Kategorie: Sonstiges

Kulturkonsum 1/20

Wir starten eine neue Rubrik! Unter dem Titel “Kulturkonsum” werden wir einmal im Monat gemeinsam mit ausgewählten Beiträger*innen in Kurzrezensionen vorstellen, was wir in den letzten Wochen gelesen, gehört, gespielt oder geschaut haben. Ein Versuch in den dichten Wald aus Literatur, Musik, Filmen, Serien und Spielen eine kleine Schneise aus Empfehlungen und Warnungen zu schlagen.

Johannes Franzen (@johannes42)

Ich lese gerade jeden Abend in Roger Eberts Sammlung von negativen Filmbesprechungen: I Hated, Hated, Hated This Movie. Ebert war einer der berühmtesten und mächtigsten Filmkritiker der USA, und ich hoffe, diese Information legitimiert irgendwie die Tatsache, dass ich offenbar ein Leser bin, der gerne vor dem Einschlafen Verrisse liest. Dann wiederum ist Ebert ein Meister der Pointe, von dem man viel lernen kann, gerade, weil er sich dem eigenen Ekel vor dem ästhetischen Versagen dieser Filme mit einer gewissen Begeisterung nähert. Hier nur zwei Zitate: “Bad films are easy to make, but a film as unpleasant as Baby Geniuses achieves a kind of grandeur.” Oder: “Horrible movies like this sometimes have a chance of working, in a perverse way, if they bring energy and style to the screen.” Die meisten Filme in diesem Buch sind C-Movie-Blödsinn, der aber ernsthaft rezensiert wird, wie jeder andere Film auch. Fast noch weniger Geduld hat Ebert aber für prätentiöses Kunstkino. Über Jim Jarmuschs Indie-Darling Dead Man heißt es: “Dead Man is a strange, slow, unrewarding movie that provides us with more time to think about its meaning than with meaning.” Ein Satz, der viele meiner köchelnden Ressentiments, die ich gegen diesen Film und seinen Macher lange gehegt habe, endlich auf den Punkt bringt. Zuweilen ist Ebert mit seinen Urteilen zu schnell und grobschlächtig; aber insgesamt ist es immer ein Spaß, ihn zu lesen. Die Besprechungen sind übrigens alle online, und ergeben in ihrer Masse ein veritables Archiv der Filmgeschichte seit den 1970er Jahren.

Berit Glanz (@beritmiriam):

Ich habe mir endlich Katamari Damacy Reroll für die Nintendo Switch gekauft, kann aber nur spät abends spielen, weil die Nintendo Switch meinem Kind gehört. Das Spiel hat mich ungefähr 2005 auf der PS2 sehr fasziniert, ich habe sogar eine Zeitlang den Soundtrack rauf und runter gehört. Die Idee, dass man mit einem kleinen Ball (der Katamari), an dem Dinge hängen bleiben, durch die Welt rollt, der Katamari dann größer und größer wird und immer mehr Gegenstände – irgendwann auch Tiere, Autos, Gebäude – aufrollen kann, war so wunderbar absurd. Erst später habe ich gemerkt, dass der Katamari die schönste Metapher für individuelle Lernprozesse ist: Man fängt an mit Büroklammern und Papierschnipseln und arbeitet sich immer weiter vor, bis man irgendwann Riesenräder und Ozeanriesen einrollen kann. Die Steuerung mit der Nintendo Switch ist mir noch etwas fremd, aber ich rolle gerade munter meinen Katamari durch die Straßen, was sich ziemlich beruhigend anfühlt – sehr empfehlenswert!

Christina Dongowski (@tinido):

Ich verfolge seit ein paar Monaten den Plan, mir das Werk Agatha Christie als einer der bedeutenden Autorinnen der literarischen Moderne zu erschließen – und dazu den Romanzyklus Pilgrimage der (in nicht-spezialisierten Leser*innenkreisen leider immernoch ziemlich vergessenen) Mutter der literarischen Moderne, Dorothy Richardson, parallel zu lesen. In Pilgrimage bin ich erst ganz am Anfang (Handlungszeitpunkt jetzt ca. 1910ff): Miriam ist als Lehrerin in ein Mädchen-Internat nach Hannover gegangen – ihre erste Stelle! eigenes Geld! Selbstständigkeit! – und fühlt sich da von der englischen Konventionalität sehr befreit. Ein ziemlich interessante Leseerfahrung, nicht nur wegen des besonderen fließenden Stils Richardson, sondern weil da ganz glaubwürdig das Deutschland Wilhelm Zwos als fortschrittlich und vor allem frauen-fördernd beschrieben wird. 

Christie höre ich momentan vorwiegend. Gerade ist A Murder is Announced dran – ein Miss Marple-Roman. Ich lasse es mir von Joan Hickson vorlesen, der von Agatha Christie selbst als Miss Marple gewünschten Schauspielerin. Eine ganz großartige Einführung in die Welt der Queens of Crime und aktuelle kulturwissenschaftliche Forschung dazu ist der Shedunnit-Podcast von Caroline Crampton. Über sie habe ich auch die Krimis von Gladys Mitchell kennengelernt. Philipp Larkin liebte die sehr, was für ihn spricht. Ich habe gleich zwei davon in wenigen Tagen verschlungen. 

Ein richtiger Augenöffner für mich, im wahrsten Sinne, – und das obwohl ich Angelika Kauffmann schon ganz gut zu kennen glaubte –, ist die große Ausstellung, die ihr gerade der Kunstpalast Düsseldorf ausrichtet. Kauffmann war die berühmteste Malerin des 18. Jahrhunderts (inkl. eigener Fan-Artikel, die auch ausgestellt werden). Die Ausstellung zeigt, dass sie nicht nur als Freak angesehen wurde (eine nicht untypische Rolle für geniale Künstlerinnen), sondern als Maler anerkannt war. Die These der Ausstellung, Kauffmann habe eine eigene Konzeption der Malerei als weiblicher Kunst entwickelt, vor allem in der Darstellung von Heldinnen, lässt sich sehr gut nachvollziehen. Wenn Ihr in der Nähe von Düsseldorf seid, geht hin: It’s a treat – intellektuell, ästhetisch und vom Ausstellungsdesign. Die Ausstellung läuft noch bis 24. Mai.

Simon Sahner (@samsonshirne)

Ich habe im letzten Monat zwei Romane gelesen, die auf sehr unterschiedliche Art das Thema BDSM behandeln. Leona Stahlmann schreibt in ihrem Debüt Der Defekt (Kein & Aber) in der Struktur einer klassischen Coming-of-Age-Story über das Aufwachsen und das langsame Entdecken der eigenen Sexualität in einem Schwarzwalddorf. Die amerikanische Autorin Saskia Vogel erzählt in Permission (Secession) von einer jungen Frau, die im überhitzten Kalifornien um ihren verunglückten Vater trauert und ihre Balance wieder erlangt, als sie anfängt die Mitarbeiterin einer professionellen Domina zu werden. 

Der Defekt ist ein Heimatroman Widerwillen, beinahe mystisch verschränkt die Autorin die Natur der dichten Wälder in Süddeutschland mit körperlichen Ausnahmesituationen zur Lustempfindung. Auch wenn das Leben mit einem vermeintlichen Defekt in einer Dorfgemeinschaft überzeugend geschildert ist, liegt der Fokus für mein Empfinden zu sehr auf einer naturmystischen Überhöhung – ich hatte manchmal Bilder im Kopf, die an Filmszenen aus Lars von Triers Antichrist erinnerten (siehe den #leseköpfe-Text). 

Vogels Erzählen hingegen flirrt im Hitzenebel der heißen kalifornischen Nachmittage. Die Trauer um den Vater, dröhnender Autoverkehr auf den verschlungen Straßen und der flimmernde Pazifik bauen eine entropische Kulisse auf und irgendwo in all dem, in einer kleinen sauberen Siedlung, kommen Männer zu einer Frau, um sich unterwerfen zu lassen und Schmerz zu erfahren. In einem somnambulen, beizeiten auch trägen Ton cruist der Roman durch diese Stimmung – mir hat es gefallen. (Anmerkung: Ich habe ihn auf englisch gelesen) 

Interessant ist, dass beide Romane trotz ihrer großen Unterschiede den Schmerz als klärend und reinigend beschreiben.

Tilman Winterling (@fiftyfourbooks)

Rolf Dobelli hat mit seinen Büchern “Die Kunst des …” Mega-Bestseller produziert. Das Prinzip war so einfach wie genial: im unterhaltsamem Anekdotenton wurden Probleme aus dem Alltag geschildert und dann kognitions- oder sozialpsychologisch erklärt. Ständig hat sich der Lesende ertappt gefühlt, sich fröhlich an den Kopf gefasst, “haha, das kenn ich” gedacht und macht weiter wie bisher.

Trotz der Kunst des klaren Denkens, klaren Handelns und guten Lebens bleibt die Welt wahrscheinlich wie sie ist. Ein größerer Effekt auf die Gesellschaft ist “Sprache und Sein” von Kübra Gümüşay zu wünschen (wobei ich natürlich nicht ausschließen mag, dass Dobelli durchaus manche Leben bereichert hat). Die Lektüre führte bei mir zu vielen Einsichten, die durch das schlichte Wechseln der Perspektive hervorgerufen wurden. Die Effekte sind dabei manchmal so einfach erzeugt wie bei Dobelli: der beschriebene Angriff auf eine Frau mit Kopftuch erfolgte nicht wegen des Kopftuchs, sondern weil der Angreifer ein Rassist ist.

Photo by nrd on Unsplash

#Leseköpfe – Was passiert in unseren Köpfen, wenn wir lesen?

Vor einigen Tagen machte ein Artikel auf Twitter die Runde, in dem es darum ging, wie sich die Gedanken bei verschiedenen Menschen darstellen. Offenbar haben nicht alle Menschen einen inneren Monolog, der ihre Gedanken verbalisiert. Davon inspiriert, begannen wir darüber zu sprechen, was in unsere Köpfen passiert, wenn wir lesen. Wie bilden sich die Geschichten ab? Laufen filmische Sequenzen vor unserem inneren Auge? Stellen wir uns das Äußere von Figuren vor? Lesen wir uns den Text mit einer inneren Stimme vor?

In einem Google-Doc haben wir versucht unsere individuellen Leseeindrücke zu verbalisieren. Das Google Doc ist offen und wir laden alle Interessierten herzlich ein, dort einen eigenen kleinen Text zu ihren inneren Leseerlebnissen zu schreiben. Zum Mitmachen bitte auf diesen Link klicken, dort das individuelle Leseerlebnis schildern und mit Namen oder Twitter-Handle unterzeichnen. Ihr könnt euer individuelles Leseerlebnis auch unter dem Hashtag #Leseköpfe teilen. Wir sind gespannt!

Hier die ersten fünf Antworten auf die Frage:

“Ich habe schon immer ein Problem damit, mir die Figuren in einem Text so vorzustellen, wie der Text das vorgibt. Irgendwo zu Beginn des ersten Bandes der Harry-Potter-Reihe wird beschrieben, dass das Haar des Ekelpakets Draco Malfoy blond ist. Das musste meinem 14-jährigen Ich aber in seiner nackten Weiterlesegier entgangen sein, denn in meinem Kopf hatte Malfoy immer schwarze Haare. Die störrische Imagination muss dann die restlichen Male, die von den blonden Haaren Malfoys die Rede war, überlesen haben. Jedenfalls bin ich aus allen Wolken gefallen, als die Filme kamen und Malfoy blond war: #notmymalfoy! Genaue visuelle Beschreibungen aller Art konkurrieren in meinem Kopf mit der Casting-Politik meiner Imagination, die sehr schnell entscheidet, wie etwas auszusehen hat. Meistens werden dafür Eindrücke aus meinem realen Erleben verwendet. Ich habe z.B. ein und dasselbe reale Haus für einige verschiedene Interieurs in Romanen. Da kann dann noch so viel über Damastvorhänge und samtene Fauteuilles geschrieben werde (Thomas Mann ist in dieser Hinsicht besonders penibel); mein Kopf hat diese Räume schon anderweitig möbliert. Das gilt wiederum auch und besonders für Figuren: In Jonathan Franzens Roman Freedom gibt es eine Figur, die immer wieder vom Aussehen her mit Muammar al-Gaddafi verglichen wird. Ich hatte für diese Figur aber von Anfang an (vollkommen unwillkürlich) einen entfernten Bekannten im Kopf. Jedes Mal, wenn Gaddafi erwähnt wurde, war das eine Irritation: Aber so sieht Richard doch gar nicht aus!”
(Johannes, @Johannes42

“Beim Lesen höre ich eigentlich immer meine eigene Stimme in meinem Kopf, die mir den Text vorliest. Dabei spielt sich allerdings kein Film vor meinem inneren Auge ab, Figuren stelle ich mir – wenn überhaupt – nur sehr verschwommen vor. Bei langen, ausführlichen Beschreibungen der Umgebung steige ich sehr schnell aus, weil ich es mir nicht richtig vorstellen kann, deshalb lese ich beispielsweise auch nur ungern Nature Writing. Eigentlich sehe ich während der Lektüre nur vereinzelte Schnappschüsse vor mir, wenn im Text etwas vorkommt, was ich schon mit eigenen Augen gesehen oder selbst erlebt habe. Kürzlich las ich zum Beispiel einen Text, in dem eine Frau eine Uferpromenade entlang geht. Erst als im Text explizit erwähnt wurde, dass es sich dabei um den Abschnitt des Themseufers kurz vor der St Paul’s Cathedral handelt, den ich selbst schon mehrmals entlanggelaufen bin, hatte ich für einen kurzen Moment ein Bild im Kopf. Im Alltag, also unabhängig vom Lesen, habe ich allerdings keine Probleme, abwesende Dinge, Orte und Personen zu visualisieren.”
(Magda, @Magdarine)

“Beim Lesen sehe ich sofort Räume oder Landschaften, ab dem ersten Satz, und passe die dann, je mehr ich darüber erfahre, laufend und problemlos an. Bei den Personen dauert das mit dem Sehen etwas länger, und sie bleiben dann eher schattenhaft und haben keine Gesichter. Hände stelle ich mir sehr bildlich vor, sofern sie beschrieben werden (z.B. so ein bisschen eine Marotte von Min Jin Lee, „Pachinko“, „Ein einfaches Leben“, das ich gerade lese). Ein Buch hat für mich eine Farbe, die wie so ein Filter (wie das Sepia in Til-Schweiger-Komödien) über allem liegt. Früher hat sich diese Farbe leider oft nach dem Umschlagmotiv oder dem Einband gerichtet, darum bin ich sehr froh über die Reizarmut des eReaders und lese viel lieber darauf. Obwohl die Figuren unscharf sind (was ich nicht als Mangel empfinde), sehe ich Szenen beim Lesen vor mir, was mich manchmal von der Sprache ablenkt. Wenn die Sprache sehr schlecht ist, wirkt sich das allerdings auf dieses Filmische aus: Dan Browns „Da Vinci Code“ konnte ich nicht weiterlesen, weil es vor meinem Leseauge ablief wie eine völlig bizarre Slapstick-Komödie in grellen Primärfarben. Wenn ich eine Verfilmung sehe, existiert mein innerer Film unabhängig davon weiter und wird nicht überschrieben, und bei der Verfilmung stören mich keine Abweichungen von meiner Erwartung, es ist für mich völlig getrennt von meinem Leseerleben.”
(Till, @TillRaether)

“Die 3 Hexen. Sehe eine rauhe, felsige Landschaft, braun grün grau. Heide. Gewitter. Hexen-Talk.
In der Ferne taucht der Kopf eines Mannes auf, der einen albernen Blechhut trägt. Dschinghis Khan-Auftritt im Fernsehen der 80er. Die Hexen. Warum stelle ich mir Hexen immer entweder alt, hässlich, krummnasig und warzig oder aber jung und schön vor. Ha, ja warum wohl. Hurlyburly schönes Wort. Überhaupt viele schöne Wörter, grosse Liebe für S.  Höre unter den Hexen immer die Stimme von Ted Hughes, wie er „double double toil and trouble“ sagt. Diese Vorliebe von Konsonanten, möglichst rollen und grollend vorgetragen bei ihm, das ist sehr eindrucksvoll und dramatisch, aber Vokale sind mein jam. Etwa Joe Henry am Ende von Sign, „who trailed a strand of braided hair across the back rail of her chair“. Immer das Scheiss-Musending. Jetzt ein kahler Seminarraum mit einem Literaturdozenten, der mit dem Zeigefinger wackelt und „Kitsch“ murmelt. Ist eigentlich alles, was Gefühle auslöst, Kitsch. Weg mit dem.
Welles wirklich Fehlbesetzung für mich. Sogar Kinski wäre besser. Uff hasse den so. Aber der Film sonst sehr eindrucksvoll, obwohl die Kulissen so cheap wirken. Macbeth auch immer verknüpft in meinem Kopf mit Faust. Nur Goethe leider Shakespeare für Arme. Hot take lol. Shakespeare-Übersetzungen. Die Kommilitonin, die damals im Seminar eine eigene Sonett-Übersetzung vorgelesen hat, so wunderschön, alle haben ganz atemlos gelauscht. Wünschte, ich könnte das auch, aber gar kein Reimtalent alas. In dem ganzen verdammten Stück sind eigentlich nur die Frauen interessant. Vielleicht sollte ich mal wieder Marias lesen. Dieser Hexenkessel in offener Landschaft, das ist doch unrealistisch oder. Überhaupt diese ganze Kesselnummer, sehr langer Bart. Könnte 1 vielleicht mal entstauben. Diese 3 sehen jedenfalls alt und verlumpt aus. Macbeth nicht grad ein Schlaukopf oder. Puh.”
(Maike, @mai17lad)

“Ich sehe beim Lesen einen Film vor dem inneren Augen, der manchmal auch durch Snapshots unterbrochen wird. Dabei ist dieser Film tatsächlich mit cineastischen Mitteln gestaltet: Farbfilter, Stimmung, Kameraperspektive (nahezu unmöglich zu recherchieren, aber wie spannend wäre es, das mit Leseerlebnissen von vor 100 Jahren zu vergleichen). Es ist aber grundsätzlich ein stummer Film. Menschen sehe ich sehr genau vor, bis auf das Gesicht, das ist meistens verschwommen. Statur, Kleidung, Haarfarbe etc. sind aber detailliert. Die Umgebung setzt sich sofort zusammen, sobald ich anfange zu lesen. Selbst wenn die späteren Beschreibungen meiner ersten Vorstellung widersprechen, ändert sich meine Vorstellung kaum noch. Ich glaube am deutlichsten erlebe ich Stimmungen und Atmosphären, die sind wirklich von Text zu Text ganz unterschiedlich und ich frage mich oft, was genau eine Stimmung eigentlich erzeugt. Beispiel: Ich habe letztes Jahr Essays von Joan Didion gelesen, die meistens in Kalifornien angesiedelt sind, die Atmosphäre ist schwer, dunstig, die Hitze, die Stadt L.A., das Meer, das aber irgendwie keine Abkühlung bietet, alles ist überhitzt und warm. Gleichzeitig ein Hauch von Horror. Genauso lese ich jetzt gerade Saskia Vogels “Permission”, das auch in L.A. spielt und ich habe den unguten Verdacht der Grund, dass ich vorher irgendwo den Namen Joan Didion mit ihr in Verbindung gelesen habe.”
(Simon, @SamsonsHirne

Beitragsbild von Siora Photography über Unsplash

Es gibt nur ein Thema: / den persönlichen Körper / und seinen unpersönlichen Untergang

Ein Nachruf von Dirk Uwe Hansen

Am 20.1. ist in Athen die Dichterin und Übersetzerin Katerina Angelaki-Rooke gestorben. Eine der größten griechischsprachigen Dichterinnen aller Zeiten, war daraufhin erwartungsgemäß im griechischen Feuilleton über sie zu lesen und im deutschen Feuilleton ebenso erwartungsgemäß nichts. Mag es nun daran liegen, dass sie eine Frau war (sie wär die erste nicht), eine Lyrikerin oder Griechin (anders als im Englischen finden wir auf Deutsch neben versprengten Gedichten in Anthologien nur einen einzigen gedruckten Band mit ihren Gedichten), eine Schande ist es allemal.

Nun ist allerdings hochgelobt so leicht wie totgeschwiegen und mit lebendiger Erinnerung und Wahrnehmung mag beides wenig zu tun haben. Aber was mich berührt hat, war, dass schon in der Nacht nach ihrem Tod viele viele griechischsprachige Autor*innen in sozialen Medien jeweils ein Bild und einen Text von Katerina Angelaki-Rooke posteten. Mehr nicht. So als hätte jede*r giechische Autor*in eben das von ihr im Kopf: ein Bild und einen Text, der wichtig ist. Photographien von Angelaki-Rooke gibt es im Netz mehr als genug, was es allerdings kaum von ihr gibt, sind “Autorinnenphotos” — ein*e Dichter*in mit dem klassischen zugleich nach innen und in weite Ferne gerückten Photostudioblick. Im Gegenteil: Selbst auf Photos von einer der vielen Preisverleihungen scheint sie stets jemanden anzusehen, um einen Gedanken, einen Scherz oder ein Lächeln zu teilen. Es ist unmöglich, Photos von ihr zu betrachten, ohne dass man sie gern kennenlernen und dieses Gesprächsangebot annehmen möchte.

Diese Menschenfreundlichkeit mag einer der Gründe dafür sein, dass sie für viele der jüngeren Dichter*innen in Griechenland eine so bestimmende Bezugsperson war, der wichtigere Grund ist natürlich ihre Dichtung selbst, die gekennzeichnet ist von großer Genauigkeit in der Beobachtung der physikalischen Welt, die sie in sehr eigener Weise mit der metaphysischen Welt zu verbinden weiß.

Die Augen lieben es,
sich den kleinsten Falten
der sichtbaren Welt zu widmen,
während die Werkstatt im Inneren
die Bilder zu Engeln erklärt,
oder zu Abschiedskarten
mit Pinien darauf.

Katerina Angelaki-Rooke wurde 1939 geboren. Damit gehört sie zur sogenannten zweiten Nachkriegsgeneration, einer Generation von Autor*innen also, die als Kinder die Traumata der deutschen Besatzung und des Bürgerkrieges erlebt haben, als Erwachsene die Jahre der Militärdiktatur und denen es gelungen ist, die griechische Literatur mit der europäischen Moderne zu verbinden — es ist kein Zufall, dass viele dieser Autor*innen auch Übersetzer*innen waren.

Angelaki-Rookes Familie war gut situiert, bildungsorientiert und kosmopolitisch. Ideale Voraussetzungen für eine junge Frau, die, wie sie in einem ihrer letzten Interviews sagte, sich für Literatur und Liebe interessierte, nicht aber für Luxus. Sie studierte Sprachen, reiste viel, heiratete den englischen Altphilologen Rodney Rooke, arbeitete als Übersetzerin und publizierte etwa 20 Gedichbände.

Ihre Poetik bringt sie selbst auf zwei einfache Formeln: “Die Dichtung hat keine Regeln. Regeln hat höchstens jede*r Autor*in für sich selbst” und “Damit ein Gedicht entstehen kann, muss es eine Wunde geben.”

“Ich stöbere mit der Zunge nach meiner Seele, / die mich angeblich jenseits des Lebens weiterleben lässt. …” In Katerina Angelaki-Rookes Gedichten stößt Metaphysik immer wieder auf die materiellen Voraussetzungen des Lebens, auf Leidenschaft und Leiden. Das ist keine bloße Metapher, denn sie war seit einer zu spät behandelten schweren Infektion im Kleinkindalter ihr Leben lang leidend, ein Leiden, das sie nach eigener Aussage erst zur Dichterin gemacht hat. Diese Verbindung von Leid, Leidenschaft und literarischer Umformung zeigt sich vielleicht nirgendwo so radikal und so schön wie im Zyklus der “Engelhaften Gedichte” (“Der Grenzengel Einmal / mit seinem schönen steifen Glied…”). Und immer findet sie dafür eine eigene Sprache und für ihre Gedichte eine eigene Form — und darin liegt ihre Bedeutung für die jüngeren Dichter*innen.

Die Narbe

Statt eines Sterns leuchtete eine Narbe über meiner Geburt.
Die Schmerzen, die ich durchlebte
mit meinem unfertigen Körper,
pressten mich zurück zur Dunkelheit des Anfangs.
Ich kroch auf dem Nichts,
die winzigen Finger hielten den Tod
wie ein schwarzes glänzendes Spielzeug.
Ich erinnere mich nicht,
wie es kam, dass ich blühte in der Form einer Wunde,
wie ich lernte, das Gleichgewicht zu halten
zwischen dem Eiter und meinen offenen Augen,
aber da, wo meine Mutter damit rechnete,
dass mich, wie ein Blatt auf dem Wasser,
noch vor Beginn meiner Reise der Fluss mitreißen werde,
sah sie mich plötzlich aus der Dunkelheit emporkommen.
Wer weiß, welche Verhandlungen stattfanden im Verlauf einer Nacht,
was ich gab,
was ich bekam,
worauf ich verzichtete,
was ich versprach, damit mich das Leben behielt als seine Dienerin.

War das Nötigung, Übereinkunft, Drohung?
Sollte ich dankbar sein
für das zerrissene Geschenk des Überlebens
oder rachsüchtig? Hatten sie mir befohlen,
nach oben zu sehen, oder nach unten zur Wurzel der Demut?
Welcher Demut, warum?
Was war das für eine so untragbare Last,
die mich vollkommen erschöpft hat,
noch bevor ich aufgebrochen bin?
Oder habe ich vielleicht eine andere Bürde auf mich genommen
und schleppe sie langsam und hinkend  ins Ziel?
Ich überlebte und fing zu spielen an.
Voller Vertrauen stützte ich mich auf das Gerät
und stieg die Stufen hinauf.
Auf dem Dachboden errichtete ich mein Königreich der Träume
aus ausgeschnitten Mannequins,
Florenz nannte ich diese verzauberte Stadt,
elegante Frauen und Männer mit Hut,
an der kleinen Tür nebenan war die Toilettenspülung,
die von Zeit zu Zeit wie ein Blitz hereinbrach
über die immateriellen Gewohnheiten meiner Hauptdarsteller.
Von unten stieg die Wärme dieser Welt hinauf,
die ganze Küche mit ihren Gerüchen, Geräuschen und den vertrauten Stimmen:
„Wie spät ist es? Hast du die Kartoffeln geschält?”
Die Küche war meine Phantasie aus Papier
— so früh also prägen die Pole sich aus?

(1990)
aus: Die Engel sind die Huren des Himmelreiches. Gedichte, übersetzt von Jorgos Kartakis und Dirk Uwe Hansen, Leipzig 2017

Mehr von Angelaki-Rooke kann man auf Fixpoetry lesen: