Kategorie: Feuilleton

Nordsee statt Lebensveränderung – Über Tourismus und seine intellektuelle Betrachtung

von Matthias Warkus

Wir waren im Juli eine Woche in Ostende. Der Urlaub war so schön, dass ich Hemmungen habe, eingehend im Netz darüber zu schreiben, weil ich befürchte, dass jemand deswegen ebenfalls nach Ostende fahren und dann enttäuscht sein könnte. Deswegen geht es in diesem Text auch wenig um diesen konkreten Urlaub, sondern um Urlaubsreisen allgemein. Nicht um Geschäfts- oder Bildungsreisen, sondern um den ganz handelsüblichen Urlaub, wie er klassischerweise z.B. eben an einen Strand wie den von Ostende führt.

2019 unternahmen in Deutschland ziemlich genau 55 Millionen Menschen 70 Millionen Urlaubsreisen von fünf oder mehr Tagen. Dazu kommt noch eine erkleckliche Anzahl von Kurzurlauben (2–4 Tage). Es ist gar nicht so leicht herauszufinden, wie viele Menschen in Deutschland nie in Urlaub fahren, weil man bei entsprechenden Recherchen immer auf Zahlen dazu stößt, wie viele sich keinen Urlaub leisten können, was impliziert, dass eigentlich alle in Urlaub fahren, die das können. Das stimmt auch beinahe: 85,5 % der Bevölkerung können sich einen Urlaub leisten. Der Anteil der Bevölkerung, der reist, beträgt nach Branchenangaben 78,2 %. Das heißt: 91,5 % derer, die es können, verreisen. Wenn die Verteilung bei denen, die es sich nicht leisten können, genauso ist, sind wir also bei 91,5 % zumindest potenziell urlaubender Bevölkerung und 8,5 % absichtlich Nichtreisenden.

Nun steht aber z.B. in einem unlängst erschienen Meinungsbeitrag bei DLF Kultur:

Nach gut zweihundert Jahren Gequengel über Reisende sind wir wenig originell, wenn wir Touristen das Menschsein absprechen. Wir rümpfen auch unsere Nasen und nutzen das als Distinktionsmerkmal, wie es einst die Aristokraten taten als erst wohlhabende Bürger und schließlich, ach du Schreck, die Arbeiter auf Reisen gingen: Sich erholen wollten.

Das »Wir«, für das Anne Backhaus hier spricht, ist vermutlich kein Wir, das sich ausschließlich aus den 8,5 % Nichturlaubenden rekrutiert. Es ist ein Wir, das selbst aller Wahrscheinlichkeit nach regelmäßig verreist, aber auf Urlaubende herabschaut. Diese Haltung ist im deutschsprachigen Medienbetrieb so verbreitet, dass man mit zwei, drei einfachen Suchanfragen problemlos haufenweise Texte dazu auffinden kann. Nur drei Zitate: »Massentourismus zerstört alles Fremde« (NZZ 2019), »Sich alle paar Tage mal irgendwo von der AIDA auskotzen lassen, das [ist] kein Reisen« (ZEIT 2022), »Reisen [ist] heute allgemein nicht mehr […] als ein Akt egoistischer Unvernunft, der zerstört, was zu liebkosen er vorgibt« (ZEIT 2020). Der zuletzt zitierte Beitrag von Nils Erich und Johannes Schneider versteigt sich sogar zu der Aussage: »Reisen ist das neue Rauchen. Nur tausendmal gefährlicher, für eine viel größere Zahl von Menschen.«

Das ist natürlich Unsinn. Rauchen tötet nach Schätzungen der WHO jährlich über acht Millionen Menschen. Hätten Erich und Schneider Recht, wäre die Menschheit nach einer gut gebuchten Hauptsaison ausgelöscht. Wie kommt man nun dazu, so entgrenzt apokalyptisch über die Tätigkeit des Reisens zu reden? Man könnte vermuten, es ginge beim üblichen Diskurs über die Schrecken des Urlaubens vor allem um Umweltfragen, um Emissionen und Landschaftszerstörung (Tourismus verursacht z.B. immerhin 8 % des weltweiten CO2-Ausstoßes, fast so viel wie die Landwirtschaft). Das ist aber gar nicht der Schwerpunkt der Kritik. Sie dreht sich um Anderes. Das braucht einen nicht zu wundern, geht es doch beim Urlaubmachen um eine Tätigkeit, die man zumindest in Deutschland mit einer Wahrscheinlichkeit von über 90 % selbst betreibt oder zumindest gerne betriebe, weswegen es wichtig ist, sich die Tür dafür weiter offen zu halten. Man hat auch den Eindruck, dass gerade jene, die gegen das Reisen anschreiben, nicht unbedingt weniger unterwegs sind. Valentin Groebner, der ein ganzes pessimistisches Buch über Tourismus geschrieben hat, erwähnt in einem Radiointerview mehrfach, dass er selbst sehr viel reise.

Dieses Interview bietet ein klares Indiz dafür, was das eigentliche Problem der zum Genre gewordenen Tourismusklage ist: Es wird von Anfang an und durchweg, ohne irgendeinen Zweifel, unterstellt, dass alle, die in Urlaub fahren, dort etwas Einzigartiges, Unberührtes, Lebensveränderndes suchten: einen Strand, den noch niemand gesehen habe, eine Gegend, in der man nicht unter Seinesgleichen sei.

Damit komme ich zurück zu Ostende. Urlaub in Ostende ist das exakte Gegenteil zu einem Aufenthalt in einer unberührten Gegend voller gänzlich Fremder. Ostende ist seit zirka 200 Jahren eine Tourismusdestination und hat einen klangvollen Namen, auch wenn nahezu immer im selben Atemzug mit ihm erwähnt wird, seit den mondänen Zeiten vor dem Zweiten Weltkrieg sei das Seebad etwas heruntergekommen. Ich glaube, dass man davon ausgehen kann, dass die erdrückende Mehrheit der knapp 500 000 Übernachtungsgäste, die die Stadt 2019 hatte, nicht davon ausgingen, dort etwas Neues, Ungekanntes zu erleben. Vielleicht wollten sie sogar gerade nichts Neues erleben. Am Strand zu liegen und dort Wolken, Wellen und andere Badegäste anzuschauen, wird für mich nicht langweilig, und wenn, dann gibt es an einem Badeort tausend andere Dinge, die man tun kann, die aber allesamt genauso wenig neu sein müssen. Gerüchtehalber bin ich nicht der einzige Mensch, der so empfindet. Sich erholen, aus dem Alltag herausfallen, versonnen sein, faul herumhängen und es sich gutgehen lassen sind in keiner Weise innovationsbedürftige Modi des Zeitverbringens.

Die Unterstellung der Tourismus-Kulturkritik ist nun aber, dass im Urlaub existenzielle Erfahrungen machen zu wollen (am besten in Wildnis und Fremde) mit Urlaubmachen selbst identisch sei. So sagt Groebner in seinem Interview, »wir« hätten die Vorstellung, »etwas zu verändern«, indem »wir« nach Thailand flögen. Der Klappentext seines Buchs spricht davon, die Milliarden, die jedes Jahr touristisch reisten, seien auf der »Suche nach der Schönheit« und nichts Geringerem als »der großen Wiedergutmachung des eigenen Lebens«. Erich und Schneider widmen sich über längere Strecken der Dekonstruktion eines »kosmopolitisch« motivierten Reisens, sie gehen gleich von einem Milieu aus, das auf »das plebejische Urlaubmachen« der Massen herabschaue und sich die Reise über höhere, aber zum Scheitern verurteilte Vorstellungen von interkultureller Verständigung und Horizonterweiterung legitimiere.

Beides läuft letztlich auf dasselbe hinaus: Man unterstellt entweder der Masse der Tourist*innen wahnhaft-unrealistische Motive – wer käme darauf, eine Woche belgische Nordseeküste könnte seinen interkulturellen Horizont lebensverändernd erweitern, gar sein Leben wiedergutmachen (also: in einem ernst gemeinten Sinne und nicht bloß so, wie wenn jemand twittert, eine besonders gute Grillmarinade habe »ihn Gott sehen lassen«)? Oder man schließt, wie so oft im kulturkritischen Feuilleton, die breite Masse eigentlich aus und beschränkt die Betrachtung auf ein schmales Milieu, spricht mit einem »Wir alle« dann letztlich doch nur für die paar zehntausend Kulturbetriebsmenschen, die den Bildungshintergrund sowie die Ressourcen haben, passmanneske Geschmacksreflexion zu betreiben, und unter dem diskursiven Druck stehen, der sie dazu veranlassen kann.

Meine boshafte Vermutung zu Texten wie dem von Erich und Schneider (aber beileibe nicht nur zu diesem) ist, dass das Klimathema ihren Verfasser*innen geradezu zupass kommt, um das kulturell-geschmacklich »Falsche« am Urlaub noch damit zu hinterlegen, dass Urlaub eben auch physisch-ökologisch falsch sei. Ob das dem Planeten am Ende guttut? Die materielle Frage, wie die ökologischen Probleme, die Tourismus verursacht, tatsächlich gelöst werden können, verschwindet ja mehr oder minder hinter dem ideellen Missstand, dass die existenziell verlogene Praxis des Reisens noch nicht zur Gänze abgeschafft wurde. (Diese Denkfigur hat natürlich bis mindestens zu Enzensberger und der frühen kritischen Theorie zurückgehende Wurzeln, das sei hier nur erwähnt, damit sich niemand bemüßigt fühlt, mich darauf hinzuweisen.) Dass es mittlerweile eine popkulturelle Binsenweisheit geworden ist, ausgerechnet Kreuzfahrten seien die schädlichste Art von Reisen, obwohl bei einer Rucksackreise nach Vietnam bereits der Hin- und Rückflug dreimal so viel CO2 verursacht wie eine einwöchige Mittelmeerkreuzfahrt, ist ein weiterer Hinweis darauf, dass es in diesem Diskurs um die Umwelt höchstens in zweiter Linie geht.

Das 90er-Jahre-Konzept »Sanfter Tourismus« kommt in keinem der zitierten Texte überhaupt noch vor: Tourismus ist eben aus kulturellen Gründen immer falsch, sei er ökologisch noch so vertretbar. Wenn er überhaupt noch zu rechtfertigen ist, dann nur aus Gründen, die so sehr individuell sind, dass sie selbst den angeblich universellen falschen Wunsch nach Ausbruch, Schönheitserleben und Wiederganzwerden übersteigen – dann legitimieren sie aber sogar, dass Raphael Thelen mit einem dreizehn Jahre alten Dieselbus durch die Welt brummt, solange eben ein »Essay« über seine Gewissensbisse dabei herausspringt.

Wie wäre es also, wenn all die Tourismuskritik letztlich nichts als Distinktion wäre, rationalisierte Abgrenzung zunächst von der Masse und ihren unfeinen Konsumpraktiken, dann aber wiederum Abgrenzung von der Abgrenzung, nämlich von der sich bereits davon distinguierenden »höheren Masse« der Backpacker und Vanlifer? Nichts als eine neue Tretmühle für den auf Bildungseliten des 18. Jahrhunderts zurückgehenden Imperativ, das »Abgeschmackte« zu vermeiden und in einem sich stets erneuernden, kreativen Lebensstil Individualität zu entwickeln? Geschichtsblind auch gegenüber der Tatsache, dass gerade die konsumierende Masse der »kleinen Leute« in der Moderne Internationalität und Horizonterweiterung vorantrieb (hierauf hat Bodo Mrozek hingewiesen)?

Das mag alles so sein. Man könnte außerdem annehmen: dass a) die Motive für eine Urlaubsreise den Reisenden selbst – unabhängig von Art der Reise und sozialem Hintergrund der Reisenden – in der Regel transparent sind und daher nicht zwangsläufig und massenhaft enttäuscht werden, weder am Nordseestrand noch beim Backpacken in Thailand; dass b) eine Tätigkeit nicht schon allein dadurch im Wert sinkt, dass viele andere sie ebenfalls ausüben; und dass c) die Wertungen, die wir an Tourismus herantragen, objektiv und empirisch gegründet sein sollten, nicht auf Unterstellungen über den Eigenwert von Lebensstilen. Wenn man das tut, dann landet man bei dem Schluss, dass man die ökologischen und sozialen Verheerungen, die Tourismus anrichtet, unbedingt kritisieren und bekämpfen sollte – nur eben als materielle Tatbestände und nicht als Epiphänomene von etwas, das man aus letztlich metaphysischen Gründen als stets schon irgendwie widerwärtig betrachtet. 

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Ein bürgerliches Trauerspiel – Über Familienbilder und Abtreibungsverbot

von Isa Hoffinger

Die Literatur und das Leben sind voller familiärer Konflikte: Brudermorde, Inzeste, Seitensprünge. Dennoch glauben viele Menschen an das Märchen von der heilen Familie. Auch einige Argumente von Abtreibungsgegnern in der aktuellen Debatte basieren darauf. Warum hält sich dieser Mythos so hartnäckig?

Murphy Brown war schuld. Zumindest aus der Sicht von James Danforth Quayle. Im Frühsommer 1992 schimpfte der damalige US-Vizepräsident über die Hauptfigur der gleichnamigen Sitcom: „Es hilft uns nicht, wenn Murphy Brown, eine Figur, die repräsentativ für die intelligenten und gute bezahlten Frauen der Gegenwart ist, zur Primetime über die Relevanz von Vätern spottet, indem sie ein Kind alleine zur Welt bringt und das als Frage des Lebensstils bezeichnet.”

Wie die Soziologin Christine Zimmermann zeigt, gehörte Murphy Brown zu den beliebtesten und langlebigsten US-Serien. 247 Folgen wurden von 1988 bis 1998 ausgestrahlt. Die Protagonistin war eine zuweilen recht sture, aber erfolgreiche Reporterin. Ihr Vergehen bestand, so sah das offenbar der Republikaner und spätere Trump-Unterstützer James Danforth Quayle, in ihrem Versuch, ihre Berufstätigkeit mit ihrer Mutterrolle zu vereinbaren.

Interessant ist, wie stark Quayles wütender Kommentar damals verfing. Nach seiner Aussage vor dem Commonwealth Club of California gab es eine öffentliche Debatte über die angebliche Krise der Familie, schlimmer noch, über den moralischen Verfall der ganzen Gesellschaft. Wer glaubt, das seien die 1990-er gewesen und heute, dreißig Jahre später, sei alles akzeptiert, Alleinerziehende, LGBT-Eltern, Reproduktionsmedizin, täuscht sich.

Von der Pille zu Roe vs. Wade

Inzwischen pochen Biolog*innen wieder auf die Zweigeschlechtlichkeit, was Vorurteile gleichgeschlechtlichen Paaren gegenüber verstärkt und Abtreibungsgegner behaupten neuerdings abermals, Schwangerschaftsabbrüche verstießen gegen das natürlichste aller Gefühle: Die biologisch begründete Mutterliebe, die die französische Feministin Elisabeth Badinter im Jahr 1980 schon als Mythos entlarvte. Warum nur wird das Rad der Zeit gerade derartig zurückgedreht?

Fast immer, wenn es gesellschaftliche Spannungen gibt, wird die Familie dafür verantwortlich gemacht. Dass Ursachen für Unzufriedenheiten aller Art in der Familie verortet werden, liegt auch daran, dass die Entstehung der Kleinfamilie von Beginn an mit hohen Erwartungen an Glück, Erfolg, Selbstverwirklichung verknüpft war. Scheitern persönliche Träume oder die Ambitionen bestimmter Gruppen, sind nicht etwa die eigenen Ansprüche zu hoch und ist nicht etwa die Politik schlecht. Nein, die Familie ist dann „in der Krise“. Vom Zerfall der moralischen Institution Familie sprechen darum auch die Verfechter*innen der neuen Abtreibungsverbote so gerne.

Gewalt in der Ehe war bis 1997 straffrei

Dass der Aufschrei gegen die Entscheidung des Supreme Court in den USA im Moment unüberhörbar ist, ist mehr als verständlich. Für das Recht, über ihren Berufswunsch, ihr Leben und ihren Körper selbst zu bestimmen, mussten Frauen hart kämpfen. Noch bis 1997 galt etwa in Deutschland nur der erzwungene außereheliche Geschlechtsverkehr als Straftat. Nötigte ein Ehemann dagegen seine eigene Frau zum Sex, hatte er juristisch nichts zu befürchten. Wie viele ungewollte Schwangerschaften Folgen von Vergewaltigungen waren und sind, wissen wir nicht.

In den 1960er und 1970er Jahren verursachten zwar zuerst die Anti-Babypille und später dann die höchstrichterliche Entscheidung zur Abtreibung im Fall Roe vs. Wade in den Vereinigten Staaten einen nachweisbaren Rückgang von Schwangerschaften, aber weder die Pille noch die Richter konnten sexuelle Gewalt aus der Welt schaffen. Warum so selten über Vergewaltigungen durch Angehörige gesprochen wird und die Dunkelziffer bis heute so hoch ist, hat auch mit einem Familienleitbild zu tun, das seit seiner Entstehung absolut unrealistisch war.

Die weibliche Tugend als Waffe im Kampf um den Aufstieg

Die Familie ist eine der ursprünglichsten Formen menschlicher Gemeinschaft. Konstitutiv für diese Sozialform ist, soziologisch gesehen, die Zusammengehörigkeit von mindestens zwei Generationen, die in einer Eltern-Kind-Beziehung zueinander stehen. Ob es nur einen Elternteil gibt, der im Haushalt mit dem Nachwuchs zusammenlebt oder zwei, das spielt, zumindest für die familiensoziologische Definition, glücklicherweise heute keine Rolle mehr. Die Tatsache, dass es heterosexuellen menschlichen Sex gibt, hat zu der Annahme geführt, dass die Familie eine Naturkonstante sei. In Wirklichkeit ist sie eine historisch determinierte Lebensform, deren Entwicklung eng mit dem Wandel sozioökonomischer Verhältnisse verknüpft ist.

Diverse Vergesellschaftungsprozesse haben sich an familialen Strukturen orientiert. Dies wird an der Übertragung von Verwandtschaftsbegriffen auf andere soziale Systeme deutlich. So beeinflusste das Bruderschafts-Modell einige kollektive Organisationsformen, von den frühmittelalterlichen Kaufleute- und Handwerkergilden bis zur Arbeiterbewegung um 1900. Umgekehrt haben wirtschaftliche und politische Prozesse zur Herausbildung spezieller Familientypen geführt und sogar die Binnenstruktur bestehender Familienformen verändert, wie eine Entwicklung im 17. Jahrhundert zeigt: Mit der Inanspruchnahme der Landesvater-Position durch den absolutistischen Herrscher lässt sich, das zeigen familiensoziologische und sozialhistorische Studien, auch eine Zunahme an väterlicher Autorität in der Familie nachweisen. Die Familie war damals ein Abbild gesellschaftlicher Strukturen. Sie war schon immer eine variable Sozialform und keineswegs eine natürliche, stabile oder gar gottgewollte Form des Zusammenlebens.

Pro-Life-Anhänger, Geistliche und Republikaner rekurrieren nichtsdestotrotz unbeirrbar auf ein überholtes Familienleitbild, das im 17. Jahrhundert entstand. Damals entwickelte sich das bürgerliche Familienmodell, ein ideologisches Konstrukt, zu dem auch die sogenannten Geschlechtscharaktere gehörten, die die Historikerin Karin Hausen erforscht hat. Frauen sollten angeblich von Natur aus sanft und ruhig sein, Männer tatkräftig und mutig. Das ließ eine Rollenteilung plausibel erscheinen. Hinter diesem Familienmodell, das der Frau die innerhäusliche Sphäre und dem Mann die außerhäusliche Sphäre zuwies, standen zum einen reale Erfordernisse der damaligen Zeit: Es gab nach und nach weniger sogenannte große Haushaltsfamilien als Produktionsgemeinschaften, etwa in der Landwirtschaft. Die Erwerbsarbeit fand also nicht mehr zuhause statt und wurde von der Privatsphäre getrennt. Aber auch politische Ziele des sogenannten höheren Bürgerstandes, einer Gruppe, die sich aus Gelehrten, Künstlern, Kaufleuten, Unternehmern, höheren Beamten zusammensetzte, steckten hinter der Entstehung dieses Familienmodells.

Der Ursprung des Amerikanischen Traums

Seit dem 17. Jahrhundert wird die sogenannte Kernfamilie mit maximal zwei Generationen als Keimzelle der Gesellschaft betrachtet. Daran hat sich bis heute kaum etwas geändert. Noch im Jahr 2013 setzte der Schweizer Rotary Club einen Ausspruch des Berner Dichters Jeremias Gotthelf als Motto auf seine Webseite: „Im Hause muss beginnen, was leuchten soll im Vaterland“. Jeremias Gotthelf hieß in Wirklichkeit Albert Bitzius, war im Hauptberuf Pfarrer und lebte von 1797 bis 1854.

Die Grundlage des bürgerlichen Selbstverständnisses war im 18. Jahrhundert das Vertrauen auf die Leistungsfähigkeit, das sich auch heute noch im Amerikanischen Traum spiegelt. Die gesellschaftliche Position sollte, im Gegensatz zur Ständegesellschaft, kein Geburtsrecht mehr sein, sondern das Ergebnis persönlicher Fähigkeiten, die zu erwerben prinzipiell jedermann möglich sein sollte. Dieser Gedanke impliziert ein bestimmtes Menschenbild, demzufolge alle Menschen autonome, selbstverantwortliche Individuen sind. In diesem Zusammenhang ist neben der Französischen Revolution der Einfluss der philosophischen Anthropologie von Bedeutung, die sich seit dem Humanismus und der Reformation entwickelte. Sie erhielt von Kant und Hegel entscheidende Impulse, etwa durch Hegels Theorie über die Konstitution des Selbstbewusstseins durch den Kampf um Anerkennung, die als prototypische soziologische Subjekttheorie bezeichnet wird. Sasa Josifovic hat dazu eine lesenswerte Arbeit vorgelegt.

Jeder ist seines Glückes Schmied

Das neue Leistungsprinzip setzte Werte voraus, die in der Familie ausgebildet werden sollten. Darum wurde die Familie auch so wichtig. Mit ihrer Hilfe sollten die Bürgerskinder Tugenden entwickeln und Kenntnisse erwerben, die im Wettstreit mit dem Adel von Vorteil waren: Selbstbeherrschung, Fleiß, Arbeitsethos. Eine wichtige Rolle spielte der Wert der Innerlichkeit, der durch den Protestantismus verbreitet wurde und der auch von den Evangelikalen in den USA heute noch gepredigt wird. Erst die Konzentration auf das durch den Protestantismus vermittelte Bewusstsein von Sündhaftigkeit ließ das Gewissen zu einer mächtigen Kontrollinstanz werden. Nicht nur das Scheitern beruflicher Ambitionen, auch das Abdriften in einen lasterhaften Lebenswandel konnte so der Familie zugerechnet werden.

Die bürgerlichen Familien mit ihren tugendhaften Töchtern wurden in der Literatur wie im Leben zu Sinnbildern einer neuen Sittlichkeit, die im Gegensatz zu den sexuellen und materiellen Ausschweifungen des Adels standen. Das machte die Bürger moralisch wertvoller und den Adel minderwertiger. Wurde eine Bürgerstochter von einem Adeligen verführt, bedeutete das also nicht nur persönliches Leid, sondern auch einen Rückschritt im Kampf um Gleichberechtigung der Bürger. Lessings „Emilia Galotti“ thematisiert das beispielsweise.

Die Ehe- und Familienlüge

Um 1900 und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts kam es zu einem rasanten Wandel der Lebensbedingungen in einer Welt, die seit dem Siegeszug der Industriellen Revolution immer komplexer wurde. Die Modernisierung rief Emotionen des Unbehagens hervor. Hinzu kam, dass das Individuum aufgrund von Rationalisierung und Technisierung die Möglichkeit der Selbstvergewisserung verlor. Sein Kapital war nicht mehr die eigene Leistung, sondern mittlerweile eher der Einsatz von Maschinen. Während Angehörige des Großbürgertums, also etwa Fabrikbesitzer, die Gewinner der Industrialisierung waren, verarmte die Arbeiterschaft. Das sogenannte Kleinbürgertum resignierte. Die Schere zwischen Arm und Reich begann zwar nicht erst zu jener Zeit, auseinanderzugehen, aber die Enttäuschung vieler Kleinbürger, den Aufstieg trotz aller Anstrengungen nicht schaffen zu können, mündete in einen Rückzug ins Private, und der Frust war so stark, da die Hoffnungen auf das Vorwärtskommen durch eigene Kraft vorher so groß waren. Statt überkommene Moralvorstellungen einfach über Bord zu werfen und sich einzugestehen, dass das Familienmodell nur ein unerreichbares Ideal gewesen war, klammerte man sich daran wie Ertrinkende an einen Rettungsring. 

Der Institution Familie gelang es um 1900 in Europa kaum noch, Werte zu vermitteln, die die Welt durch konkrete Sinnzuweisungen erfahrbar machen konnten. In der Literatur spiegelt sich das in Gerhart Hauptmanns Familiendramen oder im expressionistischen Schauspiel, etwa in „Vatermord“ von Arnolt Bronnen. Die Kinder begannen, zu rebellieren. Sie warfen der Familie eine Verlogenheit vor, die nur vor dem Hintergrund zu verstehen ist, dass die Familie zuvor so enorm aufgewertet worden war. Zeitgenossen sprachen nun erstmals von einer „Krise der Familie“, die sich in der Literatur manifestiere. Im Grunde ist das auch der Zustand, in dem sich die moderne Familie bis heute befindet. 

Die Verlierer des Digitalkapitalismus

Der Prozess einer beschleunigten Veränderung ist auch jetzt, seit den Nullerjahren, wieder zu beobachten. In den USA hat der Digitalkapitalismus zu viel Unsicherheit bei Menschen geführt, die im Handwerk oder im klassischen Dienstleistungssektor beschäftigt sind. Ein Job reicht vielen nicht mehr zum Überleben. Durch die Pandemie wurde die Wirtschaft zusätzlich geschwächt. Und scheinbar ist es nun, auch vor dem Hintergrund der verlorenen Wahl von Trump, wieder einmal oder immer noch die intakte Familie, die für Ordnung sorgen und alles ins Lot bringen soll, was politisch schieflief.

Auf Kosten von Mädchen und Frauen gehen Republikaner auf Stimmenfang, fällen Richter*innen nun wieder Urteile. Nicht nur in den USA, auch in Polen. Institutionen, etwa Gerichte, brechen nicht nur, und das ist das Tragische, den moralischen Stab über Frauen, die ungeplant oder ungewollt schwanger sind, sondern sie sorgen darüber hinaus dafür, dass Frauen, auch wenn sie Opfer von Vergewaltigungen sind, doppelt bestraft werden. Mit der eigenen Scham und mit dem Gefängnis.

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Gefangen in der Fiktion – Jan Ullrich als tragischer Held

von Anne Rabe

Die Tour de France ist die beste Geschichte der Welt.

Das jährliche Radrennen durch Frankreich wurde erfunden, um große Dramen von Sieg und Niederlage zu erzählen. Der Verleger Henri Desgrange initiierte diese Urmutter der Grand Tours am Anfang des 20. Jahrhunderts, mit dem Ziel, den Verkauf seiner Sporttageszeitung „L‘Auto-Vélo“ anzukurbeln. Seitdem gestaltet die sportliche Leitung jedes Jahr einundzwanzig einzelne, sehr unterschiedliche Rennen, die als Etappen zu einem über knapp vier Wochen andauernden Rennen zusammengefügt werden.

Ich erinnere mich noch gut an die erste Tour de France, die ich verfolgt habe (und die den Anstoß dafür gab, dass ich auch diesen Sommer wieder vor dem Bildschirm sitze). Das war vor 26 Jahren, als ein Däne mit hoher Stirn, an der die Adern auf seiner knallroten Haut hervortraten, auf einem pinken Fahrrad im gelben Trikot über die Berge rauschte. Dieser Däne hieß Bjarne Riis, aber schon damals sprachen viele deutsche Kommentatoren vor allem von dem Rennfahrer, der an seiner Seite Zweiter wurde und bei dem es immer so aussah, als käme er neben Riis kaum aus der Puste, könnte ihn mühelos abhängen und würde ihm nur aus Höflichkeit und Teamraison den Vortritt lassen. Dieser Zweitplatzierte war der Teamkollege des Toursiegers von 1996 – Jan Ullrich.

Die Tour de France gehört seit Jahrzehnten zu den größten Sportereignissen der Welt und in Deutschland explodierte das Interesse nach dem fabelhaften Doppelsieg des deutschen Teams Telekom im Jahr darauf. Deshalb kennen wohl auch die meisten Menschen den Namen Jan Ullrich, selbst, wenn sie keinen Drang danach verspüren, sehnigen Waden stundenlang durch französische Maisfelder pedalieren zu sehen.

1997 schaffte er das, was alle Welt von ihm erwartete und von da an immer wieder erwarten würde. Jan Ullrich gewann als erster Deutscher die Tour de France und bei ihm sah es aus, als wäre es das einfachste der Welt.

Wenn es mir mal nicht so gut geht, habe ich meine Happy Places im Internet. Interviews mit Thomas Bernhard gehören dazu, sämtliche Folgen von „Hallo, Onkel Doc“ und „Jan Ullrich storming Andorra“.

Ein Jahrzehnt in Magentarot

Mit seinem Triumph besiegelte der junge Rostocker aus sportlicher Sicht auch irgendwie die Wiedervereinigung. Denn Ende der 90er, so kurz vor der Jahrtausendwende, hoffte man, diese ganze DDR-Sache würde bald verschwinden. Man guckte auch lieber nicht so genau hin, was dann deutlich wurde, als gut 20 Jahre später diese Aufbruchszeit unter dem Hashtag #baseballschlägerjahre zurück auf die inneren Leinwände geholt wurde.

Aber 1997 war das auf der medialen Oberfläche noch kein Thema. Die 90er Jahre strahlten auch Dank Ullrich in Magentarot. Die Deutsche Telekom AG hatte sich die Farbe als Marke registrieren lassen und startete mit diesem Design in eine neue Zeit, in der die Zukunft möglichst schnell zur Gegenwart werden sollte.

Ein Moderator von SternTV kündigt 1997 in der Sendung einen Videobeitrag über zwei Schüler mit Unternehmergeist an: „…denn sie gehen noch zur Schule, sehen aber schon aus wie die Titelmodels vom manager Magazin und ich glaub, sie finden das auch richtig und gut so“. Einer der beiden bekennt sich zur FDP und bindet mit seinem Arbeitsmotto den Sendebeitrag ab: „Ran an die Arbeit, Arbeit bewältigen, Probleme sind nur dornige Chancen.“

Im Sommer ´97 verkaufte die Telekom-AG seit etwa einem halben Jahr ihre “Volksaktie” und machte so mit Hilfe des charmant schnoddrigen Ossis Manfred Krug aus Kleinsparern Aktionäre.

„Die Telekom geht an die Börse, da geh ich mit.“

Sie würde bald das Internet und damit die ganze Welt in deutsche Arbeits- und Kinderzimmer bringen.

Die leuchtenden Farben entsprachen dem neuen Lebensgefühl nach dem Ende der Geschichte. Eine kräftige Sommerhitze war noch keine Bedrohung, sondern die Verheißung auf großartige Ferien. Frauen waren Girls, deren Power vor allem als Spruch auf ihren T-Shirts prangte. Die jugendliche Technokultur explodierte in einer immer größer werdenden Love-Parade, die vom spießigen Ku’Damm in den Tiergarten zog. Durch die Hauptschlagader der zusammenwachsenden Metropole floss Ecstasy und eine fröhlich stampfende Generation ohne politische Botschaft, die sich selbst genug war.

Und Ullrich, so betonte man, das sei der erste richtige gesamtdeutsche Sportstar. Weil er so jung war, hätte er zwar eine gute sportliche Ausbildung in der DDR genossen, aber eben mit der ganzen Politik nichts zu tun gehabt. Der Sohn einer alleinerziehenden Mutter aus der Rostocker Platte, der in seiner Wahlheimat im Schwarzwald zum Profi gereift ist. Allen gehörte ein Stück von ihm. Alle waren seine Heimat, hatten ihn unterstützt und nannten sich seine Familie.

Unser Ulle!

„Dreh dich nicht um, Jan“, erinnere ich den Kommentar des Sportreporters, „das hast du nicht nötig“. Und ich weiß noch, dass ich das damals schon komisch fand. Aber egal: Zieh!

Alles kommt zurück. Aus den Zimmern meiner Kinder dröhnen Backstreet Boys neben Tiktok-Sounds, Seitenscheitel werden gezogen, den Tops fehlt Stoff am Bauch. Die Loveparade ist zurück auf dem Ku’Damm, Ecstasy heißt MDMA und der Boy aus SternTV ist unser Finanzminister, der das mit den Volksaktien als Aktienrente wieder aufleben lassen will. Vielleicht ist das alles eine logische Schleife in der kreisenden Geschichte, vielleicht aber auch Ausdruck einer Sehnsucht nach diesem Zustand einer Gesellschaft, die vieles noch nicht wissen musste und dafür sehr viel glauben und hoffen durfte.

Meine Kinder verdrehen die Augen, während ich ihre Musikauswahl damit kommentiere, dass dieses oder jenes schon im meiner Jugend…

Fuck! Gäbe es die Pandemie nicht, vielleicht wäre ich (natürlich ironisch) jetzt am Wochenende auf einer Ü30 Party.

Im Kopf des Radfahrwunders?

Auch Jan Ullrich ist zurück, denn sein Triumph auf der Champs-Élysées jährt sich nun zum 25. Mal. Ein Jubiläum, das medial begleitet werden muss, das ist die Logik des Betriebs. Pünktlich zum Start der diesjährigen Tour de France startete die ARD eine fünfteilige Dokuserie unter dem Titel „Being Jan Ullrich“. Darin zeichnen Ole Zeisler und Uli Fritz den Werdegang des Sportstars noch einmal nach. Von seinen Anfängen in Rostock, über die sportlichen Erfolge, die Rivalität zu Lance Armstrong, über die Dopingskandale, die Suchtproblematik und die allmähliche Gesundung des Helden.

Dabei verrät bereits der Titel, dass es wohl um mehr als nur Wattzahlen, gelbe Trikots und nicht eingehaltene Diätpläne gehen soll. „Being Jan Ullrich“ möchte ein Psychogramm sein, möchte hineinblicken in den Kopf dieses Radfahrwunders und verstehen…

Ich möchte das kaum schreiben, so falsch finde ich das alles.

…verstehen, warum Jan Ullrich gescheitert ist.

Jan Ullrich war nämlich nie ganz weg. Er tauchte immer mal wieder in den Medien auf. Zunächst noch in der Sportberichterstattung, als es um die Dopingaffären der 00er Jahre ging und dann zunehmend in den Boulevardmedien. In den 2010er Jahren wurden seine Schlagzeilen von alkoholisierten Autofahrten dominiert, von Drogenexzessen, Gewalt gegen eine Prostituierte und den dazugehörigen Gerichtsverfahren. BILD und BUNTE allen voran zeigten immer wieder Bilder eines drogenkranken Mannes, der Anfang der 2020er problemlos für eine Anti-Crystal-Meth-Kampagne hätte posieren können und „dem Tod mal wieder entronnen!“ ist.

Jan Ullrich war auch für mich eine Projektionsfläche. Nicht nur, wenn ich Trost suchte und mir nachts auf Youtube immer wieder das Video „Jan Ullrich storming Andorra“ und alles, was mir der Algorithmus dazu noch ausspuckte, angeschaut habe. Ich habe ihn immer wieder in meinen Texten benutzt. Vor allem in denen fürs Theater. Das an der Berliner Schaubühne aufgeführte Kurzstück „Das erste Stück über Martin.“ dreht sich um die Folgen des Dopingskandals, in meinem Stück „Achtzehn Einhundertneun – Lichtenhagen“ erinnern sich die Protagonisten an den Jungen auf dem Fahrrad und glauben in den Nullerjahren noch fest an Ullrichs Unschuld. Immer wieder verweisen meine Theaterfiguren auf diesen glücklichsten Moment ihrer Kindheit. Diesem Augenblick, von dem sie dachten, das geht jetzt immer so weiter. Egal welcher Berg, egal welcher Hungerast, go and get the fucking yellow jersey! Wenn Jan Ullrich die Tour de France gewinnen kann, dann kann uns alles gelingen. Unser Ulle! Unser Jan! Und immer wieder muss in meinen Texten Ullrich auch als Symbol der Enttäuschung zur Verfügung stehen, die 2006 folgte, als mit der „Operación Puerto“ der Epo-Skandal von 1998 in den Schatten gestellt und der Radsport damit endgültig so negativ aufgeladen wurde, dass selbst die Erinnerungen an die Tour von 1997 schal wurden. Sie wurden zu einer Geschichte, die man nur noch ironisch erzählen konnte. Über die alle lachten.

25 Jahre ist es also her, dass Jan Ullrich auf der 10. Etappe der Tour de France 1997 das gelbe Trikot übernahm und es bis ins Ziel in Paris tragen konnte. Es war nicht ganz der Beginn seiner Karriere, in deren Verlauf er insgesamt sieben Mal auf dem Podium in Paris stehen würde. Ein Sieg, fünfmal Zweiter, einmal Dritter. Er gewann sieben Etappen der Tour de France. Darüber hinaus auch einmal die Spanienrundfahrt, holte eine olympische Gold- und eine Silbermedaille. Dass es von der Tour de France im Gegensatz zu anderen Ausdauersport-Events keine Variante für Freizeitsportler gibt, unterstreicht diese außergewöhnliche Leistung. 

Man kann als Freizeitsportler sehr weit in kaltem Wasser schwimmen, 100km-Läufe absolvieren und mit dem Rad den amerikanischen Kontinent durchqueren, aber es gibt keine Tour de France der Amateure. Die sogenannte Königsetappe wird von Hobbyradlern im Vorfeld abgefahren, aber das ist bloß eine Etappe von einundzwanzig. Die Leistung der Radprofis in diesen drei Wochen ist nicht vorstellbar. Überhaupt die ganze Rundfahrt durchzuhalten, ist eine enorme Anstrengung. Dieses Jahr sind nach 15 Etappen, also zwei Drittel des Rennens, bereits 30 von den 176 Fahrern ausgeschieden.

Dass es anlässlich dieses historischen Sieges nun also eine Dokumentation von SWR und NDR gibt, ist verständlich. Als sie in der ARD-Mediathek zur Verfügung stand, habe ich sie direkt angeschaut. Gepackt von Pathos und Nostalgie schaute ich alle fünf Folgen am Stück. Ein bisschen so, wie ich früher die Tour de France verfolgte, gierig. Die beiden Filmautoren kennen sich aus. Ole Zeisler schreibt regelmäßig Drehbücher für die „Sportclub“-Formate der ARD, aber auch TV-DOKUS wie „Franz Beckenbauer – Der Fall des Kaisers“ oder „Uwe Seeler – einer von uns“. Uli Fritz ist inzwischen Sportchef des Saarländischen Rundfunks, der die Berichterstattung der Tour de France verantwortet und seit Jahrzehnten Teil des Radsportteams der ARD ist. Die beiden wissen also nicht nur viel über den Sport, sie wissen auch, wie man diesen erzählt.

Die Tour de France ist die beste Geschichte der Welt.

Sicherlich haben sie lange darüber nachgedacht, wie man die Geschichte von Jan Ullrich erzählt. Letztlich haben sie sich dafür entschieden, nicht die Geschichte einer großen sportlichen Leistung zu erzählen, sondern die Geschichte der größtmöglichen Niederlage, den Absturz eines Helden, die Geschichte von einem, der versagt hat und sie machen sich dabei vielleicht sogar zu Komplizen eines der größten Verbrecher, den der Radsport in den 90er und 00er Jahren gesehen hat – Lance Armstrong.

Der Protagonist als Leerstelle

Ich scrolle durch das Instagram-Profil von Jan Ullrich. Es ist leerer geworden. Er hat beinahe 80.000 Follower, seine Beiträge generieren hunderttausende Klicks. Das älteste Bild ist aus dem Oktober 2021. Dort steht Jan Ullrich hinter einem Rennrad und hat anscheinend gerade ein Training absolviert. Er strahlt in die Kamera. Unter dem Bild steht: „Ich habe mal ein wenig aufgeräumt. Im Leben und jetzt auch hier.“ Im März versteigert Ullrich ein gelbes Rennrad auf seinem Kanal, eine Sonderanfertigung für die Tour 1998 und sammelt so für Waisenkinder in der Ukraine insgesamt 40.000 Euro. Einen Tag vor dem Start der Tour de France, steht Jan Ullrich wieder in Trainingskleidung hinter einem Rennrad und spricht in die Kamera. Er wünscht den Fahrern der diesjährigen Tour alles Gute und kündigt an, diese Tour ebenfalls zu verfolgen. Außerdem bedankt er sich für das positive Feedback im Zusammenhang mit der Dokumentation in der ARD. „Natürlich habe ich mir die auch angeschaut und es hat große Emotionen in mir geweckt. Ich weiß, ich habe ein sehr intensives Leben hinter mir, mit allen Höhen und Tiefen und natürlich weckt das große Emotionen. Das könnt ihr euch sicherlich denken.“ Danach verabschiedet er sich für das weitere Training, in dem er noch einige Anstiege zu bewältigen habe.

Jan Ullrich selbst hatte offenbar mit der Entstehung der Doku-Serie nichts zu tun. Hätte man keine Ahnung von Radsport und hätte man von Jan Ullrich noch nie etwas gehört, bekäme man bei dieser Serie oft das Gefühl, dass sie sich um einen Verstorbenen dreht.

Am Ende jeder Folge gibt es einen Hinweis auf einen Podcast vom NDR – „Jan Ullrich – Held auf Zeit“. Darin unterhält sich der Sportreporter Moritz Cassalette mit einem der Filmautoren in sieben Folgen, die sinnigerweise Etappen genannt werden. Die O-Töne in dem Podcast stammen aus der Doku-Serie, aber es gibt einiges an Zusatzinformationen und wie es in Podcasts üblich ist, reflektiert der Erzähler seine Position, spricht über Schwierigkeiten der Recherche und wie diese bewältigt wurden. Hier erfährt man dann auch, dass es sich bei dem Dokumentationsmaterial, in dem Jan Ullrich auftaucht, sämtlich um Archivaufnahmen verschiedener Sender handelt, denn Jan Ullrich sei bei einer Produktionsfirma unter Exklusivvertrag und diese hatte einem Mitwirken an den ARD-Formaten offenbar nicht zugestimmt.

Aber ob er mitmacht oder nicht, Ullrich entkommt dem Portrait nicht. Es gibt so viele Aufnahmen von ihm, als Sportler, als Reiseleiter, als überführter Dopingsünder, im Drogenrausch, und als Gewalttäter – damit könnte man vermutlich auch 21 „Etappen“ Podcast oder TV-Doku bestücken, auch wenn er nie wieder etwas sagen würde. Vielleicht ist das für die Filmemacher und Podcaster – vielleicht auch für uns Zuschauer – besser. So können die Puzzlestücke beliebig zusammengesetzt werden, sodass sie zu den Statements der aussagefreudigen Interviewpartner passen. Und vor allem auch so, dass sie zu der Geschichte passen, die Armstrong erzählen möchte.

Irgendetwas stimmt da nicht, denke ich. „Wir wollen uns nicht am Leid Jan Ullrichs ergötzen. Uns geht’s einfach um die Frage, wie es soweit kommen konnte, welche Dynamik diese Entwicklung ausgelöst hat.“ Das sagen die Autoren des Podcasts, nachdem Armstrong ziemlich drastisch einen Zusammenbruch Ullrichs geschildert hat, der Ullrich beinahe das Leben gekostet hätte und bei dem Armstrong ihn ganz alleine gerettet hat – so erzählt es der Amerikaner jedenfalls. Die Podcaster schmücken sich damit, dass sie nicht die ganze Erzählung Armstrongs verwenden würden. Der hätte noch viel Schlimmeres erzählt. Man wolle sich eben nicht ergötzen. Ich erinnere mich an diesen Ausschnitt aus der TV-Doku, er wird mehrfach verwendet. Manchmal versteht man es nicht ganz. Armstrong beteuert, er hätte noch nie jemanden so am Boden gesehen.

Lance Armstrong, den die amerikanische Anti-Dopingagentur 2012 für das „ausgeklügelste, professionellste und erfolgreichste Dopingprogramm, das die Welt je gesehen hat“ verantwortlich machte, soll der Retter von Jan Ullrich sein? Lance Armstrong, der seine eigenen Mitarbeiter jahrelang bedroht hat, der dutzende Millionen Schadenersatz zahlen musste und der lebenslang für alle Sportveranstaltungen gesperrt wurde, soll der einzige Mensch sein, der Jan Ullrich noch retten konnte? Ullrichs einst größter Rivale nun sein bester Freund? Ich weiß nicht, was davon stimmt, aber es wirkt, als hätte man die beste Geschichte der Welt unbedingt noch übertreffen wollen. Ich muss die Doku-Serie noch einmal sehen und genauer hinschauen.

Von Anfang an der tragische Held

Ich verdiene jetzt seit einigen Jahren mein Geld vor allem als Drehbuchautorin und würde behaupten, ich weiß, wie man eine Geschichte baut. Wie man eine*n Helde*in/Protagoniste*in findet und was man dann ungefähr mit ihm*ihr veranstalten muss, damit man ihm*ihr gern zuschaut. Ich weiß, wie man jede Geschichte als Tragödie, Komödie oder Melodram erzählen kann.

Zeisler und Fritz haben sich entschieden, eine Tragödie zu erzählen und das bietet sich bei dem Material, das ihnen zur Verfügung stand, auch an. Ein tragischer Held, das ist einer, der ins Unglück stürzt – nicht aus böser Absicht, sondern wegen etwas, was in seinem Inneren begründet liegt und was er nicht ändern kann. Wer in der Zeit nach Ullrichs Tour-Sieg vielleicht doch noch einmal die Tour de France verfolgt hat, wird sich daran erinnern, dass von Gewichtsproblemen gesprochen wurde. Davon, dass Ullrich die Disziplin fehle, dass er auch gern mal was trinke und zu viel esse. Er lebe einfach gern. Sei einer wie du und ich. Ganz klar – Ullrich hatte von Anfang an das Zeug zum tragischen Helden.

Und genau das erzählen Zeisler und Fritz schon in den ersten 20 Sekunden aller fünf Folgen, deren Intro eine Montage aus O-Tönen ist, die später noch einmal in der Dokumentation vorkommen.

Original-Kommentar 1997: „Ein Jahrhunderttalent des Radsports.“

Lance Armstrong: „This guy – he was so good.”

Original-Kommentar 1997: „Eine unglaubliche Extraklasse.“

Original-Kommentar 1997: „Wer soll diesen Mann schlagen?“

Original-Kommentar 1997: „Jan Ullrich hat die Tour de France gewonnen.“

Original-Kommentar 1997: „Das wichtigste und schwerste Radrennen der Welt.“

Udo Bölts (Teamkollege): „Da ist auf ihn eine Welt eingebrochen mit der er nicht fertig wurde.“

Die Titel der Folgen bestätigen meine Vermutung.

„Bergauf“ – „In Gelb“ – „Armstrong“ – „Unerlaubte Waffen“-„Bergab“. Und als ich nun alles ein zweites Mal sehe, ist mir das, was ich da sehe, unangenehm. Man hat Jan Ullrich, einen realen Menschen, zu einer Figur gemacht, zu jemandem, der in das Bild passt, das sich am besten verkaufen lässt. Jan Ullrich wird die Projektionsfläche für die perfekte Geschichte, das perfekte Rad-Duell, den perfekten Fall nach einem schnellen, hohen Flug.

Ich denke daran, wie ich mit meinem Sohn in den Grunewald gefahren bin. Wir beide auf unseren Rennrädern. Wir spielten Windschattenfahren, Aufholjagden und Zielsprints und er kommentierte das Renngeschehen wie ein begeisterter Reporter.

„Wie heißt nochmal der, den du so mochtest?“

Er kannte Ullrich nur aus meinen Erzählungen.

„Dann bist du Ullrich und ich Froome.“

Und so heizten wir an der Avus lang bis wir zur Spinnerbrücke kamen, wo es für ihn eine Currywurst und für mich einen Kaffee gab.

Auf dem Rückweg wurden wir einmal von zwei Männern auf Rennmaschinen angesprochen. Ob der Kleine schon irgendwo trainieren würde? Ich schüttelte den Kopf und wollte eigentlich, dass sie weiterfahren. Sie seien von einem wichtigen Berliner Sportverein und könnten immer Nachwuchs gebrauchen. Mein Sohn strahlte. Ich wiegelte ab, er würde schon einen anderen Sport betreiben und wäre schon jeden Tag beim Training. Die Männer blickten skeptisch und mein Sohn sagte: „Ich könnte doch am Samstag noch zum Training gehen!“. Ich blieb bei meinem entschiedenen Nein und wusste nicht, wie ich ihm erklären sollte, dass ich den Radsport für gefährlich hielt.

Vielleicht kann man den Autoren von „Being Jan Ullrich“ keinen Vorwurf machen. Sie machen im Grunde das, was viele mit Jan Ullrich immer schon gemacht haben. Gleich zu Beginn der ersten Folge erzählt Peter Sager, Ullrichs erster Trainer in Rostock, und dabei sitzt er bedeutungsschwer im alten Radstadion der Ostseestadt: „Der war eigentlich wie mein Sohn. Über seinen Vater hat er nicht gesprochen. Die Bezugsperson dann letztendlich war sein Trainer. War ich.“ Und kurz darauf: „Bei Jan habe ich natürlich das große Los dann letztendlich gezogen und seinen Bewegungsdrang, seine Freude zum Sport für mich eben genutzt und hab aus ihm eben einen Rennfahrer gemacht.“

Und der Bürgermeister von Merdingen, Ullrichs Wahlheimat inklusive Ersatzfamilie als Jungprofi, erzählt, man habe eine Straße nach Ullrich benannt. Eine Straße, an der Schule, damit er Vorbild für die Schüler dort sein könnte.

Ach, hätte man ihm bloß ein Denkmal errichtet, dann hätte er immer mal nachsehen können, wie er auszusehen hat.

Wer erzählt hier wessen Geschichte?

Der tragische Held, der Jan Ullrich für die Filmemacher und für uns alle sein soll, durchlebt im Laufe der fünf Folgen seine Heldenreise nach klassischer Hollywood-Dramaturgie. Früh wird angedeutet, dass das, was der Held sich wünscht, nicht das ist, was er wirklich braucht. (Drehbuchautoren würden hier von „wants“ und „needs“ einer Figur sprechen). Die Backstory des Helden ist prekär, sein Talent jedoch vielversprechend und er hat einen Mentor (Trainer), der ihm hilft, seine Fähigkeiten voll auszubauen (Folge 1 „Bergauf“). Doch dem zwar steinigen aber schnellen Aufstieg, bei dem alle schon wissen, dass es sich hier um einen außergewöhnlichen Radfahrer handelt, wird ein Abstieg folgen. 

Denn schon Ullrichs größter sportlicher Erfolg, die Bilder der Tour de France 1997 werden in Folge 2 („In Gelb“) nicht mit triumphaler Musik unterlegt. Nick Cave & The Bad Seeds singen zu düster wabernden Orgelklängen „Push the Sky Away“ (ein musikalisches Motiv, das sich durch alle Folgen zieht und schlussendlich in einer Liveversion mit Chor wiederkehren wird). Das lässt schon ahnen, dass es schlecht um unseren Helden steht. Der Höhepunkt der Heldenreise, der Moment, an dem sich entscheidet, ob der Protagonist siegt oder stirbt, liegt etwa auf zwei Dritteln der Erzählzeit, also am Ende der dritten Folge. Sie trägt den Titel „Armstrong“ und gleich zu Beginn wird dieser ultimative Antagonist unseres Helden mit freundlicher Banjomusik eingeführt. „I Am A Man Of Constant Sorrow“ in einer Instrumentalversion von Norman Blake.

Das ist ein Witz, denke ich, als ich herausfinde, um welches Lied es sich handelt. In permanenter Sorge ist er also dieser Armstrong, soso.

„So sehr ich Jan liebe und ich bin sein größter Fan, so ist doch der Ruhm und die Aufmerksamkeit schwierig für ihn bis heute“, gibt Armstrong gleich mal die Richtung vor. Lance Armstrong ist bekannt für seine hemmungslos manipulative Art und ein bisschen wirkt es, als wären die Filmemacher von der Möglichkeit eines Interviews so berauscht, dass sie alle Vorsicht hintanstellen. Kritische Nachfragen scheinen nicht wirklich möglich zu sein. Es war schließlich nicht leicht Armstrong zum Reden zu bewegen und letztlich weiß ja jeder, um wen es sich handelt. Aber stimmt das wirklich? Besonders beim zweiten Sehen habe ich nun das Gefühl, dass es sich vielleicht gar nicht um eine Serie über Ullrich dreht, sondern eher um eine Rehabilitation dieses Betrügers und Manipulators.

Und so erzählt auch Hagen Boßdorf am Anfang der dritten und für den Filmhelden entscheidenden Folge gleich, worum es gehen wird: „Jan hatte mich gefragt, ob wir eine Biografie zusammenschreiben, weil er hatte bei Armstrong gesehen, dass der eine Biografie geschrieben hatte und er wollte auch eine Biografie haben und dann hab ich gesagt, ok. Man kann eine Biografie machen. Ich finde, es ist noch ein bisschen früh für dich, aber wenn du das willst, man kann das machen. Und jedenfalls habe ich zu ihm gesagt, aber wenn man eine Biografie schreibt, muss man alles erzählen, weil es kommt alles raus und es wird für dich ein Problem und für mich auch. Da hat er gesagt, es gibt nichts, was ich dir nicht erzähle. Wir können das alles schreiben. Ich sag: Jan, du weißt, was ich damit meine.“

Das Seltsamste an Boßdorfs Aussagen ist sicherlich, die Behauptung, man müsse für eine Biografie unbedingt die Hosen runterlassen, da sonst alles rauskäme und das mit Hinweis auf Lance Armstrong. Nein, auch Armstrong hatte in seiner Autobiografie nicht über seine Dopingvergehen und das mafiöse Netzwerk, das er darum aufgebaut hatte, berichtet. Darüber hinaus ist es interessant, wer da eigentlich gerade spricht. Hagen Boßdorf berichtete seit 1997 von der Tour de France. Dies war nicht nur Grundlage für seine Karriere, in der er es bis zum Sportkoordinator der ARD (2002-2006) bringen würde. Er rückte auch immer näher an Ullrich und das Team Telekom heran. Moderierte Veranstaltungen für das Unternehmen und kritisierte als Kommentator 2004 das Verhalten des Rennfahrers Jens Voigt sehr heftig und parteinehmend für Ullrich. Voigt hatte für sein Team CSC einen Ausreißversuchs Ullrichs beendet und so den zweiten Platz seines eigenen Kapitäns Ivan Basso gesichert. 

Am Tag darauf wurde Voigt von deutschen Fans am Rand der Strecke so massiv angegangen und als Verräter beschimpft, dass der Rennfahrer befürchtete, man würde ihn vom Rad stoßen. Schließlich schrieb Boßdorf auch besagte Biografie und geriet so sehr unter den Verdacht, als Sportkoordinator die Berichterstattung zum Doping in der ARD zu boykottieren, dass Sportjournalisten in der FAZ gemeinsam eine Anzeige schalteten, in der seine Absetzung gefordert wurde. Mit dunkeln Flecken in der Biografie kennt Boßdorf sich übrigens aus. 2005 entschied sich der NDR gegen eine Berufung Boßdorfs zum Sportchef des Senders, nachdem es in der Stasiunterlagenbehörde einen Aktenfund gab, der nahelegte, dass seine Stasikontakte nicht ganz so harmlos waren, wie er zuvor behauptet hatte.

Gerade Boßdorf und Armstrong framen also nun die Geschichte unseres Filmhelden Jan Ullrich und natürlich wird jetzt erzählt, dass Ullrich nicht nur keine Chance gegen Armstrong hatte, weil er trotz des größeren Talents nicht die nötige Disziplin hatte. Der Held verändert sich auch charakterlich zum Negativen. Sein langjähriger Trainer Peter Becker, der ihn seit der Sportschule in Berlin betreute, zeigt sich im Interview heute darüber enttäuscht, dass Ullrich sich nie für den Olympiasieg 2000 bei ihm bedankt hätte. Außerdem wird der Held zum ersten Mal aus dem Team Telekom wegen eines positiven Dopingtests suspendiert, auch wenn er diesen mit der Einnahme von Ecstasy-Pillen bei einem Diskobesuch erklären kann.

Die absurde Nähe der ARD, die eben auch für die Dokuserie „Being Jan Ullrich“ verantwortlich ist, als Trikotsponsor des Teams Telekom mit Exklusivvertrag, der Ullrichs Auftritte in Kindersendungen, Shows und anderen Formaten sichern soll, wird zwar einmal kurz angeschnitten, aber was dies auch für diese Doku-Reihe bedeuten müsste, für das Archivmaterial, das man nutzt und die Motive derjenigen, die sich jetzt so offen und ungebrochen äußern, wird nicht hinterfragt. Die Rolle der Interviewpartner, z.B. auch des DDR-Trainers Peter Becker wird ebenfalls nicht kritisch beleuchtet.

Er hatte Ullrich seit seiner Zeit an der Kinder- und Jugendsportschule in Hohenschönhausen trainiert. Überhaupt belässt man es, wenn es um die DDR geht, bei O-Tönen des jungen Radsportlers Anfang der 90er, in denen er erzählt, dass in der DDR alles perfekt, um den Sport herumorganisiert gewesen sei. Da hätte er dann auch eine Ausbildung beginnen können, was jetzt im Westen mit dem Profisport nicht mehr vereinbar sei. Das verbrecherische DDR-Sportsystem, in dem minderjährige Sportler*innen als Versuchsobjekte und bloße Maschinen betrachtet wurden, deren Körper mit pharmakologischem, physischem und psychischem Missbrauch zu Höchstleistungen getrieben wurde, ist kein Referenzpunkt für die Auslotung von Ullrichs Seele und Charakter. Der SC Berlin als einer der dunkelsten Zentren des DDR-Sporthorrors, in dem Becker sich diesem System angedient hatte, findet keine kritische Betrachtung. Die DDR wird allerhöchstens noch für Ullrichs naiven Umgang mit Medien und Geld verantwortlich gemacht. Der doofe Ossi, der eben mit der westlichen Konsumwelt nicht zurechtkam.

Jan Ullrich – Der Unvollendete?

Am Ende der dritten Folge darf Armstrong noch einmal die Einschätzung abgeben, dass Ullrich sein Talent nicht genutzt hätte. Aber stimmt das so? Wann ist es denn genug? Einmal die Tour zu gewinnen, reicht nicht? Es hätten schon die überirdischen zehn Mal sein müssen, zu denen er, so die Behauptung Armstrongs, in der Lage gewesen wäre? Wem gegenüber ist Ullrich denn etwas schuldig geblieben? Und wenn es doch so wichtig gewesen wäre, die Tour wieder und wieder zu gewinnen, warum unterlegen die Filmemacher die Bilder von Ullrichs größtem Triumph mit der düsteren Musik von Nick Cave?

Der Logik der Dramaturgie folgend, geht es in den letzten beiden Folgen vor allem bergab mit unserem Helden. Er hat weder bekommen, was er wollte („wants“), noch wird er erkennen, was er eigentlich bräuchte („needs“). Wir Zuschauer ahnen es bereits, was das sein könnte, aber es wird uns nun in der abfallenden Handlung noch einmal ausführlich präsentiert.

Es gibt ein retardierendes Moment, nachdem der Antagonist Armstrong seine Karriere beendet hat. Ullrich überwindet seine disziplinarischen Schwächen und trainiert sich den O-Tönen nach in die Form seines Lebens. Armstrong kann er nicht mehr schlagen, aber vielleicht schafft er es 2006 wenigstens noch einmal die Tour zu gewinnen? Doch dann darf er nicht mehr antreten. Die „Operación Puerto“ der spanischen Polizei deckt einen Dopingskandal um den Sportmediziner Eufemiano Fuentes auf, in den auch Jan Ullrich nachweislich verwickelt ist. Das Team Telekom lässt ihn fallen und versucht so, das eigene Image zu retten. Im Jahr darauf brechen viele Radsportstars der 90er Jahre ihr Schweigen. Bjarne Riis gesteht jahrelanges Doping ebenso wie Ullrichs Teamkollegen Erik Zabel und Rolf Aldag.

Ich habe die Pressekonferenz von Aldag und Zabel live gesehen und habe bitterlich geflennt. Dabei war ja längst klar, dass es bloß mit Trainingsfleiß und ordentlicher Ernährung im Profiradsport nicht zu schaffen ist. Schon gar nicht in der allerersten Liga, dem Team Telekom. Aber 2007 war ich einundzwanzig, in wenigen Wochen würde ich mein erstes Kind zur Welt bringen und irgendwie passte das zum Ende aller Illusionen. Ich weinte nicht nur darüber, dass eine meiner schönsten Erinnerungen endgültig als Lüge enttarnt worden war, ich weinte auch darüber, dass Zabel, Aldag und all die anderen jetzt da saßen wie geprügelte Hunde. Dass sie vor all denen zu Kreuze kriechen mussten, die doch die ganze Zeit gewusst haben, was da lief. Den Sportfunktionären, den Journalisten und auch den Fans. Sie sollten nun die Schuld auf sich nehmen für ein vollkommen aus dem Ruder gelaufenes, krankes System. Irgendwas stimmte da nicht, irgendetwas war daran schief. Und es kommt mir so vor, als wäre das immer noch nicht begradigt, sondern sollte durch „Being Jan Ullrich“ fortgeschrieben werden.

„Das habe ich mir gewünscht, dass er da auch einfach für sich einen reinen Tisch macht und das darlegt, was passiert ist“, hört man Hagen Boßdorf dann sagen.

Ja, wie schön wäre das, würde Ullrich sagen, dass er auch Hagen Boßdorf angelogen hat.

Aber Jan Ullrich bleibt bei seinem Schweigen und dabei, dass er niemanden betrogen hätte. Als Sündenbock stellt er sich nicht zur Verfügung. Als er nach einem achtmonatigen Schweigen nach dem Rauswurf beim Team Telekom, schließlich eine Pressekonferenz gibt, lässt er dort keine Fragen zu und beschimpft etliche Journalisten, als „schwarze Schafe“, die er lediglich dulden würde. Statt über seine Doping-Vergangenheit zu sprechen, präsentiert er Fahrräder und Radsportbekleidung.

„Es war ein großer Bruch“, kommentiert Reinhold Beckmann und kurz zuvor sang Xavier Naidoo über den Bildern von Ullrichs zweiter Hochzeit „Ich kenne nichts, das so schön ist wie du“. Naidoo, ein anderer Promi dieser Zeit, dessen Geschichte einige bizarre Wendungen genommen hat.

Unser Serienheld ist endgültig dem Untergang geweiht. Auch das retardierende Moment konnte der Geschichte keine Wendung bringen. Und so heißt die fünfte und letzte Folge dementsprechend „Bergab“.

In dieser Folge übernimmt Lance Armstrong nun beinahe gänzlich die Erzählung. Ullrich wird am Abgrund gezeigt. Drogensucht, Verurteilungen wegen Alkohol am Steuer und Gewalttätigkeit. Die Filmemacher und alle Interviewpartner scheuen sich nicht den Abgrund auszuschmücken und zeigen – sogar einen kurzen Ausschnitt eines Videos, das Ullrich unter Drogeneinfluss in seiner Villa aufgenommen und an viele ehemalige Freunde und Wegbegleiter geschickt hat. Der Ausschnitt ist kurz, aber es wird noch einmal auf die Relevanz dieses Videos mit einer Einblendung hingewiesen.

Ich gebe die Eckdaten auf Youtube ein. Und tatsächlich, das Video ist immer noch da. Es wird regelmäßig gelöscht und wieder hochgeladen. Das Zeugnis einer schweren Suchtkrankheit und Lebenskrise. Es ist beschämend, dieses Handyvideo zu sehen und es hätte ganz sicher den Hinweis darauf in der Doku nicht gebraucht.

Wer es bis hierhin noch nicht verstanden hatte, dem wird von Lance Armstrong nun gezeigt, was unser Held wirklich bräuchte („needs“). Er müsste gestehen, so wie Armstrong es 2013 in der amerikanischen Talkshow „Oprah Winfrey“ gekonnt getan hat. Im Interview erklärt der siebenmalige Toursieger, wie schwer dieses Geständnis gewesen sei und gibt sich geläutert: „Und wenn ich an mich denke und auch an Jan. Es gibt nur eine Person, die dir alles vermasseln kann und das bist du selbst. Das gilt auch für Jan.“ (Ich erinnere an die Definition des tragischen Helden…)

Immer tiefer stürzt unser Held also und alle Freunde und Weggefährten erzählen nun von der Verzweiflung, die sie verspürt hätten, weil sie ihm nicht helfen konnten. Und genau da ist es Lance Armstrong, der es schafft Ullrich nicht nur einmal, nein, gleich zweimal von seiner Drogensucht zu befreien und ihn in entsprechende Kliniken zu verbringen. Nur der ehemalige Teamkollege Udo Bölts darf kurz an Armstrongs Motiven zweifeln. Schließlich hat nicht nur Ullrich alles verloren. 

Armstrong war einmal jemand gewesen, der ins Weiße Haus eingeladen wurde. Der mit seiner fantastischen Story vom Krebskranken zum erfolgreichsten Tour-de-France-Teilnehmer aller Zeiten ein Vermögen verdient hatte, das auch nachdem er mehrere Dutzend Millionen Schadenersatz zahlen musste, noch auf 45 Millionen Dollar geschätzt wird. Noch einmal viel mehr Millionen an Spenden dürfte er für seine Livestrong Foundation gesammelt haben, deren gelbe Plastikarmbänder nicht nur Radsportfans zum guten Zweck kauften. Heute ist er Podcaster. Zwischenzeitlich war er eine Persona non grata in den USA. In Europa, wo der Radsport die größte Bedeutung hat, ist er noch immer nicht gern gesehen. Die Dopingsünder der 90er und 00er Jahre sind inzwischen so verachtet, dass Bjarne Riis, der dänische Toursieger von 1996, in diesem Jahr nicht einmal zum Tourstart in Kopenhagen eingeladen worden ist.

Ein Leben als Fernsehmärchen

Aber würde Armstrong helfen, Jan Ullrich, dessen wahnsinniges Talent noch heute alle betonen, die einmal in seiner Nähe waren, wieder auf die Beine zu kommen. Würde er es schaffen, ihn auf den richtigen Weg der Läuterung zu bringen und ihn vor dem Drogentod bewahren, vielleicht käme er dann wieder in die Nähe dessen, was er einmal war. Als Ullrich jedenfalls im letzten Winter einen Rückfall hatte und während einer Urlaubsreise in Mexiko am Flughafen aus dem Flugzeug geschmissen wurde, zusammenbrach und beinahe starb, da sei Lance Armstrong als einziger zu ihm geflogen und hätte an seinem Bett Wache gehalten und ihn mental aufgepeppelt. In der Serie klingt es, als hätte Ullrich vor allem deshalb überlebt.

Während ich diesen Essay schreibe, sehe ich gemeinsam mit meinem Sohn die 109. Ausgabe der Tour de France. Es ist eine gute, eine spannende Tourgeschichte, in der ein haushoher Favorit überraschend ausgebotet wurde. Vor ein paar Tagen fuhren die beiden Führenden einen Berg hoch, den auch einst Armstrong, Ullrich und Virenque erklommen haben. Die Zeiten von damals wurden pulverisiert. Die Tour de France wird immer schneller jedes Jahr. Aber die dunklen Zeiten, heißt es, wären vorbei.

Die Erzählung, der ich in „Being Jan Ullrich“ gefolgt bin, ist tatsächlich die Erzählung einer Niederlage und eines gefallenen Heldens. Eingängig beim ersten Ansehen und so verführerisch in ihrer Erzähltechnik und -logik, dass ich geneigt war, Zeisler und Fritz zu glauben.

Aber wo steht denn geschrieben, dass ein Tour de France Sieg nicht reicht? Wem gegenüber ist Ullrich Rechenschaft schuldig, was seine Dopingvergehen betrifft? Uns Zuschauer*innen, die wir immer noch zusehen, auch wenn es keinen Grund zu der Annahme gibt, dass Spitzensport im Allgemeinen und Radsport im Speziellen ohne Doping ablaufen würde? Den Reportern, die jegliche journalistische Distanz aufgaben, um auch ein großes Stück vom fetten Kuchen abzubekommen? Seinen Teamkollegen und Chefs, die in das gleiche System involviert waren und davon auch profitiert haben? Oder geht es am Ende gar nicht um Jan Ullrich, sondern bloß darum eine Geschichte zu erzählen. Die noch bessere Geschichte als die beste Geschichte der Welt?

„Er bleibt ein großer Star. Er bleibt ein großer Radfahrer“, erklärt Reinhold Beckmann großmütig, „Wenn er morgen irgendwie das Bekenntnis liefern würde und sagen würde, so wars. Ja, wir haben alle gedopt und der Druck war immens. Ich gehörte dazu und habe es so und so gemacht. Die Leute würden es…“ und an der Stelle nickt Beckmann anerkennend und auch ein wenig von seiner eigenen Großzügigkeit ergriffen, „…ja, würden es anerkennen. Und ich bin sicher, es würde ihm auch guttun. Das Leben erleichtern.“

Was für eine Anmaßung. Jan Ullrich wird endgültig Objekt, zur Fiktion, zur dramatischen Figur. Als Gefangener der Urteile über ihn, der Archivmaterialien und Projektionen. Diese zweieinhalb Stunden Fernsehmärchen sind keine Annäherung an den Sportler, kein Versuch, ihn zu verstehen. Hätte es einen Unterschied gemacht, wenn die Autoren Zeisler und Fritz ein anderes Format gewählt hätten? Ein fiktionales, eines, das durch seine Form nicht behauptet, eine Art Wahrheit zu erzählen? Es wäre ehrlicher gewesen.

Die Tour de France ist für mich noch immer die beste Geschichte der Welt. Und ja, vielleicht war das Duell zwischen Armstrong und Ullrich das spannendste in der über 100jährigen Geschichte dieses Radrennens. Für mich wird es immer ein Teil meiner Kindheit bleiben und egal wie gut die sportlichen Leiter ihre Geschichten planen werden, keine werde ich so erleben, wie die Tour 1997 und Ullrichs Kampf um einen zweiten Toursieg.

Aber meine Kindheit ist vorbei. Es ist Vergangenheit und die Sicht darauf auch von Nostalgie an eine naive Zeit geprägt. Von der Sehnsucht nach Aufbruch und ungetrübter Begeisterung.

Es wäre Zeit, auch Jan Ullrich aus dieser Geschichte zu entlassen. Er ist niemandem mehr etwas schuldig.

Beitragsbild von Fernando Rodriguez auf Unsplash

„Everything Everywhere All at Once“ – Der Film, der das Internet versteht

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Ohne es zu erwähnen, zeichnet Everything Everywhere All At Once ein buntes doch pessimistisches Bild des Internets – und ist glorreich darin. Der SciFi-Film des Regieduos »Daniels« (Daniel Kwan und Daniel Scheinert) gibt sich als Kaleidoskop unterschiedlichster Szenerien, Charaktere und Emotionen. In rasanter Abfolge ist der Film tragisch, lustig, eklig, flach und tiefgründig. Um die halsbrecherische Geschwindigkeit und absurde Ästhetik des Films zu genießen, darf man sich nicht dagegenstemmen: Es heißt zurücklehnen und mitreißen lassen.

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Virale Welterklärer – Die Rhetorik von Richard David Precht und Serdar Somuncu

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Kürze ist ein zentrales Paradigma der Gegenwart. Die knapp und bündig vermittelte Nachricht und der leicht konsumierbare Block an Wissen, den man zwischendurch mitnehmen kann, sind entscheidend für eine Mediengesellschaft, die vorrangig nebenbei Nachrichten und Informationen aufnimmt. Damit arbeiten Apps wie Blinkist oder Infotainment-Accounts auf TikTok teilweise sehr erfolgreich. Niklas Kolorz beispielsweise hat diese Form der elegant unterhaltsamen Wissensvermittlung in seiner #MindBlownUniversity auf TikTok perfektioniert. Sein Account ist ein Paradebeispiel dafür, wie man in wenigen Minuten viel Wissen auf ansprechende Art vermitteln und dadurch Interesse anstoßen kann.

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Wassermelonenzucker – Über Harry Styles und die Generation Z

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Die Welt der Popmusik ist ein üppiger Garten, in dem schon so manches Obst geerntet wurde. Die Beatles besangen die Mehrdeutigkeit von Erdbeerfeldern, Harry Nilsson erfand einen Song über eine Kokosnuss und die deutsche Band Fool’s Garden ließ in den Neunzigern ihr lyrisches Ich traurig um einen Zitronenbaum tanzen. Alle Früchte, die danach noch übrig waren, hat in den vergangenen Jahren ein junger Sänger namens Harry Styles gepflückt, in eine große Schüssel geworfen und zu einem zuckersüßen Salat vermischt. Popfans laben sich an dieser Musik wie die olympischen Götter an der Wunderspeise Ambrosia, denn Songs wie „Grapejuice“ und „Watermelon Sugar“ sind nicht nur appetit-, sondern auch fantasieanregend. Kiwis, Kirschen, Trauben und Wassermelonen stehen darin als vielseitige Metaphern für Identitätsfragen, Körperteile und Sexpraktiken, können aber auch als ganz unschuldige Erfrischungen verstanden werden. Wer würde da in einer Zeit, in der wir es mit immer schlimmeren Hitzesommern zu tun bekommen, nicht gern die Lautstärke hochdrehen?

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Here we are now, entertain us – Wem gehören die 90er Jahre?

von Isabella Caldart

Vor einigen Jahren ist den Millennials (zu denen ich auch gehöre) – wie auch der Öffentlichkeit generell – aufgegangen, dass sie nicht mehr die „junge Generation“ sind. Diese Erkenntnis fällt in etwa mit Beginn der Pandemie zusammen, als alle Welt aus Langeweile oder Einsamkeit TikTok installierte und die wahre junge Generation entdeckte, die dort bereits sehr aktiv war: Gen Z. Wenn man ehrlich ist, hatten Millennials (in etwa die zwischen 1980 und 1995 Geborenen) eine sehr lange Zeit, rund zwanzig Jahre, in der sie als die Jungen, die Trendsetter, die Zukunftsgewandten, diejenigen, die die Kultur und Gesellschaft bald prägen würden oder schon prägten, angesehen wurden. Dass wir, die wir schon lange fest im Erwachsenenleben verankert waren, plötzlich abgelöst wurden, kam für viele dennoch als Schock oder zumindest unbehagliche Wahrheit.

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Die Morgenroutine der Alphamenschen – Wie Influencer*innen Genie-Mythen aufleben lassen

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Ein kleines ruhiges Zimmer, spärlich eingerichtet, ein Schreibtisch oder eine Leinwand, Tinte und Feder oder Pinsel und Palette, ein Mann in seiner kreativen Versenkung und meist ein kleines Fenster zu der Welt, in der er sich im Angesicht der erhabenen Natur seine Inspiration sucht. Denkt man an das kreative Genie, tauchen unweigerlich diese Bilder der Stille und der künstlerischen Isolation auf, die wir mit den über-kanonischen malerischen Darstellungen von Goethe, Caspar David Friedrich oder Beethoven verbinden, die Künstler wie Otto Rasch, Georg Friedrich Kerstings oder Wilhelm Faßbender als Zeugnis der großen Künstler ihrer Zeit hinterließen.

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Ein Mann einsam auf der Leinwand – Über Tom Cruise, Authentizität und das Altern

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Tom Cruise begibt sich wieder vor unseren Augen in Lebensgefahr. Zuletzt, das war 2018 in Mission Impossible: Fallout, sprang er aus über 7.000 Metern Höhe aus einem Flugzeug, stürzte sich von Gebäuden und steuerte eigenhändig einen Helikopter — jetzt fliegt er einen Kampfjet, setzt sich g-Kräften aus, wie sie sonst nur Astronauten beim Wiedereintritt in die Atmosphäre oder Kunstflugpiloten kennen.

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„Heute kamen die Gangster nach Bremen“ – Die Geiselnahme von Gladbeck und ihre Bilder

von Simon Sahner

Ein braungebrannter Mann, der in einem äußerst knappen orangenen Slip Geld in Plastiktüten vor einer Glastür ablegt, Polizisten in den bieder wirkenden beige-grünen Uniformen der 1980er Jahre, unschlüssig die Hände in die Hüften gestützt, ein engagierter Fotograf im eierschalenfarbenen Sommerjackett im Gespräch mit einem Geiselnehmer, Reporter*innen, die ein Auto umringen, ein ungepflegt wirkender Mann, der mit einer Pistole vor den Kameras gestikuliert, Männer, mit Frisuren zwischen lang und kurz, die Laternenmaste erklimmen, um besser sehen zu können, die Tristesse mittelgroßer und großer westdeutscher Innenstädte, die dröge Weite von erhitzten Autobahnen und dazwischen ein brutales Verbrechen. 

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