Kategorie: Kolumne

Quo Vadis deutscher historischer Roman – ein Appell für mehr Mut

eine Kolumne von Nadine Paque-Wolkow
Leseflaute. So kann man das Gefühl nennen, wenn man vor den prall gefüllten Regalen im Buchladen steht und trotzdem keine Lust hat zu lesen. Ich kenne dieses nagende Gefühl gut, denn es begleitet mich seit Jahren, wenn ich mir die Verlagsvorschauen für deutsche historische Romane anschaue. Und das ist schade, denn eigentlich liebe ich dieses Genre, seit meine Mutter mir mit zwölf – vielleicht etwas verfrüht – Ken Follets Die Säulen der Erde in die Hand gedrückt hat. Seitdem bin ich immer auf der Suche nach neuen, spannenden Geschichten aus der Vergangenheit, aber der deutsche Buchmarkt macht es mir wirklich nicht leicht.

„Eine starke Frau, die ihren Weg geht“, so ist das gängige Verkaufsargument für einen nennenswerten Teil der veröffentlichten Bücher in diesem Segment und ich habe von all den „starken Frauen“ im Laufe der Jahre gelesen: Von den Wanderhuren und Hebammen, den Bierbrauerinnen und Silberschmiedinnen. Aber mit der Zeit wurde mir klar, dass mir diese Art von Büchern einfach nichts gibt und ich habe lange versucht herauszufinden, was es ist, was mich an diesen Geschichten von vermeintlich „starken Frauen, die ihren Weg gehen“ so stört und warum ein großer Teil des deutschen Buchmarktes einfach nicht mehr für mich schreibt.

Es war damals halt so
Die inhaltliche Grundlage dieser Bücher ist fast immer dieselbe. Die Heldin ist eine schöne, weiße, unschuldige, aber gewitzte junge Frau. Sie hat große Pläne und Hoffnungen. Meist träumt sie davon einen bestimmten, meist schon im Titel des Romans angekündigten, Beruf zu ergreifen. Das ist aber Frauen untersagt. Oder sie will das Geschäft des Vaters übernehmen, aber auch das bleibt ihr zu Anfang verwehrt, weil die Protagonistin eben eine Frau ist. Dann kommt es aus heiterem Himmel zu einem Unglück, weswegen die Protagonistin alles verliert und sich von ganz unten wieder hocharbeiten muss.
An sich ist gegen diese Plotstruktur nichts einzuwenden. Wir alle wollen Erfolgsgeschichten lesen, in denen der/die Held*in Hindernisse überwindet und am Ende triumphiert. Das Problem mit diesen Geschichten ist, dass die Triebfeder des Ganzen meist Gewalt an Frauen ist. Vergewaltigung und sexualisierte Gewalt an Frauen sind so ein großer Teil von historischen Stoffen und so eine treibende Kraft für die einzelnen Geschichten, dass Verlage sie sogar schon auf den Rückencovern erwähnen, um so für das Buch zu werben.
Immer muss die Heldin Schreckliches erdulden, wird in Erzählungen, die im Mittelalter und der frühen Neuzeit spielen, gern und oft als Hexe denunziert, dann über mehrere Kapitel gefoltert und/oder sehr plastisch „geschändet“, um schließlich von der Gesellschaft verstoßen zu werden. Das diese Szenen in den seltensten Fällen im gebotenen Maße aufgearbeitet werden, versteht sich von selbst. Warum sollte man sich diese Mühe auch machen – denn meist findet die Protagonistin am Ende den Mann fürs Leben, der alle ihre schlimmen Wunden mit Liebe heilt.
Jede Kritik am Aufbau dieser Geschichten wird mit dem Argument „es war damals eben so“ erstickt. So als wäre sexualisiere Gewalt gegen Frauen ein Problem von damals. Schlimmer noch, es normalisiert Vergewaltigung, weil es andeutet, dass die Leute damals es eben nicht besser gewusst haben. Natürlich wussten auch die Menschen im Mittelalter, dass Vergewaltigung Unrecht ist, aber sie ist für viele Autor*innen immer noch ein Stilmittel, um das Zeitalter als „finster“ und „rückständig“ darzustellen. So verlegt man beispielsweise auch die Hexenverfolgung vom 16./17. Jahrhundert ins Mittelalter oder reproduziert immer wieder die Legende des „ius primae noctis“ – dem „Recht der ersten Nacht“ eine Praktik, die historisch nicht eindeutig belegt ist, einfach nur, um noch mehr Gründe zu haben die Protagonistin zu quälen.
Denn die Heldin muss da durch. Sei es (sexualisierte) Gewalt, Zwangsheirat oder Folter – die Welt dieser Romane ist ein Scherenschnitt aus Schwarz und Weiß. Alle Männer sind grundsätzlich darauf aus der weiblichen Hauptfigur Gewalt anzutun. Es sind wahlweise widerliche Typen, die sich nie waschen, Läuse und keine Zähne mehr haben, oder sie haben eine Machtposition inne, die sie schamlos ausnutzen, um sich der Protagonistin aufzudrängen. Insgesamt kennzeichnet das Buch sie deutlich als „die Bösen“. Ihnen gegenüber steht der einzige Kerl, in den die Protagonistin sich verliebt. Er ist relativ schnell ausgemacht, denn er ist der einzige Mann, der sich wäscht und genauso moderne Ansichten vertritt, wie die Protagonistin.
Denn das eigentliche Ziel unserer Heldin ist nicht die Silberschmiede oder das Kaufhaus des Vaters zu übernehmen, sondern zu heiraten und Kinder zu bekommen, damit man so die jeweilige „Saga“ noch über ein paar Generationen weiterführen kann. Der Mann ist also die Belohnung für alles, was der Protagonistin davor passiert ist.

Ein Buchmarkt, der nicht für mich schreibt
Wenn man mich fragen würde, was ich mir vom deutschen Buchmarkt im Allgemeinen und für historische Romane im Speziellen wünschen würde, ist es: Mehr Mut. Mehr Mut Geschichten zu erzählen, die sich nicht in die bequeme, biedere Hängematte der Familiensaga legen. Geschichten, die einem roten Faden folgen, Geschichten die wirklich etwas zu erzählen haben und nicht ihre Grundidee in aufgebauschtem Drama und Essensszenen zu ersticken.
Ich will nicht immer nur Heldinnen sehen, die normschön in den Augen der Leser*innen von heute sind. Gertenschlank, mit wallendem lockigen Haar bis zum Hintern und üppigen Busen und natürlich sind alle weiß, cis und heterosexuell. Denn wenn Autor*innen dann mal den Schritt gehen und nicht heterosexuelle Figuren in ihre Geschichten einbauen, wird es meist sehr schnell ganz finster.
Denn auch hier werden meist schädliche Tropes reproduziert. Vor allem queere Männer sind meist Antagonisten und ihr Schwulsein muss als Grund für ihre Verbrechen herhalten. Oder sie sind die als unmännlich markierten Figuren, die man bitte nicht ernst nehmen soll. Diese Figuren haben meist keinen eigenen Plot und sind in den allermeisten Fällen nur dazu da, um zu leiden. Ein Happy-End ist für nicht heterosexuelle Figuren nicht vorgesehen. Man könnte ausführlich darüber schreiben, dass lesbische Figuren grundsätzlich ganz ausgeklammert werden oder dass bi/pansexuelle nur vorkommen, um zu zeigen, wie unersättlich sie sind und dass man mit ihnen nie eine Beziehung eingehen kann, aber das würde den Rahmen sprengen. Das was mit nicht heterosexuellen Figuren in historischen Stoffen passiert ist keine Repräsentation, es ist schädlich. Liebe Autor*innen, Verlage und Leser*innen: Habt mehr Mut. Die Welt ist groß, die Geschichte der Menschheit ist bunt und vielfältig und sie ist überall. Ich würde euch mit all meinem Geld bewerfen, wenn ihr mir diese Geschichten geben würdet. Ich höre oft das Argument, dass es unrealistisch wäre, und dass es im europäischen Mittelalter eben keine BIPoC gegeben habe, oder dass man damals eben nicht „schwul sein durfte“. Dabei gab es immer nicht weiße Menschen in Europa und immer Menschen die nicht cis/hetero waren. Und dann diskutiert man mit Leuten, die es realistisch finden, dass eine Frau magische Hände hat, aber ein schwuler Protagonist ist historisch nicht korrekt.
Ich diskutiere auch auf Twitter lang und breit mit Autor*innen und Leser*innen warum das Genre sich nicht bewegt und jeder schiebt dem anderen die Schuld zu. Die Leser*innen wollen das doch, sagen die Autor*innen und die Verlage: es wird doch gekauft. Gleichzeitig wundert man sich, warum man nur so schwer neue Leser*innen generiert und das Genre stagniert.
Ich für meinen Teil werde nie müde mehr von meinem Lieblingsgenre zu fordern. Geschichten, die nicht auf dem Leid von Frauen aufbauen. Geschichten von und über marginalisierte Gruppen, am besten von Own Voice Autor*innen, man wird ja wohl noch träumen dürfen.

Im Wartesaal der Weltgeschichte – (Digitales) Zeitbewusstsein in der Pandemie.

von Carla Kaspari

 

Seit Termine und Uhrzeiten vielfach dem metaphorischen Stillstand der Welt zum Opfer gefallen sind, nimmt man sich auch der Zeit wieder ausführlicher an. Sonst maßgeblich in ihrer Funktion zur Taktung des überfrachteten Alltags wahrgenommen, rückte sie in Lockdown-Zeiten anders in den Mittelpunkt: Sie stand still, teilweise wurde das Gefühl für sie völlig verloren, hin und wieder nutzte man sie ausgiebig, sie wurde totgeschlagen oder ihr aktuelles Dasein mit einem Loch verglichen.

Auch abseits prä-pandemischer Achtsamkeits-Trends leben viele Menschen ohne kulturelles Angebot, Kneipen oder Reisen zunehmend im Hier und Jetzt, haben endlich mal wieder Langeweile oder geben sich ganz einfach dem hin, was sie als Zeit empfinden. Fest steht: Unsere derzeitige Gegenwart, die uns nicht wie sonst bildstark in den Fingern zerrinnt oder ein breites Angebot an Zerstreuung liefert, bietet Gelegenheit, auch in Bezug auf sie selbst innezuhalten und ihre akute Beschaffenheit genauer in den Blick zu nehmen. Nur wie?

Für Hans Ulrich Gumbrecht, Romanist mit Hang zur Gegenwart, ist sie vor allem eins: breit. In ihr, so konstatiert er in mehreren seiner Werke zum Thema[1], laufen die Vergangenheit, die uns dank ihrer minutiösen elektronischen Speicherung überschwemme, und die bedrohliche, da unangenehm ungewisse Zukunft, zusammen. Dieses Zusammenlaufen könne nicht mehr als eindimensionale Zeitinstanz; auch nicht mehr als Übergang zwischen vergangenem und zukünftigem Moment gedacht werden.

Stattdessen definiert sich sein, schon vor Corona entwickeltes, Jetzt, als chronotopisches Wirrwarr, als breites Spielfeld der Gleichzeitigkeiten, auf dem sich Ansätze in die Zukunft und in die Vergangenheit tummelten und nebeneinander eine Art hoch bewegter Stagnation erzeugten. Nicht – wie andere populäre Gegenwartsdiagnosen –  als punktuell, flüchtig oder einzigartig beschreibt Gumbrecht sie, sondern als gut gefüllten Wartesesaal der Weltgeschichte. Unser Jetzt komme nicht aus der Abgrenzung zum Vorher oder Nachher und erst recht nicht aus sich selbst, sondern speise sich immer aus der Latenz, der ereignisleeren Verzögerung.

Wie die Zeit an sich, ist auch das, was als Gegenwart empfunden wird, zunächst nicht fassbar. Als flüchtiger Zustand kann unser Jetzt, wenn überhaupt an oder mithilfe ästhetischer Darstellung artikuliert werden. Schon immer bieten sich vor allem Erzähltexte durch ihre inhaltliche Ausrichtung  – man denke bespielsweise an den Zeitroman – und ihre formalen Eigenheiten an, ein bestimmtes Zeitempfinden auszudrücken: Wie wird Zeit erzählt? Wird sie gerafft oder gedehnt? Wie wirkt sich der Text auf mein Zeitempfinden aus? Das digitale Zeitalter hat den Vorteil, keine expliziten Erzählgenres mehr zu brauchen. Da das Internet an sich textbasiert ist und in Chats, auf Blogs oder diversen Social Media Plattformen beinah in Echtzeit kommuniziert, geschrieben und so eben erzählt wird, bietet es direkten Einblick in die ästhetische Darstellung unseres Jetzt.  

 Gumbrechts Diagnose traf so bereits vor der pandemischen Gegenwart überraschend eindrücklich auf digitale Textproduktion und ihre Erzählweisen zu. Man denke beispielsweise an den Kurznachrichtendienst Twitter in seiner Lesart als simultane Erzählwelt: Diese, zu großem Teil aus präsentischen Miniaturerzählungen bestehend, kann auf dem Spielfeld der Plattform ziemlich genau als das latente Nebeneinander diverser Jetzt-Zeiten gelesen werden, das er als breite Gegenwart definiert.

Nun, da das westliche Leben noch mehr als sonst in den digitalen Raum rückt und die ereignisleere Verzögerung so präsent wie nie ist, scheint sich dieser Eindruck zu verstärken. In Zeiten, in denen jede und jeder gleichzeitig bei Instagram live geht, online Corona-Tagebücher schreibt, 25 Tweets pro Stunde absetzt oder seinen Alltag in diversen Gaming-Welten verbringt, sind Erzählformate des Internets als Kommunikations- und Ausdruckswerkzeug mehr denn je gegenwärtig. Im diffusen Zeitnebel werden sie zu einem wichtigen Strukturmerkmal unsere Gegenwart, und mehr: Fast könnte man so weit gehen, das öffentliche Leben und seine Jetzt-Zeit aktuell beinahe vollständig in den digitalen Raum und seine Erzählungen verlagert zu sehen, die sich in Echtzeit ablesen lassen und Gegenwart so minutiös dokumentieren, dass sie greifbar wird wie selten.

Der bildliche Wartesaal der Weltgeschichte, in dem sich unsere Gegenwarten tummeln, wird so für viele zumindest virtuell Realität. Ästhetische Artefakte in Form von Chatverläufen, Twitter-Timelines, Instagram-Stories oder Fortnite-Sessions lassen sich als eindrucksvolle Inaugenscheinnahme unseres Jetzt lesen. Auch das stand für Gumbrecht übrigens schon vor der Krise fest: Artefakte, das seien keine historischen Ideen mehr, sondern nur noch Resultate menschlicher Kommunikation.

 

[1] Vgl. beispielsweise Hans Ulrich Gumbrecht: Unsere breite Gegenwart. Frankfurt a. M. 2010 oder Gumbrecht: Präsenz. Berlin 2012. 

 

Photo by Lukas Blazek on Unsplash

Erstmal losbauen, bitte! – Arbeitsbedingungen im Literaturbetrieb

Eine Kolumne von Jasper Nicolaisen

Bücher schreiben ist manchmal wie Fertighäuser bauen. Die Arbeitsbedingungen sind aber bedeutend schlechter.

Ich freue mich! Eine Mail von der Agentur, dass es zwar jetzt in Corona-Zeiten schwierig sei, überhaupt noch Manuskripte zu verkaufen, dass aber einer der beiden infrage kommenden Verlage nach Lektüre von Exposé und Textprobe gern das ganze Manuskript hätte – na, sagt die Agentur, bisschen viel des Guten, so hundertzwanzig Seiten werden es doch fürs Erste auch tun.

Ich freue mich, ehrlich. Es ist gut, dass die Agentur am Ball geblieben ist, es ist schön, dass ein Verlag sich interessiert, es wäre eine sehr große Freude, wenn das lang überlegte Buch Wirklichkeit werden würde. Und doch spüre ich einen Hauch von Müdigkeit. Es fällt schwer, die Hände auf die Tastatur zu legen. Ich hab´s halt schon so oft erlebt und stand so oft bei anderen daneben. Gefällt uns super, sagen die Verlage. Schreiben  Sie doch bitte erstmal das ganze Buch. Ohne dass wir irgendwas zusichern oder unterschreiben. Dann sehen wir weiter. Vielleicht – sehr oft – haben wir dann doch keine Lust mehr auf das Buch. Nicht, weil es schlecht geschrieben wäre und nicht unseren Erwartungen entspricht. Ganz im Gegenteil, es ist super. Aber. Es gibt unvorstellbar viele  „Abers“. Es passt nicht ins Programm. Es ist nicht wie die anderen Bücher. Es ist zu sehr wie die anderen Bücher. Ich hatte vergessen zu sagen, dass wir dieses Jahr gar kein Geld mehr haben.

Und nicht nur das. Oft ging es danach noch weiter mit der Unsicherheit. Gekauft haben wir es zwar, aber es wird doch nicht veröffentlicht. Veröffentlicht wird es zwar, aber ein Werbebudget haben wir dieses Jahr leider nicht mehr. Wir haben es zwar veröffentlicht und auch beworben, aber es hat sich nicht verkauft. Oder 15% zu wenig.

Aber schicken Sie gerne mal wieder was. Top-Autor, gerne wieder. Wenn Sie wieder mal was haben, immer her damit! Sie schreiben ja so toll. Ich bewundere Ihre Arbeit. Nicht böse sein, gell?

Ich muss dazu sagen, dass es sich bei meinem geplanten Projekt – und allen anderen, die ich auf diese Weise habe scheitern sehen –, um marktgängige Unterhaltungsliteratur handelt. Um konfektionierte Ware, die streng definierten Genre- und Stilvorgaben folgt. Wenn ein Verlag von so einem Projekt ein (bereits mit einer Agentur rundgeschliffenes) Exposé und eine längere Textprobe bekommt, weiß er zu 99%, wie das fertige Buch aussehen wird.

Wir reden hier nicht von hoch individuellen, experimentellen Romanen, die ohnehin nur ein Nischenpublikum interessieren – Nischenpublikum, das bedeutet in diesem Fall, ein paar tausend Leute. Solche Bücher, die in der Regel bei Kleinverlagen erscheinen, bedürfen tatsächlich einer sorgfältigen Prüfung und es ergibt Sinn, hier das ganze Manuskript anschauen zu wollen. Zum einen, um beurteilen zu können, was einen da erwartet, zum anderen, weil kleine Verlage solche Projekte oft mit purer Begeisterung in die Welt hieven. Von der nächsten dreibändigen Elfensaga oder dem x-ten Regionalkrimi muss ich als Verlagsmitarbeiter nicht unbedingt restlos begeistert sein. Er muss funktionieren, er muss stimmen, er muss seine Funktion erfüllen. Wenn ich hingegen weiß, dass ein Roman selbst im besten Fall nur die Büromiete für das nächste Buch einbringt, muss ich ihn schon wirklich lieben.

Fein. Dafür bekomme ich als Autor*in auch die Betreuung mit Begeisterung, die Freiheit, einer kreativen Vision zu folgen, die erst mal vielleicht nur ich und die Lektorin verstehen, den Drive, dass die tausend Leute, die dieses Buch lieben werden und es bloß noch nicht wissen, in mühevoller Kleinarbeit davon überzeugt werden.

Aber ich spreche hier von dem Buchäquivalent zu einem Einfamilienhaus in Fertigbauweise. Ich habe übrigens nichts gegen solche Bücher, im Gegenteil. Ich bin sehr für Bibliodiversität. Es soll möglichst alles geben: das wirre Experiment ebenso wie den Badewannenschmöker, die kalte Entzauberung ebenso wie die Wiederverzauberung der Welt nach einem beschissenen Arbeitstag. Hätte ich Dünkel gegenüber Unterhaltungsliteratur, würde ich wohl kaum welche schreiben wollen. Nein, mein Punkt ist folgender:

Um bei dem Beispiel mit dem Fertighaus zu bleiben: Wenn ich den Grundriss kenne und mich überzeugt habe, dass die Baufirma ähnliche Häuser hier und da schon mal auf eine Wiese gestellt hat, dann sollte ich mich entscheiden können, ob ich das Haus auch will oder nicht oder ob wir vielleicht am Grundriss noch ein bisschen herumradieren müssen, bis es für mich passt. Dann muss ich mindestens eine Anzahlung leisten, damit die Bagger anrücken.

Was allzu oft geschieht, ist aber, dass gerade große Publikumsverlage mit breitem Programm bis zur Drucklegung und darüber hinaus wirklich jedes Risiko auf die Schreibenden abwälzen wollen. Es heißt dann gewissermaßen: Bauen Sie doch bitte schon mal los. Wir zahlen noch nicht, wir gucken erst mal. Haben Sie vielleicht auch blaue Fenster? Geht es doch unterkellert? Meine Tante wünscht sich ein Schloss. Zelte sind ja jetzt sehr gefragt, gerade wegen der Heizkosten … Leider, leider richten wir an der Stelle jetzt doch ein Naturschutzgebiet ein. Oh, meine Vorgängerin hat leider nicht bedacht, dass wir ja gar kein Geld zum Bauen haben. Pech aber auch. Nichts für ungut. Gerne wieder. Wenn Sie mal wieder was anzubieten haben … Ihre Häuser sind die schönsten! Bauen Sie doch gleich mal wieder los, gleich da drüben. Vielleicht diesmal so im Mid-Century-Stil, das soll jetzt sehr gefragt sein …

Gründe dafür gibt es viele. Zum einen sind große Verlage auch nur Firmen mit vielen Abteilungen, die sich alle rechtfertigen müssen. Vom Layout bis zum Vertrieb will jeder noch irgendwie mitreden, um zu zeigen, dass es gerade auf ihn besonders ankommt und dass die anderen ohne ihn verloren wären. Hinzu kommt die tiefe Unsicherheit, die die Branche seit geraumer Zeit erfasst hat. Niemand weiß so richtig, wie es mit Büchern weitergeht. Die gesamte Mittelklasse, sowohl an Verlagen als auch im Programm, was die Auflagen angeht, wurde weggespart. Es gibt zunehmend  ganz groß und ganz klein. Jedes Buch muss Bestseller sein, es gibt kaum noch Spielräume für Titel, die so mäßig gehen.

Und hier unterscheidet sich eben die Buchbranche nicht von allen anderen Produktionszweigen. Der Nimbus der großen Kunst verschleiert oft den Blick dafür, dass die Kulturindustrie auch nur eine Industrie ist, und Autor*innen ihre Arbeitskraft verkaufen wie Kassierer*innen und freiberufliche Therapeut*innen. Und wie in allen Feldern wird das Produktionsrisiko so weit wie möglich nach unten durchgereicht. Die Produktion wird ausgelagert, und wenn alles schief geht, gehen zuerst die Zulieferer pleite, nicht die große Player.

Das alles soll nicht larmoyant klingen. Mich zwingt niemand, Bücher zu schreiben und sie verkaufen zu wollen. Und immerhin habe ich Angebote, kann ich mich verwirklichen, wie es andere nicht dürfen. Aber es sollte doch festgehalten werden: Das Verwirklichen ist allzu oft nur der Zuckerguss auf dem recht bitteren Gebäck der Produktionsverhältnisse, die beim Schreiben nicht anders sind als anderswo.

“Scheiße” – Der Film ‘Die Getriebenen’ dramatisiert die große Politik

Eine Kolumne von Charlotte Jahnz

 

Wie ist es eigentlich um die deutsche Spielfilmkunst bestellt? Gibt es hierzulande zum Beispiel spannende Dramatisierungen von Tagespolitik? Spannungsreich genug wäre die Politik ja in jedem Fall. Aber beginnen wir mit einem Zitat: „Alexis, das hier ist viel größer als wir beide. Es geht darum, ob das Europa, das wir kennen, morgen noch besteht.“ Diese Sätze spricht Imogen Kogge als Angela Merkel zu Vasilis Spiliopoulos, der im ARD-Spielfilm Die Getriebenen den ehemaligen griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras geben darf. Sie sagt das recht weit am Anfang, denn eigentlich geht es in Die Getriebenen ja gar nicht um die „Griechenland-“ sondern um die „Flüchtlingskrise“.

Sätze wie diese fallen jedoch den ganzen Film hindurch immer wieder und erwecken den Eindruck deutsche Spitzenpolitiker*innen verwendeten hinter den Kulissen eine Sprache für die sich sogar die Autor*innen deutscher Daily Soaps in den 90er Jahren geschämt hätten. Besonders absurd wirken diese Dialoge, weil der Film auch immer wieder auf Originalaufnahmen des Jahres 2015 zurückgreift, in denen sich die Politiker*innen ganz anders artikulieren. So wird der Kontrast zu den Hintergrund-Dialogen noch einmal verstärkt.

Die Getriebenen basiert auf dem gleichnamigen Sachbuch des Weltjournalisten Robin Alexander und möchte die Geschehnisse in der deutschen Politik während des Sommers 2015 rekapitulieren. Der Film, der, so vermeldet es jedenfalls Wikipedia, eigentlich ab Ende März in den deutschen Kinos laufen sollte, wurde dann aber wegen der Corona-Epidemie am 15. April in der ARD ausgestrahlt und soll am 1. Mai auf One wiederholt werden. 

Die Getriebenen springt zwischen Brüssel, Berlin und Budapest hin und her und produziert eine Reihe tragischer Figuren – eigentlich gewinnt niemand. Sei es die beiden karrieristischen Charaktere Markus Söder oder Sigmar Gabriel, die aus purem Kalkül agieren, um ihre jeweiligen Gegner vom Thron zu stoßen oder der sich unverstanden fühlende Viktor Orbàn, der anscheinend Politikerinnen nicht ernstnehmen kann. In Die Getriebenen bekommen reale Politiker*innen Charakterzüge zugeschrieben, die man vielleicht vermuten, nicht aber belegen kann und auch das Casting funktionierte anscheinend vor allem ausgehend davon, wie ähnlich die Schauspieler*innen den realen Vorbildern sehen.

Tristan Seith etwa, der Peter Altmaier verkörpert, verpasste man eine künstliche Hasenscharte, die für das Verständnis des Sommers 2015 anscheinend von großer Bedeutung ist. Auch, dass Altmaier in seinem Büro eine riesige Schlachtplatte vor sich stehen hat und die angebissene Wurst fallen lässt als er wieder irgendeine dringende Nachricht erhält, ist anscheinend wichtig, um die deutsche Politik dieser Tage verstehen zu können. Schade ist eigentlich nur, dass die vielzitierte Modelleisenbahn im Keller von Horst Seehofer in diesem Film keine tragende Rolle spielt. Man könnte annehmen, dass Die Getriebenen als Satire gemeint ist, aber dafür nimmt sich der Film zu ernst, wenn zum Beispiel in dunkler Nacht in einem nicht lokalisierbaren Serverraum eine konspirative E-Mail verschickt wird. Dann entsteht das Gefühl, statt an der Guttenberg-Satire Der Minister, die 2013 auf SAT 1 lief, orientiere sich der Film plötzlich an Homeland oder House of Cards.

Aber dieser Ausflug ins Thrillerhafte ist nur kurz, die Politiker*innen müssen schließlich wie ‘ganz normale Menschen’ wirken. Ein kranker de Maizière hustet sich durch den Film und die Zuschauer*innen erhalten auch einen höchst privaten Einblick in die Privatwohnung der Bundeskanzlerin. In einer relativ bescheidenen Berliner Altbauwohnung fläzt die Kanzlerin auf dem Sofa und diskutiert mit ihrem Ehemann ihre politischen Entscheidungen. Passend auch, dass die beiden im Sommer 2015 in Österreich urlaubten. Ohne schöne Landschaftsaufnahmen wäre dieser Film kein deutscher und ohne das richtige Hotel, in dem Merkel 2015 Urlaub machte, wäre der Film mit Sicherheit auch nicht historisch akkurat. Denn gerade Filme über historische Gegebenheiten müssen sich peinlichst an die kleinsten historischen Details halten, sonst ist die Geschichte nicht wie sie eigentlich gewesen ist. Inwiefern fünf Jahre nach 2015 überhaupt von bereits vollständig erfassten historischen Zusammenhängen gesprochen werden kann, bleibt aber eine offene Frage, die der Film nicht beantwortet.

All diese Umstände führen zu dem unangenehmen Eindruck, die Macher seien sich gar nicht so sicher, ob sie hier vielleicht nicht doch eine schlechte Parodie des deutschen Politikbetriebs produzieren, der ein viel besseres Vorbild etwa in der Reihe Berlin Bundestag und Nacht des Neomagazin Royal findet. Wären da nicht das „historische“ Material des Jahres 2015, das – wo es schon einmal da ist – natürlich auch genutzt wird. Ertrunkene Kinder und zusammengepferchte Menschen im Bahnhof Keleti in Budapest dürfen die Dramatik dieses Filmes steigern, bleiben aber ohne Stimme und dienen nur der Atmosphäre des Filmes. Unterlegt sind diese Bilder mit EKG-Tönen, deren Sinn sich leider überhaupt nicht erschließt und vermutlich noch einer eingehenderen Interpretation bedürften, die an dieser Stelle aber wirklich nicht geleistet werden kann.

Dass das Verwenden dieses Originalmaterials nur basalen dramaturgischen Nutzen haben soll, wird auch in einer Szene deutlich, in der Merkel mit ihrem Beraterstab im Kanzleramt zusammensitzt und Altmaier der Zweifelnden verschwörerisch zuraunt: „Schauen Sie sich mal die Bilder aus München an.” Die „Willkommenskultur“ dient lediglich als Eskapismus für die getriebene Bundeskanzlerin. Als Rückkopplung in die „deutsche Bevölkerung“ dient eine kurze Szene in irgendeiner deutschen Ausländerbehörde. Während man die Regierung also „menschlich“ darstellen möchte, fehlen Vertreter*innen der Zivilgesellschaft in diesem Film fast durchweg. Dabei wäre dieser Kontrast und die realen Auswirkungen von Politik interessant gewesen, um die Auswirkungen politischer Entscheidungen darstellen zu können. Sie werden aber lediglich mit Merkels Besuch in Heidenau und dem ihr entgegenschlagenden Hass verbunden, vermutlich damit man auch noch einmal alle Beschimpfungen gegen die Bundeskanzlerin zu hören bekommt, die man seit 2015 sowieso täglich auf Facebook-Seiten, Twitter oder auf bestimmten „Nachrichtenseiten“ lesen kann.

Aber nicht alle halten Die Getriebenen, so wie ich, für eine vollkommene Katastrophe. Im Feuilleton von ZEIT und der Süddeutschen Zeitung überschlugen sich die Kommentatoren mit Lob. Heribert Prantl nannte den Film „ein echtes Erlebnis“, Thomas E. Schmidt ein „veristisches Dokudrama“ und „großes Spiel“. Das letzte gesprochene Wort in Die Getriebenen lautet übrigens „Scheiße“ und kommt von Merkel. 

 

Photo by Andre Klimke on Unsplash

 

Geht’s noch, Literaturbetrieb? Über vertane Chancen

Eine Kolumne von Dana Buchzik

Diese Zeit potenziert alle Probleme, alle Missstände, ob im Gesundheitswesen, in der Kinderbetreuung, in der politischen Kommunikation oder in der eigenen Beziehung. Wir lernen vieles, was wir nie wissen wollten, und manches macht uns schlichtweg fassungslos. Der Literaturbetrieb präsentiert aktuell ein weiteres Mal die Arroganz einer selbsterklärten Elite, die sich gescheitertes Unternehmertum und verschlafene Digitalstrategie nicht eingestehen will, sondern lieber Amazon als Bösewicht deklariert, der sich anmaßt, datengestützt zu behaupten, dass Buchkäufe aktuell nicht das dringlichste Bedürfnis der deutschen Bevölkerung darstellen. Feuilletonisten erinnern Konsumenten an ihre quasi-moralische Pflicht, Indie-Buchläden zu unterstützen, die jetzt in die Knie gehen, weil sie eben nur zu Schuljahresbeginn und zu Weihnachten mehr als zehn Kunden am Tag gesehen haben. Der Vizepräsident des PEN-Zentrums sieht durch geschlossene Buchhandlungen die Demokratie gefährdet, weil der „Zugang zu Büchern und damit zu Wissen und Information“ eingeschränkt würde. (Ein wahrer Satz wäre das vielleicht in den 1980ern gewesen, vor der Entwicklung des World Wide Web.) Eine Buchhändlerin behauptet, Buchhandlungen seien „die symbolische Heimat der Geschichten“ und müssten geöffnet bleiben, damit die „komplexe haptische Wirkung des Buches“ wieder von der Bevölkerung erfahrbar werde. Wer sich allerdings bislang nicht für komplexe haptische Wirkungen begeistern konnte, wird auch jetzt nicht damit anfangen. Und wer begeistert war, wird noch das eine oder andere ungelesene Buch zuhause haben.

Geht es hier eigentlich noch um Kultur oder schon um die Aufhübschung eigener Interessen?

„Keine Zeitung dieser Welt, keine Pressekonferenz kann den Informationsgewinn durch Lesen von Literatur ersetzen“, schrieb Mely Kiyak am 1. April und beklagte, dass geplante Buchpublikationen von den Verlagen verschoben wurden.

Klar, der nächste Berlinroman oder die nächste nachdenkliche Provinzheimkehr junger Hipster würden uns jetzt als Gesellschaft weiterbringen! Immerhin hat Kiepenheuer & Witsch es noch geschafft, dem feministischen Künstler Till Lindemann die Möglichkeit zu geben, das brandneue und literarisch hochwichtige Thema „Männliche Vergewaltigungsfantasien“ lyrisch zu erspüren; dieser Gedichtband, Anfang April übrigens Bestseller Nummer 1 in der Amazon-Rubrik Lyrik & Gedichte, wird das Volk der Dichter und Denker sicherlich intellektuell für harte Zeiten wappnen. Die anderen werden vielleicht von den paar Buchhandlungen errettet, die es im Jahr 2020 tatsächlich geschafft haben, einen Lieferdienst oder die Anbindung an einen Onlineshop jenseits von Amazon hinzukriegen. Ohnehin, legt Felix Stephan in der SZ nahe, leide ja derzeit vor allem das Geschäft mit Unterhaltungsromanen, ein seit jeher vom Feuilleton ver- bis geschmähtes Genre. Umso begeisterter zeigt sich Stephan von aktuellen,  den “Umständen entsprechend” glänzenden Verkäufen literarischer Werke, deren Erfolg er natürlich vor allem seinem eigenen Arbeitsbereich zuschreibt. Feuilletonartikel mit bewährter Bürgertumszielgruppe und überhaupt alles, was zum “prädigitalen Literaturbetrieb” dazu gehört, trügen die Branche durch die Krise, so Stephans fast schon rührendes Fazit.

All das kann Schriftsteller nicht beruhigen. Nicht der Betrieb, der Kreative systematisch ausbeutet, wird jetzt zum Feind erklärt, sondern der Staat. „Das Geld ist doch da!“ tönt es allerorten. Kreative avancieren zu Volkswirten und verfassen Petitionen, in denen sie Soforthilfen, Steuervergünstigungen oder gleich Grundeinkommen einfordern. Sei es der milliardenschwere Rettungsschirm des Bundes, der Sozialfonds der VG Wort, die Nothilfen der GEMA, die Stundungsoption von KSK-Beiträgen, die Stundungsoption von Steuerzahlungen oder der erleichterte Zugang zu Hartz IV: All das reicht nicht, um die Kränkung der deutschen Künstler zu mildern. Denn Hartz IV ist, wie es der Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller formuliert, für die, die sich dem Nichtstun ergeben. Hartz IV ist für die anderen, für die Kranken und Schwachen, die jetzt halt irgendwie zusehen müssen, wie sie ohne Zuschüsse klarkommen, während immer mehr Tafeln schließen. Künstler aber, die Stimmen der Vielfalt, die Geschichtenerzähler unserer Zeit, müssen sich jetzt darauf fokussieren, dass die „Künstler-Ehre“ nicht angetastet wird, die vom jahrzehntelangen Mitwirken in einem ausbeuterischen System und dem sporadischen Retweeten von Posts zu Moria oder unterbezahlten Erntehelfern schon zur Genüge strapaziert ist.

Nina George ist eine von wenigen, bei denen anklingt, dass nicht der Staat das Problem ist, sondern der Kulturbetrieb selbst, mit seiner systematischen Untervergütung und seinen, diplomatisch formuliert, semiprofessionellen Plattformen und Verwertungsstrategien. Die einzig denkbare positive Nebenwirkung dieser fatalen globalen Pandemie wären kritische, fundamentale Fragen. Etwa, warum wir an Strukturen partizipieren, die es uns verunmöglichen, Rücklagen zu bilden. Mehr noch: Die uns dem Bankrott aussetzen, sobald Wirtschaft oder eigene Gesundheit schwächeln. Oder die Frage, auf welcher Datenlage eigentlich die vollmundige Behauptung basiert, dass Kultur und Kulturorte „unverzichtbar für ein lebenswertes Leben“ seien. Wenn dem so wäre: Warum müssen Theater und andere Veranstaltungsorte im großen Stil vom Staat bezuschusst werden? Warum ersetzen Verlage volle Stellen mit Praktikanten und Volontären? Warum brauchen die meisten Künstler „Brotjobs“, um ihre Krankenkassenbeiträge zahlen zu können? Wenn Kultur überlebenswichtig ist für mehr als die Menschen, die tatsächlich von ihr leben, warum drückt sich das nicht in Zahlen aus?

Photo by 🇨🇭 Claudio Schwarz | @purzlbaum on Unsplash

Arbeit in Unterhosen – Die Ästhetik des Privaten in Zeiten der Pandemie

Eine Kolumne Von Berit Glanz und Johannes Franzen 

 

Die Pandemie, die gerade das gesellschaftliche und kulturelle Leben überall auf der Welt lahmlegt, hat den seltsamen Nebeneffekt, dass man plötzlich Einblicke in allerlei Wohnzimmer erhält. Professionelle Kommunikation verliert ihre professionellen Raum und findet im Privaten statt, vor der Kamera im Video-Chat. In amerikanischen Comedy-Formaten wie Stephen Colberts Late Show oder Trevor Noahs Daily Show wird diese Herausforderung gleichermaßen umgesetzt und parodiert. Der Rahmen, in dem die Shows gefilmt werden müssen, ist denkbar unangenehm: Kein Publikum kann die Witze durch Lachen affirmieren und damit als Witze bestätigen. Eine gespenstische Stille folgt auf die Pointen. Diese missliche Lage wird ausgeglichen durch die ständige Inszenierung des authentisch Privaten, durch Freizeitklamotten, durch den Verweis auf Familienmitglieder im Hintergrund, durch klar identifizierbare persönliche Gegenstände. Colbert trägt in einer Folge, obwohl ihm die Zuschauer gesagt haben, dass er das nicht machen solle, einen Anzug, aber dann steht er auf, und man kann sehen, dass er untenrum nur seine Unterhose anhat.

Die Pointe beruht auf der selbstverständlich konstruierten, aber für die Funktionsweise moderner stark differenzierter Gesellschaften extrem wichtigen Unterscheidung von professionell und privat. Die plötzliche Überführung privater Komponenten in professionelle Kontexte, die zentral ist für die digitale Vernetzung der nun im Home-Office arbeitenden Kolleg*innen führt zu interessanten Formen von Selbstinszenierung und Überlegungen zu neuen Anforderungen an eine Berufsetikette. Darf ich mit meinem Boss videochatten, wenn ich unter dem Schreibtisch nur meine Pyjamahose anhabe? (Zumindest die erhöhten Verkaufszahlen professioneller Oberbekleidung scheinen in diese Richtung zu weisen.) 

Die Trennung von privat und professionell stand natürlich bereits vor der Pandemie auf dem Prüfstand. Gerade der Begriff Home-Office, der jetzt eine neue Form von Dringlichkeit gewonnen hat, war ja bereits der extreme Ausdruck einer schleichenden Auflösung dieser Grenze. Nun wird diese Auflösung als kulturelles Phänomen breitflächig in Szene gesetzt. Dabei etabliert sich eine Form der Ästhetik des Privaten im professionellen und (semi-)öffentlichen Rahmen und diese Ästhetik setzt sich aus zwei gegenläufigen Aspekten zusammen: auf der einen Seite das Private als  Form der Authentizität und auf der andere Seite das Spiel mit dieser angenommenen Authentizität durch eine Hyperinszenierung und Ironisierung. Die Authentizität des Unverstellten erscheint vor allem als eine Authentizität des Lo-Fi. Professionell – das bedeutet geschminkt, frisiert, das ist Glätte der Umgebung und gute Soundqualität. Das Private dagegen ist der Schlonz, der offene Hemdkragen, die rote Nase und der scheppernde verschleppte Sound der morgenmüden Stimme eines Menschen, der zu lange geschlafen hat. 

Dieses Authentische ist ausgestattet mit dem Kapital des menschlich Sympathischen, weil es die professionelle Kälte der spätmodernen Gesellschaft infrage stellt. Auf der Arbeit, das ist: funktionieren müssen, keine Fehler machen, die Oberfläche der Umgebung intakt halten. Das Private ist alles, was dem entgegensteht. Ein Schutzraum des Fehlerhaften. Die Wirkung, die dieses kulturelle Konstrukt besitzt, zeigte sich in der Rezeption des im März 2017 live durchgeführten Fernsehinterviews mit dem in Südkorea lebenden Politikwissenschaftler Robert E. Kelly, das auf legendäre Weise durch seine beiden plötzlich ins Zimmer stolzierenden Kinder und die panisch auf dem Boden hinterherrutschende Mutter unterbrochen wurde. Und das direkt zu einem viralen Hit und zur Inspiration zahlloser Memes wurde. Eine mediale Heldengeschichte, die eben durch den Einbruch des menschlich Sympathischen und Unperfekten in das professionelle Wertungsgefüge ihre Massenwirksamkeit erlangte. 

Im Kontext der durch die Corona-Krise verordneten Häuslichkeit gewöhnen wir uns nun immer mehr an die Vermischung privater Sphären mit professionellen Kontexten. Die dabei entstehenden unfreiwillig komischen Momente von fehlgenutzter Technik und Einbrüchen von Privatheit in professionelle Kommunikation sind dann Ausdruck einer chaotischen Wärme, die in die Kälte des Funktionierenmüssens einbricht. 

Die Verschiebung der sonst im beruflichen Kontext dominant gesetzten Selbstinszenierung des professionellen Individuums in den privaten Raum erzeugt eine Reibungenergie, die sich etwa an zahlreichen ironischen Problematisierungen dieser angenommenen Authentizität des Privaten entlädt. Denn es ist ein Irrtum anzunehmen, dass die neue Dimension des Privaten im professionellen Kontext nicht auch ganz grundsätzlich nach einer Inszenierung verlangen würde, wie man beispielsweise an den ins Home-Office drapierten Lektüren sehen kann, die einige Menschen in den sozialen Medien teilten. Politiker legen sich den aktuellen Reckwitz-Band auf den Schreibtisch ihres Home-Offices und signalisieren damit ihre eigene Belesenheit, andere ironisieren ihre Privatheit, indem sie in Chatgruppen Kostüme tragen, gezielt andere Hintergründe oder Accessoires auswählen oder sich über diese plötzlich in den Arbeitsalltag eindringenden Möglichkeitsräume amüsieren. Wir inszenieren uns immer, nehmen nicht nur in beruflichen Kontexten, sondern auch in unserem Privatleben Rollen ein. Diese komplexen Selbstinszenierungen in all unseren zwischenmenschlichen Interaktionen hat der Soziologe Erving Goffmann bereits 1956 in Wir alle spielen Theater (The Presentation of Self in Everyday Life) ausführlich analysiert.

Jedoch: Auch in diesem Fall gilt, das Private ist nicht nur inszeniert, sondern auch politisch. Denn wenn man Einblick in die Wohnzimmer anderer Menschen hat, dann hat man auch Einblick in ihren Besitzstand, oder zumindest in die nicht immer geschickt kalibrierte Art, wie dieser Besitz inszeniert wird. Im Freitag wurde über eine Debatte berichtet, die sich in Frankreich an den Corona-Tagebüchern einiger bekannter Schriftsteller*innen entzündete: Die Autorin Leïla Slimani hatte beispielsweise über den Garten im Landhaus ihrer Familie berichtet, wo sie die Quarantäne verbringt. Ihr wurde daraufhin vorgeworfen, ihren privilegierten Lebensstil auszustellen und auf einem Niveau Beschwerde zu führen, dass die viel größeren Leiden derjenigen, die es sich nicht leisten können, in ein Landhaus zu ziehen, fahrlässig ignorieren würde.

Nun ist das öffentliche Tagebuch ein Gattung, die ähnlich paradox anmutet wie der Begriff Home-Office. Eine Vermischung von zwei Sphären, die sich durch ihre Abgrenzung voneinander definieren. Und auch in diesem Fall kommt es zur Inszenierung des Nicht-Inszenierten, zur kuratierten Authentizität. Das kann, wie im Fall von Slimani, aber auch schiefgehen, wenn man den Aspekt des Öffentlichen am öffentlichen Tagebuch nicht ernst nimmt und damit die Kontrolle über den Akt der Kommunikation verliert. 

Conan O’Brian hat diese Art des kommunikativen Kontrollverlustes in seiner Show persifliert. Im T-Shirt vor einer Wand, an der ein Gitarre hängt, redet er darüber, wie Prominente den Zorn der Öffentlichkeit auf sich gezogen hätten, weil sie mit privaten Videos auf ihren schönen riesigen Häusern “out of touch” gewirkt hätten. Conan kritisiert diese unsensible Art der Protzerei und führt danach scheinbar durch sein “simple home”, das aber aus (sehr schlecht fingierten) übertrieben luxuriösen Räumen besteht (inklusive Weinkeller und Pferdestall). Der Witz beruht darauf, dass Privatheit zwar inszeniert wird, allerdings immer für den eingeschränkten Bereich der eigenen Peer-Group. Die Gefahr, dass diese Inszenierung über diesen Bereich hinausgeht, also mehr als die geplante Öffentlichkeit bekommt, wurde durch die Vermischung von Privatem und Professionellem potenziert. So können kommunikative Unfälle entstehen, die dann wiederum zu politischen Verstimmungen führen.

Was solche kommunikativen Unfälle im Grenzbereich zwischen Professionalität und Privatsphäre einerseits und die aktuelle ironische Inszenierung dieser Grenzbereiche andererseits zeigen, ist vor allem, dass diese angenommene Grenze auf ein paar liebgewonnenen Missverständnissen Konventionen und Ritualen beruht. Was die Ästhetik des Privaten, die sich notwendig im Arbeitsalltag der Pandemie etabliert, zeigt, ist nicht nur die Brüchigkeit der professionellen Oberfläche durch den Einbruch des Privaten, sondern auch die Glätte des Privaten, die durch den Einbruch des Öffentlichen irritiert wird. Man kann davon ausgehen, dass die Erfahrungen, die Menschen jetzt mit der Vermischung von privat und professionell im Home-Office machen, die Arbeitswelt verändern wird. Allerdings muss man auch davon ausgehen, dass diese Erfahrung unsere Vorstellung des Privaten erschüttern wird. Die politischen Implikationen dieser Erschütterung, einer zunehmenden Verwischung der ritualisierten Inszenierung der Grenze von Privat und Öffentlich – auch und gerade durch den Einfluss des Digitalen – dürften gegenwärtig noch nicht absehbar sein. 

 

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Der moralpöbelnde Mob der stalinistischen Reichsfilmkammer – Pressespiegel zur Debatte um Woody Allens Memoiren

Vor einer Woche veröffentlichten die taz und 54Books einen offenen Brief, in dem eine Gruppe von Autor*innen des Rowohlt Verlages forderte, die Veröffentlichung der Memoiren Woody Allens zu überdenken. So wie das Hachette bereits getan hatte. Allen wird vorgeworfen, seine Adoptivtocher Dylan Farrow missbraucht zu haben. Im Anschluss an diesen offenen Brief erhob sich in den sozialen Medien ein Sturm der Entrüstung gegen den offenen Brief und seine Anliegen. Die Rede war unter anderem von Guillotine, Reichsschrifttumskammer, Stasi, Pranger und Mob, Hexenjäger, Stalinismus und immer wieder Bücherverbrennung. Nun ist bekannt, dass im Internet die rhetorischen Exzesse übertriebener Vorwürfe und unangemessener historischer Analogien leider keine Seltenheit sind. Gott sei Dank sind unsere etablierten Medien und Medienschaffenden an einer zivilisierten Debattenkultur interessiert. Hier ein kurzer Pressespiegel.

“Deswegen ist es an der Zeit, dem, man muss es einmal so sagen, denn der Schaden, den er anrichtet, wird immer größer: dem Moralpöbel das Maul zu stopfen. ‘Moralpöbel’ ist hier zu verstehen als Sammelbegriff für all jene, die sich etwas anmaßen, was ausschließlich Sache der Justiz ist: über die Schuld und Strafwürdigkeit eines anderen Menschen zu urteilen und dieses Urteil auch noch in der Öffentlichkeit herumzuposten und zupesten. (Edo Reents, FAZ)

“Man hat das Gefühl, ein Mob rottet sich gerade zusammen, der neues Fleisch sucht, neue Beute.”  (Eva C. Schweitzer im Cicero)

“Denn durch diesen offenen Brief weht der Geist einer Bürgerwehr, einer legalen zwar, weil sie keine Gewalt anwendet, aber einer durchaus gefährlichen.” (Tobias Wenzel im DLF)

“Deutsche Schriftsteller, die niemand kennt, protestieren gegen den grossen Woody Allen. Präventive Bücherverbrennung.” (Roger Köppel auf Twitter).

“Inzwischen leisten – wie im Stalinismus – Schauspieler öffentlich Abbitte, dass sie je mit ihm gearbeitet haben.“ (Eva Menasse, FAZ)

“Der Kommunismus und der Nationalsozialismus waren totalitäre Bewegungen. Sie unterhielten Putzkolonnen, die Tag und Nacht im Einsatz waren. Was von diesen übrig geblieben ist, lebt weiter. In Teilen des Kulturbetriebes, der sich zu einer Art Volksgericht entwickelt hat, da Urteile verkündet, noch bevor die Anklage zu Ende verlesen wurde.” (Henryk M. Broder in der Welt)

“Ich reagiere immer ein bisschen allergisch, wenn ich solchen zweifelsfreien Menschen begegne, das hat vermutlich mit meiner Jugend in der DDR zu tun, die ja auch von Leuten regiert wurde, die sich im Besitz der absoluten Wahrheit wähnten.” (Maxim Leo in der Berliner Zeitung vom 14./15. März)

“Schriftsteller versuchen ernsthaft, die Veröffentlichung eines Buches zu verhindern. Finde ich prima, dann brauchen wir für so was gar keine Nazis und Scheiterhaufen mehr…” (Udo Vetter auf Twitter)

“Den Begriff ‘entartete Kunst’ hat bisher noch keiner gebraucht, aber warten wir‘s ab. Der Reichsfilmkammer hätte Allens Oeuvre jedenfalls bestimmt nicht gefallen.”  (Eva C. Schweitzer im Cicero)

“Man kann sich gegen Thilo Sarrazin die Finger wund schreiben, aber er muss seine Bücher veröffentlichen dürfen, ebenso, wie er seine Thesen öffentlich vertreten können soll.” (Eva Menasse, FAZ)

“Das entscheidende Wort in diesem Kontext ist überzeugend, und was überzeugend ist, das entscheidet eine Jury aus 15 Laienscharfrichtern, die gerne und mit großem Engagement für Rowohlt schreiben, was sie offenbar auch dazu befähigt, Urteile zu fällen, denen keine Verhandlung vorausgegangen ist.” (Henryk M. Broder, achgut.de)

“Moralische Selbstjustiz” (Gregor Dotzauer im Tagesspiegel)

“In der MeToo-Debatte ist sie [die Unschuldsvermutung] ohne Federlesens, auf empörend ruchlose Art außer Kraft gesetzt worden: Der Prozess gegen den Schauspieler Kevin Spacey wegen sexueller Übergriffe wurde zum Beispiel eingestellt; der Mann hat damit als unschuldig zu gelten, aber sein Ruf ist ruiniert.” (Edo Reents, FAZ)

“Mit der #Metoo-Bewegung, die Ronan Farrow mit losgetreten hat, der Sohn von Mia Farrow und Allen (oder vielleicht auch der von Frank Sinatra, von Farrow hört man da Widersprüchliches), der im New Yorker über Harvey Weinsteins Eskapaden schrieb, geriet auch Allen unter Beschuss.“ (Eva C. Schweitzer im Cicero)

Über Ronan Farrow: “Der Jurist und Journalist hat aus seinen Weinstein-Enthüllungen ein Geschäftsmodell gemacht, in dem er sich als “Me Too”-Posterboy verkauft.” (David Steinitz in der SZ)

“Ich war nie ein Anhänger des Klischees, dass böse Menschen große Kunst schaffen, ich glaube vielmehr, dass sich die Persönlichkeit eines Künstlers in seinem Werk ausdrückt – und gerade in dieser Hinsicht ist es nicht egal, dass Woody Allens Lebenswerk den tiefsten und wahrhaftigsten Humanismus ausdrückt. Und weil ich nun einmal den Eindruck habe, dass es nicht das Werk eines Mannes ist, der Kinder vergewaltigt, möchte ich wissen, was er selbst über sein Leben und über die Vorwürfe zu sagen hat; […]” (Daniel Kehlmann in der Zeit)

“…schrieb der Philosoph Walter Benjamin.”
“Der Soziologe Niklas Luhmann schreibt…”
“Von Friedrich Nietzsche stammt der Satz…”
(Florian Schröder auf spiegel.de)

 

 

Das ist Zensur! Eine Anleitung

von Andrea Geier (@geierandrea2017)

 

Verärgert. Gelangweilt. Fassungslos. So fühle ich mich in den letzten Jahren oft, wenn ich Artikel lese oder Interviews höre, in denen ich ohne begründeten Anlass vor angeblicher Zensur, dem Ende der Meinungsfreiheit, durch Political Correctness entfesselten “Moralismus” bis hin zur dräuenden Diktatur (hier beliebte Vergleiche wie etwa die Reichsschrifttumskammer einsetzen) gewarnt werde. Es ist immer gleich das ganz große Geschütz. Lieblingsbeispiele für das Geraune vom Untergang der Freiheit und angeblicher Zensur sind Vorschläge und Leitfäden für geschlechtergerechte Sprache, Kritik an rassistischem Sprachgebrauch (“Verbotskultur”) –, #metoo und die Kritik an sexualisierter Gewalt (“darf man überhaupt noch flirten?”). Und nun, man staunt, steht der jüngste Offene Brief von Autor*innen an den Rowohlt Verlag in dieser Reihe. Das ist immer aufs Neue ärgerlich und gleichzeitig langweilig. Schaut man sich die Mechanismen an, lässt sich eine kurze Anleitung zur “kritischen Meinung” erstellen, die hier zur Verfügung gestellt werden soll, damit mahnende Texte dieser Art in Zukunft noch weniger Mühe machen:

 

1. Verdrehe den Sachverhalt durch alarmierende Begriffe

Nenne jeden Verzicht ein Verbot. Nenne jede Aufforderung, über einen Verzicht nachzudenken, Zensur. Wenn es um berühmte Personen geht, tue so, als ob diese Personen Opfer von Verboten und/oder skandalöser Verfolgungen seien, obwohl sie tatsächlich weiterhin Handlungsmacht besitzen und große Aufmerksamkeit genießen.

 

2. Subsumiere den Sachverhalt unter falschen Kategorien und letzten Fragen

Behaupte, dass Verantwortung keine relevante Kategorie sei, wenn es um moralische Fragen gehe. Es zählen Gerichtsurteile! Tue so, als ob in diesem einzelnen Fall, den du skandalisierst, das große Ganze in Gefahr wäre. Es muss um “die Freiheit” gehen, drunter machst du es nicht! Wenn du Alarm schlägst, muss es schließlich wichtig sein, also erkläre, dass genau in diesem einzelnen Fall eine grundlegende Bedrohung zu erkennen sei. Suche dafür knackige Begriffe wie “Weltpolizei”, die die Dimension der vermeintlichen Zensur-Gefahr veranschaulichen.

 

3. Erfinde eine machtvolle Gruppe, die du zu Gegner*innen erklärst

Behaupte, dass Menschen, die auf eigenes berufliches Risiko handeln, weil sie Verantwortung für mehr als für sich selbst übernehmen wollen, tatsächlich machtvolle Positionen, mindestens aber Einfluss hätten und raune, dass ihr Handeln unheilvoll für alle sei. Tue so, als ob es sich um eine einheitliche, geschlossene Gruppe handele und lasse keinesfalls erkennen, dass Menschen sich situationsbedingt in Gruppen zusammenfinden, weil das Interesse für dieses eine Thema sie zu einer gemeinsamen Aktion veranlasst hat. Behaupte, es gebe ein “Milieu”, das von einer bestimmten “Gesinnung” getragen sei und greife einzelne Personen als prototypische Vertreter*innen heraus.

 

4. Erlaube dir alles und erkläre anderen, was Anstand ist

Grobe Klötze sind wichtig, spare nicht mit Ausdrücken! Sei dabei großzügig gegenüber deinen eigenen Widersprüchen: Erlaube dir unflätige Begriffe zu benutzen und einzelne Personen zu beschimpfen und fordere dabei gleichzeitig mehr Anstand, mehr Moral und mehr Respekt ein. Die anderen sind ein Problem für die Debattenkultur, du bist deren Hüter*in! Die “gute Sache”, die du vertrittst, verdient die verzerrende Dramatisierung!

 

5. Überrasche durch nicht naheliegende Vergleiche

Verteidige Menschen und Haltungen, die nach Maßstäben des gesunden Menschenverstandes dafür eher nicht in Frage kommen. Kümmere dich nicht darum, ob der Vergleichsmaßstab gerechtfertigt erscheint. Auch vollständig unpassende Fälle können mit etwas gutem Willen passend gemacht werden! Du erscheinst dann als jemand, der souverän über den Dingen steht. Behaupte, dass es um die Verteidigung von “Pluralismus” ginge, wenn jemand konsequentes moralisches Handeln einfordert und auf Widersprüche hinweist. Verkünde: Nur wer alles zulassen könne, sei wahrhaft tolerant und für Meinungsfreiheit. Verteidige ruhig gerade das vollständig Abseitige und behaupte, dies sei sowohl Ausweis größtmöglicher Toleranz wie auch – wenn es um Kunst geht – ästhetischer Kennerschaft.

 

6. Bezeichne Stärke als Schwäche

Tue so, als ob Positionen unveränderlich seien. Bezeichnen jemanden, der einmal getroffene Entscheidungen mit guten Gründen revidiert, als schwach und als eine Person oder Institution “ohne Rückgrat”. Könnten – voraussichtlich oder auch nur möglicherweise – öffentliche Appelle zu Veränderungen von Positionen führen, sprich von Stimmungsmache, der man nicht nachgeben dürfe. Wo kämen wir hin, wenn Argumente im Einzelfall zählten! 

 

7. Sei konsequent und wiedererkennbar in deinem Alarmismus, aber auch kreativ

Achte stets auf dein Vokabular, damit sich keine Differenzierungen einschleichen (s. Verzicht = Zensur). Sei wiedererkennbar und konsequent in der Denunziation: Appellieren = verbieten, zensieren. Ein Bonus sind kreative Neologismen, die deine geneigten Leser*innen etwas schmunzeln lassen. Für “Fragen stellen” kannst du nicht nur “reinreden” oder “etwas vorschreiben” verwenden, sondern zum Beispiel “moraltrompeten” sagen! Zur Zeit kommen natürlich auch Ansteckungsmetaphern ganz gut. 

 

8. Geh aufs Ganze und bleibe dort

Wenn du sagst, dass die Freiheit stets die Freiheit der “Andersdenkenden” meint, mach klar, dass du entscheidest, für wen dies gilt. Diejenigen, die du zu Gegner*innen erklärst, sind hier keinesfalls mitgemeint!

 

[Kolumne] Der Aufschrei der Arztsöhne

von Dana Buchzik

Bislang sind mit dem Claim „Lebensleistung verdient Respekt“ nur Bürger gemeint, die über 33 Jahre hinweg mindestens 30 Prozent des bundesweiten Durchschnittseinkommens erwirtschaftet haben. Der Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler (BBK) fordert hingegen ein Anrecht auf Grundrente für alle, die 10 Prozent des Durchschnittseinkommens verdient haben. Es reicht also nicht aus, dass der Staat seit Jahrzehnten den Sozialbetrug kultureller Institutionen sponsert: Die Künstlersozialkasse (KSK) etwa, immerhin zu 20 Prozent aus Bundesmitteln finanziert, hat über Jahrzehnte Scheinselbstständigkeiten im Journalismus aufgefangen; promovierte Volontäre stocken mit Hartz IV auf, um sich Vollzeittätigkeit plus Überstunden in Verlagen, Museen etc. leisten zu können. Der Staat soll nun also auch dafür geradestehen, dass sich privilegierte Menschen – denn nur jene mit herausragenden Studienabschlüssen sowie Zeit und Ressourcen für unbezahlte Praktika bekommen im Kulturbetrieb überhaupt die „Chance“ auf zynisch honorierte Jobs – ein Berufsleben lang für Arbeitgeber entschieden haben, die sie systematisch ausbeuten.

Viele Menschen stecken aufgrund fehlender Privilegien und/oder Krankheit und Behinderung dauerhaft im Niedriglohn- und Teilzeitsektor fest. Diese sehr reale Ungerechtigkeit betrifft die gut und lange ausgebildeten Menschen im Kulturbetrieb, die im Laufe ihres Berufslebens viele Überstunden anhäufen, im Allgemeinen nicht. Ist aus der freien Entscheidung, sich ausnutzen zu lassen, eine finanzielle Verantwortung des Staates ableitbar?

Natürlich haben wir alle ein Recht auf menschenwürdiges Leben. Natürlich ist – kurzfristig – eine Anpassung der Bedingungen für Grundrente wichtig. Langfristig aber sollte sich jeder, der im Kulturbetrieb arbeitet, fragen, warum er nur vom Staat Solidarität erwartet und nicht von seinen Auftraggebern. 

Im Kulturbetrieb zu arbeiten, erinnert manchmal an das Leben in einer missbräuchlichen Beziehung: Honeymoon-Phasen müssen mit bedingungsloser Selbstaufgabe erkauft werden; unbegrenzte Zeit, Aufmerksamkeit und Geduld sind erforderlich. Das Setzen von Grenzen, die Frage nach Geld oder Perspektive “zerstört” das intensive Wir-Gefühl. Das Gegenüber singt mit Hundeblick das Klagelied der Krise und schon hat man Schuldgefühle: Wie konnte man den Partner nur mit seinen eigenen, egoistischen Bedürfnissen belasten? Man wusste doch von Anfang an, worauf man sich einlässt! 

Ähnlich wie im toxischen Beziehungsleben zählen auch in der Kulturbranche eher Frauen zu den Geschädigten, vor allem in finanzieller Hinsicht: Der Gender Pay Gap beträgt satte 24 Prozent. Im Kulturbetrieb existieren zwar keine Hollywood’schen Hotelzimmerszenarien mit grapschendem Entscheider im Bademantel; dafür gibt es den festangestellten Redakteur, der die neue Freelancerin privat treffen will statt in der Redaktion. Der sich im Café ganz eng neben sie setzt und raunt, dass für eine regelmäßige Auftragsvergabe „ein gutes Verhältnis“ zentral sei. Der behauptet, das Budget sei für alle gleich, aber unterschlägt, dass er männlichen Freelancern fünfzig Euro mehr pro Text anbietet. Und der, sobald sein Verhalten auffliegt, der Freelancerin nur mitzuteilen hat, dass sie ohnehin nie eine Chance auf eine feste Stelle hatte.

Es gibt den Verleger, der die Absage des Volontariats nicht versteht; es sei doch „eine Ehre, für unser Haus zu arbeiten“ – eine Ehre, die einen Kredit erfordert hätte, weil man mit unter 1000 Euro in einer Metropole vielleicht die Miete bezahlen, aber nicht essen kann. Ein Kredit also für ein Jahr Vollzeitarbeit plus Überstunden, ohne jede Perspektive auf Weiterbeschäftigung?

Es gibt den Lektor, der behauptet, dass niemand nach einem Volontariat eine Festanstellung erwarten könne: Die Marktsituation etc. Darauf hingewiesen, dass er selbst nach einem Volontariat fest übernommen wurde, sagt der Lektor: „Bei mir war das was anderes.“ (Stimmt: Er geht regelmäßig mit dem Chef Bier trinken. Und muss dabei nicht befürchten, dass dieser sich eng an ihn kuschelt und über gute zwischenmenschliche Verhältnisse philosophiert.)

Es gibt den hochrangigen Agenturmitarbeiter, der sich auf dem Chesterfield-Sofa im zentral gelegenen Office ausstreckt und verkündet, man wolle Praktikanten einfach nicht bezahlen. Es gibt Geschichten aus dieser Agentur, die davon erzählen, dass Praktikanten aus eigener Kasse Porto und Klopapier finanzieren und spätere Bestseller zum Gutteil allein ghostwriten. Alles drin im Null-Euro-pro-Monat-Paket, das sich im Zweifelsfall nur Arztsöhne und Richterstöchter leisten können.

Es wird gern von kleinen Indie-Verlagen und Online-Magazinen geredet, die monatlich um ihre Existenz bangen und ihren Mitarbeitern nun mal nichts bezahlen können. Leider wird vergleichsweise selten namentlich von den großen Verlagen, Redaktionen, Filmstandorten, Theatern, Agenturen und anderen Playern gesprochen, deren Geschäftsmodell unter anderem darauf basiert, reguläre Stellen durch Praktikanten, Volontäre und Freelancer zu ersetzen, um im großen Stil Sozialabgaben, sagen wir: zu sparen. 

Seit dem Jahr 2014 zeigt die Umsatzentwicklung in der deutschen Kultur- und Kreativwirtschaft respektable Zuwachsraten. Die Bruttowertschöpfung hat sich – ausgehend von 71,8 Milliarden Euro im Jahr 2009 – um fast 29 Milliarden, also um vierzig Prozent, erhöht. Der Umsatz in der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland lag im Jahr 2018 bei 168,3 Milliarden Euro. Allein Random House erwirtschaftete 2018 rund 293 Millionen Euro. Warum nehmen wir das seit Jahrzehnten gesungene Klagelied der Krise überhaupt noch ernst? Warum fragen wir den fest angestellten Verleger, Redakteur oder Regisseur, der uns mit Hundeblick berichtet, dass leider kein Geld da sei, nicht, wie viel er am eigenen Gehalt spart? Warum akzeptieren wir, dass große, solide durchfinanzierte Auftraggeber über die 30-Tage-Schmerzgrenze hinaus Honorare nicht bezahlen? Warum schweigen wir über Ausbeutung im Glauben, wir könnten andernfalls unsere Karriere beschädigen? Was für eine Karriere soll das überhaupt sein, die jenseits aller finanziellen Messbarkeit und in der permanenten Angst vor Transparenz stattfindet? Wo in alledem hat unsere Selbstachtung Platz?

Der Kulturbetrieb ist mindestens genauso sexistisch, intolerant und ausbeuterisch wie jeder andere Betrieb unserer Volkswirtschaft; wahrscheinlich eher mehr als der Durchschnitt, wenn man sich den Gender Pay Gap von 24 Prozent und die Dimension der Altersarmut unter Kulturschaffenden vergegenwärtigt. Der BBK-Appell hat binnen eines Monats 41.000 Mitzeichner gefunden. Wenn sich jeder Mitzeichner ein Arbeitsleben lang geweigert hätte, unbezahlte Praktika zu absolvieren oder absurd niedrige Honorare für freie Aufträge zu akzeptieren, wäre diese Petition überhaupt erforderlich geworden? Ist dieser Appell mehr als ein Aufschrei von Privilegierten, der in die falsche Richtung schallt?

Solange es keine Solidarität unter Betroffenen gibt, so lange die Täter, um im Bild der missbräuchlichen Beziehung zu bleiben, in Schutz genommen werden, sei es durch bewusstes Verschweigen der Missstände, sei es durch aktiven Selbstbetrug, so lange wird systematische Ausbeutung fortbestehen, und so lange werden wir uns schuldig machen, sowohl an uns selbst als auch an allen, die nach uns kommen.

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[Kolumne] Wie(so) Hölderlin feiern?

von Andrea Geier (@geierandrea2017)

 

„Was bleibet aber, stiften die Dichter“ – eine Zeile wie geschaffen für Festreden zum Hölderlin-Jubiläumsjahr. Doch wer feiert wen, wenn Hölderlin gefeiert wird? Stiften, was bleibet, wirklich die Dichter oder sind es eher diejenigen, die sie feiern?

In den vergangenen Jahrzehnten wurden die 200. und 250. Jubiläen von Goethe, Schiller, Heine, Wieland und Droste-Hülshoff gefeiert. Zum 200. Geburtstag Fontanes im letzten Jahr bekamen Ausstellungen und Neuerscheinungen einige Aufmerksamkeit.
Bei Literaturwissenschaftler*innen, die weniger literaturbetriebsaffin sind, mag es immer noch leises Grollen hervorrufen, dass man solche Anlässe benötigt, damit eine breitere Öffentlichkeit etwas mehr über die Existenz des wertgeschätzten Gegenstandes erfährt. Die meisten sehen es aber pragmatisch. Jubiläen sind eine der ältesten Formen der Eventisierung von Literatur. In Zeiten der Medienkonkurrenz ist das notwendig, und wenn es gut läuft, geht es sogar manchmal um literarische Texte und deren Interpretationen.

„Komm! ins Offene, Freund!“

Was dürfen wir von hoelderlin-2020.de erwarten? Mehrere hundert Veranstaltungen kann man auf einem Kalender der Homepage finden, zusammen mit der Aufforderung, bitte den Hashtag #Hoelderlin2020 zu verwenden (#Hölderlin2020 funktioniert selbstverständlich auch). Literaturinteressierte dürfen sich auf das neue Ausstellungskonzept im Tübinger Hölderlinturm und auf die Ausstellung „Hölderlin, Celan und die Sprachen der Poesie“ im Deutschen Literaturarchiv Marbach freuen. Lesungen knüpfen locker an die Rezeption und das literarische Nachleben an. Es gibt eine Ausstellung mit Fotografien von Barbara Klemm, einen Umzug und mehr an Musik, als man erwarten würde – wie etwa ein Hölder betiteltes „Rock-Musical“. Auf dem Plakat prangt der in diesem Zusammenhang mutig verwendete Vers „Komm! ins Offene, Freund!“, den wiederum der SWR möglicherweise zu wörtlich genommen hat, wenn er einige Autor*innen mit Denis Scheck in einem Oldtimer herumfahren lässt. Im Trailer zu Mein Hölderlin. Eine Reise nach Bordeaux erklärt der Literaturkritiker, dass das Werk „quicklebendig“ sei und man nirgendwo „größere Ermutigung“ finden könne. 

Man sieht die überaus bunte Mischung in den Ankündigungen und fragt sich: Sind Jubiläen Anlässe, einer*m Autor*in mehr Aufmerksamkeit zu schenken? Oder werden eher Autor*innen in Beschlag genommen, um irgendwie Programm zu machen? Menschen machen in der Konsumkultur was mit Dingen. Literatur ist auch Unterhaltung. Das stimmt. Aber dann taucht doch noch die Frage auf, wie unterhaltsam eigentlich Hölderlin ist.

Der Deutschlandfunk brachte am 15. Februar einen informativen Bericht über das neue Ausstellungskonzept des Tübinger Hölderlinturms, der mit dem Satz endet: „Wer oben im leeren Rundzimmer des Turms steht, kann den Gemütszustand des einsamen Dichters nachempfinden.“ Wer wollte hoffen, dass sich dort jemand fühlt wie Hölderlin, für dessen „Gemütszustand“ Begriffe wie ‚geistig umnachtet’, ‚verfinstert’ nach einem ‚psychischen Kollaps’ und ‚wahnsinnig’ benutzt werden? Da sich die Einsamkeit in den 36 Lebensjahren im Turm davon nicht so recht trennen lassen dürfte, möchte man von einer zu starken Einfühlung abraten. Ähnlich deplatziert wirkt die Rede vom ‚poetischen Sehnsuchtsort‘. Wer sehnt sich hier wonach? Muss man dem Dichter in dieser Weise näherkommen, um einen Zugang zu seinen Texten zu finden?

#FreizeitOhneAuto und #weareGermany

Diese Beispiele zeigen: Der Umgang mit der Aura eines Autors birgt offensichtlich Tücken. Die ehrlichste, wenn auch nicht weniger seltsame Form, die Biografie eines Autors zu nutzen, dürfte dann auch die touristische sein. Dass die S-Bahn Stuttgart den Hashtag #FreizeitOhneAuto mit einem Hinweis auf Hölderlin verknüpfte, wirkte allerdings arg kurios. Der Twitter-Account Urlaubsland BW lockte mit dem Spruch „auf den Spuren eines Dichters zwischen Genie und Wahnsinn“. Und warum nicht eine Tour zum Lauffener Geburtshaus und zu weiteren Hölderlin-Erinnerungsorten planen? Zum Beispiel nach Tübingen. Die Touristeninfo verbindet allerdings die Information, dass Hölderlin „die 2. Hälfte seines Lebens in Tübingen“ verbrachte, mit einem Hashtag, der für manche Leser*innen auf weniger willkommene Weise einschlägig erscheinen könnte: #weareGermany. Die Verfasserin dieser Zeilen zügelte ihren Impuls zu kommentieren ‚Heidegger hätte das gefallen’. Nicht, weil es sich bei Heideggers Hölderlin-Lektüren um eine nationalistische Selbstfeier handelt, sondern weil sie einer von vielen Anlässen sind, eine vielschichtige Rezeptionsgeschichte von Hölderlin als ‚Kulturgut’ zu thematisieren.

Eine wichtige Frage in diesem Kontext lautet auch immer: Was sagen denn die Politiker*innen? Sieht man Jubiläen als Chance, Aufmerksamkeit für den Gegenstand Literatur zu erzeugen, kommt diesen Akteur*innen eine wichtige Rolle zu. Die Erwartung ist nicht, dass sie alle eine besondere fachliche Kompetenz als Vermittler*innen des kulturellen Erbes besäßen – die sollten sie sich vor allem für ihre Reden besorgen. Es geht schlicht darum, dass über Veranstaltungen mit Prominenz berichtet wird. Bei der Auftaktveranstaltung am 15. Februar sprach neben dem Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer und Kulturstaatsministerin Monika Grütters der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann.

Letzterer lobte die Sinnlichkeit und Rhythmik der Gedichte und erwähnte, wie viele verschiedene Menschen von Hölderlin fasziniert waren, nur um dann einseitig eine transformatorische Kraft der Literatur zu loben und über die ‚hoffnungsvolle‘ Seite von Hölderlin zu schwärmen. Mehr Rezeptionsgeschichte wagen, möchte man da rufen, denn nur so entsteht ein Bewusstsein dafür, wie wir uns heute noch unsere Dichterbilder schaffen. Die Hölderlin-Mythen sind Legion. Von Hölderlin-Versen in soldatischen Tornistern und nationalsozialistischer Vereinnahmung kann man ebenso viel wissen wie von einer zweifelhaften Bewunderung für die ‚Zerrissenheit‘ Hölderlins, einer Verehrung des ‚genialisch Wahnsinnigen‘.

Wirkmächtiger Kulturbotschafter und glaubwürdiger Kronzeuge

Stattdessen stößt man zufällig im Twitter-Account des Literaturarchivs Marbach auf den Slogan „Vom Elfenbeinturm in die Welt“ als Zitat von Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Man klickt verblüfft auf die Pressemitteilung und liest: „Er, der Deutschland kaum verlassen hat und die zweite Hälfte des Lebens in einem Tübinger Turm – im sprichwörtlichen Elfenbeinturm! – verbrachte, war dichtend ein Kosmopolit: unterwegs vor allem in Griechenland, aber auch in Asien, ja auf der ganzen Welt“. Da möchte man einiges aufdröseln: Über Griechenland als Projektionsfläche sprechen, fragen, was „Asien“ meint, wie der Autor im Turm gedanklich „unterwegs“ war und nicht zuletzt, was das mit dem sprichwörtlichen “Elfenbeinturm” zu tun hat, der für gewöhnlich in Reden von Politiker*innen auftaucht, wenn es um die Rolle der Universitäten und Wissenschaftskommunikation geht. 

Dass mit einem kosmopolitischen Hölderlin geworben wird, ist als Weltbild sympathisch, nur wäre es nicht die kleine Anstrengung wert, Auskunft darüber zu geben, wie dieses Bild zustande kommt? Der völkisch und nationalsozialistisch vereinnahmte Hölderlin ist nur eine Seite der Rezeption, doch genau dieser stellt man ja den Kosmopoliten Hölderlin entgegen. Die Frage, welche Werke oder auch nur welche Aspekte einzelner Texte welche Lesarten eher befördern als andere, passt offenbar nicht ins Konzept.

Fehlt es am Mut zur Ambivalenz oder wird gar nicht gesehen, dass man mit entweder-oder-Bildern vorsichtiger umgehen sollte? „Hölderlin bleibt wirkmächtiger Kulturbotschafter und glaubwürdiger Kronzeuge für die wechselseitige Inspiration unterschiedlicher Kulturen.“ Das klingt wunderbar, nur: Wie hat der Hölder das gemacht? Über welche Art von „Kosmopolitismus“ sprechen wir im historischen Rahmen und was meinen wir heute? Welche „wechselseitige Inspiration unterschiedlicher Kulturen“ schwebt uns vor? Wer ein Bild des zukunftsweisenden Hölderlin zeichnet, sollte schon etwas mehr bieten als allzu simple Bilder wie den Gegensatz von geistiger Freiheit und räumlicher Enge im Turm.

Nichts gegen Hölderlin-Umzüge für Kinder oder Musicals! Doch in ihren programmatischen Teilen wie Eröffnungen, Presseerklärungen u.a.m. sollten Jubiläen auch ein Anlass sein, über den Umgang mit dem kulturellen Erbe zu sprechen. Stattdessen dienen Jubiläen im Jahr 2020 offenbar dem Sich-Selbst-Feiern in einer althergebrachten bildungsbürgerlichen Manier. Man will verehren und huldigen. Dazu braucht es einen Autor, der es wert ist. Der höchstens einmal missverstanden wurde. Das lässt sich mit Hölderlin schon machen. Nur: In dieser Logik dürfen eben nicht alle historisch bedeutenden Autor*innen anlässlich runder Jubiläen mit mehr Aufmerksamkeit bedacht werden, sondern nur diejenigen, die man einigermaßen plausibel mit einem positiven Spin für die Gegenwart anpreisen kann. Und das ist ein Problem für die Erinnerungskultur.

Begeistert und skeptisch, feiernd und kritisch

„Hälfte des Lebens“ findet man in Anthologien, die angeblich die Lieblingsgedichte der Deutschen enthalten, doch Hölderlins Werk insgesamt hat durchaus den Ruf, „sperrig und hermetisch“ zu sein. Das ist ein Charakteristikum, kein zu beseitigender Makel. Wenn Theresia Bauer auf Twitter schreibt: „Staatssekretärin Petra #Olschowski ist sicher: Das Jubiläumsjahr zum 250. Geburtstag bietet Chancen, auch die jüngere Generation für das Werk Hölderlins zu begeistern“, klingt das erfreulich. Doch selbst wenn im Jubiläumsjahr mehr von Hölderlin gelesen würde: Wieso sollte Begeisterung das Ziel sein? Schüler*innen sollen sich für das Lesen begeistern, ja. Wieso für Hölderlin? Weil man kulturelles Erbe oder #weareGermany sagen kann? Oder hofft man gar auf einen “Fack ju Hölderlin”-Hype? 

Nirgends zeigt sich die Hilflosigkeit im Umgang mit diesem Gegenstand Literatur klarer als bei runden Jahrestagen. Als Literaturwissenschaftler*in kann man dankbar für die Aufmerksamkeit und das ein oder andere Häppchen bei Empfängen mitnehmen. Noch schöner aber wäre es, wenn im weiteren Jubiläumsjahr auch über unseren Blick auf Hölderlins Werk gesprochen würde. Begeistert und skeptisch, feiernd und kritisch. 

 

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