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Ist das Zensur oder kann das trotzdem weg?

Elif Kavadar

Elif Kavadar hat Germanistik und Geschichte studiert, arbeitet im Bildungsbereich und spricht als migrantische, muslimische Frau nicht nur über alltägliche Erlebnisse und Bücher, sondern auch über (erlebte) Diskriminierungen.
Elif Kavadar

Je mehr über Inhalte gesprochen wird, die bestimmte Gruppen von Menschen benachteiligen, desto häufiger treten Vorwürfe auf, die Redefreiheit werde dadurch eingeschränkt. Nicht nur verschiebt das den Fokus der zu Beginn geäußerten Kritik – es konstruiert auch eine Machtverschiebung und einen Freiheitsverlust, der nicht existiert.

Vor einigen Tagen schrieb Johannes Franzen in der FAZ darüber, warum solcherlei Zensurvorwürfe, die es so vorher nicht gegeben hätte, keine Grundlage haben und ein Vorher erschaffen, in dem alles kritiklos akzeptiert worden sei. Weder entspricht das den historischen Tatsachen, noch ist im Heute eine solche Zensur durch Einwände an manchen Inhalten wirksam. Dennoch wird Kritik an benachteiligenden Inhalten mit inquisitorischen Mitteln verglichen, wie im folgenden Kommentar unter dem Beitrag:

Auch in der kürzlichen Debatte um Sensitivity Reading* flammten Zensurvergleiche auf, wieder wurden Gefahren konstruiert, wieder Verbote der Redefreiheit beteuert. Eine ironische Tatsache, bedenkt man, dass diese vermeintlichen Einschränkungen der Redefreiheit auf großen Portalen wie der ZEIT und dem NDR als Bedrohung dargestellt wurden.
In „Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche“ greift Reni Eddo-Lodge das Phänomen auf:

„Diesem Kampf um die „Redefreiheit“ kann man kaum eine Debatte nennen. Sie ist einseitig, und die mächtige Seite verdreht ständig die Teilnahmebedingungen. Den Widerstand gegen antirassistische Reden und Proteste als einen edlen Kampf um Redefreiheit zu verkaufen ist eine Strategie, um Weiße vor Kritik zu schützen. Manche Weiße scheinen zu glauben, dass der Vorwurf des Rassismus viel schlimmer als der Rassismus selbst ist.“ (S. 140)

Dieser Mechanismus, den oppositionellen Stimmen eine Art diktatorische Macht zuzusprechen und Probleme zu konstruieren, die eigentlich keine sind, greift nicht nur in Debatten um Rassismus, sondern ist in allen Diskursen um Diskriminierung beobachtbar – so auch bei der Erfindung der Feindbilder “Political Correctness” und “Gutmenschen”, wie Katrin Auer schon 2002 analysierte. Vergleiche mit der katholischen Inquisition, bekannten historischen und heutigen Diktatoren und die Bezeichnung als eigentliche Faschist*innen postulieren ein Ende der (Rede-)Freiheit und erschaffen eine Situation, die bedrohlicher nicht wirken könnte – entspräche sie denn den Tatsachen. Das Feindbild einer Art allmächtiger Institution entsteht, welches Mustern antisemitischer Weltverschwörungstheorien gleicht.

“Political correctness ist ein Kampfbegriff, mit dem rechtsextreme Ideologen demokratische Positionen in Frage stellen, um ihre eigene Position um so wirkungsvoller zur Geltung zu bringen. Der Effekt dieser Diskursstrategie steigert sich noch, wenn die vermeintlichen Vertreter von pc mit einer Machtfälle imaginiert werden, die ihresgleichen sucht.” (Jäger/Jäger 1999, zit. n. Katrin Auer)

Das ist auch zwei weiteren Beispielen zu entnehmen, die ich als Mit-Betreiberin der Sensitivity Reading-Website* erhalten habe. Das erste Zitat ist aus einer Mail, das zweite aus einem Kommentar. Besonders erstaunlich ist, dass trotz der angeblich diktatorischen Verhältnisse keine Sorge zu bestehen scheint, all das unter dem Klarnamen zu veröffentlichen.

Die Vehemenz, mit der verteidigt wird, diskriminierende Inhalte weiterhin kritiklos schreiben zu dürfen, erinnert nicht selten an die Taktiken der AfD, die z.B. “die Freiheit Andersdenkender” bedroht sieht, wenn sich das Maxim Gorki-Theater an einer antifaschistischen Demonstration beteiligt. Freiwillige, nicht staatlich vorgegebene Aktivitäten werden rhetorisch zu gehirnwäschenähnlichen Repressionsmaßnahmen erhöht und instrumentalisiert.

Matthias M. Lorenz beschreibt in “Literatur und Zensur in der Demokratie” die Bestrebungen, bestimmte Begriffe wie das N-Wort nicht mehr zu nutzen, als “weder Denkverbot noch Sprachzensur, sondern in erster Linie eine legitime Forderung in der Multikulturalismusdebatte” (S. 192). Es sei die Folge eines demokratischen, nicht eines totalitären Prozesses. Weiterhin zitiert er Wolfgang Fritz Haug, der fragt: „Aber was ist das für ein Handlungsverlangen, das die Fesseln der Moral loswerden, sich von den Werten der Kultur und den Regeln der Demokratie emanzipieren will?“ (ebd.).

Ob sich diese Kommentator*innen rechts positionieren würden oder nicht, so lässt sich eine Aneignung der Rhetorik und der Strategien des rechten Spektrums nicht von der Hand weisen. Inwieweit das ein Symptom für den Erfolg neurechter Denkmuster ist oder dafür, dass demokratische Bestrebungen anfangen, zu fruchten, das weiß ich nicht. Vielleicht ist das Hinausposaunen eines angeblichen Freiheitsverlustes an eine breite Öffentlichkeit ein Zeichen dafür, dass Privilegien angekratzt werden, dass tatsächlich eine Bedrohung existiert – nämlich die, Privilegien und Deutungshoheiten vielleicht irgendwann teilen zu müssen. Aus dieser Perspektive betrachtet sind solcherlei Kommentare womöglich eine Bestätigung, dass es vorangeht, dass mehr über Themen und Menschen geredet wird, die bisher eine marginale Rolle in der Kultur gespielt haben. Mühselig ist das Ertragenmüssen dieser Symptome nur trotzdem.

*Sensitivity Reading ist ein Angebot, das Autor*innen vor Veröffentlichung eines Manuskripts nutzen können, um ihren Text auf unbeabsichtigte Bias und diskriminierende Inhalte sichten zu lassen. Sensitivity Reader sind ein Glied des Lektorats, sofern der Wunsch besteht, die Expertise von Menschen, die diese Diskriminierungserfahrungen machen, in Anspruch zu nehmen. Mit dem Erstellen einer Plattform für diesen Zweck hat die Kritik an selbiger stetig zugenommen.

Photo by Jason Blackeye on Unsplash

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Ein Kommentar

  1. […] – wird von Martensteins Anhängern offenbar begeistert aufgenommen, wie einige von Elif in ihrem Blogbeitrag bei 54Books zitierte Reaktionen auf die Website zeigen. Kritiklos werden die absichtlichen […]

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