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Kategorie: Rezensionen

Selim Özdogan – Wo noch Licht brennt. Oder: Cash rules everything around me

Georg Simmel behauptete [jaja, I’m bildungsbürgering around again] in der „Philosophie des Geldes“ um 1900, es gebe „[f]ür den absoluten Bewegungscharakter der Welt nun […] sicher kein deutlicheres Symbol als das Geld“, denn dieses existiere immer nur, indem es weitergegeben werde. Selbst wenn es gespart werde, werde es gespart mit dem Zweck, später weitergegeben zu werden.

Ein paar Jahrzehnte später zeigt sich der absolute Bewegungscharakter der Welt immer noch am deutlichsten in Bezug auf das Geld, jetzt bewegt sich aber nicht mehr nur das Geld oder der Arbeiter vom Land in die Stadt, jetzt bewegt sich der Arbeiter über Landesgrenzen hinweg dem Geld hinterher: Die Arbeitsmigration ist ein Symptom der durch das Geld bewegten Welt.

Und das Geld und die Arbeit bringen auch Gül, die Hauptfigur aus Selim Özdogans „Wo noch Licht brennt“ nach Deutschland: Ihr Mann Fuat war vor vielen Jahren um Geld zu verdienen aus der Türkei nach Deutschland gegangen, sie war ihm gefolgt, zwischenzeitlich aber in die Türkei zurückgekehrt – davon handeln die ersten beiden Romane („Die Tochter des Schmieds“, „Heimstraße 52“) der Trilogie, deren dritter Band „Wo noch Licht brennt“ ist – und ist mit Beginn des Romans wieder in Deutschland, um in der Nähe ihres Mannes leben zu können, der eben in Deutschland geblieben ist.

Gül und Fuat sind also ein typisches Ehepaar der türkischen Arbeitsmigration: Sie haben ihr Zuhause verlassen, weil das Geld sie zwang, sie haben in einem anderen Land gearbeitet, das nichts dafür getan hat, sie zu integrieren (jahrzehntelang ging man in Deutschland ja davon aus, die aus der Türkei angeworbenen Arbeiter würden wieder zurück in die Türkei gehen), sie haben damit ihren Kindern sozialen Aufstieg finanziert und sie haben einen Preis dafür bezahlt:

„Wir sind als einfache Arbeiter in dieses Land gekommen, denkt Gül, und die Zukunft meiner Enkelin ist hier, wo sie einen ordentlichen Beruf lernt, wo sie nie putzen gehen wird oder Erdbeeren pflücken, bis ihr Rücken schmerzt, und nie in der Nachtschicht arbeiten. Vielleicht hat es sich dafür gelohnt. Wir konnten Ceren ein Studium finanzieren, unsere Zeit in der Fremde hat dazu gedient, dass Duygu und Timur nie hungern werden. Aber auch, dass sie in der Türkei immer Fremde bleiben werden.“ (S. 174)

Die Geschichte von Güls Familie, die die Geschichte sozialen Aufstiegs ist, ist doch auch die Geschichte sozialen Verlustes: Des Verlustes von sozialen Bezügen, von Freunden, Bekannten und Verwandten, die man in der Türkei zurücklassen musste, von sozialen Gewohnheiten und Gepflogenheiten, die man in der Türkei verloren hatte, weil man in Deutschland nicht in die Gesellschaft integriert wurde und gleichzeitig die Veränderungen in der Türkei verpasste. „Wo noch Licht brennt“ erzählt auch davon: Von dem Konflikt zwischen finanziellen und sozialen Bedürfnissen.

Dieser Konflikt ist auch ein Konflikt zwischen Mann und Frau: Für Gül ist Geld an sich nicht wichtig, es ist höchstens als Mittel wichtig, um den Kindern zu helfen, um in die Türkei reisen und telefonieren zu können, um das Erbe des Vaters, ein Sommerhaus in der Türkei, und damit die Erinnerungen an die Kindheit erhalten zu können. Das Geld dient Gül als Mittel, um soziale Beziehungen zu pflegen, aber es hat keinen Wert an sich. Für die männlichen Figuren des Romans ist das anders, insbesondere ihrem Mann Fuat, aber auch anderen männlichen Figuren im Roman schreibt Gül zu, am Geld stärker und anders interessiert zu sein als Frauen – im Hintergrund dürften unausgesprochen Geschlechterrollenbilder stehen, die dem Mann eben die Rolle des auf Geld bezogenen Ernährers, der Frau die der in sozialen Bezügen denkenden Mutter zuschreiben:

„Vielleicht hat Can Unrecht, die Welt trennt sich nicht in Arm und Reich, vielleicht haben Can und Yılmaz gemeinsam Unrecht, weil sie nicht sehen wollen, dass sich die Welt in Mann und Frau teilt. Und die Männer bestimmen, dass die Welt in Reich und Arm unterteilt wird. Die Männer wollen zum Geld, deshalb lassen sie ihr Land, ihre Eltern, ihre Kinder, ihre Heimat, ihre Sprache hinter sich und nehmen ein Leben voller Entbehrungen in Kauf.“ (S. 116)

Immer wieder gerät Gül innerlich in Konflikt mit dem Geldsystem: Das Geld nimmt ihr nicht nur das Zuhause, das Geld nimmt ihr auch den Ort ihrer Kindheit und schließlich sogar die Geschwister, die sich wegen des Erbes des Vaters zerstreiten – ein Erbe, das Gül nur aufgrund der Erinnerungen, die damit verbunden sind, interessiert, nicht aufgrund seines materiellen Wertes.

Geld bewegt sich aber nicht nur selbst und bewegt nicht nur Menschen, sondern es verändert auch die Orte, an denen die Menschen leben: Das Dorf an der türkischen Ägäis-Küste, in dem Gül mit ihrer Familie Urlaub macht, ist einige Jahre später, als Gül und Fuat sich dort eine Wohnung für die Zeit im Ruhestand kaufen, verschwunden: Der Tourismus hat das Dorf Neubaugebieten mit Hochhäusern weichen lassen, das Geld hat die Art des Zusammenlebens völlig verändert, wie Öykü, eine neue Nachbarin, Gül erzählt:

„Der Tourismus hat Geld gebracht, mehr, als man mit beiden Händen und dem eigenen Schweiß auf der Stirn verdienen kann. Jedermanns Augen sind größer geworden als seine Brieftasche, alle hat die Gier erfasst […]. Früher haben wir uns im Dorf gegenseitig beklaut, es gab Streitigkeiten und Fehden, es gab Schlägereien unter den Menschen, aber wir waren ein Dorf. Wie eine Familie. Jetzt ist nicht nur das Dorf auseinandergebrochen […], sondern auch die Familien sind auseinandergebrochen.“ (S. 274)

Um in den Konflikt zwischen sozialen und finanziellen Werten zu geraten, muss man also nicht erst das Land verlassen – verspätet, aber doch bewegt sich das Geld überall hin, es „spricht überall dieselbe Sprache“ (S. 221), und verändert das Zusammenleben der Menschen. Und egal, ob man nun für das Geld sein Land verlässt oder nicht, die Einsicht, dass man nicht nur seine Arbeitskraft, sondern auch seine Lebenszeit verkauft (vgl. S. 197) ist global.

Auch – aber nicht nur – davon erzählt „Wo noch Licht brennt“: Davon, was Menschen gewinnen und verlieren, wenn der materielle Wohlstand relativ gesehen zunimmt. Und der Roman erzählt von Gül, einer Frau, die nicht nur fremd in Deutschland ist und dann auch fremd in ihrem Geburtsort wird, sondern die auch fremd in der Welt des Geldes ist. Und hier ist Gül eine Heldin im Kleinen, die versucht auch dort, wo das ökonomische System bis in das Privateste des Menschen hineingreift, integer zu bleiben und den Menschen höher zu achten als das Geld. Die immer wieder das eigene Denken zu hinterfragen und sich selbst zu überwinden versucht, auch wenn sie ihre kleinen Fehler hat – und die damit eben wirklich eine klassische literarische Heldenfigur ist, gerade dann, wenn die Erzählweise des Romans (dazu übermorgen im Blogbeitrag von Teesalon vermutlich mehr) mit ihren Vorausdeutungen so an die Erzählweise antiker Epik erinnert. Güls Kämpfe finden nur eben nicht auf einem Schlachtfeld statt wie im klassischen Drama oder Epos, sondern im Alltag.

Und eine Heldin, die trotz ihren Bemühungen nicht verhindern kann, auch zu scheitern, auch Leiden weiterzugeben – sie wirft sich vor, ihre Tochter allein in der Türkei zurückgelassen zu haben, als sie das erste Mal nach Deutschland ging, es gelingt ihr nicht, ihren Mann zu verstehen, und beides – das Fehlen eines Elternteils, das Unglück in der Ehe, findet sie als Muster in allen Generationen der Familie.

Denn am Ende bewegt sich nicht nur Geld, sondern mit ihm und unabhängig von ihm auch Leid. In Thornton Wilders „Der achte Schöpfungstag“ heißt es einmal, Leiden sei wie Geld, es werde immer von dem, der es erhält, auch weitergegeben. Gül hätte vielleicht über diese Aussage nachdenken können, wenn sie nicht eine fiktive Figur wäre. Eine fiktive Figur aus einem Roman, den ich sehr gerne gelesen habe und dem ich viele Leser wünsche.

Dieser Beitrag steht im Zusammenhang einer Blogtour von Literaturschock.de zu “Wo noch Licht brennt”:

Gestern erschien bereits bei Bücherstadtkurier ein Interview mit Selim Özdogan zu dem Roman.
Zudem erschien bereits eine Rezension auf dem Blog Schreibtrieb, auf diesem Blog wird zudem morgen ein Beitrag über das Sehnsuchtsmotiv in dem Roman erscheinen.
Übermorgen folgt ein Beitrag auf Teesalon zur Erzählweise des Romans.
Am letzten Tag der Blogtour kommt noch ein zweites Interview auf Literaturschock.de, natürlich mit anderen Fragen.

(Den Roman habe ich im Rahmen der Blogtour als Leseexemplar vom Haymon Verlag zur Verfügung gestellt bekommen. Vielen Dank dafür!)

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Simon Strauß – Sieben Nächte

Sobald die Tage länger und wärmer werden, kann man überall – leider auch in Zügen, wo ein Entkommen besonders schwierig ist – ein besonders nerviges Naturschauspiel beobachten: Kleine Gruppen von jungen Männern oder Frauen ziehen sich alberne Sachen an, betrinken sich sehr und gehen in der Gruppe anderen, völlig unbeteiligten Leuten auf die Nerven. Es handelt sich natürlich um: Jungesell/innenabschiede. Kaum eine Hochzeit kommt ohne sie aus, denn bevor man in den Hafen der Ehe einschippert und also ein geregeltes Leben führt, möchte man die Regel noch einmal so richtig überschreiten. Das ist natürlich Unsinn: Schon die Verletzung der Norm, also der Jungesell/innenabschied, ist selbst so normiert, dass er gar keine Norm verletzten kann, sondern die Norm nur bestätigt. Vor der Hochzeit hat man – so will es die gesellschaftliche Norm – sich in der Gruppe zu betrinken, fremden Leuten Kondome und Schnäpschen zu verkaufen und am Ende im Stripclub zu landen. Selbst der Exzess, selbst der Ausbruch aus der Norm ist normiert.

Und genau dasselbe gilt für „Sieben Nächte“ von Simon Strauß: Es ist ein Buch wie ein Junggesellenabschied. In diesem „Manifest“ und „Generationenroman“, wie dieser Roman ja schon euphorisch bezeichnet wurde, will ein junger Mann an der „Schwelle zum Erwachsenenleben“, also vor seinem 30. Geburtstag, bevor sein Leben in geregelte Bahnen gebracht werden wird, „den festgelegten Ablauf noch einmal durchbrechen“ (S. 20), oder wie es dann am Ende des Buches plötzlich heißt: eine „Reifeprüfung“ bestehen. Es wird zwar nirgends zuvor mal deutlich, dass es sich um „Prüfungen“ handeln soll, es erschließt sich auch nicht so recht, wie mit dem Kram, den der Erzähler da so macht, irgendeine Reife geprüft werden oder entstehen soll, die Idee wirkt seltsam brüchig, so als hätte man die Idee der „Prüfung“ am Ende irgendwie dem ganzen aufgesetzt, ohne dann noch einmal zu schauen, ob das überhaupt zum Rest passt. Aber was soll’s.

Dass es sich um einen Generationenroman handeln soll, wie wohl der Autor, der Verlag und mehrere Literaturkritiker meinen, ist natürlich Blödsinn: Nur jemand, der wirklich noch nie über den Tellerrand des eigenen akademischen Milieus geblickt hat, kann glauben, dass eine ganze „Generation“ erst mit 30 auf der Schwelle zum Erwachsenenleben steht und dass das Problem dieser ganzen Generation zu viel Sicherheit ist. Ein großer Teil dieser Generation – wie im Buch ja aber deutlich wird, ist dieser Teil der Menschheit ja ohnehin berechtigterweise einfach als Arbeitssklave zu betrachten, der halt den Preis dafür zahlen muss, dass so schöne, kluge Bücher wie dieses hier geschrieben werden können (vgl. S. 93) – ist mit 30 schon seit Jahren mit der Lehre oder Ausbildung fertig und im Beruf, auch die Absolventen von G8 und Bachelor-Studium sind seit Jahren im Beruf, viele haben schon Kinder, und ein gar nicht unerheblicher Teil hat weder berufliche Sicherheit noch ist er dieser überdrüssig. Ein Buch wie „Sieben Nächte“ kann nur jemand schreiben und jemand als Generationenroman sehen, der aus einem Milieu stammt, dass es sich leisten kann, lange zu studieren, und einen Beruf in dem Wissen anfängt, ohnehin durchzukommen, weswegen er eigentlich nur die Freiheit, die man ja hat, einschränkt, nicht diese überhaupt erst ermöglicht, wie es bei Menschen außerhalb dieses Milieus der Fall ist. Es ist ein Milieuroman, kein Generationenroman, und das Milieu, aus dem er kommt, hat den Kontakt zur Realität außerhalb des eigenen Milieus anscheinend weitgehend verloren.

Aber sei’s drum: Jedenfalls geht der Erzähler um seines wilden Aufbäumens willen einen Pakt mit einem Bekannten ein: Er muss in sieben Nächsten jeweils die sieben Todsünden durchleben und danach dazu jeweils sieben Seiten aufschreiben. Und was macht er dann total Wildes, Exzessives, um „den festgelegten Ablauf noch einmal zu durchbrechen“? Erst springt er an einem Sicherheitsseil von einem Hochhaus, dann isst er viel Fleisch, dann bleibt er einfach mal zuhause, besucht ein Pferderennen, schmollt in der Universitätsbibliothek, besucht maskiert eine Swingerparty und fährt dann beleidigt im Auto eines Freundes mit. Um das also noch einmal zu paraphrasieren: Er besucht erst ein Jochen-Schweizer-Event, isst dann viel Fleisch, um ein Mann zu werden (S. 51) – eine Idee, die so normiert ist, dass man sie in Form des Magazins BEEF an jedem Bahnhofskiosk kaufen kann – tut dann mal nichts und sich dabei sehr leid, besucht völlig reguläre Veranstaltungen mit völlig geregeltem Ablauf (Pferderennen, Swingerpartys der Oberschicht), und das sollen die sieben Todsünden sein. Nirgends wird eine Norm überschritten, nirgends geht der Erzähler auch nur ernsthaft ein Risiko ein, alles passiert mit Sicherheitsschnur oder Maske, damit auch ja nichts von dem, was passiert, irgendeine Folge haben könnte. Und so ist es ja dann auch kein Wunder, dass der Erzähler am Ende keine Veränderung bewirken konnte (vgl. S. 134) – wie soll er denn auch, wenn der Autor ihn so bumslangweilige Sachen machen lässt? Wenn das ein Generationenroman wäre, wäre das doch ein sehr trauriges Zeugnis für eine Generation, der nicht einmal mehr einfällt, wie man eine Norm eigentlich überschreiten könnte. Es ist eben – wie bereits geschrieben – ein Roman wie ein Jungesellenabschied. Man möchte ein bisschen Exzess, sich ein bisschen besaufen, damit man sein Leben lang erzählen kann, wie man da aber mal einen drauf gemacht hat – in Wahrheit macht man aber nur das, was alle machen, hat dieselben Geschichten zu erzählen, die alle erzählen, weil einem nicht einmal einfällt, wie das gehen könnte: Mal richtig die Sau rauslassen. Wenn jedenfalls keine fünfzig Euro beim Galopprennen verwetten schon eine Todsünde sein soll, dürfte der Erzähler tatsächlich die langweiligste Figur der jüngsten Literaturgeschichte sein. Man möchte sich gar nicht ausmalen, was einer solchen Figur erst einfiele, wenn sie in die Midlife-Crisis käme – vermutlich so etwas Außergewöhnliches wie: Sich ein Motorrad kaufen und eine Affäre mit einer jüngeren Frau anfangen.

Zumindest sollte man diesen Roman nicht in der Erwartungshaltung lesen, dass hier tatsächlich irgendwie der Versuch unternommen würde, irgendwie mal auch nur vorübergehend aus der Norm auszubrechen. Man sollte es aber auch nicht in der Erwartung lesen, man bekäme hier schöne, poetische Sätze zu lesen. Vielmehr ist das Buch sprachlich merkwürdig uneinheitlich – die ersten zwei Kapitel sind schwülstig, danach wird die Sprache erträglicher, ohne dass ich irgendein Konzept dahinter erkennen könnte, irgendeine Wandlung in der Figur des Erzählers, die diese sprachliche Entwicklung zum poetischen Mittel machen würde. Darüber hinaus ist es aber halt auch sprachlich einfach nicht gut gemacht, gerade am Anfang nicht.

Zum einen ist es fürchterlich geschwätzig. Der Autor hat sich eben nicht eine Formulierung überlegt, mit der er etwas ausdrücken möchte, vielmehr hat er halt einfach mal alles aufgeschrieben, was ihm so eingefallen ist, damit irgendwie alles in allem rüberkommt, was er so meint. Und so sind dann wohl Sätze wie diese entstanden: „Wie mich diese Welt braucht. Wie sehr sie mich nötig hat. Jetzt. Heute. Hier. Nicht morgen. Nicht irgendwann, sondern jetzt.“ (S. 27). Oder: „Habe ich mich eben noch groß und bedeutend gefühlt, bin ich jetzt kleiner als klein. Ein Nichts, ein Niemand.“ (S. 22) Man hatte ja schon bei der ersten Formulierung erfasst, worum es geht, und die synonymen Wiederholungen sind weder ästhetisch besonders ansprechend, noch inhaltlich zielführend, sondern schlicht: geschwätzig.

In diese Kategorie fallen dann auch die völlig überflüssigen, eigentlich nur die Belesenheit des Autors belegenden Zitatwolken:

„Ich schleiche nach Hause. Wieder ein Tag ohne Tat. Und wieder nur Träume von Verschwörung, Geheimbund und Heldentum. In Schillers Fiesco wird gewarnt, dass ‚unsere besten Keime zu Großem und Gutem unter dem Druck des bürgerlichen Lebens begraben sind.‘ In Bruckners ‚Krankheit der Jugend‘ sagt Desiree: „Entweder man verbürgerlicht oder man begeht Selbstmord.‘“ (S. 36)

Ist das jetzt Poesie, wenn man zu einem Schlagwort mal einfach Zitate aneinanderreiht, die Dinge sagen, die man selbst auch hätte sagen können? Die Zitate werden ja in diesem Roman nicht funktionalisiert, sie stehen einfach im Text. Es gibt andere Zitate, die in die eigene Sprache eingewoben wurden, die damit tatsächlich poetisch sind. Aber alle paar Seiten stehen da auch einfach schlicht schlaue Zitate dazwischen, als hätte der Autor am Ende mal auf aphorismen.de nach passenden Zitaten, die man noch dazwischenkleistern könnte, um schlau zu wirken, gesucht. Mein liebstes Beispiel, das für diese Deutung spricht, ist ja dieses:

„Früher war das Haus der Inbegriff des Arbeitsplatzes – Ökonomie heißt ja nichts anderes als das Gesetz des Hauses.“ (S. 59f.)

Endlich erklärt das dem Leser mal einer! Wirklich, sehr schön, sehr poetisch. So poetisch wie eine Vorlesung zum Thema „Fremdwort und Lehnwort“.

Und bei manchen Wörtern, die der Autor verwendet, wie „schleichen“, „schlurfen“, „unwirsch“ „schlohweiß“ und „milchweiß“ fragt man sich ja auch unweigerlich: Ach, die gibt’s noch, die darf man jetzt wieder verwenden, ohne sich den Vorwurf gefallen zu lassen, die eigene Sprache sei irgendwie abgedroschen? Auf S. 41 weicht dann „ein Blusenkleid“ aus, auf S. 19 liest sich der Roman so altbacken wie der Schreibversuch eines 16-jährigen, der versucht, in seinem Tagebuch große Literatur zu schreiben:

„Sie [gemeint ist die Angst] kann machen, dass ich in einer Nacht wie dieser plötzlich vom Tisch aufstehe und auf den Balkon gehe, schüchtern erst, mit unsicherem Gang. Der Regen ist stärker geworden, die Äste der Kastanie knacken im Wind. Oben auf dem Dach sitzen ein paar Krähen und schauen spöttisch auf sie herab: Keine Haltung, diese Äste, immer nur ein schwaches Fähnlein im Wind.“ (S. 19f.)

Man fragt sich, ob der Lektor dachte, dass das passt: Äste als Fahnen. Spöttische Krähen. Schüchternes auf den Balkon gehen nach plötzlichem Aufstehen. Oder das Bild zum verschütteten Wein: „der Traubensaft [Hallihallo, „Traubensaft“ ist übrigens kein Synonym für „Wein“, auch wenn es hier als solches verwendet wird. Hätte man ja merken können.] rinnt die Finger runter wie warme Sonnenmilch [wirklich, Wein rinnt wie Sonnenmilch? Das ist dann aber ein besonders dickflüssiger Wein.].“ (S. 44) Man fragt sich auch, ob der Lektor dachte, das passt, wenn der Erzähler auf die Trabrennbahn geht (so im „Glossar“), dort dann aber Galopprennen stattfinden. Man fragt sich, ob der Lektor dachte, das passt, wenn da steht: „Ich werde dort Weintrauben und Rosmarin wachsen lassen und kleine Wasserkübel im Boden installieren.“ (S. 31f.), und nicht etwa „Weinreben/Weinstöcke wachsen lassen“. Sowas hätte doch auffallen müssen.

Man fragt sich auch, ob der Autor wirklich dachte, das hier wäre ein stimmiger, klingender Satz, nicht einfach ein Hybrid aus 19. Jahrhundert und Umgangssprache: „Und die Furcht vor dem unfertigen Ausdruck macht uns die Herzen kaputt.“ (S. 31) Wirklich, sie „macht kaputt“? Und man fragt sich vor allem, wie so viele Leser und Kritiker diese Sprache poetisch finden können. Vielleicht liegt es ja aber auch daran, dass manche Stellen klingen wie ein Songtext von Casper oder wie ein Kalenderspruch, etwa: „Vor der trockenen Sicherheit, dem Kniefall vor der Konvention. Nie geschrien zu haben, immer nur kleinlaut geblieben zu sein, davor fürchte ich mich.“ (S. 13). Ja, ich finde das auch ein bisschen beängstigend, wenn man die Angst vor der Konvention als Dichter nur so konventionell zum Ausdruck bringen kann. Und wenn ich mich fragen muss, ob der Erzähler sich eigentlich über eine Seite hinweg den eigenen Gedankengang merken kann, wenn er auf S. 93 noch die Arbeiter verachtet („Um die Mehrheit ging es noch nie, die hat immer schon geackert und geschuftet, damit die wenigen herrschen, malen und dichten konnten.“), sich dann aber schon auf S. 94 selbst als Arbeiter sieht: „Wir arbeiten und entspannen mit der Stechuhr im Rücken – das ist unsere Lage.“ Die herrschende, malende und dichtende Minderheit mit Stechuhr im Rücken. Ach so.

Da sind einfach wirklich zu viele Patzer passiert, was das Lektorat da gemacht hat, ob da überhaupt am Ende nochmal jemand drübergelesen hat, um zu schauen, ob der Roman konsistent ist – ich weiß es nicht. Die Sprache ist emphatisch, aber weder schön noch fehlerfrei (Fehler könnten poetisch sein – hier sind sie es nicht). Der ganzen Konzeption des Romans fehlt es an Mut und Ideen. Der ganze Roman hat das Pathos von Hasenclevers „Der Sohn“, leider aber eben auch nur das Pathos, sonst nichts. Schade drum.

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Tijan Sila – Tierchen unlimited

Tijan Sila macht es mit seinem Debütroman „Tierchen unlimited“ der Leserschaft nicht ganz leicht. Er lässt seinen Erzähler im Teenageralter wegen des Bosnienkrieges aus Sarajevo nach Deutschland fliehen, wo er in Hassloch (wie gut dieser Name ist!) in der Pfalz und später in Heidelberg mit allerlei Problemen zu kämpfen hat. Das alles wird nicht chronologisch erzählt, sondern eher anekdotenhaft-assoziativ, es gibt keine Entwicklung des Protagonisten, dieser wurstelt sich viel mehr einfach immer irgendwie durch, und dann ist das Buch auch noch irgendwie witzig – also, wirklich „irgendwie“, denn das ist zum einen verstörend und zum anderen finde ich Bücher nie witzig, bei mir funktioniert Humor in Büchern einfach nicht, weil ich nämlich gar keinen Humor habe. Aber hier habe ich gelacht. Und mich gleich ein bisschen geschämt, denn: Das ist ja sog. „Migrationsliteratur“, da muss man traurig und betroffen sein, darf man da lachen?

Das Absurde und die Farce

Man muss es sogar, vor allem wenn das Lachen verstörend und nicht erleichternd ist, denn 2017 ist es wirklich allerhöchste Zeit, endlich damit aufzuhören, alle Autoren, die irgendwie biografisch selbst einen sog. Migrationshintergrund haben und dann auch noch irgendwelche Figuren migrieren lassen, in ein- und dieselbe Schublade zu packen, die man dann mitleidig-betroffen anschielt. Und „Tierchen unlimited“ ist deswegen so super, weil es alles kaputt macht: Betroffenheit, Schubladen, „Migrationsliteratur“. Und damit macht es das Buch dem Leser schwer, der erst Mal nicht weiß, was er mit diesem Schlamassel, dass das Buch so anrichtet, anfangen soll.

Dabei wird vermutlich nicht jeder den Humor des Romans lustig finden, weil der Roman natürlich eigentlich weder witzig noch lustig und vor allem – auch das macht es dem Leser schwer – nicht ironisch ist. Ironie könnte man ja noch verorten. Aber der Humor in „Tierchen unlimited“ ist eher grotesk und absurd. Und das zu Recht. Der Medien- und Kommunikationswissenschaftler Vilém Flusser, der als Jude vor den Nationalsozialisten fliehen musste, schreibt in seiner Autobiographie „Bodenlos“:

„Das Wort ‚absurd‘ bedeutet ursprünglich ‚bodenlos‘, im Sinne von ‚ohne Wurzel‘. Etwa wie eine Pflanze bodenlos ist, wenn man sie pflückt, um sie in eine Vase zu stellen. Blumen auf dem Frühstückstisch sind Beispiele absurden Lebens.“ (S. 9)

(Bitte jetzt keine Debatte um etymologische Wahrheiten, hier geht es um poetische Wahrheit, ihr Schlauschlümpfe.)

Der Verlust der „Heimat“ führt für Flusser zu einer absurden Existenz – und genauso absurd wird die Existenz des Erzählers in „Tierchen unlimited“, allerdings eben nicht erst mit der Flucht, sondern bereits in Sarajevo. „Heimat“ wäre ja missverstanden, wollte man darunter einfach nur einen Ort verstehen, Heimat geht schon dann verloren, wenn der Ort, der Heimat war, keine mehr ist, weil man dort nicht mehr sicher ist, wenn das, was vertraut war, eben entfremdet ist. Schon in Sarajevo wird das Leben absurd, wenn der Erzähler sich, während die Stadt beschossen wird, verstecken muss und dabei weniger Angst um sein Leben als vor der Bestrafung durch die Mutter hat. Das Alltägliche – das Zusammenleben mit der Mutter – wird aus dem Alltag herausgerissen, weil der Alltag selbst nicht mehr existiert, und so entsteht eine absurde Spannung zwischen dem Alltäglichen im Nicht-Alltäglichen. Sila bringt das ja auch in einem Bild auf den Punkt, das mit gutem Grund für den Titel des Romans Pate gestanden hat und das etwas weniger beschaulich ist als das Bild der Blumen auf dem Frühstückstisch:

„Die Eichhörnchen erklommen ihre Gipfel auf der Suche nach Füllmaterial für ihre Nester. Es gab nicht genug Bäume, in denen sie nisten konnten, und daher zu wenig Laub. Sie schliefen in der Kanalisation. Wir beobachteten, wie vier Eichhörnchen den Kadaver einer Katze in Stücke rissen und die Fleischfetzen davontrugen. Das war so furchtbar. Eichhörnchen hatten uns enttäuscht. Sie waren nicht mehr unsere putzigen roten Freunde. Sie waren Ratten in Bomberjacken. Menschen wachen in Sarajevo jeden Morgen mit dem Gedanken auf: ‚Lieber Gott, lass mich heute nicht sterben. Ich bin zu jung. Ich habe Besseres verdient.‘ Aber Tierchen haben keine Vorstellung vom Tod. In ihren Schädeln schwappt die Mischung aus Jetzt und Ewigkeit hin und her. Und kleine Gedanken wie: ‚Gnarf, Gnarf, geiler Katzenkadaver.‘“ (S. 27f.)

Der Verlust der Bäume und damit der Nester führt dazu, dass Eichhörnchen absurde Existenzen führen, sie leben als Ratten in der Kanalisation, sie sind von ihrer eigentlichen Lebensweise entfremdet. Und zu genau so einem Tierchen in Bomberjacke wird der Erzähler durch den Krieg, dann verstärkt noch einmal durch die Flucht nach Deutschland, die er für einen „Gehirnfurz“ (S. 155) seiner Eltern hält – wie ein Tierchen glaubt der Erzähler nicht, dass er in diesem Krieg sterben könnte, obwohl er zahlreiche Leichen gesehen hat, in seinem Kopf gibt es auch nur eine Mischung aus Jetzt und Ewigkeit und vielleicht noch Gedanken wie „Computerspiele“ oder „Comics“. Und diesen Zustand verlässt der Erzähler auch nicht mehr, er entwickelt sich einfach nicht weiter: Die Objekte seiner Begierde verändern sich, irgendwann werden teure Kleidung, eine Rolex und schöne Wohnungen interessant, zuvor weckt die Pubertät aber sein Interesse an Mädchen. Und er hat permanent das Gefühl, für alles, das er tut, schulde das Leben ihm einen Lohn, weswegen er sich in Sarajevo genauso wie in Deutschland eben das nimmt, was er möchte oder braucht. Der Tunnel, durch den er mit seiner Familie flieht, ist eben hier kein Symbol der Wiedergeburt, wie das in anderen literarischen Werken der Fall ist (z.B. im Herzog Ernst B, ja, Hallo, ich habe auch Mediävistik studiert, und ich habe meinen Studienabschluss schließlich nur gemacht, um im Internet schlau daherzureden), auch dieses Symbol wird also kaputtgemacht – die Migration steht eben nicht im Zentrum, weil sie letztlich gar nicht so viel an oder in der Figur verändert.

Und deswegen gibt es in diesem Roman keine Dramaturgie und keine Entwicklung. Und deswegen hat dieser Roman auch eben keine chronologische Struktur, sondern es werden assoziativ Anekdoten aneinandergereiht. Das ist nur konsequent, denn alles wiederholt sich und wird dabei nur noch immer absurder: Der Erzähler flieht ja nicht nur in Sarajevo, um sich vor Angriffen entweder feindlicher Soldaten oder der Nachbarskinder zu verstecken, er flieht ja nicht nur aus Sarajevo, um dem Krieg zu entkommen, er flieht ja auch in Deutschland permanent: Vor Neonazi-Brüdern, mit deren Schwestern er (vielleicht) geschlafen hat, vor Rechtsanwalt-Vätern, mit deren Töchtern er geschlafen hat, vor dem Alzheimer seiner Eltern, vor der Freundin des Rechtsanwaltes, bei dem er eingebrochen ist. Und immer trifft er dabei auf tote Neonazis: In Sarajevo, in Deutschland, überall. Der Erzähler führt eine absurde Existenz, man hat nicht den Eindruck, dass er einen Plan für sein Leben entwirft, vielmehr wurstelt er sich so durch, und Sila erzählt darauf auf eine groteske Art und Weise, die oft wirklich lustig ist, aber auf eine eher verstörende Art. Und wie sollte er auch sonst von einem Krieg, den der Erzähler an einer Stelle als „Genozid“ (S. 120) bezeichnet, und seinen Folgen erzählen? Tragisch? Dürrenmatt, der seine Theorie der Groteske und der Komödie vor dem Hintergrund des durch den deutschen Nationalsozialismus verübten Genozids entwickelt hat, würde das vermutlich verneinen (ich konnte ihn aber leider nicht anrufen und fragen):

„Die Tragödie setzt Schuld, Not, Maß, Übersicht, Verantwortung voraus. In der Wurstelei unseres Jahrhunderts, in diesem Kehraus der weißen Rasse, gibt es keine Schuldigen und auch keine Verantwortlichen mehr. […] Uns kommt nur noch die Komödie bei. Unsere Welt hat ebenso zur Groteske geführt wie zur Atombombe […].“

Der Erzähler ist nicht schuld an seiner Situation, und der Erzähler kann sein Leben nur als groteske Komödie erzählen. Und wie in den Komödien Dürrenmatts, in denen oft Figuren entindividualisierte Typen sind, die eben nur für eine bestimmte Funktion – den Polizisten, den Bürgermeister, etc. – stehen, wirken in „Tierchen unlimited“ die Figuren ebenfalls ein Stück weit entindividualisiert. Alle Mädchen haben tote Brüder, die Neonazis waren. Alle reichen Familien scheinen irgendwelche Verbindungen zur RAF zu haben. Alle handlungstragenden Figuren mit Migrationshintergrund sind irgendwie kriminell. Sila spielt mit Klischees, überzieht diese aber völlig und lässt eben dadurch die Handlung grotesk wirken.

Zudem entzieht er damit seine Figuren jeder politischen oder emotionalen Vereinnahmung. Der Erzähler, Sarah, sogar Šemso wirken irgendwie auf eine merkwürdige Art und Weise sympathisch, sind es dabei aber gleichzeitig so wenig – der Erzähler stiehlt, Sarah ist recht brutal, Šemso ist ein Nazi – dass man sich mit keiner Figur identifiziert. Und die Figur des Erzählers entzieht sich jedem politischen Klischee: Er ist weder einfach der bemitleidenswerte, „gute“ Geflüchtete, denn er hat ein recht ordentliches Maß an krimineller Energie, noch ist er eben der „böse“ Geflüchtete, denn zum einen ist es drollig, wie er nebenbei auch Torte stiehlt, und zum anderen rührt die kriminelle Energie ja vor allem doch auch aus einem Kriegstrauma.

So oder so: Indem Sila seinen Erzähler gegen Identifikation, politische Einordnung und Entwicklung wappnet und dann auch noch so absurd erzählt, verwirrt er den Leser ganz ordentlich. Und dann bricht er auch noch die Gattung.

Die Bomberjacke und die 90er

Denn „Tierchen unlimited“ ist ja eben nicht einfach ein Stück sog. „Migrationsliteratur“. Es ist gleichzeitig ein Poproman, wir sind hier mitten in der Popkultur der 90er: Es gibt große Computer mit vielen Kabeln und Disketten, es gibt Computerspiele, Comics und Latzhosen, die Christen tragen, um sich als normal zu tarnen. Und vor allem gibt es: Bomberjacken. Die tragen schon die Eichhörnchen, die tragen die Nazis, und die trägt auch der Erzähler, aber eher zufällig. Wenn „Faserland“ von Kracht das Buch der Barbourjacke ist, ist „Tierchen unlimited“ das Buch der Bomberjacke. Und das ist so ja auch sehr stimmig:

Beides sind typische Jacken der 90er (wenn auch die Barbourjacke natürlich „zeitlos“ ist und daher überlebt hat und die Bomberjacke gerade ein Revival feiert). In den 90ern war sowas eben wirklich wichtig: Barbourjacken haben die reichen Schnösel getragen – nicht umsonst trägt auch in „Tierchen unlimited“ die Freundin eines Rechtsanwaltes eine Barbourjacke – Bomberjacken haben Skins, Neonazis und Punks getragen, wenn diese gerade keine Lederjacke getragen haben. Ich weiß ja nicht, wie das heute in der Jugendkultur so ist, aber in den 90ern, als es noch kein Internet gab und alles furchtbar langweilig war, da gab es eben wirklich an einem optischen Erscheinungsbild unterscheidbare Jugendkulturen, die sich auch wirklich gegenseitig recht aggressiv gegenüber standen, was aber nicht bedeutete, dass die Grenzen nicht trotzdem fließend sein konnten. So grotesk überzeichnet „Tierchen unlimited“ hier auch ist, völlig aus der Luft gegriffen ist es nicht: Es gab nun mal in den 90ern eine gar nicht so kleine Neonazi-Szene, und damals trugen die wirklich noch Bomberjacken und Springerstiefel, nicht Seitenscheitel und Hemd wie heute. Dass es in den 90ern – ähnlich wie heute übrigens – vermutlich ganze Landstriche gegeben hat, wo es halt einfach verdammt viele Nazis gab, ist ja nun auch nicht eben unrealistisch.

Und so, wie die Eichhörnchen eben durch den Verlust ihrer Nester zu Ratten in Bomberjacken werden, rutscht der Erzähler in eine absurde Durchwurstelexistenz und trägt eine Bomberjacke, weil er diese mal irgendwem geklaut und dann eben Jahre lang getragen hat. So einfach ist das.

Brüllen, zertrümmern und weg

Sila macht mit „Tierchen unlimited“ also irgendwie alles kaputt, was man kaputt machen kann: Der Humor ist absurd, grotesk, lustig und trotzdem verstörend. Der Roman entzieht sich der Schublade „Migrationsliteratur“, ist aber auch nicht einfach ein Poproman. Die Figuren passen in kein politisches Weltbild, sie sind sympathisch und gleichzeitig auch nicht, zumindest verweigern sie jede Identifikation. Das Ende schließt keine Handlung ab, es gibt keine Entwicklung und also keine Dramaturgie, sondern nur Assoziation. Und mit all dem muss der Leser irgendwie umgehen, und irgendwie steht man am Ende etwas verlassen da. Das fand ich aber nicht so schlimm, denn ich habe „Tierchen unlimited“ gern gelesen. Ich habe gelacht und war dabei ein bisschen verstört.

Vielleicht bin ich durch das Buch aber auch einfach verrückt geworden.

Jedenfalls möchte ich jetzt gerne eine Ente heiraten (S. 129).

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Glanz und Schatten – Michael Fehr

michael fehr glanz und schattenMit Erzählungen ist der schmale Band des Schweizer Verlages Der gesunde Menschenversand untertitelt. Beim Durchblättern fällt aber sofort der Satzspiegel ins Auge, der vielmehr Gedichte als Erzählungen vermuten lässt, tatsächlich sind die Texte wohl beides. Michael Fehr sieht so schlecht, dass er nicht schreibt, sondern spricht. Seine Lesungen sind dementsprechend eindrückliche Ereignisse, bei denen ein geheimnisvoller Mann mit geschlossenen Augen, zerbrechlich und in sich versunken, mit Kopfhörern seine Texte vor dem Rezitieren nachhört, sie also sich selbst nachspricht.

Der berühmteste Lyrik-Spruch, Musst Du laut lesen, sollte hier unbedingt einmal ausprobiert werden, bevor man dem dies Sagenden vor das Schienbein tritt. Michael Fehr arbeitet vor allem mit Wiederholungen, Variationen und die Parallele zur Fuge – vgl. Todesfuge von Celan – ist offensichtlich und glänzend umgesetzt. Seine Erzählungen daher viel poetischer, wirkmächtiger, eindringlicher als normale Prosa. Inhaltich sind sie meist eine Mischung aus Parabel und Fabel, Tiere sprechen, Menschen sind und bleiben allein oder fallen nach einem scheinbar rauschhaft-erfolgreichem Leben auf sich selbst zurück.

Die Kunst Fehrs ist selbstverständlich nicht unbeachtet geblieben, beim Bachmannpreis gewann er 2014 den Kelag-Preis, zweimal bereits den Literaturpreis des Kantons Bern. Weil aber seine Texte Aufmerksamkeit und Geduld erfordern, die die Wenigsten aufzubringen bereit sind, fliegt er trotzdem in Deutschland unter dem Radar. Wer jedoch Lust auf Kunst mit Sprache und Kunst aus Sprache hat, sollte zu Glanz und Schatten greifen und erleben was in der deutschsprachigen Literatur geschieht und mit der deutschen Sprache möglich ist.

“Er redet glänzend”
reden die Leute und schwatzen
“Ich sehe mies”
redet er zwischen sie hinein
“Er redet gut”
reden die Leute
strecken ihm glänzenden Fisch hin

In die Arbeitsweise Michael Fehrs führt das folgende Video ein. Sollte man die Gelegenheit haben eine Lesung von ihm in der Nähe veranstaltet zu wissen, sollte diese auch besucht werden. Schwizerdütsch sollte man sowieso viel mehr hören.

Zur Rezension von Jochen Kienbaum zu Michael Fehrs Krimi Simeliberg hier entlang.

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B. Traven – Der Caoba Zyklus

Blogbuster-Autor Torsten Seifert schreibt in seinem Roman „Der Schatten des Unsichtbaren“ über die Suche nach dem mysteriösen Schriftsteller B. Traven. Aus dem umfangreichen Werk des Bestseller-Autors empfiehlt er vor allem den sechsteiligen Caoba-Zyklus:

  • „Der Karren“
  • „Regierung“
  • „Der Marsch ins Reich der Caoba“
  • „Die Troza“
  • „Die Rebellion der Gehenkten“
  • „Ein General kommt aus dem Dschungel“

Das Werk einer Dekade

Es war im Jahr 1930, als Kurt Tucholsky den Schriftsteller B. Traven in einem Weltbühne-Artikel als aufsehenerregendes Phänomen bezeichnete – und das, obwohl er ihm die eigentlichen literarischen und sprachlichen Qualitäten absprach. Die Gesamtauflage des geheimnisvollen Autors, um dessen Identität sich die wildesten Gerüchte rankten, steuerte damals bereits auf die erste Million zu. In dieser Phase erschienen in kurzer Folge seine neuen Romane „Der Karren“ und „Regierung“ (beide 1931). Sie bildeten den Anfang eines sechsteiligen Zyklus über die Zwangsarbeit der Indios in den Mahagoni-Lagern sowie über die mexikanische Revolution von 1910. Der Zyklus wurde zum Mittelpunkt von Travens Schaffen in den Dreißigerjahren. Während die ersten beiden Bände von der Büchergilde Gutenberg noch in Deutschland veröffentlicht werden konnten, erschienen „Der Marsch ins Reich der Caoba“ (1933), „Die Troza“ (1936) und „Die Rebellion der Gehenkten“ (1936) bereits aus dem Züricher Büchergilde-Exil. Der abschließende Roman „Ein General kommt aus dem Dschungel“ (1940) wurde zuerst in Amsterdam veröffentlicht.

Literarischer Sprengstoff gegen das Naziregime

Traven hatte seine Anklage von sozialer Ungerechtigkeit, Profitgier und Willkür so angelegt, dass die Analogien zur damaligen welthistorischen Situation schwer zu übersehen waren. Das blieb auch den Zensoren des Hitler-Regimes nicht verborgen, die bereits den zweiten Roman „Regierung“ auf ihre Verbotsliste setzten.

Worum geht es? Mexiko zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die indianische Bevölkerung ist entrechtet und wird unterdrückt. In den Holzfällerlagern, den berüchtigten Monterias im Dschungel von Chiapas, schuften Indios unter menschenunwürdigen Bedingungen, um den Hunger der reichen Nationen nach edlem Holz zu stillen. Ein perfides Schuldensystem, aus dem die Holzfäller sich mit ehrlicher Arbeit unmöglich befreien können, macht sie praktisch zu Sklaven der Großgrundbesitzer.

Eine der Hauptfiguren ist Andres. Im Alter von 11 Jahren war er Leibeigner des Kaufmanns Don Leonardo geworden. Neben der Tätigkeit im Laden gewährt ihm sein Gutsherr den abendlichen Schulbesuch. Doch nach vier Jahren verliert Don Leonardo seinen Burschen beim Glücksspiel an Don Laureano, dem er von da an als Fuhrknecht dient. Als 18jähriger entscheidet sich Andres, in die Monteria zu gehen, um die Schulden seines alten Vaters abzuarbeiten. Ein ähnliches Schicksal hat Candido ereilt, den ebenfalls hohe Schulden drücken. Anders ist die Lage bei Celso, der gerade erst dem Holzfällerlager entkommen ist. Auf dem Weg in sein Dorf, wo er endlich sein Mädchen heiraten wollte, die zwei Jahre lang auf ihn gewartet hatte, wird er Opfer von Schergen der Monterias. Sie verwickeln ihn in eine Schlägerei und sorgen für seine Verurteilung. Der Gutsherr Don Gabriel kauft ihn aus dem Gefängnis frei und schickt ihn zurück in das Holzfällerlager.

Unmenschliche Bedingungen

Gemeinsam mit 200 weiteren Männern und  Frauen machen sich die drei auf den beschwerlichen Marsch in den Dschungel. Gepeinigt von Moskitos, Hunger und sadistischen Aufsehern kommen sie in der Monteria an. Im Laden der Firma müssen sie sich zu überhöhten Preisen mit dem Nötigsten eindecken und geraten dabei in die nächste Schuldenfalle.

Die ohnehin schon harten Arbeitsbedingungen werden untragbar, als die berüchtigten Brüder Montellano den Betrieb übernehmen. Sie verlangen unmenschliche Leistungen, die selbst von den stärksten Arbeitern nicht mehr erbracht werden können. Allmählich wächst der Widerstand, bis die Bestrafung eines kleinen unschuldigen Jungen, dem die Unterdrücker die Ohren abschneiden, das Fass zum Überlaufen bringt. Endlich begehren die Entrechteten auf. Sie erschlagen ihre Aufseher und holen sich im Akt der Rebellion ihre Würde und Individualität zurück. Schon bald bildet sich eine Gruppe, die von desertierten Soldaten und ehemaligen Lehrern angeleitet wird. Aus den Geknechteten wird eine Rebelleneinheit. Sie lassen das Lager hinter sich und werden Teil der mexikanischen Revolution, der aus B. Travens Sicht, „interessantesten Revolution, die sich je zugetragen hat“. Sie nehmen erste Anwesen ein und finden weitere Mitstreiter. Ihr Feind ist in der Überzahl und besser bewaffnet. Doch ihre Kampfmoral lässt sie die Scharmützel ein ums andere Mal gewinnen.

Derb, proletarisch und zutiefst menschlich

Traven erzählt die Geschichte in unverstellter, derber, proletarischer Sprache und ist dennoch voller Menschlichkeit oder sogar Zärtlichkeit, etwa, als er die aufkeimende Liebe zwischen Andres und seinem „Sternchen“ beschreibt, einem Indianermädchen, das er völlig verängstigt auf einem Fest entdeckt. Happy Ends sind seine Sache allerdings nicht. Denn letztlich führt die neu gewonnene Freiheit der Indios schnell zu denselben Konflikten, die vor der Revolution bestanden – nur mit umgekehrten Vorzeichen. Während der eine Teil der Truppe die Verhältnisse im ganzen Land ändern will, reicht dem anderen die Aussicht auf Freiheit, einen Esel und ein eigenes Stückchen Erde. Auch die Verhaltensweisen bei den Offizieren der Rebellenarmee erinnern schon bald an die der Regierungstruppen. Der revolutionäre Gedanke wird im Streit um Posten und Vorteile zerrieben.

Die gnadenlose Beschreibung des Scheiterns der Revolution wollte Traven womöglich als Warnung verstanden wissen. Er war allerdings Literat genug, um den Leser nach der Lektüre des mehr als tausendseitigen Mammutwerks wenigstens mit einer kleinen Utopie zu versöhnen: der Kommune „Solipaz“. Der Anschein, alles wäre umsonst gewesen, gewinnt dadurch nicht völlig die Oberhand.

Ein bemerkenswertes und im wahrsten Sinne episches Werk, das auch 90 Jahre nach seinem Erscheinen nichts an Aktualität verloren hat.

Beitragsbild: Francisco Madero, seine Frau und Rebellen (Foto aus der ersten Jahreshälfte 1911), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=262269

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“Der Schatten des Unsichtbaren” von Torsten Seifert für Blogbuster

Im letzten Jahr startete erstmalig der Blogbuster Preis, bei dem sich Autoren ohne Verlagsvertrag bei drei der teilnehmenden Blogger bewerben konnten, auf dass diese deren Exposé und Manuskript auf Tauglichkeit prüfen durften. Nach Phase 1 schicke ich Torsten Seifert mit Der Schatten des Unsichtbaren ins Rennen um einen der drei Shortlist Plätze, natürlich in der Hoffnung, dass mein Autor auch den Preis gewinnt. Darüber entscheidet nun eine Fachjury, u.a. mit Elisabeth Ruge und Denis Scheck. Der Preisträger Titel erscheint bei Klett-Cotta. Erste Details zum Inhalt des Romans.

Der Roman

Leon Borenstein ist einer der erfolgreichsten Promireporter im Nachkriegs-Los Angeles der 40er. Um in diese Riege aufzusteigen, musste er mit den richtigen Leuten trinken, die richtigen Leute bestechen und schnell sein, auch als es darum ging einem talentierten Boxer die Nase zu brechen. Der neuste Coup von Borenstein ist es, der Erste am Tatort zu sein, als die eigentlich Nummer 1 der Skandalreporter erschossen im Auto gefunden wird. Doch statt einer Gehaltserhöhung und der Erlangung des Platzes des Toten, erhält er von seinem Boss einen kruden Auftrag. Er soll in den mexikanischen Dschungel zu den Dreharbeiten von John Huston an The Treasure of the Sierra Madre reisen. Dort dreht auch Humphrey Bogart das erste Mal außerhalb der USA, doch das Interview mit dem schwierigen Bogart soll nur ein Vorwand sein, um Leon mit gutem Grund ans Set schicken zu können. Sein eigentliches Ziel ist den Urheber des zu verfilmenden Buchs zu finden: B. Traven.

Traven wurde bereits während der Weimarer Republik weltberühmt. Seine Werke, so schätzt man heute, erreichten eine Gesamtauflage von über 30 Millionen und wurden in 24 Sprachen übersetzt. Seine Romane sind fast alle „proletarische Abenteuerromane“ (Volker Weidermann), die in Mexiko spielen und von der Gesinnung des Autors – irgendwo zwischen Sozialismus, Kommunismus und Anarchie – bestimmt werden; der einfache Arbeiter, die Revolution, das Hoffen auf und Eintreten für eine bessere Welt. Wer dieser Traven ist, weiß aber 1947 niemand so richtig. Borensteins Chef übergibt ihm vor dem Aufbruch nur eine Liste mit absurden Theorien und einen vagen Plan. Leon soll sich an den angeblichen Assistenten Hal Croves hängen, um so eventuell an den Chef zu gelangen. Doch in Mexiko sind inzwischen viele weitere Reporter auf den Spuren von Traven, ein Kopfgeld wird auf die Enttarnung ausgelobt und zuletzt beginnt die enigmatische Maria Leon den Kopf zu verdrehen. Als die Dreharbeiten sich zum Ende neigen, hat Leon immer noch keinen Zugang zu Hal Croves gefunden und als dieser verschwindet, steht Leon fast mit leeren Händen da.

Aus dem Reporter, der nur auf der Suche nach der nächsten Sensation und dem neusten Klatsch, ist zwischenzeitlich ein begeisterter Leser, ein Fan von Travens Büchern und ein unermüdlicher Sucher nach dem Phantom geworden.

Das Phantom

Traven bleibt bis heute in vielerlei Hinsicht ein Rätsel, das sogar der berühmte Hitler Tagebücher-Reporter Gerd Heidemann zu lösen versuchte. Er traf Ende der 60er sogar die Person, von der man heute annimmt Traven gewesen zu sein, in ihrer Wohnung, der “sichere Beweis” für Heidemann den Richtigen gefunden zu haben, war damals allerdings nur das Schweigen auf die Begrüßung. Was Volker Weidermann eines der schönsten, abenteuerlichsten, wunderlichsten Rätsel in der Geschichte der Weltliteratur nennt, könnte man auch als Vorstufe weiterer moderner Autoren-Phantome – Salinger, Pynchon, Süskind – lesen. Seifert lässt Leon Borenstein auf eine Suche gehen, die von einer guten Geschichte um den Autor und die guten Geschichten seiner Romane befeuert wird. Ihm gelingt es die spannende Geschichte Travens in eine plausible Rahmenhandlung mit sympathischem Protagonisten zu fügen. Dass sich die momentan allseits beliebte Montage von realen Biographien mit fiktionalen Element bei Traven besonders anbietet, erlaubt ihm dabei nicht nur besonders frei zu arbeiten, sondern dem Roman auch etwas Rätselhaftes zu geben, das vielen Büchern dieses Genres fehlt. Für ein Buch im Urzustand – geht man davon aus, dass z.B. kein umfassendes Lektorat erfolgt ist – ist Der Schatten des Unsichtbaren eine erstaunlich ausgereifte Arbeit, die mich in großen Teilen überzeugt hat. Zwar vermag Seifert die Chandler Stimmung zu Beginn nicht zu halten, hat für seinen Roman aber einen stimmigen Ton gefunden.

Über Travens Geschichte schreibt Rainer Schmidt, die Spurensuche nach Traven liefere selbst Stoff für einen abenteuerlichen Roman – Torsten Seifert hat ihn mit Der Schatten des Unsichtbaren geschrieben.

In den nächsten Wochen werden Torsten Seifert, Der Schatten des Unsichtbaren und B. Traven auf 54books eingehend weiter vorgestellt.

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Oona & Salinger – Frédéric Beigbeder

363War 2016 irgendetwas mit Salinger, dass die Bücher über ihn derart aus dem Boden wachsen? 5 Jahre tot oder 96. Geburtstag? Nicht wirklich ein Grund zu feiern, aber die Fans danken es und nehmen alles was es über das Phantom J.D. Neues gibt, auch wenn es nicht seiner Feder entstammt. Frédéric Beigbeder, selbst bekennender Salinger-Fan, schreibt also eine halbfiktionale Geschichte über die Jugend des Idols; so halbfiktionale Bücher schreiben ja heute alle.

Unter Fans tritt man ja manchmal in Konkurrenz wer das Vorbild besser kennt. Fasst Beigbeder also Der Fänger im Roggen zusammen als kurzen Roman, der die Geschichte eines Jungen erzählt, der aus seinem Internat geworfen wird, im Central Park herumstreift und sich fragt, wo die Enten hingehen, wenn der See im Winter zugefroren ist, möchte man ihm an Gurgel springen und schreien “Es geht doch nicht um die Enten!”.

Nicht gänzlich unvoreingenommen beginne ich also dieses Buch, das bereits mein viertes des Autors ist, und bin überrascht wie schnell er mich doch wieder gefesselt hat. Kein Konkurrent mehr. Beigbeder beschreibt wie der junge Jerry die Tochter des amerikanischen Literaturnobelpreisträgers Eugene O’Neill, Oona kennen und lieben lernt. So wenig man über Salinger weißt, so ist doch bekannt, dass diese, seine erste, Liebe ihn für sein ganzes Leben prägte. Jerry und Oona, die mit ihren beiden Jetset-Freundinnen das New York vor dem zweiten Weltkrieg aufmischt, kreisen umeinander, lernen sich vorsichtig kennen und bald verbindet die 15-Jährige und den jungen Schriftsteller eine zaghafte Beziehung, die aber nur kurz halten wird. Jerry zieht in den zweiten Weltkrieg und Oona lernt den deutlich älteren Charlie Chaplin kennen, wird dessen vierte Frau und gebärt ihm acht (!) Kinder. J.D. kommt verändert aus dem Krieg wieder, schreibt einen Weltbestseller, trauert Oona nach und zieht sich wenig später für immer zurück.

Mir bleibt nichts übrig als den Hut zu ziehen. Beigbeder schafft es sogar Salingers Ton aufzugreifen ohne ihn zu imitieren. Er flicht fiktive Briefe und authentische Anekdoten ein, der Autor schaltet sich mit Kommentaren dem Erzählten zu und ja, am Ende glaubt man sogar, dass alles genau so gewesen ist. Denn, nach Beigbeder, trieb Hemingway Salinger in die Einsiedelei, Oona war dann der Grund, dass er immer jüngere Frauen hatte. Liest man ganz genau “hin”, ist dieses Buch nicht nur ein Buch über den literarischen Helden des Autors, sondern auch über die Abscheulichkeiten des Krieges und seine Folgen.

Oh ein herrliches Buch über echte Fakten und unechte Wahrheiten, die sich genau so zugetragen haben könnten. Beibeder lesen, dann Salinger lesen und dann einen Chaplin Film ansehen, dann wieder Salinger lesen. Allein die Szenen wie die beiden junge Oona und J.D. einander kennenlernen und sich schüchtern näherkommen, man möchte wieder 15 sein – oder lieber doch nicht?

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Verfilmte Autorenleben

Neben der endlosen Zahl an Literaturverfilmungen – also der Adaption eines bereits als Roman vorliegenden Stoffs als Film – gibt es nicht wenige Filme, die Leben, einzelne Episoden dessen oder das Werkschaffen von Autoren und Autorinnen umsetzen. Ich habe eine Auswahl solcher Werke inklusive dem entsprechenden Trailer erstellt.

Die Liste folgt dem Schema: Name des Films, Erscheinungsjahr und der/die porträtierte Autor/in. Die Reihenfolge ist chronologisch, nicht wertend.

[UPDATE] Zwischenzeitlich wurde auch die Mehrzahl der in den Kommentaren vorgeschlagenen Filme mit Trailern übernommen.

1. Sylvia (2003) – Sylvia Plath (Gwyneth Paltrow) und Ted Hughes (Daniel Craig)

Die schwierige, aber inspirierende Beziehung zwischen Sylvia Plath und Ted Hughes ist ein moderner Klassiker und nicht nur anhaltend beliebt als literarische Vorlage (z.B. Connie Palmens Du sagst es), sondern taugt auch als Filmstoff in der prominent besetzten Adaption mit Gwyneth Paltrow und Daniel Craig.

2. Capote (2005) – Truman Capote (Philip Seymour Hoffman), Harper Lee (Catherine Keener)

Die USA, im November 1959: Truman Capote, Autor des Romans Frühstück bei Tiffany und ein Mitglied der bald schon als Jetset bekannten internationalen Partyszene, stößt auf einen Artikel in der New York Times. Dieser berichtet von einem brutalen Mord an vier Mitgliedern einer angesehenen Farmerfamilie, den Clutters, in Holcomb, Kansas. Viele solcher Geschichten finden sich täglich in den Zeitungen wieder, doch diese lässt den Schriftsteller nicht mehr los. Für ihn präsentiert sich die Gelegenheit, seine lang vertretene These zu untermauern, die besagt, dass nonfiktionale Literatur in den Händen des richtigen Autors genauso anschaulich sein kann wie Belletristik. Welche Auswirkung haben die Morde auf diese kleine Stadt in der vom Wind heimgesuchten Prärie?

Ein grandios-düsterer Film mit einem überragenden Philip Seymour Hoffman!

3. Vor der Morgenröte (2016) – Stefan Zweig (Josef Hader)

Stefan Zweig ist zwar einer der erfolgreichsten Schriftsteller seiner Zeit, aber auf der Flucht. Kein Ort scheint ihm als neuer Lebensmittelpunkt zu genügen. Dazu bedrängen ihn Freunde und selbst nur entfernte Bekannte um Geld und Fürsprache, Reporter um ein Statement gegen Hitler-Deutschland. Episodenhaft zeigt Vor der Morgenröte die letzten Jahre eines Getriebenen, hilflos auf der Flucht vor dem Krieg und der eigenen Verantwortung, gefangen in einer Welt, der er durch eigene Hand entflieht.

4. Ein russischer Sommer (2009) – Leo Tolstoi (Christopher Plummer) und Sofia Tolstoi (Helen Mirren)

Russland, 1910: In seinem letzten Lebensjahr verbringt Leo Tolstoi seinen Sommer mit seiner Frau Sofia und einigen der gemeinsamen Kinder auf ihrem Landgut Jasnaja Poljana. Als Sofia erfährt, dass Tolstoi die Rechte an seinem Werk dem russischen Volk vermachen möchte, beginnt ein hochemotionaler Konflikt zwischen beiden: Die temperamentvolle Sofia sieht sich und die Kinder als die rechtmäßigen Erben und Verwalter von Tolstois Werk und versucht mit allen Mitteln, ihn von seinem utopistischen Plan abzubringen und die Zukunft der Familie zu sichern. Der geradezu fanatische „Tolstoianer“ und Adlatus Wladimir Tschertkow wiederum bestärkt Tolstois Idealismus.

Der erbitterte Streit zwischen den Liebenden treibt Tolstoi schlussendlich in die Flucht und damit in eine Krankheit, von der er sich nicht wieder erholt. Ein Bahnhof wird für ihn zur „letzten Station“, an der sich auch die beiden Liebesgeschichten noch einmal verbinden.

5. Kill your darlings (2013) – Allen Ginsberg (Daniel Radcliffe), Jack Kerouac (Jack Huston), William S. Burroughs (Ben Foster)

Die Geschichte um Allen Ginsberg, Jack Kerouac und William S. Burroughs im Jahr 1944 und den Antrieb eine neue Form von Literatur zu schaffen.

6. Howl (2010) – Allen Ginsberg (James Franco), Jack Kerouac (Todd Rotondi),Neal Cassady (Jon Prescott)

Dasselbe Thema wie Kill your Darling, nur eine andere Erzählperspektive und -zeit. Der Film spielt in den späten 1950er-Jahren in den Vereinigten Staaten. In einem Hauptstrang wird der Dichter Allen Ginsberg von einem Journalisten zu seinem Werk befragt. Ginsberg gibt ausführlich Auskunft und beschreibt seine rauschhafte Arbeitsweise, den Umgang mit gesellschaftlichen Tabuthemen, zu denen Selbstbefreiung, Homosexualität und der Gebrauch von Rauschmitteln gehören und seinen sprachlichen Ansatz, der vor allem auf dem Sound des Jazz beruht.

Der zweite Strang gibt die gerichtliche Auseinandersetzung wieder, die auf die Veröffentlichung des Bandes folgte. In dem berühmt gewordenen Prozess stellt das Gericht 1957 fest, dass die Freiheit des Einzelnen die Veröffentlichung des Gedichtbandes rechtfertigt, auch wenn weite Teile des Textes durch die Öffentlichkeit als anstößig empfunden werden.

7. Total Eclipse (1995) – Arthur Rimbaud (Leonardo DiCaprio), Paul Verlaine (David Thewlis)

Im September 1871 nimmt Paul Verlaine den den 16-jährigen Arthur Rimbaud bei sich auf, der ihm Gedichte zugeschickt hatte und den er nach Paris eingeladen hatte. Ende Oktober wird er Vater eines Sohnes, doch beginnt er etwa zur selben Zeit ein homosexuelles Verhältnis mit Rimbaud. Es folgten lange verworrene Monate, während derer er hin und her pendelt zwischen seiner Frau Mathilde (die er des Öfteren bedrohte und misshandelte und zur Flucht zu ihren Eltern trieb), seiner Mutter und Rimbaud. Am 7. Juli 1872 verlässt Verlaine zusammen mit Rimbaud Paris. Anschließend vagabundieren sie durch Nordostfrankreich, England und Belgien, sich mehrfach trennend und versöhnend, häufig depressiv und suizidgefährdet.

Auch dies – wie Sylvia – die Geschichte einer obsessiven, selbstzerstörerischen Liebe, die Motor für zwei große Werke war.

8. Geliebte Jane (2007) – Jane Austen (Anne Hathaway)

Jane Austen wächst am Ende des 18. Jahrhunderts als eine Tochter des Reverends Austen in der landwirtschaftlich geprägten Region Hampshire auf. Sie ist energiegeladen, spielt Klavier und schreibt. Ihre Familie will, dass sie den reichen Mr. Wisley heiratet, doch sie leistet Widerstand. Dies empört ihre Mutter, die aus Liebe heiratete und danach in bescheidenen Verhältnissen leben musste.

Jane lernt den irischstämmigen Tom Lefroy (Thomas Langlois Lefroy) kennen, der Jurist werden will. Er kritisiert ihre schriftstellerischen Versuche und gibt ihr den Roman ‘The History of Tom Jones, a Foundling’ von Henry Fielding zum Lesen. Beide verlieben sich schließlich ineinander. Lefroy stellt sie seinem in London lebenden, vermögenden Onkel vor und will ihn um den Segen für ihre Heirat bitten, aber er stellt fest, dass jemand Jane seinem Onkel gegenüber als eine Mitgiftjägerin denunziert hat. Da Tom vollkommen vom Geld seines Onkels abhängig ist, beugt er sich dessen Verbot der Hochzeit. Nach kurzer Trennung entschließen sich die beiden, gemeinsam durchzubrennen. Jane erfährt allerdings während einer Kutschenpanne auf ihrem gemeinsamen Weg nach Schottland aus einem Brief, den sie in der Manteltasche von Tom entdeckt, dass seine Familie in Irland in sehr ärmlichen Verhältnissen lebt und auf seine finanzielle Unterstützung angewiesen ist, die er ihnen regelmäßig zukommen lässt. Schließlich erklärt Jane Tom, dass sie mit Blick auf die Armut ihrer beider Familien zu der Überzeugung gelangt sei, dass keine Existenzgrundlage für eine Familiengründung mit ihm vorhanden sei. Tom versucht vergeblich, ihre Zweifel unter Hinweis auf ihre gegenseitige Liebe auszuräumen. Jane besteigt kurz darauf eine Kutsche in die Gegenrichtung zurück zu ihrer Familie.

9. Wilde (1997) – Oscar Wilde (Stephen Fry)

Der Film behandelt Oscar Wildes Leben von seiner Vortragsreise in den USA 1882 bis kurz vor seinen Tod im Jahr 1900. Nach seiner Rückkehr aus Amerika heiratet er Constance Lloyd und hat mit ihr zwei Söhne. Der Film zeigt Oscar Wilde ebenso in seiner Rolle als Familienvater wie als berühmte Persönlichkeit und erfolgreichen Theaterautor bei den Premieren seiner Theaterstücke Lady Windermere’s Fan und The Importance of Being Earnest. Eine wesentliche Rolle spielt die Entdeckung seiner Homosexualität durch seine Beziehung zu Robert Ross und die Entwicklung seiner Beziehung zu Lord Alfred Douglas. Als Lord Alfreds Vater, der Marquess of Queensberry, ihnen den Umgang miteinander untersagen will und Wilde provoziert, verklagt dieser ihn wegen Beleidigung. Im dritten der daraus folgenden Gerichtsprozesse wird Wilde wegen Unzucht zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Im Zuchthaus muss er in der Tretmühle arbeiten. Nach seiner Freilassung gilt er als entehrt und ist finanziell ruiniert und gezwungen, ins Exil zu gehen. Die Zwangsarbeit im Zuchthaus hat ihn gesundheitlich angeschlagen. Er besucht das Grab seiner Frau Constance, bevor er sich auf Betreiben von Robert Ross in Paris niederlässt. Der Film endet mit seinem Wiedersehen mit Lord Alfred Douglas.

Als eine Art Rahmen dient das Märchen Der selbstsüchtige Riese, das begleitend zur Handlung stückweise erzählt wird – teils indem Oscar Wilde es seinen Kindern erzählt, teils indem Constance es vorliest – und das im Gefängnis mit dem Tod des Riesen endet. Auch andere Texte Wildes werden im Laufe des Films von Stephen Fry gesprochen.

10. Goethe! (2010) – Johann Wolfgang von Goethe (Alexander Fehling)

Die biographische Vorlage für Die Leiden des jungen Werther!

In Straßburg fällt der Jura-Student Johann Goethe durch das Staatsexamen. In den Schnee des Campus schreibt er die Worte: Lecket mich! Goethe wird von seinem Vater in seine Heimatstadt Frankfurt am Main zitiert; dort teilt dieser ihm mit, dass er seine Ausbildung zum Juristen am Reichskammergericht in Wetzlar fortsetzen solle, auch um seinen Sohn von seinen dichterischen „Flausen“ abzuhalten.

In Wetzlar angekommen, widmet sich Goethe der Arbeit an alten Akten, die er für seinen Vorgesetzten, den Gerichtsrat Kestner (der im Film den Namen „Albert“ trägt), aufarbeitet. Dabei bildet er mit dem Juristen Jerusalem, mit dem er sich auch privat anfreundet, ein Team. Auf einer Tanzveranstaltung lernt Goethe Charlotte Buff (kurz Lotte genannt) kennen und verliebt sich in sie. Es stellt sich heraus, dass sie das älteste von acht Kindern eines in Wahlheim lebenden Witwers ist und sich um ihre jüngeren Geschwister kümmern muss.

Trotz einiger Verwicklungen scheint sich Goethes Liebe zunächst zu erfüllen. Nachdem er Lotte eines seiner Gedichte vorgetragen hat, wird das Paar von einem starken Regenschauer überrascht und die beiden suchen Schutz in einer Burgruine, wo sie miteinander intim werden. Währenddessen wirbt Kestner bei Lottes Vater um die Hand seiner Tochter. Der Vater ist froh, Charlotte in einer Ehe mit einem aufstrebenden Juristen gut versorgt zu sehen, da dieser so auch Lottes Familie später finanziell unterstützen würde. Lotte zögert zunächst, übernimmt aber immer mehr die Sichtweise ihres Vaters, da sie auch das Wohl ihrer Familie will. Trotz allem fällt es ihr schwer, sich von Goethe zu trennen. Dieser hilft schließlich sogar seinem Rivalen, indem er ihm ein erfolgreiches Prozedere und die passenden Worte für dessen Heiratsantrag vorschlägt, ohne freilich zu ahnen, wer die Umworbene ist. Erst bei der Verlobungsfeier von Albert und Lotte stellt sich die Wahrheit heraus. Alle Betroffenen sind fassungslos.

11. Die geliebten Schwestern (2014) – Friedrich Schiller (Florian Stetter)

Charlotte von Lengefeld soll von ihrer Patentante Charlotte von Stein in Weimar in die feine Gesellschaft eingeführt werden. Dort lernt sie Friedrich Schiller kennen, der im Sommer 1788 zu Besuch in die Heimat der Familie nach Rudolstadt kommt. Die Mutter Louise von Lengefeld war nach dem Tode ihres Mannes in finanzielle Schwierigkeiten geraten, weshalb Tochter Caroline eine Zweckheirat mit Friedrich Fhr. von Beulwitz einging. Die beiden Schwestern verleben mit Schiller eine unbeschwerte Zeit miteinander. Sie hatten sich einst am Rheinfall bei Schaffhausen geschworen, alles miteinander zu teilen, und so soll es auch bei Schiller sein. Charlotte reist allein nach Weimar zurück, währenddessen ihre Schwester die Mutter überzeugen soll, einer Heirat mit Schiller trotz dessen Mittellosigkeit zuzustimmen, was sie mit einiger Verzögerung auch tut. Schiller trennt sich, auch mit Hilfe einer Intrige von Charlotte, von der verheirateten Charlotte von Kalb. Nachdem er Charlotte 1790 geheiratet hat, gebärt sie einen Sohn. Auch Schwägerin Caroline ist in Jena zugegen, wo Schiller nun eine Professur hat. Doch die geplante „Ehe zu dritt“ kann nicht stattfinden, da Carolines Mann zunächst nicht in die Scheidung einwilligt.

Trotz des Banns des Herzogs von Württemberg begibt sich Schiller 1793 nach Tübingen, um der Herstellung seiner Zeitschrift Die Horen bei Verleger Cotta beizuwohnen. Dort trifft er Caroline wieder, die sich ihre Dienste von einem älteren Mann bezahlen lässt. Zu dritt leben sie nun bei Schillers Mutter in Ludwigsburg. Caroline gesteht, schwanger zu sein. Um ihre Scheidung nicht zu gefährden, fährt sie in Begleitung von Wilhelm von Wolzogen nach Schaffhausen, wo Schiller einen Pflegevater für das Kind organisiert hat. Nach der Geburt meldet sich Caroline auf Schillers Briefe nicht und teilt schließlich mit, dass sie bei Wolzogen bleiben werde.

Jahre später reist die vermeintlich todkranke Mutter Louise nach Weimar, um die inzwischen zerstrittenen Schwestern zu versöhnen. Beim Familientreffen kommt es trotzdem zu einem Schlagabtausch der Schwestern, währenddessen Schiller einen heftigen Krankheitsanfall erleidet. Wolzogen stellt die Überlegung an, dass es offenbar das Schicksal der drei von-Lengefeld-Frauen sei, ihre Männer zu überleben.

12. Last Call (2012)  – F. Scott Fitzgerald (Jeremy Irons), Zelda Fitzgerald (Sissy Spacek)

13. Kafka (1991) – Franz Kafka (klar: Jeremy Irons)

Soderbergh strebte keine Filmbiographie Franz Kafkas an, sondern verknüpfte Motive aus dessen Leben mit Inhalten und Atmosphäre seiner Romane, insbesondere „Der Prozess“ und „Das Schloss“. Kafka ist Angestellter einer Versicherungsgesellschaft und verbringt seine freie Zeit damit, sich dämonische Geschichten auszudenken. Als ein Freund ermordet wird, begibt er sich auf die Suche nach dem Mörder. Bei seinen Nachforschungen stößt er auf weitere ungeklärte Todesfälle und gerät an eine politische Widerstandsgruppe, zu der auch der Freund gehört hatte. Kafka verfolgt die Spuren bis zum örtlichen Schloss, wo er die grausige Entdeckung macht, dass ein gewisser Dr. Murnau (eine weitere Reminiszenz an den expressionistischen Film mit Anspielung auf den Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau) dort mit den Gehirnen seiner Opfer experimentiert.

14. Hannah Arendt (2012) – Hannah Arendt (Barbara Sukowa)

Der Film spielt in den Jahren 1960 bis 1964. Die Handlung dreht sich um den sogenannten Eichmann-Prozess, der möglich geworden war, nachdem im Mai 1960 der Mossad den in Argentinien untergetauchten Adolf Eichmann aufgespürt und nach Israel entführt hatte. Hannah Arendt schlägt dem Magazin The New Yorker vor, über den Prozess in Jerusalem zu berichten. Der Herausgeber William Shawn ist begeistert über das Angebot der für politisch-historische Analysen geschätzten Denkerin.

Im April 1961 reist Hannah Arendt von New York City nach Jerusalem, wo sie ihren alten Freund Kurt Blumenfeld wiedertrifft. Sie besucht dort alle wichtigen Gerichtsverhandlungen, in denen sie akribisch alles protokolliert. Der Film baut dabei Originalmaterial in die Spielhandlung ein. Adolf Eichmann entpuppt sich im Verlauf des Prozesses nicht als bestialisches Monster, sondern als ein mittelmäßiger Bürokrat, was Hannah Arendt überrascht. Im Laufe des Prozesses wird sie auch Zeugin, wie Überlebende des Holocaust während der Befragung zusammenbrechen.

Über die Dialoge, die Hannah Arendt mit ihrem Mann Heinrich Blücher, ihrer Freundin Mary McCarthy, ihrem Freund Hans Jonas, ihrer Sekretärin Lotte Köhler und ihren Studenten führt, wird der Zuschauer über ihre politisch-philosophischen Überlegungen informiert. Im Rückblick kommen Szenen von Hannah Arendts Leben in Deutschland vor 1933 und von ihrer Beziehung zu Martin Heidegger vor.

15. A Quiet Passion (2016) – Emily Dickinson (Cynthia Nixon)

16. The Hours (2002) – Von Ewigkeit zu Ewigkeit – Virginia Woolf (Nicole Kidman)

Der Film verfolgt das Schicksal dreier Frauen aus verschiedenen Generationen, deren Leben mit Virginia Woolfs Roman Mrs. Dalloway in Bezug stehen. Er verfolgt die Leben der drei Protagonistinnen jeweils einen Tag von morgens bis abends. So spielt der Film in drei Zeitebenen: 1923, 1951 und 2001, der damaligen Gegenwart. Er bedient sich des filmischen Mittels der Parallelmontage. Die Zeitebene 1923 erzählt die Geschichte von Virginia Woolf, die mit ihrem Schriftstellergatten Leonard Woolf in der englischen Provinz lebt. Umsorgt von ihrer Familie und dem Arzt beginnt sie den Roman Mrs. Dalloway. 1951 bereitet Laura Brown mit ihrem kleinen Sohn den Geburtstag ihres Ehemanns Dan vor und liest ebendiesen Roman, der sie stark beeinflusst. In der Gegenwart bereitet Clarissa Vaughan eine Preisverleihungsparty für ihren an AIDS erkrankten Freund Richard Brown vor. The Hours kann damit als eine moderne Version von Mrs. Dalloway angesehen werden. Vom Verfasser zum Leser, bis hin zur lebenden heutigen Version von Mrs. Dalloway: Clarissas Leben ist so sehr verbunden mit der Romanfigur Mrs. Dalloway, dass es erscheint, sie sei Mrs. Dalloway.

17. The Last of the Belles (1974) – F. Scott Fitzgerald (Richard Chamberlain)

18. Hemingway & Gellhorn (2012) – Ernest Hemingway (Clive Owen)

19. Neruda (2016) – Pablo Neruda (Luis Gnecco)

20. Pasolini (2014) – Pier Paolo Pasolini (Willem Defoe)

21. In Love and War (1996) – Ernest Hemingway (Chris O’Donnell)

22. Hemingway (1988) – Ernest Hemingway (Stacy Keach)

Habe ich einen wichtigen Film vergessen? Hinweise sehr gerne in die Kommentare!

Quellenangaben:
Auszug der Seite „Capote (Film)“; Wikipedia, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Capote_(Film)&oldid=161065284

Auszug der Seite „Ein russischer Sommer“; Wikipedia, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Ein_russischer_Sommer&oldid=145941012

Auszug der Seite „Howl (Film)“; Wikipedia, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Howl_(Film)&oldid=159138557

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Auszug aus der Seite “Kafka (Film)”; Wikipedia, https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Kafka_(Film)&oldid=142258962

Auszug aus der Seite “Hannah Arendt (Film)”; https://de.wikipedia.org/wiki/Hannah_Arendt_(Film)

Auszug aus der Seite “The Hours – Von Ewigkeit zu Ewigkeit”; https://de.wikipedia.org/wiki/The_Hours_%E2%80%93_Von_Ewigkeit_zu_Ewigkeit

 

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