Ein grausamer Lehrmeister, eine tödliche Seuche: Die Subjektivierung des Krieges bei Thukydides

von Carlotta Voß

Wir haben das Foto des Paares gesehen, beide in Militäruniform, sie einen Brautschleier über dem flecktarngemusterten Hemd und einen Blumenstrauß in der Hand: Heirat an der Front. Wir haben das Mädchen gesehen, das in der Fensteröffnung sitzt und entschlossen in die Ferne blickt, Lolli im Mund, gelb-blaue Schleifen im Zopf, ein Gewehr im Schoß. Der Krieg in der Ukraine erreicht uns gegenwärtig auch über eine große Zahl von Bildern. In den letzten Tagen erschüttern sie uns mit ihrer Grausamkeit, mit dem Zeugnis von unfassbarer Gewalt und potentiellen Kriegsverbrechen, das sie geben; besonders in den ersten Wochen nach Kriegsausbruch prägten sie unser kollektives Gedächtnis indes auch mit Inszenierungen, die den Krieg als Handlungszusammenhang von besonderer Schönheit auswiesen: der Schönheit des Heroischen, der Hingabe an eine „große Idee“ wie Freiheit – oder auch Nation.

Die Kritik an dieser Ästhetisierung des Krieges war fast sofort da, allerdings: Zumeist bezieht sie sich auf bestimmte Motive der schönen Bilder, zum Beispiel auf das Motiv des starken, mutigen Mannes, und damit auf Topoi, die unabhängig vom Krieg existieren und deren ungebrochene Bedeutung für unser Weltverstehen er uns nur neu bewusst macht. Noch wenig prominent ist Kritik an der Ästhetisierung des Krieges als solches, wie sie in der vergangenen Woche Alexander Kluge in einem ZEIT-Interview äußerte. Diese Ästhetisierung, sagte Kluge hier, lähme unser Urteilsvermögen und unsere Empathie, weil sie uns zu Konsumenten von Inszenierungen mache, und lähme damit auch gerade jene Fähigkeiten, die es für Verständigung auf Frieden hin brauche. Man kann in Kluges Sinne noch hinzufügen: Die Ästhetisierung trübt auch unseren Blick dafür, was der Krieg wesenhaft ist, denn sie repräsentiert ihn als ein Bewährungsmoment, der menschliche Handlungsmacht freisetzt; der Krieg aber, so Kluge, ist  ein „Dämon“, definiert durch „Nebelhaftigkeit“, ein hochinfektiöses „Virus“, das immer wieder mutiert.

Die Virusmetapher, sie könnte scheinen wie ein Nicken zur Coronapandemie, die als Krisenerscheinung noch nicht vorbei ist und doch schon vom Ukrainekrieg abgelöst wird. Aber tatsächlich hat Kluges Nachdenken über den Krieg als infektiöse Krankheit einen – wenn auch von Kluge ungenannten – Gewährsmann im 5. Jahrhundert v. Chr.: Thukydides, der für manche Vater der Geschichtswissenschaft, für andere Literat, politischer Theoretiker oder kongenialer Analyst des Krieges ist. Das von ihm überlieferte Werk, ein Mammutwerk von acht Büchern, hat als erklärtes Thema to anthropinon, die menschlichen Angelegenheiten, – und als Stoff den Peloponnesischen Krieg, eine fast drei Jahrzehnte währende Auseinandersetzung zwischen Athen und Sparta und ihren jeweiligen Verbündeten, an der Thukydides zu Anfang selbst als athenischer Stratege beteiligt war.

Pathologie des Krieges

Eine Schlüsselstelle im thukydideischen Werk ist die ausführliche Schilderung einer verheerenden Pestepidemie, die Athen im zweiten Jahr des Krieges heimsucht. Thukydides schlägt die Seuche als Metapher für den Krieg vor, indem er über das epidemiologische Geschehen in enger Analogie zu seiner Darstellung des Krieges berichtet: Über Seuche und Krieg schreibt er, sie hätten alles bis dahin Bekannte an Grausamkeit übertroffen und unterschiedslos jeden Menschen respektive jede hellenische Stadt befallen. Und während im Falle der Seuche alle gewöhnlichen Krankheiten in der Pest gleichsam aufgegangen seien, so seien alle bestehenden politischen Konflikte innerhalb von Hellas zu einem Teil des großen Krieges geworden.

Nun zeichnet die Seuche bei Thukydides aus, dass sie der menschlichen Kontrolle und Einflussnahme total entzogen ist: Keine Heilkunst, kein Gebet hätten gegen sie etwas auszurichten vermocht (hier drückt sich eine Erfahrung aus, die von der unsrigen in der Coronakrise, wo der Impfstoff bald eine Kontrolle der Lage versprach, durchaus abweicht). Die Krankheit, sie sei auf die Menschen „herabgefallen“ mit einer Gewalt „über Menschennatur“. Wird die Aufforderung zum metaphorischen Verstehen angenommen, die Thukydides narrativ an seine Leser*innen stellt, dann ist also der Krieg zu begreifen als Eigendynamik, ja, als  eigenständiger Akteur .

Thukydides unterfüttert diese These in der sogenannten Pathologie des Krieges analytisch. Ausnahmsweise leiten hier auktoriale Kommentare die Interpretation an: Thukydides‘ historiographische Leistung und seine Politische Theorie stecken weitgehend in der literarischen Verdichtung der historischen Fakten, in narrativer Ringkomposition, motivischen Echos und, vor allem, im beständigen suggestiven Wechsel von konstruierten direkten Reden der historischen Akteure und Berichten ihrer Taten.

Die Pathologie des Krieges hat den Bericht über einen Bürgerkrieg zum Anlass, der in der Stadt Kerkyra zwischen der demokratischen und oligarchischen Fraktion ausbricht und von beiden Parteien des „großen“ Krieges, Athen und Sparta, auf je unterschiedlichen Seiten tatkräftig unterstützt wird. In Thukydides‘ Darstellung erscheint der Bürgerkrieg ebenso als Ergebnis des großen Krieges wie als dessen Katalysator, als jener Moment, in dem der Krieg sich endgültig der Kontrolle der Akteure entzieht und zum „Kriegerischen“ wird, zu einer Eigendynamik, die ganz Hellas umwälzen wird. Zu Beginn, schreibt Thukydides, sei der grausame Bürgerkrieg von den Hellenen noch als entsetzlich empfunden worden, sei er doch „der allererste dieser Art“ gewesen. Bald darauf aber habe „das Fieber die ganze hellenische Welt ergriffen“, man habe gewetteifert darin, sich in immer neuen Grausamkeiten zu überbieten – und die Sprache sei vom Medium des Urteils und der Kommunikation zum Instrument der Rechtfertigung geworden. Er schreibt:

Und sie nutzten die für bestimmte Taten gewohnten Begriffe der Bewertung gegenteilig in der Selbstrechtfertigung: unbedachter Wagemut wurde nun als kameradschaftliche Tapferkeit bezeichnet, vordenkendes Zögern aber als aufgeschmückte Feigheit, Sittlichkeit als Denkmantel einer ängstlichen Natur.

Thukydides markiert und erklärt mit dieser Beobachtung jenen Punkt, an dem der Krieg endgültig ein Eigenleben entwickelt, hinter das nicht mehr zurückgegangen werden kann: Indem er nämlich die Sprache „umwälzt“, wendet sich der Krieg auf das Politische zurück, aus dem er als Mittel hervorgegangen ist, und frisst es auf. Vernichtet sind damit nicht nur die im Einzelnen vielleicht edlen Motive für eine Entscheidung zum Krieg, vernichtet ist damit auch das Potential, das im Politischen liegt: den Krieg mit einem Frieden zu beenden. Der Mensch wird unhintergehbar zum Vollstrecker des subjektgewordenen Krieges.

Ist damit eine wahre Natur des Menschen entdeckt? Ist die Transformationsleistung des Krieges für Thukydides eigentlich eine Demaskierung, eine Demaskierung der als „künstlich“ verstandenen Zivilisation auf eine „Echtheit“ menschlicher Brutalität hin? Seine Wahl des Krieges als Stoff für die Bearbeitung des Themas der menschlichen Angelegenheiten könnte diese These bei ihm vermuten lassen. Aber allein die Metaphern, die Thukydides für den Krieg findet, sprechen dagegen: die Metapher der Krankheit und jene, die er in der Pathologie ausformuliert: die Metapher des „gewalttätigen Lehrmeisters“. Ein Lehrmeister führt seine Schüler nicht ihrem Naturzustand zu, er bildet vielmehr im Sinne seines Fachs aus, was er an natürlichen Anlagen bei seinen Schülern findet. Und so ist es bei Thukydides nicht eine verborgene Wirklichkeit oder Natur des Menschen, die der Krieg zum Vorschein bringt, es ist eine Möglichkeit der Selbstzerstörung durch Selbstversklavung, deren Aktualisierung vermeidlich ist.

Die Ästhetisierung des Krieges und die Illusion der Kontrolle

In Thukydides‘ Analyse jener Aktualisierung menschlicher Selbstzerstörungspotenziale liegt sein besonderes Augenmerk auf der Unfähigkeit der historischen Akteure, die Unverfügbarkeit des Krieges zu begreifen: Ihre Illusion der Kontrolle stellt er als einen Motor der Eigendynamik des Krieges heraus – und zwar mit literarischen Mitteln. Geradezu ins Auge springt seine suggestive Nebeneinanderstellung der Beschreibung des pestgeschüttelten Athen einerseits und der Rede des führenden athenischen Strategen Perikles auf die Gefallenen des ersten Kriegsjahres andererseits. Diese Rede gehört zu den berühmtesten Stellen im Werk, ein Umstand, der leicht damit erklärt ist, dass sie die schönsten, mit Sprache gemalten Bilder über Demokratie, Freiheit, Handlungsmacht enthält – und über Krieg. Perikles spricht vom konkreten Krieg gegen Sparta als Ergebnis der überlegenen demokratischen Entscheidungsprozesse in Athen, als Möglichkeit von Ruhm und Ehre für den einzelnen Bürger wie für die ganze Stadt, als Erlebnisraum für Kameradschaft, als Bewährungsstunde für Mut, Loyalität und Freiheits- wie Vaterlandsliebe. Der Tod auf dem Schlachtfeld, so verspricht er seinen Zuhörern, ist schmerzlos in der Euphorie gemeinsamer Hoffnung.

Schnitt.

Thukydides blendet auf ein seuchengeschütteltes Athen, in dem die Menschen grausame und einsame Tode sterben, ihre Leichen sich auf den Straßen türmen, die hergebrachten Sitten zusammenbrechen, Leichtsinn, Egoismus und Rücksichtslosigkeit sich ausbreiten. Man muss wissen, dass Thukydides vorher herausgearbeitet hat, dass die Pestepidemie nicht nur ein zufälliges Naturereignis ist, sondern auch eine direkte Folge des Krieges: Weil nämlich aus strategischen Gründen die gesamte attische Bevölkerung hinter die Mauern Athens evakuiert wurde, war die Bevölkerungsdichte in der Stadt so hoch, dass die Pest sich besonders gut ausbreiten konnte. Schon deshalb sind die Pesttoten auch Kriegstote. Sie sind es außerdem, weil Thukydides zufolge das Sterben der Einzelnen wie auch der Sittenverfall der Bürgerschaft eine psychologische Komponente hat: Beides erscheint bedingt durch einen Realitätsschock, den Perikles‘ Rede mit ihrer Ästhetisierung des kriegerischen Athen, mit ihrem Versprechen der Unverwundbarkeit vorbereitet hat. So wird die Rede retrospektiv als ein Katalysator der Erosion des Friedens bzw. der Freisetzung des Krieges als Dämon, Virus, Lehrmeister erkenntlich. Bedeutungsvoll fügt Thukydides – der gewöhnlich streng chronologisch erzählt – seiner Darstellung der Pestepidemie und ihrer unmittelbaren sozialen Folgen denn auch eine Vorausdeutung ein, erstens auf den Bürgerkrieg, der später in Athen ausbrechen wird, und zweitens auf die ultimative Niederlage der Stadt im großen Krieg gegen Sparta.

Möglichkeitsräume für Frieden, literarische Schutzbunker

Thukydides‘ Werk endet mitten im Satz, ehe der Peloponnesische Krieg auserzählt ist. Über die Gründe dafür können wir nur spekulieren; vielleicht verstarb Thukydides, vielleicht ist ein Teil des Manuskripts verlorengegangenen – vielleicht ist das ungewöhnliche Ende aber auch vom Autor gewollt. So historisch unwahrscheinlich diese letzte Erklärung ist, so plausibel ist sie aus dem Geist des Werkes heraus, denn von Beginn an lässt Thukydides keinen Zweifel, dass es im Peloponnesischen Krieg (und im Krieg überhaupt) keinen Gewinner geben kann, nur Niederlagen, und so nimmt er die Erkenntnis vorweg, die eine Erzählung des Kriegsendes noch bringen könnte.

Auch Alexander Kluge will im ZEIT-Interview auf die Ungewinnbarkeit von Krieg hinaus. Vor diesem Hintergrund plädiert er dafür, dass im Krieg nur Frieden – nie Sieg – als Orientierungspunkt tauge und dass von den Kriegsparteien alle Anstrengungen unternommen werden müssten, durch den hermeneutischen Rückgang auf den Grund des Kriegsereignisses einen Möglichkeitsraum für den Frieden zu gewinnen.

Kluges Plädoyer ist zugleich thukydideisch und ist es doch nicht. Thukydides‘ ganzes Werk ist eine Hermeneutik der Gründe und Ursachen des großen Krieges zwischen Athen und Sparta; eben darin verortet Thukydides den Erkenntnisgewinn, den er seinen Lesern als „Besitz für immer“ verspricht. Aber er streut Zweifel, dass in der Realität eines neuen Krieges die aus der Lektüre gewonnenen Erkenntnisse – sei es, dass sie in Wissen über politische Gesetzlichkeiten, sei es, dass sie im praktischen hermeneutischen Training bestehen – auf die Gegenwart des Lesers friedensbringend angewandt werden können. Manches spricht dafür, dass Thukydides den Krieg, hat er einmal an Dynamik gewonnen, für eine uneinholbare Gewalt hält, die nur mit totaler Vernichtung enden kann. So erzählt er sein Exemplum des Bürgerkriegs in Kerkyra in eben diesem Sinne: In der Stadt kehrt erst Ruhe ein, als eine der beiden Konfliktparteien von der anderen existenziell ausgelöscht worden ist. 

Es kann insofern vermutet werden, dass Thukydides den Nutzen seines Werkes vor allem in der Kriegsprävention sieht, zu der er verschiedentlich zu befähigen sucht: Durch ein diskursanalytisches Training, das Erosionserscheinungen im Politischen rechtzeitig zu erkennen ermöglichen soll, durch abschreckende Schilderungen menschlichen Leides, das mit dem Krieg einhergeht, durch die Vermittlung von Wissen über politische Szenarien, in denen Kriegsgefahr steigt. Für den Fall, dass potentielle Leser*innen sich schon in einer kriegsheimgesuchten Welt befindet, kann, zum zweiten, das Nutzenversprechen in dem kontemplativen Möglichkeitsraum gesucht werden, den das thukydideische Werk als literarisches Werk bietet: Leser*innen in der kriegsverseuchten Realität stellt es einen Schutzkeller zu Verfügung, in dem sie ihre Integrität, ihr Urteilsvermögen, ihre Menschlichkeit sichern, erfrischen, vielleicht hinüberretten können in eine Zeit nach dem Krieg.

Es gibt aber neben dem Negativbeispiel von Kerkyra auch ein Positivbeispiel im thukydideischen Werk: So erzählt Thukydides von einem Friedensschluss unter den Städten auf der Insel Sizilien, von der er sporadisch als Analogon zum Raum Hellas berichtet. Leser*innen werden drei Gründe für den Frieden aufgezeigt: Da ist einmal die allen sizilischen Kriegsparteien gemeinsame Furcht vor einem Angriff Athens. Da ist zweitens die Bereitschaft der mächtigsten Stadt Syrakus, sich auf den Verzicht weiterer Herrschaftsausweitung zu verpflichten. Da ist drittens aber auch die Rede des syrakusischen Strategen Hermokrates: Hermokrates weist in ihr darauf hin, dass nur im Frieden wahre Freiheit, die Freiheit der Selbstbestimmung gegeben ist; mit ihr konstituiert er einen Modus politischen Sprechens, der die Fragilität des Politischen, des Versprechens und der Werteverpflichtung spiegelt und zugleich die unbedingte Bereitschaft, hoffend trotzdem darauf zu setzen.