Eine Poetik des Zweifels – Zum hundertsten Geburtstag der Schriftstellerin Ruth Rehmann

von Nicole Seifert

Ruth Rehmanns erster Auftritt bei der Gruppe 47 war denkwürdig. Am Abend sang sie „schallplattenreif Chansons mit einer wilden Stimme“, wie es später in der FAZ heißen sollte, und ihre Lesung am nächsten Tag rief in Großholzleute im Allgäu derart positive Reaktionen hervor, dass sie für den Preis der Gruppe des Jahres 1958 im Gespräch war. Und hätte Günter Grass nicht noch Aufsehen mit einem Kapitel aus seinem unveröffentlichten Roman Die Blechtrommel erregt – sie hätte den Preis wohl auch bekommen. Ebenfalls auf der Tagung anwesend war Siegfried Unseld, der Ruth Rehmann schließlich unter Vertrag nahm. Der Roman, aus dem sie den Auszug „Das erste Kleid“ gelesen hatte, erschien 1959 unter dem Titel Illusionen bei Suhrkamp, wurde in mehrere Sprachen übersetzt, ein weiteres Kapitel schaffte es in die Schulbücher, dann geriet der Roman langsam in Vergessenheit. Der AvivA Verlag hat Illusionen nun anlässlich des hundertsten Geburtstags der Autorin neu aufgelegt.

Ruth Rehmann war im Rheinland als jüngstes Kind in einem protestantischen Pfarrhaus aufgewachsen, besuchte später eine Dolmetscherschule und studierte während des Zweiten Weltkriegs in Bonn und Marburg Kunstgeschichte, Archäologie und Germanistik, später in Köln und Berlin Musik mit dem Hauptfach Geige. Als die Berliner Musikhochschule im Herbst 1944 geschlossen wurde, bekam sie eine Dienstverpflichtung des Oberkommandos des deutschen Heeres, sodass sie die letzten Kriegsmonate zusammen mit invaliden Soldaten in einer Schreibstube absaß, um kurz vor dem Einmarsch der Russen evakuiert zu werden. Sie kam wieder in Marburg unter, „immer die Geige unterm Arm“, und landete in der amerikanischen Truppenbetreuung beim Special Service, der in einem Kino mit Klavier untergebracht war. Als dort eine Band probte, die aus Hoffnung auf größeren Erfolg noch eine Sängerin suchte, wurde sie vom Fleck weg engagiert und trat mehrere Monate lang mit ihnen in Marburg und Heidelberg auf. 1951 erlangte sie in Düsseldorf Konzertreife, gab die Solistinnenkarriere jedoch auf, nachdem sie bei ihrem ersten Solokonzert „total versagte“. Die Entscheidung zwischen der Musik und dem Schreiben fiel für Rehmann auf das Schreiben, sie arbeitete in den frühen Fünfzigerjahren als Journalistin für die amerikanische Presse, unternahm ausgedehnte Reisen und übersetzte amerikanische Propagandafilme. Nach der Geburt ihres ersten Kindes war sie als Pressereferentin in Bonn für die Indische Botschaft tätig, was sie nach eigener Aussage so lange machen wollte, bis sie 3000 Mark zusammen hatte – dann wollte sie ein Buch schreiben. Und das tat sie auch, in einer kleinen Wohnung auf einem oberbayrischen Bauernhof. Besonders beeindruckt war sie von der amerikanischen Short Story, vor allem von Sherwood Anderson. Ihre erste eigene Kurzgeschichte wurde 1950 in Rowohlts Literaturzeitschrift story gedruckt, später erschienen weitere in Akzente.

In dem Kapitel „Das erste Kleid“, das sie 1958 vor der Gruppe 47 las, möchte eine Frau nach einer Liebesnacht mit einem Mann wieder „Ordnung herstellen, ehe der Tag es sieht“. Sie „rekonstruiert“ ihren Körper und „restauriert das befleckte Bild mit frischen Farben“, mit einem neuen Kleid. Das Gefühl der Kontrolle über ihr Leben und über den noch schlafenden Mann hält jedoch nicht lange. Der Versuch, den gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen, gemäß dem weiblichen Idealbild der Fünfzigerjahre ordentlich, sauber und adrett zu sein und die eigene Körperlichkeit zu sublimieren, ist zum Scheitern verurteilt. Im Roman geht es um insgesamt vier Angestellte, drei Frauen und einen Mann, die am Samstagmittag das Büro verlassen, am Montagmorgen wiederkommen und dazwischen versuchen, den Arbeitsalltag zu vergessen und ein möglichst erfüllendes Leben zu führen, zu planen oder sich jedenfalls daran zu erinnern. Illusionen erzählt die konkreten Arbeitsverhältnisse im Nachkriegswirtschaftswunder der Fünfzigerjahre mit und schildert insbesondere weibliche Berufstätigkeit zu dieser Zeit. Damit steht der Roman inhaltlich in der Tradition der Neuen Sachlichkeit der Weimarer Republik, von Gabriele Tergits Käsebier erobert den Kurfürstendamm und Irmgard Keuns Gilgi und Das kunstseidene Mädchen, an die er auch stilistisch erinnert.

Zum literarischen Durchbruch verhalf Rehmann dieser Roman noch nicht. 1968 erschien Die Leute im Tal, ein Roman über den Einbruch der Technisierung in die Abgeschiedenheit des ländlichen Lebens, aber erst 1979 hatte sie mit dem Roman Der Mann auf der Kanzel einen größeren Erfolg. Der autobiografisch grundierte Roman mit dem Untertitel „Fragen an einen Vater“ setzt sich mit dem Verhalten ihres Vaters, eines evangelischen Pfarrers, während des Nationalsozialismus auseinander. Rehmanns Bemühen, die spezifische Persönlichkeit ihres Vaters zu erfassen und ihren eigenen Kindern nachvollziehbar zu machen, zeichnet mehr und mehr das Bild eines typischen Vertreters seiner Kirche und seiner Klasse, des gebildeten Bürgertums. Der gutmütige Vater, dem sie als jüngstes Kind besonders nah war und den sie sehr liebte, wollte so gern hoffen, glaubte so sehr an das Gute, dass er anderes nicht sehen wollte. Sein Harmoniebedürfnis und sein Hang zur Kritiklosigkeit machten es ihm unmöglich, sich zu den menschlichen Konflikten in seiner Gemeinde zu verhalten. Er entzog sich und lud eben damit Schuld auf sich.

Die Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus, in die Ruth Rehmann als junges Mädchen hineinwuchs, sollte ihr Leben lang – sie starb 2016 mit 93 Jahren – ein Thema für sie bleiben. In ihrem 1985 erschienenen Roman Abschied von der Meisterklasse nutzte sie ihre Erfahrungen während ihrer musikalischen Ausbildung, um die beiden extremen Möglichkeiten einer künstlerischen Existenz, bejubelte Virtuosität und frühzeitiges Scheitern, in ihren beiden Protagonistinnen einander gegenüber zu stellen. Die jüngere von beiden, der eine Karriere als Solistin versagt blieb, hat die Aufgabe übernommen, die Lebensgeschichte der alternden Diva zu schreiben, die einst ihre Lehrerin war. Ein Projekt, das nur misslingen kann, weil die alte Dame allzu vielen Fragen ausweicht – auch dieser Roman eine Auseinandersetzung mit der Schuld des Einzelnen im Nationalsozialismus.

„Mein Schreiben war immer darauf gerichtet, Kompliziertes einfach zu machen, durchsichtig, klar, überschaubar, mitteilbar“, schreibt Rehmann später in Unterwegs in fremden Träumen, dem Buch, in dem sie sich mit dem “anderen Deutschland” – so der Untertitel – im östlichen Teil des Landes auseinandersetzt. „Ich ziehe behutsam an einem einzigen Fädchen, nichts im Sinn, als seinem Lauf nachzugehen. Aber dabei bleibt es nie. Knoten tauchen auf, Verästelungen, Verknüpfungen, Quer- und Rückverbindungen, ein vielschichtiges, im Trüben sich verlierendes Netz, das ganze Klumpen unverstandenen Rohstoffs heraufzieht.“ 1989 hatte sie den Plan, über den Ersten Gesamtdeutschen Schriftstellerkongress zu schreiben, der im Oktober 1947 im damals noch ungeteilten Berlin stattfand. Ihre Absicht war es, „die Bilderwechsel zwischen Nachkriegszeit und Kaltem Krieg besser zu verstehen“. Als Ruth Rehmann nach Berlin kam, um zu recherchieren, bahnten sich bereits die Ereignisse an, die dann im November zum Mauerfall und zum Ende der deutschen Teilung führen sollten, ein neuer Bilderwechsel begleitete also ihre Recherchen – draußen die eine Zeitenwende, im Archiv die andere. In Rehmanns Spurensuche, in Porträts von Autor*innen wie Ricarda Huch oder Melvin Lasky mischen sich Erinnerungen an ihr Studium im ausgebombten Berlin, an das Leben unmittelbar nach dem Krieg. Nachkriegszeit und Wendemonate fließen ineinander – hier wie da Diskussionen über die Zukunft Deutschlands, „Leute, die auf der Suche nach Orientierung und Ausblick im Nebel der Geschichte herumirren. Wie ich.“ Dieses Gegen- und Ineinander von eigenem und fremdem Leben ist charakteristisch für Ruth Rehmanns Schreiben und verweist auf etwas, das wie ein Motor für sie gewesen sein muss: „Alles, was ich durch Worte festzuhalten versuche, verwandelt sich unter der Hand in Fragen, die Antworten brauchen, andere Stimmen, andere Bilder, viele kleine einzelne Wahrheiten als lebendiger Damm gegen die Lügenflut, da die große ganze Wahrheit offenbar nicht zu haben ist.“ Eine „Poetik des Zweifels“, wie es im Kritischen Lexikon der Gegenwartsliteratur heißt, „die alle umfassenden Wahrheits- und Gültigkeitsansprüche nur mit Misstrauen betrachten kann.“

Zu Stil und Form ihres ersten Romans, Illusionen, kehrte sie nicht mehr zurück, eine inhaltliche Verbindung zeigt sich jedoch in der Thematisierung weiblicher Lebensgeschichten, den Möglichkeiten und Grenzen weiblicher Emanzipation. Das gilt für ihre Radiobeiträge über das Leben schreibender Frauen, unter anderem über Franziska zu Reventlow, der sie sich verwandt fühlte. Und es gilt für ihre zwischen 1960 und 1985 entstandenen Hörspiele – Stücke, die hintereinander gelesen „Bilder der alten Bundesrepublik von den 60ern bis in die 80er Jahre entstehen [lassen], die die Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten einer Bevölkerung zeigen, die oftmals am Alten klebt und […] lieber keine Experimente wagt“, wie Werner Jung in seinem Nachwort zu der im AvivA-Verlag erschienenen Ausgabe dieser Hörspiele schreibt. Dieser fragende, kritische Blick auf die Gesellschaft durchzieht alle ihre Texte. Sie nahm es sich zeitlebens übel, während des Nationalsozialismus zwar eine klare Haltung gehabt zu haben, aber doch im Grunde so getan zu haben, als ginge sie all das nichts an. Die Wirtschaftswundergesellschaft mochte sie nicht, verspottete „diese oberflächliche Geschäftigkeit“, „dieses Raffen von Sachen“. Später engagierte sich Ruth Rehmann viele Jahre in der Friedensbewegung, kandidierte 1983 für die Grünen für den Bundestag, kämpfte gegen die Umweltzerstörung und hielt bei Attac Vorträge über Themen wie Finanzkapital, Globalisierung und Privatisierung.

Im hohen Alter veröffentlichte sie, inzwischen bei Hanser, zwei Bücher, die als Höhepunkt ihres Schaffens gelten: 2001 Fremd in Cambridge, ein „leidenschaftliches Plädoyer für humanistische Bildung“, wie es in einem Nachruf heißt, und 2009 den Roman Ferne Schwester, ein Buch, das all ihre Lebensthemen noch einmal versammelt: die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, die Möglichkeiten weiblicher Emanzipation und auch die Bedeutung menschlicher Beziehungen für ein gelungenes Leben. Deren Fehlen war schon für den Roman Illusionen zentral. Ferne Schwester diente, wie viele von Rehmanns Büchern, nach ihrer Aussage nicht zuletzt der Selbsterkundung. Einerseits eine Spurensuche der Angehörigen einer Generation, die bei Ende des Zweiten Weltkriegs Anfang zwanzig war und deren Start ins Erwachsenenleben vor allem von Verlusten und gescheiterten Plänen geprägt war, ist es andererseits zugleich ein Beitrag zum Verständnis deutscher Geschichte. So wie Ruth Rehmanns Gesamtwerk ein wichtiger Beitrag zur deutschen Literatur und Geschichte ist. Als solcher würde es auch in die Literaturgeschichten gehören, wo man es meist vergeblich sucht.

Quellen

Werner Jung, „Illusionen am Ende? – Zur Neuausgabe von Ruth Rehmanns Illusionen“, in: Ruth Rehmann, Illusionen, Berlin: AvivA Verlag 2022, S. 281-315

Werner Jung, „’Gehörbildung’ – zu den Hörspielen von Ruth Rehmann“, in: Ruth Rehmann, Drei Gespräche über einen Mann und andere Hörspiele, hg. und mit einem Nachwort von Werner Jung, Berlin: AvivA Verlag 2016, S. 300-314

Ulrike Leuschner, Ruth Rehmann, „’Und dann habe ich das geschrieben’, Ruth Rehmann gibt Auskunft, Ein Gesprächsprotokoll von Ulrike Leuschner“, in: treibhaus, Jahrbuch für die Literatur der fünfziger Jahre, Das Jahr 1959 in der deutschsprachigen Literatur, 5, 2009.

Wiebke Lundius, Die Frauen in der Gruppe 47, Zur Bedeutung der Frauen für die Positionierung der Gruppe 47 im literarischen Feld, Berlin: Schwabe Verlag 2017

Peter Mohr, „Kompliziertes einfach machen, Zum Tod der Schriftstellerin Ruth Rehmann“, Titel Kulturmagazin, 3. Februar 2016, http://titel-kulturmagazin.net/2016/02/03/kompliziertes-einfach-machen/

Ree Post / Uta Krieger / Andreas Wirthensohn, „Ruth Rehmann“, in: Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, 6/16, Begründet von Heinz Ludwig Arnold. edition text + kritik, München 2016 (einschließlich der 113. Nachlieferung)Hans Schwab-Felisch, „Talente und Stilfragen bei der ‚Gruppe 47’“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7.11.1958

Beitragsbild von Lennart Heim