Klärung des Denkens – “Die Ermordung des Professor Schlick” von David Edmonds

von Philip Schwarz

Irgendwann im Laufe des Jahres 1922 lud Moritz Schlick, damals frisch berufener Professor auf dem Lehrstuhl für Naturphilosophie in Wien, eine Gruppe wissenschaftlich interessierter Philosoph*innen und philosophisch interessierter Wissenschaftler*innen zu einer abendlichen Diskussionsrunde ein. Zu den Teilnehmenden dieser bald wöchentlich stattfindenden Gespräche gehörten eine Reihe von Namen, die in die Wissenschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts eingehen würden. Die Gespräche dieses Wiener Kreises drehten sich um die Frage, wie Philosophie und Wissenschaften auf eine neue Grundlage gestellt werden könnten. Die Auswirkungen prägen die westliche Kultur bis heute.

“Die Sprache war natürlich seit jeher das nötige Instrumentarium zur Untersuchung philosophischer Probleme gewesen, aber nun wurde sie selbst zum Gegenstand der Analyse. Und während die Sprache einst als Fenster zwischen uns und der Welt angesehen wurde – sauber, flach und transparent -, so wurde sie nun misstrauisch als schmutzig, verzerrt und undurchsichtig behandelt, als etwas, das Wachsamkeit erforderte, eben ihrer Fähigkeit wegen, die Realität zu verfälschen oder zu verbergen.”, so fasst David Edmonds  in seinem Buch Die Ermordung des Professor Schlick. Der Wiener Kreis und die dunklen Jahre der Philosophie diese neue Ansicht über die Aufgaben und Möglichkeiten der Philosophie zusammen. (S. 50.)

Philosophie findet heutzutage unter diesem “sprachanalytischen” oder “linguistischem” Paradigma statt. Sie ist also geleitet von der Idee, dass die Sprache das Medium des Denkens ist und klares Denken daher eine klare Sprache verlangt. Die Aufgabe der Philosophie wird dann darin gesehen, die Missverständnisse zu beseitigen, die aus einer Verkennung der Funktionsweise bestimmter sprachlicher Ausdrücke herrühren. Auch diejenigen, welche die Positionen des Wiener Kreises und der aus ihm hervorgegangenen philosophischen Strömungen inhaltlich ablehnen, stimmen damit überein, dass Philosophie in dieser “Klärung der Gedanken” besteht. Die verbreitete Erzählung besagt, dass der Wiener Kreis diese “Wende zur Sprache” vollzogen hat. Wie es dazu kam, schildert David Edmonds lebendig und anschaulich.

Dass der Impuls zu diesen Treffen von einem Naturphilosophen (heute würde man Schlick als Wissenschaftstheoretiker bezeichnen) ausging, und vor allem Naturwissenschaftler*innen und naturwissenschaftlich interessierte Philosoph*innen anzog, war kein Zufall. Die klassische Physik, wie sie von Isaac Newton entwickelt worden und etwa 250 Jahre gültig gewesen war, wurde zu diesem Zeitpunkt von zwei Seiten unter Druck gesetzt. Nicht ganz 20 Jahre, bevor Schlick auf den Wiener Lehrstuhl berufen wurde, 1905, hatte Einstein mehrere Aufsätze und seine Dissertation veröffentlicht. Um die gleiche Zeit herum hatte Max Planck das später nach ihm benannte Strahlungsgesetz formuliert, demzufolge es eine Untergrenze für den kleinstmöglichen Energiebetrag gibt, der gleichzeitig abgegeben werden kann. Energie ist also kein beständiger Strom, sondern wird in kleinen “Päckchen” verschickt, für die Planck die Bezeichnung “Energiequanten” einführte.

Sowohl die Relativitätstheorie als auch die Quantenphysik waren mit der klassischen Physik nicht vereinbar. Eine theoretische Grundlage musste her, mit der diese neuen Erklärungsansätze und bisher unbekannten Phänomene erfasst und beschrieben werden konnten. Bereits die “Embryonalform des Wiener Kreises” (S. 22) war von diesem Impuls getragen. Zwischen 1907 und 1912 trafen sich auf Initiative des Mathematikers und Philosophen Hans Hahn eine Gruppe “junger, jüdischer, promovierter, wissenschaftlich interessierter, in Wien lebender Philosophen” (S. 21) regelmäßig in einem Kaffeehaus, um über diese neue Physik zu diskutieren. Die karrierebedingten Umzüge der Mitglieder von Hahns Diskussionsrunde und der Erste Weltkrieg machten den Treffen vorerst ein Ende, aber viele von ihnen sollten später bei Schlicks Treffen wieder dabei sein.

Nicht wenige Angehörige des Wiener Kreises waren über ihre jeweilige Wissenschaftsdisziplin zur Philosophie gekommen. Schlick selbst etwa hatte bei Max Planck promoviert. Umgekehrt nahmen auch Physiker*innen und Mathematiker*innen an den philosophischen Diskussionen teil. Sie alle waren mittelbar oder unmittelbar durch Ernst Mach beeinflusst (sein Name ist der Nachwelt in der Mach-Zahl erhalten geblieben, mit der die Geschwindigkeit eines Gegenstandes relativ zur Schallgeschwindigkeit – Mach Eins – angegeben wird). Für Mach war es normal, nicht zur theoretisch und experimentell zu forschen, sondern auch die Grundlagen der eigenen Arbeit philosophisch zu reflektieren. Diese Einstellung teilte er mit den Geistesgrößen seiner Zeit. So verband etwa Einstein und den Kreis eine Beziehung der wechselseitigen Bewunderung. Einstein und Schlick standen in regelmäßigem Briefverkehr (Schlick pflegte Einsteins Briefe bei den Treffen des Kreises vorzulesen), und Philipp Frank knüpfte eine lebenslange Freundschaft mit dem Physiker. Diese selbstverständliche Interdisziplinarität war die Grundlage für das intellektuelle Klima, in dem der Kreis entstehen konnte.

Die gegenseitige Befruchtung über Grenzen der wissenschaftlichen Disziplin, oder auch zwischen Wissenschaft und Kunst prägte die Atmosphäre im Wien der 1920er Jahre. In Das Zeitalter der Erkenntnis des Medizinnobelpreisträgers Eric Kandel wird geschildert, wie sich in den Salons des wohlhabenden Bürgertums Kunstschaffende und Forschende trafen, um ihren jeweiligen Umgang mit den neuen Ideen zu diskutieren und sich wechselseitig anzuregen. Man war sich einig, dass eine neue Zeit angebrochen war, die neue Kunst, neue Wissenschaft, neue Philosophie, neue Politik verlangte.

Wien mit seiner Aufbruchstimmung dient Edmonds in The Murder of Professor Schlick gleichsam als Kulisse, vor der er seine Figuren auftreten lässt. Ein Kapitel beschreibt die Wiener Kaffeehauskultur, die ein wichtiger Katalysator für die intellektuelle Atmosphäre der Stadt darstellte. Bekannte Namen dienen ihm dabei als Statisten, die dem Panorama Lebendigkeit verleihen: Sigmund Freud, Stefan Zweig, Gustav Mahler und andere haben immer wieder kurze Auftritte. Auf diese Weise verknüpft Edmonds die außerhalb der Philosophie weniger bekannten Namen mit solchen, die interessierten Lai*innen, für die das Buch hauptsächlich geschrieben ist, bekannt sein dürften. Gleichzeitig verstärkt sich dadurch das Gefühl, einem Theaterstück zuzusehen, dessen Handlung durch die Konstellationen der Figuren untereinander und ihr Verhältnis zur Situation vorangetrieben wird.

Das Schauspiel lässt sich grob in drei Akte einteilen. In den ersten Kapiteln werden Figuren und Schauplatz eingeführt. Wir lernen die Mitglieder des Wiener Kreises kennen, ihre Geschichte und ihre Verhältnisse untereinander. Der laute, energiegeladene, von politischem Reformeifer erfüllte Otto Neurath, der methodisch strenge, auf Klarheit bedachte Rudolf Carnap, der prophetisch-entrückte Ludwig Wittgenstein, der stets in einem ambivalenten Verhältnis zum Kreis stehen sollte.

Auf diese Exposition folgt die Entwicklung der Handlung. Wir erfahren, was die Mitglieder des Kreises vereinte und worüber sie sich stritten. Die zwei Beispiele, auf die Edmonds sich konzentriert, sind gut gewählt, weil sie den Anspruch verdeutlichen, den der Kreis an die Philosophie hatte. Dieser bestand darin, die Philosophie vergangener Zeit als Ansammlung heilloser Verwirrungen bloßzustellen, die durch Missverständnisse der Sprache entstehen. “Die meisten Fragen und Sätze der Philosophen beruhen darauf, dass wir unsere Sprachlogik nicht verstehen. (Sie sind von der Art der Frage, ob das Gute mehr oder weniger identisch sei als das Schöne.)”, diagnostiziert Wittgenstein im Tractatus Logico-Philosohicus die Ursachen für das Scheitern der bisherigen Philosophie.

Der Wiener Kreis sah die Aufgabe der Philosophie darin, zu helfen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist – frei von aller “Metaphysik” (das ultimative Schimpfwort für die Mitglieder des Kreises). “Es galt, ein besseres Verständnis der Ziele, Methoden und Ansprüche der Wissenschaft zu ermöglichen, als es gegenwärtig bestand.” (S. 114) Dazu suchte man nach einer Grundlage, auf die sich die Erkenntnis der Welt stellen ließ, um von dort aus die wissenschaftliche Erforschung und Beschreibung der Wirklichkeit zu entwickeln. In Edmonds’ Schilderung der sogenannten “Protokollsatzdebatte” erfahren wir, wie der Kreis um diese Grundlage rang. “Die Idee war, dass man durch valide Schlussfolgerungen von diesen gesicherten Grundaussagen, den Protokollsätzen, zu komplexeren Aussagen gelangen konnte Und letztlich würden alle Wissenschaften – einschließlich der Sozialwissenschaften – durch ihre gemeinsame Untermauerung vereint werden.” (S. 181) 

Carnap und Schlick vertraten die Ansicht, dass bestimmte Formen von Aussagen über den Inhalt von Sinneswahrnehmungen, also empirische Aussagen, diese unerschütterliche Grundlage bilden können. Mit Hilfe logischer Schlussregeln, welche die Beziehungen zwischen diesen Sätzen definieren, ließe sich dann eine widerspruchsfreie Beschreibung der Wirklichkeit entwickeln. Auf Grund dieser Idee wird die Position von Carnap und Schlick als Logischer Empirismus bezeichnet. Neurath war davon nicht überzeugt, weil er nicht glaubte, dass die Bedeutung der Ausdrücke, die in solchen Erfahrungssätzen Verwendung finden, voraussetzungsfrei eingeführt werden kann. Die Metapher, die er benutzte, ist heutzutage in der Philosophie allgemein als “Neuraths Boot” (die Übersetzung spricht sachlich richtig aber unüblich von “Neuraths Schiff”) bekannt, das wir nicht auf Kiel legen und überholen können sondern auf hoher See reparieren müssen.

Die Beseitigung der durch die Tradition vorgegebenen Missverständnisse erstrecke sich jedoch nicht nur auf die abstrakten Bereiche der Philosophie und Wissenschaft. Die Klärung der Sprache und des Denkens mit dem Ziel, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist, war für den Kreis auch ein moralisches Anliegen und eines der politischen Emanzipation. Wittgenstein schrieb beispielsweise über seinen Tractatus, der Sinn des Buches sei ein ethischer. Auch Carnap war politisch progressiv und sozialistisch eingestellt, auch wenn er sich nie politisch engagierte, jedenfalls nicht in einem Ausmaß, das Edmonds für erwähnenswert hält. (Liam Kofi Bright von der London School of Economics, der sich selbst in der Tradition des Logischen Empirismus verortet, teilte auf Twitter einmal eine schöne Anekdote: Carnap, der inzwischen in Kalifornien lebte, wollte der Kommunistischen Partei beitreten. Das Vorhaben scheiterte daran, dass die ihre Kontaktdaten aus dem Telefonbuch hatte streichen lassen, um dem Zugriff durch Senator McCarthys Ausschuss zu entgehen.)

Eine ironische Pointe ist, dass der entschieden antitraditionalistische Kreis, der eine in voller Absicht ahistorische Art des Philosophierens begründete, damit einen Gedanken aufnahm, der die abendländische Philosophie von Anfang an begleitete. Nicht erst seit Kant schrieb “Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen”, ist der Gedanke der Befreiung durch die Vernunft prägend für die Philosophie. Auch eine Reihe der sokratischen Dialoge lassen sich so lesen, dass Sokrates seine Gesprächspartner dazu bringt, die überkommenen Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen. Der Wiener Kreis war also deutlich stärker in der philosophischen Tradition verwurzelt, als die gängige Erzählung und der Selbstanspruch der analytischen Philosophie andeuten.

Am stärksten deutlich macht Edmonds den emanzipatorischen Impuls anhand der Figur Otto Neurath. Neurath war ein Funktionär in der Münchner Räterepublik gewesen. Nach deren Zerschlagung wurde er zunächst inhaftiert und ging dann nach Österreich, um eine bedeutende Figur im “Roten Wien” zu werden. Er versuchte, den Leitgedanken des Kreises, wonach die Beseitigung von Missverständnissen und Ideologie den Menschen von selbst den Weg zum Sozialismus zeigt, in die Tat umzusetzen. 

Neurath entwickelte das ISOTYPE, ein System von Piktogrammen zur Darstellung von Informationen. In einem eigens geschaffenen Museum wurde beispielsweise die Lebenserwartung und Kindersterblichkeit in Abhängigkeit vom Einkommen gezeigt. Auf diese Weise konnten auch Analphabet*innen Zugang zur Wahrheit erhalten, die sie befreien sollte. Neurath wurde später von der sowjetischen Regierung mit der Einrichtung eines solchen Museums in Moskau beauftragt und sollte sein Leben lang der Idee treu bleiben, dass es die Aufgabe politischer Institutionen ist, die Voraussetzungen für das gute Leben der Menschen durch die Vernunft zu ermitteln und sicherzustellen.

Die Vereinigung der beiden Formen von Emanzipation, die der Kreis anstrebte – der intellektuellen wie der politischen -, erfolgte durch das “Manifest” des Kreises, das 1929 unter dem Titel Wissenschaftliche Weltauffassung – Der Wiener Kreis erschien. “Das Manifest stellt eine Verbindung zwischen dem Kreis und den Bestrebungen zur Neugestaltung der ökonomischen, sozialen und bildungspolitischen Verhältnisse her. […] Die Philosophie des Kreises und rationale Planungsschritte zur Einführung des Sozialismus wurden miteinander verknüpft.” (S. 114f.) Diese Verbindung wurde zusätzlich gestärkt, indem Angehörige des Kreises Vorstandsposten im Verein Ernst Mach übernahmen, der sich der Arbeiterbildung verschrieben hatte. Edmonds verhehlt jedoch nicht, dass die Veröffentlichung des Manifests zu Spannungen mit weniger “aktivistisch” eingestellten Mitgliedern des Kreises führte. Manche distanzierten sich öffentlich. Wittgenstein verurteilte das Manifest als peinliche Angeberei und unanständig gegenüber Schlick als Gründer des Kreises.

In der Rückschau mag man den Optimismus, der den Kreis vor allem in seinen dezidiert politischen Ansichten antrieb, für hoffnungslos naiv halten, vor allem da diese Rückschau vom Wissen über den aufziehenden Faschismus überschattet wird. Aus der damaligen Perspektive ist dieses Urteil weit weniger naheliegend. Gerade im Hinblick auf die Aufbruchsstimmung im Wien der 1920er Jahre, aus der auch der Kreis geboren wurde, lässt sich dieser Optimismus nicht so einfach abtun.

Darüber hinaus ist es, unabhängig davon, ob der Optimismus gerechtfertigt ist, bewundernswert, dass es ihn gab. Heutzutage ist die Philosophie von allen Seiten Etatkürzungen, Legitimationszwängen und “Elfenbeinturm!”-Vorwürfen ausgesetzt, und es wäre sehr eine Philosophie zu wünschen, die selbstbewusst ihr Projekt der Befreiung durch die Vernunft als gesamtgesellschaftliches Anliegen verteidigt. Dies umso mehr, wenn man bedenkt, dass eines der größten Hindernisse für das klare Denken (und dementsprechend das selbstbestimmte Leben) in der allgegenwärtigen Desinformation besteht.

Die Philosophie lehrt ja gerade, welchen Behauptungen aus welchen Gründen Glauben geschenkt werden kann und welchen eben nicht. Hier ist vor allem die Idee bedeutsam, die wir dem Wiener Kreis zu verdanken haben, dass manche Behauptungen “nicht einmal falsch” (Carnap über Heidegger) sind, sondern Unsinn. Desinformation ist nicht nur dann ein Problem, wenn sie aus Lügen besteht, die vielleicht von einigen geglaubt werden. Sie ist mindestens ebenso und wahrscheinlich noch mehr ein Problem, wenn sie Behauptungen aufstellt, die weder wahr noch falsch sein können, sondern ausschließlich den Zweck haben, von dem eigentlich Wichtigen abzulenken. Dies herauszuarbeiten ist die eigentliche Schwierigkeit. Gerade die moderne analytische Philosophie lässt diesen Anspruch oft vermissen und beschäftigt sich lieber mit Fragen, die ihr den Vorwurf des Elfenbeinturms und des Verlusts des kritischen Potentials nicht gänzlich zu Unrecht einbringen (was etwas Anderes ist als zu sagen, sie sei irrelevant).

Der dramatische Wendepunkt, der den dritten und letzten Akt des Schauspiels einleitet, ist der titelgebende Mord an Moritz Schlick. Der Mörder, ein psychisch labiler Student namens Johann Nelböck, war schon öfter mit Schlick aneinandergeraten. Schlick hatte zeitweilig deswegen sogar Polizeischutz erhalten, der dann aber wieder abgezogen wurde. Nelböck erschoss Schlick aus nächster Nähe vor dem Eingang zum Hörsaal. Sein Motiv war vermutlich eine Mischung aus beruflicher und persönlicher Eifersucht. Nelböck hatte Schlick im Verdacht, seine Einstellung an der Universität zugunsten von Friedrich Waismann torpediert zu haben. Außerdem hatte er Schlick eine Affäre mit einer Studentin angedichtet, die ihn selbst zurückgewiesen hatte.

Waismann war Jude, was für die Nachgeschichte des Mordes nicht ganz unwichtig sein würde, denn das Verbrechen wurde schnell von den reaktionären und antisemitischen Kräften vereinnahmt. Schlick selbst war kein Jude, aber eine Reihe von Mitgliedern des Kreises waren Jüd*innen oder zumindest nach den damaligen Kriterien des Antisemitismus “jüdischer Herkunft”. Edmonds widmet dem vorherrschenden Antisemitismus im Wien der 1920er Jahre ein ganzes Kapitel und versäumt auch nicht, an anderen Stellen darauf hinzuweisen, dass die Opposition gegen den Wiener Kreis von Anfang an antisemtisch gefärbt war. Die reaktionären Kräfte stellten Nelböcks Tat als Akt der kulturellen Notwehr dar, eine Selbstverteidigung gegen einen Angriff auf das mythische “Volk”. Nelböck selbst machte sich diese Darstellung zu eigen. Nach dem “Anschluss” Österreichs stellte er auf ihrer Grundlage ein Gnadengesuch, das bewilligt wurde.

Durch diese Verortung im antisemitischen Zeitgeist stellt Edmonds die Ermordung des Professor Schlick gewissermaßen als Auftakt zur Vernichtung des jüdischen Lebens in Europa dar und des Klimas der geistigen Offenheit, in dem der Kreis gedieh: “Es ist unmöglich, die Geschichte des Wiener Kreises zu verstehen, ohne seine jüdische Komponente in den Blick zu nehmen.” (S. 140) Die folgende Auflösung des Kreises und die Flucht und Vertreibung seiner Mitglieder erscheint dann als logische Folge der Ermordung seines Gründers.

Die letzten beiden Kapitel behandeln das Aufgehen des Kreises in der abendländischen Philosophie während der Nachkriegszeit. Der Kreis als solcher hatte aufgehört zu existieren, weil seine Mitglieder verstreut waren. Aber gerade dadurch konnten seine Ideen überall Fuß fassen. Das Buch endet mit der Feststellung: “In diesem Sinne liegt der Erfolg der Ideen des Kreises gerade in ihrer offenkundigen Abwesenheit.” (S. 306) (Abendländische) Philosophie ist heutzutage die Untersuchung der Sprache zum Zweck der Trennung sinnvoller von unsinnigen Behauptungen.

Edmonds hat ein sehr lesenswertes Buch darüber geschrieben, wie die Philosophie in ihrer heutigen Form entstanden ist. Es gelingt ihm, die beteiligten Personen und das geistige Klima, in dem sie sich bewegen, lebendig werden zu lassen. Die hier bemühte Analogie zu einem Theaterstück ist in voller Absicht gewählt. Die Beschreibungen der verschiedenen Figuren sind pointiert und anschaulich, was durch Zitate aus Briefen, Tagebüchern, Publikationen und Sekundärliteratur sowie die Nacherzählung von Anekdoten erreicht wird. Man merkt dem Buch die umfassende Kenntnis der Materie und die gründliche Recherche an. Der Fokus auf die Figuren und ihr Verhältnis zueinander sowie den kulturellen und sozialen Umständen ihrer Zeit machen das Buch zu einer sowohl kurzweiligen wie auch intellektuell anregenden Lektüre. Edmonds‘ Humor ist subtil und sparsam gesetzt, was ihn aber umso mehr herausstellt, wenn er einmal durchscheint. Selbst wenn man mit dem Logischen Empirismus als philosophischem Ansatz nichts anfangen kann, wird deutlich, warum er als attraktive Position erscheint.

Soweit Edmonds die Debatten, in die der Kreis eingebunden war, darstellt, verlangt er so gut wie kein philosophisches Vorwissen. Das wenige, das erforderlich ist, wird in einigen wenigen Absätzen dargestellt. Diese Darstellungen kommen ohne Fachterminologie aus und sind so in den Text integriert, dass man sofort alles Nötige weiß, um den entsprechenden Kontext zu verstehen. Philosophisch vorgebildete Leser*innen mögen diese Darstellungen für das tiefere Verständnis unzureichend finden, aber dies ernsthaft zu bemängeln hieße den Anspruch des Buches zu verkennen.

Bei allem Lob sollen aber auch die Aspekte nicht ungenannt bleiben, die weniger angenehm auffallen. Zunächst ist da Edmonds’ Darstellung der wenigen Frauenfiguren, die überhaupt auftreten. Der Wiener Kreis war von Männern dominiert, wie die gesamte Wissenschaft vor hundert Jahren. Seine Geschichte ist eine Geschichte dessen, was Männer gedacht haben. Aber man kann sich auf den Standpunkt stellen, dass gerade deswegen die Frauen, die ihm angehört haben, und ihre Wirkung auf die Geschichte des Kreises besondere Beachtung verdienen.

Die drei Frauen, die philosophisch mit dem Kreis assoziiert waren, führen im Buch allerdings so gut wie kein Eigenleben. Nachdem sie einmal vorgestellt sind, treten sie immer nur im Verbund mit anderen Figuren auf. Über Hans Hahns Schwester Olga, die später die zweite Ehefrau Otto Neuraths werden sollte, erfahren wir eigentlich nur, dass sie als Studentin erblindete, woraufhin Neurath dafür sorgte, dass ihr vorgelesen wurde, damit sie ihren Abschluss in Mathematik machen konnte. Darüber, welche Rolle ihre wissenschaftliche Arbeit für den Kreis spielte (oder ob überhaupt) bleiben wir im Unklaren. Dasselbe gilt für Olga Taussky. Edmonds nennt einige biographische Eckdaten: wann sie dem Kreis beitrat, wann sie floh, wann sie starb, und dass sie von Antisemitismus betroffen war. Er erwähnt auch kurz, dass sie auf Grundlage ihrer Doktorarbeit einen Artikel in Erkenntnis, der vom Kreis herausgegebenen Zeitschrift veröffentlichte, in dem sie die Ideen eines polnischen Mathematikers verarbeitete. In welchem Verhältnis dieser oder Tausskys Arbeit über ihn zu den Ideen des Kreises stand, wird nicht weiter ausgeführt. 

Rose Rand erfährt ein wenig mehr Beachtung, erscheint dabei aber in keinem guten Licht. Zunächst erfahren wir, dass sie die Treffen des Kreises protokollierte “vermutlich weil sie eine Frau war”, wie Edmonds beiläufig eingesteht. Damit reiht sie sich in die Millionen von Frauen ein, deren unbezahlte, ungesehene und ungewürdigte Arbeit es den Männern ermöglicht, in der Öffentlichkeit zu glänzen (man fragt sich, wie viel von Edmonds’ Buch auf der Durchsicht von Rands Protokollen basiert).

Ein wenig mehr Aufmerksamkeit widmet Edmonds ihr bei der Schilderung ihrer Lage in England. Hier erscheint sie vor allem als undankbare und von Anspruchsdenken erfüllte Nörglerin, die von Wittgenstein unterhalten wird, weil sie es in keinem Beruf lange aushält, der nicht mit ihrer Arbeit über Mathematik und Logik zusammenhängt. Die Männer des Kreises halten ihr philosophisches Talent jedoch nicht für ausreichend, um eine Anstellung in der Wissenschaft zu finden. Diesem Urteil scheint Edmonds sich unkritisch anzuschließen, obwohl er es bei Rands Vorstellung so aussehen lässt, als sei sie hauptsächlich als philosophische Diskutantin und nur sekundär als Protokollantin eingeladen worden. Klarerweise kann hier kein Urteil darüber gefällt werden, ob die Einschätzung Rands durch den Kreis und damit Edmonds berechtigt ist. In jedem Fall ist es auffällig, dass die wenigen Frauen, die für den Kreis eine Rolle spielen, nur über ihr Verhältnis zu den männlichen Mitgliedern, das von ebendiesen definiert wird, vorgestellt werden.

Ein anderes Problem ist, dass man den Eindruck erhält, Edmonds sympathisiere ein wenig zu sehr mit dem Wiener Kreis. Nun ist es nicht grundsätzlich verwerflich, wenn ein Autor sich für den Gegenstand seines Buches begeistern kann. Allerdings führt diese Begeisterung dazu, dass der Gegensatz zwischen “Wiener Kreis – Vernunft – Gut” und “Metaphysik – Mystizismus – Schlecht” von ihm sehr stark gemacht wird. Immer wieder lässt er Bemerkungen fallen, dass der Kreis mit seiner Ablehnung der Tradition progressiv war, während die Opposition gegen ihn sich reaktionären Impulsen verdanke. Besonders deutlich wird es daran, wie er Martin Heidegger als Erzfeind des Kreises präsentiert, eine Art dunkler Ritter der Philosophie, der von den tapferen weißen Rittern bekämpft werden muss.

In Edmonds’ Schilderung von Carnaps Kritik an Heidegger in dem Aufsatz “Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache” erscheint letzterer als ein Scharlatan, der seinen obskurantistischen Jargon (“Das Nichts selbst nichtet”) gezielt einsetzt, um Verwirrung zu stiften und dem faschistischen Denken Vorschub zu leisten. Gegen diese Verwirrung setzt Edmonds die sprachanalytische Methode des Wiener Kreises als Heilmittel: “Was hier gebraucht wurde, war der Verifikationismus. Metaphysische Sätze konnten nicht überprüft werden, nicht einmal im Prinzip. […] Man sollte sie als Aussagen verstehen, die an bestimmte Gefühle rührten.” (S. 174)

Was dabei unter den Tisch fällt, ist der Umstand, dass es um zwei unterschiedliche Vorstellungen davon ging, was Philosophie ist und daher wie zu philosophieren sei. Da dies selbst philosophische Fragen sind, muss jeder philosophische Text sie zumindest implizit beantwortet haben. Wenn also Carnap zu Heidegger sagt: ‘Martin, das Nichts ist kein empirischer Gegenstand, deswegen hat ein Satz wie ‘Das Nichts nichtet’ keine Verifikationsmethode und sagt daher nichts aus. Es ist auch kein philosophischer Satz, weil er nicht dazu beiträgt, die Verifikationsbedinungen anderer Sätze zu erhellen’, dann könnte Heidegger darauf erwidern: ‘Rudolf, dein Verifikationismus trägt nichts zur verstehenden Selbstverortung des Daseins in der Welt bei’.

Im Fall Heideggers ist die Darstellung als Bösewicht in dem Sinne gerechtfertigt, dass er ein Nazi war. Er trat 1933 in die NSDAP ein und bekannte sich in seiner Antrittsrede als Rektor der Universität Freiburg zum Nationalsozialismus. Man muss aber weder Heideggers Philosophie noch seinen Nationalsozialismus übernehmen, um dem oben aufgeführten Punkt zuzustimmen, dass die Methode des Wiener Kreises eine mögliche Art des Philosophierens ist, die begründet werden muss und dementsprechend auch kritisiert werden kann.

Die manichäisch anmutende Gegenüberstellung von Vernunft und Mystizismus erstreckt sich aber auch auf die Positionen der Mitglieder des Kreises. So versteigt Edmonds sich zu der schwer nachvollziehbaren Andeutung, die Rolle, die Wittgenstein im Tractatus dem “Mystischem” oder “Höherem” oder “Unsagbarem” zugestand, mache den Text für eine faschistische Vereinnahmung anfällig, während “der logische Empirismus viel offensichtlicher und frontaler im Widerspruch zur faschistischen Ideologie” (S. 70) stand.

Es gibt einen subtilen, aber sehr wichtigen Unterschied zwischen Wittgensteins Auffassung und der anderer Mitglieder des Kreises. Man war sich einig, dass Sätze sinnvoll sind, wenn sie etwas über die Welt aussagen. Weil wertende Eigenschaften wie “moralisch schlecht” oder ”hässlich” nicht zur Welt gehören, sehen entsprechende Urteile aus wie Sätze, sind es aber nicht. Diese Ansicht war im Kreis weitestgehend akzeptiert und wurde auch von Wittgenstein im Tractatus vertreten.

Anders als etwa Schlick zog Wittgenstein daraus jedoch nicht den Schluss, dass moralische oder auch ästhetische Sätze belanglos sind. Wittgenstein sagte über den Tractatus, das Buch bestehe aus zwei Teilen, dem geschriebenen und dem ungeschriebenen, wobei letzterer wichtiger sei. “Wir fühlen, daß selbst, wenn alle möglichen [d. h. sinnvoll stellbaren, also empirisch beantwortbaren] Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.”, heißt es etwa im Tractatus (Satz 6.52).

Diese sowie eine ganze Reihe weiterer Bemerkungen Wittgensteins deuten darauf hin, dass das “Mystische” in seinem Denken eine äußerst wichtige Rolle spielte. Welche genau, ist seit etwa einhundert Jahren Gegenstand der exegetischen Debatte. Ich selbst hatte in meinem Bachelorstudium zwei Seminare zum Tractatus bei zwei verschiedenen Dozenten, die jeweils zwei sehr unterschiedliche Deutungen des Textes unterrichteten.

Angesichts der Dichte, Komplexität und Vielschichtigkeit des Tractatus ist diese beiläufige Bemerkung von Edmonds nicht einfach nur ein Schnitzer. Hier wird en passant eine ausgesprochen einseitige Lesart eines der anspruchsvollsten Texte der abendländischen Philosophie präsentiert, während man von der Leser*innenschaft das philosophische Vorwissen zur Einordnung dieser Interpretation nicht ohne Weiteres erwarten kann. Es ist durchaus legitim, Wittgenstein für seine starke Betonung des Mystischen zu kritisieren. Aber dies ohne Kontextualisierung in einem halben Satz zu tun und dabei ohne jede Begründung diese Betonung des Mystischen in die Nähe des Faschismus zu rücken, ist philosophisch unredlich.

Schwer nachvollziehbar ist auch, dass der Untertitel in der deutschen Ausgabe geändert wurde (wofür Edmonds selbst natürlich nicht verantwortlich gemacht werden kann). Im englischen Original lautet er Rise and Fall of the Vienna Circle, woraus im Deutschen Der Wiener Kreis und die dunklen Jahre der Philosophie gemacht wurde. Nicht nur klingt dies deutlich reißerischer, es ist auch geeignet, Verwirrung zu stiften. Man kommt nämlich nicht umhin, sich zu fragen, welche dunklen Jahre der Philosophie gemeint sein sollen. Die Zwischenkriegszeit war sicher nicht einfach und verdient mitunter vielleicht auch die Bezeichnung “dunkle Jahre”. Aber um dunkle Jahre der Philosophie hat es sich gerade nicht gehandelt – genau darum geht es im Buch ja. Die andere Möglichkeit wäre, dass damit die Jahre der NS-Zeit und des Zweiten Weltkriegs gemeint sind, die den Kreis zur Auflösung zwangen und in die Welt verstreuten. Aber diese Jahre werden erst im letzten Drittel des Buches behandelt. Sein Schwerpunkt liegt woanders. Bedenkt man, dass das Buch die Geschichte eines philosophischen Ansatzes erzählt, der sich der Klarheit des Denkens durch die Beseitigung missverständlicher Sprache verschrieben hatte, kann man sich über diese redaktionelle Entscheidung nur wundern.

Um nicht auf dieser kritischen Note zu enden, soll hier noch einmal betont werden, worin die Stärke des Buches besteht. Edmonds gelingt es sehr gut, die neue Art des Philosophierens, die der Wiener Kreis propagierte, als Manifestation eines größeren kulturellen und politischen Umbruchs darzustellen. Er zeigt auch, wie der Wiener Kreis diesen Umbruch aufnahm und versuchte, ihn aktiv zu gestalten. Dadurch dass Edmonds deutlich macht, wie zentral der emanzipatorische Impuls für den Wiener Kreis war, erinnert er nicht nur daran, was die analytische Philosophie einmal war, sondern er deutet auch an, was sie wieder werden könnte. In diesem Sinne ist das Buch ein Zeugnis dafür, wozu Philosophie in der Lage ist, wenn sie ihr reflexiv-kritisches und ihr konstruktives Potential ernst nimmt und zum Ausgangspunkt ihrer gesellschaftlichen Funktion macht.

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