Kategorie: Literarisches

Was Lyrik will, ist ein gesichertes Einkommen – Manifest des Lytter Zines

von Miedya Mahmod & Jonathan Löffelbein

Dies ist das Manifest des Lytter Zines, ein Magazin, das auf Twitter veröffentliche Lyrik sammelt, abdruckt und illustriert. Lytter ist der zwingend scheiternde Versuch Lyrik abzubilden, die mit anderem Content in unmittelbarer Konkurrenz steht. Jeder Satz dieses Manifests wurde auf Twitter geschrieben und dort einzeln veröffentlicht.

 

was lyrik will ist ein gesichertes einkommen zwei urlaube im jahr und ab und an ein streichholz neben dem benzinkanister

was lyrik kriegt ist ein ‘ist ja nett’ ‘aha mit reimen oder ohne’ und ‘kann man davon leben’ (nein kann man nicht aber danke der nachfrage sagen sie was ist ihr lieblingsgedicht)

hallo kleine verlag ich hab ein gedicht gemacht wer will

niemand will :(( 

ok google mit lyrik reich werden wie

twyrik verweigert sich dem literaturbetrieb.

normalize writing lyrik on twitter punkt com

twyrik darf für 10 Sekunden das wahrste sein, was einem je begegnet ist, um dann unapologetisch in den schlund des stets nach unten strömenden feeds zu verschwinden.

lyrik ist nicht tot

twyrik ist kein genre, keine form, kein thema, dessen grenzen das außerhalbliegende ausschließen. Am ehesten ist twyrik produktionsweise und konsumption.

jeder tweet ist ein gedicht man muss nur ganz fest dran glauben

twyrik kann überall entstehen, wo eine verbindung besteht (wlan, lan, lts, 4g, zur gefühlswelt, umwelt, dingen, menschen). twyrik ist der versuch, eine verbindung in andere welten / räume, blasen / kammern zu legen.

–          die wahrscheinlichkeit  dass diese verbindung scheitert ist erschlagend hoch

–          twyrik ist es trotzdem versuchen

lyrik

schön kurz

zu viel am fühlen dabei

6/10

twyrik rast unentwegt auf das was wir zB „die anderen“ nennen zu. egal wie innerlich twyrik auch wird, am ende geht es nicht um aber zum sog. anderen

wenn man lyrik gelesen hat und jetzt nur still in die mittlere distanz starrt weil mehr einfach nicht geht

twyrik liebt internetlingo , internetlingo reformiert sich täglich. twyriks wortschatz dementsprechend auch

– twyrik ist nicht „deutschsprachig“ die überwiegende user*innenschaft des twitters auf dem sich potentielle leser*innen dieses artikels bewegen aber schon

– potentielle leser*innen dieses artikels könnten auch twyriker sein

– manche sind es schon

liebling ich habe lyrik gemacht

twyrik darf einfach sein

twyrik darf witzig sein

lyrik ist [meeresrauschen in der muschel] aber sie will [ferne klänge einer trompete sie spielt die internationale] sein

twyrik darf inhaltlich schwer und altmodisch sein fick die ficker*innen die sagen dass sei zu kitschig iwer da draußen liest es und denkt vllt: hach

follis stehen auf user*innen wo um zwei uhr nachts pathetische lyrik ins netz neiwemsen

twyrik kann in nacht- und tagtwitter unterteilt werden. tag-/nachttwitter sind keine uhrzeiten sondern lebensgefühle, die sich häufig um bestimmte zeiten im collective being des internetz verstärken, aber auch ganz zeitsouverän gefühlt werden.

13:34 es ist zu früh für traurig pathetische lyrik auf twitter

dass es in mir ruhig wird hat bisher nur lyrik geschafft

manch twyrik will eher gesehen werden als gelesen zb twyrik aus sonderzeichen. sollte sich doch entschieden werden sie laut zu lesen: viel spaß das klingt auch nach einem spaßigen transformationsprozess für die twyrik.

es wird wieder lyrik in den kopf gelanzt

twyrik kennt seine grenzen (280 zeichen, leerzeichen sind nicht leer, sondern bezeichnend) aber auch seine wege (threads, d.h. eigene drukos)

– drukos sind DRUnterKOmmentare (auch max. 280 zeichen)

was wir von twitterlyrik haben ist ein fav ein retweet vielleicht und im besten fall ein kurzes aufatmen im stream ein 280 zeichenmoment von schönheit

ein twyrikwerk kann mehrere user*innen umfassen, da drukos anderer user*innen möglich sind und direkt im bezug zur vorherigen twyrik gesetzt werden (können)

hottake: jeder tweet ist ein gedicht jeder tweet ein ‘hach ist das schön’ jeder drüko eine ungewollte gedichtsanalyse aus der 8b

twyrik bedeutet totale vulnerabilität. drükos können twyrik im moment des erscheinens ausstellen, aneignen, auslachen usw. twyrik ist aber auch zugänglich. user*innen sind ansprechbar, können antworten, reagieren, transformieren, weitertwyriken usw

– drükos = DRÜberKOmmentare [„quote tweet“ funktion]

twyrik ist schnell lost aber für immer.

– Außer du löschst sie. Dann ist sie: für immer lost

das schöne an twitterlyrik ist dass sie sich ihrem zweck verweigert denn lyrik will festhalten einfrieren erfahrbar machen aber twitterlyrik lebt nur fünf minuten und wir winken ihr beim versinken zu

hüpf rein l0ser wir schreiben lyrik*

 

*unterstützt lyrik im internet. lytter.art gibt es geile zines für kleine cash**

**leute wir machen ein lyrik magazin wenn wir euch scammen wollten hätten wir ne bank gegründet

 

 

Als ich schrieb (Mutterschaftsvariationen)  

von Marie-Sophie Adeoso

I

Als ich schrieb, hörte ich wieder mal lautes Gebrüll.

Ich stand auf, spendete Trost und kehrte zurück zu den Worten, ich schrieb und da klebte es mir an den Socken, ich stand auf, wischte Saft vom Parkett, wieder trocken, als ich schrieb, dachte ich nach, wie der Satz einmal enden – fiel mir ein, dass der Einkauf noch – mit den Händen griff ich Taschen und  Leergut, griff Kinder und Mützen, griff Gummistiefel, draußen die Pfützen, griff Schlüssel und Mülltüten, die Windeln  stanken, griff alles, ins Treppenhaus – ab mit euch! –  schwankten wir raus, immer raus in den Regen, den Laden, den Alltag, das Leben, als ich schrieb, kam mir all das mal wieder  entgegen, dazwischen –

II

Der Roman schreibt sich nicht von selbst. Ich schreibe mich in ihn ein, Nacht für Nacht, wenn neben mir der Atem eines  kleinen Menschen ruhiger oder unruhiger wird, je nachdem. Ich  schreibe im Kopf, während es an meiner Brust zieht, während ich Hunger oder Durst oder Unruhe stille und in mir die Unruhe Hand in Hand mit der Müdigkeit wächst.

Mir zerfallen die Jahre unter den Fingern zu Staub, den ich  ständig aufsaugen muss aus den Ritzen im Parkett, in denen er  sich sammelt, gemeinsam mit Essensresten und Spielplatzsand.  Der Staub verfliegt, ein Jahr nach dem anderen, in dem ich  nicht schrieb. In dem ich ansetzte und gleich wieder ab, weil  ich nur mal kurz den Alltag schaukelte im Arm und ein Kind auf  jedem Knie und mir dazwischen die Worte abhandenkamen. Ich  suche sie nachts, wenn neben mir der Atem des einen oder  anderen kleinen Menschen ruhiger oder unruhiger wird, je nachdem. Ich denke ans Schreiben: immer und immer und immer –

so, wie man im Winter an den Sommer denkt, wenn man friert. Ich schreibe den Roman nicht, er schreibt sich in mich ein, schreibt mir den Kopf voll, beherrscht ihn und schreibt sich doch nicht von selbst. Mutter schläft und schreibt nicht und wird früh geweckt.

III

Ich werde alles anders machen als du. Ich werde alles genauso machen wie du. Ich weiß nicht, wie du es gemacht hast. Ich weiß nicht, wie du meine Mutter warst. Ich weiß nicht, welche Mutter ich sein will, sein kann. Ich hatte keine. Doch, hatte eine. Habe eine. In mir. Sie schreibt sich nach draußen. Totgeburt.

IV

Ich sehe, wie du fällst. Wie du aus meinem Blickfeld stürzt.

Ich sehe, dass ich dich nicht mehr sehe, sehe den Schrei, der mir entfährt, rot in der Luft stehen, sehe mich selbst dorthin hasten, wo ich dich wieder sehen kann, sehe in mir vor mir, wie du zertrümmert auf den Steinen liegst, die Glieder verrenkt, laufe weiter, stolpere, fliege die Treppen hinab, sehe dich wirklich jetzt, klein und komplett, höre dich, greife dich, deine Arme, deine Beine, deinen Kopf, taste dich ab, alles dran, alles da, bist du heil?, sag mir, wo schmerzt  es dich?, herz ich dich, Brennnesselstich, überall pikst es dich und über dir biegt er sich, der Ast, der dich fing, deinen Sturz stoppte, dann knickte, dann brach und dich absetzte im Brennnesselbeet, aua, aua, au, au, wimmerst du;  danke, stammle ich und halte den Ast, der brach, so dass du nicht brächest, nicht in Teile zerfielest, es dich nur pikste  und pikste und ich küsse deine Tränen und ich streichle deine  Stiche und ich halte deine Glieder, die zerstochenen, nicht zerbrochenen, die Glück gehabt haben, was ein Glück, was ein  Glück –

V

Der Roman schreibt sich nicht von selbst. Ich schreibe mich in ihn ein, Nacht für Nacht, ohne Worte. Vielleicht träume ich es nur, wenn die Gedanken sich gegen die Wände werfen, wie ein eingesperrtes Tier, sie sich wundscheuern und weniger werden, wüster und düsterer werden in den Nächten, die keine Nächte sind, weil die Tage länger werden und die Kinder sich sträuben, sie loszulassen und sich den Nachtresten anzuvertrauen, in denen ich schreiben könnte, wenn sie schweigen würden, wenn ich nicht schreien würde, weil ich Ruhe brauche, Ruhe, Ruhe und Schlaf, der mir die letzte Zeit zum Schreiben raubt.

VI

Ich werde schreiben – du hast gemalt. Deine Bilder an meiner Wand. Meine Texte in wessen Buch? Ich werde etwas hinterlassen, das bleibt, wenn ich jetzt sterben müsste. Wenn ich die Kinder hinterließe, so, wie du mich einst zurückgelassen hast. Ich werde schreiben werde bleiben werde leben. Du bist tot. Ich halte dich am Leben, weil es nicht auszuhalten ist sonst. Wie denn sonst –

VII

Plötzlich bist du da. Nachts aus der Wärme geholt auf einen Streich, viel zu früh.

Plötzlich bist du weg, ich bleibe zurück, den Bauch leer, die Brust voll, die Beine taub – ich habe dich doch noch gar nicht gesehen.

Sie fahren mich zu dir, ich kann nicht stehen, ich schaue dich an, du kannst mich nicht sehen, die Augen geschlossen, dein Atem gestützt, dein Körper geschützt vor der Welt, ein bisschen Mensch und sehr viele Kabel, und dann schwindelt es mich und sie betten mich und wir sind wieder allein, du und ich, in unseren Betten getrennt.

Und wo, fragt der Mann am Bett neben meiner Einsamkeit, und wo, fragt der Mann, dessen Frau neben meinen Schmerz gebettet  wurde, und wo, fragt der Mann, ist denn Ihr Kind eigentlich? Wenn es nicht lebt, sagt der Mann, der sein Neugeborenes auf dem Arme wiegt, dann können Sie ja noch eines  –

Sie sind doch noch jung.

VIII

Als ich schrieb, schreiben wollte, schrieb ich mal wieder nicht. Vertagte auf später. Hielt dicht. Biss mich durch. Durchhalten, Leben gestalten, das der anderen, das an meinem hängt. An meinem Schreibtisch mit Aussicht, mit Aufsicht türme ich  Bauklötze und Überstunden auf nie geschriebene Sätze

auf die Plätze

fertig

̶l̶o̶s̶

IX

Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass die ungeschriebenen Sätze sich festsetzen, ohne dass ich sie lesen könnte.

Sie kitzeln mich wach, ziehen mir die Decke weg und strecken mir ihre Füße ins Gesicht. Ihre ungesetzten Worte tanzen durchs Haus, lachend, unbeschwert, werfen die Milch um, knallen mit Türen und wischen ihre Marmeladenfinger an mir ab.

Die ungeschriebenen Sätze schicken mir E-Mails und Rechnungen, sie flimmern auf allen Bildschirmen und folgen mir bis aufs  Klo.

Sie sind schon wieder so groß geworden, denke ich mir, umarme sie und wünschte, ich wäre mehr für sie da.

X

Ich kenne mich nur als schreibenden Menschen. Du gingst, ehe ich schreiben konnte. Was lese ich da hinein? Was hast du in mich eingeschrieben? Was ist geblieben von dir? Was bleibt von mir?

Schreib mir.

XI

Der Roman schreibt sich nicht von selbst.

Mein Leben schreibt die besten Geschichten ohne mich auf und scheißt auf die schiefen Sprachbilder an den Wänden

Meine Reime sind Schweine und grunzen im Takt

Meine Kinder spielen Fußball in meinen Worten und zerschlagen kichernd Satz für Satz

Sie lernen reden und lesen und schreiben

Im Hier und Jetzt spielt die Musik. Tanzen, Mama!, rufen sie.  Tanzen! Und ich tanze und ich lache und ich schwebe und ich  schwitze und ich kitzle und ich singe und ich springe und ich  fliege mit ihnen um die Welt

Schreiben ist ein Kinderspiel

Mutterschaft ist ein Gedicht

XII

Als ich schrieb, hörte ich wieder mal lautes Gebrüll.

Ich stand auf, spendete Trost und kehrte zurück zu den Worten, ich schrieb und da klebte es mir an den Socken, ich stand auf, wischte Saft vom Parkett, wieder trocken, als ich schrieb, dachte ich nach, wie der Satz einmal enden – ich stand auf, setzte den Punkt und trug beide gemeinsam ins Bett.

 

Photo by Chris Barbalis

…und bey den Liechten Sternen stehen – Gedichte zu Sibylla Schwarz‘ 400. Geburtstag

Sibylla Schwarz, die am 14. Februar 1621 geboren wurde, feiert an diesem Tag ihren 400. Geburtstag. Das Werk der Dichterin, die auch “pommersche Sappho” genannt wurde, ist vielfältig, inspirierend und von der Literaturgeschichtsschreibung nicht ansatzweise ausreichend gewürdigt. Im Jahr 1638 verstarb die Barocklyrikerin im Alter von nur 17 Jahren. Sie hatte ihr ganzes Leben in den Wirren des 30jährigen Krieges verbracht. Nach ihrem Tod veröffentlichte ihr Hauslehrer Samuel Gerlach ihre Gedichte.

Anlässlich des Jubiläumsjahres geben Dirk Uwe Hansen und Berit Glanz eine Anthologie mit dem Titel “… und bey den Liechten Sternen stehen. Gedichte zu Sibylla Schwarz‘ 400. Geburtstag” heraus, die im Mai im Reinecke & Voß Verlag erscheinen wird. Dort ist in diesem Jahr auch der erste Band der kritischen Ausgabe von Sibylla Schwarz’ Werk erschienen.

Für die Anthologie haben mehr als 60 Dichterinnen und Dichter Sibylla Schwarz gelesen und auf ihre Texte reagiert: Mit Montagen, erasure-Gedichten, Um- und Fortschreibungen, Antworten und Gedichten, die den Dialog mit ihr suchen. Die dabei entstandene Sammlung zeigt, dass Sibylla Schwarz dem Schweigen der Literaturgeschichtsschreibung zum Trotz höchst lebendig ist.

Zum 400. Geburtstag veröffentlichen wir ein Gedicht von Sibylla Schwarz und zwei Gedichte aus der Anthologie, die Bezug auf ihr Werk nehmen.

Sibylla Schwarz

Hier hab ich nun mein sehnliches Verlangen:
Hier liegt mein Lieb/ hier liegt mein ander ich:
Hier giebt das Glück sich selbst gefangen mich:
Hier mag ich nun mein Lieb vielmahl umfangen.
Hier mag ich nun auch küssen seine Wangen:
Cupido hört mein Klagen inniglich/
Und will nun auch so hülffreich zeigen sich;
Nun mag ich wohl mit meinem Glücke prangen.
Die Venus zeigt mir iezt ein guhtes Ziel/
Ich will nur selbst/ nicht was ich gerne will;
O Blödigkeit/ du must nur von mir weichen!
Weil du hir bist/ wärt meine grosse Pein;
Wer lieben will/ mus nicht so blöde seyn/
Sonst kann er nicht der Liebe Lohn erreichen.

Slata Roschal

O wohl dem / der nicht weiß / wo Grimm´ und Greifswald ist!

Es lässt sich gegenständlich leben
Lavendelbüsche und Hortensien in Töpfen
Alljährlich Stutzen und Beschneiden
Sandkasten mit immergrünem Sand
Hier wird der Gang porös auf weichgeschabten Fersen
Kommst du nicht weit zieh Stiefel an
Nimm eine Leiter hol ein Seil begrab die Äpfel
Die Post besteht aus leeren Abschiedszetteln
Hinter den Toren schreit ein Hahn
Das einzige Vergnügen das uns zusteht
Etwas zwischen den Rippen pulsieren zu hören
Bei Tisch halten wir uns an den Händen singen ein Mantra
Morgen wird alles besser

Lara Rüter

will in den wald und mit dianen jagen

übern brüsten fell von feinden tragen, gras am boden
bürstet den bogen. diana chillt im pool, verhext den spiegel.
ihre nymphe sein, cool. ich bin nur ich. mir fehlt der rand
an meiner hemmungslosen weiblichkeit, doch wie viele
brüste stützen mich. wie nackt das eigne auge blickt
auf einen embryo, der hinterm nabel zwickt. auf fretow’s rosen
toll, aus ihrem rot entrollt sich das theaterstück. krieg. trolle.
göttinnen und mama, die weint um mich. ist lieben keusch? —
wie sterben. zurück, wohin ich flieh. nicht zum friedhof
wo ich brav sein wollte zu soldaten. in leisem glück ein netzlein
stricken, ehekeusch. oh, love, no. lacht mir ins maul, diana
dabei will ich doch auf schlangen schlafen, basilisken reiten, ja
faul und matt in den wald geworfen. bin bäume, bogen, fell.
bin hirsch, bin hund, bin wind, bin zahn, bin blind, bin spannerin
bin meine beute, jägerin, bin wind, bin wind, bin wind, bin wind

zu Sibylla Schwarz’ 400. Geburtstag

 

Photo by Jeremy Thomas

Rattenfängerin

eine Erzählung von Sonja Lewandowski 

 

Den Maulwurf fand ich im Hof. Alle Viere von sich gestreckt, lag er auf dem Beton, kein Erdhügel in Sicht, aus dem er gestiegen sein konnte. Ich steckte ihn in die Brusttasche meiner Latzhose und ließ die noch feuchte Steckdosennase herausschauen, sie sahen ja alle nichts. Mit geschwollener Brust ging ich an diesem Morgen in die Schule. Dort bahrte ich ihn in einem Schuhkarton auf, aus dem ich die gestern gebastelte Vierzimmerwohnung riss, stellte mich neben die Toiletten auf dem Schulhof und nahm in den Pausen Eintritt für einen Blick. Weiterlesen

Splitterstücke

von Berit Glanz

[CN Stille Geburt]

Die Bilder erscheinen und ich schaue mit angehaltenem Atem nach den kleinen bewegten Punkten in der schwarz-weißen Flimmerfläche – Herzschläge. Mein Freund drückt mir die Hand, als er die beiden Herzen auf dem überdimensionierten Bildschirm klopfen sieht und ich atme aus. Den Zwillingen geht es gut. Ihre kleinen Herzen schlagen gleichmäßig und es fühlt sich an, als würden sie mir einen Code senden, eine Nachricht, dass das Leben stärker ist als die Angst. Weiterlesen

Der Unschuldige-Augen-Test

von Marc Degens

 

16. August, New York

Um halb zwölf treffe ich Nina und Markus vor dem Metropolitan Museum of Art. Rundgang mit klugen Erläuterungen von Nina, die promovierte Kunsthistorikerin ist. Zum Schluss der Höhepunkt. Ich stehe vor einem meiner Lieblingsbilder, das eine Kuh zeigt, vor der Kunstexperten und Wissenschaftler das Gemälde Der junge Stier von Paulus Potter enthüllen. Um halb drei trennen ich mich von Nina und Markus und spaziere durch den Central Park zum Dakota Building, in dem Polanskis Horrorfilmklassiker Rosemary’s Baby spielt und vor dem John Lennon erschossen wurde. Abends nach Brooklyn zur Lesung in der Mellow Pages Library, einem Leseraum für alternative Literatur plus Leihbibliothek in einem alten Fabrikgebäude. Die Wände des Raums sind mit hohen Regalen zugestellt, davor stehen mit Decken behangene Sofas und Sessel. Vor der Fensterfront hängen Lampions und ein Weihnachtsstiefel, an dem Tresen lehnt eine Akustikgitarre, daneben gibt es einen kleinen Tisch mit einer Thermoskanne und großen Kaffeetassen. I LOVE DAD. Sehr stimmungsvolle und kurzweilige Lesungen von John Thomas Menesini, Karen Lillis, Jason Price Everett und Moon Temple, die mit wilden Haaren und in schwarzen Schuhen, schwarzen Strümpfen und im schwarzen Kleid ihre Erzählung vom Smartphone abliest. Hinterher schöner Abendspaziergang durch Brooklyn. Zum ersten Mal bin ich in New York und habe Manhattan verlassen. Weiterlesen

Dorothy Parker

Eine Erzählung von Sarah Raich

 

“Meine Kinder wollten ja unbedingt, dass ich mir einen Hund anschaffe.” Nora zog ihr Lächeln in die Breite. „Eine Katze“, sagte sie. „Ich habe eine Katze.“ „Jaja“, antwortete Frau Ritter. „Das ist natürlich auch nett. Eine Katze. Da hat man nicht so viel Verantwortung. Ich habe meinen Kindern auch gleich gesagt, ein Hund kommt mir nicht ins Haus. Die bellen ja auch immer so.“ Sie legte den Kopf schief und schaute in den Himmel hinauf, als könnte sie den Hund, den sie nicht hatte, irgendwo hinter sich kläffen hören. „Seit wann ist ihre Katze denn abgängig?“ „Seit einer Woche“ sagte Nora. Sie mochte nicht zugeben, dass sie es eigentlich nicht so genau wusste. Die Katze kam und ging, wie es ihr passte. Aber als sie vorgestern den Futterspender auffüllen wollte, hatte sie bemerkt, dass gar nichts fehlte. „Hmmm“ sagte Frau Ritter. „Ich lese ja lieber Bücher. Mein Mann hat auch so viel gelesen. Meine Tochter sagt immer, der Papa, der hat so viel Wissen mit ins Grab genommen, das ist eine Tragödie.“ Ihre schmale Brust hob sich unter einem schweren Seufzer. „Meine Tochter hat gesagt, mit dem Papa ist eine ganze Welt gestorben.“ Weiterlesen

Der unterschiedliche Verwitterungsgrad der Bauelemente

Eine literarische Erzählung von Jochen Veit

 

Das Haus stand allein gegen eine Architektur im Übergang zum Industriegebiet. Wenn man auf dem Balkon stand und über die Nachbarschaft blickte, konnte man nicht wissen, in welchen Gebäuden ein Mensch lebte und in welchen Chemie. Sie wohnten im einzigen Altbau der Gegend, die erste gemeinsame Wohnung, irgendwie waren sie oder war das Haus der Zeit entkommen. Richtig hatte er sich nicht gewöhnt an die hohen Decken, den Erker, die klimatischen Bedingungen, die ein rigoroses Lüftungs- und Heizregime nötig machten, um den Ausbruch des Schimmels an die Oberfläche zu verhindern. Weiterlesen