Kategorie: Literatur und Stories

Die Tiere der Promis

eine Erzählung von Till Raether

 

 

Am späten Vormittag kam es zu einem unerfreulichen Vorfall in der Redaktion. Wieder einmal geriet ich zwischen die Fronten.

Ich saß am Schreibtisch und wartete auf Texte, als das Telefon klingelte. Die Nummer im Display verhieß nichts Gutes: eine umtriebige Ressortleiterin, die keinen Tag verstreichen ließ, ohne mir Probleme zu verursachen.

„Kommst du mal runter, bitte.“ Sie hatte bereits diesen Tonfall. Ich seufzte und verließ das Stockwerk der Chefredaktion. Zu ebener Erde, mit Blick auf die U-Bahnstation, saß die Ressortleiterin mit ihrem Ressort in einem großen Eckraum. Dieser war vor zwei Wochen durch das Einreißen einiger Trennwände entstanden, damit das Ressort künftig in einem Raum sitzen konnte. Unser Chef versprach sich hiervon mehr Kreativität, sonst niemand. Die vier Redakteurinnen und die Ressortleiterin empfanden den Verlust ihrer Einzelbüros als Kränkung. Ich betrat den Raum mit einem schafsartigen Lächeln, das ich mir angewöhnt hatte, um Konflikte zu lösen, indem ich sie auf mich lenkte.

Die Ressortleiterin, deren Schreibtisch am anderen Ende des Raumes am Fenster stand, kam auf mich zu und streckte den Arm aus in dieser Hier-nicht-Bewegung, überlegte es sich dann aber anders. Sie gestikulierte in den Raum.
„Das geht so nicht“, sagte sie. „Wenn ich dahinten sitze, gehen alle, die hier reinkommen, erstmal zu ihr und besprechen alles mit ihr, aber sie ist nicht mal stellvertretende Ressortleiterin.“ Sie nickte zu einer Kollegin, die mit verschränkten Armen hinter einem Bildschirm saß und es anscheinend gewohnt war, dass man von ihr in ihrer Anwesenheit in der dritten Person sprach.

„Hallo“, sagte ich zu ihr, „hi.“
„Von mir aus setz ich mich gern ans Fenster“, sagte die Redakteurin.
Ich breitete die Handflächen aus: Jawoll! Da haben wir’s doch!
Die Ressortleiterin winkte ab. „Ich kann unmöglich hier direkt neben der Tür sitzen, wo ständig jemand reinkommt.“

Alle Redakteurinnen im Raum nickten nachdenklich, selbst die Kollegin, die neben der Tür saß.

„Und wenn du deinen Tisch hier in die Mitte …“, sagte ich. Allerdings war ich, das muss ich zugeben, als stellvertretender Chefredakteur weder Experte für Arbeitsplatzergonomie, noch für Rettungswege; hier hätten ganz andere Abteilungen zu Wort kommen müssen. Bevor ich zu Ende sprechen konnte, rieb die Ressortleiterin sich die Stirn und sagte: „Nein, nein. Wenn es dich nicht interessiert, sag es doch einfach.“

Auf dem Weg zurück nach oben fing der Chef mich ab. Er war ganz in Schwarz gekleidet, dies war eine Marotte von ihm, die von fast der gesamten Chefredaktion geteilt wurde. Nur ich trug einen herabgesetzten Anzug, dessen Farbe der Verkäufer zögernd als „moss gray“ bezeichnet hatte. Der graue Stoff schimmerte bei Tageslicht also grünlich. Zum Glück ging ich bei Tageslicht selten raus.

„Genau der Mann, den ich sehen will“, sagte der Chef, zog mich in sein Büro und zündete sich eine zusätzliche Zigarette an. „Wir müssen über Porträts reden.“

Dies war zur damaligen Zeit ein Dauerzustand: Der Chef war unzufrieden mit der journalistischen Textform Porträt, wie sie in unserer Zeitschrift umgesetzt wurde. Er beklagte fehlende Kreativität, er vermisste neue Ideen.

Ich wiegte den Kopf, als hätte ich den Tag und womöglich auch die Nacht über an nichts anderes gedacht. „Ja, nee, klar“, sagte ich.

„Zum Glück habe ich eine Idee“, sagte der Chef, „und ich möchte, dass wir die so schnell wie möglich umsetzen.“

Ich richtete mich auf. Die Ideen des Chefs waren oft sehr schlecht, man musste sich geschickt anstellen, wenn man sie verhindern wollte, ohne, dass er es merkte. Die Situation erforderte daher nun doch meine volle Konzentration. Ich zog die Manschetten meines preiswerten Sporthemdes aus den Jackettärmeln, und dabei blieb mein Blick am Stoff der Anzugjacke hängen. Der Chef hatte, wegen der Kreativität, Tageslichtleuchten in seinem Büro installieren lassen. Ich betrachtete den moosgrünen Schimmer meiner Kleidung und spürte, wie mich aller Mut verließ.

„Wir reden nicht mehr mit den Promis“, sagte der Chef, „wir reden mit den Tieren der Promis.“ Er lehnte sich zurück in einen der Ledersessel, die seine Vorgängerin angeschafft hatte, Qualm kam aus seiner Nase. Er sah mich erwartungsvoll an. Dabei kniff er die Augen zusammen, und den Mund, damit es noch erwartungsvoller wirkte. In diesem Zustand glich der Mund seinen Augen, es sah also aus, als hätte er drei zusammengekniffene Augen im Gesicht; mir schauderte.

„Mit den Tieren der Promis“, wiederholte ich langsam. Eigentlich war ich besser in dieser Situation, als den gängigen Halbsatzwiederholungs-Trick anzuwenden. Aber der Chef nahm meine Einfallslosigkeit für Ehrfurcht.

„Irre, oder?“, sagte er.
„Ja“, sagte ich.

„Und ich weiß auch schon, mit wem wir anfangen“, sagte er und angelte eine Pressemitteilung vom Schreibtisch. Ich nahm sie entgegen. Es ging darin um eine Schauspielerin, die im vorigen Jahrzehnt überaus erfolgreich gewesen war, und die praktisch keine Interviews gab, vor allem nicht uns. Durch die längere Abwesenheit hatte sie Legendenstatus. Jetzt, das entnahm ich der damals noch auf Papier verbreiteten Mitteilung, hatte sie eine CD mit „wunderbar unangepasstem Indie-Pop“ aufgenommen, „Songs von berückender Schönheit, wütender Weichheit und versöhnlicher Härte“. Ich ließ das Schriftstück sinken.

„Sie redet mit niemandem“, sagte der Chef. „Außer mit uns. Und sie hat einen Hund. Oder zwei. Und sie hat Zeit. Heute abend.“ Er nannte einen Ort in einem anderen Bundesland und eine Uhrzeit, die ungewöhnlich spät war. Viele Redakteurinnen waren auf Teilzeit und hatten Familie.

„Klar“, sagte ich erstaunt.

„Ich weiß, die Kolleginnen im Ressort werden sich anstellen“, sagte der Chef. „Aber mir reicht das mit der Bequemlichkeit, die müssen auch mal spontan sein. Es hat sich doch niemand den Job hier gesucht, um pünktlich um 18 Uhr Schluss zu machen. Das ist doch ‘ne Riesengelegenheit. Das einzige Interview.“

Ich nickte. „Also, wir reden mit den Haustieren, das heißt, wir …“

Er sah mich an, als wäre ich schwer von Begriff. „Wir tun das in die Einundzwanzig“, sagte er, „zu den Plätzchen.“

„Es gibt nur einen Haken an der Sache“, sagte ich zur Ressortleiterin. Sie hatte sich schräg gesetzt, sodass sie aus dem Fenster sehen konnte, während ich mit ihr sprach. Die Redakteurinnen schauten in ihre Bildschirme.

„Du meinst, einen Haken außer dem Dreh, dass wir mit Haustieren sprechen?“, fragte die Ressortleiterin.

Ich lachte. Wir waren uns hier einig, darüber mussten wir nicht reden. Jemand kam in den Raum und zeigte der Redakteurin, die an der Tür saß, ein Layout. Die Ressortleiterin sah mit flackernden Augen über meine Schulter.

„Das muss fix gehen“, sagte ich. „Der Termin ist heute abend.“
„Im Hangar?“, fragte sie, ein damals gängiger Ort für Interviews in unserer Stadt.
„Nein“, sagte ich.

Sie schüttelte den Kopf, als ich ihr das Bundesland und die Uhrzeit sagte. „Wie soll das gehen? Du weißt doch, wie das ist. Ab fünfzehn Uhr sind wir hier nur noch zu zweit, und ich habe heute Judo.“

„Und …“ Ich wies mit dem Kinn auf den leeren Schreibtisch einer Redakteurin, die gerade im Pantry-Bereich war.

Sie schüttelte den Kopf und drehte den Zeigefinger auf Höhe der Schläfe. „Die merkt keine Einschläge mehr“, sagte sie halblaut.

„Vielleicht genau richtig für den Job“, sagte ich und merkte, wie ich wütend wurde: Warum musste ich diesen unmöglichen Auftrag weitergeben, warum weigerte sich die, die ihn weitergeben sollte, das umzusetzen, und warum trug ich diesen Anzug, der mich beschämte.

„Mir ist das egal“, sagte ich, und es schlich sich eine Härte in meine Stimme, von der mein Chef im Mitarbeitergespräch vor einigen Wochen gesagt hatte, er würde sie an mir vermissen: „Ihr findet einen Weg, das zu machen. Das ist euer Beritt. Ihr setzt das um.“

 

Einige Stunden später stand ich auf einem zugigen Bahnsteig, wo sie vor kurzem angefangen hatten, die Fahrpläne in Gestalt von winkenden oder wartenden Metallskulpturen in Dunkelblau und Dunkelrot aufzustellen. Bedrückt atmete ich vor mich hin. Der Zug ins benachbarte Bundesland verspätete sich, und wie immer hatte ich die irrationale Befürchtung, meine Papiere wären womöglich nicht in Ordnung. Und die Angst, nach dem Interview den letzten Zug zurück nicht zu erreichen und die Nacht in der Fremde verbringen zu müssen. Ich hatte nicht einmal eine Zahnbürste dabei, nur eine moderne Umhängetasche voller Unterlagen, die mir die Dokumentationsabteilung ausgedruckt hatte. Mein dunkelblauer Wollmantel biss sich mit meinem Anzug. Ich schwitzte auf leicht pathologische Art und Weise. Vom Triebwagen dampfte schmutziges Wasser, als käme er aus einer anderen Klimazone. Im Zug hörte ich die CD der Sängerin. Ich konnte mich nicht konzentrieren, weil in meinem Abteil zwei Polizisten mit einem Mann in Handfesseln saßen, der unbeteiligt aus dem Fenster sah. Die Musik kam mir sehr bekannt vor. Allerdings war ich zu jenem Zeitpunkt bereits Mitte dreißig, ich hatte bereits drei Wiedergeburten von Indie-Pop miterlebt. Nach anderthalb Stunden kam es in einem Industriezentrum zu einer Zugergänzung, das kannte ich schon, aber ich hatte mir nie die Mühe gemacht, herauszufinden, um was für Teile der Zug hier ergänzt wurde, woher sie kamen, und mit wem. Meine Papiere waren in Ordnung. Die CD lief und lief.

Als ich ausstieg, dämmerte es bereits. Die Luft roch nach Schotter und Laub. Ich beschloss, wieder mit dem Rauchen anzufangen. Bei einem Kiosk, der so niedrig war, dass der Verkäufer sich darin bücken musste, kaufte ich alles, was ich dafür brauchte. Der Taxifahrer herrschte mich an und wies auf das Noch-nicht-Rauchen!-Schild über dem Handschuhfach. Als ich die Adresse der Schauspielerin nannte, die nun auch Sängerin war, nickte er wissend. Dann bearbeitete er ein Navigationsgerät, auf dem es so aussah, als wären wir jenseits der Straße von Wasser umgeben. Ich war erstaunt, eine zeitlang hatte ich mich für Geographie interessiert.

„So“, sagte der Taxifahrer nach einer Weile. Zehn Minuten später hielt er an. Ich stieg aus, und augenblicklich wurden meine Hosenbeine von einer Bö erfasst. Straßenlaternen sprangen an. Normalerweise traf man sich zum Interview in einem Hotel oder in den Büros einer Agentur. Aber mein Chef hatte gute Verbindungen zu der Schauspielerin und Sängerin, deshalb das Zugeständnis des privaten Treffpunktes. Hierbei ging es nicht nur um die Atmosphäre, die ich meinem Text durch die Beschreibung der häuslichen Umgebung würde verleihen können, sondern auch um das Prestige, dass mit dem Zusatz „traf sie in ihrem Haus an einem Stillgewässer“ im Vorspann verbunden war. Vorspann nannte man den fettgedruckten Anreißer über dem Fließtext.

Klingel, Türsummer, eine Gartenpforte, die auch ohne dies aufgegangen wäre. Ich lief geschäftig über den Kiesweg, um meinen Unwillen zu verbergen. Die Schauspielerin und Sängerin stand im Türrahmen und trug einen pastellfarbenen Freizeitanzug wie ein Privatier in einer Detektivserie aus meiner Kindheit. Sie hatte die Haare hochgesteckt und musterte mich ratlos. Die Promis erwarteten immer, einen schon zu kennen, sie bewegten sich in überschaubaren Kreisen. Da ich derlei Termine so gut es ging vermied, war ich ihnen jedoch stets fremd, was ihnen keine Faszination verursachte, sondern Enttäuschung.

„Na, dann kommen Sie mal rein“, sagte sie und wies in die geräumige Diele des Hauses. Dort standen neben dem Treppenlauf zwei Sofas einander gegenüber, dazwischen ein ovaler Teppich und ein niedriger Tisch. Sie zeigte auf das rechte Sofa. Es gab keinen Ort für meinen Mantel, ich hängte ihn über die Lehne. Die Schauspielerin sah völlig anders aus, als ich sie in Erinnerung hatte, womöglich hatte ich sie in Gedanken verwechselt. Das Material aus der Dokumentationsabteilung enthielt keine Fotos, nur ausgedruckte Textdateien. Ich wollte mir nichts anmerken lassen und fing daher an zu lächeln.

„Haben Sie gut hergefunden?“
„Absolut, ja.“
Ich hantierte mit meinem Aufnahmegerät. Sie nickte einvernehmlich. „Dann schießen Sie mal los.“
„Also Sie haben ja sicher schon gehört … also, wie wir das machen wollen. Wir haben da ein neues Format.“
„Ja. Nein.“

Ich lehnte mich zurück. „Die CD ist toll. Also, das muss ich ja sagen. Also … das war was Besonders, für mich. Hier auf der Hinfahrt. Also, die Reise, die schon die Musik … also, man ist unterwegs damit. Mit diesem Album. Das transportiert einen.“

Die Schauspielerin und Sängerin nickte zustimmend, wollte meinen Gedankenfluss aber offenbar nicht unterbrechen.

„Schauspielerin“, sagte ich, „Sängerin – was sind Sie im Moment?“
„Reisende“, sagte sie. „Zuhörende. Träumende. Da Seiende.“ Ich schaltete das Aufnahmegerät ein.

Sie lachte hart. „Nein, im Ernst. Wenn Sie wollen, Sängerin. Singersongwriterin. Schauspielerin? Wo denn? Wie denn? An irgendeinem Stadttheater in einem anderen Bundesland? Im Film gibt es keine Rollen mehr für Frauen wie mich.“ Sie fasste an die Taschen ihres Freizeitanzugs, als tastete sie nach Zigaretten. An ihren scheiternden Fingerspitzen sah ich, dass die Taschen noch zugenäht waren. Ich gab ihr meine Packung und das Feuerzeug aus hellrotem Plastik. Sie schwieg.

„Also“, sagte ich, „wir wollen uns Menschen, die uns faszinieren, mal von einer anderen Seite nähern: über das, was ihnen lieb und vertraut ist. Also …“, ich sprach über ein leichtes Aufstoßen hinweg, „von den Tieren aus, mit denen sie leben. Also, das Konzept ist: Ich rede sozusagen nicht mit Ihnen, sondern mit Ihrem Hund. Hund ist richtig?“

Sie behielt den Rauch in den Lungen und sah mich an.

„Also“, fuhr ich fort. „So, wie Ihr Hund Sie sehen würde. Wie Sie sich … dem Tier zeigen. Wie das Tier, also der Hund, wie der Hund das Leben mit Ihnen …“ Ich nickte und sehnte mich nach der Zigarettenpackung, die sie zwischen ihre Beine geschoben hatte.

„Mit wem ist das abgesprochen“, sagte sie.
Ich räusperte mich. „Das klingt erstmal verrückt, ich weiß.“
„Nein, im Ernst, mit wem.“
„Also …“ Ich erwähnte den Namen meines Chefs, und dass ich davon ausgegangen sei, er habe mit ihrem Management, ihren Presseleuten, ihrer Agentur …

Sie sagte nichts und sah aus dem Fenster, das abrupt an eine nachträglich eingezogene Trennwand stieß. Am Abendhimmel blinkten Satelliten.

„Mit meinem Hund“, sagte sie.
„Genau“, sagte ich. „Aber wenn Sie …“ Wenn ich jetzt ging, konnte ich denselben Zug zurücknehmen, er pendelte.
„Das Problem wird sein“, unterbrach sie mich, „ich habe zwei. Zwei Hunde.“

In meiner Erinnerung hörte ich genau in diesem Moment die zahlreichen Nägel von mehreren Hundepfoten auf dem Steinfußboden der Diele. Ein Collie und ein Dackel, ich hatte als Kind ein Hunde-Quartett besessen.

„Nehmen Sie den Collie“, sagte sie, „der ist schlauer.“

Ich lachte. Es hallte.

„Der Dackel ist von meinem Ex.“ Sie nannte den Namen eines Regisseurs, der wegen eines Zweitdeliktes in Ungnade gefallen war.
Ich räusperte mich. „Wunderbar. Wie heißt denn der Hund?“
Sie sah mich an. „Soweit sind wir noch nicht.“

Ich lachte. Es hallte wieder.„Es gibt eine Bedingung“, sagte sie.

Ich nickte. Promis, das wusste ich, hatten oft seltsame Bedingungen. Manchmal war es ein Scherz. Manchmal nicht. Einmal hatte ein Promi von mir verlangt, ihr Nudeln mit einer hellen Tomatensauce auf Mehlschwitzenbasis zu kochen, an anderer, ihm ein Schlaflied zu singen. Das eine war eindeutig ein Witz gewesen, das andere nicht. (Bei dieser Konstruktion hatte ich Probleme mit der Zuordnung der Satzglieder; normalerweise half mir dabei die Schlussredaktion.)

„Sie müssen den anderen Hund töten.“
Ich nickte. Offensichtlich ein Scherz. „Und wie?“, fragte ich.
Sie schnaubte. „Das müssen Sie schon selber wissen.“
„Na gut“, sagte ich. Ich mochte Leute mit morbidem Humor, zumindest dachte ich das damals.

„Ich will ihn nicht mehr sehen“, sagte sie. „Sie können sich denken, weshalb.“ Sie stieß Rauch aus und sah mich mit einem Mein-Ex-der-in-Ungnade-gefallen-ist-Blick an. Dann sagte sie mir den Namen des Collies, der an den Vornamen eines sehr beliebten Oppositionspolitikers erinnerte.

„Erstmal“, sagte ich, „ein paar Basics, würde ich vorschlagen.“ Der Collie, der seinen Namen gehört hatte, setzte sich auf den Teppich zwischen uns. Der Dackel blieb vor dem Treppenlauf im Halbdunkel, seine Augen darin wie Bernsteine. „Haben Sie die CD hier zu Hause geschrieben? Hat der Hund Sie viel singen und so weiter gehört?“ Mir war aufgefallen, dass sie drei oder vier Co-Autorinnen-Credits auf der CD hatte.

„Nein“, sagte sie. „Reden Sie mit dem Hund. Nicht mit mir.“

Ich zwinkerte leutselig, das passierte mir damals häufig, wenn ich überfordert war. Ich schaute den Hund an und wiederholte die Frage in einem Was-bist-du-denn-für-ein-Guter-Ton. Der Hund hechelte.

„Er kann sie nicht hören“, sagte die Singersongwriterin. „Er hört schwer.“

Ich verstand nicht. Sie wies auf den Teppich.

Einige Sekunden vergingen.

Ich dachte an den letzten Zug.

Mit einem Gelenkgeräusch, das mich überraschte, ließ ich mich auf den Teppich hinab. Damals dachte ich häufig: Das ist später eine gute Anekdote, darum ist jetzt auch egal, wie sich das gerade anfühlt. Ich wiederholte die Frage. Der Hund wich ein Stück zurück, um es sich bequem zu machen.

Vom Sofa aus beantwortete die Singersongwriterin die Frage mit verstellter Stimme. So, als ob ein Hund sanft bellen würde, aber eben mit Wörtern. Wenn ich das später in der Redaktion vorspielen würde. Das würde ein großes Hallo geben.

 

Es war immer schwierig, die Qualität eines Interviews im dem Moment zu beurteilen, in dem es stattfand. Die Erfahrung lehrte, dass es im Nachhinein meist recht mittelmäßig war, wenn man sich währenddessen darüber freute, wie gut es lief. Umgekehrt fanden sich später oft Schätze auf dem Band, wenn man die ganze Zeit gedacht hatte, kämpfen zu müssen und nichts zu erreichen. Während ich vor dem Hund kniete, schwankte ich zwischen diesen beiden Polen. Tatsächlich gab die Singersongwriterin in der Stimme ihres Hundes, wie wir später schreiben würden, „viel von sich preis“ und zeigte sich „von einer ganz anderen Seite“. Beispielsweise war sie während der Arbeit an der CD oft entmutigt gewesen, und der Hund hatte sie sanft anstoßen müssen, damit sie vormittags überhaupt aufstand und die Arbeit fortsetzte. Von derlei Details lebte jede Geschichte.

Als ich fertig war, taten mir die Knie weh. Der Hund, dem ich die Fragen gestellt hatte, war eingeschlafen. Die Bernsteinaugen des Dackels bewegten sich vor der Treppe, aber ich konnte nicht erkennen, ob er umherblickte oder sich in einem sehr kleinen Kreis drehte. Ich stellte fest, dass die Sportschuhe der Singersongwriterin auf Augenhöhe mit mir waren.

„Haben Sie alles, was Sie brauchen?“

Mühsam stand ich auf. „Ich denke schon“, sagte ich und stellte das Aufnahmegerät ab. Die Euphorie des bevorstehenden Aufbruchs breitete sich in mir aus.

„Na, dann“, sagte sie. Promis waren gegen Ende eines Termin entweder besonders nett oder besonders gleichgültig.

„Ich schicke Ihnen das dann“, sagte ich, „also, der Agentur. Wegen der Zitate.“ Ich zögerte. Oder dem Hund, wollte ich anfügen.

„Vergessen Sie nicht was?“

Ich zögerte.

Sie hatte meine Zigarettenschachtel halb leergeraucht und wies nun, während sie einen Stummel ausdrückte, mit dem Kinn Richtung Halbdunkel. „Sie wollten noch den Dackel töten.“

„Richtig“, sagte ich. Eigentlich hatte ich keine Zeit mehr für diese Rituale der Unterhaltsamkeit. „Würden Sie mir währenddessen ein Taxi rufen?“

„Sagen Sie mir erst, wie.“
„Mit dem Telefon?“ Ich betonte die dritte Silbe, alarmiert.
„Sie wollen den Dackel mit dem Telefon erschlagen?“

Ich lachte. Nun reichte es mir langsam.

„Wie wollen Sie den Dackel töten?“

Ich legte mir den Mantel über den Arm und beugte mich nach vorn zum kleinen Rauchglastisch, auf dem das Aufnahmegerät lag. Sie kam mir zuvor und schob es sich, wie zuvor meine Zigaretten, in den Schoß.

„Das bleibt sonst hier“, sagte sie.

Ich blickte in Richtung der Bernsteinaugen, die jetzt ganz ruhig zurückschauten.

„Ich habe ein Messer, ich habe einen Hammer, wir haben einen Sack und den See“, sagte die Singersongwriterin, als präsentierte sie mir die besonderen Angebote eines Mittagstisches. Nun erkannte ich doch die Schauspielerin, die sie gewesen war, und darunter noch mehr. Ich zweifelte daran, dass dies noch eine gute Anekdote war. Die Verzweiflung der Schauspielerin und Singersongwriterin war ansteckend. Einer von uns beiden hätte uns zur Vernunft bringen müssen.

Ich ordnete meinen Mantel, zog ihn an und trat ins Halbdunkel. Der Dackel wich zurück. Überraschend schnell beugte ich mich vor und hob den Hund auf meinen Arm. Er versteifte sich und schnappte von unten nach meinem Gesicht, sodass ich das Kinn zur Decke recken musste. Ich streckte den Arm aus.

„Wie wollen Sie es tun?“, fragte die Schauspielerin und Singersongwriterin.

„Das wollen Sie gar nicht wissen“, sagte ich Richtung erster Stock. Mit dem Knie des angezogenen rechten Beines schob ich den rutschenden Dackel von unten zurück in meine Umklammerung.

„Mit bloßen Händen?“

Ich wedelte mit dem ausgestreckten Arm, es konnte Ja bedeuten. Sie gab mir fast sanft das Gerät in die Hand. Weil ich mich so schnell bewegte, musste sie fast rennen, um mir die Tür zu öffnen. Mit dem schnappenden Dackel lief ich auf das summende Gartentor zu. Der Taxifahrer ließ triumphierend die Beifahrerscheibe hinunter und sagte: „Ich dachte, ich warte mal lieber, bis Sie wieder …“, fuhr dann aber mitten im Satz ab, sobald er den Dackel sah. Ich rannte einige Schritte mit dem sich windenden Tier die Straße hinunter. Als mein Griff aus Erschöpfung leichter wurde, hörte das Schnappen auf. Ich sagte, er sei ein guter Hund, ein feiner Hund, ein braver Hund, aber womöglich war es zu windig, um jemandem gut zuzureden. Meine Umhängetasche mit dem Dokumentationsmaterial und einer Nussmischung hatte ich bei der Schauspielerin eingebüßt. Es tauchten keine Taxis mehr auf, aber nach etwa einer Viertelstunde Schilder zum Bahnhof. Der Regen war leicht und mild. Schon von weitem sah ich den Zug auf einem erhöhten Gleisbett, alle Abteilfenster waren gelb erleuchtet, dahinter bewegten sich die Silhouetten des Ordnungspersonals. Auf dem Bahnsteig warteten wenige, ich gesellte mich dazu, den Hund auf dem Arm, als hätte ich es so geplant.

„Ham wa denn für dit liebe Kerlchen oochn Fahrschein?“, fragte der Schaffner, nachdem ich ein leeres Abteil gefunden hatte.

Ich zögerte. Eine Weile hatte ich überlegt, den Hund unter meinem Mantel zu verstecken, zumal ich keine Papiere für ihn hatte.

„Ach so“, sagte ich.
„Ach wat“, sagte der Schaffner und lachte, dass ich seine Augen nicht mehr sah. „Broochen wa ooch janich.“

Als er weg war, grinste ich erleichert. Sobald ich die Reflektion meines Grinsens im dunklen Abteilfenster sah, erschrak ich und blickte weg. Meine Frau amüsierte sich über den Hund, wir waren ja noch jung. Die Ressortleiterin bestand darauf, dass mein Text über ihren Tisch ging („unser Beritt“). Diesen Tisch hatte sie in die Mitte des Raumes geschoben, und sie sagte, sie hätte also doch noch eine gute Lösung für ihr in Sitzproblem gefunden. Meinen Interview-Text winkte sie durch und betitelte ihn „Ich hör‘ so gern, wenn Frauchen singt“. Der Chef knetete mir die Schulter und sagte, ich müsste mehr delegieren. Abends ging ich mit dem Hund spazieren und tankte dabei Kraft für den nächsten Tag und die nächsten Jahre.

 

 

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Dorothy Parker

Eine literarische Erzählung von Sarah Raich

 

 

“Meine Kinder wollten ja unbedingt, dass ich mir einen Hund anschaffe.” Nora zog ihr Lächeln in die Breite. „Eine Katze“, sagte sie. „Ich habe eine Katze.“ „Jaja“, antwortete Frau Ritter. „Das ist natürlich auch nett. Eine Katze. Da hat man nicht so viel Verantwortung. Ich habe meinen Kindern auch gleich gesagt, ein Hund kommt mir nicht ins Haus. Die bellen ja auch immer so.“ Sie legte den Kopf schief und schaute in den Himmel hinauf, als könnte sie den Hund, den sie nicht hatte, irgendwo hinter sich kläffen hören. „Seit wann ist ihre Katze denn abgängig?“ „Seit einer Woche“ sagte Nora. Sie mochte nicht zugeben, dass sie es eigentlich nicht so genau wusste. Die Katze kam und ging, wie es ihr passte. Aber als sie vorgestern den Futterspender auffüllen wollte, hatte sie bemerkt, dass gar nichts fehlte. „Hmmm“ sagte Frau Ritter. „Ich lese ja lieber Bücher. Mein Mann hat auch so viel gelesen. Meine Tochter sagt immer, der Papa, der hat so viel Wissen mit ins Grab genommen, das ist eine Tragödie.“ Ihre schmale Brust hob sich unter einem schweren Seufzer. „Meine Tochter hat gesagt, mit dem Papa ist eine ganze Welt gestorben.“

Und was stirbt mit dir, dachte Nora und lächelte weiter. „Also, schauen sie denn mal nach, ob die Katze irgendwo bei ihnen eingesperrt ist?“ Frau Ritter machte einen Schritt zurück in ihren Flur. „Warum sollte ich denn ihre Katze einsperren?“ In ihren Augen flackerte etwas. Nora konnte nicht entscheiden, ob es Zorn oder Angst war. „Nicht absichtlich. Aus Versehen, meine ich“, antwortete Nora. „Ich habe gelesen, dass Katzen oft aus Versehen in Garagen oder Kellern eingesperrt werden.“ Sie fragte sich, ob man ihrer Stimme die Müdigkeit anhören konnte. Sie träumte so schlecht in letzter Zeit. Frau Ritters spitzte ihre faltigen Lippen „Also, ich sperre doch keine Katzen ein!“. Noras Handy brummte.

„Entschuldigung, da muss ich dringend rangehen.“ Sie hielt das Gerät in die Höhe, so dass Frau Ritter das erleuchtete Display sah, dann hielt sie es sich ans Ohr und ging fort. Die Tür klackte hinter ihr ins Schloss, sie nahm ihr Handy runter, damit sie die Nachricht lesen konnte.

Haben sie schon nachgeflyert? Schleppen legen nicht vergessen! Immer zur selben Zeit, morgens oder abends. Gab es noch Sichtungen?!? Die Fellnasenfreundin.

Die Nachrichten machten Nora jedes Mal sauer. Obwohl sie ja um die Hilfe gebeten hatte. Wie sucht man eine verschwundene Katze? Nach einem Hund ruft man. Aber eine Katze? Sie hatte keine Ahnung gehabt. Deshalb hatte sie das Silberpaket der Beraterin für verschwundene Tiere gebucht. 79 Euro für eine enge Betreuung per Whatsapp und Telefonaten. Suchhunde und Lebendfallen kosteten extra. Was sagen die Nachbarn? eine neue Nachricht flammte auf dem Bildschirm auf. Nora schob das Handy in die Tasche ihrer Regenjacke. Sie blickte noch einmal zurück zum Haus von Frau Ritter. An der geschlossenen Tür hing ein Weidenkranz. WILLKOMMEN hatte jemand in Filzbuchstaben draufgeklebt. Es war schwer zu lesen. Die Buchstaben brauchten fast den ganzen Kreis, um das Wort zu formen.

Das Haus gegenüber stand leer. Seit Jahren schon. Vielleicht sogar seit Jahrzehnten. Die Fassade war grau, Putz bröckelte ab. In den Fenstern hingen fadenscheinige Vorhänge wie ermattete Geister. Manchmal kam eine ältere Dame und kümmerte sich um die Blumen im Garten des Hauses. Zu jeder Jahreszeit blühte dort etwas. Selbst im Winter. Dann gab es Christrosen und den gelben Winterginster. Das Haus betrat die Frau nie. Im Sommer hatte sie hellweiße Blusen an, unter denen ihr großer Büstenhalter zu erkennen war. Im Winter trug sie einen Mantel, der die Farbe von unreifen Brombeeren hatte. Nora balancierte für ein paar Sekunden auf der Bordsteinkante, dann ging sie über die Straße, die ihr für einen Moment schien wie ein graugefrorener Fluss.

Sie klopfte an die Garage. Vorsichtig, und doch war das Knallen ihrer Knöchel auf dem Metall so laut, dass sie zusammenzuckte. „Doro?“ flüsterte sie. „Doro? Bist du hier?“ Eigentlich hieß die Katze Dorothy Parker. Sie hatte sie mit Champagner getauft. Aber der Name wollte ihr danach nie so recht über die Lippen kommen. „Miezmiez!“ sie rief mit einer hohen Stimme, von der sie dachte, dass sie der Katze gefallen könnte, und raschelte mit der Dose voll Trockenfutter.

Die Garagentür stand einen Spalt auf. Statt einem Schloss, war sie mit einem Betonstein blockiert. Sie schob ihn beiseite und öffnete die Tür. Licht fiel durch ein vergittertes Seitenfenster und griff in den schwebenden Staub. Vor dem Fenster stand Gerümpel, ineinander verkeilte Stühle, Stapel von Zeitungen, Ein altes Mofa, aus dessen Sitz quoll urinfarbener Schaumstoff. Ein zusammengerollter Teppich klemmte in dem Durcheinander. Auf der linken Seite saß auf einer Matratze die Frau, die den Garten goss und schaute sie an. Die Augenbrauen hatte sie etwas hochgezogen. Sonst zeigte ihr Gesicht keine Regung. „Entschuldigen sie“ sagte Nora. „Ich suche meine Katze.“ Ihr Herz klopfte. Sie konnte das Gefühl nicht abschütteln, ein Liebespärchen überrascht zu haben.

„Die Glückskatze?“ Die Frau bewegte sich nicht. Es schien ihr nichts auszumachen, dass Nora plötzlich hier war. Sie verhielt sich nicht anders als jemand, den man an der Bushaltestelle nach der richtigen Verbindung fragte. An der Wand hing der Mantel mit der Farbe unreifer Brombeeren. „Die Glückskatze?“ Noras Handy brummte mitten in ihre Frage hinein.

Die Schleppen bitte mit Eigenurin legen. Die Fellnasenfreundin

Nora schob das Handy in ihre Tasche zurück. Eigenurin. Sie überlegte, ob sie wirklich bereit war für Dorothy Parker auf einen Lappen zu pinkeln, ihn an eine Schnur zu binden und damit durch die Straßen zu gehen. Vielleicht würde sie die Fellnasenfreundin auch einfach anlügen. Es kam ihr irgendwie niederträchtig vor, die Katze so zurückzulocken. Als würde sie einem Heroinabhängigen nach seinem Entzug eine aufgezogene Spritze hinhalten.

„Dreifarbige Katzen nennt man Glückskatzen.“

„Ach so. Das hab ich nicht gewusst. Ja. Doro ist dreifarbig.“

„Doro. Ein seltsamer Name für eine Katze.“

Nora zuckte die Schultern. Sie schämte sich. Dafür dass sie weder wusste, dass Doro eine Glückskatze war, noch ihr einen anständigen Namen gegeben hatte. Dorothy Parker. Sie wusste selbst nicht mehr, was sie damit hatte sagen wollen.

„Nein, die ist nicht hier.“

„Sie…“ kommen ja ab und zu her, wollte Nora eigentlich sagen. Aber vielleicht stimmte das ja gar nicht. Vielleicht wohnte die Frau ja hier und ging nur ab und zu weg. „könnten mir vielleicht Bescheid sagen, wenn sie sie sehen? Ich wohne…“

„Ich weiß“, antwortete die Frau. „Wir sind ja Nachbarn.“

Wieder nickte Nora. Die Zähne der Frau schimmerten im dämmrigen Licht auf. Ob das ein Lächeln war?

Sie ließ sich zurücksinken gegen die graugewordene Wand. „Können sie bitte den Stein wieder davorschieben, wenn sie die Tür zu machen? Das ist von innen immer recht beschwerlich.“ „Klar. Einen schönen Tag noch“ sagte Nora und zog ihren Oberkörper aus dem Spalt zurück. Eine kurze, aber schreckliche Angst überfiel sie, dass sie die alte Frau  in der Garage einsperren könnte, wenn sie den Stein falsch hinlegte Sie schob ihn langsam und vorsichtig und achtete darauf, dass sie genau den Abdruck traf, den er auf dem Beton hinterlassen hatte.

Die Sonne ging hinter den Bäumen unter. Sie war schon nicht mehr zu sehen, aber Rot und Violett griffen noch durch die Zweige und verfingen sich in den Wolken. Sie schaute zu, wie sie das Licht in sich aufsogen. Sie spürte wieder den Wunsch aus ihrer Kindheit, dort hineingreifen zu können, sich zu baden in diesem Knäuel aus Licht und Wasserdampf. An ihrer Haustür klebte ein Zettel. Der Schornsteinfeger. Er wollte einen Termin. Zur Überprüfung ihrer “Feuerstätte”. Noras Gedanken huschen davon. Feuerstätte. Das klang nach Mittelalter und Lagerfeuer. Nach Romantik, Leben und Wildnis. Dann wurde ihr klar, dass der Schornsteinfeger damit ihre Gastherme meinte und, wie jedes Jahr, sein Messgerät hineinschieben würde, um fünf Minuten später wieder zu gehen und eine Rechnung in den Briefkasten zu schmeißen. Sie öffnete ihre Haustür vorsichtig. Das Licht machte sie nicht an, sondern leuchtete sich mit dem Handy den Weg zu Küche. Sie wusste ja, was es zu sehen gab.

Die Unordnung zog sich durch ihr Haus wie das Fieber durch den Körper eines Malariakranken. Gerade war sie mit aller Brutalität zurück und erschütterte das Haus in seinen Grundfesten. Manchmal schien die Unordnung ganz und gar verschwunden, das Haus lag dann freundlich und geordnet vor ihr. Die Teller gespült an ihrem Platz, die Bücher im Regal, die Briefe geöffnet und bearbeitet. Doch dann kroch die Unordnung plötzlich wieder hervor, aus den Schränken, dem Briefkasten, den dunklen Ecken, manchmal auch aus dem Keller. Oft schien sie sich aber aus ganz unergründlichen Quellen zu speisen. Es gab Tage, da öffnete Nora die Haustür und sah sich plötzlich einem Chaos gegenüber, dass sie sich nicht erklären konnte. Sie wusste, dass es etwas mit ihr zu tun haben musste und trotzdem traf es sie unerwartet. In den Tagen und Wochen, wenn die Unordnung durch ihr Haus tobte, fühlte sie sich wie eine Fremde. Nora ließ sie wüten. Wenn sie besonders erschöpft davon war, kehrte sie erst nach Sonnenuntergang nach Hause zurück. Die Dunkelheit half. Die Unordnung verbarg sich in den Schatten, formte sich zu Landschaften, die auf diese Weise etwas Sinn ergaben und gleichzeitig fern genug blieben.

Haben sie mit den Nachbarn geredet?! leuchtete eine Nachricht auf ihrem Handy auf. Die Fellnasenfreundin. Sie hatte sie schon fast vergessen. Ihre Katze könnte gerade in einer Garage verdursten! Ist ihnen das bewusst??? flammte gleich darauf die nächste Nachricht auf. Nora drückte auf den Knopf für Sprachnachrichten und hielt sich das Mikro vor das Gesicht. Sie sah, wie die App die Sekunden der Stille zählte. „Nein“, sagte sie schließlich und ging ins Bad, um sich im fahlen Licht der Straßenlaterne die Zähne zu putzen.

Sie war so müde, dass sie hoffte, gleich einzuschlafen. Aber sobald sie die Lider schloss, sah sie die Frau in der Garage sitzen, sah den aufgewirbelten Staub in der Luft. Hätte sie mehr tun sollen? Irgendeinen Dienst anrufen, ein Amt. Vielleicht gab es so etwas wie ein Jugendamt für alte Menschen. Sie überlegte, ihr Handy zu nehmen und danach zu suchen. Aber je mehr sie darüber nachdachte, desto anstrengender schien ihr das und so blieb sie einfach liegen und hörte zu, wie ihr Atem in der kühlen Baumwolle knisterte.

Das Maunzen war da. Nicht laut, aber deutlich. Es klang seltsam gedämpft. Die Katze musste irgendwo hinter der Mauer aus Betonsteinen sitzen. „Doro?“ rief Nora und tastete sich die Wand entlang, klopfte schließlich die Steine einen nach dem anderen ab. Aber sie fand keinen Eingang. Das Maunzen wurde immer schwächer, bis es fast nicht mehr zu hören war. Vielleicht verdurstete die Katze gerade jetzt, hier hinter der Mauer, in der Dunkelheit? „Doro?“ rief sie. Aber das Maunzen war verschwunden. Stattdessen war nun der Schornsteinfeger da, klopfte mit seinem Messgerät an ihr Bett und sagte mit ernsten Blick: „Wenn sie mich anfassen, bringt das Glück.“

Der Mond schien ihr ins Gesicht. Die Decke war auf den Boden gefallen. Es klopfte. Sie schaute auf die Uhr. Halb drei. Es klopfte wieder. Sanft, aber nachdrücklich. Nora schlich hinunter und vermied die knarzenden Stellen der Treppenstufen. Vielleicht war es besser, so zu tun als sei sie nicht zuhause. Sie stellte sich vor, wie sie die Tür öffnete und zwei Polizisten dort standen. Doch was sie zu ihr sagen könnten, das fiel ihr nicht ein.

Sie drückte ihr Gesicht an das kalte Plastik der Haustür und schaute durch den Spion. Davor stand die Frau aus der Garage. Ob ihr dort zu kalt wurde? Ihr Kopf war noch immer leicht vom Traum. Sie war sich nicht sicher, ob das hier echt sein konnte. Wieder klopfte die Frau an die Tür. Warum klingelte sie eigentlich nicht? Nora schaute ihr durch den Spion zu. Sie sah nicht verzweifelt aus. Es fiel Nora schwer, überhaupt ein Gefühl in ihren Gesichtszügen zu entdecken. Am ehesten hätte Nora Belustigung gesagt. Nun schob die Frau von außen ihr Auge vor den Spion, auch wenn so herum nichts zu sehen war und es wurde dunkel. Für den Bruchteil einer Sekunde starrten sich ihre Augen an, nur getrennt durch das Plexiglas des Spions und sahen beide doch nur Dunkelheit.

Mit einem Klicken öffnete Nora das Riegelschloss und zog die Tür einen Spalt auf. „Ja?“ sagte sie.

Die Frau hielt ihr etwas Weiches, Felliges entgegen. Dorothy.

„Ehrlich gesagt wohnt sie nun schon eine Weile bei mir.“ Nora streckte die Hände aus und nahm die Katze in die Arme. Sie sträubte sich nur für einen kurzen Moment. Dann legte sie die Pfoten auf ihre Schultern und schaute mit aufgestellten Ohren in die Dunkelheit des Hauses.

„Ich dachte mir eigentlich, sie wird schon wissen, was sie tut. Aber nach ihrem Besuch hat es mir keine Ruhe gelassen. Deshalb“ sie zeigte auf Doro, die Nora nun direkt anschaute. Ihre Pupillen hatten die Iris fast ganz verdrängt, was ihrem Blick etwas Rastloses, Manisches gab.

„Danke“ sagte Nora.

„Sie schienen mir so…“ die Frau blickte die Straße hinab zur Straßenlaterne, die die Motten in torkelnden Kreisen umflogen und ließ den Satz unvollendet.

„Wussten sie, dass es nur weibliche Glückskatzen gibt?“

Nora schüttelte den Kopf und streichelte Dorothys Fell.

„Ich habe ihr Thunfisch in Dosen gegeben.“

„Danke“ sagte Nora und erschrak, wie heiser und matt ihre Stimme klang. „Das werde ich auch einmal versuchen.“

„Den in Öl.“

Nora nickte. Doro sprang von ihrem Arm und jagte in die Schatten hinein. Irgendetwas viel mit einem Scheppern zu Boden. Die Frau drehte sich um und zeigte auf ihre Garage. „Also, falls sie ihre Katze wieder vermissen, sie wissen ja, wie man die Tür öffnet.“

Sie ging über die Straße, ohne sich noch einmal umzudrehen. Nora schaute ihr hinterher. Wie heißen sie denn eigentlich, wollte sie rufen. Aber dann sah sie den Mantel und wie er an ihrem Körper hing, schräg und unsicher. So als wüsste er, dass das alles hier nur vorübergehend war, als müsste das alles gar nichts bedeuten.

 

 

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Der unterschiedliche Verwitterungsgrad der Bauelemente

Eine literarische Erzählung von Jochen Veit in der Reihe 54stories

 

Das Haus stand allein gegen eine Architektur im Übergang zum Industriegebiet. Wenn man auf dem Balkon stand und über die Nachbarschaft blickte, konnte man nicht wissen, in welchen Gebäuden ein Mensch lebte und in welchen Chemie. Sie wohnten im einzigen Altbau der Gegend, die erste gemeinsame Wohnung, irgendwie waren sie oder war das Haus der Zeit entkommen. Richtig hatte er sich nicht gewöhnt an die hohen Decken, den Erker, die klimatischen Bedingungen, die ein rigoroses Lüftungs- und Heizregime nötig machten, um den Ausbruch des Schimmels an die Oberfläche zu verhindern.

Vor einigen Wochen fing eine Frau an, nachts zu weinen. Sie schluchzte, unterbrach sich selbst, ihre eigene durchweinte Stimme. Sie redete, aber niemand antwortete. Offenbar telefonierte sie.

Er konnte nie richtig bestimmen, woher das Weinen kam, weil die Akustik des Gebäudes durch den unterschiedlichen Verwitterungsgrad der Bauelemente völlig verzerrt war. Er war sich nicht einmal sicher, ob es ihre Wohnungstür war, die ins Schloss fiel, oder eine andere. Es kam immer wieder vor, dass er in den Flur lief, weil er glaubte, sie sei nach Hause gekommen, aber dann war da niemand.

Es klopfte an irgendeinem Morgen an der Tür, er wankte aus dem Bett, öffnete, und das Treppenhaus war leer (aber es roch noch nach Anwesenheit und die Schuhe standen so herum, als hätten sie gerade noch jemanden gesehen oder als sähen sie noch immer). Dann ging er zurück und küsste sie wach. Durch die großen Fenster schien die Sonne ins Bett und sie öffneten sie und legten sich nackt in die Strahlen (sie glaubten, dass niemand sie sehen konnte). Das Weinen war nicht zu hören – und überhaupt war es sehr still an diesem Sonntagmorgen (War es dieser Sonntagmorgen? Schlief er nicht längst im Wohnzimmer?), der sich unweigerlich in einen Mittag verwandeln würde, bis sie aufstanden.

Nachdem sie aufgestanden waren, ging sie Mittagessen besorgen. Während sie fort war, lief er nackt in der Wohnung herum, putzte seine Zähne, setzte den Tee auf, starrte das Werkzeug auf der Anrichte an. Hatte sie es wieder dorthin gelegt, während er bei der Arbeit gewesen war? Der Bohrmaschinenkoffer, die Nägel, der Hammer. Alles lag dort. Es klingelte.

„Bin gleich da!“, rief er, doch selbst das Klingeln konnte er nicht mit letzter Sicherheit ihrer Wohnung zuordnen. Kurz stellte er sich vor, wie die Person, die vielleicht vor der Tür stand, sich fragte, von wo seine Stimme kam. Er zog sich eine Jogginghose an und öffnete die Tür. Für einen Moment glaubte er, dort stünde tatsächlich niemand, obwohl doch direkt vor ihm eine Frau stand.

„Ja?“, fragte er und sie antwortete mit einer Stimme, die seine Aufmerksamkeit einfing wie ein tropfender Wasserhahn, gegen dessen Tropfen er nichts tun konnte, weil er nicht wusste, wie, die war wie der Moment, bevor er einen anderen Fahrgast bitten musste, ihn herauszulassen, und dann lieber seine Haltestelle verpasste, und auch diese Haltestelle war ihre Stimme: „Ich wollte fragen, ob ich mir einen Schuss Milch leihen kann. Für meinen Kaffee.“ Ob das ein Vorwand war, fragte er sich, und vielleicht war das in seinem Gesicht zu sehen.

„Ich kann den wirklich nicht schwarz trinken.“ Er trat zur Seite und machte diese alberne Armbewegung, um sie hereinzubitten. Sie lief sofort auf die Küche zu. Woher sie wusste, wo die Küche war? „Unsere Wohnung ist genau gleich geschnitten wie eure.“ Während sie das sagte, zeigte sie auf den Boden. Als er ihr die Kühlschranktür aufhielt, wurde ihm unangenehm bewusst, dass er kein T-Shirt trug und gleichzeitig, dass die Frau bereits eine Kaffeetasse in der Hand hielt, die wegen der Kleinheit ihrer Hände riesenhaft wirkte. Nachdem sie sich Milch eingeschenkt hatte, griff er nach der Tasse in ihrer Hand und nahm, ohne darauf zu achten, wie sie reagierte, einen großen Schluck.

„Wer war das?“ „Wer?“ „Die Frau, die mir gerade entgegengekommen ist. Ich dachte, sie wäre aus unserer Wohnung gekommen.“ „Nicht, dass ich wüsste.“ „Okay.“ Sie stellte die Nudel-Boxen auf den Tisch. Die beiden aßen. Danach gingen sie spazieren, zum alten Industriehafen, der gerade in ein Wohnquartier umgebaut wurde, und von dort aus ein bisschen den Fluss entlang. „Man kann kaum sehen, in welche Richtung der Fluss fließt.“ „Das stimmt.“ „Hm.“

In der Nacht lag sie auf seiner Brust und strich mit einer Hand über seinen Oberkörper, aber er bemerkte es kaum. Er hörte das Schluchzen wieder und war sich sicher, dass sie es auch hören musste. Aber als er sich zu ihr umdrehte und sie darauf ansprechen wollte, war sie schon eingeschlafen. Kurz versuchte er, sie durch Streicheln zu wecken, aber sie grummelte nur ein bisschen, da gab er auf. Die Frau redete jetzt wieder und er hörte sie, die vor Trauer eigentlich nicht mehr sprechen konnte oder die gegen eine Trauer ansprach, die eigentlich schon Wortlosigkeit war. Er blieb liegen und versuchte, sich überhaupt nicht zu bewegen, weil er das Gefühl hatte, etwas zu hören, das er nicht hören durfte. Er lächelte. Er lag auf der Couch im Wohnzimmer. Er schlief ein.

Am nächsten Morgen begannen Bauarbeiter, ein Gerüst aufzustellen. Für die nächsten Wochen mussten sie das Sonnenbaden aufgeben (falls sie das nicht längst schon hatten). Beim Frühstück sprach er das Weinen an. Sie hatte es nicht bemerkt. „Ich hoffe, es hört bald wieder auf.“ Sie nickte, lächelte, berührte seine Wange und nannte ihn sensibel. Sie kannten sich fast seit einem Jahrzehnt, waren seit Jahren ein Paar. Und trotzdem kennt sie mich überhaupt nicht, dachte er. Er sagte nichts darüber.

Sie ging immer früher aus dem Haus als er, weil sie arbeitete und studierte, während er nur arbeitete, aber heute ging er überhaupt nicht. Er rief im Büro an und sagte, er würde heute, und am liebsten auch morgen, von Zuhause aus arbeiten. Das wurde bewilligt. Also trug er seinen Laptop und die wenigen Arbeitsmaterialien, die er brauchte, in die Küche und schaute aus der Tür hinaus über den Balkon in die Industrie. Das Homeoffice entsprach in seiner Firma einem Bereitschaftsdienst. Bei eventuellen Störfällen musste er mit den Filialen telefonieren, Hilfe bei der Problemlösung bieten. Er spielte ein bisschen mit dem Tacker und einer Büroklammer herum. Schließlich ging er einkaufen.

Als er zurückkam, war die Tür angelehnt. Hatte er sie nicht hinter sich geschlossen? Die Schuhe standen schon wieder herum und bildeten sich wahrscheinlich etwas darauf ein, schon mehr zu wissen als er. Er drückte gegen die Tür. Sie schwang auf. Gleichzeitig war da ein Geräusch: Das Quietschen einer sich öffnenden Tür.

Er nahm den Hammer von der Ablage und drehte ihn in seiner Hand so, dass seine Spitze nach vorn zeigte. Einen Eindringling hoffte er so einzuschüchtern. Auch wenn er nicht hätte zuschlagen können. Als Erstes ging er durch den engen Gang zum Bad. Gab der Tür einen Stoß. Es war leer. Er ging hinein. Sah hinter der Tür nach. Nichts. Er drehte sich um. Ging in die Küche. Er warf sogar einen Blick auf den Balkon, die Industrie starrte, aber da war niemand. Das Wohnzimmer: leer. Erst jetzt ging er ins Schlafzimmer. Auf den ersten Blick schien es leer. Aber erst nach Minuten, in denen er regungslos im Zimmer stand, war er sich sicher. Niemand war hier.

Nur die Bauarbeiter mussten an den Fenstern vorbeigekommen sein, denn das Gerüst stand bereits da. Nichts regte sich mehr darauf. Es war ihm kaum aufgefallen, aber es war Abend geworden. Er ging nah ans Fenster, um sich das Gerüst anzusehen. Als er sich gegen die Wand lehnte, bemerkte er, wie kalt sie war.

Er erschrak. Ging zurück zur Tür und machte Licht. Die Wände blieben dunkel. Das Licht der Energiesparleuchte reichte noch nicht aus, sie wirklich sehen zu können. Auch von draußen kann man mich noch nicht sehen, dachte er. Er zuckte mit den Schultern, ging aus dem Schlafzimmer in den Flur, erschrak ein weiteres Mal, da die Wohnungstür immer noch offen stand. Er hob den Hammer, er schien ihm jetzt fast eine Verlängerung seines Arms, und ging auf die Tür zu. Draußen war niemand, nur die Schuhe und die Einkäufe. Er nahm alles, ging in die Küche und räumte es ein. Dann kontrollierte er die Räume erneut. Als er im Schlafzimmer ankam, war es dort hell. Er ging auf die kalte Wand zu und starrte. Schimmel. Ganz sicher. Kleine graue Flecken, die sich fast die ganze Fläche entlangzogen, noch nicht eigentlich sporig, sondern als würden sie langsam durch die Tapete eindringen. Er trat etwas weiter zurück, nahm sein Smartphone aus der Tasche, aktivierte die Lampenfunktion, um die Seitenwand mit der Außenwand vergleichen zu können. Eindeutig. Die Vormieter hatten nur überstrichen. Die Tapete darunter musste vollkommen verschimmelt sein, vielleicht die ganze Wand. Es gab keinen Zweifel, beschloss er (obwohl er eigentlich nichts von diesen Dingen verstand). Trotzdem kniete er sich hin, um die Fugen an den Fußleisten zu kontrollieren. Hier war nichts zu erkennen, aber als seine Hände das Fischgräten-Parkett berührten, bemerkte er, dass es genauso kalt war wie die Wand. Wenn tatsächlich jemand unter uns wohnt, dann kann der Boden nicht so kalt sein. Die Wohnung musste leer stehen. Das dachte er.

„Warum hast du so viel Milch gekauft?“ „Bitte?“ „Vier Liter? Warum hast du vier Liter Milch gekauft?“ „Ich glaube, die Wand in unserem Schlafzimmer schimmelt.“

Sie lief an ihm vorbei ins Schlafzimmer und machte Licht. Er warf sich aufs Bett und wartete, bis sie etwas erkennen konnte. Die Kälte des Bodens hatte sich in die Matratze hineingefressen und überall, wo sein Körper sie berührte, wurde es kalt und für einen Moment dachte er, feucht. Sie legte prüfend ihre Hand auf die Wand. „Die ist ziemlich kalt. Aber nicht feucht.“ „Okay.“ „Also dürfte es eigentlich nur etwas Oberflächliches sein. Dann müssen wir einfach besser lüften. Aber eigentlich glaube ich nicht, dass das Schimmel ist. Das sind einfach Flecken.“ Während sie all das sagte, schielte sie die Wand rauf und runter. „Das sieht eher so aus, als hätte sich irgendjemand an der Wand gerieben.“ „Vielleicht hast du recht.“ Sie drehte sich um und küsste ihn. „Du schmeckst nach Kaffee. Ist noch was da?“ „Nein, aber ich setz dir gern einen auf. Und dann fang ich an zu kochen, ja?“ „Gern“, sagte sie, setzte sich auf das Bett und schaute irgendetwas auf ihrem Laptop an.

Nach dem Essen startete er die Waschmaschine, und da sie beide ihr Geräusch nicht ertragen konnten, beschlossen sie, noch zu spazieren. Er zog seine Jacke an und sie ihren Trenchcoat und den Schal, da erinnerte er sich kurz daran, dass sie schön war. Zum Fluss konnten sie nicht, weil die Gerüstbauer den Fußweg, den fast niemand nutzte, mit ihrem Material versperrt hatten.

Also hinein in das Gebiet, in dem sich monolithische Blöcke mit Fenstern wie Gitter und futuristische Firmensitze abwechselten. Obwohl kein Sportereignis bevorstand, hingen von vielen der Balkone Fahnen, die meisten deutsch, ein paar türkische, aber auch eine portugiesische, eine schweizerische und so weiter. Die Sonne ging gerade im Smog des Horizonts unter. Als sie eine Weile gegangen waren, sahen sie eine Gruppe von Menschen, Hundert vielleicht, die in Kreisen herumstanden, als würden sie nur noch warten, bis irgendetwas begann. Sie waren dunkel gekleidet, hatten aber keine Transparente oder Fahnen dabei. Als sie näher kamen, lösten sich zwei Männer aus der Gruppe und kamen auf sie zu. „Ihr könnt hier nicht lang.“ Der andere baute sich nur auf und machte einen Schritt auf die beiden zu. Ihr Körper kämpfte schon. Man sah es, ihre ganze Haltung. „Komm“, sagte er. Sie bogen in eine andere Straße ein. Nach einer halben Stunde waren sie wieder in ihrer Wohnung. Während sie ins Bad ging, stellte er sich auf den Balkon und hängte die Wäsche auf. So hörte er sie nicht. „Warum hängst du das draußen auf? Das wird doch ganz nass über Nacht.“ „Lass mich das einfach machen.“

Es war gut, dass sie nicht herausgekommen war. Er sah es längst, aber es ging an ihm vorbei. Durch die Straße zog sich der Marsch. Einige trugen Fackeln. Ihre Schatten auf den Wänden der Wohnhäuser wirkten riesenhaft. Es war schwer zu sagen, wie viele es waren. Sicher Tausend, eher mehr. Kurz fragte er sich, ob er nicht noch einmal hinunter gehen sollte. Er ging hinein. Sie saß im Wohnzimmer und schaute sich eine Dokumentation auf ihrem Laptop an. Auf einmal war er froh, dass das Gerüst um sie herumstand.

Heute Mittag hatte er zufälligerweise den Vermieter im Treppenhaus getroffen und gefragt, was für Arbeiten durchgeführt würden. „Die Fassade wird restauriert. Das ist gar nicht so einfach bei diesen Altbauten. Wir müssen vernünftig dämmen und den Denkmalschutz wahren. Diese verdammte Behörde. Es gibt zu viele Wärmebrücken. Ein paar Mieter hatten Probleme mit Schimmel, Sie doch nicht etwa auch?“ „Nein, nein, alles bestens.“ „Na, immerhin das. Ich hoffe, es stört sie nicht, dass das ganze Haus eingerüstet ist. Aber es ging nicht anders. Nicht, dass Sie sich fühlen wie in einem Gefängnis.“ „Na ja, wir wohnen ja freiwillig hier.“ Sie lachten.

Und jetzt saß er also neben ihr und glotzte auf diese Doku. Seine Füße auf dem Boden wurden langsam kalt. Er beschloss, dass jetzt der richtige Zeitpunkt war und sprach es an. „Niemand weint hier. Ich habe es dir doch schon erklärt, die Leute unter uns machen ständig Partys und da schluchzt niemand, die sind einfach komisch und machen komische Geräusche.“ „Ja sicher, aber drauß-“ „Sei jetzt bitte still, du siehst doch, dass ich mir das anschauen will!“

Im Schlafzimmer warf er sich aufs Bett. Draußen stand das Gerüst, und die Nacht hatte einen rötlichen Schimmer, die Rufe wie von fern, aber das hieß nichts, sie konnten längst im Haus sein, sie konnten längst im Haus sein, und der Wind rüttelte an allen Verbindungsstücken des Gerüsts und den Bäumen davor, und er konnte nicht so tun, als wäre er nicht müde und sogar existentiell erschöpft.

„Wo ich Sie schon treffe“, er war bereits drei Stufen nach oben gegangen, drehte sich aber noch einmal zum Vermieter um, „wer wohnt eigentlich in der Wohnung unter uns?“ „Das kommt darauf an, in welchem Stock Sie wohnen.“ „Im vierten.“ „Dann steht sie leer.“ Um sich nichts anmerken zu lassen, ging er ein paar Schritte weiter. „Oder, warten Sie. Ich glaube, dort wohnen irgendwelche Studenten. Ja, ja, dritter Stock links, eine WG. Ziemlich sicher. Die im vierten Stock steht leer, jetzt erinnere ich mich.“ „Alles klar.“ Wieder lachten sie.

Er bekam wenig Luft. Es musste an den Sporen liegen. Seine Luftröhre fühlte sich an wie ein Metallrohr. „Was zur Hölle ist das da draußen?“ Sie stand im Zimmer, an die kalte Wand gedrückt und schaute durch das Fenster, durch die Stäbe ihres Gerüsts auf den Marsch hinab. „Ich weiß es nicht.“ „Wollen die irgendwas von uns?“ „Von uns? Warum denn von uns?“ „Ja, stimmt. Aber irgendwie macht mir das Angst.“ „Okay. Du … ich kann hier drinnen nicht richtig atmen. Ich glaube, ich schlafe heute Nacht wieder im Wohnzimmer.“ Er stand auf und setzte sich im Wohnzimmer auf die Couch. Er machte Licht. Während es langsam stärker wurde, hörte er die Geräusche. Er öffnete das Fenster, sie schrien herein, er schloss es sofort wieder. Unter dem Sofa gab es Bettzeug für Gäste. Er suchte danach, da bemerkte er, dass das Sofa schon bezogen war. Natürlich, dachte er, und ging noch ein letztes Mal ans Fenster.

Die Welt hatte aufgehört, sich zu zerreißen. Die Straße war leer. Als er die Wand berührte, zuckte er zurück. Auch sie war kalt und er war sich sicher, auch feucht. Er nahm die Lampe vom Schreibtisch, steckte sie ein und strahlte gegen die Wand. (Das war von draußen zu sehen.) Da war kein Schimmel. Er schaute fester hin. Nichts. Nachdem er die Lichter gelöscht, alle Fenster geöffnet hatte, zog er sich aus und legte sich hin. Kurz war er sich nicht sicher, ob er da war, dann lächelte er und schlief ein.

Ein paar Stunden später wachte er auf. Das Geheule war unerträglich geworden. Erst dachte er, es wäre das selbe, zarte Geräusch, das ihm die Existenz einer Außenwelt bewies, dann aber bemerkte er, dass es ein profanes, ein krankhaftes Geschrei war, guttural, tierisch, und er verstand einfach nicht, wie man als Mensch heute noch so erschüttert sein konnte, denn seit Jahren machte doch alles höchstens noch dröge und irgendwie morsch, und unter dem Parkett und hinter der Tapete war alles verschimmelt, und es stank, ein unerträglicher Gestank und eine unerträgliche Feuchtigkeit zogen herein oder waren schon drinnen, und auf einmal schreckte er aus diesem Traum auf und wusste zum ersten Mal, woher die Geräusche kamen.

(c) Vera Thielen

Jochen Veit wurde 1992 geboren. Er studierte Philosophie und Komparatistik in Mainz und Wien. Im Jahr 2016 war er Stipendiat der Schreibwerkstatt der Jürgen-Ponto-Stiftung in Edenkoben und 2018 nahm er am Literaturkurs in Klagenfurt teil. Seine Texte erschienen in mehreren Literaturzeitschriften und Anthologien, u.a. in KRACHKULTUR und STILL. Sein Debütroman „Mein Bruder, mein Herz“ erschien am 22. März 2019 im Arche Literatur Verlag. Er lebt in München.

Beitragsbild von MattSmart

Aber nur dieses eine Mal

Tobias Premper war bereits vor fünf Jahren bei der ersten Lesung von 54stories in Berlin dabei. Im März diesen Jahres erschien der Nachfolgeband seiner Notizen “Das ist eigentlich alles”. Aus “Aber nur dieses eine Mal” präsentieren wir mit freundlicher Genehmigung des Steidl Verlages einen Auszug.

18. Notizbuch

 

Er würde nicht in der Lotterie gewinnen und auch keine wohlhabenden Leute kennen lernen, die seine Kunst sammeln und ihn damit über die Zeit retten. Er würde kein Glück mit den Frauen haben und keine Karriere machen. Aber das sollte ihm erst später aufgehen, viel später, eigentlich erst dann, als es schon zu spät war.

 

Gestern, am 10.6.2010, ist Sigmar Polke gestorben. Ich male alle oberen rechten Ecken schwarz.

 

Traum: Mein Zahnarzt hat einen Playmobil-Tick und füllt mir mit allen möglichen Plastikteilen die Zähne. Er sagt: »Das hält besser, das hält besser.« Jetzt zieht er mir den angeschlagenen Schneidezahn und setzt dafür ein Playmobil-Pferdebein ein, das er sauber abschleift und weiß lackiert.

19. Notizbuch

 

Er sagte seinem Verleger, er würde seine Texte nicht vor Publikum in irgendeinem Literatur- oder Theaterhaus vortragen; in einer Höhle, ja, oder im Wald vielleicht.

 

20. Notizbuch

 

Ich beginne ein weiteres missglücktes Notizbuch.

 

Meine Freiheit nimmt zu mit den Worten, die ich schreibe, aber auch das Fremde und die Furcht.

 

Jetzt ist es dunkel geworden und still. Die Welt beginnt zu mir zu sprechen, und ich lege das Notizbuch beiseite und lausche ihr.

 

21. Notizbuch

 

Ein Mann seilte sich von seinem Privatzeppelin ab und trat auf ein Krokodil, das ihn aus traurigen Augen ansah. Dann verschwand der Mann im Dschungel.

 

22. Notizbuch

 

Vor mir ging ein Mann mit zwei Tüten in den Händen. Dann öffnete er eine Luke im Boden, ließ erst beide Tüten und dann sich selbst in das Loch fallen. Ich schloss die Luke wieder und blieb noch etwas darauf stehen, um sicherzugehen, dass er nicht mehr hinauskam.

23. Notizbuch

 

In der ganzen Gegend nur ein einziges Schild: Haltestelle Bahnhof. Als der Bus kommt (kein Abfahrtsplan und der Bus auch ohne Fahrtziel an der Stirnseite), frage ich den Fahrer, ob er auch zur Fähre nach Hiddensee fahre. »Ich fahre überall hin. Endstation, Ankunft in einer Stunde.«

Im Bus ruft ein Junge, der ganz hinten sitzt, zu einem Mädchen, das ganz vorne sitzt: »Hannaaaaaaah, Hannaaaaaaaaaaaah!« Und als sich Hannah umdreht und lächelt, ruft der Junge: »Komm bloß nicht her, bleib, wo du bist!«

 

24. Notizbuch

 

Habe mich gefragt, wo eigentlich meine Freunde hin sind, und als ich dann in einem Hauseingang stand, habe ich auf dem Klingelschild den Namen »Daumenlang« gelesen. Ja, dachte ich, das könnte ein neuer Freund werden.

 

25. Notizbuch

 

Der Traum des Bahnrestaurant-Mitarbeiters, den er kurz vor der Ankunft in Berlin einem Kollegen offenbart: det Beste is, eener säuft für zweehundert und zahlt dreihundert.

 

Ein Buch (auch dieses Notizbuch) in dem Moment, in dem man das Interesse daran verliert, einfach fallen lassen.

 

“Aber nur dieses eine Mal” von Tobias Premper ist im März 2020 bei Steidl, Göttingen erschienen und kostet EUR 18,-

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Auf der Suche nach Uchronia – Von Zeit und Chemotherapie

Der gelbe Fleck auf dem Laken meines Bettes verursacht mir Übelkeit. Das Gelb löst ein Geruchsempfinden aus, das ich mir mit großer Wahrscheinlichkeit einbilde. Die Farbe erinnert mich an die träge glänzende Flüssigkeit, die zur Zeit manchmal von einem Beutel in mich hinein tropft, aber es muss der Überrest einer Mahlzeit sein, Currysauce von gestern vielleicht. Auf den weißen Bezügen ist alles deutlich sichtbar: jedes Haar, jeder Spritzer Blut, jeder Soßenfleck, Schweiß, Erbrochenes. Alles ist sofort zu erkennen. Auf der Decke, auf dem Betttuch, auf dem Kopfkissen entsteht in kleinen Flecken eine Chronologie der letzten Tage. Meine Mutter hat früher gescherzt, man könne auf meiner Kleidung die Speisekarte erkennen, ich kann meine Krankenhausakte auf dem Bettlaken lesen.

Es ist 7.45 Uhr, noch etwa 15 Minuten. Wenn um 9 Uhr kein*e Ärzt*in da war, frage ich nach.

Acht Monate, fünf Wochen, 16 Tage, drei Tage, 72 Stunden, 4 Stunden…

Diese Zeitangaben stehen für Intervalle, die in meinem Leben vor etwas mehr als zwei Jahren eine Bedeutung hatten. Damals war ich in Chemotherapie. Sie begann am 2. Oktober 2017 oder hätte beginnen können. Ich weiß dieses Datum nicht, weil es mein Leben verändert hat oder weil es der Beginn von acht langen Monaten war. Ich weiß dieses Datum, weil der nächste Tag der 3. Oktober war und an einem Feiertag nichts passiert. Es verstrich einfach Zeit. Schon am zweiten Tag im Krankenhaus bekam ich eine Ahnung davon, um was es in den nächsten Monaten am meisten gehen würde: Zeit. Es passierte einen Tag lang nichts, Zeit verging, wie so oft in den darauffolgenden Monaten, ohne, dass ich sie bestimmen konnte.

Ein großer Teil der Zeit, die ich während dieser acht Monate erlebte, war das, was Helga Nowotny einmal in einem Essay als unbesetzte Zeit beschrieben hat: Die Zeit, die man durchlebt, während man unfreiwillig wartet. Das Gegenteil davon ist der Titel ihres Textes: Eigenzeit. Der größte Teil meiner Chemotherapie war keine Eigenzeit, sondern Zeit, auf deren Inhalt ich keinen Einfluss hatte.

Krebs als psychische und körperliche Erfahrung lässt sich kaum objektivieren, es ist ein in höchstem Maße individueller und subjektiver Prozess. Die Kämpfe, die man ausfechten muss, die Sorgen, die durchgestanden werden, die Schmerzen, die man erträgt, und die Angst, die mit all dem verbunden ist, sind Bestandteile einer Gesamterfahrung, die man nicht allgemeingültig beschreiben kann. Alles davon hat für jede*n eine eigene Schwere, eine eigene Leichtigkeit, ein eigenes Gefühl. Meine Therapie wurde von dem Verhältnis von unbesetzter Zeit zu Eigenzeit bestimmt. Und ich tat alles dafür, dieses Verhältnis in einer Balance zu halten, die ich ertragen konnte.

Im Rhythmus bleiben

Zeit wurde in diesem Sinne zum entscheidenden Faktor dieser Monate, die ich in bestimmten Intervallen zu denken und zu leben begann. Wenn einer der Zeitabschnitte durcheinander kam, wenn Zeit stehen blieb, geriet ich in Panik. Meine Chemotherapie musste für mich wie ein regelmäßig tickendes Uhrwerk vorangehen. Genau wie bei einem solchen mechanischen Apparat mussten Kleinigkeiten derart aufeinander abgestimmt sein, dass sie schließlich dazu führen, dass etwas mit einer exakten, regelmäßigen Geschwindigkeit voranging. Jeder Vorgang musste in einem bestimmten Tempo vonstatten gehen, damit er den nächsten im richtigen Moment anstieß und diesen wiederum in Bewegung versetzte. Nur so konnte der vorgesehene Rhythmus der Behandlung, in dem sich Krankenhausaufenthalte mit unterschiedlich langen Pausen, die ich zuhause verbringen konnte, abwechselten, erhalten bleiben.

Ich verfolgte alles peinlich genau.

Wenn ich mittwochs in Krankenhaus kam, dann konnte das nur geschehen, weil meine weißen Blutkörperchen einen bestimmten Wert aufwiesen. War ich dann im Krankenhaus, musste mir am Abend ein Tropf mit Flüssigkeit gegeben werden, damit am nächsten Tag mit der Gabe des Medikaments begonnen werden konnte. Je nachdem, um welches Medikament es sich handelte, floß die gelbe oder rötliche Flüssigkeit vier oder 72 Stunden durch einen Zugang in der rechten Brust in meinen Körper. Dann mussten nach vier Stunden wieder mehr Kochsalzlösung und manchmal ein zusätzliches Medikament alle acht Stunden gegeben werden, damit das Gift wieder aus dem Körper gespült wurde. Ich behielt jeden dieser Schritte genau im Auge, erinnerte Pflegekräfte an bestimmte Vorgänge, schrieb mir jeden Blutwert auf und achtete darauf, dass die Zeit im Takt blieb. Ein Ausscheren hätte das Uhrwerk gestört. Wenn das Uhrwerk seinen Dienst tat, konnte ich am Sonntagmorgen das Krankenhaus verlassen.

Ich grabe meinen Kopf in das weiße Kopfkissen und warte. Jetzt ist das Blut auf dem Weg. Es wird abgeholt und ins Labor gebracht. Dort wird es untersucht und die entscheidenden Werte werden gemessen, die dann auf dem Bildschirm in der Pflegestation erscheinen. So lange liege ich hier. Es ist Sonntag, alle diese Vorgänge dauern länger. Ich betrachte und fühle meine Handinnenflächen, sie sind trocken, gleichzeitig ist mein Gesicht aufgequollen von mehreren Litern Flüssigkeit. Ich kann das spüren. Alles fühlt sich falsch an, Haut ist nicht mehr Haut, Haut stört. Ablenkung ist alles. Seit 7 Uhr habe ich drei Folgen Gilmore Girls geschaut. Jede davon eine dreiviertel Stunde. Währenddessen kam ein Pfleger zum Blutabnehmen und das Frühstück wurde gebracht. An solchen Tagen im Krankenhaus rechne ich Zeit in Serienfolgen. Beruhigt bin ich, wenn die Länge der übrigen Folgen einer Serie bis zu meiner Entlassung reicht. Noch war kein*e Ärzt*in da, es ist nach 9 Uhr.

Das alles Entscheidende in diesen Abläufen war, dass ich grundsätzlich nach vier Tagen das Krankenhaus wieder verlassen konnte. Das setzte ich von Anfang durch – sofern es medizinisch vertretbar war, wollte ich sonntags nach Hause. Nur so konnte das Verhältnis von unbesetzter Zeit und Eigenzeit so bleiben, dass ich es ertragen konnte. Die Sehnsucht nach Eigenzeit wurde zum alles bestimmenden Gefühl und Eigenzeit hatte ich nur in meiner eigenen Wohnung. Dort war mein Uchronia – mein Eigenzeitort.

Das seltsame Gefühl weißer Handtücher

Uchronia ist in der christlichen Theologie ein Jenseitszustand losgelöst vom Druck der Zeit. Für mich war Uchronia der Ort, an dem ich so viel Zeit wie möglich verbringen wollte. Auch im Krankenhaus konnte ich meine Zeit weitgehend selbst füllen, aber dort war ich nicht der Herrscher über mein eigenes Uchronia, die Zeit, die ich dort verbrachte, war unbesetzt, sie war bestimmt von Faktoren, die ich nicht kontrollieren konnte.

Der Kontrollverlust fing mit dem Geruch an, der mir beim Betreten des Stockwerkes meiner Station, entgegenschlug. Ein stehender Geruch, unveränderlich, schal und gleichzeitig eindringlich, zusammengesetzt aus Gerüchen von notdürftig warmgehaltenem Essen, von Desinfektionsmitteln und parfümfreier Seife, von heiß und mit geruchlosen Waschmitteln gewaschener Wäsche und von Körpergerüchen. Es ist ein Geruch, der entsteht, wenn vermeintlich Geruchloses mit warmen Gerüchen und stehender Luft vermischt wird. Jedes Stockwerk des Klinikgebäudes roch anders, die meisten in meiner Wahrnehmung besser als ‚meines‘. Hatte ich ein Einzelzimmer, riss ich sofort beide Fensterflügel auf, selbst in den Wintermonaten. Von den Mahlzeiten, mit denen die Station beliefert wurde, hielt ich mich so weit wie möglich fern und bestellte mir stattdessen Essen von Lieferdiensten. Das war bald so bekannt, dass Pfleger*innen neugierig fragten, was es denn heute bei mir gäbe.

Wie sehr das Empfinden an Orte geknüpft war, zeigte sich auch durch die Zustände von Übelkeit und Erbrechen, nur im Krankenhaus war mir übel und das körperliche Unwohlsein viel stärker. Dabei genügte ein Geruch, ein Farbton oder gar die Maserung des Tisches neben meinem Bett, die ich sehen konnte, dass mir ein Gefühl den Körper hinaufstieg, das Übelkeit auslöste. Sogar das Licht war mir unangenehm, kalt und grell oder zu fahl, strahlte von den weißen Wänden ab. Weiß wurde zur unerträglichen Nichtfarbe. Noch heute fühlen sich weiße Handtücher seltsam an. Das Unerträglichste aber war, dass ich in der Zeit im Krankenhaus nicht entscheiden konnte, wann ich alleine war.

Während ich die vierte Folge der Serie am heutigen Vormittag schaue, verdeckt der Bildschirm meines Laptops meinen Zimmernachbar. Er liegt in seinem Bett und starrt die Decke an. Vorhin saß seine Frau an seinem Bett. Ich habe versucht beide zu ignorieren, mein Kopf so nah am Bildschirm, dass ich lediglich erahnt habe, dass noch andere Menschen im Zimmer sind. Allein sein. Schweigen können. Reden können, oder weinen. Der gestrige Abend war einer der schlimmsten. Dieser plötzliche Drang niemanden sehen zu müssen, niemanden hören zu müssen, nicht die Anwesenheit von verfallenden Körpern spüren zu müssen, stattdessen die Wand anschreien zu können. Panik. Nicht aus Angst, nur aus dem drängenden Wunsch heraus, allein zu sein, keinen Menschen sehen zu müssen.

Der Ort, an dem ich all das kontrollieren konnte, an dem ich allein sein konnte, der Ort, an dem ich Zeit bestimmen konnte, war meine Wohnung – mein Uchronia. Jede Stunde in meiner eigenen Wohnung war wichtig. Und elementar war, dass ich diese Zeit zelebrieren konnte. Von dem Moment des Betretens meiner Wohnung an fühlte ich mich wohl. Etwas fiel ab von mir, etwas in mir kam zur Ruhe. Die Tage und Stunden dort wurden so wichtig, dass ich sie bewusst nutzen wollte. Ich begann mir den Wecker auf 6 Uhr morgens zu stellen, obwohl ich keinerlei Verpflichtungen hatte. Der Wunsch danach, so viel bewusst erlebte Zeit in meiner Wohnung zu verbringen, wie ich konnte, wurde zum alles andere überragenden Zweck meines Handelns. Ich stand mehrere Stunden früher auf als sonst, im Winter lange bevor die Sonne aufging, machte das Radio an, kochte Tee, ging Duschen und setzte mich mit einem Buch oder meinem Laptop auf meinen Sessel, legte die Füße hoch und las, surfte im Netz, schaute eine Serienfolge oder einen Film, schrieb etwas und draußen begann langsam der Tag. Die Nachrichten im Radio strukturierten den Morgen, der Verkehr vor den Fenstern wurde lauter und flaute gegen halb 9 wieder ab. Wenn ich dann nach Stunden auf die Uhr sah und bemerkte, dass es erst 10 Uhr am Vormittag war, überkam mich eine unendliche Erleichterung darüber, dass es immer noch so früh am Tag war. Das Gefühl der angenehmsten Ruhe in diesen Monaten empfand ich, wenn mir klar wurde, wie viel Zeit ich immer noch in dieser Wohnung vor mir hatte.

Es ist in der Mitte der fünften Folge Gilmore Girls an diesem Vormittag, als die Tür aufgeht und eine junge Ärztin hereinkommt. Mehrmals habe ich an der Pflegestation nachgefragt und vorher versucht abzuschätzen, wann ich jemandem auf die Nerven gehen würde. Jedes Mal hieß es, die diensthabende Ärztin wäre noch unterwegs, meine Blutwerte sähen aber gut aus. Die Angst und die Erleichterung lösen sich in diesen Stunden ab. Ich weiß, ich darf heute gehen, wenn… wenn alles so ist wie immer, wenn die Ärzt*innen mir vertrauen, wenn kein*e Ärzt*in Autorität auf die falsche Art und Weise beweisen will. Ich warte. Meine Tasche habe ich längst gepackt, nur der Laptop ist noch draußen, ich brauche ihn, um Serienfolgen zu schauen, um Zeit zu messen und zu beschleunigen. Ich höre kaum, was die Ärztin sagt. Ich weiß genau, was ich tun muss, worauf ich achten muss, wann ich welche Tablette nehmen muss, wie meine Leukozyten und Thrombozyten sein müssen, ich funktioniere wie ein Uhrwerk und ich kenne meinen Körper, spüre, wie es mir geht. Als ich die Station verlasse, beginnt wieder die Zeit, die ich selbst bestimmen kann.

Raum und Zeit für sich allein

„Ein Zimmer für sich allein“ ist für Virginia Woolf die Voraussetzung, damit eine Frau große Literatur schaffen kann, und nie habe ich ansatzweise so gut verstanden, was damit gemeint sein könnte, wie in dieser Zeit. Während sich Woolf als Frau in einer Gesellschaft, die ihr nicht die Zeit und den Raum ließ, um zu schreiben, ein eigenes Zimmer wünschte, wollte ich einfach nur eine Tür, die ich hinter mir schließen konnte. Hier zeigt sich, wie sich Ort und Zeit auf eine bestimmte Art verbinden. Woolfs Sehnsucht nach einem Zimmer für sie allein, bezieht sich nicht nur auf die räumliche Ebene sondern auch auf eine zeitliche. Eine Tür hinter sich schließen zu können und einen eigenen, abgeschlossenen Raum zu haben, dessen Erscheinung und Nutzung man selbst bestimmen kann, bedeutet in diesem Fall auch eigene Zeit zu haben – die Parameter des Zeitverlaufs selbst bestimmen zu können. Ein Zimmer für sich allein ist auch eine Zeit für sich allein.

Die Möglichkeit sich durch einen eigenen Raum Zeit für sich selbst zu verschaffen entsteht für mich auch durch das Internet mit seinen sozialen Netzwerken und seinem permanenten Zugang zu Büchern, Filmen und Ablenkungen. Oft wird gesagt, das Internet raube uns Zeit, vielleicht – mir verschafft es oft Zeit, die ich selbst bestimmen kann. Die Welt des Internets ist die digitale Erweiterung meines Zimmers für mich allein. Die Öffnung eines Raumes, den ich schließen kann, wenn ich es will und den ich öffnen kann, wann immer ich ihn brauche. Gleichzeitig kann ich allein sein. Vor dem Bildschirm sieht dich niemand mit deinen privatesten Emotionen – manchmal ist das gut so, manchmal muss das genauso sein.

Auch jetzt noch, zwei Jahre nach Ende der Therapie, denke ich in diesen Mustern. Diese acht Monate haben mein Gefühl für Zeit und mein Bedürfnis nach Eigenzeit grundsätzlich verändert. Ich verbringe mehr Zeit in meiner Wohnung oder einfach alleine, mir geht es gut in dieser Zeit, ich bin nicht einsam oder traurig, auch weil ich meinen Raum um mich herum jederzeit um das Internet erweitern kann. Ihn mit den Stimmen von Menschen füllen kann, mit Bildern und Tönen. Immer dann, wenn ich es brauche oder ertragen kann.

Die Vorstellung einen langen Tag vor mir zu haben, an dem ich keinen anderen Menschen sehen muss, aber dennoch kommunizieren und mich mit anderen im digitalen Raum umgeben kann, wann immer ich will, beruhigt mich.

Am deutlichsten spüre ich dieses Bedürfnis, wenn die Nachsorgetermine anstehen. Etwa eine Woche davor beginne ich Zeit wieder stärker bestimmen zu wollen – ich will mir Eigenzeit verschaffen. Jede Stunde, die ich in vier Wänden, deren räumliche und zeitliche Parameter ich beherrschen kann, verbringen kann, wird dann wieder sehr kostbar. Ich verfalle in meine Muster aus der Therapiezeit, stehe früh auf, zelebriere den Morgen, koche ausgiebig, lese, schreibe und schaue Filme und Serien. Ich schaffe mir Raum und Zeit – meinen Raum und meine Zeit. Mit jeder Stunde, die der Kontrolltermin näher rückt, werden die Zeiträume, die ich auf diese Weise mit Bedeutung auflade, kleiner. Ist es am Beginn der letzten Woche vor der Untersuchung noch ein beruhigendes Gefühl sieben lange Tage vor sich zu haben, so ist es am Morgen des letztes Tages davor, ein guter Gedanke zu wissen, dass ich noch ein paar Stunden in meiner Wohnung habe – die Eigenzeiträume, die ich genießen will, werden kürzer. Nach den Untersuchungen erfüllt ein ausgedehntes Eigenzeitgefühl die nächsten Monate – bis es wieder die letzte Woche vor dem Termin ist. Auf die Emotionen dieser Woche hoffe ich bald verzichten zu können. Das Gefühl von Eigenzeit würde ich gerne behalten, es fühlt sich gut an.

148 Formen des Nichtseins

Auszug aus einem Romanprojekt von Slata Roschal

5.
Es war ein goldener Ohrring mit einem kleinen Brillanten, der irgendwo im Erdgeschoss in der Mensa sein musste, ich schrieb Anzeigen, klebte sie auf Pinnwände, schrieb in einem studentischen Forum, ging zur Information, ob jemand vielleicht einen goldenen Ohrring, den Brillanten sparte ich aus, abgegeben, die Frau wunderte sich und lächelte und ich schämte mich. Und einmal ein Ring, mit einem kleinen, ungemein teuren Rubin (ich hab schon immer gesagt, kauf nichts bei den deutschen Juwelieren, bestell bitte aus dem russischen Katalog, hier, und jetzt hast du es), er wurde mir zu groß und glitt einfach vom Finger, irgendwo zwischen dem 3 und dem 4 Gleis des Ostbahnhofs, in der Nähe des Getränkeautomaten, dort, wo abends Mäuse herausgelaufen kommen, nach Krümeln, vielleicht auch Ringen suchen, und sie in ihren Vorratskammern unterhalb des Getränkeautomaten verstecken.

22.
Einsame, liebevolle und wunderbare russische Damen zum Heiraten und Lieben. Unsere bildhübschen russischen Single Frauen auf der Partnersuche suchen einen ehrlichen und treuen Lebenspartner und Mann, um eine glückliche Lebenspartnerschaft und Familie zu gründen für eine gemeinsame, glückliche Zukunft.
Die meisten russischen Frauen lehnen den westlichen Feminismus ab, und versuchen eher, Erfolg und Charme zugleich zu leben.
Die russischen Frauen lieben ihr Land, sie fühlen sich als Bürgerinnen des größten Staates der Welt und sind stolz darauf.
Die russischen Frauen sind wesentlich toleranter und geduldiger als westliche Frauen, das liegt daran, dass in Russland gegenseitige Hilfe und Abhängigkeit innerhalb der Familie ganz großgeschrieben wird.
Es ist sehr wichtig für russische Frauen, die im Ausland leben, sich nützlich zu fühlen. Die russischen Frauen mögen es nicht, ohne Aktivitäten zu sein, sie arbeiten gerne.
Rechnen Sie mit einer Wartezeit von etwa einem Jahr, bevor Sie mit ihr Kinder haben werden.
Wenn Sie Ihre Brieffreundin etwas fragen wollen, fragen Sie direkt, ohne Umwege, aber sehr höflich.
Versuchen Sie, die slawische Seele zu verstehen. Das ist entscheidend in der Korrespondenz mit einer russischen Frau.
Lächeln Sie auf allen Fotos.
Hüten Sie sich vor ukrainischen oder russischen Anzeigenseiten, die gratis angeboten werden.
Schicken Sie den Damen, mit denen Sie in Kontakt treten, niemals Geld.
Treten Sie in Kontakt mit mehreren Damen ein. Eine russische Frau hat es lieber, wenn der Mann sie unter mehreren Damen nach längerem Briefwechsel ausgesucht hat.
Falls auch Ihre zweite Email ohne Antwort bleibt, schicken Sie einen Brief auf dem Postweg, vielleicht hat sie ein Problem mit ihrem Computer.
Die meisten russischen Frauen sprechen weder Englisch noch Deutsch.
Wenn Sie auf Englisch schreiben, benutzen Sie einfache Wörter, um sicher zu gehen, dass sie Sie verstehen wird.
Benutzen Sie nicht den Google-Übersetzer.
Schicken Sie niemals Geld.
Nehmen Sie zum ersten Treffen einen Dolmetscher mit, falls Ihre Russisch-Kenntnisse nicht ausreichen.
Sobald sie verheiratet sind, schreiben Sie Ihre Liebste in einen Deutschkurs ein (russische Frauen sind begabt für Fremdsprachen), und sie wird wesentlich weniger Heimweh haben.
Sie können jederzeit auf einen Dolmetscher zurückgreifen, wenn Ihre Frau noch nicht gut Deutsch spricht.

23.
In unserer Stadt gab es zwei kleine russische Geschäfte, in denen man slawische ‒ meist in Deutschland hergestellte ‒ Lebensmittel kaufen konnte, Käse, Quark, Pelmeni, Schokoladenpralinen, Limonade, Getreideflocken, Konserven, aber auch Spielzeug aus China, selbstgebrannte DVD-Filme, und man konnte dort Pakete abgeben, die man in sein Heimatland schicken wollte. Für viele unsere Bekannte waren diese Läden überlebenswichtig, auch wenn es eine offizielle Deutsche Post und gewöhnliche Discounter mit russischen Lebensmitteln gab. Sie trugen seltsame Namen, 5+ PLUS zum Beispiel, das Plus als Zeichen und Wort nebeneinander wies auf die ausgezeichneten Qualitäten des Ladens hin, während im deutschen Schulsystem die Fünf nur für mangelhaft stand. Das andere Geschäft hieß Rasputin, ähnlich düster schaute der stämmige Besitzer an der Kasse, er sollte zusammen mit seinen drei erwachsenen Söhnen vor Kurzem ein eigenes Haus im benachbarten Dorf gebaut haben, und unser Bekannter erfuhr von einem anderen Bekannten, dass es zweieinhalb Stockwerke hatte. Seine Frau stand an der Frischwarentheke, schnitt und wog Käserollen ab, angelte gesalzenen Hering aus einer Holztonne. 5+ PLUS war zu zentral gelegen und schnell bankrott, wir wechselten zu Rasputin. Dort war es eng und staubig, die Kunden kannten einander, es gab Sympathien, verborgene Feindschaften gegenüber dem Ladenbesitzer und seiner Frau, wir wussten über ihre Einkommensverhältnisse Bescheid, achteten nicht auf ein abgelaufenes Haltbarkeitsdatum und diskutierten an der Kasse, warum hier alles so teuer sei.

38.
Wenn ich unsterblich wäre, würde ich mir Fehler zugestehen können, so aber läuft die Zeit davon, zerrinnt zwischen den Fingern, und bald schon werde ich nicht schön sein und werde meinen immer fauler werdenden Körper durch einwandfreie teure Kleidung, durch Botoxinjektionen, Bleaching regelmäßig, aufrecht erhalten müssen, und wer weiß, ob ich das Geld dazu haben werde, ob ich noch einen Mann haben werde, mit gutem Verdienst und oder Eigentum, ob ich das alles alleine bezahlen kann, ob meine Einsparungen, bislang hundertdreißig Euro auf dem Extra-Konto und hundertfünfzehn im weißen Briefumschlag, zwischen Benn und „Einführung in die Mediävistik“  eingeklemmt, für all das reichen werden.

110.
Unser Wochenende verbrachten wir zuhause, im Discounter, im Tierpark, auf einem Spielplatz, am Meer, am See, in der Eisdiele, meist verbrachten wir es zusammen, zu dritt, und an jedem Sonntagabend freute ich mich auf Montag. Ich hatte sie gern, meine Männer, den Großen, den Kleinen, und doch nervten mich unsere gemeinsamen Wochenenden ungemein, sodass ich ihnen beiden gegenüber am Sonntagabend massive Antipathie verspürte, den Kleinen so früh wie möglich ins Bett brachte, ein sinnloses, nie gelungenes Vorhaben, den Großen ignorierte, anzischte, auf irgendeine Weise zu demütigen versuchte in Form von Befehlen und Ekelbekundungen (wäscht du jetzt endlich das Geschirr ab, willst du dich nicht mal duschen), ja ihn manchmal bespucken, verprügeln wollte und dann vor dem Einschlafen, mit fester Zuversicht auf den Montag, den Tag der Arbeit, ihn wieder um Vergebung bat. Auch dem Kleinen gegenüber war ich oft unbeherrscht und grob, sein unverhältnismäßiges Schreien bei jeder Kleinigkeit brachte mich immer wieder aus der Fassung, mein junges Leben erschien mir umsonst vergeudet, die Weiterentwicklung meiner Talente gegen eintönige, unausgeschlafene Heimexistenz eingetauscht, ich hatte keine Freude daran, Sachen zu erklären, die ich schon kannte, und zweifelte daran, ob ich die geeignete Beziehungsperson für mein Kind, überhaupt für ein Kind wäre. Auch wusste ich nicht, ob ich in meiner Arbeit es zu etwas bringen würde, ob ich klug und energisch genug wäre, und litt einerseits an den zwecklosen, deckungsgleichen Wochenenden, empfand sie wiederum auch als Strafe für mein Versagen während der vorangegangenen fünf Tage. Was wir dem Kind gaben, wurde von ihm nicht geschätzt, kein einziges Mal sagte es aus eigenem Wunsch heraus Danke, und das Komplizierteste daran war, dass wir kein Recht hatten, einen Dank zu erwarten, uns bewusst auf eine jahrelange einseitige parasitäre Beziehung eingelassen hatten. Glaubt er mir, dass ich ihn geboren habe, fragte ich mich abends, wenn sein zartes Gesicht einschlief, habe ich ihn überhaupt geboren, woher sollte ich es wissen, meinem Körper waren keine Spuren mehr davon anzusehen, keine Beweise, ich habe keine Nabelschnur gesehen, keine Geburt. Wie kann mein Mann glauben, dass ich ein Kind von ihm geboren habe, sein Leben von diesem Glauben bestimmen lassen, wenn nicht mal ich daran ganz glaube, und doch fungierte er als Zeuge dessen, was ich selbst nicht gesehen habe. Unser Zusammenleben basierte auf einem gegenseitigen, mal erstarkenden, mal abfallenden Glauben an unsere körperliche Verbundenheit, und ich war das Mittelglied zwischen dem Großen und dem Kleinen, von anderem Geschlecht zwar, vielleicht deshalb aber trotz aller Unbeherrschtheit akzeptiert, der Große war das Bindeglied zwischen mir und dem Kleinen und umgekehrt, drei hoch drei gerechnet, neun unterschiedliche Stränge, die uns verbanden. Ich putze das Waschbecken von Resten roter Kinderzahnpasta frei, sortierte Socken nach Formen und Farben, und erlangte nicht den Status einer Guten Mutter in den Augen anderer Frauen, Freundinnen, Kolleginnen, Bekannten, unserer Vermieterin, Kindergartenleiterin, Kinderärztin, meiner Mutter, alles, was ich tat, war ein obligatorisches Minimum, von Guter Mutter weit entfernt. Einmal die Woche kam eine Putzfrau, wischte das Treppenhaus und ich litt aus weiblicher Solidarität, wenn ich an ihr vorbeiging, vielleicht wäre es meine Aufgabe gewesen, die Treppen zu wischen, immer waren es Frauen, die Treppen wischten, warum sollte ich besser sein als sie. Was soll das denn sein, fragte er, weibliche Solidarität, und wir küssten uns, prallten mit den Mündern aufeinander, warm, weich, und wenn mich das andere, kleine, zarte Gesicht küsste, sah ich ein, dass ich auch daran zu glauben lernen musste, dass mein Kind mich mag, nicht für immer vielleicht, aber dass ich nichts zu verlieren hatte, außer als mich zu irren, und dass ich nicht alles bis ins Unendliche beweisen konnte.

118.
Zwei Arten von Leuten gab es, die einen fragten, wann wir ein zweites Kind bekommen, da uns das erste schon so gut gelungen, da wir ja gut miteinander auskamen und ein zweites sicher guttun würde, ein Verzicht auf ein zweites, ohne nachvollziehbaren Grund, war absurd und verdächtig, dass wir wohl doch nicht so gut auskamen miteinander. Und die anderen, die ignorierten auch das eine Kind, stellten es sich als eine Art zusätzliches Projekt vor, in das man je nach Möglichkeit Zeit investierte, eine kleine Beeinträchtigung, die mit genug Babysittern zu überspielen war, eine konservative Geste, Geschlechtsverkehr mit Kinderzeugung zu verbinden. Aufenthaltsstipendien etwa waren für freie Persönlichkeiten gedacht, die für fünf Monate nach Rijeka gingen, für zwei Monate nach Ahrenshoop, für ein Jahr in die Villa Massimo, einen dichten Lebenslauf erstellten, ohne jeden Abend Hausaufgaben zu kontrollieren, an Schulferien, Krankheiten, Wachstumsschübe gebunden zu sein. Zur Elite deutscher Künstler, wie in einer Ausschreibung bezeichnet, gehörten keine Künstler mit Kindern, oder keine mit kleinen Kindern, oder keine Frauen mit Kindern, das war klar und irgendwie seltsam, das hat mir keiner gesagt bisher, dass ich mich selbst wieder ausgeschlossen habe aus einem Kollektiv, zu dem ich gehören wollte, da half kein Migrationshintergrund, kein gutes Porträtfoto, obwohl ich nichts geändert hätte, wenn ich es könnte, nur, es musste einen Weg geben, das zu werden, was ich wollte, die Angst zu verlieren vor Abweisungen, mich weniger zu ärgern, oder einfach abzuwarten.

129.
Wenn wir abends, wenn das Kind schläft und wir uns gegenüber in der Küche sitzen, jeder an seinem Notebook, verspüren, dass wir uns gleichgültig geworden sind, zu vertraut und fremd zugleich, dass wir uns gegenübersitzen, weil wir ein gemeinsames Konto und ein gemeinsames Kind haben, die Grundmerkmale einer ehelichen Gemeinschaft, dass wir nie mehr, zumindest die nächsten zehn Jahre, zu zweit ins Theater oder ins Kino gehen und immer, jeden Abend, von Jahr zu Jahr, in der Küche sitzen werden, jeder an seinem Notebook, wenn wir das verspüren, wenn dieser Gedanke in dem Raum zwischen uns entsteht, immer größer, fester, prophetischer wird, werde ich wütend, klappe mein Notebook zu und fordere ihn zum Sprechen auf, er erschrickt, verteidigt sich, zieht den Kabel aus der Steckdose, überlegt, wir reden, dann steht er auf, küsst mich und schlägt vor, ins Wohnzimmer zu gehen.

 

(Foto: Mike Lange)

Slata Roschal – *1992, Studium von Slawistik, Germanistik, Komparatistik in Greifswald, z.Z. Promotion in Slawistischer Literaturwissenschaft an der LMU München, Veröffentlichungen von Lyrik und Kurzprosa in Literaturzeitschriften und Anthologien, Textwerkstätten (u.a. Edenkoben), 2019: Debütband Wir verzichten auf das gelobte Land bei Reinecke & Voß Leipzig. Diese Texte sind Auszüge aus einem laufenden Romanprojekt, 148 Formen des Nichtseins, das u.a. durch ein Arbeitsstipendium der Stiftung „Zurückgeben. Stiftung zur Förderung jüdischer Frauen in Kunst und Wissenschaft“ gefördert wurde.

Photo by Thomas Q on Unsplash

Randnotizen

Manchmal stößt man beim Scrollen durch die Timeline auf Texte, die den gewöhnlichen Strom aus Neuigkeiten, Selbstnarrativierungen und Sprachspielen weit hinter sich lassen und Statusmeldungen in Literatur verwandeln – Elisa Asevas Beiträge auf Facebook gehören zu diesem Genre. Wir freuen uns daher, dass wir Texte von Elisa Aseva in der Reihe 54stories präsentieren können.

 

10.11.2018, 21:45 Uhr

beim aufräumen die unscharfen fotos.
du auf dem sofabett, vor dem kacheltisch mit kram drauf.
das war der winter in dem wir die eissorten mit den meisten chemischen zusätzen durchgingen.
und die verfügbaren bestellservices, am liebsten chinabox wegen der verpackung mit den süßen drachen. es war der winter in dem wir uns die schwere decke teilten.
es gab nur diese eine, aber sie war groß wie ein see oder ein schwimmbad.
groß genug jedenfalls um nur kurz daraus aufzutauchen, aufs klo zu gehen oder das eis aus dem fach zu holen.
manchmal schwammen wir darin. ich suchte deine hand.
und dann gleiten durch die unterdecketiefen

– – –

rauhe seesternhaut, anemonenblick.

hörst du die wale?
jaaa.

– – –

wir durchfluteten uns, tauchten ineinander, neben dem griff in die chipstüte oder zur fernbedienung.
unser atem legte eisblumen auf die fenster, wir freuten uns darüber.
noch eines dieser wunder.
als immer öfter die türklingel ging, hielten wir die luft an um das lachen zu verdrücken. wenn es gar nicht mehr ging, pressten wir die münder in die decke und lachten stumm hinein.
du suchtest meine hand.
nachdem die heizung abgeschaltet wurde wärmten wir aus dem backofen, unserem “kamin” und tauchten noch tiefer hinab. bis es in den ohren rauschte.

bis ich eines morgens erwachte, aus dem bett und über die im zimmer verstreuten tüten und eisschalen stieg und vorsichtig die tür zuzog.
der morgenverkehr stand noch bevor, die strasse lag leer. durch den pyjama spürte ich warmen wind + beschloss dem salz in der luft zu folgen.

hey. ich hoffe es geht dir gut.
keine offenen rechnungen für nessie

 

24.11.2018, 15:46 Uhr

warte! nur noch rasch
den honig erwärmen bevor ich ihn dir
über die blassen kokosbrüste gieße
das fenster öffnen auf dass
schwarzer sesam hereinwehe
und kältemoleküle
deine süße speise kosten
rieche donner atme blitz
wenn sich die temperaturen
auf meiner zunge
begegnen

 

22.01.2019, 13:37

die deutschen mit ihrem distanzfetisch. selbst in engeren freundeskreisen gibt es recht klare vorstellungen, dies das sei PRIVAT, jenes schon wirklich grenzüberschreitend + wer zuviel von sich zeigt mindestens bemitleidenswert.

vielleicht hat der nationalsozialismus einen verborgenen dabei physischen ekel hinterlassen.
gefühle, so scheint es jedenfalls, schmecken den deutschen so gut wie saure milch.
+ nähe ist wenn du die toilette von einer person übernimmst nur um mitten in ihren dämpfen zu stehen

 

8.4.2019, 16:26 Uhr

geht man mit 1 kind an der hand durch 1 dunklen wald
wird man größer ruhiger stärker weil die ganze angst nun beim kind ist

das ist das seltsame talent der kinder

 

4.7.2019, 19:52 Uhr

ausländisch

ausländer – der begriff ist heute etwas verpönt aber ich hab ihn gern.
fragt mich wer ob ich deutsche sei sage ich:
gott nee, ich bin ausländerin.
auf weitere nachfrage dann: afrikanerin.
das gerne weil es leute oft richtig stört (“echt afrika? sieht man gar nicht so bei dir. dachte
brasilien/kuba/philippinen”). + es stimmt schon nur noch so halb, auch in äthiopien bleibe ich
ausländerin.

ein freies weites wort.
ich will wohnen wo die ausländer*innen sind, essen mit den ausländern,
ausländisch lieben, denken + wichtig: trauern – das machen sie hier einfach nicht.
ich träume also davon dass wenn ich einmal sterbe alle zu ausländer*innen geworden sind, jede für sich.

in den menschen liegt ein ausland. + wer weiß.
vielleicht grenzen wir mal aneinander

 

7.9.2019, 14:31 Uhr

alle reden vom osten, einige sind von dort, manche waren mal da.
mein bruder zb.
1993 wurde er per zvs dekret nach greifswald zum studium entsandt. bitten + flehen halfen nichts – nur weil da gerade ausländer abgefackelt werden können wir nicht das gesamte SYSTEM umstellen, schließlich immer noch deutschland, hier bekommt niemand eine extrawurst. na gut.
brav reihte sich mein bruder jeden zweiten tag in die ewige schlange vor der telefonzelle ein um seiner schwester + seiner mutter zu versichern “hallo hab’s wieder überlebt, bin immer noch da”. recht schnell wurde er teil einer clique von ausländer-medizinstudis – ein schweiz-iraner, ein weiterer äthiopier + ein fliegerjackentragender grieche namens stavros kanakis.
an den weiten ostseestränden träumten sie vom gewinn der greencardlotterie, einem discobesuch ohne stress + der gutlaufenden gemeinschaftspraxis. gemeinsam flohen sie vor faschos, letschogemüse + dem nächsten staatsexamen.

heute arbeiten alle als ärzte.
2 von 4 sollten eine psychotische episode erleben.
1 gewann tatsächlich bei der green card lottery.
3 sind nach jetzigem stand eltern von mehr als 1 kind.
stavros trägt immer noch den besten nachnamen der welt.
geblieben ist keiner

 

6.11.2019, 21:43 Uhr

gut küssen ist wenn’s flüssig wird. nein nicht nur spucke
ich meine tiefer, in den muskeln + anderen verhärtungen.
gut küssen ist wenn ich dich erreiche, halbfest
+ halbweich mache; nicht so dass du matsch wirst.
gut küssen ist zahnfleisch.
gut küssen ist fallen aber ohne angst. nach unten nach oben
hin + weg.
gut küssen ist eine gelegenheit:
in die wellen werfen + auf den grund sinken.
die fähigkeit besteht darin nicht ans ersticken zu denken.
wir atmen luft für generationen.
gut küssen wäscht ängstlichen furcht ab,
religiösen den glauben, müttern die sorgen.
wir senden fluten.
algen wehen, quallen steigen aus den brücken.

komm her koralle. dein riff setzt mich frei

 

5.12.2019, 07:33

ob es nochmal schneien wird?
in berlin macht mich das immer fertig, der unausweichliche matsch, die schmutzige beschwerlichkeit. beides in der stadt ohnehin reichlich vorhanden, nach dem schneefall kippt es dann. gut, das eine aufgeregte wochenende an dem isolierverpackte kinderballen in die parks strömen. ihre schlitten hinterlassen zugspuren, darin reste von silvesterknallern.
hier diese farbe von altem blut, da an der baumscheibe sulfursprenkel. von der hauswand wölben plakate runter – pisse diese band die sie jetzt mögen hat schon wieder gespielt. urin wäre der bessere name gewesen.
sowas regt mich manchmal auf, wenn es so naheliegend ist. nein es regt mich nicht auf. nur ein halber schmelzender egalgedanke.
bald wird es tropfen. schnee schmerzt mich, wenn er fällt hält alles andere an.

wir stehen am fenster, sehen durch die atembeschlagene scheibe. wechselndes ampellicht.
ich will die welt runterzählen, bis auf deine haut bis auf jedes wort dass es jetzt nicht braucht. bleib.

die autos fahren an, ziehen die verwehten bremswege nach. kiesel, kajal. ich setze kaffee auf, schalte das radio an. es wird nichts liegenbleiben, glättegefahr.
vielleicht schneit es auch einfach nicht mehr, nicht mehr so richtig. noch eine verletzliche stelle weniger.

 

7.12.2019, 15:02 Uhr

ostern

meine mutter hat zeitweise in einer grundschule geputzt die ich auch besuchte, sie erledigte das am frühen abend oder auch wochenends.
es kam vor, ergab sich aber nicht oft dass ich sie begleitete. ich half ihr dann mit kleinigkeiten wie dem reinigen der waschbecken (wichtig: armaturen zum glänzen bringen) oder der spiegel aber die meiste zeit saß ich nur auf den garderobebänken herum + las.
einmal bekam meine mutter einen anfall – erst atemnot dann spuckte sie in die toilette. ich durfte nicht nah herankommen sah aber rote spritzer auf dem boden.

ein andermal lagen osterkörbe, wir hatten sie am vormittag gebastelt + befüllt, auf dem fensterbrett gereiht. 24 osterhasen sahen mich an, eigentümliches gefühl. aus den besonders vollen körben nahm ich jeweils eine kleinigkeit heraus.
den nachhauseweg über war ich voller angst meine mutter könnte meinen schatz entdecken, aber mehr noch, jemand, etwas hätte draussen in der dämmerung in den büschen gesessen + mich im erleuchteten klassenzimmer beim stehlen beobachtet.
nächster morgen am selben ort:
wir bekamen die körbe ausgehändigt, der süßigkeiten-tauschhandel war umgehend eröffnet + niemand schien etwas zu vermissen oder zu bemerken. ich spürte nicht unbedingt schuld – mehr eine art weisung von den meisten dingen zu schweigen.

vielleicht war aber auch nichts geschehen. vielleicht war ich gestern nicht hier gewesen, meine mutter nicht krank, lauerte nichts da draussen wenn es dunkel wurde. vielleicht bildete ich es mir wirklich nur ein das leben

 

 

Elisa Aseva – lebt in Berlin + schreibt auf Facebook