Kategorie: Rezensionen

„Nichts ist klar so oder so“ – Helga Schuberts “Vom Aufstehen – Ein Leben in Geschichten”

von Marie Isabel Matthews-Schlinzig

Schreiben ist die Kunst des Weglassens. Darin ähnelt es dem Erinnern. Aus erlebten Momenten zurren sie neue Bilder zusammen, destillieren Essenzen aus Raum und Zeit. Die Imagination fügt ihren Teil hinzu und denkt so stets die Gegenwart mit. Das gilt für die Geschichten, die das eigene Leben schreibt ebenso wie für die anderer Menschen.

Gelegenheiten zu einem solchen Mit- und Hineindenken bietet Helga Schuberts neuester Band Vom Aufstehen – Ein Leben in Geschichten viele. Er ist ein Meisterstück autofiktionalen Erzählens. Uneitel, präzise und ohne Pathos skizziert die Autorin in 29 teils sehr kurzen Prosatexten, was es heißt, die Welt aus verschiedenen, ineinander greifenden Perspektiven wahrzunehmen: als „Kriegskind“, „Flüchtlingskind“, „Kind der deutschen Teilung“, als Schriftstellerin in der DDR und danach, Pflegende, Mutter, Psychologin, Nachbarin, Gläubige und Mitglied der evangelischen Kirche. Ein Reichtum an Blickwinkeln, der zahlreiche Anknüpfungspunkte für Leser:innen schafft, gesammelt in ein und derselben Erzählstimme.

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Poetische Peinlichkeiten – Über Ben Lerners “Warum hassen wir die Lyrik?”

von Antje Schmidt

Die Lyrik umgibt der Nimbus des Besonderen. Wer Gedichte liest oder schreibt, darf sich zu einer ebenso geschätzten wie bedauerten Außenseiter*innengruppe zählen. Darauf hat etwa Nora Bossong, selbst Dichterin, hingewiesen. Damit wird die Gattung identitätsstiftend für den eingeweihten Kreis ihrer Autor*innen und Leser*innen und nicht ohne Grund zählt die lyriklesende Einzelgänger*in längst zum Standardrepertoire der Popkultur. Im Rahmen retrotopischer Inszenierungen wie der Dark Academia Ästhetik auf Plattformen wie Tik Tok oder Instagram partizipieren zahlreiche Menschen an einem retrophilen Lifestyle, der Distinktion über die Nähe zur Lyrik sucht. 

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Literarischer Trumpismus – Constantin Schreibers “Die Kandidatin”

von Peter Hintz

Wer nach der Abwahl Donald Trumps gehofft hatte, dass es nach über einem Jahrzehnt rechtspopulistischer Bestsellerindustrie nun erst einmal genug mit rassistischen und sexistischen Mängelexemplaren sei, den wird die eben bei Hoffmann und Campe erschienene dystopische Satire Die Kandidatin enttäuschen. Es geht um eine islamische Politikerin, die als Kind wohl während der ‘Flüchtlingskrise’ 2014/15 aus dem Libanon nach Deutschland gekommen ist und die nun Mitte des 21. Jahrhunderts als Repräsentantin einer grünen Partei kurz vor der Kanzlerschaft steht, obwohl sie und ihre Anhängerschaft das Land ruiniert haben.

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Innocent Country – Über Shida Bazyars “Drei Kameradinnen”

von Maryam Aras

‘Mikroaggression’ ist ein seltsames Wort. Ich kenne es noch gar nicht so lange, habe es aber ein paar Mal in Unterhaltungen benutzt und dabei beobachtet, dass es eine bemerkenswerte Wirkung entfaltet. Meist nicken Menschen wissend oder zustimmend, wenn sie es hören. Dabei mag ich das Wort nicht besonders. Natürlich verstehe ich seinen praktischen Nutzen: Es macht unterschwellige, oft schwer greifbare Diskriminierungserfahrungen sichtbar und verleiht ihnen durch die Macht des Aussprechens Legitimität. Das Wort wirkt so lapidaren Entwertungsversuche wie „Sei nicht so empfindlich“ oder „Das war nicht so gemeint“ entgegen. Sicher, das ist gut, vor allem, wenn wir an die ständigen Bestrebungen denken, die Existenz von strukturellem Rassismus als solchen in Frage zu stellen. Die zwischenmenschlichen Verstrickungen aber, in denen diese Aggressionen passieren oder die Gefühlswelten, die durch sie ausgelöst werden, bleiben außen vor. 

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Wer war Magda? – Ottessa Moshfegh: Der Tod in ihren Händen

von Samuel Hamen

 

Eine Notiz, die alles verändert: „Sie hieß Magda. Niemand wird je erfahren, wer sie ermordet hat. Ich war es nicht. Hier ist ihre Leiche.“ Vesta Guhl, die den Zettel bei einem Spaziergang findet, ist zuerst amüsiert, dann irritiert, schließlich fasziniert. Wer war Magda? Wer ist ihr Mörder? Und könnte sie, die unscheinbare Rentnerin, diesem Geheimnis nicht nachgehen? Weiterlesen

Vermächtnis und Ermächtigung – „The Yield“ von Tara June Winch

Von Charlotte Milsch

 

In Ihrem zweiten Roman „The Yield“ erzählt die Aborigine-Australische Autorin Tara June Winch von einer Familie der Wiradjuris im australischen New South Wales, ihrem kulturellen Erbe und dem Einfluss der Kolonialisierung auf die unterschiedlichen Generationen bis heute. Es ist eine Geschichte von Verlust und Wiederaneignung der eigenen Kultur und Sprache, und vom Kampf um die Wahrnehmbarkeit der Lebensrealitäten indigener Menschen in Australien. Ein Kampf, der bis heute anhält. Im September 2020 war die Autorin zu Gast beim 20. ilb in Berlin. Eine Begegnung. Weiterlesen

Vom Briochekipferl zum Äußersten: Ilse Aichingers Buch „Unglaubwürdige Reisen”

Ich wollte am liebsten alles in einem Satz sagen, nicht in zwanzig. Ilse Aichinger

„Wenn einer eine Reise tut, so kann er nichts erzählen: Das fiel mir schon ziemlich früh auf“, schreibt die 2016 im Alter von 95 Jahren in Wien verstorbenen Ilse Aichinger im ersten ihre kurzen Reisefeuilletons, die zwischen 2001 und 2004 immer Freitags im Wiener „Standard“ erschienen sind.

Einige dieser Texte wurden im Jahr 2005 in dem Band „Unglaubwürdige Reisen“ zusammengefasst. „Unglaubwürdige Reisen“: Der Titel stellt das Tun der Schriftstellerin in Frage, doch so sehr muss man sich darüber nicht wundern: Reiseliteratur war seit ehedem „unglaubwürdig“. Vom Abenteuer- und Schelmenroman über Joseph von Eichendorff, Jules Verne, Mark Twain, Karl May bis hin zu der autobiografisch gefärbten Reiseliteratur von Joseph Conrad oder Hubert Fichte – überall unglaubwürdige, unglaubliche Reisen.

© Stefan Moses

Was die 1921 in Wien geborene Ilse Aichinger von vielen Autoren und Autorinnen unterscheidet: Für Ihre kurzen Texte bewegte sie sich kaum vom Fleck. Sie musste nicht fort. Tat einfach das, was sie immer tat. Saß in einem Wiener Kaffeehaus, vorzugsweise dem „Demel“, der „k.u.k Hofzuckerbäckerei“, und begann, schreibend zu reisen. Dabei verbindet sich Gefundenes, Erfundenes und Erinnertes zu einem literarischen Knoten, den zu Lösen man nicht vermag. Der Reiz dieser Kaffeehaus-Literatur liegt aber auch genau darin: Ausgehend von der eigenen, bewegten Biografie entsteht bei Aichinger Literatur, welche die Geschichte des 20. Jahrhunderts wie kaum eine zweite als Subtext mitschreibt.

Im „Demel“ saß sie also beinahe jeden Tag und schrieb. Gerne zwischen zwei Kinovorstellungen, denn das Kino war stets die größte Leidenschaft von Ilse Aichinger. Wir begleiten Aichinger mit ihrer Zwillingsschwester in die Kapuzinergruft, reisen mit ihrem Urgroßvater durch den Kaukasus, mit Sigmund Freud in sein Londoner Exil, mit „der Schrederin“, einer alten Bäuerin, nach Großgmain – und mit der polnischen Putzfrau nach Auschwitz. Vor allem jüdische Geschichte steckt in diesem Buch.

Jüdische Geschichte, erlebt mit der jüdischen Mutter, einer Ärztin. Die Flucht der Zwillingsschwester ins Londoner Exil, die Deportation der Großmutter und anderer mütterlicher Verwandtschaft, von Schulfreundinnen und Nachbarn in die Vernichtungslager. Der Tod ist einer der treusten Reisebegleiter dieser inneren Reisen in die Vergangenheit. Die Figuren aus der Vergangenheit, der bei einem Unfalltod verstorbene Sohn Clemens, sind nicht abwesend. Als Schatten spielen sie eine Rolle, bis heute. „Unglaubwürdige Reisen“ ist ein Buch, das die Macht des nur vermeintlich Abwesenden betont.

Von ihren Personen spricht Aichinger als „kräftige Schattenrisse“. Allesamt Protagonisten aus der „Landschaft des eigenen Lebens“. Sie trifft sie in New York oder in der Wiener Anatomie, in Novi Sad, Aberdeen, Danzig oder in Linz, doch vor allem in ihrer Erinnerung: Günter Grass, Günter Eich, mit dem Aichinger verheiratet war, Thomas Bernhard – dieses Buch ist auch eine Begegnung mit den Protagonisten der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts.

Der Anlass zum Schreiben ist oft ein Äußerlicher. Eine Beobachtung, eine Pressenotiz etwa. Sogar der Wunsch nach einer nächtlichen Grießnockerlnsuppe, bei der ihr Denken als Autorin einsetzt. Wie etwa beim Betrachten der Speisekarte im Kaffeehaus: „‚Feinstes Briochekipferl oder flaumiger Guglhupf’ zum ‚Demel Frühstück’. Oder ‚zwei Kaisersemmerln sowie ein weiches Ei’ zum ‚Wiener Frühstück’. Und zum ‚Heißgetränk Ihrer Wahl’ gibt es ‚soft boiled egg, ham and cheese, fresh orange juice (1/8)’. An solchen Angeboten jagen die Passanten vorbei: Verspätete Gruppenreisende, versprengte Prozessionsteilnehmer. Es genügt ‚der kleine Anstoß, der sie in Bewegung setzt’, von dem Simenon schreibt, in Bewegung ‚bis zum Äußersten ihrer selbst’“ – mit Ilse Aichinger vom Briochekipferl zum Äußersten.

Ilse Aichinger wieder lesen. Im November des Jahres 2020. Aichingers Schreiben liest sich heute noch markanter als ein Plädoyer für die Entschleunigung. Nicht Ihr Stil, der ist schnell. Kurze Sätze wechseln mit längeren, Fragiles mit Festem. Einfaches mit Komplexem. Es ist keine hohe Sprache, doch sie hat einen ganz eigenen Klang. Dieses Buch ist auch ein Lob der kurzen, im besten Sinne journalistischen, tagebuchhaften Form. Wie viel in zwei Seiten Aichinger steckt! Die genaue Beobachtungsgabe und das Vermögen, im Kleinen das Große, Übergeordnete zu sehen, daraus kleine Kunstwerke zu gestalten, macht Aichingers Literatur so kostbar.

Wenn einer eine Reise tut, da kann er was erzählen. Doch selten von dem Fremden. Hier, im Schreiben, findet sie sich, auf alten, gleichen Wegen: „Ich geh‘ auch jetzt noch immer dieselben Wege, wenn ich was Neues erfahren will. Wenn man nach Rio de Janeiro fährt, sieht man ja nichts Neues. Man versucht immer, seine alten Vorstellungen einzubauen.“

Das eigene Ich. Das ist ein Ort, der so fern und nah, so tatsächlich und unglaubwürdig, wie kein anderer ist. Das Reisen, es findet hier im Kopf statt. Es ist imaginär – und das macht dieses Buch in diesen Tagen so lesenswert. Überraschend, wie jung sich diese Literatur, diese Notate heute lesen. Das Spätwerk einer 1921 geborenen kommt ganz ohne Pathos aus, diese Reise zu den Traumata der Kindheit, zum letzten Wohnort der Großmutter vor ihrer Deportation nach Minsk, wo sie ermordet wird: „Der „Anblick meiner Großmutter im Viehwagen auf der Schwedenbrücke in Wien. Und die Leute um mich herum, die mit einem gewissen Vergnügen zugesehen haben. Ich war sehr jung und hatte die Gewißheit, daß meine Großmutter, die mir der liebste Mensch auf der Welt war, zurückkommt. Dann war der Krieg zu Ende, der Wohlstand brach aus, und die Leute sind an einem vorbeigeschossen. Das war noch schlimmer als der Krieg.“

„Gute Literatur ist mit dem Tod identisch“, sagt Aichinger, die auf Briefumschläge und Speisekarten schreibt. Am liebsten im „Dehmel“, „weil der Kaffee dort besser ist als anderswo. Ich würde sogar sagen: Der Demel-Kaffee ist einzigartig und die Demelinerinnen nehmen mich als Stück des Hauses. Ich kann dort schreiben, ich kann machen, was ich will.“

Im kommenden Jahr, 2021, feiern wir den 100. Geburtstag von Ilse Aichinger, deren Werk bis ins 21. Jahrhundert hereinragt: Untrennbar ist ihr Schaffen mit der Stadt Wien verbunden, wo sie am 11. November 2016 im Alter von 95 Jahren starb. Ihr Schreiben bleibt unvergessen, auch in der Erinnerung an den Holocaust, an die Welt der Konzentrationslager etwa in dem schon 1945 entstandenen Text „Das vierte Tor“ oder 1946 im „Aufruf zum Misstrauen“ – im Aufruf, die Geschichte nicht zu verdrängen.

1948 erschien ihr einziger Roman „Die größere Hoffnung“ – ein Buch über das Ende der Hoffnungen, ein Buch, das eine neue, verknappte, präzise Sprache fand, das heute als großes erstes Werk der österreichischen Nachkriegsliteratur gilt. 1952 erhält sie den Preis der Gruppe 47 für ihre Erzählung „Spiegelgeschichte“. Eleonore Frey hat in ihrem Nachruf in der Neuen Zürcher Zeitung das Werk Aichingers als „Schattenspiel“ beschrieben, das Heiterkeit mit Düsternis mischt, Wärme mit Kühle – und sich bis heute bewährt hat. Das niemals erlöschen wird, niemals vergehen wird, „als Erneuerung … als die lebendige Möglichkeit einer veränderbaren und so vielleicht doch immer wieder einer ‚grösseren Hoffnung‘ würdigen Welt.“

 

Simone Fässler und Franz Hammerbacher (Hrsg.): Ilse Aichinger: Unglaubwürdige Reisen. 186 Seiten. Gebunden. 25 Abbildungen. Verlag S. Fischer. Frankfurt am Main 2005. ISBN 978-3100005274. 17,90 Euro

Beitragsbild von Dimitry Anikin

Menschentraum: Natur. Über Sophie Steins Roman “Amanecer”

von Samuel Hamen

 

Der Wunsch ist klipp und klar: sich zu versichern, der „Käpt’n“ der eigenen Seele zu sein. In ihrem Romandebüt schickt Sophie Stein hierfür eine Studentin namens Aziza für ein Auslandsjahr nach Nivaria. Bereits hier wird klar, dass Amanecer ein Buch der Überschreitung sein möchte: Nivaria ist der historische Name für Teneriffa, der seit Jahrhunderten außer Gebrauch ist. Mit dem Flugzeug auf Nivaria zu landen ist also vor allem eins: ein Statement, dass sich Zeiten und Orte ineinanderschieben lassen.

Auf der Insel lernt Aziza über ihre WG einige junge Leute kennen. Während einer gemeinsamen Wanderung sprechen sie über Baumwesen und Geister. Bevor Aziza (und mit ihr der Leser) sich vorsehen kann, wird sie den Guanchamánes vorgestellt, einer Gesellschaft, die sich der „Pflanzenkunde“ und „Mythenlehre“ verschrieben hat. Ihr Ziel? „Eine Art universelle Suche nach Sinn und Spiritualität.“ Die Rede ist von der Natur der Dinge und den Dingen der Natur, unterfüttert von einer Entfremdungsdiagnose, wie auch Anti-Moderne sie gerne aufstellen: Wir leben im Hier und Jetzt das flache, das falsche Leben. Dabei liegt die wahre Erkenntnis doch, so die Guanchamánes, in der Natur und im Traum, bestenfalls also: im Traum einer Vereinigung mit der Natur.

Das Wissen der Sekte

Für Aziza, die ob ihres Alters und ihres unsicheren Gemüts anfällig ist für solche existenzerweiternden Angebote, ist es auch ein Versprechen: Wenn sie erst eine tiefere Bewusstseinsstufe erreicht hat, kann sie sich, so ihre Hoffnung, mit dem Verschwinden ihrer Schwester ebenso auseinandersetzen wie mit dem Aufwachsen bei einer psychisch kranken Mutter. Es sind die Guanchamánes, die ihr die Möglichkeit an die Hand geben, sich zu emanzipieren: „Vermutlich hat ein Teil von mir immer damit gerechnet, dass etwas in der Art passieren würde. Hat sogar darauf gewartet, dass es passiert. Dieser Teil von mir empfindet nun eine gewisse Erleichterung. Denn er hat dem Schein der Welt nie getraut.“

Amanecer ist in vielerlei Hinsicht zeitgenössisch. Stein spürt dem Verhältnis zwischen Mensch und Natur nach. Ihre Figuren und ihre Sprache geben sich dabei dem Reiz der „Mythenlehre“ hin, die auf einer binären Weltanschauung fußt, wie sie typisch ist für abgeschottete Communities: hier das Intensive, dort das Laue, hier das Wissen, dort das Know-How, hier die Nähe, dort die Distanz, hier das Leben, dort der Tod.

Dass die Gegenwart angeblich herabgewirtschaftet und tot ist, ist im Augenblick ein beliebter und je nach Deklinationsweise ziemlich konservativer Topos der Literatur. Die Diagnose taucht im ultraromantischen Manifest ebenso auf wie in den Debüts von Simon Strauß und Pascal Richmann. Stein ist sich dieser problematischen Konstellation durchaus bewusst. Dass der Traum, in den die Sekte in einem Labor versetzt wird, sich für einige als Albtraum erweist, in dem sich Grenzen zwischen Wachheit und Sedierung auflösen, das ist für die Autorin womöglich eine Art Absicherung, um darauf hinzuweisen, was passiert, wenn man sich einer Lehre dogmatisch hingibt: Es gibt keinen Ausweg mehr aus dem eigenen Kopf. Der letzte Satz von Amanecer markiert in dem Sinne das Ende einer solch gefährlichen Versenkung: „Wach auf.“

Ein Roman ohne kohärente Linie

Aber so richtig nehme ich dem Roman diese Ideologiekritik nicht ab, die wohl dazu dienen soll, die Rückbesinnung auf traditionelle lokale Wissenskulturen, wie die Guanchamánes sie betreiben, ex negativo zu legitimieren. Dafür ist Steins Sprache zu grandios, zu affirmativ vis-à-vis den Wundern des echten Lebens, die Aziza auf knapp zweihundert Seiten endlich erfahren darf: „Der Wal ist so nah, dass wir die Furchen und Seepocken auf seiner steingrauen Haut erkennen können. Ich blicke in sein geöffnetes Maul, größer als ich selbst, und auf das Hornplattendickicht, das sich darin zu einem außerirdischen Grinsen verzieht. In diesem Augenblick ist alle Düsternis aus meinem Innern fortgespült. Mein Herz ist ein sonnengewärmter Stein, der sich knackend ausdehnt.“

Bei alledem nimmt sich Stein, die Romanistik, Philosophie und Indologie studiert hat, etliche Freiheiten abseits des gängigen belletristischen Realismus – das ist eigentlich eine begrüßenswerte Abweichung vom Standard, gerade für eine Debütantin. Der Mimetismus, das heißt: das Konzept, durch eine möglichst getreue lineare Beschreibung der Welt als Text deren Erfahrbarkeit zu wiederholen, ist im derzeitigen Mischmasch aus Fiktionen, Semi-Fakes und Pseudo-Wahrheiten, eh an sein Ende gelangt. Mit seinen gestalterischen Mitteln kann er jedenfalls dem, was gerade im Flow der Medien und Wirklichkeiten abgeht, nicht gerecht werden. „Chaotisch, fragmentarisch, an- und abschwellend, zugleich unzusammenhängend und untrennbar verbunden, weigert sich dieser Roman, die Illusion einer kohärenten Linie zu erschaffen und das Chaos zu glätten.“ So schreibt die 1995 geborene Stein auf literaturkritik.de über António Lobo Antunes’ Roman Ich gehe wie ein Haus in Flammen. Damit hat sie ihr eigenes Programm eigentlich ziemlich gut umrissen.

Statt dann auch selbst gelungen anti-linear zu erzählen, verausgabt der Text sich in Bildern und Assoziationen. Was als Wildwuchsprosa gedacht ist, die abseits der abgetretenen Pfade nach allen Seiten hin ausschlägt, ist bei näherem Hinsehen vor allem dauerbenebelt in Anbetracht all der Adjektive und Metaphern, die sich aneinanderreihen lassen, um Azizas psychedelischer Wahrnehmung zu entsprechen. Durch die träumerische Entgrenzung, ein an sich interessantes Prinzip, um einen Text zu enthemmen, lässt sich in Amanecer sprachliche Hudelei so recht einfach als subjektivistische Opulenz ausgeben: „Die zarten Kämme der Dünung streichen luftig über den flachen Strand und lösen sich wie Kiemen schillernder Fische in Abendlicht auf. Ich muss mich mit dem Meer versöhnen, bevor ich gehe.“

Ein Insider-Text

Angetrieben wird Amanecer durch eine Ladung Naturphilosophie, ein wenig New-Age-Flair und ein bisschen Simulationstheorie, wie sie die Poststrukturalisten vor einigen Jahrzehnten vortrugen. Das führt aber nicht wirklich irgendwo hin, so interessant die Kombi auch ein mag, ergeben sich aus ihr doch dringliche Fragen danach, wie sich „terrestrisch leben“ (Bruno Latour) lässt, wie sich das Verhältnis des Menschen zur Erde neu denken und darstellen lässt. Aber vielleicht muss ein Roman, der sich der Immersion ins Naturhafte verschreibt, Tools wie Analyse, Selbst- und Diskurskritik größtenteils ausblenden, um an sein Ziel zu gelangen. In Amanecer gibt es jedenfalls keine überzeugende Instanz, die Natur-Kultur-Fantasien als das bezeichnet, was sie eben auch sein können: „unser kindisches Verlangen nach Rückkehr und Regress, der Zwang Raum und Zeit einzustülpen.“ (Eva Hayward)

Bis zuletzt fragte ich mich, zu welchem Zwecke denn nun alles dekonstruiert, mythisiert, verphilosophiert und renaturiert wird. Ist das ein ökologisches Manifest, gepaart mit einer Kritik in der Nachfolge der deutschen Romantik, die sich an einem Realismus stört, der es uns nicht erlaubt, die „wahren“ Probleme zu ahnen? Ist es ein feministisches Projekt, die „Geschichte der Vernunft“ (Hélène Cixous) hinter sich zu lassen, indem die Sprache intensiviert wird? („Ich bin vor seiner trübseligen Rationalität davongerannt, denn ich spreche diese Sprache nicht, ich fürchte mich vor ihrem dunklen Sog, in dem kein einziges Wort mehr seine ursprüngliche Bedeutung trägt, in dem ich mich nicht zurechtfinde.“) Oder ist es eine Abfuhr an jegliche Funktionalität – nichts als wuchernde Ästhetik, die vorführt, dass sich eine unbändige Welt nicht bändigen lässt, schon gar nicht in und durch Literatur?

Als Insider-Text, der er leider bis zum Schluss bleibt, kann sich Amencer dieser und anderer Fragen leichthin entledigen, indem er sich zuraunt, nach tieferen Regeln zu operieren – genau wie die Guanchamánes, die mehr wissen als der uneingeweihte Rest. Sicherlich kann man sich während des Lesens auch bedenkenlos der „Mythenlehre“ hingeben und dem Roman darüber zusätzliche Einsichten bzw. Genüsse abgewinnen. Aber jenen, die auch als Lesende Distanz als Gewinn, nicht als Verlust erachten, verwehrt Amanecer das, was er der Hauptfigur schenkt – die Möglichkeit einer Teilhabe: „Zurückgeblieben ist ein Gewirr aus kryptischen Symbolen, die mir nichts mehr sagen. Die Regenbogenzeichen haben aufgehört zu mir zu sprechen.“

 

 

Abkehr vom Mann – Pauline Harmanges “Ich hasse Männer”

von Christina Dongowski

 

Ich würde Moi les hommes, je les déteste (zu deutsch: Ich hasse Männer) von Pauline Harmange wahrscheinlich nicht kennen, hätte nicht ein Typ namens Ralph Zurmély das Verbot des Büchleins in Frankreich gefordert und den Verlag mit einer Strafe von 45.000 Euro bedroht. Auch wenn es den Anschein haben könnte, Ralph Zurmély ist nicht der klassische sexistische Kommentar-Typ aus dem Netz, mit dem sich jede Frau herumschlagen muss, die etwas äußert, das auch nur entfernt nach Feminismus klingt. Nein, Ralph Zurmély ist Referent im französischen Ministerium für die Gleichstellung von Mann und Frau. Weiterlesen

Kunstautonomie als rechtes Ideal – Von Neo Rauch bis Uwe Tellkamp

von Peter Hintz

 

Wie mit einem ekelerregenden, persönlichen Angriff auf die eigene publizistische Arbeit umgehen? Der neue, gerade bei Wagenbach erschienene Essay Feindbild werden des Kulturwissenschaftlers Wolfgang Ullrich ist nicht nur Resümee seines Konflikts mit dem weltberühmten Leipziger Maler Neo Rauch, sondern zeigt, wie Ullrich im Modus der kunsttheoretischen Analyse wieder Distanz zu Rauch herstellen will. Rauch hatte letztes Jahr ein großformatiges Schmähporträt von Ullrich gemalt, das den ebenfalls in Leipzig lebenden Kritiker als sogenannten “Anbräuner” karikierte, der aus seinen Fäkalien Nazi-Vorwürfe auf eine Leinwand malt. Daraufhin wurde Ullrich zum Ziel rechter Blogs gemacht, die ihn nun mit einem digitalen Shitstorm überzogen, und zum Hohn versteigerte Rauch schließlich sein Gemälde auf einer großen Charityauktion. Weiterlesen