Fixpoetry – Ein Nachruf, den es nicht geben sollte

von Gerrit Wustmann

 

Das Literaturmagazin Fixpoetry.com gibt auf – zum Jahreswechsel wird die Redaktion eingestellt. Das ist eine traurige Nachricht für die Literaturszene. Und es wirft ein Schlaglicht auf das völlige Versagen einer Kulturpolitik, die nicht erkennt, welche Projekte unterstützenswert und wichtig sind. Ein Rückblick.

„Hamburg hat eine lebendige und vielfältige Kultur- und Literaturszene – und Hamburg hat Julietta Fix.“ Das schrieb ich 2016 als Einstieg für ein Portrait, das im Stadtmagazin Szene Hamburg erschienen ist. Zu lokal gedacht natürlich, aber das war offensichtlich dem Medium geschuldet. Korrekt wäre gewesen: Die Literaturszene hat Julietta Fix – die deutschsprachige und auch die darüber hinausreichenden Szenen. Ganz besonders aber die Lyrikszene hat Julietta Fix.

„Als ich Fixpoetry 2007 gründete, geschah das aus rein persönlichen Gründen. Ich hatte begonnen zu schreiben, einen Roman veröffentlicht und erste zaghafte Schritte in Gedichten geübt. Mir schien rein intuitiv das Netz die beste Möglichkeit, Lyrik einem breiterem Lesepublikum bekannt zu machen“, erzählt sie über die Anfangszeit. „Über die Jahre habe ich mich intensiv mit Literatur, dem literarischen Leben, der Literaturszene und der Vermarktung von Büchern beschäftigt. Heute geht es längst nicht mehr um mich und nicht mehr ’nur‘ um Lyrik. Ich habe gelernt, Autorinnen und Autoren erzählen zu lassen, Kontexte herzustellen und versuche mit Fixpoetry die Komplexität der Literaturszene auf einen Punkt zu bringen.“ 

Und das ist ihr in den vergangenen dreizehn Jahren auf zahlreichen Ebenen ziemlich gut gelungen. Was als kleines Lyrikportal im Netz begann ist heute, kann man sagen, für die Literatur unverzichtbar geworden. Hunderte Dichter*innen und Künstler*innen stellt das Portal vor, präsentiert ihre Arbeit, in einem Newsbereich werden Events, Lesungen, Publikationen angekündigt, im Feuilleton sind tausende Rezensionen, Essays, Interviews zusammengekommen und das „Gedicht des Tages“ ist sicher für viele der regelmäßigen Leser*innen so elementar geworden wie der morgendliche Kaffee. 

2019 wurde auf Juliettas Initiative hin erstmals der mit 10.000 Euro dotierte Gertrud Kolmar-Preis verliehen, ein Preis für herausragende Autorinnen. Ausgezeichnet wurde Ulrike Draesner, den zweiten Platz (4000 Euro) belegte Pega Mund, den Förderpreis (2500 Euro) erhielt Ronya Othmann.

Fixpoetry ist zu einer festen Anlaufstelle im Netz geworden für alle, die sich für die Gegenwartslyrik interessieren, die auf der Suche nach Lesestoff und kritischem Diskurs sind. Auch für mich selbst war Fixpoetry in all diesen Jahren eine Konstante. Rund 250 Beiträge habe ich dort publiziert, im (leider kurzlebigen) Fixpoetry Verlag erschien 2011 mein Buch Beyoğlu Blues, das der Auftakt für eine Istanbul-Trilogie wurde, vom ersten Band an zweisprachig, inzwischen auch in der Türkei erschienen. Es erschien Brigitte Struzyks Roman Drachen über der Leninallee, und Nähekurs von Judith Sombray und Herbert Hindringer ist einer jener Lieblingslyrikbände, die ich immer wieder zur Hand nehme – und das ist nur ein winziger Ausschnitt.

Ich erinnere mich an die Tage mit Julietta und Korinna Feierabend, mit Brigitte Struzyk, Oya Erdoğan, Peter Wawerzinek und vielen weiteren auf der Leipziger Buchmesse im März 2012, an Lesungen dort, in Berlin, in Köln. Julietta hat sich mächtig reingehängt damals, hat aus dem Nichts etwas auf die Beine gestellt. So schön das war, so frustrierend war es auch, zu erleben, wie schwierig es ist, gute Literatur an ein Publikum zu vermitteln, das über den engeren Kreis der Szene hinausgeht. Die Lesungen waren oft nicht gut besucht, bis zu einer Etablierung wäre es ein langer – und teurer – Weg gewesen, weswegen der Verlag nur kurz existierte. Ein Weg, den Julietta weitgehend aus eigener Tasche finanziert hat, und das über Jahre hinweg. Hosting, Webdesign, Autor*innenhonorare, Marketing, all das kostet Geld. Eine Menge Geld. Und Zeit. Und Nerven.

Aber wenn es am Ende funktioniert, wenn auch etwas zurückkommt, dann macht man es gern. Und das ist der Eindruck, den ich stets hatte – Julietta hätte nicht all die Zeit und Energie investiert, wenn sie es nicht gerne getan hätte. Das Projekt war ihr wichtig und, so vermute ich, es wird ihr immer wichtig sein. Aber mir ist auch in den letzten Jahren während unserer gelegentlichen Brunch-Gespräche in Hamburg eine gewisse Ermüdung nicht entgangen. Eine Ermüdung, die ich gut nachvollziehen konnte. Und die kam nicht aus dem Projekt selbst, sondern aus den Umständen. Dass eine Person allein solch ein doch ziemlich groß gewordenes Schiff auf Dauer nicht Steuern kann, dürfte sich von selbst verstehen. Die Klickzahlen waren gut, ebenso der Zuspruch des Publikums, und bisweilen haben freie Autor*innen, soweit ich weiß, gerne auch ohne Honorar gearbeitet, um Fixpoetry zu unterstützen.

„2017 wird die Webseite zehn Jahre und ich sechzig Jahre alt“, sagte Julietta bei unserem Interview 2016. „Wenn ich einen Blick in die Zukunft wagen darf, dann vielleicht mit den Wünschen, Fixpoetry auf finanziell stabilere Füße zu stellen, mit all den Autorinnen und Künstlerinnen kontinuierlich weiter zu arbeiten und neue Ideen zu entwickeln, die Literatur an die Leserinnen und Leser zu bringen.“

Aber das mit den finanziell stabilen Füßen hat letztlich nicht funktioniert. Gelegentliche Anzeigenschaltungen durch Verlage blieben ein Tropfen auf den heißen Stein. Zwar fanden sich täglich im Schnitt über 1500 Leser*innen, aber nur eine kleine Minderheit war auch bereit, via Steady ein paar Euro zu bezahlen. Das ist ein Grundproblem von Journalismus und Kultur im Netz: Zu lange wurde eine Kostenloskultur gepflegt; während man für Printpublikationen ganz selbstverständlich Geld bezahlt, erwartet man, dass im Netz alles nichts kostet und entzieht den Redaktionen und Verlagen dann auch noch die dringend benötigten Werbeeinnahmen, indem man mit Adblocker surft. Das kann auf Dauer nicht gutgehen.

Und dann gibt es da noch die Kulturämter und Kulturbehörden der Stadt Hamburg, der Länder, des Bundes, die Stiftungen, die große Töpfe mit Stipendien und Fördermitteln zu vergeben haben. Über Jahre hat Julietta Anträge gestellt. Und während der Gertrud Kolmar-Preis zwar mit öffentlichen Mitteln unterstützt wurde, bekam das Projekt Fixpoetry meines Wissens nie eine nennenswerte Förderung.

„Es ist eine Riesenkrux, dass die Kultur-/Literaturförderung – und ich meine hier besonders den Bund – immer wieder auf das scheinbar ganz Neue setzt, auf frische Ideen oder solche, die nur so aussehen. Auf der Strecke bleiben strukturelle Förderungen. fixpoetry ist ein wichtiges strukturelles Element der Lyrikszene gewesen. Herausragend wichtig war und ist eine Ergänzung des Feuilletons in Sachen Lyrik. Ein trauriger Novembertag, ein großer Verlust!“ schrieb Monika Littau, Vorsitzende der Gesellschaft für Literatur NRW, in einer ersten Reaktion auf Facebook, und sehr ähnlich äußerten sich viele Kolleg*innen in den letzten Tagen, seit Julietta Fix am Montag das Aus für Fixpoetry zum Jahresende verkündete.

Dass Fixpoetry nun die Pforten schließt, macht mich traurig und betroffen. Es wird eine Leerstelle entstehen, die sich so bald nicht füllen lassen wird. In der Vernetzung von Autor*innen und Publikum, in der Literaturvermittlung, ganz besonders in Bezug auf die Lyrik, gibt es aktuell nichts Vergleichbares. Es ist ein herber Verlust – und dass es ein Verlust aus den völlig falschen Gründen, nämlich ganz zentral der fehlenden Finanzierung, ist, ist unentschuldbar und eine kulturpolitische Bankrotterklärung.