Die Täter schweigen nicht

von Anne Rabe

 

Karina hatte mich gefragt, ob ich mit ihr ins Ferienlager fahren möchte. Seit der ersten Klasse hatten wir regelmäßig die Sommerferien zusammen verbracht und sie schwärmte von diesem Pferdehof, auf dem man den ganzen Tag machen durfte, was man wollte. Wo man jeden Tag reiten durfte und alles viel lockerer war als in den anderen Ferienlagern, die wir kannten. Es war also klar, dass ich unbedingt dabei sein wollte.

Der Hof lag direkt an einem See. Es gab Ruderboote und tatsächlich nicht den typischen Pferdehofdrill mit festen Stallzeiten, strengen Reitlehrern und übel gelaunten Stallleuten. Es gab keine Reitabzeichen und keinen teuren Pferdemädchen-Dresscode. Stattdessen “Tipis”, Bogenschießen, Reiten ohne Sattel und Schlafen unter freiem Himmel.

Als wir auf den Hof kamen, wurden wir von Achim und seiner Freundin Frederike begrüßt. Zusammen mit den Eltern saßen wir in einem mit Geweihen, Tomahawks und Tierfellen ausgekleideten Wohnzimmer. Die Eltern tranken Kaffee und unterhielten sich über die Formalitäten. Sie bezahlten unseren Aufenthalt, verabschiedeten sich und fuhren davon.

Karina hatte recht gehabt, hier war alles erlaubt und das konnte jeder gleich sehen. Frederike war 16 Jahre alt und Achim weit über 40. Wir waren zehn oder elf und niemand schien sich zu fragen, ob dies ein guter Ort für Kinder war.

Tatsächlich war dieser Sommer phänomenal. Und ich fühlte mich so wohl und befreit, dass ich von da an jeden Sommer und auch in den Herbstferien dorthin fuhr, auch ohne Karina. Es gab keine Regeln, kein „ihr müsst jetzt ins Bett“, kein „diesen Film dürft ihr nicht sehen“, keine Tischmanieren und der Ton war auf diese lockere Art rau. Hatte man sich daran gewöhnt, war man Teil einer eingeschworenen Gemeinschaft.

Als ich selbst ein Teenager war, wurden Frederike und ich Freundinnen. Sie war ja nur wenige Jahre älter als ich. Deshalb fuhr ich noch häufiger zu Achim und ihr, auch wenn niemand außer mir da war. Ich war in Rike verliebt. In ihre langen, schwarz gefärbten Haare und ihr schallendes Lachen. In die Art, wie sie die Dinge in die Hand nahm. Überhaupt in ihre Hände. Aber das hätte ich ihr nie gesagt. In der Schule hieß es damals cool „Ein bisschen bi schadet nie“, aber als ich meiner besten Freundin vorsichtig schrieb, dass ich mir vorstellen könnte, mit ihr zusammen zu sein, wusste dies am nächsten Tag die ganze Klasse. Homosexualität, das ging nur, wenn Bastian Pastewka für Die Wochenshow naserümpfend „Hallo liebe Liebenden“ sagte. Ansonsten alles vollschwul und scheißlesbisch. Ich wusste, dass ich mich in Mädchen verliebte und fand das auch nicht verkehrt, aber ich wusste, dass man darüber besser nicht sprach. In der Stadt, aus der ich kam, nicht. Aber erst recht nicht hier auf dem Land. Meine Gefühle zu verbergen, fiel mir nicht schwer. Für diese Gefühle hätte ich die Nähe zu Rike nicht riskiert.

Ich war 14, als sie mir erzählte, wie sie sich in Achim verliebt hatte. Sie war in einem Dorf in der Nähe aufgewachsen. Dass Gewalt dort normal war, zeigte sich daran, wie wir darüber sprachen. An einem Tag, an dem ich zu viele Kartoffeln geschält und dafür eine schmerzhafte Ohrfeige von meiner Mutter kassiert hatte, erzählte sie mir, wie der Vater ihr einmal so eine verpasst hatte, dass sie mitsamt dem Sessel, auf dem sie saß, umgekippt war, nur um gleich zu ergänzen: „Ich hatte ihn aber provoziert.“ Provokationen müssen Konsequenzen haben, das war uns klar. Ich hatte der Mutter widersprochen, als sie mir mit dem Schlag ein „Du bist doch total bescheuert“ mit auf den Weg gab und mir so eine zweite Schelle eingefangen.

Als Kind hatte Rike immer reiten wollen und es sich selbst beigebracht, indem sie sich einfach auf die Pferde auf einer Koppel gesetzt hatte. Irgendwann sei sie dann nicht mehr runtergefallen, sondern hätte sich halten können. Sie war so alt wie ich, als sie den Mann, bei dem sie nun lebte, kennenlernte. Achim lebte von Stuntshows, für die er sich als Native American verkleidete, und reiste von Mittelalterspektakeln über Westernmärkte und Kinderfeste durch die halbe Republik. Im Sommer organisierte er ein großes Freilichttheater, in dem Laien mit viel Elan den Kampf der Ureinwohner Amerikas gegen die Europäer nacherzählten. Eine absurde Szenerie, in der die öde ostdeutsche Landschaft zur Prärie und jeder Mäusebussard in unseren Augen zu einem Weißkopfadler wurde.

Diese Geschichten vom vergeblichen Kampf um die Freiheit hatten Frederike so fasziniert, dass sie auf dem Hof bleiben wollte. Mir ging es ähnlich, als ich ein paar Jahre nach ihr in diese seltsame Parallelwelt eintauchte. Wir fanden uns selbst in den Geschichten, in denen es immer um Leben und Tod ging, und in der Sehnsucht nach einer friedlichen Einheit von Mensch und Natur, die ein bisschen nach dem klang, was man uns vom Kommunismus erzählt hatte. Der Stärkere hilft dem Schwächeren. Jeder nimmt nur, was er wirklich braucht. Alles wird miteinander geteilt.

Mit 15 ist sie schließlich zu Achim gezogen. Dessen damalige Freundin war von Anfang an eifersüchtig auf sie gewesen. Sie kannte ja den Lauf der Dinge bei Achim. Auch sie war nur ein paar Jahre älter als Rike, und als sie auf den Hof gezogen war, ebenfalls noch ein Teenager gewesen.

An dem Abend, als sie mir all das erzählte, musste ich ihr versprechen, es unbedingt für mich zu behalten. Es musste unser Geheimnis bleiben. Sie sprach über ihr erstes Mal. Dass Achim alles vorbereitet hatte. Das Feuer im Kamin. Die Kerzen. Genau so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Hier in dem Zimmer, in dem wir nun saßen. Ich weiß noch, wie schnell sie sprach, als müsste sie es hinter sich bringen und außerdem würde Achim ja bald wiederkommen, und wie ich keinen Moment lang dachte, dass das, was sie erlebt hatte, falsch war. Dass sie nicht mit Achim hätte zusammen sein dürfen. Dass niemand hätte sagen dürfen „Tja, wo die Liebe hinfällt“. Dass man sie hätte beschützen müssen. Dann sagte sie, dass es furchtbar war. Schmerzhaft und eklig. Wir schwiegen. Und plötzlich lachte sie wieder ihr lautes, schönes Lachen und sah mich an „Es gibt ja auch noch Selbstbefriedigung. Das kannst du dir merken. Der Sex ist gar nicht so wichtig.“

Der Sex war wichtig. Für Frederike, weil es furchtbar war. Und für die Menschen, die auf den Hof kamen, um den ganzen Sommer ohne Lohn für das Freilichttheater zu schuften, wohlmöglich auch, weil es ein Ort war, an dem alles erlaubt war. Da war zum Beispiel Ringo, der stolz jeden Sommer eins von den Mädchen auf dem Hof entjungferte. Wurde eine 13, war sie für den Mittzwanziger interessant. Diese Mädchen waren Töchter der Laiendarsteller. Und Ringo musste sich vor keinem ihrer Väter dafür rechtfertigen. „Pass auf, dass du dich nicht in Ringo verknallst!“, sagte man ihnen. In einem Jahr war es Juliane, im nächsten ihre jüngere Schwester Tini.

Ich habe mich lange in dieser Welt wohlgefühlt. Wenn keiner einem sagt, was man zu tun oder zu lassen hat. Wenn Erwachsene einem das Gefühl geben, sie würden einen ernst nehmen. Man sei eine von ihnen. Wenn sich Ausbeutung anfühlt wie Wertschätzung. Fuhr ich wieder nach Hause zu den Eltern, war mir oft elendig zumute. Ich wünschte mir sehnlichst, einfach da bleiben zu können.

Dann war ich 15. Das war in dem Sommer, in dem Frederike nicht alle Arbeiten während des Ferienlagers übernehmen konnte, weil sie ihre Ausbildung beenden musste. Ich sprang für sie ein, kochte das Mittagessen für die Gruppe und fuhr mit Achim einkaufen. Es war der Sommer, in dem es plötzlich ein Pferd zu wenig gab oder einen Reiter zu viel? Bei Ausritten sollte ich deshalb zusammen mit Achim reiten. Er lief immer mit freiem Oberkörper herum und so saß er auch auf dem Pferd. Ich mochte und bewunderte ihn, schließlich gehörte der Ort, an dem ich am liebsten war, ihm. Vor dem ersten gemeinsamen Ritt schärfte er mir ein, dass ich die Beine nicht anspannen dürfe. Ich solle seinen Bewegungen folgen und mich an seiner Hüfte festhalten. Und so trabten und galoppierten wir durch die Landschaft. Körper an Körper, mit seinem Schweißgeruch in der Nase lernte ich, mich darauf zu konzentrieren, meine Bewegungen mit seinen zu synchronisieren.

Beim Einkaufen machte er nun Witze und sah mir bei jeder Gelegenheit tief in die Augen. Ich verstand sofort, aber verbot es mir, darüber nachzudenken. Achim hatte mich gesehen und er gab mir das Gefühl, etwas besonderes zu sein. Er machte mir Komplimente, das kannte ich von zu Hause nicht. Gleichzeitig war ich noch immer sehr in Rike verliebt und niemals hätte ich mich zwischen sie und Achim gestellt.

Mit ihr konnte ich also nicht reden. Ich musste allein zurechtkommen. Und dennoch habe ich keinen einzigen Moment lang gedacht, dass das, was Achim tat, falsch war. Ich liebte diesen Ort, ich liebte meine Freiheit dort und meine Sehnsucht nach Anerkennung und Zuneigung war so groß, sie ließ nicht einmal Zweifel zu, die ich hätte beiseite schieben müssen. Es war schon etwas eklig bei Achim auf dem Pferd, aber das lag bestimmt an mir. Daran, dass ich verklemmt und in Rike verliebt war. Hätte ich bei ihr gesessen, hätte mich das gestört? Also bitte! Außerdem waren seine Witze wirklich gut. Du hast selbst darüber gelacht! Dies ist dein Ort, dies sind die Menschen, die dir am wichtigsten sind, jetzt stell dich nicht so an.

In ihrem 2020 erschienenen Buch „Die Einwilligung“ beschreibt Vanessa Springora den sexuellen und emotionalen Missbrauch durch einen 50jährigen Mann, den sie als 13jährige kennenlernte und mit dem sie jahrelang wie in einer erwachsenen Beziehung in aller Öffentlichkeit zusammenlebte. Der Mann, der in Frankreich zu den literarischen Größen des Landes gehörte, hatte in seinen Büchern vollkommen unverstellt von seiner kriminellen Liebe zu minderjährigen Mädchen geschrieben. Alle wussten es und behandelten die beiden als gewöhnliches Paar.

Selbst als das Mädchen sich in ihrer Not an gemeinsame Freunde wendet, wird ihr nicht geholfen. Stattdessen wird sie zu ihm zurückgeschickt und man rät ihr, ihn so zu akzeptieren, wie er ist. Das Buch hat in Frankreich eine Debatte um den Autor ausgelöst und ihn schließlich zu einer persona non grata gemacht, deren Bücher nicht mehr verlegt werden. Die Empörung ist gerechtfertigt, aber es bleibt die Frage, warum es für diese Reaktion erst Springoras Buch brauchte.

An Mythos und Ansehen von Klaus Kinski haben die Schilderungen der jahrelangen sexuellen Gewalt seiner Tochter Pola Kinski in ihrem Buch „Kindermund“ hingegen nur wenig gekratzt. Sie beschreibt das ungenierte Verhalten ihres Vaters, die Übergriffe in aller Öffentlichkeit. Aber Kinski ist tot und kann sich nicht mehr wehren, heißt es. Bloß schrieb er in der ersten Ausgabe seiner Autobiografie „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund“ bereits von mehreren überaus brutalen Vergewaltigungen minderjähriger Mädchen. Skandalisiert wurde und wird dies nicht. Kinski konnte sich provokativ in Talkshows als Genie gerieren, das nur etwas leben würde, was in anderen Kulturkreisen ganz gewöhnlich sei. Aus einer späteren Ausgabe seines Buchs wurden die Passagen über die Vergewaltigungen dann einfach entfernt. Die Talkshowauftritte aber gelten auch heute als Kult und jedes Jahr aufs Neue werden Filme in den Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender mit seiner irren Visage und seinem Namen beworben.

„Hier ist alles erlaubt“, so begrüßte Gerold Becker, in den 70er und 80er Jahren Leiter der reformpädagogischen Odenwaldschule, seine Schüler:innen und Kolleg:innen am Anfang des Schuljahres. Wie diese Regellosigkeit den Missbrauch von Lehrer:innen an Schüler:innen und diesen untereinander zum System erhob, decken Luzia Schmid und Regina Schilling in ihrem Dokumentarfilm „Geschlossene Gesellschaft – Der Missbrauch an der Odenwaldschule“ in Interviews mit Betroffenen, Tätern und Mitwisser:innen auf.

Was auf dem Reiterhof, auf dem ich meine Jugendjahre verbracht habe, Normalität war, ist ganz offensichtlich keine Ausnahme. Offenbar auch nicht abhängig von einem bestimmten Milieu. Dieser Missbrauch passiert unter aller Augen, mit aller Einverständnis. Die Täter schweigen gar nicht. Sie verheimlichen nichts. Sie überrumpeln ihr Gegenüber, indem sie die Grenzen, die für selbstverständlich gehalten werden und die durch Gesetze festgeschrieben sind, einfach ignorieren. Das lässt sie mutig und besonders erscheinen. Sie sprechen von Liebe und sind offenbar bereit, dafür alles aufs Spiel zu setzen, ihre Reputation, ihren Job. Dabei wissen sie, dass sie nichts zu befürchten haben. Die Schweigenden schützen sie. Vielleicht weil sie selbst Täter sind, vielleicht weil die Täter ihnen einen Platz geben, den sie sonst nur schwer finden. Sie bekommen Bedeutung durch das Geheimnis und die Täter tun viel dafür, dass die verschworene Gemeinschaft sich nicht auflöst.

So ist es in Schulen, in Sportvereinen, in Kirchen, in Familien und in Ferienlagern. Die Beispiele sind nicht mehr zu zählen. Jedes Jahr kommen neue dazu, werden neue Systeme aufgedeckt, die alle ähnlich funktionieren. Nachdem Camille Kouchner vor kurzem den Missbrauch ihres Stiefvaters an ihrem Bruder in dem Buch „La familia grande“ offengelegt hat, teilen immer mehr Menschen in den sozialen Medien unter #metooInceste ihre eigenen Missbrauchserfahrungen im familiären Umfeld mit. Brigitte Macron unterstützt die Bewegung und Emmanuel Macron hat versprochen, die Opfer sexuellen Missbrauchs nie mehr allein zu lassen.

Ich versuche mich daran zu erinnern, was für ein Kind ich war. Warum es mir so schwer gefallen ist, zu erkennen, dass da etwas schief lief. Wo hatten wir das gelernt, dass unsere eigenen Gefühle nicht der Maßstab sind, eine Situation zu bewerten?

Die Ohrfeige der Mutter… und Frederike war mit dem Sessel umgekippt, weil sie den Vater provoziert hatte… auf der Familienfeier werden zu fortgeschrittener Stunde von den angetrunkenen Onkeln die plötzlichen Oberweiten der Nichten kommentiert… ein 12jähriger kommt nach Hause und muss sich von seinem lachenden Vater demonstrieren lassen, dass der neue Küchentisch die „perfekte Höhe“ hat… die Hüften den Vaters, wie sie sich rhythmisch zum Tisch bewegen… und wenn die 11jährige sich abwendet, weil der Vater der Mutter beim Fernsehabend die Hand in die Bluse schiebt… sie hört, dass sie  prüde ist und verklemmt… „Stell dich nicht so an, du tust doch sonst auch immer so erwachsen.“

Der Sex ist nicht so wichtig, hatte Frederike gesagt und gemeint, es mache ihr nichts aus. In einer Welt, in der das offensichtliche Verbrechen zur Normalität erklärt wird, darf es dir nichts ausmachen. Aber es ist trotzdem ein Verbrechen, auch wenn dir das niemand sagt.

In dem Sommer, als ich 16 war, fuhr ich noch einmal auf den Reiterhof. Meine langen Haare, die Achim so gefallen hatten, hatte ich abgeschnitten. Das hatte ich schon einmal getan, als ich jünger war. Kurz zuvor hatte Achim mir versprochen, ich würde die Hauptrolle in dem nächsten Freiluftstück spielen. Aber als Achim mich so sah, war davon keine Rede mehr. Warum ich auf so eine bescheuerte Idee komme, hatte Frederike mich wütend gefragt. Sie war nun Anfang 20 und wenn wir uns sahen, erinnerte ich mich wieder daran, wie verliebt ich einmal in sie war. Sie sagte, ein anderes Mädchen würde die Rolle übernehmen. Das störte mich nicht. Später hat sie Achim verlassen und ist weggezogen. Wir haben uns nie mehr gesehen.

Diesen Ort, der einmal mein Paradies war, gibt es nicht mehr. Aber es gibt diese Orte. Die Orte, an denen die Täter nicht schweigen. Weil andere es für sie tun.

 

Photo by Zoran Borojevic