Ein Zweiter Frühling – Der Verlag Voland & Quist verschiebt sein aktuelles Programm

von Isabella Caldart (@isi_peazy)

 

Dass Voland & Quist äußerst kreativ und zugleich resilient ist, hat der Verlag in der Vergangenheit bereits mehrfach bewiesen. 12 Prozent des Jahresumsatzes gingen im vergangenen Jahr durch die KNV-Insolvenz verloren – also stellte Voland & Quist kurzerhand eine Benefizveranstaltung auf die Beine. Ebenfalls letztes Jahr kündigte der Verlag ein außergewöhnliches Imprint an, das im Herbst 2020 mit dem ersten Programm an den Start geht: V&Q Books wird deutschsprachige Literatur ins Englische übersetzen und in Großbritannien vertreiben. Da wundert es wenig, dass sich Voland & Quist auch von der Coronakrise nicht in die Knie zwingen ließ und stattdessen den Zweiten Frühling ausrief (dem sich hoffentlich viele Verlage anschließen werden): Das Frühjahrsprogramm wird im Herbst erneut aufgelegt. Bereits einen Tag zuvor hatte der Elif Verlag auf Facebook angekündigt, das Frühjahrsprogramm zu schieben, und den Börsenverein und die Kurt Wolff Stiftung dazu aufgerufen, diese Idee zu verbreiten. In vielen weiteren Verlagen wird intern bereits diskutiert, ob und wie eine Programmverschiebung gehandhabt werden kann.

Ja, wie handhabt man das? Voland-&-Quist-Verleger Sebastian Wolter gibt Antworten.

Wie sehr ist euer Frühjahrsprogramm von der Coronakrise betroffen? Waren alle Titel bereits ausgeliefert? Wie war die Aufmerksamkeit bisher?

Wolter: Die Leipziger Buchmesse ist ausgefallen, fast alle Lesungen wurden abgesagt, Buchhandlungen müssen schließen – ich würde sagen, das Frühjahrsprogramm hat es hart getroffen. Zwei Titel, Marc-Uwe Klings Graphic Novel „QualityLand, Band 1“ und Beka Adamaschwilis „In diesem Buch stirbt jeder“, sind sowieso noch nicht erschienen, die kommen aber wie geplant in den nächsten Wochen. Die Aufmerksamkeit insgesamt ist viel geringer als sonst, Corona überlagert natürlich alles gerade.

 

Wie kamt ihr auf die Idee, das Frühjahrsprogramm im Herbst erneut zu veröffentlichen? Was genau erhofft ihr euch davon?

Wolter: Wir finden, dass unsere Frühjahrstitel von Anna Herzig, Ivana Sajko, Nora Gomringer, Nancy Hünger und Volker Sielaff mehr Aufmerksamkeit verdient haben, das ist der Grundgedanke. Und wir veröffentlichen sie nicht neu, sie sind ja schon draußen. Es geht einfach um eine Verlängerung und darum, sie länger im Gespräch zu halten, zum Beispiel auch Lesereisen neu zu organisieren, weil jetzt alles abgesagt wurde.

 

Wie wird die Presse-, wie die Marketingarbeit bei Titeln aussehen, die eigentlich schon angekündigt sind? Wie arbeiten die Vertreter*innen? Gibt es eine Herbstvorschau?

Wolter: Wir kündigen die Titel nochmal in der Herbstvorschau an, ergänzt um zwei Titel aus dem kommenden Programm, darunter Julius Fischers neuer Roman „Ich hasse Menschen – eine Stadtflucht“.  Unsere Vertreter fanden die Idee sehr gut, sie stellen die Titel den Buchhändlern dann wieder vor. Im Grunde befindet sich der Buchhandel gerade in einer Auszeit. Das unterbrochene Spiel kann ja danach auch beim vorigen Punktestand weitergehen, bevor ein neues beginnt, finden wir.

 

Ihr habt in eurer Ankündigung im Verlagsblog noch kein konkretes Datum genannt. Wartet ihr damit ab, bis klar ist, wie sich die Coronakrise entwickelt?

Wolter: Das gilt ab sofort, wir arbeiten derzeit an der Herbstvorschau und somit an der nach der Buchmesse erstmaligen größeren Ankündigung des Programms mit Auslieferung ab Juli/August. Wir sind ansonsten noch dabei mit dem Buchhandel zu klären, wie sie die erwähnten ausstehenden Frühjahrstitel jetzt bekommen wollen, damit ihnen kein Nachteil entsteht. Gerne können sich Buchhändler*innen dazu bei uns melden.

 

Was geschieht mit den Titeln die für den Herbst geplant waren, was mit denen, die ihr im Frühjahr 2021 bringen wolltet?

Wolter: Wir haben natürlich zuerst mit den Autor*innen, Übersetzer*innen und Agenturen gesprochen und das Einverständnis für eine Verschiebung eingeholt – alle fanden die Idee sehr gut und richtig. Wir werden alle geplanten Titel jeweils um ein Programm verschieben. Unser englischsprachiges Imprint V&Q Books wird aber wie geplant im Herbst an den Start gehen.

 

Wie hat Corona eure Arbeit bisher allgemein gesehen beeinflusst? Womit rechnet ihr in den nächsten Wochen, Monaten? Wie kann man als kleiner Verlag finanziell damit umgehen?

Wolter: Tja, natürlich ist zuerst viel Organisatorisches zu erledigen, beispielsweise den Betrieb auf Homeoffice umstellen, VPN einrichten, Reisen absagen, Termine umlegen, so was alles. Was die Zukunft betrifft: Wir müssen hoffen, dass die Buchverkäufe nicht völlig wegbrechen und dass die Krise nicht zu lange anhält. Was passiert, wenn genau das eintrifft, weiß keiner. Aber dann wird es sehr schwer.

 

Was wünschst du dir von den Leser*innen?

Wolter: Kauft Bücher, kauft und lest! Kauft sie bei kleinen unabhängigen Buchhändlern, per Webshop, Telefon oder E-Mail. Die Buchhandlungen trifft es gerade auch hart, viele Läden müssen geschlossen bleiben. Aber unabhängige Buchhändler*innen sind kreativ und findig, wie sie Bestellungen an ihre Leser*innen bringen, das wird funktionieren. Und jedes gekaufte Buch hilft auch den Autor*innen, die jetzt keine Einnahmen aus Lesungen und Vorträgen haben. #buchsolidarität und #bücherhamstern sind das Gebot der Stunde.

 

Photo by Jan Haerer on Unsplash