deutscher Bonzen präsentiert oder umgekehrt die nicht-weiße Sabah Hussein als die eigentliche, heimtückische Antifeministin präsentiert: “Gegen die Genderallianz in der Partei kommt sie nicht an, so lange die muslimische Fraktion nicht mächtig genug ist. So sichert sie sich lieber deren Unterstützung zu, so lange es ihr nutzt” (S. 105).

Aufgegriffen wird auch die aktuelle Restitutionsdebatte über afrikanische Kunstwerke in deutschen Museen. Erst wird die Büste der Nofretete an Ägypten zurückgegeben, von dort aus dann aber an China verkauft: Dann hätte sie auch beim alten weißen Mann bleiben können, wären alle anderen nicht dekadent geworden! Dabei funktioniert China im Buch nicht nur als fremde Weltmacht, sondern auch als kulturkonservatives Gegenbild zu Deutschland. Ein Kölner Kunsthistoriker hat sich entschieden, nach China auszuwandern, weil sich Deutschland abgeschafft habe:


Hier hören die Menschen andächtig Mozart und Brahms. Die Jugend in Berlin? Dekadenz, wohin man schaut. Selbstaufgabe und Verfall. In zweihundert Jahren wird das kulturelle Vermächtnis des Westens hier lebendig sein, wenn in Europa alles vergangen ist. (S. 73)

Zum Ausgleich der Schmähung der Linken (aber nicht einmal annähernd im selben Umfang) greift der Roman in drastischer Weise auch das Problem des gewalttätigen Rechtsradikalismus und seiner Verbindungen in Staat und Politik auf – Hussein wird von einer Polizistin angeschossen und schwer verletzt, schließlich wird die „ZfD“ (AfD) aufgrund ihrer Verstrickungen in das Verbrechen verboten. Nach dem Attentatsversuch in einer zur Erotikmessehalle und Eventcenter umfunktionierten Kirche (!) erscheint die Attentäterin vor Gericht dann aber als ehrliche ostdeutsche Patriotin, die von einer migrantischen Richterin abgeurteilt wird und die aufgrund der toxischen Wirkung der Kanzlerkandidatin selbst in Husseins engstem Umfeld Anhänger hat. Und in Einbindung einer Gräuelerzählung kommt es in deutschen Städten zu gewalttätigen Ausschreitungen gegen Weiße:

In Berlin-Grunewald stürmt ein Mob mehrere Villen. Videos auf Instagram und Telegram zeigen, wie eine Familie durchs Gebüsch rennt, offenbar bei dem Versuch, sich in Sicherheit zu bringen. Hinter ihnen stürmen zahlreiche Personen durch eine aufgebrochene Tür ins Innere einer Villa und werfen Möbel und Bilder durch die Fenster nach draußen. […] Eine weiße Frau drückt sich an die Wand, als Demonstranten auf sie zukommen. Sie umklammert ihre Tasche, hält die Arme vor der Brust verschränkt. ‘Mach mit, mach mit, mach mit!’, schreien die jungen Migranten auf sie. Sie schreckt zurück, zittert am ganzen Körper, stolpert, fällt. […] Besonders schlimm aber toben die Unruhen im Süden Berlins. Vor allem Jugendliche mit Vielfaltsmerkmal gehen auf die Straße. In Neukölln brennen Kirchen, Schulen, das Rathaus. (S. 158)

Bürgerkriegs- und Untergangserzählungen gehören zum Standardrepertoire einschlägiger rechter Theorie und Belletristik. Da denkt man zuerst an Michel Houellebecqs Islamisierungsroman Unterwerfung oder (etwas entfernter) Das Heerlager der Heiligen von Jean Raspail. Der Roman steht aber auch in der Tradition von Polemiken wie Deutschland von Sinnen von Akif Pirinçci oder Deutschland schafft sich ab von Thilo Sarrazin – wenngleich klar ist, dass sich Schreiber und sein Verlag durch die fiktionale Form, insbesondere ihre satirisch überzeichnende und multiperspektivische Erzählweise, gegen mögliche Kritik absichern können.

Man sollte die Bedeutung einer solchen Immunisierungsstrategie aber auch nicht überschätzen: Vor allem nutzt der Text die Möglichkeiten des literarischen Erzählens, um aus dem Ressentiment kurzweilige Unterhaltung zu schöpfen, auch wenn das nicht durch plausible Handlungsbögen, sondern durch eine Aneinanderreihung drastischer Karikaturen passiert. Es ist gerade die aktuelle Phase des scheinbaren Posttrumpismus, die solche Narrative der unterdrückten Mehrheit befeuert und den ehemals journalistischen Büchern Schreibers eine neue Dimension gibt.

Wahrscheinlich sind Texte wie der von Schreiber aber inzwischen auch Opfer ihrer eigenen Überproduktion, denn, betrachtet man die bislang vergleichsweise eher unauffällige öffentliche Rezeption seines Buchs, hat es keinen Skandal provozieren können. Zum aktuellen Thesenroman gehört gewöhnlich ein Medienereignis, das sich in Coronazeiten ohnehin schwerer inszenieren lässt. Mit dem bloßen Wiederholen altbekannter Themen und Rhetorik kann Die Kandidatin auch nicht mehr aus einem realen oder vermeintlichen ‘Tabubruch’ Profit schlagen, sondern nur noch an das mittlerweile normalisierte rechtspopulistische mediale Hintergrundrauschen anknüpfen.

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