Kategorie: Literatur und Stories

148 Formen des Nichtseins

Auszug aus einem Romanprojekt von Slata Roschal

5.
Es war ein goldener Ohrring mit einem kleinen Brillanten, der irgendwo im Erdgeschoss in der Mensa sein musste, ich schrieb Anzeigen, klebte sie auf Pinnwände, schrieb in einem studentischen Forum, ging zur Information, ob jemand vielleicht einen goldenen Ohrring, den Brillanten sparte ich aus, abgegeben, die Frau wunderte sich und lächelte und ich schämte mich. Und einmal ein Ring, mit einem kleinen, ungemein teuren Rubin (ich hab schon immer gesagt, kauf nichts bei den deutschen Juwelieren, bestell bitte aus dem russischen Katalog, hier, und jetzt hast du es), er wurde mir zu groß und glitt einfach vom Finger, irgendwo zwischen dem 3 und dem 4 Gleis des Ostbahnhofs, in der Nähe des Getränkeautomaten, dort, wo abends Mäuse herausgelaufen kommen, nach Krümeln, vielleicht auch Ringen suchen, und sie in ihren Vorratskammern unterhalb des Getränkeautomaten verstecken.

22.
Einsame, liebevolle und wunderbare russische Damen zum Heiraten und Lieben. Unsere bildhübschen russischen Single Frauen auf der Partnersuche suchen einen ehrlichen und treuen Lebenspartner und Mann, um eine glückliche Lebenspartnerschaft und Familie zu gründen für eine gemeinsame, glückliche Zukunft.
Die meisten russischen Frauen lehnen den westlichen Feminismus ab, und versuchen eher, Erfolg und Charme zugleich zu leben.
Die russischen Frauen lieben ihr Land, sie fühlen sich als Bürgerinnen des größten Staates der Welt und sind stolz darauf.
Die russischen Frauen sind wesentlich toleranter und geduldiger als westliche Frauen, das liegt daran, dass in Russland gegenseitige Hilfe und Abhängigkeit innerhalb der Familie ganz großgeschrieben wird.
Es ist sehr wichtig für russische Frauen, die im Ausland leben, sich nützlich zu fühlen. Die russischen Frauen mögen es nicht, ohne Aktivitäten zu sein, sie arbeiten gerne.
Rechnen Sie mit einer Wartezeit von etwa einem Jahr, bevor Sie mit ihr Kinder haben werden.
Wenn Sie Ihre Brieffreundin etwas fragen wollen, fragen Sie direkt, ohne Umwege, aber sehr höflich.
Versuchen Sie, die slawische Seele zu verstehen. Das ist entscheidend in der Korrespondenz mit einer russischen Frau.
Lächeln Sie auf allen Fotos.
Hüten Sie sich vor ukrainischen oder russischen Anzeigenseiten, die gratis angeboten werden.
Schicken Sie den Damen, mit denen Sie in Kontakt treten, niemals Geld.
Treten Sie in Kontakt mit mehreren Damen ein. Eine russische Frau hat es lieber, wenn der Mann sie unter mehreren Damen nach längerem Briefwechsel ausgesucht hat.
Falls auch Ihre zweite Email ohne Antwort bleibt, schicken Sie einen Brief auf dem Postweg, vielleicht hat sie ein Problem mit ihrem Computer.
Die meisten russischen Frauen sprechen weder Englisch noch Deutsch.
Wenn Sie auf Englisch schreiben, benutzen Sie einfache Wörter, um sicher zu gehen, dass sie Sie verstehen wird.
Benutzen Sie nicht den Google-Übersetzer.
Schicken Sie niemals Geld.
Nehmen Sie zum ersten Treffen einen Dolmetscher mit, falls Ihre Russisch-Kenntnisse nicht ausreichen.
Sobald sie verheiratet sind, schreiben Sie Ihre Liebste in einen Deutschkurs ein (russische Frauen sind begabt für Fremdsprachen), und sie wird wesentlich weniger Heimweh haben.
Sie können jederzeit auf einen Dolmetscher zurückgreifen, wenn Ihre Frau noch nicht gut Deutsch spricht.

23.
In unserer Stadt gab es zwei kleine russische Geschäfte, in denen man slawische ‒ meist in Deutschland hergestellte ‒ Lebensmittel kaufen konnte, Käse, Quark, Pelmeni, Schokoladenpralinen, Limonade, Getreideflocken, Konserven, aber auch Spielzeug aus China, selbstgebrannte DVD-Filme, und man konnte dort Pakete abgeben, die man in sein Heimatland schicken wollte. Für viele unsere Bekannte waren diese Läden überlebenswichtig, auch wenn es eine offizielle Deutsche Post und gewöhnliche Discounter mit russischen Lebensmitteln gab. Sie trugen seltsame Namen, 5+ PLUS zum Beispiel, das Plus als Zeichen und Wort nebeneinander wies auf die ausgezeichneten Qualitäten des Ladens hin, während im deutschen Schulsystem die Fünf nur für mangelhaft stand. Das andere Geschäft hieß Rasputin, ähnlich düster schaute der stämmige Besitzer an der Kasse, er sollte zusammen mit seinen drei erwachsenen Söhnen vor Kurzem ein eigenes Haus im benachbarten Dorf gebaut haben, und unser Bekannter erfuhr von einem anderen Bekannten, dass es zweieinhalb Stockwerke hatte. Seine Frau stand an der Frischwarentheke, schnitt und wog Käserollen ab, angelte gesalzenen Hering aus einer Holztonne. 5+ PLUS war zu zentral gelegen und schnell bankrott, wir wechselten zu Rasputin. Dort war es eng und staubig, die Kunden kannten einander, es gab Sympathien, verborgene Feindschaften gegenüber dem Ladenbesitzer und seiner Frau, wir wussten über ihre Einkommensverhältnisse Bescheid, achteten nicht auf ein abgelaufenes Haltbarkeitsdatum und diskutierten an der Kasse, warum hier alles so teuer sei.

38.
Wenn ich unsterblich wäre, würde ich mir Fehler zugestehen können, so aber läuft die Zeit davon, zerrinnt zwischen den Fingern, und bald schon werde ich nicht schön sein und werde meinen immer fauler werdenden Körper durch einwandfreie teure Kleidung, durch Botoxinjektionen, Bleaching regelmäßig, aufrecht erhalten müssen, und wer weiß, ob ich das Geld dazu haben werde, ob ich noch einen Mann haben werde, mit gutem Verdienst und oder Eigentum, ob ich das alles alleine bezahlen kann, ob meine Einsparungen, bislang hundertdreißig Euro auf dem Extra-Konto und hundertfünfzehn im weißen Briefumschlag, zwischen Benn und „Einführung in die Mediävistik“  eingeklemmt, für all das reichen werden.

110.
Unser Wochenende verbrachten wir zuhause, im Discounter, im Tierpark, auf einem Spielplatz, am Meer, am See, in der Eisdiele, meist verbrachten wir es zusammen, zu dritt, und an jedem Sonntagabend freute ich mich auf Montag. Ich hatte sie gern, meine Männer, den Großen, den Kleinen, und doch nervten mich unsere gemeinsamen Wochenenden ungemein, sodass ich ihnen beiden gegenüber am Sonntagabend massive Antipathie verspürte, den Kleinen so früh wie möglich ins Bett brachte, ein sinnloses, nie gelungenes Vorhaben, den Großen ignorierte, anzischte, auf irgendeine Weise zu demütigen versuchte in Form von Befehlen und Ekelbekundungen (wäscht du jetzt endlich das Geschirr ab, willst du dich nicht mal duschen), ja ihn manchmal bespucken, verprügeln wollte und dann vor dem Einschlafen, mit fester Zuversicht auf den Montag, den Tag der Arbeit, ihn wieder um Vergebung bat. Auch dem Kleinen gegenüber war ich oft unbeherrscht und grob, sein unverhältnismäßiges Schreien bei jeder Kleinigkeit brachte mich immer wieder aus der Fassung, mein junges Leben erschien mir umsonst vergeudet, die Weiterentwicklung meiner Talente gegen eintönige, unausgeschlafene Heimexistenz eingetauscht, ich hatte keine Freude daran, Sachen zu erklären, die ich schon kannte, und zweifelte daran, ob ich die geeignete Beziehungsperson für mein Kind, überhaupt für ein Kind wäre. Auch wusste ich nicht, ob ich in meiner Arbeit es zu etwas bringen würde, ob ich klug und energisch genug wäre, und litt einerseits an den zwecklosen, deckungsgleichen Wochenenden, empfand sie wiederum auch als Strafe für mein Versagen während der vorangegangenen fünf Tage. Was wir dem Kind gaben, wurde von ihm nicht geschätzt, kein einziges Mal sagte es aus eigenem Wunsch heraus Danke, und das Komplizierteste daran war, dass wir kein Recht hatten, einen Dank zu erwarten, uns bewusst auf eine jahrelange einseitige parasitäre Beziehung eingelassen hatten. Glaubt er mir, dass ich ihn geboren habe, fragte ich mich abends, wenn sein zartes Gesicht einschlief, habe ich ihn überhaupt geboren, woher sollte ich es wissen, meinem Körper waren keine Spuren mehr davon anzusehen, keine Beweise, ich habe keine Nabelschnur gesehen, keine Geburt. Wie kann mein Mann glauben, dass ich ein Kind von ihm geboren habe, sein Leben von diesem Glauben bestimmen lassen, wenn nicht mal ich daran ganz glaube, und doch fungierte er als Zeuge dessen, was ich selbst nicht gesehen habe. Unser Zusammenleben basierte auf einem gegenseitigen, mal erstarkenden, mal abfallenden Glauben an unsere körperliche Verbundenheit, und ich war das Mittelglied zwischen dem Großen und dem Kleinen, von anderem Geschlecht zwar, vielleicht deshalb aber trotz aller Unbeherrschtheit akzeptiert, der Große war das Bindeglied zwischen mir und dem Kleinen und umgekehrt, drei hoch drei gerechnet, neun unterschiedliche Stränge, die uns verbanden. Ich putze das Waschbecken von Resten roter Kinderzahnpasta frei, sortierte Socken nach Formen und Farben, und erlangte nicht den Status einer Guten Mutter in den Augen anderer Frauen, Freundinnen, Kolleginnen, Bekannten, unserer Vermieterin, Kindergartenleiterin, Kinderärztin, meiner Mutter, alles, was ich tat, war ein obligatorisches Minimum, von Guter Mutter weit entfernt. Einmal die Woche kam eine Putzfrau, wischte das Treppenhaus und ich litt aus weiblicher Solidarität, wenn ich an ihr vorbeiging, vielleicht wäre es meine Aufgabe gewesen, die Treppen zu wischen, immer waren es Frauen, die Treppen wischten, warum sollte ich besser sein als sie. Was soll das denn sein, fragte er, weibliche Solidarität, und wir küssten uns, prallten mit den Mündern aufeinander, warm, weich, und wenn mich das andere, kleine, zarte Gesicht küsste, sah ich ein, dass ich auch daran zu glauben lernen musste, dass mein Kind mich mag, nicht für immer vielleicht, aber dass ich nichts zu verlieren hatte, außer als mich zu irren, und dass ich nicht alles bis ins Unendliche beweisen konnte.

118.
Zwei Arten von Leuten gab es, die einen fragten, wann wir ein zweites Kind bekommen, da uns das erste schon so gut gelungen, da wir ja gut miteinander auskamen und ein zweites sicher guttun würde, ein Verzicht auf ein zweites, ohne nachvollziehbaren Grund, war absurd und verdächtig, dass wir wohl doch nicht so gut auskamen miteinander. Und die anderen, die ignorierten auch das eine Kind, stellten es sich als eine Art zusätzliches Projekt vor, in das man je nach Möglichkeit Zeit investierte, eine kleine Beeinträchtigung, die mit genug Babysittern zu überspielen war, eine konservative Geste, Geschlechtsverkehr mit Kinderzeugung zu verbinden. Aufenthaltsstipendien etwa waren für freie Persönlichkeiten gedacht, die für fünf Monate nach Rijeka gingen, für zwei Monate nach Ahrenshoop, für ein Jahr in die Villa Massimo, einen dichten Lebenslauf erstellten, ohne jeden Abend Hausaufgaben zu kontrollieren, an Schulferien, Krankheiten, Wachstumsschübe gebunden zu sein. Zur Elite deutscher Künstler, wie in einer Ausschreibung bezeichnet, gehörten keine Künstler mit Kindern, oder keine mit kleinen Kindern, oder keine Frauen mit Kindern, das war klar und irgendwie seltsam, das hat mir keiner gesagt bisher, dass ich mich selbst wieder ausgeschlossen habe aus einem Kollektiv, zu dem ich gehören wollte, da half kein Migrationshintergrund, kein gutes Porträtfoto, obwohl ich nichts geändert hätte, wenn ich es könnte, nur, es musste einen Weg geben, das zu werden, was ich wollte, die Angst zu verlieren vor Abweisungen, mich weniger zu ärgern, oder einfach abzuwarten.

129.
Wenn wir abends, wenn das Kind schläft und wir uns gegenüber in der Küche sitzen, jeder an seinem Notebook, verspüren, dass wir uns gleichgültig geworden sind, zu vertraut und fremd zugleich, dass wir uns gegenübersitzen, weil wir ein gemeinsames Konto und ein gemeinsames Kind haben, die Grundmerkmale einer ehelichen Gemeinschaft, dass wir nie mehr, zumindest die nächsten zehn Jahre, zu zweit ins Theater oder ins Kino gehen und immer, jeden Abend, von Jahr zu Jahr, in der Küche sitzen werden, jeder an seinem Notebook, wenn wir das verspüren, wenn dieser Gedanke in dem Raum zwischen uns entsteht, immer größer, fester, prophetischer wird, werde ich wütend, klappe mein Notebook zu und fordere ihn zum Sprechen auf, er erschrickt, verteidigt sich, zieht den Kabel aus der Steckdose, überlegt, wir reden, dann steht er auf, küsst mich und schlägt vor, ins Wohnzimmer zu gehen.

 

(Foto: Mike Lange)

Slata Roschal – *1992, Studium von Slawistik, Germanistik, Komparatistik in Greifswald, z.Z. Promotion in Slawistischer Literaturwissenschaft an der LMU München, Veröffentlichungen von Lyrik und Kurzprosa in Literaturzeitschriften und Anthologien, Textwerkstätten (u.a. Edenkoben), 2019: Debütband Wir verzichten auf das gelobte Land bei Reinecke & Voß Leipzig. Diese Texte sind Auszüge aus einem laufenden Romanprojekt, 148 Formen des Nichtseins, das u.a. durch ein Arbeitsstipendium der Stiftung „Zurückgeben. Stiftung zur Förderung jüdischer Frauen in Kunst und Wissenschaft“ gefördert wurde.

Photo by Thomas Q on Unsplash

Randnotizen

Manchmal stößt man beim Scrollen durch die Timeline auf Texte, die den gewöhnlichen Strom aus Neuigkeiten, Selbstnarrativierungen und Sprachspielen weit hinter sich lassen und Statusmeldungen in Literatur verwandeln – Elisa Asevas Beiträge auf Facebook gehören zu diesem Genre. Wir freuen uns daher, dass wir Texte von Elisa Aseva in der Reihe 54stories präsentieren können.

 

10.11.2018, 21:45 Uhr

beim aufräumen die unscharfen fotos.
du auf dem sofabett, vor dem kacheltisch mit kram drauf.
das war der winter in dem wir die eissorten mit den meisten chemischen zusätzen durchgingen.
und die verfügbaren bestellservices, am liebsten chinabox wegen der verpackung mit den süßen drachen. es war der winter in dem wir uns die schwere decke teilten.
es gab nur diese eine, aber sie war groß wie ein see oder ein schwimmbad.
groß genug jedenfalls um nur kurz daraus aufzutauchen, aufs klo zu gehen oder das eis aus dem fach zu holen.
manchmal schwammen wir darin. ich suchte deine hand.
und dann gleiten durch die unterdecketiefen

– – –

rauhe seesternhaut, anemonenblick.

hörst du die wale?
jaaa.

– – –

wir durchfluteten uns, tauchten ineinander, neben dem griff in die chipstüte oder zur fernbedienung.
unser atem legte eisblumen auf die fenster, wir freuten uns darüber.
noch eines dieser wunder.
als immer öfter die türklingel ging, hielten wir die luft an um das lachen zu verdrücken. wenn es gar nicht mehr ging, pressten wir die münder in die decke und lachten stumm hinein.
du suchtest meine hand.
nachdem die heizung abgeschaltet wurde wärmten wir aus dem backofen, unserem “kamin” und tauchten noch tiefer hinab. bis es in den ohren rauschte.

bis ich eines morgens erwachte, aus dem bett und über die im zimmer verstreuten tüten und eisschalen stieg und vorsichtig die tür zuzog.
der morgenverkehr stand noch bevor, die strasse lag leer. durch den pyjama spürte ich warmen wind + beschloss dem salz in der luft zu folgen.

hey. ich hoffe es geht dir gut.
keine offenen rechnungen für nessie

 

24.11.2018, 15:46 Uhr

warte! nur noch rasch
den honig erwärmen bevor ich ihn dir
über die blassen kokosbrüste gieße
das fenster öffnen auf dass
schwarzer sesam hereinwehe
und kältemoleküle
deine süße speise kosten
rieche donner atme blitz
wenn sich die temperaturen
auf meiner zunge
begegnen

 

22.01.2019, 13:37

die deutschen mit ihrem distanzfetisch. selbst in engeren freundeskreisen gibt es recht klare vorstellungen, dies das sei PRIVAT, jenes schon wirklich grenzüberschreitend + wer zuviel von sich zeigt mindestens bemitleidenswert.

vielleicht hat der nationalsozialismus einen verborgenen dabei physischen ekel hinterlassen.
gefühle, so scheint es jedenfalls, schmecken den deutschen so gut wie saure milch.
+ nähe ist wenn du die toilette von einer person übernimmst nur um mitten in ihren dämpfen zu stehen

 

8.4.2019, 16:26 Uhr

geht man mit 1 kind an der hand durch 1 dunklen wald
wird man größer ruhiger stärker weil die ganze angst nun beim kind ist

das ist das seltsame talent der kinder

 

4.7.2019, 19:52 Uhr

ausländisch

ausländer – der begriff ist heute etwas verpönt aber ich hab ihn gern.
fragt mich wer ob ich deutsche sei sage ich:
gott nee, ich bin ausländerin.
auf weitere nachfrage dann: afrikanerin.
das gerne weil es leute oft richtig stört (“echt afrika? sieht man gar nicht so bei dir. dachte
brasilien/kuba/philippinen”). + es stimmt schon nur noch so halb, auch in äthiopien bleibe ich
ausländerin.

ein freies weites wort.
ich will wohnen wo die ausländer*innen sind, essen mit den ausländern,
ausländisch lieben, denken + wichtig: trauern – das machen sie hier einfach nicht.
ich träume also davon dass wenn ich einmal sterbe alle zu ausländer*innen geworden sind, jede für sich.

in den menschen liegt ein ausland. + wer weiß.
vielleicht grenzen wir mal aneinander

 

7.9.2019, 14:31 Uhr

alle reden vom osten, einige sind von dort, manche waren mal da.
mein bruder zb.
1993 wurde er per zvs dekret nach greifswald zum studium entsandt. bitten + flehen halfen nichts – nur weil da gerade ausländer abgefackelt werden können wir nicht das gesamte SYSTEM umstellen, schließlich immer noch deutschland, hier bekommt niemand eine extrawurst. na gut.
brav reihte sich mein bruder jeden zweiten tag in die ewige schlange vor der telefonzelle ein um seiner schwester + seiner mutter zu versichern “hallo hab’s wieder überlebt, bin immer noch da”. recht schnell wurde er teil einer clique von ausländer-medizinstudis – ein schweiz-iraner, ein weiterer äthiopier + ein fliegerjackentragender grieche namens stavros kanakis.
an den weiten ostseestränden träumten sie vom gewinn der greencardlotterie, einem discobesuch ohne stress + der gutlaufenden gemeinschaftspraxis. gemeinsam flohen sie vor faschos, letschogemüse + dem nächsten staatsexamen.

heute arbeiten alle als ärzte.
2 von 4 sollten eine psychotische episode erleben.
1 gewann tatsächlich bei der green card lottery.
3 sind nach jetzigem stand eltern von mehr als 1 kind.
stavros trägt immer noch den besten nachnamen der welt.
geblieben ist keiner

 

6.11.2019, 21:43 Uhr

gut küssen ist wenn’s flüssig wird. nein nicht nur spucke
ich meine tiefer, in den muskeln + anderen verhärtungen.
gut küssen ist wenn ich dich erreiche, halbfest
+ halbweich mache; nicht so dass du matsch wirst.
gut küssen ist zahnfleisch.
gut küssen ist fallen aber ohne angst. nach unten nach oben
hin + weg.
gut küssen ist eine gelegenheit:
in die wellen werfen + auf den grund sinken.
die fähigkeit besteht darin nicht ans ersticken zu denken.
wir atmen luft für generationen.
gut küssen wäscht ängstlichen furcht ab,
religiösen den glauben, müttern die sorgen.
wir senden fluten.
algen wehen, quallen steigen aus den brücken.

komm her koralle. dein riff setzt mich frei

 

5.12.2019, 07:33

ob es nochmal schneien wird?
in berlin macht mich das immer fertig, der unausweichliche matsch, die schmutzige beschwerlichkeit. beides in der stadt ohnehin reichlich vorhanden, nach dem schneefall kippt es dann. gut, das eine aufgeregte wochenende an dem isolierverpackte kinderballen in die parks strömen. ihre schlitten hinterlassen zugspuren, darin reste von silvesterknallern.
hier diese farbe von altem blut, da an der baumscheibe sulfursprenkel. von der hauswand wölben plakate runter – pisse diese band die sie jetzt mögen hat schon wieder gespielt. urin wäre der bessere name gewesen.
sowas regt mich manchmal auf, wenn es so naheliegend ist. nein es regt mich nicht auf. nur ein halber schmelzender egalgedanke.
bald wird es tropfen. schnee schmerzt mich, wenn er fällt hält alles andere an.

wir stehen am fenster, sehen durch die atembeschlagene scheibe. wechselndes ampellicht.
ich will die welt runterzählen, bis auf deine haut bis auf jedes wort dass es jetzt nicht braucht. bleib.

die autos fahren an, ziehen die verwehten bremswege nach. kiesel, kajal. ich setze kaffee auf, schalte das radio an. es wird nichts liegenbleiben, glättegefahr.
vielleicht schneit es auch einfach nicht mehr, nicht mehr so richtig. noch eine verletzliche stelle weniger.

 

7.12.2019, 15:02 Uhr

ostern

meine mutter hat zeitweise in einer grundschule geputzt die ich auch besuchte, sie erledigte das am frühen abend oder auch wochenends.
es kam vor, ergab sich aber nicht oft dass ich sie begleitete. ich half ihr dann mit kleinigkeiten wie dem reinigen der waschbecken (wichtig: armaturen zum glänzen bringen) oder der spiegel aber die meiste zeit saß ich nur auf den garderobebänken herum + las.
einmal bekam meine mutter einen anfall – erst atemnot dann spuckte sie in die toilette. ich durfte nicht nah herankommen sah aber rote spritzer auf dem boden.

ein andermal lagen osterkörbe, wir hatten sie am vormittag gebastelt + befüllt, auf dem fensterbrett gereiht. 24 osterhasen sahen mich an, eigentümliches gefühl. aus den besonders vollen körben nahm ich jeweils eine kleinigkeit heraus.
den nachhauseweg über war ich voller angst meine mutter könnte meinen schatz entdecken, aber mehr noch, jemand, etwas hätte draussen in der dämmerung in den büschen gesessen + mich im erleuchteten klassenzimmer beim stehlen beobachtet.
nächster morgen am selben ort:
wir bekamen die körbe ausgehändigt, der süßigkeiten-tauschhandel war umgehend eröffnet + niemand schien etwas zu vermissen oder zu bemerken. ich spürte nicht unbedingt schuld – mehr eine art weisung von den meisten dingen zu schweigen.

vielleicht war aber auch nichts geschehen. vielleicht war ich gestern nicht hier gewesen, meine mutter nicht krank, lauerte nichts da draussen wenn es dunkel wurde. vielleicht bildete ich es mir wirklich nur ein das leben

 

 

Elisa Aseva – lebt in Berlin + schreibt auf Facebook