Die Routinen

von Sonja Lewandowski

In den Turnanzügen bleibt der Atem flach. Der enge Elasthanstoff zeigt jeden Zug und mit dem ersten Publikum lernen wir den Bauch auch beim Einatmen nach innen zu ziehen.

Unsere Handinnenflächen fressen Kreide, damit wir nicht abrutschen, damit wir lange an der Stange bleiben. Der Holm sitzt uns gleich unter dem Beckenknochen und die, die nicht richtig stützen, hocken eine Weile gekrümmt am Hallenrand, den Unterleib in den Händen, und lernen daraus.

Stufenbarren, P7: Kippaufschwung vl vw (Kippe) in den Stütz; Vorschwung, Rückschwung mit anschließendem Hüft-Umschwung rw; Vorschwung, Rückschwung – Aufhocken auf den unteren Holm mit Griffwechsel zum oberen Holm; Vorschwung, Riesen-Aufschwung (kein Riesen-Umschwung); Vorschwung, Rückschwung mit anschließendem Hüft-Umschwung rw; mit direkt anschließendem Felgunterschwung in den Stand.

Simone Biles, Doppelsalto mit Doppelschraube beim Abgang vom Schwebebalken, atmet richtig herum und tief. In der Schule nennt man sie Swoldger, swollen soldier, wegen ihrer muskulösen Waden und Arme. Bevor sie Anlauf nimmt, zieht sie die blickdichte Hallenluft in die Brust, sammelt das Publikum in ihrem Korb und läuft los.

Ich kann keine Blicke bei mir behalten, ich kann sie nicht einatmen, ich kann sie nicht schlucken, sie machen mich nicht stark. Die Tribünenaugen reißen mir die Fersen auf, drücken meinen Rücken in ein Hohlkreuz und den Bauch hinter die Rippen.

Nadia Comaneci achieved perfection at the age of 14.

Mit zwölf brach mir der erste Arm. Mit vierzehn holte Nadia Comăneci die ersten Goldmedaillen nach Hause. Zu Hause war Rumänien, aber ein Land macht keine Turnerinnen. Ein Trainer und eine Trainerin machen Turnerinnen und Übung macht Ceaușescus besten Export. Nicht mein Arm, nicht ihre Medaillen.

Nadia Comăneci ist so perfekt, dass die Punkteanzeige nicht ausreicht, um ihre perfekte 10 abzubilden.

Für den Nachwuchs wird gesorgt. Um die rumänischen Frauen und ihre Unterleibe kümmert sich Ceaușescus Menstruationspolizei, schaut einmal im Monat vorbei, ob auch die Routinen stimmen, damit die Mütter an Land bleiben und nicht abtreiben.

Kinder kriegen: eins für den Stufenbarren, eins für den Schwebebalken, eins für den Boden und eins für den Sprung. Nadia und Nadia und Nadia und Nadia.

Der Sportkommentator findet Nadia faultless. Absolutely Faultless. There’s the smile. Some cynics say it had to be trained, because she so rarely smiles.

Dabei sitzt ihr das Lachen doch sogar im Namen, gleich über dem ă. Lach doch mal! Aber der Nachname geht verloren. Es gibt Nadia und es gibt Ceaușescu.

Dass die Turnerinnen aus dem Ostblock keinen Spaß bei ihrem Sport hätten, findet Team America, dass sie gedrillt, dass sie geschlagen, dass sie gedemütigt würden, die sowjetischen Automatenmädchen.

I kept a smile plastered on my face as an announcer called each new team member to the stage. (Simone Biles)

Schon das einstellige Mädchen lernt am Elementekatalog zu wachsen, eine Standwaage, ein Radschlag, ein Flick Flack, ein gestreckter Salto. Und wenn die Kampfrichterinnen jede Regung mit Punkten vermessen, nimmt sich der Spielplatzkörper den Raum nur mit den studierten Posen am Ende der Elemente.

„Why do you smile so little, Nadia?”, fragt der Reporter.

„Because she is always thinking to her routines”, übersetzt ihr Trainer Bela Károlyi.

Kein Lachen zu finden in dem Mädchen ohne Nachnamen, so tief sie auch hineinsteigen.

Wie oft man mit dem Schambein auf den Schwebebalken stürzen kann, ohne dass es bricht. Wenn ich gekrümmt am Boden liege, die überdehnten Arme in den pochenden Schritt gedrückt, schwärmen die anderen Mädchen herbei und streicheln und küssen mich. Sie legen sich über mein Weinen, ganz kurz nur, das Training geht weiter, und wenn sie wieder an ihre Geräte zurücklaufen, zieht ihr Fortgehen an meiner Haut wie ein trostlos abgerissenes Pflaster. Vielleicht falle ich manchmal nur, um von dem Schwarm magnesiumweißer Mädchen gehalten zu werden.

Maybe if I’d trained more, spent longer hours practicing in the gym, mastered more challenging skills—like the Amanar—I might be feeling less scared. (Simone Biles)

Simona Amânar, Radwende mit gestrecktem Doppelsalto und zweieinhalbfacher Drehung am Sprung.

Unsere Namen wollen Routinen werden.

Auf dem Weg zur nächsten Halle reißen wir uns wettkampffeste Frisuren in die Köpfe. Der Trainer nennt uns Mannschaft und wir halten uns an den barrenzerfressenen Händen bis uns die Kampfrichterinnen mit Noten auseinanderhalten. A-Noten, B-Noten, C, D, E, F, I, Simone Biles, gehockter Doppelsalto mit drei Schrauben am Boden, turnt bis J. Dafür kehrt sie jedes Jahr auf die Károlyi-Ranch zurück, hier werden die Turnerinnen stationär gehalten, aber nicht im Arm. Drei Hallen abseits der texanischen Städte. Leistungssportstätte im Wald, aber kein Wald in Sicht, nur fensterloses Training für das eigene Element, für Olympia. In die Geschichtsbücher springen. Ohne Handyempfang, ohne Eltern, aber einer empfängt sie alle und streichelt ihnen den Verband an den Körper. Nur will der nicht heilen und wundert sich, dass es Berührungen ohne Trost gibt. Senken in die flüchtige Spagatposition (quer oder seit, mind. 160°)

Larry Nasser, gelobt sei, was hart macht und was man nicht im Kopf hat, das hat man in den Beinen und bei mir ist es Scham und bei ihm ist es eine Spezialbehandlung.

Routine ist Tat ohne Sprache.

how badly I wanted to be one of these women, marching into the arena in an American flag leotard, radiating confidence und ready to compete for Team USA. (Aly Raisman)

Mit zwölf brach mir der rechte Arm. Ich brach ihn mir nicht selbst. Da ist nicht viel ich, wenn man turnt. Es gibt Elemente und ihre Ausführung, es gibt Pflicht, es gibt Kür. Es gibt einen Elementekatalog, den man durchläuft, den man kombiniert. Mit vierzehn brach der nächste Arm und der bis in die Hand gezogene Gips machte es unmöglich, das erste Tampon in den Körper zu stecken. Ich war woanders und als man kurz darauf wieder in der Halle stand, um wenigstens die Beine stark zu halten, erklärte man den anderen Mädchen unfallklug: Mit der Übung kommt der Unfall. Mit dem Unfall kommt der Teamarzt. Und mit dem Teamarzt kommt die Behandlung.

All die ausgerutschten Untersuchungen und bohrenden Zeigefinger.

So stark kann kein Muskel werden, angespannt bleibt er Mäuschen, das unter der Haut läuft.

Zum Ende eines Elements rufen wir „Steh!“ durch die Halle, aber nur für die eigenen Mannschaftsmädchen. Dabei atmen wir verdreht in unsere strassbesetzten Trikots und rufen den Befehl als Wunsch verkleidet in uns hinein.

Ich bin keine Wanderin, ich bleibe am selben Ort. Ich schreite den Schwebebalken ab, ich kreise um den Stufenbarren, ich springe über das Pferd, der Boden bleibt vermessenes Quadrat, und trete ich über den Rand, ziehen die Kampfrichterinnen mich an meiner Note wieder auf die Matte.

Houry Gebeshian, Aufschwung-Bewegung am Stufenbarren, mit einer 360-Grad-Drehung über den unteren zum oberen Holm.

Ein Element werden, in einem Katalog stehen.

Wir sehen von uns ab, hoch ins Publikum und dann wachsen wir und steigen über uns hinaus und wer nicht mehr zum Training kommt, den erzählen wir als Kranke, als Butter und Honig, als eine, die Frau geworden ist, ohne sich zusammenzureißen, eine, die nicht mehr auf die Waage steigen will, wenn das Team dahintersteht. Eine, die Frau geworden ist. Ohne Nebensatz, ohne weiteres, denn Frau sein reicht schon, um zu groß zu werden für die Geräte, zu schwer für den Trainer, zu alt für das Publikum. Bevor Bela und Martha Károlyi ihre kindlichen Turnerinnen aus den rumänischen Gärten rissen und an die Geräte banden, turnten junge Frauen mit erwachsenen Körpern bei Olympia. Aber in ein Mädchen passt noch locker ein überstreckter Spagat und der Schwebebalken ist doppelt so breit für die barfußenen Kinderschuhe. Es steckt noch im Wachstum und Wachstum ist ein reicher Zustand.

She didn’t just win—she dominated.

P8, Sprung: Anlauf, Handstütz-Sprungüberschlag vorwärts mit Beugen und Strecken der Hüfte in der zweiten Flugphase (Yamashita)

Orte, an denen man vor anderen gewogen wird: im Büro der Trainer*innen, in der Geschlossenen.

When I was in fifth grade, a few boys in my class told me my muscles were gross and I looked like I was on steroids. They began running around the playground calling me ‘roids‘. (Aly Raisman)

Die Wettkampfhallen lassen jedes Schauen von schräg oben kommen. Ich schiele zur Tribüne, zu den Kampfrichterinnen. Zu den Mädchen, die mich gestern noch gestreichelt haben und jetzt neben mir in der Umkleide stehen und konzentriert ihre glitzernde Identitätsausrüstung überstreifen.

Barefoot in our patriotic leotards (Aly Raisman)

Mein Becken wird breiter, es stört zuerst am Barren. Es lässt sich nicht mehr auf Anhieb heben, es will an der Stange wachsen. Es wird Es, scherzt der Analytiker hinter der Couch wie ein Stadionsprecher, die Erinnerung ewig live.

When I went to the Los Angeles Olympics in 1984, female gymnasts were expected to be cute little pixies; slender, graceful butterflies. I was never that. I was solid and muscular, a born tumbler, exploding off the apparatus with force. Mine was the kind of athletic power more often associated with male gymnasts than female.

Musculus, das Mäuschen; Anatomie: der Muskel (Organ, das wie eine Maus unter der Haut huscht); antikes Militärwesen: Schutzdach für Belagerer.

Dem Becken ist nicht mehr zu trauen, es könnte sich jeden Tag senken und bluten. Die Turnanzüge werden zur Gefahr, jedes Spreizen schämt sich voreilig. Wer bei den Wettkämpfen menstruiert, darf die Turnshorts (in wolkiger Samtoptik) anbehalten. Dafür läuft der Trainer zu den Kampfrichterinnen und „zieht die rote Karte“, weil wir „das Baumwollkamel reiten“, weil wir „eine Tagung abhalten“, weil wir „die Maler im Keller haben“, weil „Ketchupwoche“ sei und „Erdbeerwoche“. Den Mund voller blutender Euphemismen lacht die Jury ein wenig und gewährt und wir lächeln mit, auf Kosten unserer Scham.

Ein flüchtiger Handstand.

Die Angst, mit dem nächsten Spreizen eine rote Spur zu legen, treibt mir das erste Tampon in den Körper. Und weil auch das Tampon mich verrät, der blaue Faden wie ein Lesezeichenband aus mir heraushängt und sich an dem schmalen Slipstreifen vorbeidrücken könnte, schneide ich den Faden ab. Jetzt sitzt es fest, das Gefühl hat sich vollgesaugt und klemmt dort, wo eben noch keine Lücke war. Der Faden schwimmt verloren in der Kloschüssel, die mein Geheimnis spülen soll.

If there’s one person society can’t eff with, it’s a marathon runner. (Kiran Gandhi)

Die Routinen:

https www cosmopolitan com health-fitness q-and-a a44392 free-bleeding-marathoner-kiran-gandhi

https www watson ch gender grossbritannien 605476989-periodenblut-als-protest-frau-laeuft-marathon-ohne-tampon

https www womensrunning com culture this-woman-ran-a-marathon-on-her-period-without-a-tampon

https www vol at sportlerin-rennt-marathon-waehrend-ihrer-periode-und-zwar-ohne-tampon 4418433

https www buzzfeed de buzz obwohl-sie-ihre-periode-hatte-lief-sie-ohne-tampon-einen-marathon 90136270 html

https timesofindia indiatimes com blogs everything-social meet-kiran-gandhi-the-menstruating-women-who-ran-a-marathon-without-a-tampon

You’ll come away from her inspiring story knowing that you can be too.

Eine Regel in einem Regelwerk werden, in die Geschichtsbücher bluten.

Schwebebalken, P8: 1/4 Drehung mit Überspreizen eines Beines in den Reitsitz, Vorschwung, Rückschwung, Aufhocken, Aufrichten in Stand. 1 bis 2 Schritte, Spagatsprung (mind. 135°); 1 bis 2 Schritte, Vorspreizen (mind. 90°), Rückspreizen, Vorspreizen eines Beines mit ½ LAD  (Spielbein gestreckt)

Für die erste Riesenfelge ziehen sie mir Stoffhandschuhe an, in die je ein Seil eingenäht ist. Sie stellen sich auf die Sprungkästen, heben mich an den Holm und binden meine Handgelenke daran. Sie bringen meinen abgehangenen Körper ins Schwingen bis zum ersten Überschlag. Verliert man den Griff durch die Ziehkräfte, halten die Seile sich an den Handgelenken fest.

the line between tough coaching and child abuse gets blurred

Pokale in Kinderzimmern.

Die seilwunden Handgelenke, die gerissenen Innenflächen, dabei steht man nur kurz in der Höhe, nur eine Sekunde vielleicht, in der die Seile nicht ziehen. Still ist es da und die Halle schweigt.

Wir haben Muskeln, aber es geht nicht um Feminismus. Wir sind ein Team, aber es geht nicht um Gemeinschaft. Wir zeigen Haut, aber es geht nicht um Sex. Wir schminken uns vor jedem Wettkampf, aber es geht nicht um Verführung.

There was something else too: I thought that if I went out and beat these girls, they wouldn’t like me. And more than anything, I wanted these girls to see me as one of them. (Simone Biles)

Wir streicheln uns weiter, wenn wir stürzen, aber die Blasen an den Händen graben tiefer, die Hornhaut an den Kuppen deckt dicker, bis unsere Berührungen ein Kratzen werden und unsere geprellten Körper sich den rauen Streicheleinheiten und faulen Untersuchungen entziehen.

Finger und Blicke, ein Seitenstechen.

We protect our athletes. Not just physically, but mentally you have to protect your  athletes. If you screw up once, if you do something where you break their trust, you’re done. Gymnasts first, gymnasts first, gymnasts first, gymnasts first. (Larry Nasser)

Wenn ich mich verletze, werde ich an den falschen Stellen geküsst.

Man nimmt mich (Hilfestellung), man öffnet mich (Untersuchung), man legt mich auf den Tisch (Behandlung), man glättet mich mit der flachen Hand und einem versteckten Finger, wobei ich manchmal knacke, wenn die Taten aus mir sprechen.

Wir pissen uns auf die Hände, weil wir uns erzählen, dass so die Blasen heilen. Wir nennen uns Mannschaft. Wir ziehen uns gegenseitig die Arme über die Köpfe bis in ein Überuns, ein gedehntes Wachsen, ein weiter Körper. Wir schauen uns zu und rufen „Steh!“ durch die Halle, die Stimmen hoch, das Magnesium frisst an uns und saugt den Schweiß von unseren Angsthänden.

Der Spagat will nicht sitzen. Ich drücke und wippe meinen Schritt zur Matte, zum Balken, zum Hallenboden. Der Trainer kniet sich auf meinen Rücken bis die Schenkelinnenseiten schreien.

He keeps these women together.

Traue niemandem, der besonders besorgt ist. Lass dich nicht mitnehmen, geh den Weg allein. Lass dir nichts anbieten, der Bote bringt dir schlechte Nachrichten. Lass dich nicht nach dem Weg fragen, der nicht gesucht wird. Nimm keine Hilfe, sie will Gegenleistung. Nimm kein Kompliment, es wird zu Kontakt, den du nicht willst. Lass den Blick fallen, bevor er festhängt. Nimm die Ohren und orte, wer hinter dir geht. Nimm die Ohren, denn die können sehen ohne zu blinzeln.

Unter den Medaillen wächst schüchtern die Brust. Wenn ich stürze, kommt kein Mädchen mehr und hält mich.

In der Umkleide schieben wir unsere Unterhosen zwischen die Pobacken, um noch etwas Stoff zwischen uns und das Publikum zu mogeln. Es zwickt, unsere Kiefer mahlen, bevor wir Bühne werden. Der stoffgeschminkte Oberkörper, ein dünner Lidstrich zwischen den Beinen, der Rest bleibt Haut. Für sichtbare Unterwäsche gibt es Punkteabzug, für ein Zurechtziehen des Turnanzugs ebenfalls. Der angeschnittene Slip lädt die Fotografen ein.

Elisabeth Seitz, Verbindungselement am Stufenbarren vom unteren zum oberen Holm mit einer ganzen Drehung um die Längsachse (Flugteil).

Nach Wettkämpfen scrollt sie durch die Fotos im Netz und findet die in den Schritt geschossenen.

Sich die Scham aufreißen. Auf einem Treppchen stehen. Sich die Schulter auskugeln, einen Pokal halten. Die Gelenke zerdehnt, der Rücken zersprungen, die Hände zerrissen und nirgendwo Zorn. Den Pokal kurz in die Höhe bis die handstandtauben Hände in den Rücken fallen.

Unveränderte Zitate sind kursiv gesetzt und stammen aus den Autobiographien Courage to Soar – A Body in Motion, a Life in Balance von Simone Biles und Fierce – How competing for myself changed everything von Aly Raisman, der Netflix Dokumentation Athlete A , der Website https://olympics.com/de/athleten/nadia-comaneci und https://gymtotal.de/inhalte/misc/pflichtuebungen-frauen/!program/265