Kategorie: Sonstiges

Soziale Distanz – Ein Tagebuch (4)

Dies ist der vierte Teil unseres kollektiven Tagebuches, in dem wir mit zahlreichen Beiträger*innen fortlaufend sammeln, wie der grassierende Virus unser Leben, Vorstellungen von Gesellschaft, politische Debatten und die Sprache selbst verändert. (hier Teil 1, Teil 2, Teil 3)

Das mittlerweile knapp 60 Seiten umfassende kollektive Tagebuch “Soziale Distanz – Ein Tagebuch” gibt es auch als vollständige Leseversion in Google Docs.

Es schreiben mit:

Andrea Geier: @geierandrea2017, Anna Aridzanjan: @textautomat, Berit Glanz: @beritmiriam, Birte Förster: @birtefoerster, Charlotte Jahnz: @CJahnz, Elisa Aseva, Emily Grunert, Fabian Widerna, Jan: @derkutter, Johannes Franzen: @johannes42, Magda Birkmann: @Magdarine, Maike Ladage @mai17lad, Marie Isabel Matthews-Schlinzig: @whatisaletter, Matthias Warkus: @derwahremawa, Nabard Faiz: @nbardEff, Nefeli Kavouras, Philip: @FreihandDenker, Rike Hoppe: @HopRilke, Sandra Gugić: @SandraGugic, Sarah Raich: @geraeuschbar, Shida Bazyar, Simon Sahner: @samsonshirne, Slata Roschal, Sonja Lewandowski: @SonjaLewandows1, Svenja Reiner: @SvenjaReiner, Tilman Winterling: @fiftyfourbooks, Viktor Funk: @Viktor_Funk

23.03.2020

 

Andrea, Tübingen

Jeden Tag spazieren zu gehen. Das hatte ich mir fest vorgenommen. Es hat letzte Woche fast geklappt. Diese Woche will ich es wirklich jeden Tag schaffen. Lunge lüften, Kopf lüften. Das mit dem Kopf war heute nicht drin. Ich bin meine übliche kleine Hausstrecke gelaufen am Neckar. Es gibt eine Stelle, an der Schwäne sind, und es braucht nur einen kleinen Schlenker, dann kann man sie ganz nah sehen. Ich liebe das. Heute bin ich einfach vorbeigelaufen, habe es erst danach gemerkt. War offenbar gedanklich nicht *da*, wo ich eigentlich sein wollte.

Sonja, Köln

Ich bin ruhiger. Vor dem Supermarkt um die Ecke wartet man jetzt vor der Tür bis ein Einkaufender herauskommt, ein Türsteher winkt dann wortlos den nächsten rein. Ich muss nicht rein, Klopapier habe ich am Wochenende für 4,50 an einem Kiosk gekauft.

Ich bin ruhiger, weil ich jetzt viel in Kontakt mit Freund*innen und der Familie bin. Die Videochats sind voll besetzt, dass sich der Bildschirm bei Whatsapp in vier kleine Fenster teilt, und bevor wir anfangen durcheinander zu reden, machen wir erst alle einen Screenshot von unseren digital dicht gedrängten Gesichtern.

Jeder Spielplatz, an dem ich vorbeilaufe, ist gerahmt durch Absperrband, das sehr selbstverständlich im Wind weht. Das katastrophische Denken, das meine letzte Woche beherrscht hat, hat sich in ein angenehmes Gefühl der Entschleunigung und Akzeptanz verwandelt. Ich genieße das Alleinsein, wenn ich weiß, dass ich es nicht bin. Außerdem habe ich nun einen Coronaabschnittsgefährten. Seit Freitag. Wir hatten schon vorher Kontakt, wohnen beide alleine, arbeiten von zu Hause aus und irgendwann habe ich mich dann getraut und gefragt: Möchtest du mein Quarantänepartner sein? Er hat Ja gesagt. Nun spazieren wir zusammen, kochen uns wechselseitig Essen und besuchen uns in unseren Mittagspausen, um uns feste zu umarmen. Es geht mir gut. Eine Freundin skyped mich an. Am Samstag hat sie mich aufgebaut, heute bricht die Situation über sie herein.


Meine Schwester leitet eine Whatsapp-Audiodatei unsere “Familie 2.0”-Gruppe weiter:

“Hi Leute! Ähm, der Schwager von dem Heilpraktiker von meinem Paketlieferanten, der arbeitet beim Robert Koch-Institut und die haben gerade Experimente durchgeführt und das vielversprechendste, was die jetzt herausgefunden haben, is äh, wenn man sich Wachsmalstifte in die Nase steckt, am besten rote und blaue, dann ist man immun gegen Coronavirus. Das is halt noch nicht offiziell und so, weil die Studien noch nicht veröffentlicht werden, die noch nicht so weit sind, aber, ähm, das kommt von ganz intern. Also wenn ihr euch schützen wollt, dann wollt ich’s euch auf jeden Fall weitergeben. Also seid immer sicher und, äh, geht am besten nicht raus, es sei denn mit Wachsmalstiften in der Nase. Tschüss!”

24.03.2020

 

Viktor, Frankfurt

@geraeuschbar hat mir „Zen-Buddhismus und Psychoanalyse“ empfohlen und darin schreibt Fromm: „Es gibt viele affektive Empfindungen, für die eine bestimmte Sprache keine Bezeichnung hat, während eine andere reich an Ausdrücken ist, die diese Gefühle benennen. (…) Allgemein kann man sagen, dass eine Empfindung selten bewusst wird, für die die Sprache kein Wort hat.“

Und wenn eine Sprache die Worte dafür hat, aber ein Mensch es nicht lernt, seine Empfindungen zu erkennen? Weil er zum Abstumpfen gezwungen war, oder weil er die Wörter nicht kennt, aber trotzdem empfindet?

Wie fühlt sich das Unabsehbare an? Das Ungewisse? Es liegt offenbar eine Grundnervosität über allem, zumindest deuten manche Einträge in diesem Tagebuch darauf hin und manche Tweets:

Ich wundere mich zugleich darüber, wie die erzwungene Entschleunigung auf mich wirkt. Ich lese mehr, ich lese langsamer (und ich lese auch sonst sehr langsam), ich klebe länger an einzelnen Sätzen, lese sie noch einmal und noch einmal und dann erinnere ich mich an ein anderes Buch, im Kopf entsteht eine Landschaft aus Büchern, die durch Pfade miteinander verknüpft sind, Gedankenpfade. Das befriedigt ungemein.

 

Maike

Immerzu verwundert. Ausnahmezustand ständig präsent, gleichzeitig seltsames Aus-der-Zeit-Fallen und ganz Gegenwärtig-sein. Der Lebensmitteleinkauf wie der Fall in einen dystopischen Roman.

Aber auch das plötzliche Aufatmen, weil die Leute Abstand halten und ich merke, wie gut mir das tut. Mir war nie klar, wie sehr mich das alltägliche Gedränge vieler Menschen belastet hat.

 

Shida

Heute ging es mir kurz so richtig gut, mit guter Laune und allem.  Ich habe dann überlegt, was ich davor gemacht habe, um es möglichst oft, am besten durchgehend, ganz genau so ab jetzt täglich zu wiederholen. Ich kam dann zu dem naheliegenden Schluss: Ich habe mich nicht mit Corona beschäftigt. Ich habe einfach nur lässig ge-care-arbeitet und Tee getrunken und dabei überhaupt kein Corona Moment Stopp noch mal zurück gespult bitte was war das das für ein Rauschen. Von wegen. Es war anders. Ich habe lässig ge-care-arbeitet und Tee getrunken und Radio gehört. Im Radio ging es durchgehend um Corona, wie immer, und ich habe konzentriert zugehört, nicht etwa an etwas Wunderschönes aus der Vergangenheit gedacht oder so. Es gab keine Pause von Corona, ich hatte nur ein paar Minuten später vergessen, dass ich mich mit Corona beschäftigt habe. Da war er dann also, der Beweis Nummer 2: Ich habe mich an all das gewöhnt.

(Das Rätsel über die Herkunft der guten Laune ließ sich übrigens nicht klären. Vielleicht waren es einfach erste Anzeichen des Durchdrehens. Wie neulich, als B. mir einen witzigen Tweet zeigte und wir beide für viele Minuten lachend auf dem Boden lagen, ohne Geräusche außer leisem Jauchzen von uns zu geben und dabei zu weinen, als hätten wir noch nie in unserem Leben etwas witzigeres gehört:

Wimmelbücher erscheinen heute trotzdem sehr aus der Zeit gefallen. Die bunten Bilder von vollen Straßen, Autos, Menschen, Hunden, machen mich nostalgisch, ungefähr so, als würde ich mir eine Folge Wetten dass…? aus den 90ern anschauen.

 

Slata, München

Es sind eher die Reste der Sozialität, die uns stören, einzeln würden wir wunderbar unsere Tage am Computer verbringen, einmal am Tag kurz rausgehen in die Felder vielleicht, um vergleichen zu können, wie das Wetter heute ist, wie es gestern war, wie es sein wird morgen, und sonst wären wir völlig zufrieden mit unserem produktiven, konzentrierten, unaufgeregten Dasein. So aber bilden wir ein Kollektiv, irgendwie, von außen und auch von innen, und zum Abend hin, wenn es unanständig wird, weiter am Computer zu sitzen, wissen wir nicht recht, können wir uns mit Mühe daran erinnern, wozu man ein Gegenüber braucht.

 

Emily, Rostock

An einem Sonntag ist das Ganze nicht weiter schlimm, es fällt mir kaum auf. Zum Anfang der Woche kommt dann die Unruhe zurück. Freund*innen erzählen mir wie sie – allein in ihren Wohnungen – plötzlich laut aufschreien oder um sich schlagen und meine Mutter ist deprimiert, weil es keinen Grund mehr gibt, schöne, unbequeme Kleider anzuziehen. Ich rede mit der Espressokanne und zähle rückwärts bis zu dem Tag, an dem ich das letzte Mal einen Menschen umarmt habe. Anfang letzter Woche habe ich mir Weidenkätzchen und Pfirsichzweige gekauft. Ich habe jetzt schon Angst davor, dass sie verblühen und ich beim Aufwachen auf leere Vasen schauen muss. Statt den Blüten der Magnolie im Innenhof beim Wachsen zuzusehen, schreibe ich Emails. Der Buchstabe „E“ auf meiner Tastatur funktioniert nicht mehr. Ich kann nur unter erschwerten Bedingungen Pandemie schreiben. Epidemie. Was noch geht: Virus. Isolation. Social Distancing. Traurig und taub. In meinem Kühlschrank liegen zu viele Bierflaschen und ein bisschen Sorge habe ich vor dem ersten Mal betrunken ins Bett gehen ohne ein Gegenüber gehabt zu haben.

Vor der Klinik ein Banner, das allen Menschen in systemrelevanten Berufen für ihre Arbeit dankt. Auf beide Seiten leuchtend rot gesprüht: ACAB.

 

Fabian, München

Es ist dann noch recht schwer, ein seit Monaten aufgeschobenen Projekt monatelang immerhin im Hinterkopf in die eine oder andere Richtung geschoben habend, an verschiedenen losen Enden weitergeschrieben, deren Anknüpfungspunkte dann oft verlorengehen, jetzt wieder anzupacken, jetzt, wo man Zeit hätte, einerseits, und andererseits dem Kälteeinbruch zum Trotz, der vorgestern den Garten vorm Balkon, zumindest ein paar Stunden lang, bevor die Sonne doch alles wieder weggetaut hat, schneebedeckt hatte daliegen lassen, das schöne Wetter dort draußen und ein doch noch erstaunlich diffuses Gefühl einer Einübung in den totalitären Staat, wenn draußen die Mannschaftswagen der Münchner Polizei unter Androhung harter Bestrafung zum Zuhausebleiben auffordern. Jetzt, drei Tage später, könnte man auf die Idee gekommen sein, was für einen hirnrissigen Eindruck das macht; oder an den entscheidenden Stellen fühlt man sich der Kooperationsbereitschaft der Münchner Bevölkerung ausreichend sicher; oder eine potentielle personelle Knappheit im exekutiven Bereich führt dazu, und wir sind nur samstags und sonntags dran, gut, wir werden sehen.

 

Marie Isabel, Dunfermline

Nun also die Insel im #lockdown. Heute früh auf dem Mobiltelefon eine entsprechende SMS. Direkt von www.gov.uk. Woher haben die nochmal meine Nummer?

Im Radio erzählen Menschen davon, wie die Pandemie ihren Alltag verändert. Einer psychisch Erkrankten ist die professionelle Unterstützung weggebrochen; sie hofft nun auf Nachbarschaftshilfe. Ein älterer Mann macht sich gut gelaunt in seinem Garten zu schaffen. Ein Theaterproduzent versucht, so viele Schauspieler wie möglich weiter zu beschäftigen. Eine Mutter berichtet glücklich, dass einer ihrer Söhne nach über zwei Dekaden Funkstille plötzlich bei ihr angerufen habe.

Als ich am Nachmittag zum alleinsamen Spaziergang aufbreche, scherzt mein Mann, ich solle das Handy lieber daheim lassen. Für den Fall, dass die Regierung überwache, wie lange und wie weit ich laufe. Wenn sie meine Schritte zählen würden, wäre das ganz praktisch. Später, auf freiem Feld, fühle ich mich beobachtet von einem Satelliten, der im All in gerader Linie über mir hängt. Beruhigend, die Blätter der Kastanien aus ihren klebrigen Ummantelungen hervorbrechen zu sehen und die Farbtupfer überall: violet, blaulila, dottergelb, weiß, grün (alle erdenklichen Varianten), kaminrot. Die elektronische Tafel eines Verkehrsschilds vermeldet stauvergessen: ‘Covid-19 essential travel only’.

Es ist an der Zeit, in meinem Gedankenpalast ein neues Zimmer einzurichten. Darin wird alles, was mit ‘Little Miss Corona’ zu tun hat, weggesperrt. Die Tür ist einfallslos blutrot, darauf, mittig und in zersplitterter Form, eine überlebensgroße Darstellung des Virus, wie man ihr momentan überall begegnet. In dieses Zimmer hineingelauscht und -geschaut habe ich bislang nur kurz, die Tür gleich wieder zugemacht. Not a pretty sight.

Heute abend per WhatsApp die Nachricht einer Freundin, mit der ich Freitag noch unterwegs war: Sie hat angefangen zu husten.

 

Birte, Darmstadt

Ich bin jetzt stolze Besitzerin eines temporären Zugangs zur Bayrischen Staatsbibliothek, damit ich da Digitalisate der Bücher lese und ggf. herunterladen kann, die im Büro liegen, in das ich nicht gehe. Die Beschaffungswege sind nahezu abenteuerlich, gegenseitig bietet man sich die Zugänge zu Bibliotheken an als würde man dealen. Ein Buch hat mir ein britischer Kollege als pdf über eine rumänische Kollegin besorgt, damit ich es den Studierenden zur Verfügung stellen kann. Eins ist am 19. März erschienen und weder an der Uni noch bei mir privat eingetroffen. Dafür kam heute nochmal Katzenfutter.

 

25. März

 

Sarah, München

Köpfe wandern vorbei an unserem Erdgeschossfenster, von morgens früh bis zum Sonnenuntergang zieht ein stetiger Strom vorbei. München spaziert und joggt, radelt und skatet. Wir wohnen in einem Randbezirk, hier ist die Stadt zu Ende, aber davor kommt noch ein Wald. In den Zeiten vor Corona war in unserer Straße nichts los. Es gab keinen Grund hierher zu kommen. Hier ist nichts. Noch nicht mal ein Briefkasten. Kein Zigarettenautomat und auch keiner für Kaugummis. Also kam niemand. Außer am Sonntag. Da kamen Menschen mit Hunden und solche ohne, und jene mit Kinderwagen und Laufrad im Kofferraum und suchten einen Parkplatz, um ihren Sonntagsspaziergang zu starten. Nun ist jeden Tag Sonntagsspaziergang. Das Ende der Stadt ist auf einmal beliebt.

Das noch etwas anders ist, fällt auf, wenn man mitgeht. Wo man früher aneinander vorbei schlenderte, einander ignorierte, um die gegenseitige Sonntagsfamilienblase nicht zu stören, geht man heute zögerlich aufeinander zu, beäugt den Abstand, wartet, lächelt ein wenig verschämt einander an. Corona, sie wissen ja.

Und irgendwie drängt sich Corona in alles, tropft in jeden Gedanken, wenn nicht als Wort, dann doch als Zustand, als Gefühl. Auch das Schreiben lässt es nicht in Ruhe. Obwohl doch schon ausführlich getwittert wurde, dass das jetzt verboten ist, über Corona schreiben. Nein, natürlich nicht. Weiß ja jeder. Will ja keiner. Und dann kommt es eben doch durch und zwängt sich aufs Papier.

Dieses makellose Blau

Es beginnt in der Ecke oben links, hinter dem Hochbett. Die Tapete verdunkelt sich, wirft schwarze Blasen, für einen Moment schein alles still zu stehen, und dann fegt der Feuersturm das Zimmer fort.

„Mama, du sollst bauen!“

Ob sie die Schmerzen spüren würden? Oder geht es so schnell, dass das Nervensystem blockiert, bevor die Gefühle durchkommen?

Sie geht in die Küche und steckt zwei Scheiben Toast in den Toaster. Der Raum ist dunkel und gemütlich, alles okay hier. Alles okay. Der Frischkäse ist schon ein bisschen eingetrocknet, eine gelbliche Kruste, die am Rand der Packung klebt. Sie hebt sie hoch zu ihrem Gesicht und sucht nach den dunklen Flecken von Schimmel. Die weiße Masse riecht wie immer, kühl, salzig und metallen.

„Mama! Essen!“ Die Freude in ihren Stimmen ist laut und grob, sie stupsen ihre kleinen Körper an ihren, springen auf der Stelle, die Arme nach oben gestreckt, als könnten sie so irgendwie ändern, dass ihr Kopf unerreichbar ist. Sie lächelt zurück, streicht über verstrubbeltes Haar, das Spiegeln von Emotionen ist so wichtig.

Die Sonne ist hell, der Himmel blau. So blau als wäre dahinter nichts, keine Schwärze, die auf die Nacht lauert. Er wirkt so echt, dieser Himmel über ihnen. Dabei ist Nichts an ihm wahr. Bloß eine Hülle zwischen ihnen und der Wirklichkeit, der Düsternis des Weltalls und den brennenden Sternen.

„Schau mal, ein Hubschrauber“, sagt der Kleine und zeigt hoch. Sie schaut nicht hin, da oben fliegt nichts, sie kennt das schon. „Ja“ sagt sie. „Schön.“

Wieder kommen die Flammen, diesmal fegen sie über die Straße, schmelzen den Asphalt, sie kann sehen, wie er zu kochen beginnt. Sie kann nicht aufhören, darüber nachzudenken. Ob es einen Moment des Schmerzes geben wird?

„Guck mal, was ich kann!“ Der Große ist auf das Mülltonnenhäuschen geklettert. Sie schaut, die Hand über den Augen, so dass die Sonne ihr nicht die Sicht nimmt. Er breitet die Arme aus, der ganze Körper gestreckt, ein festgefügter Zellhaufen voller Spannung. „Ich fliege!“ schreit er und stößt sich mit beiden Beinen vom kieselbesetzten Waschbeton ab. Sie macht einen Schritt vorwärts und breitet die Arme aus. Sein Körper schlägt auf ihr ein, fast stürzen sie zu Boden, aber sie fängt sich mit einem weiteren Schritt auf. „Hast du das gesehen?“ Er nimmt ihr Gesicht in die Hände, seine Augen blitzen vor Stolz. Sie nickt und fragt sich, wie das eigentlich geht, dass die Augen so aussehen können, so voller Gefühl. Es sind doch am Ende nur gefärbte Fitzelchen, die ein schwarzes Loch umklammern. Sie lässt ihn langsam zu Boden gleiten und streicht ihm über die Stirn. „Hast du gesehen?“ fragt er noch einmal. Sie nickt und nimmt seine Hand. Den Kleinen greift sie mit der anderen und wuchtet ihn auf ihre Hüfte. Er ist schon so schwer, aber wenn sie ihn trägt, muss sie nicht darauf achten, wo er gerade hinläuft. Wenn sie ihm zuschaut muss sie manchmal an einen schlecht programmierten Roboter denken, der hin und her irrt, Dinge aufhebt, wieder hinwirft, immer auf der Suche nach der Logik in seinem Programm.

„Wohin gehen wir eigentlich, Mama?“ Der Große fragt ohne Argwohn in der Stimme. Eine reine Neugierde, an die sie sich gern erinnern würde, aber sie weiß nicht, ob sie sich je so gefühlt hat. „Einfach ein bisschen die Straße entlang“, antwortet sie schließlich. Sie weiß, er würde nicht lockerlassen, wenn sie schweigt. Das hat er noch nie akzeptiert. Deshalb hat sie sich angewöhnt das zu sagen, was nach den vielen Filtern, die sie für ihn zwischen ihre Gedanken und ihre Worte legt, noch übrigbleibt. Wir gehen einfach ein bisschen die Straße entlang, weil es nichts gibt, wohin wir gehen können, weil es kein Versteck gibt.

„Warum können Menschen eigentlich nicht fliegen?“

„Weil wir keine Vögel sind.“ Sie weiß, das ist nicht genug als Antwort. Sie will anheben und etwas über Gewicht und Röhrenknochen sagen, über das Verhältnis von Spannweite und Körpergröße. Aber es gelingt ihr nicht so recht, die Gedanken so zusammenzufügen, dass sie sie aussprechen mag.

„Du fliegst, die ganze Zeit“, hört sie sich schließlich sagen. „Wir alle fliegen im Weltall.“ Auf dieser winzigen Kugel von der es kein Entkommen gibt.

„Cool!“ brüllt er und streckt seine Faust in die Luft. „Wie Superman! Wir sind alle Superman!“ Dann macht er sich los von ihrer Hand und klettert auf das Mäuerchen neben ihnen. „Fängst du mich auf der anderen Seite auf?“

„Ja“, sagt sie. „Natürlich.“ Sie blickt hinauf in den Himmel. In dieses makellose Blau.

 

Marie Isabel, Dunfermline

Eigentlich sollte ich heute mit meiner Schwester in Deutschland ihren Geburtstag feiern. Beim Aufstehen merke ich, wie traurig ich bin, nicht bei ihr zu sein. Um ihr dennoch gut gelaunt gratulieren zu können, schicke ich erst einmal Nachrichten in alle Himmelsrichtung mit der Frage danach, wie es Freund:innen geht. Von der Mehrheit positive Rückmeldungen. Ein oder zwei bedenkliche Nachrichten. Ich halte die Daumen, versuche aus der Ferne da zu sein. So, wie frau es bei mir gemacht hat, als es mir schlecht ging. Wer es nicht selbst erlebt hat, ahnt vielleicht nicht, wie wichtig selbst kleinste Gesten der Zuneigung in schweren Zeiten sind. Wie nachhaltig sie wirken.

Deutschlandfunk Kultur berichtet über den PEN-Aufruf, der sich gegen die Verwendung des Begriffs ‘soziale Distanz’ und für Alternativen wie ‘körperlicher Abstand’ ausspricht. Berechtigt. Denke über ein positiveres Covid-19 Vokabular nach. ‘Solidarischer Abstand’ finde ich gut. Statt ‘Ausgehverbot’ fällt mir nur ‘Daheimbleiberlaubnis’ ein – zu nah am Euphemismus, oder? ‘Massenansammlungen’ sind ja eigentlich ‘Zusammenkünfte Vieler’. Von diesem Punkt aus weiterdenken, bitte.

https://www.deutschlandfunkkultur.de/autorenzentrum-pen-gegen-begriff-soziale-distanz.265.de.html?drn:news_id=1113373

Auf meinem Nachmittagsspaziergang laufe ich anarchisch quer über den Golfplatz in unserer Nähe (Schottland hat gefühlt an jeder Ecke einen). Bislang habe ich mich fast immer nur brav am Rand herumgedrückt, nun fülle ich die weißen Flecken meiner mentalen Landkarte mit Farbe. Mir begegnen Bäume, Eltern, Kinder, Hundebesitzer, Vierbeiner, Vögel – 16 Elstern auf einen Schlag (ist das ein gutes Omen?). Die Geistergolfspieler stets unter uns, das Klackern der Bälle herrlich abwesend, ein Abenteuerpark, der darauf wartet, dass die Natur ihn zurückerobert. Irgendwie fühlt sich dieser leere Golfplatz wie die perfekte Metapher für den gegenwärtigen Zustand der Welt an, ich weiß nur noch nicht genau, warum.

 

Viktor, Frankfurt

Noch keine Gedanken dazu:
US-Pflegekräfte aus Krankenhäusern berichten aus ihren Corona-Erfahrungen und verschaffen damit einen Einblick in ein System, das sonst unsichtbar bleibt.

https://www.nytimes.com/2020/03/25/business/media/coronavirus-nurses-stories-anonymous.html

Wenn ich nicht in der Redaktion bin, versuche ich, mich nur ein-, zweimal am Tag gründlich zu informieren. Sonst werde ich zu unruhig und kann mich anderen Dingen nur schlecht widmen. Die digitale Nachrichtenwelt lässt einen nicht in Ruhe, wenn wir uns ihr nicht selbst entziehen. Dabei entwickelt sich alles, selbst bei Corona, nicht so schnell, wie die immer auf Klicks bedachten News-Sites es suggerieren.

 

Slata, München

Drachensteigen macht man im Herbst, brummt Emil, Ihr könnt das selber machen, aber dann, in den Feldern, findet er es toll und will die Führung übernehmen. Der Wind ist so stark, dass der Drache reißt, immer wieder kopfüber ins Gras fällt, wir falten ihn zusammen, wickeln die Schnur auf, tasten uns zurück, nach Hause.

 

Fabian, München

Eine, man lässt sich, heute Büro, dann Mittagessen und ein wenig, zwei, Sport, später Netflix und später den Freunden in und aus Österreich beim Spielen zuhören, drei, getoastetes Brot, Steam ist offenbar überlastet, eine Weile lang nur das Klicken der Schalter der mechanischen Tastaturen, vermutlich braune, vier, Switches, oder auch nicht, was weiß man schon, so genau hört man nicht, stattdessen eine Runde Starcraft, eine Mission einer Kampagne, die er selbst nach zwanzig Jahren Spielerfahrung, fünf, noch nicht zu Ende gespielt hat, ein wenig Sport, als hätte man sonst nichts zu tun, man hat ja sonst nichts zu tun, wenn ich das Büro heute mal nicht mehr ins Zimmer lasse, sechs Serien, mehr zur Gewährleistung zuverlässigen, allerdings, Hintergrundrauschens zur Grundierung der Nicht-gerade-Langeweile, aber eines, acht, nicht gerade Angekommenseins in den neuen Umständen, läuft die etwas, aber immerhin auf sympathische Weise alberne ORF-Netflix-Co-Produktion, neun, “Freud”, zehn, und gut, eine 610Serie Liegestütze zu guter Letzt, oder zumindest heute.

 

Simon, Vorort von Freiburg

Diese Wohnung hier fühlt sich an wie eine sichere Burg, solang ich nicht raus muss, erscheint alles einigermaßen ruhig. Doch in ruhigen Momenten kriecht doch eine Unruhe die Beine herauf, manchmal fällt einen die Absurdität der Situation hinterrücks an und schleicht sich dann den Rücken hinauf, fällt dann wieder ab und kauert knapp über dem Boden. Wartet dort.

Gleichzeitig spüre ich wie eine seltsame Gewöhnung eintritt, die mich auch wiederum beunruhigt. Ich meine, diese Gewöhnung auch in der Berichterstattung zu spüren. Der Deutschlandfunk hat einen neuen Podcast unter dem Titel Alltag einer Pandemie. Es hat keine zwei Wochen gedauert bis wir die Situation teilweise zum Alltag erklärt haben und jeden Abend beim Kochen höre ich die täglichen Berichte aus verschiedenen Regionen des Landes. Auch die Fallzahlen scheinen nachlässiger veröffentlicht zu werden oder vielleicht bilde ich mir das auch nur ein, weil ich die Seiten des RKI, der John Hopkins University und der Badischen Zeitung nicht mehr im regelmäßigen Rhythmus von 15 Minuten neu lade. Diese vermeintliche Ruhe fühlt sich trügerisch an, als wüssten wir noch gar nicht, was da auf uns zukommt und als glaubten wir auch noch immer, dass das Schlimmste vielleicht doch an uns vorbeiziehen würde. Auch meine ich in meinem Umfeld eine Beruhigung festzustellen, die Gespräche in Chats und in den Skype-, Facetime- und Zoomanrufen drehen sich nicht mehr ausschließlich um Corona.

Die warme Frühlingssonne dieser Tage macht das alles noch surrealer. Wenn man spazieren geht, über die Felder und die letzten Wochen vergessen würde, nichts würde darauf hindeuten, dass gerade Chaos herrscht.

 

Emily, Rostock

Es gibt eigentlich nur noch zwei Handlungsorte: meine Wohnung und den Hafen, der am Ende der Parallelstraße beginnt. Solange ich mich nicht aufraffen kann, den Schlauch meines Fahrrads zu reparieren, ist mein Radius furchtbar beschränkt. Heute der erste Tag, an dem ich hinterfrage, wozu es gut ist, aufzustehen und mir die Haare zu waschen. Die meisten meiner Freunde verbringen die Quarantäne mit ihren Partnerinnen und ich versuche eine halbe Stunde lang, die Katze der Nachbarn auf meinen Balkon zu locken. Aus der Ferne die Nachricht „Be my Quarantine“, auf die ich keine Antwort weiß. Alle Arbeitskontakte, die mich anrufen, haben ihre Nummer unterdrückt, weil sie so ein kleinwenig Kontrolle behalten. Ich denke, es wird Zeit, die Schrauben an meinem Wasserhahn nachzuziehen und die Schublade meines Kleiderschranks zu reparieren. In anderen Städten wird abends um 19 oder 21 Uhr applaudieren. In meinem Hinterhof beginnt ein Blockflötensolo und dann singen sie gemeinschaftlich „Der Mond ist aufgegangen“. Weil es noch immer hell ist, kann ich sie dabei beobachten.

 

26. März

 

Jan, Hannover

Der Beginn der räumlichen Distanzierung ging zunächst einher mit neuen (oder eben gar nicht so neuen, aber bisher von uns nur selten genutzten) Formen der Online-Gemeinsamkeit: Der abendliche Sun-Downer mit Freund*innen aus drei Städten auf Skype oder im WhatsApp-Videochat. Gemeinsam kochen und essen mit den Nachbarn in Facetime. (Die Online-Bandprobe meiner Frau mit ihrem Gitarristen scheiterte allerdings, zu viel Zeitversatz.) Ersatz-Gemeinschaft im Display.

In Woche 1 der Sozialen Distanz habe ich mehr Zeit mit Facetime verbracht als vorher in drei Jahren zusammengenommen. Man lässt sich lustige Sachen für die Bildgestaltung einfallen, schiebt ein niedliches Stofftier vor die Kamera oder wählt eine expressionistische Kameraperspektive und Lichtsituation. Ich habe mir sogar eine Smartphone-Halterung für meine Kamerastative bestellt, um keine abenteuerlichen Konstruktionen mehr bauen zu müssen, wenn man beim Videochat beide Hände freihaben möchte.

Aber jetzt beobachte ich eine gewisse Videomüdigkeit bei mir, cam chat fatigue. Das aufgekratzte Durcheinanderkrähen, das aus dem zu kleinen Smartphone-Lautsprecher plärrt, und die leicht überdrehte Euphorie beim virtuellen Anstoßen empfinde ich zunehmend als anstrengend, ich beobachte mich dabei, wie sich mein Gesicht in eine Kulisse verwandelt. Ich grinse unentwegt in die Kamera, obwohl ich eigentlich nur müde bin, und kontrolliere ständig das Bild, das wir von uns machen, im Minifenster oben links. Und die unaufhörlichen, unausweichlichen Corinna-Witzchen strengen mich an, obwohl ich natürlich unentwegt selbst welche rausfeuere, gute wie nicht so gute, ich kann gar nicht anders. Das ist noch zwanghafter als Händewaschen. Lachen soll ja bekanntlich die beste Medizin sein, aber es kann auch eine verdammt bittere Medizin sein.

Mittlerweile hat die Häufigkeit der Online-Zusammenkünfte wieder abgenommen, und ich habe nicht den Eindruck, dass es nur an mir liegt. Es ist schön, sich zu sehen. Aber manchmal macht einem der schwarze Rahmen des iPhone-Gehäuses, der die Gesichter der anderen einhegt, die herrschende Distanz nur noch schmerzlicher bewusst.

 

Nefeli, Hamburg/Berlin 

Vor zwei Tagen hat mich S. mit dem Auto aus Hamburg abgeholt und nach Berlin verfrachtet. So sind wir eben zu zweit in Quarantäne und ich bin nicht allein meiner Misere ausgesetzt. Seine Wohnung ist größer, aber mein Traum, alle Nachbar:innen um 21 Uhr dazu zu bringen, “Someone like you” von Adele zu singen, ist hier bei all den älteren Menschen nicht möglich. Auf der Autobahn wurde S. geblitzt und kurz darauf sahen wir eine Sternschnuppe, die senkrecht ins Nichts fiel. Als käme mir das Leben, die Welt und mein Sein nicht schon komisch genug vor. Und dann schämte ich mich, weil ich mir nichts Sinnstiftendes wünschte, sondern nur etwas Privates. S. hat mir später das Handyspiel “Drop the Number” gezeigt, ich habe es innerhalb von zwei Tagen des intensiven Spielens schon geschafft, 44.738 Punkte zu erzielen, was wirklich gut ist, aber vielleicht sollte ich mein Selbstbewusstsein nicht aus einem Handyspiel ziehen. Und so ein wirklicher Trost ist es auch nicht, wenn ich die 16 auf die 32 ziehe und dann die nächste 16 kommt und dann ploppt es und ich denk mir “geil”. Ich hab wenig Struktur, jetzt noch weniger als Pre-Corona. Da tut es gut, S. um sich zu haben, der eine feste Abendroutine hat, der auch viel rausmöchte. Ich würde ja ansonsten wirklich nur drinbleiben. Mich macht Sonne nicht glücklicher. Sie ist einfach da, das ist okay. Heute Abend gibt es Fisch, ich muss daran denken, meine Mutter anzurufen. Und ich will mich auch bei meinen Freund:innen melden, die alle allein in ihren Wohnungen sitzen. Und Mails schreiben. Und Abrechnung machen. Den nicht ausgetrunkenen Tee von gestern trinken. Aufpassen, mich nicht zu betrinken. Nicht auf YouTube versacken. Jetzt wäre die Zeit zum Lesen da aber ich bin so unkonzentriert. Und jammern bringt auch so furchtbar wenig, es ergeht ja zu vielen so.

 

Matthias, Jena

Vermutlich geht es mir nicht anders als den meisten, aber der tägliche Blick auf die Fallzahlen und dann der Klick zum Desktop-Taschenrechner, um die Steigerungsrate zu gestern auszurechnen, ist ein Ritual geworden. Meine Lieblingsmedizinerin findet, die Zahlen sähen gar nicht so schlecht aus, insbesondere die sehr geringe Sterberate in Deutschland findet sie beeindruckend. An ihrer Klinik werden inzwischen alle stationären Aufnahmen routinemäßig getestet. Von Twitter aus gesehen kann man hingegen meinen, dass gerade ein abgewirtschaftetes Gesundheitssystem unter der Seuche zusammenbricht und die Eingriffe in die Freiheit der Bevölkerung zugleich den Weg in einen totalitären Post-Covid-Staat bahnen. Je länger der ganze Zustand dauert, desto allergischer werde ich gegen eine bestimmte Sorte politischer Hottakes. Ich muss darauf achten, in dieses Tagebuch nicht immer nur dieselben Beschwerden darüber hineinzuschreiben.

Mein Arbeitsalltag ist so normal, dass es mir fast Angst macht. Dabei ist nichts von dem, was ich tue, irgendwie »systemrelevant«. Ich rechne damit, dass ich in spätestens 2–3 Wochen mit mehr oder minder sanftem Zwang dazu herangezogen werde, irgendwelche Verwaltungsaufgaben in Testlabors oder beim Gesundheitsamt zu machen.

Wir haben die Sorge wochenlang weggeschoben, aber langsam beschäftigt auch uns die Frage, was wir tun, wenn unser Toilettenpapier alle wird. Die Regale scheinen wirklich nachhaltig leergefegt. Als braver Jenaer Bürger habe ich bei einem größeren Anfall von Online-Shopping heute auch schön beim lokalen Einzelhandel bestellt, zwar nur zwei Instrumentenkabel, aber immerhin.

Soziale Distanz – Ein Tagebuch (3)

Dies ist der dritte Teil unseres kollektiven Tagebuches, in dem wir mit zahlreichen Beiträger*innen fortlaufend sammeln, wie der grassierende Virus unser Leben, Vorstellungen von Gesellschaft, politische Debatten und die Sprache selbst verändert. (hier Teil 1, Teil 2)

Es schreiben mit:

Andrea Geier: @geierandrea2017, Anna Aridzanjan: @textautomat, Berit Glanz: @beritmiriam, Birte Förster: @birtefoerster, Charlotte Jahnz: @CJahnz, Elisa Aseva, Jan: @derkutter, Johannes Franzen: @johannes42, Magda Birkmann: @Magdarine, Marie Isabel Matthews-Schlinzig: @whatisaletter, Matthias Warkus: @derwahremawa, Nabard Faiz: @nbardEff, Philip: @FreihandDenker, Rike Hoppe: @HopRilke, Sandra Gugić: @SandraGugic, Shida Bazyar, Simon Sahner: @samsonshirne, Slata Roschal, Sonja Lewandowski: @SonjaLewandows1, Svenja Reiner: @SvenjaReiner, Tilman Winterling: @fiftyfourbooks, Viktor Funk: @Viktor_Funk

19.03.2020 

 

Jan, Hannover

Vor ein paar Tagen habe ich meinen Lieblingsnachbarn Ph. auf dem potemkinschen Parkplatz hinter dem Haus getroffen. Wir haben uns die Ellbogen gegeben. Ph. erzählte, dass die Patienten ihm die Klopapierrollen aus der Praxis klauen. Einen habe er letzten Freitag dabei erwischt, wie er auf dem WC die Handwaschlotion aus dem Wandspender in eine mitgebrachte Flasche umfüllte. Das fortwährende pfft-pfft-pfft war auch durch die geschlossene Tür zu hören gewesen und hatte ihn verraten. Das Mitführen einer leeren Flasche verriet Planung und Vorsatz. Ph. ist Franzose, er sagt, Quarantäne mache ihm nichts aus, er habe genug Wein im Keller, «viel Spaß mit Eurem Klopapier!» Wenn er «Ihr» zu mir sagt, meint er immer die Deutschen. Seine beiden Töchter heizen mit ihrem Longboard über den Hof.

 

Andrea, Tübingen

Bin immer noch erstaunt, wie unterschiedlich die Rede von Merkel gestern aufgenommen wurde. Den einen hat sie viel zu wenige wichtige Themen angesprochen (zB fehlte europäischer Austausch/Solidarität etc.), anderen hat sie viel zu lange gesprochen. Vielen war sie nicht nachdrücklich genug, andere loben, dass sie die Balance in der Krisenkommunikation zwischen Panik und wir schaffen das gewahrt hat. Vielleicht sind die unterschiedlichen Reaktionen aber gerade auch ein Zeichen dafür, dass es eine Quadratur des Kreises-Aufgabe war und sie es dafür doch wirklich gut gemacht hat? Ich fand die Wiederholungen in den Appellen sehr gut, & gleichzeitig die Abstufung der Hierarchie, indem sie zB erst über die Pflegekräfte und dann über ökonomische Sorgen gesprochen hat. 

 

Slata, München

Wenn das Erste, früh morgens, mit einem halb geöffneten Auge unter der Bettdecke, als erste Nachricht bei facebook, das Wort Ausgangssperre ‒ nichts fürchte ich so sehr wie Fremdanweisungen, wie staatliche, elterliche, sonst welche Kontrolle, uniformierte Männer, die darüber zu bestimmen haben, wo und wie ich lebe, die Möglichkeit schon allein, allein dass es ausgesprochen und ausgeschrieben wird, mir wird schwindelig und übel, und das eine Auge beginnt zu zucken. Sollen sie doch alle, sage ich laut, unter der Bettdecke, sollen sie doch, sind wir nicht überaltert als Gesellschaft, tun uns solche Viren nicht gut, aus irgendeinem Grund entstehen die, natürliche Selektion vielleicht, ja, vielleicht Selektion und so. Sind meine zwei Wochen Lebenszeit, in denen ich wahnsinnig werde, jeden Abend mich mit zuckenden pulsierenden Augen ins Bett lege, sind sie nicht etwa mehr wert als ein verbliebenes Lebensjahr, nehmen wir an, sowieso verbliebenes, einer alten, faltigen, vor sich hin lebenden Alten, wer nimmt sich das Recht heraus, darüber zu entscheiden, zu messen und abzuwägen. Schätzen sie das überhaupt, sage ich laut, was wir hier alles machen, um sie zu schützen, die abstrakten Gestalten, aus humanistischen Motiven heraus, werden sie sich bei uns bedanken dafür. Sollten die Nachbarn von unten, von gegenüber und die ganze Straße weiter nicht enteignet werden, alle, die einen Garten haben, ihre Kinder toben lassen an der frischen Luft, Frühlingsanfang, erste Sonne und so, während wir hier, als ob unsers das nicht nötig hätte, Verdachtsfälle, Kontaktpersonen, scheiß Wörter haben sie erfunden, und dann höre ich auf, halte still, denn ich habe noch nie das Wort scheiße ausgesprochen, habe sie immer gemieden, die deutschen Analflüche, und jetzt, so weit ist es mit mir gekommen.

 

Birte, Darmstadt

Im Netz kursiert ein Video mit jungen Leuten auf einer Partymeile, die trotz Pandemie weiterfeiern wollen. Weiter erleben. Was für Idioten, habe ich gedacht. Aber vielleicht, weil mein Erleben nur einfach Corona-kompatibler ist, ich es auch genießen kann, nicht pendeln zu müssen und schon an interessanten Orten war, weil ich doppelt so alt bin und vermutlich über bessere finanzielle Ressourcen verfüge. Es sind ja keine Luxusreisende, die man da sieht. Ich muss mich korrigieren.
Ein apokalyptischer Kollege erklärt die Situation zum Drehbuch für die Machtübernahme durch Rechtspopulisten. Ich sehe vor allem die teilweise Beschränkung von Konsum. Das Profilieren in dieser Situation überlasse ich dann doch lieber Herrn Drosten. Kritisch beobachten kann man die Maßnahmen zur Eindämmung neuer Ansteckungen ja auch ohne derlei unsaubere Drohszenarien.
So viele Hinweise im Internet, wie man sich verhalten soll, wie man durch die Krise kommt, wie man Mut, Humor oder was auch immer nicht verliert, dabei fühlt sich alles so fern von mir an. Wie Bettina Hitzer in “Krebs fühlen” schreibt, Gefühle sind zugleich universal und individuell. Meine passen gerade nicht zur Ratgeberliteratur. Ich rufe jetzt Freundinnen an.

 

Viktor, Frankfurt

Es ist so viel einfacher für andere da zu sein als für sich selbst. Heute morgen ruft mich eine Freundin aus Stockholm an, weil sie Stress mit ihrem Chef befürchtet. Der Stress ist nur in ihrem Kopf, ihrer Fantasie, und diese fantasierte Sorge treibt sie an, lässt sie Pläne schmieden, die wahrscheinlich mehr schaden als nutzen würden. Und wir reden, sie kommt runter – Slow. It. Down. – und etwas später schreibt sie mir per WhatsApp, dass alles gut sei, der Chef cool war und sie sogar nun eine Referenz für ihre Arbeit selbst verfassen soll. (Es ging um die Bewertung ihrer Arbeit.) Und etwas später bin ich in einer Stresssituation und mache was? Genau – ich schaffe es nicht, zu bremsen und motze rum. Stresszeiten sind wahrlich spannende Zeiten, wie ein Spiegel, in den wir reinzublicken gezwungen sind. 

Marie Isabel, Dunfermline

Heute morgen auf Twitter ein Foto von Militärfahrzeugen, die 60 Tote aus Bergamo in Krematorien anderer Städte transportieren. Der heimatliche Friedhof hat keinen Platz mehr für sie. In Friedenszeiten ist man nicht darauf vorbereitet, zu viele Menschen auf einmal zu beerdigen. Die toten Körper selbst finden nicht ins Bild, dafür die Särge, die sie umhüllen und die metallenen Autos, in denen sie reisen. Es wirkt pietätlos, fremde Menschen im Tod öffentlich zur Schau zu stellen. Dürfen das nur Kriegsberichterstatter heutzutage? Um Zeugnis abzulegen, Gewalttaten anzuklagen? Die Verheerungen, die das Virus anrichtet, sind unserer Fantasie überlassen. Sterbende bleiben isoliert, nicht einmal Angehörige dürfen zu ihnen. Der Weg, den letztlich jeder allein geht, ist nun ein einsamer. Ihre Gesichter sehen wir dann manchmal doch: Wenn sie uns aus italienischen Todesanzeigen entgegenblicken, noch aus dem Leben, aus ihrer Vergangenheit in unsere Gegenwart. 

 

Svenja, Köln
Wie oft kann man den Boden saugen? Wie oft kann man die Fensterscheiben putzen? Wie oft kann die Tischplatte durch das schräg einfallende Licht betrachten und die Oberfläche schmierig finden? Und die Fließen in der Küche? Und die Türrahmen. Und die Türgriffe. Und die Fußleisten. Und die Küchenschränke. Und überhaupt alles, was sich in dieser Wohnung befindet. Ich habe eine Neigung zur Reinlichkeit, vor allem, wenn ich sie bei all der Sonne ständig überprüfen kann, deswegen arbeite ich tagsüber oft in Bibliotheken. Jetzt bin ich alleine mit dem Staub. Und der Essigreiniger ist fast alle.

 

Berit, Greifswald

Es ist schwierig nachzudenken, geschweige denn zu arbeiten, wenn fünf Leute in einer Stadtwohnung versuchen eine Art von Alltag zu erzeugen, Schule weiterzuführen, die Arbeit nicht fallenzulassen, den Boden von Lego zu befreien, Wäsche zu waschen, Mahlzeiten zu produzieren. Bis jetzt hält sich der Streit in Grenzen, aber ich merke, wie ich an den Rändern immer mehr zerfasere. Ich sehe Bilder von zu Notfallambulanzen umgebauten Messen auf Twitter und gleiche sie in meinem Kopf mit den Schwarz-Weiß Fotos von Notfalllagern der Spanischen Grippe ab, an die ich mich erinnern kann. Ich weiß nicht genau, ob mir diese historische Perspektivierung Angst macht oder mich beruhigt.  

Hoffnung macht mir ein Zeitungsartikel über den erfolgreichen Versuch Bestandteile von Beatmungsmaschinen mit dem 3-D-Drucker nachzudrucken. Das wird Leben retten. Natürlich folgen auf die gute Nachricht Berichte, dass der Hersteller der aktuell nicht-lieferbaren Beatmungsmaschinen einen Patentbruch festgestellt hat. Solidarität und Innovation im akuten Notfall werden gegen marktwirtschaftliche Mechanismen ausgespielt. Diese Konflikte wird es wahrscheinlich jetzt häufiger geben – oder sind sie nur sichtbarer?

 

Philip, Göttingen

Meine hochfliegenden Pläne, auf entspannte Weise produktiv zu sein, sind Makulatur. Ich hatte mir vorgenommen endlich ohne Druck die Texte zu lesen und zu schreiben, die seit einiger Zeit in der Warteschlange hängen. Jetzt stelle ich fest, dass ich starke Schwierigkeiten habe, mich zu konzentrieren. Jeder Absatz braucht gefühlt eine Viertelstunde. Selbst zu diesem Tagebuch habe ich in den letzten zwei Tagen nichts beigetragen. Ich verbringe (verschwende?) viel Zeit damit, durch meinen Twitter-Feed zu scrollen, in der Hoffnung, etwas Interessantes zu sehen. Dort bekommt ein Tweet, der die Pandemie als “Earth’s Vaccine” feiert und verkündet: “We’re the virus”, fast eine Viertelmillionen (Stand 14:30) “Gefällt mir”-Angaben. Viele widersprechen, aber das so viele Menschen diese Art der scheinbar tiefgründigen Betrachtung gut finden, macht mir Sorgen. Als Philosoph, denke ich mir, wäre ich hier berufen, etwas dazu zu sagen. Aber ich glaube nicht, irgendwen zu einer anderen Ansicht bringen zu können.

 

Shida
Gestern war ich spazieren, weil ich nach Tagen der Krankheit (kein Fieber + kein Husten = kein Corona?) wieder fit genug dafür war.

Die Straßen waren erstaunlich belebt. Wenn mir jemand entgegenkam, lächelten wir uns an. Ehrlich wahr, alle lächelten. Die meisten Leute waren alt. Risikogruppe. Sie lächelten und machten gleichzeitig einen Bogen um mich, während ich lächelte und gleichzeitig auch einen Bogen zu machen versuchte. Das Wort „Risikogruppe“ gebührt eigentlich eher mir als euch, dachte ich. Ich bin doch hier das Risiko. Ihr geht einfach nur spazieren und lächelt.

Heute Spaziergang Nummer 2. Merkels Ansprache scheint zu wirken: Es ist deutlich menschenleerer. Es wird aber auch nicht gelächelt. Auch nicht, als mir auf dem Bürgersteig drei Menschen entgegenkommen. Wir wissen nicht, wie wir aneinander vorbeikommen sollen. Die drei und ich. Wir bleiben alle vier voreinander stehen und es passiert nichts. Nichts! Ich weiß nicht, wie wir uns am Ende weiterbewegt haben. Wir sind auf jeden Fall alle vier noch neu im Land der Social-Distancing-Spaziergänge.

Nach beiden Spaziergängen habe ich komatös geschlafen. Das macht mir Angst. Dass ich in ein paar Tagen denke: Wie konnte ich nur so selbstverliebt sein zu denken, mich würde der Virus verschonen. Und dann denke: Wen habe ich vor meiner Isolation (heute ist es Tag 6) alles in Gefahr gebracht? Erst mal versuche ich zu denken: Das ist eine ganz normale kleine Grippe wie ich sie ständig habe. 

 

Sandra, Berlin

Hardcore Homeoffice mit Kind. Tagsüber Grüner Tee, abends Gin Tonic. Wir erfinden neue Rituale im Großen und Kleinen um den neuen Alltag zu bewältigen. Mein Partner und ich ringen um Zeit und Nerven, versuchen unsere Arbeit weiterzubringen. Die Sonne scheint, das Kind will und muss auch mal raus, rennen, laufen, atmen. Also heisst es für einen von uns, möglichst täglich einen möglichst menschenleeren Flecken Grün zu finden, wo ein bisschen Freiheit und Bewegung möglich ist. Und ja, wir sind privilegiert, weil wir homeoffice machen können, und nein, ich bin es eigentlich überhaupt nicht, weil ich immer homeoffice mache, überhaupt das letzte Jahr, all die Abende, Nächte, Wochenenden arbeiten und tagsüber das Kind betreuen, mangels Kitaplatz. Und jetzt, endlich, haben wir einen und (verständlicherweise) hat die Kita zugemacht, noch bevor wir mit der Eingewöhnung beginnen konnten. Ich hätte heulen können. Die Babysitterin, die uns ab und zu geholfen hat, ist seit ein paar Tagen in Quarantäne und würde im Moment ohnehin nicht kommen (was wir alle für das Beste halten), sie schreibt, dass sie das Kind schon vermisst. Ich hoffe, dass sie gesund bleibt. Wir schreiben via whatsapp und reden einander gut zu, versichern einander gegenseitige Hilfe, wenn etwas dringend wird und überhaupt. Wir führen diese Gespräche nicht nur mit ihr, auch mit Freund_innen, Familie. Wenn ich einkaufen gehen muss, sind die einen viel nahbarer als sonst, kurze Gespräche ergeben sich, Freundlichkeiten werden ausgetauscht – dafür sind andere sehr viel unangenehmer, distanzlos, rücksichtslos. Berlin kann manchmal so ein Riesenarschloch sein. Vor mir an der Kasse im Bioladen werfen zwei Twentysomethings Berge von Haferflocken, Bohnen, Klopapier aufs Kassenband und ernten böse Blicke. Aber keine_r sagt was. Sollten wir etwas sagen? Und wenn ja, was?

Meine Wiener Freund_innen abends auf meinem Bildschirm im Splitscreen, wir sitzen in unseren Wohnzimmern, erzählen, freuen uns, dass es allen gut geht, hoffen, dass es so bleibt. Manche von ihnen leben allein, andere haben Kinder. Ich bin froh, dass ich eine kleine Familie habe, auch wenn es mich in diesen Tagen oft an meine Grenzen bringt, ich müsste in Stille und Konzentration an meinem Manuskript sitzen. Eigentlich. Täglich telefoniere ich mit meinen Eltern, sie wohnen bei Wien, ich bin weit weg, kann ihnen nicht zur Hand gehen – und das Digitale ist nicht ihre Welt – vielleicht üben wir heute Abend Videotelefonieren. Die Zeit rast, ich wundere mich, dass manche anscheinend nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen. Mein Problem ist viel eher, Ruhe zu finden, auch in diesen Tagen. Ganz oft ist es jetzt so: Die Stimme auf der einen und der anderen Seite der Leitung, ein gemeinsamer Moment, ein Durchatmen.

 

Matthias, Jena
Wie schnell sich Ordnung aus dem Chaos herausbildet: In Jena hat die Initiative des Innenstadtgewerbes eine Seite aufgesetzt, auf der Ladengeschäfte und gastronomische Betriebe, die jetzt nur noch liefern bzw. Abholservice anbieten dürfen, ihre Angebote sammeln. Im Kaufland Aushänge, die zu zwei Metern Abstand auffordern (daran hält sich kaum jemand) und regelmäßige Durchsagen, die bitten, bargeldlos zu zahlen. Ein Haufen E-Mails von Onlineshops, die mir versichern, dass der Betrieb weitergeht, nahezu inhaltsgleich: Die Büroangestellten habe man heimgeschickt, die Logistik arbeite im Mehrschichtenbetrieb mit strikter Trennung (genau so ist es in der Firma meiner Frau übrigens auch, die u.a. Apothekenlogistik betreibt). Schreiben die alle voneinander ab, gibt es da eine Richtlinie? Es erinnert mich so ein bisschen an den erst tröpfelnden, dann reißenden Strom der DSGVO-Infomails im Mai 2018.

Ich habe mich dabei ertappt, zu überprüfen, wie viel Toilettenpapier wir noch haben – sieben frische Rollen plus die angebrochene. Meine Arbeitsmotivation ist gering, aber das Thema ist bei mir ohnehin schwierig. Ich hatte einen Chat mit einer Verwandten, die meinte, vielen käme die Epidemie gerade recht, so müde und erschöpft wie alle seien. Passend bzw. kontrastierend dazu der National-Geographic-Artikel von neulich, der feststellt, dass die Menschen in den westlichen Gesellschaften anscheinend seit mindestens dem Mittelalter zu jedem Zeitpunkt denken, die aktuelle Epoche sei die müdeste und erschöpfteste.

In den sozialen Medien hat sich der normale Umgangston von Gereiztheit und Zurechtweisungsdrang nicht etwa abgeschwächt, sondern noch verschärft, zugleich liegen bei mir die Nerven natürlich blanker. Auch die klassischen Medien scheinen ihre Unsitten (z.B. überhastete Produktion quatschiger Einordnungsthinkpieces) eher noch zu verstärken. Ich ertappe mich beim Gedanken, dass ich mir geschwätzfreie Medien wünsche, aber das ist natürlich so, wie sich eine Graffitikultur ohne Tags oder Gewitter ohne Regen zu wünschen. Ich bin mir selbst etwas peinlich. Ich muss die Tage vor die Tür, um ein paar Kurzvideos für einen Beitrag über DDR-Architektur zu drehen, und frage mich jetzt schon, wie die Leute darauf reagieren werden, dass ich mit meinem Handy in einem großen Gimbal durchs Viertel laufe. Ob man glauben wird, dass ich für den Corona-Überwachungsstaat unterwegs bin? Mir ist es unter anderen Umständen schon unangenehm genug, in der Öffentlichkeit zu filmen.

 

Marie Isabel, Dunfermline

Unsere Allgemeinarztpraxis vergibt momentan keine regulären Termine mehr, nicht einmal Telefontermine. Notfälle werden einer Triage-Krankenschwester vorgestellt, die einen dann zurückruft. Bin ich ein Notfall? Nein. Wird sie zurückrufen? Ich hoffe doch. Der NHS im Pandemie-Modus. Ruft man die direkte Nummer der Breast Care Nurses im örtlichen Krankenhaus an, die sich um Brustkrebspatient:innen kümmern, begegnet man einer Informationsansage, deren Länge die elektronischen Aufnahmekapazitäten sprengt. Überall die Frage nach möglichem Kontakt mit Corona-Erkrankten. Da hilft nur eins: Sprachnachrichten hinterlassen, ruhig bleiben und das Stressniveau niedrig halten, damit der eigene Körper nicht auf unangenehme Ideen kommt, während das Gesundheitswesen implodiert. 

PS: Sie haben alle zurückgerufen. Das System steckt zwar etwas im Chaos aber funktioniert: Notfälle haben absolute Priorität. Einen Termin habe ich zwar noch nicht, aber mehr Informationen, Handlungsanweisungen bei Verschlechterung und die Aussicht, dass es nächste Woche mit dem Arztbesuch klappen könnte.

PPS: Ich merke, wie gut mir das Schreiben an diesem kollektiven Tagebuch tut. Manchmal, wenn ich eine Notiz hinterlassen will, sehe ich, dass andere gerade auch schreiben, und ich stelle mir vor, wie sie irgendwo auf dem europäischen Festland vor ihren Bildschirmen sitzen und tippen und korrigieren, während ich hier an meinem Schreibtisch auf der Insel genau das Gleiche mache. Eine Gemeinschaft von Schreibenden in Zeiten der sozialen Distanz.

 

Svenja, Köln
Ich verschicke Hundevideos. Ich verschicke Katzenbilder. Ich verschicke tic toc-Aufnahmen. Ich schreibe SMS, Emails, Instamessages, Facebooknachrichten. Gestern Abend hatte ich ein vierstündiges Skypegespräch mit ebenfalls isolierten Freundinnen. Wir trinken – Wein, alkoholfreies Bier und Cola mit Jägermeister – und hören Angela Merkel zu. Wir besprechen die Lage der Nation und wie wir uns verhalten wollen. Wir reden über Ängste, Fragen, Ärger. Und dann sprechen wir über uns. Eine Freundin ist seit längerer Zeit krankgeschrieben und leidet darunter, nicht wieder in den Job zurückkehren zu können. Eine Freundin plant ihre weitere Zukunft. Ich habe die meisten Termine aus meinem Kalender gelöscht. Manchmal steht „Skype mit…“ zwischen den vielen weißen Spalten.

 

Shida

Während meiner care-Arbeit, die gerade meine Hauptarbeit geworden ist, läuft das Radio. Im Halbstundentakt erzählt mir der Deutschlandfunk, dass „die Bundeswehr“ sich „vorbereite“. Die Kombination dieser beiden Worte macht mir mehr Angst als die Meldungen, die darauf folgen. Geht das allen Menschen so? Schöpfen manche Vertrauen? 

A propos Angst und alle Menschen: Heute vor einem Monat hat ein rechtsradikaler Terrorist neun rassistische Morde in Hanau begangen. Seitdem ist kein Tag vergangen, an dem ich mich nicht gefragt habe, wie es den Angehörigen der Opfer geht. Jetzt, in diesen Tagen, frage ich mich das umso öfter. Es übersteigt meine Vorstellungskraft. 

Heute habe ich vier Taxifahrer gesehen. Sie standen vor ihren leeren Taxis, mit Kaffee und Gebäck und plauderten in einer Sprache, die ich nicht verstand. Sie standen in einer symmetrischen Formation, die so aussah, als hätten sie vorher mit dem Zollstock abgemessen, ob sie auch wirklich zwei Meter Abstand zueinander halten. Sie plauderten und lachten. Sie sahen so aus, wie ich mir wünschen würde, dass alle aussehen: Sich dem Ernst der Lage bewusst, sich an die Vorgaben haltend, sich nicht in Panik versetzend. 

 

Nabard, Bonn

Mit der Angst kommt die Wut. Nicht auf die Politik. Oder auf die Gesellschaft. Wut auf eine Institution die das Leben eines jeden Mediziners lenkt und waltet wie es ihm beliebt. Das IMPP, Institut für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen, seit 2016 geleitet von Frau Prof. Dr. Jünger.

Ein Institut was sich seitdem zu einem diktatorischen Bürokratiemonster entwickelt hat. 

Neuester clou von Prof. Jünger; aussetzen des Staatsexamens für Medizinstudierende damit diese als Hilfskräfte in den Krankenhäusern eingezogen werden sollen. 

Ohnmacht macht sich unter meinen Kommilitonen breit. Sie lernen, wie ich im Sommer seit mehr als 80 Tagen ohne Pause. Geschlossene Bibliotheken. Keine Möglichkeit analog an Lehrbücher zu kommen. Doch online Tools und Plattformen helfen. 

Wir haben eine Petition* gestartet, doch Solidarität von anderen außer Medizinern erhalten wir kaum. Die Resonanzen sind überschaubar. „Wir“ sollen helfen und retten aber sind einem System ausgesetzt welches Schach mit uns spielt. So wird der Nachwuchs an jungen Medizinern vergrault. Kein Wunder dass die meisten in die Schweiz, nach Skandinavien oder Kanada auswandern wollen. 

*support Us

 

20.3.2020

 

Sonja, Köln

Mir ist nicht mehr nach Pandemie-Pointen. Die Blumenläden haben ihre Blumen verschenkt. Auf dem Markt stehen die Leute rum wie meine Avatare bei Sims früher, weit auseinander mitten auf dem Platz ohne direkten Anhaltspunkt, dass sie da vorne ein Ei und ein Glas Honig kaufen wollen (natürlich wollen sie mehr kaufen, wir brauchen Essen, Stressessen, Angst essen Seele auf und Essen isst Angst auf). Verloren stehen die Menschen über den Platz verteilt an und warten sehr geduldig, aber es sieht nicht nach Warten aus. Warten sieht anders aus. Warten ist doch sonst ein enges Hintereinander, ein drängelndes Gehtsbaldweiter, ein eiliges Mussjetztwieder. 

Der ganze Marktplatz ist ein Wartezimmer, aber die Handys darf man anlassen. Das Robert-Koch-Institut braucht das Handy nah bei uns, um uns tracken zu können, will wissen, ob wir zu Hause bleiben. Die Telekom stellt unsere Mobilfunkdaten zur Verfügung, damit das RKI Bewegungsprofile erstellen kann. 

Einmal am Tag gehe ich im Kölner Volksgarten spazieren. Ein paar Gruppen grillen dort, noch mehr Menschen stehen um die Wiese herum und schauen dabei zu, wie ein Polizeiwagen von Gruppe zu Gruppe fährt, um die Ansammlungen aufzulösen. Ich fotografiere zwei Kamerateams, die die Szenerie filmen. Dann folge ich dem Team vom WDR ein bisschen durch den Park, wie sie den leeren Spielplatz filmen. Journalist*innen sind systemrelevant, ich nicht. Ein Mann zieht seinen noch qualmenden Grill über die leere Wiese. Ob er noch ein Würstchen essen konnte?

Auf Facebook wird man entweder über den Klee gelobt, weil man zu Hause bleibt, oder wüst beschimpft. Idealisierung und Entwertung bestimmen viele Wahrnehmungen. Abends lese ich in meiner Facebookstadtteilgruppe, dass wir auf Bewährung seien. Ich kann das Wort nicht ertragen und die Moderatorin in der Extrasendung nach der tagesschau (auch das Extra ist jetzt new normal) wiederholt diese Warnung – die Bevölkerung ist jetzt auf Bewährung! Folgt auf die Kriminalitäts- die Kriegssemantik, wie in Frankreich und Italien? Im Krieg ist alles möglich. So, wie in der jetzigen Ausnahmesituation schon das Asylrecht ausgesetzt wird, die Kinder nicht aus dem Flüchtlingslager in Moria geholt werden. #LeaveNoOneBehind? Wir lassen alle da, wo sie gerade sind. Der März ist ein riesiges überfülltes Wartezimmer und ich blättere mich ungeduldig durch die Hashtags, die sich auf dem stuhlkreisgeborgenem kniehohen Glastisch stapeln.

 

Jan, Hannover

«Das soll man aber nicht machen», sagt die Verkäuferin an der Supermarktkasse und zeigt auf das Zeitschriften-Cover, das sie gerade über den Warenscanner gezogen hat. Das Foto darauf zeigt das Faschistenmännchen Björn Höcke beim Händeschütteln mit einem Stundenministerpräsidenten, dessen Namen ich gnädigerweise schon wieder vergessen habe. (Im Supermarkt verkaufen sie keine «Compact» mehr, aber immer noch die gute alte «Konkret»; ein kleiner Sieg.) Nein, Nazis sollte man nie die Hand reichen, denke ich, aber natürlich geht es nicht um Politik, sondern um das Virus, dieses heimtückische Ding. Es geht jetzt immer alles um das Virus.

Der Einkauf war seltsam. Wir können schon deswegen nicht hamstern, weil wir nicht in der Lage sind, für mehr als zwei Tage vorauszuplanen. Im Supermarkt laufe ich immer noch herum, als müsste ich wie vor 25 Jahren mein kleines Vorratsregal in der WG-Küche auffüllen (zweites Brett von oben). Aber heute habe ich zum ersten Mal im Leben Sachen gekauft, weil sie wieder da sind, nachdem sie zu Beginn der Woche noch ausverkauft waren. Hey, Parmesan ist wieder da! Dafür sind jetzt die Kartoffelchips aus, zumindest die guten Sorten, ein untrügliches Zeichen dafür, dass Deutschland sein Schicksal auf dem heimischen Sofa endlich angenommen hat.  Nudeln sind auch immer noch ausverkauft, aber Gnocchi sind ungeachtet der Coronakrise erstaunlicherweise durchgehend problemlos zu bekommen. Niemand fotografiert in den Gängen die leergekauften Regale, entweder ist das Thema durch oder die Menschen in meinem Stadtteil sind nicht auf Twitter.

«Da haben Sie natürlich recht», sage ich zu der Verkäuferin und zücke meine Karte. Die Wahrheit ist, ich war noch nie der große Händeschüttler. Von mir aus müssen wir nach Corona nicht zu diesem Brauch zurückkehren.

 

Birte, Darmstadt
Gestern Abend habe ich im Dunkeln in der Wohnung getanzt. Wir haben die vierte Folge der zweiten Staffel von Derry Girls geschaut, die mühelos eine Hochzeit und eine Beerdigung in 25 Minuten unterbringt. Es gibt Rock the Boat, Haschscones von Michelle und Sister Micheal fragt sich, ob sie eigentlich auf ihrer eigenen Beerdigung ist, als der langweiligste Erzähler der irischen Insel Onkel Colm ihr ein Ohr abkaut. Der Sohn hat auf Spotify die Derry-Girls–Playlist (meiner Jugend) gefunden und so kam eins zum anderen.

Das und telefonieren war gut. Auf Twitter Stimmen lesen, die vorgeben, die Situation bewerten zu können, die sich gar damit hervortun wollen, eher nicht. Apokalyptiker und Integrierte, so kommt mir die aktuelle Aufteilung vor meiner Umgebung vor. Und dennoch ist auf Twitter mein Netz virtueller Kontakte, die ich nicht missen mag und kann, von denen ich lesen möchte. Oder noch lieber hören.

Ach ja: Onkel Colm hat Präsident Kennedy getroffen, als der in Nordirland war. Darauf Gerry, Vater der Hauptfigur Erin Quinn: “JFK spoke to Colm? Christ, that man didn’t have much luck, did he?” 

Das Gefühl, ständig Ähnliches zu schreiben.

 

Shida

Mit welchen Worten sagt man Verabredungen zum Kaffeetrinken ab, die man letzte Woche gemacht hat? „Aus gegebenem Anlass“? Muss man Verabredungen überhaupt explizit absagen? Versteht sich das nicht von selbst?

Ich verstehe gerade überhaupt nichts von selbst. Ich finde es jetzt seit einer Woche völlig klar, dass wir das Haus nicht verlassen, wenn es nicht sein muss (oder wir spazieren gehen um nicht krank zu werden). Menschen, die sonst eher so denken wie ich, denken in dieser Hinsicht plötzlich anders und ich verstehe so überhaupt nicht, nach welchem Muster das folgt. Haben sie einfach andere Gespräche geführt, andere Sachen gelesen? Andere Schutzmechanismen, die sie von der Realität fernhalten?

Gestern wäre ich mit einer Bekannten verabredet gewesen. Ich habe aus Überforderung, die Bekannte im Umgang mit social distancing nicht einordnen zu können, nicht die leiseste Idee gehabt, wie ich ihr absage. Am Ende habe ich einfach nichts getan, nichts erklärt, nichts abgesagt. Ich habe mich einfach nicht bei ihr gemeldet. Sie hat sich auch nicht bei mir gemeldet. Wir haben also ohne Worte die einzig logische Konsequenz getragen und unser Treffen bis auf weiteres vertagt. Das ist also noch mal gut gegangen.

Manchmal wünsche ich mir eine Ausgangssperre, einfach, damit solche Unsicherheiten vom Tisch sind. Je länger all das geht, desto simplere Lösungen wünsche ich mir. Heute finde ich sogar die Vorstellung von Bundeswehrsoldat*innen, die Lebensmittel in Autostaus verteilen, toll. Huch.

 

Sonja, Köln

Meine Schwester schreibt eine Nachricht in die Whatsappgruppe “Familie 2.0”: “Die Ausgangssperre wird wohl kommen. Wir haben jetzt Bescheinigungen bekommen.” Mir kommen die Tränen. Ich will nicht eingesperrt sein. Meine Angst ist mir unangenehm, wo doch andere vermeintlich viel größeren Belastungen ausgesetzt sind, mit ihren Kindern zu Hause, in beruflichen Ausnahmesituationen; mein Bruder, meine Schwester, meine Mutter, die in den Kliniken und Praxen arbeiten und gerade mit das Gesundheitssystem aufrecht erhalten. Aber mich beherrscht einfach nur die Angst, isoliert zu sein, nicht raus zu dürfen und das auf unbestimmte Zeit. Ich werde keine Bescheinigung bekommen, weil ich nicht “systemrelevant” bin. Akut nicht, flüstere ich hinterher. 

Nie hätte ich gedacht, dass mich die Einschränkung meiner Bewegungsfreiheit psychisch so dermaßen zerfressen würde. Wie mit der erzwungenen sozialen Distanz umgehen? Und wie lange?

Wann warst du das letzte Mal in einer Situation, in der du nicht wusstest, was in drei Wochen sein wird?

Die Straßen werden leerer, die Kreidebilder auf den Bürgersteigen größer und bunter.

 

Svenja, Köln

Ich bin perfektionistisch veranlagt und mit der Situation überfordert, sobald ich rausgehe. Heute muss ich einkaufen. In meinem Rucksack ist Platz für fünf Tage Essen. Ich weiche den Menschen auf den Bürgersteigen aus und bin bald so genervt, dass ich auf der Straße laufe. Autos fahren hier eh selten. Im Supermarkt, der nicht REWE heißt sondern einen türkischen Namen trägt, ist es leer und es gibt viel Gemüse. Noch trage ich Handschuhe (temperaturbedingt) und weiß nicht weiter: Fasse ich Gemüse an? Oder besser nicht? Bei den Konserven ist es einfacher, die staple ich behandschuht im Einkaufskorb. Dann: Kasse. Fließband: Bad, klar. Aber der Kassierer desinfiziert nach jedem Bezahlvorgang seine Hände, sodass ich ein schlechtes Gewissen bekomme: Wenn er meine Möhren anfasst und sie mir reicht, erscheint es unhöflich, sie nicht auf die gleiche Art anzunehmen. Ich bezahle trotzdem mit Karte, trage alles nach Hause und überlege, ob man Äpfel jetzt auf die gleiche Art wäscht wie Hände (20 Sekunden, Seife, 1 Refrain “I will survive”).

Ich betrachte alles, was von draußen kommt, misstrauisch und beschließe, es einfach neun Stunden lang nicht zu berühren, dann ist vielleicht alles gut. Ein Bekannter schreibt, er geht jeden Tag einkaufen und gleich auf den Wochenmarkt, denn er vermisse die Menschen. Ich halte mich davon ab, zu antworten, dass er doch bitte aus dem Fenster sehen möge, in seinem Viertel sind ständig Menschen auf der Straße, aber dann antworte ich einfach gar nicht. Ich möchte nicht übertreiben. Ich möchte nur alles richtig machen.

Ich weiß nicht, ob wir hier auch dialogisch vorgehen. Aber: Ausgangssperren sind keine Einschlussgebote. Nadja Schlüter schreibt über ihre Situation in Belgien: “Hier in Belgien ist seit heute Ausgangssperre. Und das ist ein Segen. Denn natürlich darf man raus und spazieren oder joggen – aber eben nur noch maximal zu zweit. Im Park waren viele Menschen, denn die Sonne scheint, aber alle einzeln/zu zweit und mit sehr viel Abstand. I like.”

 

Nabard, Bonn

Geh heute früher nach Hause. Ruh dich aus, du wirst die Kraft brauchen für die nächste Woche.“ Mit diesen Worten verabschiedeten mich die beiden Oberärzte. Ich weiß nicht ob ich mich geehrt fühlen soll so wertgeschätzt zu werden oder Angst bekommen muss weil die Docs mehr über die kommenden Tage wissen als ich. Ein anderer Oberarzt, liebevoll „Motivator“ genannt hat defacto resigniert. Ärzte die 15 Jahre + den Laden am laufen gehalten haben, senken ihre Köpfe. SARS CoVid19 ist nicht die einzige Krankheit gegen die wir kämpfen müssen. Sie kommt als Sahnehäubchen oben drauf. Und wir haben (noch) keine Waffe dagegen. Vielleicht begreife ich es eher wenn ich später selbst einen Patienten verliere. Aber es kommt mir noch so weit weg vor. Gestern stand ich am Präperiertisch, sezierte die Leiche einer 87 jährigen Spenderin. Womöglich muss ich in den kommenden Wochen erstickende Patienten intubieren. This shit scares me. It does. 

Gestern meinte ein befreundeter Zahnarzt, dass die Praxis in Urlaub geschickt wird. Wir sprachen lange, viel, über alles was uns einfiel. Unsere Studienzeit, Romanzen, Dozenten und Profs. Ich sei nicht ganz anwesend waren seine Worte zum Abschied.

Ich fahr jetzt heim, eigentlich will ich gar nicht. Die Spät- und Wochenendschicht beginnt. Sechs Docs und ne Handvoll Pflegekräfte die das ganze Haus auf dem laufenden halten müssen. Einzig erfreuliche, Patienten mit „banalen“ Symptomen meiden die Notaufnahme.  

Am Wochenende werde ich wohl das neue Album von The Weeknd rauf und runter hören. Etwas Melancholie was mich abholt. 

 

Marie Isabel, Dunfermline

Da die wöchentliche Wassergymnastikstunde (mit bis zu 75 Teilnehmer:innen) bis auf Weiteres ausfällt, beschließen wir, stattdessen im Park zu spazieren. Drei Frauen sind keine Menschenmenge. Ein seltsames Unterfangen, den empfohlenen Sicherheitsabstand voneinander zu halten, während man sich unterhält. Wir füttern Vögel und Eichhörnchen, praktizieren auf einem kinderlosen Spielplatz etwas Tai Chi. Die Sonne scheint aus blauem Himmel, Bäume wiegen sich in lauem Wind, allüberall zwitschert und blüht es. Die Natur hat etwas besonders Berückendes in unsicheren Zeiten.

Eine von uns ist Malerin und erzählt davon, dass alle Galerien, die sie ausstellen, geschlossen haben; ein für den Spätsommer geplantes Kunstfestival ist schon abgesagt. Gut, dass sie gespart hat, meint sie, und stellt sich innerlich darauf ein, diesen Sommer im Garten statt vor ihrer Staffelei zu verbringen. Das Problem ist auch mir vertraut. Seit Wochen warte ich darauf, dass mir eine Klientin einen zugesagten Auftrag zuschickt. Drängen kann und mag ich sie nicht – sie hat Familie in Italien.

Inzwischen haben viele Bibliotheken geschlossen, teilweise bis Juni. Theater, Kinos, Museen, Konzerthallen – das kulturelle Leben bricht weg. Was aber ist mit den Künstler:innen – viele freischaffend, ohne festen Vertrag? Sollen sie sich jetzt alle arbeitslos melden, weil das Gesundheitswesen über Jahrzehnte kaputtgespart wurde und der Brexit den bereits bestehenden Personalmangel noch verstärkt hat? Die hiesige Diskussion zur wirtschaftlichen Situation von Freiberuflern bzw. Selbständigen – ca. 5 Millionen Menschen in Großbritannien – hat gerade erst begonnen. Auch mein Mann und ich gehören zu dieser Gruppe.

 

Slata, München

Eigentlich ändert sich ja kaum was, nur, dass Begegnungen nun offiziell verboten werden, davor nur gemieden, aus freiwilliger Motivation heraus, jetzt haben es alle verstanden, dass Begegnungen unangenehm, verdächtig, gefährlich sind, wie ein Freund neulich schrieb, Ich bin ja sowieso immer in Quarantäne. Der Tag zieht sich vor sich hin, unförmig und seltsam, die Zeit lässt sich vom Stundenplan ablesen, den wir am Anfang erstellt, feierlich auf den Kühlschrank geklebt haben, naiv sind wir gewesen, Frühstück, Arbeit, Spielen, Mittag, Arbeit, Spielen, Abendessen, Schlafen, wer macht eigentlich das Essen und wer räumt ab und wird das von der Arbeitszeit abgezogen. Die Sonne brennt durch die Jalousien im Schlafzimmer, auf dem Bett hocke ich zwischen Büchern und Zetteln, auf diesem Bett schlafe ich, sitze ich, schreibe ich, manchmal liegen wir zusammen drauf, ein Ort für alles, für alle Umstände des Lebens. Etwas Wichtiges vollzieht sich gerade, unsichtbar, kaum spürbar, eine ungemeine Veränderung liegt in der Luft, verteilt sich im Land, wir werden auf Probe gesetzt, ob wir uns sagen lassen, wann wir unser Haus verlassen dürfen, ob wir uns zurechtweisen lassen, ehrliche Auskunft geben über Ziel und Zweck unserer Bewegungen außerhalb der Wohnung.      

‒ Ich rufe Oma stets mit einer wohltätigen Mission an, um ihr zu zeigen, dass sich jemand an sie erinnert, ihr treu bleibt, um ihr die Möglichkeit zu geben, in Schwärmereien zu versinken, zugehört zu werden, und merke jedes Mal, dass sie von meinem taktvollen Schweigen müde wird und nach einem Anlass sucht, den Hörer aufzulegen. Oma klingt heiter, sie freut sich über die Deutschen, die Klopapier kaufen und in ihren Wohnungen stapeln, was wollen die denn nur damit. Sowas, sagt sie, Na sowas hab ich ja noch nie erlebt, Und ich hab schon vieles erlebt, und ich versuche mich zu erinnern, wie alt sie eigentlich ist. Oma sagt, Ich habe ja sowieso nichts zu verlieren, und da sie nicht aufstehen kann, kann sie auch keine Türklinken desinfizieren oder eineinhalb Meter Distanz zu ihren Krankenschwestern einhalten, sie atmet schwer genug, um sich Gesichtsmasken aufzusetzen, sie liegt Tag für Tag vor dem Fernseher und beobachtet das Wetter aus den Fenstern. Ich denke auch, dass sie nichts zu verlieren hat, und freue mich darüber, dass sie heiter klingt.

 

Viktor, Frankfurt

Vor einige Zeit das Buch “Never Split the Difference/ Negotiating As If Your Life Depended on It” (Chris Voss, Thal Raz) gelesen. Ein ehemaliger US-Spezialist für Verhandlungen bei Geiselnahmen schreibt darin über grundlegende zwischenmenschliche Kommunikationmechanismen. Mehrfach macht er deutlich, dass wir in Krisen so gut verhandeln/sie meistern können, wie gut wir vorbereitet sind. Aktuell merke ich auf verschiedenen Ebenen die Corona-Stresstests: die technische Infrastruktur der Gesellschaft, die Arbeitsabläufe im Job, die privaten Beziehungen. Alles beeinflusst sich gegen- und wechselseitig. Und ich merke, das wir mit dem Stress immer nur so gut umgehen können, wie gut wir auf die Notsituationen vorbereitet sind.

Strukturen helfen. Manchmal ist es einfacher, sich welche zu geben, manchmal schwieriger. Wer gesund ist, keine innerfamiliären Probleme hat, kann sie leichter einhalten. Wer sowieso in einem stressigen Alltag steckt, kann den jetzt vermutlich erst recht nur schwer strukturieren.

 

 

Sandra, Berlin

Die Manuskriptabgabe rückt näher, lässt mich Abstand suchen zu dem, was draußen in der Welt vor meinem Fenster geschieht. Ich igle mich ein, verschiebe Sätze, Wörter, Bedeutungen, sortiere Szenen neu. Gleich hinter der Tür meines Arbeitszimmers spielt das Kind, tippt mein Partner an seinem Arbeitsplatz auf seiner Tastatur, telefoniert, wartet auf den Beginn von Online-Meetings. Auch die Nachrichten von Freund_innen aus verschiedenen Teilen der Welt holen mich immer wieder zurück in die Realität. In der digitalen Welt tobt der Streit pro und contra Ausgangsbeschränkungen in Berlin, die in Wien, wo ich herkomme, schon seit Tagen analoge Realität sind. Die Spielplätze in unserem Kiez sind seit heute morgen gesperrt, und ich denke, dass das gut ist. Also gehen wir auf den Friedhof um die Ecke, wo es Singvögel, Spechte und Eichhörnchen gibt, in einen versteckt liegenden Teil, wo Bienenstöcke auf einer Lichtung stehen. Ich sehe zu, dass das Kind nicht über die Gräber läuft, wir suchen lange Stecken und stochern im Laub, in den trockenen Böden der Wasserbecken, vergessen die Zeit. Das Kind scheint nicht müde zu werden, sobald wir vom Spaziergang zurückkommen, will es schon wieder am Fenster stehen, mein Partner übernimmt, ich schließe die Tür zu meinem Arbeitszimmer wieder vor der Welt, sehe noch, wie sie gemeinsam beobachten, das Kind deutet und mein Partner benennt, was sie sehen: Ein Vogel. Ein Rad. Ein Lastwagen. Ein Auto. Ein Mann. Noch einer. Eine Frau. Ein Moped. Ein offenes Fenster. Ein Kind. 

  

Svenja, Köln

Wir haben einen Antrag geschrieben. Wir haben ein Abstract geschrieben. Ich habe einen Granatapfel entkernt und Kerzen angezündet. Es ist schon wieder dunkel. Alles dauert merkwürdig lange.

 

Emily, Rostock

Ich bin gern zuhause, lieber dort als irgendwo sonst, und trotzdem stehe ich jetzt am geöffneten Fenster und schaue in Richtung der Jugendlichen, die in der Deckung der Unterführung rauchen. Ich bin unsicher, ob ich ihnen etwas zurufen soll, fluchen, um sie auseinanderzutreiben. Stattdessen starre ich nur vor mich hin. Gestern die lokale Schlagzeile „Gruppe von Jugendlichen fährt aus Langeweile Bus“. 

Der Hausmeister trägt jetzt dünne Plastikhandschuhe, wenn er den Müll in den Tonnen auf dem Gehweg umschichtet. Wer unsere Haustür seit Montag abschließt, weiß ich nicht. 

Jeden Morgen stehe ich zwischen sechs und sieben auf. Ich habe mich seit Jahren nicht so gut ernährt. Ich habe meine Großmutter seit Jahren nicht so regelmäßig angerufen. Ich habe mich noch nie zuvor zum Morgensport aufraffen können. Ich bemühe mich um Optimismus, der nicht meine Art ist und träume wie man meinem Vater die Schlafmaske abnimmt, um einem Schäferhund das Atmen zu erleichtern. 

Beim Spaziergang am Hafen zähle ich die zufriedenen Gesichter der Angler. Sie hören leise Musik und fangen dennoch Fische. Ich lächele einem Mann zu, dessen Sohn neben ihm auf dem Asphalt schläft. Er deutet auf das Wasser und sagt, dass er sobald nicht einkaufen gehen muss. Und ich fühle mich beruhigt. 

 

Berit, Greifswald

Ich habe angefangen zu husten. Wir haben Brettspiele gespielt, ein wenig gearbeitet – es war ein guter Tag, aber ich bin dennoch dünnhäutiger als sonst. Vielleicht ist es der Husten. Wir sind jetzt eine Woche zu Hause, die Zeit fühlt sich länger an. Ich lese in diesem Tagebuch und es beruhigt mich, die Gedanken der anderen zu sehen, mich in eine Menge menschlicher Erfahrung eingefügt zu wissen. Wie ein Mosaiksteinchen in einer Krise, deren Gesamtbild noch gar nicht zu erahnen ist. Mein Kind hustet im Schlaf. Hoffentlich verschwindet dieser Infekt bald.

 

21.3.2020

 

Jan, Hannover

Liebes Tagebuch, lass uns über Angst reden. Ich bin für gewöhnlich ein ziemlich ängste- oder zumindest sorgengetriebener Mensch. Ich kann nicht gut Dinge tun, ohne Konsequenzen zu bedenken und potentielle Gefahren zu wittern. Ich bin jemand, der notwendige Entscheidungen wie ein Risikomanager in endlosen Optionsbäumen zerdenkt. Obacht geben, länger leben. Szenarien, Sprachregelungen. Immerhin habe ich diese «Fähigkeit» beruflich nutzbar und daraus eine Karriere machen können (und diese beendet, weil ich das nicht mehr wollte). Selbst die schönsten Momente und Erfolge im Leben sind für mich ein fröhlich sprudelnder Quell neuer Zweifel und düster gründelnder Grübelei. In jedes Gelingen ist ein späteres Scheitern stets schon eingeschrieben, selbst wenn es nie kommt.

Ich habe immer die Menschen um mich herum beneidet, die überwiegend zur unbeschwerten «Ach, wird schon!»-Fraktion gehören und damit ja meist auch noch recht behalten. Ich habe versucht, mir davon etwas abzugucken, aber dann meist doch nur darüber gegrübelt, warum es nicht klappt.

Es klingt vielleicht ein bisschen arschig, aber jetzt, in times of Corona, da die Angst plötzlich überall um sich greift und immer mehr Menschen erfasst, fühle ich mich damit weniger allein, weniger als Außenseiter, der sich für seine düsteren doom-&-gloom-Momente, für seine mangelnde Fähigkeit zur Unbeschwertheit insgeheim schämt. Ein bisschen ist es so wie in dem berühmten Satz von Hunter S. Thompson: «When the going gets weird the weird turn pro.» Wenn überall Angst und Grübelei um sich greifen, fühlen sich die Ängstlichen und Grübler*innen vielleicht weniger sonderbar. 

Und es geht sogar noch weiter: Jetzt, da alle grübeln und Sorgen wälzen, habe ich das seltsame Gefühl, dass ich es endlich etwas lockerer angehen kann. Ich spüre, dass ich zwar nicht sorglos bin, aber deutlich gelassener als noch vor ein paar Wochen. Es ist fast so, als würde jemand sagen: Thanks for all the anxiety so far, but we’ll take it from here. Wir sind mit unserer Angst nicht mehr allein, wir reden darüber, das hat etwas befreiendes. Welcome to Angstville.

Aber ich mache mir keine Illusionen, irgendwann wird sich alles wieder einpendeln, das Leben wird weitergehen, zurück in die alte Normalität finden oder in eine neue Normalität münden. Das Unbeschwerte wird in die Leben zurückkehren. Und das mag hoffnungsvoll klingen und sein, aber es bedeutet eben auch, dass irgendwann auch die Grübelscham zurückkommen wird.

 

Birte, Darmstadt

Heute ist Welttag der Poesie. Die Vorstellung, aus etwas Traurigem, Anstrengendem, Verzweifeltem kann etwas Schönes, Verzauberndes entstehen, wenn andere Schmerz und Anstrengung so sublimieren können, gelingt mir das auch, irgendwann, irgendwie, sie hält mich schon lang.

Ich habe heute dieses Gedicht von Rumi (1207-1273) gefunden, übersetzt von Coleman Barks. Ich finde es passt.

The Guest House

This being human is a guest house.
Every morning a new arrival.

A joy, a depression, a meanness,
some momentary awareness comes
As an unexpected visitor.

Welcome and entertain them all!
Even if they’re a crowd of sorrows,
who violently sweep your house
empty of its furniture,
still treat each guest honorably.
He may be clearing you out
for some new delight.

The dark thought, the shame, the malice,
meet them at the door laughing,
and invite them in.

Be grateful for whoever comes,
because each has been sent
as a guide from beyond.

Auf Twitter folge ich Comfort-Accounts wie @yearinShetland, @PastPostcard und @HillFarmBnB. Außerdem habe ich angefangen, Meeresrauschenvideos zu sammeln. 

Ausbalancieren, was geschieht und nicht geschieht, wie das Denken nur noch bis zum nächsten Tag geht. Wir alle müssen unsere Beobachtungen wohl irgendwie verwandeln, gerade habe ich gedacht, wie gut man an Covid-19 Ereignis und Struktur erklären könnte. Um gleich wieder zu wissen: wenn wir gemeinsam nachdenken, dann vielleicht gerade nicht darüber.

 

Simon, Vorort von Freiburg

Seit heute morgen habe ich das Gefühl, dass sich etwas einspielt im Ausnahmezustand. Seit zwei Tagen bin ich mit meiner Freundin in der Wohnung eines Freundes in einem Vorort von Freiburg. Hier haben wir mehr Platz als in meiner 24qm Wohnung, in der nur das Bad abgetrennt ist vom Küche/Wohn/Schlafzimmer. Ich bin etwas ruhiger geworden, aber immer alles im Verhältnis zur Situation – von innerer Ruhe kann per se keine Rede sein. Heute klappt zum ersten mal eine Art von Arbeiten ein bisschen. Ich schwanke zwischen Sorge, Beruhigung und schlechtem Gewissen, weil ich in einer sehr privilegierten Situation bin und trotzdem Angst habe, unsicher bin und besorgt um meine Familie, meine Freund*innen, von denen es manchen schlechter und anderen genauso gut geht. Gleichzeitig habe ich in Chemotherapie gelernt, dass Angst und Sorge immer relativ sind und nichts, wofür man sich entschuldigen muss. Das Wetter ist heute passender zur Situation. Gestern beim Spaziergang in der prallen Frühlingssonne kam mir das alles wieder so surreal vor. Mein Hals kratzt seit über einer Woche tagsüber manchmal ganz leicht, leichtes Husten bilde ich mir auch seit einer Woche ein und höre auf meinen Atem. Am meisten Angst machen mir Prognosen, die von Monaten und “einem Jahr” sprechen – ich kann mir das nicht vorstellen, es ist in meinem Kopf nicht als Realität umsetzbar. Ich lese mal weiter einen literaturwissenschaftlichen Text…als wäre nichts. 

 

Svenja, Köln

Ich kann keine Nachrichten mehr beantworten. Ich will nicht mehr ans Telefon gehen. Ich reagiere nicht mehr auf Emails. Ich kenne dieses Reaktionsmuster von mir: Wenn mich über längere Zeit ein Gefühl oder ein Problem beschäftigt, kann ich nur so oft darüber sprechen. Wenn es sich dann immer noch nicht gelöst hat, will ich es nicht weiter thematisieren. Problemgefühle kommen an die Oberfläche wenn es ein Gegenüber gibt und mein diffus durch die Wohnung waberndes Ich eine Form annehmen muss. Wenn ich alleine bin, kann es mit medialen Fiktionen (Podcast, Serien, Bücher) verschwimmen, notwendige oder neurotische Alltagshandlungen ausführen und dabei sich selbst vergessen.

Ich versuche zum dritten Mal an diesem Morgen, alle Edelstahloberflächen von Wasserrändern zu reinigen. Ich, dass das eine Kompensationshandlung ist und ich gerade etwas im Außen zu kontrollieren versuche, was ich im Inneren nicht in den Griff bekomme.

Es ist ein Wochenende und ich weiß nicht, wie man Wochenende macht.

 

Shida

Gestern war Eyde Nouruz. Das Neujahrsfest, das man unter Anderem in Iran und in den kurdischen Gebieten feiert, das Fest, das ich mit Familie, mächtig guter Laune, Essen, Küssen, neuen Kleidern, Geld und irgendwo am Rande mit Widerstand verbinde (und dabei kenne ich nur die Exil-Version davon). Gestern habe ich mir den ganzen Tag gewünscht, es wäre einfach kein Nouruz. Ich blocke alle Gedanken an die Situation in Iran, wo man Massengräber für die Corona-Toten aushebt, ab; ich blocke alle Gedanken an kurdische Menschen in den Krisenregionen einer rassistischen Weltpolitik ab, ich kann nicht, ich kann das nicht, ich bin gerade nicht stark genug für die Realität. Ich sitze also in dieser luxuriösen Isolation und wünsche mir, es sei einfach kein Nouruz.

Wir besuchen natürlich nicht meine Eltern, wir bleiben zu Hause und improvisieren einen Haft Sin, den „Gabentisch“, wir haben ganz gute Ideen, wie wir die Hälfte der Gaben mit etwas Vergleichbarem ersetzen. Das aber, was den Tisch erst zu einem Hoffnungsträger und Symbol des Frühlings macht, fehlt. B. macht mehrmals den Versuch, vorzuschlagen, Hyazinthen zu kaufen. Er verpackt es geschickt mit anderen halbwegs wichtigen Erledigungen, die man doch mal machen könnte. Er macht das, weil er denkt, dass ich mich über Hyazinthen so richtig freuen würde. Würde ich ja auch. Aber nicht unter diesen Umständen. Ich sage, Hyazinthen gehören nicht zu den lebensnotwendigen Dingen. Am Ende stellen wir einen klobigen Blumentopf von der Fensterbank auf unseren Gabentisch. Der Tisch sieht jetzt bewaldet aus, überwuchert, ich mag das irgendwie. Dieses Improvisieren macht Spaß, tröstet auf merkwürdige Art. Wenn der ganze Spuk vorbei ist, denke ich, wenn die Folgen nicht so schlimm waren, wie ich es jetzt befürchte, dann werden wir an diese Tage zurückdenken und sie gemütlich finden. Ein paar Minuten später revidiere ich das wiederum als mein persönliches, privates Privileg, so zu denken, denn nicht jede*r wohnt in den menschlichen Konstellationen, die gut tun. Ich lese von der Zahl der häuslichen Gewalt, die bei Isolation steigt und mir wird schlecht.

Bei jedem Anruf, der an diesem Neujahrstag folgt, wird mir klar, dass meine Phantasie nicht ausreicht, die einzelnen, unmittelbaren Folgen dieser Krise für andere auszurechnen. Klar kann ich ganz toll zu Hause bleiben und mich wundern, dass das nicht allen klar ist, dass man das macht. Andere aber müssen jeden Tag zur Arbeit, wo sie Tisch an Tisch mit fünf anderen Leuten Viren und sinnlose Tätigkeiten austauschen und verstehen natürlich nicht, warum sie nachmittags plötzlich isoliert sein sollen. Die Schließung von Schulen und Kitas, die vor 8 Tagen angekündigt wurde, hat allen Erwachsenen, die davon betroffen sind, einen großen Dienst erwiesen: Sie haben den Ernst der Lage sehr viel schneller einsehen MÜSSEN (zumindest theoretisch). Alle anderen, die ihn früh verstanden haben, imponieren mir.

Ich fühle seit gestern meine Lunge, sie fühlt sich an wie eine Raucherkneipe vor Corona. Ich frage mich, ob ich meine Lunge immer spüre und nur jetzt auf sie sensibilisiert bin. Oder ob meine Lunge gerade hart am Ackern ist, sich gegen Eindringlinge zu wehren versucht. Klar kriegen wir den Virus fast alle. Aber ich hätte ihn gerne erst viel, viel später. Irgendwann, wenn Kranksein wieder gemütlich ist.

Vor ein paar Tagen schrieb Svenja, dass sie Serien schaut und sich dabei um die Figuren sorgt – warum treffen die sich, warum halten die keinen Abstand und so. Das fand ich lustig, denn genau das Gleiche dachte ich beim Seriengucken auch. Gestern war der erste Tag, an dem das bei mir aufhörte. Gestern schaute ich Serien und hatte offenbar endlich verstanden: Die echte Welt ist gerade diese, die fiktive ist die andere. Ich habe die Situation wohl verinnerlicht und verstanden und kann sie von den Serien trennen. Man könnte auch sagen: Ich habe mich daran gewöhnt.

 

Andrea, Tübingen

Bevor wir gestern Abend zum Einkaufen gegangen sind, haben wir überlegt: Wohin? Dabei ging es zum ersten Mal nicht ums Angebot, sondern um die Räumlichkeiten: Welcher Supermarkt hat die breitesten Gänge? Wo hat man voraussichtlich bei der Flaschenrückgabe am wenigsten Kontakt – oder umgekehrt: Wo ist uns der Raum zu eng?. Dann: Handschuhe mitnehmen. Das wird Routine werden, aber noch steigert das alles meine innere Unruhe. 

Seit gestern bin ich zugleich ziemlich stetig beschäftigt, weil ich mit den Kolleg*innen Paula-Irene Villa Braslavsky und Ruth Mayer einen offenen Brief gestartet habe zu den Bedingungen, unter denen das Sommersemester stattfindet oder besser: stattfinden sollte. Wir waren selbstverständlich überzeugt, dass die Fragen, die uns umtreiben, auch andere beschäftigen, aber mit dieser Resonanz haben wir nicht gerechnet. Es ist überwältigend, und das tut gut. Viele unterschreiben nicht nur, sondern bedanken sich auch und schildern ihre konkrete Situation und strukturelle Probleme, die sie im Brief wiederfinden. Eine Nachricht kam von einer ehemaligen Studentin, die nun an der Uni Dozentin ist, und eine von einem Dozenten, bei dem ich studiert habe, das war beide Male ein netter Austausch! Kritik gibt es selbstverständlich auch, glücklicherweise meistens ernsthaft und nur selten ärgerlich-albern, etwa als jemand mir schrieb, dass er sich von unserem Brief distanziert. Als müsse man mir gegenüber Ablehnung bekunden statt einfach nicht zu unterschreiben. Aber das ist wie bei den Evaluationen der Lehre: Sie können insgesamt noch so gut sein, vereinzelte seltsame Kommentare gehen einem immer lange nach.

Im Hintergrund laufen weiter die Nachrichten über die Ausgangsbegrenzungen und/oder Ausgangssperren. Seit gestern scheint mir, dass die “die Demokratie ist in Gefahr”-Wortmeldungen stark zugenommen haben. Mir ist wirklich unklar, wie man die Priorisierung von Gesundheit so framen kann. Als ob der Ausnahmezustand, den wir jetzt haben und der klar begründet ist, ein Vorschein des Totalitarismus wäre, der auf uns wartet. Ja, man muss da kritisch hinschauen, und gerade was die Migrations- und Asylpolitik angeht, ist im Moment alles alles alles verheerend! Aber deshalb sollte man keine Demokratiekrise herbeireden. Mir ist da viel zu viel slippery slope zu Verschwörungstheorien drin.

Jetzt weiter Mails abarbeiten!

 

Slata, München

Ich stelle mir vor, dass alles weitergeht, weiterzieht, wie eine alte Lokomotive vorbeiraucht, und ich liege immer noch da im Bett um acht Uhr morgens und denke, dass ich dem Tag nicht gewachsen bin, begebe mich wankend ins Bad, dusche, rasiere, schminke mich, begebe mich in die Küche, trinke Tee, zwei, drei, vier Gläser. Gestern beschlossen wir, Schluss mit gesunder Ernährung zu machen, ich beschloss, meine Diäten zu brechen. Gestern haben wir drei Bleche voll Gebäck gemacht, Quarkteig mit einer Füllung aus Zucker, das Rezept soll von meiner Urgroßmutter sein und ich stelle es mir als eine Art Nachkriegserbe vor, so minimalistisch die Zutaten, wir nehmen aber Rohrohrzucker und schütten Vanillin zum Mehl dazu, ich esse alles Übriggebliebene davon zum Frühstück, stopfe es in den Mund hinein.

 

Matthias, Jena

Ich habe es jetzt auch gesehen, das Symbolbild unserer Tage, und zwar in gleich zwei verschiedenen Supermärkten: das leere Toilettenpapier-Regal. Anscheinend hält jetzt schon seit Wochen die Situation an, dass sehr viel auf Vorrat gekauft wird, und ich frage mich: Wie viel kaufen die Leute denn alle? Stapeln die sich alle ihre Keller voll? Wie lang kann das so weitergehen, irgendwann müssen doch alle so viel gekauft haben, wie es geht?

Die Atmosphäre im Supermarkt ist gedrückt. Es ist in Deutschland ohnehin so, dass es sehr einfach ist, in der Öffentlichkeit aufzufallen, anzuecken, verdächtigend beäugt zu werden, und die Möglichkeiten dafür haben sich jetzt natürlich noch vervielfacht. Laute, nörgelige und/oder angetrunkene Menschen, die sich an einem Samstagabend vor dem Netto aufhalten, wirken noch auffälliger als sonst. Ich fühle mich von den lachenden und schimpfenden Menschen belächelt, wahrscheinlich, weil ich sozialmedial aufgeschnappt habe, dass es dieser Tage hier und da Spott über Leute gegeben hat, die sich Mühe geben, sich an die Regeln zu halten.

Meine Frau berichtet, dass in lokalen Facebook-Gruppen Verschwörungstheorien umlaufen, mit erstaunlicher Konkretion. Da wird SARS-CoV2 zum Hebel, den nicht irgendwelche finsteren internationalen Mächte, sondern ganz konkret der Jenaer Oberbürgermeister ansetzt. Hier im Viertel wird gerade eine Schule wegen einer anstehenden Sanierung temporär in ein leerstehendes Schulgebäude umgezogen. Eigentlich sollte das im laufenden Betrieb sukzessive passieren, jetzt wurde es, da die Schulen ja geschlossen sind, binnen Tagen durchgeführt. Einer der typischen Lokalgruppen-Trolle, der den Umzug gesehen haben muss, fragt auf Facebook »besorgt«, was denn in der ehemaligen Schule »eingelagert« worden sei. Man möchte aktuell noch weniger in der Haut wahnhaft Denkender stecken als sonst.

 

Rike, Köln-Vorort Refrath

Seit Mittwoch ist jetzt immer Samstag. Die Kölner Verkehrsbetriebe haben eine neue Zeitrechnung für uns angefangen.

Bald gibt es wieder verschiedene Lokalzeiten in Deutschland. Köln wird die Samstagsstadt ohne Nachtbetrieb. Der ewige Samstag.

Seite heute: milde Formen von Ausgangssperre. 2+2 werden sich alle Grundschulkinder und Freibad- und Abiturjugendliche gut merken können, die bis gestern noch mit ihren Boomboxen fröhlich durch den Park getingelt sind: Nicht mehr als 2 (Menschen), nicht weniger als 2 (meter physische Distanz). 2+2. Die Grundschulkinder scheinen sich das besser merken zu können als die Jugendlichen. Die werden jetzt geshamed.
Sonja sagt, in der Stadt kann sie jetzt nur noch Slalom gehen.
Warum sprechen alle so dystopisch von sozialer Distanz, die wir jetzt neu überbrücken müssen? Geht es nicht um physische Distanz? Ist es so etwas Neues?

Versuch 1: Ich chatte das erste mal Video mit meiner Mutter, sie ist so froh mich an der Strippe zu haben, wie sie sagt, dass sie rangeht, obwohl sie gerade das letzte Fenster putzt. Ich tauche ein in ihre Frisur und zähle neue graue Strähnen. Corona ist Perspektiv-Erweiterung.
Heute scheint der Tag zu sein, an dem vermehrt der Fensterputztrend losgegangen ist, vielleicht liegt es am blauen Himmel über Mehrteiligdeutschland. Außer in Stuttgart, da schneit es angeblich. Immerhin gibt es doch noch Schnee. 

Mein Vater erzählt mir leidenschaftlich davon, wie er ein Eichhörnchen dabei beobachtet hat, wie es vom Efeu in den Ahorn gesprungen ist, waghalsig so weit, mein Vater sagt: ich habe den Mund nicht mehr zubekommen. Er erzählt mir noch von allen Vögeln, die er heute gesehen hat und über die Streits mit meiner Mutter darüber, wer welche Vogelart richtig identifiziert hat (Vater versus Mutter 1:0. besser als kein Fußball). Sie sind seit einem fast halben Jahrhundert zusammen und gemeinsam in Rente, sie wissen, wie es funktioniert, gemeinsam allein zu sein und nicht durchzudrehen. Ich muss mir bei ihnen keine Sorge um #häusliche Gewalt machen, nur über die Gesundheit.
Ich bin froh, dass mein Bruder es übernommen hat, meine Mutter fürs auf-den-Markt-gehen-weil-sie-nicht-auf-den-Fisch-verzichten-will zu rügen, ich hau aber auch noch mal drauf und sage, dass es kein Argument ist, Fisch auf dem Markt zu holen, weil der so gesund ist. 

Fische im Canal Grande war leider auch dann doch wieder nur Fake News. Bei meiner Recherche lande ich auf einer Seite, die nur positive Nachrichten schreibt und bleibe dran kleben. Ich backe einen Zitronenkuchen für meine 9er-WG und erhalte Beifall, dabei hat es nichts mit wirklicher Arbeit zu tun. Ich fantasiere darüber, auf chefkoch.de einen Rezeptvorschlag für eine Mehl-Klopapierschichttorte hochzuladen, lasse es dann aber sein, es gibt Wichtigeres. Auf change.org kann man jetzt für das bedingungslose Grundeinkommen unterschreiben, 5 minuten Zeit. Die habe ich jetzt, ich bin eins der privilegierten weißen Toastbrote mit Gartenauslauf. Die Geflüchteten an der Grenze sind immer noch da, wo sie sind. Ich sehe keine andere Möglichkeit gerade, als zu spenden und Politiker böse Emails zu schreiben zusammen mit anderen. Meine Mitbewohnerin malt im Garten auf ein Bettlaken den hashtag wirhabengenugplatz. Ich bedanke mich bei ihr für die Arbeit. Sich bedanken wird gerade ein neuer positiver Trend. Allerdings brauchen die Pflegekräfte nicht nur ein Danke sondern bessere Arbeitsbedingungen, merkt eine Pflegerin bei Twitter an.  Coronazeit ist vielleicht Zeit für Netzaktivismus, obwohl ich nicht richtig an Netzaktivismus geglaubt habe bist jetzt, aber es braucht neue Formen von Protest. Zoom-Demos mit 200 Aktivisten vor ihren Bildschirmen zuhause.

PS: Heute morgen: Eine Frau mit einer beflaumten Glatze wie eine junge Taube und Atemschutzmaske an der Kasse sagt zu dem Kassierer das find ich aber gut, dass Sie das mit den Markierungen auf den Boden geklebt haben. Der Mann sagt ja, gerne, 4,95. Ich muss schnell meine nassen Augen wegblinzeln um mir nicht ins Gesicht zu fassen. Ich bin zu nah am Wasser gebaut. Bloß nicht ins Gesicht fassen üben. 

Corona ist Bedachtsamkeitsübungen.
Eine Plexiglasscheibe trennt mich von der Kassiererin. Sie wünscht mir noch ein schönes Wochenende. Ich bedanke mich. Eigentlich fühle ich mich ihr näher als sonst. 

 

Marie Isabel, Dunfermline

Die irische An Post wird in den nächsten Tagen jedem Haushalt kostenlose, frankierte Postkarten zustellen, die an Adressaten im ganzen Land verschickt werden können: ‘The written word is a powerful thing, so embrace it and come together’, heißt es begleitend.

 

Eine gute Werbeaktion, klar, aber mit ernsthaften Kern. Denn, anders als ihre virtuellen Abkömmlinge – Email, WhatsApp, Tweet, etc. – speichern und vermitteln materielle Kommunikationsträger wie Postkarten und Briefe mehr als nur eine Nachricht: Die Handschrift der Absender:in ist nur eine Körperspur neben anderen; man denke an Kaffeeflecken, Tränenspuren, Fingerabdrücke … Postkarten und Briefe werden gehandhabt, adressiert, vielleicht verziert, laufen mit der Post über weite Distanzen, tragen das Nahe in die Ferne und geben den Empfänger:innen etwas, woran sie sich festhalten können, ein Objekt, dessen haptische und optische Qualitäten über lange Zeit zu trösten vermögen.

Über Briefe in Zeiten von Covid-19 dachte ich schon ein paar Tage nach, als Angela Merkel in ihrer jüngsten Ansprache zum Thema bemerkte, dass mancher (neben anderen Kommunikationsformen) vielleicht mal wieder auf den Brief kommen werde. In Krisen- und das heißt auch in Krankheitszeiten gewinnen Formen schriftlicher Kommunikation an Bedeutung – und werden teilweise einer eigenen ‚Behandlung‘ unterworfen (zu beobachten etwa am Beispiel überlieferter Cholerabriefe aus dem frühen 19. Jahrhundert).

Nun plane ich also Briefe, Postkarten – und Pakete – für liebe Menschen. Außerdem habe ich (denn wozu sich auf ein Medium beschränken) heute morgen eine neue WhatsApp-Gruppe für alte Freunde gestartet, die mittlerweile mit Kind und Kegel über ganz Deutschland verstreut sind. Die familiäre WhatsApp-Gruppe wird ab jetzt häufiger nach dem Wohlbefinden befragt (mehrere Verwandte arbeiten im Gesundheitswesen). Eine mentale Telefonliste ist in Arbeit. Am Ende weiß ich jedoch: Alles, was per Schneckenpost rausgeht, wird den Empfänger:innen eine besondere, begreifbare Freude machen.

 

22.3.2020

 

Andrea, Tübingen

Seit kurz vor 8 arbeite ich wieder die Mails ab. Aber ich habe mir auch schon  den Roman “Pixeltänzer” von Berit Glanz rausgelegt, um später die Laudatio von Hanna Engelmaier zum Friedrich-Hebbel-Preis in angemessener Begleitung auf dem Sofa anhören zu können.

 

Viktor, Frankfurt

Mein Nachbar ist selbstständiger Optiker mit zwei Mitarbeiterinnen, ich habe ihn noch nie so viel rauchen sehen wie in diesen Tagen. Unser Gespräch – zwei Meter Abstand – dreht sich um Ungewissheiten und Unsicherheiten, er weiß nicht, wie er ein halbes Jahr in diesem Zustand durchhalten kann, denn “Machen wir uns nichts vor, das dauert alle noch viel länger.” Ein Kunde schrieb, dass er seinen Job verloren und die neue Brille nicht abholen kann. Die Mitarbeiterinnen sollen zu Hause bleiben, für sie will der Nachbar Kurzarbeitergeld “mit Null Stunden” beantragen. Seine ganze Existenz und das ganze Familienleben (fünf Menschen) hängen im Moment an dem Laden. Und mehr als der momentane materielle Verlust quält ihn die Unsicherheit. 

Wen quält sie nicht. 

Passenderweise lese ich gerade “Suleika öffnet die Augen” (Gusel Jachina), der Roman handelt vom Leben einer jungen Tatarin im Süden der Sowjetunion der 20er/30er Jahre, einer Zeit heute unvorstellbarer Umbrüche, in der die Gesetze von heute morgen nichts mehr galten und die Machthabenden heute die Macht morgen schon wieder verlieren konnten.   

Mich interessierte das Thema ”Unsicherheit” schon lange vor der Corona-Krise. Das hat sehr viel mit meiner Kindheit und Jugend zu tun, mit der Unberechenbarkeit, die ich sehr lange in unterschiedlichsten Kontexten um mich herum erlebt hatte. Unsicherheit kann die Sinne schärfen, kann empfänglich und empfindsam machen, kann aber auch nachhaltig schaden. Ich hatte immer wieder das Glück, dass es Menschen und Phasen gab, die am Ende so etwas wie eine sichere Basis mir halfen aufzubauen, eine Art Sicherheitsinsel für den großen, unsicheren Ozean Leben. Manchmal erscheint mir die Insel groß, manchmal winzig, wie groß sie gerade jetzt ist, kann ich noch nicht einschätzen. Und es ist dann auch schwierig, etwas sinnvolles zu meinem Nachbarn zu sagen oder so für jemanden da sein zu können, dass die eigene Unsicherheit nicht übertragen wird. 

 

Birte, Darmstadt

Heute habe ich Hanna Engelmeier dabei zugesehen, wie sie eine Wohnzimmerlaudatio auf Berit Glanz hält, die mit dem Hebbel-Preis geehrte wird. Wofür muss ich ja wohl nicht noch extra sagen. Ich bin ab sofort für Wohnzimmerlaudationes, vor allem, weil ich die dann auch gucken kann. Nach Westerdingenskirchen, wo der Preis eigentlich verliehen wird, wäre ich ja niemals extra gereist. So konnte ich die schöne Rede und Perspektive auf den Roman hören, auf Berit anstoßen, mich für sie und mit ihr freuen.

Gestern habe ich ein Video aus unserem vorletzten Sommerurlaub gepostet, Strandläufer an der Küste von Montauk.

Seither geht ein sanfter Regen von Meeraufnahmen auf meine Timeline nieder und ich versuche, all das in einem eigenen Account @jedestundemeer zu bündeln, der @spinfocl ist so freundlich, mir bei der technischen Umsetzung zu helfen.

Das Rauschen des Meeres, die gleichförmige Unterschiedlichkeit der Wellen, ihr Rhythmus, all das beruhigt mich. Brauche ich gerade.

 

Slata, München

Jemand schreibt im Messenger wieder über Risikogruppenfaktoren oder die neusten Sterberaten. Zu allem kommt ein neuer Geruch dazu, ein neues Parfüm, das alte leer geworden, es erinnert an das erste Trimester, an zwei Monate Toxikose, ein Erbrechen am Morgen schon, ich bat um ein neutrales Duschgel, ohne Gerüche, Joghurt vielleicht oder Aloe Vera, sowas, könntest du bitte das Deo draußen, vor der Wohnungstür benutzen. Da ist dieser Geruch wieder da, und ich bestelle heimlich ein neues Parfüm, ein anderes, das ich kenne aus der Zeit, als die Geschäfte auf hatten, hundert Milliliter, Eau de Toilette lieber, und dann noch eins für mich, wenn wir schon alle dahocken zuhause, dann Miss Dior, Blooming Bouquet, wenn wir schon alle sterben werden, und vielleicht sogar bald, dann mit einem Hauch Dior auf dem Hals.

 

Berit, Greifswald

Heute habe ich einen Preis gewonnen und mich (wie oft) online geborgen gefühlt. Das war ein Lichtblick, den Rest der Zeit habe ich mit Schmerzen und leichtem Fieber geschlafen. Ich habe mir verordnet an nichts zu denken, einfach gesund zu werden und dafür zu sorgen, dass diese Zeit für meine Kinder eine Zeit mit guten Erinnerungen wird. Das ist Aufgabe genug. 

Bei Twitter entdecken immer mehr Menschen ihr Klassenbewusstsein, zumindest kommt es mir so vor. Schon in den letzten Monaten habe ich immer mehr wütende Tweets gegen die großen Unterschiede in der Einkommensverteilung gesehen und ich habe den Eindruck, dass sich diese Tweets nochmal vermehrt und verschärft haben. Guillotine-Gifs haben Hochkunjunktur. Corona ist auch ein Indikator für soziale Ungerechtigkeiten, die Krankheit verschärft die sowieso vorhandenen Unterschiede, macht sie sichtbar und die Konsequenz ist Wut:

 

Shida

Wir haben uns zum ersten Mal zu dritt zum Spaziergehen verabredet. Im weiten Abstand miteinander geplaudert und uns dabei irgendwie fortbewegt (und uns dabei sehr merkwürdig gefühlt). Eine halbe Stunde später kommt das „Kontaktverbot“, ab jetzt sind Verabredungen solcher Art dann also verboten.  

Später trinken wir per Zoom Konferenzschaltung Bier mit anderen Menschen. Es sind so viele Menschen, dass kein richtiges Gespräch zustande kommt, letztlich trinke ich Bier und schaue dabei andere Menschen an, wie sie in ihren Computer gucken, über irgendwas lachen, irgendwelche Dinge sagen. Trotzdem irgendwie schön.

Gleichzeitig kommt die Meldung, dass Merkel in Quarantäne muss, weil ihr Arzt positiv auf Corona getestet wurde. Ich sehe wie immer, wenn es um Merkel geht, ihre politischen Feinde vor mir und hoffe einfach, um ihnen keinen „Triumph“ zu gönnen, dass sie kein Corona hat. Wo man nicht alles seine Energie reinsteckt.

23.3.2020

 

Marie Isabel, Dunfermline

Es braucht also eine Pandemie, um die britische Bahn wieder zu verstaatlichen. Zumindest für ein paar Monate. Gleichzeitig scheinen im Hinterhof von Downing Street “magic money trees” gewachsen zu sein, die der junge Finanzminister (mancher hat in ihm schon den nächsten Premier zu sehen geglaubt), seit Tagen kräftig schüttelt. 

Nachdem mir Covid-19 wortwörtlich Alpträume bereitet, hege ich die Informationsflut ein – weniger Social Media, weniger Nachrichten, mehr Beschäftigung mit Nichtvirusbezogenem. Die Menge an Berichterstattung und digitalem Lärm steht in einem schwer aushaltbaren Missverhältnis zur (scheinbaren?) Ungewissheit der Situation. Aus diversen Ecken des politischen Spektrums verlauten Versuche, Kapital aus der Verängstigung der Menschen zu schlagen. Gleichzeitig wird der eigene Bewegungs- und Handlungsspielraum immer weiter beschnitten.  

Auf Instagram lese ich den Kommentar einer ehemaligen Kollegin, Akademikerin, promoviert, talentiert, vom Befristungsmangelsystem Universität nach Jahren der Anstrengung ausgespuckt (wie so viele junge Menschen meiner und der folgenden Generationen). Sie arbeitet jetzt als Lehrerin, ist zweifache Mutter. Ab heute haben die Schulen in Großbritannien geschlossen, betreuen nur noch die Kinder der ‘key worker’ (es herrscht noch eine gewisse Unsicherheit darüber, wer dazugehört). Die Schüler seien durch die Situation verunsichert, schreibt meine Bekannte – das höre ich auch, fast gleichzeitig, im Radio. Die Lehrer:innen fühlen ähnlich, halten ob der Reaktion der Kinder ihrer Tränen nur mit Mühe zurück. Ihnen kommt das gerade zweifelhafte Privileg zu, erwachsen zu sein. 

 

Jan, Hannover

Am Samstag sollten wir also am offenen Fenster stehen und für die Menschen in den Pflegeberufen applaudieren, die gerade den härtesten aller Jobs machen. Aber wieso eigentlich «gerade»? Auch unter «Normalbedingungen» kann ich mir keinen Beruf vorstellen, in denen die Härte der Arbeit und die gesellschaftliche Notwendigkeit einerseits und die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen andererseits in einem derart krassen Missverhältnis stehen. Ich habe in den letzten Jahren (als Angehöriger, als Freund) viel Zeit in Krankenhäusern und Pflegeheimen verbracht und dabei gelernt, dass die Verzweiflung der Kranken- und Altenpfleger*innen jener der Angehörigen meist in nichts nachsteht. Mit einem gewaltigen Unterschied: Für mich als Angehörigen ist es sozial akzeptiert, ja erwartet, dass ich sie zeige.

Dennoch sträubte sich in mir einiges dagegen, mich in diese absolut folgenlose, rein symbolische Aktion einzureihen. Ich empfinde immer einen starken Widerwillen, wenn Aktionismus und Symbolpolitik aufeinandertreffen, um von mir ein «Zeichen» (oder zumindest eine Unterschrift oder eine verwertbare Mailadresse) zu verlangen. Ich bin keiner, der überall «Gutmenschentum» wittert und verspottet, das ist ein Cover-up für Arschlöcher, und ich versuche, keins zu sein. Aber ich habe so eine gewisse Herdenaversion, ein Unbehagen bei Ansammlungen aller Art. Und ich mag keinen Politkitsch. Das klingt fein nonkonformistisch, man darf sich mit dieser Haltung als kritischen Geist sehen, der stets über den Dingen steht (wir wissen ja, Ibsen, der Stärkste ist der, der alleine steht, dies das), aber natürlich hat diese Haltung auch eine Schattenseite: Sie ist reichlich selbstverliebt und eröffnet einem allerlei bequeme Ausflüchte in Situationen, in denen es eigentlich angebracht wäre, praktische Solidarität zu üben.

Was tat ich denn eigentlich sonst so? Unsymbolisch, konkret, mit praktischen Folgen, jenseits der üblichen kapitalismuskritischen Diskussionen am reichgedeckten Esstisch, wenn Freund*innen zu Besuch waren (damals, in der guten alten Zeit, als man sich noch gegenseitig besuchte)? Was tat ich denn tatsächlich, außer reden und twittern? (Regieanweisung: An dieser Stelle bitte Tumbleweeds und Grillenzirpen und ein paar Spendenquittungen einspielen.)

Zur Auflösung: Natürlich standen wir am Samstag am Fenster und klatschten. Wie Klatschvieh im Musikantenstadl, dachte ich. Aber es tat ja schließlich keinem weh. Und im Stadion war ich mir früher auch nicht zu schade gewesen, einem knappen Dutzend kurzbehoster Bälletreter zuzujubeln. Also. Vielleicht applaudierten wir auch ein bisschen uns selbst, aber entscheidend war dann doch etwas anderes: Man war ja nicht Teil einer uniform marschierenden Masse. Da standen die Nachbarn von der anderen Straßenseite auf ihren Balkonen, mit denen ich sonst nie redete. Jetzt auch nicht, aber wir sahen einander über die Straße hinweg und wussten: We’re all in this together. Bislang hatte uns lediglich ein straff gespanntes Stahlseil verbunden, an dem eine alte Straßenlaterne in der Schlucht zwischen unseren Häuserblocks sacht im Wind baumelt.

Vielleicht war es auch einfach die Hilflosigkeit, die man derzeit andauernd spürt, die mich ans Fenster zog. Vor allem aber das Gefühl, dass es einfach lächerlich ist, in einer Zeit wie dieser selbstverliebt darauf zu beharren, man stünde über den Dingen, während man in Wahrheit genauso hilflos mittendrin steckt wie alle anderen auch, während man sich auf die Arbeit anderer verlässt, verlassen muss. Symbolpolitik ist, zumindest wo sie kein Ausdruck inszenierter Macht ist, oft ein Zeichen von Hilflosigkeit, und in times of Corona sollte sich niemand seiner Hilflosigkeit schämen oder sich zu fein für sie sein.

Am Sonntag um 18 Uhr standen wir dann wieder am offenen Fenster, diesmal, um im weiten Kreise der distanzierten Nachbarschaft die «Ode an die Freude» zu spielen. Um ehrlich zu sein, ich empfand ich keine Freude beim Spielen. Aber einen gewissen Trost. Ich sah wieder die Nachbarn von gegenüber, die gleichen wie gestern, klar, wen sonst, wo sollten denn auch plötzlich andere herkommen, und ich wusste bisher gar nicht, dass die junge Frau von ganz oben Geige spielt. «No man is an island entire of itself; every man is a piece of the continent, a part of the main», hatte meine frühere Kollegin C. gern John Donne zitiert, wenn ich ihr mal wieder mit dem Ibsen kam. (Ach, überhaupt Kolleg*innen: Auch so etwas, das ich vermisse.)

«… alle Menschen werden Brüder, wo Dein sanfter Flügel weilt.» Und Applaus. Man winkte einander noch einmal über die Straße hinweg zu, dann schlossen wir wieder die Fenster. Ein kurzer Moment der Gemeinsamkeit, dann war man wieder für sich. Wir teilten mit Freund*innen und Bekannten kreuz und quer durchs Land die Handyvideos, die unsere Straßen in den verschiedenen Städten und Dörfern beim Musizieren zeigten. Ein bisschen stolz, ja, tatsächlich. Ich Herdentier. Als dann aber schließlich die WhatsApp-Gruppen mit neuen Appellen bimmelten, man möge bitte alle miteinander um 21 Uhr eine Kerze ins Fenster stellen («bitte leitet diese Nachricht an alle weiter!!!»), da reichte es mir dann doch.

(sorry, viel zu lang, künftig wieder kürzer, versprochen)

 

Slata, München

Neue Dinge entstehen, eine heiße Badewanne voller Schaum zum Beispiel, entspannend, beruhigend, davor ein Fondant au chocolat (lava cake ist aussprechbarer), dazu Puderzucker wie Schnee auf Erdbeerscheiben, schmale Dessertgabeln, lass uns noch ein paar Tafeln Schokolade holen, bevor alle Geschäfte dicht machen, selbst als ein Glas zu Boden fällt, sich in tausend Scherben verbreitet, freuen wir uns fast darüber, sammeln, fegen sie geduldig auf.

 

Nabard, Bonn

Bin gerade am Münsterplatz entlang gelaufen und vor Ludwig stehen geblieben. Zwei Tauben sitzen auf ihn. Happy Birthday Ludwig, ich wette deinen 250. hast du dir anders vorgestellt oder? Niemand der vom Café nebenan zu dir hochzieht. Niemand der vor dir stehen bleibt und ein paar Fotos schießt. Guess that’s life. 

Laufe weiter Richtung Bertha und muss an die Fortbildung der Anästhesisten gerade denken. Was machen wenn ein Patient akut zu ersticken droht…bis mir eine Gestalt über den Weg läuft den ich wohl noch von früher kenne. Er hat einen grauen Bart und graue Haare bekommen. Sieben Jahre können doch lang sein.

Musik-Tip:

The Weeknd – Snowchild

 

Berit, Greifswald

Wenn die Spielplätze und Fußballplätze zu sind, kann man mit seinen Kindern draußen herumlaufen und Pokemon Go spielen. Man steht an Ecken und beugt sich konspirativ gemeinsam über das Handy, fängt dieses und jenes Pokemon, fachsimpelt über Bälle und läuft noch den einen Extrakilometer, den es braucht, um das Ei auszubrüten. Alles fühlt sich sehr normal an, bloß die anderen Passanten machen große Kreise um uns und sie schauen nicht mehr skeptisch auf die Kinder mit dem Smartphone, sondern lächeln mich mitleidig an. Im Hinterhof jagen Eltern ihre Kinder zwischen den Wäschestangen hinterher, damit sie später in der Wohnung ausgetobt sind, andere haben ein Trampolin gekauft. Ein kleines Mädchen rollt sehr lange bäuchlings auf einem Rollbrett hin und her, es klackert leise durch das geöffnete Fenster.

 

Marie, Isabel Dunfermline

Heute auf dem Weg zu Post und Supermarkt (ausgerüstet mit offiziell ausreichend notwendigen Gründen, das Haus zu verlassen und öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen): Vom Bus aus eine kleine Kinderzeichnung hinter Fensterglas. Ein Regenbogen. Auf dem Rückweg ein Stück zu Fuß, der frischen Luft wegen. Ein Taubenpaar sitzt winterdick und eng aneinander geschmiegt auf einem Zaun. Eine pickt der andere liebevoll den Schnabel. Halte an für Finken, Rotkehlchen, Spatzen, Möwen, Krähen, Meisen, Amseln, noch mehr Tauben. Hundehalter ziehen im Sicherheitsabstand vorbei. Vierbeiner begreifen nicht, warum sie Fremden nicht mehr begrüßen dürfen. In einem großen Haus (dessen Garten immer voller Spielzeug wimmelt) ein Wohnzimmerfenster, hinter dem Luftballons tanzen. Auf dem Glas in leuchtenden Farben ein großer Regenbogen, schönstes Halbrund, die Enden stecken in fluffigen Wolken. Darunter in Großbuchstaben, im genau richtigen Dunkelblauton: NHS. Als ich nach Hause komme und mir ausführlich die Hände wasche, sehe ich im Spiegel, dass ich auf dem Gang in die Stadt mein Regenbogentuch um den Hals getragen habe.

Soziale Distanz – Ein Tagebuch (2)

Dies ist der zweite Teil unseres kollektiven Tagebuches, in dem wir mit zahlreichen Beiträger*innen fortlaufend sammeln, wie der grassierende Virus unser Leben, Vorstellungen von Gesellschaft, politische Debatten und die Sprache selbst verändert (hier Teil 1).

Es schreiben mit:

Andrea Geier: @geierandrea2017, Anna Aridzanjan: @textautomat, Berit Glanz: @beritmiriam, Birte Förster: @birtefoerster, Charlotte Jahnz: @CJahnz, Elisa Aseva, Jan: @derkutter, Johannes Franzen: @johannes42, Magda Birkmann: @Magdarine, Marie Isabel Matthews-Schlinzig: @whatisaletter, Matthias Warkus: @derwahremawa, Nabard Faiz: @nbardEff, Philip: @FreihandDenker, Sandra Gugić: @SandraGugic,  Simon Sahner: @samsonshirne, Slata Roschal, Sonja Lewandowski: @SonjaLewandows1, Svenja Reiner: @SvenjaReiner, Tilman Winterling: @fiftyfourbooks, Viktor Funk: @Viktor_Funk

Woche 2 (erster Teil): 16. März bis 18. März

16.3.2020

Magda, Berlin
Wie kann man kleinen Kindern die aktuelle Ausnahmesituation verständlich machen? Wie erklärt man einer 2jährigen, warum man gerade das Haus nicht verlassen darf? Was macht die allgemeine verunsicherte Stimmung mit so einem kleinen Kind?

Berit, Greifswald
Die überall angepriesenen Online-Lernplattformen laufen nur noch in Schneckengeschwindigkeit oder brechen direkt unter der Last der Anfragen zusammen. Ich mache mir Gedanken darüber, was diese Wochen für Familien bedeuten, in denen die notwendigen Ressourcen für Heimunterricht nicht vorhanden sind.

Sonja, Köln
Ich denke an meinen Vater, der eigentlich schon lange in Rente sein müsste. Der Musiker ist. Der uns Kinder großgezogen hat und immer noch keine Mindestrente bekommt. Der jetzt keine Auftritte mehr hat. Der auch keinen privaten Unterricht als Musiklehrer mehr geben kann. Der kein Einkommen hat, der kein Einkommen hat, der kein Einkommen hat. Ich sehne mich für ihn und alle meine Lieben, die in ihren überteuerten Wohnungen sitzen und nicht wissen, wie sie diese in den nächsten Monaten bezahlen sollen, nach einem Grundeinkommen ohne Bedingungen. Als mein Vater vor drei Wochen ängstlich über die sich anbahnende Situation gegrübelt hat, habe ich gelacht und abgewunken. Jetzt schäme ich mich dafür.

Simon, Freiburg
Ich habe mich in den letzten Tagen oft über Fotos von Menschen aufgeregt, die in großen Gruppen im Freien herumstanden, über Berichte von Leuten, die zu Corona-Parties einluden oder über diejenigen, die jetzt noch feiern gehen. In mir hat das alles eine große Frustration und Wut ausgelöst, weil diese Haltung zum einen zeigt, dass viele nicht verstanden haben, was passiert, und weil sie tatsächlich gefährliche Folgen haben kann. Zum anderen befürchte ich, dass genau diese Haltung letztlich doch zu Ausgangssperren und ähnlichem führen könnte, die unter Umständen per se nicht nötig wären, wenn sich alle an die Empfehlungen halten würden und alleine oder als Familie oder als Paar spazieren gehen, Fahrradfahren oder Picknicken würden. Ich werde unruhig, wenn ich so etwas sehe, weil ich es nicht verstehe, dass man sich in solchen Situationen nicht an einfachste Grundregeln halten kann, die vielleicht unangenehm sind, die aber per se nur bedeuten auf ein Freizeitprivileg zu verzichten.

Johannes, Bonn
Jede Krise, die eine Gemeinschaft betrifft, bringt neue Tugenden und damit neue Laster hervor. Man macht einen Spaziergang (aber allein!) und sieht auf der Straße die fröhlichen Zusammenrottungen des Frühlingsanfangs plötzlich mit finstererem Blick. Krise bedeutet Verzicht, aber diese Krise fordert den Menschen nicht den Verzicht auf Materielles ab, sondern auf soziale Kontakte, genau das, was ja normalerweise in Krisenzeiten eingefordert wird. Eine moralgeschichtlich komplizierte und faszinierende Situation.

Andrea, Tübingen
Auf Twitter trendet kurz “Tag 1”. Als ob die Krise erst jetzt beginnen würde. Ich verstehe das, insofern erst jetzt die Schulen schließen, gleichzeitig ist es seltsam, weil es signalisiert, dass das Wochenende noch als ‘jetzt kann man nochmal alles machen’ von vielen wahrgenommen wurde. Im Verlauf des Tages wird das Maßnahmenpaket der Bundesregierung angekündigt, das ich gut finde. Pragmatisch, wichtige symbolische Wirkung: Keine Urlaubsreisen etc. Beschränkung auf das wirklich wichtige, hoffentlich geht das in die Köpfe! Nach der PK der Kanzler spricht endlich der Bundespräsident zur Corona-Krise: “Die Welt danach wird eine andere sein.” Hoffentlich gilt das auch zukünftig für die Frage, wie effizienzorientiert das Gesundheitswesen sein muss, denke ich. “Ich glaube an unsere Vernunft. Ich glaube an unsere Solidarität. Halten wir heute voneinander Abstand, damit wir uns morgen wieder umarmen können.” Gut.

Philip, Göttingen
Es fühlt sich unwirklich an. Für mich hat sich nicht viel geändert mit dem Lockdown. Es ist keine Vorlesungszeit und ich gehe auch nicht in die Bibliothek, weil ich die Arbeit an meiner Dissertation pausiert habe. Corona scheint online viel präsenter als im Analogen. Wie jeden Montag erledigen wir den Wocheneinkauf. Worüber wir bisher vor allen gewitzelt haben, ist jetzt wirklich. Das Nudelregal ist komplett leer und Toilettenpapier ist nur noch wenig da. Wir beschließen, doch keines mitzunehmen. Wir wollen bewusst nicht “hamstern”, aber ein bisschen lässt es sich doch nicht vermeiden. Wir nehmen hier eine Dose, dort ein Glas mehr mit als wir es unter normalen Bedingungen getan hätten. Nachmittags mache ich einen kurzen Spaziergang. Es ist richtig frühlingshaft, und statt der üblichen Leute mit Hund sind auch viele Familien und ältere Paare im Wald, der gleich hinterm Haus beginnt, unterwegs. Ich muss an einen Tweet denken, der von “Coronaferien” sprach. Aber wer wollte es den Leuten verdenken, die ersten schönen Tage zu genießen? Später telefoniere ich mit meinem Vater. Er arbeitet in Basel, lebt aber in Deutschland. Er erzählt mir, dass er nicht sicher war, ob man ihn nach der Arbeit wieder die Grenze überqueren lassen würde, und scheint sich spitzbübisch darüber zu freuen, dass es ihm gelungen ist. Wir reden darüber, dass wir die Situation nutzen, um es ein wenig langsamer angehen zu lassen. Ich freue mich, dass er jetzt kürzer tritt, denke aber daran, wie glücklich unsere Lage ist, dass wir so mit dieser Krise umgehen können.

Tilman, Hamburg
Eben war ich bei Giovanni, den Tisch für Samstag stornieren. “Haben schon ganz viele gemacht”, sagte Mirko traurig. 11 Personen hatte ich angemeldet. Meine Schwester heiratet im Mai und unsere Eltern und die Eltern ihre Freundes kennen sich noch nicht. Aus Nürnberg, Frankfurt, Münster und Bad Hersfeld sollte angereist werden. Als wir vor zwei Wochen das erste Mal darüber sprachen, ob das denn alles so stattfinden könnte, war meine Mutter bereits sehr skeptisch, mein Vater dagegen noch fest überzeugt, alles stelle kein Problem dar. Die Entscheidung abzusagen, fiel bereits letzte Woche, gestern war es aber mein Vater, der sehr vehement in der Familien-Whatsapp-Gruppe forderte, meine Chefs sollten von ihrem Hausrecht Gebrauch machen, falls Kollegen sich nicht freiwillig in häusliche Quarantäne begäben.

Matthias, Jena
Mir wird zum ersten Mal seit Tagen richtig mulmig, als ich mitbekomme, dass eine neue Stufe der Einschränkungen bekanntgegeben wurde. Ich muss an »When the Wind Blows« denken. Beim Abendessen schalte ich das Radio ein, ich will jetzt weder ein Feature über ein Massaker in Apartheid-Südafrika noch E-Musik hören, also schalte ich um auf MDR Thüringen Ost, und dort läuft »Some Broken Hearts Never Mend«, es macht direkt alles noch schlimmer, weil es so eine postapokalyptische Atmosphäre produziert. Woran liegt es, dass bestimmte Musik (z.B. älterer Country oder amerikanische Schlager aus dem 2. Weltkrieg) sich so sehr nach Autoradio nach dem Atomkrieg anhört und andere nicht? Es gibt da eine popkulturelle Überlieferungslinie, die den Abspann von »Doktor Seltsam« und den Vorspann von »Fallout« verbindet, aber da muss es doch noch mehr Datenpunkte geben.

(Danach übrigens Bobbie Gentry, »I’ll Never Fall in Love Again« mit den herzigen Versen: »What do you get when you kiss a girl? / You get enough germs to catch pneumonia«.)

17.3.2020

Nabard, Bonn
Die Straßenbahn ist ziemlich gefüllt. Es herrscht eine erstaunlich gespenstische Ruhe. Nicht aber weil die Schulkinder fehlen. In ein paar Minuten bin ich im Krankenhaus. Mein praktisches Jahr hab ich mir sicherlich anders vorgestellt, doch was soll’s. Hier hat gerade jemand gehustet und alle haben ihn mit einer Mischung aus Ekel, Panik und Verachtung angeschaut. Gleich in der Besprechung erfahren wir die neuesten Zahlen. Von befreundeten Ärzten aus Köln und Berlin höre ich, dass sie in ihren Krankenhäusern sich aufs schlimmste eingestellt haben. In einem teil-privatisierten Gesundheitswesen, was auf Gewinn aus ist, ein radikaler Schritt! Erst einmal Hände desinfizieren und dann den Kittel anziehen.

Magda, Berlin
Über ein Facebookupdate ihrer Tochter erfahre ich heute morgen, dass sich der Hirntumor meiner amerikanischen Gastmutter, bei der ich 2006 ein Schuljahr lang gelebt habe, nach über einem Jahr ohne Wachstum nun plötzlich verdoppelt hat, dass sie wieder mit der Chemo beginnen müsse, dass ihr Zustand sehr verschlechtert sei. An manchen Tagen könne sie sich wohl nicht einmal wirklich erinnern, wer sie selbst sei. Meine Gastfamilie lebt in Kalifornien, das inzwischen als Covid19-Risikogebiet gilt, sie haben wenig Geld, wie es um ihre Krankenversicherung gestellt ist, weiß ich nicht. Der Kontakt zwischen uns ist in den letzten Jahren über die gelegentliche Facebooknachricht ihrer Tochter hinaus sehr eingeschlafen, aber heute wird mir plötzlich klar, dass ich vermutlich keine Gelegenheit mehr bekommen werde, sie jemals wiederzusehen. Mit dem Ausnahmezustand hier in Deutschland irgendwie klarzukommen und gleichzeitig zu wissen, dass es überall auf der Welt gerade genauso schlimm aussieht, dass es anderswo auch kein von all dem unberührtes Idyll mehr gibt, bringt mich immer näher an meine mentalen Grenzen.

Sonja, Köln
Dem Social Media-Dinosaurier Facebook wird die Funktion kupiert. Wer Facebook noch als Veranstaltungsbörse nutzte, kann jetzt die veralteten Klopapier-Gags und die unzähligen Anfragen von Autor*innen, ihre Seite zu liken, endlich hinter sich lassen.

Bei Tinder und OkCupid alles beim Alten: Man matched, man schreibt, man trifft sich nie.

Andrea, Tübingen
Die gesundheitlichen Fragen beschäftigen mich am meisten. Aber auch wie es an den Unis weitergeht, diskutiere ich mit Lehrenden verschiedener Unis seit Tagen auf Twitter. Die Informationspolitik der Unis ist dabei sehr unterschiedlich, und das hat keineswegs nur mit verschiedenen Semesterstart-Zeiten zu tun. Manche berichten, dass sie schlicht aufgefordert werden, sich auf digitale Lehre einzustellen. Ohne dass gleichzeitig kommuniziert wird, wie das gehen soll. Online-Formate muss man extra konzipieren. Wer sich etwas mit digitaler Lehre auskennt, weiß, dass das viel Vorlauf braucht. Und da reden wir noch gar nicht über rechtliche Fragen, Netz-Kapazitäten etc.

Sonja, Köln
Von dem neuen Hashtag #stayhomechallenge wird mir erst schlecht und ich befürchte einen blinden Aktivismus, der unter Publikum propagiert wird, dann scroll ich ein bisschen durch und kichere ein bisschen rum

Heute Nacht die erste Panikattacke. Was, wenn der Lockdown wirklich kommt? Ich wohne allein, ich arbeite allein, ich kann allein sein, aber ich kann nicht eingesperrt sein. Wer schon mal weggesperrt wurde – ob ins Badezimmer, auf eine geschützte Station in einer Klinik oder ins Gefängnis – weiß, wie unvergleichbar beklemmend diese Situation ist. Nur dass man in einer Psychiatrie noch in Gesellschaft ist, wie fordernd die Mitpatient*innen, wie streng die Pfleger*innen auch sind, man kann jemanden zu sich rufen und in Kontakt treten, wenigstens einen Anflug von Berührung erleben. In der Quarantäne aber, wer will mich da mit einer Hand auf meinem Handgelenk, einer Schulter in meinem Rücken, einer Stirn an meinem Kopf beruhigen?

Das abendliche Twitterkonzert von Igor Levit gibt mir Halt, gibt mir eine Routine in der Ausnahmesituation, 19 Uhr ein Klavier. Gibt mir ein Gefühl von Gemeinschaft, spendet Nähe.

Ich telefoniere mit einem Freund, der in der gleichen Situation ist. Ein Musiker, der für die nächsten Wochen ohne Aufträge sein wird. Er ruft schon das vierte Mal an heute. Auch ihm klemmt der Brustkorb, rauschen die Ohren. Unsere Unruhe wuchert. Die antizipierte Einsperrung ist die Schlimmste. Wieso lässt man sich freiwillig in einen Container einsperren? Aber neugierig, wie die Bewohner*innen von Big Brother hier in Köln Ossendorf heute auf die Info reagieren, bin ich auch.

Andrea, Tübingen
Gegenüber anderen Menschen habe ich in dieser neuen Situation nicht wirklich etwas zu bewältigen. Ja, ich mache mir Sorgen um Verwandte, aber mein Alltagsleben ist gut zu managen. Eigentlich sollte es nicht viel anders sein als sonst in der vorlesungsfreien Zeit. Aber so fühle ich mich nicht. Das entspricht viel eher meinem Zustand:

Magda, Berlin
Ich mache mich bereit für meine heutige Spätschicht in der Buchhandlung. Heute werde ich die Strecke von ca. 2,5 km ausnahmsweise zu Fuß gehen (ich besitze kein Fahrrad, fahre sonst immer Tram). Die angekündigte Pressekonferenz des Berliner Senats wurde von 13 auf 14:30 Uhr verschoben, noch weiß also niemand, ab wann die vom Bund empfohlene Schließung aller nicht-essentiellen Läden hier in Berlin umgesetzt wird. Das heißt auch, dass keine*r aus dem Buchhandlungsteam weiß, ob wir morgen zur Schicht antreten müssen und wie es überhaupt jetzt weitergehen wird. Es fühlt sich komisch an, nach vier freien Tagen gleich im Laden stehen und mit Kundschaft interagieren zu müssen. Bei meiner letzten Schicht am Donnerstag war noch alles vergleichsweise “normal”, unser Café war noch in Betrieb, der Laden voll. Wie die Stimmung wohl heute Nachmittag sein wird? Ob überhaupt Leute kommen werden?

Beim kurzen Spaziergang im Park am Sonntag habe ich mich erst über die ganz ungerührt dicht an dicht sitzenden Menschenmassen geärgert. Dann kam mir der Gedanke, dass zum Glück inzwischen Pokémon Go schon wieder out ist, weil es sonst in den Berliner Parks noch viel schlimmer aussähe. Gotta catch ’em all!

Birte, Darmstadt
Mein Sohn und ich versuchen, einen Rhythmus des zuhause Seins, Arbeitens und Lernens zu finden. Ganz gegen Brecht haben wir einen Plan gemacht, vor allem, damit wir wissen, wann wir frei, gemeinsame Zeit haben oder allein sind. Seinen Vater wird er mehrere Wochen nicht sehen können, der lebt in der Schweiz. Wenn vieles ungewiss ist, hilft vielleicht ein Rhythmus, ein Plan. Wir wissen beide: wir müssen uns noch eingewöhnen.

Gerade sind wir über die Rosenhöhe spaziert, einem Darmstädter Park. Hier scheint die Sonne, die Magnolienbäume öffnen ihre Knospen. Alle gehen sorgsam miteinander um, alle vermeiden zu große Nähe, wenn sie anderen begegnen.

http://www.park-rosenhoehe.info

Ich musste an meinen Kollegen Jonathan Triffitt denken, der über die Entmonarchisierung Hessens, Württembergs und Bayerns nach 1918 promoviert, denn das Palais Rosenhöhe gehörte dem letzten regierenden Großherzog von Hessen-Darmstadt Ernst Ludwig. Überhaupt denke ich viel an Kolleg*innen, tausche mich mit ihnen aus, froh über die Zeit, die uns noch bleibt, die Lehre online vorzubereiten.

Hier ist Frühling.

Simon, Freiburg
Es ist sehr seltsam und anstrengend, die Diskrepanz zwischen Normalität und Ausnahmezustand aushalten und balancieren zu können. Während in meiner Region die Lage angespannter wird, schaue ich auf die Deutschlandkarte und sehe Städte und Regionen, die 3 vielleicht 5 Fälle haben – ganz Thüringen hat derzeit weniger als Freiburg, deutlich weniger. Manchmal schalte ich das Radio an und hoffe auf einen Beitrag, der nichts mit der aktuellen Situation zu tun hat und gleichzeitig fühlt es sich seltsam an, wenn dort wie heute morgen über die ersten freien Wahlen in der DDR vor 30 Jahren gesprochen wird. Ich werde mir in den nächsten Tagen und Wochen Momente freischaufeln müssen, in denen das Thema Covid19 keine Rolle spielt, in der sich alles normal anfühlt – und ich befürchte, dass sich es diese Momente nicht geben wird, weil sich diese Abwesenheit seltsam anfühlen wird.
Gerade bin ich durch meine Timeline auf Twitter gegangen, auf der Suche nach einem Tweet, der nichts mit der Situation zu tun hat. Ich musste lange scrollen.

Tilman, Hamburg
Ich habe noch nie Home Office gemacht. Das will erstmal eingerichtet werden. Also muss ich mit dem Mann von der IT telefonieren. Das ist ein externer Dienstleister und hin und wieder hat man zwar eine bekannte Stimme dran, aber so häufig hat man eigentlich keine Computer-Probleme, dass man sich da groß anfreunden würde. Nach der Schilderung meines Problems, (ich habe eigentlich zwei, denn ich habe meine Maus im Büro liegen lassen), schaltet er sich auf meinen Rechner auf. Während nun ferngesteuert der Cursor über meinen Bildschirm flitzt, schweigen wir uns an. Er schweigt so deutlich, dass ich ins Grübeln komme, was für ein IT-Hotline-Typ ich wäre, also auf Dienstleisterseite.

Kenne nicht so viele, aber für ein Magazin würde ich u. a. die folgenden nehmen:

  • manche brabbeln oder machen so Geschäftigkeitsgeräusche,
  • manche erklären dem Gegenüber, was sie tun,
  • manche schweigen.

Dann müsste ich mir noch welche ausdenken, damit dieser Typen-Test einen lustigen Spin bekommt und die Leute weiterlesen, vor allem damit sie die Auflösung lesen, hihi, bist Du auch der “XYZ-Typ” und dann unterhalten die Leser*innen sich darüber, was die Redaktion sicher für einen Heidenspaß hatte sich so einen Test auszudenken. Der Schweigetyp sagt jetzt, dass er zurückruft. Bestimmt einfacher sich zu konzentrieren, wenn der andere nicht in den Hörer schweigt.

Im Supermarkt bietet jemand an der Kasse einem anderen jemand Geld für zwei Rollen Klopapier. Das Angebot wird einfach überhört. Ein Edeka Mitarbeiter sagt dem Anbietendem, dass heute Nachmittag neues Klopapier kommt (wir kaufen Saft und vegane Burger und bisschen Obst und Gemüse; extra kein Klopapier und keine Nudeln).

Wir treffen Daniel und Judith. Judith hat ein Baby und sagt, dass das Zuhausebleiben einfach wie sehr langes Wochenbett sei. Das verstehe ich nicht richtig.

Charlotte, Bonn
Aufwachen. Die ersten 30 Sekunden sind immer die besten des Tages, weil ich solange brauche, um mich daran zu erinnern, was gerade los ist. Seit gestern bin ich im Home-Office. Das ist eine enorme Umstellung, bislang haben wir eng im Team gearbeitet. Jetzt gibt es zwar einen Chat, aber darin passiert nicht viel. Wir müssen erstmal unsere Abläufe einstellen. Und technische Probleme sind da auch, nicht gerade wenige. Mein Mann arbeitet noch im Büro, also sitze ich alleine im Home-Office. Es ist seltsam, dass der Arbeitsplatz jetzt direkt neben dem Schlafzimmer liegt. Ich lese regelmäßig twitter und merke, dass es nicht gut tut, ich es aber auch nicht lassen kann. Jede*r postet ständig Artikel wie es jetzt weitergehen könnte. Es entstehen Diskussionen über Fake-News, die heute keine Fake-News mehr sind. Alle regen sich auf, niemand weiß genaues. Das ständige Updaten tut mir nicht gut, gleichzeitig habe ich das Gefühl, ich könnte etwas “Wichtiges” verpassen. Aber was ist denn gerade “wichtig”? Gegen Mittag höre ich den neuesten Corona-Virus-Update-Podcast und wage mich hinaus. So ein paar Einkäufe will man dann ja doch erledigen. Auf dem Weg zum Supermarkt achte ich kleinlichst darauf, dass mir niemand zu nahe kommt, an der Ampel nähert sich mir dann trotzdem ein Mann, obwohl ich versuche ihm auszuweichen. Ich mache die

Social-Distancing-Playlist auf Spotify an, sehr eklektisch.

https://open.spotify.com/playlist/0uJbw1w5FtiC1RGcRlFpgv?si=eGxN3k8OTiu1ALv5SesIVw

Im Supermarkt ist eigentlich alles wie immer, auch wenn es hier das zu sehen gibt, was ich schon von Fotos auf twitter kenne: leere Regale bei gewissen Produkten. Aber alle versuchen möglichst nett zueinander zu sein. An der Supermarktkasse telefoniert eine Frau, es geht um Nachschreibetermine und das Schulministerium und ich versuche niemandem nahe zu kommen, aber die zwei Meter Abstand, die empfohlen werden, hält niemand ein. Auf dem Weg zurück ins Home-Office schreibe ich Freunden, aber der Ausnahmezustand ist nicht wirklich spürbar. Es sind allerdings weniger Menschen unterwegs und ich habe das Gefühl, die Sirene der Polizei nebenan geht in letzter Zeit öfters als sonst, aber vielleicht bin ich auch nur viel sensibler dafür geworden. Abends registriere ich mich für eine Studie der Ruhr-Universität Bochum, die herausfinden will, wie sich unser Erleben und Verhalten gerade über die Zeit verändert. Bislang planen sie mit vier Tagen, die die Studie dauern soll.

https://covid-19-psych.formr.org/

Anna, Berlin
Ich denke gerade sehr viel über Freiheit nach. Freiheit in all der Vielfalt, die dieses Wort beinhaltet. Unsere Freiheit ist mehr und mehr eingeschränkt, ist ja auch erstmal gut so, es ist wichtig, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, usw usf. Aber wie viel Freiheit wir plötzlich aufgeben. Es trifft mich. Es schnürt sich eng um meine Brust. Für wie lange wird das gehen? Wann dürfen wir wieder? Reisen, umarmen, Essen gehen, all diese kleinen Luxusmomente? Und Eltern, wann dürfen sie wieder etwas zusammen ohne die (kleinen) Kinder unternehmen? Ins Kino, Date Night, einfach raus? Sonst haben immer Oma und Opa aufgepasst, aber jetzt, tja, Risiko.

Wann wird die Freiheit wiederkommen? Und wie? Auf einen Schlag? Nach und nach? Werden wir sie uns erkämpfen müssen?

Viktor, Frankfurt
Seit Tagen Diskussionen über Freiheit und was die richtigen Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus’ sind.

Heute schrieb mir eine gute Freundin, (über 60 Jahre, DDR-Flüchtling), dass sie lieber am Virus sterbe als in einer Notstandsverordnungsgesellschaft zu leben.  Sie schrieb auch “Ich werde die Grundsätze der Aufklärung niemals aufgeben”. Mich beschäftigt das. Ich frage mich, ob die naturwissenschaftliche Aufklärung, also das Wissen über das Virus, nicht auch ein Teil der Aufklärung ist? Mediziner und Naturwissenschaftler können sagen – oder zum jetzigen Zeitpunkt wohl auch nur vermuten – was gegen das Virus hilft, aber die entsprechenden Maßnahmen umsetzen müssen dann Politiker:innen. Und hier steckt ein gesellschaftlicher Konflikt. Mein Nachbar ist selbstständiger Optiker, er hat drei Kinder, er weiß nicht, wie er die nächsten Monate überstehen soll …

Wütend machen mich Gerüchte und Verschwörungstheorien. Wütend macht mich auch, dass viele Menschen sich nicht informieren, Unsicherheit nicht aushalten können und dann ihre Unsicherheit mit einfachen, realitätsfernen Erklärungen beruhigen.

18.3.2020

Marie Isabel, Dunfermline
Mein Flug nach Deutschland wurde abgesagt. Das schon gebuchte Brahms-Konzert auch. Erstattungen erfolgen automatisch oder lassen sich leicht online vornehmen. Sogar die sonst nicht als mildtätig bekannte Deutsche Bahn macht einem Hoffnung … Die Welt ist wirklich aus den Fugen. Im hiesigen Supermarkt klaffen die gleichen Regallücken wie in Deutschland: kein Toilettenpapier (ich verstehe es immer noch nicht), wenig Tiefgefrorenes, null Spaghetti … An der Kasse meint ein Mann, in anderen Ländern seien leere Regale alltäglich, wir daran nur nicht gewöhnt. Ich nicke der Einfachheit halber. Es wäre zu umständlich, ihm zu erklären, wie beeindruckt ich Anfang 1990 war, als ich (DDR-Kind) zum ersten Mal in einen westdeutschen Supermarkt ging. Wann werde ich meine Familie wiedersehen? Ich sorge mich um sie. Sie sich um mich. Wie letztes Jahr um diese Zeit, als ich mitten in der Chemotherapie steckte. Im Nachhinein wirkt das wie ein Intensivvorbereitungskurs für die Pandemie: Menschenansammlungen meiden, ausreichenden Abstand von Hustenden halten, Hände gründlich waschen, im Zweifelsfall daheim bleiben, regelmäßig die Körpertemperatur messen, etc. Ich denke momentan viel an all jene, die sich jetzt in einer solchen oder ähnlichen Situation befinden, die besonders verletzlich sind … Als würde einem der Krebs nicht schon genug Angst machen. Ich hoffe, sie verbringen nicht allzu viel Zeit online oder vor dem Fernseher, wo es momentan eigentlich nur eine Nachricht zu geben scheint. Auf Twitter sehe ich, dass dank Little Miss Corona (wie eine Survivor aus meinem Bekanntenkreis Covid-19 nennt) der Sehnsuchtsort Venedig nun eine Geisterstadt ist – mit plötzlich wieder klarem Wasser in den Kanälen, bevölkert von Schwänen.

Ich kann das erleichterte Seufzen der Erde förmlich hören. Manche Zeitung schwelgt derweil in postapokalyptischen Szenarien, die uns in Folge der Pandemie bevorstehen könnten.

Es gibt Journalisten, die sollten vielleicht doch besser schlechte Literatur schreiben. Und es gibt Premierminister, die hätten lieber bei ihrem Zeitungsjob bleiben sollen. Dann würde so jemand wie Boris Johnson nicht in diesem Amt verkünden, dass aufgrund des neuen Virus „noch viel mehr Familien geliebte Menschen zu früh verlieren werden“. Ein Satz, der in meinem Kopf wider- und widerhallt, wie in einer Echokammer.

Nabard, Bonn
Studientage dienen dem Eigenstudium und sollen von Studierenden genutzt werden, praktisch erlerntes theoretisch zu festigen. So viel zur Theorie. Ich nutze die Zeit um einen Zahnarzttermin wahrzunehmen. Die Straßenbahn fährt jetzt nach einem gesonderten Fahrplan. Hätte man mir gerne früher sagen sollen aber sei’s drum. Bin eh zu spät. Heute kam eine email, dass sollte es zu einer Ausgangssperre komme wir von unserem Krankenhaus eine Bescheinigung erhalten auch außerhalb der Sperrzeiten rausgehen zu dürfen. Zu meiner linken fließt der Rhein, ganz ruhig und wir überqueren die Konrad Adenauer Brücke. Ich selbst bin aufgewühlt und habe eine innere Unruhe. In den Nachrichten taucht jetzt vermehrt Professor Streeck auf, Virologe aus Bonn. Irgendwie entwickeln wir gerade eine Obsession zu Virologen. Problem ist nur, sie alle sind keine Kliniker. Was soll’s.

Die ganze Zeit begleiten mich Jay Electronica und Jay Z. Die passende Musik für so einen morgen.

Viktor, Frankfurt
Immer wieder fasziniert, wie schnell in Krisen oder Stresssituationen Humor eine besondere Rolle im Alltag einnimmt. Menschen posten Bilder, wie sie in der Dusche – angekleidet, Kopfhörer im Ohr – wie in einer Straßenbahn stehen; Menschen witzeln über strikte Struktur für den besonderen Alltag, tragen in den Kalender ein “evtl. duschen” ein

Andere verzweifeln, weil sie als Ärzte zerrissen sind zwischen Fürsorge für die Familie und gesellschaftlicher Aufgabe

Berit, Greifswald
Von einem besorgten älteren Verwandten aus Island bekommen wir auf Facebook ein Video mit einem “todsicheren Trick” um Corona-Viren zu bekämpfen. Ich schaue es mir komplett an. Es dauert mehrere Minuten und ist erstaunlich professionell produziert. Gegen hitzeempfindliche Viren soll es angeblich helfen, sich mit dem heißen Fön ins Gesicht zu blasen und die Viren so zu töten. Dazwischen soll man sich mit der Pflanzenspritze Wasser ins Gesicht spritzen, damit die Haut nicht geschädigt wird. Ich muss lachen, bei der Vorstellung, dass sich gerade viele Menschen mit dem Fön selbst behandeln. Angst geht seltsame Bahnen und wir sind wahrscheinlich alle gerade empfänglich für falsche Informationen und dumme Tipps. Es gibt einem das Gefühl etwas Handlungsmacht zu haben. Wir schreiben freundlich zurück, dass dieses Video nicht wissenschaftsbasiert ist. Vielleicht haben wir die virale Ausbreitung dieses Videos so zumindest an einem Zweig gestoppt.

Birte, Darmstadt
Heute auf dem Markt die Choreographie des neuen Körperregimes. Lange Abstandschlangen im Sonnenschein, die sich langsam und aneinander vorbei bewegen. Schlecht damit zurecht zu kommen scheinen mir all jene, die auch sonst nicht darüber nachdenken, wo ihr Körper anfängt und wo er endet.

Das erste Mal seit mein Sohn sehr klein war, sind wir mindestens fünf Wochen zusammen, keiner muss wegfahren oder morgens zur Schule. Noch ist das Homeoffice ein ohnehin eingeübter Zustand, noch macht er nicht mürbe, noch haben wir Phantasien, wie wir uns schöne Momente schaffen. Unsere Wohnung ermöglicht Alleinsein, draußen auf dem Balkon zu sitzen. Luxus, den wir jetzt deutlicher sehen.

Ich frage mich, ob ich ungeduldiger bin, mit schlecht komponierten Texten, wie dem zu Freiheitseinschränkungen in der Süddeutschen, mit den Appell-Tweets, die jetzt meinen oder schon immer meinten zu wissen, was das richtige ist. Früher haben sie mich gelangweilt, jetzt finde ich sie kaum erträglich.

Sorge bereitet mir die Situation in Großbritannien. Norbert Kraas aka @reclamekaspar hat dazu heute morgen einen so bitteren wie guten Text der Schriftstellerin A. L. Kennedy verschickt.

Mein vor drei Tagen aus Österreich zurückgekehrter Nachbar läuft an meinem Balkon vorbei. Da sitze ich beim Arbeiten und komme mir vor wie Frederick aus dem Kinderbuch von Leo Lionni. Den Plan haben wir für heute ausgesetzt.

Berit, Greifswald
Island ist sehr stark von den Unmengen an Tourist*innen abhängig, die entscheidend daran beteiligt waren, dass das Land die Wirtschaftskrise von 2008 relativ gut überstanden hat. Der Wegfall dieser Touristen in Zeiten von Corona wird Island sehr hart treffen, die Folgen sind noch nicht absehbar. Die notorisch instabile isländische Krone ist bereits um 15% gefallen – das Gehalt meines Mannes, der für eine isländische Universität arbeitet, ist somit von einem Tag auf den anderen um 15% gesunken. Wir hoffen, dass es nicht noch mehr wird. Viele meiner Lesungen und Veranstaltungen sind ausgefallen oder abgesagt, mittlerweile fehlen Honorare im vierstelligen Bereich. Zumindest bleibt meine halbe Stelle an der Universität uns als Quelle eines stabilen Einkommens noch bis ins Frühjahr 2021 erhalten.

Simon, Freiburg
Mich irritieren im Moment Zahlen. Einerseits suche ich sie, weil das handfeste Anker für Entwicklungen im Chaos sind, andererseits verunsichern sie mich; und vor allem verwirren sie mich. Der Spiegel Online veröffentlicht einen Artikel mit Fallzahlen vom 14. März, ich werde wütend, weil ich diese Zahlen seit vier Tagen kenne, was soll mir das bringen? Die Johns Hopkins University veröffentlicht permanent deutlich höhere Zahlen als das Robert-Koch-Institut, gleichzeitig beobachte ich die Fallzahlen in meiner näheren Umgebung und dort, wo Familie und Freund*innen leben. Und bei all dem weiß ich, dass das sowieso nur identifizierte Fälle sind und dass Schätzungen davon ausgehen, dass ⅓ der Infizierten symptomlos bleibt. Eine Studie spricht von 7-10x so vielen Infizierten wie die offiziellen Zahlen anzeigen. Hier, schon wieder, Zahlen. Dann höre ich wie Christian Drosten Prozentzahlen einer britischen Schätzstudie zitiert, die er bei aller Vorsicht, die er deutlich ausdrückt, für relevant hält. Die Prozentzahlen klingen beruhigend, Krankenhausaufenthalte nur bei sehr niedrigen Prozentzahlen überhaupt nötig, intensivmedizinische Betreuung bei noch weniger, ich fahre innerlich herunter – dann nennt er die Studie alarmierend. Ich bin verwirrt, auch wenn ich verstehe, dass Prozentzahlen und und tatsächliche Zahlen in der Realität etwas anderes sind. Manchmal wünschte ich mir, ich hätte einen Tick weniger Informationen.

Slata, München
In aufgeregten Diskussionen bei facebook, etwa unter Beschlüssen des OB, Polizeiberichten, Rathausinformationen, finden sich ältere Frauen, die sich über Kinder auf Spielplätzen, Jugendliche in Parks beschweren, die zuständigen Ämter darauf aufmerksam machen wollen. Die stecken doch einander an, verbreiten es weiter, sie spielen, als ob da nichts wäre, wo sind ihre Eltern eigentlich, sind Eltern nicht für ihre Kinder verantwortlich.

Svenja, Köln
Schreibt man Grußformeln? Hallo! Bei uns hat das Semester bereits angefangen (Niedersachsen, formerly Fachhochschule). Weil ich in dieser Woche auf einer Spring Academy in Portugal sein sollte, fielen die Seminare geplant aus bzw. die Studierenden waren mit Essay- und Rechercheaufgaben versorgt. Jetzt versuche ich eine Onlinelehre zu planen; das textlastigere Fan-Seminar mit älteren Studierenden lässt sich gut mit Skype oder Zoom durchführen, Text-Diskussionen werden als Chats durchgeführt, wir haben keine social-reading-Plattform und ich greife mit schlechtem Gewissen auf googledrive und die integrierte App Kami zurück: PDFs können geteilt und dann gemeinsam gelesen und kommentiert werden. Schenke ich google dafür alle meine Daten? Vermutlich. Ironie: Herhalten müssen zunächst Adornos Gedanken zu leichter Musik. Sorgen mache ich mir um jüngere und fremdsprachigere Studierende: Ist diese Form des Unterrichts überfordernd?

Dann versuche ich einen Leitfaden zur Onlinelehre zu formulieren: Richtet einen Arbeitsplatz ein (Laptop, Kopfhörer, Papier+Stift). Informiert Eure Mitbewohner:innen über die Seminarzeit. Wenn es geht: Schließt die Zimmertür. Ladet das Material vorher runter. Bereitet Euch vor. Seid weiterhin pünktlich. Strukturen helfen uns allen. Verlasst Euch bei Gruppenaufgaben aufeinander und seid verlässlich. Aber auch: Niemand erwartet, dass das das beste Semester Eures Lebens wird.

Slata, München
Da kommt das Ökonomische ins Spiel, hätten wir, ja wären wir, stell dir vor, wir, jeder in seinem Arbeitszimmer, das Kind in seinem Spielzimmer irgendwo im zweiten Stock, in einem großen, hellen, gut eingerichteten, in so einem Zimmer könnte man Monate verbringen, ohne irgendwas zu vermissen, alles nach Bedürfnis und Geschmack und es hat einfach Stil, mit viel Luft unter hohen Decken, und abends essen wir gemeinsam auf der Veranda, so guter stabiler Holztisch, passendes Geschirr, hübsche Servietten, so ikeamäßig, alle lächeln und genießen und haben sich total gern, egal, wie lange die Quarantäne noch dauern sollte, wir zufrieden mit allem, was wir in unseren Arbeitszimmern geschafft haben den Tag lang, das Kind total happy, endlich ein paar Wochen allein Lego zu spielen, in seinem Zimmer mit Stil, dann räumen wir zusammen vom Tisch ab, denn wir machen so gerne alles zusammen.

Andrea, Tübingen
So langsam spiegelt sich die neue Situation auch in neuen Formaten wie hier etwa in “Die Zeit”:

Als ich das gesehen habe, habe ich spontan gedacht (& dann auch geantwortet), dass für mich die größte Umstellung in der Lehre liegen wird, nicht im wissenschaftlichen Arbeiten. Bei Letzterem sehe ich einfach Hürden, wenn die Bibliotheken zu sind. Da können wir Wissenschaftler*innen uns gegenseitig ein wenig aushelfen, aber vieles wird nicht greifbar sein. In der Lehre hat sich das bei mir aber auch entwickelt: Nach einer aktivistischen Phase, was die Umstellung auf online-Lehre betrifft, bin ich jetzt wieder stärker im Lese-Vorbereitungsmodus. Ich habe viele Links abgespeichert und kann mir das alles noch rechtzeitig in den nächsten Wochen ansehen und anlernen, falls am 20.4. tatsächlich unser Semester mit online-Teaching gestartet werden soll, aber eigentlich warte ich jetzt erstmal auf weitere Informationen für uns Lehrende. Relaxter bin ich vor allem, seit ich mir klar gemacht habe, dass es eben nicht darum gehen kann, Präsenzlehre vollständig durch tools in online-Lehre umzusetzen, sondern auch darum andere Formate zu finden. Und da habe ich Ideen & denke am Material entlang, mit dem ich mich gerade beschäftige. Gleichzeitig bin ich weiterhin über den ganzen Tag immer wieder auf Twitter. Ich verstehe, wen das eher nervös macht. Mir tut es gut. Zu sehen, dass es ähnliche Schwierigkeiten gibt im Umfeld, aber auch, um Neuigkeiten zu erfahren und zu teilen – z.B. heute eine Petition für den Schutz und die Unterstützung von Pflegekräften auf change.org. Vor allem aber bin ich dort vernetzt und bekomme neben Infos auch emotionalen Halt.

Marie Isabel, Dunfermline
Meine Schwiegermutter teilt mit mir per WhatsApp ihre Begeisterung über den irischen Premier Varadkar. Dessen gestrige Rede zur derzeitigen Situation machte auch auf Twitter die Runde. Mit Blick darauf, dass ältere und chronisch kranke Menschen in naher Zukunft gebeten werden sollen, daheim zu bleiben, sprach er nicht von Selbstisolation – was technokratisch klingt, kalt, einsam – sondern von cocooning, was man als Rückzug an einen sicheren Ort übersetzen könnte, aber auch anders verstehen: als ein wärmendes Sich-Einspinnen, ein Verpuppen. Ich schwanke zwischen Grusel und Wohlgefallen. Meine Schwiegermutter jedenfalls verabschiedet sich wohlgestimmt und beruhigter mit Grüßen aus ihrem ‘Kokon’. Was Worte doch für einen Unterschied machen. Von ‘Superhelden’ sprach Varadkar ebenfalls und meinte damit jene, die die medizinische Versorgung der Bevölkerung stemmen. Überhaupt war diese Rede so ganz anders als die Äußerungen ‘führender’ Politiker wie Johnson, Trump, Macron: ehrlich und ohne den Ernst der Lage herunterzuspielen, aber gleichzeitig voller Zuversicht und Dankbarkeit angesichts dessen, was die Menschen bereits leisten. Gegen übertriebene Angst und für ein weltweites, solidarisches Miteinander. Letzteres sieht der britische Außenminister, Dominic Raab, übrigens als besten Ansporn, die Brexitverhandlungen ohne Verzögerung Ende 2020 abzuschließen. Ist das Wahnsinn oder hat es Methode? Gerade meldet die BBC mittlerweile 104 Tote in Großbritannien.

https://www.irishtimes.com/news/ireland/irish-news/coronavirus-many-of-you-are-feeling-scared-full-text-of-varadkar-speech-1.4205405

https://www.independent.co.uk/news/uk/politics/coronavirus-brexit-dominic-raab-uk-cuba-foreign-secretary-a9406736.html

Svenja, Köln
Ich bin irritiert davon, wie schnell ich diesen Status als neue Lebensrealität akzeptiere. Schon jetzt schaue ich Serien und denke automatisch: Warum treffen die sich diese Figuren? Warum sind sie gemeinsam auf der Straße unterwegs? Hat da jemand geniest?

Ein befreundeter Wissenschaftler schreibt, dass sich sein Alltag nicht besonders verändert hat – vielleicht liegt es daran, vielleicht sitzen wir (Single, kinderlos, promovierend) sowieso ständig alleine daheim. Ich teile das Zimmer, in dem ich wohne, arbeite, koche und schlafe nur mit ein paar Kompostwürmern, die meinen Biomüll zu wertvollem Pflanzendünger verarbeiten. Die meisten Menschen halten Würmer für unrein, meine leben in einem sehr eleganten Tongefäß. Gestern mischte ich ihnen – vielleicht als Soulfood gegen die Krise – viele Sellerieblätter unter die Erde. Meine eigenen Hummusvorräte neigen sich dem Ende.

Magda, Berlin
Der Berliner Senat hat beschlossen, dass neben Lebensmittelgeschäften, Apotheken, Baumärkten und zahlreichen anderen Ausnahmen auch Buchhandlungen systemrelevant sind und daher geöffnet bleiben dürfen. Aus der Chefetage kommt daher die Anordnung, dass auch wir vorerst offen bleiben. Im Team vor Ort stößt das auf wenig Begeisterung, die meisten mit uns kommen mit einem flauen Gefühl im Magen zu ihrer Schicht. Die meisten Kund*innen sind freundlich und freuen sich, dass wir noch auf sind, aber längst nicht alle halten sich an die empfohlenen Sicherheitsabstände und ALLE FASSEN SICH STÄNDIG INS GESICHT.

Auch oder vielleicht gerade weil ich bis auf weiteres meine Schichten im Einzelhandel ganz normal absolvieren muss, bin ich dauerhaft angespannt, kann mich zuhause auf nichts konzentrieren, habe ständig Kopfweh und Nackenschmerzen. Twitter ist mein Outlet für all den Frust, ich neige momentan deutlich mehr zum Oversharing als sonst.

Jan, Hannover
Seit einigen Tagen sind die Straßen so menschenleer wie auf den Captcha-Bildern. I am not a robot. Mein kleiner Hund (bekannt unter dem Namen Kleiner Hund) zieht auf dem Bürgersteig fröhlich nach vorne. Dreimal am Tag muss er raus, morgens und abends jeweils kurz, nachmittags lang, bei jedem Wetter, bei jeder Krankheit. Daran ändert auch Corona nichts. Wie Flugzeuge, die in Warteschleife über dem Flughafen kreisen, drehen wir Hundeleute also unsere Runden durch die einschlägigen Parks, stapfen die angelegten Wege entlang und halten respektvoll Sicherheitsabstand voneinander. Wo man früher kurz zusammengestanden und geplauscht hätte, winkt man sich nun von ferne zu. Die Hunde wollen sich beschnüffeln, miteinander herumtollen oder sich zurechtweisen, sie verstehen Social Distancing nicht. Manchmal tritt dann doch ein dazugehöriges Herrchen oder Frauchen zu einem, allem Abstandhalten zum Trotz. Das sind die, die Dir ungefragt erzählen wollen, wie übertrieben alles sei. Auch die Menschen verstehen Social Distancing manchmal nicht. Aber es hilft ja alles nichts, die Tiere müssen raus, sie müssen bewegt und geleert werden, sonst werden sie rammdösig oder kommen auf schlechte Ideen. Sollte es zu einer Ausgangssperre kommen, wird es hoffentlich geeignete Regelungen für Hund-Mensch-Gespanne geben, denn beim Fußball wie in der Hundehaltung gilt: You’ll never walk alone.

Viktor, Frankfurt
Spannend zu sehen, wie jeder einzelne Mensch in meinem Umfeld die Corona-Krise vor allem durch die eigene Prägung wahrnimmt und das in Diskussionen nie eine Rolle spielt. (Gilt auch für mich, hier schreibe ich das aber mal auf.) Persönliche Erfahrungen mit Krisen lassen diese Situation ganz unterschiedlich wahrnehmen. Ich höre sehr oft “Ich glaube, dass …” in den Gesprächen über Corona. Aber was nützt jetzt, etwas zu glauben?

Zugleich ist es auch möglich, sich auf einen Punkt zu einigen: Viele Menschen halten Unsicherheit/Ungewissheit nicht aus und sehnen sich nach einfachen, vielleicht realitätsfernen, aber vorstellbaren Antworten und Erklärungen für das, was da passiert.

Tilman, Hamburg
Das gibt es also wirklich, nicht nur in der Zeitung oder auf Twitter. Gestern hatte mir jemand per Whatapp geschrieben, seine Schwester habe von einer Freundin, die es wiederum von jemandem aus dem “Poltikbetrieb” in Berlin habe, gehört es soll Ausgangssperren geben. Morgens hört man dann, dass abends die Kanzlerin eine Fernsehansprache gibt. “Passt ja alles!!”, denkt man da und am Ende passt es doch nicht.

Soziale Distanz – Ein Tagebuch (1)

In diesem kollektiven Tagebuch wollen wir sammeln, wie der grassierende Virus unser Leben, Vorstellungen von Gesellschaft, politische Debatten und die Sprache selbst verändert. Dazu werden wir kleine Gedankenmiszellen sammeln und versuchen Tweets, die uns signifikant vorkommen oder bestimmte Entwicklungen besonders gut oder interessant zusammenfassen, zu sammeln und zu kommentieren. Der flüchtige und schnelle Diskurs in den sozialen Medien bildet einerseits gesellschaftliche Dynamiken rasch und intensiv ab, andererseits stellt er ein gravierendes archivarisches Problem dar, weil sich die Verläufe kaum nachträglich abbilden lassen. Deswegen soll hier der Versuch unternommen werden, diese Eindrücke (mit Verlinkungen zu eigenen und fremden Tweets) zu sammeln – soziale Distanz und sozialmediale Nähe. Eine Zusammenfassung wird wöchentlich auf 54Books erscheinen.

Woche 1: 9. März bis 15. März

11.3.2020

Berit, Greifswald
Wie bringt man geliebten älteren Menschen bei, dass sie sich von Menschenmengen und Veranstaltungen fernhalten sollen? Das Thema Autonomie versus Sorge treibt nicht nur in den sozialen Medien viele Menschen um. Ich rufe mehrfach bei meinen Eltern an und bitte sie unnötige Termine abzusagen. Es ist eine interessante Umkehrung der Verhältnisse plötzlich das besorgte Kind zu sein, dass auf die Eltern einredet und um Vorsicht bittet. Mit diesem Gefühl scheine ich nicht allein zu sein und das hilft mir. Wir rufen auch unsere isländische Familie an. Mein Schwiegervater ist Taxifahrer, wir sorgen uns um ihn, der bei seiner Arbeit mit vielen weitgereisten Menschen in Kontakt kommt. Er hat beschlossen sich für eine Weile aus dem aktiven Geschäft zurückzuziehen, doch wie soll er dann den neuen Wagen bezahlen, den er gerade erst angeschafft hat?

12.3.2010

Johannes, Bonn 
Es ist folgerichtig, dass auch diese Krise nicht auskommt, ohne rätselhafte Erotisierungen. Fast scheint es eine anthropologische Grundkonstante zu sein, dass man mit Teilaspekten einer Bedrohlichen Situation seinen sexy Schabernack treibt. Und so musste und muss der gerade beruhigend allgegenwärtige Virologe Christian Drosten (oder wie das Netz ihn geiernd nennt Prof. Dr. Christian Drosten) für allerlei Projektionen und halb ironische Schelmereien herhalten. Eros und Thanatos liegen eben doch eng beisammen.

(Nachtrag 14.3.2020) Aber ach, auch dieser harmlose Spaß bleibt nicht harmlos. Sachte Kritik an diesem leicht ins Personenkultige abgleitenden Spiel wurde sofort mit einer Flut von empörten schnappatmenden Kommentaren überschüttet.

13.3.2020

Elisa, Berlin
hab ausser 1 pkg klopapier noch nichts eingekauft, gehöre zu diesen maximalüberforderten.
aber verstehe ich richtig: geschäfte (jdf supermärkte) bleiben geöffnet, die müllabfuhr kommt weiterhin + die briefe der inkasso-unternehmen erreichten mich auch noch im entlegensten lazarett?
ok den hafer flat triple shot muss ich mir bis auf weiteres wohl selbst zubereiten. aber jetzt ist eben der punkt erreicht für maßnahmen die weh tun

Johannes, Bonn
Selten so viel über Klopapier gelesen und damit zwangsläufig auch nachgedacht. Es funktioniert wahrscheinlich so. Die meisten Menschen haben gar nicht geplant, eine Menge Klopapier zu hamstern (auch ein Wort, das später, wenn alles vorbei ist, als parodistischer/nostalgischer Nachklang an unserer Sprache kleben bleiben wird), aber wenn man hört, das Klopapier wird knapp, gerät man in Panik, und beginnt selber zu hamstern. Gleichzeitig auch Kaufscham, Panik vor der Panik. Inzwischen werden leere Regale zur ikonischen Trophäe auf Social Media. So entstehen Bilder der Zeit, durch visuelle Verdichtung des immer gleichen Bildwitzes. Schaut mal, bei mir im Rewe gibt es auch kein Barilla mehr. Gleichzeitig regen sich aber auch kritische Stimmen, die auf die Multiplikatorfunktion dieser Bilder verweisen.

14.3.2020

Berit, Greifswald
In den sozialen Medien sprechen alle über Toilettenpapier. Nudeln und Klopapier scheinen zu wichtigen Objekten zu werden, anhand derer sich einerseits die Sorge hamsternder Menschen ausdrückt und andererseits der Spott darüber. Die Tweets sind so zahlreich, dass es zu Ermüdungserscheinungen kommt. Mit den angekündigten Schulschließungen bereiten sich Eltern darauf vor wochenlang ihre Kinder zu Hause zu betreuen und dabei schwirren die absurdesten Ideen und Lösungsvorschläge umher. Wir überlegen, wie wir die nächsten Wochen mit drei Kindern ohne Betreuung durch Schule und Kita zu gestalten. Alle  Kinder haben einen Atemwegsinfekt mit leichtem Fieber, sie erkranken nacheinander. Bei jedem Husten der Gedanke an den Virus, vielleicht haben wir ihn schon? Ich bin froh, dass ich vor zwei Wochen bereits unsere Fiebersaftvorräte aufgestockt habe.

Sonja, Köln
Eine Sprachnachricht auf Whatsapp geht rum. Eine Nachricht von der “Mama vom Poldi”:
„Hallo, liebe Isabella, hier ist die Elisabeth, die Mama vom Poldi. Ich wollte dir nur kurz eine Information zukommen lassen, bei der ich dich auch bitten würden, dass du sie weiterverteilst, weitergibst und auch bittest sie weiterzugeben. Ne Freundin von mir ist an der Uniklinik in Wien, die hat mich heute angerufen und die hab’n halt mal so’n bisschen Forschung betrieben, warum in Italien so viele so heftige Coronafälle aufgetreten sind…“

Jemand schreibt in die Whatsappgruppe:
“In Wien wurde herausgefunden aber nicht offiziell das Ibuprofen corona begünstigt.  Also lieber Paracetamol nehmen wenn jemand Schmerzen derzeit hat.”

In der gleichen Whatsappgruppe wird uns von jemand anderem ein wenig später kommentarlos der “Coronacodex”, eine Aufforderung zur “Selbstverpflichtung während der Covid-19-Epidemie”, weitergeleitet:

https://medium.com/@holger.heinze_81247/coronacodex-meine-selbstverpflichtung-während-der-covid-19-epidemie-f6eecf35a174

Eine Frau aus der Gruppe schreibt darunter: “Sorry aber das ist nicht meine Welt… :)”

Tilman, Hamburg
Man soll ja unbedingt vor die Tür. Als wir auf Daniel warten, laufen an uns zwei Männer vorbei, die heftig streiten. Ich vermute, sie sind aus einer Kneipe geflogen, dabei ist es bereits 11 Uhr. Der eine redet auf den anderen ein, das würde nie wieder passieren. Ständig würde er das versprechen, entgegnet er, und dann würde es doch wieder passieren.
Mit Daniel gehen wir in diesen neuen Kaffeeladen am Grünen Jäger, der gar nicht mehr so neu ist und dort, wo früher der Blumenladen war von der unfreundlichen Frau, die angeblich früher mal Prostituierte war. Dort läuft Metal. Niemand ist im Laden. Wir nehmen zwei Cappucino mit Hafermilch, Daniel möchte einen Kakao. Dann laufen wir Richtung Planten un Blomen. Metal in einem Coffee Shop ist auch wirklich die unwirtlichste Musik. Irgendwie wäre ich deswegen gerne geblieben.

Matthias, Jena
Es ist vermutlich Zufall, aber ich werde gerade mit Korrekturaufträgen überschüttet und alles andere, was ich so beruflich mache, läuft auch weiter. Ich arbeite ohnehin seit 2017 fast nur zuhause, es sind Semesterferien (und als Lehrbeauftragter betrifft das ja auch nur zwei Stunden die Woche), von Februar bis zur vorletzten Aprilwoche habe ich nur einen einzigen bezahlten Termin verloren, wir haben keine Kinder. Mir kommt es fast unwirklich vor, da um mich herum das Leben mehr oder minder aller auf den Kopf gestellt wird, sich aber für mich nichts ändert, außer, dass meine Frau jetzt auch zuhause arbeitet. Ich habe richtig viel zu tun und am Mittwoch eine Deadline. Wie merkwürdig, dass das bleibt, mitten im Ausnahmezustand.
Soziale Medien machen mir mehr zu schaffen als sonst schon. Ich komme nicht gut damit klar, wie einfach und radikal die Situation für einige zu bewerten ist und wie egal Tatsachen sind. Es ist, als wäre sich das halbe Internet einig, dass Deutschland ein völlig rappeliges, »kaputtgespartes« Gesundheitssystem hat, was keine Kennzahl im geringsten hergibt, dass irgendwie »der Neoliberalismus« schuld an allem ist und jetzt die natürliche Chance ist, den herbeigesehnten Sozialismus einzuführen, und wie schon mein ganzes erwachsenes Leben denke ich auch jetzt, dass diese Leute doch sicher irgendetwas besser verstanden haben müssen als ich, dass sie irgendwie Recht haben müssen und ich nur zu dumm bin, während sich gleichzeitig irgendetwas in mir auflehnt und ich mit ihnen diskutieren will. Ich hatte einmal einen linksradikalen Mitbewohner, der zu einer der letzten Grippewellen meinte, die Bundesregierung hätte lieber ein paar zehntausend Tote riskieren als sich von der Pharmaindustrie erpressen lassen sollen, Tamiflu und Impfstoffe zu bunkern. Immerhin höre ich diesmal nichts in die Richtung.

15.3.2020

Berit, Greifswald
Der Corona-Virus verbreitet sich in Europa und mittlerweile befinden sich immer mehr Menschen in selbst verordneter Distanz, Schulen und öffentliche Einrichtungen sind ab Montag geschlossen, Krankenhäuser bereiten sich auf den Ansturm vor. Im Internet und auch in Interviews werden plötzlich Dinge denk- und sagbar: Macron hinterfragt den Neoliberalismus, es wird von Verstaatlichung gesprochen, gräßlicherweise wird Eugenik wieder ein Thema. In Italien singen die Menschen im Lockdown von den Balkonen, was zu Rührung und Witzeleien einlädt.

Andrea, Tübingen 
Die Formulierung die Lage sei “dynamisch” höre ich schon eine Weile, nun wird sie greifbar: Durch die neuen Maßnahmen, die die Bundesländer ergreifen, vor allem die Schulschließungen, aber auch die vielen Absagen von Veranstaltungen, neue Regelungen für Kneipen etc. Es sind bestimmte Massenveranstaltungen, die man im Nachhinein als besonders kritisch erkennen kann, dazu gehört auch der Fasching, den man wegen Hanau sowieso hätte absagen müssen! Auf Twitter werden Bilder von Menschenmassen geteilt, die so tun, als wäre erst ab Montag Krise, und es gibt Menschen, die offenbar einfach jede Regelung als Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit ansehen. Dabei geht es um unsere Verantwortung.

Photo by Cassie Boca on Unsplash

Offener Brief: Woody-Allen-Autobiografie im Rowohlt Verlag

Sehr geehrter Herr Dr. Moritz Schuller,

sehr geehrter Herr Florian Illies,

wir sind enttäuscht über die Entscheidung des Rowohlt-Verlags, die Autobiographie von Woody Allen zu veröffentlichen.

Wir haben keinen Grund, an den Aussagen von Woody Allens Tochter Dylan Farrow zu zweifeln. Ihr Bruder Ronan Farrow hat sich nachdrücklich gegen die Veröffentlichung im Verlag Hachette ausgesprochen, in dem auch seine eigenen Bücher erschienen sind. Der Rowohlt Verlag hat die Bücher Farrows auf Deutsch veröffentlicht und ist damit in derselben Situation wie Hachette.

Unter anderem hat Farrow kritisiert, dass Allens Buch in den USA ohne Prüfung der darin enthaltenen Fakten erscheinen sollte. Nach gängiger Praxis müssen wir annehmen, dass ein “fact checking” des Buches auch in Deutschland nicht erfolgen wird. Wie Ronan Farrow sind wir der Ansicht, dass dieses Vorgehen unethisch ist und einen Mangel an Interesse für die Belange der Opfer sexueller Übergriffe zeigt. Durch die Veröffentlichung würde der Rowohlt-Verlag den Eindruck erwecken, dass es nach den Diskussionen der letzten drei Jahre – nachzulesen zum Beispiel in Ronan Farrows “Durchbruch: Der Weinstein-Skandal, Trump und die Folgen” (Rowohlt 2019) – jetzt Zeit ist, das Thema abzuhaken und zu den alten Verhältnissen zurückzukehren. Es geht uns nicht darum, die Veröffentlichung grundsätzlich zu unterbinden. Allen mangelt es nicht an Möglichkeiten, sich mitzuteilen. Aber der Rowohlt Verlag muss ihn darin nicht unterstützen.

Wir zeigen uns solidarisch mit den Angestellten des Hachette-Verlags, deren Proteste dazu geführt haben, dass der Verlag sich gegen eine Veröffentlichung des Buches entschieden hat. Wir fordern Sie auf, diesem Beispiel zu folgen. Das Buch eines Mannes, der sich nie überzeugend mit den Vorwürfen seiner Tochter auseinandergesetzt hat, und der öffentliche Auseinandersetzungen über sexualisierte Gewalt als Hexenjagd heruntergespielt hat, sollte keinen Platz in einem Verlag haben, für den wir gerne und mit großem Engagement schreiben.

Autorinnen und Autoren des Rowohlt-Verlags

Giulia Becker
Annika Brockschmidt
Lena Gorelik
Sebastian Janata
Alexander Krützfeldt
Kathrin Passig
Till Raether
Anna Schatz
Aleks Scholz
Margarete Stokowski
Sven Stricker

bit.ly/rowohlt-allen (google-docs)

Kulturkonsum 1/20

Wir starten eine neue Rubrik! Unter dem Titel “Kulturkonsum” werden wir einmal im Monat gemeinsam mit ausgewählten Beiträger*innen in Kurzrezensionen vorstellen, was wir in den letzten Wochen gelesen, gehört, gespielt oder geschaut haben. Ein Versuch in den dichten Wald aus Literatur, Musik, Filmen, Serien und Spielen eine kleine Schneise aus Empfehlungen und Warnungen zu schlagen.

Johannes Franzen (@johannes42)

Ich lese gerade jeden Abend in Roger Eberts Sammlung von negativen Filmbesprechungen: I Hated, Hated, Hated This Movie. Ebert war einer der berühmtesten und mächtigsten Filmkritiker der USA, und ich hoffe, diese Information legitimiert irgendwie die Tatsache, dass ich offenbar ein Leser bin, der gerne vor dem Einschlafen Verrisse liest. Dann wiederum ist Ebert ein Meister der Pointe, von dem man viel lernen kann, gerade, weil er sich dem eigenen Ekel vor dem ästhetischen Versagen dieser Filme mit einer gewissen Begeisterung nähert. Hier nur zwei Zitate: “Bad films are easy to make, but a film as unpleasant as Baby Geniuses achieves a kind of grandeur.” Oder: “Horrible movies like this sometimes have a chance of working, in a perverse way, if they bring energy and style to the screen.” Die meisten Filme in diesem Buch sind C-Movie-Blödsinn, der aber ernsthaft rezensiert wird, wie jeder andere Film auch. Fast noch weniger Geduld hat Ebert aber für prätentiöses Kunstkino. Über Jim Jarmuschs Indie-Darling Dead Man heißt es: “Dead Man is a strange, slow, unrewarding movie that provides us with more time to think about its meaning than with meaning.” Ein Satz, der viele meiner köchelnden Ressentiments, die ich gegen diesen Film und seinen Macher lange gehegt habe, endlich auf den Punkt bringt. Zuweilen ist Ebert mit seinen Urteilen zu schnell und grobschlächtig; aber insgesamt ist es immer ein Spaß, ihn zu lesen. Die Besprechungen sind übrigens alle online, und ergeben in ihrer Masse ein veritables Archiv der Filmgeschichte seit den 1970er Jahren.

Berit Glanz (@beritmiriam):

Ich habe mir endlich Katamari Damacy Reroll für die Nintendo Switch gekauft, kann aber nur spät abends spielen, weil die Nintendo Switch meinem Kind gehört. Das Spiel hat mich ungefähr 2005 auf der PS2 sehr fasziniert, ich habe sogar eine Zeitlang den Soundtrack rauf und runter gehört. Die Idee, dass man mit einem kleinen Ball (der Katamari), an dem Dinge hängen bleiben, durch die Welt rollt, der Katamari dann größer und größer wird und immer mehr Gegenstände – irgendwann auch Tiere, Autos, Gebäude – aufrollen kann, war so wunderbar absurd. Erst später habe ich gemerkt, dass der Katamari die schönste Metapher für individuelle Lernprozesse ist: Man fängt an mit Büroklammern und Papierschnipseln und arbeitet sich immer weiter vor, bis man irgendwann Riesenräder und Ozeanriesen einrollen kann. Die Steuerung mit der Nintendo Switch ist mir noch etwas fremd, aber ich rolle gerade munter meinen Katamari durch die Straßen, was sich ziemlich beruhigend anfühlt – sehr empfehlenswert!

Christina Dongowski (@tinido):

Ich verfolge seit ein paar Monaten den Plan, mir das Werk Agatha Christie als einer der bedeutenden Autorinnen der literarischen Moderne zu erschließen – und dazu den Romanzyklus Pilgrimage der (in nicht-spezialisierten Leser*innenkreisen leider immernoch ziemlich vergessenen) Mutter der literarischen Moderne, Dorothy Richardson, parallel zu lesen. In Pilgrimage bin ich erst ganz am Anfang (Handlungszeitpunkt jetzt ca. 1910ff): Miriam ist als Lehrerin in ein Mädchen-Internat nach Hannover gegangen – ihre erste Stelle! eigenes Geld! Selbstständigkeit! – und fühlt sich da von der englischen Konventionalität sehr befreit. Ein ziemlich interessante Leseerfahrung, nicht nur wegen des besonderen fließenden Stils Richardson, sondern weil da ganz glaubwürdig das Deutschland Wilhelm Zwos als fortschrittlich und vor allem frauen-fördernd beschrieben wird. 

Christie höre ich momentan vorwiegend. Gerade ist A Murder is Announced dran – ein Miss Marple-Roman. Ich lasse es mir von Joan Hickson vorlesen, der von Agatha Christie selbst als Miss Marple gewünschten Schauspielerin. Eine ganz großartige Einführung in die Welt der Queens of Crime und aktuelle kulturwissenschaftliche Forschung dazu ist der Shedunnit-Podcast von Caroline Crampton. Über sie habe ich auch die Krimis von Gladys Mitchell kennengelernt. Philipp Larkin liebte die sehr, was für ihn spricht. Ich habe gleich zwei davon in wenigen Tagen verschlungen. 

Ein richtiger Augenöffner für mich, im wahrsten Sinne, – und das obwohl ich Angelika Kauffmann schon ganz gut zu kennen glaubte –, ist die große Ausstellung, die ihr gerade der Kunstpalast Düsseldorf ausrichtet. Kauffmann war die berühmteste Malerin des 18. Jahrhunderts (inkl. eigener Fan-Artikel, die auch ausgestellt werden). Die Ausstellung zeigt, dass sie nicht nur als Freak angesehen wurde (eine nicht untypische Rolle für geniale Künstlerinnen), sondern als Maler anerkannt war. Die These der Ausstellung, Kauffmann habe eine eigene Konzeption der Malerei als weiblicher Kunst entwickelt, vor allem in der Darstellung von Heldinnen, lässt sich sehr gut nachvollziehen. Wenn Ihr in der Nähe von Düsseldorf seid, geht hin: It’s a treat – intellektuell, ästhetisch und vom Ausstellungsdesign. Die Ausstellung läuft noch bis 24. Mai.

Simon Sahner (@samsonshirne)

Ich habe im letzten Monat zwei Romane gelesen, die auf sehr unterschiedliche Art das Thema BDSM behandeln. Leona Stahlmann schreibt in ihrem Debüt Der Defekt (Kein & Aber) in der Struktur einer klassischen Coming-of-Age-Story über das Aufwachsen und das langsame Entdecken der eigenen Sexualität in einem Schwarzwalddorf. Die amerikanische Autorin Saskia Vogel erzählt in Permission (Secession) von einer jungen Frau, die im überhitzten Kalifornien um ihren verunglückten Vater trauert und ihre Balance wieder erlangt, als sie anfängt die Mitarbeiterin einer professionellen Domina zu werden. 

Der Defekt ist ein Heimatroman Widerwillen, beinahe mystisch verschränkt die Autorin die Natur der dichten Wälder in Süddeutschland mit körperlichen Ausnahmesituationen zur Lustempfindung. Auch wenn das Leben mit einem vermeintlichen Defekt in einer Dorfgemeinschaft überzeugend geschildert ist, liegt der Fokus für mein Empfinden zu sehr auf einer naturmystischen Überhöhung – ich hatte manchmal Bilder im Kopf, die an Filmszenen aus Lars von Triers Antichrist erinnerten (siehe den #leseköpfe-Text). 

Vogels Erzählen hingegen flirrt im Hitzenebel der heißen kalifornischen Nachmittage. Die Trauer um den Vater, dröhnender Autoverkehr auf den verschlungen Straßen und der flimmernde Pazifik bauen eine entropische Kulisse auf und irgendwo in all dem, in einer kleinen sauberen Siedlung, kommen Männer zu einer Frau, um sich unterwerfen zu lassen und Schmerz zu erfahren. In einem somnambulen, beizeiten auch trägen Ton cruist der Roman durch diese Stimmung – mir hat es gefallen. (Anmerkung: Ich habe ihn auf englisch gelesen) 

Interessant ist, dass beide Romane trotz ihrer großen Unterschiede den Schmerz als klärend und reinigend beschreiben.

Tilman Winterling (@fiftyfourbooks)

Rolf Dobelli hat mit seinen Büchern “Die Kunst des …” Mega-Bestseller produziert. Das Prinzip war so einfach wie genial: im unterhaltsamem Anekdotenton wurden Probleme aus dem Alltag geschildert und dann kognitions- oder sozialpsychologisch erklärt. Ständig hat sich der Lesende ertappt gefühlt, sich fröhlich an den Kopf gefasst, “haha, das kenn ich” gedacht und macht weiter wie bisher.

Trotz der Kunst des klaren Denkens, klaren Handelns und guten Lebens bleibt die Welt wahrscheinlich wie sie ist. Ein größerer Effekt auf die Gesellschaft ist “Sprache und Sein” von Kübra Gümüşay zu wünschen (wobei ich natürlich nicht ausschließen mag, dass Dobelli durchaus manche Leben bereichert hat). Die Lektüre führte bei mir zu vielen Einsichten, die durch das schlichte Wechseln der Perspektive hervorgerufen wurden. Die Effekte sind dabei manchmal so einfach erzeugt wie bei Dobelli: der beschriebene Angriff auf eine Frau mit Kopftuch erfolgte nicht wegen des Kopftuchs, sondern weil der Angreifer ein Rassist ist.

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#Leseköpfe – Was passiert in unseren Köpfen, wenn wir lesen?

Vor einigen Tagen machte ein Artikel auf Twitter die Runde, in dem es darum ging, wie sich die Gedanken bei verschiedenen Menschen darstellen. Offenbar haben nicht alle Menschen einen inneren Monolog, der ihre Gedanken verbalisiert. Davon inspiriert, begannen wir darüber zu sprechen, was in unsere Köpfen passiert, wenn wir lesen. Wie bilden sich die Geschichten ab? Laufen filmische Sequenzen vor unserem inneren Auge? Stellen wir uns das Äußere von Figuren vor? Lesen wir uns den Text mit einer inneren Stimme vor?

In einem Google-Doc haben wir versucht unsere individuellen Leseeindrücke zu verbalisieren. Das Google Doc ist offen und wir laden alle Interessierten herzlich ein, dort einen eigenen kleinen Text zu ihren inneren Leseerlebnissen zu schreiben. Zum Mitmachen bitte auf diesen Link klicken, dort das individuelle Leseerlebnis schildern und mit Namen oder Twitter-Handle unterzeichnen. Ihr könnt euer individuelles Leseerlebnis auch unter dem Hashtag #Leseköpfe teilen. Wir sind gespannt!

Hier die ersten fünf Antworten auf die Frage:

“Ich habe schon immer ein Problem damit, mir die Figuren in einem Text so vorzustellen, wie der Text das vorgibt. Irgendwo zu Beginn des ersten Bandes der Harry-Potter-Reihe wird beschrieben, dass das Haar des Ekelpakets Draco Malfoy blond ist. Das musste meinem 14-jährigen Ich aber in seiner nackten Weiterlesegier entgangen sein, denn in meinem Kopf hatte Malfoy immer schwarze Haare. Die störrische Imagination muss dann die restlichen Male, die von den blonden Haaren Malfoys die Rede war, überlesen haben. Jedenfalls bin ich aus allen Wolken gefallen, als die Filme kamen und Malfoy blond war: #notmymalfoy! Genaue visuelle Beschreibungen aller Art konkurrieren in meinem Kopf mit der Casting-Politik meiner Imagination, die sehr schnell entscheidet, wie etwas auszusehen hat. Meistens werden dafür Eindrücke aus meinem realen Erleben verwendet. Ich habe z.B. ein und dasselbe reale Haus für einige verschiedene Interieurs in Romanen. Da kann dann noch so viel über Damastvorhänge und samtene Fauteuilles geschrieben werde (Thomas Mann ist in dieser Hinsicht besonders penibel); mein Kopf hat diese Räume schon anderweitig möbliert. Das gilt wiederum auch und besonders für Figuren: In Jonathan Franzens Roman Freedom gibt es eine Figur, die immer wieder vom Aussehen her mit Muammar al-Gaddafi verglichen wird. Ich hatte für diese Figur aber von Anfang an (vollkommen unwillkürlich) einen entfernten Bekannten im Kopf. Jedes Mal, wenn Gaddafi erwähnt wurde, war das eine Irritation: Aber so sieht Richard doch gar nicht aus!”
(Johannes, @Johannes42

“Beim Lesen höre ich eigentlich immer meine eigene Stimme in meinem Kopf, die mir den Text vorliest. Dabei spielt sich allerdings kein Film vor meinem inneren Auge ab, Figuren stelle ich mir – wenn überhaupt – nur sehr verschwommen vor. Bei langen, ausführlichen Beschreibungen der Umgebung steige ich sehr schnell aus, weil ich es mir nicht richtig vorstellen kann, deshalb lese ich beispielsweise auch nur ungern Nature Writing. Eigentlich sehe ich während der Lektüre nur vereinzelte Schnappschüsse vor mir, wenn im Text etwas vorkommt, was ich schon mit eigenen Augen gesehen oder selbst erlebt habe. Kürzlich las ich zum Beispiel einen Text, in dem eine Frau eine Uferpromenade entlang geht. Erst als im Text explizit erwähnt wurde, dass es sich dabei um den Abschnitt des Themseufers kurz vor der St Paul’s Cathedral handelt, den ich selbst schon mehrmals entlanggelaufen bin, hatte ich für einen kurzen Moment ein Bild im Kopf. Im Alltag, also unabhängig vom Lesen, habe ich allerdings keine Probleme, abwesende Dinge, Orte und Personen zu visualisieren.”
(Magda, @Magdarine)

“Beim Lesen sehe ich sofort Räume oder Landschaften, ab dem ersten Satz, und passe die dann, je mehr ich darüber erfahre, laufend und problemlos an. Bei den Personen dauert das mit dem Sehen etwas länger, und sie bleiben dann eher schattenhaft und haben keine Gesichter. Hände stelle ich mir sehr bildlich vor, sofern sie beschrieben werden (z.B. so ein bisschen eine Marotte von Min Jin Lee, „Pachinko“, „Ein einfaches Leben“, das ich gerade lese). Ein Buch hat für mich eine Farbe, die wie so ein Filter (wie das Sepia in Til-Schweiger-Komödien) über allem liegt. Früher hat sich diese Farbe leider oft nach dem Umschlagmotiv oder dem Einband gerichtet, darum bin ich sehr froh über die Reizarmut des eReaders und lese viel lieber darauf. Obwohl die Figuren unscharf sind (was ich nicht als Mangel empfinde), sehe ich Szenen beim Lesen vor mir, was mich manchmal von der Sprache ablenkt. Wenn die Sprache sehr schlecht ist, wirkt sich das allerdings auf dieses Filmische aus: Dan Browns „Da Vinci Code“ konnte ich nicht weiterlesen, weil es vor meinem Leseauge ablief wie eine völlig bizarre Slapstick-Komödie in grellen Primärfarben. Wenn ich eine Verfilmung sehe, existiert mein innerer Film unabhängig davon weiter und wird nicht überschrieben, und bei der Verfilmung stören mich keine Abweichungen von meiner Erwartung, es ist für mich völlig getrennt von meinem Leseerleben.”
(Till, @TillRaether)

“Die 3 Hexen. Sehe eine rauhe, felsige Landschaft, braun grün grau. Heide. Gewitter. Hexen-Talk.
In der Ferne taucht der Kopf eines Mannes auf, der einen albernen Blechhut trägt. Dschinghis Khan-Auftritt im Fernsehen der 80er. Die Hexen. Warum stelle ich mir Hexen immer entweder alt, hässlich, krummnasig und warzig oder aber jung und schön vor. Ha, ja warum wohl. Hurlyburly schönes Wort. Überhaupt viele schöne Wörter, grosse Liebe für S.  Höre unter den Hexen immer die Stimme von Ted Hughes, wie er „double double toil and trouble“ sagt. Diese Vorliebe von Konsonanten, möglichst rollen und grollend vorgetragen bei ihm, das ist sehr eindrucksvoll und dramatisch, aber Vokale sind mein jam. Etwa Joe Henry am Ende von Sign, „who trailed a strand of braided hair across the back rail of her chair“. Immer das Scheiss-Musending. Jetzt ein kahler Seminarraum mit einem Literaturdozenten, der mit dem Zeigefinger wackelt und „Kitsch“ murmelt. Ist eigentlich alles, was Gefühle auslöst, Kitsch. Weg mit dem.
Welles wirklich Fehlbesetzung für mich. Sogar Kinski wäre besser. Uff hasse den so. Aber der Film sonst sehr eindrucksvoll, obwohl die Kulissen so cheap wirken. Macbeth auch immer verknüpft in meinem Kopf mit Faust. Nur Goethe leider Shakespeare für Arme. Hot take lol. Shakespeare-Übersetzungen. Die Kommilitonin, die damals im Seminar eine eigene Sonett-Übersetzung vorgelesen hat, so wunderschön, alle haben ganz atemlos gelauscht. Wünschte, ich könnte das auch, aber gar kein Reimtalent alas. In dem ganzen verdammten Stück sind eigentlich nur die Frauen interessant. Vielleicht sollte ich mal wieder Marias lesen. Dieser Hexenkessel in offener Landschaft, das ist doch unrealistisch oder. Überhaupt diese ganze Kesselnummer, sehr langer Bart. Könnte 1 vielleicht mal entstauben. Diese 3 sehen jedenfalls alt und verlumpt aus. Macbeth nicht grad ein Schlaukopf oder. Puh.”
(Maike, @mai17lad)

“Ich sehe beim Lesen einen Film vor dem inneren Augen, der manchmal auch durch Snapshots unterbrochen wird. Dabei ist dieser Film tatsächlich mit cineastischen Mitteln gestaltet: Farbfilter, Stimmung, Kameraperspektive (nahezu unmöglich zu recherchieren, aber wie spannend wäre es, das mit Leseerlebnissen von vor 100 Jahren zu vergleichen). Es ist aber grundsätzlich ein stummer Film. Menschen sehe ich sehr genau vor, bis auf das Gesicht, das ist meistens verschwommen. Statur, Kleidung, Haarfarbe etc. sind aber detailliert. Die Umgebung setzt sich sofort zusammen, sobald ich anfange zu lesen. Selbst wenn die späteren Beschreibungen meiner ersten Vorstellung widersprechen, ändert sich meine Vorstellung kaum noch. Ich glaube am deutlichsten erlebe ich Stimmungen und Atmosphären, die sind wirklich von Text zu Text ganz unterschiedlich und ich frage mich oft, was genau eine Stimmung eigentlich erzeugt. Beispiel: Ich habe letztes Jahr Essays von Joan Didion gelesen, die meistens in Kalifornien angesiedelt sind, die Atmosphäre ist schwer, dunstig, die Hitze, die Stadt L.A., das Meer, das aber irgendwie keine Abkühlung bietet, alles ist überhitzt und warm. Gleichzeitig ein Hauch von Horror. Genauso lese ich jetzt gerade Saskia Vogels “Permission”, das auch in L.A. spielt und ich habe den unguten Verdacht der Grund, dass ich vorher irgendwo den Namen Joan Didion mit ihr in Verbindung gelesen habe.”
(Simon, @SamsonsHirne

Beitragsbild von Siora Photography über Unsplash

Es gibt nur ein Thema: / den persönlichen Körper / und seinen unpersönlichen Untergang

Ein Nachruf von Dirk Uwe Hansen

Am 20.1. ist in Athen die Dichterin und Übersetzerin Katerina Angelaki-Rooke gestorben. Eine der größten griechischsprachigen Dichterinnen aller Zeiten, war daraufhin erwartungsgemäß im griechischen Feuilleton über sie zu lesen und im deutschen Feuilleton ebenso erwartungsgemäß nichts. Mag es nun daran liegen, dass sie eine Frau war (sie wär die erste nicht), eine Lyrikerin oder Griechin (anders als im Englischen finden wir auf Deutsch neben versprengten Gedichten in Anthologien nur einen einzigen gedruckten Band mit ihren Gedichten), eine Schande ist es allemal.

Nun ist allerdings hochgelobt so leicht wie totgeschwiegen und mit lebendiger Erinnerung und Wahrnehmung mag beides wenig zu tun haben. Aber was mich berührt hat, war, dass schon in der Nacht nach ihrem Tod viele viele griechischsprachige Autor*innen in sozialen Medien jeweils ein Bild und einen Text von Katerina Angelaki-Rooke posteten. Mehr nicht. So als hätte jede*r giechische Autor*in eben das von ihr im Kopf: ein Bild und einen Text, der wichtig ist. Photographien von Angelaki-Rooke gibt es im Netz mehr als genug, was es allerdings kaum von ihr gibt, sind “Autorinnenphotos” — ein*e Dichter*in mit dem klassischen zugleich nach innen und in weite Ferne gerückten Photostudioblick. Im Gegenteil: Selbst auf Photos von einer der vielen Preisverleihungen scheint sie stets jemanden anzusehen, um einen Gedanken, einen Scherz oder ein Lächeln zu teilen. Es ist unmöglich, Photos von ihr zu betrachten, ohne dass man sie gern kennenlernen und dieses Gesprächsangebot annehmen möchte.

Diese Menschenfreundlichkeit mag einer der Gründe dafür sein, dass sie für viele der jüngeren Dichter*innen in Griechenland eine so bestimmende Bezugsperson war, der wichtigere Grund ist natürlich ihre Dichtung selbst, die gekennzeichnet ist von großer Genauigkeit in der Beobachtung der physikalischen Welt, die sie in sehr eigener Weise mit der metaphysischen Welt zu verbinden weiß.

Die Augen lieben es,
sich den kleinsten Falten
der sichtbaren Welt zu widmen,
während die Werkstatt im Inneren
die Bilder zu Engeln erklärt,
oder zu Abschiedskarten
mit Pinien darauf.

Katerina Angelaki-Rooke wurde 1939 geboren. Damit gehört sie zur sogenannten zweiten Nachkriegsgeneration, einer Generation von Autor*innen also, die als Kinder die Traumata der deutschen Besatzung und des Bürgerkrieges erlebt haben, als Erwachsene die Jahre der Militärdiktatur und denen es gelungen ist, die griechische Literatur mit der europäischen Moderne zu verbinden — es ist kein Zufall, dass viele dieser Autor*innen auch Übersetzer*innen waren.

Angelaki-Rookes Familie war gut situiert, bildungsorientiert und kosmopolitisch. Ideale Voraussetzungen für eine junge Frau, die, wie sie in einem ihrer letzten Interviews sagte, sich für Literatur und Liebe interessierte, nicht aber für Luxus. Sie studierte Sprachen, reiste viel, heiratete den englischen Altphilologen Rodney Rooke, arbeitete als Übersetzerin und publizierte etwa 20 Gedichbände.

Ihre Poetik bringt sie selbst auf zwei einfache Formeln: “Die Dichtung hat keine Regeln. Regeln hat höchstens jede*r Autor*in für sich selbst” und “Damit ein Gedicht entstehen kann, muss es eine Wunde geben.”

“Ich stöbere mit der Zunge nach meiner Seele, / die mich angeblich jenseits des Lebens weiterleben lässt. …” In Katerina Angelaki-Rookes Gedichten stößt Metaphysik immer wieder auf die materiellen Voraussetzungen des Lebens, auf Leidenschaft und Leiden. Das ist keine bloße Metapher, denn sie war seit einer zu spät behandelten schweren Infektion im Kleinkindalter ihr Leben lang leidend, ein Leiden, das sie nach eigener Aussage erst zur Dichterin gemacht hat. Diese Verbindung von Leid, Leidenschaft und literarischer Umformung zeigt sich vielleicht nirgendwo so radikal und so schön wie im Zyklus der “Engelhaften Gedichte” (“Der Grenzengel Einmal / mit seinem schönen steifen Glied…”). Und immer findet sie dafür eine eigene Sprache und für ihre Gedichte eine eigene Form — und darin liegt ihre Bedeutung für die jüngeren Dichter*innen.

Die Narbe

Statt eines Sterns leuchtete eine Narbe über meiner Geburt.
Die Schmerzen, die ich durchlebte
mit meinem unfertigen Körper,
pressten mich zurück zur Dunkelheit des Anfangs.
Ich kroch auf dem Nichts,
die winzigen Finger hielten den Tod
wie ein schwarzes glänzendes Spielzeug.
Ich erinnere mich nicht,
wie es kam, dass ich blühte in der Form einer Wunde,
wie ich lernte, das Gleichgewicht zu halten
zwischen dem Eiter und meinen offenen Augen,
aber da, wo meine Mutter damit rechnete,
dass mich, wie ein Blatt auf dem Wasser,
noch vor Beginn meiner Reise der Fluss mitreißen werde,
sah sie mich plötzlich aus der Dunkelheit emporkommen.
Wer weiß, welche Verhandlungen stattfanden im Verlauf einer Nacht,
was ich gab,
was ich bekam,
worauf ich verzichtete,
was ich versprach, damit mich das Leben behielt als seine Dienerin.

War das Nötigung, Übereinkunft, Drohung?
Sollte ich dankbar sein
für das zerrissene Geschenk des Überlebens
oder rachsüchtig? Hatten sie mir befohlen,
nach oben zu sehen, oder nach unten zur Wurzel der Demut?
Welcher Demut, warum?
Was war das für eine so untragbare Last,
die mich vollkommen erschöpft hat,
noch bevor ich aufgebrochen bin?
Oder habe ich vielleicht eine andere Bürde auf mich genommen
und schleppe sie langsam und hinkend  ins Ziel?
Ich überlebte und fing zu spielen an.
Voller Vertrauen stützte ich mich auf das Gerät
und stieg die Stufen hinauf.
Auf dem Dachboden errichtete ich mein Königreich der Träume
aus ausgeschnitten Mannequins,
Florenz nannte ich diese verzauberte Stadt,
elegante Frauen und Männer mit Hut,
an der kleinen Tür nebenan war die Toilettenspülung,
die von Zeit zu Zeit wie ein Blitz hereinbrach
über die immateriellen Gewohnheiten meiner Hauptdarsteller.
Von unten stieg die Wärme dieser Welt hinauf,
die ganze Küche mit ihren Gerüchen, Geräuschen und den vertrauten Stimmen:
„Wie spät ist es? Hast du die Kartoffeln geschält?”
Die Küche war meine Phantasie aus Papier
— so früh also prägen die Pole sich aus?

(1990)
aus: Die Engel sind die Huren des Himmelreiches. Gedichte, übersetzt von Jorgos Kartakis und Dirk Uwe Hansen, Leipzig 2017

Mehr von Angelaki-Rooke kann man auf Fixpoetry lesen: