Kategorie: Rezensionen

Vermächtnis und Ermächtigung – „The Yield“ von Tara June Winch

Von Charlotte Milsch

 

In Ihrem zweiten Roman „The Yield“ erzählt die Aborigine-Australische Autorin Tara June Winch von einer Familie der Wiradjuris im australischen New South Wales, ihrem kulturellen Erbe und dem Einfluss der Kolonialisierung auf die unterschiedlichen Generationen bis heute. Es ist eine Geschichte von Verlust und Wiederaneignung der eigenen Kultur und Sprache, und vom Kampf um die Wahrnehmbarkeit der Lebensrealitäten indigener Menschen in Australien. Ein Kampf, der bis heute anhält. Im September 2020 war die Autorin zu Gast beim 20. ilb in Berlin. Eine Begegnung. Weiterlesen

Vom Briochekipferl zum Äußersten: Ilse Aichingers Buch „Unglaubwürdige Reisen”

Ich wollte am liebsten alles in einem Satz sagen, nicht in zwanzig. Ilse Aichinger

„Wenn einer eine Reise tut, so kann er nichts erzählen: Das fiel mir schon ziemlich früh auf“, schreibt die 2016 im Alter von 95 Jahren in Wien verstorbenen Ilse Aichinger im ersten ihre kurzen Reisefeuilletons, die zwischen 2001 und 2004 immer Freitags im Wiener „Standard“ erschienen sind.

Einige dieser Texte wurden im Jahr 2005 in dem Band „Unglaubwürdige Reisen“ zusammengefasst. „Unglaubwürdige Reisen“: Der Titel stellt das Tun der Schriftstellerin in Frage, doch so sehr muss man sich darüber nicht wundern: Reiseliteratur war seit ehedem „unglaubwürdig“. Vom Abenteuer- und Schelmenroman über Joseph von Eichendorff, Jules Verne, Mark Twain, Karl May bis hin zu der autobiografisch gefärbten Reiseliteratur von Joseph Conrad oder Hubert Fichte – überall unglaubwürdige, unglaubliche Reisen.

© Stefan Moses

Was die 1921 in Wien geborene Ilse Aichinger von vielen Autoren und Autorinnen unterscheidet: Für Ihre kurzen Texte bewegte sie sich kaum vom Fleck. Sie musste nicht fort. Tat einfach das, was sie immer tat. Saß in einem Wiener Kaffeehaus, vorzugsweise dem „Demel“, der „k.u.k Hofzuckerbäckerei“, und begann, schreibend zu reisen. Dabei verbindet sich Gefundenes, Erfundenes und Erinnertes zu einem literarischen Knoten, den zu Lösen man nicht vermag. Der Reiz dieser Kaffeehaus-Literatur liegt aber auch genau darin: Ausgehend von der eigenen, bewegten Biografie entsteht bei Aichinger Literatur, welche die Geschichte des 20. Jahrhunderts wie kaum eine zweite als Subtext mitschreibt.

Im „Demel“ saß sie also beinahe jeden Tag und schrieb. Gerne zwischen zwei Kinovorstellungen, denn das Kino war stets die größte Leidenschaft von Ilse Aichinger. Wir begleiten Aichinger mit ihrer Zwillingsschwester in die Kapuzinergruft, reisen mit ihrem Urgroßvater durch den Kaukasus, mit Sigmund Freud in sein Londoner Exil, mit „der Schrederin“, einer alten Bäuerin, nach Großgmain – und mit der polnischen Putzfrau nach Auschwitz. Vor allem jüdische Geschichte steckt in diesem Buch.

Jüdische Geschichte, erlebt mit der jüdischen Mutter, einer Ärztin. Die Flucht der Zwillingsschwester ins Londoner Exil, die Deportation der Großmutter und anderer mütterlicher Verwandtschaft, von Schulfreundinnen und Nachbarn in die Vernichtungslager. Der Tod ist einer der treusten Reisebegleiter dieser inneren Reisen in die Vergangenheit. Die Figuren aus der Vergangenheit, der bei einem Unfalltod verstorbene Sohn Clemens, sind nicht abwesend. Als Schatten spielen sie eine Rolle, bis heute. „Unglaubwürdige Reisen“ ist ein Buch, das die Macht des nur vermeintlich Abwesenden betont.

Von ihren Personen spricht Aichinger als „kräftige Schattenrisse“. Allesamt Protagonisten aus der „Landschaft des eigenen Lebens“. Sie trifft sie in New York oder in der Wiener Anatomie, in Novi Sad, Aberdeen, Danzig oder in Linz, doch vor allem in ihrer Erinnerung: Günter Grass, Günter Eich, mit dem Aichinger verheiratet war, Thomas Bernhard – dieses Buch ist auch eine Begegnung mit den Protagonisten der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts.

Der Anlass zum Schreiben ist oft ein Äußerlicher. Eine Beobachtung, eine Pressenotiz etwa. Sogar der Wunsch nach einer nächtlichen Grießnockerlnsuppe, bei der ihr Denken als Autorin einsetzt. Wie etwa beim Betrachten der Speisekarte im Kaffeehaus: „‚Feinstes Briochekipferl oder flaumiger Guglhupf’ zum ‚Demel Frühstück’. Oder ‚zwei Kaisersemmerln sowie ein weiches Ei’ zum ‚Wiener Frühstück’. Und zum ‚Heißgetränk Ihrer Wahl’ gibt es ‚soft boiled egg, ham and cheese, fresh orange juice (1/8)’. An solchen Angeboten jagen die Passanten vorbei: Verspätete Gruppenreisende, versprengte Prozessionsteilnehmer. Es genügt ‚der kleine Anstoß, der sie in Bewegung setzt’, von dem Simenon schreibt, in Bewegung ‚bis zum Äußersten ihrer selbst’“ – mit Ilse Aichinger vom Briochekipferl zum Äußersten.

Ilse Aichinger wieder lesen. Im November des Jahres 2020. Aichingers Schreiben liest sich heute noch markanter als ein Plädoyer für die Entschleunigung. Nicht Ihr Stil, der ist schnell. Kurze Sätze wechseln mit längeren, Fragiles mit Festem. Einfaches mit Komplexem. Es ist keine hohe Sprache, doch sie hat einen ganz eigenen Klang. Dieses Buch ist auch ein Lob der kurzen, im besten Sinne journalistischen, tagebuchhaften Form. Wie viel in zwei Seiten Aichinger steckt! Die genaue Beobachtungsgabe und das Vermögen, im Kleinen das Große, Übergeordnete zu sehen, daraus kleine Kunstwerke zu gestalten, macht Aichingers Literatur so kostbar.

Wenn einer eine Reise tut, da kann er was erzählen. Doch selten von dem Fremden. Hier, im Schreiben, findet sie sich, auf alten, gleichen Wegen: „Ich geh‘ auch jetzt noch immer dieselben Wege, wenn ich was Neues erfahren will. Wenn man nach Rio de Janeiro fährt, sieht man ja nichts Neues. Man versucht immer, seine alten Vorstellungen einzubauen.“

Das eigene Ich. Das ist ein Ort, der so fern und nah, so tatsächlich und unglaubwürdig, wie kein anderer ist. Das Reisen, es findet hier im Kopf statt. Es ist imaginär – und das macht dieses Buch in diesen Tagen so lesenswert. Überraschend, wie jung sich diese Literatur, diese Notate heute lesen. Das Spätwerk einer 1921 geborenen kommt ganz ohne Pathos aus, diese Reise zu den Traumata der Kindheit, zum letzten Wohnort der Großmutter vor ihrer Deportation nach Minsk, wo sie ermordet wird: „Der „Anblick meiner Großmutter im Viehwagen auf der Schwedenbrücke in Wien. Und die Leute um mich herum, die mit einem gewissen Vergnügen zugesehen haben. Ich war sehr jung und hatte die Gewißheit, daß meine Großmutter, die mir der liebste Mensch auf der Welt war, zurückkommt. Dann war der Krieg zu Ende, der Wohlstand brach aus, und die Leute sind an einem vorbeigeschossen. Das war noch schlimmer als der Krieg.“

„Gute Literatur ist mit dem Tod identisch“, sagt Aichinger, die auf Briefumschläge und Speisekarten schreibt. Am liebsten im „Dehmel“, „weil der Kaffee dort besser ist als anderswo. Ich würde sogar sagen: Der Demel-Kaffee ist einzigartig und die Demelinerinnen nehmen mich als Stück des Hauses. Ich kann dort schreiben, ich kann machen, was ich will.“

Im kommenden Jahr, 2021, feiern wir den 100. Geburtstag von Ilse Aichinger, deren Werk bis ins 21. Jahrhundert hereinragt: Untrennbar ist ihr Schaffen mit der Stadt Wien verbunden, wo sie am 11. November 2016 im Alter von 95 Jahren starb. Ihr Schreiben bleibt unvergessen, auch in der Erinnerung an den Holocaust, an die Welt der Konzentrationslager etwa in dem schon 1945 entstandenen Text „Das vierte Tor“ oder 1946 im „Aufruf zum Misstrauen“ – im Aufruf, die Geschichte nicht zu verdrängen.

1948 erschien ihr einziger Roman „Die größere Hoffnung“ – ein Buch über das Ende der Hoffnungen, ein Buch, das eine neue, verknappte, präzise Sprache fand, das heute als großes erstes Werk der österreichischen Nachkriegsliteratur gilt. 1952 erhält sie den Preis der Gruppe 47 für ihre Erzählung „Spiegelgeschichte“. Eleonore Frey hat in ihrem Nachruf in der Neuen Zürcher Zeitung das Werk Aichingers als „Schattenspiel“ beschrieben, das Heiterkeit mit Düsternis mischt, Wärme mit Kühle – und sich bis heute bewährt hat. Das niemals erlöschen wird, niemals vergehen wird, „als Erneuerung … als die lebendige Möglichkeit einer veränderbaren und so vielleicht doch immer wieder einer ‚grösseren Hoffnung‘ würdigen Welt.“

 

Simone Fässler und Franz Hammerbacher (Hrsg.): Ilse Aichinger: Unglaubwürdige Reisen. 186 Seiten. Gebunden. 25 Abbildungen. Verlag S. Fischer. Frankfurt am Main 2005. ISBN 978-3100005274. 17,90 Euro

Beitragsbild von Dimitry Anikin

Menschentraum: Natur. Über Sophie Steins Roman “Amanecer”

von Samuel Hamen

 

Der Wunsch ist klipp und klar: sich zu versichern, der „Käpt’n“ der eigenen Seele zu sein. In ihrem Romandebüt schickt Sophie Stein hierfür eine Studentin namens Aziza für ein Auslandsjahr nach Nivaria. Bereits hier wird klar, dass Amanecer ein Buch der Überschreitung sein möchte: Nivaria ist der historische Name für Teneriffa, der seit Jahrhunderten außer Gebrauch ist. Mit dem Flugzeug auf Nivaria zu landen ist also vor allem eins: ein Statement, dass sich Zeiten und Orte ineinanderschieben lassen.

Auf der Insel lernt Aziza über ihre WG einige junge Leute kennen. Während einer gemeinsamen Wanderung sprechen sie über Baumwesen und Geister. Bevor Aziza (und mit ihr der Leser) sich vorsehen kann, wird sie den Guanchamánes vorgestellt, einer Gesellschaft, die sich der „Pflanzenkunde“ und „Mythenlehre“ verschrieben hat. Ihr Ziel? „Eine Art universelle Suche nach Sinn und Spiritualität.“ Die Rede ist von der Natur der Dinge und den Dingen der Natur, unterfüttert von einer Entfremdungsdiagnose, wie auch Anti-Moderne sie gerne aufstellen: Wir leben im Hier und Jetzt das flache, das falsche Leben. Dabei liegt die wahre Erkenntnis doch, so die Guanchamánes, in der Natur und im Traum, bestenfalls also: im Traum einer Vereinigung mit der Natur.

Das Wissen der Sekte

Für Aziza, die ob ihres Alters und ihres unsicheren Gemüts anfällig ist für solche existenzerweiternden Angebote, ist es auch ein Versprechen: Wenn sie erst eine tiefere Bewusstseinsstufe erreicht hat, kann sie sich, so ihre Hoffnung, mit dem Verschwinden ihrer Schwester ebenso auseinandersetzen wie mit dem Aufwachsen bei einer psychisch kranken Mutter. Es sind die Guanchamánes, die ihr die Möglichkeit an die Hand geben, sich zu emanzipieren: „Vermutlich hat ein Teil von mir immer damit gerechnet, dass etwas in der Art passieren würde. Hat sogar darauf gewartet, dass es passiert. Dieser Teil von mir empfindet nun eine gewisse Erleichterung. Denn er hat dem Schein der Welt nie getraut.“

Amanecer ist in vielerlei Hinsicht zeitgenössisch. Stein spürt dem Verhältnis zwischen Mensch und Natur nach. Ihre Figuren und ihre Sprache geben sich dabei dem Reiz der „Mythenlehre“ hin, die auf einer binären Weltanschauung fußt, wie sie typisch ist für abgeschottete Communities: hier das Intensive, dort das Laue, hier das Wissen, dort das Know-How, hier die Nähe, dort die Distanz, hier das Leben, dort der Tod.

Dass die Gegenwart angeblich herabgewirtschaftet und tot ist, ist im Augenblick ein beliebter und je nach Deklinationsweise ziemlich konservativer Topos der Literatur. Die Diagnose taucht im ultraromantischen Manifest ebenso auf wie in den Debüts von Simon Strauß und Pascal Richmann. Stein ist sich dieser problematischen Konstellation durchaus bewusst. Dass der Traum, in den die Sekte in einem Labor versetzt wird, sich für einige als Albtraum erweist, in dem sich Grenzen zwischen Wachheit und Sedierung auflösen, das ist für die Autorin womöglich eine Art Absicherung, um darauf hinzuweisen, was passiert, wenn man sich einer Lehre dogmatisch hingibt: Es gibt keinen Ausweg mehr aus dem eigenen Kopf. Der letzte Satz von Amanecer markiert in dem Sinne das Ende einer solch gefährlichen Versenkung: „Wach auf.“

Ein Roman ohne kohärente Linie

Aber so richtig nehme ich dem Roman diese Ideologiekritik nicht ab, die wohl dazu dienen soll, die Rückbesinnung auf traditionelle lokale Wissenskulturen, wie die Guanchamánes sie betreiben, ex negativo zu legitimieren. Dafür ist Steins Sprache zu grandios, zu affirmativ vis-à-vis den Wundern des echten Lebens, die Aziza auf knapp zweihundert Seiten endlich erfahren darf: „Der Wal ist so nah, dass wir die Furchen und Seepocken auf seiner steingrauen Haut erkennen können. Ich blicke in sein geöffnetes Maul, größer als ich selbst, und auf das Hornplattendickicht, das sich darin zu einem außerirdischen Grinsen verzieht. In diesem Augenblick ist alle Düsternis aus meinem Innern fortgespült. Mein Herz ist ein sonnengewärmter Stein, der sich knackend ausdehnt.“

Bei alledem nimmt sich Stein, die Romanistik, Philosophie und Indologie studiert hat, etliche Freiheiten abseits des gängigen belletristischen Realismus – das ist eigentlich eine begrüßenswerte Abweichung vom Standard, gerade für eine Debütantin. Der Mimetismus, das heißt: das Konzept, durch eine möglichst getreue lineare Beschreibung der Welt als Text deren Erfahrbarkeit zu wiederholen, ist im derzeitigen Mischmasch aus Fiktionen, Semi-Fakes und Pseudo-Wahrheiten, eh an sein Ende gelangt. Mit seinen gestalterischen Mitteln kann er jedenfalls dem, was gerade im Flow der Medien und Wirklichkeiten abgeht, nicht gerecht werden. „Chaotisch, fragmentarisch, an- und abschwellend, zugleich unzusammenhängend und untrennbar verbunden, weigert sich dieser Roman, die Illusion einer kohärenten Linie zu erschaffen und das Chaos zu glätten.“ So schreibt die 1995 geborene Stein auf literaturkritik.de über António Lobo Antunes’ Roman Ich gehe wie ein Haus in Flammen. Damit hat sie ihr eigenes Programm eigentlich ziemlich gut umrissen.

Statt dann auch selbst gelungen anti-linear zu erzählen, verausgabt der Text sich in Bildern und Assoziationen. Was als Wildwuchsprosa gedacht ist, die abseits der abgetretenen Pfade nach allen Seiten hin ausschlägt, ist bei näherem Hinsehen vor allem dauerbenebelt in Anbetracht all der Adjektive und Metaphern, die sich aneinanderreihen lassen, um Azizas psychedelischer Wahrnehmung zu entsprechen. Durch die träumerische Entgrenzung, ein an sich interessantes Prinzip, um einen Text zu enthemmen, lässt sich in Amanecer sprachliche Hudelei so recht einfach als subjektivistische Opulenz ausgeben: „Die zarten Kämme der Dünung streichen luftig über den flachen Strand und lösen sich wie Kiemen schillernder Fische in Abendlicht auf. Ich muss mich mit dem Meer versöhnen, bevor ich gehe.“

Ein Insider-Text

Angetrieben wird Amanecer durch eine Ladung Naturphilosophie, ein wenig New-Age-Flair und ein bisschen Simulationstheorie, wie sie die Poststrukturalisten vor einigen Jahrzehnten vortrugen. Das führt aber nicht wirklich irgendwo hin, so interessant die Kombi auch ein mag, ergeben sich aus ihr doch dringliche Fragen danach, wie sich „terrestrisch leben“ (Bruno Latour) lässt, wie sich das Verhältnis des Menschen zur Erde neu denken und darstellen lässt. Aber vielleicht muss ein Roman, der sich der Immersion ins Naturhafte verschreibt, Tools wie Analyse, Selbst- und Diskurskritik größtenteils ausblenden, um an sein Ziel zu gelangen. In Amanecer gibt es jedenfalls keine überzeugende Instanz, die Natur-Kultur-Fantasien als das bezeichnet, was sie eben auch sein können: „unser kindisches Verlangen nach Rückkehr und Regress, der Zwang Raum und Zeit einzustülpen.“ (Eva Hayward)

Bis zuletzt fragte ich mich, zu welchem Zwecke denn nun alles dekonstruiert, mythisiert, verphilosophiert und renaturiert wird. Ist das ein ökologisches Manifest, gepaart mit einer Kritik in der Nachfolge der deutschen Romantik, die sich an einem Realismus stört, der es uns nicht erlaubt, die „wahren“ Probleme zu ahnen? Ist es ein feministisches Projekt, die „Geschichte der Vernunft“ (Hélène Cixous) hinter sich zu lassen, indem die Sprache intensiviert wird? („Ich bin vor seiner trübseligen Rationalität davongerannt, denn ich spreche diese Sprache nicht, ich fürchte mich vor ihrem dunklen Sog, in dem kein einziges Wort mehr seine ursprüngliche Bedeutung trägt, in dem ich mich nicht zurechtfinde.“) Oder ist es eine Abfuhr an jegliche Funktionalität – nichts als wuchernde Ästhetik, die vorführt, dass sich eine unbändige Welt nicht bändigen lässt, schon gar nicht in und durch Literatur?

Als Insider-Text, der er leider bis zum Schluss bleibt, kann sich Amencer dieser und anderer Fragen leichthin entledigen, indem er sich zuraunt, nach tieferen Regeln zu operieren – genau wie die Guanchamánes, die mehr wissen als der uneingeweihte Rest. Sicherlich kann man sich während des Lesens auch bedenkenlos der „Mythenlehre“ hingeben und dem Roman darüber zusätzliche Einsichten bzw. Genüsse abgewinnen. Aber jenen, die auch als Lesende Distanz als Gewinn, nicht als Verlust erachten, verwehrt Amanecer das, was er der Hauptfigur schenkt – die Möglichkeit einer Teilhabe: „Zurückgeblieben ist ein Gewirr aus kryptischen Symbolen, die mir nichts mehr sagen. Die Regenbogenzeichen haben aufgehört zu mir zu sprechen.“

 

 

Abkehr vom Mann – Pauline Harmanges “Ich hasse Männer”

von Christina Dongowski

 

Ich würde Moi les hommes, je les déteste (zu deutsch: Ich hasse Männer) von Pauline Harmange wahrscheinlich nicht kennen, hätte nicht ein Typ namens Ralph Zurmély das Verbot des Büchleins in Frankreich gefordert und den Verlag mit einer Strafe von 45.000 Euro bedroht. Auch wenn es den Anschein haben könnte, Ralph Zurmély ist nicht der klassische sexistische Kommentar-Typ aus dem Netz, mit dem sich jede Frau herumschlagen muss, die etwas äußert, das auch nur entfernt nach Feminismus klingt. Nein, Ralph Zurmély ist Referent im französischen Ministerium für die Gleichstellung von Mann und Frau. Weiterlesen

Kunstautonomie als rechtes Ideal – Von Neo Rauch bis Uwe Tellkamp

von Peter Hintz

 

Wie mit einem ekelerregenden, persönlichen Angriff auf die eigene publizistische Arbeit umgehen? Der neue, gerade bei Wagenbach erschienene Essay Feindbild werden des Kulturwissenschaftlers Wolfgang Ullrich ist nicht nur Resümee seines Konflikts mit dem weltberühmten Leipziger Maler Neo Rauch, sondern zeigt, wie Ullrich im Modus der kunsttheoretischen Analyse wieder Distanz zu Rauch herstellen will. Rauch hatte letztes Jahr ein großformatiges Schmähporträt von Ullrich gemalt, das den ebenfalls in Leipzig lebenden Kritiker als sogenannten “Anbräuner” karikierte, der aus seinen Fäkalien Nazi-Vorwürfe auf eine Leinwand malt. Daraufhin wurde Ullrich zum Ziel rechter Blogs gemacht, die ihn nun mit einem digitalen Shitstorm überzogen, und zum Hohn versteigerte Rauch schließlich sein Gemälde auf einer großen Charityauktion. Weiterlesen

Vom Nutzen der wirklich langen Sicht – Das Handbuch für Zeitreisende von Kathrin Passig und Aleks Scholz

von Marie Isabel Matthews-Schlinzig

 

„Earth is our only time machine.“
Dana Levin

Es gibt viele Arten, in der Zeit zu reisen: Atmen Sie ein und aus und Schwupps – sind Sie ein wenig weiter in die Zukunft gerückt. Das Internet bietet ebenfalls Möglichkeiten, besonders schön: die ‘Erdkugel aus alter Zeit’. Diese zeigt Ihnen u.a. an, wie sie vor, sagen wir, 470 Millionen Jahren aussah, als sich die ersten Korallenriffe formten. Manche Zeitreise vollziehen Sie unfreiwillig: als Mutter etwa während der jüngsten Pandemie, die einen teils in die 50er Jahre zurückzuversetzen schien. Weiterlesen

Keine weiten Felder – Deniz Ohdes “Streulicht”

von Simon Sahner

 

Mit acht Schlägen auf die Bass Drum, die klingen wie das Wummern einer Maschine, beginnt der Song Iron Man der Band Black Sabbath. Dann fängt Ozzy Osbourne an, den Mann aus Stahl zu beschreiben: „Has he lost his mind, can he see or is he blind – nobody wants him, he just stares at the world.“ Der fünfzig Jahre alte Song passt (fast zu gut) in die Welt der Erzählerin aus Deniz Ohdes Debütroman Streulicht (Suhrkamp). Wenn das Album der britischen Heavy-Metal-Band am Abend im Partykeller bei ihrem Schulfreund Pikka in Dauerschleife läuft, muss sie an die schwieligen Hände ihres Vaters denken, der im nahen Industriepark arbeitet. Weiterlesen

Privilegien und Effekthascherei – Der Zeitgeistjournalismus des Magazins “Tempo”

von Simon Sahner

 

Ende des Jahres 2006 berichtete der Spiegel unter dem Titel Das Ich-ich-ich-Magazin über eine ungewöhnlich umfangreiche (fast 400 Seiten) Sonderausgabe des Magazins Tempo, das es zu diesem Zeitpunkt seit bereits zehn Jahren nicht mehr gab. Auf dem Cover dieser Sonderausgabe prangte ein Porträt von Kate Moss, auf dem sie mit laszivem Blick über die nackte Schulter in die Kamera schaut, eine Zigarette hängt zwischen den Lippen. Die langen Haare sind zerzaust. Der Titel kündigt an: “Endlich! Die Wahrheit”. Ich erinnere mich sehr genau an dieses Cover, zudem an eine kontrastreiche Fotostrecke von einem oberkörperfreien Lukas Podolski; außerdem an ein Bild, das über hunderttausend Zigaretten zeigte, die Helmut Schmidt in den letzten Jahren geraucht haben soll, und an eine aufsehenerregende Aktion, die zahlreiche Prominente hinters Licht führte. Weiterlesen

Leere Nostalgie – Die Serie ‘Berlin, Berlin’ wird zum Film

von Charlotte Jahnz

 

Nostalgie ist ein Geschäft. Mit dem Erwachsenwerden einer Generation – und das heißt vor allem mit ihrem Liquidewerden – entsteht eine Industrie, die den Mitgliedern ihrer Generation die eigene Kindheit, verpackt als Retrowelle oder Remake, neu verkauft. Im vergangenen Jahr gingen viele Bands auf Tourneen mit Alben, die 15 Jahre alt waren. Und so fand ich mich letztes Jahr an einem heißen Junitag im schicksten Emo-Outfit auf einem sehr schlecht abgemischten Konzert von Taking Back Sunday wieder, in der Hoffnung noch einmal 15 sein zu können – es hat nicht funktioniert.

 Ein Berlin, Berlin Film ist in diesem Kontext ein naheliegendes Projekt. Denn Berlin, Berlin war in den 2000ern die deutsche Serie. 2004 wurde sie sogar mit einem International Emmy Award ausgezeichnet. Im Schnitt  sahen 16,6 Prozent aller 14- bis 29-jährigen Fernsehzuschauer*innen zu. Die Serie bot zu einer Zeit, in der alle noch lineares Fernsehen guckten, gerade für junge Frauen Rollenbilder, die innovativ waren. Eine Serienheldin, die „nicht nett” sein wollte, geradeheraus sagte, was sie dachte und alle Höhen und Tiefen des Erwachsenwerdens durchlebte.

Und nun ist Lolle Holzmann, die Heldin der Serie (2002-2005), zurück. 15 Jahre nachdem sie mit Sven, ihrem Cousin und vermeintlicher großer Liebe, in ein Flugzeug nach Australien stieg, steht sie vor dem Traualtar und ist kurz davor Hart zu ehelichen. Hart? Ja, Hart. Svens bester Freund und vor 15 Jahren Nachbar von Lolles WG. Er ist außerdem Vater des Kindes ihrer Mitbewohnerin Sarah und war damals so sehr friendzoned, dass man sich fragt, was in den letzten 15 Jahren passiert sein muss, dass diese Szene den Spielfilm eröffnet. Allein, der Film erklärt es nicht.

Man könnte es einen geschickten Schachzug nennen, dass der Film vieles aus der Serie unter den Tisch fallen lässt. Aber es ist erstaunlich, dass ein Film, der sein Entstehen offenkundig dem Kalkül auf eine spezifische (und gerade sehr lukrative) Form von Millennial- Nostalgie verdankt, abgesehen von ein paar Einblendungen von Originalszenen aus der Serie, so wenig Nostalgie zu bieten hat. Nach 15 Jahren fragt sich die Berlin, Berlin-Fangemeinde schon, was wohl aus den Protagonist*innen der Serie geworden ist. Steht Lenny noch im Comic-Buchladen oder hat er sich jetzt auf Graphic Novels spezialisiert? Verkauft Tuhan in seinem Imbiss jetzt fancy Bowls? Was wurde aus Fatman? Wurde die WG von einem Investor gekauft, der die gefühlten 150 Quadratmeter in ein Luxus-Loft inklusive Infinity Pool auf dem Dach umgebaut hat? Hat Lolle noch Kontakt zu ihren Ex-Freunden Moshe, Alex oder Felix?

Sie alle fehlen im Film, stattdessen tauchen neue Charaktere auf. Denn ohne weiblichen Sidekick für Lolle funktioniert Berlin, Berlin nicht. Eine solidarische Frauen-Freundschaft war auch immer Kern der Serie. Die Freundin wird im Film von Janina Uhse als Dana verkörpert. Dana ist jünger als Lolle und leistet zusammen mit ihr Sozialstunden in einer Schule ab. Ihre Figur gibt es wahrscheinlich, damit man den Film auch mit Menschen sehen kann, die zwischen 2002 und 2005 noch zu jung waren, um sich die ARD-Vorabendserie anzuschauen. Jetzt darf sich auch die Generation Y endlich einmal alt fühlen.

Damit bricht der Film mit dem, was sich die Fans der Serie wohl erhofft hatten. Sie sind mit Lolle „groß geworden“, nach dem Serienende 2005 sind sie älter geworden, jetzt in „gefestigteren Verhältnissen“ als es Lolle 2002 mit ihren Aushilfsjobs war und blicken mit Wehmut auf diese Zeit zurück. So geht es zumindest mir, die ich im Zuge des Films auch noch einmal die ersten Folgen der Serie geschaut und mit Entsetzen festgestellt habe, wie weit weg  sich das alles anfühlt. Es gab Klapphandys, der Berliner Hauptbahnhof war noch nicht eröffnet und meine feste Überzeugung, dass sich Mode seit Anfang der 2000er nicht geändert hat, wurde auf den Prüfstand gestellt. Dabei war das doch erst gestern, dass ich mit 14 vor dem Fernseher saß und mich aufregte, dass Lolle sich für Sven und nicht für Alex entscheidet. Wie erwachsen unsere Generation geworden ist, merkt man spätestens, wenn man von einer abgreiferischen Neuauflage einer Jugenderzählung bitter enttäuscht wird.

Das Netteste, das man über den Film sagen kann, ist, dass er belanglos ist. Die Story ist halbseiden, hat Plotlöcher und am Ende die magere Lektion, die schon die Serie immer wieder predigte: „Man braucht keine Männer, um glücklich zu sein.“ Dazwischen wird Lolle von Dana aus nicht plausiblen Gründen mit K.O.-Tropfen betäubt, aus ebenso nicht plausiblen Gründen ein Auto gestohlen und ein Crystal-Meth-Labor im „östlichen West-Harz“ entdeckt. Denn dort, im „östlichen West-Harz“, spielt der Film die meiste Zeit. Was ein wenig zu der Frage führt, warum man ihn nicht “Östlicher West-Harz, östlicher West-Harz – der Film” genannt hat.  Dort fackeln die Protagonistinnen ein Hippie-Dorf ab, während Hart und Sven auf der Suche nach Lolle Bekanntschaft mit einem Bären machen, der Svens Handy frisst. Auf der Suche nach Lolle stellen ihre „Herzensmänner” fest, dass sie, mit mittlerweile auch schon fast 50 Jahren, ganz schön alt geworden sind. Dann geht es, verfolgt von Crystal-Meth-Dealern und wütenden Hippies, irgendwie noch um Geld, bevor am Ende alle von dem unnötigen Roadtrip nach Berlin zurückgekehrt sind und alles wieder gut wird, aber genauso offen bleibt. 

Den einzigen Lichtblick bilden zwei weitere Bekannte aus der Serie. Rosalie, die statt Schauspielerin Gangsterbossin geworden ist, und der neurotische Harald, mittlerweile zum Hippietum konvertiert, sind beide noch genauso verquere Charaktere wie sie es in der Serie waren. Ansonsten bleibt zwischen umweltbewusstem Berlin-Mitte-E-Auto, einer Grafikagentur, die von bösen Amerikanern dann doch nicht gekauft wird und Lolles tickender biologischer Uhr nicht mehr viel Zeit für Tiefe. Tiefe steckt wenn überhaupt in der schwierig zu durchschauenden Story um Dana, deren – ACHTUNG SPOILER – Freund zuerst tot, dann doch nicht tot, dann doch wieder tot ist. Die inneren Kämpfe einer depressiven Frau, die sich für den Tod ihres Freundes und vieles andere verantwortlich fühlt, passen überhaupt nicht zur klamaukigen Atmosphäre des Films und so verunglückt der Schluss dann auch komplett.

Fast wünscht man sich sogar Lolles nervige Mutter zurück, die ihr passiv-aggressive Anweisungen für ihr Leben und – wenn sie schon dabei ist – auch für das Drehbuch dieses Films gibt. Aber auch bei Lolles Eltern ist es wie mit den allermeisten Charakteren aus der Serie in diesem Film: es ist als hätte es sie nie gegeben. Liebe Kulturindustrie, wenn ihr uns schon unsere Jugend zurückverkaufen wollt, dann gebt euch wenigstens mehr Mühe.

 

Photo by Randy Tarampi on Unsplash