Die Verteidigung der Poesie in Zeiten dauernden Exils

von Volha Hapeyeva

Präambel

Im Sommer 2020 gab ich der Journalistin eines einflussreichen Portals ein Interview zu meinem neuen Gedichtband. Ein paar Tage später teilte sie mir mit, dass der Redakteur das Material nicht angenommen hätte, und begründete seine Ablehnung mit dem Satz: »This is not the time for poetry« (»Dies ist nicht die Zeit für Poesie«). Das Land, mein Land, Belarus, bereitete sich auf die Präsidentschaftswahlen vor.

Schiffe vor Anker, Autos auf Parkplätzen,
aber ich bin diejenige, die kein Zuhause hat

Wo immer ich hingehe, wo immer ich bleibe, auch wenn es nur für eine Nacht ist, fange ich sofort an, diesen Ort mein Zuhause zu nennen. Ein Hotelzimmer ist mein Zuhause, ein Gästezimmer bei einem Freund – Zuhause; Flughäfen, Bahnhöfe – auch die. Das ist eine Art nomadisches Denken. Der Versuch dazuzugehören. Wenn man keine eigene Wohnung hat, wird jeder Ort zu einem potenziellen Zuhause. Ist das Verzweiflung oder Hoffnung? Viele Jahre des Reisens und das Fehlen einer eigenen Wohnung haben mich daran gewöhnt.

Menschen, die ein anderes Verhältnis zu ihrer Wohnung haben, sind vielleicht überrascht von dieser »Nicht-Bindung« oder vielmehr von dieser schnellen Bindung an einen fremden Ort. Vielleicht, weil es so schwer ist, überhaupt kein Zuhause zu haben?

Als Menschen haben wir unsere Wurzeln. Wir sind daran gewöhnt, Heimat als etwas Festes, Solides und Unveränderliches zu betrachten. Heimat ist der Ort, an dem man sich beschützt und stark fühlt – wie man so schön sagt: »There is no place like home«, oder »East or West, home is best«. Aber wir vergessen, dass Heimat unterschiedlich sein kann. Für den einen ist es ein Stück Land, für den anderen eine Jurte, die man überall aufstellen kann.  Für wieder andere ist es ein geliebter Mensch, und Heimat ist dort, wo dieser Mensch ist. Wie Pflanzen können wir verschiedene Arten von Wurzeln haben; manche wachsen tief in die Erde, während andere, wie die von Orchideen oder Mangrovenbäumen, über dem Boden, in der Luft verbleiben.

Manchmal bin ich mir selbst nicht sicher, wo mein Platz ist und ob ein solcher Platz überhaupt existiert. So setze ich meine einsame Wanderung fort, probiere verschiedene Lebenskostüme an, bleibe aber eine Beobachterin, als ob ich mich für keines entscheiden könnte.

Oft denke ich daran, in die Berge oder Wälder zu gehen, wo ich nicht erklären muss, wer ich bin und was für einen Pass ich habe oder warum ich kein Visum besitze. Worte wie Exil, Flüchtling, Emigrant sind nur für Gemeinschaften, Länder, Staaten relevant. In der Natur bin ich frei, und die Versuchung ist groß, zu denken, dass dieser Planet meine Heimat ist und dass ich mich überall auf ihm zu Hause fühlen kann.

Ich habe sogar ein Spiel erfunden, das ich von Zeit zu Zeit spiele, ein Spiel, das man »Täuschung des Bewusstseins« nennen kann. Ich fahre mit dem Zug durch die Landschaften und stelle mir vor, dass ich dort bin, hinter dem Waggonfenster in meiner Heimat, und ich muss zugeben, dass es einen Moment lang funktioniert, diese Projektion, wahrscheinlich aufgrund des Gedächtnisses – so manifestiert es sich –, etwas, das einen entspannt, weil alles bekannt zu sein scheint, und dann kommt da eine unbeschreibliche Sehnsucht und Sympathie auf, fast eine Vorahnung des Todes und der Unendlichkeit, aber gleichzeitig spürt man den Atem des Universums, all die Möglichkeiten des Seins. Meine Augen beginnen zu brennen, meine Kiefer verkrampfen sich. Ich atme tief durch und kehre aus meinem Spiel zurück.

In den letzten Jahren bin ich so oft umgezogen wie noch nie in meinem Leben. Graz, wo ich erst Stadtschreiberin war und dann plötzlich nicht mehr nach Belarus zurückkehren konnte, dann Gastautorin in Feldafing, Stipendiatin an der Kinder- und Jugendbibliothek Blütenburg, dann in Krems an der Donau, plötzlich war ich ein Mensch mit kompliziertem Aufenthaltstitel und schließlich nun writer in exile am Deutschen PEN Zentrum in München. Ich habe so viel über den Begriff Heimat nachgedacht wie nie zuvor, was sie für mich bedeutet und wo sie ist. Einzelne Menschen wie ich fallen aus dem Gesamtbild heraus, und sie müssen doch irgendwie eingeordnet werden.

Es ist eine paranoide Besessenheit, unser Gehirn scheint kategorisieren und klassifizieren zu müssen, um zu wissen, in welches Regal man dieses oder jenes Phänomen, diesen oder jenen Fall einordnen kann. Diese Prozesse finden mit Hilfe der Sprache statt. Welche Möglichkeiten bietet sie mir: ein Emigrant, ein Flüchtling, ein Exilant zu sein – all diese Wörter sind aus der Position der Staatlichkeit heraus entstanden. Ich möchte nicht in solchen Begriffen denken – also höre ich bei Nomaden auf.

Der Text ist ein Auszug aus: Volha Hapeyeva: DIE VERTEIDIGUNG DER POESIE IN ZEITEN DAUERNDEN EXILS, Reihe Wortmeldungen Band 3, Verbrecher Verlag.

Volha Hapeyeva gewann mit diesem Text den WORTMELDUNGEN Ulrike Crespo Literaturpreis für kritische Kurztexte 2022.