Kategorie: Feuilleton

Ein bequemer Selbstbetrug – Über Marie Luise Knotts „370 Riverside Drive, 730 Riverside Drive“

von Timothy John Brown, Eva Tanita Kraaz, Rita Maricocchi

Der Alltagsdiskurs und die mediale Öffentlichkeit der Bundesrepublik haben ein anhaltendes Problem: Sie übersehen die Existenz Schwarzer Menschen in Deutschland und delegitimieren ihre Stimmen. Trotz der langen Geschichte des antikolonialen und antirassistischen Aktivismus von Schwarzen Menschen in Deutschland, wie May Ayim oder Katharina Oguntoye in den 1990ern und Natasha A. Kelly, Sharon Dodua Otoo oder Jasmina Kuhnke heutzutage, ändert sich dieser Missstand nur unter deren großer Anstrengung und schleppend. Statt ins eigene Land geht der weiße Blick nämlich meist in die USA. Jeanette Oholi will diesem Ungleichgewicht mit ihrer Forschung entgegenwirken, sie bringt das Problem auf den Punkt: „Allzu oft wandert der Blick in die Vereinigten Staaten, wenn es um Schwarze Identitäten, Rassismus, Polizeigewalt und Befreiungskämpfe geht.“ 

Die Gründe dafür, dass Schwarzsein in Deutschland weiterhin automatisch als vermeintlich fremd gelesen wird, sind vielfältig. Schon Oholis Formulierung suggeriert, dass es der bundesrepublikanischen Mehrheitsgesellschaft willkommen ist, sich mit dem Rassismus der anderen zu beschäftigen, statt mit dem eigenen. Dieser bequeme Selbstbetrug ist kaum zu leugnen, hilft er doch auch, die koloniale Vergangenheit Deutschlands zu vertuschen. Der Zusammenhang steht darüber hinaus in einer verzwickten transatlantischen Tradition – die wenig beachtet wird. Es ist eine Geschichte, die um Schwarze US-amerikanische Intellektuelle wie W. E. B. Du Bois oder James Baldwin nicht herumkommt. Sie hatten das prä- bzw. post-nationalsozialistische deutschsprachige Europa im Kontrast zu den USA der Post-Slavery-Era als positiv in ihrem Umgang mit Schwarzen dargestellt: Eine Darstellung, die statt in ihrer strategischen Natur erkannt zu werden, gern als deutscher Ausweis für Antirassismus missverstanden wird – dazu schrieben zuletzt essayistisch Ellwood Wiggins und Gianna Zocco. Zu dieser historischen Verwicklung gehört auch die kulturelle Aneignung Schwarzer US-amerikanischer Kultur von Jazz über Soul bis Hip Hop, deren subversive Ursprungskontexte für weiße Deutsche wahlweise ganz profane Neuerungen der Unterhaltungskultur mit sich brachten, die Fetischisierung Schwarzer Körper bedeuteten und/oder klein- bis großbürgerlichen Jugendlichen zu Abgrenzungsstrategien gegenüber ihrem Elternhaus oder dessen Geschichte verhalfen – längere Studien haben dazu Priscilla Layne mit „White Rebels in Black” und Moritz Ege mit „Schwarz werden” publiziert. 

Zu dieser transatlantischen Geschichte gehören auch die Geflüchteten vor dem nationalsozialistischen Regime, jüdische Emigrant*innen in die USA, die sich, durch ihre eigenen Erfahrungen sensibilisiert, selbst mit Interventionen in das neue Land einbrachten. Eine dieser Exilant*innen ist Hannah Arendt: die transatlantische Denkerin gegen den Totalitarismus, die intellektuelle Ikone der Linken, die leider nicht als Poster Child für Antirassismus taugt. Der Grund dafür ist unter anderem ihr Essay „Reflections on Little Rock“ (1958), in dem sie sich zwar in einem nachträglich hinzugefügten Vorwort als Jüdin mit Schwarzen Interessen solidarisiert, im eigentlichen Text aber gegen die Desegregierung von US-amerikanischen Schulen ausspricht – und das sehr öffentlichkeitswirksam. Angesichts des Einsatzes der Nationalgarde zum Schutz der Schwarzen Schüler*innen hatten die Ereignisse um Little Rock nationale Aufmerksamkeit erlangt und tragen für die USA bis heute historisches Gewicht. Der Text ist beileibe kein Ausrutscher: Auch ihr imperialismuskritisch intendiertes Hauptwerk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (1951, dt. 1955) reproduziert passagenweise den kolonisatorischen Blick. Im zwanzig Jahre später erschienenen Essay „Macht und Gewalt“ polemisiert sie im Rahmen der Forderung für eine grundlegende Reform der Universität gegen Affirmative Actions zugunsten Schwarzer Studienanwärter*innen („Aufnahme unqualifizierter Studenten“) und gegen die Einrichtung von Seminaren aus dem Rahmen der Black Studies („blödsinnige[] Kurse“).

Diese Rassismen in Hannah Arendts Werk sollten eigentlich nicht unbekannt sein: Seit Kathryn T. Gines 2014 ihre Monografie zu dem Thema publizierte, gab es wiederholt Veröffentlichungen dazu. Mitunter wird die Debatte aufbereitet für eine breitere Öffentlichkeit geführt, etwa in einem langen Gespräch von René Aguigah mit Iris Därmann im Deutschlandfunk Kultur. Zu Gines’ Buch liegt allerdings bis heute keine deutsche Übersetzung vor. Der deutschsprachige Wikipedia-Eintrag zu Hannah Arendt kommt gänzlich ohne die Erwähnung von Little Rock aus. Es scheint, als sei Hannah Arendts Status als Säulenheilige kaum angetastet. Wie sähe aber eine zugleich wirksame und faire Annäherung aus?

Marie Luise Knott, die selbst vielfach und prominent zu Hannah Arendt publiziert hat, gibt ihren Leser*innen ein knappes Buch mit „17 Hinweisen“ zu diesem Komplex an die Hand (370 Riverside Drive. 730 Riverside Drive. Hannah Arendt und Ralph Ellison). Ausgangspunkt ist die kritische Reaktion des Schwarzen Schriftstellers Ralph Waldo Ellison auf Arendts Little-Rock-Essay. Er äußerte sich dazu einige Jahre nach dessen Veröffentlichung 1965 in einem Interview. Hannah Arendt zeigte sich nach der Lektüre dieses Interviews einsichtig und schrieb einen Brief – und es folgte nichts. Es gibt keine Antwort bei Arendt, keinen Entwurf dazu in Ellisons Nachlass, nicht mal Lesespuren lassen sich in Arendts Exemplaren seiner Bücher ausmachen. Was auf den ersten Blick nach einer archivarischen Sackgasse aussieht, ist für Knott der Ort, um weitere Wege zu ertasten, die eigene Position zu justieren und Hannah Arendt geschichtlich versiert sowie unter Einbezug der problematischen Äußerungen neu zu platzieren – in einem angemessenen Ton.

Trotz der Ausgangslage ist Knott nämlich nie verbissen: Das lose Strukturprinzip der in sich runden Hinweise ermöglicht eine sensible Betrachtung einzelner Ereignisse, Figuren, Texte und ihrer Beziehungen zueinander. So wird ein Vergleich der Assimilationsversuche in die Mehrheitsgesellschaft als Thema in Ralph Ellisons Roman Der Unsichtbare und in Hannah Arendts Biografie über Rahel Varnhagen diskontinuierlich, teils elliptisch über mehrere Abschnitte hinweg erzählt. Mit derselben Leichtigkeit flicht Knott thesenhafte Sentenzen über die verschiedenen Materialien, Vorgänge und Institutionen ein: „Jedes Lesen ist ein Gespräch“, „Essays sind Exkursionen“, „Briefe wie Träume sind aufgeschobene Begegnungen“. Sie helfen dabei, entsprechende Rezeptionsmodi anzudeuten und sind zugleich ein charakteristisches Element für Knotts genuin essayistischen und zugleich erkenntnisfördernden Stil.

Knott rollt Wesentliches auf, indem sie nebensächlichen Details eine besondere Aufmerksamkeit schenkt. Das passiert schon im Titel: 370 Riverside Drive. 730 Riverside Drive. So lauteten die Adressen von Hannah Arendt und Ralph Ellison. Sie lebten „einen Zahlendreher entfernt“ und doch wohnte sie „im jüdischen Einwandererviertel der Upper Westside, er in der Gegend um Sugar Hill, dem ehemaligen Zentrum der Harlem-Renaissance“. Die Hervorhebung der Adressen deutet an, dass sich diese Gruppen scheinbar ähneln, nämlich durch den Fakt ihrer Marginalisierung, um zugleich klarzustellen, dass sie sehr unterschiedlichen Diskriminierungsformen ausgesetzt waren, nämlich dem nationalsozialistischen Antisemitismus und dem Rassismus gegen Schwarze in den USA.

Knott skizziert somit das Grunddilemma, das Michael Rothberg mit dem Begriff multidirektionales Erinnern benannt hat und in das sie später auch Hannah Arendts zweifelhafte Intervention über Little Rock einbettet:

„Da Schwarze wie Juden jeweils verfolgte Minderheiten waren, trug die Parallele bis zu einem gewissen Grad; doch die Ausgangslage war eben doch grundverschieden. Hannah Arendt ließ außer Acht, dass man, das lehrt uns auch die derzeitige Auseinandersetzung über multidirektionales Erinnern, letztlich den Antisemitismus nicht mit dem Hautfarbenrassismus in den USA parallel, geschweige denn gleichsetzen konnte. Es gab Parallelen, doch die Juden in Europa hatten keine Sklavengeschichte. Und bei aller Diskriminierung, ja Verfolgung hatte schon die Generation von Arendts Großvater die Möglichkeit gehabt, zum Stadtverordneten gewählt zu werden. Und Arendt selbst hat nie um ihr Abitur bangen müssen, weil sie eine Jüdin war.“

Explizit rekurriert Knott zwar lediglich auf die angeheizte Debatte um das multidirektionale Erinnern in Deutschland, eigentlich steht aber ihr ganzes Buch Exempel dafür, wie produktiv und angemessen das Konzept sein kann, wenn es gewissenhaft zum Tragen kommt. Immerhin erzählt sie im Sinne des multidirektionalen Erinnerns unterschiedliche Unterdrückungsgeschichten in ihren Berührungspunkten. Sie komponiert an ihnen entlang eine ambivalente Erzählung, die vor allem der impliziten Zielgruppe, einem weißen, deutschsprachigen Publikum, wahrscheinlich kaum bekannt ist: Die der jüdisch-Schwarzen Solidaritäten und Fallstricke in den USA – und im selben Zuge die eben nur halbvertraute Geschichte von US-amerikanischem anti-Schwarzem Rassismus und Schwarzem Widerstand. An dieser Stelle sei angemerkt, dass die Chronologie, die Knott behauptet, wenn sie von Rassismus als einem „Produkt der Sklaverei” schreibt, das ein „gewalttätiges Konstrukt zur Aufrechterhaltung von white supremacy” sei, die Tatsachen stark verzerrt – auch zugunsten von Nationen, die nicht in die US-amerikanische Sklavereigeschichte verwickelt waren. Zudem wurde Martin Luther King Jr. natürlich nicht in Chicago, wie im vorliegenden Buch angegeben, sondern in Memphis erschossen. Diese Irrtümer tangieren kaum den Eindruck der ansonsten sorgsamen Auswahl von Schauplätzen, der sensiblen Darstellungen der Zusammenhänge und der kenntnisreichen Einbettung von Hannah Arendts eigener Gedanken sowie deren Entwicklung.

Da war zum Beispiel Barney Josephson, ein Sohn lettischer jüdischer Emigranten, der 1938 den ersten desegregierten Jazzclub in New York gründete. „Erschrocken“ habe er zuvor miterlebt, „wie den Schwarzen selbst im eigenen Viertel nur die hinteren Stehplätze des Zuschauerraumes zur Verfügung standen, obwohl ihre Leute auf der Bühne sangen.“ Knott erwähnt auch die Autorschaft von „Strange Fruit“, einem eindringlichen lyrischen Text über ein Lynching in den US-amerikanischen Südstaaten. Bekannt wurde er durch die Interpretation Billie Hollidays 1939, geschrieben hatte ihn Abel Meeropol, dessen Eltern aus Osteuropa in die USA emigriert waren. Diese Geschichten der Solidarisierung reichen weit bis in das Civil Rights Movement hinein. Sie scheinen im US-amerikanischen Kontext logisch, so erwähnt Knott: „Auch damals waren Juden, das vergisst man heute oft, in den USA immer wieder Hass und Diskriminierung ausgesetzt, wurden als orientals beschimpft.“

Zugleich wird ersichtlich, dass die vielzähligen Allianzen doch eine langwierige und nachhaltige Institutionalisierung vermissen ließen – zumal der prekäre Status von Jüd*innen in den USA insbesondere bis in die 1950er Jahre vergleichsweise schnell abnahm und ihnen viele weiße Privilegien zugestanden wurden. Der gemeinsame Kampf gegen Marginalisierung vereinzelte sich damit. Jüd*innen wurden Teil der Mehrheitsgesellschaft, aus der „niemand von höchster Stelle aus die Schwarzen und die Indigenen um Verzeihung bat“. „Niemand initiierte so etwas wie eine Aufarbeitungskommission“, weder der antirassistische gesellschaftliche Wandel, noch die gleichen Rechte für Schwarze seien effektiv durchgesetzt worden. So blieb die Distanz zwischen (jüdischen) Weißen und Schwarzen bestehen. Man „ahnt die Ferne zwischen den Kulturen und auch die Bemühungen vieler Weißer, diese Ferne zu erhalten. Auch Arendt war in dieser Hinsicht eine ‚Weiße‘, die sich schwarzen Wirklichkeiten und Möglichkeiten nicht zuwandte.“

Historische Texte und Texte aus anderen Kulturen stellen für Knott auch die Möglichkeit dar, „die Enge unserer eigenen Sprache, Metaphern, Begriffe zu transzendieren“. Der Little-Rock-Essay ermöglichte und ermöglicht Knott die Rolle der Privatsphäre für Hannah Arendt zu erkunden: „Folgt man für einen Moment der Argumentation aus ‚Little Rock‘, so fällt auf, in welch uns ungewohntem Maße Hannah Arendt dort die Privatsphäre verteidigt.“ Was hier greift, ist Hannah Arendts Aufteilung in die politische, gesellschaftliche und private Sphäre, wie sie sie ausführlich in Vita Activa (1958, dt. 1960) vornimmt. Diese bemerkenswert konsequente Trennung habe Knott schon in den 80er Jahren, als sie sich das erste Mal mit dem Essay beschäftigte, fasziniert – so sehr, dass sie sich gegen ihre damaligen Verlagskolleg*innen durchsetzte und eine Aufnahme des Texts in einen Essayband bewirkte – gegen die Einwürfe, dass Arendt das N*-Wort benutze[1] und gegen eigene Bedenken der politischen Implikationen: „Doch ich verteidigte die Publikation des Textes hartnäckig, da er mir Aspekte lieferte, die in unserem Weltbild nicht vorgesehen waren. Arendt verwirrte. Auch und gerade in ihrem Beharren auf dem Vorrang von Rechtsgarantien.“

Die neue Auseinandersetzung mit dem Essay steht in Zusammenhang mit dem aktuellen politischen Diskurs, der, wie eingangs angedeutet, eine ausgeprägte Sensibilisierung für Rassismus zunehmend einfordert, und er ist im Kontext zu betrachten mit einem umfangreichen Zugang zu historischen Erkenntnissen und Quellen. Marie Luise Knott nutzt die ihr zur Verfügung stehenden Ressourcen, um eine einflussreiche Denkerin behutsam zu hinterfragen. Zum Teil stolpert sie dabei über den eigenen Unwillen: „Man spürt hier, was man vielleicht nicht hören will.“ Wenn Hannah Arendt über Affirmative Actions als „Rassismus mit anderen Vorzeichen“ schreibt, kommentiert Knott verblüfft: „Diese Stelle hat es in sich.“ Und sie fragt sich zögerlich, aber unnachgiebig bis an die unangenehmsten Aussagen Arendts vor: „Was ist hier gemeint? Steht da wirklich, verkürzt gesagt, dass die Weißen die riots provozieren, indem sie sich kollektivschuldig bekennen?“

Was Marie Luise Knott vorlegt, ist eine umsichtige wie strenge, mit anderen Worten, eine faire Auseinandersetzung mit einer ganz offenbar von ihr bewunderten Denkerin. Gerade die unverhohlene Wertschätzung für Arendt verspricht zudem, wirksam zu sein: Die Erzählinstanz mit ihrer Bereitschaft, zu einer Rassismuskritik anzusetzen und sich den mitunter unbequemen Folgen zu stellen, bietet auch eingefleischten Arendt-Fans Identifikationspotenzial. Dieser Blick in die USA tut der eingangs beschriebenen Dynamik der selbstgerechten Ablenkungsmanöver sicher keinen unmittelbaren Abbruch. Die Form der Aufarbeitung ist jedoch hilfreich, um die transatlantisch verstrickte Geschichte von Rassismen sichtbar zu machen, die Knott zudem im Wissen um die Fallstricke und Möglichkeiten des multidirektionalen Erinnerns erzählt. Die Veröffentlichung sensibilisiert dafür, dass Querbezüge zwischen marginalisierten Gruppen und in verschiedenen historischen Kontexten heikel sind, sodass selbst gut gemeinte Solidaritätsbekundungen oft – auch bei großen Denkerinnen – ziemlich ungelenk ausfallen. Zurecht wurden Autorin und Buch zuletzt mit dem Tractatus-Preis geehrt.


[1] Als interessanten Nebenschauplatz wollen wir darauf verweisen, dass das englische Original tatsächlich das Wort “Negro” benutzt. Die Verlagsdiskussion hat sich also offenbar auch aufgrund der deutschsprachigen Übersetzung von Eike Geisel verschärft. Zur Übersetzbarkeit der N-Wörter empfehlen wir dieses Gespräch zwischen der Juristin, Kabarettistin und Kolumnistin Michaela Dudley und der Übersetzerin Mirjam Nuenning.

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Rückkehr der Rom-Com – Ein Genre wird erneuert

von Isabella Caldart

Denkt man an die große Zeit der Rom-Coms, fallen einem vor allem zwei Namen ein: Julia Roberts und Meg Ryan, die in den neunziger Jahren Garantinnen für Filmhits waren. „Harry und Sally“ (gut, der ist von 1989), „Schlaflos in Seattle“ und „E-Mail für dich“, „Pretty Woman“, „Die Hochzeit meines besten Freundes“ und „Notting Hill“ sind Klassiker. Die frühen Nullerjahre sahen noch einige Rom-Coms vor allem mit Katherine Heigl, Reese Witherspoon und Kate Hudson in den Hauptrollen – und dann waren Rom-Coms tot. Zwanzig Jahre lang tat sich in diesem Bereich so gut wie gar nichts, bis das Genre dieses Jahr wiederbelebt wurde. Und siehe da: Man versucht, mit der Zeit zu gehen. Viele neue Rom-Coms sind erstaunlich divers und queer.

Rückgang und Weichenstellung

Dass es dieses Loch von zwanzig Jahren gab, hat primär zwei Ursachen. Zum einen gab es eine grundlegende strukturelle Änderung im Filmbusiness: Vor allem bedingt durch den Boom von Superhelden-Franchises, Prequels/Sequels und Blogbustern werden Filmen mit mittlerem Budget von etwa 10 bis 70 Millionen US-Dollar kaum noch produziert. Die Krux ist, dass sie viel teurer sind als Arthouse-Filme, aber anders als Franchises wie „Star Wars“ oder das MCU nicht automatisch Erfolg bedeuten. 1997 kostete laut der New York Times ein durchschnittlicher Hollywoodfilm 60 Millionen, während allein „Avengers: Endgame“ ein geschätztes Budget von rund 400 Millionen US-Dollar hatte. Der zweite wichtige Faktor ist die gesellschaftliche Weiterentwicklung. Filme, in denen weiße, heterosexuelle Menschen eine klassische, monogame Beziehung eingehen, wirken aus der Zeit gefallen. Nicht selten sind zudem die Machtdynamiken und die Art, wie der Mann um die Frau „wirbt“, äußerst problematisch (man denke nur an „Pretty Woman“).

Trotzdem war die Sehnsucht nach Rom-Coms beim Publikum erstaunlich groß; immer wieder gingen Tweets viral, in denen danach gerufen wurde. Und sie wurden erhört: Rom-Coms sind nicht nur zurück, politische Diskurse wurden auch mitgedacht und aufgegriffen – mit unterschiedlichem Können und Erfolg allerdings. Im Folgenden soll es um Filme gehen, die im Jahr 2022 veröffentlicht wurden. Aber zunächst ein paar honorable mentions: Die Highschool-Komödie „Love, Simon“ (2018) hatte einen schwulen Protagonisten und spielte bei einem Budget von 17 Millionen US-Dollar weltweit gut 66 Millionen ein. Ein noch viel größerer Erfolg war die charmante Rom-Com „Crazy Rich Asians“ (2018), der erste Hollywoodfilm seit 25 Jahren, dessen Cast nur aus Asian-Americans beziehungsweise Asiat*innen bestand. Er wurde von einem Großteil der Kritiker*innen hochgelobt und war mit einem weltweiten Einspielergebnis von knapp 239 Millionen US-Dollar auch ein Kassenschlager. Die Weichen für moderne, diversere Rom-Coms waren also gestellt.

„Crush“, „Fire Island“, „Anything’s Possible” und „Ticket ins Paradies”

„Crush“, eine romantische Coming-of-Age-Komödie erzählt von Paige (Rowan Blanchard), die seit sie denken kann in Gabby Campos (Isabella Ferreira) verliebt ist, eins der beliebtesten Mädchen an ihrer Schule. Dann freundet sie sich mit Gabbys Zwillingsschwester AJ (Auliʻi Cravalho) an, die sich wiederum in Paige verknallt. Und Paige steht plötzlich zwischen zwei Schwestern. Das ist ein dramaturgisch sehr klassisches Szenario, das sich vor allem in Highschool-Serien und -Filmen finden lässt: Die Hauptfigur, die sich zwischen zwei Geschwistern oder besten Freund*innen entscheiden muss. Lesbischsein und Coming-Out stellen in dem Film keine Hürde dar, sondern werden als gegeben hingenommen. Die Dramatik rührt allein daher, dass Paige sich in zwei Schwestern verliebt. Das Schöne an „Crush“ ist, dass die Schwestern deswegen nicht zu erbitterten Feindinnen werden. Der Film ist zwar nicht in jeder Hinsicht perfekt, aber er ist trotzdem eine gelungene Highschool-Rom-Com mit überzeugenden Schauspielerinnen, die gute Laune macht.

Ebenfalls an einer Highschool spielt der Film „Anything’s Possible“, das Regiedebüt von Billy Porter. Mit Eva Reign hat der Film eine Schwarze trans Protagonistin. Reign spielt YouTuberin Kelsa, die sich in ihren Mitschüler Khal (Abubakr Ali) verliebt. Der Film hat einige herzerwärmenden Szenen, ist insgesamt aber eher holprig. Das liegt unter anderem daran, dass Reign und Ali ihre Figuren zwar überzeugend spielen, im Zusammenspiel aber leider keine Chemie entwickeln. Dass die beiden sehr schnell ein Paar werden, ist einerseits zwar eine schöne Geste – damit wird insinuiert, dass es für Khal kein Problem darstellt, dass Kelsa trans ist. Andererseits ist das für eine Rom-Com natürlich schwierig, weil den Zuschauer*innen keine Zeit gelassen wird, mitzufiebern. Außerdem verhalten sich sowohl Khals als auch Kelsas Freund*innen aus unterschiedlichen Gründen mehr als fragwürdig, was bis zum Ende des Films nicht wirklich gelöst wird. Positiv zu vermerken ist, dass obwohl Kelsas Gender für Khal kein Thema ist, der Film trotzdem nicht so tut, als sei das gesellschaftlich irrelevant. Insgesamt ist „Anything’s Possible“ ein mittelprächtiger Film, der einige sehr gute Ansätze hat, in der Umsetzung aber unausgereift wirkt.

„Fire Island“ ist eine sehenswerte Rom-Com um eine Gruppe schwuler Männer in ihren Dreißigern. Der Film, eine lose Adaption von Jane Austens „Stolz und Vorurteil“, erzählt von Noah (Joel Kim Booster) und seinen Freunden, die jedes Jahr Sommerurlaub auf Fire Island in der Nähe von New York City machen, seit Mitte des 20. Jahrhunderts ein beliebtes Ausflugsziel für Schwule. Es ist ihre letzte gemeinsame Woche, da das Haus verkauft wird. Nach einigen Verwirrungen, Herzschmerzen und Partys endet der Film damit, dass nicht nur Noah mit Neubekanntschaft Will (Conrad Ricamora) zusammenkommt, sondern auch die guten Freunde Howie (Bowen Yang) und Charlie (James Scully). Während das Ende etwas klischeehaft ist, macht der Film doch sehr viel sehr richtig. Nicht nur ist der Plot gut ausgearbeitet und nuanciert, der Cast ist auch „racially“ divers, und es werden genuine Freundschaften zwischen (schwulen) Männern gezeigt. Sex in Dark Rooms wird ebenso wie  Fragen um Polyamorie thematisiert. „Fire Island“ ist ein Film voller Herz und Humor, und auch das typische Rom-Com-Ende kann man ihm positiv auslegen: Zu oft sterben queere Figuren in Filmen und Serien (siehe die „Bury Your Gays“-Trope) oder haben mindestens traumatische Erlebnisse, und deswegen ist es schön, die Rom-Com so harmonisch enden zu lassen.

Der Erfolg von „Ticket ins Paradies“, der weltweit rund 160 Millionen US-Dollar einspielte, zeigt zwei Dinge: Zum einen gibt es definitiv ein Publikum für Rom-Coms, und zum anderen sind Julia Roberts und George Clooney nach wie vor Hitgaranten. Im Film geht es um ein seit vielen Jahren geschiedenes Ehepaar, das sich jetzt zusammenraufen muss, um die Tochter davon abzuhalten, ihren Urlaubsflirt zu heiraten und auf Bali zu bleiben. Abgesehen von den erwartbar cringey US-Amerikaner*innen-benehmen-sich-im-Ausland-daneben-Szenen (wobei man nach dem „Sex And The City 2“-Fiasko in Hollywood dazugelernt hat), ist „Ticket ins Paradies“ eine solide witzige romantische Komödie, die man durchaus anschauen kann. Der Grund, weswegen „Ticket ins Paradies“ in diesem Text auftaucht, ist das Alter der beiden Protagonist*innen. Roberts und Clooney sind in ihren Fünfzigern, was für Rom-Coms unüblich ist. Zugleich zeigt die Wahl, mit Roberts und Clooney zwei Stars zu casten, die in den neunziger Jahren vor allem für ihre Herz-Rollen bekannt waren, dass es dem Rom-Com-Genre offensichtlich so sehr an Nachwuchs mangelt, dass auf „alte“ Stars zurückgegriffen werden muss.

„Bros“: Hoffnung und Flop

Die große Hoffnung und zugleich große Enttäuschung dieses Jahr war „Bros“. „Bros“ ist die erste queere Rom-Com mit Kino-Release, und entsprechend waren die Erwartungen im Vorfeld hoch. Der Film ist allerdings komplett gefloppt: Weltweit hat er bei einem Budget von 22 Millionen keine 15 Millionen US-Dollar eingespielt. Die Gründe dafür sind vielfältig. Aber erst einmal zum Plot. In der Hauptrolle spielt Comedian Billy Eichner (der auch Co-Autor des Films ist) Bobby Lieber, einen Podcast-Host, der einen Job im Kuratorenteam für das erste National LGBTQ+ History Museum annimmt. In einem Club lernt der neurotische Bobby den attraktiven Aaron (Luke Macfarlane) kennen, der – wie Bobby auch – nicht auf der Suche nach einer festen Beziehung ist. Aber wie es die Rom-Com-Gesetze wollen: Am Ende, nach sehr vielen Ups und Downs, kommen Bobby und Aaron doch zusammen.

„Bros“ hat größtenteils positive Kritiken bekommen, Rotten Tomatoes verzeichnet einen Beliebtheitswert von 88 %. Die wenigen Zuschauer*innen, die den Film kennen, bewerten ihn durchwachsener: Die „Verified Audience“ bei Rotten Tomatoes gibt dem Film zwar eine Zustimmung von 90 %, schaut man sich aber „All Audience“ an, fällt diese auf nur 60 %, ein Wert, der dem von IMDb mit 6,4 von 10 Punkten sehr viel näherkommt. Das Problem ist dennoch nicht die Rezeption des Films – sondern dass ihn kaum jemand gesehen hat. Ein Grund dafür ist die eben erwähnte Erwartungshaltung, die es im Vorfeld gab.

Der Fokus des Marketings lag weniger auf dem Inhalt des Films als auf dessen kultureller Bedeutung, nach dem Motto: Wenn der Film floppt, wird es nie wieder eine queere Rom-Com im Kino geben. Nachdem der Film direkt bei seinem Eröffnungswochenende enttäuschte, schimpfte Billy Eichner auf Twitter über die vermeintliche Homofeindlichkeit, wegen der die Leute fernblieben – und übersah dabei, dass auch queere Zuschauer*innen nicht ins Kino rannten. „Straight people, especially in certain parts of the country, just didn’t show up for Bros”, schrieb er in inzwischen gelöschten Tweets. „Everyone who ISN’T a homophobic weirdo should go see BROS tonight!” Bereits vor der Filmpremiere hatte er Ende September getweetet: „IF YOU’RE NOT A HOMOPHOBIC PIECE OF SHIT, GO SEE BROS!!!” Auch wenn es sich dabei um einen Scherz im Sinne von Eichners intensiver Persona handeln mag – „Bros“ zu schauen wurde damit politisch stark aufgeladen, statt den Kinobesuch als angenehme, lustige Freizeitaktivität zu verbuchen, wie es sein sollte.

Ein weiterer Grund für den Flop wird sein, dass „Bros“ am 30. September in die Kinos kam, und in den USA gilt der Oktober, der Halloween-Monat, als „Spooky Season“, in der vor allem Horrorfilme geschaut werden. Dass „Bros“ außerdem ein R-Rating bekam, also für Zuschauer*innen unter 17 Jahren als ungeeignet gilt, und keine bekannten Schauspieler*innen hat, half ebenfalls nicht. Auch wenn Billy Eichner vor allem denjenigen, die viel online sind, inzwischen ein Begriff ist, hat er nicht annähernd eine vergleichbare Starpower wie andere Schauspieler*innen, die sonst Kinofilme headlinen. „The Lost City“ unterdessen, ein Film, der etwas großzügig betrachtet eine Rom-Com ist, spielte im Frühjahr dieses Jahres mehr als 190 Millionen US-Dollar ein. In den Hauptrollen: Sandra Bullock und Channing Tatum.

Auch inhaltlich ist „Bros“ ist sehr viel holpriger im Vergleich zu etwa „Fire Island“. Der Versuch, via des queeren Museums im Film nicht-queere Zuschauer*innen über queere Geschichte aufzuklären, ist teils platt geraten. Und während Themen wie Polyamorie eine relevante Rolle spielen, wandelt sich gerade Anti-Beziehungs-Mensch Aaron im Laufe des Filmes so sehr, dass er in der letzten Szene Bobby sogar (im Spaß) hinterherrennt, um über potentielle Kinder zu reden. Das größte Problem ist aber, dass Billy Eichner zu sehr im Fokus des Films steht. Seine latent laute Art funktioniert in den Kurzclips von „Billy on the Streets“, in denen er Passant*innen anhält und ihnen schnelle Fragen stellt, wird auf knapp zwei Stunden aber zunehmend anstrengend. Man muss dem Artikel in der Los Angeles Times recht geben, dessen Überschrift lautet: „It’s OK to let gay art bomb“.

Was erwarten wir von Rom-Coms?

Das Ende von „Bros“ wirft eine größere Frage auf: Was erwarten wir eigentlich von Rom-Coms? Das Muster, nach dem diese Filme aufgebaut sind, ist immer sehr ähnlich – so schematisch, dass es sogar einen Eintrag in Merriam-Webster gibt: „a light, comic movie or other work whose plot focuses on the development of a romantic relationship.“ Das Narrativ einer Rom-Com ist per definitionem also um das Konzept Monogamie herum erzählt, die Hürden stellen zumeist Eifersucht beziehungsweise Liebes-Missverständnisse dar und führen zum Ziel, am Ende eine (Zweier-)Beziehung einzugehen. Natürlich gibt es viele queere monogame Beziehungen, das soll hier gar nicht infrage gestellt werden; einer sehr traditionellen Beziehungsvorstellung bleibt man in diesen Filmen trotzdem treu. Auch wenn „Bros“ und „Fire Island“ dadurch, dass polyamoröse Verhältnisse diskutiert werden, zumindest versuchen, diese Konventionen aufzubrechen, bleiben sie ihnen mit ihren finalen Szenen trotzdem treu. (Im Fall von Noah und Will steht zumindest die Möglichkeit einer polyamorösen/offenen Beziehung im Raum.) Die Filme sind nicht heterosexuell, aber oft noch in heteronormativen Strukturen. Wobei „Bros“ dem mit der Erwähnung der Kinderfrage natürlich noch das Weiße-Gartenzaun-i-Tüpfelchen aufsetzt.

Die romantischen Komödien, die dieses Jahr veröffentlicht wurden, zeigen, dass es durchaus die Bereitschaft gibt, die starren Strukturen dieses Genres aufzubrechen und ihm neue Geschichten, Nuancen, Hürden und Perspektiven zu verleihen. Es bleibt aber eine Zwickmühle ohne Ausweg. Denn gerade für das unvermeidliche Happy End gibt es keine gute Lösung. Eine wäre vielleicht, dass die Hauptfigur mit den Freund*innen und der Wahlfamilie glücklich ist, nicht mit einer Partner*in. Doch ist eine Rom-Com, die nicht darauf abzielt, dass die beiden Protagonist*innen am Ende zusammenkommen, überhaupt noch eine Rom-Com? „Bros“ ist zwar gefloppt, aber queere und diverse Rom-Coms sind trotzdem gekommen, um zu bleiben. Wir dürfen gespannt sein, was sich Drehbuchautor*innen in Zukunft noch ausdenken werden.

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Aufmarsch der Faschisten – Die rechtsradikale Tradition in den USA

von Annika Brockschmidt und Thomas Lecaque

Im September 2022 starteten Mitglieder der Patriot Front, einer amerikanischen Neonazi-Organisation, einen Flashmob in Indianapolis. Die etwa fünfundsiebzig Mitglieder, die ihre traditionellen Khakihosen, blauen Hemden, weißen Hüte und Gesichtsmasken trugen, organisierten sich schnell, kamen von allen Seiten und verschmolzen zu einem zusammenhängenden Rechteck mitten auf der Straße, das ihre Flaggen trug: ein Fasces (Rutenbündel) in einem Kreis mit dreizehn Sternen um ihn herum, der ein faschistisches Amerika symbolisiert. Diese Flagge der Patriot Front ist angelehnt an die sogenannte “Betsy Ross”Flagge, die ein Amerika darstellt, das von Weißen Männern beherrscht wurde. Sie trugen ein Banner mit ihrem Hauptmotto „Reclaim America“. Der Marsch führte vom Gelände des Indiana Statehouse zum Monument Circle, hinunter zum War Memorial bei der American Legion Mall und endete an der Hauptniederlassung der Indianapolis Public Library.

Dieser Aufmarsch war nicht der erste Flashmob der Patriot Front. Die Gruppe kam auch am Wochenende des 4. Juli nach Boston und marschierte dort mit denselben Uniformen, zusätzlich mit Schilden und „Reclaim America“-Bannern entlang des Freedom Trails. Eine ähnliche Versammlung an der Back Bay MBTA-Station, die Teil der Bostoner Eisenbahnlinie ist, führte zu Gewalt, als Mitglieder der Patriot Front einen Schwarzen angriffen, der sie zur Rede gestellt hatte. Davor hatten sie bereits Märsche in Chicago veranstaltet – und sich im Januar auf der National Mall in Washington D.C. einemPro-Life“-Marsch angeschlossen. Weitere Märsche fanden in Philadelphia im vergangenen Juli (wo Einwohner sie aus der Stadt vertrieben) und sowie in Nashville, Washington D.C. und davor Pittsburgh statt.

Die Videos dieser faschistischen Märsche sind jedoch nicht die einzigen medialen Ereignisse der Patriot Front. Videos von „Trainingslagern“ tauchen immer wieder im Internet auf einer Vielzahl von Plattformen auf. Solche Lager finden an unterschiedlichen Orten im ganzen Land  – von Pennsylvania, bis Colorado und Florida – statt. Einige von diesen Videos stammen aus der umfangreichen Datensammlung von Unicorn Riot, andere werden jedoch eindeutig von der Patriot Front über Mittelsleute veröffentlicht. Marschieren in Formation, Nahkampfübungen, Schildmauern bauen, Scheinangriffe von Gegendemonstranten – all das sieht nicht besonders geschickt aus, aber es zeigt das Bild einer Organisation, die nicht nur auf Flashmobs setzt, sondern auch bereit ist, sie mit Gewalt zu untermauern.

Die Märsche der Patriot Front und ihre Trainingsvideos haben in den sozialen Medien für viel Spott gesorgt. Und doch sollte die Tatsache, dass sich Faschisten sicher genug fühlen, um durch die Straßen amerikanischer Städte zu marschieren – wenn auch mit maskierten Gesichtern – Anlass zur Sorge geben, so plump und lächerlich dieses Faschisten-Cosplay auch wirken mag. Denn: Sie meinen es ernst. Die Straßenmärsche fungieren nicht nur als Zelebrierung faschistischer Ästhetik und Einschüchterung von Minderheiten, die sie hassen, sondern auch als Rekrutierungsinstrument. 

Uniformierte Faschisten, die durch die Straßen marschieren, sind ein schlechtes Zeichen für den Zustand der Demokratie, so wenige es auch sein mögen. Vor allem, weil die extreme Rechte mit ihren Rekrutierungstaktiken am Puls der Zeit ist. Prozessionen und Paraden sind politische Akte mit einer langen Geschichte. Sie sind ein Mittel, um Legitimität und Raum in der Öffentlichkeit zu beanspruchen – ein Mittel, das seit dem 19. Jahrhundert von sozialen Organisationen, Politikern und ganzen Kleinstädten bei lokalen und nationalen Feiertagen praktiziert wird, wie die Historikerin Susan Davis gezeigt hat („Parades and Power“).

White Nationalists marschieren heute jedoch nicht nur auf der Straße, sondern nutzen längst  soziale Medien, um junge, wütende weiße Männer in ihre Reihen zu rekrutieren, wobei TikTok ihr vielleicht wichtigstes Werkzeug ist. Aber es ist nur ein Teil einer viel größeren Multimedia-Kampagne, die darauf abzielt, neonazistische Rhetorik und Ideologie zu verbreiten und salonfähig zu machen. Im Jahr 2020 gab es in den Vereinigten Staaten einen signifikanten Anstieg bei der Verbreitung von Propaganda der weißen Rassisten, für die die Patriot Front zu 80 Prozent verantwortlich ist. 2020 war auch das Jahr, in dem die Patriot Front damit begann, ihre Rhetorik von offener antisemitischer und neonazistischer Sprache zu Dog Whistles (Hundepfeifen) wie „America First“ und „Reclaim America“ zu verharmlosen. Zu dieser Zeit begannen sie auch vermehrt, Flashmobs abzuhalten.

Eines fällt bei allen Arten der öffentlichen Rekrutierung auf: Faschistische Symbole stehen im Mittelpunkt ihrer öffentlichen Inszenierung, die so stark auf eine angepasste Ästhetik setzt. Sie sind ein wesentlicher Bestandteil ihrer Brandings– und Rekrutierungsbemühungen – die schon Jahrzehnte vor TikTok begannen. Denn der amerikanische Faschismus ist kein neues Phänomen. Der Gründer der Patriot Front, Thomas Rousseau, ist ein ein ehemaliges Mitglied von Vanguard America – der Ruf dieser Gruppe, „Blood and Soil“ (“Blut und Boden), war 2017 auch bei der “Unite the Right”-Rally in Charlottesville zu hören. 

Rousseau marschierte in den Reihen der Neonazis mit. Auch damals waren die charakteristischen Uniformen und die Neonazi-Ideologie deutlich erkennbar, die Menge brüllte “Juden werden uns nicht ersetzen” – eine Referenz auf die Weiß-nationalistische Great Replacement”-Verschwörungserzählung, der die Demonstranten anhingen. Rousseau löste sich von Vanguard America und gründete nach der Rally, bei der ein Neonazi die 32-jährige Heather Hayer tötete, die Patriot Front. Doch selbst Vanguard America war kein neues Phänomen, sondern nur eine Organisation in einer langen Reihe von Neonazi-Gruppen in der amerikanischen Geschichte. Von George Lincoln Rockwells American Nazi Party der 1960er und 1970er über die Aryan Nation der 1980er und 1990er im Norden Idahos bis hin zu Gruppen wie Vanguard America oder der Traditionalist Worker Party, die 2017 in Charlottesville zusammenkam: Vom Zweiten Klan der 1920er Jahre über Pater Coughlin bis hin zur ursprünglichen America-First-Bewegung und Charles Lindberghs Des Moines-Rede vom 11. September 1941, in der er den Juden die Schuld am Zweiten Weltkrieg gab: Die USA haben eine ganz eigene White Supremacist– und faschistische Tradition.

Diese Gruppierungen der 1930er und 1940er Jahre bilden das Herz der faschistischen Tradition Amerikas. Während heute die Patriot Front für ihre Märsche Verkleiden spielt, tat der KKK dasselbe, während er in Schwarze Viertel eindrang und dort seinen mörderischen Terror verbreitete. Heute verbindet man ein brennendes Kreuz sofort mit dem KKK. Doch der Klan hat seine Bildsprache damals dem extrem rassistischen Film „Birth of a Nation“ entlehnt. Dass sie für ihren hasserfüllten Kreuzzug das christliche Kreuz wählten, ist deshalb kein Zufall: Oft wird vergessen, erklärt die Historikerin Kelly J. Baker („The Gospel of the Klan“), dass der KKK eine ausgesprochen christliche, insbesondere Weiße, protestantische Organisation war. Dieses Branding ermöglichte es dem Zweiten Klan, in den 1920er Jahren an Popularität zu gewinnen und White Supremacy für Mitglieder der gutbürgerlichen Gesellschaft zu etablieren: Ärzte, Pastoren, Lehrer und Buchhalter. Und während Baker darauf hinweist, dass White Supremacy oft gewöhnlich und langweilig ist (es gab zum Beispiel KKK-Strickkreise), dienten KKK-Märsche schon damals als Machtdemonstration, aber auch als Rekrutierungsinstrument. Die Märsche der Patriot Front ahmen diese Taktiken nach, auch wenn sie bei weitem nicht an die Kraft und öffentliche Unterstützung des Zweiten Klans auf seinem Höhepunkt herankommen: 1925 marschierten 30.000 Klan-Mitglieder die Pennsylvania Avenue in Washington D.C. entlang, und über ihren Marsch im darauffolgenden Jahr wurde in den Zeitungen des ganzen Landes berichtet.

Die heutigen uniformierten White Supremacists und Neonazis, die mit den Knieschützern und Schilden der Patriot Front marschieren, haben auch Verbindungen zu christlichen Extremisten. Tatsächlich besteht die Bandbreite der extremen Rechten in den Vereinigten Staaten heute aus einer Reihe konkurrierender, miteinander vernetzter Gruppen, die sich auf die Zerstörung der amerikanischen Demokratie und auf nicht viel mehr einigen können. Doch die Überschneidungen zwischen den einzelnen Gruppierungen sind sehr wichtig. Unter den Mitgliedern der Patriot Front, die im Sommer in Coeur d’Alene festgenommen wurden – die sich auf einen Angriff auf eine LGBTQIA+-Veranstaltung in der Stadt vorbereitet hatten – befanden sich zwei Brüder, die mit On Fire Ministries verbunden waren, wo ihr Vater Pastor des Men’s Ministries war. 

On Fire Ministries ist die Kirche des ehemaligen Abgeordneten des US-Bundesstaates Washington, Matt Shea. Shea hat einen unangenehm ähnlichen Lebenslauf wie der christliche Nationalist – und aktuelle Gouverneurskandidat der Republikaner in Pennsylvania – Doug Mastriano, ein ehemaliger Offizier, dessen christlich-nationalistische Rhetorik immer gewalttätiger geworden ist und der Verbindungen zu einer Vielzahl von rechtsextremen Gruppen hat. 

Shea machte bereits mit seinem Manifest für einen „Heiligen Krieg“ Schlagzeilen, aber das war nur die Spitze des Eisbergs. Er wurde des inländischen Terrorismus beschuldigt, hat Verbindungen zur Familie Bundy, den Oathkeepers und der „Patriot Bewegung“. Und seine Kirche folgt diesem Trend – Shea war Pastor der Cornerstone Church, die ursprünglich von Ken Peters gegründet wurde. Shea wurde Pastor der Kirche, als Peters nach Knoxville, Tennessee, zog, um dort sein „Patriot Church“-Netzwerk zu gründen. 

Shea verließ die Gemeinde schließlich, um selbst On Fire Ministries zu gründen. Dort setzte er den theologischen Fokus auf Apokalyptik. Das ist relevant, weil die amerikanische christliche Apokalyptik tendenziell tiefe politische Wurzeln hat – seit den Kreuzzügen haben apokalyptische Überzeugungen zu dem Wunsch geführt, die Gesellschaft in einer spezifisch christlichen Vision neu zu gestalten. Shea fällt in dieselbe Kategorie: Er hatte seine Anhänger dazu aufgefordert, eine “alternative christliche Regierung” zu bilden und sich auf einen “totalen Krieg” einzulassen. Diese Art von Rhetorik – christlicher Nationalismus, Rassismus, Vorwürfe der Tyrannei gegenüber der amtierenden Regierung und der Aufruf zum “totalen Krieg” gegen die Feinde – findet sich überall im Manifest der “Patriot Front”.

Mitglieder der Patriot Front und tauchten bei der Coeur D’Arlene Pride-Parade auf und planten einen Angriff auf die Veranstaltung, was zur Verhaftung von 31 Mitgliedern der Gruppe führte – nur einer von zahlreichen Fällen, in denen rechtsextreme Gruppen wie die Patriot Front oder die Proud Boys die LGBTQ-Community belästigten und bedrohten.

Die “Patriot Front” mag eine randständige Splittergruppe der extremen Rechten sein, doch derzeit macht die Republikanische Partei ihre Arbeit für sie: Die Verunglimpfung von LGBTQ-Personen als Pädophile und Groomer hat sich im konservativen Mainstream etabliert, diejenigen, die sie verbreiten tragen Anzug und Kostüm anstatt Schild und Schlagstock.

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Ziemlich beste Freundinnen. Selene Marianis Debütroman „Ellis“

von Hanna Sellheim

Der Klappentext von Selene Marianis Debütroman Ellis, erschienen 2022 im Wallstein Verlag, mutet vage bekannt an. Er verspricht: „Deutschland und Italien. Zwei Freundinnen zwischen Nähe und Distanz.“ Auf seiner Instagram-Seite verlost der Verlag den Roman mit einer Packung Abbracci-Kekse, die darin eine Rolle spielen. Italien, Freundinnen, Dolce Vita und zuckersüße Vermarktungsstrategien – das klingt verdächtig nach #ferrantefever, dem Hype um die „Neapolitanische Saga“ von Elena Ferrante, die weniger mit literarischer Innovation und mehr mit der Geheimniskrämerei um die wahre Identität der Autorin hinter dem Pseudonym Aufsehen erregte. Aber diese Vermarktung verwundert, wirft man einen Blick ins Buch: Denn was hier erzählt wird, ist keineswegs eine Freundschaftsgeschichte, sondern die Erzählung einer unglücklichen lesbischen Liebe. Doch das wird nie explizit und man fragt sich: Warum eigentlich?

Die Handlung des Romans ist knapp bemessen: Ellis, in Deutschland und Italien aufgewachsen, wird in der Schule gemobbt und ist kreuzunglücklich – bis sie Grace kennenlernt. Die beiden streiten und vertragen sich, verlieren den Kontakt, treffen sich schließlich nach zehn Jahren wieder und reisen gemeinsam zu Ellis‘ Großeltern nach Italien. Der Roman ist durch Ellis‘ Ich-Perspektive fokalisiert und in sehr kurzen, szenenhaften Kapiteln erzählt, wobei wiederholt zwischen den Zeitebenen von Kindheit und Gegenwart hin- und hergesprungen wird.

Kitsch und Atmosphäre

Andere Themen, die sich aus den Eckpunkten der Handlung logisch ergeben, finden vor allem am Rande Erwähnung; etwa Kindheitstraumata oder die Frage nach kultureller Zugehörigkeit. Mariani verwendet durchaus einfallsreiche Vergleiche („Mein Verhalten der letzten Tage steigt in mir auf wie Sodbrennen“) und wohlüberlegte Formulierungen („würge Themen heraus, kläglich klein sehen sie aus, wir schieben sie hin und her, unschlüssig“). Manches davon ist geprägt von einer recht aufdringlichen Wortwörtlichkeit, manches von schamlosem Kitsch:

„Ich habe mich verliebt, oft und jedes Mal unsterblich…“ Ich muss lächeln. „Manche Dinge ändern sich nie.“

Doch die eingebauten Referenzen schaffen ein überzeugendes Panorama der frühen Nullerjahre, die schlaglichtartigen Szenen bauen atmosphärische Bilder von italienischem Sommer und der gräulichen Langeweile deutscher Mittelstädte.

Und dann ist da eben die Beziehung von Ellis und Grace, die sich als nur halbherzig erwiderte Verliebtheit entfaltet. An Grace fällt Ellis zuerst und wiederholt der Vanilleduft und ihre blauen Augen auf, es entspinnt sich ein Spiel von Beobachten und Näherkommen. Insbesondere die Berührungen mit Grace sind es, die Ellis detailreich beschreibt. Da kleben schwitzige Arme aneinander, Hände liegen zu nah beieinander, Wangen berühren Hälse und Ellis ist der Anblick von Grace‘ nacktem Körper unangenehm.

Suggestive Bildsprache

Dies entwickelt sich zu einer durchaus überzeugenden Schilderung von gay panic:

Es ist unmöglich, sich nicht zu berühren, wenn ich nicht herunterfallen will. Der Film geht los, nach fünf Minuten die erste Liebesszene. Ich merke, wie mein Nacken sich versteift. Ich spüre Grace‘ warmen Körper an mir, habe das Gefühl, das [sic] sie mich ansieht. Ich versuche, normal zu atmen. Als endlich die Szene wechselt, lege ich mich erleichtert etwas entspannter hin. Vergeblich versuche ich mich auf den Film zu konzentrieren, schaffe es nicht.

So liest sich der Roman, als sei er in Codes geschrieben, die ganz bewusst einen Subtext des queeren Begehrens erzeugen. Es geht nie um Sex und doch gleichzeitig irgendwie immer, suggestive Anspielungen sind omnipräsent. Ellis sitzt „auf einer nackten Matratze“ , die Ballettlehrerin „schiebt ihre Beine scherenförmig auseinander“, ein Kater sieht aus, „als hätte jemand auf seinem Gesicht gesessen“, und bei Grace sind „die Innenseiten der Lippen noch weinrot“. Auch gar nicht subtile Beschreibungen körperlicher Vereinigung passen sich in das Bild:

Chiara und ich schaukeln, wie andere Freundinnen laufen – aus zwei Körpern wird einer. Mit der gleichen Biegung im Rücken drücken wir uns nach oben. Dort, der Pause zwischen Ein- und Ausatmen gleich, bleiben wir ganz kurz stehen, mit geschlossenen Augen.

Ellis zeigt derweil in der gesamten Erzählung kein Interesse an Männern, auf Grace‘ männliche Schwärme und Partner ist sie zugleich unverhohlen eifersüchtig.

Die queeren Andeutungen reichen bis zu Referenzen: Ellis‘ „Mund voll ungesagter Worte“ ist verdächtig nah an Anne Freytags „Mund voll ungesagter Dinge“ – einem erfolgreichen Jugendbuch, das eine Liebesgeschichte zwischen zwei Mädchen erzählt. Und von „Blau ist seine Lieblingsfarbe“ ist es nur ein Katzensprung zu „Blau ist eine warme Farbe“, dem wohl bekanntesten und umstrittensten lesbischen Liebesfilm.

Dabei nähert sich die Erzählung immer wieder asymptotisch der Ausbuchstabierung, insbesondere als Ellis‘ Vater auftaucht und ihr nahelegt: „Du schaust sie an wie sonst niemanden“ und „Du musst es ihr sagen.“ Dieses Es, das unausgesprochen zwischen den Zeilen schwebt, findet aber nie seinen Weg in die Ausformulierung, sondern bleibt stets Implikation. Coming-Out-Andeutungen häufen sich, bleiben aber unausgesprochen.

Als es schließlich doch zum Kuss zwischen Ellis und Grace kommt, folgt daraus jedoch weder für die Handlung noch für die Reflektion etwas; wenige Seiten später ist das Buch beendet. Das Ende verbreitet noch ein bisschen vage Self-Love-Share-Pic-Aufbruchsstimmung und fasert dann aus.

Best Friends Forever?

Wieso wird der Roman also trotz des offensichtlichen Inhalts so verschämt vermarktet als Freundschaftsgeschichte? Der Umschlagtext spricht von der „problematische[n] Dynamik ihrer Freundschaft“ und fragt recht naiv: „Was hält Ellis und Grace zusammen?“ Spielte sich dieselbe Geschichte schließlich zwischen einem Mann und einer Frau ab, sie würde wohl kaum so angeteasert. Dafür gibt es drei mögliche Erklärungen, die aber alle keine wirklich zufriedenstellende Antwort liefern: 

1. Der Roman (und mit ihm die Akteure drumherum) ist sich selbst seines queeren Subtextes nicht bewusst. Angesichts des oben gezeigten Umfangs der Anspielungen scheint das allerdings eher abwegig. 

2. Der Roman ist sich dessen bewusst, versucht aber, einem queeren Themen eher abgeneigten Publikum diese unterzujubeln, auch indem ganz bewusst der Ferrante-Hype angezapft wird. Hierbei stellt sich aber die Frage nach der Motivation: Dass solche Codierungsstrategien früher notwendig waren, um Bücher überhaupt auf dem Markt zu platzieren, liegt auf der Hand[1], aber warum sollte es heute noch im Interesse eines Verlags sein, die eigenen Produkte auf diese Weise zu maskieren? Gerade im Kontext des Pride Month erstaunt es, dass Wallstein den queeren Gehalt nicht mehr ausschlachtet. 

3. Man könnte den Roman lesen als fokalisierte Erzählung einer Figur, die keine Sprache für ihr eigenes Begehren hat, die ihr Gefühl des Andersseins verschiebt von der sexuellen auf die kulturelle Andersartigkeit, die in einer heteronormativen Welt gezwungen wird, sich selbst zu zensieren, um nicht weiter aufzufallen: „Ich lerne vorauszusehen, wann die Lauteste lacht, lache vor ihr, spüre ihren wohlwollenden Blick wie warmes Wasser, das mir den Nacken hinunterläuft. Früher war jeder Blick entlarvend, jetzt nicht mehr, jetzt bleiben sie auf der Oberfläche kleben. Ich weiß jetzt, was meine Stärke ist: mich anpassen.“ Doch das beantwortet nicht, warum das in den Paratexten dann nicht besser aufgefangen wird.

So scheint es am plausibelsten zu vermuten, der Text kapituliere vor der historischen Übermacht überkommener, heteronormativer und latent homophober Klischees und Stereotype von ‚natürlicher Nähe‘ zwischen ‚befreundeten‘ Frauen. Denn diese Muster haben eine Geschichte: Ellis ist keineswegs das einzige Beispiel für die Vermarktung lesbischer Geschichten unter dem Etikett der ‚engen Frauenfreundschaft‘. Der Film Grüne Tomaten (Fried Green Tomatoes) von 1991 erzählt eine Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen in Alabama Anfang des 20. Jahrhunderts – gibt das aber nie offen zu. Der Trailer betont „friendship“ und „best friends“. Die Zusammenfassung auf Filmstarts.de verspricht etwas von „tiefe[r]“ und „innige[r] Freundschaft“. Dabei legt die 1987 veröffentlichte Buchvorlage Fried Green Tomatoes at the Whistle Stop Café von Fannie Flagg, einer offen lesbischen Autorin, das Thema der gleichgeschlechtlichen Liebe recht eindeutig nahe. Kino-Zeit.de immerhin bemerkt: „Bedauerlich ist, dass die romantischen Gefühle zwischen den beiden jungen Frauen, die in Flaggs Roman angelegt sind, im Film auf ein rein platonisches Verhältnis reduziert werden.“

“Grüne Tomaten”: Queercoding par excellence

Doch auch das ist nicht wahr: Denn der Film ist voller Codes, die eine romantische Beziehung zwischen den Protagonistinnen Idgie und Ruth suggerieren, auch wenn dies eher im Subtext geschieht. Idgie wird als Tomboy eingeführt, weigert sich, für eine Hochzeit ein Kleid anzuziehen und läuft lieber in Hosen rum. Das allein ist selbstverständlich kein Indikator für lesbische Orientierung, die zärtliche Darstellung von Ruths und Idgies Beziehung, die im Grunde als Ehepaar zusammenleben und gemeinsam ein Kind großziehen, jedoch ist es definitiv. Berührungen und Küsse auf die Wange werden in Close-Ups gezeigt. Eine besonders eindrückliche Szene zeigt die beiden bei einem Food Fight, der mit Beeren-Geschmiere und erschöpfendem Rangeln auf dem Fußboden unschwer als Sex-Chiffre zu erkennen ist, und vom Sheriff unterbrochen wird, der die beiden darauf hinweist, gerade etwas Unerhörtes getan zu haben. Auch eine der Schlüsselszenen, in der Idgie für Ruth Honig erntet und auf die das Paar bei späteren Liebeserklärungen immer wieder Bezug nimmt („I‘ll always love you, the bee charmer“) arbeitet mit einer Bedeutungsverschiebung, die den queeren Gehalt hervorhebt: „I heard there are people who could charm bees. I have just never seen it done before today. You’re a bee charmer, Idgie Threadgoode. That’s what you are. A bee charmer.“ Im Anschluss an diese Aussage greift Ruth mit zwei Fingern in das Honigglas, das Idgie ihr hinhält, und leckt den Honig ab. Sexuell suggestive Bildlichkeit funktioniert also auch in anderen Fällen als Code für queeres Begehren – auch wenn dieser nicht von allen Rezipient*innen entziffert wird. So ist der Film durch die Vermarktung im Einklang mit Mainstream-Diskursen im kollektiven Bewusstsein eingegangen als Freundschaftserzählung – und der queere Hintergrund somit vergessen.

Lesbische Unsichtbarkeit

Es ist inzwischen zum Meme geworden, dass Historiker:innen (oder, vielleicht treffender, Historiker) zusammen lebende, einander Liebesbriefe schreibende Frauen als gute Freundinnen oder Mitbewohnerinnen vermuten. Zuweilen führt diese Verleugnung von Offensichtlichkeiten zu Absurditäten wie dem folgenden Satz auf der Wikipedia-Seite zu Vita Sackville-West, der Geliebten von Virginia Woolf: „Die Freundschaft war von großer Zuneigung und gegenseitiger Bewunderung geprägt, und zumindest zeitweise auch sexueller Natur.“ Auch in eindeutigeren Fällen kommt das Freundschaftslabel zum Einsatz: Netflix fasst Call Me by Your Name als Film über eine „lebensverändernde Freundschaft“ zusammen. In gravierenden Fällen führt ein solcher Bias zur Verfälschung von Forschungsergebnissen, nicht nur in der Literaturwissenschaft, sondern auch etwa in der Archäologie.

Die Grenzen und Grenzüberschreitungen von Liebe und Freundschaft zu diskutieren und Zwischenbereiche aufzuzeigen, ist ja keineswegs falsch – doch scheint es in diesen Fällen um etwas anderes zu gehen, nämlich die Leugnung romantischer queerer, und vor allem lesbischer, Liebe und Sexualität, die Diskriminierungen perpetuiert. Denn die Gleichsetzung von lesbischen Liebesbeziehungen mit engen Frauenfreundschaften macht queere Lebensrealitäten unsichtbar.[2] Während männliche Homosexualität jahrzehntelang kriminalisiert wurde, ist weibliche vor allem ignoriert worden.

Doch auch diese spezifisch lesbische kulturelle Unsichtbarkeit[3] ist problematisch und hat gesellschaftliche Auswirkungen – durcheinander geratene Definitionen von Liebe und Freundschaft, von Begehren und Bewundern sind deshalb keineswegs trivial. Warum? Die Antwort ist so einfach wie pathetisch: Weil Repräsentation Bedeutung hat und schafft. Weil Entstigmatisierung wichtig ist. Formate wie The L Word oder kürzlich erst Princess Charming haben gezeigt, wie wichtig es auch heute noch ist, immer wieder zu betonen, dass lesbische Liebe real und etwas anderes als enge Freundschaft ist, dass nicht alle Lesben aussehen, wie Onkel Ralf sich Lesben vorstellt, dass Frauen romantische Gefühle und sexuelles Begehren empfinden, auch zueinander, und dass es okay ist, das auch ganz explizit so zu benennen. Jetzt muss das wohl nur noch im deutschen Literaturbetrieb ankommen.


[1] Byrne Fone argumentiert weiterführend, dass die „friendship tradition“ den Ausdruck leidenschaftlicher, gleichgeschlechtlicher Gefühle überhaupt erst ermöglicht. (Vgl. Homophobia. A History. Metropolitan Books, 2000. 333.)

[2] Vgl. Kirsten Plötz: „Weitgehend ignoriert. Lesbisches Leben in der frühen Bundesrepublik“. In Bewegung bleiben. 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben. Hg. von Gabriele Dennert et al. Querverlag, 2007. 29.

[3] Vgl. Ulrike Hänsch: Individuelle Freiheiten – heterosexuelle Normen in Lebensgeschichten lesbischer Frauen. Leske + Budrich, 2003. 59.

Beitragsbild von kyo azuma

Autoritäre Authentizität – Reality-TV in der Gegenwart

von Alex Struwe

Im Jahr 1999 stand das Konzept der Realität im Mittelpunkt des popkulturellen Interesses. Kurz vor dem Millenium, an dem angeblich alle Computer und ihre virtuelle Doppelwelt abstürzen sollten, verunsicherte der Film Matrix eine ganze Generation über den ontologischen Status ihrer Welt und zugleich läutete der Start des TV-Formats Big Brother die Ära des Reality-TV ein. Die vulgär antikapitalistische Kulturkritik von Fight Club, Matrix oder Truman Show, dass unsere Wirklichkeit nur bunte Fassade einer „Wüste des Realen“ sei, ging mit dem neuen Jahrtausend in eine Kulturproduktion über, die zwischen Realität und Ideologie gar nicht mehr unterscheiden wollte. Statt weiter an fantastischen Illusionen zu arbeiten, war das Reality-TV Wirklichkeit und Inszenierung zugleich.

Wie Mark Fisher damals schrieb, war Reality-TV gewissermaßen das perfekte kulturindustrielle Produkt jener Zeit: eine kostengünstige Produktion von hochgradig wirksamer Ideologie und zwar auf der Höhe jenes post-ideologischen Zeitgeists, der hinter dem Pathos epischer und „großer“ Erzählungen die eigentliche Ideologie witterte. Statt großer Helden gab es nun echte Menschen, wie man sie aus Talk Shows kannte – einem Genre, das in Deutschland mittlerweile gänzlich ausgestorben ist. Ob im großen „Sozialexperiment“ Big Brother, im sogenannten Trash-TV wie Frauentausch oder den unzähligen Berichtsformaten aus dem Berufsalltag von Polizei, Gericht und Anwaltschaft: Das Fernsehen war jetzt real geworden.

Die Realität des Reality-TV darf dabei nicht zu wörtlich genommen werden. Es geht nicht um die Dokumentation der Lebenswirklichkeit von Menschen. Real sind einzig die Figuren, die man in eine durch und durch künstliche Situation verfrachtet hat: eine „gescriptete Realität“, die aus der Zuspitzung realer gesellschaftlicher Zwänge besteht. Von Anfang an gehörte diese Mogelpackung zum Reality-TV dazu. Denn es ging nicht um eine Alternative zu den ideologischen Erzählungen – um vermeintlich echte Erfahrungen und Einblicke –, sondern um deren Fortführung mit anderen Mitteln. 

Das 90er-Unbehagen gegen die unechte Welt, eine allumfassende Werbeindustrie und die Kommerzialisierung alles Populären übersetzte sich konsequenterweise in die Überzeugung, dass nur die Menschen noch echt seien. Die Wut auf die falsche Gesellschaft hatte sich in die Innerlichkeit verflüchtigt: Das „Fuck the System“ des Punk war in den 1990er Jahren zum „I hate myself and I want to die“ des Grunge und später zum kühlen Hedonismus des Techno geworden. Den Betrug der Welt zu durchschauen, ohne etwas daran ändern zu können, bestärkte auf eine wohlige Art die Vorstellung, immerhin noch ein intaktes Subjekt zu sein. Zu wissen, dass alles aus Plastik besteht, ist die Probe auf das fühlende, authentische Individuum. Und das war die Grundlage, auf der das Reality-TV das Millenium einläutete, das Zeitalter der Sozialen Medien, des Influencermarketings, der beispiellosen Traurigkeit bloß formaler Individualität. Was ist seitdem aus uns geworden?

Im Gegensatz zu manch anderen Formaten des kulturellen Zeitgeists existiert Reality-TV auch in diesen angeblich schnelllebigen Zeiten noch. Es gibt heute unzählige Reality-Shows, die meisten davon die Wiederholung und Abwandlung bewährter Formate. Gerade das erlaubt es, daran eine Entwicklung zu beobachten, die einer gesellschaftlichen Tendenz entspricht: Die Beschwörung des Individuums hat einen ambivalenten Charakter bekommen, den Zug einer zunehmenden Faschisierung. In diesem Widerspruch steckt die passende Subjektivität einer liberalen Gesellschaft, die durch den Fortschritt hindurch immer weiter in die Katastrophe schlittert. 

Reale Demütigung

Am Beginn des großen Erfolgs von Reality-TV steht das Format Big Brother. Unter ständiger Videoüberwachung wurden dabei Menschen in einem „Container“ zusammengepfercht und standen in einem Wettbewerb um möglichst langes Durchhalten. Gegenseitig nominierten sich die Teilnehmenden zum Rauswurf, bis am Ende eine Person übrigblieb, die ein Preisgeld erhielt. In annähernd 70 Ländern wurde die Show ausgestrahlt und nicht selten als gesellschaftliche Grenzüberschreitung diskutiert. Voyeurismus, Mobbing, Druck – die Zuschauenden sahen regelmäßige Zusammenschnitte eskalierender Konflikte und zerbrechender Persönlichkeiten. 

Verkauft wurde dieses Setting als wagemutiges „Sozialexperiment“, was zynisch ist, aber auch einen Punkt trifft. Es zeichnete ganz deutlich die Struktur des Reality-TV vor: Was machen die vermeintlich echten Menschen in dieser simulierten Zuspitzung und künstlichen Verdichtung sozialer Zwänge. Der psychosoziale Stress ist bis heute eine der zentralen Komponenten von Reality-Shows, wenn Kandidat:innen unter Entzug von Privatheit und Schlafmangel ständig „Party machen“ und Wettbewerbe absolvieren müssen. Regelmäßig wird in aktuellen Formaten betont: „Wie krass das alles ist“ und „Ich hab das unterschätzt“.

Das Ursprungsformat Big Brother deutet eine der zwei grundlegenden Varianten an, in die das Genre Reality-TV grob zerfällt, und zwar jene Formate, die hauptsächlich Demütigung zum Gegenstand haben. Im sogenannten Dschungelcamp bis hin zu Das Sommerhaus der Stars geht es vor allem darum, Menschen an der Belastungsgrenze von Ekel, Scham oder sozialen Konflikten beim Kollabieren zu beobachten, ihr Selbstwertgefühl brechen zu sehen. Zur Dschungelprüfung essen die Teilnehmenden Insekten, Känguruanus oder Krokodilpenis, im Sommerhaus müssen sie mit ihren Lebenspartner:innen in Extremsituationen den unmöglichen Zusammenhalt ihrer Beziehung beweisen.

Dass es sich hierbei traditionell um Prominente handelt – allerdings C-Promis, die auf den Wirkungsradius dieser untersten Stufen der Unterhaltungsindustrie beschränkt bleiben –, legte oft die Deutung nahe, hier würde sich das kleinbürgerliche Strafbedürfnis zeigen, diejenigen zu erniedrigen, die sich wohl für etwas Besseres hielten. Eine solche These ließe sich auch am sogenannten Trash-TV plausibilisieren. 

Diese Bezeichnung kommt ja nicht etwa von der minderwertigen Produktion der Formate, sondern daher, dass hier Menschen vorgeführt werden, die offen oder uneingestanden für Abfall gehalten werden: faule Arbeitslose, durchtrainierte Dumpfbacken, Tussies, selbsternannte Prominente, die den Status gar nicht verdient hätten, weil sie ja doch gar nichts geleistet hätten, aber auch Nerds, Dicke oder sonstwas für Leute, die sich gesellschaftlich notwendigen Durchschnitten nicht genügend unterordneten.

Die Lust an Schadenfreude und Bestrafung ist sicherlich ein wichtiger Aspekt vieler Formate. Aber die Gesamtheit des Reality-TV legt einen anderen Schluss nahe. Es geht weniger um diese vermeintlich kathartischen Effekte, den Aggressionsabbau oder sonstige Projektionsleistungen. Genau genommen besteht die Anziehungskraft der Formate vor allem darin, Menschen beim Scheitern am klassischen Ambivalenzkonflikt moderner Gesellschaften zuzusehen, nämlich als freies Individuum abhängig von der Gesellschaft zu sein. 

Die Individuen werden in zugespitzte gesellschaftliche Konflikte gescriptet, die ihnen ihre eigene Grenze aufzeigen sollen. Wie weit werden sie sich an die widrigen Umstände und die irren Regeln anpassen? 

Reales Empowerment

Diese Struktur verbindet die Demütigungsformate mit der zweiten Variante des Reality-TV, die das Gegenteil von Erniedrigung anzuvisieren scheint: In den „Kuppelshows“ wie Der Bachelor und Die Bachelorette, ergänzt um queere Formate wie Prince Charming und Princess Charming geht es um Empowerment. Während sich die erste Sparte der Reality-Shows dem Großthema Individuum und Gesellschaft widmet, sind die Kuppelformate mit der romantischen Liebe befasst. Liebe ist deshalb so wichtig und Anker bürgerlicher Individuen, weil sie traditionell das Trostpflaster für das gesellschaftliche Elend darstellt: Statt einer versöhnten Welt der Freien und Gleichen, soll jeder Topf einen Deckel bekommen, der ihn „ganz“ macht. Im Mittelpunkt der Formate steht daher immer die Frage: „Die große Liebe im Fernsehen finden, geht das?“

Ja, beteuern die Kandidat:innen unentwegt, denn sonst wären sie ja nicht dabei. Sie sind auf der Suche, auf einem „Abenteuer“ und entschlossen, den oder die „Richtige“ zu finden. Gerade an der letzten Staffel der Bachelorette wurde das Empowerment-Potenzial dieser Formate sehr deutlich. Der Cast war divers, die Männer mal Bad Boy, mal Softie, manche konnten sogar über echte Konflikte mit sich selbst sprechen. Die Bachelorette ist eine selbstbewusste und facettenreiche junge Frau, die „weiß, was sie will“ und entgegen aller Widerstände und trotz Haarausfalls „ihren Weg geht“. 

Überhaupt ist der Charakter sehr wichtig, wichtiger noch als Tattoos oder durchtrainiert zu sein. Oft meint das aber nur, dass man ein bestimmtes Set an trivialsten Verhaltensnormen für sich zusammengestellt hat: Man sei „Beziehungsmensch“, humorvoll, ehrlich, kein „Fuckboy“, immer positiv etc. Unzählige Male beobachtet man Unterhaltungen, in denen jemand sagt: „Ich bin ein Familienmensch“. Und die andere Person antwortet: „Du bist vom Charakter echt genau wie ich.“ Die Oberflächlichkeit der Charaktere kann man belächeln, aber es sind ja trotzdem Individuen mit starkem Selbstwertgefühl – auch wenn das nur ihren Marktwert spiegelt.

In der queeren Adaption Princess Charming wirkt das schon emanzipatorisch. Die Frauen nehmen sich gegenseitig in ihren Eigenheiten ernst, es herrscht respektvolle und trotzdem lockere Stimmung, ein fast solidarisches Miteinander in der Konkurrenzsituation der Partnerinnenwahl. In den Gesprächen erfahren die Zuschauenden von den Kämpfen um Anerkennung, Diskriminierungserfahrungen und den abstrakten Idealen liberaler Freiheit und Toleranz. Notwendigerweise bekommen die unzähligen Ich-Botschaften des Diversity aber etwas Gebetsmühlenartiges: Die Betonung, dass man wirklich man selbst ist, geht direkt dazu über, dass es doch egal ist, wer man ist. Diese Leere der freien Individuen rührt natürlich daher, dass ihnen immer noch die Grundlage einer befreiten Gesellschaft fehlt.

Die Tragik einer nur der Idee nach verwirklichten Individualität schwingt bei der Suche nach den Traumpartner:innen, den perfekten Dreamdates, den Reisen nach Mexiko oder Thailand immer mit. Spätestens wenn die Kamerateams die sich jetzt Schatzi nennenden Couples in Düsseldorf oder Köln in der 3-Zimmer-Neubauwohnung mit Dekoartikeln und Live-Love-Laugh-Wandtattoos besuchen, wissen alle wieder, wovon sie das ganze Abenteuer lang eigentlich geträumt haben: dass es zu Ende ist. Der nächste Schritt, zu dem sich alle ständig bereit bekunden – Heiraten und eine Familie gründen –, soll bitte auch der letzte sein. Die Mühen der Individualität laufen auf deren Negation hinaus.

Reale Widersprüche

Darin sind sich beide Varianten des Reality-TV auffallend ähnlich: auf der einen Seite die übermächtigen Zwänge, die zur Selbstaufgabe in der Anpassung treiben, auf der anderen Seite die Sehnsüchte der Individuen, endlich kein Individuum mehr sein zu müssen. Was sie verbindet, ist eben eine gesellschaftliche Wirklichkeit, in der die Kränkungen real sind. Tief drinnen spüren wir, dass die marktförmige Individualität wirklich ein so wenig erstrebenswertes Produkt ist, wie es das Reality-TV bewirbt.

Der Lustgewinn am Reality-TV besteht aber nicht darin, uns diese Einsicht zu ermöglichen. Ein solch kritisches Fernsehen müsste erst noch erfunden werden. Die eigentliche Anziehungskraft des Reality-TV ist, dass die Shows noch einen Schritt weiter gehen: Sie enthalten schon etwas, das man die Rache an der individuellen Freiheit nennen kann. Und dieses Moment wird am deutlichsten in jenen hybriden Weiterentwicklungen, die beide Aspekte des Reality-TV miteinander verschmolzen haben: Temptation Island, Love Island oder Are You the One? verbinden die Partnersuche mit der Gefängnissituation von Dutzenden Kandidat:innen, die in einer Villa zusammengepfercht werden, ab und zu zum Bootfahren oder Stranddate raus dürfen und ansonsten fast jeden Abend feiern und trinken müssen. Hier trifft die emotionale und psychische Zermürbung des Big Brother-Containers auf die zum fast animalischen Akt reduzierten Paarungsrituale besoffener Islander:innen.

Die Sendung Temptation Island bildet in dieser Reihe einen bemerkenswerten Fall. Das Format ist eine Art Beziehungs- oder Treuetest, bei dem sich mehrere Paare für zwei Wochen getrennt in eine Villa mit „heißen Singles“ des jeweiligen Geschlechts begeben. Im US-Amerikanischen Original hat die Serie dabei einen fast psychotherapeutischen Anspruch: Die Kandidat:innen begreifen sich in einer Selbstfindungsphase, sie wollen „wachsen“ (I want to grow as a person) und für sich herausfinden, ob ihre kriselnde Beziehung wirklich das persönliche Investment wert ist. 

Ihre Erlebnisse werden vom Moderator in Einzelgesprächen ausgewertet, der sie immer wieder daran erinnert, dass es dabei um sie und ihren Reifeprozess ginge. In der deutschen Adaption ist von dieser liberalen Sorge um das Individuum kaum etwas übrig geblieben. Es geht hier mehr um Empörung über die Tabubrüche des Fremdgehens, moralische Verurteilung und Skandalisierung der heraufbeschworenen Sex-Eskapaden. Hier gibt es Treue oder Abweichung und jede individuelle Regung läuft Gefahr, als Verrat an den gesellschaftlichen Normen sanktioniert zu werden. Die Ordnung bekommt wieder Vorrang.

Bei genauerem Hinsehen kann man durch die Bank weg etwas Autoritäres in den Sendungen finden: den Körperkult feindefinierter Muskeln, Tattoos und Schönheitseingriffe, die HJ-Männerfrisuren, problematische Vorstellungen vom ‘Südländer’ und die regressiven Familien-, Frauen- und Weltbilder. Klaus Theweleits Männerphantasien waren hier offenkundig Vorlage des Scripts. 

Selbst die Sprache ist dabei von selbstverständlicher Härte und Brutalität durchsetzt, wenn die Männer sich als „Jäger“ vorstellen, die bei Frauen „auf Angriff gehen“, oder regelmäßig Leute ihre Überforderung damit kommentieren, es würde „ihren Kopf ficken“. Die Inszenierung spielt damit, dass sie sich gerade noch so an die Mindeststandards von Triebunterdrückung hält und die Stammesgemeinschaft der soldatischen „Bros“ schon in Aussicht stellt.

Aber es ist eben nicht einfach nur autoritär, was im Reality-TV passiert, sondern hochgradig ambivalent. Dafür ist es absolut bezeichnend, dass die schlimmste Beleidigung in diesen Formaten darin besteht, dass jemand nicht echt sein würde, ein falsches Spiel spiele und „fake“ sei. In diesem hochgradig professionalisierten Business, auf dem sich ganze Karrieren wiederkehrender Reality-Stars aufbauen, wirkt das fast wie Ironie. Aber es liegt eine traurige Wahrheit darin. 

Die Echtheit der Kandidat:innen besteht ja zu einem gewissen Grad darin, schon so beschädigt zu sein, dass ihnen die Stereotypie ihrer Individualität gar nicht mehr vorgegeben werden muss: die Grenzen zwischen professioneller Inszenierung und Personality sind ja ganz real gefallen. Die Authentizität, auf die sich die ganze Zeit berufen wird, hat den bedrohlichen Unterton von Unfreiheit.

Das zeigt sich im Konzept der Authentizität selbst. Während es den Protagonist:innen heilig ist, „sich selbst treu“ und echt zu bleiben, dient diese Vorstellung zugleich zur Abwehr von individueller Verantwortung. Denn es bedeutet nicht, dass man offen über Bedürfnisse und Gefühle spricht, sich als Individuum greifbar macht und damit auch dem Gegenüber die Chance geben würde, dasselbe zu tun. Offen und ehrlich ausgesprochen wird nur, ob „der Vibe stimmt“, „es passt“, es einen „Wow-Effekt“ gegeben hat und ob man „es fühlt“. 

Die Kandidat:innen müssen eben auf ihr Herz hören und ermahnen sich gegenseitig: „Du bist zu verkopft“. Wo eine mystische Kraft des Vibe und der Gefühle waltet, da gibt es tatsächlich nichts mehr zu reflektieren. Denn für seine Gefühle könne man bekanntlich nichts. Unzählige Male wird dies zur Rechtfertigung angeführt: wenn ein Typ einer Frau emotionale Bindung vorspielt, um mit ihr zu schlafen, und dann ganz ehrlich sagt, dass die Gefühle danach weg seien.

Authentisch ist daran, dass man zwar noch ein Individuum, aber streng genommen kein Subjekt mehr ist. Für die Handlungen übernimmt man keine Verantwortung, diese liegt bei höheren Mächten. Ist man aber erst einmal in diesem Zustand, so ist nichts an Individualität erhaltenswert, dann kann sie genauso gut auch einfach in stereotypen Charaktermodellen oder der autoritären Gemeinschaft entsorgt werden. Individualität wird dann zum Argument gegen sich selbst. Das seltsame Nebeneinander von liberalem Empowerment des Individuums und solchen Formen der Regression ist tatsächlich Ausdruck eines Zeitgeistes. Es entspricht der Tendenz eines liberalen Fortschritts, blind in die Katastrophe zu laufen.

Im Reality-TV findet man diese Ambivalenz in Form authentischer Individuen, die ihren Autonomiekonflikt mit gesellschaftlichen Zwängen tendenziell durch Unfreiheit lösen. Das wiederum ist eine Tendenz, in der Ohnmacht schon die überhand genommen hat. Weil sich die Gesellschaft nicht ändern lässt, die einem Freiheit verspricht, aber nicht einlöst, richtet sich die Aggression gegen die Freiheit selbst. Die ambivalenten Individuen des Reality-TV tragen die Spuren dieser Entwicklung und daraus lässt sich vor allem eines über die Realität lernen: der Übergang einer liberalen Gesellschaft in Formen autoritärer oder faschistischer Herrschaft vollzieht sich nicht als Bruch. Es geht schleichend und in verwirrender Gleichzeitigkeit von formaler Freiheit und Regression.

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Meditation über Löcher

von Achim Landwehr

Das Fehlen von Welt

Die Frage kann sich durchaus aufdrängen, wie das alles noch zusammenhält. Dabei ist es ja nahezu gleichgültig, an welcher Stelle man nachschaut, denn die Auswahl ist ungeheuer groß: Lücken, Spaltungen, Leerstellen. Sie sind überall. Wie also hält das alles noch zusammen angesichts der allgegenwärtigen Hohlräume, Unvollständigkeiten, Brüche, Abwesenheiten? Und zuweilen hält es ja tatsächlich nicht mehr zusammen. Vom Schlagloch als dem Daueraufreger aller Straßenverkehrsteilnehmenden über die sich häufenden Bohrlöcher in den heimischen Wänden bis zur Zahnlücke – so könnte eine Auflistung beginnen.

Aber der Illusion, eine Erfassung von Löchern beginnen oder gar abschließen zu können, wage ich mich erst gar nicht zu nähern. Die „Große und vollständige Enzyklopädie der Lücken“ müsste ihrerseits zahlreiche Lücken aufweisen und immer unvollständig bleiben – was sie dann aber nicht nur mit allen anderen Unternehmungen gemein hätte, die mit einem ähnlichen holistischen Anspruch aufwarten, sondern zudem die Frage aufwürfe, ob diese spezifische Enzyklopädie ihrem Gegenstand nicht gerade durch diese Unvollständigkeit in besonderem Maße gerecht werden würde. Denn neben den materiellen respektive anti-materiellen Formen gibt es ja noch die übertragenen Lücken, die uns allenthalben begegnen, die uns sogar richtiggehend bedrängen. Wir sind umringt von Gedächtnislücken, Finanzlöchern, Gesetzeslücken, Gesellschaftsspaltungen, Bildungslücken, Sicherheitslöchern, Sinnleeren, Forschungslücken.[1] 

Und dann nicht zu vergessen die Leerstellen, die jenseits unserer Aufmerksamkeitsschwelle und Wahrnehmungsfähigkeit lauern, die Lücken hinter unserem Rücken. All die schwarzen Schlunde des Nichts, die wir noch gar nicht kennen können, weil wir nicht in der Lage sind, sie als Leerstellen überhaupt zu identifizieren. Die Zukunft darf hier nicht nur als eine der eifrigsten Leerstellenproduzentinnen gelten, sondern ist selbst Leerstelle, ist das große Fragezeichen, ist die bedrohliche black box der Kontingenz.

Deswegen also keine Enzyklopädie der Lücke, auch keine Definition des Lochs. Vielmehr eine immer wieder sich einstellende Verwunderung über die qualitative Vielfalt und die quantitative Mächtigkeit alles Löchrigen. Und auch wenn es eine ans Peinliche grenzende Tautologie wäre, diesem Löchrigen metaphorisch nachbohren zu wollen, bleibt die Frage doch hartnäckig: wie das alles noch zusammenhält.

Es ist die Enttäuschung in Form einer Ermangelung, die Leerformen einen weitgehend schlechten Ruf eingebracht hat, gepaart auch mit dieser unübersehbaren Furcht vor der Zerstörung, die mit jedem klaffenden Loch einhergeht. Und das, obwohl das Leere deutlich vielfältiger, vor allem auch deutlich produktiver und konstitutiver ist, als nur zur Anzeigung eines Verlusts zu dienen. Aber dazu später mehr.

Ein Loch sollte doch eigentlich gar keine Schwierigkeiten machen. Es ist ein so schlichtes Phänomen, durch denkbar einfache Komponenten konstituiert, so unproblematisch zu identifizieren – und bereitet bei näherer Betrachtung doch so viel Kopfzerbrechen. Das ist das Irritierende an Löchern: Man kann sie sehen, kann darauf zeigen, kann sie sogar beschreiben und abbilden, denn genau dort, an dieser Stelle, an der etwas fehlt, da ist ein Loch – und schon ist man gefangen in den ungreifbaren Verstrickungen, die dieses befremdliche Nicht-Phänomen auslegt. Denn wie kann etwas sein, das nicht ist? Und das ist ja die übliche Assoziation, die wir bei Löchern haben: dass dort nichts ist; dass dort ein Nichts ist.

Und weil das Phänomen namens Lücke so ulkig schwankt zwischen bedeutungsarmer Nebensächlichkeit und ontologischer Fundamentalproblematik, ist auch schon von allen Seiten etwas dazu gesagt worden. Das ist auch nicht verwunderlich, schließlich sind Löcher nicht nur nützlich oder störend oder gefährlich, sondern auch schwindelerregend. Man kann dort nicht nur körperlich hineinpurzeln, auch gedanklich kann man sich darin verlieren. Da möchte man sich einfach nur mal mit Löchern beschäftigen, und schon erhebt die akademische Besserwisserei ihren tattrigen Zeigefinger.

Ich will keine Physik, keine Mathematik, keine Philosophie und auch keine sonstwie geartete Theorie des Lochs unternehmen. Entsprechende Versuche liegen bereits vor.[2] Sich daher in der Nachfolge des Aristoteles an eine Definition der Leerstelle machen und konstatieren zu wollen, es handele sich um einen Ort, an dem nichts ist, hilft in manchen Zusammenhängen nur bedingt weiter.[3]

Bei Löchern ist die Gefahr paradoxaler Verknotungen nicht allzu fern. Jede Beschäftigung macht aus diesem Nichts schon wieder ein Etwas – womit es kein Nichts mehr ist.[4] Müssten richtige Löcher nicht derart nichtig sein, dass man sich noch nicht einmal auf sie beziehen können dürfte? Obwohl ein Loch, geradeso wie die Null als löchrige Nichtszahl,[5] eigentlich für nichts Bestimmtes steht, nichts repräsentiert und nichts bezeichnet (nur das Nichts bezeichnet), unterläuft es sich durch seine Begriffsbildung beständig selbst – ebenso wie all diejenigen, die sich damit auseinandersetzen.[6] Löcher löchern Welten. Und sie löchern Welten nicht nur auf perforierende Weise, weil sie Leerstellen hinterlassen, sondern auch auf konstituierende Weise, weil sie zum Bestand von Welten beitragen.

Mit jedem Versuch einer definitorischen Schließung öffnet sich an anderer Stelle nur ein anderes Loch, durch das beispielsweise die Unbestimmtheitsrelation hindurchfällt, die sich bei einem kulturell so bedeutsamen Un-Ding wie einem Loch zwischen Phänomen und Betrachtenden aufbaut. Denn Löcher kommen ja kaum ohne wertende Adjektive aus. Für die einen sind es bedauerliche, gar ärgerliche Fehlstellen, für die anderen Öffnungen, Möglichkeiten, Ruhepole, gar Sinnstiftungen.

Löcher können also interessant sein, weil sie nicht nur technische oder organisatorische, sondern auch kulturelle Probleme aufwerfen. Sie zwingen Bedeutungskollektive – vulgo Kulturen genannt – dazu, sich in einer Situation zu verhalten, in der an einer Stelle, an der etwas sein sollte, nichts (mehr) ist. Auch wenn die überwiegende Anzahl der Leerstellen, denen Menschen tagtäglich begegnen, in der Masse der Lücken tatsächlich verschwindet, kann ja ein Loch, wenn es erst einmal eine bestimmte Aufmerksamkeitsschwelle überschritten hat, nicht nur stören, es kann auch verstören.

Mit dankbarer Unterstützung des Lochs lässt sich vielleicht, so meine Hoffnung, dem Umstand des Welt-Habens auf die Spur kommen. Denn einen kaum zu überschätzenden Vorteil scheinen mir all diese Abstinenzen doch zu haben: Sie zwingen diejenigen, die mit ihnen konfrontiert sind, etwas zu tun, das üblicherweise nicht getan werden muss. Sie zwingen zu einer Bestimmung von Welt angesichts des teilweisen Fehlens von Welt. Weil Welt üblicherweise da und eingerichtet ist, größtenteils auch schon lange vor unserer Existenz weitgehend eingerichtet war,[7] muss man sich die Frage nicht stellen, was und wie Welt ist. Eine Lücke macht aber genau diese Frage akut.

Ein Nichts mit etwas drum herum

Sobald Leerstellen unterschiedlicher Art aufgerufen werden, kriecht dieses ungute, gar schaurige Gefühl das Rückenmark hoch, das Assoziationen von Verlust und Vernichtung weckt. Und wie sollte diese Emotion auch verhindert werden, wenn in einem Erdloch ein Sarg versenkt werden kann, der einen an die Lücke gemahnt, die ein verstorbener Mensch hinterlässt, oder wenn ein Bombenkrater an einer Stelle klafft, an der gerade noch ein Haus stand? Solche Löcher nicht nur betrauern, sondern auch stopfen und damit irgendwie heilen zu wollen, ist nur zu verständlich.

Doch noch vor dem Stopfen, noch vor der Bepflanzung der Grabstelle mit Friedhofsgrün, noch vor dem Wiederaufbauprogramm für ehemalige Kriegsgebiete sind einige Minuten der Reflexion über die Löchrigkeit von Welt angebracht. Schließlich fangen die Probleme mit diesen Nicht-Dingen bereits an, bevor man sich ihnen auch nur vorsichtig genähert hat. Ein Loch-an-und-für-sich, also ein Loch in seinem reinen Loch-Sein bekommt man ja gar nicht in den Blick, schon gar nicht in den Griff – auch nicht in den angemessenen Begriff. Ein Loch wird eher durch das sichtbar und erfahrbar, was gerade noch vorhanden ist, durch seine Ränder. 

In einer immer noch amüsant-lesenswerten „soziologischen Psychologie der Löcher“ hat Kurt Tucholsky analytisch messerscharf darauf aufmerksam gemacht, was an Löchern eigentlich so irritierend ist. „Das Merkwürdigste an einem Loch ist der Rand. Er gehört noch zum Etwas, sieht aber beständig in das Nichts, eine Grenzwache der Materie. Das Nichts hat keine Grenzwache: während den Molekülen am Rande eines Lochs schwindlig wird, weil sie in das Loch sehen, wird den Molekülen des Lochs … festlig? Dafür gibt es kein Wort. Denn unsre Sprache ist von den Etwas-Leuten gemacht; die Loch-Leute sprechen ihre eigne.“[8]

Bei aller Vagheit und aller Unentschiedenheit von Leerstellen und Löchern, ließe sich als Schwundstufe einer Definition wohl festhalten, dass es sich um eine oberflächliche Entität handelt. Jedes Loch hat also – aus der Position des Lochinneren betrachtet – eine Oberfläche, die es von seiner nicht-löchrigen Umgebung trennt und gleichzeitig damit verbindet. Man stelle sich vor, man säße im Inneren eines Lochs eines Emmentaler Käses. Um einen herum gäbe es nur Oberfläche, sonst nichts – das sicherste Indiz, dass es sich um ein Loch handeln muss.[9] Vielleicht ist das ja auch der Grund, weshalb Kinder und auch nicht wenige Erwachsene eine solche Begeisterung für Höhlen, Zelte und ähnliche Gebilde aufbringen können, die sich vornehmlich durch ihre innere Leere auszeichnen: Weil sie durch diese Blasen einerseits vom Rest ihrer Welt gänzlich abgetrennt sind, andererseits diese Trennung auch jederzeit wieder aufheben können.

Und wenn wir schon bei Kindern sind: Auch die wahrscheinlich philosophisch interessantesten (und interessiertesten) Schweine der Kinderbuchliteratur, Piggeldy und Frederick, haben das Loch ausgiebig umkreist. Wie jede Piggeldy-und-Frederick-Geschichte, so fängt auch diese mit einer Frage des Ferkels Piggeldy an seinen großen Bruder Frederick an, woraufhin der peripatetisch veranlagte, aber meist ebenso ahnungslose Frederick seinen kleinen Bruder zu einem Spaziergang auffordert mit den Worten: „Nichts leichter als das. Komm mit.“ Piggeldy möchte von seinem Bruder Frederick also wissen, was ein Loch ist. Die beiden gehen los und versuchen sich dem Problem zunächst phänomenologisch zu nähern, suchen nach Beispielen für Löcher (Strumpfloch, Mauseloch, Tümpel) und nach deren Qualitäten (man kann hineinfallen).

Aber Piggeldy ist mit dem Ergebnis der Suche unzufrieden. Denn im Tümpel ist Wasser, im Mauseloch ist eine Maus, beim Strumpfloch gibt es immer noch mehr Strumpf als Loch. „‚Immer ist ein Loch etwas, wo noch was dazugehört‘, jammert er, ‚nie ist ein Loch einfach nur ein Loch.‘“ Worauf sein Bruder Frederick entgegnet: „Es wird nie ein Loch geben ohne was drum herum.“ Und eben das ist die Lösung: „‚Aha‘, freute sich Piggeldy, ‚ein Loch ist nur deshalb ein Loch, weil immer was drum herum ist.‘ Frederick nickte. ‚Wenn ich groß bin‘, sagte Piggeldy, ‚dann erfinde ich ein Loch ohne was drum herum.‘ Und Piggeldy ging mit Frederick nach Hause.“[10]

Ein Loch ohne was drum herum? Ein Loch um seiner selbst willen? Löcher werden, so sagt uns unsere Intuition, doch in den seltensten Fällen um ihrer selbst willen gegraben. Löcher haben Funktionen. Sie sind zweckgerichtete Nicht-Gebilde, mit denen etwas Anderes, irgendein Etwas, ein bestimmtes Ziel erreicht werden soll. Sie dienen der Freilegung von etwas hinter oder unten ihnen Liegendem, eines Schatzes beispielsweise. Oder sie dienen der Füllung, vielleicht mit Wasser oder einem Betonfundament. Sie dienen der Abkürzung von einer Seite zur anderen, zum Beispiel durch einen Tunnel. Aber ein Loch herstellen, nur um ein Loch zu haben?

Vielleicht ist es kein Zufall, dass gerade humoristisch begabte Intellektuelle wie Tucholsky, Piggeldy, Frederick oder auch Christian Morgenstern, dessen Gedicht über den Lattenzaun an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben darf, sich Leerstellen aller Art zuwenden. Denn solche Auslassungen stören die ernsthaften Menschen in ihrem Vollständigkeitswahn. Und schelmisch auf diese Auslassungen hinzuweisen, kann irritierte Lacher provozieren, weil sie Durchblicke zulassen – weniger auf ein dahinter liegendes Etwas als vielmehr auf die Baupläne von Welten.

Leerbezüge

Wie man es auch dreht und wendet, es scheint – leider? oder glücklicherweise? – keinen Weg zum absoluten Nichts zu geben. Auch die Möglichkeit, in einem Raum ein vollständiges Vakuum herzustellen, wird bis heute bezweifelt. Immer noch können sich darin virtuelle Teilchen oder elektromagnetische Felder befinden. Immer ist irgendwo irgendwas. Tucholsky hatte Recht, wir leben in einer Welt der Etwas-Leute.

Es könnte daher sein, dass die interessanten, weil inhaltlich weiterführenden Fragen nicht lauten: Was ist das Nichts? Was ist die Leere? Was ist ein Loch? Es könnte sein, dass es interessanter wäre, genauer auf den Rand zu achten, der Leere und Fülle nicht nur voneinander trennt, sondern auch miteinander verbindet. Wichtig an der unauflöslichen Relationierung von Leere und Fülle, von Nichts und Etwas ist demnach vor allem, was sich zwischen den beiden Relata abspielt, wie also der Übergang zwischen beiden als Übergang jeweils ausgestaltet wird.

Diese Traverse kann die Form von Konkretisierung oder Auflösung annehmen, von Zu- oder Abnahme, von Entstehen oder Vergehen, von Bewusstwerdung oder Bewusstlosigkeit, von Erbauung oder Vernichtung, von Beginnen oder Beenden, von Wahrnehmungsfähigkeit oder -unfähigkeit. Dieser Übergang ist, in den Worten von Karen Gloy, „ein reines Zwischen“, weil er, wie der Rand eines Lochs, noch nicht das eine und nicht mehr das andere ist.[11]

Arthur Schopenhauer war nicht der erste, ist aber ein bis heute prominenter Vertreter der These, vom Nichts in einem absoluten Sinn lasse sich überhaupt nicht sprechen. Im bekannten Schlusskapitel zum ersten Band seines Hauptwerks „Die Welt als Wille und Vorstellung“ hat Schopenhauer betont, „daß der Begriff des Nichts wesentlich relativ ist und immer sich nur auf ein bestimmtes Etwas bezieht, welches er negiert.“[12]

Sollte also jemand vom Tisch aufstehen, den Spaten nehmen und mit den Worten in den Garten gehen „Ich grabe jetzt ein Loch“, dann können alle Umstehenden den unabdingbaren, zweckgerichteten Anschluss ergänzen, „… um einen Baum zu pflanzen“. Als relationale Gebilde sind Löcher Mittel zum Zweck. Wir buddeln Löcher. Und danach möchten wir sie eigentlich gerne vergessen. Aber den Gefallen tun uns diese Aussparungen nicht. Sie sind und sie bleiben Teil unserer Ver-Wirklichungen, selbst wenn wir auf den Schacht einen Deckel legen, den Dübel in der Wand verschrauben, die Hautwunde mit einem Pflaster beruhigen.

Zur menschlichen Fähigkeit, etwas erschaffen zu können, gehört auch die Erschaffung von Leerstellen. Aber als Lücken drängen sich diese Aufsprengungen, Ausschnitte und Auslassungen immer erst dann auf, wenn sich ihre Funktionalität erledigt hat, wenn die Bodenschätze ausgebeutet und die Brunnen ausgetrocknet sind. Dann ist da auf einmal nur noch ein Loch. Obwohl diese Leerstelle ja selbst als Nur-noch-Loch niemals frei von Bezugnahmen sein wird, sondern über das Loch-Sein hinaus immer auch störend, gefährlich, befreiend, beängstigend, erhellend und vieles andere mehr ist.

Selbst wenn der abgedankte Kaiser Wilhelm II. in seinem niederländischen Exil in Doorn im Rahmen des streng geregelten Tagesablaufs, der sich während seines dort erzwungenen Aufenthalts nach dem Ende des Ersten Weltkriegs etablierte, in den Vormittagsstunden zu den üblichen Gartenarbeiten mit seinen Adjutanten und ein oder zwei Gärtnern aufmachte, und dabei nicht nur Pflanzen goss, Beete anlegte und Laub harkte, sondern mit beständiger Regelmäßigkeit, ja Unerbittlichkeit Bäume fällte und deren Holz hackte, selbst wenn der Ex-Kaiser durch diese kaum anders denn als Passion zu bezeichnende Tätigkeit erhebliche Lücken im Park des Doorner Anwesens produzierte, die auch durch Aufforstung nicht wieder kurzfristig geschlossen werden konnten,[13] war es wohl nicht das Ziel, einfach nur ein weiteres Loch in die Bewaldung zu schlagen. Mutmaßlich verband er mit dieser Tätigkeit wohl eine Art der Sinnerfüllung, die auszuloten Außenstehenden zwar schwerfallen dürfte, ihm aber folgerichtig erschienen sein muss. Eine Existenz, die auf der Perforierung von Welt beruht.

Sind aber unsere eigenen Vorgehensweisen und unser Weltzustand so weit von dem entfernt, was der ehemalige deutsche Monarch im erzwungenen Ruhestand trieb? Auch wenn dort die Bäume inzwischen nachgewachsen sein dürften, wenn andernorts die Baugruben zugeschüttet sind und wenn die Gläser auf dem Tisch wieder aufgefüllt wurden, selbst dann lässt sich nur schwerlich verbergen, dass sich Welten – neben zahlreichen anderen Eigenschaften – dadurch auszeichnen, perforiert zu sein.

Trotz aller Auffüllungen und Restaurationen bleiben Löcher erkennbar, hinterlassen Spuren und Narben. Spätestens die Luftbildarchäologie macht das deutlich, da sie auch noch nach Jahrhunderten erkennen kann, wo ein Graben gezogen oder ein Keller ausgehoben wurde. Deshalb kursiert in der Archäologie ja auch der Wahlspruch: „Nichts ist unvergänglicher als ein Loch.“[14] Damit stellt sich einmal mehr die Frage nach den Relationen, in die diese Leerstellen eingebunden sind. Wie verhält sich das Volle zum Löchrigen, das Handfeste zum Entleerten – und was macht man mit dem ganzen Abraum, Schutt und Müll, der bei der Herstellung von Löchern unweigerlich entsteht?

Die italienischen Philosophen Roberto Casati und Achille C. Varzi haben unter die Eigenschaften, die sie Löchern zuzuschreiben gewillt sind, unter anderem das ontologische Parasitentum eingereiht. Löcher sind demnach nicht nur auffüllbar, nicht nur eingebunden in Teil-Ganzes-Beziehungen, nicht nur hinsichtlich ihrer räumlichen Ausgestaltung sortierbar, sondern sie kommen außerdem nie isoliert vor, können immer nur in etwas existieren (soweit sie überhaupt existieren).[15] Löcher sind – um dies hier nochmals zu wiederholen – relationale Gebilde. Um dieser Relationalität gewahr zu werden, bedarf es keiner besonders ausgefeilten oder abschreckend abstrakten Argumentation. Der Alltagsumgang mit Löchern ist völlig hinreichend. Denn dann wird auf den ersten Blick ersichtlich, dass Löcher immer einen Gastgeber haben müssen und auch selbst einen Gast beherbergen können. Sie sind immer in etwas und können immer etwas aufnehmen, selbst wenn dieses aufgenommene Etwas auf der anderen Seite wieder herausfallen sollte.

Wie also sieht es aus, das Verhältnis der Fülle zum Leeren? Es ist auf jeden Fall nicht eindeutig. Denn entgegen all der negativen Konnotationen, die sich nahezu unausweichlich mit dem Leeren und dem Löchrigen verbinden und die wahlweise Vorstellungen von Verlust, Untergang Zerstörung, Lebensfeindlichkeit oder Sinnlosigkeit aufrufen, hält die Leere einige Überraschungen bereit. Das Leere ist nämlich nicht minder bezogen auf Möglichkeiten und Optionen – und das bedeutet nicht zuletzt, auf Möglichkeiten der Füllung.

Löchrige Möglichkeiten

In Shakespeares „Henry V.“ tritt nach dem Vorbild des antiken griechischen Dramas immer wieder ein Chor auf die Bühne, um die Geschehnisse des Theaterstücks zu kommentieren und einzuordnen. Noch vor Beginn der eigentlichen Handlung um den legendären englischen König Heinrich V., den Sieger der Schlacht von Azincourt und den kurzzeitigen Eroberer des französischen Throns, tritt dieser Chor auf die Bühne, um das Problem einer Dramatisierung dieses Geschehens (aber letztlich jedes Geschehens) zu benennen:

    „Doch verzeiht, ihr Edlen,

    Den platten, unentflammten Geistern, die

    So Großes hier auf unwürdige Bretter

    Zu bringen wagen. Kann ein Hahnenkampfring

    Die weiten Felder Frankreichs fassen? Können wir

    Ins runde Holz-O all die Helme pressen,

    Die klirrend bei Agincourt die Lüfte schreckten?“[16]

Das ist der stillschweigende Pakt, der im Theater zwischen Zuschauenden und Spielenden abgeschlossen wird: Dass sich Bretter zu Schlachtfeldern verwandeln können, Lebende bereits Verstorbene spielen dürfen und zwei oder drei Schauspieler:innen für zwei- oder dreitausend Soldaten stehen können. Man darf davon ausgehen, dass Shakespeare bei dem runden Holz-O, in dem all das möglich war, das Globe Theatre vor Augen hatte, das seine Theatertruppe 1599 erbauen ließ – im selben Jahr, in dem auch „Henry V.“ aufgeführt wurde. Dieses hölzerne Gebäude, nichts weiter als eine schwächliche Hülle, konnte – wie sein Name verdeutlicht – den ganzen Planeten beherbergen, und in ihm war für die Zeit einer Aufführung alles möglich. Die Form des O ist unmissverständlich: Das Gebäude an sich enthält nichts, ist nur die leere Form, nur eine Umrandung, bereit zur Aufnahme aller denkbaren Inhalte.

Im Prolog spielt Shakespeare dieses Spiel mit dem O weiter, ein Spiel mit Löchern und Nullen, die zunächst nichts weiter sind als gehaltlose Hüllen, sich jedoch schnell füllen lassen, weil jede Leere letztlich die Möglichkeit für eine schier endlose Fülle bietet.

                     „Verzeiht, denn wie auch’s leere O der Null

                     Ja hunderttausend zur Million vermehrt,

                     So laßt uns Nullen in der großen Rechnung

                     Zur Mehrung eurer Einbildungskraft dienen.

                     Denkt euch drum, daß dies Holzrund wie ein Gürtel

                     Zwei wirkmächtige Monarchien umfaßt,

                     Dern steil erhobne, vorgereckte Stirnen

                     Ein schmaler, unheildrohender Meerarm trennt.

                     Ergänzt mit eurer Phantasie nun unsre Mängel.

                     Formt euch aus jedem Mann eintausend Männer

                     Und schafft in eurer Vorstellung ein Heer.

                     Wenn wir von Pferden reden, denkt, ihr seht

                     Sie stolz den Huf ins weiche Erdreich prägen.

                     Denn euer Geist muß unsre Fürsten schmücken,

                     Muß sie von hier nach dorthin tragen, muß

                     Die Zeiten springen, vieler Jahre Gang

                     Ins Stundenglas-Maß pressen: so bitt ich,

                     Nehmt nun als Chor für die Historie mich,

                     Der ich prologgleich euch um Gunst beschwör,

                     Um ausgewognes Urteil, wohlwollndes Gehör.“[17]

Mit ein paar Requisiten, einigen verkleideten Menschen, gespielten Emotionen und einer Prise menschlicher Phantasie kann aus einem schnöden Bretterverhau eine ganze Welt entstehen. Aus Druckerschwärze, in wiedererkennbaren Zeichen auf Papier aufgebracht, entsteht im Kopf von Lesenden eine Geschichte mörderischer Verwicklungen. Aus farbigen Lichtsignalen, geworfen auf eine weiße Leinwand, entsteht eine nie gesehene Zukunftswelt. Alles nichts Besonderes? Nur weil es alltäglich geschieht, wäre es fahrlässig, die Besonderheit solcher Vorgänge aus dem Auge verlieren. Und ob es nun das weiße Blatt Papier, die nicht minder weiße Leinwand oder die hölzerne Theaterbühne ist, sie alle stehen stellvertretend für eine wichtige Eigenschaft des Leeren, die uns durch Shakespeares Prolog nahegebracht wird: Das Leere ist ein Möglichkeitsraum, auf dem und mit dem sich nicht nur neue, sondern auch ganz andere Welten entwerfen lassen.

Auch wenn der Ausdruck ‚Möglichkeitsraum‘ zunächst einmal positive Assoziationen wecken mag, so können die Optionen, die im Leeren gesehen werden, auch zwiespältige, wenn nicht gar zerstörerische Ergebnisse zeitigen. Denn das europäisch-westliche Eigentumsdenken, das es kaum zu ertragen scheint, das irgendein Ausschnitt der Erdoberfläche herrenlos und damit nicht den juristischen Eigentumsdefinitionen unterworfen sein soll, hat die Rechtsfigur der terra nullius erdacht, des leeren oder auch Niemandslandes. Während internationale Gewässer, der Luftraum oder auch der Weltraum in diesem Sinn intendiert als Nicht-Eigentum kategorisiert werden, hat in kolonialen Situationen die Figur der terra nullius dazu geführt, dass sich die Kolonialmächte angeblich ‚herrenloses‘ Land aneigneten.[18]

Diese Potenz des Leeren kann einen erschauern lassen. So viel Welt, beruhend auf nichts. Deswegen bereitet es ja Schwierigkeiten, dieses Verhältnis vom Ganzen zum Leeren, vom Vollständigen zum Löchrigen auszuloten, weil Lücken in der Lage sind, unsere üblichen Annahmen über die Zusammensetzung und Funktionen von Welt zu untergraben. Sie können wahrgenommen, gezählt, beschrieben oder klassifiziert werden, sie haben eine Form, eine Größe und eine Örtlichkeit, gerade so wie andere Gegenstände auch – obwohl es keine Gegenstände sind und man sich die Frage stellen kann, ob Löcher nur existieren, weil ein entsprechendes Wort existiert.[19]

Obwohl es Löchern – abgesehen von ihrer Immaterialität – an sämtlichen Identitätskriterien mangelt, die Gegenständen üblicherweise abverlangt werden, so dass sie sich einer Bestimmung beständig entziehen, scheint es doch so, als seien Löcher trotz dieser fehlenden Identitätsmarkierungen deutlich stabiler als der materielle Teil von Welt, weil sie ihre (nicht vorhandenen) Eigenschaften nicht verlieren. Auch wenn sich die Umgebungen und die Füllungen von Löchern unablässig ändern – ist es nicht das Loch, das sich immer gleich bleibt? Ist das Leere das einzig Beständige?

Lückenhafte Dynamiken

Gerade im Zusammenhang mit dem Löchrigen bleibt sich so auffallend wenig gleich. Löcher bilden häufig das Zentrum ungeheurer Dynamik, weil sie wahlweise ausgehoben oder zugeschüttet werden müssen, weil sie Energien absorbieren oder Phantasien befeuern, weil sie Neugier provozieren und Ängste schüren. Diese zahlreichen, ganz unterschiedlich dimensionierten Nichtse sind Auslöser eines großen Kraftaufwands. Auch das verdeutlicht ein Gang entlang ihrer Ränder. Nicht nur deren unbestimmbare Bestimmtheit, deren geradezu Heisenberg’sche Unschärfe sorgt für beständige Bewegung, weil man sich letztlich nie sicher sein kann, ob man sich nun schon im Leeren oder noch im Vollen befindet.

Auch die wesentliche Aufgabe eines Rands, nämlich Hier und Dort zu trennen, das Löchrige vom Fülligen zu unterscheiden, sorgt ja bereits für Dynamik – weil durch diese Unterscheidung von Nichts und Etwas zugleich eine Beziehung zwischen beiden Elementen hergestellt wird, die sich dann aber bei den relationierten Elementen fortsetzt, die nämlich ihrerseits aus der Einheit der Unterscheidung von Nichts und Etwas bestehen. Und so geschieht das bei jedem weiteren Bestimmungsschritt. Der gegenseitigen Bezugnahme von Nichts und Etwas ist nicht zu entkommen. Die Relation unterliegt einem unendlichen Regress und damit auch beständiger Dynamik.[20]

Auf dem Rand lässt es sich daher gemütlich machen, um dem beständigen Hin-und-Her zuzuschauen, dem unablässigen Ping-Pong-Spiel zwischen Weder-und-Noch, Hier-und-Dort, Kommt-noch-und-War-schon. Eine Definition des Lochs lässt sich zwar auch nicht von diesem Rand aus vornehmen, aber die Funktionen und Bedeutungen alles Löchrigen lassen sich von hier aus ganz gut beobachten.  

Und die Dynamik, die sich mit diesen Leerstellen verbindet, dürfte zu den eher unerwarteten Beobachtungen gehören. Üblicherweise besteht wohl die Neigung, mit der Leere und dem Nichts eine bleierne Statik zu assoziieren: einen schwarzen Schlund, in dem alles auf Nimmerwiedersehen verschwindet; die Stille und Unendlichkeit des Universums, in dem es kein Oben, kein Unten und keine Differenz gibt, in dem nichts geschehen wird, außer der unausweichlichen Auslöschung; die Ausweglosigkeit der Gefängniszelle, aus der es kein Entkommen gibt. Sollten das irreführende Vorstellungen sein?

Wenn man akzeptiert, dass Nichts und Etwas, Leere und Fülle nicht ohne einander auskommen, dann muss die beständige Spannung in dieser Paarung eine Dynamik bewirken, an der das Leere wesentlichen Anteil hat. Ob die Leere die Fülle attackiert oder die Fülle die Leere zum Verschwinden bringen will, Stillstand ist in diesem Verhältnis kaum anzunehmen. Solcherart müssen Nichts und Leere nicht im Status des Problembehafteten verharren, sondern werden zu Erklärungsinstanzen und Transformationsmotoren.

Denn wenn man die berechtigte Frage stellt, weshalb sich in einer Welt, die wahlweise als perfekte Schöpfung, ewige Einrichtung, absolut Seiendes oder wirkliche Wirklichkeit begriffen wird, überhaupt noch etwas verändern kann, obwohl doch schon alles vorhanden und an seinem Platz ist, dann dürften Nichts und Leere eine nicht ganz unbedeutende Rolle bei der Beantwortung spielen. Sie stellen die Unruhe im Stillen Ozean des Seienden dar, sind Vehikel des Wandels und eröffnen Möglichkeiten der Schöpfung.[21] Schon die Atomisten in der Tradition von Demokrit, Epikur oder Lukrez haben gerade diesen Gedanken zu einem zentralen Bestandteil ihrer Philosophie gemacht: dass die Leere überhaupt erst die Bedingungen für die Möglichkeit bietet, die Voraussetzung ist für Bewegungen und Veränderungen.[22]

Aber unabhängig davon, ob es sich um die kleinsten denkbaren beziehungsweise beobachtbaren Teilchen handelt, um die Nuklearbombe, die ein gigantisches Nichts der Zerstörung hinterlassen soll, um die Straßenbaumaschine zur Ausbesserung von Schlaglöchern oder um den vermeintlich weißen Fleck auf der Landkarte, den es unter allen Umständen zu tilgen gilt – diese Lücken beunruhigen nicht nur, sie erfordern respektive provozieren auch ganz offensichtlich Aktivität in einem erheblichen Ausmaß.

Ordentliche Unordnung

Mit dieser Dynamik setzen Löcher das Verhältnis von Ordnung und Unordnung auf die Tagesordnung. Schöpfungsmythen ganz unterschiedlicher Provenienz erteilen uns diese Lektion ja immer wieder in Form einer durchaus auffälligen, raum- wie zeitübergreifenden Gemeinsamkeit, nämlich Ordnungssysteme aus dem Leeren und aus dem Nichts heraus entstehen zu lassen. Das Leere ist die chaotische Unordnung, dem durch einen wie auch immer gearteten Schöpfungsakt eine Ordnung abgetrotzt oder aufgezwungen werden muss. Der Erschaffung einer Welt geht etwas voraus, das als Schwärze, großes Nichts, umfassendes Chaos, totale Indifferenz, mit einem Wort: als das sprichwörtlich gewordene, biblische Tohuwabohu (übersetzt: das Wüste und Leere) bezeichnet werden kann.

In vielen dieser Schöpfungsmythen wird ein solcher nichtiger Urzustand negativ konnotiert und mit Unordnung sowie Unsicherheit verbunden. Und diesen schlechten Leumund ist das Leere nie so wirklich losgeworden (wobei ich die Schöpfungsmythen dabei nicht als Verantwortliche, sondern nur als Symptome begreifen würde). Möglicherweise findet sich ja schon hier die Urform für den geradezu zwanghaften Energieaufwand, der seitens der menschlichen Spezies betrieben wird, um die Löchrigkeit ihrer Welten verschwinden zu lassen. Die Leere darf nicht sein, es muss immer ein Etwas daraus werden (und hinterrücks dreht uns die Leere eine Nase).

Daher lässt sich als Korrespondenzverhältnis wohl Folgendes festhalten: Leer ist nicht das Gegenteil von voll. Leer wird vielmehr aufgefasst als das Gegenteil von voll vom Richtigen oder voll vom Erwartbaren und Bekannten oder voll vom Geordneten.[23] Leere ist mithin die Abwesenheit von Schöpfung, und damit auch die Abwesenheit von Ordnung und Sinn. Die Angst vor dem Leeren, die schon an jeder x-beliebigen Abbruchkante zu verspüren ist, lässt sich also gleichsetzen mit der Angst vor der Halt- und Bedeutungslosigkeit des Menschen in seiner Welt. Ja, sie lässt sich sogar gleichsetzen mit dem Menschen als einem weltfremden, gar weltlosen Wesen, wie Günter Anders Ende der 1920er Jahre argumentiert hat.

Weshalb sind Menschen weltfremd? Weil sie erst nachträglich zu einer Welt kommen, weil die Bezüge zu dem, was sie dann ihre Welt nennen, gerade nicht selbstverständlich, nicht schon gegeben sind, sondern mühsam erarbeitet werden müssen. Erfahrungen, soweit sie von Menschen gemacht werden, können also immer erst im Nachhinein, nur aposteriorisch gemacht werden. In all seiner Doppeldeutigkeit ist daher der Satz zu verstehen: Der Mensch kommt zur Welt – weil er zunächst von dieser Welt, die erst noch seine Welt werden muss, abgetrennt ist, weil er sich den Zugang zur Welt erkämpfen muss. Die Aposteriorität ist das menschliche Apriori.[24]

Und deswegen stolpere ich immer wieder über den Rand, noch bevor ich bei irgendeiner Art von Loch ankomme. Nicht weil dieser Rand im Weg wäre, sondern weil ihm eine so entscheidende Bedeutung beizumessen ist: als Schwelle, die zu überschreiten ist vom Chaos in Richtung Ordnung, als zu erahnender, doch niemals zu erreichender Übergang vom nebulösen Wissen einer vagen Vorgängigkeit zur Gewissheit der eigenen, unausweichlichen Nachträglichkeit. Der Rand ist in all diesen Fällen gleichermaßen konstitutiv und furchterregend, weil er die Ahnung der Auflösung von Welt hinter einer dünnen Membran zurückhält, gerade so, wie er als Dämmerung die Nacht vom Tag trennt oder als Horizont den Himmel von der Erde.

Das Loch wird deswegen mit angsterfülltem Blick betrachtet, weil es eine Diskontinuität offenbart – die Diskontinuität von Welt.[25] Es zeigt an, dass Ordnungen sich flugs auflösen, dass Welten im Nu verschwinden können. Weil aber diese leere Form der Weltunterbrechung niemals ohne ihr Drumherum, niemals ohne eine bestimmte Form von Welt zu haben ist, kann es auch durchaus sein, dass sie nicht ausschließlich als furchterregend und weltuntergangsbedrohlich wahrgenommen werden muss, sondern ebenso als weltermöglichend aufgefasst werden kann.

Als Aussparung in der durchgehenden, konsistenten Oberfläche ist die Lücke nicht einfach nur ein Mangel, sie ist auch eine notwendige Unterbrechung. Sehen Sie sich nur die Buchstaben auf dieser Seite genauer an, die den Text samt seiner Aussagen formieren – ohne die Lücken und Abstände zwischen ihnen, ohne die Löcher in den d’s und p’s und e’s wäre das nicht nur völlig unverständlich, sondern würde zu einer zwar vollständigen, aber auch vollkommen schwarzen Seite werden, auf der die Druckerschwärze jede Aussagemöglichkeit verschlucken würde. Leerstellen verhindern die Schließung von Welt, ermöglichen das Offenhalten von Welt – allerdings nicht im Sinne einer schwammigen Unbestimmtheit oder großzügig verteilten Sentimentalität, sondern, mit Jean-Luc Nancy, als Struktur, die den Sinn von Welt annehmen kann.[26]

Die Frage ist daher nicht nur, wie das alles noch zusammenhält angesichts der vielen Löcher. Die Frage ist auch, wie das alles zusammenhält dank dieser vielen Löcher.


[1] Annette Vowinckel: Kritik der Forschungslücke, in: WerkstattGeschichte Heft 61 (2012) 43-48.

[2] Roberto Casati/Achille C. Varzi: Holes and other superficialities, Cambridge 1994; David Lewis/Stephanie Lewis: Holes, in: Australasian Journal of Philosophy 48 (1970) 206–212.

[3] Aristoteles: Philosophische Schriften, Bd. 6: Physik. Über die Seele, übersetzt v. Hans Günter Zekl/Willy Theiler, Hamburg 1995, 213b.

[4] Ludger Lütkehaus: Nichts. Abschied vom Sein, Ende der Angst. Frankfurt a.M. 2010.

[5] Robert Kaplan: Die Geschichte der Null, 2. Aufl. München/Zürich 2004.

[6] Theo Kobusch: Nichts, Nichtseiendes, in: Joachim Ritter/Karlfried Gründer (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 6, Darmstadt 1984, Sp. 805-836.

[7] Peter L. Berger/Thomas Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie, Frankfurt a.M. 1980.

[8] Kurt Tucholsky: Zur soziologischen Psychologie der Löcher, in: Gesammelte Werke, Bd. 9 (1931), hg. v. Mary Gerold-Tucholsky/Fritz J. Raddatz, Reinbek bei Hamburg 1995, 153.

[9] Roberto Casati/Achille C. Varzi: Holes and other superficialities, Cambridge 1994, 13.

[10] Elke Loewe/Dieter Loewe: Die schönsten Geschichten von Piggeldy und Frederick, Ravensburg 2008.

[11] Karen Gloy: Die paradoxale Verfassung des Nichts, in: Kant-Studien 74 (1983) 133-160, hier 160.

[12] Arthur Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung. Erster Band, hg. v. Ludger Lütkehaus (Werke in fünf Bänden. Nach der Ausgabe letzter Hand, 1), Zürich 1991, 525 (Hervorhebung im Original).

[13] Hans Wilderotter: Leben in Doorn. Umgebung und Alltag eines Kaisers im Exil, in: ders./Klaus-D. Pohl (Hg.): Der letzte Kaiser. Wilhelm II. im Exil, Gütersloh/München 1991, 163-166; John C. G. Röhl: Wilhelm II. Der Weg in den Abgrund, 1900-1941, München 2008, 1246-1271.

[14] Nicole Kröger-Köb: „Nichts ist unvergänglicher als ein Loch“. Die Baubefunde der Wüstung Balhorn im Westen von Paderborn, in: Georg Eggenstein/Norbert Börste (Hg.): Eine Welt in Bewegung. Unterwegs zu Zentren des frühen Mittelalters, München 2008, 145-152.

[15] Roberto Casati/Achille C. Varzi: Holes and other superficialities, Cambridge 1994, 16f.

[16] William Shakespeare: König Heinrich V. Zweisprachige Ausgabe, deutsch von Frank Günther, 2. Aufl. Cadolzburg 2014, 11.

[17] Shakespeare: König Heinrich V., 11-13.

[18] Michael Kempe/Robert Suter (Hg.): Res nullius. Zur Genealogie und Aktualität einer Rechtsformel, Berlin 2015; Dorothee Kimmich: Leeres Land. Niemandsländer in der Literatur, Konstanz 2021.

[19] David Lewis/Stephanie Lewis: Holes, in: Australasian Journal of Philosophy 48 (1970) 206-212.

[20] Gloy: Die paradoxale Verfassung des Nichts, 149-158.

[21] Lütkehaus: Nichts, 656.

[22] Lukrez: Über die Natur der Dinge. Übersetzt von Klaus Binder, München 2017.

[23] Christine Dissmann: Die Gestaltung der Leere. Zum Umgang mit einer neuen städtischen Wirklichkeit, Bielefeld 2010, 21.

[24] Günther Anders: Die Weltfremdheit des Menschen. Schriften zur philosophischen Anthropologie, hg. v. Christian Dries/Henrike Gätjens, München 2018, 11-21.

[25] Roberto Casati/Achille C. Varzi: Holes and other superficialities, Cambridge 1994, 79-86.

[26] Jean-Luc Nancy: Der Sinn der Welt, Zürich/Berlin 2014, 10.

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Kassiber in der Kinderzimmerrevolution

von Jasper Nicolaisen

Die Buchreihe „Fighting Fantasy“, in Deutschland als „Fantasy-Abenteuer-Spielbuch“ vermarktet, wird 2022 vierzig Jahre alt. In der BRD war sie in den achtziger Jahren maßgeblich mitbeteiligt an einer nicht erklärten, ungesteuerten, von Erwachsenen weitgehend übersehenen Revolution in den Kinderzimmern, die bis heute nachwirkt – in der Popkultur, auf dem Buchmarkt, in der Arbeit von Kulturschaffenden, die heute im mittleren Alter sind.

Wer zu jener Zeit in jenem Land Kind oder Jugendlicher war, musste sich Wege in die populäre Kultur und damit zur Selbstvergewisserung, was man in dieser komischen Welt denn sein sollte, an Orten und in Medien suchen, die heute in der Lebenswelt junger Menschen nur noch eine geringe Rolle spielen: Fernsehen, Buch- und Spielwarenläden, Bibliotheken. Diese Räume waren mehr als das Internet von Erwachsenen strukturiert und überwacht.

Was es dort an widerborstigen, von Kindern zu besetzenden Medien gab, musste diese Kontrolle passieren. Der Thienemann-Ausgabe von „Fighting Fantasy“ mit dem charakteristischen roten Buchrücken, den reißerischen Titeln und vor allem den krassen Titelbildern und den wunderbar skurrilen Illustrationen konnte niemandem entgehen, der sich irgendwie für fremde Welten, Abenteuer und etwas noch unbestimmtes Anderes interessierte, das die „guten Bücher“ in der Schule und unter dem Weihnachtsbaum nicht boten. Wie konnten diese Bücher überhaupt ungehindert in Büchereien und Buchhandlungen gelangen?

Der Drang nach diesem diffusen Anderen nahm in der BRD der frühen achtziger Jahre eine politisch reale Gestalt in den neuen sozialen Bewegungen an, in der Formierung der Grünen, in Protesten und Demonstrationen von bisher nicht gekanntem Maßstab. Auf dem Feld der Kultur hob die Esoterik ihr Haupt, Innerlichkeit und spirituelle Erkenntnis blühten, und  es gab eine erste Fantasywelle, die Filme, Spielzeuge, Kassetten, aber auch die Bücher von Michael Ende und Wolfgang Holbein umfasste. Mit Punk und New Wave, die Plastik, Beton und Dreck verherrlichten, gab es zugleich einen Ort für alles, was von dieser neuen Richtung abgespalten war und sein wollte. 

Der Erfolg der Kinderzimmerevolution wurde dadurch befördert, dass die Reihe „Fighting Fantasy“ einerseits an den große Trend zum Bunten und Fantasievollen andockte, also auch von Erwachsenen für Kinder und Jugendliche gekauft wurde, andererseits mit dem Element der Kommerzialisierung und Kommodifizierung von Fantasie und vor allem einem starken Element des Triebhaften – Gewalt, Aggression, Verteidigung des Rechts auf Gegenwelt und Abschottung, in verklausulierter Form auch Sexualität – genug Abgrenzungspotential gegenüber der Erwachsenenwelt für die Zielgruppe bot. Die Fantasymedien schwammen auf dem Zeitgeist, und waren doch ein Ort für das Dagegensein gegen das Dagegensein der Erwachsenen.

„Fighting Fantasy“ signalisierte dieses widerständige Element zunächst optisch. Anders als die andere große Marschkolonne der Kinderzimmerrevolution, das Pen-and-Paper-Rollenspiel „Das Schwarze Auge“, setzte die Reihe auf in-your-face Monsterbilder, Actionszenen, grelle Farben und durchaus auch auf pralle Körper in Lederrüstungen, eine Aufmachung, die zusammen mit Titel wie „Labyrinth des Todes“, „Sumpf der Skorpione“, „das Höllenhaus“ oder „Tempel des Schreckens“ einen Grad an Exploitation zur Schau stellte, wie man ihn bis dahin im Bereich der Jugendliteratur nicht gekannt hatte.

Zum Vergleich: „Das Schwarze Auge ging einen ganz anderen Weg. Es war eine Wutproduktion alteingesessener deutscher Platzhirsche, die in den Lizenzverhandlungen über den kinderkulturellen Molotow-Cocktail dieser Zeit – die „Red Box“ von „Dungeons and Dragons“ – gescheitert waren. Mit dem in wenigen Wochen zusammengeschusterten Produkt wollten sie der Konkurrenz aus Amerika zeigen, wer Herr über deutsche Kinderzimmer war.

Dass das gelang, lag neben dem massiven Druck, den Schmidt und Droemer-Knaur auf den Handel ausübten, an der Erfahrung und dem Einfallsreichtum der eilig beauftragten Spieldesigner und eben auch an der Gestaltung, die aus den Spieleregalen der Kleinstädte genau so krass hervorstach, wie „Fighting Fantasy“ aus den Drehständern der Kinderbüchereien. Vor allem der türkische Künstler Uğurcan Yüce prägte das Spiel mit Ölgemälden, die im Nebeneinander von schnauzbärtigen Helden, bezopften Amazonen in Lederbikinis und bergglühenden Romantiklandschaften viel Karl-May-Feeling auf die Fantasy-Action propften, eine Anmutung, für die sich in der Rollenspielszene der Begriff „Hotzenplotzigkeit“ eingebürgert hat.

Dieses Antäuschen ins Biedere zwecks Elternsedierung ging „Fighting Fantasy“ vollkommen ab. Die beiden Erfinder, Steve Jackson und Ian Livingstone, hatten im heimischen England ebenfalls „Dungeons & Dragons“ in die Hände bekommen und dort das Prinzip des „Soloabenteuers“ kennen gelernt, also die Organisation eines Textes entlang von Entscheidungsbäumen, durch die Leser*innen, die im Text mittels „du“ als Protagonist*in angesprochen werden, Wege auswählen und andere verwerfen. Konkret war der Text in nummerierte Abschnitte gegliedert, an deren Ende Leser*innen jeweils aufgefordert wurden, den Fortgang der Geschichte zu beeinflussen, indem sie unter mehreren möglichen Handlungen wählten und den entsprechenden Abschnitt aufsuchten. 

Jackson und Livingstone ergänzten dieses Prinzip nun, indem sie das „du“ des Protagonisten als Spielfigur ausstaffierten und dafür rudimentäre Rollenspielregeln mit abdruckten. Die Leser*innen wurden im Text regelmäßig aufgefordert, das „du“ gegen Monster und Fallen antreten zu lassen, indem sie diese Regeln anwendeten. Dabei war es möglich zu sterben, was eigentlich bedeutet hätte, das Buch von vorne anfangen zu müssen, bis der richtige Pfad durch den Ereignisbaum (oder einer von mehreren möglichen) gefunden und regelkonform bestanden war. Natürlich lag ein Reiz der Bücher auch darin, dass der Regelverstoß ständig lockte, denn die Leser*innen waren ja allein und unbewacht mit dem Buch beschäftigt.

Optisch wie inhaltlich zeigten die beiden Briten eine Vorliebe fürs Skurrile, Drastische und Schwarzhumorige, wie es der heimischen Fantasytradition von Mervyn Peake über Michael Moorcock bis hin zu Susanna Clarke entsprach und entspricht. Nicht zuletzt die vielen unverhofften und stets an der Grenze des Sadistischen ausgeführten Tode des „du“, aber auch eine endlose Reihe von absurden Fallen, seltsamen Kreaturen und eigenwilligen Antagonist*innen verliehen „Fighting Fantasy“ ein Gepränge, das an Terry Gilliam und die Fantasyverfilmungen der BBC denken lässt.

Es muss diese Mischung aus krasser, aber „wenigstens nicht so amimäßiger“ Optik und der Vermarktung als Spiel gewesen sein, das den Eintritt in die Welt der guten Bücher in Deutschland möglich machte. Immerhin lesen die Kinder, wird man sich gesagt haben, und die Sache mit dem Würfeln und Entscheiden und ins Buch reinkritzeln, das ist kreativ, das ist aktiv, da lassen sie sich nicht nur berieseln.

Im deutschen Kontext liefen diese Bücher im Sprechen über das kulturelle Feld zunächst fast unter dem Radar und wurden in ihrer Bedeutung nur in kindlichen und jugendlichen Räumen erkannt. Die großen Diskussionen um „Gewaltlosigkeit“ unter Erwachsenen jener Tage drehten sich um Fernsehsendungen und den schädlichen Einfluss von Spielzeugwaffen und Masters-of-the-Universe-Figuren auf kindliche Gemüter. Die eigentlich sehr viel heftigeren, subversiveren „Fighting Fantasy“-Bücher schummelten sich als Kassiber unter der elterlichen Aufsicht in Kinderhände. Immerhin waren es Bücher aus der Bücherei, also sicherlich kontrolliert und abgesegnet, und was genau da drin stand, damit befassten sich Eltern nicht, weil ihnen das Durchspielen zu umständlich und zu kindisch war.

Diese Kassiberfunktion von „Fighting Fantasy“ zeigt sich deutlich, wenn man heute mit Menschen spricht, die in den achtziger Jahren für Heavy-Metal und Horrorfilme zu jung, für Computerspiele zu wenig mit technikaffinen Eltern gesegnet und trotzdem irgendwie mit der Vorstellung groß geworden waren, dass „Anderssein“ etwas Gutes sein sollte. Es war die bürgerliche Mittelklasse, die so tat, als gelte ihr Bildung mehr als Reichtum, Individualität mehr als Erfolg, um sich von den ganz Armen und obszön Reichen abzugrenzen, deren Kinder über „Fighting Fantasy“ erstmals mit Residuen der Gegenkultur, des Grotesken und positiv besetzten Triebhaften in Berührung kommen konnten.

Aus diesem Milieu stammen in vielen Fällen Menschen, die heute Autor*innen, Illustrator*innen, Verlagsleute, Spieldesigner*innen, Programmierer*innen und dergleichen geworden sind. Hier ist „Fighting Fantasy“ noch immer ein Begriff und wird  nostalgisch erwärmt genannt, wenn es um den „Einstieg“ in Nerdwelten, ins Spielen, in Computerzeugs und Underground geht.

Das Erbe von „Fighting Fantasy“ hat so indirekt zu einigen kulturellen Phänomenen der Gegenwart beigetragen. Es ist ein frühes Beispiel der grell sichtbaren Reihenbildung im Jugendbuchbereich. Inhalte und Gestaltungselemente, die bis dahin jungen Erwachsenen vorbehalten waren, glitten hier ein bis zwei Altersstufen tiefer. „Fighting Fantasy“ steht auch am Beginn einer tendenziellen Angleichung kindlicher und erwachsener Medienwelten, was Ausstattung und Vermarktung betrifft.

Das relativ ungenierte Einbringen gewaltvoller, drastischer und schwarzhumoriger Elemente trug dazu bei, die Maßstäbe dessen zu verschieben, was man für Kinder und Jugendliche angemessen und auch zumutbar findet. Überhaupt sehen wir mit dem Trend zum „All-Age“-Roman der letzten Jahre und Filmprodukten, wie etwa von Pixar, eine Verwischung der Zielgruppen, bei der oft gar nicht mehr klar ist, welche Altersgruppe adressiert ist und Kulturprodukte beständig auf unterschiedlichen Bedeutungsebenen arbeiten. „Fighting Fantasy“ hat diesen Trend nicht verursacht, aber ihm in Deutschland mit den Weg geebnet.

Während „Das schwarze Auge“ ganz unmittelbar Autor*innen ausgebildet hat, die heute Fantasy-Bestseller schreiben, ist die direkt sichtbare Kulturproduktion der „Fighting Fantasy“-Leser*innen weitgehend ausgeblieben. Sehr prominent findet sich in Saša Stanišić´ Herkunft ein nach dem Vorbild der „Fighting Fantasy“ gestaltete Textsequenz. Ansonsten dürfte der Einfluss eher auf der Ebene der Entscheider*innen und der Marktgestalt zu finden seien.

Etwas erstaunlich bleibt, dass „Fighting Fantasy“ von den allgegenwärtigen Retro- und Nostalgiewellen gerade in Bezug auf die achtziger Jahre nicht erfasst wird. Zwar erscheinen auf Englisch bis heute neue Titel, die Bücher können inzwischen als Handy-App gespielt werden, und nach einigen Brettspielumsetzungen in früheren Jahrzehnten gibt es mit Escape the Dark Castle eine gelungene zeitgenössische Umsetzung für das Gruppenspiel.

Aber die ganz große Wiederbelebung mit Neuauflagen und schwärmerischen Artikeln in Magazinen für Berufsjugendliche wie Zeit und Süddeutsche bleibt aus. Vielleicht ist das Interaktionserlebnis, das mit den Büchern möglich war, heute zu sehr von Computerspielen besetzt. Um zu begreifen, ob sich auf diesem Feld ähnliche Kassiber tummeln, die unsere Kinder so schön verderben wie in den Achtzigern „Fighting Fantasy“, bin ich, der ich dies schreibe, und du, der es liest, zu alt, und dieser Text kennt keine Abschnitte, an die wir noch springen könnten, um uns zu retten.

Foto von Jr Korpa

Literarischer Stadtplan für Barcelona

von Isabella Caldart

Barcelona gilt als eine der wichtigsten Literaturstädte der Welt. Nicht nur ist sie das Herz der spanischen Buchbranche mit ihren vielen Verlagen und Literaturagenturen, am 23. April, dem Welttag des Buches, wird außerdem Sant Jordi in der katalanischen Hauptstadt gefeiert, ein einzigartiges Fest, bei dem Bücher und Rosen verschenkt werden und sich die Straßen in Open-Air-Buchstände verwandeln. Außerdem haben viele Romane Barcelona als Setting. Natürlich kennt jede*r „Der Schatten des Windes“ von Carlos Ruiz Zafón, ein Buch (und später Tetralogie), das mit seiner Übersetzung ins Deutsche (von Peter Schwaar) ab 2003 eine neue Welle von Interesse für spanische und katalanische Literatur weckte. Aber es gibt noch viel mehr Bücher, die von der Vielseitigkeit Barcelonas erzählen. Der Gastlandauftritt Spaniens auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ist der beste Grund, um einige von ihnen zu empfehlen und mithilfe der Literatur durch die Straßen Barcelonas zu spazieren.

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Michi Strausfeld – Literarische Einladung Barcelona (2022)

Gesamte Stadt

„Die Attraktivität der Mittelmeermetropole bleibt also ungebrochen, und ebenso die Gewissheit, dass die Stadt sich immer wieder neu erfindet. Das hat ihre abwechslungsreiche Geschichte eindrucksvoll bewiesen, wie in alten und neuen Werken nachzulesen ist.“

Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass Michi Strausfeld die Entdeckerin lateinamerikanischer Literatur in Deutschland ist. Vor allem während ihrer Zeit im Suhrkamp Verlag (von 1974 bis 2008 war sie dort für iberoamerikanische Literatur zuständig, seit 2008 ist sie bei S. Fischer) machte sie unter anderem Gabriel García Márquez und Isabel Allende hierzulande berühmt. Aber auch in Spanien kennt sich die Literaturvermittlerin, die zwischen Berlin und Barcelona lebt, bestens aus. Für die charmante Reihe „Literarische Einladung“ bei Wagenbach Salto hat sie – vergleichbar mit diesem Stadtplan – Romane zusammengestellt, die in Barcelona spielen und die sie mit einem kurzen, aber informativen Vorwort einleitet.

Die Auswahl ist dabei sehr anders als in diesem Text, unter anderem kommen auch Maria Barbal, Juan Marsé, Juan Pablo Villalobos, Llucia Ramis, Javier Cercas und Najat El Hachmi zu Wort, dazu einige Texte in Erstübersetzung ins Deutsche. Und wem Strausfelds „Literarische Einladung“ und dieser Literarische Stadtplan noch nicht genügen: Ulrike Fokken hat bereits im Jahr 2007 (zum Gastlandauftritt Kataloniens auf der Frankfurter Buchmesse) „Literarische Streifzüge“ durch Barcelona herausgegeben, ein Reiseführer, der an zahlreiche literarisch relevante Orte der Stadt bringt.

Rosa Maria Arquimbau – Forty Lost Years (1971, Englisch von Peter Bush, 2021)

Rund um die Ramblas, den Passeig de Gràcia und in Sant Antoni

„La Rambla was packed. Half of the shops were shut and the assistants in the shops that had opened stood on the pavement watching the people parade by shouting ‘long live’ and ‘death to’. Everybody seemed overjoyed, and I thought that was perfectly normal as anyone who was against what was happening would have stayed at home.”

Dieser Roman beginnt mit einem Knall: Die katalanische Republik wird ausgerufen. Laura, die Protagonistin in Rosa Maria Arquimbaus kurzem Roman „Forty Lost Years”, ist da gerade einmal 14, und, wie der Titel des Buches schon verrät, begleiten wir sie die nächsten vierzig Jahre ihres Lebens. Während sich Barcelona 1931 noch im Freudentaumel befindet, ändert sich das mit dem Beginn des Bürgerkriegs fünf Jahre später. Laura versucht, allen Widrigkeiten ihrer Zeit zum Trotz sich als Näherin einen Ruf in der Stadt zu verschaffen, wofür sie sich nicht nur von der patriarchalen Abhängigkeit emanzipiert, soweit ihr das möglich ist, sondern die Männer in ihrem Leben auch aktiv zu ihrem eigenen Vorteil ausnutzt. Und sie versucht, die politischen Umstürze zu überleben, geht ins Exil, entscheidet sich dann aber doch zur Rückkehr in ihre Heimatstadt. „Forty Lost Years“, erstmals 1971 veröffentlicht, ist ein Klassiker der katalanischen Literatur, der bisher noch nicht ins Deutsche übersetzt wurde, dank des britischen Verlags Fum d’Estampa, der Bücher aus dem Katalanischen auf Englisch verlegt, aber kürzlich einem breiteren Publikum zugänglich gemacht wurde. Ein informatives biografisches Essay im Nachwort erzählt zudem vom bewegten Leben der feministischen Autorin.

Rosa Ribas und Sabine Hofmann – Das Flüstern der Stadt (2014)

Via Laietana, Carrer de Pelai und die ganze Stadt

„Ana verspürte wieder die Niedergeschlagenheit, die sich ihrer bemächtigt hatte, je näher sie dem Polizeipräsidium in der Vía Layetana gekommen war. Sie kam von der Angst, die wie dichter Dunst aus den Eingeweiden des Gebäudes sickerte. Man wusste, dass in den Kellergeschossen gefoltert und getötet wurde, so wie man vieles wusste, über das man nicht offen redete … Die Angst hatte sich in den Mauern des Polizeipräsidiums festgesetzt und verbreitete sich wie eine ansteckende Krankheit in der Umgebung.“

Ein ganz besonderes Projekt ist die Krimi-Trilogie des Duos Rosa Ribas, eine barcelonesische Autorin, die 30 Jahre lang in Frankfurt lebte, und Sabine Hofmann. Die beiden Schriftstellerinnen haben die Kapitel nämlich abwechselnd in ihrer Muttersprache verfasst und dann die jeweils anderen Parts übersetzt. „Das Flüstern der Stadt“ sowie die zwei Nachfolgebände erzählen von der jungen Journalistin Ana Martí, die während der fünfziger Jahre in tiefster Franco-Diktatur versucht, politisch brisante Fälle aufzuklären. Der Mord an einer Arztwitwe führt sie durch die ganze Stadt, unter anderem zum Sitz der Geheimpolizei Brigada Político-Social in der Via Laietana 43 (heute befindet sich dort die Policía Nacional), berühmt-berüchtigt für franquistische Polizeigewalt und Folter. Mit ihren Ermittlungen begibt sich die anfangs noch unerfahrene, aber aufgeweckte Ana schnell selbst in Gefahr, als sie der Wahrheit bedrohlich nahekommt. „Das Flüstern der Stadt“ ist nicht nur ein spannender Krimi, sondern vermittelt auch ein gutes Gefühl für die erdrückende Atmosphäre im franquistischen Barcelona, die man sich heute so gar nicht mehr vorstellen kann.

Manuel Vázquez Montalbán – Der Pianist (1985, Deutsch von Maralde Meyer-Minnemann, 2001)

El Raval rund um den Plaça del Pedró

„In Vierteln wie diesem sind die Leute immer auf dem Balkon, um das Wenige zu sehen, was auf den Straßen passiert, und sie schmücken ihn wie den vorweggenommenen eigenen Garten, von dem sie träumen: Geranien, Federnelken, Spargelkraut, alles, was in diesen Straßen mit wenig Sonne wächst.“

Manuel Vázquez Montalbán gehört zu den bedeutendsten Schriftsteller*innen der Stadt. Nicht nur ist er in Barcelona geboren (in der Carrer d’en Botella 11 im Raval), mit Pepe Carvalho hat er eine der wichtigsten literarischen Figuren Barcelonas und der gesamten spanischen Literatur geschaffen. Seit 1972 ermittelt der Privatdetektiv und auch nach Montalbáns Tod im Jahr 2003 wurde die Serie fortgesetzt. Andere Romane des Autors sind ebenfalls in Barcelona angesiedelt – wie „Der Pianist“. Der Roman erzählt zunächst von der Stimmung während der Transición, dem Übergang von der Diktatur in die Demokratie, und von einem alten Pianisten, der eine Drag-Queen-Show musikalisch begleitet, wo er einem Bekannten aus seiner Vergangenheit wieder begegnet – eine Begegnung, die ihn und die Leser*innen in frühere Zeiten zurückversetzen. Der zweite Teil spielt während der Hochphase der Diktatur Mitte der Vierziger auf den Dächern des Ravals, der dritte führt ins Paris von 1936, kurz vor Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs – ein Ritt durch 50 Jahre spanische Geschichte, ein Buch über das Schicksal von Gewinnern und Verlierern. (Man sollte bei der Lektüre allerdings im Kopf behalten, dass sowohl Roman als auch Übersetzung etwas älter sind und somit auch einige Begriffe wie z.B. „Transvestit“.)

Miqui Otero – Simón (2020, Deutsch von Matthias Strobel, 2022)

Sant Antoni rund um die Markthalle und den Büchermarkt

„Es gab in Sant Antoni und folglich im Baraja, dieser Taxifahrerkneipe, die Synthese und Symptom des Viertels war, Schauspieler, die nicht schauspielerten, und Gäste jeglicher Couleur, die es dafür umso lieber taten. Sant Antoni strebte nach der semiprosperierenden Seriosität von Ensanche, doch es konnte, weil es an sie angrenzte, den Trubel des Barrio Chino und das Amüsiermeilige der Avenida Paral·lel einfach nicht abschütteln, diesem einstigen Mekka des populären Vergnügens mit seinen großen Theatern, deren Leuchtreklamen längst erloschen waren.“

1992 ist das Jahr der Olympischen Spiele in Barcelona, das Jahr, in dem sich die Stadt radikal verändert – und auch Simóns Welt verändert sich. Sein engster Vertrauter, der zehn Jahre ältere Cousin Rico, verschwindet spurlos aus seinem Leben. Alles sei in den Büchern, hat Rico Simón beigebracht, und so liest sich der titelgebende Held in Miqui Oteros Roman durch die Weltliteratur, um eine Spur von ihm zu finden. Gleichzeitig mit dem Erwachen der Stadt wird auch Simón langsam erwachsen, verlässt die Kneipe der Eltern, verlässt seine Heimatstadt, um später doch wieder zurückzukehren – genau wie Rico, der eines Tages vor ihm steht. In „Simón“ erzählt Otero nicht nur eine Coming-of-Age-Geschichte und das Geheimnis um Ricos Verschwinden, sondern auch von knapp dreißig Jahren Barcelona, angefangen bei Olympiade über die Wirtschaftskrise bis hin zum Jahr 2017 mit dem islamistischen Anschlag auf den Ramblas und dem gescheiterten Referendum. Das ist manchmal langsam erzählt, im Großen und Ganzen aber ein interessanter Roman. Wer Spanisch spricht, dem sei Oteros Vorgänger „Rayos“ empfohlen, der in den Straßen vom Raval spielt und etwas mehr Drive hat.

Jessica Andrews – Milk Teeth (2022, noch keine Übersetzung)

Poble-sec und Barcelona und Umgebung

„The stink of piss and rotten fruit oozes from the gutters as I wind my way past red-lit bars and cluttered bazaars, strings of plastic lights and tangled plants hanging from doorways. I used to love the thrill of being in a new place, feeling my outer layers cracking, my skin unpeeling, learning the cadence of a different way to live, but as I peer into shop windows filled with fridge magnets and football shirts, watching people drinking beer in the midday sun, I feel detached from it all.”

Während es in den Romanen von spanischen und katalanischen Autor*innen oft um den Bürgerkrieg und die Diktatur geht, hat die Engländerin Jessica Andrews in „Milk Teeth“ einen anderen Blick auf Barcelona: den eines Expats. Ihre namenlose Protagonistin lebt in London, als ihr Freund sich dazu entschließt, nach Barcelona zu ziehen. Die Erzählerin steht jetzt vor der Wahl, ebenfalls umzuziehen oder zu bleiben. Aber ist diese Wahl überhaupt freiwillig? „Milk Teeth“ verhandelt die Frage nach unserem Platz in der Welt, und im Falle des Romans in gleich doppelter Hinsicht, denn nicht nur die Frage um den Ort ist hier relevant, sondern auch die um das Verhältnis von Körper und Umgebung. „Milk Teeth“ ist ein körperliches Buch in dem Sinne, dass viele Emotionen (gerade Traurigkeit) direkt unter der Haut der Protagonistin liegen, und in dem Sinne, dass sie mit einer Essstörung zu kämpfen hat. Das Barcelona, das sie erlebt, ist eine Stadt der Fülle, der Farben, der Feigen, Mangos, Vino Tintos und Musik auf den Straßen, während sie versucht, Lust, Genuss und Hunger zulassen zu lernen.

Cristina Morales – Leichte Sprache (2018, Deutsch von Friederike von Criegern, 2022)

Barceloneta

„Wie herrlich sind die Sommerabende in La Barceloneta! Hier ist es fünf Grad kühler als im Rest der Stadt, die Luft wirkt sauber, und kaum betritt man das Viertel, sinkt die Zahl der Touristen pro Quadratmeter auf erträgliche Werte, da alte Charnegos und pakistanische Familien die Plätze besetzen, Tische und Stühle, Radios und Fernsehgeräte auf die Straße stellen und Karten oder Domino spielen und dabei Fußball oder die Spielshow Pasapalabra schauen. Die Touristen wagen sich nicht über den Wechsel der Pflasterung zwischen Bürgersteig und besetztem Platz und begnügen sich damit, aus der Entfernung ein paar Fotos zu machen.“

Ein riesiger Hit in Spanien und in Deutschland mit dem Internationalen Literaturpreis für Autorin Cristina Morales und Übersetzerin Friederike von Criegern ausgezeichnet: In „Leichte Sprache“ erzählt Morales von vier Schwestern und Cousinen mit geistigen Beeinträchtigungen verschiedenen Grades, die in einer betreuten Wohnung in Barceloneta leben. Das Buch sprengt sämtliche Konventionen: Vom Leben dieser Frauen wird in unterschiedlichen Textarten erzählt, ob als Gesprächsprotokoll von Plena der Häuserbesetzerszene, Gerichtsakten, Fanzine oder in Form einer Autobiografie, die als WhatsApp-Nachrichten verfasst ist. Morales stellt auch die Erwartungen der Leser*innen auf den Kopf. Trotz ihrer Behinderung sind die Perspektiven von Nati, Àngels, Patri und Marga intellektuell, wütend, feministisch, antifaschistisch und ironisch. Die eine ist sexuell sehr aktiv, die andere rebelliert gegen machistischen Strukturen ihres Tanzkurses, während die nächste in der anarchistischen Szene der Stadt aktiv ist. „Leichte Sprache“ ist ein unkonventioneller, komplexer und radikaler Roman, der zeigt, wie spannend zeitgenössische spanische Literatur ist.

Carmen Laforet – Nada (1945, Deutsch von Susanne Lange, 2005)

Carrer d’Aribau 36

„Tausenderlei Gerüche, Kümmernisse und Geschichten stiegen vom Pflaster auf, beugten sich über die Balkone oder aus den Hauseingängen der Calle de Aribau. Munter strömte eine Welle von Menschen von der eleganten Gediegenheit der Diagonal herunter. Vom bunten Treiben der Plaza de la Universidad kam ihr eine andere entgegen. Ein Schmelztiegel der verschiedensten Schicksale, Merkmale und Geschmäcker, das war die Calle de Aribau. Und ich: nur ein Teilchen darin, klein und verloren.“

Die originale Barcelona-Gothic-Novel ist nicht Zafóns „Schatten des Windes“, sondern „Nada“ von Carmen Laforet. Bereits die Publikationsgeschichte ist interessant: Laforet hatte den Roman mit 23 Jahren verfasst und konnte aufgrund ihres Geschlechts und ihres Alters die franquistische Zensur umgehen – man nahm sie schlichtweg nicht ernst. Dabei hat „Nada“ eine subtile, aber scharfe Gesellschaftskritik. Die Autorin erzählt von der jungen Andrea, ihrem Alter Ego, die in die Carrer d’Aribau zu ihrer Familie zieht und sich nicht nur mit ihren eigenen Dämonen, sondern auch mit denen ihrer Angehörigen auseinandersetzen muss. Das düstere Wohnhaus ist wie ein Mikrokosmos, dient als Metapher für die Gesellschaft, mit dem emotionalen, spirituellen und physischen Niedergang Spaniens in der Zeit nach dem Bürgerkrieg. Auch wenn die Atmosphäre in der Aribau und dem Eixample-Viertel heute ganz anders sind (die Ecke etwa ist als „Gayxample“ bekannt) – wer einen Eindruck von Andreas Haus bekommen will: Es handelt sich mutmaßlich um die Nummer 36, wo Carmen Laforet selbst lebte und heute eine Plakette an sie erinnert.

Mercè Rodoreda – Auf der Plaça del Diamant (1962, Deutsch von Hans Weiss, 2007)

Plaça del Diamant und angrenzende Straßen

„Und dann kamen wir zur Carrer Gran, ich zuerst, und er hinter mir her, und beide rannten wir, und nach Jahren erzählte er noch davon, wie wir uns kennengelernt hatten, Colometa und ich, auf der Plaça del Diamant, wie sie auf und davon lief und wie dann genau vor der Straßenbahnhaltestelle mit einem Mal der Unterrock auf den Boden fiel.“

Mercè Rodoreda (1908-1983) gilt als die wichtigste auf Katalanisch schreibende Schriftstellerin, ihr Roman „Auf der Plaça del Diamant“ ist Weltliteratur. „Plaça del Diamant“ ist auch das Buch, das die meisten nennen werden, soll es um den Barcelona-Roman gehen. In der Stadt ist man sich der Bedeutung bewusst: Der kleine Diamantenplatz im Viertel Gràcia würdigt Rodoreda sowohl mit einer Plakette als auch mit mehreren Zitaten aus dem Roman. In ihm erzählt die Autorin von Natàlia, genannt Colometa, die als naive, junge Frau Quimet heiratet. Als dieser im Spanischen Bürgerkrieg fällt, bleibt Colometa verarmt in Barcelona zurück und muss irgendwie versuchen, sich und ihre zwei Kinder durchzubringen. Der Krieg ist bei Rodoreda nah und fern zugleich: Es gibt keine Kampfszenen, der Einfluss auf die Zivilbevölkerung ist aber massiv. In ihrem Kampf ums Überleben begleiten wir Colometa mehrere Jahrzehnte lang und dabei, wie sich von gesellschaftlichen und patriarchalen Erwartungen befreit, wie auch ihre Sprache sich verändert und wie sie langsam wieder zu Natàlia wird. „Auf der Plaça del Diamant“ ist inhaltlich wie literarisch interessant und eine zwar nicht ganz offen kommunizierte, dennoch massive Kritik an der Diktatur – kein Wunder, dass Rodoreda das Buch im Schweizer Exil veröffentlichte. Bis heute wurde der Roman in mehr als 40 Sprachen übersetzt, verfilmt, fürs Theater adaptiert und ist in Katalonien Schullektüre.

Hannes Köhler – Götterfunken (2021)

Avinguda Meridiana und Cárcel Modelo

„Die bunten Tücher, die sie vor die Fenster genagelt hatten, wehten leicht im Abendwind und ließen nur spärliches Licht einfallen; von draußen dröhnte und knatterte der Verkehr auf der sechsspurigen Avenida Meridiana, der ihn seit der ersten Nacht bis in seine Träume verfolgte. Schlangen aus Lastwagen und Motorrollern krochen durch seine Nächte, endlose Runden drehend, niemals still, niemals ruhend. Selbst im fünften Stock war die große Ausfallstraße eine Mitbewohnerin, die sich in jedem Zimmer breitmachte, die immer ihren Raum einforderte, der man zuhören musste.“

In ein entlegenes Viertel, namentlich ins Clot, führt der Berliner Autor Hannes Köhler in seinem Roman „Götterfunken“. Genau dort, an der Avinguda Meridiana, befindet sich die konspirative Wohnung seiner Protagonist*innen, die in der Endphase der franquistischen Diktatur im anarchistischen Widerstand sind, in den sie teils aus Überzeugung, teils eher aus Zufall gerieten. Ein Sabotageakt misslingt und bringt einen von ihnen für Jahre ins Modelo-Gefängnis. Auf verschiedenen Zeitebenen und in mehreren Städten (darunter auch Frankfurt) wird erzählt, was damals wirklich geschehen ist – und die große Frage, die die Anarchist*innen seit Jahrzehnten plagt: Hat sie einer aus dem innersten Kreis verraten? Übrigens: Im Modelo wurde 1974 auch Salvador Puig Antich (dem deutschen Publikum bekannt aus dem Film „Salvador“, in dem Daniel Brühl Puig Antich spielt) durch eine Nackenschraube hingerichtet. Seit 2017 ist das Gefängnis, das mitten im Eixample liegt, außer Betrieb und kann mit einer Führung besichtigt werden.

Teresa Solana – Mord auf katalanisch (2006, Deutsch von Petra Zickmann, 2007)

Sarrià, Gràcia und Zentrum

„Das Taxi fuhr den Carrer Pelai ganz hinunter, und als es bei den Rambles angekommen war, stieg Lídia Font aus. Sie überquerte die Straße und betrat das Zurich, ein Café, das in früheren Zeiten einmal Charme besessen hat, nach der Renovierung jedoch zu einem faden Lokal geworden ist, in dem nur noch Touristen sitzen. Nichts erinnert mehr an das schäbige Café, den Treffpunkt der Linken, wo sich Marihuanaduft mit dem Pißgestank aus der Toilette mischte.“

Dass die zwei ungleichen Privatdetektive Eduard und Borja eigentlich Zwillinge und nicht nur Geschäftspartner sind, darf keiner wissen, ebenso wenig, dass Borja in echt Pep heißt. Dies sei besser für die Arbeit mit der vornehmen Klientel der Stadt, meint jener. Und in der Tat: In „Mord auf katalanisch“ von Teresa Solana ist es ein hochangesehener Politiker, der die Hilfe der Beiden braucht. Seine Frau betrüge ihn mit einem Maler, fürchtet er, ausgerechnet mit einem Linken! Aber natürlich ist der Fall nicht so einfach, wie er zu sein scheint. Für Eduard und Borja beginnt eine Spurensuche, die sie vor allem durch Sarrià und Gràcia, aber auch durch ganz Barcelona führt. „Mord auf katalanisch“ ist ein Krimi, der gerade in der Zeichnung der Nebenfiguren zu sehr den Genrekonventionen verhaftet ist, sich aber leichtfüßig und kurzweilig, teilweise auch witzig liest, und der es dank genauer Angaben möglich macht, Eduard und Borja auf ihren Wegen durch die Straßen, Kneipen und Geschäfte der Stadt zu folgen (es gibt im Anhang sogar die Adressen!).

Paco Roca – Der Winter des Zeichners (2010, Deutsch von André Höchemer, 2021)

Centre Cívic El Coll – La Bruguera

Einer der wichtigsten Verlage, der trotz (oder gerade wegen) der Diktatur große Erfolge feiern konnte, war der 1939 gegründete Bruguera Verlag, der günstige Populärliteratur in hohen Auflagen vertrieb, vor allem Comics, die zu jener Zeit sehr beliebt waren – darunter auch „Mortadelo y Filemón“, in Deutschland bekannt als „Clever & Smart“. Dass innerhalb des Verlags aber nicht immer alles glatt lief, davon erzählt Paco Roca in seiner Graphic Novel „Der Winter des Zeichners“. Auf zwei Zeitebenen, eine in Blautönen, die andere in Sepia gehalten, berichtet Roca von einem kleinen Aufstand Ende der fünfziger Jahre von fünf Zeichnern, die ihren eigenen Verlag gründen wollten. Aber: „Die Freiheit in einem unfreien Land hatte ihren Preis“, wie es im Anhang treffend heißt, in dem neben Kurzbiografien der Verlagsmitarbeitenden auch kurz die Situation des Verlags skizziert wird. Heute befindet sich im 1986 geschlossenen Bruguera im kleinen Viertel El Coll (direkt hinter dem Park Güell) übrigens ein Nachbarschafts- und Kulturzentrum.

Foto von Logan Armstrong

Der Buchkäuferkuchen und die Missgunstmaschine

von Leander Steinkopf

Wenn Schriftstellerinnen und Schriftsteller zusammenkommen, reden sie erfahrungsgemäß eher selten über die Romane der  Gegenwartsliteratur, die ihr inhaltliches Arbeitsumfeld bilden. Stattdessen geht es um die neuesten Verlagswechsel ihrer Peers, um den Medienhype, der einen Kollegen beglückte, oder um die zahlreichen Preise und Stipendien, die eine Kollegin zuerkannt bekam. Im Arbeitsalltag übt man sich in epischer Geduld. Umso mehr schätzt man in der Freizeit diese kleinen Geschichten von Sieg und Niederlage, von wer mit wem, von Fairness und Ungerechtigkeit, die schneller ins Blut gehen als Romane der handelsüblichen Länge. Verbunden ist dies oft mit Gefühlen, die man angesichts des reflexiven Ideals der Schriftstellerei für überraschend halten könnte, nämlich mit Neid und Missgunst.

Weiterlesen

In der Literaturwelt, wie sie sich den Schriftstellerinnen und Schriftstellern präsentiert, sind die wichtigen Ressourcen eng begrenzt: die Bestseller- und Bestenlistenplätze, die Preise und Stipendien, die Bücherseiten der Zeitungen und die Sendezeit der Büchersendungen. Obendrein erzeugen all diese Güter öffentliche Aufmerksamkeit, mitunter besteht ihr Wert ausschließlich darin. Und so laden sie viel offensiver zum sozialen Vergleich ein, als es etwa hinter verschlossenen Türen verhandelte Gehälter von Angestellten tun. Es ist also  nicht selbstverständlich, sich an dem guten Buch einer Schriftstellerkollegin zu erfreuen, wenn die Qualität ihres Werkes auch bedeutet, dass die eigenen Chancen auf die begehrten Ressourcen dadurch geringer ausfallen. Ein Preis, ein Bestenlistenplatz, eine Rezensionsseite kann nur einmal vergeben werden. Der Wettbewerb ist ein Nullsummenspiel.

Diese Sicht auf die Bücherwelt ist nicht die einzig wahre, es ist auch eine andere Perspektive möglich: Man könnte sich als Schriftstellerin und Schriftsteller mit gutem Grund freuen, wenn man seine Zeitgenossen um die Qualität ihres Schaffens beneidet.  Das könnte nämlich heißen, dass man das Glück hat, in literarisch guten Zeiten zu leben.

Gute Zeiten, schlechte Zeiten

Eine Zeit, in der es viele gute Schriftstellerinnen und Schriftsteller gibt, könnte man einerseits als Zeit betrachten, in der es viel Konkurrenz gibt. Man kann sie aber auch als Zeit betrachten, in der sich das Lesen von Gegenwartsliteratur besonders lohnt und dadurch besonderer Beliebtheit erfreut. Ein Buch allein macht keine Blütezeit, eine Autorin, ein Autor allein macht keinen Aufschwung. Es sind all die Zeitgenossen – mögen sie besonders zahlreich sein – die man als Autorin und Autor um ihr einzigartiges Können und Tun beneidet, die gemeinsam die Blüte bilden. Lebt man als Autorin oder Autor hingegen in Zeiten, in denen weit und breit kein Zeitgenosse Neid erregt, hat man das Pech, in schlechten Zeiten zu schreiben. Sind da aber viele gute Andere, steigern diese, völlig absichtslos und als bloßes Nebenprodukt ihres individuellen Schaffens, den Ruf ihres Mediums und ihrer Generation, sodass andere, die diesem Medium, dieser Generation und Gegenwart angehören, im Fahrstuhl mit nach oben fahren. Autorinnen und Autoren stehen dann nicht einfach in Konkurrenz um die Aufmerksamkeit der Kaufenden und Kritisierenden, sondern tragen großzügig bei zum Gemeingut guter Literatur.

Die Schriftstellerinnen und Schriftsteller der Vergangenheit und etwas weiter zurückreichenden Gegenwart, die heute klingende Namen sind, waren selten Solitäre. Das Aufsehen, was sie einst erregten, haben sie auch jenen zu verdanken, die gleichzeitig groß waren. Die heutige Sehnsucht nach den 1920er Jahren etwa wäre doch längst nicht so groß, wenn nur Vicki Baum damals geschrieben hätte, nur Walter Benjamin oder nur Joseph Roth. Es ist gerade die Fülle der brillanten Autorinnen und Autoren, welche die Zeit so interessant macht. Und jener besondere Glanz dieser Zeit bestrahlt umgekehrt jene, die in ihr und über sie schrieben. Die Fülle, die wir heute mit Blick auf die 1920er wahrnehmen, ist also einerseits tatsächlich mit Fülle begründet, andererseits damit, dass der Glanz der Zeit mehr damalige Autorinnen und Autoren in das Licht heutiger Aufmerksamkeit rückt.

Generalisierung und elastische Nachfrage

Man kann davon ausgehen, dass die Leserinnen und Leser in irgendeiner Weise darauf reagieren, wie gut die Gegenwartsliteratur insgesamt ist oder als wie gut sie gilt, ja, von dieser Wahrnehmung hängt wohl ab, ob man die Leserinnen und Leser überhaupt und wenn ja wie oft, als Leserinnen und Leser bezeichnen kann. Sie, genauso wie die Kritikerinnen und Kritiker, die Vermittlerinnen und Vermittler, generalisieren zu guten Jahrgängen und guten Zeiten, zu schlechten Jahrgängen und schlechten Zeiten. Und heutzutage hört man eben oft, dass die deutsche Gegenwartsliteratur vielleicht nicht die interessanteste sei, während etwa aus Frankreich die spannenden Sachen kämen.

Nun sind natürlich nicht alle deutschen Bücher schlecht, und nicht alle französischen gut, aber hat sich eine Generalisierung erst herumgesprochen, wird der schlechte Ruf auch guten deutschen Autoren schaden, der gute Ruf auch schlechten französischen Autoren nutzen. Mancher französische Autor mag Houellebecq seinen Erfolg neiden, wird aber von dessen Glanz doch profitieren, weil er in Frankreich das Gewicht und Prestige von Literatur steigert und jenseits Frankreichs das Interesse an französischer Literatur. In Deutschland mag man derweil mit mehr Selbstzufriedenheit seine Romane schreiben, weil es an den international herausragenden Persönlichkeiten fehlt, hat aber alle Nachteile des bescheidenen Rufs der deutschen Gegenwartsliteratur. Christian Kracht und Daniel Kehlmann sind vielleicht auch deshalb nach Nordamerika umgezogen – an unterschiedliche Enden des Kontinents –, um mit der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nicht in Verbindung gebracht zu werden.

In einer Welt, in der Bücherkonsum nicht so sehr durch mangelnde Lesezeit, sondern durch mangelnde Leselust begrenzt ist, wo die freie Zeit, die man eigentlich lesend verbringen könnte, lieber für Netflix und soziale Medien verwendet wird, stehen Autorinnen und Autoren am Markt weniger in Konkurrenz zueinander als gemeinsam in Konkurrenz zu anderen Medien. Wenn man davon ausgeht, dass ein imaginärer Leser im Jahr sechs Bücher kauft, seine Nachfrage vollkommen unelastisch ist, dann geht es für den Autor darum, dass sein Buch eines von diesen sechs ist, dann besteht harte Konkurrenz zwischen den Autorinnen und Autoren, dann kann man sich freuen, wenn die anderen erfolglos sind, wenn sie literarisch scheitern. Geht man hingegen davon aus, dass die Nachfrage variabel ist, dass also der imaginäre Leser auf die Bücher vier bis sechs überhaupt keine Lust mehr hat, weil die Bücher eins bis drei so schlecht waren, oder umgekehrt, dass er die sechs Bücher mit solch einer Freude gelesen hat, dass er im selben Jahr nochmal sechs Bücher kauft, dann verändert dies die Sicht auf das Schaffen anderer Autorinnen und Autoren, auf die Arbeit konkurrierender Verlage.

Gute Bücher anderer Schreibender steigern dann die Chance, dass auch das eigene Werk gelesen wird. Der Kuchen wächst und auch wenn man von ihm nur ein kleines Stück abbekommt, ist dies allemal mehr als das Stück, das man in mageren Zeiten von einem kleineren Kuchen bekäme.

Neid in den Strukturen

Missgunst und Konkurrenzdruck werden aber gepflegt durch die gängigen Rückmeldungen, die der Literaturbetrieb bietet. Der Kult um die Bestsellerliste gibt dem Gedanken Futter, dass sich Autorinnen und Autoren und ihre Werke nach Rang sortieren lassen, dass die Plätze für Literatur begrenzt sind, und dass man selbst den Platz nicht bekommt, wenn ein anderer ihn innehat. Es gibt immer bloß zehn Bücher in den Top Ten, da aber die Verkaufszahlen nicht öffentlich genannt werden, merkt man nicht, dass die verkauften Auflagen der Bücher, die in die Top Ten gelangen, über die Jahre stetig gesunken sind: Wenige Glückliche erreichen die Plätze, aber alle gemeinsam haben verloren.

Ähnlich starr und knapp sind die Rezensionsplätze in den Zeitungen, die Programmplätze der guten Verlage und die Lesungstermine der Literaturhäuser. Ironischerweise leisten selbst die Strukturen der Literaturförderung Neid und Missgunst Vorschub. Es gibt eine feste, ganz unflexible Zahl von Preisen und Stipendien, die in Deutschland vergeben werden. Im Gegensatz zur elastischen Nachfrage am Buchmarkt, ist die Verteilung von Geld und Anerkennung hier wirklich ein Nullsummenspiel. Höchstens wird eine Preissumme mal zwischen zwei Preisträgern aufgeteilt, nie jedoch werden ausnahmsweise mehr volle Preise vergeben, wenn ein Buchjahr besonders gut war. Selten wird eine Preisvergabe gestrichen, wenn das Buchjahr nichts hergab. Wenn man als Autorin oder Autor auf Einkommen durch Preise und Stipendien schielt – und die reichhaltige deutsche Förderlandschaft lädt dazu ein – dann liegt es nahe, sich von Mitschriftstellern schlechte Bücher zu erhoffen, weil dies die eigenen Förderchancen erhöht.

Oft wird gegen das deutsche Förderwesen vorgebracht, dass es die Schreibenden der materiellen Not und Notwendigkeit entzieht, was eine Voraussetzung sei für große Literatur. Ein anderer Kritikpunkt lautet, dass Förderung die Autorinnen und Autoren in eine Richtung locke, die zwar bei professionellen Jurys Eindruck schindet, die unprofessionellen Leserinnen und Leser aber nicht anspricht. Hier sei noch ein anderer Kritikpunkt hinzugefügt: Das großzügige Preis- und Stipendienangebot schafft eine starre Konkurrenzsituation, die am freien und elastischen Buchmarkt überhaupt nicht bestünde. Das deutsche Förderwesen konstruiert eine starre Konkurrenzsituation, wo eigentlich – zumindest ein Stück weit – eine Win-Win-Situation möglich wäre.

Neid und Missgunst, das sind schlechte Eigenschaften, aber von Schriftstellerinnen und Schriftstellern empfunden, können es gute Zeichen sein, Hinweise auf eine gute Zeit der Literatur. Das gilt natürlich nur, wenn der Neid sich auf die Qualität der Werke bezieht und nicht bloß Frust darüber ist, dass man diesen Preis oder jenes Stipendium, diesen Listenplatz oder jene Rezensionsspalte wieder nicht erhalten hat.

Von Leander Steinkopf erschien zuletzt die Anthologie „Neue Schule: Prosa für die nächste Generation“ bei Claassen.

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Sezierte Liebe, leeres Land: Ein Blick auf das spanische Buchmesse-Programm

von Mirjam Ziegler

Wer sind die eingeladenen Autor*innen? Was wurde übersetzt – und was (noch) nicht? Mirjam Ziegler hat sich das Literaturprogramm des Gastlandauftritts auf der Frankfurter Buchmesse genauer angesehen und auf einem Festival in Spanien mit Branchenvertreter*innen gesprochen.

Ein Marktplatz mit Obstständen und ein paar terrazas, eine Bodega und die Kirche – normalerweise gibt es nicht viel zu sehen in Barbastro. Als sich im Mai die spanische Literaturwelt hier zum Festival Barbitania traf, füllte sich die aragonesische Kleinstadt für ein paar Tage mit Leben. Neben Festivalgästen und Zuhörer*innen waren außerdem Branchenvertreter*innen angereist, die an der Fachtagung Otra Mirada teilnahmen. Im Hinblick auf den Buchmesseauftritt waren auch mehrere Gäste aus Deutschland eingeladen. Welche Bücher wurden übersetzt oder könnten für einen deutschen Verlag noch interessant sein? Was ist vom Gastlandauftritt zu erwarten? Zwischen Gesprächsrunden und Vorträgen wurde immer wieder spekuliert: Wer ist nach Frankfurt eingeladen? 

Von den anwesenden Autor*innen, so viel war schon durchgesickert, sind Berna González Harbour mit ihrem Prado-Krimi Goyas Ungeheuer und der gebürtige barbastrense Manuel Vilas dabei, von dem im September Was bleibt, ist die Freude erschienen ist – wie schon in Reise nach Ordesa kehrt er darin an Orte seiner Vergangenheit zurück, wieder voller Nostalgie, aber diesmal weniger schwermütig. Genaueres über das Programm wussten selbst die beiden Vertreterinnen der Buchmesse nicht, bis am 9. Juni im Goethe-Institut Madrid das Geheimnis gelüftet wurde.

Das offizielle Literaturprogramm ist erfreulich vielfältig, doch beginnen wir mit dem vorhersehbaren Part. Jeweils ein neuer Roman erscheint von den alten Herren der spanischen Literatur Javier Cercas, der auch nach Frankfurt kommt, Juan Marsé und Javier Marías. Im letzten Roman des kürzlich verstorbenen Marías’ Tomás Nevinson nimmt ein alternder Spion (für Fans: der Ehemann der Protagonistin seines letzten Romans Berta Isla) doch noch einen letzten Auftrag an und verstrickt sich dabei in ein erotisches Abenteuer. Von Juan Marsé wurde ein Roman aus dem Jahr 1990 übersetzt: In Der zweisprachige Liebhaber wird das Ego des Protagonisten schlimm angegriffen, als seine Ehefrau mit einem Schuhputzer fremdgeht. Lediglich Javier Cercas nimmt im zweiten Band seiner Terra Alta-Reihe Bezug auf die Gegenwart: Die Erpressung, im spanischen Original Independencia, spielt auf den katalanischen procès an. Die Bürgermeisterin von Barcelona wird erpresst, die Ermittlungen führen hinter die manierliche Fassade populistischer Politiker. Cercas zeichnet ein brutales Bild einer korrupten „Elite“, die für ihre eigenen Zwecke die Demokratie aufs Spiel setzt.

Literatur in vier Sprachen

Der in Extremadura geborene und in Katalonien aufgewachsene Cercas schreibt auf Spanisch, doch die Auswahl der eingeladenen Autor*innen spiegelt die mehrsprachige Realität Spaniens wider: 25 % schreiben in einer der drei anderen offiziellen Sprachen. Auf Galicisch etwa Manuel Rivas, den man in Deutschland für im Spanischen Bürgerkrieg angesiedelte Geschichten wie Der Bleistift des Zimmermanns kennt, wobei in den letzten Jahren kein weiteres Buch dieses produktiven Autors übersetzt wurde. Auf Baskisch schreibt Bernardo Atxaga, von dem der Unionsverlag gleich zwei Romane neu auflegt: Ein Mann allein ist ein Thriller über einen Aussteiger aus dem Terrorismus, der Jahre später noch davon verfolgt wird. Ganz anders ist Obabakoak oder Das Gänsespiel, in dem er in lockerem Ton über den skurrilen Fantasieort Obaba fabuliert. Anders als Atxaga schreibt der derzeit berühmteste baskische Schriftsteller auf Spanisch – übrigens lebt er seit fast vierzig Jahren in Hannover: Fans von Fernando Aramburu (Patria) können sich auf den Roman Die Mauersegler freuen, dessen vereinsamter Protagonist der Welt nichts mehr abgewinnen kann und beschließt, sich in genau einem Jahr das Leben zu nehmen. Entsprechend besteht der Roman aus 365 kurzen Kapiteln, in denen dieser Entschluss ins Wanken gerät.

Und wo sind die Frauen? Sie machen tatsächlich die Hälfte der fast 200 eingeladenen Autor*innen aus – und konzentrieren sich besonders in Katalonien. Die Grande Dame der katalanischen Literatur ist Carme Riera, eine von sieben Frauen unter den aktuell vierzig Mitgliedern der Akademie der spanischen Sprache RAE. Erzählende Prosa schreibt sie auf Katalanisch, Essays auf Spanisch – das sei die natürliche Funktionsweise ihrer Zweisprachigkeit – und übersetzt sich dann selbst in die andere Sprache. Zwei Sprachen zu haben eröffne wunderbare Möglichkeiten, so die gebürtige Mallorquinerin, die seit ihrer Jugend in Barcelona lebt; auch deshalb sieht sie die Unabhängigkeit Kataloniens als Sackgasse. Sieben ihrer Romane sind auf Deutsch erschienen, der letzte 2007, doch es verwundert, dass gerade der Erzählband fehlt, mit dem sie 1975 bekannt wurde: Te deix, amor, la mar com a penyora, („Ich lasse dir, Liebste*r, das Meer als Pfand“) ist längst ein Klassiker der katalanischen Literatur. Seine klare und doch poetische Sprache hat nichts an Kraft verloren, und Riera war damit eine der ersten, die in Spanien über die Liebe zwischen zwei Frauen schrieb. Zusammengehalten werden die Geschichten durch das Meer, das die Figuren, die oft am Rande der Gesellschaft stehen, beeinflusst oder gar beherrscht. Hier gilt es noch eine jüngere Autorin zu erwähnen: Eva Baltasar ist zwar nicht eingeladen, doch in Barbastro erreichte ihren spanischen Verleger Alejandro Dardik (Club Editor) die Nachricht, dass ihr Roman Permafrost bald auf Deutsch erscheint: Die Erzählerin möchte sich auf niemanden einlassen, ihr unabhängiges Leben nicht aufgeben, und schützt sich durch eine Eisschicht, die keine der Frauen durchbrechen darf, mit denen sie Affären hat. Kühl und scharfsinnig beobachtet sie sich selbst und die anderen – unter dem Eis lässt sich jedoch etwas erahnen, worüber sie nicht spricht. In der spanischen Literatur wird Gefühlen vergleichsweise viel Platz eingeräumt, doch Baltasars Sprache ist bemerkenswert unsentimental.

Liebe in Zeiten der Selbstverwirklichung

Unter den anderen auf Katalanisch schreibenden Autorinnen ist noch Marta Orriols hervorzuheben, die einen genauen Blick für das Alltäglich-Unerträgliche in den Beziehungen von urbanitas hat. In ihrem neuen Roman Sanfte Einführung ins Chaos seziert sie ohne Pathos die widersprüchlichen Gefühle eines Paars Anfang dreißig: Die Perspektive wechselt zwischen Marta und Dani, sie sich füreinander entschieden haben, einschließlich Möbeln, Hund und der Einsicht, dass es mit ihrem Freundeskreis nicht mehr so wie früher ist, wenn am Ende eines gemeinsamen Abends die meisten Bierflaschen noch zu sind. Manche Freund*innen haben schon Kinder, und als Marta schwanger wird, scheint für ihn die Sache klar – aber sie will kein Kind in ihrem Leben. Ebenfalls aus wechselnden Perspektiven erzählt Isaac Rosa in Glückliches Ende die Geschichte eines Paars, allerdings rückwärts: Sie beginnt mit dem Auszug des Partners aus der Wohnung der Familie. Anhand von Erinnerungen, die beim Packen aufkommen, geht es zurück bis an den Anfang der Liebe. Der in Madrid ansässige Rosa hat schon mehrere Romane bei verschiedenen deutschen Verlagen veröffentlicht. Verwunderlich, dass gerade Lugar seguro („Ein sicherer Ort“) noch nicht übersetzt wurde, zumal die Hauptfigur ein listiger Bunkerverkäufer ist. Passt diese komische Dystopie nicht sogar besser zu deutschen Befindlichkeiten als zu spanischen, oder nimmt Rosa die Apokalypse nicht ernst genug?

Um jüngere urbanitas geht es bei der 1992 geborenen Lyrikerin Elvira Sastre. Sie hat in Spanien bereits fünf Gedichtbände publiziert, Rupi Kaur ins Spanische übertragen, und füllt mit ihren musikalischen Lesungen Theatersäle. Von ihr erscheinen auf Deutsch der Lyrikband Eines Tages werde ich mich selbst retten sowie ihr erster Roman Die Tage ohne dich. Darin schafft es ein junger Bildhauer mithilfe der Weisheiten seiner Großmutter, über seine erste große Liebe hinwegzukommen. Sastre beobachtet seine Gefühle genau, wobei es manchmal psychologisch explizit und zuweilen kitschig wird. Aus manchen Beschreibungen ergibt sich kein klares Bild („Plötzlich kreischte sie hysterisch, heulte wie ein Wolf bei Vollmond“). Die Großmutter neigt zu großen Worten und klingt recht pädagogisch. Dennoch könnte Elvira Sastre mit ihren so starken wie verletzlichen Figuren bei ihrer Generation auch im deutschsprachigen Raum einen Nerv treffen.

Realitäten am Rand der Städte

Endende Lieben und städtische Einsamkeit sind nicht die einzigen Motive, wenn es um das Leben in der Großstadt geht. Drei Romane zeigen eine Seite von Barcelona, die den Protagonist*innen wenig Raum für Nabelschau lässt. Najat el Hachmi kam mit acht aus Marokko nach Katalonien und wuchs in einem Viertel „am Rand des Stadtrands“ auf, wo die muslimische Gemeinschaft in so enger Nachbarschaft lebte, dass selbst das gegenüberliegende Küchenfenster soziale Kontrolle bedeutete. In ihrem neuen Roman Am Montag werden sie uns lieben erzählt die junge Protagonistin Naima von ihren kleinen Schritten auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben. Immer wieder nimmt sie sich vor, ab Montag ein besseres Mädchen zu sein, die Erwartungen ihres Umfelds zu erfüllen – bis sie irgendwann merkt, dass sie sich nicht mehr in dieses Regelkorsett zwängen will. In Romanen entdeckt die Jugendliche andere Lebensformen, zu der sie selbst keinen Zugang hat. Ihre Eltern glauben, sie lese so viel, weil sie eine fleißige Schülerin ist, und ahnen nicht, dass die Bücher sexuelle Fantasien in ihrer Tochter wecken, die sich mit angehaltenem Atem, um ihren kleinen Bruder nicht zu wecken, unter der Decke selbst erkundet. Doch als Naima sich von ihrer Familie unabhängig macht, muss sie gegen Diskriminierung kämpfen – und ihre Herkunft verfolgt sie. Ihre Träume werden mit einer harten Realität konfrontiert. 

Gegen Fremdbestimmung kämpfen auch die vier Frauen in Cristina Morales’ Leichte Sprache, die von den Behörden als geistig behindert eingestuft wurden und in einer betreuten Wohngruppe zusammenleben. Jede rebelliert auf ihre eigene Art gegen die Bevormundung, etwa im Bereich der Sexualität, als ein Gericht einer der Hauptfiguren eine Zwangssterilisierung auferlegt, aber auch in scheinbar banalen Situationen wie einer Tanzstunde, als die wohlmeinende Tanzlehrerin darauf besteht, dass die Erzählerin ihre Socken ausziehen soll. Morales nimmt die Sätze der Bevormundenden auseinander und findet eine Sprache für ihre radikalen Ideen: politisch inkorrekt und grenzüberschreitend (desbordante wie das Motto des Gastlandauftritts), dabei immer wieder voller Humor.

Auch bei Kiko Amat stehen Randfiguren im Mittelpunkt. In Spanien sind seine knallharten wie tragikomischen Romane längst Kult, nun ist Träume aus Beton auf Deutsch erschienen: Nach zwanzig Jahren in der Psychiatrie plant der Protagonist seinen Ausbruch. Nach und nach erfährt man aus Erinnerungen an seine Jugend, wie er zu dem Punkt kam, an dem er im Wahnsinn eine Messerattacke beging. „Normal“ im Kopf zu sein, macht es aus seiner Sicht nur schwerer, die Grausamkeit der Welt zu ertragen. Seine Welt ist Sant Boi de Llobregat, eine Stadt in der Peripherie von Barcelona, wo in den Sechzigern Hochhäuser für die innerspanischen Migrant*innen aus dem Boden gestampft wurden, um das Fabrikpersonal unterzubringen. Aus dieser Stadt kommt Kiko Amat, ihren Namen hat er auf den Handrücken tätowiert.

Familie und Einsamkeit im leeren Landesinneren

Kritik am Großstadtleben der urbanitas übt die ehemalige VICE-Redakteurin Ana Iris Simón (*1991). Letztes Jahr sorgte sie mit einer fulminanten Rede in der Moncloa für Aufregung, in der sie Pedro Sánchez vorwarf, dass alle Maßnahmen zur Bekämpfung der Landflucht und der niedrigen Geburtenrate heuchlerisch seien, solange jungen Eltern keine adäquate finanzielle Unterstützung geboten werde. Viele junge Spanier*innen können an ihren Herkunftsorten keine Arbeit finden, und in der Stadt können sich die meisten auch mit Mitte dreißig nur ein WG-Zimmer leisten. Angestoßen wurden diese Maßnahmen von einer politischen Bewegung, die sich aufgrund der Debatte um Sergio del Molinos Sachbuch Leeres Spanien formierte: Damit gemeint ist ein Gebiet im spanischen Landesinneren außerhalb der großen Städte, das 53 % der Landesfläche ausmacht, wo aber nur noch 15,6 % der Bevölkerung wohnen. Es fehlt an Investitionen, schon über 3000 Dörfer sind komplett verlassen, die Bewohner*innen werden immer älter und ärmer. Von ihrer Kindheit an so einem Ort in der Mancha erzählt Ana Iris Simón in Mitten im Sommer. Liebevoll und konkret beschreibt sie das Leben ihrer Großfamilie in diesem ländlichen Arbeitermilieu – von den Generationen vor ihr über die Neunziger bis heute. Allein die WhatsApp-Gruppe ihrer Familie väterlicherseits hat 33 Mitglieder, es fehlen noch die Kinder und die Ältesten. Wenn sie das Leben im Clan mit ihrem Leben in Madrid vergleicht, spürt man eine Sehnsucht nach Familie und Begrenztheit. Sie kommt mit ihrem Vater zu dem Schluss, dass die wichtigen Dinge im Leben sehr wenige sind, und beneidet ihre Eltern um das Leben, das sie in ihrem Alter führten. Doch die Bedingungen sind heute andere, ein Briefträgerjob reicht nicht, um mit 22 einen Wohnungskredit aufzunehmen. Allerdings fragt sich Simón auch: Können wir wirklich keine Familie gründen oder sind wir einfach nicht bereit, bestimmte Privilegien aufzugeben? Wir wollen in der Stadt leben, reisen, eine interessante Arbeit und andere Dinge, die Geld kosten, das sich schwer verdient. „Wir sind Arme mit iPhone“, konstatiert die Tochter eines Kommunisten. Wenn sie in den letzten Kapiteln von der Gegenwart schreibt, macht Simón sich allerdings über linke Sichtweisen lustig. Mittlerweile hat sie Madrid den Rücken gekehrt und lebt wieder in der Provinz. Zur Buchmesse kommt sie nicht, weil sie im Herbst ihr zweites Kind erwartet.

Ein ganz anderes Bild vom Leben auf dem Dorf zeichnet Sara Mesa in Eine Liebe. Nicht etwa auf der Suche nach romantischem Rückzug oder Gemeinschaft, sondern schlicht aus Geldmangel zieht eine Übersetzerin in ein imaginäres Dorf im spanischen Landesinneren. Ironischerweise fällt ihr die Kommunikation im direkten Kontakt schwer, aber das Landleben ist hart, und als es durch das Dach ihres heruntergekommenen Häuschens regnet, lässt sie sich zunächst aus der Not heraus auf einen Dorfbewohner ein. Es entwickelt sich ein zweideutiges, zunehmend verstörendes Verhältnis. Die Protagonistin wird zur Gefangenen ihrer eigenen Gedanken. Sara Mesas Erzählhaltung ist distanziert, doch so sehr sie sich von Ana Iris Simón unterscheidet: Beide werfen die Frage auf, ob es glücklich macht, sich ganz auf sich selbst zu konzentrieren.

Der ländliche Raum als Sujet war schon lange nicht mehr so beliebt. Im Gegensatz zur kruden Realität einer einsamen Frau vermischen sich in der Romanwelt von Irene Solà (*1990) ganz unterschiedliche Stimmen: Starke Frauen, Kinder, Tiere, dichtende Bauern und Geister kommen in Singe ich, tanzen die Berge zu Wort. Ihre Schicksale sind miteinander und mit den Pyrenäen verflochten, auf tragische oder mystische Weise, in einer Geschichte voller Poesie, düsterer Wolken und Magie. Zur Buchmesse wurde die Gewinnerin des Europäischen Literaturpreis 2020 nicht eingeladen, dafür aber eine andere junge Autorin, die in einem Sachbuch an die Arbeit der Frauen in der andalusischen Provinz erinnert: María Sánchez (*1989) ist Dichterin und Landtierärztin, wie auch ihr Vater und ihr Großvater Tierärzte waren. Die Familie ist seit Generationen eng mit dem Land verbunden, doch welche Rolle spielten die Frauen vor ihr? Diese Leerstelle nahm Sánchez zum Anlass, ihre Lebenskonzepte zu erforschen und in Land der Frauen von ihnen zu erzählen. Noch nicht übersetzt ist einer der tiefgehendsten Romane der ola neorrural, der ebenfalls im „leeren“ Südspanien um Córdoba angesiedelt ist: Die Protagonistin von Olga Merinos La forastera („Die Fremde“) lebt nach Jahren in London wieder im Heimatdorf ihrer Eltern. Nach dem Tod ihrer Mutter ist sie fast vollkommen isoliert, bis auf den Kontakt zu zwei Migranten, auf deren prekäre Schwarzarbeit die Landwirtschaft in diesem einsamen Landstrich angewiesen ist. Die Dorfbewohner*innen nehmen sie nach der langen Zeit im Ausland als Eindringling wahr – erst recht, nachdem sich der reiche Gutsbesitzer erhängt und die Erzählerin ihn findet. Doch die Heldin dieses andalusischen Westerns leistet Widerstand. In einem ruhigen Erzählduktus beschwört Merino Legenden aus anderen Zeiten herauf und zeichnet eine starke Frau, die ihre Freiheit nicht aufgibt.

Zurückhaltung bei den deutschen Verlagen

Bei einem Abendessen in Barbastro wird diskutiert: Warum wurde dieses so eindringliche Buch sogar schon ins Chinesische, aber noch nicht ins Deutsche übersetzt? Olga Merino selbst sagt nur, sie warte noch auf Rückmeldung, international laufe es gut. Verleger Dardik hat die Erfahrung gemacht, dass selbst Romane, die sich in Spanien bestens verkaufen, von deutschen Verlagen abgelehnt würden, wenn darin „härtere“ Themen wie Suizid vorkommen. Das würde auch erklären, warum die Gewinnerin des Premio Nadal Inés Martín Rodrigo zwar nach Frankfurt eingeladen ist, doch Las formas del querer („Die Formen der Liebe“) in der Liste der deutschen Neuerscheinungen noch fehlt. In dem durch Die Buddenbrooks inspirierten Roman erzählt sie, wie sich der Bürgerkrieg über Generationen hinweg auf eine Familie auswirkt. Infolge des Todes von nahen Familienmitgliedern kämpft die Protagonistin mit einer Depression. Martín Rodrigos ehrliche Sprache entwickelt von der ersten Seite an einen Sog, und trotz all der Schwere spürt man, dass etwas verheilt. Für solche Stoffe gäbe es jedoch laut den deutschen Verlagen kein Publikum, so Dardik. Das gelte auch für Romane mit expliziten, insbesondere nicht heterosexuellen Sexszenen. Das sagten sie zumindest. Er will aber nicht recht glauben, dass die deutschen Leser*innen wirklich so verschlossen sind.

Tatsächlich wurden im Verhältnis dazu, wie viele Werke aus kleinen Ländern wie Georgien oder Norwegen im Hinblick auf ihren Gastlandauftritt übersetzt wurden, relativ wenige Bücher aus dem Spanischen übertragen. Auf dem Branchentreffen Otra Mirada erklärt die Generaldirektorin für Bücher und Leseförderung im spanischen Kulturministerium María José Gálvez, Spanien wolle in Frankfurt zeigen, wie sehr sich das Land seit dem ersten Gastlandauftritt 1991 verändert hat. Das Motto „Sprühende Kreativität” soll die Vielfalt repräsentieren, und es wurden über zwei Millionen Euro in Übersetzungen investiert, um die literarische Avantgarde Spaniens international bekanntzumachen. Seit 2019 wurden mehr als 300 Titel übersetzt, von denen 77 Übersetzungsförderung erhielten, und es wurde eine Übersetzungsresidenz ins Leben gerufen.

Cristina Pineda vom Verlag Tres hermanas hat mithilfe der Fördergelder Fragmente übersetzen lassen, jedoch noch keine Rechte nach Deutschland verkauft. Emilio Sánchez von Libros del KO geht es ähnlich: Manche Bücher aus dem Programm des Indie-Verlags wurden ins Russische, Chinesische, Englische und Französische übersetzt, aber nicht ins Deutsche. Er wünscht sich zwar mehr Unterstützung von der spanischen Regierung, doch das Hauptproblem sei das Desinteresse von deutscher Seite. In diesem Punkt sind sich die Verleger*innen einig. Nur: Was ist der Grund dafür?

Ein junges Verlagswesen und nationale Tendenzen

Eine Diskussion auf dem Branchentreffen wirft die Frage auf, ob die deutsche Buchbranche besonders auf die ältere Generation ausgerichtet ist. Buchhändler Ben von Rimscha aus Berlin erklärt, der deutsche Buchhandel habe ein Nachwuchsproblem – auch deshalb, weil der Großteil der Kund*innen über sechzig sei. Das nimmt ein älterer Verleger aus dem Publikum als Einladung, die bekannte Kulturverfallsklage anzustimmen: „Die jungen Leute scrollen nur noch und lesen nicht mehr.“ Antonio Ramírez, der fünf Buchhandlungen in Madrid und Barcelona betreibt, widerspricht vehement. Die Librerías La Central hätten sich in den letzten zehn Jahren mit Publikum zwischen 20 und 25 gefüllt. Trotz Pandemie haben in Barcelona in den letzten drei Jahren fünfzehn neue Buchhandlungen eröffnet. Überhaupt sei die spanische Buchbranche sehr jung, betont die Verlegerin Sandra Ollo (*1977) von Acantilado. So sieht das auch Silvia Sesé (*1964), Lektorin bei einem der wichtigsten spanischen Verlage: Bei Anagrama sei sie eine der wenigen ihrer Generation. Ihr Programm würde laufend erneuert, und man müsse viel kommunizieren, um zu verstehen, wer die Leser*innen sind. Kann es sein, dass es sehr wohl ein Publikum für Literatur aus diesem jungen, progressiven Spanien gibt, aber sich die deutschen Verlage nicht daran wagen? Das kann sie nicht einschätzen, jedenfalls waren sie früher offener, sagt Sesé, die viele Jahre für Bertelsmann gearbeitet hat. Bis vor ein paar Jahren seien die deutschen Leser*innen große Reisende in der Literatur gewesen, es bestand im Vergleich zu Spanien ein starkes Interesse an anderen Kulturen, auch an lateinamerikanischer und afrikanischer Literatur. „Das scheint sich zu verlieren. In Spanien, Italien, Frankreich und den meisten anderen Ländern zeigt sich aktuell das Phänomen, dass die ersten Plätze der Bestsellerlisten von einheimischen Autor*innen belegt sind. Vor ein paar Jahren war das noch nicht so.“ Es werden also nicht nur weniger spanische Bücher übersetzt, sondern überhaupt weniger Übersetzungen gelesen.

Auch Heinrich von Berenberg ist betrübt darüber, dass das Interesse in Deutschland nachgelassen hat. Zur Zeit des lateinamerikanischen Booms habe auch Spanien profitiert, doch mittlerweile hat der Berenberg Verlag nur noch den ibizenkischen Schriftsteller Vicente Valero im Programm. Von ihm brachte er letztes Jahr die europäischen Reiseerzählungen Schachnovellen heraus, im August folgten die Krankenbesuche bei alten Bekannten auf Ibiza. Berenberg selbst ist begeistert von der neuen spanischen Literatur. Er ist ganz angetan von der Stimmung auf dem Festival – und optimistisch, dass die Spanier*innen auch in Frankfurt für Begeisterung sorgen. Sesé, die wiederum begeistert vom deutschen Verlagswesen ist, hofft auf weitere Übersetzungen nach der Buchmesse. Die Vorfreude ist groß. Sie fährt schon seit vielen Jahren nach Frankfurt, doch dieses Jahr ist es etwas Besonderes. „Das wird ein Fest!“

Bibliografie

Kiko Amat, Träume aus Beton (Heyne Hardcore 2022)
Fernando Aramburu, Die Mauersegler (Rowohlt 2022), Patria (Rowohlt 2018)
Bernardo Atxaga, Ein Mann allein; Obabakoak oder Das Gänsespiel (beide Unionsverlag 2022)
Eva Baltasar, Permafrost (Trabanten, in Vorbereitung)
Javier Cercas, Die Erpressung (S. Fischer 2022)
Najat el Hachmi, Am Montag werden sie uns lieben (Orlanda 2022)
Sergio del Molino, Leeres Spanien (Wagenbach 2022)
Berna González Harbour, Goyas Ungeheuer (Pendragon 2022)
Javier Marías, Tomás Nevinson (S. Fischer 2022)
Juan Marsé, Der zweisprachige Liebhaber (Wagenbach 2022)
Inés Martín Rodrigo, Las formas del querer (nicht übersetzt)
Olga Merino, La forastera (nicht übersetzt)
Sara Mesa, Eine Liebe (Wagenbach 2022)
Cristina Morales, Leichte Sprache (Matthes & Seitz 2022)
Marta Orriols, Sanfte Einführung ins Chaos (dtv 2022)
Carme Riera, Te deix, amor, la mar com a penyora (nicht übersetzt)
Manuel Rivas, Der Bleistift des Zimmermanns (Suhrkamp 2000)
Isaac Rosa, Glückliches Ende (Liebeskind 2021); Lugar seguro (nicht übersetzt)
María Sánchez, Land der Frauen (Blessing 2021)
Elvira Sastre, Eines Tages werde ich mich selbst retten; Die Tage ohne dich (beide Thiele 2022)
Ana Iris Simón, Mitten im Sommer (Hoffmann und Campe 2022)
Irene Solà, Singe ich, tanzen die Berge (Trabanten 2022)
Vicente Valero, Krankenbesuche (Berenberg 2022); Schachnovellen (Berenberg 2021)
Manuel Vilas, Was bleibt, ist die Freude (Berlin 2022); Reise nach Ordesa (Berlin 2020)

Das literarische Programm des Gastlandauftritts ist hier zu finden. 

Die Autorin dankt den BIBLIOTEQUES DE BARCELONA für die Unterstützung bei der Recherche. Das Beitragsbild von Davide Pellegrini zeigt die Biblioteca Gabriel García Márquez.

Transparenzhinweis: Mirjam Ziegler istauf Einladung der Frankfurter Buchmesse nach Barbastro gereist, die die Veranstaltungen mitorganisiert hat. Die Reise wurde vom spanischen Kulturministerium gefördert. Das hat keinen Einfluss auf ihre Darstellung.