Zwischen allen Welten – Literarische Fantastik in Deutschland

von Katharina Hartwell

 

Vor einigen Jahren unterhielt ich mich mit einer Vertreterin des Verlagswesens. Sie erklärte mir, die interessanteste, die schönste, die spannendste Literatur sei ihrer Meinung nach die, die sich nicht ordentlich in Kästchen, in Schubladen sperren ließe. Spannend, sagte sie, sei gerade das, was sich zwischen Hoch- und Unterhaltungsliteratur abspiele, zwischen Genre und „wahrer“ Literatur. Genau, sagte ich, raus aus den Kästchen! Ich arbeitete damals bereits an einem neuen Projekt, dem ersten Teil einer Fantasy-Trilogie. Von mir gedacht war diese weder so recht für Jugendliche noch für Erwachsene, weder für Männer noch für Frauen, nicht zielgerichtet auf Nerds, Rollenspieler, Feuilleton-Kritiker oder Literaten, sondern für alle, die sich von mir eine Geschichte erzählen lassen wollten.

Ein paar Jahre verstrichen und jene belesene Frau und ich, gerade noch vereint durch unsere Abscheu gegenüber Schubladen, kamen wieder zusammen. In ihrem Haus, erklärte sie mir, sei für das Buch leider kein Platz, es passe nicht ins literarische Programm, aber auch nicht in die Fantasy-Abteilung, nicht in die gediegenere Sektion und nicht in die wildere Reihe. Es sei nicht einmal so recht klar, ob es sich an Jugendliche oder Erwachsene richte. Man müsse auch an den Buchhandel denken, die wüssten schließlich gar nicht, wo sie das Buch hinstellen sollten. Es fiele leider, sagte sie, zwischen alle Stühle.

Ein Refrain, den ich in den nächsten Wochen noch öfter zu hören bekommen würde. Den literarischen Verlagen war mein Buch zu fantastisch, den fantastischen aber zu literarisch. Immerhin beglückwünschte mich ein Lektor dazu, dass ich mich als Frau in die Fantasy hineingewagt hatte. Begrüßenswert sei das! Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nicht gewusst, dass ich scheinbar per Definition fachfremd war. An Atwood hatte ich gedacht, an Octavia Butler, Mary Shelley, Ursula K. LeGuin. Jetzt stellte sich heraus, Frauen schreiben überhaupt keine Fantasy, also zumindest nicht im Jugendbuch (an Madeleine L’Engle hatte ich gedacht, Tonke Dragt, Cornelia Funke, Suzanne Collins). Obwohl der Lektor sich freute, dass ich als Frau es geschafft hatte, ein Fantasy-Buch zu schreiben, publizieren wollte er es nicht. Der Grund: Die Erwartungen des klassischen Fantasy Lesers würden nicht erfüllt.

Was, fragte ich mich bang, waren die Erwartungen des klassischen Fantasy Lesers? Wer war der klassische Fantasy-Leser? Wahrscheinlich jemand, der sich Kampf- und Verfolgungsszenen verspricht, Äxte und Drachen, eine Eroberungsgeschichte, einen Helden, der blutvergießend und triumphierend durch die Lande zieht und dabei noch das ein oder andere Maidenherz erobert. Der klassische Fantasy-Leser, so schien es, war männlich, und seine Erwartungen erfüllen konnte ich tatsächlich nicht. Denn diese Geschichten wusste ich weder zu erzählen noch wollte ich sie selbst gerne lesen, sie waren und sind nicht meine.

Ich hatte Glück und fand einen Verlag, der an das Buch glaubte und an meine Geschichte, ganz unabhängig, ob sie nun von einem Mann oder einer Frau, für jüngere oder ältere LeserInnen geschrieben worden war. Doch auch nach dem Erscheinen finde ich mich noch immer zwischen allen Welten. Wenn ich über meine Arbeit spreche, muss ich zwischen zwei Labeln auswählen: Schreibe ich nun Fantasy oder literarische Fantastik? Will man in der literarischen Landschaft nicht in die dunkelste Ecke des Genre-Verließes abgeführt werden, lernt man schnell, zweiteren Begriff dem ersteren vorzuziehen.

Doch schafft man es, sich durch Meta-Ebenen, intertextuelle Referenzen oder die Behauptung des magischen Realismus zurück in die hohe Literatur zu schleichen, wird man dort auch nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen. In Deutschland scheint die literarische Welt oftmals unschlüssig, was sie mit Autorinnen anfangen soll, die sich mit Fantastik oder Genre beschäftigten. Während männliche Autoren, die mit großem Einfallsreichtum, fantastischen Elementen und Genre-Affinität schreiben, schnell zu Querdenkern erklärt werden und der Genie-Verdacht (ganz oft berechtigt) nahe liegt, werden Autorinnen, die den gleichen Spagat zu vollziehen suchen, zu naiven Märchentanten erklärt (hierzu möge man sich etwa mit der jüngsten Diskussion um Karen Köhlers Miroloi beschäftigen, wenn man denn die Nerven dazu hat). Sie haben zu kämpfen mit der Vermutung, gar keine Literatur, sondern „bloß ein Jugendbuch“ geschrieben zu haben. Und das abwertende Othering der Jugendliteratur als einer dem Buch für Erwachsene qualitativ klar unterlegene Literatur dient hier dazu, einen ohnehin fragwürdigen Status Quo aufrecht zu erhalten. 

Im fantastischen Jugendbuch gibt es für Autorinnen zumindest ein ganz eigenes Segment: die Romantasy. Im Fokus steht hier, man ahnt es, die Romanze. Das ist ein vollkommen legitimes Genre und für viele lesenswert, doch scheint es mir aus feministischer Sicht zumindest bedenkenswert, dass in der regulären, der „männlichen“ Fantasy die Helden Abenteuer erleben dürfen und sich vielleicht noch am Rande verlieben, während die Heldinnen in der Romantasy sich verlieben und wenn sie Glück haben, auch noch ein bisschen Abenteuer erleben.

Als Fantasy-Jugendbuch-Autorin kämpft man, wie das Kompositum nahelegt, gleich an drei Fronten. Hat man etabliert, dass auch Jugendliche literarische Qualität schätzen können und man als Frau durchaus in der Lage ist, Fantasy zu verfassen, bleiben immer noch all die gängigen Vorurteile gegen die fantastische Literatur (ich benutze sie hier als Sammelbegriff auch für SciFi, Horror und Weird Fiction). Spätestens, als vor einigen Jahren meine Kosmetikerin, während sie mich kritisch durch das Vergrößerungsglas beäugte, erklärte, Game of Thrones sei „überhaupt keine Serie über Drachen, sondern über Politik!“, wagte ich zu hoffen, bestimmte Diskussionen würden sich von hieran erübrigen. Weit gefehlt. Nicht nur gilt die Fantasy nach wie vor als unliterarisch, sprachlich kunstlos, es hält sich vor allem der Vorwurf, sie sei unpolitisch und gesellschaftsirrelevant. 

Dabei ist Fantasy selbstverständlich mehr als reiner Eskapismus. Dass es möglich ist, über Außen- und Flüchtlingspolitik sowie den Klimawandel in einem fantastischen Kontext zu sprechen, zeigt etwa der Autor John Lanchester. In seinem Roman Die Mauer sind die (vermutlich) Britischen Inseln von einer gewaltigen Mauer umgeben, die das Königreich vor Eindringlingen schützen soll. Dass man fantastisch über die ungerechte Verteilung des Kapitals sprechen kann, zeigt China Miéville in seinen Romanen und Essays oder im Deutschen Dietmar Dath. Margaret Atwood veröffentlichte mit Der Report der Magd vor mittlerweile über dreißig Jahren eine Studie des strukturellen Sexismus, die ihrer Wirkungsmacht erst in der letzten Dekade voll entfaltet hat.

Fantasy zu lesen setzt eine Lesekonvention voraus, die sich schwer auf das Verständnis von Metaphern, Analogien und Allegorien stützt. Alles ist ein wenig verschoben, ein wenig verrückt in diesen neuen fremden Welten. Aber zu behaupten, es sei nicht da, ist arrogant oder ignorant. Niemals würde ich bestreiten wollen, dass es sich anbietet, über unsere Welt, über die Missstände, die in ihr bestehen, realistische Romane, Kurzgeschichten oder Essays zu schreiben. Der Realismus aber sollte nicht der einzige Weg, die einzige Option sein. Damit verschenken wir Möglichkeiten.

Trauen wir der Fantasy etwas zu, sie hat schließlich vieles zu bieten, was der Realismus nicht aufweisen kann: Drachen, alternative Gesellschaften und Zukunftsentwürfe, neue Namen und Bezeichnungen. Ist es nicht gerade interessant, über bestimmte Phänomene, Entwicklungen, psychologische oder historische Strukturen nachzudenken, in dem man sie aus dem bekannten Kontext löst und neu einkleidet? Selbstverständlich kann ich auch über strukturellen Sexismus und Rassismus, über Kolonialpolitik und ihr Erbe, über den Klimawandel, über Geschlechter und Heteronormativität sprechen, auch und gerade wenn ich diese Themen von ebenjenen Labeln und Namen entkoppelt habe, die uns allen bereits so wohlvertraut sind. Die meisten von uns werden ein fest etabliertes Set an Gefühlen und Meinungen zu jedem dieser Begriffe haben. Ich weiß zumindest, dass es mir so geht. Über diese Positionen kann man diskutieren, streiten, sich aufregen. Und ja, man kann den Weg der Fantastik wählen, um sich neu mit ihnen auseinanderzusetzen.

Dass das bisweilen nach hinten losgeht, zeigte die finale Staffel von Game of Thrones. Bisher ein Publikumsliebling, musste sie sich nun vernichtenden Kritiken stellen. Beinahe zwei Millionen Zuschauer verlangten per Petition, die Staffel müsse nachgedreht, ein neues Ende gefunden werden. Die Serienmacher hatten sich entschieden, eine vor allem politische Aussage zu machen, in dem sie sich dem bekannten Diktum von John Dalberg-Acton widmeten: „Power tends to corrupt, and absolute power corrupts absolutely.“  Während die einen also die vermeintliche politische Unbedarftheit der Fantasy bemängeln, wird es den anderen schnell zu politisch und nicht erhaben genug.

In fantastischen Welt, seien sie auch noch so fern, kämpft man eben mit denselben Erwartungen, Enttäuschungen, Vorlieben und den Grenzen bestimmter Konventionen wie im Realismus. Besonders bitter wird es dann, wenn diese Konventionen einhergehen, mit stereotypischen Entwürfen eines „klassischen“ (unmarkiert männlichen) Fantasy-Lesers, der sich angeblich mehr Kampf, Blut und Heldentum wünscht, und einer Leserin, von der angenommen wird, ihre Imaginationskraft erschöpfe sich in romantischen Techtelmechteln. Das Fantastische, so schien es mir immer, müsse ein Ort der Grenzenlosigkeit sein, der neuen Pfade und unerforschten Gebiete, vor allen Dingen aber ein Ort der Möglichkeiten, ein Ort also, wie Marge Piercy ihn sich in Er, Sie und Es vorstellt oder Ursula K. LeGuin in Die linke Hand der Dunkelheit. Die interessanteste, die schönste, die spannendste Literatur, so versicherte mir einst eine Vertreterin des Literaturbetriebs, sei ja gerade die, die sich nicht so schnell in Schubladen sperren ließe. 

 

Beitragsbild von Dzmitry Tselabionak