[Kolumne] Der Aufschrei der Arztsöhne

von Dana Buchzik

Bislang sind mit dem Claim „Lebensleistung verdient Respekt“ nur Bürger gemeint, die über 33 Jahre hinweg mindestens 30 Prozent des bundesweiten Durchschnittseinkommens erwirtschaftet haben. Der Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler (BBK) fordert hingegen ein Anrecht auf Grundrente für alle, die 10 Prozent des Durchschnittseinkommens verdient haben. Es reicht also nicht aus, dass der Staat seit Jahrzehnten den Sozialbetrug kultureller Institutionen sponsert: Die Künstlersozialkasse (KSK) etwa, immerhin zu 20 Prozent aus Bundesmitteln finanziert, hat über Jahrzehnte Scheinselbstständigkeiten im Journalismus aufgefangen; promovierte Volontäre stocken mit Hartz IV auf, um sich Vollzeittätigkeit plus Überstunden in Verlagen, Museen etc. leisten zu können. Der Staat soll nun also auch dafür geradestehen, dass sich privilegierte Menschen – denn nur jene mit herausragenden Studienabschlüssen sowie Zeit und Ressourcen für unbezahlte Praktika bekommen im Kulturbetrieb überhaupt die „Chance“ auf zynisch honorierte Jobs – ein Berufsleben lang für Arbeitgeber entschieden haben, die sie systematisch ausbeuten.

Viele Menschen stecken aufgrund fehlender Privilegien und/oder Krankheit und Behinderung dauerhaft im Niedriglohn- und Teilzeitsektor fest. Diese sehr reale Ungerechtigkeit betrifft die gut und lange ausgebildeten Menschen im Kulturbetrieb, die im Laufe ihres Berufslebens viele Überstunden anhäufen, im Allgemeinen nicht. Ist aus der freien Entscheidung, sich ausnutzen zu lassen, eine finanzielle Verantwortung des Staates ableitbar?

Natürlich haben wir alle ein Recht auf menschenwürdiges Leben. Natürlich ist – kurzfristig – eine Anpassung der Bedingungen für Grundrente wichtig. Langfristig aber sollte sich jeder, der im Kulturbetrieb arbeitet, fragen, warum er nur vom Staat Solidarität erwartet und nicht von seinen Auftraggebern. 

Im Kulturbetrieb zu arbeiten, erinnert manchmal an das Leben in einer missbräuchlichen Beziehung: Honeymoon-Phasen müssen mit bedingungsloser Selbstaufgabe erkauft werden; unbegrenzte Zeit, Aufmerksamkeit und Geduld sind erforderlich. Das Setzen von Grenzen, die Frage nach Geld oder Perspektive “zerstört” das intensive Wir-Gefühl. Das Gegenüber singt mit Hundeblick das Klagelied der Krise und schon hat man Schuldgefühle: Wie konnte man den Partner nur mit seinen eigenen, egoistischen Bedürfnissen belasten? Man wusste doch von Anfang an, worauf man sich einlässt! 

Ähnlich wie im toxischen Beziehungsleben zählen auch in der Kulturbranche eher Frauen zu den Geschädigten, vor allem in finanzieller Hinsicht: Der Gender Pay Gap beträgt satte 24 Prozent. Im Kulturbetrieb existieren zwar keine Hollywood’schen Hotelzimmerszenarien mit grapschendem Entscheider im Bademantel; dafür gibt es den festangestellten Redakteur, der die neue Freelancerin privat treffen will statt in der Redaktion. Der sich im Café ganz eng neben sie setzt und raunt, dass für eine regelmäßige Auftragsvergabe „ein gutes Verhältnis“ zentral sei. Der behauptet, das Budget sei für alle gleich, aber unterschlägt, dass er männlichen Freelancern fünfzig Euro mehr pro Text anbietet. Und der, sobald sein Verhalten auffliegt, der Freelancerin nur mitzuteilen hat, dass sie ohnehin nie eine Chance auf eine feste Stelle hatte.

Es gibt den Verleger, der die Absage des Volontariats nicht versteht; es sei doch „eine Ehre, für unser Haus zu arbeiten“ – eine Ehre, die einen Kredit erfordert hätte, weil man mit unter 1000 Euro in einer Metropole vielleicht die Miete bezahlen, aber nicht essen kann. Ein Kredit also für ein Jahr Vollzeitarbeit plus Überstunden, ohne jede Perspektive auf Weiterbeschäftigung?

Es gibt den Lektor, der behauptet, dass niemand nach einem Volontariat eine Festanstellung erwarten könne: Die Marktsituation etc. Darauf hingewiesen, dass er selbst nach einem Volontariat fest übernommen wurde, sagt der Lektor: „Bei mir war das was anderes.“ (Stimmt: Er geht regelmäßig mit dem Chef Bier trinken. Und muss dabei nicht befürchten, dass dieser sich eng an ihn kuschelt und über gute zwischenmenschliche Verhältnisse philosophiert.)

Es gibt den hochrangigen Agenturmitarbeiter, der sich auf dem Chesterfield-Sofa im zentral gelegenen Office ausstreckt und verkündet, man wolle Praktikanten einfach nicht bezahlen. Es gibt Geschichten aus dieser Agentur, die davon erzählen, dass Praktikanten aus eigener Kasse Porto und Klopapier finanzieren und spätere Bestseller zum Gutteil allein ghostwriten. Alles drin im Null-Euro-pro-Monat-Paket, das sich im Zweifelsfall nur Arztsöhne und Richterstöchter leisten können.

Es wird gern von kleinen Indie-Verlagen und Online-Magazinen geredet, die monatlich um ihre Existenz bangen und ihren Mitarbeitern nun mal nichts bezahlen können. Leider wird vergleichsweise selten namentlich von den großen Verlagen, Redaktionen, Filmstandorten, Theatern, Agenturen und anderen Playern gesprochen, deren Geschäftsmodell unter anderem darauf basiert, reguläre Stellen durch Praktikanten, Volontäre und Freelancer zu ersetzen, um im großen Stil Sozialabgaben, sagen wir: zu sparen. 

Seit dem Jahr 2014 zeigt die Umsatzentwicklung in der deutschen Kultur- und Kreativwirtschaft respektable Zuwachsraten. Die Bruttowertschöpfung hat sich – ausgehend von 71,8 Milliarden Euro im Jahr 2009 – um fast 29 Milliarden, also um vierzig Prozent, erhöht. Der Umsatz in der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland lag im Jahr 2018 bei 168,3 Milliarden Euro. Allein Random House erwirtschaftete 2018 rund 293 Millionen Euro. Warum nehmen wir das seit Jahrzehnten gesungene Klagelied der Krise überhaupt noch ernst? Warum fragen wir den fest angestellten Verleger, Redakteur oder Regisseur, der uns mit Hundeblick berichtet, dass leider kein Geld da sei, nicht, wie viel er am eigenen Gehalt spart? Warum akzeptieren wir, dass große, solide durchfinanzierte Auftraggeber über die 30-Tage-Schmerzgrenze hinaus Honorare nicht bezahlen? Warum schweigen wir über Ausbeutung im Glauben, wir könnten andernfalls unsere Karriere beschädigen? Was für eine Karriere soll das überhaupt sein, die jenseits aller finanziellen Messbarkeit und in der permanenten Angst vor Transparenz stattfindet? Wo in alledem hat unsere Selbstachtung Platz?

Der Kulturbetrieb ist mindestens genauso sexistisch, intolerant und ausbeuterisch wie jeder andere Betrieb unserer Volkswirtschaft; wahrscheinlich eher mehr als der Durchschnitt, wenn man sich den Gender Pay Gap von 24 Prozent und die Dimension der Altersarmut unter Kulturschaffenden vergegenwärtigt. Der BBK-Appell hat binnen eines Monats 41.000 Mitzeichner gefunden. Wenn sich jeder Mitzeichner ein Arbeitsleben lang geweigert hätte, unbezahlte Praktika zu absolvieren oder absurd niedrige Honorare für freie Aufträge zu akzeptieren, wäre diese Petition überhaupt erforderlich geworden? Ist dieser Appell mehr als ein Aufschrei von Privilegierten, der in die falsche Richtung schallt?

Solange es keine Solidarität unter Betroffenen gibt, so lange die Täter, um im Bild der missbräuchlichen Beziehung zu bleiben, in Schutz genommen werden, sei es durch bewusstes Verschweigen der Missstände, sei es durch aktiven Selbstbetrug, so lange wird systematische Ausbeutung fortbestehen, und so lange werden wir uns schuldig machen, sowohl an uns selbst als auch an allen, die nach uns kommen.

Photo by Jordan Whitfield on Unsplash