Ein Zimmer für sich allein, seine Fenster / Writer’s Rooms

(Zwei Essays aus der Reihe Literatur von See zu See des LCB)

Ein Zimmer für sich allein, seine Fenster

von Isabel Zapata (übersetzt von Angelica Ammar)

I.

Im Oktober 1928 sprach Virginia Woolf an zwei Colleges der Universität Cambridge, dem Girton College und dem Newnham College, über Frauen und Literatur. Die Vorträge waren so erfolgreich, dass sie im Jahr darauf unter dem Titel Ein Zimmer für sich allein bei Hogarth Press veröffentlich wurden, dem Verlag, den die Schriftstellerin mit ihrem Mann Leonard gegründet hat.

Häufig unerwähnt bleibt, dass diese Vorträge in Colleges gehalten wurden, die weiblichen Studenten vorbehalten waren, Woolf sich also an ein rein weibliches Publikum gerichtet hat. Was ein Großteil der spanischen Übersetzungen jedoch nicht berücksichtigt, das englische Pronomen one (‚man‘) wird in ihnen mit der männlichen Form uno übersetzt, mit der man sich im Spanischen an ein gemischtes Publikum richtet, und nicht mit der weiblichen Form una. Wie anders wäre es wohl auch im Deutschen, statt ein ums andere Mal man denkt (im Spanischen: uno piensa) frau denkt (una piensa) zu lesen – schließlich ist es Virginia, die denkt. Es wäre sehr anders, zumindest für diejenigen unter den Leserinnen, die sich Gedanken über eine ideale Umgebung fürs Schreiben und die Rolle anderer Frauen in unserem künstlerischen Projekt machen.

Isabel Zapata (©El Imparcial)

Auch wenn die Hindernisse, die eine Schriftstellerin zu überwinden hat, von ihren jeweiligen Lebensumständen abhängen, die wiederum häufig auf ihr Geschlecht zurückzuführen sind, haben Frauen doch meistens mit materiellen Grundvoraussetzungen zu kämpfen, die den Schaffensprozess

beeinträchtigen: Finanzielle Sorgen, ständige Unterbrechungen durch häusliche Pflichten und das schwere Gewicht eines hauptsächlich männlichen Literaturkanons behindern den kreativen Impuls. Um diese und andere Schwierigkeiten zu überwinden und eine eigene Stimme zu entwickeln – und ihr Gehör zu verschaffen – muss eine Frau, so Woolf, „über Geld und ein eigenes Zimmer verfügen, in dem sie schreiben kann“. Ein eigenes Zimmer, würde ich hinzufügen, das nicht nur vier Wände, einen Schreibtisch und einen Stuhl beinhaltet, sondern auch die Möglichkeit, einen freien und bereichernden Dialog mit anderen Frauen aufzunehmen. Das berühmte Zimmer könnte dann weibliche literarische Tradition heißen, und seine Fenster gehen auf neue Zimmer hinaus, in denen andere Frauen lesen, schreiben und in einer Gemeinschaft denken.

II.

Alle Vorstellungen, die ich hinsichtlich der Umstände und des Zwecks von literarischem Schaffen hatte, wurden umgeworfen, als meine Tochter Aurelia im Februar dieses Jahres geboren wurde. Mit ihr überrollte mich nicht nur eine ungekannte Lawine aus Geschrei und Exkrementen, es kam auch eine Pandemie, die das Leben eines ganzen Planeten von Grund auf veränderte. Im öffentlichen Raum nicht mehr präsent zu sein, hat unseren Blick auf soziale Kontakte und Privatsphäre verschoben und uns dazu gebracht, neue Brücken der Kommunikation zu errichten.

Während meiner Wochenbett-Quarantäne, auf die die Covid-Quarantäne folgte, wurde ich eingeladen, eine Schreibwerkstatt mit Fokus auf dem Muttersein zu betreuen. Ich war mir erst nicht sicher, ob ich zusagen sollte. Ich hatte noch nie eine Schreibwerkstatt geleitet, erst recht nicht virtuell. Wie sollte ich über einen Bildschirm eine Verbindung zu anderen Frauen herstellen? Was konnte ich, verletzlich und zerbrochen, wie ich mich fühlte, einer Gruppe Fremder beibringen? Diese Ängste zu ignorieren, war eine der besten Entscheidungen, die ich je getroffen habe: Vom ersten Samstagvormittag an hat die Werkstatt ihr ursprüngliches Ziel weit übertroffen, sie wurde zu einem Fenster meines eigenen Zimmers.

Unter welchen Umständen und mit welcher Absicht wird heutzutage Literatur geschrieben? Ich weiß nicht, ob meine Erfahrung mit der Schreibwerkstatt eine so komplexe Frage beantwortet, doch mit anderen Frauen über Themen zu sprechen, die uns betreffen – die bittersüße Mutterschaft, das Aufziehen von Kindern als politisches Manifest, die Kraft unserer Geschichten –, haben mich darin bestärkt, dass die Literatur, die mich interessiert, in der Gemeinschaft entsteht, auf Dialog, Freundschaft und Miteinander basiert. Und dass Verbundenheit ein seltsames Phänomen ist, das ungeachtet der physischen Distanz entstehen kann.

III.

Ursula K. Le Guin schreibt am Ende ihres Prologs zu Words Are My Matter, dass viele Menschen ihre beiden Hauptbeschäftigungen für unvereinbar halten könnten: Mutter von drei Kindern und Schriftstellerin zu sein. Nachdem sie eingestanden hat, dass es nicht einfach war, beiden Aufgaben gleichzeitig gerecht zu werden, versichert sie jedoch, dass sie alles andere als unvereinbar sind. „Im Gegenteil, jeder Bereich nährte und unterstützte den anderen so tiefgreifend, dass sie für mich im Rückblick untrennbar geworden sind.“

Mir, die ich als Frau schreibe oder zu schreiben versuche, mit allen Schwierigkeiten und Vorteilen, die es beinhaltet, machen diese Worte von Le Guin Hoffnung. Es geht mir weniger darum, mich von meinem Muttersein abzulösen, um zu schreiben, als darum, im Häuslichen einen fruchtbaren Raum für meine Kreativität zu finden. Die Gespräche mit anderen Frauen wurden zu einem zentralen Element in diesem Prozess. Mehr denn je haben sie heute einen Raum in meinem Zimmer.

 

Writer’s Rooms

von Mithu Sanyal

Zwei Werke haben meine Haltung zum Schreiben maßgeblich geprägt:

Das eine ist Virginia Woolfs Essay A Room of One’s Own, ihre Unabhängigkeitserklärung von den Ansprüchen der Welt, nein – ganz im Gegenteil – ihr Anspruch an die Welt, Nimm mich und mein Schreiben ernst, auch wenn ich eine Frau, BIPOC, arm, was auch immer bin. Gib mir einen Raum, an dem mein Schreiben die erste Priorität ist.

Das andere ist ein Selbstporträt von Weegee, der auf einem Schemel vor dem aufgeklappten Kofferraum seines Chevy sitzt und in seine Reiseschreibmaschine hineinhackt, als könnte ihn nichts davon abhalten. Es ist Nacht, in der einen Hand hält er eine Taschenlampe, aber was er zu Papier bringen muss, ist roh und dringend genug, dass er trotzdem schreibt.

Ich habe diese Bilder damals nicht zusammen bekommen: Virginia Woolf in ihrem Zimmer für sich allein und Weegee an der Autobahn des Lebens. Inzwischen weiß ich, dass Literatur in den Ritzen der Zeit entsteht, wenn ich von meinem Laptop aufstehe oder Gemüse einkaufe und ganz viel davon im Auto. Geschichten und Charaktere müssen nicht erfunden werden, sie sind da, die Arbeit ist, sie aufzuschreiben und aus etwas Lateralem und Lebendigem, etwas Lineares und immer noch Lebendiges zu machen, und für diese Arbeit brauche ich einen Raum für mich allein, Zeit für mich allein, wenn das Kind im Bett und alles Essen gekocht und mein innerer Zensor durch den Zeitdruck ausgeschaltet ist.

Mithu Sanyal (©Regentaucher-Fotografie)

Aber was ich vor allem brauche, ist eine Deadline. Einen Verlag, eine Zeitschrift, eine Person, die auf meinen Text wartet. Wenn ich vor der Entscheidung stehe, in den Park zu gehen oder zu schreiben, dann hält mich nur die Sehnsucht einer anderen Person am Laptop. Und das Wissen darum, dass es dort draußen Menschen gibt, für die dieser Text relevant sein wird. Die mit ihm in Kommunikation treten werden. Literatur ist nichts für die Schublade, nichts für den leeren Raum. Schreibende brauchen einen Resonanzraum. Texte brauchen einen Resonanzraum.

Zum Glück lesen Menschen Bücher. Menschen lesen Bücher, so wie ich Bücher lese, damit ihre Seele gerettet wird, um zu fühlen und sehen, dass es möglich ist, dieses andere Leben zu leben. Dass andere Menschen sich über ähnliche Dinge Gedanken machen und dass es noch ganz andere Dinge gibt, über die wir uns Gedanken machen können, und noch ganz andere Gedanken.

Der Schmerz der Corona-Krise war, dass ich mich dadurch von meinen Erinnerungen abgeschnitten fühlte, von meinen Phantasien, von der Person, die ich war. Als Autorin schürfe ich in meinem Körpergedächtnis nach den goldenen Nuggets von konzentrierter Intensität, wenn alles zusammen kommt und eine Erfahrung plötzlich beginnt zu leuchten: die blaue Milch der Kindheit, der Geruch von Sonne auf der Haut eines anderen Menschen, die von der freundlichen Feuchtigkeit eines dünnen Schweißfilms bedeckt ist. Doch wann immer ich nun zu meinem happy place, meinem inneren writer’s room, ging, war dort ein rot-weißes Flatterband, das signalisierte: Betreten verboten.

Zu diesem Zeitpunkt begann ich eifersüchtig auf die Charaktere in meinen Geschichten zu werden, weil sie Dinge tun durften, die ich um jeden Preis vermeiden musste, mehr noch, sie durften davon träumen. Während wir als Gesellschaft unser Träumen auf einen Zeitpunkt nach der Krise vertagen sollten. So als würden uns Träume, Visionen, (U)Topien, nicht helfen, an das andere Ende der Nacht zu gelangen.

Und das ist der dritte Raum, den Texte brauchen, den Raum der Utopie, an dem es nicht darum geht, wie wir uns an dem Faktischen abarbeiten, sondern welche Welt wir erschaffen wollen. Zusammen.

Wir brauchen Geschichten. Geschichten haben mich gerettet, als ich keinen sicheren Ort hatte, aber ich kann verdammt noch einmal bessere Geschichten erträumen, wenn ich nicht die ganze Zeit damit beschäftigt bin, zu überleben.

 

In Zusammenarbeit mit dem Kultur- und Literaturzentrum Casa del Lago und dem Goethe-Institut in Mexiko-Stadt und ausgehend von Virginia Woolfs Essay »A room of one’s own« hat das LCB vier deutsche – Juliana Kálnay, Isabelle Lehn, Inger-Maria Mahlke und Mithu Sanyal – sowie vier mexikanische Autorinnen – Verónica Gerber Bicecci, Fernanda Melchor, Guadalupe Nettel und Isabel Zapata – eingeladen, sich in kurzen Essays mit den Bedingungen des Schreibens und dem Zweck von Literatur aus weiblicher Perspektive auseinanderzusetzen. Die Begegnungen, Lesungen und Gespräche fanden in einer virtuellen Hybridvilla mit Avataren statt und wurden am 19. November 2020 in einem öffentlichen Livestream präsentiert. 54books veröffentlicht diese Essays in den kommenden Wochen.

 

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