Kategorie: Kolumne

Der moralpöbelnde Mob der stalinistischen Reichsfilmkammer – Pressespiegel zur Debatte um Woody Allens Memoiren

Vor einer Woche veröffentlichten die taz und 54Books einen offenen Brief, in dem eine Gruppe von Autor*innen des Rowohlt Verlages forderte, die Veröffentlichung der Memoiren Woody Allens zu überdenken. So wie das Hachette bereits getan hatte. Allen wird vorgeworfen, seine Adoptivtocher Dylan Farrow missbraucht zu haben. Im Anschluss an diesen offenen Brief erhob sich in den sozialen Medien ein Sturm der Entrüstung gegen den offenen Brief und seine Anliegen. Die Rede war unter anderem von Guillotine, Reichsschrifttumskammer, Stasi, Pranger und Mob, Hexenjäger, Stalinismus und immer wieder Bücherverbrennung. Nun ist bekannt, dass im Internet die rhetorischen Exzesse übertriebener Vorwürfe und unangemessener historischer Analogien leider keine Seltenheit sind. Gott sei Dank sind unsere etablierten Medien und Medienschaffenden an einer zivilisierten Debattenkultur interessiert. Hier ein kurzer Pressespiegel.

“Deswegen ist es an der Zeit, dem, man muss es einmal so sagen, denn der Schaden, den er anrichtet, wird immer größer: dem Moralpöbel das Maul zu stopfen. ‘Moralpöbel’ ist hier zu verstehen als Sammelbegriff für all jene, die sich etwas anmaßen, was ausschließlich Sache der Justiz ist: über die Schuld und Strafwürdigkeit eines anderen Menschen zu urteilen und dieses Urteil auch noch in der Öffentlichkeit herumzuposten und zupesten. (Edo Reents, FAZ)

“Man hat das Gefühl, ein Mob rottet sich gerade zusammen, der neues Fleisch sucht, neue Beute.”  (Eva C. Schweitzer im Cicero)

“Denn durch diesen offenen Brief weht der Geist einer Bürgerwehr, einer legalen zwar, weil sie keine Gewalt anwendet, aber einer durchaus gefährlichen.” (Tobias Wenzel im DLF)

“Deutsche Schriftsteller, die niemand kennt, protestieren gegen den grossen Woody Allen. Präventive Bücherverbrennung.” (Roger Köppel auf Twitter).

“Inzwischen leisten – wie im Stalinismus – Schauspieler öffentlich Abbitte, dass sie je mit ihm gearbeitet haben.“ (Eva Menasse, FAZ)

“Der Kommunismus und der Nationalsozialismus waren totalitäre Bewegungen. Sie unterhielten Putzkolonnen, die Tag und Nacht im Einsatz waren. Was von diesen übrig geblieben ist, lebt weiter. In Teilen des Kulturbetriebes, der sich zu einer Art Volksgericht entwickelt hat, da Urteile verkündet, noch bevor die Anklage zu Ende verlesen wurde.” (Henryk M. Broder in der Welt)

“Ich reagiere immer ein bisschen allergisch, wenn ich solchen zweifelsfreien Menschen begegne, das hat vermutlich mit meiner Jugend in der DDR zu tun, die ja auch von Leuten regiert wurde, die sich im Besitz der absoluten Wahrheit wähnten.” (Maxim Leo in der Berliner Zeitung vom 14./15. März)

“Schriftsteller versuchen ernsthaft, die Veröffentlichung eines Buches zu verhindern. Finde ich prima, dann brauchen wir für so was gar keine Nazis und Scheiterhaufen mehr…” (Udo Vetter auf Twitter)

“Den Begriff ‘entartete Kunst’ hat bisher noch keiner gebraucht, aber warten wir‘s ab. Der Reichsfilmkammer hätte Allens Oeuvre jedenfalls bestimmt nicht gefallen.”  (Eva C. Schweitzer im Cicero)

“Man kann sich gegen Thilo Sarrazin die Finger wund schreiben, aber er muss seine Bücher veröffentlichen dürfen, ebenso, wie er seine Thesen öffentlich vertreten können soll.” (Eva Menasse, FAZ)

“Das entscheidende Wort in diesem Kontext ist überzeugend, und was überzeugend ist, das entscheidet eine Jury aus 15 Laienscharfrichtern, die gerne und mit großem Engagement für Rowohlt schreiben, was sie offenbar auch dazu befähigt, Urteile zu fällen, denen keine Verhandlung vorausgegangen ist.” (Henryk M. Broder, achgut.de)

“Moralische Selbstjustiz” (Gregor Dotzauer im Tagesspiegel)

“In der MeToo-Debatte ist sie [die Unschuldsvermutung] ohne Federlesens, auf empörend ruchlose Art außer Kraft gesetzt worden: Der Prozess gegen den Schauspieler Kevin Spacey wegen sexueller Übergriffe wurde zum Beispiel eingestellt; der Mann hat damit als unschuldig zu gelten, aber sein Ruf ist ruiniert.” (Edo Reents, FAZ)

“Mit der #Metoo-Bewegung, die Ronan Farrow mit losgetreten hat, der Sohn von Mia Farrow und Allen (oder vielleicht auch der von Frank Sinatra, von Farrow hört man da Widersprüchliches), der im New Yorker über Harvey Weinsteins Eskapaden schrieb, geriet auch Allen unter Beschuss.“ (Eva C. Schweitzer im Cicero)

Über Ronan Farrow: “Der Jurist und Journalist hat aus seinen Weinstein-Enthüllungen ein Geschäftsmodell gemacht, in dem er sich als “Me Too”-Posterboy verkauft.” (David Steinitz in der SZ)

“Ich war nie ein Anhänger des Klischees, dass böse Menschen große Kunst schaffen, ich glaube vielmehr, dass sich die Persönlichkeit eines Künstlers in seinem Werk ausdrückt – und gerade in dieser Hinsicht ist es nicht egal, dass Woody Allens Lebenswerk den tiefsten und wahrhaftigsten Humanismus ausdrückt. Und weil ich nun einmal den Eindruck habe, dass es nicht das Werk eines Mannes ist, der Kinder vergewaltigt, möchte ich wissen, was er selbst über sein Leben und über die Vorwürfe zu sagen hat; […]” (Daniel Kehlmann in der Zeit)

“…schrieb der Philosoph Walter Benjamin.”
“Der Soziologe Niklas Luhmann schreibt…”
“Von Friedrich Nietzsche stammt der Satz…”
(Florian Schröder auf spiegel.de)

 

 

Das ist Zensur! Eine Anleitung

von Andrea Geier (@geierandrea2017)

 

Verärgert. Gelangweilt. Fassungslos. So fühle ich mich in den letzten Jahren oft, wenn ich Artikel lese oder Interviews höre, in denen ich ohne begründeten Anlass vor angeblicher Zensur, dem Ende der Meinungsfreiheit, durch Political Correctness entfesselten “Moralismus” bis hin zur dräuenden Diktatur (hier beliebte Vergleiche wie etwa die Reichsschrifttumskammer einsetzen) gewarnt werde. Es ist immer gleich das ganz große Geschütz. Lieblingsbeispiele für das Geraune vom Untergang der Freiheit und angeblicher Zensur sind Vorschläge und Leitfäden für geschlechtergerechte Sprache, Kritik an rassistischem Sprachgebrauch (“Verbotskultur”) –, #metoo und die Kritik an sexualisierter Gewalt (“darf man überhaupt noch flirten?”). Und nun, man staunt, steht der jüngste Offene Brief von Autor*innen an den Rowohlt Verlag in dieser Reihe. Das ist immer aufs Neue ärgerlich und gleichzeitig langweilig. Schaut man sich die Mechanismen an, lässt sich eine kurze Anleitung zur “kritischen Meinung” erstellen, die hier zur Verfügung gestellt werden soll, damit mahnende Texte dieser Art in Zukunft noch weniger Mühe machen:

 

1. Verdrehe den Sachverhalt durch alarmierende Begriffe

Nenne jeden Verzicht ein Verbot. Nenne jede Aufforderung, über einen Verzicht nachzudenken, Zensur. Wenn es um berühmte Personen geht, tue so, als ob diese Personen Opfer von Verboten und/oder skandalöser Verfolgungen seien, obwohl sie tatsächlich weiterhin Handlungsmacht besitzen und große Aufmerksamkeit genießen.

 

2. Subsumiere den Sachverhalt unter falschen Kategorien und letzten Fragen

Behaupte, dass Verantwortung keine relevante Kategorie sei, wenn es um moralische Fragen gehe. Es zählen Gerichtsurteile! Tue so, als ob in diesem einzelnen Fall, den du skandalisierst, das große Ganze in Gefahr wäre. Es muss um “die Freiheit” gehen, drunter machst du es nicht! Wenn du Alarm schlägst, muss es schließlich wichtig sein, also erkläre, dass genau in diesem einzelnen Fall eine grundlegende Bedrohung zu erkennen sei. Suche dafür knackige Begriffe wie “Weltpolizei”, die die Dimension der vermeintlichen Zensur-Gefahr veranschaulichen.

 

3. Erfinde eine machtvolle Gruppe, die du zu Gegner*innen erklärst

Behaupte, dass Menschen, die auf eigenes berufliches Risiko handeln, weil sie Verantwortung für mehr als für sich selbst übernehmen wollen, tatsächlich machtvolle Positionen, mindestens aber Einfluss hätten und raune, dass ihr Handeln unheilvoll für alle sei. Tue so, als ob es sich um eine einheitliche, geschlossene Gruppe handele und lasse keinesfalls erkennen, dass Menschen sich situationsbedingt in Gruppen zusammenfinden, weil das Interesse für dieses eine Thema sie zu einer gemeinsamen Aktion veranlasst hat. Behaupte, es gebe ein “Milieu”, das von einer bestimmten “Gesinnung” getragen sei und greife einzelne Personen als prototypische Vertreter*innen heraus.

 

4. Erlaube dir alles und erkläre anderen, was Anstand ist

Grobe Klötze sind wichtig, spare nicht mit Ausdrücken! Sei dabei großzügig gegenüber deinen eigenen Widersprüchen: Erlaube dir unflätige Begriffe zu benutzen und einzelne Personen zu beschimpfen und fordere dabei gleichzeitig mehr Anstand, mehr Moral und mehr Respekt ein. Die anderen sind ein Problem für die Debattenkultur, du bist deren Hüter*in! Die “gute Sache”, die du vertrittst, verdient die verzerrende Dramatisierung!

 

5. Überrasche durch nicht naheliegende Vergleiche

Verteidige Menschen und Haltungen, die nach Maßstäben des gesunden Menschenverstandes dafür eher nicht in Frage kommen. Kümmere dich nicht darum, ob der Vergleichsmaßstab gerechtfertigt erscheint. Auch vollständig unpassende Fälle können mit etwas gutem Willen passend gemacht werden! Du erscheinst dann als jemand, der souverän über den Dingen steht. Behaupte, dass es um die Verteidigung von “Pluralismus” ginge, wenn jemand konsequentes moralisches Handeln einfordert und auf Widersprüche hinweist. Verkünde: Nur wer alles zulassen könne, sei wahrhaft tolerant und für Meinungsfreiheit. Verteidige ruhig gerade das vollständig Abseitige und behaupte, dies sei sowohl Ausweis größtmöglicher Toleranz wie auch – wenn es um Kunst geht – ästhetischer Kennerschaft.

 

6. Bezeichne Stärke als Schwäche

Tue so, als ob Positionen unveränderlich seien. Bezeichnen jemanden, der einmal getroffene Entscheidungen mit guten Gründen revidiert, als schwach und als eine Person oder Institution “ohne Rückgrat”. Könnten – voraussichtlich oder auch nur möglicherweise – öffentliche Appelle zu Veränderungen von Positionen führen, sprich von Stimmungsmache, der man nicht nachgeben dürfe. Wo kämen wir hin, wenn Argumente im Einzelfall zählten! 

 

7. Sei konsequent und wiedererkennbar in deinem Alarmismus, aber auch kreativ

Achte stets auf dein Vokabular, damit sich keine Differenzierungen einschleichen (s. Verzicht = Zensur). Sei wiedererkennbar und konsequent in der Denunziation: Appellieren = verbieten, zensieren. Ein Bonus sind kreative Neologismen, die deine geneigten Leser*innen etwas schmunzeln lassen. Für “Fragen stellen” kannst du nicht nur “reinreden” oder “etwas vorschreiben” verwenden, sondern zum Beispiel “moraltrompeten” sagen! Zur Zeit kommen natürlich auch Ansteckungsmetaphern ganz gut. 

 

8. Geh aufs Ganze und bleibe dort

Wenn du sagst, dass die Freiheit stets die Freiheit der “Andersdenkenden” meint, mach klar, dass du entscheidest, für wen dies gilt. Diejenigen, die du zu Gegner*innen erklärst, sind hier keinesfalls mitgemeint!

 

[Kolumne] Der Aufschrei der Arztsöhne

von Dana Buchzik

Bislang sind mit dem Claim „Lebensleistung verdient Respekt“ nur Bürger gemeint, die über 33 Jahre hinweg mindestens 30 Prozent des bundesweiten Durchschnittseinkommens erwirtschaftet haben. Der Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler (BBK) fordert hingegen ein Anrecht auf Grundrente für alle, die 10 Prozent des Durchschnittseinkommens verdient haben. Es reicht also nicht aus, dass der Staat seit Jahrzehnten den Sozialbetrug kultureller Institutionen sponsert: Die Künstlersozialkasse (KSK) etwa, immerhin zu 20 Prozent aus Bundesmitteln finanziert, hat über Jahrzehnte Scheinselbstständigkeiten im Journalismus aufgefangen; promovierte Volontäre stocken mit Hartz IV auf, um sich Vollzeittätigkeit plus Überstunden in Verlagen, Museen etc. leisten zu können. Der Staat soll nun also auch dafür geradestehen, dass sich privilegierte Menschen – denn nur jene mit herausragenden Studienabschlüssen sowie Zeit und Ressourcen für unbezahlte Praktika bekommen im Kulturbetrieb überhaupt die „Chance“ auf zynisch honorierte Jobs – ein Berufsleben lang für Arbeitgeber entschieden haben, die sie systematisch ausbeuten.

Viele Menschen stecken aufgrund fehlender Privilegien und/oder Krankheit und Behinderung dauerhaft im Niedriglohn- und Teilzeitsektor fest. Diese sehr reale Ungerechtigkeit betrifft die gut und lange ausgebildeten Menschen im Kulturbetrieb, die im Laufe ihres Berufslebens viele Überstunden anhäufen, im Allgemeinen nicht. Ist aus der freien Entscheidung, sich ausnutzen zu lassen, eine finanzielle Verantwortung des Staates ableitbar?

Natürlich haben wir alle ein Recht auf menschenwürdiges Leben. Natürlich ist – kurzfristig – eine Anpassung der Bedingungen für Grundrente wichtig. Langfristig aber sollte sich jeder, der im Kulturbetrieb arbeitet, fragen, warum er nur vom Staat Solidarität erwartet und nicht von seinen Auftraggebern. 

Im Kulturbetrieb zu arbeiten, erinnert manchmal an das Leben in einer missbräuchlichen Beziehung: Honeymoon-Phasen müssen mit bedingungsloser Selbstaufgabe erkauft werden; unbegrenzte Zeit, Aufmerksamkeit und Geduld sind erforderlich. Das Setzen von Grenzen, die Frage nach Geld oder Perspektive “zerstört” das intensive Wir-Gefühl. Das Gegenüber singt mit Hundeblick das Klagelied der Krise und schon hat man Schuldgefühle: Wie konnte man den Partner nur mit seinen eigenen, egoistischen Bedürfnissen belasten? Man wusste doch von Anfang an, worauf man sich einlässt! 

Ähnlich wie im toxischen Beziehungsleben zählen auch in der Kulturbranche eher Frauen zu den Geschädigten, vor allem in finanzieller Hinsicht: Der Gender Pay Gap beträgt satte 24 Prozent. Im Kulturbetrieb existieren zwar keine Hollywood’schen Hotelzimmerszenarien mit grapschendem Entscheider im Bademantel; dafür gibt es den festangestellten Redakteur, der die neue Freelancerin privat treffen will statt in der Redaktion. Der sich im Café ganz eng neben sie setzt und raunt, dass für eine regelmäßige Auftragsvergabe „ein gutes Verhältnis“ zentral sei. Der behauptet, das Budget sei für alle gleich, aber unterschlägt, dass er männlichen Freelancern fünfzig Euro mehr pro Text anbietet. Und der, sobald sein Verhalten auffliegt, der Freelancerin nur mitzuteilen hat, dass sie ohnehin nie eine Chance auf eine feste Stelle hatte.

Es gibt den Verleger, der die Absage des Volontariats nicht versteht; es sei doch „eine Ehre, für unser Haus zu arbeiten“ – eine Ehre, die einen Kredit erfordert hätte, weil man mit unter 1000 Euro in einer Metropole vielleicht die Miete bezahlen, aber nicht essen kann. Ein Kredit also für ein Jahr Vollzeitarbeit plus Überstunden, ohne jede Perspektive auf Weiterbeschäftigung?

Es gibt den Lektor, der behauptet, dass niemand nach einem Volontariat eine Festanstellung erwarten könne: Die Marktsituation etc. Darauf hingewiesen, dass er selbst nach einem Volontariat fest übernommen wurde, sagt der Lektor: „Bei mir war das was anderes.“ (Stimmt: Er geht regelmäßig mit dem Chef Bier trinken. Und muss dabei nicht befürchten, dass dieser sich eng an ihn kuschelt und über gute zwischenmenschliche Verhältnisse philosophiert.)

Es gibt den hochrangigen Agenturmitarbeiter, der sich auf dem Chesterfield-Sofa im zentral gelegenen Office ausstreckt und verkündet, man wolle Praktikanten einfach nicht bezahlen. Es gibt Geschichten aus dieser Agentur, die davon erzählen, dass Praktikanten aus eigener Kasse Porto und Klopapier finanzieren und spätere Bestseller zum Gutteil allein ghostwriten. Alles drin im Null-Euro-pro-Monat-Paket, das sich im Zweifelsfall nur Arztsöhne und Richterstöchter leisten können.

Es wird gern von kleinen Indie-Verlagen und Online-Magazinen geredet, die monatlich um ihre Existenz bangen und ihren Mitarbeitern nun mal nichts bezahlen können. Leider wird vergleichsweise selten namentlich von den großen Verlagen, Redaktionen, Filmstandorten, Theatern, Agenturen und anderen Playern gesprochen, deren Geschäftsmodell unter anderem darauf basiert, reguläre Stellen durch Praktikanten, Volontäre und Freelancer zu ersetzen, um im großen Stil Sozialabgaben, sagen wir: zu sparen. 

Seit dem Jahr 2014 zeigt die Umsatzentwicklung in der deutschen Kultur- und Kreativwirtschaft respektable Zuwachsraten. Die Bruttowertschöpfung hat sich – ausgehend von 71,8 Milliarden Euro im Jahr 2009 – um fast 29 Milliarden, also um vierzig Prozent, erhöht. Der Umsatz in der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland lag im Jahr 2018 bei 168,3 Milliarden Euro. Allein Random House erwirtschaftete 2018 rund 293 Millionen Euro. Warum nehmen wir das seit Jahrzehnten gesungene Klagelied der Krise überhaupt noch ernst? Warum fragen wir den fest angestellten Verleger, Redakteur oder Regisseur, der uns mit Hundeblick berichtet, dass leider kein Geld da sei, nicht, wie viel er am eigenen Gehalt spart? Warum akzeptieren wir, dass große, solide durchfinanzierte Auftraggeber über die 30-Tage-Schmerzgrenze hinaus Honorare nicht bezahlen? Warum schweigen wir über Ausbeutung im Glauben, wir könnten andernfalls unsere Karriere beschädigen? Was für eine Karriere soll das überhaupt sein, die jenseits aller finanziellen Messbarkeit und in der permanenten Angst vor Transparenz stattfindet? Wo in alledem hat unsere Selbstachtung Platz?

Der Kulturbetrieb ist mindestens genauso sexistisch, intolerant und ausbeuterisch wie jeder andere Betrieb unserer Volkswirtschaft; wahrscheinlich eher mehr als der Durchschnitt, wenn man sich den Gender Pay Gap von 24 Prozent und die Dimension der Altersarmut unter Kulturschaffenden vergegenwärtigt. Der BBK-Appell hat binnen eines Monats 41.000 Mitzeichner gefunden. Wenn sich jeder Mitzeichner ein Arbeitsleben lang geweigert hätte, unbezahlte Praktika zu absolvieren oder absurd niedrige Honorare für freie Aufträge zu akzeptieren, wäre diese Petition überhaupt erforderlich geworden? Ist dieser Appell mehr als ein Aufschrei von Privilegierten, der in die falsche Richtung schallt?

Solange es keine Solidarität unter Betroffenen gibt, so lange die Täter, um im Bild der missbräuchlichen Beziehung zu bleiben, in Schutz genommen werden, sei es durch bewusstes Verschweigen der Missstände, sei es durch aktiven Selbstbetrug, so lange wird systematische Ausbeutung fortbestehen, und so lange werden wir uns schuldig machen, sowohl an uns selbst als auch an allen, die nach uns kommen.

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[Kolumne] Wie(so) Hölderlin feiern?

von Andrea Geier (@geierandrea2017)

 

„Was bleibet aber, stiften die Dichter“ – eine Zeile wie geschaffen für Festreden zum Hölderlin-Jubiläumsjahr. Doch wer feiert wen, wenn Hölderlin gefeiert wird? Stiften, was bleibet, wirklich die Dichter oder sind es eher diejenigen, die sie feiern?

In den vergangenen Jahrzehnten wurden die 200. und 250. Jubiläen von Goethe, Schiller, Heine, Wieland und Droste-Hülshoff gefeiert. Zum 200. Geburtstag Fontanes im letzten Jahr bekamen Ausstellungen und Neuerscheinungen einige Aufmerksamkeit.
Bei Literaturwissenschaftler*innen, die weniger literaturbetriebsaffin sind, mag es immer noch leises Grollen hervorrufen, dass man solche Anlässe benötigt, damit eine breitere Öffentlichkeit etwas mehr über die Existenz des wertgeschätzten Gegenstandes erfährt. Die meisten sehen es aber pragmatisch. Jubiläen sind eine der ältesten Formen der Eventisierung von Literatur. In Zeiten der Medienkonkurrenz ist das notwendig, und wenn es gut läuft, geht es sogar manchmal um literarische Texte und deren Interpretationen.

„Komm! ins Offene, Freund!“

Was dürfen wir von hoelderlin-2020.de erwarten? Mehrere hundert Veranstaltungen kann man auf einem Kalender der Homepage finden, zusammen mit der Aufforderung, bitte den Hashtag #Hoelderlin2020 zu verwenden (#Hölderlin2020 funktioniert selbstverständlich auch). Literaturinteressierte dürfen sich auf das neue Ausstellungskonzept im Tübinger Hölderlinturm und auf die Ausstellung „Hölderlin, Celan und die Sprachen der Poesie“ im Deutschen Literaturarchiv Marbach freuen. Lesungen knüpfen locker an die Rezeption und das literarische Nachleben an. Es gibt eine Ausstellung mit Fotografien von Barbara Klemm, einen Umzug und mehr an Musik, als man erwarten würde – wie etwa ein Hölder betiteltes „Rock-Musical“. Auf dem Plakat prangt der in diesem Zusammenhang mutig verwendete Vers „Komm! ins Offene, Freund!“, den wiederum der SWR möglicherweise zu wörtlich genommen hat, wenn er einige Autor*innen mit Denis Scheck in einem Oldtimer herumfahren lässt. Im Trailer zu Mein Hölderlin. Eine Reise nach Bordeaux erklärt der Literaturkritiker, dass das Werk „quicklebendig“ sei und man nirgendwo „größere Ermutigung“ finden könne. 

Man sieht die überaus bunte Mischung in den Ankündigungen und fragt sich: Sind Jubiläen Anlässe, einer*m Autor*in mehr Aufmerksamkeit zu schenken? Oder werden eher Autor*innen in Beschlag genommen, um irgendwie Programm zu machen? Menschen machen in der Konsumkultur was mit Dingen. Literatur ist auch Unterhaltung. Das stimmt. Aber dann taucht doch noch die Frage auf, wie unterhaltsam eigentlich Hölderlin ist.

Der Deutschlandfunk brachte am 15. Februar einen informativen Bericht über das neue Ausstellungskonzept des Tübinger Hölderlinturms, der mit dem Satz endet: „Wer oben im leeren Rundzimmer des Turms steht, kann den Gemütszustand des einsamen Dichters nachempfinden.“ Wer wollte hoffen, dass sich dort jemand fühlt wie Hölderlin, für dessen „Gemütszustand“ Begriffe wie ‚geistig umnachtet’, ‚verfinstert’ nach einem ‚psychischen Kollaps’ und ‚wahnsinnig’ benutzt werden? Da sich die Einsamkeit in den 36 Lebensjahren im Turm davon nicht so recht trennen lassen dürfte, möchte man von einer zu starken Einfühlung abraten. Ähnlich deplatziert wirkt die Rede vom ‚poetischen Sehnsuchtsort‘. Wer sehnt sich hier wonach? Muss man dem Dichter in dieser Weise näherkommen, um einen Zugang zu seinen Texten zu finden?

#FreizeitOhneAuto und #weareGermany

Diese Beispiele zeigen: Der Umgang mit der Aura eines Autors birgt offensichtlich Tücken. Die ehrlichste, wenn auch nicht weniger seltsame Form, die Biografie eines Autors zu nutzen, dürfte dann auch die touristische sein. Dass die S-Bahn Stuttgart den Hashtag #FreizeitOhneAuto mit einem Hinweis auf Hölderlin verknüpfte, wirkte allerdings arg kurios. Der Twitter-Account Urlaubsland BW lockte mit dem Spruch „auf den Spuren eines Dichters zwischen Genie und Wahnsinn“. Und warum nicht eine Tour zum Lauffener Geburtshaus und zu weiteren Hölderlin-Erinnerungsorten planen? Zum Beispiel nach Tübingen. Die Touristeninfo verbindet allerdings die Information, dass Hölderlin „die 2. Hälfte seines Lebens in Tübingen“ verbrachte, mit einem Hashtag, der für manche Leser*innen auf weniger willkommene Weise einschlägig erscheinen könnte: #weareGermany. Die Verfasserin dieser Zeilen zügelte ihren Impuls zu kommentieren ‚Heidegger hätte das gefallen’. Nicht, weil es sich bei Heideggers Hölderlin-Lektüren um eine nationalistische Selbstfeier handelt, sondern weil sie einer von vielen Anlässen sind, eine vielschichtige Rezeptionsgeschichte von Hölderlin als ‚Kulturgut’ zu thematisieren.

Eine wichtige Frage in diesem Kontext lautet auch immer: Was sagen denn die Politiker*innen? Sieht man Jubiläen als Chance, Aufmerksamkeit für den Gegenstand Literatur zu erzeugen, kommt diesen Akteur*innen eine wichtige Rolle zu. Die Erwartung ist nicht, dass sie alle eine besondere fachliche Kompetenz als Vermittler*innen des kulturellen Erbes besäßen – die sollten sie sich vor allem für ihre Reden besorgen. Es geht schlicht darum, dass über Veranstaltungen mit Prominenz berichtet wird. Bei der Auftaktveranstaltung am 15. Februar sprach neben dem Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer und Kulturstaatsministerin Monika Grütters der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann.

Letzterer lobte die Sinnlichkeit und Rhythmik der Gedichte und erwähnte, wie viele verschiedene Menschen von Hölderlin fasziniert waren, nur um dann einseitig eine transformatorische Kraft der Literatur zu loben und über die ‚hoffnungsvolle‘ Seite von Hölderlin zu schwärmen. Mehr Rezeptionsgeschichte wagen, möchte man da rufen, denn nur so entsteht ein Bewusstsein dafür, wie wir uns heute noch unsere Dichterbilder schaffen. Die Hölderlin-Mythen sind Legion. Von Hölderlin-Versen in soldatischen Tornistern und nationalsozialistischer Vereinnahmung kann man ebenso viel wissen wie von einer zweifelhaften Bewunderung für die ‚Zerrissenheit‘ Hölderlins, einer Verehrung des ‚genialisch Wahnsinnigen‘.

Wirkmächtiger Kulturbotschafter und glaubwürdiger Kronzeuge

Stattdessen stößt man zufällig im Twitter-Account des Literaturarchivs Marbach auf den Slogan „Vom Elfenbeinturm in die Welt“ als Zitat von Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Man klickt verblüfft auf die Pressemitteilung und liest: „Er, der Deutschland kaum verlassen hat und die zweite Hälfte des Lebens in einem Tübinger Turm – im sprichwörtlichen Elfenbeinturm! – verbrachte, war dichtend ein Kosmopolit: unterwegs vor allem in Griechenland, aber auch in Asien, ja auf der ganzen Welt“. Da möchte man einiges aufdröseln: Über Griechenland als Projektionsfläche sprechen, fragen, was „Asien“ meint, wie der Autor im Turm gedanklich „unterwegs“ war und nicht zuletzt, was das mit dem sprichwörtlichen “Elfenbeinturm” zu tun hat, der für gewöhnlich in Reden von Politiker*innen auftaucht, wenn es um die Rolle der Universitäten und Wissenschaftskommunikation geht. 

Dass mit einem kosmopolitischen Hölderlin geworben wird, ist als Weltbild sympathisch, nur wäre es nicht die kleine Anstrengung wert, Auskunft darüber zu geben, wie dieses Bild zustande kommt? Der völkisch und nationalsozialistisch vereinnahmte Hölderlin ist nur eine Seite der Rezeption, doch genau dieser stellt man ja den Kosmopoliten Hölderlin entgegen. Die Frage, welche Werke oder auch nur welche Aspekte einzelner Texte welche Lesarten eher befördern als andere, passt offenbar nicht ins Konzept.

Fehlt es am Mut zur Ambivalenz oder wird gar nicht gesehen, dass man mit entweder-oder-Bildern vorsichtiger umgehen sollte? „Hölderlin bleibt wirkmächtiger Kulturbotschafter und glaubwürdiger Kronzeuge für die wechselseitige Inspiration unterschiedlicher Kulturen.“ Das klingt wunderbar, nur: Wie hat der Hölder das gemacht? Über welche Art von „Kosmopolitismus“ sprechen wir im historischen Rahmen und was meinen wir heute? Welche „wechselseitige Inspiration unterschiedlicher Kulturen“ schwebt uns vor? Wer ein Bild des zukunftsweisenden Hölderlin zeichnet, sollte schon etwas mehr bieten als allzu simple Bilder wie den Gegensatz von geistiger Freiheit und räumlicher Enge im Turm.

Nichts gegen Hölderlin-Umzüge für Kinder oder Musicals! Doch in ihren programmatischen Teilen wie Eröffnungen, Presseerklärungen u.a.m. sollten Jubiläen auch ein Anlass sein, über den Umgang mit dem kulturellen Erbe zu sprechen. Stattdessen dienen Jubiläen im Jahr 2020 offenbar dem Sich-Selbst-Feiern in einer althergebrachten bildungsbürgerlichen Manier. Man will verehren und huldigen. Dazu braucht es einen Autor, der es wert ist. Der höchstens einmal missverstanden wurde. Das lässt sich mit Hölderlin schon machen. Nur: In dieser Logik dürfen eben nicht alle historisch bedeutenden Autor*innen anlässlich runder Jubiläen mit mehr Aufmerksamkeit bedacht werden, sondern nur diejenigen, die man einigermaßen plausibel mit einem positiven Spin für die Gegenwart anpreisen kann. Und das ist ein Problem für die Erinnerungskultur.

Begeistert und skeptisch, feiernd und kritisch

„Hälfte des Lebens“ findet man in Anthologien, die angeblich die Lieblingsgedichte der Deutschen enthalten, doch Hölderlins Werk insgesamt hat durchaus den Ruf, „sperrig und hermetisch“ zu sein. Das ist ein Charakteristikum, kein zu beseitigender Makel. Wenn Theresia Bauer auf Twitter schreibt: „Staatssekretärin Petra #Olschowski ist sicher: Das Jubiläumsjahr zum 250. Geburtstag bietet Chancen, auch die jüngere Generation für das Werk Hölderlins zu begeistern“, klingt das erfreulich. Doch selbst wenn im Jubiläumsjahr mehr von Hölderlin gelesen würde: Wieso sollte Begeisterung das Ziel sein? Schüler*innen sollen sich für das Lesen begeistern, ja. Wieso für Hölderlin? Weil man kulturelles Erbe oder #weareGermany sagen kann? Oder hofft man gar auf einen “Fack ju Hölderlin”-Hype? 

Nirgends zeigt sich die Hilflosigkeit im Umgang mit diesem Gegenstand Literatur klarer als bei runden Jahrestagen. Als Literaturwissenschaftler*in kann man dankbar für die Aufmerksamkeit und das ein oder andere Häppchen bei Empfängen mitnehmen. Noch schöner aber wäre es, wenn im weiteren Jubiläumsjahr auch über unseren Blick auf Hölderlins Werk gesprochen würde. Begeistert und skeptisch, feiernd und kritisch. 

 

Photo by Seyedeh Hamideh Kazemi on Unsplash

 

Chronik: Februar 2020

Einen Schauspieler am Penis gezogen einmal im Kreis laufen                                    lassen – das ist „bemerkenswert“ (FAZ vom 29.01.2020)

 

Ein gut gefülltes Fass aus Hohn und Spott ergoss sich Ende Januar über den Spiegel und seinen Titel “Die Faszination des Gangsta-Rap”. Und man muss sagen, ausgesprochen verdient, denn schon die Aufmachung erinnert an eine Bravo aus den 80er Jahren, die halb erregt, halb verängstigt vor den Gefahren einer “neuen” Jugendkultur warnt. Gleichzeitig brach sich in dem äußerst langen Text eine seltsam genervte Herablassung gegenüber Teenagern Bahn, die den Verdacht nahe legte, dass sich hier vor allem jemand über seinen 14jährigen Sohn aufregte. Diese Jugendlichen tragen nämlich schon seit sie 13 sind “fast nur Jogginghose und Kapuzenpulli” und wollen selbst auch Sportwagen fahren. Und das obwohl sie doch auch zu Fridays-for-Future Demos gehen. Das verwirrt offenbar die Eltern. Warum die dann aber gleich einen Spiegel-Text schreiben müssen, wird nicht so ganz klar.

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In der SZ wird ein Buch von Volker Hage besprochen, ehedem Literaturchef der Zeit und beim Spiegel. Gleich 21 Schriftstellerporträts werden hier versammelt, in denen Hage, der das Misstrauen seiner Kolleg*innen gegen diese Gattung nicht teilt, offenbar hemmungslos in die Biographie seiner Helden abtaucht. Und das gelingt auch gut, freut sich der Rezensent: “Die Romane von Max Frisch zum Beispiel gewinnen eine selbstverständliche Klarheit, wenn Hage von den Beziehungen Frischs zu Frauen erzählt…” Wir dagegen freuen uns, dass Frauen in diesem Buch überhaupt vorkommen und sei es auch nur als Verständnishilfe und biographische Würze zu Frischs drögen Romanen. Unter den 21 Porträtierten finden sich gerade einmal zwei Frauen. Nun muss man Hage natürlich zugute halten, dass es sich um eine Sammlung historischer Texte handelt und das Buch ist in jeder Hinsicht ein historisches Dokument, denn es erzählt von einer Zeit, in der es selbstverständlich gewesen ist, vornehmlich über Männer zu schreiben. Inwiefern Hage, der einer der mächtigsten Männer im Feuilleton der letzten Jahrzehnte war, an diesem historischen Umstand mitgewirkt hat, wollen wir hier nicht näher erörtern (Hage gilt übrigens als Erfinder des Labels “Fräuleinwunder”).

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Bereits in der letzten Chronik hatten wir über das Ende des Unsichtbar Verlages berichtet. An Ton und Inhalt des offenen Briefs des Verlegers Andreas Köglowitz rieb man sich. Unter anderem Jens Bartsch, der Inhaber der Buchhandlung Goltsteinstraße in Köln beschreibt aus der Perspektive des Buchhändlers das Problem, die richtigen Titel für den Verkauf zu finden. Gerade die Buchhändler*innen waren in Köglowitz’ Philippika als wenig experimentierfreudige Angsthasen schlecht weggekommen. Bartsch gibt zu bedenken, dass häufig durchaus ansprechende Inhalte völlig falsch verpackt wären. Es würde nicht verwundern, dass Kund*innen und Buchhändler*innen bei einer Covergestaltung, die “an drittklassige Selfpublisher erinnert”, nicht zugriffen. Die Forderung nach mehr Förderung von Indie-Verlagen findet Bartsch dagegen “kreuzdämlich”. Hierzu hatte sich bereits im November letzten Jahres der Fürther Manfred Rothenberger (starfruit publications) geäußert. Nun stellt der Verleger des homunculus Verlags Joseph Reinthaler ein Modell vor, wie Förderung aussehen könnte. Er sagt: “Es sind nicht wir Verleger*innen, die hilfsbedürftig sind. Es ist die Bibliodiversität, die deutsche literarische Kultur, eine Kultur der Vielfalt der Stimmen und des Worts.” Bartsch ist dagegen der Ansicht, “eine gute Sache sollte also im besten Falle irgendwie aus sich selbst heraus funktionieren können – oder eben nicht. Dies bei den Verlagen wie bei uns Sortimentern auch.”

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Was dem deutschen Buchmarkt vor ziemlich genau einem Jahr Takis Würgers Stella war, das ist jetzt für den amerikanischen Literaturbetrieb American Dirt von Jeanine Cummins: Eine weiße Frau erzählt von der Flucht einer mexikanischen Familie vor einem Kartell in die USA, um endlich die Geschichte derer zu erzählen, die in den USA oft als “faceless brown mass” wahrgenommen würden. Cummins schafft damit das buchgewordene Äquivalent eines Sombreros auf dem Kopf eines besoffenen Frat-Boys. In den deutschsprachigen Raum wurde der Skandal vor allem importiert, um über den Gegensatz von Moral und Ästhetik zu befinden. In der SZ etwa heißt es, die Kritik am Buch würde vorrangig identitätspolitsch begründet, “[w]eil die Autorin des Romans aber keinen lateinamerikanischen Hintergrund hat, sondern eine weiße Amerikanerin ist, und ihr Buch von einer überwiegend weißen Verlagsbranche für ein überwiegend weißes Publikum in Position gebracht wurde.” Nur stimmt das so leider gar nicht, denn die Einwände in den heftigen Kritiken waren überwiegend ästhetisch. Kein Grund für die SZ nicht trotzdem als Vergleichsfälle Brechts “Der gute Mensch von Sezuan” und Kleists “Verlobung in Santo Domingo” anzuführen. Denn die dürften nach den neu geschaffenen Maßstäben der Identitätspolitik ja dann auch nicht mehr erscheinen etc. Inzwischen ließe sich komfortabel eine Bibliothek der Bücher zusammenstellen, von denen schon gesagt wurde, dass sie wegen “Politischer Korrektheit” heute nicht mehr erscheinen könnten. Hannes Stein nennt in seinem schlecht gelaunten Bericht über die Kontroverse um American Dirt, dessen Prosa er übrigens “makellos” findet, noch folgende Werke, die heute nicht mehr hätten publiziert werden können: Das Leben der Anderen (weil von einem Westdeutschen), Macbeth (weil von einem Nicht-Schotten) und dann noch was von Werfel und Heine (because why not). Diese faule Bibliographie zeigt vor allem, dass der Autor das Problem nicht verstanden hat, und auch nicht verstehen will. Sein Fazit ist wenigstens ehrlich: “Aber warum müssen wir solche Debatten über Literatur überhaupt führen?”

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Viel interessanter ist dabei noch, dass inzwischen auch Insider aus der Verlagsbranche in den USA eingestehen, was zu befürchten war, nämlich, dass der Roman vermutlich keinen Skandal ausgelöst hätte, wenn er als das vermarktet worden wäre, was er offenbar ist: ein reißerischer Unterhaltungsroman, der hauptsächlich auf Effekt zielt – oder wie es der Assistant Editor des Verlags Flatiron ausdrückte: “You can’t be Twitter woke and Walmart ambitious.” Die Kontroverse war offenbar erwartet worden und man hatte kalkuliert, ob es das Risiko wert sein würde. Die Antwort ist auf 400 Seiten mit floralem Stacheldraht-Cover zu bewundern.

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Wie man ja weiß, dreht sich gerade bei Rowohlt mal wieder das Personalkarussell, auf Florian Illies folgt Nicola Bartels. Auf einen Mann, der keine Lust mehr hat, folgt eine Frau – so weit so gut. Wie fest die Rollenzuschreibungen trotz allem bei manchen auf die Innenseite der Stirn geschrieben stehen, durfte man kurz darauf im Spiegel beobachten. Dort war von Illies als dem Mann mit “bildungsbürgerlicher Prägung” die Rede, vermutlich weil der zwei Bücher verfasst hat, die als Klolektüre in jedem Haushalt liegen. Hingegen: Nicola Bartels ist für den Spiegel die Frau, die Bastei Lübbe geleitet hat, ein Name, der “geradezu ein Synonym für leichte Unterhaltungsliteratur” sei. Bildungsbürgerlicher Autor geht also und die Frau für seichte Unterhaltungsliteratur kommt – schön, wenn Weltbilder so einfach sind.

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Dabei ist es doch erst einmal lobenswert, wenn sich in Deutschland das tut, was Großbritannien offenbar bereits geschafft hat. Die Studie “Diversity of UK publishing workforce detailed in extensive survey” der in London ansässigen Publishers Association hat herausgefunden, dass 2019 54% der Führungspositionen und auf Geschäftsführungsebene von Frauen besetzt  waren (56% in leitenden Führungspositionen und 48% auf der Führungsebene). Es scheint doch zu gehen.

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Die Welt witterte Skandalöses hinter der Tatsache, dass der neue Roman des inzwischen von weit rechts winkenden Schriftstellers Uwe Tellkamp nicht schon dieses Jahr bei Suhrkamp erscheinen sollte. Und nicht nur in der Welt wurde gemunkelt, dass der renommierte Verlag vielleicht mit dem neuesten Werk Tellkamps nicht einverstanden sei. Das Wort “Zensur” steht im Raum. Ganz abgesehen davon, dass Tellkamp mit aller Wahrscheinlichkeit  einen Verlag für seinen neuen Roman Lava finden wird und dass dieser Verlag vermutlich Suhrkamp sein wird, stellte sich heraus, dass das Buch wohl einfach noch nicht fertig lektoriert und gar noch nicht fertig geschrieben war. Was die Welt jedoch nicht davon abhielt schnappatmend einige Menschen (die “Intellektuellen” nämlich), nach ihrer Meinung zu “Suhrkamps Dilemma” zu befragen, was man jedoch nicht lesen konnte, außer man hätte dem Springer-Verlag 10€ im Monat bezahlt, um zu erfahren was beispielsweise Rüdiger Safranski dazu zu sagen hat – und wer will das schon. Wir dagegen haben 700 Intellektuelle gefragt, was sie zu der Welt-Aktion zu sagen haben, aber was das ist, kann man erst lesen, wenn man 54Books+ abonniert hat.

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Der True Crime Hype ist aus den USA mittlerweile erfolgreich nach Deutschland geschwappt und alle spielen bei der journalistischen Vergoldung von schnödem Voyeurismus mit. Auch der Stern hat keinerlei Probleme damit, einen amerikanischen Artikel von 1993 (!) übersetzen zu lassen und ihn dem gierigen Publikum als frische Ware zu präsentieren. Wir dürfen gespannt sein, aus welchen Archiven noch “lange, hervorragende und sensibel erzählte Geschichten” ausgegraben werden, um die Gruselwollust des Publikums zu kitzeln. Denn wie absurd der Publikumshunger nach den vermeintlich wahren schaurig-schönen Gewaltverbrechen inzwischen ist, zeigt auch ein Blick in die Podcast-Sparte auf Spotify. Dort präsentieren ARD, ZDF und funk die beiden Podcasterinnen “Paulina und Laura” seltsam sexualisiert auf dem Cover eines Podcasts, der zu allem Überfluss auch noch “Mordlust” heißt. Während hier über die Hintergründe von Morden gesprochen werden soll, informiert der grinsende Philipp in “Verbrechen von Nebenan” über “True Crime in der Nachbarschaft” – von den Öffentlich-Rechtlichen, über Zeit und Stern, alle sind dabei beim wohligen Palaver über Femizide, Sektenmorde und den Killer aus der Nachbarschaft.

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Unsere Kultur lässt uns nichts in Würde vergessen. Erfreulich still war es etwa um die Ultraromantik, bis dieser Tage plötzlich Leonhard Hieronymi – Verfasser des zugehörigen, im Korbinian-Verlag herausgegebenen, Manifestes – wieder mit einem Essay in der SZ auftauchte. Die intertextuellen Referenzen aus dem Text lesen sich wie ein Panini-Album gepflegter Herrenkultur: Chatwin, Herzog, Rimbaud, Buddha, Meister Eckhart, Helmut Newton (Jodie Foster darf als Objekt eines Bildes von Newton immerhin als Metapher für den Verfall der Literatur stehen). Mit literaturhistorisch geschultem Blick wundert man sich etwas über einige der breitbeinig aufgestellten Behauptungen, besonders über die erstaunlich blinden Flecken in Bezug auf Literatur der 90er, die jenseits von Pop-Literatur, Crichton und Grisham stattfand. Der wirr-assoziativ geschriebene, aber mit großer Pose präsentierte Text, steigert sich dann zu einem Rant gegen erzählerische Linearität und amerikanische Popkultur, was sich liest, wie der dritte Aufguss eines Teebeutels mit Literaturtheorie der Postmoderne. Zu diesem Gefühl von Regress passt es, dass einem jungen Mann derart viel Platz für seine halbgaren Gedanken eingeräumt wird. (Wieviel lieber hätte man stattdessen einen Essay von Enis Maci gelesen, die zumindest auch von Hieronymi zitiert wird). Der Verfasser des Essays wird übrigens mit der steilen Behauptung vorgestellt: “Dass es sich bei [Hieronymis] ‘Formalin’ um die beste Kurzgeschichte handelt, die in jenem Jahr [2017] in deutscher Sprache erschienen ist, wird heute kaum mehr bestritten.” Diese Behauptung ist gleichermaßen frech und zutreffend. Niemand bestreitet das, und niemand kann es bestreiten, denn niemand hat die Erzählung gelesen. […] [Aus einem Interview mit den Hieronymi-Verlegern vom Korbinian Verlag: “Bei „Ultraromantik“ von Leonhard Hieronymi, dem ersten Buch von uns das in den Feuilletons kursierte, war es so, dass er dieses aus 15 Punkten bestehende Manifest geschrieben hatte, aber gar nicht von alleine darauf gekommen ist, uns das als Buchidee vorzuschlagen. Eine Verkettung günstiger Umstände führte dazu. Wir wurden damals von Felix Stephan interviewt, der mittlerweile bei der Süddeutschen Zeitung ist, damals aber noch für die Literarischen Welt schrieb, und dem hatte Leo das Manifest auf den Tisch gelegt. Ein paar Wochen später waren wir alle zusammen zu siebt in Leipzig in einer Air BnB-Unterkunft für drei Leute und dann…”]

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Der Autor Till Raether stickt Plattencover, aktuell “Prefab Sprout – Andromeda Heights”. Wunderschön!

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Noch bis März kann man in der Arte-Mediathek eine Dokumentation sehen, die es in sich hat: die junge saudi-arabische Dichterin Hissa Hilal trat 2010 mit kritischen Gedichten bei der Fernsehshow Million’s Poet in den Vereinigten Arabischen Emiraten an, die Reality TV Show ist eine der erfolgreichsten Fernsehsendungen der Region und vergibt Preisgelder in Millionenhöhe. Hissa Hilal gewann zwar nicht, riskierte aber ihr Leben für die Lyrik. Dass ihre Lyrik noch nicht auf Deutsch erschienen ist, verwundert uns leider nicht, aber wir würden sie gerne lesen. Und ganz nebenbei haben wir hier auch noch einen Vorschlag gefunden, was man anstatt des wieder aufgegossenen Literarischen Quartetts hätte produzieren können: einen guten alten Dichterwettstreit, gepaart mit einer dicken Menge Entertainment. (Danke an Nadire Y. Biskin für den Hinweis)

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Zu allem Überfluss ist im Februar auch noch Karneval und als ernsthaftes Literaturportal haben wir noch schnell herausgesucht, ob man “Schriftsteller” als Kostüm kaufen kann. Antwort: Man kann, sieht dann zwar aus wie ein Polyester-Shakespeare, aber zumindest liest sich die Produktbeschreibung selbst wie Poesie. (“Es ist ein kostüm exklusive Atosa. mit große menge ornamentacion Es ist. QUALITÄT pasamaners und texturen. Alle die endungen und kanten sind gut”).  Für “Kostüm Schriftstellerin” gab es – wer hätte das ahnen können – übrigens kaum Resultate.

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„Wir sind uns unserer Verantwortung als Deutschlands größte Publikumsverlagsgruppe bewusst und wollen konsequent die ökologische Wende im Verlagswesen vorantreiben, indem wir unseren CO2-Ausstoß nachhaltig reduzieren“, sagt Random House CEO Thomas Rathnow. Die Verlagsgruppe will den Anteil klimaneutral produzierter Titel jährlich um 20% steigern. Das passt gut zum Start des neuen Sachbuch Paperback Programms beim Random House Verlag Goldmann, bei dem man “gesellschaftlich prägende und sich neu entwickelnde Trend- und Zeitgeistthemen für ein wachsendes Lesepublikum veröffentlichen” möchte. Dieser Ausstoß an Produkten wird dann wohl wieder klimamäßig neutralisiert. Ist es das, wovor Rüdiger Safranski gewarnt hat, als er befürchtete “Bald wird vielleicht auch die Kunst unterm Gesichtspunkt des ökologischen Fußabdrucks gesehen.”

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Wo gezählt wird, da entstehen Daten, und diese Daten erzählen eine Geschichte. Zum Beispiel, dass die Kolumnenplätze im Printteil großer Zeitungen und Magazine nach wie vor überwiegend männlich besetzt sind. Das hat Julia Karnick in einem umsichtigen und klugen Text auf ihrem Blog herausgefunden, der von dort aus rege Verbreitung im Internet fand und schließlich über ein Interview mit der taz wieder im Print landete. Dort wiederholt Karnick noch einmal die wichtigste These, die aus der Interpretation der Zahlen abgeleitet wurde. Bei der Frage nach der Form (Kolumne) geht es um Macht: “Natürlich gibt es andere relevante Formate. Aber Kolumnen waren schon immer Aushängeschilder. Da steht jemand mit Gesicht, Namen, Stil und seiner Haltung für ein Medium.”

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Am 29. Januar ist Christoph Meckel gestorben. In der FAZ erinnert sein Lektor Wolfgang Matz in einem kurzen Nachruf an ihn. “Die frühe Entscheidung für die Kunst hat er mit störrischem Eigensinn durchgehalten.” Auch in anderen Medien wurde Meckel mit ausführlichen Nachrufen bedacht. Die große Bestseller-Queen Mary Higgins Clark verstarb am 1. Februar. Einen wirklich ausführlichen Nachruf, mit Würdigung des umfangreichen Werks der global erfolgreichen Krimi- und Thrillerautorin und einer literaturkritischen und zeithistorischen Einordnung haben wir leider nicht gefunden. Zumindest war sie in vielen Medien mit einer Meldung vertreten. Am 17. Februar ist außerdem Ror Wolf verstorben, es gab zahlreiche Nachrufe und auch auf Twitter wurde mit vielen Tweets an ihn erinnert.

[Kolumne] Nostalgie als Droge

Wir leben in einer Zeit, in der kulturelle Nostalgie es uns schwer macht, Formate, die ihre beste Zeit lange hinter sich haben, in Würde sterben zu lassen. Anders lässt sich nicht erklären, warum das „Literarische Quartett“, dessen Exhumierung im Jahr 2015 (nach fast 15 Jahren friedlicher Ruhe) schon keine allzu gute Idee war, immer noch weitergeführt werden soll. Nachdem sich die gesamte ursprüngliche Besatzung verabschiedet hat, wird nun Thea Dorn alleine das Geisterschiff dieser Sendung steuern – fragt sich nur, wohin. Bedrohlich klingt schon die Ankündigung, man wolle „die Glut der Leselust, die in vielen immer noch schlummert, sechs Mal im Jahr zum Glühen bringen.“

Dabei hatte schon die alte Neuauflage mit Maxim Biller, Christine Westermann und Volker Weidermann alles andere als geglüht. Eher hatte man den Eindruck, dass ständig köchelnde Ressentiments innerhalb der Gruppe von Anfang an eine nervöse, gestresste Stimmung erzeugten. Statt in den Genuss von gut produziertem simuliertem Streit zu kommen, wurden die Zuschauer*innen oft mit dem unangenehmen Spektakel realer Feindseligkeiten konfrontiert. Das lag vor allem an Biller, der zwar sichtlich bemüht war, Marcel Reich-Ranicki in der Rolle des Polemikers zu beerben, aber offensichtlich nicht bereit war, die Arbeit und Vorbereitung zu investieren, die für eine solche (nur scheinbar mühelose) Form des amüsanten Polterns nötig ist.

Zu oft hatte man den Eindruck, dass seine Gemeinheiten gegenüber Westermann wirklich verletzend gemeint waren, und zu oft erschien der Vorwurf plausibel, dass Biller die Bücher teilweise gar nicht gelesen hatte. Gleich zu Beginn musste Weidermann seinen Kollegen mehrfach mit echtem Ärger zur Ordnung rufen. Das alte „Literarische Quartett“ brauchte Jahre, um zu dem Punkt zu kommen, wo aus dem kommunikativen Schaukampf echte Blessuren entstanden (In der berühmten Diskussion um Haruki Murakamis „Gefährliche Geliebte“, in der Marcel Reich-Ranicki Sigried Löffler vorwarf, sie halte „die Liebe für etwas anstößig Unanständiges“.). Die ganze Sendung wirkte unterproduziert, gehetzt, belastend für die Beteiligten und damit auch belastend für die Zuschauer, die dann auch immer mehr ausblieben.

Bevor man sich die Frage stellt, warum das „Literarische Quartett“ trotzdem weitergeführt werden muss, lohnt es sich vielleicht, zu fragen, warum es überhaupt neu aufgelegt wurde. Schaut man sich heute auf Youtube Ausschnitte aus den alten Sendungen an, dann überfällt einen vor allem die Melancholie starker historischer Alterität. Das beginnt beim körnigen Fernsehbild, geht weiter über die 90er-Jahre Einrichtung irgendwo zwischen Yuppie-Loft und Wartesaal einer Sparkasse, bis hin zu dem deplatzierten Selbstvertrauen, mit dem vor allem Männer hier über Literatur befinden. Insbesondere Hellmuth Karasek ist in diesem Zusammenhang eine ständige Quelle der Verwunderung. Die Sendung illustriert auf beeindruckende Art, was es bedeutet, wenn wir sagen, dass etwas schlecht gealtert sei.

Das alte „Literarische Quartett“ war Fernsehen für eine Zeit, in der Fernsehen das hegemoniale Massenmedium darstellte. Es ist deshalb ironisch, dass ausgerechnet die kulturelle Nostalgie nach einer Zeit, in der das Buch noch eine zentrale Rolle im bürgerlichen Diskurs spielte, dazu geführt hat, das Format wieder aufleben zu lassen. Denn die Sendung war selbst schon Ausdruck der Unsicherheit über den Status von Literatur in Zeiten der Medienkonkurrenz. Ein „Literaturpapst“ wie Reich-Ranicki trat ja bereits als Karikatur eines Gatekeepers auf, der den Zusammenbruch etablierter Gatekeeperstrukturen kompensieren sollte.

So beruhte das alte Quartett bereits auf einer Nostalgie, die durch das neue nur vermehrt wurde – eine doppelte Nostalgie, die in vielfacher Hinsicht repräsentativ für den kulturellen Zeitgeist ist. Man sehnt sich nicht so sehr nach den Formaten und Kunstwerken selbst, sondern nach der Bedeutung, die diese Dinge einmal für eine bürgerliche Gesellschaft besaßen. Man möchte nicht den Literaturpapst zurück, sondern eine Zeit, in der es Literaturpäpste und Großkritiker gab, und in der noch nicht die entfesselte Demokratisierung der Sozialen Medien einer Masse an Laien Einlass in den kulturellen Salon verschafft hat. So kann man dann über den größeren ‚Stellenwert‘ fantasieren, der Literatur früher zukam, ohne sich eingestehen zu müssen, dass die Orte, wo dieser ‚Stellenwert‘ verhandelt wird, sich einfach nur verschoben haben.

Die Tatsache, dass das ZDF am Format „Literarisches Quartett“, von dem nun wirklich nichts, außer dem Namen bleibt, festhält, zeigt vor allem, wie stark Nostalgie aktuell die Entscheidungen kultureller Institutionen beeinflusst. Thea Dorn, die Bücher für “aufgeklärte Patrioten” schreibt, und in letzter Zeit durch die Forderungen aufgefallen ist, Opfer sollen auch mehr Toleranz zeigen, gehört zu der Funktionselite des alten Literaturfernsehens, die doch schon alle Kanäle dieser Art beherrscht. Es stellt sich aber die Frage, ob das Produktionsbudget für eine solche Sendung nicht anderweitig besser investiert wäre, für ein neues Programm, jünger, diverser, innovativer. Das allerdings ist möglicherweise gerade zu viel verlangt. In Zeiten großer kultureller Verunsicherung ist Nostalgie eine starke Droge.

 

Photo by Ikhsan Sugiarto on Unsplash

 

 

 

 

 

[Kolumne] Je demokratischer die Dummheit wird, umso elitärer dürfen sich die Kenner geben

„Wir fangen bei der Geburt an“, beginnt der langjährige Hanser Verleger Michael Krüger.

„Oder noch besser bei der Zeugung“, wirft Krügers Sidekick der ehemalige NZZ Feuilleton Chef Martin Meyer ein.

„Bei der Zeugung, ja, ja, genau“, holpert sich da auch Rüdiger Safranski ins Gespräch.

Happy Birthday!

Gesprochen wird bekanntlich viel, zum Glück wird das Wenigste für die Nachwelt festgehalten. Anders im Falle des Austauschs dieser drei Herren. Dass man dieses Gespräch aus dem April des letzten Jahres nun lesen kann, liegt wohl an dem Umstand, dass Rüdiger Safranski dieses Jahr 75 wird. Der Hanser Verlag veröffentlicht daher dieses mit so viel Zielstrebigkeit beginnende Buch als Mogelpackung unter dem Titel „Klassiker! – Ein Gespräch über die Literatur und das Leben“. Dabei geht es zuerst, anders als vom Verlag angekündigt, viel weniger um die Fragen

“Wie steht es um die Klassiker? Wie bewähren sie sich in einer Zeit, die einstige Gewissheiten unserer Kultur radikal in Frage stellt? Welche Rolle spielen sie noch auf dem Theater, für die private Lektüre?” 

sondern um das Leben, konkreter das Leben von Rüdiger Safranski.

Hmmm … Intellektuell.

Zur Einstimmung darf der Jubilar von der eigenen „wohl eiligen“ Zeugung in Königsberg berichten, die aufgrund des Timings zu einer „pränatalen Flucht vor den Russen“ in die „Diaspora“ (!) Rottweil führte. Safranskis Kindheitserinnerungen kommentiert Martin Meyer immer wieder mit ausgesprochen luziden und hilfreichen Einwürfen wie „Intellektuell.“ oder „Hmmm …“, einmal schlussfolgert er messerscharf: „Das Fröhliche stammt von Mutters Seite.“

Das Leben meint es aber nicht mit allen gut. Die gute Laune erhält einen ersten Dämpfer durch die gänzlich unfröhliche Geschichte eines Lehrers von Safranski. Dieser liebte zwar seine Arbeit sehr, hatte aber leider zuhause einen „ganzen Stall voller eigener Kinder und einen Drachen zur Frau“. Martin Meyer hat von solchen Frauen schon einmal gehört und kann daher bestätigen „Das kommt ja tatsächlich vor.“ Das knallt als Information erstmal ziemlich rein. Ebenso wie es – ganz anders als dem Lehrer – Paul Tillich erging; der war nämlich nicht nur Theologe, sondern „übrigens auch ein begnadeter Frauenversteher“. Das „weiß Gott“, weiß natürlich auch Michael Krüger und jetzt wissen es auch wir. Endlich!

Intellektuelles Opfer

Der kleine Rüdiger ging zur Schule, erfahren wir. War erst durchschnittlich, dann aber in den letzten drei Jahren „ziemlich gut […] lauter Einsen“. Und er war auch mal verliebt, wozu Meyer dem „Glückpilz“ gratuliert, ebenso dazu, dass sich später die Lebensverhältnisse ordneten, Krüger schließt sich an, findet das „wirklich schön“.

Nachdem diesbezüglich Einigkeit hergestellt wurde, geht Rüdiger in seiner Erzählung in Frankfurt studieren. Adorno, so erfährt man, hatte einen Assistenten, der einmal ans Mikrophon trat und ankündigte Herr Adorno würde heute etwas leiser sprechen, er sei erkältet. Safranski schlussfolgert konsequent (er kennt sich mit Philosophie aus):

„Das ist große Philosophie, wenn man das nicht mehr selber sagen muss, sondern der Assistent.“

Das ist sie also, die Liebe zur Weisheit, ein Assistent! Von Adorno und seiner „erotischen Aufmerksamkeit“ geht es dann für den Studenten von Frankfurt nach Berlin.

“RS: Genug Adorno. Ich ging von Frankfurt nach Berlin.
MK: Warum?
RS: Eigentlich nur, um mal nach Berlin zu gehen. Damals galt: Man musste einmal in Berlin gewesen sein.”

Junge Berlin Fans werden sofort einwenden, dass dies nicht nur damals so war, auch 55 Jahre später, sollte man einmal in Berlin gewesen sein. Rüdiger ist aber nicht nur in der heutigen Bundeshauptstadt gewesen, nein er hat dort sogar lange gewohnt. In Berlin, es ist 1965, beginnt um Safranski bald, „was man dann die 68er-Bewegung nannte“ und „dazu gibt es einiges zu sagen“. Klar, da denken wir alle mit Herrn Meyer an „Pop, Sex, Träume …“. Aber Safranski denkt gar nicht daran, dazu viel zu sagen, jedenfalls nichts Allgemeingültiges. Er hat nicht nur Pop, Sex und Träume gemacht, sondern auch Politik. Linke Politik! Doof aber, „die Organisation war hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt“. Das nervte damals den Studenten, das nervt heute den Leser, denn bisher sind Meyer, Safranski und Krüger hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt.

An das Studium schließt sich die Promotion an. Meyer hakt zur Safranskischen Dissertation nach, ob ihn das Thema wirklich interessiert habe. Kann man so wohl nicht sagen, denn der Doktorand empfand „das als intellektuelles Opfer“, das mag er sich und uns nicht verhehlen. Als intellektuelles Opfer möchte man auch die 60 Seiten bis hierhin bezeichnen. Die Herren haben sich jetzt aber erst richtig warm gequackelt.

Kunst unterm Gesichtspunkt des ökologischen Fußabdrucks

Bei der Besprechung des Studiums und der späteren Arbeit platzen immer mal wieder ein paar Bomben. Meyer, Krüger und Rüdiger sind sich unter dem Strich auch hier wieder einig: Früher war alles besser.

“[…] die Frage, was tust du als Künstler in einer Welt, in der es übel zugeht, hat ihre Suggestivität nicht verloren. Nicht mehr die Revolution ist Rechtfertigungsinstanz, sondern das sogenannte Humanitäre bis hin zur Weltrettung. Die Dienstverpflichtung der Literatur für das sogenannte „Gute“ ist inzwischen so selbstverständlich, dass es gar nicht mehr auffällt. Wehe auf die Kunst fällt der Verdacht der anrüchigen Gesinnung, der mangelhaften Weltrettungstüchtigkeit! Erst die Gesinnung, dann die Kunst. Für uns Maoisten gab es die Autonomie des Schönen nicht. Und heute hat man, mit anderen Begründungen, auch nur noch wenig Sinn dafür. Bald wird vielleicht auch die Kunst unterm Gesichtspunkt des ökologischen Fußabdrucks gesehen.”

Dass bei Hanser der ökologische Fußabdruck noch nicht über Kunst oder Unkunst entscheidet, ist dagegen offensichtlich; ein Glück für das Gesprächstrio. Mit etwas mehr Weltrettungstüchtigkeit wäre uns die Lektüre dieses Gesprächs, diese Gesprächskunst erspart geblieben.

Nun aber endlich zum Kern, auf den wir sehnsüchtigst warten: Literatur und Weinvergleiche, denn wir haben es hier mit drei echten Connaisseuren und Genießern zu tun, die sich entre nous über die schönen Dinge des Lebens austauschen:

„wenn man zusammensitzt und einen Pétrus trinkt, freilich selten genug, weil die Chinesen seinen Preis verdorben haben“

Drei Mann als kleine verwegene Schar der letzten Literaturliebhaber

Nach der Hälfte der 150 Seiten spricht man nun doch über Klassiker und was man so kanonisieren sollte oder nicht. Vorher war man ja nur um die Lektüren des heranwachsenden Safranski gekreist. Jetzt aber – wo es allgemeingültig wird – dürfen die drei Herren sich erstmal versichern, dass sie die Speerspitze der „kleinen verwegenen Schar der letzten Literaturliebhaber“ sind.

Dazu ist doch gar nicht schlecht zu wissen: Hat man einen (oder gar alle drei) der Diskutanten zu einem Abendessen geladen, dann kann man zumindest bei ihnen noch „auftrumpfen, [wenn] man sagt, Leute, hört zu, dieses Kapitel der Strudlhofstiege habe ich jetzt schon zum dritten Mal wieder gelesen und bin noch immer tief ergriffen.“ Denn das fehlt nicht nur Meyer bei jeder Gesellschaft, das fehlt dem ganzen Trio. „Früher wäre eine alte Dame auf dem Sofa daneben darüber in Tränen ausgebrochen. Alles vorbei.“ Offen bleibt leider, ob diese Ausrufe von Partygästen „früher“ tatsächlich vorkamen oder es auch damals nur ein frommer Wunsch war. Tempi passati.

Meyer empfiehlt daher nicht etwa, die Schulbildung zu überdenken, Leselisten zu erstellen oder Gäste vor der Einladung zum Literaturgeschmack zu befragen. Nein, solchen Hoffnungen gibt man sich gar nicht mehr hin. Meyer fühlt sich damit in seinem Zirkel der drei offenbar ganz wohl.

„[…] je demokratischer die Unbildung, vielleicht darf man auch sagen: die Dummheit, wird, umso elitärer dürfen sich die Kenner geben. Was wir hier ja auch tun …“

Rüdiger stimmt sogleich ein, und fordert seine beiden Mitstreiter dazu auf, sich nicht zu scheuen, auch mal Leute zu beschämen. Daher schlägt er vor, diese Dummköpfe zu entlarven. „Was, Sie kennen dieses Kapitel aus der Strudlhofstiege nicht, womit haben Sie denn Ihre Zeit verschwendet?“ Nicht auszudenken, wie heiter eine Abendgesellschaft durch solche Ausfälle und Bloßstellungen einzelner Dummköpfe aufgelockert wird. Klassismus zum Schenkelklopfen. Eines ist daher sicher: die drei haben gar keine Lust, dass jemand anders als sie selbst bei ihrem Literaturclub mitmacht.

Zum Ende des Gesprächs wird dann trotzdem über die Erweiterung des eigenen elitären Zirkels phantasiert. Safranski möchte gerne einladen, Meyer aber vorher eine „Eintrittsklausur“ veranstalten. Im Club soll nur sein, „wer es auch wirklich verdient“. Alle anderen sollen „wieder twittern oder Golf spielen oder ihre vegane Küche bespielen“. Man darf sich sicher sein, die Eintrittsklausur wird die Strudlhofstiege zum Thema haben. Man darf sich ebenso sicher sein, dass sich glücklich schätzen darf, wer bei dieser Veranstaltung nicht dabei sein muss. Man ist ja oft unzufrieden im Leben, aber jetzt kann man sich in Momenten des Missmuts wenigstens damit trösten, nicht an einem der schrecklichen hochkulturellen Männerabende von Krüger, Meyer und Safranski teilnehmen zu müssen. Frauen kommen eh nur zum Weinen dazu.

Inserat, Blumenstrauß und Pétrus

Runde Geburtstage sind wirklich etwas Feines; mehr Geschenke als üblich, je nach Beliebtheit gar ein Inserat in der Zeitung oder ein Blumenstrauß vom Arbeitgeber, endlich drucken die Enkel die biographischen Notizen, die man ihnen vor Jahren mit den Worten „falls Du irgendwann mal wissen willst, was Opa so in seiner Jugend gemacht hat“ in die Hand gedrückt hatte. Die Kleinstauflage von 15 Stück kann man dann an Freunde weitergeben. Ein Exemplar geht an die Lokalzeitung, weil ja auch eine Menge Stadtgeschichte da drin ist.

Bei den meisten Jubilar*innen erschöpft sich die Auflage eben in 15. Das Inserat sehen sowieso nur ein paar derer, die noch die Zeitung abonniert haben und die Blumen verwelken schnell. Hanser bietet dagegen dieses bräsige, ichbezogene und alle drei Herren entlarvende Salbadern für 18 Euro allen Leser*innen an. Die Enttäuschung darüber, nichts von dem zu finden, was in Aufmachung und Werbung versprochen wird, wiegt nicht so schwer, wie die darüber, dass sich in München drei Männer treffen, um sich selbst ihrer Großartigkeit zu vergewissern, elitäre Räume nach außen hin abzusichern und Hanser dies dazu noch druckt.

Hätte Hanser Safranski zum Geburtstag doch einfach nur eine Flasche Pétrus geschickt – aber die Chinesen haben ja die Preise kaputt gemacht.

Beitragsbild von Richard Boyle

[Kolumne] Würgers Würste – Geschichte einer Obsession

Dies ist die Geschichte eines Reporters und seiner Obsession. Einer sehr stereotypen Obsession. Es geht um nichts anderes als um die Wurst. Aber der Reihe nach. Schon Otto von Bismarck soll angeblich den Satz gesagt haben: “Gesetze sind wie Würste, man sollte besser nicht dabei sein, wenn sie gemacht werden.“ Doch wie es bei etlichen Zitaten, die historischen Persönlichkeiten zugesprochen werden, der Fall ist, so muss man auch hier feststellen, dass es sich leider nur um eine Legende handelt.

Der Journalist und Romanautor Takis Würger hingegen hat wirklich eine besondere Vorliebe für Würste, man könnte gar sagen eine Besessenheit.

Als Reporter ist er angewiesen auf sprachliche Bilder, die ein Gespür für die Szenerie vermitteln. Und Würger sieht es so: Reporter*innen werfen „ihre Protagonisten in die Wurstmaschine, ob sie [wollen] oder nicht, weil die Wurstmaschine der einzige Weg zu einer Reportage ist.“ Dieser Satz aus Würgers Porträt der amerikanischen Reporterin Lisa Taddeo vom 04. Januar 2020 irritiert erst einmal. Woher diese seltsame Metapher? Wenige Tage später ein weiteres Porträt aus Würgers Feder, diesmal über die Bestsellerautorin Rita Falk, die Krimis schreibt, die in kleinbürgerlichen deutschen Dörfern spielen, der Titel: Wurstliteratur. Kann das Zufall sein? Nur wenige Tage darauf sprach Würger im Podcast Quatschen mit Soße der Zeitschrift Essen & Trinken über seine „Gier nach Currywurst“ . Es ist kein Zufall! Eine Recherche im Zeitungsarchiv verrät: Würste und Würger – das gehört zusammen.

Die Wurst – eine absolute Metapher?

Kaum ein anderes Lebensmittel ist so sehr eine Metapher für Deutschsein. Vielleicht ist es das Grobe, das in dem Akt des Pressens von zermahlenem Fleisch in die Haut steckt, vielleicht aber auch das Eingeengte der Wurstmasse in der Haut, die wenig elegante Form oder der Klang des Wortes allein: Das tief im Hals ansetzende U, das in den Konsonantencluster aus zwei Reibelauten und einem Verschlusslaut übergeht – aus irgendeinem Grund ist die Wurst das stereotype deutsche Lebensmittel schlechthin. Und um die metaphorische Kraft weiß Takis Würger natürlich. Wie hier in der Reportage Mein Monat mit den Menschen von Clausnitz:

„Was also bleibt an Erkenntnis nach einem Monat im Erzgebirge? Es gibt kein Nazidorf. Es gibt nicht den Clausnitzer, der für alle steht. Das Einzige, was alle, die ich traf, gemeinsam haben, ist, dass sie Wurst mögen.“

Die Wurst ist hier die Gemeinschaft erzeugende Vorliebe, das überparteiliche Lebensmittel, nicht nur Nazis essen Wurst, alle Menschen in Clausnitz mögen Wurst. Der letzte Satz weist, so meint man, über die Reportage hinaus, er scheint sagen zu wollen: Du darfst deutsch sein, das macht dich noch nicht zum Rechtsradikalen – du bist gut wie du bist, iss Wurst.

Für Takis Würger ist die Wurst die perfekte Metapher, die absolute Metapher. Und Hans Blumenberg hatte Recht mit seiner Feststellung, dass manche Metaphern eine Semantik weit über das hinaus gewonnen haben, für das sie einmal standen. Absolute Metaphern geben „einer Welt Struktur, repräsentieren das nie erfahrbare, nie übersehbare Ganze der Realität.“ Und so hält es Takis Würger auch mit der Wurst:

„2 Gläser Nutella, 2 Gläser selbstgekochte Erdbeer-Rhabarber-Marmelade, 1 Büchse grobe Leberwurst, 1 Stück Speck, 1 Büchse Mandarinen, 1 Tube Senf, 1 Blutwurst, 2 Ritter Sport, 1 Brief. Es ist ein Karton gefüllt mit Deutschland. Sommerkorn schreibt seiner Mutter in einer E-Mail: Danke für das tolle Paket. Du weißt doch, dass ich keine Blutwurst esse.“

Der Soldat in der Reportage Das verschwundene Bataillon bekommt ein Fresspaket seiner Mutter und Würger erkennt zielsicher die metaphorische Qualität dieser Situation. Es ist ein Paket, das für Deutschland stehen soll, für Heimat, und wir sehen sofort, dass das Entscheidende nicht die anderen Lebensmittel sind (sie alle können in irgendeiner Form für Deutschland stehen) – was die Metapher funktionieren lässt, was die Metapher absolut macht, sind die Blutwurst und die Leberwurst. Wie auch in der Ablehnung der Blutwurst durch den jungen Soldaten vielleicht auch eine Ambivalenz zu seiner Aufgabe als Repräsentant und Verteidiger einer deutschen Kultur steckt.

Überall Würste

Hier offenbart sich auch die Vielzahl unterschiedlicher Würste, die viele Deutsche kennen. Einige Städte in Deutschland haben ihre eigene Wurstsorte und in den 90er Jahren wurden sie von einem rundgesichtigen Metzger mit glänzenden Augen im Fernsehen aufgezählt, einen Schnitt später brachte eine Mischung aus Robin Hood und Surferboy mit einem Wort die Fleischwarenverkäuferin in der Rügenwaldermühle zum Schmelzen und ritt mit einem Arm voller Würste nach Hause, Bratmaxe wurden gegrillt und dann ging TV Total, die Late-Night-Show mit dem berühmtesten deutschen Metzgersohn, weiter.

Vielleicht war es diese mediale Überpräsenz, die auch bei Takis Würger eine Obsession mit dem bei vielen Deutschen so beliebten Fleischprodukt auslöste, wie sonst hätte er seine semantische Reichhaltigkeit in Vergleichen so nutzen können wie hier:

„Ein Maßschuh hat mit einem Schuh von Tamaris oder Deichmann eigentlich nur gemeinsam, dass beide an den Füßen getragen werden. Es ist, als würde man einen Maserati mit einer Wurst auf Rädern vergleichen, beides rollt, aber damit endet die Gemeinsamkeit.“

Nichts umfasst den Kern der Geschichte der Maßschuhmacherin Saskia Wittmer so perfekt wie der hier gewählte Vergleich. Es hätte jedes Lebensmittel sein können, aber kein anderes wäre perfekt gewesen. Etwas ließ Würger spüren, das es nur die Wurst sein konnte, die das scheinbar Paradoxe an einer deutschen Frau als Maßschuhmacherin in Florenz ausdrücken und im gleichen Moment auflösen würde: Der Vergleich mit dem Wurstklischee entlarvt ein anderes Klischee als falsch. Es ist das Grobe, das Unelegante der Wurst, das hier den Unterschied und die Wurst zum perfekten Nahrungsmittel in dem Vergleich macht. Es sind dieselben charakterlichen Elemente der Wurst, mit denen Takis Würger der Pariser Philharmonie mit dem Vergleich, sie sähe aus „wie eine geplatzte Wurst aus Metall,“ in einer Reportage ein Stück der Erhabenheit nimmt, die man ansonsten sofort mit dem Gebäude verbinden würde. Würger genügt die Erwähnung einer Wurst, um ein Gebäude umzudeuten.

Die perfekte Symbiose aus faktischem Inhalt und metaphorischem Gehalt seiner Obsession aber schaffte Würger 2010 mit der Geschichte von Wolfgang Joswig: einem widerständigen DDR-Bürger, der schließlich die längste Thüringer Wurst aller Zeiten briet: „Die Wurst war für ihn Vergangenheitsbewältigung.“ Ob Würger wusste, was er tat, lässt sich nicht nachvollziehen, aber hatte nicht Christoph Schlingensief zwanzig Jahre zuvor mit dem Film Das deutsche Kettensägenmassaker, in dem eine ostdeutsche Familie nach ihrer Ausreise von Westdeutschen zu Wurst verarbeitet wird, eine metaphorische Kritik am Wendeprozess auf Zelluloid gebannt? Und jetzt übernahm die Obsession im Unterbewusstsein die Regie und die wahre Geschichte eines Widerstandes gegen das DDR-Regime, in der eine Wurst eine tragende Rolle spielte, wurde ohne das Wissen des Reporters mit dem metaphorischen Gehalt des Schlingensief-Films aufgeladen.

Auch wenn Würste für Takis Würger nicht die gleiche Bedeutung haben dürften, wie für Wolfgang Joswig, der sich gegen ein repressives System auflehnte, so sind sie doch für sein Wirken als Reporter so elementar, dass sie in mehr Texten auftauchen als hier aufgezählt werden konnten und Takis Würger ist vielleicht der erste Journalist, der ohne Zwang in einem SPIEGEL-Text das Wort „Wurstgulasch“ verwendete. Und so wie Reporter*innen ihre Protagonist*innen zu Wurst verarbeiten, verwurstet auch der Reporter Takis Würger die gleiche Metapher, den gleichen Vergleich ein ums andere mal – und da soll einer sagen, die Wurst sei nicht nachhaltig.

 

Hypnotica Studios Infinite from Toms River, New Jersey, USA [CC BY (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)]

[Kolumne] Es zählt nur die Qualität – Über ein fadenscheiniges Argument

Von Nicole Seifert

Dass es beim Büchermachen ausschließlich um Qualität gehen sollte, darin sind wir uns ja alle einig, oder? Und dass Männer die besseren Bücher schreiben auch. Ach nein, das darf man ja nicht mehr sagen. Also: Wenn Männer nun mal die besseren Bücher schreiben, dann – nee, Moment, ich fang noch mal an: „Wir machen Literatur, nicht Männer und/oder Frauen. Entscheidend ist allein die Qualität und nicht das Geschlecht. Entscheidend ist die Aussage, der Stil, da braucht es keine Genderaufsicht.“ So kann man es schon sagen. Oder?

So hat es jedenfalls Joachim Unseld gesagt und ist damit (immerhin fast als einziger) der tendenziösen Fragestellung der Literarischen Welt auf den Leim gegangen, die vor einer Woche mehrere Verlagsleute um ihre Meinung zum „aktuellen Aktionismus“ bat. Gemeint war damit der Versuch, ein größeres Bewusstsein für Geschlechterungerechtigkeit im Literaturbetrieb zu schaffen, indem man anhand quantitativer Erhebungen Verlagsprogramme analysiert: Das sogenannte Vorschauen- oder Frauenzählen.

So gut wie alle der  befragten zwölf Verleger*innen stehen der Debatte übrigens aufgeschlossen gegenüber, selbst Unseld hält sie für „wichtig und berechtigt“, auch wenn sie sich in Enthusiasmus und Umsetzung stark unterscheiden. Das zentrale Gegenargument, das sich in der Debatte hartnäckig hält, ist die von Unseld so schön auf den Punkt gebrachte angebliche Opposition von Diversität und Qualität.

Am 21. Januar veranstaltete der SWR2 in der Reihe Forum einen fast einstündigen Radio-Talk zum Thema mit Susanne Krones, Programmleiterin im Penguin Verlag, mit mir und mit Rainer Moritz vom Hamburger Literaturhaus. Auf die Frage, ob er bei den Literaturhaus-Veranstaltungen auf ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis achte, wollte Moritz zwar ein „ich glaube, es wurde gerade so ähnlich wie Problembewusstsein genannt“ haben, das er aber schon im nächsten Halbsatz an seine „Kolleginnen“ delegierte. Die würden schon dafür sorgen, „dass sie mit ernstem Blick zu mir in mein Büro kommen, wenn sie das Gefühl haben, dass diese Ausgewogenheit vielleicht nicht so hergestellt ist.“ Er selbst versuche, „nicht krampfhaft“ zu entscheiden und wenn er „aus literarischen Gründen“ glaube, das sei jetzt so, „dass in diesem ersten Halbahr vielleicht 60-70% Männer lesen“, weil er der Meinung ist, „dass diese Bücher besser sind, dann ist das so, dann muss man das auch durchstehen und man muss versuchen, das argumentativ zu verteidigen.“

Bei dieser Argumentation beruft sich Moritz auf die „großen Männerfiguren“ Siegfried Unseld und Michael Krüger, die hätten oft gedacht, „ohne es gesagt zu haben: so richtig große dolle Literatur können Männer doch besser schreiben.“ So ganz möchte er sich allerdings nicht auf deren Seite stellen, denn „als chauvinistisch gelten“, das wolle heute ja niemand. „Deshalb wird auch verbal zurückgerudert“, erklärt Moritz, „d.h. man will auf gar keinen Fall sagen, wir haben einfach jetzt viel bessere Manuskripte von Männern gehabt, deswegen haben wir das so gemacht. Dieses Argument werden Sie ganz selten hören, selbst wenn sie’s denken, die Verlegerinnen und Verleger, werden sie es nicht sagen.“

Wieder und wieder dieselbe Formulierung, da kommt man um die Schlussfolgerung kaum herum, dass hier wohl tatsächlich jemand glaubt, Männer schrieben die besseren Bücher. Das einzige Problem: Man darf es nicht mehr sagen. Man sollte schon so tun, als wäre man nicht sexistisch, pardon: chauvinistisch. Spätestens hier wird klar, wie halbherzig die Distanzierung von den genannten Verlegern ist. Aber sind Sexisten nicht eh immer die anderen?

Der Letzte, der sich noch traute, auszusprechen, wie es offenbar wirklich ist, war der von vielen nach wie vor hochverehrte Marcel Reich-Ranicki. Interviewt von André Müller, sagte er vor ungefähr zwanzig Jahren: „Man darf auch nicht sagen, Frauen können keine Romane schreiben. […] Frauen können Novellen schreiben, wunderbar, Frauen können Gedichte schreiben. Fragen Sie mich nicht, warum! Fragen Sie Gynäkologen!“

Wenn man nicht nachvollziehen kann, warum man Dinge so besser nicht mehr sagt, dann fehlen einem Informationen, dann hat man Zusammenhänge noch nicht verstanden. Es wäre also klug zuzuhören, was die, über die man gestern noch abfällig reden durfte, für Erfahrungen gemacht haben – einmal die andere Perspektive einzunehmen und über die eigenen Privilegien nachzudenken. Oder, wie Oliver Vogel vom S. Fischer Verlag es in seiner Antwort auf die oben erwähnte Frage an die Verlage formulierte: „Glück zu haben ist immer ein guter Grund, trotzdem nachzudenken.“

Diese Informationen finden sich beispielsweise in einigen neueren Studien zur Sichtbarkeit von Frauen in Kultur und Medien, die zeigen: Es wird eben nicht nur nach erbrachter Leistung und Qualität ausgewählt. In der Realität haben Autor*innen höchst unterschiedlichen Zugang zu Förderprogrammen, Veröffentlichungen und Auftrittsmöglichkeiten. Und um hier mehr Gerechtigkeit herzustellen, braucht es konkrete Maßnahmen.

Das, was Joachim Unseld als „Genderaufsicht“ bezeichnet, entspricht dem, was man in der konservativen Ecke gern „Sprachpolizei“ nennt. Plötzlich muss man aufpassen, man darf nicht mehr einfach abwertend über Frauen, über BIPoC oder über queere Personen reden – blöd, wo das doch immer so lustig war! Harald Staun gab im November in einem FAZ-Artikel die bestmögliche Antwort auf diese Haltung:

Natürlich sollte man aufpassen, zu welchen Themen man sich wie äußert, aber nicht, weil sonst die Sprachpolizei kommt, sondern aus Höflichkeit, Zivilisiertheit oder auch nur aus dem Interesse, den öffentlichen Diskurs ein bisschen klüger zu machen.

Das Qualitätsargument aber macht den Diskurs nicht klüger, es ist unreflektiert und unterkomplex und im Grunde nichts anderes als ein reaktionärer Reflex.

Einer, der umgedacht hat, ist Stephen King, nachdem er für einen Tweet einen Sturm der Kritik erntete. Der Autor ist Mitglied der Academy of Motion Picture Arts and Sciences, die entscheidet, wer im Februar einen Oscar bekommt. Aus diesem Anlass twitterte er Mitte Januar:

In der Kunst zähle nur Qualität, Diversität zu berücksichtigen, erscheine ihm falsch. Von den 12.000 Replies wiesen viele auf das Kernproblem dieser Aussage hin: Diversität und Qualität sind keine Gegensätze. Hier einen Widerspruch zu konstruieren, legt nahe, man hätte es mit einander bekämpfenden Konzepten zu tun; als sei das eine dem anderen selbstverständlich überlegen, als könne beides gar nicht zusammenfallen. Wären Qualität und Diversität Gegensätze, würde das im Umkehrschluss bedeuten, Kunst von Frauen, von BIPoC, von Queeren sei weniger gut. Wieder dieselbe Prämisse wie oben, also.

Dass seit Bestehen der Oscars nur eine einzige Frau einen Award für die beste Regie bekommen hat, dass schwarze Schauspieler*innen lange gar keine Auszeichnungen bekommen haben und dann bevorzugt für Rollen, in denen sie Sklav*innen spielten – das kann doch nur daran liegen, dass weiße Männer eben besser sind. Was auch hier wieder nicht in Erwägung gezogen wird: das nachweislich herrschende Ungleichgewicht durch schlechtere Chancen, mangelnde Sichtbarkeit und die Voreingenommenheit derer, die auswählen.

Stephen King haben die Replys zu seinem Tweet zu denken gegeben, denn knapp zwei Wochen später veröffentlichte er unter dem Titel „The Oscars are still rigged in favor of white people“ einen Artikel in der Washington Post, in dem er schrieb, er habe seine Aussage im Moment des Twitterns fälschlicherweise für unstrittig gehalten, nun habe er genauer hingesehen. Er stellt einen Zusammenhang zwischen der Zusammensetzung der Academy (sehr überwiegend weiß, männlich und über 60 Jahre alt) und der Vergabe der Preise an ebendiese Kohorte fest. Er wiederholt seine „overall attitude that, as with justice, judgments of creative excellence should be blind.“ Um dann jedoch zuzugestehen: „But that would be the case in a perfect world, one where the game isn’t rigged in favor of the white folks.“

Ja, in einer idealen Welt ginge es einfach nur um Qualität. Solange man aber anerkennt, dass in unserer Kulturlandschaft nach wie vor historisch gewachsene, sexistische und rassistische Strukturen bestehen, wird man auch erkennen, dass viele Gruppen weiterhin benachteiligt sind. Und diese müssen erstmal einbezogen werden in die Auswahlprozesse, bevor man über ihre Qualität urteilen kann.

Das Qualitätsargument ist aber noch aus weiteren Gründen hinfällig: Es ist naiv und es ist unehrlich. Naiv, weil es den Anschein erweckt, Qualität setze sich naturgemäß durch – was mit der Realität des Literaturbetriebs nichts zu tun hat. Und unehrlich, weil es bei der Zusammenstellung von Programmen aller Art nie nur um Qualität geht (dazu auch dieser Text von Simon Sahner auf 54books). Es geht immer auch um Verkäuflichkeit, sowie darum, ein rundes Gesamtpaket zu schnüren – nur welche Kriterien man da gelten lässt und welche nicht, das ist eben die Frage.

Susanne Krones wies in dem SWR2-Gespräch darauf hin, dass die Verlage angesichts der Manuskriptfülle, aus der sie auswählen, alle Möglichkeiten hätten: „Wenn wir uns überlegen, welchen Bruchteil dieser Dinge wir nur einkaufen, dann lügen wir uns natürlich in die Tasche, dass wir da kein 50:50 herstellen könnten.“

Außerdem machte sie darauf aufmerksam, was passiert, wenn die Auswahl von Manuskripten anonymisiert wird und ohne Ansehen der Person stattfindet, wenn also geschlechtsbezogene Voreingenommenheit systematisch ausgeschlossen wird. Das ist der Fall beim Berliner Literaturwettbewerb Open Mike, in dessen Vorjury Susanne Krones saß. Nachdem aus mehreren hundert Einsendungen allein aufgrund der Textproben 20 Finalist*innen ausgesucht worden waren, kam man auf vier Männer und sechzehn Frauen. Ein anonymisiertes Vorauswahlverfahren gibt es auch bei den Hamburger Literaturpreisen, die in Kategorien von Comic über Übersetzung bis Roman an neun Frauen und zwei Männer gingen. Das kann passieren, wenn man das mit der Qualität einmal ernstnimmt. Lässt man die Voreingenommenheit walten, sieht es anders aus: Dann kommen Frauen auf einen Anteil von 13% aller Literaturnobelpreise oder auf 15% aller Georg-Büchner-Preise.

Anonyme Auswahlverfahren gibt es seit den Siebzigerjahren auch bei amerikanischen Orchestern, nachdem man festgestellt hatte, dass die fünf Top-Orchester des Landes einen Frauenanteil von weniger als 5% aufwiesen. Bei blind auditions befinden sich die Kandidat*innen beim Vorspiel hinter einem Wandschirm. Die Jury kann sie nicht sehen, nur hören, es geht allein um die Qualität ihres Spiels. Wissenschaftler*innen haben festgestellt, dass es durch diese Maßnahme um 50% wahrscheinlicher ist, dass es eine Frau in die Endauswahl schafft. Auf diesem Weg hat sich der Anteil von Frauen in diesen Orchestern inzwischen auf 30-40 Prozent erhöht, wie der Guardian berichtete.

Für Literaturhäuser und Verlagsprogramme dürfte so ein geschlechtsblindes Auswahlverfahren kaum umsetzbar sein, aber immerhin lassen diese Beispiele Rückschlüsse darauf zu, was wäre, wenn man die Sache mit der reinen Qualität konsequent durchziehen würde. Fast könnte man auf die Idee kommen, das Gerede davon, dass Männer eben einfach besser seien, diene im Wesentlichen der Verschleierung des Gegenteils.

Das Qualitätsargument würde so gern alle vereinen, denen Literatur am Herzen liegt, um die anderen als ideologisch Verblendete aus dem Gespräch auszuschließen. Es ist jedoch innen hohl, wie es Totschlagargumente gerne sind. Denn es gibt keine „reine Qualität“, so wie es nicht die eine, zentrale Instanz gibt, die sie unabhängig von Vorannahmen feststellen könnte. Jedes Urteil unterliegt einer Perspektive, und jedes Urteil bedarf eines Vergleichs. Qualität kann nur festgestellt werden, wenn man alle einbezieht, wenn man sich dem Vergleich stellt. Insofern ist Qualität ohne Diversität vor allem eins: fragwürdig.

 

Nicole Seifert ist promovierte Literaturwissenschaftlerin, Autorin und Übersetzerin. Auf ihrem Blog www.nachtundtag.blog, der 2019 als bester Buchblog ausgezeichnet wurde, schreibt sie über das Thema Autorinnen sowie deren Literatur. Sie ist Mitinitiatorin der Aktionen #autorinnenschuber und #vorschauenzählen.

 

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Chronik: Januar 2020

Das Jahr begann mit einer Kontroverse, die keiner gebraucht hatte und einer Debatte, die überfällig war. Zunächst ein Video, über das jedes Wort zu viel gewesen wäre, nämlich das unwitzige Umweltsau-Lied, das der WDR in die Öffentlichkeit entließ, um danach in jede Falle der rechten Medienstrategie hineinzutappen. Dabei wurden vor lauter Entschuldigungs- und Distanzierungsgeilheit leider die eigenen Mitarbeiter*innen dem rechten Mob ausgeliefert. Soweit zum Thema: Debatten, die zu verhindern gewesen wären. Am 31.12. dann veröffentlichte der Journalist Richard Gutjahr einen erschütternden offenen Brief, der sich zu Jahresbeginn schnell verbreitete, und in dem er berichtete, wie sein Arbeitgeber, der Bayerische Rundfunk, ihn über Jahre hinweg mit einer rechtsradikalen Hetzkampagne allein gelassen habe. Überliefert wird der Kommentar von leitender Stelle, “man könne ja nicht jedem freien Mitarbeiter gleich einen Anwalt stellen, nur weil man mal im Netz ‘angepöbelt’ werde.” Man möchte den Zuständigen beim WDR und BR dringend empfehlen, sich einmal selbst eine Weile in diesem Netz  aufzuhalten, denn dort passieren Dinge, die gesellschaftlichen und kulturellen Einfluss haben (und gefühlt 90 Prozent aller ‘Pöbeleien’).

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Auf Theodor (Fontane-Jahr 2019) folgt Ludwig, denn der Geburtstag des “Bonner Battle-Badass” Beethoven jährt sich dieses Jahr zum 250 Mal und gewohnt geniekultig wird der Komponist auf dem Titel der Zeit 2/20 als “genialer Berserker” bezeichnet, der so – anders als Kinderchöre der Gegenwart – für die Beschimpfung seines Publikums gelobt wird. Andere nennen den Komponisten nur noch liebevoll Ludwig van (“Ludwig van macht das Vierteljahrtausend voll, und alle Menschen werden Ludwig-Fans. Freude, schöner Götterfunken. Da-da-da daaaa. Jubeln, Dudeln, Runternudeln.”) und lösen damit einiges an Reaktionen aus. Und pünktlich zum Jahresanfang erschien Ludwig van auch noch auf Twitter als Bot. Bereits 2024 dürfen wir uns dann auf das Kant-Jubiläumsjahr freuen, über Ludwig und Immanuel schreibt Matthias Warkus in seiner Kolumne: “In der Beethoven-Interpretation ist der Kant-Bezug ein derartiger Allgemeinplatz geworden, dass umgekehrt Kants erstes Hauptwerk, die »Kritik der reinen Vernunft«, schon despektierlich als »die 9. Sinfonie der Philosophie« bezeichnet wurde.” Katharina Herrmann richtet angesichts dieser ganzen Jubiläumsfreude den Blick auf die Jubilarinnen des neuen Jahres: “Es gab auch ein paar Frauen in dieser deutschsprachigen Kulturgeschichte und auch von diesen feiern 2020 ein paar ihren runden Geburtstag.”

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Einen “Frühling der Frauen” kündigte Mara Delius in der WELT an und stellte in ihrem Artikel den Blick auf einzelne Autorinnen gegen die Praxis des Zählens von Autorinnen in den Frühjahrsprogrammen der deutschsprachigen Verlage. Inwiefern sich der Blick auf einzelne Autorinnen und die quantitativ aussagekräftige Arbeit, die von vielen Freiwilligen unter #vorschauenzählen geleistet und von Nicole Seifert und Berit Glanz ausgewertet wurde, eben nicht ausschließen, zeigt Johannes Franzen hier auf 54books. Die nachfolgende Debatte, die sich unter anderem in einem Gespräch zwischen Mara Delius und Berit Glanz im DLF Kultur und einer Diskussionsrunde mit Nicole Seifert, Rainer Moritz und Susanne Krones im SWR, den sozialen Medien und zahlreichen Artikeln abspielte, führte wiederum dazu, dass die WELT jetzt bei den Verlagen nachfragte. Die Antworten stimmen größtenteils hoffnungsvoll, so meint Kerstina Gleba von KiWi:  “Der Schmerz, der entsteht, wenn wir realisieren, dass wir in dem Bemühen, die seit Jahrhunderten bestehenden patriarchalen Strukturen des Literaturbetriebs zu überwinden, noch nicht so weit sind, wie wir möchten, ist ein guter Ansporn, fokussiert in dieser Richtung weiterzuarbeiten.“ Beendet ist diese Debatte bestimmt noch lange nicht, wollen wir aber hoffen, dass sie in dieser Richtung weitergeht. 

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Takis Würger ist wieder da. In einem Rezensionsporträt der Autorin Lisa Taddeo und ihrem Buch Three Women gelingt es ihm, gleichermaßen unkritisch und ausgesprochen seltsam zu sein. Sollte man etwa, fragen wir uns an dieser Stelle, die Rezension zu einem Buch über sexuelle und emotionale Ausbeutung von Frauen so beginnen: “Ganz am Anfang, als Lisa Taddeo, 39, noch dachte, sie möchte ein Buch über Sex schreiben, fand sie sich zwischen den Beinen eines der größten lebenden Reporter wieder.” Auch das wunderliche Bild von der Reportage als “Wurstmaschine” lässt uns eher ratlos zurück. Kurz darauf wurde das Buch dann auch in schneller Abfolge mehrfach brutal verrissen, eine Masterclass in kritischer Feuilletonarbeit. Zum Beispiel von Juliane Liebert in der ZEIT, die in ihrer Besprechung anmerkte: “Natürlich ist Twilight, ebenso wie Drei Frauen, aus feministischer Perspektive ein Scheißbuch.” Diba Shokri unterzog das Buch in der FAS einer literaturwissenschaftlichen Kritik, die vor allem die erzählerischen Probleme dieser Art des narrativen Heranwanzens an reale Personen zeigte. 

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Im Jahr 2008 gab der Autor David Shields mit seinem Manifest Reality Hunger einer ästhetischen Tendenz einen Namen, die seitdem die Kunstgeschichte der Gegenwart bestimmt: Der Hunger nach Realem, die Fiktionsmüdigkeit, die Freude an realen Geschichten, Autofiktion etc. Wir fragen uns: Lässt sich gerade ein Backlash gegen diese Entwicklung erkennen? Ein Müdigkeit der Fiktionsmüdigkeit? Dann wäre nicht nur der kollektive Unwille in Bezug auf ein Werk des narrativen Journalismus wie Taddeos Three Women ein Zeichen dafür, sondern auch der Aufsatz, den Wolfgang Ullrich in der FAZ veröffentlicht hat. Ullrich fragt darin, ausgehend von der Kritik der Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk an einem Mangel an Fiktionskompetenz, ob wir uns (kunstgeschichtlich) in einer „Krise der Autonomie“ befinden. Es überwiege eine Lust an „Reality-Kunst“. Faction zähle mehr als Fiction – „jede Zutat, die zur Aktualität und Dringlichkeit beiträgt, wirkt statussteigernd, Verbindungen zur harten Realität sorgen für ontologische Zugewinne.“ Ullrich fragt, ob die Kunst möglicherweise mit dieser Realitätsversessenheit auf die Tatsache reagiert, dass unser Alltag „von zahllosen kleineren und größeren, läppischen, aber durchaus auch sinnstiftenden Fiktionalisierungen“ durchsetzt ist? Allerdings möchte er angesichts dieser Entwicklungen nicht in „Kulturpessimismus“ verfallen. Die Kunst fällt eben nur gerade aus dem kurzen modernen Intermezzo der Autonomie zurück in eine Welt heteronomer Begehrlichkeiten. Wir können an dieser Stelle eine gewisse Vorfreude darauf, dass das dogmatische Modell der Autonomie zumindest ein paar Dellen und Risse bekommt, nicht verschweigen.

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Für eine längere Zeit war es angenehm still um den Großschriftsteller Uwe Tellkamp. Doch nun macht er wieder von sich Reden; es geht auch in diesem Fall um seine Meinungsfreiheit, sprich, seine Freiheit überall und ungebremst, vor allem aber ohne Widerrede alles sagen zu können. Im Rahmen einer Veranstaltung der rechtsradikalen Zeitschrift Tumult wurde ein Lesungstermin in Dresden von den Betreibern der Spielstätte abgesagt. Nun leben wir in einer Zeit, in der eine Raumabsage starken Nachrichtenwert zu besitzen scheint, weil sie ein Symptom darstellt für etwas, was die Leser*innen interessieren könnte. Wir wissen nur leider nicht was. Vor allem rief sie aber den ehemals sehr mächtigen (jetzt Focus) Kolumnisten Jan Fleischhauer auf den Plan, der herumnölte, Autoren wie Grass und Böll hätten sich unbehelligt politisch äußern dürfen, aber weil Tellkamp die Rolle des engagierten Autors von rechts ausfülle, werde er sehr schlimm behandelt. Auch in diesem Fall holt Fleischhauer die grundsätzliche Tragödie seines Wirkens ein, dass nämlich das, was er schreibt, nicht stimmt. Die engagierten Autoren vergangener Zeiten mussten sich noch vom Bundeskanzler persönlich als “ganz kleine Pinscher” beschimpfen lassen. Böll wurde nach seinem tatsächlich reichlich verunglückten medienkritischen Artikel “Will Ulrike Gnade oder freies Geleit” zum Opfer einer brutalen Kampagne, an der auch zahlreiche Politiker beteiligt waren. Tellkamp kann, wenn überhaupt froh sein, dass der Politik heute Schriftsteller und ihre Romane egal sind. Der Rest dessen, was Fleischhauer schreibt, stimmt übrigens auch nicht. Samira El Ouassil hat in einem Artikel für Übermedien darauf hingewiesen, dass die Ausladung nicht Tellkamp persönlich galt, sondern dem Veranstalter seiner Lesung, der Zeitschrift Tumult. Aus dieser Zeitschrift werden dann allerlei abscheuliche Dinge zitiert, die vor allem die Frage aufwerfen, mit welchen Menschen Tellkamp sich gerne abgibt? El Ouassil hat dazu das angemessene Fazit: “Der Skandal ist also nicht, dass Uwe Tellkamp nicht im Schloss lesen durfte, sondern dass Tellkamp dort im Auftrag von Tumult gelesen hätte.

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Szenen (im Sinne von Szene-Lokal) sind Orte, wo Menschen auf eine Art dünnhäutig sind, die schon einen halben Meter außerhalb dieser Szene unverständlich erscheint. Und für kaum eine Szene gilt das mehr als für die deutsche Lyrikszene. So liest man diese Replik des Autors Şafak Sarıçiçek auf eine nur mittelbegeisterte Rezension seines Bandes Jamsids Spiegelkelch von Slata Roschal in den Signaturen mit Verwunderung. Ist es nicht an sich schon verwunderlich (böse Zungen würden es illoyal nennen), dass eine Zeitschrift einem besprochenen Autor überhaupt Raum für eine solche Gegendarstellung einräumt? In Sarıçiçeks Replik wird nicht nur Beschwerde geführt gegen eine Besprechung, sondern es werden gleich Thesen zur “Poetik” dieser Besprechung aufgestellt. Thesen, Poetik… Wir befinden uns im Bereich der deutschen Gegenwartslyrik, und es macht Spaß. These 6 etwa lautet: “Al Hallaj wurde gekreuzigt, hätte sich die Verfasserin mit Al Hallaj auseinandergesetzt, wäre ihr dies bekannt. Die botanische Auseinandersetzung mit diversen Blütenformen werden sicherlich auch ergiebig sein hinsichtlich dem Erkennen von Kruzifixästhetiken.” Und nun sind wir wirklich im tiefen Herzen der Szene, wo die Voraussetzung, überhaupt ein Gedicht zu verstehen, ist, sich mit Blütenformen, Kruzifixästhetiken, und damit, wer wo gekreuzigt wurde, intim auszukennen. Doch damit nicht genug: in den sozialen Medien, besonders auf Facebook (dem Stammlokal der Lyrikszene?) brennt der Konflikt weiter. Und nicht nur das Spiel aus Rezension, beleidigter Stellungnahme, wutentbrannter Gegenrede auf Facebook und einem abschließenden mehrseitigen Dropbox-Dokument von Şafak Sarıçiçek bewegt die Lyrik-Szene, auch die Vergabe des Peter-Huchel-Preises an Henning Ziebritzki sorgt für Aufruhr und erhitzte Debatten. 

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In der NZZ fabriziert Simon M. Ingold einen gewohnt wohlig dampfenden Text zu Wokeness, Political Correctness und den bösen Radikalen. Der Artikel ist weitgehend uninteressant, bedient nur die Checkliste hergebrachter Ressentiments und Argumentationsreferenzen (Bret Easton Ellis anyone?), und endet auf einer etwas bemühten Synthese, damit die dumpfe Einseitigkeit der vorhergehenden Absätze nicht zu stark ins Auge fällt. Spannend ist nur die Verwendung des Wortes Twitterati-Klasse: Die geballte anonyme Mehrheit, angeführt von Influencern und der Twitterati-Klasse, hat das erste und letzte Wort und verschiebt laufend den Rahmen dessen, was in ihre binäre Weltsicht passt. Wer es wagt, dem moralischen Konsens zu widersprechen, wird zum Paria erklärt.” Das Wortspiel Twitterati lehnt sich an den Begriff Glitterati an, im Cambridge Dictionary definiert als rich, famous, and fashionable people whose activities are of interest to the public and are written about in some newspapers and magazines.” Wenn es nicht so abwertend gemeint wäre, könnte man sich mit dieser Beschreibung beinahe anfreunden. Ach, was soll’s, wir bekennen uns dazu, hemmungslose Twitteratis zu sein.

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Mit Gudrun Pausewang ist am 24. Januar 2020 eine der prägendsten Jugendliteratur-Schriftsteller*innen der Bundesrepublik gestorben. Am nachhaltigsten haben wohl ihre Romane Die letzten Kinder von Schewenborn (1983) und Die Wolke (1987) die (nicht nur jugendlichen) Leser*innen beeindruckt und verängstigt. In diesen Jugendbuch-Schockern beschrieb sie die Auswirkungen eines Atomkrieges in einer fiktiven deutschen Kleinstadt und die eines Reaktorunfalls. In einem ausführlichen Nachruf in der ZEIT zeigte Johannes Schneider auf, wie umfang- und facettenreich Pausewangs Werk tatsächlich war und ordnet die beiden Romane, die sonst alles andere in den Hintergrund drängen, in das Gesamtwerk ein. Die Angst, die ihre Romane bei Jugendlichen ausgelöst haben, sieht er als notwendig: “Sie hat so mit kleinen Schocks greifbar gemacht, dass der große Schock möglich ist, und vielleicht gerade damit geholfen, ihn hier und dort zu verhindern.” Ihr literarisches Engagement begründete Pausewang mit ihrer Kindheit und Jugend im Nationalsozialismus. Erst nach dem Krieg habe sie sich vom Nationalsozialismus abgewandt und verstanden, “dass es nicht genügt, sich alle vier Jahre an der Wahlurne fragen zu lassen: Wie hätten Sie’s denn politisch gerne?”

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“Heute hier, morgen dort” kennt man vorrangig aus qualvollen Musikunterrichtsstunden, seit Ende Januar scheint es das Motto von Rowohlt und dem jetzt Ex-Verleger Florian Illies zu sein. Nachdem der Holtzbrink Konzern erst im Sommer 2018 der damaligen Rowohlt-Verlegerin Barbara Laugwitz in einem mindestens fragwürdigen Vorgang gekündigt und sie durch den ehemaligen Feuilletonisten und Bestseller-Autor Florian Illies ersetzt hatte, hat dieser bereits nach weniger als anderthalb Jahren das Handtuch geworfen. Zum Herbst diesen Jahres wird er bei Rowohlt ausscheiden und begründet dies mit seinem Wunsch, wieder mehr schreiben zu wollen.  “War doch nicht so toll” stellt Sandra Kegel in einem Kommentar für die FAZ fest und zeigt noch einmal die unübersichtlichen Verstrickungen dieser Literaturbetriebsaffäre auf, die mit dem Abgang von Illies ein weiteres Kapitel bekommen hat. Um es dann erneut mit Hannes Wader zu sagen: “Trotz alledem” wünscht man sich ein besseres Händchen für die Auswahl der nächsten Person, die eine Runde im Rowohlt’schen Personalkarussell drehen darf. 

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Es ist davon auszugehen, dass der Rowohlt Verlag auch ohne Florian Illies ein Programm wird auf die Beine stellen können, dagegen wird der Unsichtbar Verlag den Betrieb 2020 gänzlich einstellen. In einem Statement auf der Verlagsseite listet der Verleger Andreas Köglowitz die Gründe hierfür auf. Diese lesen sich – der Frust und die Enttäuschung seien Köglowitz zugestanden – doch etwas wie Nachtreten: Autoren, die mäkeln, Buchhändler, die bei Bestellungen beduppen, Käufer, die das Falsche kaufen, Kulturförderung, an die Falschen. Aber wie gesagt, man kann den Frust verstehen.