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Kategorie: Feuilleton

Auf nassem Grund – Strategien des Aufmerksamkeitsbusiness in unklaren Zeiten

Das Aufmerksamkeitsbusiness ist kein leichtes. Wie soll man als Journalist*in dafür sorgen, dass die Leute die eigenen Texte lesen, wenn das ganze Internet voll von Texten ist? Es ist zur Zeit ein schwieriges Unterfangen publizistische Aufmerksamkeit zu bekommen und gleichzeitig die politische Integrität als im eigenen Verständnis demokratischer, weltoffener und eher links gesinnter Mensch zu behalten. Natürlich kann man es wie Rüdiger Safranski machen und sich einmal mit einem großen Schritt nach Rechts bewegen, in den Abgrund des Rechtspopulismus blicken und dann entscheiden, dass man sich von dem Windstoß, der von dort hochkommt, tragen lässt, aber dann wird man sehr schnell (und sehr) zurecht in die kalte rechte Ecke gestellt. Wenn man aber in die Vielklang der linken, feministischen, antinationalistischen und weltoffenen öffentlichen Stimmen einsteigt, dann hört einen dort, wo man Gehör finden will, niemand, denn da stehen zum Glück nicht wenige.

Strategie 1: Etablierung als scheinbar streitbare und unabhängige intellektuelle Stimme

Thea Dorn hat dieses Problem erkannt und zeigt seit einiger Zeit, wie man sich geschickt konservativen und teilweise neurechten Positionen annähert, bestimmte Grenzen aber nie überschreitet. Diese kommunikative Strategie begann vielleicht nicht mit dem Buch Deutsch, aber nicht dumpf (auch hier auf 54books rezensiert von Matthias Warkus), aber da nahm es seine jetzige Form an. Dorn entwirft darin eine Variante des Patriotismus oder sagen wir ruhig Nationalismus, den sie jedoch nicht rechts verortet, sondern, den sie im Gegenteil gegen rechte Vereinnahmung verteidigen will. Anders gesagt, man solle den Heimatbegriff nicht den Rechten überlassen. Damit schlägt sie zwei Fliegen mit einer rhetorischen Klappe. Sie grenzt sich zum Einen von neurechten Positionen ab, was sie weiterhin tragbar, interviewbar und publizierbar für das im Selbstverständnis generell dem Pluralismus verpflichtete deutschsprachige Feuilleton macht, zum Anderen winkt sie aber mit bestimmten Begriffen den Menschen zu, die nicht die AfD wählen würden, denen aber feministische, antinationalistische und identitätspolitische Entwicklungen zu weit gehen – denen das alles nicht so ganz geheuer ist. Eine Taktik die im englischsprachigen Raum als Dogwhistling bezeichnet wird, das Pfeifen mit einer Hundepfeife, deren Töne nur für Hunde hörbar sind. In diesem Kontext heißt das, es wird mit Begriffen hantiert, die bestimmte Gruppen ansprechen, die aber im öffentlichen Diskurs per se unproblematisch sind.

Gerade steht sie wieder auf diesem sehr schmalen Grat und blickt nach unten, mit einem Meinungsessay in der ZEIT und einem anschließenden Interview mit der WELT.
Darin äußert sie jeweils Positionen, die nicht per se neurechts sind, die sich aber in Sichtweite neurechter Positionen befinden. Es wird immer so viel davon gesprochen, man müsse mit den Rechten reden, um sie zu verstehen. Davon ist wenig zu halten, das soll später noch zur Sprache kommen. Viel wichtiger ist, dass man diejenigen verstehen sollte, die sich weltoffen geben, Essays in großen Feuilletons veröffentlichen und selbstverständliche Gäste in allen Zeitungen und Talkshows sind und dennoch der diskursiven Strategie des Dogwhistling verfallen. Eine Möglichkeit diese Stimmen zu verstehen, ist sich solche Essays und Interviews, wie die von Thea Dorn, genauer anzuschauen.

In dem Essay plädiert sie dafür, sich bitte an den Fortschritten einer offenen und toleranten Gesellschaft zu erfreuen und es nun aber erstmal gut sein zu lassen, damit diejenigen, die von der ganzen Toleranz und dem, was man jetzt alles ungestraft auf offener Straße darf, etwas verwirrt sind, sich an diese Umwelt, die alle Menschen gleich behandeln und nicht diskriminieren will, gewöhnen können.

Wollen wir unsere Gegenwart so beschreiben, dass ihr vordringlichstes soziales Ziel darin liegen müsste, die Emanzipationskämpfe der letzten Jahrzehnte mit Schärfe fortzusetzen? Oder wollen wir sie so beschreiben, dass viele emanzipatorische Erfolge errungen sind und es nun zunächst einmal darum gehen muss, denjenigen, die von diesen Erfolgen nicht profitiert haben und deren einstige soziale Gewissheiten und Ordnungsvorstellungen erschüttert worden sind – dass wir diesen Teilen unserer Gesellschaft Zeit geben, sich erst einmal mit den bisherigen Veränderungen zu arrangieren?

Was Thea Dorn in diesem Ausschnitt heruntergebrochen auf den Inhalt sagt ist schlicht: Es ist in Ordnung, dass sich jetzt auch bisher Diskriminierte zumindest juristisch gesehen frei bewegen können und frei leben dürfen, aber das finden nicht alle gut, auf die sollte man Rücksicht nehmen. Sie fährt dann fort damit, zu erklären, dass wir, die Fürsprecher*innen einer gleichberechtigten und freien Gesellschaft, zu denen sie sich zählt, doch in den letzten Jahrzehnten so viel erreicht hätten, dass man nun doch mal Ruhe geben sollte.

Ich erwähne dies alles nicht, um in Manier des schlecht gelaunten Patriarchen auf den Tisch zu hauen und zu donnern: “Undankbare Brut, schaut, was ich euch alles erlaubt habe – jetzt ist aber mal Schluss mit den ewigen Forderungen!” Ich erwähne es, weil ich bisweilen den Eindruck habe, dass wir – und mit diesem “Wir” meine ich die Emanzipationsgewinner, zu denen ich mich selbst zähle – bisweilen vergessen, wie viel wir in relativ kurzer Zeit erreicht haben. Und wie wenig selbstverständlich dies ist.

Das Perfide an diesem Absatz ist, dass sie zwar nicht die Rolle des hier skizzierten „schlecht gelaunten Patriarchen“ einnimmt, dass sie ihn aber in seiner Haltung versteht und unterstützt. Sie fordert letztlich genau das, was er in scharfen Worten fordert, bloß auf sehr viel mehr Zeichen breitgewälzt. Dabei stellt sich Dorn nicht direkt auf die Seite, des von ihr geschaffenen Popanzes, sondern sagt „Nehmt Rücksicht auf diesen armen Kerl.“ Das Ergebnis ist jedoch letztlich das gleiche, nur dass sie sich eine Hintertür offenhält, indem sie immer wieder betonen kann, dass diese Thesen nicht ihre Thesen sind, sondern die des „schlecht gelaunten Patriarchen“.
Zur Unterstützung ihrer Grundforderung, dass auch die diskriminierten Gruppen Toleranz zeigen müssten, verfällt sie zudem in das altbekannte Argument, dass eigentlich die linke Identitätspolitik Schuld am Aufstieg Donald Trumps sei – sie betritt diesen argumentativen Raum zwar durch die rhetorische Hintertür, aber die Aussage steht trotzdem in demselben:

Ihre Botschaft [die zweier amerikanischen Psychologen] ans linksliberale Lager lautet: Eure zentralen Anliegen wie die Sorge um Minderheitenrechte, sozialstaatliche Fürsorglichkeit und Gerechtigkeit sind zentrale Anliegen. Aber ihr begeht einen gravierenden Fehler, wenn ihr die konservativen Anliegen wie Schutz der (traditionellen) Familie, Religion oder Patriotismus in Bausch und Bogen als veraltete, nicht mehr legitime Werte abqualifiziert. Schaut euch um, sowohl in der Geschichte eurer eigenen Staaten als auch in der übrigen Welt, und ihr werdet feststellen, dass ihr die “seltsame” Minderheit seid und nicht diejenigen, die an Familie, Religion und Patriotismus glauben.

Zum Glück sind ihr bei “seltsame“ Minderheit noch Anführungszeichen reingerutscht, aber trotzdem ist die Aussage fragwürdig. Erstens ist immer noch nirgendwo klar geworden, wer etwas dagegen hat, dass Menschen in familiären Strukturen aus einem heterosexuellen, verheirateten Paar mit 1-4 Kindern in einem Reihenhaus wohnen und in die Kirche gehen, und zweitens ist die Aussage „Schaut euch um, die Mehrheit ist konservativ“ kein Argument dafür, dass man selbst nicht für die eigenen Rechte kämpfen sollte
Ihr Fazit ist schließlich, dass auch die Diskriminierten, die endlich zu mehr Freiheiten und einem angstfreieren Leben gekommen sind, dass auch die nun tolerant gegenüber den konservativ und traditionell denkenden Menschen sein müssten. Sie greift dabei ganz tief in die Wohlfühlkiste des konservativen Bürgertums:

Zum anderen müssten wir neu über Toleranz nachdenken. Glauben diejenigen, die die Auch-Konservativen weiter liberalisieren wollen, wirklich, sie erreichten dies, indem sie ihnen das Gendersternchen vorschreiben? Indem sie ihnen verbieten, Dekolleté-Komplimente zu machen? Indem sie wütend losfauchen, sobald einer sie fragt, wo sie geboren sind? Indem sie jeden schlechten Witz auf Kosten der queeren Community zum Skandal aufbauschen?

Bei der Phrase „Gendersternchen vorschreiben“ geht ein Raunen durch die bildungsbürgerlichen Studierstuben und es gibt starke stille Zustimmung, „Ja, genau, Vorschreiben wollen die uns das!“ , die Karnevalsgesellschaften erfreuen sich des Verständnisses der studierten Philosophin für ihren platten und diskriminierenden Humor und der ältere Herr, der eben der Bedienung noch gesagt hat, dass ihre Oberweite in dem Kleid aber fesch aussehe, legt zufrieden die ZEIT beiseite.

Nachschlag im Interview mit der WELT

Das Interview, das vorgestern in der WELT erschien, schließt direkt an diesen Essay und die Kritik daran an. Hier geht Dorn, flankiert von den Fragen des WELT-Feuilletons, noch einen Schritt weiter, indem sie die Forderungen nach Gleichberechtigung, Freiheit und Offenheit von diskriminierten Gruppen gleichsetzt mit den Rechten, die sich in ihrem Patriotismus und ihren diskriminierenden Ansichten gekränkt sehen:

Das permanente Beleidigtsein beschränkt sich nicht auf ein Milieu, sondern ist Ausdruck einer politischen Radikalisierung.

Für Thea Dorn sind das zwei Seiten einer Medaille. Mit Blick auf die Kritik an ihrem Essay, die beispielsweise von Margarete Stokowski kam, äußert sie:

Ich bin überzeugt, dass man als Intellektueller heute zwischen allen Stühlen sitzen muss – anstatt das Geschäft der gesellschaftlichen Radikalisierung und Spaltung zu betreiben. Wenn Sie sich umschauen auf der Welt, stellen Sie fest, dass die offene, pluralistische Gesellschaft ein krasser Sonderfall ist. Und ich möchte ergänzen: ein fragiler Sonderfall. Vor 90 Jahren haben wir in Deutschland erlebt, was geschieht, wenn sich gesellschaftliche Aggressionen gegenseitig hochschaukeln.

Nehmen wir das kurz auseinander. Sie setzt sich als Intellektuelle zwischen die Stühle, während Menschen wie Margarete Stokowski und andere, die Dorn kritisiert haben, die Gesellschaft spalten, weil sie nicht begriffen haben, wie privilegiert sie bereits jetzt schon sind. Genau dieses Verhalten habe vor 90 Jahren zum Verfall der Weimarer Republik und letztlich zum Nationalsozialismus geführt. Ergo: Wenn Stokowski und Co. so weitermachen, sind sie noch Schuld, wenn wir wieder Zustände wie 1933 bekommen. Täter-Opfer-Umkehr als rhetorische Strategie, klassische neurechte Rhetorik.
Letztlich gehen die restlichen Aussagen in dem Interview in dieselbe Richtung, es geht Thea Dorn darum, dass man auch als jemand, der diskriminiert ist, tolerant sein muss und zwar gegenüber den Befindlichkeiten derjenigen, die einen diskrimieren. Ihre Strategie besteht darin sich nach radikal Rechts abzugrenzen, die Tür aber nicht komplett zu schließen. Sie sagt deutlich, dass man gegen „aggressive Pöbler und tatsächliche Volksverhetzer“ vehement einschreiten müsse, dass man aber dem verklemmten Vater, der nicht will, dass sich ein homosexuelles Paar vor den Kindern im Café küsst, Toleranz und Gleichmut entgegenbringen solle. Sie will nicht, um beim Beispiel zu bleiben, dass Homosexuelle beschimpft und attackiert werden, aber wenn es Leute stört, dass sie gleichberechtigt sein wollen, dann sollte man das tolerieren.

Warum ist dieses Vorgehen so geschickt und warum funktioniert es? Es funktioniert, weil sich Thea Dorn damit als vermeintlich streitbare Intellektuelle etabliert, die scheinbar über den gesellschaftlichen und politischen Kämpfen steht und stattdessen das große Ganze im Blick hat. So bekommt sie Widerspruch von links, Zuspruch von halbrechts und ein anerkennendes Nicken von ganz rechts und insgesamt sehr viel Aufmerksamkeit, ohne sich klar in einem politischen Diskursfeld zu verorten, das es ihr erschweren würde ihre Essays in der ZEIT platzieren zu können und das sie ihren Platz im Literarischen Quartett kosten könnte. Gleichzeitig bedient sie aber verschiedene Sparten des Aufmerksamkeitsspiels: Sie bezeichnet sich als links und weltoffen, zeigt aber Verständnis für gegenteilige Positionen. Dabei geht sie sogar soweit, ihren Kritiker*innen von hinten durch die Brust ins Auge vorzuwerfen, dass sie gesellschaftliche Spaltung betreiben und damit den Rechten in die Arme spielen würden. So bespielt sie alle Seiten gleichermaßen, indem sie rechte Positionen anzitiert, sich bis zu einem gewissen Grad zu eigen macht, aber bestimmte Linien nie überschreitet.

Strategie 2: Schmücken mit dem Gruselfaktor von Rechts

Eine zweite Strategie, um Aufmerksamkeit zu generieren, ist nicht das Einnehmen latent rechter Positionen unter dem Deckmantel der Sorge um die Gesellschaft, wie Thea Dorn es pflegt, sondern sich selbst mit dem Grusel rechter Politiker*innen unter dem Deckmantel des Verstehen-Wollens zu schmücken. Raphael Thelen, freier Journalist unter anderem beim SZ-Magazin, geriet vergangene Woche wegen eines Portraits des rechtsradikalen AfD-Politikers Markus Frohnmaier in die Kritik, besonders aber auch wegen des Tweets, in dem er das Portrait ankündigte:

Kritik an Portraits mit rechtsradikalen Politiker*innen gab es in letzter Zeit häufig und zurecht, da es zu einem beklemmenden Trend unter Journalist*innen geworden zu sein scheint, den Inszenierungsversuchen der AfD auf den Leim zu gehen. Da wird Kubitschek immer wieder auf seinem Rittergut besucht – wie schön, er wohnt auf einem Rittergut, wie gut lässt sich das in eine Spiegel-Geschichte packen – und Höcke wird auf einem Waldspaziergang begleitet – deutscher Wald – der Assoziationsraum hat hier keine Wände so weit ist er. Thelen aber folgt vordergründig nicht dem Framing Frohnmaiers als provokanter Redner, der aber sagt, was Sache ist, sondern begleitet ihn anderthalb Jahre vor allem in beruflichen Kontexten als Bundestagsabgeordneter. In einem Interview für übermedien.de grenzt sich Thelen sogar dezidiert von solchen AfD-Homestories ab:

Das Problem mit einem Besuch auf dem „Rittergut“ oder an einem Waldspaziergang ist ja, dass das das Framing der Rechten ist. Ich bewundere viele der Kollegen, die diese Texte geschrieben haben, aber ich wüsste nicht, dass ich irgendwo Frohnmaiers Framing gefolgt bin. Er wollte mir immer das Framing aufdrücken, dass er über Steuern schreibt und Rentensysteme und Entwicklungspolitik. Wir haben Stunden damit verbracht, darüber zu reden. Ich habe mir das alles angehört, aber das war alles nicht überzeugend.

Und es stimmt, Thelen geht nicht zu Frohnmaier nach Hause, nach eigener Aussage kennt er nicht mal die Namen von dessen Frau und Kindern. Was man Thelen viel eher vorwerfen kann, ist anderthalb Jahre Recherchezeit, in denen er Unterdrückten und Diskriminierten hätte zuhören und sie zu Wort hätte kommen lassen können, an einen dauerprovozierenden AfD-Politiker verschwendet zu haben. Denn das Schlimmste an dem Portrait ist, dass nichts von dem, was wir hier über Frohnmaier erfahren, überraschend ist. Die meisten Informationen hatte man schon vorher und hätte man sich durch ein bisschen Assoziation und Vermutung erschließen können. Die interessanteste Information, nämlich die Verquickung Frohnmaiers mit dem russischen Geheimdienst hat Thelen in seiner langen Recherche nicht entdeckt. Thelen bestätigt mit seinem langen Portrait nur die Vorannahmen über den AfD-Politiker, ändert aber nichts an dem Wissen über die Person Frohnmaier: Markus Frohnmaier ist ein permanent provozierender, rassistischer Lautsprecher aus einfachen Verhältnissen, der in seiner Jugend in rechtsradikalen Kreisen verkehrte und jetzt versucht, das Bild eines weitgehend seriösen, aber lauten Politikers abzugeben. Damit entspricht er zwar nicht dem elitären AfD-Politikertypus, wie Gauland, Höcke oder Weidel ihn verkörpern, dieses Bild vermittelt er aber auch nicht. Wer Frohnmaier bei öffentlichen Auftritten sieht, bekommt den Eindruck, er sei der kläffende Kampfhund, den sich Gauland, Höcke und Co. für die unflätigen, lauten Töne halten. Das erkennt man aber auch ohne Portraits nach anderthalb Jahren Recherche.
In dem Interview, das Stefan Niggemeyer für übermedien.de mit Thelen führte, wird dieser nicht nur als der einsame Held für die gute Sache inszeniert, der seine „gesamten Ersparnisse“ für die Recherche geopfert habe, sondern Thelen verteidigt sich leider auch schlecht. Seine Argumente sind a) man muss Frohnmaiers Aussagen nicht kommentieren, wenn man ihn nur zeigt, wie er ist, dann entlarvt er sich selbst und b) wir müssen die Rechten verstehen, damit wir sie bekämpfen können. Das Problem an Argument a) ist, dass man seit Jahren sieht, dass das nicht funktioniert, genauso hielt man es als die ersten AfD-Fraktionen in Landesparlamente einzogen und genauso hielt man es, als die AfD in den Bundestag einzog. Und es stimmte nicht. Rechte entlarven sich nicht selbst, sondern müssen als antidemokratische Kräfte konstant und nachhaltig von einer pluralistischen Gesellschaft, die bereit ist, ihre Werte zu verteidigen, gestellt und aktiv entlarvt werden. Sonst bleiben ihre antidemokratischen und rassistischen Parolen unkommentiert stehen und werden normalisiert. Das Problem an b) ist, dass er zwar recht hat, dass man aber deswegen einem Politiker nicht anderthalb Jahre folgen muss. Es gibt Studien, die genau das tun: zum Nachvollzug der Denk- und Handlungsweisen von Rechtsradikalen und Rechtspopulist*innen beitragen, ohne dass man dafür mit ihnen Rum trinken und Essen gehen müsste. Schlimmer wird das alles nur durch das Interview mit übermedien.de:

Der Nachmittag endet damit, dass die beiden [Frohnmaier und ein syrischer Rapper, den er trifft] bei Frohnmaier im Büro sitzen und Rum trinken. Und ich sitze dabei, und natürlich trinke ich auch Rum, denn ich will das ja verstehen.

Hier steht die einfache Frage im Raum: Warum? Wieso muss Thelen hier Rum trinken, um zu verstehen, was da passiert? Was davon bleibt, ist: Raphael Thelen, das ist doch der, der mit Frohnmaier Rum getrunken hat. Dass dieses Bild und die damit verbundene Aufmerksamkeit entstehen, dafür hat Thelen mit seinem Post gesorgt.

Außerdem äußert er in dem Interview, er würde sich auch mit Nazis treffen, um zu verstehen, wie sie agieren. Wozu? Es gibt zahlreiche wissenschaftlich fundierte Arbeiten, die genau das tun: Erklären, wie Nazis agieren. Das Frohnmaier-Portrait, in dem berichtet wird, wie er auf einer Hauptschule erlebte, dass seine muslimischen Klassenkameraden den 11. September feierten, so erzählt es wenigstens Frohnmaier, argumentiert genauso, wie die Rezensionen, die im letzten Herbst Lukas Rietzschels Mit der Faust in die Welt schlagen zur Erklärung für die rechten Strukturen im Osten herbeischreiben wollte. Denn natürlich ist diese Anekdote, die Frohnmaier erzählt, die perfekte Geschichte, um sie in einem Portrait zu erwähnen. Nur weiß das zum Einen auch Frohnmaier, deshalb erzählt er sie Thelen, und zum Anderen ist das keine Kausalkette. So ein Erlebnis führt nicht automatisch zu Fremdenhass. Genauso wie die beschriebene Jugend in Rietzschels Roman nicht automatisch zu Hetzjagden in Chemnitz führt. In beiden Fällen, dem fiktionalen und dem faktualen, werden eine Kindheit und eine Jugend dargestellt und suggeriert, dass diese letztlich im Rechtsradikalismus enden mussten. Wenn Thelen im Interview sagt: „Alles hat die Funktion, seine Politik zu erklären. Selbst der autobiografische Part dient dazu, sein Dauer-Provozieren zu erklären und seinen Drift nach rechts […],“ und später anfügt: „Ich finde, es hilft, sich anzugucken, warum jemand so handelt, um dann die Ursachen bekämpfen zu können,“ dann meint er genau das.

Vergleichbar ist Raphael Thelens Frohnmaier-Portrait mit Thea Dorns Essays und Interviews, weil beide den Aufschwung von Rechts von ihrem per se linken Standpunkt aus für sich nutzen, um Aufmerksamkeit zu generieren. Thea Dorn, indem sie durch Verständnis für Konservative und provokante Aussagen zur streitbaren Intellektuellen wird, und Raphael Thelen, indem er den Grusel und den Schauder, der Personen wie Markus Frohnmaier anhaftet, für sich und seine Clickbait-Reportage nutzt. Sein Tweet ist der pure Ruf nach Aufmerksamkeit: Ich war mit dem Rechtsradikalen Rum trinken. Vielleicht glaubt Thelen wirklich, dass er das als Journalist machen muss, um Aufklärung zu betreiben, dann wäre er naiv, die Aussagen im Interview und seine Reaktion deuten darauf hin. Selbst wenn es so ist, dann ist es immer noch dem SZ-Magazin vorzuwerfen, das aus aufmerksamkeitstechnischen Gründen zu befeuern. Letztlich zeigen beide Fälle, dass man den Aufstieg des neurechten Populismus für sich nutzen kann, ohne selbst wirklich nach rechts abzurutschen. Denn die Aussage von Thelen gegenüber seinen Kritiker*innen: „ Die hätten wissen können, dass der Raphael kein Nazi ist und hätten schnell nochmal googeln können, was ich sonst so schreibe.“ ist korrekt, aber das war auch nie der Vorwurf.

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Abgründe sind wichtig im Leben

Ich reg mich ja so wenig auf und hab immer ein bisschen Angst, das öffentlich zu machen, weil man bestimmt immer die Hälfte nicht bedenkt und die andere Hälfte vergessen hat. Samstagmorgens liege ich allerdings im Bett und lese als wohlerzogener (ich zahle dafür), aber junger (digitale Ausgabe) Bildungsbürger die Zeitung (Süddeutsche). Dort hat man Felicitas von Lovenberg interviewt, weil man offenbar vorhat, alle zwei Monate mal mit ihr zu sprechen (zuletzt im November anlässlich des Erscheinens ihres platt-freundlichen Titels Gebrauchsanleitung fürs Lesen).

Sind Sie je Opfer von Sexismus geworden?

Im aktuellsten Interview, das die SZ nun unter anderem anteasert als Gespräch “über Männer und männliche Eigenschaften”, antwortet von Lovenberg auf die Frage, ob sie je Opfer von Sexismus geworden sei.

Darüber habe ich in letzter Zeit durchaus mal nachgedacht, weil man sich mittlerweile ja fast komisch vorkommt, wenn man sagt: Ich bin nie Opfer von Sexismus geworden.

Spötter könnten jetzt sagen, “oh, sie hat mal nachgedacht, über das Thema der letzten Jahre, hat sich mit gesamtgesellschaftlichen Debatten auseinandergesetzt, als Verlegerin eines der größten deutsche Verlage”, bevor man jetzt aber spotten könnte, antwortet FvL:

Aber gravierende Fälle habe ich tatsächlich nicht erlebt.

Das ist, was man allen wünscht. Case closed.

Aber! dann sagt sie, zwei Antworten weiter, auf die Frage, warum sie nicht in den FAZ Herausgeberkreis berufen wurde allen Ernstes, dass irgendein alter Heini (“ein mächtiger Mann”) ihr gesagt hat,

Ach wissen Sie, Frau von Lovenberg, ich finde nicht, dass sich ein so nettes Mädchen wie Sie einen solchen Job antun sollte.

Und jetzt, obwohl sie in letzter Zeit über das Thema durchaus mal nachgedacht hat, wahrscheinlich genau während sie das sagt, fällt ihr ein, “Oh! huch! Ist das das, wovon die anderen Furien immer berichten??”, und sie schiebt hinterher:

Und ja, wenn Sie so wollen, dieses eine Mal ist es mir dann eben doch passiert. Heute bin ich froh, der Job wäre nicht das Richtige für mich gewesen.

Also alles gut. Der Job wäre ja wirklich nichts für sie gewesen und lieb von dem alten, mächtigen Mann, dass er sie bewahrt hat.

Vielleicht habe ich nur zu versponnene Vorstellungen davon, was Nachdenken über ein Thema heißt, aber sie sagt mir nichts, dir nichts: “Sexismus? Drüber nachgedacht: Kenn ich nicht.” Und auf die erste Frage, die eigentlich nichts mehr direkt mit dem Thema zu tun hat, erzählt sie, dass sie unglaublich ekelhaft und herablassend behandelt wurde, weil sie eine Frau ist! Dies könnte ein feines Beispiel für Sexismus an allerhöchster Stelle des deutschen Journalismus sein.

“Ich mache mir schon ein wenig Sorgen, dass die Natürlichkeit im Verhältnis zwischen Männern und Frauen verloren geht.” (von Lovenberg)

Könnte natürlich sein, dass das ein Zufallstreffer war, aber sie liefert direkt den nächsten Knaller. Es geht immer noch um die FAZ und dass sie als junge Frau mit Marcel Reich-Ranicki gearbeitet hat und wie man mit so einem Mann arbeitet und sie sagt:

[…] wir hatten rasch unseren Modus gefunden. Da war viel Frotzelei dabei, da fielen sicher Sätze, die heute eher nicht mehr gehen, aber ich fand das nie schlimm, eher unterhaltsam und belebend.

Ich nehme an, mit “Frotzeleien” ist der gute, alte Herrenwitz gemint. Dann geht es allen Ernstes weiter:

Wir saßen einmal bei einer Preisverleihung nebeneinander und lauschten den Ansprachen, als er plötzlich tief aufseufzte und mir seine Hand aufs Knie legte.

Find ich ein bisschen übergriffig. Aber weil sie im Vorfeld schon ein bisschen über das Thema nachgedacht hat und auch eine Kollegin ihr damals sagte, sie hätte dem Herrn einfach eine schmieren sollen, macht sie erstmal nichts Weiteres als das kleinzureden (Frotzeleien, unterhaltsam, belebend [!]) und sagt am Ende noch:

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bewundere Feministinnen, die jungen und erst recht die älteren, die den Weg geebnet haben. Die sollen ihre Kämpfe kämpfen, das ist eine Qualität, so lange auf den Tisch zu hauen, bis sich was ändert. Ich kann da nur nicht so mitbrüllen. Vielleicht musste ich mich nie wehren, vielleicht habe ich mich in entscheidenden Momenten nicht unterlegen gefühlt, vielleicht bin ich manchen Kämpfen auch aus dem Weg gegangen.

Ach, Bewunderung ist so einfach und gibt es gratis an jeder Ecke. Verstehen Sie mich nicht falsch, liebe Leser*in, ich bin nur ein junger, weißer Mann, aber ist das nicht ein Schlag ins Gesicht für die meisten Frauen? Sagt sie nicht “Naja, sehen sie, ich hab immer artig gelächelt und bin jetzt halt Piper Verlegerin, wahrscheinlich weil ich immer so artig gelächelt habe, wenn mächtige Männer das wollten. Feminismus sollen die anderen machen. Aber was regen die sich eigentlich so auf?”

Wenn man sich ein Beispiel an von Lovenberg nehmen möchte und sich ebenso toll gegen Sexismus wehren will, der Trick ist einfach, man reagiert auf Sexismus:

Mit Humor. Ich war frech, schlagfertig und habe nicht alles persönlich genommen.

Andere Frauen nehmen einfach alles ein bisschen zu persönlich. Es ist das alte “Hab Dich doch nicht so” – nur dass es hier eben eine Frau sagt. Richtig gemacht kann Sexismus für alle Parteien eher unterhaltsam und belebend sein!

Es gibt keinen Sexismus im deutschen Kulturbetrieb, alle sind nur so fürchterlich empfindlich.

In diesem Zusammenhang ebenso schnurrig – und vielleicht ein Stück weit auch als Erklärung für ihre dicke Haut gegen Sexismus zu deuten – ihre Antwort auf die Frage, ob sie privilegiert aufgewachsen sei (na wegen des “von”). Durchschnaufen, Freunde:

Nicht so sehr in materieller Hinsicht…

Und dann sagt sie endlich Dinge, wie ich sie Samstagmorgens hören will: nicht reich an Geld, aber Reichtum an Kultur und Werten!

NICHT SO SEHR IN MATERIELLER HINSICHT, antwortet sie auf die Frage, die sie auf ihren Besuch eines englischen Internats und Studium in Oxford anspricht. Wann startet denn das Privileg?

Ich bin wirklich sprachlos.

Dazu “Sexismus im Literaturbetrieb – Die subtile Machtausübung der Männer” von Tanja Dückers.

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Jahresrückblickssause 2018, bastelt mit!

Das Team von 54books hat sich zusammengesetzt, um das Jahr 2018 Revue passieren zu lassen. Der geneigte Leser möchte, so er sich dazu berufen fühlt, gerne aufgeworfene Fragen ebenso in den Kommentaren beantworten. Wir bedanken uns für die Aufmerksamkeit, den Zuspruch und das Mitlesen in 2018 und im Voraus für dasselbe in den kommenden Jahren.

1. Welches war das beste Buch, das du 2018 gelesen hast?

Tilman: Der Eindruck ist noch frisch, das beste Buch ’18 las ich gerade erst: Maya Angelou – Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt. Das hat mir die Schuhe ausgezogen. Außerdem mochte ich Tante Julia und der Kunstschreiber bzw. (in der neuen Übersetzung) Tante Julia und der Schreibkünstler von Vargas Llosa sehr. Das habe ich mal vor hundert Jahren gelesen und hatte es jetzt für meine Reise nach Peru im Gepäck. Gute Unterhaltung ohne platt zu sein. Apropos Ausland, nach Peru war ich in Bolivien, daher las ich vorher Die Affekte von Rodrigo Hasbún, das knallt!

Simon: Am meisten beeindruckt und zum Nachdenken gebracht hat mich Bettina Wilperts nichts, was uns passiert. Ob es DAS beste Buch war, kann ich nicht sagen, aber es ist mir am meisten positiv im Kopf geblieben aus diesem Jahr.

Katharina: Habe dieses Jahr sehr viele sehr gute Bücher gelesen, und dann habe ich gerade mal wieder “A Christmas Carol” von Dickens gelesen. Dickens. Man sollte nur noch Dickens lesen. Allein wie der Häuser beschreibt.

Samuel: Heinz Helles “Die Überwindung der Schwerkraft”

Berit: Ich habe, nachdem ich es ewig geplant hatte, endlich Audre Lordes Sister Outsider. Essays and Speeches by Audre Lorde gelesen und es war großartig. Danach hatte ich die Gelegenheit mit einigen Freundinnen und Bekannten in einem Gruppenchat via Skype über das Buch zu sprechen und es war wirklich bewegend, wie sehr es alle berührt hatte. Außerdem hat das Buch Match Deleted: Tinder Shorts von Sarah Berger bei mir nachhaltigen Eindruck hinterlassen, weil ich die Erzählweise innovativ und inspirierend fand.

Elif: Am meisten beeindruckt hat mich Bleib bei mir von Ayòbámi Adébáyò. Mit Du wolltest es doch von Louise O’Neill und Was ist schon normal? von Holly Bourne sind aber auch ein paar eindrucksvolle Jugendromane erschienen, die sich mit Themen wie Rape Culture und Feminismus auseinandersetzen. Max Czolleks Desintegriert euch! zähle ich auch dazu, hat mir sehr gut gefallen.

Matthias: Ich lese ja nicht so wahnsinnig viel. Das Buch, das mich 2018 am meisten fasziniert hat, habe ich vor 2018 angefangen und werde ich dieses Jahr nicht mehr abschließen, nämlich Uwe Johnsons Jahrestage. Max Czollek fand ich aber auch sehr klasse.

2. Welches war das schlechteste Buch, das du 2018 gelesen hast?

Simon: Ohne wenn und aber Andreas Eschbachs NSA – Nationales Sicherheits-Amt, das hat in diesem Jahr in vielerlei Hinsicht den Vogel abgeschossen.

Tilman: Boah, gab schon paar schlechte. Die siebte Sprachfunktion hat mich enttäuscht. Vieles war einfach so ein Grundrauschen, was nicht so richtig schlecht war, aber eben auch nicht gut.

Katharina: Habe ich alle rechtzeitig abgebrochen.

Samuel: Christian Torklers “Der Platz an der Sonne”

Berit: Mir hat Donna Haraways Unruhig bleiben: Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän nicht gefallen, das mag aber auch an mir liegen.

Elif: Ohne Zweifel Peter Stamms Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt. So nichtssagend. Ja, er spielt mit Zukunft und Vergangenheit und bla, aber im Grunde will ein alter Typ nur die ganze Zeit was mit einer jungen Frau haben und ist ganz melancholisch. Wie gefühlt jede 0815-Geschichte eines weißen, (mittel)alten Mannes. Vielleicht bin ich dadurch auch einfach nicht das Zielpublikum. Wäre auch meine Antwort für die nächste Frage, weil ich wirklich nichts aus diesem Buch ziehen konnte.

Matthias: Richard David Precht, Jäger, Hirten, Kritiker. Ein durchweg ärgerlicher, vorhersagbarer, schlecht gemachter und zu allem Überfluss heftig nach rechts anschlussfähiger Schinken. Den habe ich auch für 54books rezensiert.

Tilman: Ich muss mich hier nochmal einschalten und Bezug auf Elif nehmen. Ich war bei Peter Stamm völlig ratlos, was genau an diesem Buch erzählenswert ist, “nichtssagend” trifft es perfekt.  Wäre Walser jünger, er schriebe Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt.

3. Das überflüssigste Buch 2018 war?

Tilman: Ich finde diese ganzen Aufgüsse von alten Texten immer fürchterlich überflüssig. Stuckrad-Barre nennt das selbstentlarvend immer Remix, verkauft sich wie geschnitten Brot, gönn ich ihm – aber wenn jetzt jeder Internetschreiberling anfängt nur seine alten (also die letzten zwei Jahre) Texte aus dem Internet zusammenzusuchen und zu drucken .. schade um das Papier und das Geld und die Zeit und das Internet.

Simon: Martin Walsers Gar alles oder Briefe an eine Unbekannte, das waren vermutlich einfach Texte, die Walser noch rumliegen hatte, die er irgendwie zusammengeschraubt hat und weil Martin Walser drauf steht, wirds gedruckt. Auch überflüssig fand ich Marc-Uwe Klings Qualityland, das war nur platte Pauschalkritik und banaler Hihi-Humor.

Katharina: “Zusammenleben” von Leander Scholz, ein Buch, das so tut, als wäre ganz Deutschland eine Kleinfamilie aus der Mittelschicht.

Samuel: “Die Hungrigen und die Satten” von Timur Vernes

Berit: Überflüssige Bücher gab es einige, mich ärgern besonders “Debattenbücher” von Menschen, die mit einer sich verändernden Gesellschaft nicht klarkommen, der Schutzheilige dieser schmierigen Nische ist sicher Thilo Sarrazin.

Matthias: Im Zweifel immer der neue Maschmeyer.

Tilman: Es gibt einen neuen Maschmeyer?

4. Welches war die interessanteste Feuilleton-Debatte/der interessanteste Feuilleton-Artikel des Jahres?

Katharina: Ganz pauschal würde ich ja sagen, dass das Feuilleton an sich interessant ist und dass da viele, viele, viele interessante und lesenswerte Sachen geschrieben worden sind, dass es viele spannende Rezensionen gegeben hat und dass das Feuilleton halt häufig leider gerade da am uninteressantesten wird, wo es sich am meisten darum bemüht, interessant zu sein, eben deswegen, weil es oft sehr bemüht wirkt, wie Schattenboxen oder wie ein angestrengter Kompromiss.

Simon: Persönlich fand ich die Debatte – wenn man das in diesem Fall so nennen kann – im Anschluss an die Poetikvorlesung von Christian Kracht sehr interessant.

Berit: Ich habe gerne die Beiträge von Anna-Verena Nosthoff und Felix Maschewski zu digitalen und Tech-Themen in der NZZ gelesen.

Matthias: »After the Fall«, Adam Gopniks gigantischer Rezensionsessay von Patrick Sharkeys Buch Uneasy Peace über das faszinierendste soziale Phänomen der letzten Jahrzehnte, nämlich den drastischen und nachhaltigen Rückgang der Kriminalität; und »Safer Spaces«, Jia Tolentinos Reportage über evidenzbasierte Maßnahmen, um sexuelle Übergriffe auf amerikanischen Hochschulcampi zu reduzieren. Beides natürlich im New Yorker. (Ist das Feuilleton? Ich behaupte einfach mal: Im New Yorker ist immer alles Feuilleton.)

5. Welches war die überflüssigste Feuillleton-Debatte/der überflüssigste Feuilleton-Artikel des Jahres? [Welches war die Feuilleton-Debatte, die am weitesten vom wirklichen Leser entfernt war?]

Katharina: Die “Debatte” um Simon Strauß war ein phänomenaler Tiefflug, den zu unterbieten auch in kommender Zeit schwierig werden wird – immerhin haben sich in ihrem Kontext aber einige mühevoll als Ulknudeln positionieren können, die zwar Angst vor dem angenommenen Männlichkeitsbild von Simon Strauß haben, gerne aber öffentlich auf ihre Begeisterung für Haftbefehl hinweisen, als würden nicht tausende Teenager dessen “Rollenprosa”, sowohl die misogyne wie die antisemitische, sehr unironisch hören und auswendig lernen. Da sieht man halt, dass es eigentlich nicht so sehr um sachliche Fragen oder Inhalte ging, sondern viel mehr um die Positionierung im literarischen und kulturellen Feld.

Berit: Die Kollegah-Debatte hat mich sehr genervt und führte teilweise zu wirklichen Meisterwerken selbstgerechter Verblödung. Ich wäre dankbar, wenn ich in 2019 nie wieder Rollenprosageschwafel und Grenzüberschreitungsanhimmelei von saturierten Feuilletonbros hören muss.

Simon: Ich schließe mich hier Berit an!

Matthias: Wie seit Jahren war auch 2018 nahezu jede Äußerung des Feuilletons zu Verkehrsthemen großer Unfug, und den Vogel haben wie immer die Einlassungen von Ulf Poschardt zum Thema Autofahren abgeschossen. Möglicherweise hat auch Rainer Meyer, dem es aus mir komplett unverständlichen Gründen sogar von seriösen Medien gestattet wird, unter dem infantilen Pseudonym »Don Alphonso« zu schreiben, etwas zum Thema Auto gesagt, das könnte dann sogar noch schlimmer sein, ich traue mich aber nicht nachzuschauen, weil mich das dümmer machen würde.

6. Das beste/schlechteste lektürebegleitende Lebensmittel 2018?

Tilman: Habe mir gestern die Hände eingecremt – das war die Hölle, alle Seiten fettig.

Simon: Das beste war und ist ohne Frage heißer Ingwer mit Zitrone und Honig, aber so stark, dass es milchig ist, sonst kann man es auch lassen. Am schlechtesten alles, was fettig ist, da hat Tilman recht!

Katharina: Wenn man sich allerdings die Hände nicht eincremt und zu trockener Haut neigt und dann zu eingerissene Haut an den Fingern hat, die auch manchmal blutet, ist das auch nicht gut, dann hat man Blutflecken im Buch.

Samuel: Buttrige Artischockenblätter

Berit: Sehr gut und richtig sind Kaffee und Lakritz, sehr schlecht sind Lutschbonbons, die einem die Zähne zur Maulsperre zusammenkleben, wenn man abgelenkt beim Lesen darauf herumkaut.

Elif: Bei mir gibt es nur Mate. All day, every day.

Matthias: Ich esse und trinke eigentlich selten beim Lesen von Büchern. Beim Lesen am Bildschirm schaufle ich in mich hinein, was eben da ist, und muss dazu feststellen, dass die Bunten Schnecken von Haribo echt was taugen. Wie immer enttäuschend: Paprikachips in zu großer Menge.

7. Der unnötigste sachliche Fehler in einem Artikel/Buch im Jahr 2018 war….?

Katharina: Als ob mir sowas auffiele.

Samuel: Deportationen nach Auschwitz im Sommer 1939 stattfinden zu lassen (in einem Familienroman)

Berit: Mir ist keiner aufgefallen, vielleicht lese ich nicht genau genug?

Simon: Ich erinnere mich, irgendwo einen gesehen zu haben, aber offenbar war er nicht gravierend genug, mhm.

Matthias: Michael Naumann in seiner Rezension der Tagebücher von Lion Feuchtwanger: »Arno Schönberg«. Dass der Großjournalist das einfach so hinschrieb und die größte deutschsprachige Wochenzeitung des Universums es unkorrigiert durchwinkte – das war ein Lehrstück in Sachen deutscher Medienbetrieb. Es sind die Kleinigkeiten und Äußerlichkeiten, die den Kampfgeist ausmachen (glaubt das nicht mir Ungedientem, glaubt es Norman Schwarzkopf jr., den ich damit sinngemäß zitiere).

8. Ulkigste Äußerung einer Person des öffentlichen Lebens zum Buchmarkt 2018?

Katharina: “Was fehlt, ist eine Arbeiterliteratur, die erzählt, was Menschen überall in Deutschland weg von Linkspartei und SPD in die Arme der AfD treibt.” (Ulf Poschardt) Als gäbe es dafür nicht Sachbücher und als gäbe es nicht – inzwischen bekanntermaßen – auch sehr finanzkräftige Unterstützer der AfD, deren Motivation ja auch ganz spannend wäre. Was fehlt, ist eine Arbeiterliteratur, die nicht der argumentativen Verzweckung von irgendwem untergeordnet ist.

Samuel: Waren mehrere … man müsse Christian Kracht jedes Wort 1:1 so abnehmen, wie er es in Frankfurt anlässlich seiner Poetikdozentur vorgetragen habe, kam bei vielen Berichten einer Verkennung der Ambivalenz des inszenierten literarischen Sprechens im hyperöffentlichen Raum der Vorlesung gleich, in dem ja beides zugleich möglich ist: Aufrichtigkeit und Maskerade, Transparenz und Opazität.

Berit: Die Reaktionen von zentralen Instanzen des Buchbetriebs auf die Leserschwundstudie des Börsenvereins und den durch die Digitalisierung ausgelösten Marktveränderungen schwankten zwischen völliger Fassungslosigkeit angesichts eines seit Jahren absehbaren Paradigmenwandels und wirklich amüsant-verzweifelten Anrufen einer Art Buchhygges, in der das Buch dann rasch auf eine Ebene mit dem Gläschen Wein oder einer entspannten Yoga-Einheit gesetzt wurde. Lesen als “Oase der Entschleunigung” und die Zeitdiebe aus Michael Endes Momo als Metapher für die Digitalisierung.

Matthias: Ganz eindeutig die Forderung danach, die Anzahl der Neuerscheinungen im gesamten Markt zu reduzieren, weil ja niemand mehr alles lesen könne. Das macht aus Lesen ein komplettistisches Hobby wie Münzensammeln und erklärt zudem alle Bücher für irgendwie gegeneinander austauschbar. Unfug, wie auch immer man es dreht und wendet.

9. Hast du 2018 ein Buch wiedergelesen oder wiederentdeckt?

Tilman: Ja, der oben erwähnte Llosa, das war wirklich schön. Außerdem habe ich meine jährliche Dosis Die Welt von Gestern nicht verpasst. Grandioses Buch!

Simon: Ich habe noch einmal Jakob Noltes Alff gelesen, das mich vor vier Jahren vom Hocker gerissen hat und ich habe zufrieden festgestellt, dass es mich immer noch begeistert. Außerdem im Zuge meiner Dissertation sogar zweimal Jack Kerouacs On the Road, das war vor allem interessant, weil ich es zuletzt mit 19 gelesen hatte und einen völlig anderen Blick darauf hatte.

Katharina: Habe “Das Ungeheuer” von Terézia Mora nochmal gelesen und wieder sehr gemocht – ich weiß gar nicht mehr, warum ich “Der einzige Mann auf dem Kontinent” so unfassbar zäh fand, vielleicht sollte ich das auch nochmal lesen.

Samuel: Weiß nicht, ob das als “Wiederentdeckung” zählt, aber César Airas “Stausee” von 2000 (Droschl) ist sehr irre / merkwürdig / toll.

Berit: Herman Bang wiedergelesen, Herman Bang weiterhin gemocht.

Elif: Äh, ich leshöre grade nur Harry Potter und der Halbblutprinz wieder. Es ist immer noch sehr gut.

Matthias: Ich habe Mutanten auf Andromeda von Klaus Frühauf gelesen, ein Buch, das mich in meiner Kindheit so fasziniert hat, dass ich es ca. viermal gelesen habe. Und was soll ich sagen? Es ist Science-Fiction-Meterware aus der DDR, spannend, aber etwas hölzern geschrieben, hochwertig hergestellt, avantgardistisch illustriert, linientreu und letzten Endes langweilig. Ich habe ein ganzes Regalbrett mit dem Zeug, allmählich sollte ich es doch mal lernen.

10. Hat sich 2018 dein Leseverhalten verändert?

Tilman: Nicht das Lesen an sich, aber der Besitzstand. Schlechte Bücher verlassen meinen Haushalt – meist gratis auf die Fensterbank. Ich brauche Platz im Kopf, im Regal und im Herzen.

Simon: Sehr! 2018 war mein erstes Jahr auf Twitter und ich habe so viele Menschen (Wissenschaftler*innen, Autor*innen und Verlage) kennengelernt, die meine Perspektive auf Literatur sehr erweitert und verschoben haben.

Katharina: Nein, aber ich finde mein eigenes Leseverhalten inzwischen derart unerträglich, weil ich so langsam lese, dass ich mir vorgenommen habe, 2019 endlich nur noch schnell und oberflächlich und ohne Notizen zu lesen. Man kommt ja sonst zu nichts.

Samuel: Vielleicht ist es rationaler geworden, um das hässliche Wort “ökonomisch” zu vermeiden. Habe schneller den Drang, ein Buch nach 10, 20 Seiten als lesenswert bzw. abbrechbar zu rubrizieren, das hat ab und zu den Effekt, dem Buch nicht ausreichend viel Chancen-Freiraum zu geben, in dem es sich entfalten könnte.

Berit: Ich begleite mein Lesen noch mehr als früher bei Twitter und führe dort die interessantesten Gespräche über Texte, das war sehr bereichernd. Mein Lesen verändert sich ständig, gerade lese ich Abends manchmal wieder Print und nicht mehr nur eBooks.

Elif: Für mich war das ein Lyrik-Jahr. So viele Gedichtbände wie in 2018 habe ich noch nie gekauft und gelesen.

Matthias: Ich habe tatsächlich mal ein bisschen mehr gelesen als sonst. Also immer noch fast nichts, aber mehr als die letzten Jahre. Danke, 54books!

11. Welcher Indie-Verlag hat 2018 immer noch zu wenig Aufmerksamkeit erhalten?

Tilman: Jeder. Toll die Aufmerksamkeit für Sebastian Guggolz! Aber bitte noch mehr Aufmerksamkeit für Christiane Frohmann, für den Lilienfeld Verlag und alles Gutverkäufliche von Random House, Bonnier und Holtzbrinck!

Simon: Der Frohmann Verlag, der hat mich auf jeden Fall mit der spannendsten – für mich neuen – Literatur konfrontiert. Sehr gefreut hat mich die große Aufmerksamkeit für den Verbrecher Verlag dank Manja Präkels Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß.

Katharina: Neben den schon genannten vermutlich Kookbooks. Ah ja, und ich mag den Elif Verlag. Der macht schöne Bücher, in manchen kommen Mäuse vor. Albino macht auch gute Sachen. Ansonsten mag ich alle Verlage, die klingen wie Brauereien, also beispielsweise Schöffling.

Samuel: Diaphanes, ed[ition] cetera, Wunderhorn Verlag

Berit: Reinecke & Voß macht spannende Lyrik. Mikrotext, Guggolz und Frohmann sind ebenfalls großartig. Noch mehr mediale Aufmerksamkeit würde ich außerdem Reprodukt gönnen, die machen wunderschöne Bücher, besonders die Kindercomics sollten in jedem Kinderzimmer stehen.

Matthias: Im Zweifel alle, es sei denn, sie korrigieren nicht ordentlich, das braucht kein Mensch.

12. Welche ist deine Katze des Jahres?

Tilman: Die Katze meiner Mutter: Bebra. Sie ist benannt nach einer sehr hässlichen, hessischen Stadt. Meine Schwester behauptet, das sei ihre Idee gewesen. Das ist natürlich Unfug: Ich war es.

Katharina: Meine.

Simon: In meinem Leben gibt es keine Katzen und das ist sehr schade.

Samuel: Meiner (ein Kater). Er heißt Heng, wie der luxemburgische Großherzog, ist dementsprechend edel. Er leckt sich immer sehr aristokratisch das Fell und guckt wie der letzte Snob. Und er trinkt ausschließlich Évian – wie Madonna oder so.

Berit: Ich habe ein wenig Angst vor Katzen, schaue sie mir aber gerne aus der Ferne an. Christiane Frohmanns Kater Laser gefiel mir sehr gut, als ich ihn traf. Er war wunderschön wildtigrig und wollte nicht auf meinem Schoß sitzen – Perfekt!

Elif: Die Katzen von Sarper Duman. Besuch der Instagramseite auf eigene Gefahr – ihr werdet vielleicht schmelzen, Herzchenaugen kriegen, weinen, euch verlieben und die Seite nie wieder verlassen. Er adoptiert regelmäßig Straßenkatzen, spielt mit ihnen Klavier und hat inzwischen keine Ahnung wie viele.

Matthias: Meine Katzen des Jahres sind selbstverständlich Chewbacca (aka Chewie aka Tchou-tchou) und Fluse (aka Flusi aka Flou-flou), die beiden Katzen, die meine Frau und ich diesen Sommer adoptiert haben.

13. Welcher literarische Trend wird 2019 vorherrschen?

Tilman: Das gänzlich unliterarische Scheißbuch. Das kann sowohl der x-te Promiquatsch sein (von Promis, die das Leben erklären, bis zu Promis, die literarische dilettieren) als auch diese ganze andere Massmarket Mist. Ich habe sowieso die Hoffnung aufgegeben, nicht nur für 2019.

Simon: Ich habe die Hoffnung, dass es noch mehr Literatur geben wird, die sich der Schreibweisen und der Kommunikation annimmt, die im digitalen Raum immer mehr Alltag werden. Außerdem denke ich, dass noch einiges zu #metoo erscheinen wird, das vielleicht nicht direkt darauf Bezug nimmt, aber das Thema Geschlechterverhältnis/Machtstrukturen aufgreift. Außerdem scheint, wenn man sich in den Verlagsankündigungen umschaut, das Thema “dystopische Zukunft” weiterhin im Trend zu sein.

Katharina: Ich glaube tatsächlich, dass die Klassenfrage mehr und mehr zurückkommt – in der Theorie wie in der Literatur. Es wird Romane zu #unten geben und man kann nur hoffen, dass sie sich nicht mehrheitlich in Klischees und/oder Sozialromantik verheddern. Persönlich würde ich mir einen dauerhaften Trend hin zu einer Romanlänge von maximal 250 Seiten wünschen. Man kommt ja zu nichts.

Samuel: Die Deklination von Heimat in allen möglichen Fällen: kritisch, affirmativ, sarkastisch, naiv. Die normative Engführung von Relevanz und Literatur: Nur Bücher, die einen auf den ersten Blick ersichtlichen / konsumierbaren gesellschaftskritischen Beitrag liefern, sind “IN DIESEN ZEITEN” gefragt. Bücher, die es sich und der Leserschaft schwieriger machen, sind fatales Geplänkel zur falschen Zeit. Das wird die Unachtsamkeit gegenüber sprachlicher Verfahren sowie die Diskreditierung des Ästhetischen zugunsten einer Idee von Literatur als (er-)klärendem Diagnose-Service befeuern. (Ist aber auch schon länger so.) Positiv, hoffentlich, als Trend: dass mehr über Repräsentationen nachgedacht wird, wer wie bei wem auftritt, wem welcher Raum zugestanden wird, etc., zugleich hoffe ich, dass es auch hier nicht zu so einer Engführung kommt nach dem Motto: Ausschließlich Bücher, die eine Diversitätsquote erfüllen, sind wertvolle Bücher. Aber die Frage wird hoffentlich stärker gestellt und klüger beantwortet als bisher.

Berit: Ich prognostiziere eine Verstärkung des Trends zur Lyrik, auch vermehrt mit ästhetischen Verfahren, die dem digitalen Raum entstammen. Außerdem werden wir weiterhin die Tier- und Pflanzenwelt auf Buchdeckeln finden – Käfer, Vögel, Fische, Farne usw. Mit dieser gestalterischen Faszination für Flora und Fauna schleicht sich meiner Meinung nach die latente Wahrnehmung von Klimakatastrophe und Artenschwund auf die Cover. Persönlich hoffe ich daher auf Bücher, die sich auch zwischen den Buchdeckeln mit innovativen erzählerischen Verfahren mit dem Klimawandel befassen, gerne auch in ästhetisch herausfordernder Art und Weise, beispielsweise in Langgedichten oder mit phantastischen Elementen.

Matthias: Im Sachbuchbereich geht der Trend weiter Richtung Krempel und Nachahmertitel, vermute ich. Plus vermutlich eine Lawine billig runtergeschriebener Politsachbücher über den Wachwechsel bei der deutschen Christdemokratie und verwandte Phänomene.

14. Auf welche Neuerscheinung 2019 freust du dich besonders?

Tilman: Das Buch von Berit, das im Herbst 2019 bei Schöffling erscheint.

Katharina: Was Tilman sagt. Und es gibt einen neuen Roman von Streeruwitz, die ich gerne lese.

Simon: Was Tilman sagt. Und ich bin auf Yannic Han Biao Federers Debüt gespannt.

Samuel: Ann Cottens “Lyophilia”, Sibylle Bergs “GRM”, bien sûr auch Berits Roman, was sonst?

Berit: Ich freue mich sehr auf all die norwegischen Bücher, die zur Buchmesse erscheinen werden, ganz besonders darauf, dass nun auch meine Freunde Johan Harstads Max, Mischa und die Tet-Offensive lesen können. (Es wäre außerdem gelogen, wenn ich nicht zugeben würde, dass ich mich riesig auf mein eigenes Buch freue.)

Elif: Schließe mich allen an. Außerdem freue ich mich auf Eure Heimat ist unser Albtraum, Schamlos, beides aus der Perpektive von migrantischen und/oder muslimischen Menschen und auf die Jugendbücher On the Come Up und King of Scars.

Matthias: Was Tilman sagt. Und möglicherweise die Neuedition von Kants Kritik der Urteilskraft in der Akademie-Ausgabe, ich habe gehört, eventuell wird die tatsächlich bald mal fertig.

15. Welche Neuerscheinung 2019 lässt du lieber liegen?

Katharina: Gibt es wirklich noch Leute, die sich auf den neuen Roman von Houellebecq freuen? Ich habe den wirklich mal sehr gerne gelesen, “Die Möglichkeit einer Insel” ist einer meiner Lieblingsromane aus der internationalen Gegenwartsliteratur, aber der schreibt doch auch schon länger einfach nur immer wieder dasselbe Buch mit wechselnden “Zeitdiagnosen”, und wenn ich mir die Zeit erklären lassen will, lese ich Sachbücher von Leuten, die noch bei Trost sind, bei Houellebecq habe ich da meine Zweifel, schon allein, weil er einen Blick für soziale Themen haben mag, einen sehr männlichen, aber immerhin einen Blick – für politische Fragen hat er keinen. Und dieses “der arme einsame Mann in der sozialen Kälte unserer Zeit”-Ding reicht halt irgendwann vielleicht als literarischer Zugang auch nicht mehr, um abendfüllend zu sein.

Simon: Jedes Buch, das mir penetrant etwas erklären will: Sei es meine Generation, den Rechtsruck oder was auch immer.

Samuel: Jan Brandts “Ein Haus auf dem Land”

Berit: Selbstbespiegelnde Bücher arrivierter Autoren, wer interessiert sich schon für die filzigen Flusen aus deren Bauchnabel. Außerdem habe ich die Faustregel, dass ich nie Bücher lese, die kultige Kiezgrößen romantisieren.

Matthias: Grundsätzlich lasse ich jedes Buch liegen, das aus der Feder einer dieser typischen deutschen Themenpundits kommt. Wir haben ja für jedes wissenschaftliche Thema in Deutschland jemanden, der dafür als Experte herumgereicht wird, ohne ein nennenswertes Standing in der entsprechenden akademischen Disziplin zu haben. Leider muss ich den Quatsch trotzdem manchmal rezensieren.

16. Welchen (vergessenen) Klassiker sollte man 2019 wiederlesen bzw. neulesen?

Tilman: Ich werde mir Die Elenden von Hugo reinknattern, außerdem Große Erwartungen von Dickens und Die Auferstehung von Tolstoi, ob man das soll – das weiß ich erst hinterher.

Simon: Wolfgang Borcherts Gesamtwerk (ist ja leider nicht so lang). Ich werde mir im kommenden Jahr mal Hannah Arendt und Simone de Beauvoir vornehmen.

Katharina: 2019 ist Fontane-Jahr und Fontane mag ich. Ansonsten kann man halt mal wieder Gedichte von Lasker-Schüler lesen. Grundsätzlich will ich aber sowieso viel mehr Bücher von toten Menschen lesen – die schreiben einem keine nöligen eMails und außerdem gibt es so viele Klassiker und man kommt ja zu nichts.

Samuel: In der Hinsicht bin ich leider so ein kanonistischer Idiot, der sagt: die Novellen von Heinrich von Kleist.

Berit: Gedichte von Sibylla Schwarz sollte man mal anschauen, weil Barocklyrik fetzt. Ich werde 2019 etwas von der Norwegerin Cora Sandel lesen (Norwegen ist Buchmessegastland 2019) und etwas aus der Sandalen-Serie des dänischen Gladiator Verlages, die spannende nicht-kanonisierte Klassiker wiederauflegen.

Elif: Ich habe mir vorgenommen, Tess of the d’Urbervilles und Rebecca endlich zu lesen. Der ein oder andere Roman von Jane Austen könnte auch wieder dabei sein.

Matthias: Wie gesagt, ich bin immer noch an den Jahrestagen dran.

17. Wird es Print 2020 noch geben?

Tilman: Klar, Promis erscheinen nicht als ebook!

Katharina: Print lebt ewig weiter, wird aber eben zunehmend ein Liebhaber-Ding und verliert weiter an Einfluss. Stand neulich in einem Glückskeks (auch Print).

Simon: Solange Richard David Precht vor Regalen posieren will, wird es gedruckte Bücher geben.

Samuel: Na ja.

Berit: Spannender ist doch die Frage, ob es 2020 in Flaschen abgefüllten Buchseitengeruch und Bücher auf Esspapier geben wird!?

Elif: Solange es Bookstagram und Booktube gibt, wird Print leben. Was soll man sonst fotografieren und in die Kamera halten? E-Reader sehen nicht hübsch genug aus.

Matthias: Natürlich.

18. Welches ist dein liebster Knallkörper?

Tilman: Ich halte es da wie mit Kfz – Hauptsache schön laut!

Katharina: Seit ich sehr alt bin, also seit 2012, schätze ich es nicht mehr so, wenn es knallt und kracht. Da fällt mir ein, man hätte hier einen Wortwitz mit “Kracht” unterbringen können. Zu spät.

Berit: In Island gibt es so winzige Militärfahrzeuge/Panzer mit Böllerantrieb, die eine kurze Strecke fahren und dabei Funken sprühen. Daraus haben wir einmal eine sehr lange Reihe gebaut, dann den ersten angezündet und die Kettenreaktion beobachtet. Es war großartig!

Matthias: Als möglicherweise deutschester Mensch der Welt und allgemeiner Normcore-Typ bin ich tatsächlich ganz angetan von diesen großen Pappkisten, die man hinstellt, an einer Seite anzündet und die dann den Rest von alleine machen. Aber immer nur auf eine waagerechte Oberfläche, Kinder.

9 Kommentare

Das „Jahr der Autorinnen“, seine Deutung und eine Rückfrage

Bemerkenswert viele der großen Literaturpreise sind dieses Jahr an Autorinnen vergeben worden, stellte Dirk Knipphals am 8.12. in der TAZ fest. „Was ist da geschehen?“, fragte er sich, und leider versuchte er dann, diese Frage auch noch zu beantworten, was vielleicht besser unterblieben wäre.

Knipphals resümiert zutreffend, dass den Preis der Leipziger Buchmesse dieses Jahr Esther Kinsky für „Hain“, den Deutschen Buchpreis Inger-Maria Mahlke für „Archipel“, den Büchnerpreis Terézia Mora, den Wilhelm-Raabe-Preis Judith Schalansky für „Verzeichnis einiger Verluste“, den Bachmannpreis Tanja Maljartschuk erhalten habe. Das trifft zu, ja. Später wird noch erwähnt, dass Lucy Fricke den Bayerischen Buchpreis für „Töchter“ erhalten habe. Andere Preise könnte man ergänzen: Der aspekte-Preis beispielsweise ging an Bettina Wilperts Debüt „nichts, was uns passiert“.

Lediglich Arno Geiger habe auch einen wichtigen Preis, den Bremer Literaturpreis, erhalten. Gut, es gibt ein paar hundert Literaturpreise, man könnte jetzt anfangen, zu recherchieren, wie da die Geschlechterverhältnisse aussehen, aber Knipphals hat ja recht: Auffällig viele der bedeutenden Preise sind in diesem Jahr an Autorinnen bzw. ihre Werke vergeben worden. Das hält Knipphals sehr sachlich, bisweilen auch zufrieden fest, richtigerweise weist er auch eine Deutung zurück, die diese auffällige Verteilung der Preisvergaben auf metoo zurückführen wollte: Alle Entscheidungen für die ausgezeichneten Autorinnen bzw. Werke seien „interessante und nachvollziehbare Entscheidungen“ gewesen. Man möchte lesend hinzufügen: Manche sind vielleicht sogar schlicht richtig gewesen.

Sodann weist Knipphals überholte Begriffe von Weiblichkeit zurück, der ganze Artikel könnte ein sachlicher, differenzierter, erfreulicher Artikel sein, und dass er am Ende doch noch ein ärgerlicher geworden ist, ist bestimmt nicht auf Knipphals und fehlendes Problembewusstsein oder gar eine uneingestandene Herabwürdigung von Autorinnen zurückzuführen, wie geschrieben ist es ein sachlicher Artikel, der resümiert, feststellt und dann eben leider doch: Zu deuten versucht.

Hatte Knipphals nämlich eben noch festgestellt, dass die Werke der ausgezeichneten Autorinnen wenig gemeinsam haben, findet er dann doch noch eine (klar positiv konnotierte) Gemeinsamkeit: Sie alle haben Bücher  geschrieben, „die in ihren Schreibweisen ganz souverän künstlerischen Raum einnehmen“. Interessant und ärgerlich wird es aber danach, wenn Knipphals Folgendes befürchtet:

„Das kann nun aber – wofür die einzelnen Autorinnen gar nichts können – insgesamt auch den Effekt haben, dass durch die weiblichen Buchpreise eine strikte literarische Hochkultur wieder eingeführt wird, die zuletzt durch (männliche) Preisträger mit popkulturellen Schreibweisen produktiv durchgeschüttelt worden war.“

Und dann müssen also die Werke der Autorinnen doch noch gegen die von Autoren (wenn auch nur in Klammern) aufgerechnet werden, und es wäre ja lustig, wenn es nicht traurig wäre, wie sich hier unbemerkt ein altes Vorurteil eingeschlichen hat, denn nolens volens schwingt hier der seit dem Entstehen des Ideals vom Künstler als (exklusiv männliches) Genie um 1800 gängige Glaube mit, dass künstlerische Innovation eben Sphäre des Mannes ist. Dass dieses Jahr so viele Werke von Autorinnen ausgezeichnet worden sind, weil sie vielleicht einfach gut waren, dass es einfach Zufall war, bei diesen Deutungen kann man anscheinend einfach nicht stehen bleiben. Nein, man erfindet die – bei allem Respekt, denn ich lese Knipphals gerne – Mär von „(männliche[n]) Preisträger[n]“, die „zuletzt“ die „strikte literarische Hochkultur“ angeblich mit „popkulturellen Schreibweisen produktiv durchgeschüttelt“ hätten. Und wer waren denn diese Preisträger „zuletzt“?

Preis der Leipziger Buchmesse: Natascha Wodin, Guntram Vesper, Jan Wagner

Deutscher Buchpreis: Robert Menasse, Bodo Kirchhoff, Frank Witzel

Büchnerpreis: Jan Wagner, Marcel Beyer, Rainald Goetz

Wilhelm-Raabe Preis: Petra Morsbach, Heinz Strunk, Clemens Setz

Bachmannpreis: Ferdinand Schmalz, Sharon Dodua Otoo, Nora Gomringer

Wer von denen soll jetzt eigentlich nicht „Hochkultur“ sein? Dass Goetz die Hochkultur popkulturell durchgeschüttelt hat, ist meines Wissens ein paar Jahre her, nicht umsonst wurde er mit dem Büchnerpreis für sein bisheriges Werk ausgezeichnet; Witzel schreibt in demselben Maße hochkulturell wie Setz oder Mahlke, sollen mit den popkulturell produktiven (männlichen) Preisträgern jetzt also die BachmannpreisträgerInnen gemeint sein? Ist aber der Text von Maljartschuk, der diesjährigen Gewinnerin, wirklich „strikt literarische Hochkultur? So kam er mir gar nicht vor, ich erinnere auch, dass viele meinten: Hier habe ein sehr guter, aber eben auch sehr gut verkäuflicher Text mit, wie man so schön sagt, „feinem Humor“ gewonnen. “Strikt literarische Hochkultur”?  Aber Menasse, Wagner, Morsbach, Kirchhoff, Beyer sind das nicht?

Vielleicht kann mir die Knipphalsche These ja noch jemand erklären. Bis dahin gehe ich davon aus, dass es sich hier um eine These handelt, die bei näherem Betrachten vielleicht nicht sehr viel hergibt, ja, sogar ärgerlich ist, weil sie vielleicht nicht jede Implikation ihrer kritisch-zeitgenössischen Haltung mitbedacht hat. Dafür kann Knipphals nichts, wer denkt schon immer alles mit oder wäre dazu verpflichtet. Es ist halt erst mal eine These. Aber gebraucht hätte es eine These, die auf so tönernen empirischen Füßen steht und die jetzt schlimmstenfalls halt von anderen aufgegriffen und festgetreten wird, zum Schaden der ausgezeichneten Autorinnen, die damit auf eine (in der Gegenüberstellung) bereits überholte Hochkultur-Ästhetik festgelegt werden, eigentlich vielleicht nicht.

Ja, mei, haben dieses Jahr halt viele Autorinnen gewonnen. Vielleicht hätte es gereicht, das einfach festzuhalten.

[Anmerkung, kurz nach der Veröffentlichung: Zu Knipphals‘ Absichten und Position sei auch auf diesen Tweet verwiesen, um Missverständnisse zu vermeiden.]

(Beitragsbild von Emily Morter auf unsplash.com)

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Sieben Schwierigkeiten und einer der immer schmaler werdenden Pfade (Gastbeitrag von Selim Özdoğan)

Gastbeitrag von Selim Özdoğan / Dieser Text enstand im Rahmen des Autorensymposiums Atelier NRW und erscheint in leicht abweichender Form in Sprache im technischen Zeitalter.

 

1 Die Geschichte mit der Herkunft.

1.1

“Bin dafür, dass wir alle Leute mit reichen Eltern ein Jahr lang keine Romane veröffentlichen lassen und dann nochmal schauen, wie der Buchmarkt aussieht.”

Tweet von Matthias Warkus, 12. Juni 2018, 352 Gefällt mir Angaben, 52 Retweets.

1.2

Man kann niemandem seine Herkunft vorwerfen.

Herkunft ist kein Kriterium literarischer Qualität.

1.3

Literatur entsteht hauptsächlich in einer bildungsbürgerlichen Mitte und das wird weiterhin so bleiben.

1.4

Autoren, die eine andere soziale Klasse als die ihrer Herkunft beschreiben, kennen sie häufig aus eigener Anschauung.

1.4.1

Autoren wie Hans Fallada oder später Jörg Fauser stammen aus Elternhäusern, in denen Bildung vermittelt wurde.
Es war ihre Drogensucht, die dazu geführt hat, dass sie sich in anderen Milieus bewegt und darüber geschrieben haben.

1.4.2

Ralf Rothmann stammt aus dem Arbeitermilieu, über das er viel geschrieben hat. Er ist einer der wenigen Autoren der letzten 100 Jahre, die aus dieser Schicht kamen und anerkannte Schriftsteller wurden, ohne dass ihnen der Nimbus des Proletenhaften, des Hofnarren, des Anrüchigen anhaftete.

Autoren, die aufgrund von Tätowierungen, Hilfsarbeiten oder Hartz 4-Vergangenheit als Repräsentanten einer anderen Welt gelten, aber eigentlich aus Elternhäusern mit Bibliotheken stammen, halten wir uns immer wieder mal.

(„Wir“ meint in diesem Text nicht eine Gruppe von Personen, sondern Strukturen eines Betriebs, unabhängig davon, wer sie gerade am Leben hält oder gegen sie ankämpft.)

Vielleicht ist es eine Art Sidney-Poitier-Effekt. Man kann einem Schwarzen einen Oscar geben, um zu zeigen, dass man das ja auch tut. Und den Rest ignorieren.

1.5

Es braucht kein eigenes Erleben, um aus einem bestimmten Milieu zu berichten, doch es braucht eine Haltung. Empathie und Voyeurismus sind zwei mögliche. Dazu mehr bei 5.3.

1.6

Die Furcht vor dem Abstieg ist größer geworden in einer Welt, in der immer mehr von der Kaufkraft des Individuums abhängt, seinem Image und seinem Status.

Es hat in den letzten dreißig Jahren keinen deutschen Schriftsteller gegeben, der einen Wechsel in eine andere Schicht auch nur in Kauf genommen hätte. Wer heute drogensüchtig wird, berichtet von seinen Erlebnissen in einer Entzugsklinik in Beverly Hills. Schlimmstenfalls lebt man als akademischer Geringverdiener in einem bislang nicht gentrifizierten Viertel, stopft Löcher mit dem Geld aus Papas Tasche und versucht es als Quereinsteiger, sollte auch dieser Strick mal reißen.

1.7

Sozialer Aufstieg ist schwer.

Sozialer Aufstieg in die Literatur, ohne Ghettoromantik zu bedienen, noch schwerer.

2 Die Geschichte mit der Normsprache.

2.1

Wir erwarten, dass jede Autorin die Normsprache beherrscht. Wir betrachten es als legitim, Jargon, Umgangssprache, Mundart und Ähnliches in literarischen Texten zu verwenden, setzen aber voraus, dass diese Mittel bewusst gewählt werden.

H.C. Artmann durfte in Mundart schreiben und mit der Sprache spielen, weil wir wissen, dass er Dudendeutsch konnte.

2.1.1

Das Etikett Gastarbeiterliteratur hat man Texten aufgeklebt, die wir als authentischen Versuch der Beschreibung einer Lebenswelt wahrgenommen haben, aber aufgrund mangelnder ästhetischer Qualität nicht so richtig der Literatur zurechnen wollten. Befindlichkeitsprosa ohne künstlerischen Mehrwert.

Deutsch war meist die zweite oder dritte Sprache dieser Autoren. Wie hätten sie mit jemandem konkurrieren können, dessen Muttersprache Deutsch war.

2.1.2

Gastarbeiter. Fremdarbeiter hatten die Nazis schon belegt. Also brauchte es ein neues Wort.

Wo hat man schon mal gesehen, dass man seinen Gast für sich arbeiten lässt?

2.2

“Man,echt,Twitternazis,zum hundertsten Mal: lernt Rechtschreibung.Hört auf die Timelines anderer Leute zuzumüllen, während Ihr nichtmal „Amazon“ richtig schreiben könnt.Was ist „AMASON“?!Was ist „stärbenslangweilig“?Und was bedeutet „dir zaig ich‘s noch!“?! Echt.Löscht Euch.Danke.”

Tweet von Igor Levit, 30 August 2018, 181 „Gefällt mir“-Angaben, 11 Retweets.

Wer Sprachkompetenz bemängelt, möchte keine inhaltliche Auseinandersetzung, sondern diffamieren und ausgrenzen.

2.2.1

Es ist bekannt, dass F. Scott Fitzgerald große Probleme mit der Rechtschreibung hatte. Niemand glaubt, das hätte ihn zu einem schlechteren Schriftsteller gemacht.

2.3

Über den Autor des Romans Sagt Lila weiß man nichts. Das Manuskript (handgeschrieben in Schulheften) wurde dem Verlag über einen Anwalt angeboten. Heißt es. Möglich, dass das nicht stimmt.

Es sind Fehler in diesem Roman, in dem eine Geschichte aus einem Pariser Banlieue erzählt wird. Grammatische, orthographische und Fehler im Ausdruck. Das Vokabular ist beschränkt. Doch die Auffassungsgabe des Erzählers und seine Fähigkeit, Bilder für sein Innenleben zu finden, machen dieses Buch zu Literatur.

2.4

Der Israeli Tomer Gardi hat sich dafür entschieden, ein Buch auf Deutsch zu schreiben, im vollen Bewusstsein, dass sein Deutsch sich von dem eines Muttersprachlers unterscheidet.

Einen Auszug aus dem Buch Broken German hat er 2016 in Klagenfurt gelesen. Die anschließende Jurydiskussion demonstrierte, wie sieben Menschen, die sich seit Jahren hauptberuflich mit Literatur beschäftigen, völlig unfähig sind, über einen Text zu sprechen, weil er von der Normsprache abweicht und sie vermuten dass der Autor dies auch tut.
Der Text arbeitet eindeutig mit literarischen Mitteln.

2.5

Wir beanspruchen die Deutungshoheit darüber, wer die Sprache beherrscht. Alle anderen Sprachformen neben der Normsprache werden herabgestuft.
Sprache dient als Herrschaftsinstrument.

Wir bejammern die Verrohung der Sprache, die Anglizismen, die fehlenden Artikel, die Verkürzungen, die Auslassungen, die Vulgarität, die Unfähigkeit, einen geraden Satz zu bilden, der womöglich auch noch mehrere Nebensätze hat.

Wir übersehen dabei, dass Texte über literarische Qualitäten verfügen können, auch wenn sie von Menschen geschrieben wurden, deren Sprache nicht Normdeutsch ist.

2.6

Sprache ist lebendig, das heißt, sie verändert sich ständig. Sie lebt von der Vielfalt. Die Deutungshoheit über sie haben zu wollen, schränkt die Lebendigkeit, die Vielfalt nicht ein, verwehrt aber anders Sprechenden und Schreibenden den Zugang zur Literatur.

2.7

Ohne die Eintrittskarte Normdeutsch kommst du nicht rein. Egal, wie viel du von Dramaturgie verstehst, von Dramatisierung, von Metaphern, vom glaubhaften Abbilden von Innenwelten, von Spannung, von Tragik, von Komik, von Psychologie, von Figurenführung, von Aufbau, von Komposition, von Mehrdimensionalität von Texten.

3 Die Geschichte mit den Kritikern.

3.1

Es braucht viel Lektüre und viel Zeit, um Kritikerin zu werden.

Wie jeder, der eine Arbeit macht, die in der Öffentlichkeit sichtbar ist, möchte die Kritikerin Anerkennung: Für ihr Urteil, für ihr literarisches Verständnis, für ihren Blick für das Handwerk, für ihre Expertise.

Sie ist allerdings nur Expertin innerhalb ihres Lektürehintergrundes. Außerhalb kann sie keine sicheren Urteile fällen.

3.1.2

Der Kritiker könnte bei der Beurteilung des Textes Unsicherheit einräumen. Würde sich damit aber sein hart erarbeitetes Expertentum quasi selbst absprechen.
Stattdessen wird er wahrscheinlich weiterhin die gewohnten Kriterien anwenden. Zum Beispiel das Beherrschen der Normsprache. Die Referenzen an den Kanon.

3.1.2.1

In den 60er-Jahren hat es den Versuch gegeben, Phänomene der Popkultur in der Literatur zu verarbeiten und Hierarchien aufzuweichen. Zum Beispiel unseren Dünkel gegenüber Comics.

In den 90er-Jahren verschoben sich die Inhalte der Popliteratur. Während man in den 60ern versucht hatte, die Literatur für neue Bereiche zu öffnen, nutzte man in den 90ern die neu gewonnenen Bereiche dazu, sich abzugrenzen, indem man Geschmacksurteile fällt. Auf einmal ging es darum, warum man nicht Tina Turner hören konnte, und nicht darum, dass Pop insgesamt nicht minderwertig war.

Der Kritiker ist ebenfalls ständig damit beschäftigt, Grenzen zu ziehen, zwischen gut und schlecht, zwischen Sprachkompetenz und mangelnder Kenntnis, zwischen authentisch und konstruiert, zwischen preiswürdig und unterhaltungsverdächtig.

Natürlich gefällt ihm die neuere Popliteratur besser.

Natürlich gefallen ihm Grenzen, weil sie Selbstverortung vereinfachen.

3.2

Die Kritik bescheinigt gerne Authentizität, wenn Texte in einem anderen sozialen Milieu spielen als jenem, in dem die Kritiker sich bewegen. Was in der Regel auch jenes ist, aus dem sie stammen. Die Geschichte mit der Herkunft gilt für Autoren und Kritiker gleichermaßen.

Es ist das eine Mal, dass sie als Experten außerhalb ihres Fachgebietes in Erscheinung treten. Siehe dazu auch Punkt 6, die Geschichte mit der Authentizität.

4 Die Geschichte mit den Pförtnern.

4.1

Der erste in der Familie, der studiert, geht in der Regel nicht nach Biel, Hildesheim oder Leipzig, um Literatur zu studieren, sondern versucht es mit BWL, Jura oder Medizin.

Menschen, die glauben, man sei da frei in der Wahl, sind in der Regel nicht von einem Wertesystem in ein anderes gewechselt und nicht in der Lage, die Schwierigkeiten zu sehen.

4.2

Ich habe nie eine dieser Schreibschulen von innen gesehen, aber ich kenne einen Absolventen ganz gut und einige andere leidlich. Viele sind am Ende nicht Autoren geworden, sondern Literaturvermittler unterschiedlichster Art: Lektoren, Redakteure, Veranstalter, Kritiker.

Gebiete, auf denen man mehr Deutungshoheit gewinnt als mit dem Verfassen von Romanen. Und weniger Gefahr läuft, in die akademische Prekariatsblase zu rutschen.

Das muss nicht das Motiv für die Entscheidung gewesen sein, nicht Autor zu werden, doch diese Entscheidung hilft – ob man will oder nicht –, bestehende Machtstrukturen weiter fortzuschreiben.

4.3

Das Beste, was eine Lehrerin tun kann, ist sich selbst überflüssig zu machen. Schüler heranzubilden, die ihr in nichts nachstehen.

4.4

Das Klügste, was eine Institution tun kann, ist sich der eigenen Bedeutung zu vergewissern.

Genau wie ein Kritiker.

Weder Institutionen noch Kritiker sind bestrebt, sich selbst überflüssig zu machen.

4.4.1

Institutionen brauchen sich selbst nicht überflüssig zu machen, weil sie immer Nachschub bekommen. Es liegt in der Natur jeder Schule, Schüler in ein Wertesystem einzugliedern, das sie selbst miterschafft. Ein Lehrer kann diese Werte in Frage stellen, die Institution selbst kann das nicht.

4.5

Maren Kames, Hildesheim-Absolventin, hat ein Vorwort für eine jährlich veröffentlichte Hildesheimer Anthologie geschrieben, das dort jedoch nicht veröffentlicht wurde.

Darin schreibt sie: Ich habe in Hildesheim übers Schreiben nichts gelernt.

Und: Wenn ich sage, ich wisse nichts im Schreiben, es finde sich oft Nichts und selten Stabiles, meine ich das nicht weinerlich, sondern nüchtern.

Dazu später mehr in 7, der Geschichte mit dem Vorwissen.

Was auch immer die Verantwortlichen dazu bewogen haben mag, das Vorwort abzulehnen, Souveränität und die unerschütterliche Überzeugung von der eigenen Wichtigkeit können es nicht gewesen sein.

4.6

Der Literaturagent ist ein Zwischenhändler. Einer, der eine Vorauswahl trifft, die möglicherweise weder im Interesse der Verlage noch der Lesers ist. Wer weiß das schon so genau?

Er ist ein weiterer Schleusenwärter, der die Möglichkeit hat, den Aufstieg eines Autors zu erschweren, der aufgrund seiner Herkunft wenig Kontakte zum Kulturbetrieb mitbringt.

4.7

Wessen Vater mit Programmleitern von Verlagen essen geht, braucht sich um 4.6 nicht zu sorgen.

5 Die Geschichte mit dem Personal.

5.1

Hat Selim nicht aufgepasst? Da ist doch lauter Personal aus den unteren Schichten in den Romanen der letzten Jahre. Der goldene Handschuh, Hool, Ellbogen, um nur drei der bekannteren zu nennen.

5.2

Hans Fallada schreibt zu Wer einmal aus dem Blechnapf fraß:

Nicht aus Freude am Abenteuerlichen, nicht als echte Milieuschilderung wirklicher ‚Unterwelt‘ wird der Roman geschrieben, sondern um zu zeigen, wie der heutige Strafvollzug und die heutige Gesellschaft den einmal Gestrauchelten zu immer neuen Verbrechen zwingt.

Der Autor interessiert sich nicht für die Kriminalität, sondern für seine Figuren und die Strukturen in der Gesellschaft. Er führt seine Figur nicht vor, lässt ihr ihre Würde.

5.3

In den neueren Romanen interessiert die Figur aus der Unterschicht meist als Delinquent. Pow, da hat er jemandem in die Fresse geschlagen. Wups, da hat sie jemand auf die Gleise geschubst. Ach, da hat er wieder viel getrunken, wie die Unterschichtler es halt so tun, und ist dann brutal geworden.

Es gibt ein voyeuristisches Element, ein Ausstellen von Figuren ohne jegliche Empathie, eine Bestätigung von Klischees.

5.4

Das Personal aus der Unterschicht interessiert nicht als ein Nebenprodukt, das diese Gesellschaft nunmal hervorbringt, sondern als eine Art Freak, der aus der Art geschlagen ist, ohne dass jemand etwas dafür kann, und den man nun bestaunt.

5.5

Mir fällt nur ein Roman ein, der eine Unterschicht nach der Jahrtausendwende beschreibt, ohne voyeuristisches Interesse und ohne Absicht, die Lust am scheinbar Authentischen zu befriedigen. Man Down von André Pilz, ein Roman, in dem Kriminalität das Nebenprodukt der Bedingungen ist, die die Mehrheitsgesellschaft diktiert.

André Pilz ist den wenigsten ein Begriff.

6 Die Geschichte mit der Authentizität.

6.1

Die Kritik bescheinigt Romanen, deren Personal keine Privilegien besitzt, gerne Authentizität. Woher sie die Vergleichsmöglichkeit hat, um diese Bescheinigung auszustellen, bleibt schleierhaft. Und warum das ein Kriterium für Literatur sein sollte, auch.

6.2

Senthuran Varatharajah sagt dazu:

Authentizität als literarisches Kriterium […] ist die Bestätigung dessen, was ich immer schon gewusst habe, über Menschen, von denen ich nichts weiß und nichts wissen möchte. Es ist ein Synonym für Ressentiment.

6.3

Wolf Wondratscheck hat Karasek mal mit Prügeln gedroht. Nein, hat er nicht. Er hat nur gesagt, er bedaure, dass sie Zeiten vorüber sind, in der man derlei Dinge (einen Verriss für Einer von der Straße) vor der Tür unter Männern regelt. (Diese Zeiten hat es natürlich nie gegeben, selbst Hemingway hat keine Kritiker geschlagen, sondern nur Kollegen.)

6.4

Ich haue gerne jedem aufs Maul, der nochmal was von authentisch faselt, wenn er einen Roman bespricht, in dem Menschen vorkommen, mit denen er nie redet.

6.5

Der Ausdruck im Gesicht eines Menschen, der gerade hart geschlagen wurde, ist immer authentisch.

6.6

Ich war seit 25 Jahren nicht mehr beim Boxtraining, traue es mir nicht mehr zu und versuche Gewalt zu vermeiden, wo immer es geht.

Aber die bloße Androhung wirkt schon authentisch, oder?

7 Die Geschichte mit dem Vorwissen.

7.1

Leonard Cohen zitierte häufiger den kanadischen Dichter Irving Layton, der gesagt hat: Zwei Eigenschaften sind für einen jungen Dichter von größter Bedeutung – Arroganz und Unerfahrenheit.

7.2

Sagt Lila (siehe 2.3) wurde in Schulhefte geschrieben und war möglicherweise nie für eine Veröffentlichung gedacht. Zumindest war die Veröffentlichung unwahrscheinlich, sofern es sich nicht um einen Marketingzug handelte.

7.3

Kreativität entsteht auch aus Unwissen. Unwissen darüber, wo die Grenzen liegen. Unwissen darüber, was die richtige Technik ist. Unwissen darüber, wie ein Text eigentlich funktioniert.

7.4

Unwissen darüber, wie die betrieblichen Strukturen aussehen. Unwissen darüber, wie Preise, Stipendien und Ehrungen vergeben werden. Unwissen darüber, wo die richtigen Schaltstellen sind.
Diese Art von Unwissen ist sicher hinderlich, aber sie geht Hand in Hand mit dem Unwissen, wie schnell man zermahlen werden kann. Dieses Unwissen macht Mut und zwingt einen, mit eigenen Augen nach Optionen zu suchen, und bietet mehr Möglichkeit, Strukturen zu hinterfragen, weil man sie erst mühsam erlernen muss.

7.5

Ich habe den Eindruck, jeder der Autoren, die heute auf den Markt drängen, kennt sich nicht nur bestens aus mit seinen Bedingungen, mit Preisen, Stipendien, hilfreichen Beziehungen, den Schreibschulen und Selbstvermarktung, sondern auch mit literarischen Techniken, mit Autorenwerkstätten, in denen an Texten geschmiedet wird, bis sie jegliche Hitze verloren haben.

7.6

Das Wissen, das erworben wird, ist im Hinblick auf die Literatur eine Illusion. Siehe 4.5

Siehe auch die acht Regeln von Kurt Vonnegut zum Schreiben, die mit dem Nachsatz enden, dass große Schriftsteller dazu neigen, all diese Regeln zu brechen.

7.7

Ohne das Wissen kann man heutzutage kaum noch einen Vertrag bekommen.

8 Die Geschichte mit der eigenen Biographie.

Meine Großmutter väterlicherseits hat erst nach ihrem 40. Lebensjahr zu lesen und zu schreiben gelernt. Es war ihre einzige Möglichkeit, Kontakt zu halten mit meinem Vater, der in Deutschland Gast war, aber trotzdem arbeiten musste. Meine andere Großmutter war Analphabetin. Meine beiden Großväter nicht. Oder irgendwie schon. Denn sie hatten Lesen und Schreiben gelernt, bevor die lateinische Schrift in der Türkei eingeführt wurde.

Ich bin in den 70ern aufgewachsen, in einer Zeit, in der man mit einem durchschnittlichen Gehalt noch eine Familie ernähren konnte. Meine Eltern haben beide gearbeitet, wir waren nicht reich, wir hatten aber mehr Geld als die meisten in unserer Nachbarschaft.

Mein Vater hat immer gesagt: Lesen bildet. Und: Für Bücher gibt es immer genug Geld in diesem Haus.

Wir hatten vielleicht 40, 50 Bücher daheim und ich habe meinen Vater fast täglich mit einer Zeitung in der Hand gesehen, aber selten mit einem Buch. Er behauptete, früher viel gelesen zu haben, und die Sätze, die er manchmal zitierte, fand ich später bei Dostojewskij, Hamsun und London.

Ich durfte mir so viele Bücher kaufen, wie ich wollte. Von denen, die im großen Supermarkt bei den Schreibwaren auslagen. Als ich das erste Mal eine Buchhandlung betrat, war ich 13. Ich hatte einen Ausweis für die Stadtbücherei, war aber schon auf der weiterführenden Schule, als ich feststellte, dass es nicht nur den Bus der Bücherei gab, der einmal die Woche kam, sondern auch noch eine Niederlassung direkt im benachbarten Stadtteil.

Niemand lenkte oder beeinflusste mich in meinem Lesen. Meine Eltern wussten nicht, was ich las. Sie wussten auch sonst so einiges nicht. Sie konnten mir nicht bei den Hausaufgaben helfen. Sie konnten mir keine Wörter erklären, die ich nicht kannte.

Aber es war nicht nur die Sprache, die fehlte. In dem Viertel, in dem wir lebten, gehörten Diebstähle im Kiosk, frisierte Mofas, heimlich rauchende Kinder, beim Fußballspielen zerschossene Fenster und Prügeleien zum Alltag. Manche Eltern schwankten auf den Schulfesten in der Grundschule, weil sie zu viel getrunken hatten.

Ich sah, wie Freunde geschlagen wurden, weil ihr Ball unter ein fahrendes Auto geraten und geplatzt war. Ich lernte, Verkäufer abzulenken und was Hausverbot bedeutete. Ich musste Kölsch wenigstens verstehen, weil es wichtig war zu wissen, wann man beschimpft wurde.

Ich lernte Dinge, die man lernt, wenn man in so einem Viertel lebt.

Doch alles, was ich über Literatur wusste, hatte ich aus den Büchern, die ich las.

Ich lernte Fremdwörter mit einem Taschenlexikon, das ich mir dafür kaufte, weil ich begriff, dass es mir der Zugang zur Literaturwelt erschweren würde, wenn ich Wörter nicht verstand.

Ich wusste, es gibt Manuskripte und Verlage machen daraus Bücher. Ich ahnte, dass man in Literaturkreisen Fremdwörter kennen muss. Damit war mein Wissen über den Literaturbetrieb erschöpft.

Ich schickte mit Anfang zwanzig Manuskripte an Verlage. In manchen Büchern stand die Verlagsanschrift drin, die Adressen anderer Verlage fragte ich in der Buchhandlung nach.

Vor der ersten Veröffentlichung bekam ich dutzende Formbriefe als Absagen, einige davon mit dem handschriftlichen Vermerk, dass der Titel toll sei. Die Absagen frustrierten mich nicht. Siehe 7.1, Unerfahrenheit und Arroganz.

Ich entwickelte den Ehrgeiz, von jedem deutschsprachigen Verlag eine Absage zu erhalten. Jedem. Ich denke, man bekommt eine Ahnung von meiner Ahnungslosigkeit.

Als später mein erster Roman erschien und sich alle im Verlag freuten, weil ich eine positive Besprechung in der NZZ hatte, wusste ich nicht, was die NZZ war und warum alle wegen einer Zeitungsrezension so aus dem Häuschen waren.

Ein Buch hatte zum nächsten geführt, ich war durch Buchhandlungen und die Regalreihen in der Bücherei gestolpert, ich hatte nie Rezensionen in Zeitungen gelesen oder gar von Literaturbeilagen gehört. Ich bezweifle, dass ich von den beiden Messen wusste.

Heute erscheint mir der Weg, den ich gegangen bin, völlig unwahrscheinlich. Ich bin dankbar, dass ich den Worten und ihrem Klang so weit folgen konnte.
Vielleicht unterschätze ich das Internet, jemand wie ich könnte sich heute ausführlich informieren. Vielleicht hat jede Zeit ihre eigenen Schwierigkeiten, so wie jeder Autor seine eigenen Schwierigkeiten hat. Vielleicht ist der Zustand des heutigen Literaturbetriebs auch nur ein Ausdruck der zunehmenden Kommerzialisierung, die alle Lebensreiche erfasst hat.

Aber ich weiß, dass Literatur Grenzen überwinden kann. Ich weiß, dass Grenzen überwinden Bewegung bedeutet.

Ich bedaure, dass die Unwahrscheinlichkeit dieser Bewegung heute größer scheint, als sie es damals für mich war.

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Flauberts Jaulen oder das Lesen der Zukunft

Als Flaubert 1864 einen Brief an einen Freund schreibt, klagt er über seine Reise mit der Bahn: „Ich langweile mich derart in der Eisenbahn, dass ich nach fünf Minuten vor Stumpfsinn zu heulen beginne. Die Mitreisenden denken, es handle sich um einen verlorenen Hund; durchaus nicht, es handelt sich um Herrn Flaubert, der da stöhnt.“ Dieses Zitat leitet der großartige Wolfgang Schivelbusch in seinem Buch „Geschichte der Eisenbahnreise: Zur Industrialisierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhundert“ nach einigen Vorüberlegungen zur Veränderung der Raumwahrnehmung durch die Eisenbahn mit einer scharfen Diagnose ein: „Die Unfähigkeit, eine dem technischen Stand adäquate Sehweise zu entwickeln, erstreckt sich unabhängig von politischer, ideologischer und ästhetischer Disposition auf die verschiedensten Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts.“ Wenn ich nun heute Elegien darüber lese, dass sich die Leute keine Schmuckbände großer Autoren mehr ins Bücherregal stellen wollen oder Wehklagen über fehlende Bücher im neuen Ikea-Katalog erklingen, fühle ich mich unweigerlich an das Jaulen Flauberts erinnert.

Wir befinden uns in einer interessanten Phase der digitalen Revolution, an der ein sich exponentiell beschleunigender technischer Wandel anfängt zunehmend auch an den Fundamenten ehemals für unumstößlich gehaltener kultureller Gebäude zu nagen. Die Folgen dieses umfassenden medialen Wandels, dessen Auswirkungen Einfluss auf die sozialen und politischen Verhältnisse nehmen, und sogar unsere sensorische Wahrnehmung der Welt selbst verändern, treffen selbstverständlich auch den Literaturbetrieb.

Ein Teil dieses Betriebes ist gerade zusammengebrochen, als der traditionsreiche Stroemfeld-Verlag Insolvenz angemeldet hat. Das ist nicht nur traurig, weil die Geschichte des kleinen Verlags so spannend ist, immerhin entstammt er der linksautonomen Szene Frankfurts in den 1970er Jahren, sondern auch weil sich anhand der Profilbildung und Programmentwicklung dieses Verlages sehr gut nachzeichnen lässt, wie sich kulturelle Sensibilitäten und Wertungen in den letzten Jahrzehnten verändert haben. Zunächst ließ bereits die frühe Hinwendung eines linken Verlages zur Hölderlin-Herausgabe inklusive detaillierter Faksimiles vermuten, dass es mit dem Umstürzen bürgerlicher Ideale durch die 68er gar nicht so besonders weit her war. Das radikale dieser Generation Linker widerspiegelte sich scheinbar nicht in einer Aufhebung des Kanons oder der Verabschiedung bürgerlicher Statussymbole, stattdessen waren wohl die büchergefüllten Schrankwände, als Teil eines gebildeten Habitus, auch für linke Umstürzler ein entscheidender Bestandteil der Mentalität. Gleichzeitig wurden diese repräsentativen Ausgaben in einem Programm mit den radikal innovativen kulturtheoretischen Überlegungen von Klaus Theweleit herausgegeben, das Verlagsprogramm der frühen Jahre ist also ein recht gutes Beispiel für die inneren Widersprüche und komplexen intellektuellen Verhältnisse des politischen Umfeldes der Gründungszeit des Verlages. Ein Programm, das sich vor Allem von der Neigung zu anspruchsvollen Texten leiten ließ und nicht von politisch motivierter Kanonöffnung und -erweiterung. Nicht nur aufgrund der komplexen Geschichte des Verlages in linker Subkultur ist die Insolvenz zu beklagen, sondern auch weil das Verlagsprogramm mit seinen liebevoll ausgestatteten historisch-kritischen Ausgaben, ambitionierter Kulturtheorie und ästhetisch anspruchsvoller Literatur eine Lücke in der deutschen Literaturlandschaft hinterlassen wird.

Nun wurde der Verlag also von der oben beschriebenen Welle eines umfassenden Medien- und Kulturwandels erfasst und in Folge dessen wird auf die Umwälzungen, vor denen lange bewusst oder unbewusst die Augen verschlossen wurden, wahlweise mit kulturpessimistischem Alarmismus oder einer trotzigen Wagenburgmentalität reagiert. „Einst, als wir lasen“ titelte die FAZ, als ob wir uns momentan in einer Zeit befänden, in der nicht mehr gelesen wird. So wird nicht nur die Kundenschwundstudie “Buchkäufer – quo vadis?” des Börsensvereins, die den Buchmarkt aufrüttelt, das Erscheinen eines Ikea-Katalogs, der  2018 in den Produktfotos von Bücherregalen kaum noch Bücher zeigt und auch die Insolvenz des Stroemfeld-Verlags zum Anlass anschwellender Kulturverlustklagen in den sozialen und gedruckten Medien. Nun sind wir also angekommen, in der vielfach befürchteten digitalisierten Welt, in der nicht mehr gelesen wird, Epigonen der Hochkultur zu Staub zerbröseln und kulturlose Horden ihre Unterhaltung aus Internet und Netflix beziehen – quelle horreur!

Würden die Hohepriester des Kulturverfalls einen Moment innehalten und sich besinnen auf das, was ihnen vorgeblich so wichtig ist, nämlich den Wissensschatz in den eleganten Hardcovern in ihren Schrankwänden, dann würden sie vielleicht eine andere Tonart anschlagen. Unter B oder E beispielsweise, denn traditionell wurden die Bücher in den Regalen noch nach dem Alphabet sortiert und nicht nach Farbe der Buchrücken oder sonstigen fotogenen Sperenzchen, finden sich beispielsweise Pierre Bourdieu und Norbert Elias, bei denen man einiges zum Habitus und seiner symbolischen Präsentation nachlesen kann. Die Wichtigkeit des Bücherregals für die performative Identitätsbildung des gebildeten Europäers war über viele Jahrzehnte unhintergehbare Gegebenheit. Dass die Bücherwand jedoch in den letzten Jahren als Bildungsmarkierung und Hinweis auf Weltgewandtheit ausgedient hat, findet schon ein aufmerksamer Beobachter aktueller Autorenportraits heraus, denn dort zeigen sich nur noch selten Schreibende unter 50 vor ihrer Bücherwand, stattdessen wird vor Mauern oder in Hauseingängen gestanden, in Cafés oder auf Steintreppen gesessen – passende Symbole für ein urbanes Weltbürgertum, das sich nicht auf die eigene Wohnung beschränken und von 2345 Kilo Papier beschweren lässt. Wer braucht heute noch historisch-kritische Ausgaben und Schmuckbände im Privatbesitz, wenn befristete Verträge und schwierige Arbeitsmarktsituationen den regelmäßigen Umzug nicht nur notwendig machen sondern zum Lifestyle einer ganzen Generation werden lassen. Könnte man dann jedoch nicht gerade das Festhalten an schweren Bücherkisten als Anker im Umzugswirrwarr zu einer antikapitalistischen Protestgeste stilisieren? Doch die Trennung von der Büchersammlung ist nicht nur pragmatisch begründet, auch die Hinwendung zu minimalistischer Ästhetik des expeditiven Milieus führt zu einem Abschied von vollgestopften Regalen. Nun ist die Tatsache, dass die gutgefüllte und weit ausdifferenzierte Privatbibliothek als Symbol für die Bildung des Besitzers ausgedient zu haben scheint, an und für sich noch kein Grund das Ende des Abendlandes heraufzubeschwören.

Natürlich wird weiterhin gelesen, es wird bloß anders gelesen und vielleicht wird nicht mehr zwischen Buchdeckeln gelesen werden, aber diesen Wandel zum Ende der Kultur hochzujazzen ist nicht nur verfehlt, es ist auch ein wenig lächerlich. Medienwandel schmerzt, das ist keine Frage, er schmerzt jedoch vor Allem die Gruppen, die von der Existenz, Dominanz und Statuszuweisung eines langsam verschwindenden Mediums profitiert haben. Diese Trauer ob des empfundenen kulturellen Bedeutungsverlustes können historisch interessierte Menschen – also diejenigen die gerne in Büchern, Quellen und Texten wühlen – ohne weiteres nachweisen. In Phasen des Medienwandels sind dystopische Prognosen, ausführlich verbalisierte Ängste vor Auswirkungen neuer Medien und Schwarzmalerei der von Technik geprägten zukünftigen Gesellschaften schon immer ein beliebtes Genre gewesen. Eine gewisse Nostalgie angesichts des raschen Medienwandels ergreift scheinbar übrigens auch diejenige, die den digitalen Wandel mit offenen Armen empfangen, nicht zufällig gibt es Retrofilter in Instagram, zahllose Accounts die in den sozialen Netzwerken obskure, lustige oder skurrile Fotos der Vergangenheit teilen und einen Serienerfolg in historischem Milieu nach dem nächsten, mit Settings, die sich besonders durch hingebungsvolle Nachstellung vergangener Umstände auszeichnen.

Schon 1933 schrieb der US-amerikanische Soziologe und Technikdeterminist W.F. Ogburn:

„Will the machines of the future be our masters or our servants? They are strange creatures with which modern man has chosen to live, stranger than the ox and the dog which ancient man domesticated, and stranger even than the wild beasts which he did not domesticate. Machines have indeed created a new environment.“

In einem anderen Band von 1922 mit dem vielsagenden Titel Social change with respect to culture and original nature schreibt Ogburn über den Umgang von Gesellschaften mit neuer Technologie und entwickelt ein Vierphasenmodell, mit dem er die Verbreitung von neuen technischen Entwicklungen in Gesellschaften untersucht. Nach Erfindung, Akkumulation von Technologie, Austausch und Ausbreitung neuer Techniken und daraus resultierenden neuen Erfindungen, kommt es zu einer Phase der Anpassung, bei der die Gesellschaft auch in den nicht direkt von der Technologie betroffenen, das heißt die nicht-materiellen Bereiche auf die materiellen Innovation reagieren muss. Kommt es hier zu Verzögerungen entsteht etwas, das Ogburn als „cultural lag“ bezeichnet, Probleme und Konflikte entstehen aus dieser verzögerten Anpassung der Gesellschaft an die technischen Neuerungen.

In eben dieser Reibungszone befindet sich der Buch- und Medienmarkt, und das Konfliktpotential wird durch die Geschwindigkeit der Digitalisierung bestärkt, alte Medien und Wahrnehmungsdispositive werden mit neuen technischen Entwicklungen konfrontiert und ehemals für stabil gehaltene kulturelle Kernkompetenzen verlieren ihre Wirkmacht. Dabei ist es leicht zu vergessen, dass der Buchmarkt, ja selbst die Literaturformen, wie wir sie heute kennen ein relativ junges Phänomen sind, die selbst als Reaktion auf gravierende technische Neuerungen im 18. und 19. Jahrhundert entstanden sind. Noch im Barock krähte kein Hahn nach den Autoren literarischer Texte und die private Ansammlung von Büchern zum Studium und zur Ausstellung der eigenen Gelehrtheit ist ein Phänomen der Aufklärung. Den Massenzugang zur Literatur verdankte die breite Masse der Bevölkerung übrigens den Arbeiterliteraturvereinen, das emanzipative Potential von Büchern und die Versuche diese allgemeiner zugänglich zu machen war im 19. Jahrhundert entscheidender Teil des Klassenkampfes.

Durch den Medienwandel erfolgen Verschiebungen in der Käuferschicht und es ist daher letztlich eine kulturpolitische Frage, ob bestimmte verlegerische und editorische Aufgaben nicht in Zukunft einer staatlichen Unterstützung bedürfen. Wir brauchen weiterhin Ausgaben von Gesamtwerken, die in editorischer Feinarbeit geschliffen und poliert sind, jedoch ist die Frage, ob diese Aufgaben den Wirren eines spätkapitalistischen Medien- und Unterhaltungsmarktes unterworfen werden sollten oder ob der Schutz von Bibliodiversität nicht eine staatliche Aufgabe ist. Die kleinen und unabhängigen Verlage forderten daher bereits 2017 mit der Düsseldorfer Erklärung eine staatliche Unterstützung ihres Einsatzes für die Kulturlandschaft, eine Unterstützung die in anderen europäischen Ländern übrigens schon zum Standard gehört und auch als politisches Instrument genutzt werden könnte, um eine breitere Zugänglichkeit von Literatur für die Öffentlichkeit zu gewährleisten.

Hier lohnt es sich nochmal auf die Stroemfeld-Insolvenz zurückzukommen: Studierende konnten sich eine Subskription der Kafka-Ausgaben sowieso nie leisten, wer also hier den Käuferschwund beklagt, sollte sich vielleicht auch auf seine linken Ideale besinnen und über die zunehmend auseinanderklaffende Einkommensschere der deutschen Gesellschaft nachdenken und sich fragen, inwieweit diese ausgesprochen separaten Vermögensverhältnisse Einfluss auf den Zugang zur Bildung – wenn sie denn in Form von Schmuckausgaben und Editionen einhergehen soll – haben. Genau aus dieser Perspektive ist es doch befremdlich, dass gerade zentrale Figuren aus dem Umkreis des Stroemfeld-Verlags und der Verlag selbst in der Vergangenheit so eifrig gegen Open Access, also die digitale Zugänglichmachung von Literatur für eine Allgemeinheit verschiedenster Einkommensgruppen, vorgegangen sind und sich auch ansonsten den sich abzeichnenden Möglichkeiten und Folgen technischer Innovation versperrt haben.

In Norwegen wird beispielsweise zur Unterstützung der Verlagslandschaft eine Mindestabnahme von Büchern durch den Staat mit anschließender Verteilung an die Bibliotheken des Landes garantiert, dazu gehören auch feste Abnahmegarantien für eBook-Lizenzen und ehrgeizige Digitalisierungsprogramme der Nationalbibliothek. Wir brauchen jedoch keine Bibliotheken fördern, die keine Leser haben, in denen die Bücher nur in Regalen aufbewahrt werden. Zu einer vernünftigen Förderung der Literaturlandschaft gehört daher unbedingt auch eine weiträumige Lese- und Bibliotheksförderung und eine nachhaltige Finanzierung von Modernisierungs- und Digitalisierungsvorhaben der Bibliotheken. Die Rezeption von anspruchsvoller, oftmals nicht direkt zugänglicher oder zur Immersion anregender Literatur ist eine Form der Lesekompetenz, eine Fähigkeit, die man sich erwerben kann, analog beispielsweise zu den Sehkompetenzen für zeitgenössische Kunst oder den Hörkompetenzen für die Rezeption klassischer Musik. Hier wird in Zukunft die Rolle der öffentlichen Bibliotheken angesiedelt sein, als Informationszentren und Austauschstellen zwischen digitalem und analogem Raum, als Begegnungsort für alle Einkommensschichten, an dem Angebote zur Schulung von Lesekompetenz gemacht werden, kollektiv in Lesekreisen gelesen und über Literatur gesprochen wird.

Auf Medienwandel sollte der Buchbetrieb und die deutsche Kulturlandschaft nicht mit Angst reagieren, nicht wie Flaubert jaulend im Zugabteil sitzen, sondern offen auf Veränderungen zugehen, Stellschrauben da drehen wo es notwendig ist, Strukturen die erhaltenswert sind erhalten, aber nicht bloß aus einem reinen Selbstzweck oder zur Besänftigung von Statusängsten oder jaulenden Kulturpessimisten. Wir lesen, und wir werden weiterhin lesen. Was das für die Literatur bedeuten wird, wie die spezifischen Möglichkeiten und Kommunikationsformen literarischer Ästhetik sich verändern werden, das wird sich herausstellen, spannend wird es allemal! Dabei bedarf es durchaus einer ideologiekritischen Perspektive auf die neue Technik, die Antwort ist jedoch kein nostalgischer Traum von einer guten alten Zeit, sondern eine klare und scharfe Analyse der digitalen Verblendungszusammenhänge – um mal einen Begriff von Adorno auf den Tisch zu werfen – und leidenschaftliche Plädoyers für Literatur und Theorie, authentisch vorgetragen und zwar nicht nur in buchkitschiger Realitätsflucht zwischen Kaffeetassen am Bootssteg, sondern als Möglichkeit geistiger Schärfung und pluralistischer Meinungsbildung. Diese Position wird gegenwärtig von den etablierten Verlagen im und für den digitalen Raum in weiten Teilen leergelassen, hoffen wir darauf, dass sie gefüllt wird, bevor es dem Buchbetrieb so geht wie den Videotheken der 80er Jahre.

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Literatur als Spektakel: Bachmannpreis 2018

„Das ganze Leben der Gesellschaften, in welchen die modernen Produktionsbedingungen herrschen, erscheint als eine ungeheure Sammlung von Spektakeln. Alles, was unmittelbar erlebt wurde, ist in eine Vorstellung entwichen.“ (Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels, 1)

Donnerstag:

Raphaela Edelbauer: Nein, es gibt einen Unterschied zwischen einem Berg und den Opfern des Holocaust, sie eignen sich nicht als Bild für irgendwas, und wenn man sie einbringen will, muss das vielleicht nicht so parallelisierend passieren. Der Holocaust ist keine Station in einer Unheilsgeschichte, wie die Jury das diskutieren will, sondern er ist eben singulär. Da bin ich raus, klar kann man das machen, aber ernsthaft diskutieren sollen das bitte andere (was ja auch zum Glück der Fall ist), bin ja nur Bloggerin, darf da unsachlich sein und nicht-ästhetische Kriterien heranziehen, für das Gegenteil müsste mich erst mal wer bezahlen (niemals!) (dagegen ist imo das Z-Wort bei Neft am Freitag klar Rollenprosa, nicht bewusst hergestellte Parallelisierung, das ist schon eine andere Nummer; und bei dieser Art von Parallelisierung, wie sie Edelbauer hier herstellt, bei der das Hauptgewicht der Erzählung auf dem Berg liegt, nicht auf den getöteten Menschen, die damit Mittel zur Erzählung von etwas anderem werden (die Gewichte mögen im fertigen Roman, falls dieser Text Teil davon werden soll, anders verteilt sein) schläft mir eben schlagartig das Interesse ein, sorry). Nein Nein. Nein. Nein Nein Nein.

[Martina Clavadetscher, Stefan Lohse, Anna Stern leider verpasst.]

Joshua Groß: Eine Kreuzung aus Christian Kracht und Simon Strauß in schlechter geschrieben („träge auf der Trage“, wtf). Es ist schon legitim, einen Text, der Inhalte und Haltungen der 1990er mit dem Pathos der 2010er kreuzt und dabei auf dem Reflexionsniveau der 1950er bleibt – das Ich ist hier nicht mehr Ort irgendeiner Erkenntnis, sondern lediglich Ort der Stagnation – mit einem Zitat der 1950er zu kommentieren: „Heute heißt self-conscious nur noch die Reflexion aufs Ich als Befangenheit, als Innewerden der Ohnmacht: wissen, daß man nichts ist.“ (Adorno: Minima Moralia 29) Mit dem gelungenen „Sound“ des Textes begnügt sich dann halt nur die/der, der/dem die Pose reicht. Hier wird ja nichts durchbrochen, schon gar nicht die Pose, hier wird nur ein falscher Zustand fiktional reproduziert, um sich dann rezipierend in Selbstmitleid zu ergehen. Immerhin bin ich diesmal zu alt, als dass ich mich noch als Teil der “Generation” verstehen müsste, zu deren Stimme bestimmt bald Joshua Groß oder irgendeiner der vielen anderen ausgerufen wird, die schreiben wie er. Mich geht das nichts mehr an.

Freitag:

Corinna T. Sievers: Die Steigerung von schreibenden Arztkindern sind schreibende Ärzte (Ausnahmen: Benn, Döblin), der Superlativ sind über Ärzte schreibende Ärzte, die ständig im Autorenporträt ihren kalten, erbarmungslosen Blick betonen, als hätte Foucault nie über ihren Blick geschrieben, aber wen interessiert schon Theorie, wenn man einfach so reden kann. Entsprechend wird dann von Macht und Machtgefällen erzählt, ohne dass diese – dem Anspruch der Autorin selbst entsprechend – „seziert“ würden, eben gerade auch nicht in ihrem Verhältnis zu Erotik. Die Sprache der Medizin ist halt nicht per se „sezierend“, sie ist hier bloße Hülle ohne analytischen Unterbau und also halt blabla im sachlichen Ton. Auch hier bleibt es eine Pose.

Ally Klein: Die Füße biegen von allein ab, das Feld ist voll Gekröse, Bier klatscht gegen die Bauchwand. Keine Ahnung, wer diese Sprache lesen will. Auch hier (wie schon bei Groß) gehen sprachliche Ungenauigkeiten um ihres Pathos willen als sprachliche Gestaltung durch. Der Text wurde leider auch dann in seinem Verlauf nicht besser. Redundanzen können schön sein, können die Grenze zwischen Prosa und Lyrik aufbrechen, Tiefe herstellen, aber hier beschreiben sie nur Dasein, um dadurch ein Sein zum Ausdruck zu bringen, das aber leider nicht zum Ausdruck kommt. Alles soll hier gefühlte Wahrnehmung sein, aber wer braucht das, wenn eben die Pointe ist, dass letztlich nichts (zuverlässig) wahrnehmbar ist? Ist das wirklich das, was Literatur 2018 an existentieller Erkenntnistiefe erzählen muss, nachdem die Postmoderne schon fast durch ist? (Klar kann sie, ich lese dann eben nicht mit.) Dringlichkeit wird dann auch nicht durch einen eindringlichen Vortrag hergestellt, wenn auch hier eben alles bloße (redundante) Beschreibung einer Oberfläche bleibt, im Gegenteil: Vortrag und Text klaffen fast komisch auseinander. Rhythmus und Dramaturgie werden mehr durch den Vortrag herbeigeschrien, als dass sie da wären. Schade, aber leider viel Lärm um sehr wenig, um einen hohlen Kern, auch hier bleibt alles Pose um eine leere Mitte. Entsprechend freut sich die Jury hier, wie schon bei Sievers, über gelungene Effekte. Das stimmt schon: um Effekte geht es hier.

Tanja Maljartschuk: Das Autorenporträt ist Folklore, aber der Text ist dann ganz gut. Maljartschuk hat etwas zu erzählen und erzählt davon schlicht und genau, sie produziert sich nicht auf Kosten ihres Textes, sie mag ihre Figuren. Ich bin skeptisch, ob hier von sozialem Elend nicht allzu harmlos erzählt wird, ob hier nicht viel zu stark etwas glatt konsumierbar dargestellt wird, was nicht glatt konsumierbar sein sollte, ob die doppelten Böden im Text nicht zu leicht zu ignorieren sind. Auch der Humor des Textes, der diese realistische Reproduktion einer falschen Realität wohl brechen soll, leistet dies für mich nicht, dafür ist auch er zu fein und zu harmlos. Wären die beiden vorangegangenen Texte nicht gewesen, würde dieser vielleicht nicht so positiv auffallen. Ob das „besser als“ ihn aber wirklich „gut“ macht, da bin ich unsicher, das müsste man vielleicht mit etwas Abstand noch einmal überlegen.

Bov Bjerg: Schöner, trauriger Text, funktionierende Lesung ohne großes Rumgetue. Keine Überraschung, dass es so ist, aber schön, dass es so ist. Wie viel an gescheiterter Aufarbeitung von Vergangenheit in unterschiedlicher Hinsicht und an Gegenwartskritik sowie Zukunftsbefürchtungen in einen Text passen können, ohne dass dieser deswegen vor lauter Anspielungen steif wird, wie hier überhaupt unterschiedliche Ebenen aufgemacht werden, ohne dass der Text überfrachtet wirkt, das ist bemerkenswert. Hier funktioniert alles, was bei vielen anderen Texten halt nicht funktioniert hat, auch wenn es gewollt war und zeigt halt auch, wie schwer das mit diesem Erzählen da eigentlich ist. Wenn er dafür nicht irgendeinen dieser Preise da gewinnt, weiß ich auch nicht, was da kaputt ist. Wer einen Text vom Freitag der TDDL 2018 lesen will, sollte diesen nehmen.

Anselm Neft: Ein bisschen undankbar, die Position nach Bjerg. Der Stoff ist interessant, gut erzählt – bis auf einige Bilder und Formulierungen, die mir halt gar nichts geben, weil sie mir zu kitschig sind („im Nichtlicht der ausgeknipsten Sterne“ z.B.) -, aber hier fehlen mir jetzt doch ein bisschen die weiteren Deutungsebenen, die bei Maljartschuk immerhin angedeutet und bei Bjerg sowieso da waren (dass vieles unklar bleibt, insbesondere das Verhältnis der Figuren zueinander, hat ja nichts damit zu tun, dass der Text über sich selbst hinausweisen würde). Der Text erzählt halt eine Geschichte, die erzählt er gut, er fordert Empathie für Figuren ein, von denen zu selten erzählt wird, das ist schön. Aber darüber hinaus passiert mir zu wenig, kann eben auch daran liegen, dass ich noch ein bisschen verliebt in diesen Bjerg-Text da bin.

Natürlich beruht alles hier Geschriebene nur auf den Lesungen, ich habe keinen der Texte noch einmal gelesen, sonst sähe meine Meinung vermutlich an mehreren Stellen anders aus. Insofern ist dieser Beitrag eben auch: bloße Pose. Aber das scheint mir ganz angemessen.

„Die Bilder, die sich von jedem Aspekt des Lebens abgetrennt haben, verschmelzen in einem gemeinsamen Lauf, in dem die Einheit dieses Lebens nicht wiederhergestellt werden kann. Die teilweise betrachtete Realität entfaltet sich in ihrer eigenen allgemeinen Einheit als abgesonderte Pseudowelt, Gegenstand der bloßen Kontemplation. Die Spezialisierung der Bilder der Welt findet sich vollendet in der autonom gewordenen Welt des Bildes wieder, in der sich der Verlogene selbst belogen hat. Das Spektakel überhaupt ist, als konkrete Verkehrung des Lebens, die eigenständige Bewegung des Unlebendigen.“ (Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels, 2)

(Beitragsbild von Becky Phan auf unsplash.com)

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Musenanrufung im digitalen Zeitalter

Dieser Text ist eine Reisereportage aus dem Schattenreich der Autofiktion, eine Reflexion über die Spannung, die entsteht, wenn zwei Autoren einander umkreisen, wie Geier auf der Suche nach den besten Brocken Realität. Was sind die Konsequenzen, wenn eine per Dating-App und Chat durchgeführte Affäre von beiden Beteiligten für die eigene Literatur verwendet wird? Kannibalische Schreibende, die Lebensgeschichten, Alltagsdramen und persönlichen Krisen ihrer Mitmenschen zu eigen machen, um diese für ihre literarische Stoffe zu verdauen, geraten besonders im Kontext einer Hochkonjunktur autofiktionaler Texte regelmäßig ins Blickfeld. Der Begriff der Autofiktion zur Beschreibung von Texten, die eindeutige Abgrenzungen zwischen Autobiographie und Roman verwischen, wird Ende der 70er Jahre zunächst in Frankreich verwendet und ab der Jahrtausendwende auch in Deutschland aufgegriffen. Die große Beliebtheit autofiktionaler Verfahren in der Literatur Frankreichs und Skandinaviens inspirierte auch deutsche Autor*innen und mittlerweile hat auch hierzulande die Autofiktion ihren festen Platz im Literaturbetrieb erhalten. Merkmal autofiktionaler Texte ist es, dass die Erzählinstanz, die den Text erzählt, mit der Autoridentität zusammengedacht wird. Im Dunstkreis dieser Texte, die beispielsweise intimste Aspekte des Familienlebens literarisch verarbeiten, gerät immer wieder die Frage nach den ethischen Implikationen von Autofiktionen in den Fokus: Wem gehört eine Geschichte und wer darf sie erzählen?

Die Frage nach Eigentumsrechten an einer Geschichte ist eng verbunden mit der Schwierigkeit der Abgrenzung faktualer und fiktionaler Text voneinander; eine komplexe Fragestellung mit der sich die Literaturwissenschaft intensiv beschäftigt. Beide Begriffe beziehen sich auf das Verhältnis eines Textes zur außersprachlichen Wirklichkeit, also beispielsweise der Frage nach einem etwaigen Wahrheitsanspruch des Textes. Mit der Einordnung eines Textes als faktual ergeben sich andere Anforderungen an ihn, als bei einer fiktionalen Zuordnung. Faktuale Texte, die sich beispielsweise in der Textsorte „Biographie“ mit dem Leben von real existierenden Personen auseinandersetzen, sind juristischen Normen verpflichtet, dürfen also nicht die Persönlichkeitsrechte der Beschriebenen verletzen, die diese gegebenenfalls auch einklagen können. Fiktionale Texte folgen anderen Regeln und wenn diese Texte sich mit real existierenden Personen und deren Lebensgeschichte befassen, können ethische Graubereiche entstehen aus denen regelmäßig sogar juristische Konflikte resultieren. In seiner Dissertation zum Schlüsselroman, die sich den aus diesen Graubereichen entstehenden ethischen Fragestellungen widmet, schreibt der Fiktionstheoretiker Johannes Franzen folgendes:

Die Autoren berufen sich in Fällen, in denen diese Fragen zu Streitfragen werden, auf die literarisierende oder fiktionalisierende Anverwandlung des Realen, die es ihnen erlaubt, die geltenden Eigentumsrechte zu umgehen. Die Betroffenen dagegen verweisen auf die Residuen des Realen in der fiktionalen Darstellung, die eine Wiedererkennbarkeit möglich machen und dadurch ihr Recht, über die eigene Geschichte zu verfügen, verletzen. (Franzen: Indiskrete Fiktionen. S. 312)

Die Erlebnisse zweier Autoren, um die es in diesem Text gehen soll, beginnen in Berlin –Stadt der ewig verlängerten Adoleszenzphase. Beteiligt sind der schwedische Autor Malte Persson und die deutsche Autorin Sarah Berger. Um die Machtdynamiken der nun beschriebenen Entwicklungen zu verstehen, müssen zunächst die beiden Protagonisten etwas näher bekannt gemacht werden:

Portrait Malte Persson
Malte Persson, 2008. (Foto: Wikimedia Commons, CC BY 3.0)

Der Schwede Malte Persson ist seit seinem Debutroman Livet på den här planeten aus dem Jahr 2002 eine etablierte Figur in der schwedischen Literaturszene, nicht nur als Romanautor und Lyriker, sondern auch als Kritiker, Blogger und Übersetzer. Er hat diverse Stipendien und Preise für sein Werk bekommen und unter Anderem Thomas Kling und Heinrich Heine ins Schwedische übersetzt. Im März 2018 kam sein Gedichtband Till dikten heraus, der sich in Schweden nicht nur ausgesprochen gut verkauft, sondern auch von der Literaturkritik positiv besprochen wurde. Der Autor lebt in Berlin und dort begann dann auch die Tinder-Affäre, die sein Werk mit dem einer weit weniger etablierten deutschen Autorin verknüpft hat.

Sarah Berger, 2018. (Foto: Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

Sarah Berger ist eine Fotografin und Autorin, die bereits seit einigen Jahren auf ihrem Blog, ihrem Twitter-Account und bei Facebook innovative Prosaminiaturen veröffentlicht, von denen zahlreiche unter die von der Verlegerin Christiane Frohmann definierte digitale Textsorte „Kleine Formen“ fallen. Ihr Debüt erschien im Herbst 2017 unter dem Titel Match Deleted. Tinder Shorts im Frohmann Verlag. In diesem empfehlenswerten Band versammelt Sarah Berger zahlreiche Texte, von denen einige bereits zuvor online veröffentlicht wurden und die sich im weitesten Sinne mit dem Phänomen der Liebe in Zeiten des Internets befassen. In den letzten Jahren hatte sich die Autorin in ihren Online-Communities bereits den Ruf erarbeitet, mit feinem Blick und philosophisch geschultem Vokabular die Absurditäten, enttäuschten Hoffnungen und hoffnungsvollen Einsamkeiten in Dating-Chats literarisch zu sezieren. Im Vergleich zu dem bereits im schwedischen Literaturbetrieb fest etablierten Autoren Malte Persson ist Sarah Berger also in einer deutlich weniger einflussreichen Position, eine Machthierarchie, auf die dieser Text später noch näher eingehen wird.

Liebe in Zeiten der freien Marktwirtschaft

Da Sarah Berger die Erfahrungen mit ihren Tinder-Dates nur in sehr vager Form beschreibt und ihr gegenüber dabei entsprechend unkenntlich gemacht wird, folgen wir zunächst Malte Persson Text. Für den großen öffentlich-rechtlichen Schwedischen Radiosender P1, der in ganz Schweden, Teilen Dänemarks und sogar auf Rügen zu empfangen ist, verfasste Persson eine 22-minütige Radionovelle, die von dem Schauspieler Johan Ulveson eingesprochen und am 5. März 2018 erstmalig ausgestrahlt wurde. Das Stück trägt den Titel Research, eine Anspielung auf die Erzählinstanz, die sich im Text auf Recherche in die Dating-App begibt und dort eine Autorin trifft, die ebenfalls für ihr Buch recherchiert – eine Tatsache, die bereits beim ersten Kontakt der beiden offengelegt wird:

Min presentation lyder: ”Allt jag gör här, är research för min nästa bok.” Det är en lögn. Och ändå inte. Precis som denna berättelse är, där det nästa som händer är att jag matchar med någon som kallar sig för Lou och är 29 år och också presenterar sig som författare. Lou skickar ett meddelande på chattet. Att allt jag gör här är research för min nästa bok, hade jag också kunnat säga. Detta finner jag lovande. Oklart om det är på ett personligt plan eller på ett litterärt.

Meine Beschreibung lautet: ”Alles, was ich hier mache, ist Recherche für mein nächstes Buch.” Das ist eine Lüge. Und doch auch nicht. Genau wie diese Geschichte sind, ist das nächste, was passiert, dass ich mit jemandem matche, die sich Lou nennt und 29 Jahre alt ist und sich auch als Schriftstellerin vorstellt. Lou schickt eine Nachricht im Chat. Dass alles, was ich hier mache, Recherche für mein nächstes Buch sei, hätte ich auch sagen können. Das finde ich vielversprechend. Unklar ist, ob auf einer persönlichen Ebene oder einer literarischen.

(Alle Zitate aus Research sind Rohübersetzungen auf Basis einer Transkription der Radionovelle)

Die Radionovelle ist schon in den ersten Absätzen so angelegt, dass es naheliegend ist, eine enge Überschneidung zwischen dem Ich-Erzähler, der sich selbst als in Berlin lebender Schriftsteller beschreibt, und Malte Persson zu vermuten. Der Leser nimmt so bereitwillig das autofiktionale Deutungsangebot des Textes an. Typisch für autofiktionale Texte wird bereits im ersten Absatz sowohl die Fiktionalität des Textes als auch die Faktualität markiert, wenn recht einfallslos darüber philosophiert wird, dass diese Geschichte zu einem anderen Zeitpunkt in einem Zugabteil oder einem Literatursalon hätte beginnen können, aber aufgrund ihrer zeitlichen Verortung in der Gegenwart nun eben in einer Dating-App beginnen muss. So betont der Autor erstens, dass es sich um einen fiktionalen Text handelt, dessen Erzähler er ist und zweitens, dass er diese Geschichte nicht anders hätte erzählen können, weil er an die Gegebenheiten der Realität gebunden ist. Das Changieren autofiktionaler Texte zwischen erzählerischer Freiheit und Wahrheitsanspruch wird hier sehr deutlich markiert.

Persson beschreibt, wie er bereits vor dem ersten Date Bergers Pseudonym „Lou“ lüftet und mit einiger Recherche ihren Twitter-Account findet; er berichtet von dem ersten Treffen der beiden und den sich daraufhin entwickelnden Gesprächen, die mehrheitlich per Chat geführt werden. Er bezeichnet sich und Sarah Berger als autofiktionale Autoren, die nun gegenseitig ihr Erleben für ihre textuellen Spiele mit der Realität verwenden. Sie sprechen darüber, wer es schafft die bessere Erzählung aus ihren Dates und Online-Flirts zu spinnen und entwickeln beim Chatten im kommunikativen Zusammenspiel eine komplexe Geschichte, die wiederum auf mehreren Ebenen das Verhältnis von Schriftsteller A und B spiegelt, die wahlweise versuchen sich ihre Erzählungen stehlen oder sich gegenseitig Geschichten unterzuschieben – die Radionovelle wird hier in manchen Passagen dermaßen selbstreflexiv, dass es ermüdend ist dem Text zu folgen, der weitestgehend eine metapoetische post-moderne Spielerei ist. Im gesamten Text wird dem Zuhörer jedoch vermittelt, dass es sich um die Begegnung zweier Autoren dreht, die mehr verliebt sind in das Geschichtenerzählen selbst, als in den zwischenmenschlichen Kontakt miteinander. Malte Persson hinterlässt als Erzählinstanz im Verlauf der Radionovelle keinen besonders sympathischen Eindruck. Im Gegenteil wirkt er auf eine dermaßen überzogene Weise selbstverliebt, dass es beinahe parodistisch wirkt. Textstellen wie die Folgende lassen sich kaum ohne schmerzhaftes Augenrollen anhören:

Hon heter i verkligheten Sarah, är 32 år och verkar inte ha publicerat sig annat än på internet. Jag är lite besviken. Inte över ålderen, men över den bristande litterära meritlistan. Jag är en snobb. Förresten måste jag förtydliga mig: I verkligheten heter hon inte Sarah, men jag har ändrat namnet, precis som jag har ändrat mycket annat här. Detta är inte ett kapitel i mina memoarer, utan en påhittad berättelse där författaren visserligen inspirerats av sådant som verkligen hänt – som författare ofta gör. Förresten måste jag förtydliga mig igen: Hon heter faktiskt Sarah. Jag försöker, men lyckas inte komma på någon ersättning för det här namnet, som känns rätt. Förutom möjligen Hannah, och det heter mitt ex. Så det blir för förvirrande när jag skriver, även om sånt borde spela någon roll. Att jag användar hennes riktiga namn, ska dock inte tolkas som jag inte ljuger om annat.

Sie heißt in Wirklichkeit Sarah, ist 32 Jahre alt und scheint nicht woanders publiziert zu haben als im Internet. Ich bin ein wenig enttäuscht. Nicht über das Alter, sondern über die fehlenden literarischen Verdienste. Ich bin ein Snob. Übrigens muss ich klarstellen: In Wirklichkeit heißt sie nicht Sarah, aber ich habe den Namen geändert, genau wie ich hier viel mehr verändert habe. Dies ist kein Kapitel in meinen Memoiren, sondern ein erfundener Bericht, bei dem der Schriftsteller sicherlich von etwas inspiriert wurde, was wirklich geschah – wie es Schriftsteller oft tun. Übrigens muss ich erneut klarstellen: Sie heißt doch Sarah. Ich versuche, aber schaffe es nicht, einen Ersatz für diesen Namen zu finden, der sich richtig anfühlt. Außer möglicherweise Hanna, und so heißt meine Ex. Dann wird es verwirrend, wenn ich schreibe, selbst wenn so etwas keine Rolle spielen sollte. Dass ich ihren richtigen Namen verwende, soll jedoch nicht so gedeutet werden, als ob ich über anderes nicht lügen würde.

Die Erzählinstanz, die zwischen Fakt und Fiktion schwankt, erklärt kurzerhand als Lüge etablierte Informationen zu Fakten und thematisiert wiederholt die eigene Unzuverlässigkeit. Die Benennung seines Gegenüber als Sarah wird jedoch als Fakt gerahmt, die Rezeption der Hörer wird also in die Richtung geleitet, die biographischen Informationen über Sarah Berger als Fakten wahrzunehmen. Im Anschluss wird ihr Status im Literaturbetrieb, als nicht veröffentlichte Autorin, enttäuscht kommentiert. Diese sonderbare Konkurrenzdynamik finden sich im gesamten Text, der sich mehr der Reflexion widmet, wer nun der etabliertere Autor ist oder die Geschichte besser erzählen wird, als dem wirklichen Austausch von Ideen. Diese unheimliche Art und Weise mit der sich marktwirtschaftliche Kriterien in die zwischenmenschliche Kontaktaufnahme einschreiben, ist vielleicht das interessanteste ästhetische Merkmal eines darüber hinaus nicht sehr aufregenden Textes.

Narrative Enteignung – Auf Tinder sieht dich niemand stehlen

Die Hauptkritik an der Radionovelle Research von Malte Persson lässt sich ebenfalls an dem oben zitierten Absatz festmachen: Indem er Name, Alter, Wohnort und ihren Twitter-Account erwähnt, hat er die noch mit der Verwendung des Pseudonyms „Lou“ mögliche Verschlüsselung aufgegeben und Sarah Berger für alle Hörenden der Radionovelle mit einer minimalen Google-Suche auffindbar gemacht. Besonders durch die Verweise auf „Sarahs“ ästhetisches Interesse an Tinder als poetischem Bezugsrahmen und ihr zum Thema erschienenes Buch wird Sarah Berger eindeutig identifizierbar. Das Pendeln zwischen der Präsentation des Namens als fiktional oder faktual: ”In Wahrheit heißt sie nicht Sarah […] Übrigens muss ich mich doch korrigieren: Sie heißt doch Sarah.”, kann hier nur als halbherzige Strategie verstanden werden, die Verantwortung für die Identifikation seiner Protagonistin durch Ironie von sich weisen zu können. Diskretionsstrategien, die in literarischen Texten angewendet werden um die Referenzierbarkeit der Figuren zu erschweren, werden von Persson ironisch gebrochen, indem er zwar vorgibt sie zu verwenden, sie dann jedoch sofort wieder auflöst. Die faktuale Lesart von Teilen der Radionovelle, das heißt die Wiedererkennbarkeit der Protagonistin als Teil der Wirkungsästhetik, ist also Bestandteil der intendierten Rezeption – eine Strategie, mit der die Autorin Sarah Berger dem Autoren Malte Persson in seinem autofiktionalen Schutzraum ausgeliefert ist. Besonders bei den im Text ausgeplauderten Intimitäten, unter anderem der Thematisierung von einem Gespräch Sarah mit ihrem Psychologen, fragt man sich, wie der Autor dazu kommt, sich berechtigt zu fühlen auch persönlichste Details zum Stoff einer Radionovelle zu machen, die gleichzeitig keine Verschlüsselung der Protagonistin vornimmt. Um noch einmal Johannes Franzen zu Wort kommen zu lassen, der sich eben diesen ethischen Implikationen einer narrativen Enteignung ausführlich widmet:

Nicht autorisierte Narrativierungen fremder Identitäten, die der Öffentlichkeit bekannt gemacht werden, stellen einen moralischen Verstoß dar, der als schwerwiegender, möglicherweise juristisch ahndbarer Eingriff wahrgenommen werden kann. (Franzen: Indiskrete Fiktionen. S. 319)

In diesem Text solle es jedoch nicht um die möglicherweise manifeste Verletzung der Persönlichkeitsrechte der Autorin Sarah Berger gehen – hier kann man ihr nur eine gute Rechtsberatung ans Herz legen – sondern besonders um Aneignung von Inhalten, ästhetischen Verfahren und spezifischen literarischen Mustern der Autorin Sarah Berger in Perssons Radionovelle.

Cover: Sarah Berger Match Deleted

Berger hat sich in den letzten Jahren mit ihren zunächst online veröffentlichten kurzen Textfragmenten eine große Anzahl Follower in den sozialen Medien erarbeitet, ihr Buch Match Deleted Tinder Shorts enthält zahlreiche dieser Texte, von denen sich viele konkreten Begegnungen und Gesprächen mit anderen Menschen widmen. Im Gegensatz zu Malte Persson gibt die Autorin jedoch nie die Identität ihrer Gegenüber Preis, sondern setzt sich mit sehr bewusst gewählter Sprache mit den strukturellen Dynamiken der aus Tinder Matches resultierenden Treffen und Gesprächen auseinander. Nun ist die Schilderung von aus Tinder entstehendem Kontakt kein inhaltliches Alleinstellungsmerkmal, doch ist es auffällig, wie eng sich Malte Perssons Radionovelle an einige Textstellen aus Bergers Buch anlehnt und wie stark sich ihr poetologisches Programm in Perssons Werk wiederfindet. Persson schreibt:

Människor finns bara i de olika historier de berättar om sig själva, skriver jag till Sarah och misstänker genast att det är ett plagiat av något hon har skrivit, antingen i ett meddelande till mig eller på Facebook eller både och.

Menschen gibt es nur in den unterschiedlichen Geschichten, die sie über sich selbst berichten, schreibe ich an Sarah und vermute sofort, dass dies ein Plagiat von etwas ist, das sie geschrieben hat, entweder in einer Nachricht an mich oder auf Facebook oder beidem.

Diese Aussage findet sich wortwörtlich in Bergers Buch, auf Seite 34 steht: ”Ich existiere nur in diesen Geschichten, die ich über mich erzähle.” Ein Gedanke Bergers, der durchaus als die Ausgangsüberlegung von Perssons Text bezeichnet werden kann. Plagiatsvorwürfe sind skandalträchtig und sollen hier nicht erhoben werden, angesichts der Tatsache, dass Bergers Buch mehrere Monate vor der Radionovelle erschien und in Perssons Text auch thematisiert wird, ist es jedoch auffällig, dass sich Spuren von Bergers Werk in Perssons Radionovelle sehr viel deutlicher finden lassen als andersherum. Da jedoch beide Autoren ihr Chatgespräch bearbeitet haben, geht ein Plagiatsvorwurf hier sicherlich zu weit – ihre Dialoge miteinander haben nicht nur Sarah Berger zu literarischen Texten inspiriert, sondern liegen ebenfalls Malte Perssons Radionovelle zu Grunde. Die literarische Bearbeitung persönlich kommunizierter Chats ist ein ethischer Graubereich, in dem sich sowohl Sarah Berger als auch Malte Persson bewegen. Interessant ist hier zu analysieren, wie sich Bergers und Perssons Werk voneinander unterscheiden: Wie bearbeiten die beiden Autoren den vorliegenden Stoff?

Berger schreibt über das Zusammentreffen zweier Autoren, die Tinder zur Recherche nutzen, in der Prosaminiatur Nummer 30 in ihrem Buch:

Jeder lebt also für sich auf der eigenen Oberfläche die Figur des Liebenden, um den Betrug nicht zuzugeben und um weiterhin Nachforschungen für das eigene Projekt zu betreiben, ohne dabei selbst zu wissen, was eigentlich an erster Stelle steht.

Sie interessiert sich in ihrer literarischen Behandlung des Themas für die dem Anderen präsentierte Fassade der Geschichtenerzähler und die Unsicherheit, in einer Liebesbeziehung nur Stoffmaterial für die Texte des anderen zu werden, passend zu dem sich durch die Texte ihres Buches ziehenden Themen von Einsamkeit und Sehnsucht nach genuin zwischenmenschlicher Verbindung. Malte Persson sieht im Gegenzug die Begegnung vor Allem als Gelegenheit sich mit seiner eigenen Schriftstelleridentität auseinanderzusetzen.

Jag har redan tidigt bestämt mig för vad som främst intresserar mig, är den självmedvetenhet som måste uppstå när två författare ömsesidigt researcher varandra.

Ich habe schon früh beschlossen, dass das, was mich am meisten interessiert, das Bewusstsein für sich Selbst ist, das entstehen muss, wenn sich zwei Schriftsteller gegenseitig recherchieren.

Während Persson immer wieder das Spiel mit Faktualität und ausgestellter Fiktionalität ins Zentrum stellt, widmet sich Berger in ihrem einige Monate früher erschienenen Buch einer tieferen Dimension von Einsamkeit, enttäuschten Hoffnungen und einer melancholischen Sehnsucht, die sich durch ihre an vielen Stellen sehr berührenden Texte zieht. Das Gegenüber löst in Bergers Texten vor Allem eine Reflexion der eigenen Einsamkeit aus. Bei Malte Persson wird Sarah Berger wiederum zum Spiegel der eigenen Eitelkeit und Selbstbezogenheit. Berger schreibt über die Langeweile und Leere: „Wir werden uns erzählen, wie furchtbar wir diese Zeit finden, wie öde es ist, nur auf der Oberfläche zu schwimmen, nichts mehr zu spüren, sich nur noch von der einen guten Geschichte zur nächsten zu bewegen …“, während Persson sehr selbstreferentiell davon erzählt, wie sich die Egos der Autoren in ihrer Autofiktion spiegeln:

Men om hon hade vetat att jag citerar publicerade dialog, skulle hon säkert ha jobbat med sitt svar och kommit på ett ännu bättre, som jag nu i stället har tillskrivit henne. Det är vad jag tror, eller vad jag säger att jag tror, för i denna spiral av postmodern litterär självmedvetenhet kan det naturligtvis vara så att jag å ena sidan fåfängad framställer mig själv som den mer begåvade författaren, men å andra sidan också så att jag tvärtom anstränger mig för att framställa henne som den mer begåvade författaren, för att det inte ska se ut att jag är en typisk självgod manlig författare som inte ger en kvinnlig kollega tillräckligt med cred, ens när han stjäl hennes idéer.

Aber wenn sie gewusst hätte, dass ich veröffentlichte Dialoge zitiere, hätte sie sicherlich an ihrer Antwort gearbeitet und eine noch bessere gefunden, die ich nun stattdessen ihr zugeschrieben habe. Das ist, was ich glaube, oder was ich sage, dass ich glaube, denn in dieser Spirale postmodernen literarischen Selbstbewusstseins kann es natürlich sein, dass ich mich auf der einen Seite eitel als den begabteren Autoren präsentiere, aber auf der anderen Seite auch sein, dass ich mich im Gegenteil anstrenge sie als die begabtere Autorin zu präsentieren, damit es nicht so aussieht, als wäre ich ein typisch eingebildeter männlicher Autor, der einer weiblichen Kollegin nicht genügend Anerkennung gibt, selbst dann nicht, wenn er ihre Ideen stiehlt.

Sein Gegenüber wird in Malte Perssons Text vor allem zur Folie von Gedanken über sich selbst und sein nach außen präsentiertes Bild, sein autofiktives und ausgesprochen selbstreferentielles Spiel bleibt im Vergleich zu Sarah Bergers Texten reichlich kalt, er verfugt mit seiner Ironie nur die Oberflächen des Erlebten, während bei Berger immer wieder Abgründe erkennbar werden.

Ironische Nostalgie oder affirmative Ironie

In den Kritiken zu Perssons aktuellem Gedichtband Till dikten wird immer wieder die subtile Ironie und der feine Humor des Autors betont. Tatsächlich ist die ironische Brechung ein sehr spezifisches Merkmal von Perssons Schreiben, das bereits in den ersten Sätzen der Radionovelle „Research“, bei der Gegenüberstellung von Früher und Heute, Literatursalon und Dating-App, durchzuscheinen beginnt und das sich auch im Gedichtband Till Dikten immer wieder findet: Hinter der Pose abgeklärter Ironie verbirgt sich jedoch eine Bewunderung klassischer bildungsbürgerlicher Distinktionsmarkierungen, die in ihrer Offensichtlichkeit einen beinahe rührend bemühten Eindruck macht. Beispielhaft für diese eigenwillige Form humorbefreiter Ironie seien hier nur die ersten Zeilen aus dem Gedicht Underhållning zitiert:

När vi skäms för att vi läst så många dikter och vill göra något seriösare så tittar vi på teve

Wenn wir uns dafür schämen, dass wir so viele Gedichte gelesen haben und etwas Seriöseres machen wollen dann schauen wir Fernsehen

Das an diese Textzeilen anschließende Gedicht beschreibt ironisch das Fernsehen und das serielle Erzählen als die ernsthaftere und komplexere Unterhaltungsform, die das lyrische Ich aus Dummheit eben nicht versteht, dabei einschläft und sich deswegen den kürzeren und „einfacheren“ Gedichten zuwendet. Im Gestus selbstironischen Spotts wird von Persson wieder und wieder das eigene Aus-der-Zeit-gefallen-Sein thematisiert, dabei jedoch eigentlich nur bildungsbürgerlicher Kanon in gähnender Langeweile affirmiert. Zumindest führt Persson mit dieser Schreibweise recht beeindruckend die Möglichkeit vor Augen Ironie jedweder subversiver Funktion zu entledigen.

Till Dikten strotzt von scheinbar ironisch präsentierter Literaturverehrung, die letztlich eine Anbiederung an den bildungsbürgerlichen Kanon ist, die mit gutem Gewissen als Referenzmasturbation bezeichnet werden kann. Was sagt es über den schwedischen Literaturbetrieb aus, dass ein Gedichtband wie Till Dikten von den Kritikern bejubelt wird, ein Band, der in seiner metapoetischen Bemühtheit an zahlreichen Stellen mühelos ins Lächerliche gleitet? In den schwedischen Rezensionen wird Persson als humorvoller Dichter beschrieben, die daraus resultierende Frage ist jedoch eher, was mit dem Humor schwedischer Literaturkritiker kaputt ist, dass diese Form von Ironie überhaupt als humorvoll wahrgenommen wird. (Eine kritischere Lesart von Malte Perssons Ironie in Till Dikten habe ich übrigens finden können, geschrieben wurde sie von Filip Lindberg für Örnen&Kråkan.) Zumindest ist der Gedichtband in Schweden weit oben in der Bestsellerliste platziert, er scheint bei den Lesern gut anzukommen, andererseits verkaufen sich in Deutschland beispielsweise auch die Gedichte von Hans Kruppa sehr oft – Erfolg beim Absatz scheint also weder in Schweden noch in Deutschland ein Garant für gute Literatur zu sein.

Es ist möglicherweise das Drama Malte Perssons als Schriftsteller, dass er sich nach einer historischen Periode mit entsprechender Genie-Verehrung zurücksehnt, diese Sehnsucht gegenwärtig aber nur noch mit vorgespielter Ironie präsentieren kann. Seine Obsession mit schriftstellerischem Status und Relevanz durchzieht auch die Radionovelle Research, in der sich zahlreiche Referenzen auf kanonisierte große Schriftsteller finden lassen. Das generische Maskulinum ist in diesem Fall beabsichtigt, denn Frauen oder Autorinnen sind in Malte Perssons Bezugshorizont sonderbar abwesend, stattdessen werden David Foster Wallace, Friedrich Nietzsche, Sigmund Freud und Rainer Maria Rilke erwähnt, die letzteren im Bezug zu Sara Bergers Alias, die sich in Tinder „Lou“ nennt. Persson denkt darüber nach, dass eine angehende Schriftstellerin, die sich den Namen Lou gibt, sicherlich von der Psychoanalytikerin Lou Salomé inspiriert wurde, die auch Freundin von Nietzsche, Freud und Rilke war. Diese Freundschaft – „vän eller mer / Freundin oder mehr” schreibt Persson – fasziniert ihn. Lou Salomé ist nicht interessant aufgrund ihrer eigenen Biografie, sondern wegen ihrer Beziehung zu von Persson bewunderten berühmteren Männern – sein Interesse an dieser Form eines Musendiskurses ist offensichtlich.

Die Muse schreit zurück

Die Trope von Musen und den Meistern, deren Werke sie inspirieren, findet sich in zahlreichen historischen Texten über Kunst und Literatur. Von den antiken Musenanrufungen, beispielsweise in Homers Odyssee, bis hin zur modernen Variante des Manic Pixie Dream Girls, das sich in zahlreichen Filmen wiederfindet, ist das zentrale Merkmal die Selbstaufgabe weiblicher Identität, um zur Projektions- und Inspirationsfläche des männlichen Künstlers zu werden. Erst Hesiod gab übrigens den Musen ihre Namen und begrenzte ihre Zahl, vorher wurden sie nur als namenlose Wesen angerufen, waren so also bereits in der Antike symptomatisch für die Unsichtbarkeit der inspirierenden oder mitschöpfenden Frauen hinter den Erzeugern eines ästhetischen Textes. Frauen, die als hilfreiche Unterstützerinnen großer Künstler, Forscher und Literaten, nur durch Dienstleistungen für die männlichen Genies einen Wunsch nach Teilhabe erfüllen konnten, sind ein wiederkehrendes historisches Phänomen. Wer nur einen kleinen anekdotischen Eindruck davon bekommen möchte, sollte sich in einer ruhigen Stunde einmal den Hashtag #ThanksForTyping auf Twitter zu Gemüte führen – ich empfehle dabei für etwaige aus den angeführten Beispielen resultierende Gemütszustände einen Wutball in der Hand zu halten.

Cover: Christiane Frohmann: Präraffaelitische Girls erklären das Internet

Eben dieser Musendiskurs, der Frauen zum Schweigen bringt und ihre Identitäten verwischt, wird von Christiane Frohmann, Sarah Bergers Verlegerin, aufgegriffen und subversiv gebrochen, wenn sie in ihrem Buch „Präraffaelitische Girls erklären das Internet“ und auf dem dazugehörigen Twitter-Account “Pre-Raphaelite Girls Explaining” die jungen Frauendarstellungen der präraffaelitischen Maler zu Wort kommen lässt. In ihren Bild-Text-Kompositionen setzen sich die „Girls“ kulturkritisch mit Internetphänomenen auseinander, ohne dass der Maler der Werke überhaupt relevant ist – die Musen schrei(b)en zurück. Die gleichen digitalen Möglichkeiten, die im Jahr 2018 das Datingleben verändern und Menschen ermöglichen, sich als Autor*innen zu bezeichnen, obwohl sie nie ein gedrucktes Buch veröffentlicht haben, geben so auch den früher zum Schweigen verpflichteten Musen die Möglichkeit, ihren Mund zu öffnen und Frustration über ihre Instrumentalisierung zu formulieren.

Sarah Berger, eine Autorin, deren Werk ursprünglich im Internet erschien, hat natürlich auch zu der Causa Persson bei Twitter Stellung bezogen. In der Radionovelle zitiert Malte Persson einen Tweet von Berger zu ihrem ersten Date mit dem Schriftsteller, in dem die Frage gestellt wird, wer wohl die beste Fiktion über den jeweils anderen schreiben wird. Eben diesen Tweet greift Sarah Berger im April 2018 wieder auf und dekonstruiert Perssons Radionovelle mit wenigen Worten:


Genau an diesem von Sarah Berger benannten Punkt der klassischen Rollenmuster, der narrativen Enteignung einer Debütautorin durch einen als Schriftsteller bereits stark etablierten Mann, der digitalen Wiederbelebung abgestandener Musendiskurse, macht es sich fest, dass Malte Persson für seine Radionovelle Research kritisiert werden sollte. Auch und gerade deswegen, weil er seinen Text auf Schwedisch mit hoher Reichweite veröffentlichte und so durch die Sprachbarriere absicherte, dass Sarah Berger nur mit gesteigerten Schwierigkeiten Zugriff auf einen Text bekam, für den sie einerseits eine Nennung als Co-Autorin verdient hätte und der andererseits intimste Details unter ihrem Klarnamen offenbart.

Gerade von Malte Persson, der sich im Kontext der aktuellen Skandale um die Schwedische Akademie, für die er selbst schon als zukünftiges Mitglied ins Spiel gebracht worden war, wiederholt kritisch geäußert hat, und dabei den Sexismus und die archaischen Machtverhältnisse der Akademie analysierte, hätte man ein größeres Bewusstsein bei seinen eigenen Texten erwartet. Vielleicht wäre die Schwedische Akademie doch das richtige Habitat für diesen Schriftsteller, der zumindest von der Literaturkritik bereits in die Nähe antiker Dichterfürsten gerückt wurde:

Man känner de gamla grekernas närvaro hos Malte Persson precis som hos Svenbro. Men hur slänger man ihop en dikt här och nu, här vid historiens slut, efter romantik och modernism och postmodernism?

Man merkt die Nähe der alten Griechen, bei Malte Persson genauso wie bei Svenbro. Doch wie entwirft man ein Gedicht im hier und jetzt, hier am Schluss der Geschichte, nach der Romantik und der Moderne und der Postmoderne?

Auf diese rhetorisch gestellte Frage kann man nur mit Nachdruck und Vehemenz antworten: Bitte nicht so, wie Malte Persson es in Till dikten und Research betreibt und bitte auch nicht, indem durch die kritiklose Übernahme antiquierter Musendiskurse Autorinnen instrumentalisiert und in die Unsichtbarkeit gedrängt werden.

(Großer Dank gebührt dem Skandinavisten und Übersetzer Matthias Friedrich, der nicht nur Malte Perssons Radionovelle transkribiert hat und mir dankenswerterweise zur Verfügung stellte, sondern auch Anregungen für diesen Artikel gab. Dank gebührt außerdem dem Germanisten Johannes Franzen, der mir im persönlichen Gespräch und mit seiner Forschung zur narrativen Enteignung sehr geholfen hat, daher empfehle ich an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich seine Monographie zum Schlüsselroman: Johannes Franzen: Indiskrete Fiktionen. Theorie und Praxis des Schlüsselromans 1960-2015. Göttingen, 2018.)

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„Hilfe, zwischen meinen Buchdeckeln sind Algorithmen“*

Vor ungefähr vier Jahren schrieb Sibylle Berg in ihrer S.P.O.N-Kolumne folgende These: „Die Zukunft, vor der wir gewarnt wurden, ist da, die Buchbranche woanders.“ Als Gegenmittel empfahl sie der Buchbranche ironisch doch mal einen Abstecher ins Silicon Valley, wo sich zum damaligen Zeitpunkt gerade Kai Diekmann auf Innovationssuche befand. Auf die Kolumne regte sich viel Widerstand, beleidigter Protest und trotziges Gestampfe, doch auch vier Jahre später scheint mir die Beziehung zwischen Literaturbetrieb und Internet – hier als Chiffre für die diskursiven und technischen Innovationen der Digitalisierung verwendet – auch weiterhin keine Herzensangelegenheit zu sein, eher eine mehr oder minder pragmatische Zweckgemeinschaft.
Natürlich gibt es mittlerweile digitale Leuchtfeuer im Büchermeer: Franz Friedrichs non-linear erzählte und gemeinsam mit dem Fischer-Verlag entwickelte App 25052015 – Der letzte Montag im Mai; mehr oder minder gelungene Prosa (und Lyrik), die sich z.B. an die Ästhetik von Facebook-Chats anpasst oder Hashtags sinnvoll miteinbezieht. Auch die zahlreichen Verlagsblogs, die in den letzten Jahren entstanden sind, zeigen zumindest, dass die Buchbranche sich bemüht um die Herzen der Online-Leser*innen. Die Verlage stoßen also in den virtuellen Raum vor, versuchen sich an medialer Innovation und suchen nach Texten, die sich formal oder inhaltlich mit einer im weitesten Sinne digitalen Ästhetik befassen – Zunehmend trauen sich Verlage auch Bücher mit genuin digitaler Literatur zu veröffentlichen. Der begriff der digitalen Literatur ist momentan noch recht unpräzise, ich beziehe mich in der Verwendung auf Texte bei denen der Computer zumindest Anteil an der Entstehung hat und die deswegen klassische Konzepte von Autorschaft gehörig ins Schwanken bringen.

„Dazu gehören alle möglichen Formen von Texten, die maschinell generiert wurden, die sich mechanisch andere Texte aneignen und deren Satz- und Wortelemente neu kombinieren, meistens mittels mehr oder weniger komplexer Scripte, die die Autoren selbst schreiben – das Schreiben der Texte, die sie hervorbringen, ist eine bestimmte Art computerisierter Textverarbeitung.“

So fasst Hanna Engelmeier einen Teilbereich der digitalen Literatur in einem sehr empfehlenswerten Essay im Merkur 12/2017 zusammen, der sich unter dem Titel „Was ist die Literatur in »Digitale Literatur«?“ unter Anderem mit dem interessanten Phänomen auseinandersetzt, dass die Theoretiker*innen und Produzent*innen dieser Form von deutschsprachiger digitaler Literatur oftmals dieselben Personen sind.

Spannend ist es da, dass der Suhrkamp Verlag in diesem Frühjahr gleich zweimal Bände vorlegt, die in das eigentlich weite (aber in der deutschsprachigen Literatur eben leider noch immer ziemlich enge) Feld der digitalen Literatur vorstoßen: Hannes Bajohrs Halbzeug: Textverarbeitung und Clemens Setz: Bot – Gespräch ohne Autor. Bevor ich mich den beiden Bänden inhaltlich widme, will ich jedoch erst einen Exkurs zu den Klappentexten dieser Bücher einerseits – das was von Gérard Genette als Paratexte bezeichnet wird – und andererseits ihrer Rezeption durch die Literaturkritik machen. Ich habe den Eindruck, dass besonders die Rahmung dieser Bücher in Verlagsankündigungen und Klappentext, die sowohl rezeptionssteuernd wirkt als auch Vermarktungslogiken bedient, in der Kritik mehrheitlich aufgegriffen wird.

Vergleicht man die beiden Klappentexte fällt besonders auf, dass beide sich sehr ausführlich Metaphern bedienen, die gleichzeitig Faszination und leichtes Unbehagen an der Digitalisierung ausdrücken. Bei dem Buch von Clemens Setz schreibt nicht mehr die „natürliche Person“ sondern die „künstliche Intelligenz“ / „die ausgelagerte Seele“, was schließlich in der Verabschiedung der Autoreninstanz mündet – immerhin haben wir laut Klappentext mit dem Buch „das Werk allein, völlig losgelöst von seinem Autor“ in der Hand. Im Klappentext des Buches von Hannes Bajohr wird gleich das Werk selbst verabschiedet, „Wo alles Text ist, weil alles Code ist, gibt es kein Werk mehr“ – ein wohlklingender Satz, der aber mehr Fragen aufwirft als er beantwortet. Auch Ideen von Autorschaft und Rezeption werden laut Klappentext durch den Gedichtband in Frage gestellt. Der Band von Clemens Setz ist von der Kritik in zahlreichen Beiträgen aufgenommen worden, dabei häufen sich jedoch Wortfetzen, Aussagen und Stimmungsbilder, die sich eng an die Tonalität des Klappentextes anlehnen: Der Text ist „das sperrigste Werk des Jahres“; geprägt durch einen „hermetische[n] Stil“, der decodiert werden muss; „Das Ich steckt als ausgelagerte Seele im Computer“ und Clemens Setz wird wahlweise als „Computerfreak“, „Nerd“ oder „Internetfreak“ bezeichnet. Ganz grundsätzlich wirft das Buch bei Kritiker*innen die Frage auf: „Wann haben wir es mit Menschen, wann mit Maschinen zu tun?“ oder anders ausgedrückt „Dem Menschen antwortet ein Algorithmus, und Setz wirft damit die Frage auf, wie wir menschliches von maschinellem Verhalten unterscheiden können.“

Black Box Autor

Die beiden Autoren, die sich mehr oder weniger stark digitaler Verfahrensweisen bedienen, werden so durch Rezeption und die Paratexte ihrer Bücher zu einer Art Black Box stilisiert, weil herkömmliche Methoden der Rezeption, wie beispielsweise über eine klar fixierte Autorenidentität nicht mehr zu funktionieren scheinen. Mit der Metapher der Black Box, die im Kontext von Gesprächen über Computer eine mysteriöse Unverständlichkeit von Algorithmen bzw. Software ausdrückt, wird vor Allem der Überforderung gegenüber digitaler Innovation Ausdruck gegeben: Der Mensch füttert Maschinen mit Daten oder Programmierbefehlen, aber die Lösungen sind nur noch bedingt nachvollziehbar. Das generelle Unverständnis darüber, wie Computer zu ihren Resultaten gelangen, und eine daraus resultierendes Unbehagen sammelt sich in der Metapher der Black Box. All dies hat Kathrin Passig bereits sehr viel besser analysiert, als ich das je könnte, deswegen verweise ich hier auch nur auf ihre ausführlichen Überlegungen, die im Merkur unter dem Titel “Fünfzig Jahre Black Box” erschienen sind und nehme bloß ein Zitat aus ihrem Text heraus, das besonders auf den hier beschriebenen Kontext und die wiederholte Verwendung des Wortes „Algorithmus“ passt passt:

„Bei der Bezeichnung fängt es schon an: Man könnte einfach »Software« sagen, aber das klingt eben nicht so sinister wie »Algorithmus«, sondern nur ein bisschen nach angestaubten Disketten. Algorithmus bedeutet nicht »irgendwas, woran ein Computer beteiligt ist«. Das Wort bezeichnete eigentlich einmal ein klar umrissenes Rezept, zum Beispiel ein Sortierverfahren oder eine Anleitung zum Zusammenbau eines Ikea-Regals.“

In der Rede von Algorithmen, binären Logiken und künstlicher Intelligenz, die besonders bei der Rezeption von Clemens Setz Buch auffällig ist, schwingt sowohl Faszination als auch Skepsis mit und oft werden so auch eigentlich sehr banale technische Verfahren ins Mysteriöse überhöht. Man könnte hier nun einen langen Exkurs beginnen und zeigen, wie diese Rezeption von Technik letztlich quasi-religiös ist und Elemente des Numinosen im Sinne Rudolf Otts enthält – eine Analyse von Mysterium Tremendum und Mysterium Fascinans in der Rede über künstliche Intelligenz – aber das würde zu weit vom Thema fortführen. Fraglich bleibt jedoch, warum uns diese Bücher als Werke ohne Autor, Bücher ohne Werk (was auch immer das sein soll) und als Bücher, deren Entstehungsprozess eben so unverständlich ist wie die rätselhaften Algorithmen auf denen sie aufbauen, vermittelt werden. Immerhin ist es schon amüsant zu lesen, wie Begriffe wie künstliche Intelligenz aus dem Feuilleton-Hut gezaubert werden, wenn es bei Clemens Setz doch letztlich nur um eine recht schlichte Strg+F Suche in einem längeren Word-Dokument geht. Spiegelt sich hier Unkenntnis oder Unbehagen wieder?

Halbzeug: Textverarbeitung und das Kreative am Uncreative Writing

Bajohrs Band ist ganz im Einklang mit der digitalen Poetik, die Kenneth Goldsmith in „Uncreative Writing. Sprachmanagement im digitalen Zeitalter“ (Matthes & Seitz, 2017) formuliert, dessen Übersetzung ins Deutsche nicht zufällig von Hannes Bajohr und Swantje Lichtenstein verantwortet wurde, eine elegant durchgeführte Replik auf Goldsmiths These, dass auf die Unmengen an Text im digitalen Zeitalter mit einer Veränderung der literarischen Verfahren reagiert werden sollte. Das Buch teilt sich in vier Abschnitte, die unterschiedliche Strategien in der Textproduktion verwenden. Für den Teil „in corpore“ verwendet Bajohr etablierte computerlinguistische Verfahrensweisen und lässt Textkorpora zunächst mit recht elementaren Suchbefehlen untersuchen, ordnet und sortiert in Folge dann die vom Computer produzierten Ergebnisse. Der genaue Weg zu den Gedichten wird in einer Art gläserner Literaturproduktion immer im Anschluss an die Texte spezifiziert. Grundsätzlich wichtig ist, dass hier weder die Komplexität des technischen Verfahrens noch die entstandenen Sprachspiele das einzige Kriterium zur Bewertung der Qualität sind, sondern das außerdem der Fokus auf die Originalität der Fragestellung an die Textkorpora gerichtet werden muss. (So wie eben auch bei Konzeptkunst nicht unbedingt das Urinal selbst relevant ist, sondern die Idee es in einem musealen Rahmen zu präsentieren.) Die von Bajohr im Teil „in corpore“ erdachten Konzepte liefern manchmal rein spielerische Resultate, bei anderen Texten sind sie schlichtweg großartig und liefern einen eigenwillig absurden Einblick in unsere Realität. (Meine Favoriten sind: „Was Man Muss (Managementkorpus)“ und „Über mich selbst“)

Der Teil „automatengedichte“ liefert meiner Meinung nach eher uninteressante Resultate, weil hier einfach verschiedene Texte zu einer Art Medley maschinell vermischt werden, was auf mich entweder beliebig oder bemüht wirkt, besonders wenn kanonisierte literarische Texte verwurstet werden und es bei der Rezeption vor Allem um das Kitzeln des bildungsbürgerlichen Bewusstseins zu gehen scheint. Hier ist auch die Reichweite des Autoreneingriffs in den computergenerierten Text nicht wirklich nachvollziehbar, im Anhang steht, dass die Texte „manuell und subjektiv“ zusammengesetzt und gekürzt wurden, wieviel Hannes Bajohr und wieviel Maschine also exakt in den Texten steckt bleibt so unklar. Für den Teil „maschinensprache“ wird mit der Verknüpfung unterschiedlicher Software, wie Spracherkennungs- und Übersetzungsprogrammen, gespielt. Innovativer Dreh ist hier vor Allem die Absurdität mit der die Software miteinander interagiert, ein gutes Beispiel für interessante Konzepte mit resultierenden Gedichten, die leider eher mühsam zu lesen sind. Der Teil „in den reader für das eleventum“ bei dem die Word-Synonymfunktion verwendet wird um kanonische Gedichte umzuschreiben, liefert deutlich unterhaltsamere Resultate, denn auch hier ist die auswählende Autoreninstanz, die sich für die jeweiligen Synonyme entscheidet, ein Garant für die Lesbarkeit der Texte.

Besonders im Appendix wird dann sehr gut verdeutlicht, was auch Hanna Engelmeier in ihrem Merkur-Essay schon beschrieb: die Vermengung von ästhetischer Produktion und theoretischer Reflexion. Besonders die, wie ein Manifest gestalteten, Überlegungen zur digitalen Literatur sind interessant zu lesen, inklusive zahlreicher Verweise auf die Avantgarde als deren logischen Entwicklungsschritt Bajohr die digitale Literatur verortet (Mehr dazu auch in einem Essay des Autors in der NZZ, der aber auf Verweise zu seinem eigenen Werk verzichtet). Hannes Bajohr ist also nicht nur Produzent digitaler Literatur, er liefert auch gleich noch eine Reflexion seiner Methode mit. Dass diese theoretische Rahmung und Einordnung der digitalen Literatur, die eben gleichzeitig auch als Bewertung des eigenen Outputs lesbar ist, dann manchmal etwas selbstgefällig klingt, sei dahingestellt – es entbehrt zumindest nicht einer unfreiwilligen Komik:

„Entsprechend müssen wir zwischen Netzliteratur und digitaler Literatur unterscheiden. Flarf, twitterature und spam lit sind Netzliteratur, Schnappschüsse eines kulturellen und linguistischen Augenblicks. Digitale Literatur wäre dagegen etwas, in dem die Veränderung der Weltwahrnehmung durch das Digitale überhaupt Darstellung findet.“

Bot und die Poetik des CTRL+F

„Für das SZ-Magazin fertigte Joachim Kaiser gern kunstvolle Interviews aus den Sätzen verstorbener Größen.“ – Kaiser setzt also die „Antworten“ auf seine Fragen aus anderen Aussagen der „Interviewten“ zusammen. Interessanterweise hat dieses Verfahren einige Ähnlichkeit mit dem Interviewband „Bot. Gespräch ohne Autor“. Ein Bot ist eigentlich bloß ein Computerprogramm, das widerkehrende Aufgaben automatisiert bearbeitet ohne dass manuelle Eingaben notwendig werden, Bots sind dabei in der Mehrzahl eher schlichte Programme, die im Internet zahlreiche Funktionen erfüllen, beispielsweise regelmäßig Daten herunterladen oder eingeben und damit einen erheblichen Teil der Netznutzung ausmachen. Aufmerksamkeit haben die Bots in den letzten Monaten besonders durch die sozialen Bots bekommen, die in sozialen Netzwerken mit mehr oder weniger offensichtlichen Interessen automatisiert zu bestimmten Themen oder Hashtags posten. Im Sinne der etwas eigenwilligen Setz-Suhrkamp Definition des Wortes „Bot“ hätte Kaiser mit seinen zusammengesetzten Interviews zahlreiche Bots produziert, denn das Buch Bot besteht eben aus einem genau solchen Interview mit zahlreichen von Angelika Klammer genial formulierten Fragen, auf die jedoch nicht der Autor persönlich antwortet, sondern mal mehr oder weniger passende Auszüge aus seinem viele Seiten langen Tagebuch zur Antwort verwendet werden. In dem ausgesprochen interessanten von Setz verfassten Vorwort denkt er darüber nach, ob sein Tagebuch, das er selbst als „ausgelagerte Seele“ bezeichnet, nicht tatsächlich einen ausreichenden Gesprächspartner abgeben kann. Er spannt für diese Überlegungen den Bogen vom Turing-Test, mit dem getestet werden soll ob eine künstliche Intelligenz über eine ähnliches kognitives Vermögen wie ein echter Mensch verfügt, zu dem Philip K. Dick Android Project, bei dem eine sehr realistisch aussehende Büste des Sci-Fi Autoren Dick gebaut wurde, deren Software mit unzähligen Materialseiten aus Äußerungen des Autors gefüttert wurde und anschließend mehr oder weniger gut funktionierende Dialoge führen konnte. Diese Überlegungen sind für sich genommen eine spannende Auseinandersetzung mit der Entwicklung von künstlicher Intelligenz und ihren Auswirkungen auf unsere Konzeptionen von persönlicher Identität bzw. Menschlichkeit, dies kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass das was konkret in dem Interviewband versucht wurde, und sowohl im Klappentext als auch in zahlreichen Kritiken mit Metpahern der künstlichen Intelligenz bezeichnet wurde, eigentlich nur eine CTRL+F Schlüsselwortsuche in einem langen Word-Dokument ist. Es wird also auf einen technischen Bezug des des Buches angespielt, der durch die formale Struktur kaum eingelöst wird. Eine CTRL+F Suche durch ein langes Textdokument mit anschließender Selektion durch eine Lektorin hat mit künstlicher Intelligenz ungefähr soviel zu tun, wie die Analytical Engine von Charles Babbage mit dem IBM Roadrunner.

Wird in der Rezeption des Buches, die sich stark der Idee eines Bots als Gesprächspartners widmete, eine diffuse Black Box Metapher aufgegriffen? Ist es vielleicht leichter sich den an manchen Stellen durchaus etwas schwierigen Inhalt als technisches Mysterium vorzustellen, wie es beispielsweise Jérôme Jaminet tut:

[…]durch den sprunghaft assoziativen, intertextuell komplexen und hermetischen Stil ist das “Gespräch” mit dem Clemens-Setz-Bot stellenweise so schwer zu decodieren wie eine höhere Programmiersprache. Auf Dauer gerät die Lektüre deshalb äußerst anstrengend.“ (Spiegel Online, 12.2.2018)

Genau diese Unzugänglichkeit der Textfragmente ist aber doch kein Resultat der CTRL+F Suche oder sonstiger Algorithmen, sondern offensichtlich eben ein genuines Stilmerkmal des Tagebuchs, das mit absurden Geschichten, weit verfächerten Verweisen und wild springenden Anekdoten ziemlich beindruckend verfasst ist. Diesen Stil muss man mögen – ich persönlich könnte davon auch 1000 Seiten lesen und finde es schlichtweg grandios – jedoch zu behaupten, dass diese inhaltlichen Merkmale durch mysteriöse Algorithmen entstanden und nicht einfach stilistische Entscheidungen des Autors sind, ist meiner Meinung nach eine verkürzte Rezeption.

Dabei spricht einiges dafür, dass sich an genau diesen stilistischen Eigenheiten die tatsächliche digitale Aktualität des Werkes zeigt, in der Sprunghaftigkeit der Themen und Inhalte, die in der NZZ so treffend als „irrlichternder Kosmos der Vorstellungen und Erscheinungen“ bezeichnet wird. Ist nicht vielleicht das Rezeptionsverhalten in Internet und sozialen Medien genau mit dem Ausdruck des „irrlichternden Kosmos“ perfekt beschrieben? Clemens Setz nimmt den Leser in dem Buch mit auf einen recht beeindruckenden Surftrip durch seine Weltwahrnehmung: So wie man eine Gazillion Tabs im Browser öffnet, von Wikipedia zu Youtube zur Google Suche springt und nicht mehr linear an einem Text sondern an vielen Ideen und Berichten parallel liest, Fakt und Fiktion durchmischt, ist man auch auf dem Leseweg durch das Tagebuch einer rasante Gedankenvielfalt ausgesetzt, die sich in all ihrer wundervollen Versponnenheit ungeheuer gegenwärtig anfühlt.

Deep Learning Poetry und der Einzug des Unvorhersehbaren

Wer sich mit dem Stand und der Rezeption von digitaler Literatur in Deutschland befassen möchte, der wird an den beiden lesenswerten Büchern von Hannes Bajohr und Clemens Setz nicht vorbeikommen. Hannes Bajohrs Buch zeigt auf eine interessante Art und Weise, wie das Sprachspiel mit Computern zu ganz neuen Leseeindrücken führen kann, während bei Clemens Setz nicht der formale Kniff der CTRL+F Suche das interessanteste Merkmal ist, sondern eher die eigenwillige Gegenwärtigkeit der Gedankenwelt des Autors. Von einem Ende von Werk oder Autor kann jedoch bei beiden Bänden ganz sicher nicht die Rede sein, sind doch die sortierende und ordnende Funktion der Autoren bzw. der Lektorin Angelika Klammer ganz entscheidend für die veröffentlichten Texte. Auch für diese Texte gilt was Kathrin Passig im Rahmen ihrer gemeinsam mit Clemens Setz 2015 gehaltenen Poetikdozentur in Tübingen sagte:

„Nehmen Sie deshalb Leute nicht so ernst, die von vollständig computergenerierter Lyrik oder Kunst reden. Das ist – bisher jedenfalls –vor allem ein Marketingtrick. Hören Sie schon eher hin, wenn jemand von Zusammenarbeit mit Maschinen redet, ich zum Beispiel.

Das ist einerseits weniger interessant, denn mit Maschinen arbeiten wir auf die eine oder andere Art schon lange zusammen. Andererseits ist es eben dann doch ein spezieller und relativ neuer Fall, wenn die Maschine das Rohmaterial für Ideen liefert.“

Genau hier ist dann auch das spannende Element der beiden Bücher beschrieben: die Nutzung von Computern und Software um ein Rohmaterial zu produzieren, das dann von den Autoren und dem Lektorat poliert und bearbeitet wird. Wie ein Kistenteufel springt aus der Black Box dieser beiden Bücher nämlich nicht der rätselhafte Algorithmus, sondern stattdessen eine ziemlich klassisch operierende Autoreninstanz. Die ist jedoch genauso zauberhaft, mysteriös und nachdenklich machend, wie eh und je. Auch für diese zwei aktuellen Bände aus dem Bereich der digitalen Literatur liegt der Tod des Autors also noch in der Zukunft, je nach Perspektive eine frustrierende oder beglückende Erkenntnis.

In welche Richtung wird sich die digitale Literatur entwickeln? Ist es nur eine Frage der Zeit bis die Rede vom Verschwinden der Autor*innen und dem Aufstieg der eigenständig schreibenden Maschinen wirklich gerechtfertigt ist? Der große Erfolg der im Kontext von Deep Learning entstehenden künstlichen Intelligenzen in den letzten Jahren liefert uns bereits erste Hinweise darauf, wie mit neuronalen Netzwerken sehr eigene Literatur produziert werden kann, bei der die Maschine einen deutlich höheren Anteil am Endprodukt hat. Steht uns der Tod der Autor*innen also bevor, wenn im Kontext des Machine Learning wirklich dem Computer weit mehr gestalterische Freiheit zugestanden wird? Gegenwärtig finden die wesentlichen Experimente zur Literaturproduktion mit neuronalen Netzwerken in den USA statt und die entstehenden Texte sind ziemlich vielversprechend. In diesem Beitrag des Künstlers Ross Goodwin lassen sich beispielsweise zahlreiche Textbeispiele finden, die zeigen wohin die Reise der Mensch-Maschinen-Literatur gehen kann und wird. Doch selbst Goodwin will nicht das Ende der Autorenschaft erklären, sondern sieht die neuen technischen Möglichkeiten als Chance für neue Formen der Kreativität:

“The question is not when can we replace all humans with machines but at what point will the tools that machines provide for us, help us reach beyond our native capacities to the extent that what we can produce is light years beyond what we’re producing now. Humans working in consult with machines is the way of the future, not humans being completely replaced.”

Es bleibt also aufregend in der Welt der digitalen Literatur, neue Techniken ziehen massive Veränderungen nach sich und zahlreiche Modi neuronale Netzwerke und künstliche Intelligenzen kreativ zu nutzen warten noch darauf entdeckt zu werden – Ich persönlich kann es beispielsweise kaum erwarten zu sehen was TensorFlow mit sämtlichen Textquellen von Clemens Setz anstellen könnte. Eigentlich wollte ich am Ende dieses Essays noch einen kleinen Exkurs darüber schreiben, wie die GANs (Generative Adversarial Network) – zwei gegeneinander gestellte neuronale Netzwerke – im Machine Learning eine wundervolle Metapher für das Verhältnis von Autor*in und Computer bilden könnten, aber dieser Text ist bereits sehr viel länger geworden als ursprünglich gedacht. Als Fazit empfehle ich die Bücher von Hannes Bajohr und Clemens Setz zu lesen, sich mit digitaler Literatur zu befassen und keine Angst vor den Algorithmen zwischen den Buchdeckeln zu haben: Autor*inen sind weiterhin quicklebendig, bloß haben sie inzwischen immer öfter eine Maschine als Sidekick.

* Kathrin Passig veröffentlichte am 10. Januar 2012 in der SZ einen Artikel zur Algorithmenkritik mit dem Titel: „Warum wurde mir ausgerechnet das empfohlen?“. Ihr ursprünglicher Titelvorschlag war jedoch: „Mama, unter meinem Bett sind Algorithmen.“

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