Kategorie: Feuilleton

Verstimmte Liebhaber – Der Bachmann-Preis 2021

von Marcel Inhoff

Die Tage der deutschsprachigen Literatur, in deren Rahmen der Ingeborg-Bachmann-Preis vergeben wird, haben immer eine Aura des großen literarischen Ganzen. Literaturkritiker*innen, Journalist*innen und das Publikum vor Ort und vor dem Fernseher versuchen aus den Einladungen, den Texten, und nicht zuletzt aus der Stoßrichtung der Kritik auf breitere Themen zum Zustand der Literatur und der Literaturkritik zu schließen. 

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Unendlicher Cringe – Wie Unternehmen vom Pride Month profitieren

von Jonas Lübkert

Juni ist Pride Month. In diesem Monat feiert die LGBTQIA+ Community stolz und selbstbewusst ihre vielfältigen Identitäten. Für einen Großteil der Öffentlichkeit aber bedeutet Pride Month etwas mehr Regenbogenflaggen als sonst, eine (leider nur temporäre) Auseinandersetzung mit Diskriminierung und Unternehmen, die versuchen auf eine möglichst peinliche Art daraus Profit zu schlagen. So will es das Gesetz der freien Marktwirtschaft. Budweiser wirbt mit Let‘s Grab Beers Tonight Queens“. Target, der zweitgrößte Discounteinzelhändler in den USA, bringt eine Pride-Collection heraus. Eins ihrer rosa Poloshirts ist übersät mit Wörtern wie „OMG“, „Out“ und einem Einhorn. 

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Kapital, Ideologie und Codes – Kritiken an der Wirtschaftsordnung der Gegenwart

von Daniel Stähr

Thomas Piketty: Kapital und Ideologie, C.H. Beck 2019.

Katharina Pistor: Der Code des Kapitals: Wie das Recht Reichtum und Ungleichheit schafft, Suhrkamp 2019.

Es gibt zwei elementare Herausforderungen, vor denen die Menschheit in den kommenden Jahrzehnten stehen wird: die sich anbahnende Klimakatastrophe und die immer stärker wachsende globale ökonomische Ungleichheit. Anfang 2020 kam mit der Corona-Pandemie eine weitere Menschheitsaufgabe dazu, die zu radikalen Einschnitten im gesellschaftlichen Leben geführt hat. Die Pandemie wirkt wie eine Vorschau darauf, was uns im Kampf gegen die Klimakrise erwartet und wie wenig geeignet unsere aktuellen Systeme für diesen Kampf sind. 

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Scheitern als Chance – Spaßmonologe [Podcastkolumne]

von Svenja Reiner

Als ich noch jung war und dachte, eine Großstadt zeichne sich vor allem durch die Dichte der Fast Fashion Läden in ihrem Zentrum aus, verließ mich meine Mitbewohnerin für einen Auslandsaufenthalt in Wien. In ihrem Zimmer zog eine Frau ein, die für diese Zeitspanne einer unbezahlten Tätigkeit am Institut für Friedenssicherungsrecht und Humanitäres Völkerrecht der Universität Bochum nachgehen wollte. Als die echte Mitbewohnerin zurückkam, wusste ich, dass man auch ohne Bezahlung Überstunden machen kann und dass manche Menschen das Betreten gemeinschaftlich genutzter Räume nicht notwendigerweise als Anlass sehen, auf Pause zu drücken und die weißen Earpods aus den Ohren zu fummeln. Die letzte Angewohnheit übernahm ich von der Zwischenmieterin, allerdings lief ich nur mit Kopfhörern durch die Wohnung, wenn ich alleine war – das kam jetzt öfters vor, denn die Mitbewohnerin führte nun eine Fernbeziehung nach Wien. 

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Zwiesprache (zur Care-Situation) in Krisenzeiten

von Barbara Peveling

 

Die Coronakrise ist, so Angela Merkel, die größte Herausforderung für Deutschland seit dem zweiten Weltkrieg. Mittlerweile dauert die Pandemie über ein Jahr und es ist deutlich geworden, dass durch ihre Auswirkungen ein sozialer Backlash ausgelöst wurde. Frauen sehen sich, vor allem durch die Schließung von Schulen und Betreuungseinrichtungen, wieder in alte Rollenmuster gezwungen, und damit auf gesellschaftliche Plätze zurückversetzt, die sie eigentlich schon längst hinter sich lassen wollten. Der soziale Druck ist hoch und lastet unvermittelt wieder auf den Schultern der Frauen. Weiterlesen

Adorno im Badeanzug – Freizeit als Arbeitsmythos der Kreativität

von Felix Lindner

 

Seit September letzten Jahres bewundere ich Adorno im Badeanzug. Schuld ist die Instagram-Seite „Writers Doing Normal Shit“, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Bilder von Schriftsteller*innen in vermeintlichen Alltagssituationen zu sammeln. Dort läuft Beckett in Shorts herum, macht Susan Sontag ein Nickerchen, isst Bob Ross eine Pizza, Derrida Kartoffelchips und Žižek gleich zwei Hot Dogs auf einmal. Das Prinzip: Alle machen alles, nur nicht schreiben. Wie erfolgreich das ist, beweisen die mittlerweile entstandenen Nachahmer und Ableger – von „Artists Doing Normal Shit“ über „Composers Doing Normal Shit“ bis hin zu „Rappers Doing Normal Shit“. Das ist auf den ersten Blick erbaulich, weil es Künstler*innen einmal abseits der üblichen Bilderwartungen zeigt: Nicht als ewig Geplagte, die fortwährend Kunst absondern müssen, sondern als Urlauber*innen, die die Kritische Theorie mal auf den Nachmittag verlegt haben. Weiterlesen

Die Nacht der untoten Riesenbücher – Lesenswerter Schund 

von Gerrit Wustmann

 

Im Juni erscheint Quentin Tarantinos Debütroman Once Upon A Time In Hollywood. Roman, nicht Drehbuch. Wie immer bei ihm handelt es sich um eine Hommage. Denn wer den Film gesehen hat, braucht eher nicht noch einen Roman, auch wenn der vielleicht in der ein oder anderen zusätzlichen Szene ein wenig mehr in die Tiefe geht. Tarantino knüpft an die inzwischen fast ausgestorbene Tradition der Movie-Novelizations an: Romane, die, auf Drehbüchern basierend, meist für Zeilengeld, rasch hingeschludert wurden, um aus der Filmvermarktung noch eine Handvoll Dollar mehr herausquetschen zu können. Die meisten dieser Bücher wurden jahrzehntelang von No-Names verfasst und waren ohne Probleme verzichtbar. Aber zwischendrin entstanden bisweilen auch Werke von namhaften Autor*innen, teils unter Pseudonym. Charles L. Grant hat das mit Akte-X-Folgen und Elizabeth Hand mit 12 Monkeys gemacht, um nur zwei Beispiele zu nennen. Weiterlesen

Der korrekte Herr und seine Insektengeschichten – Über schwierige Bücher

von Jasper Nicolaisen

 

Was macht eigentlich ein Buch schwierig? Warum haben manche Texte, manche Autor:innen generell den Ruf, „schwierig“ zu sein?

Die Frage ist nicht so leicht zu beantworten, wie man meint, aber ich glaube, dass sie nicht ausschließlich mit individuellen Vorlieben oder Abneigungen zu erklären ist. Ich vermute, dass es schon so etwas wie einen Kern dieser Zuschreibung des „Schwierigen“ in der Literatur gibt, und dass es sich lohnen könnte, ihn versuchsweise genauer zu bestimmen. Dass ein Text „schwierig“ sei, das wird oft als Begründung für mangelnde Wahrnehmung des Textes herangezogen, auch als Abwehr gegen Formen der Literatur, die als verordnet, lebensfern oder verschult, also als Zumutung gelten, aber vor allem als Grund, einen Text gar nicht erst zu lesen beziehungsweise gar nicht erst zu veröffentlichen. Ich glaube, dass unbestimmte Vorstellungen davon, was „schwierig“ oder „zu schwierig“ ist, den Buchmarkt, die Bibliodiversität mit prägen, und insofern ist der Begriff von allgemeinem Interesse. Weiterlesen