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Kategorie: Feuilleton

Sieben Schwierigkeiten und einer der immer schmaler werdenden Pfade (Gastbeitrag von Selim Özdoğan)

Gastbeitrag von Selim Özdoğan / Dieser Text enstand im Rahmen des Autorensymposiums Atelier NRW und erscheint in leicht abweichender Form in Sprache im technischen Zeitalter.

 

1 Die Geschichte mit der Herkunft.

1.1

“Bin dafür, dass wir alle Leute mit reichen Eltern ein Jahr lang keine Romane veröffentlichen lassen und dann nochmal schauen, wie der Buchmarkt aussieht.”

Tweet von Matthias Warkus, 12. Juni 2018, 352 Gefällt mir Angaben, 52 Retweets.

1.2

Man kann niemandem seine Herkunft vorwerfen.

Herkunft ist kein Kriterium literarischer Qualität.

1.3

Literatur entsteht hauptsächlich in einer bildungsbürgerlichen Mitte und das wird weiterhin so bleiben.

1.4

Autoren, die eine andere soziale Klasse als die ihrer Herkunft beschreiben, kennen sie häufig aus eigener Anschauung.

1.4.1

Autoren wie Hans Fallada oder später Jörg Fauser stammen aus Elternhäusern, in denen Bildung vermittelt wurde.
Es war ihre Drogensucht, die dazu geführt hat, dass sie sich in anderen Milieus bewegt und darüber geschrieben haben.

1.4.2

Ralf Rothmann stammt aus dem Arbeitermilieu, über das er viel geschrieben hat. Er ist einer der wenigen Autoren der letzten 100 Jahre, die aus dieser Schicht kamen und anerkannte Schriftsteller wurden, ohne dass ihnen der Nimbus des Proletenhaften, des Hofnarren, des Anrüchigen anhaftete.

Autoren, die aufgrund von Tätowierungen, Hilfsarbeiten oder Hartz 4-Vergangenheit als Repräsentanten einer anderen Welt gelten, aber eigentlich aus Elternhäusern mit Bibliotheken stammen, halten wir uns immer wieder mal.

(„Wir“ meint in diesem Text nicht eine Gruppe von Personen, sondern Strukturen eines Betriebs, unabhängig davon, wer sie gerade am Leben hält oder gegen sie ankämpft.)

Vielleicht ist es eine Art Sidney-Poitier-Effekt. Man kann einem Schwarzen einen Oscar geben, um zu zeigen, dass man das ja auch tut. Und den Rest ignorieren.

1.5

Es braucht kein eigenes Erleben, um aus einem bestimmten Milieu zu berichten, doch es braucht eine Haltung. Empathie und Voyeurismus sind zwei mögliche. Dazu mehr bei 5.3.

1.6

Die Furcht vor dem Abstieg ist größer geworden in einer Welt, in der immer mehr von der Kaufkraft des Individuums abhängt, seinem Image und seinem Status.

Es hat in den letzten dreißig Jahren keinen deutschen Schriftsteller gegeben, der einen Wechsel in eine andere Schicht auch nur in Kauf genommen hätte. Wer heute drogensüchtig wird, berichtet von seinen Erlebnissen in einer Entzugsklinik in Beverly Hills. Schlimmstenfalls lebt man als akademischer Geringverdiener in einem bislang nicht gentrifizierten Viertel, stopft Löcher mit dem Geld aus Papas Tasche und versucht es als Quereinsteiger, sollte auch dieser Strick mal reißen.

1.7

Sozialer Aufstieg ist schwer.

Sozialer Aufstieg in die Literatur, ohne Ghettoromantik zu bedienen, noch schwerer.

2 Die Geschichte mit der Normsprache.

2.1

Wir erwarten, dass jede Autorin die Normsprache beherrscht. Wir betrachten es als legitim, Jargon, Umgangssprache, Mundart und Ähnliches in literarischen Texten zu verwenden, setzen aber voraus, dass diese Mittel bewusst gewählt werden.

H.C. Artmann durfte in Mundart schreiben und mit der Sprache spielen, weil wir wissen, dass er Dudendeutsch konnte.

2.1.1

Das Etikett Gastarbeiterliteratur hat man Texten aufgeklebt, die wir als authentischen Versuch der Beschreibung einer Lebenswelt wahrgenommen haben, aber aufgrund mangelnder ästhetischer Qualität nicht so richtig der Literatur zurechnen wollten. Befindlichkeitsprosa ohne künstlerischen Mehrwert.

Deutsch war meist die zweite oder dritte Sprache dieser Autoren. Wie hätten sie mit jemandem konkurrieren können, dessen Muttersprache Deutsch war.

2.1.2

Gastarbeiter. Fremdarbeiter hatten die Nazis schon belegt. Also brauchte es ein neues Wort.

Wo hat man schon mal gesehen, dass man seinen Gast für sich arbeiten lässt?

2.2

“Man,echt,Twitternazis,zum hundertsten Mal: lernt Rechtschreibung.Hört auf die Timelines anderer Leute zuzumüllen, während Ihr nichtmal „Amazon“ richtig schreiben könnt.Was ist „AMASON“?!Was ist „stärbenslangweilig“?Und was bedeutet „dir zaig ich‘s noch!“?! Echt.Löscht Euch.Danke.”

Tweet von Igor Levit, 30 August 2018, 181 „Gefällt mir“-Angaben, 11 Retweets.

Wer Sprachkompetenz bemängelt, möchte keine inhaltliche Auseinandersetzung, sondern diffamieren und ausgrenzen.

2.2.1

Es ist bekannt, dass F. Scott Fitzgerald große Probleme mit der Rechtschreibung hatte. Niemand glaubt, das hätte ihn zu einem schlechteren Schriftsteller gemacht.

2.3

Über den Autor des Romans Sagt Lila weiß man nichts. Das Manuskript (handgeschrieben in Schulheften) wurde dem Verlag über einen Anwalt angeboten. Heißt es. Möglich, dass das nicht stimmt.

Es sind Fehler in diesem Roman, in dem eine Geschichte aus einem Pariser Banlieue erzählt wird. Grammatische, orthographische und Fehler im Ausdruck. Das Vokabular ist beschränkt. Doch die Auffassungsgabe des Erzählers und seine Fähigkeit, Bilder für sein Innenleben zu finden, machen dieses Buch zu Literatur.

2.4

Der Israeli Tomer Gardi hat sich dafür entschieden, ein Buch auf Deutsch zu schreiben, im vollen Bewusstsein, dass sein Deutsch sich von dem eines Muttersprachlers unterscheidet.

Einen Auszug aus dem Buch Broken German hat er 2016 in Klagenfurt gelesen. Die anschließende Jurydiskussion demonstrierte, wie sieben Menschen, die sich seit Jahren hauptberuflich mit Literatur beschäftigen, völlig unfähig sind, über einen Text zu sprechen, weil er von der Normsprache abweicht und sie vermuten dass der Autor dies auch tut.
Der Text arbeitet eindeutig mit literarischen Mitteln.

2.5

Wir beanspruchen die Deutungshoheit darüber, wer die Sprache beherrscht. Alle anderen Sprachformen neben der Normsprache werden herabgestuft.
Sprache dient als Herrschaftsinstrument.

Wir bejammern die Verrohung der Sprache, die Anglizismen, die fehlenden Artikel, die Verkürzungen, die Auslassungen, die Vulgarität, die Unfähigkeit, einen geraden Satz zu bilden, der womöglich auch noch mehrere Nebensätze hat.

Wir übersehen dabei, dass Texte über literarische Qualitäten verfügen können, auch wenn sie von Menschen geschrieben wurden, deren Sprache nicht Normdeutsch ist.

2.6

Sprache ist lebendig, das heißt, sie verändert sich ständig. Sie lebt von der Vielfalt. Die Deutungshoheit über sie haben zu wollen, schränkt die Lebendigkeit, die Vielfalt nicht ein, verwehrt aber anders Sprechenden und Schreibenden den Zugang zur Literatur.

2.7

Ohne die Eintrittskarte Normdeutsch kommst du nicht rein. Egal, wie viel du von Dramaturgie verstehst, von Dramatisierung, von Metaphern, vom glaubhaften Abbilden von Innenwelten, von Spannung, von Tragik, von Komik, von Psychologie, von Figurenführung, von Aufbau, von Komposition, von Mehrdimensionalität von Texten.

3 Die Geschichte mit den Kritikern.

3.1

Es braucht viel Lektüre und viel Zeit, um Kritikerin zu werden.

Wie jeder, der eine Arbeit macht, die in der Öffentlichkeit sichtbar ist, möchte die Kritikerin Anerkennung: Für ihr Urteil, für ihr literarisches Verständnis, für ihren Blick für das Handwerk, für ihre Expertise.

Sie ist allerdings nur Expertin innerhalb ihres Lektürehintergrundes. Außerhalb kann sie keine sicheren Urteile fällen.

3.1.2

Der Kritiker könnte bei der Beurteilung des Textes Unsicherheit einräumen. Würde sich damit aber sein hart erarbeitetes Expertentum quasi selbst absprechen.
Stattdessen wird er wahrscheinlich weiterhin die gewohnten Kriterien anwenden. Zum Beispiel das Beherrschen der Normsprache. Die Referenzen an den Kanon.

3.1.2.1

In den 60er-Jahren hat es den Versuch gegeben, Phänomene der Popkultur in der Literatur zu verarbeiten und Hierarchien aufzuweichen. Zum Beispiel unseren Dünkel gegenüber Comics.

In den 90er-Jahren verschoben sich die Inhalte der Popliteratur. Während man in den 60ern versucht hatte, die Literatur für neue Bereiche zu öffnen, nutzte man in den 90ern die neu gewonnenen Bereiche dazu, sich abzugrenzen, indem man Geschmacksurteile fällt. Auf einmal ging es darum, warum man nicht Tina Turner hören konnte, und nicht darum, dass Pop insgesamt nicht minderwertig war.

Der Kritiker ist ebenfalls ständig damit beschäftigt, Grenzen zu ziehen, zwischen gut und schlecht, zwischen Sprachkompetenz und mangelnder Kenntnis, zwischen authentisch und konstruiert, zwischen preiswürdig und unterhaltungsverdächtig.

Natürlich gefällt ihm die neuere Popliteratur besser.

Natürlich gefallen ihm Grenzen, weil sie Selbstverortung vereinfachen.

3.2

Die Kritik bescheinigt gerne Authentizität, wenn Texte in einem anderen sozialen Milieu spielen als jenem, in dem die Kritiker sich bewegen. Was in der Regel auch jenes ist, aus dem sie stammen. Die Geschichte mit der Herkunft gilt für Autoren und Kritiker gleichermaßen.

Es ist das eine Mal, dass sie als Experten außerhalb ihres Fachgebietes in Erscheinung treten. Siehe dazu auch Punkt 6, die Geschichte mit der Authentizität.

4 Die Geschichte mit den Pförtnern.

4.1

Der erste in der Familie, der studiert, geht in der Regel nicht nach Biel, Hildesheim oder Leipzig, um Literatur zu studieren, sondern versucht es mit BWL, Jura oder Medizin.

Menschen, die glauben, man sei da frei in der Wahl, sind in der Regel nicht von einem Wertesystem in ein anderes gewechselt und nicht in der Lage, die Schwierigkeiten zu sehen.

4.2

Ich habe nie eine dieser Schreibschulen von innen gesehen, aber ich kenne einen Absolventen ganz gut und einige andere leidlich. Viele sind am Ende nicht Autoren geworden, sondern Literaturvermittler unterschiedlichster Art: Lektoren, Redakteure, Veranstalter, Kritiker.

Gebiete, auf denen man mehr Deutungshoheit gewinnt als mit dem Verfassen von Romanen. Und weniger Gefahr läuft, in die akademische Prekariatsblase zu rutschen.

Das muss nicht das Motiv für die Entscheidung gewesen sein, nicht Autor zu werden, doch diese Entscheidung hilft – ob man will oder nicht –, bestehende Machtstrukturen weiter fortzuschreiben.

4.3

Das Beste, was eine Lehrerin tun kann, ist sich selbst überflüssig zu machen. Schüler heranzubilden, die ihr in nichts nachstehen.

4.4

Das Klügste, was eine Institution tun kann, ist sich der eigenen Bedeutung zu vergewissern.

Genau wie ein Kritiker.

Weder Institutionen noch Kritiker sind bestrebt, sich selbst überflüssig zu machen.

4.4.1

Institutionen brauchen sich selbst nicht überflüssig zu machen, weil sie immer Nachschub bekommen. Es liegt in der Natur jeder Schule, Schüler in ein Wertesystem einzugliedern, das sie selbst miterschafft. Ein Lehrer kann diese Werte in Frage stellen, die Institution selbst kann das nicht.

4.5

Maren Kames, Hildesheim-Absolventin, hat ein Vorwort für eine jährlich veröffentlichte Hildesheimer Anthologie geschrieben, das dort jedoch nicht veröffentlicht wurde.

Darin schreibt sie: Ich habe in Hildesheim übers Schreiben nichts gelernt.

Und: Wenn ich sage, ich wisse nichts im Schreiben, es finde sich oft Nichts und selten Stabiles, meine ich das nicht weinerlich, sondern nüchtern.

Dazu später mehr in 7, der Geschichte mit dem Vorwissen.

Was auch immer die Verantwortlichen dazu bewogen haben mag, das Vorwort abzulehnen, Souveränität und die unerschütterliche Überzeugung von der eigenen Wichtigkeit können es nicht gewesen sein.

4.6

Der Literaturagent ist ein Zwischenhändler. Einer, der eine Vorauswahl trifft, die möglicherweise weder im Interesse der Verlage noch der Lesers ist. Wer weiß das schon so genau?

Er ist ein weiterer Schleusenwärter, der die Möglichkeit hat, den Aufstieg eines Autors zu erschweren, der aufgrund seiner Herkunft wenig Kontakte zum Kulturbetrieb mitbringt.

4.7

Wessen Vater mit Programmleitern von Verlagen essen geht, braucht sich um 4.6 nicht zu sorgen.

5 Die Geschichte mit dem Personal.

5.1

Hat Selim nicht aufgepasst? Da ist doch lauter Personal aus den unteren Schichten in den Romanen der letzten Jahre. Der goldene Handschuh, Hool, Ellbogen, um nur drei der bekannteren zu nennen.

5.2

Hans Fallada schreibt zu Wer einmal aus dem Blechnapf fraß:

Nicht aus Freude am Abenteuerlichen, nicht als echte Milieuschilderung wirklicher ‚Unterwelt‘ wird der Roman geschrieben, sondern um zu zeigen, wie der heutige Strafvollzug und die heutige Gesellschaft den einmal Gestrauchelten zu immer neuen Verbrechen zwingt.

Der Autor interessiert sich nicht für die Kriminalität, sondern für seine Figuren und die Strukturen in der Gesellschaft. Er führt seine Figur nicht vor, lässt ihr ihre Würde.

5.3

In den neueren Romanen interessiert die Figur aus der Unterschicht meist als Delinquent. Pow, da hat er jemandem in die Fresse geschlagen. Wups, da hat sie jemand auf die Gleise geschubst. Ach, da hat er wieder viel getrunken, wie die Unterschichtler es halt so tun, und ist dann brutal geworden.

Es gibt ein voyeuristisches Element, ein Ausstellen von Figuren ohne jegliche Empathie, eine Bestätigung von Klischees.

5.4

Das Personal aus der Unterschicht interessiert nicht als ein Nebenprodukt, das diese Gesellschaft nunmal hervorbringt, sondern als eine Art Freak, der aus der Art geschlagen ist, ohne dass jemand etwas dafür kann, und den man nun bestaunt.

5.5

Mir fällt nur ein Roman ein, der eine Unterschicht nach der Jahrtausendwende beschreibt, ohne voyeuristisches Interesse und ohne Absicht, die Lust am scheinbar Authentischen zu befriedigen. Man Down von André Pilz, ein Roman, in dem Kriminalität das Nebenprodukt der Bedingungen ist, die die Mehrheitsgesellschaft diktiert.

André Pilz ist den wenigsten ein Begriff.

6 Die Geschichte mit der Authentizität.

6.1

Die Kritik bescheinigt Romanen, deren Personal keine Privilegien besitzt, gerne Authentizität. Woher sie die Vergleichsmöglichkeit hat, um diese Bescheinigung auszustellen, bleibt schleierhaft. Und warum das ein Kriterium für Literatur sein sollte, auch.

6.2

Senthuran Varatharajah sagt dazu:

Authentizität als literarisches Kriterium […] ist die Bestätigung dessen, was ich immer schon gewusst habe, über Menschen, von denen ich nichts weiß und nichts wissen möchte. Es ist ein Synonym für Ressentiment.

6.3

Wolf Wondratscheck hat Karasek mal mit Prügeln gedroht. Nein, hat er nicht. Er hat nur gesagt, er bedaure, dass sie Zeiten vorüber sind, in der man derlei Dinge (einen Verriss für Einer von der Straße) vor der Tür unter Männern regelt. (Diese Zeiten hat es natürlich nie gegeben, selbst Hemingway hat keine Kritiker geschlagen, sondern nur Kollegen.)

6.4

Ich haue gerne jedem aufs Maul, der nochmal was von authentisch faselt, wenn er einen Roman bespricht, in dem Menschen vorkommen, mit denen er nie redet.

6.5

Der Ausdruck im Gesicht eines Menschen, der gerade hart geschlagen wurde, ist immer authentisch.

6.6

Ich war seit 25 Jahren nicht mehr beim Boxtraining, traue es mir nicht mehr zu und versuche Gewalt zu vermeiden, wo immer es geht.

Aber die bloße Androhung wirkt schon authentisch, oder?

7 Die Geschichte mit dem Vorwissen.

7.1

Leonard Cohen zitierte häufiger den kanadischen Dichter Irving Layton, der gesagt hat: Zwei Eigenschaften sind für einen jungen Dichter von größter Bedeutung – Arroganz und Unerfahrenheit.

7.2

Sagt Lila (siehe 2.3) wurde in Schulhefte geschrieben und war möglicherweise nie für eine Veröffentlichung gedacht. Zumindest war die Veröffentlichung unwahrscheinlich, sofern es sich nicht um einen Marketingzug handelte.

7.3

Kreativität entsteht auch aus Unwissen. Unwissen darüber, wo die Grenzen liegen. Unwissen darüber, was die richtige Technik ist. Unwissen darüber, wie ein Text eigentlich funktioniert.

7.4

Unwissen darüber, wie die betrieblichen Strukturen aussehen. Unwissen darüber, wie Preise, Stipendien und Ehrungen vergeben werden. Unwissen darüber, wo die richtigen Schaltstellen sind.
Diese Art von Unwissen ist sicher hinderlich, aber sie geht Hand in Hand mit dem Unwissen, wie schnell man zermahlen werden kann. Dieses Unwissen macht Mut und zwingt einen, mit eigenen Augen nach Optionen zu suchen, und bietet mehr Möglichkeit, Strukturen zu hinterfragen, weil man sie erst mühsam erlernen muss.

7.5

Ich habe den Eindruck, jeder der Autoren, die heute auf den Markt drängen, kennt sich nicht nur bestens aus mit seinen Bedingungen, mit Preisen, Stipendien, hilfreichen Beziehungen, den Schreibschulen und Selbstvermarktung, sondern auch mit literarischen Techniken, mit Autorenwerkstätten, in denen an Texten geschmiedet wird, bis sie jegliche Hitze verloren haben.

7.6

Das Wissen, das erworben wird, ist im Hinblick auf die Literatur eine Illusion. Siehe 4.5

Siehe auch die acht Regeln von Kurt Vonnegut zum Schreiben, die mit dem Nachsatz enden, dass große Schriftsteller dazu neigen, all diese Regeln zu brechen.

7.7

Ohne das Wissen kann man heutzutage kaum noch einen Vertrag bekommen.

8 Die Geschichte mit der eigenen Biographie.

Meine Großmutter väterlicherseits hat erst nach ihrem 40. Lebensjahr zu lesen und zu schreiben gelernt. Es war ihre einzige Möglichkeit, Kontakt zu halten mit meinem Vater, der in Deutschland Gast war, aber trotzdem arbeiten musste. Meine andere Großmutter war Analphabetin. Meine beiden Großväter nicht. Oder irgendwie schon. Denn sie hatten Lesen und Schreiben gelernt, bevor die lateinische Schrift in der Türkei eingeführt wurde.

Ich bin in den 70ern aufgewachsen, in einer Zeit, in der man mit einem durchschnittlichen Gehalt noch eine Familie ernähren konnte. Meine Eltern haben beide gearbeitet, wir waren nicht reich, wir hatten aber mehr Geld als die meisten in unserer Nachbarschaft.

Mein Vater hat immer gesagt: Lesen bildet. Und: Für Bücher gibt es immer genug Geld in diesem Haus.

Wir hatten vielleicht 40, 50 Bücher daheim und ich habe meinen Vater fast täglich mit einer Zeitung in der Hand gesehen, aber selten mit einem Buch. Er behauptete, früher viel gelesen zu haben, und die Sätze, die er manchmal zitierte, fand ich später bei Dostojewskij, Hamsun und London.

Ich durfte mir so viele Bücher kaufen, wie ich wollte. Von denen, die im großen Supermarkt bei den Schreibwaren auslagen. Als ich das erste Mal eine Buchhandlung betrat, war ich 13. Ich hatte einen Ausweis für die Stadtbücherei, war aber schon auf der weiterführenden Schule, als ich feststellte, dass es nicht nur den Bus der Bücherei gab, der einmal die Woche kam, sondern auch noch eine Niederlassung direkt im benachbarten Stadtteil.

Niemand lenkte oder beeinflusste mich in meinem Lesen. Meine Eltern wussten nicht, was ich las. Sie wussten auch sonst so einiges nicht. Sie konnten mir nicht bei den Hausaufgaben helfen. Sie konnten mir keine Wörter erklären, die ich nicht kannte.

Aber es war nicht nur die Sprache, die fehlte. In dem Viertel, in dem wir lebten, gehörten Diebstähle im Kiosk, frisierte Mofas, heimlich rauchende Kinder, beim Fußballspielen zerschossene Fenster und Prügeleien zum Alltag. Manche Eltern schwankten auf den Schulfesten in der Grundschule, weil sie zu viel getrunken hatten.

Ich sah, wie Freunde geschlagen wurden, weil ihr Ball unter ein fahrendes Auto geraten und geplatzt war. Ich lernte, Verkäufer abzulenken und was Hausverbot bedeutete. Ich musste Kölsch wenigstens verstehen, weil es wichtig war zu wissen, wann man beschimpft wurde.

Ich lernte Dinge, die man lernt, wenn man in so einem Viertel lebt.

Doch alles, was ich über Literatur wusste, hatte ich aus den Büchern, die ich las.

Ich lernte Fremdwörter mit einem Taschenlexikon, das ich mir dafür kaufte, weil ich begriff, dass es mir der Zugang zur Literaturwelt erschweren würde, wenn ich Wörter nicht verstand.

Ich wusste, es gibt Manuskripte und Verlage machen daraus Bücher. Ich ahnte, dass man in Literaturkreisen Fremdwörter kennen muss. Damit war mein Wissen über den Literaturbetrieb erschöpft.

Ich schickte mit Anfang zwanzig Manuskripte an Verlage. In manchen Büchern stand die Verlagsanschrift drin, die Adressen anderer Verlage fragte ich in der Buchhandlung nach.

Vor der ersten Veröffentlichung bekam ich dutzende Formbriefe als Absagen, einige davon mit dem handschriftlichen Vermerk, dass der Titel toll sei. Die Absagen frustrierten mich nicht. Siehe 7.1, Unerfahrenheit und Arroganz.

Ich entwickelte den Ehrgeiz, von jedem deutschsprachigen Verlag eine Absage zu erhalten. Jedem. Ich denke, man bekommt eine Ahnung von meiner Ahnungslosigkeit.

Als später mein erster Roman erschien und sich alle im Verlag freuten, weil ich eine positive Besprechung in der NZZ hatte, wusste ich nicht, was die NZZ war und warum alle wegen einer Zeitungsrezension so aus dem Häuschen waren.

Ein Buch hatte zum nächsten geführt, ich war durch Buchhandlungen und die Regalreihen in der Bücherei gestolpert, ich hatte nie Rezensionen in Zeitungen gelesen oder gar von Literaturbeilagen gehört. Ich bezweifle, dass ich von den beiden Messen wusste.

Heute erscheint mir der Weg, den ich gegangen bin, völlig unwahrscheinlich. Ich bin dankbar, dass ich den Worten und ihrem Klang so weit folgen konnte.
Vielleicht unterschätze ich das Internet, jemand wie ich könnte sich heute ausführlich informieren. Vielleicht hat jede Zeit ihre eigenen Schwierigkeiten, so wie jeder Autor seine eigenen Schwierigkeiten hat. Vielleicht ist der Zustand des heutigen Literaturbetriebs auch nur ein Ausdruck der zunehmenden Kommerzialisierung, die alle Lebensreiche erfasst hat.

Aber ich weiß, dass Literatur Grenzen überwinden kann. Ich weiß, dass Grenzen überwinden Bewegung bedeutet.

Ich bedaure, dass die Unwahrscheinlichkeit dieser Bewegung heute größer scheint, als sie es damals für mich war.

12s Kommentare

Flauberts Jaulen oder das Lesen der Zukunft

Als Flaubert 1864 einen Brief an einen Freund schreibt, klagt er über seine Reise mit der Bahn: „Ich langweile mich derart in der Eisenbahn, dass ich nach fünf Minuten vor Stumpfsinn zu heulen beginne. Die Mitreisenden denken, es handle sich um einen verlorenen Hund; durchaus nicht, es handelt sich um Herrn Flaubert, der da stöhnt.“ Dieses Zitat leitet der großartige Wolfgang Schivelbusch in seinem Buch „Geschichte der Eisenbahnreise: Zur Industrialisierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhundert“ nach einigen Vorüberlegungen zur Veränderung der Raumwahrnehmung durch die Eisenbahn mit einer scharfen Diagnose ein: „Die Unfähigkeit, eine dem technischen Stand adäquate Sehweise zu entwickeln, erstreckt sich unabhängig von politischer, ideologischer und ästhetischer Disposition auf die verschiedensten Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts.“ Wenn ich nun heute Elegien darüber lese, dass sich die Leute keine Schmuckbände großer Autoren mehr ins Bücherregal stellen wollen oder Wehklagen über fehlende Bücher im neuen Ikea-Katalog erklingen, fühle ich mich unweigerlich an das Jaulen Flauberts erinnert.

Wir befinden uns in einer interessanten Phase der digitalen Revolution, an der ein sich exponentiell beschleunigender technischer Wandel anfängt zunehmend auch an den Fundamenten ehemals für unumstößlich gehaltener kultureller Gebäude zu nagen. Die Folgen dieses umfassenden medialen Wandels, dessen Auswirkungen Einfluss auf die sozialen und politischen Verhältnisse nehmen, und sogar unsere sensorische Wahrnehmung der Welt selbst verändern, treffen selbstverständlich auch den Literaturbetrieb.

Ein Teil dieses Betriebes ist gerade zusammengebrochen, als der traditionsreiche Stroemfeld-Verlag Insolvenz angemeldet hat. Das ist nicht nur traurig, weil die Geschichte des kleinen Verlags so spannend ist, immerhin entstammt er der linksautonomen Szene Frankfurts in den 1970er Jahren, sondern auch weil sich anhand der Profilbildung und Programmentwicklung dieses Verlages sehr gut nachzeichnen lässt, wie sich kulturelle Sensibilitäten und Wertungen in den letzten Jahrzehnten verändert haben. Zunächst ließ bereits die frühe Hinwendung eines linken Verlages zur Hölderlin-Herausgabe inklusive detaillierter Faksimiles vermuten, dass es mit dem Umstürzen bürgerlicher Ideale durch die 68er gar nicht so besonders weit her war. Das radikale dieser Generation Linker widerspiegelte sich scheinbar nicht in einer Aufhebung des Kanons oder der Verabschiedung bürgerlicher Statussymbole, stattdessen waren wohl die büchergefüllten Schrankwände, als Teil eines gebildeten Habitus, auch für linke Umstürzler ein entscheidender Bestandteil der Mentalität. Gleichzeitig wurden diese repräsentativen Ausgaben in einem Programm mit den radikal innovativen kulturtheoretischen Überlegungen von Klaus Theweleit herausgegeben, das Verlagsprogramm der frühen Jahre ist also ein recht gutes Beispiel für die inneren Widersprüche und komplexen intellektuellen Verhältnisse des politischen Umfeldes der Gründungszeit des Verlages. Ein Programm, das sich vor Allem von der Neigung zu anspruchsvollen Texten leiten ließ und nicht von politisch motivierter Kanonöffnung und -erweiterung. Nicht nur aufgrund der komplexen Geschichte des Verlages in linker Subkultur ist die Insolvenz zu beklagen, sondern auch weil das Verlagsprogramm mit seinen liebevoll ausgestatteten historisch-kritischen Ausgaben, ambitionierter Kulturtheorie und ästhetisch anspruchsvoller Literatur eine Lücke in der deutschen Literaturlandschaft hinterlassen wird.

Nun wurde der Verlag also von der oben beschriebenen Welle eines umfassenden Medien- und Kulturwandels erfasst und in Folge dessen wird auf die Umwälzungen, vor denen lange bewusst oder unbewusst die Augen verschlossen wurden, wahlweise mit kulturpessimistischem Alarmismus oder einer trotzigen Wagenburgmentalität reagiert. „Einst, als wir lasen“ titelte die FAZ, als ob wir uns momentan in einer Zeit befänden, in der nicht mehr gelesen wird. So wird nicht nur die Kundenschwundstudie “Buchkäufer – quo vadis?” des Börsensvereins, die den Buchmarkt aufrüttelt, das Erscheinen eines Ikea-Katalogs, der  2018 in den Produktfotos von Bücherregalen kaum noch Bücher zeigt und auch die Insolvenz des Stroemfeld-Verlags zum Anlass anschwellender Kulturverlustklagen in den sozialen und gedruckten Medien. Nun sind wir also angekommen, in der vielfach befürchteten digitalisierten Welt, in der nicht mehr gelesen wird, Epigonen der Hochkultur zu Staub zerbröseln und kulturlose Horden ihre Unterhaltung aus Internet und Netflix beziehen – quelle horreur!

Würden die Hohepriester des Kulturverfalls einen Moment innehalten und sich besinnen auf das, was ihnen vorgeblich so wichtig ist, nämlich den Wissensschatz in den eleganten Hardcovern in ihren Schrankwänden, dann würden sie vielleicht eine andere Tonart anschlagen. Unter B oder E beispielsweise, denn traditionell wurden die Bücher in den Regalen noch nach dem Alphabet sortiert und nicht nach Farbe der Buchrücken oder sonstigen fotogenen Sperenzchen, finden sich beispielsweise Pierre Bourdieu und Norbert Elias, bei denen man einiges zum Habitus und seiner symbolischen Präsentation nachlesen kann. Die Wichtigkeit des Bücherregals für die performative Identitätsbildung des gebildeten Europäers war über viele Jahrzehnte unhintergehbare Gegebenheit. Dass die Bücherwand jedoch in den letzten Jahren als Bildungsmarkierung und Hinweis auf Weltgewandtheit ausgedient hat, findet schon ein aufmerksamer Beobachter aktueller Autorenportraits heraus, denn dort zeigen sich nur noch selten Schreibende unter 50 vor ihrer Bücherwand, stattdessen wird vor Mauern oder in Hauseingängen gestanden, in Cafés oder auf Steintreppen gesessen – passende Symbole für ein urbanes Weltbürgertum, das sich nicht auf die eigene Wohnung beschränken und von 2345 Kilo Papier beschweren lässt. Wer braucht heute noch historisch-kritische Ausgaben und Schmuckbände im Privatbesitz, wenn befristete Verträge und schwierige Arbeitsmarktsituationen den regelmäßigen Umzug nicht nur notwendig machen sondern zum Lifestyle einer ganzen Generation werden lassen. Könnte man dann jedoch nicht gerade das Festhalten an schweren Bücherkisten als Anker im Umzugswirrwarr zu einer antikapitalistischen Protestgeste stilisieren? Doch die Trennung von der Büchersammlung ist nicht nur pragmatisch begründet, auch die Hinwendung zu minimalistischer Ästhetik des expeditiven Milieus führt zu einem Abschied von vollgestopften Regalen. Nun ist die Tatsache, dass die gutgefüllte und weit ausdifferenzierte Privatbibliothek als Symbol für die Bildung des Besitzers ausgedient zu haben scheint, an und für sich noch kein Grund das Ende des Abendlandes heraufzubeschwören.

Natürlich wird weiterhin gelesen, es wird bloß anders gelesen und vielleicht wird nicht mehr zwischen Buchdeckeln gelesen werden, aber diesen Wandel zum Ende der Kultur hochzujazzen ist nicht nur verfehlt, es ist auch ein wenig lächerlich. Medienwandel schmerzt, das ist keine Frage, er schmerzt jedoch vor Allem die Gruppen, die von der Existenz, Dominanz und Statuszuweisung eines langsam verschwindenden Mediums profitiert haben. Diese Trauer ob des empfundenen kulturellen Bedeutungsverlustes können historisch interessierte Menschen – also diejenigen die gerne in Büchern, Quellen und Texten wühlen – ohne weiteres nachweisen. In Phasen des Medienwandels sind dystopische Prognosen, ausführlich verbalisierte Ängste vor Auswirkungen neuer Medien und Schwarzmalerei der von Technik geprägten zukünftigen Gesellschaften schon immer ein beliebtes Genre gewesen. Eine gewisse Nostalgie angesichts des raschen Medienwandels ergreift scheinbar übrigens auch diejenige, die den digitalen Wandel mit offenen Armen empfangen, nicht zufällig gibt es Retrofilter in Instagram, zahllose Accounts die in den sozialen Netzwerken obskure, lustige oder skurrile Fotos der Vergangenheit teilen und einen Serienerfolg in historischem Milieu nach dem nächsten, mit Settings, die sich besonders durch hingebungsvolle Nachstellung vergangener Umstände auszeichnen.

Schon 1933 schrieb der US-amerikanische Soziologe und Technikdeterminist W.F. Ogburn:

„Will the machines of the future be our masters or our servants? They are strange creatures with which modern man has chosen to live, stranger than the ox and the dog which ancient man domesticated, and stranger even than the wild beasts which he did not domesticate. Machines have indeed created a new environment.“

In einem anderen Band von 1922 mit dem vielsagenden Titel Social change with respect to culture and original nature schreibt Ogburn über den Umgang von Gesellschaften mit neuer Technologie und entwickelt ein Vierphasenmodell, mit dem er die Verbreitung von neuen technischen Entwicklungen in Gesellschaften untersucht. Nach Erfindung, Akkumulation von Technologie, Austausch und Ausbreitung neuer Techniken und daraus resultierenden neuen Erfindungen, kommt es zu einer Phase der Anpassung, bei der die Gesellschaft auch in den nicht direkt von der Technologie betroffenen, das heißt die nicht-materiellen Bereiche auf die materiellen Innovation reagieren muss. Kommt es hier zu Verzögerungen entsteht etwas, das Ogburn als „cultural lag“ bezeichnet, Probleme und Konflikte entstehen aus dieser verzögerten Anpassung der Gesellschaft an die technischen Neuerungen.

In eben dieser Reibungszone befindet sich der Buch- und Medienmarkt, und das Konfliktpotential wird durch die Geschwindigkeit der Digitalisierung bestärkt, alte Medien und Wahrnehmungsdispositive werden mit neuen technischen Entwicklungen konfrontiert und ehemals für stabil gehaltene kulturelle Kernkompetenzen verlieren ihre Wirkmacht. Dabei ist es leicht zu vergessen, dass der Buchmarkt, ja selbst die Literaturformen, wie wir sie heute kennen ein relativ junges Phänomen sind, die selbst als Reaktion auf gravierende technische Neuerungen im 18. und 19. Jahrhundert entstanden sind. Noch im Barock krähte kein Hahn nach den Autoren literarischer Texte und die private Ansammlung von Büchern zum Studium und zur Ausstellung der eigenen Gelehrtheit ist ein Phänomen der Aufklärung. Den Massenzugang zur Literatur verdankte die breite Masse der Bevölkerung übrigens den Arbeiterliteraturvereinen, das emanzipative Potential von Büchern und die Versuche diese allgemeiner zugänglich zu machen war im 19. Jahrhundert entscheidender Teil des Klassenkampfes.

Durch den Medienwandel erfolgen Verschiebungen in der Käuferschicht und es ist daher letztlich eine kulturpolitische Frage, ob bestimmte verlegerische und editorische Aufgaben nicht in Zukunft einer staatlichen Unterstützung bedürfen. Wir brauchen weiterhin Ausgaben von Gesamtwerken, die in editorischer Feinarbeit geschliffen und poliert sind, jedoch ist die Frage, ob diese Aufgaben den Wirren eines spätkapitalistischen Medien- und Unterhaltungsmarktes unterworfen werden sollten oder ob der Schutz von Bibliodiversität nicht eine staatliche Aufgabe ist. Die kleinen und unabhängigen Verlage forderten daher bereits 2017 mit der Düsseldorfer Erklärung eine staatliche Unterstützung ihres Einsatzes für die Kulturlandschaft, eine Unterstützung die in anderen europäischen Ländern übrigens schon zum Standard gehört und auch als politisches Instrument genutzt werden könnte, um eine breitere Zugänglichkeit von Literatur für die Öffentlichkeit zu gewährleisten.

Hier lohnt es sich nochmal auf die Stroemfeld-Insolvenz zurückzukommen: Studierende konnten sich eine Subskription der Kafka-Ausgaben sowieso nie leisten, wer also hier den Käuferschwund beklagt, sollte sich vielleicht auch auf seine linken Ideale besinnen und über die zunehmend auseinanderklaffende Einkommensschere der deutschen Gesellschaft nachdenken und sich fragen, inwieweit diese ausgesprochen separaten Vermögensverhältnisse Einfluss auf den Zugang zur Bildung – wenn sie denn in Form von Schmuckausgaben und Editionen einhergehen soll – haben. Genau aus dieser Perspektive ist es doch befremdlich, dass gerade zentrale Figuren aus dem Umkreis des Stroemfeld-Verlags und der Verlag selbst in der Vergangenheit so eifrig gegen Open Access, also die digitale Zugänglichmachung von Literatur für eine Allgemeinheit verschiedenster Einkommensgruppen, vorgegangen sind und sich auch ansonsten den sich abzeichnenden Möglichkeiten und Folgen technischer Innovation versperrt haben.

In Norwegen wird beispielsweise zur Unterstützung der Verlagslandschaft eine Mindestabnahme von Büchern durch den Staat mit anschließender Verteilung an die Bibliotheken des Landes garantiert, dazu gehören auch feste Abnahmegarantien für eBook-Lizenzen und ehrgeizige Digitalisierungsprogramme der Nationalbibliothek. Wir brauchen jedoch keine Bibliotheken fördern, die keine Leser haben, in denen die Bücher nur in Regalen aufbewahrt werden. Zu einer vernünftigen Förderung der Literaturlandschaft gehört daher unbedingt auch eine weiträumige Lese- und Bibliotheksförderung und eine nachhaltige Finanzierung von Modernisierungs- und Digitalisierungsvorhaben der Bibliotheken. Die Rezeption von anspruchsvoller, oftmals nicht direkt zugänglicher oder zur Immersion anregender Literatur ist eine Form der Lesekompetenz, eine Fähigkeit, die man sich erwerben kann, analog beispielsweise zu den Sehkompetenzen für zeitgenössische Kunst oder den Hörkompetenzen für die Rezeption klassischer Musik. Hier wird in Zukunft die Rolle der öffentlichen Bibliotheken angesiedelt sein, als Informationszentren und Austauschstellen zwischen digitalem und analogem Raum, als Begegnungsort für alle Einkommensschichten, an dem Angebote zur Schulung von Lesekompetenz gemacht werden, kollektiv in Lesekreisen gelesen und über Literatur gesprochen wird.

Auf Medienwandel sollte der Buchbetrieb und die deutsche Kulturlandschaft nicht mit Angst reagieren, nicht wie Flaubert jaulend im Zugabteil sitzen, sondern offen auf Veränderungen zugehen, Stellschrauben da drehen wo es notwendig ist, Strukturen die erhaltenswert sind erhalten, aber nicht bloß aus einem reinen Selbstzweck oder zur Besänftigung von Statusängsten oder jaulenden Kulturpessimisten. Wir lesen, und wir werden weiterhin lesen. Was das für die Literatur bedeuten wird, wie die spezifischen Möglichkeiten und Kommunikationsformen literarischer Ästhetik sich verändern werden, das wird sich herausstellen, spannend wird es allemal! Dabei bedarf es durchaus einer ideologiekritischen Perspektive auf die neue Technik, die Antwort ist jedoch kein nostalgischer Traum von einer guten alten Zeit, sondern eine klare und scharfe Analyse der digitalen Verblendungszusammenhänge – um mal einen Begriff von Adorno auf den Tisch zu werfen – und leidenschaftliche Plädoyers für Literatur und Theorie, authentisch vorgetragen und zwar nicht nur in buchkitschiger Realitätsflucht zwischen Kaffeetassen am Bootssteg, sondern als Möglichkeit geistiger Schärfung und pluralistischer Meinungsbildung. Diese Position wird gegenwärtig von den etablierten Verlagen im und für den digitalen Raum in weiten Teilen leergelassen, hoffen wir darauf, dass sie gefüllt wird, bevor es dem Buchbetrieb so geht wie den Videotheken der 80er Jahre.

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Literatur als Spektakel: Bachmannpreis 2018

„Das ganze Leben der Gesellschaften, in welchen die modernen Produktionsbedingungen herrschen, erscheint als eine ungeheure Sammlung von Spektakeln. Alles, was unmittelbar erlebt wurde, ist in eine Vorstellung entwichen.“ (Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels, 1)

Donnerstag:

Raphaela Edelbauer: Nein, es gibt einen Unterschied zwischen einem Berg und den Opfern des Holocaust, sie eignen sich nicht als Bild für irgendwas, und wenn man sie einbringen will, muss das vielleicht nicht so parallelisierend passieren. Der Holocaust ist keine Station in einer Unheilsgeschichte, wie die Jury das diskutieren will, sondern er ist eben singulär. Da bin ich raus, klar kann man das machen, aber ernsthaft diskutieren sollen das bitte andere (was ja auch zum Glück der Fall ist), bin ja nur Bloggerin, darf da unsachlich sein und nicht-ästhetische Kriterien heranziehen, für das Gegenteil müsste mich erst mal wer bezahlen (niemals!) (dagegen ist imo das Z-Wort bei Neft am Freitag klar Rollenprosa, nicht bewusst hergestellte Parallelisierung, das ist schon eine andere Nummer; und bei dieser Art von Parallelisierung, wie sie Edelbauer hier herstellt, bei der das Hauptgewicht der Erzählung auf dem Berg liegt, nicht auf den getöteten Menschen, die damit Mittel zur Erzählung von etwas anderem werden (die Gewichte mögen im fertigen Roman, falls dieser Text Teil davon werden soll, anders verteilt sein) schläft mir eben schlagartig das Interesse ein, sorry). Nein Nein. Nein. Nein Nein Nein.

[Martina Clavadetscher, Stefan Lohse, Anna Stern leider verpasst.]

Joshua Groß: Eine Kreuzung aus Christian Kracht und Simon Strauß in schlechter geschrieben („träge auf der Trage“, wtf). Es ist schon legitim, einen Text, der Inhalte und Haltungen der 1990er mit dem Pathos der 2010er kreuzt und dabei auf dem Reflexionsniveau der 1950er bleibt – das Ich ist hier nicht mehr Ort irgendeiner Erkenntnis, sondern lediglich Ort der Stagnation – mit einem Zitat der 1950er zu kommentieren: „Heute heißt self-conscious nur noch die Reflexion aufs Ich als Befangenheit, als Innewerden der Ohnmacht: wissen, daß man nichts ist.“ (Adorno: Minima Moralia 29) Mit dem gelungenen „Sound“ des Textes begnügt sich dann halt nur die/der, der/dem die Pose reicht. Hier wird ja nichts durchbrochen, schon gar nicht die Pose, hier wird nur ein falscher Zustand fiktional reproduziert, um sich dann rezipierend in Selbstmitleid zu ergehen. Immerhin bin ich diesmal zu alt, als dass ich mich noch als Teil der “Generation” verstehen müsste, zu deren Stimme bestimmt bald Joshua Groß oder irgendeiner der vielen anderen ausgerufen wird, die schreiben wie er. Mich geht das nichts mehr an.

Freitag:

Corinna T. Sievers: Die Steigerung von schreibenden Arztkindern sind schreibende Ärzte (Ausnahmen: Benn, Döblin), der Superlativ sind über Ärzte schreibende Ärzte, die ständig im Autorenporträt ihren kalten, erbarmungslosen Blick betonen, als hätte Foucault nie über ihren Blick geschrieben, aber wen interessiert schon Theorie, wenn man einfach so reden kann. Entsprechend wird dann von Macht und Machtgefällen erzählt, ohne dass diese – dem Anspruch der Autorin selbst entsprechend – „seziert“ würden, eben gerade auch nicht in ihrem Verhältnis zu Erotik. Die Sprache der Medizin ist halt nicht per se „sezierend“, sie ist hier bloße Hülle ohne analytischen Unterbau und also halt blabla im sachlichen Ton. Auch hier bleibt es eine Pose.

Ally Klein: Die Füße biegen von allein ab, das Feld ist voll Gekröse, Bier klatscht gegen die Bauchwand. Keine Ahnung, wer diese Sprache lesen will. Auch hier (wie schon bei Groß) gehen sprachliche Ungenauigkeiten um ihres Pathos willen als sprachliche Gestaltung durch. Der Text wurde leider auch dann in seinem Verlauf nicht besser. Redundanzen können schön sein, können die Grenze zwischen Prosa und Lyrik aufbrechen, Tiefe herstellen, aber hier beschreiben sie nur Dasein, um dadurch ein Sein zum Ausdruck zu bringen, das aber leider nicht zum Ausdruck kommt. Alles soll hier gefühlte Wahrnehmung sein, aber wer braucht das, wenn eben die Pointe ist, dass letztlich nichts (zuverlässig) wahrnehmbar ist? Ist das wirklich das, was Literatur 2018 an existentieller Erkenntnistiefe erzählen muss, nachdem die Postmoderne schon fast durch ist? (Klar kann sie, ich lese dann eben nicht mit.) Dringlichkeit wird dann auch nicht durch einen eindringlichen Vortrag hergestellt, wenn auch hier eben alles bloße (redundante) Beschreibung einer Oberfläche bleibt, im Gegenteil: Vortrag und Text klaffen fast komisch auseinander. Rhythmus und Dramaturgie werden mehr durch den Vortrag herbeigeschrien, als dass sie da wären. Schade, aber leider viel Lärm um sehr wenig, um einen hohlen Kern, auch hier bleibt alles Pose um eine leere Mitte. Entsprechend freut sich die Jury hier, wie schon bei Sievers, über gelungene Effekte. Das stimmt schon: um Effekte geht es hier.

Tanja Maljartschuk: Das Autorenporträt ist Folklore, aber der Text ist dann ganz gut. Maljartschuk hat etwas zu erzählen und erzählt davon schlicht und genau, sie produziert sich nicht auf Kosten ihres Textes, sie mag ihre Figuren. Ich bin skeptisch, ob hier von sozialem Elend nicht allzu harmlos erzählt wird, ob hier nicht viel zu stark etwas glatt konsumierbar dargestellt wird, was nicht glatt konsumierbar sein sollte, ob die doppelten Böden im Text nicht zu leicht zu ignorieren sind. Auch der Humor des Textes, der diese realistische Reproduktion einer falschen Realität wohl brechen soll, leistet dies für mich nicht, dafür ist auch er zu fein und zu harmlos. Wären die beiden vorangegangenen Texte nicht gewesen, würde dieser vielleicht nicht so positiv auffallen. Ob das „besser als“ ihn aber wirklich „gut“ macht, da bin ich unsicher, das müsste man vielleicht mit etwas Abstand noch einmal überlegen.

Bov Bjerg: Schöner, trauriger Text, funktionierende Lesung ohne großes Rumgetue. Keine Überraschung, dass es so ist, aber schön, dass es so ist. Wie viel an gescheiterter Aufarbeitung von Vergangenheit in unterschiedlicher Hinsicht und an Gegenwartskritik sowie Zukunftsbefürchtungen in einen Text passen können, ohne dass dieser deswegen vor lauter Anspielungen steif wird, wie hier überhaupt unterschiedliche Ebenen aufgemacht werden, ohne dass der Text überfrachtet wirkt, das ist bemerkenswert. Hier funktioniert alles, was bei vielen anderen Texten halt nicht funktioniert hat, auch wenn es gewollt war und zeigt halt auch, wie schwer das mit diesem Erzählen da eigentlich ist. Wenn er dafür nicht irgendeinen dieser Preise da gewinnt, weiß ich auch nicht, was da kaputt ist. Wer einen Text vom Freitag der TDDL 2018 lesen will, sollte diesen nehmen.

Anselm Neft: Ein bisschen undankbar, die Position nach Bjerg. Der Stoff ist interessant, gut erzählt – bis auf einige Bilder und Formulierungen, die mir halt gar nichts geben, weil sie mir zu kitschig sind („im Nichtlicht der ausgeknipsten Sterne“ z.B.) -, aber hier fehlen mir jetzt doch ein bisschen die weiteren Deutungsebenen, die bei Maljartschuk immerhin angedeutet und bei Bjerg sowieso da waren (dass vieles unklar bleibt, insbesondere das Verhältnis der Figuren zueinander, hat ja nichts damit zu tun, dass der Text über sich selbst hinausweisen würde). Der Text erzählt halt eine Geschichte, die erzählt er gut, er fordert Empathie für Figuren ein, von denen zu selten erzählt wird, das ist schön. Aber darüber hinaus passiert mir zu wenig, kann eben auch daran liegen, dass ich noch ein bisschen verliebt in diesen Bjerg-Text da bin.

Natürlich beruht alles hier Geschriebene nur auf den Lesungen, ich habe keinen der Texte noch einmal gelesen, sonst sähe meine Meinung vermutlich an mehreren Stellen anders aus. Insofern ist dieser Beitrag eben auch: bloße Pose. Aber das scheint mir ganz angemessen.

„Die Bilder, die sich von jedem Aspekt des Lebens abgetrennt haben, verschmelzen in einem gemeinsamen Lauf, in dem die Einheit dieses Lebens nicht wiederhergestellt werden kann. Die teilweise betrachtete Realität entfaltet sich in ihrer eigenen allgemeinen Einheit als abgesonderte Pseudowelt, Gegenstand der bloßen Kontemplation. Die Spezialisierung der Bilder der Welt findet sich vollendet in der autonom gewordenen Welt des Bildes wieder, in der sich der Verlogene selbst belogen hat. Das Spektakel überhaupt ist, als konkrete Verkehrung des Lebens, die eigenständige Bewegung des Unlebendigen.“ (Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels, 2)

(Beitragsbild von Becky Phan auf unsplash.com)

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Musenanrufung im digitalen Zeitalter

Dieser Text ist eine Reisereportage aus dem Schattenreich der Autofiktion, eine Reflexion über die Spannung, die entsteht, wenn zwei Autoren einander umkreisen, wie Geier auf der Suche nach den besten Brocken Realität. Was sind die Konsequenzen, wenn eine per Dating-App und Chat durchgeführte Affäre von beiden Beteiligten für die eigene Literatur verwendet wird? Kannibalische Schreibende, die Lebensgeschichten, Alltagsdramen und persönlichen Krisen ihrer Mitmenschen zu eigen machen, um diese für ihre literarische Stoffe zu verdauen, geraten besonders im Kontext einer Hochkonjunktur autofiktionaler Texte regelmäßig ins Blickfeld. Der Begriff der Autofiktion zur Beschreibung von Texten, die eindeutige Abgrenzungen zwischen Autobiographie und Roman verwischen, wird Ende der 70er Jahre zunächst in Frankreich verwendet und ab der Jahrtausendwende auch in Deutschland aufgegriffen. Die große Beliebtheit autofiktionaler Verfahren in der Literatur Frankreichs und Skandinaviens inspirierte auch deutsche Autor*innen und mittlerweile hat auch hierzulande die Autofiktion ihren festen Platz im Literaturbetrieb erhalten. Merkmal autofiktionaler Texte ist es, dass die Erzählinstanz, die den Text erzählt, mit der Autoridentität zusammengedacht wird. Im Dunstkreis dieser Texte, die beispielsweise intimste Aspekte des Familienlebens literarisch verarbeiten, gerät immer wieder die Frage nach den ethischen Implikationen von Autofiktionen in den Fokus: Wem gehört eine Geschichte und wer darf sie erzählen?

Die Frage nach Eigentumsrechten an einer Geschichte ist eng verbunden mit der Schwierigkeit der Abgrenzung faktualer und fiktionaler Text voneinander; eine komplexe Fragestellung mit der sich die Literaturwissenschaft intensiv beschäftigt. Beide Begriffe beziehen sich auf das Verhältnis eines Textes zur außersprachlichen Wirklichkeit, also beispielsweise der Frage nach einem etwaigen Wahrheitsanspruch des Textes. Mit der Einordnung eines Textes als faktual ergeben sich andere Anforderungen an ihn, als bei einer fiktionalen Zuordnung. Faktuale Texte, die sich beispielsweise in der Textsorte „Biographie“ mit dem Leben von real existierenden Personen auseinandersetzen, sind juristischen Normen verpflichtet, dürfen also nicht die Persönlichkeitsrechte der Beschriebenen verletzen, die diese gegebenenfalls auch einklagen können. Fiktionale Texte folgen anderen Regeln und wenn diese Texte sich mit real existierenden Personen und deren Lebensgeschichte befassen, können ethische Graubereiche entstehen aus denen regelmäßig sogar juristische Konflikte resultieren. In seiner Dissertation zum Schlüsselroman, die sich den aus diesen Graubereichen entstehenden ethischen Fragestellungen widmet, schreibt der Fiktionstheoretiker Johannes Franzen folgendes:

Die Autoren berufen sich in Fällen, in denen diese Fragen zu Streitfragen werden, auf die literarisierende oder fiktionalisierende Anverwandlung des Realen, die es ihnen erlaubt, die geltenden Eigentumsrechte zu umgehen. Die Betroffenen dagegen verweisen auf die Residuen des Realen in der fiktionalen Darstellung, die eine Wiedererkennbarkeit möglich machen und dadurch ihr Recht, über die eigene Geschichte zu verfügen, verletzen. (Franzen: Indiskrete Fiktionen. S. 312)

Die Erlebnisse zweier Autoren, um die es in diesem Text gehen soll, beginnen in Berlin –Stadt der ewig verlängerten Adoleszenzphase. Beteiligt sind der schwedische Autor Malte Persson und die deutsche Autorin Sarah Berger. Um die Machtdynamiken der nun beschriebenen Entwicklungen zu verstehen, müssen zunächst die beiden Protagonisten etwas näher bekannt gemacht werden:

Portrait Malte Persson
Malte Persson, 2008. (Foto: Wikimedia Commons, CC BY 3.0)

Der Schwede Malte Persson ist seit seinem Debutroman Livet på den här planeten aus dem Jahr 2002 eine etablierte Figur in der schwedischen Literaturszene, nicht nur als Romanautor und Lyriker, sondern auch als Kritiker, Blogger und Übersetzer. Er hat diverse Stipendien und Preise für sein Werk bekommen und unter Anderem Thomas Kling und Heinrich Heine ins Schwedische übersetzt. Im März 2018 kam sein Gedichtband Till dikten heraus, der sich in Schweden nicht nur ausgesprochen gut verkauft, sondern auch von der Literaturkritik positiv besprochen wurde. Der Autor lebt in Berlin und dort begann dann auch die Tinder-Affäre, die sein Werk mit dem einer weit weniger etablierten deutschen Autorin verknüpft hat.

Sarah Berger, 2018. (Foto: Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

Sarah Berger ist eine Fotografin und Autorin, die bereits seit einigen Jahren auf ihrem Blog, ihrem Twitter-Account und bei Facebook innovative Prosaminiaturen veröffentlicht, von denen zahlreiche unter die von der Verlegerin Christiane Frohmann definierte digitale Textsorte „Kleine Formen“ fallen. Ihr Debüt erschien im Herbst 2017 unter dem Titel Match Deleted. Tinder Shorts im Frohmann Verlag. In diesem empfehlenswerten Band versammelt Sarah Berger zahlreiche Texte, von denen einige bereits zuvor online veröffentlicht wurden und die sich im weitesten Sinne mit dem Phänomen der Liebe in Zeiten des Internets befassen. In den letzten Jahren hatte sich die Autorin in ihren Online-Communities bereits den Ruf erarbeitet, mit feinem Blick und philosophisch geschultem Vokabular die Absurditäten, enttäuschten Hoffnungen und hoffnungsvollen Einsamkeiten in Dating-Chats literarisch zu sezieren. Im Vergleich zu dem bereits im schwedischen Literaturbetrieb fest etablierten Autoren Malte Persson ist Sarah Berger also in einer deutlich weniger einflussreichen Position, eine Machthierarchie, auf die dieser Text später noch näher eingehen wird.

Liebe in Zeiten der freien Marktwirtschaft

Da Sarah Berger die Erfahrungen mit ihren Tinder-Dates nur in sehr vager Form beschreibt und ihr gegenüber dabei entsprechend unkenntlich gemacht wird, folgen wir zunächst Malte Persson Text. Für den großen öffentlich-rechtlichen Schwedischen Radiosender P1, der in ganz Schweden, Teilen Dänemarks und sogar auf Rügen zu empfangen ist, verfasste Persson eine 22-minütige Radionovelle, die von dem Schauspieler Johan Ulveson eingesprochen und am 5. März 2018 erstmalig ausgestrahlt wurde. Das Stück trägt den Titel Research, eine Anspielung auf die Erzählinstanz, die sich im Text auf Recherche in die Dating-App begibt und dort eine Autorin trifft, die ebenfalls für ihr Buch recherchiert – eine Tatsache, die bereits beim ersten Kontakt der beiden offengelegt wird:

Min presentation lyder: ”Allt jag gör här, är research för min nästa bok.” Det är en lögn. Och ändå inte. Precis som denna berättelse är, där det nästa som händer är att jag matchar med någon som kallar sig för Lou och är 29 år och också presenterar sig som författare. Lou skickar ett meddelande på chattet. Att allt jag gör här är research för min nästa bok, hade jag också kunnat säga. Detta finner jag lovande. Oklart om det är på ett personligt plan eller på ett litterärt.

Meine Beschreibung lautet: ”Alles, was ich hier mache, ist Recherche für mein nächstes Buch.” Das ist eine Lüge. Und doch auch nicht. Genau wie diese Geschichte sind, ist das nächste, was passiert, dass ich mit jemandem matche, die sich Lou nennt und 29 Jahre alt ist und sich auch als Schriftstellerin vorstellt. Lou schickt eine Nachricht im Chat. Dass alles, was ich hier mache, Recherche für mein nächstes Buch sei, hätte ich auch sagen können. Das finde ich vielversprechend. Unklar ist, ob auf einer persönlichen Ebene oder einer literarischen.

(Alle Zitate aus Research sind Rohübersetzungen auf Basis einer Transkription der Radionovelle)

Die Radionovelle ist schon in den ersten Absätzen so angelegt, dass es naheliegend ist, eine enge Überschneidung zwischen dem Ich-Erzähler, der sich selbst als in Berlin lebender Schriftsteller beschreibt, und Malte Persson zu vermuten. Der Leser nimmt so bereitwillig das autofiktionale Deutungsangebot des Textes an. Typisch für autofiktionale Texte wird bereits im ersten Absatz sowohl die Fiktionalität des Textes als auch die Faktualität markiert, wenn recht einfallslos darüber philosophiert wird, dass diese Geschichte zu einem anderen Zeitpunkt in einem Zugabteil oder einem Literatursalon hätte beginnen können, aber aufgrund ihrer zeitlichen Verortung in der Gegenwart nun eben in einer Dating-App beginnen muss. So betont der Autor erstens, dass es sich um einen fiktionalen Text handelt, dessen Erzähler er ist und zweitens, dass er diese Geschichte nicht anders hätte erzählen können, weil er an die Gegebenheiten der Realität gebunden ist. Das Changieren autofiktionaler Texte zwischen erzählerischer Freiheit und Wahrheitsanspruch wird hier sehr deutlich markiert.

Persson beschreibt, wie er bereits vor dem ersten Date Bergers Pseudonym „Lou“ lüftet und mit einiger Recherche ihren Twitter-Account findet; er berichtet von dem ersten Treffen der beiden und den sich daraufhin entwickelnden Gesprächen, die mehrheitlich per Chat geführt werden. Er bezeichnet sich und Sarah Berger als autofiktionale Autoren, die nun gegenseitig ihr Erleben für ihre textuellen Spiele mit der Realität verwenden. Sie sprechen darüber, wer es schafft die bessere Erzählung aus ihren Dates und Online-Flirts zu spinnen und entwickeln beim Chatten im kommunikativen Zusammenspiel eine komplexe Geschichte, die wiederum auf mehreren Ebenen das Verhältnis von Schriftsteller A und B spiegelt, die wahlweise versuchen sich ihre Erzählungen stehlen oder sich gegenseitig Geschichten unterzuschieben – die Radionovelle wird hier in manchen Passagen dermaßen selbstreflexiv, dass es ermüdend ist dem Text zu folgen, der weitestgehend eine metapoetische post-moderne Spielerei ist. Im gesamten Text wird dem Zuhörer jedoch vermittelt, dass es sich um die Begegnung zweier Autoren dreht, die mehr verliebt sind in das Geschichtenerzählen selbst, als in den zwischenmenschlichen Kontakt miteinander. Malte Persson hinterlässt als Erzählinstanz im Verlauf der Radionovelle keinen besonders sympathischen Eindruck. Im Gegenteil wirkt er auf eine dermaßen überzogene Weise selbstverliebt, dass es beinahe parodistisch wirkt. Textstellen wie die Folgende lassen sich kaum ohne schmerzhaftes Augenrollen anhören:

Hon heter i verkligheten Sarah, är 32 år och verkar inte ha publicerat sig annat än på internet. Jag är lite besviken. Inte över ålderen, men över den bristande litterära meritlistan. Jag är en snobb. Förresten måste jag förtydliga mig: I verkligheten heter hon inte Sarah, men jag har ändrat namnet, precis som jag har ändrat mycket annat här. Detta är inte ett kapitel i mina memoarer, utan en påhittad berättelse där författaren visserligen inspirerats av sådant som verkligen hänt – som författare ofta gör. Förresten måste jag förtydliga mig igen: Hon heter faktiskt Sarah. Jag försöker, men lyckas inte komma på någon ersättning för det här namnet, som känns rätt. Förutom möjligen Hannah, och det heter mitt ex. Så det blir för förvirrande när jag skriver, även om sånt borde spela någon roll. Att jag användar hennes riktiga namn, ska dock inte tolkas som jag inte ljuger om annat.

Sie heißt in Wirklichkeit Sarah, ist 32 Jahre alt und scheint nicht woanders publiziert zu haben als im Internet. Ich bin ein wenig enttäuscht. Nicht über das Alter, sondern über die fehlenden literarischen Verdienste. Ich bin ein Snob. Übrigens muss ich klarstellen: In Wirklichkeit heißt sie nicht Sarah, aber ich habe den Namen geändert, genau wie ich hier viel mehr verändert habe. Dies ist kein Kapitel in meinen Memoiren, sondern ein erfundener Bericht, bei dem der Schriftsteller sicherlich von etwas inspiriert wurde, was wirklich geschah – wie es Schriftsteller oft tun. Übrigens muss ich erneut klarstellen: Sie heißt doch Sarah. Ich versuche, aber schaffe es nicht, einen Ersatz für diesen Namen zu finden, der sich richtig anfühlt. Außer möglicherweise Hanna, und so heißt meine Ex. Dann wird es verwirrend, wenn ich schreibe, selbst wenn so etwas keine Rolle spielen sollte. Dass ich ihren richtigen Namen verwende, soll jedoch nicht so gedeutet werden, als ob ich über anderes nicht lügen würde.

Die Erzählinstanz, die zwischen Fakt und Fiktion schwankt, erklärt kurzerhand als Lüge etablierte Informationen zu Fakten und thematisiert wiederholt die eigene Unzuverlässigkeit. Die Benennung seines Gegenüber als Sarah wird jedoch als Fakt gerahmt, die Rezeption der Hörer wird also in die Richtung geleitet, die biographischen Informationen über Sarah Berger als Fakten wahrzunehmen. Im Anschluss wird ihr Status im Literaturbetrieb, als nicht veröffentlichte Autorin, enttäuscht kommentiert. Diese sonderbare Konkurrenzdynamik finden sich im gesamten Text, der sich mehr der Reflexion widmet, wer nun der etabliertere Autor ist oder die Geschichte besser erzählen wird, als dem wirklichen Austausch von Ideen. Diese unheimliche Art und Weise mit der sich marktwirtschaftliche Kriterien in die zwischenmenschliche Kontaktaufnahme einschreiben, ist vielleicht das interessanteste ästhetische Merkmal eines darüber hinaus nicht sehr aufregenden Textes.

Narrative Enteignung – Auf Tinder sieht dich niemand stehlen

Die Hauptkritik an der Radionovelle Research von Malte Persson lässt sich ebenfalls an dem oben zitierten Absatz festmachen: Indem er Name, Alter, Wohnort und ihren Twitter-Account erwähnt, hat er die noch mit der Verwendung des Pseudonyms „Lou“ mögliche Verschlüsselung aufgegeben und Sarah Berger für alle Hörenden der Radionovelle mit einer minimalen Google-Suche auffindbar gemacht. Besonders durch die Verweise auf „Sarahs“ ästhetisches Interesse an Tinder als poetischem Bezugsrahmen und ihr zum Thema erschienenes Buch wird Sarah Berger eindeutig identifizierbar. Das Pendeln zwischen der Präsentation des Namens als fiktional oder faktual: ”In Wahrheit heißt sie nicht Sarah […] Übrigens muss ich mich doch korrigieren: Sie heißt doch Sarah.”, kann hier nur als halbherzige Strategie verstanden werden, die Verantwortung für die Identifikation seiner Protagonistin durch Ironie von sich weisen zu können. Diskretionsstrategien, die in literarischen Texten angewendet werden um die Referenzierbarkeit der Figuren zu erschweren, werden von Persson ironisch gebrochen, indem er zwar vorgibt sie zu verwenden, sie dann jedoch sofort wieder auflöst. Die faktuale Lesart von Teilen der Radionovelle, das heißt die Wiedererkennbarkeit der Protagonistin als Teil der Wirkungsästhetik, ist also Bestandteil der intendierten Rezeption – eine Strategie, mit der die Autorin Sarah Berger dem Autoren Malte Persson in seinem autofiktionalen Schutzraum ausgeliefert ist. Besonders bei den im Text ausgeplauderten Intimitäten, unter anderem der Thematisierung von einem Gespräch Sarah mit ihrem Psychologen, fragt man sich, wie der Autor dazu kommt, sich berechtigt zu fühlen auch persönlichste Details zum Stoff einer Radionovelle zu machen, die gleichzeitig keine Verschlüsselung der Protagonistin vornimmt. Um noch einmal Johannes Franzen zu Wort kommen zu lassen, der sich eben diesen ethischen Implikationen einer narrativen Enteignung ausführlich widmet:

Nicht autorisierte Narrativierungen fremder Identitäten, die der Öffentlichkeit bekannt gemacht werden, stellen einen moralischen Verstoß dar, der als schwerwiegender, möglicherweise juristisch ahndbarer Eingriff wahrgenommen werden kann. (Franzen: Indiskrete Fiktionen. S. 319)

In diesem Text solle es jedoch nicht um die möglicherweise manifeste Verletzung der Persönlichkeitsrechte der Autorin Sarah Berger gehen – hier kann man ihr nur eine gute Rechtsberatung ans Herz legen – sondern besonders um Aneignung von Inhalten, ästhetischen Verfahren und spezifischen literarischen Mustern der Autorin Sarah Berger in Perssons Radionovelle.

Cover: Sarah Berger Match Deleted

Berger hat sich in den letzten Jahren mit ihren zunächst online veröffentlichten kurzen Textfragmenten eine große Anzahl Follower in den sozialen Medien erarbeitet, ihr Buch Match Deleted Tinder Shorts enthält zahlreiche dieser Texte, von denen sich viele konkreten Begegnungen und Gesprächen mit anderen Menschen widmen. Im Gegensatz zu Malte Persson gibt die Autorin jedoch nie die Identität ihrer Gegenüber Preis, sondern setzt sich mit sehr bewusst gewählter Sprache mit den strukturellen Dynamiken der aus Tinder Matches resultierenden Treffen und Gesprächen auseinander. Nun ist die Schilderung von aus Tinder entstehendem Kontakt kein inhaltliches Alleinstellungsmerkmal, doch ist es auffällig, wie eng sich Malte Perssons Radionovelle an einige Textstellen aus Bergers Buch anlehnt und wie stark sich ihr poetologisches Programm in Perssons Werk wiederfindet. Persson schreibt:

Människor finns bara i de olika historier de berättar om sig själva, skriver jag till Sarah och misstänker genast att det är ett plagiat av något hon har skrivit, antingen i ett meddelande till mig eller på Facebook eller både och.

Menschen gibt es nur in den unterschiedlichen Geschichten, die sie über sich selbst berichten, schreibe ich an Sarah und vermute sofort, dass dies ein Plagiat von etwas ist, das sie geschrieben hat, entweder in einer Nachricht an mich oder auf Facebook oder beidem.

Diese Aussage findet sich wortwörtlich in Bergers Buch, auf Seite 34 steht: ”Ich existiere nur in diesen Geschichten, die ich über mich erzähle.” Ein Gedanke Bergers, der durchaus als die Ausgangsüberlegung von Perssons Text bezeichnet werden kann. Plagiatsvorwürfe sind skandalträchtig und sollen hier nicht erhoben werden, angesichts der Tatsache, dass Bergers Buch mehrere Monate vor der Radionovelle erschien und in Perssons Text auch thematisiert wird, ist es jedoch auffällig, dass sich Spuren von Bergers Werk in Perssons Radionovelle sehr viel deutlicher finden lassen als andersherum. Da jedoch beide Autoren ihr Chatgespräch bearbeitet haben, geht ein Plagiatsvorwurf hier sicherlich zu weit – ihre Dialoge miteinander haben nicht nur Sarah Berger zu literarischen Texten inspiriert, sondern liegen ebenfalls Malte Perssons Radionovelle zu Grunde. Die literarische Bearbeitung persönlich kommunizierter Chats ist ein ethischer Graubereich, in dem sich sowohl Sarah Berger als auch Malte Persson bewegen. Interessant ist hier zu analysieren, wie sich Bergers und Perssons Werk voneinander unterscheiden: Wie bearbeiten die beiden Autoren den vorliegenden Stoff?

Berger schreibt über das Zusammentreffen zweier Autoren, die Tinder zur Recherche nutzen, in der Prosaminiatur Nummer 30 in ihrem Buch:

Jeder lebt also für sich auf der eigenen Oberfläche die Figur des Liebenden, um den Betrug nicht zuzugeben und um weiterhin Nachforschungen für das eigene Projekt zu betreiben, ohne dabei selbst zu wissen, was eigentlich an erster Stelle steht.

Sie interessiert sich in ihrer literarischen Behandlung des Themas für die dem Anderen präsentierte Fassade der Geschichtenerzähler und die Unsicherheit, in einer Liebesbeziehung nur Stoffmaterial für die Texte des anderen zu werden, passend zu dem sich durch die Texte ihres Buches ziehenden Themen von Einsamkeit und Sehnsucht nach genuin zwischenmenschlicher Verbindung. Malte Persson sieht im Gegenzug die Begegnung vor Allem als Gelegenheit sich mit seiner eigenen Schriftstelleridentität auseinanderzusetzen.

Jag har redan tidigt bestämt mig för vad som främst intresserar mig, är den självmedvetenhet som måste uppstå när två författare ömsesidigt researcher varandra.

Ich habe schon früh beschlossen, dass das, was mich am meisten interessiert, das Bewusstsein für sich Selbst ist, das entstehen muss, wenn sich zwei Schriftsteller gegenseitig recherchieren.

Während Persson immer wieder das Spiel mit Faktualität und ausgestellter Fiktionalität ins Zentrum stellt, widmet sich Berger in ihrem einige Monate früher erschienenen Buch einer tieferen Dimension von Einsamkeit, enttäuschten Hoffnungen und einer melancholischen Sehnsucht, die sich durch ihre an vielen Stellen sehr berührenden Texte zieht. Das Gegenüber löst in Bergers Texten vor Allem eine Reflexion der eigenen Einsamkeit aus. Bei Malte Persson wird Sarah Berger wiederum zum Spiegel der eigenen Eitelkeit und Selbstbezogenheit. Berger schreibt über die Langeweile und Leere: „Wir werden uns erzählen, wie furchtbar wir diese Zeit finden, wie öde es ist, nur auf der Oberfläche zu schwimmen, nichts mehr zu spüren, sich nur noch von der einen guten Geschichte zur nächsten zu bewegen …“, während Persson sehr selbstreferentiell davon erzählt, wie sich die Egos der Autoren in ihrer Autofiktion spiegeln:

Men om hon hade vetat att jag citerar publicerade dialog, skulle hon säkert ha jobbat med sitt svar och kommit på ett ännu bättre, som jag nu i stället har tillskrivit henne. Det är vad jag tror, eller vad jag säger att jag tror, för i denna spiral av postmodern litterär självmedvetenhet kan det naturligtvis vara så att jag å ena sidan fåfängad framställer mig själv som den mer begåvade författaren, men å andra sidan också så att jag tvärtom anstränger mig för att framställa henne som den mer begåvade författaren, för att det inte ska se ut att jag är en typisk självgod manlig författare som inte ger en kvinnlig kollega tillräckligt med cred, ens när han stjäl hennes idéer.

Aber wenn sie gewusst hätte, dass ich veröffentlichte Dialoge zitiere, hätte sie sicherlich an ihrer Antwort gearbeitet und eine noch bessere gefunden, die ich nun stattdessen ihr zugeschrieben habe. Das ist, was ich glaube, oder was ich sage, dass ich glaube, denn in dieser Spirale postmodernen literarischen Selbstbewusstseins kann es natürlich sein, dass ich mich auf der einen Seite eitel als den begabteren Autoren präsentiere, aber auf der anderen Seite auch sein, dass ich mich im Gegenteil anstrenge sie als die begabtere Autorin zu präsentieren, damit es nicht so aussieht, als wäre ich ein typisch eingebildeter männlicher Autor, der einer weiblichen Kollegin nicht genügend Anerkennung gibt, selbst dann nicht, wenn er ihre Ideen stiehlt.

Sein Gegenüber wird in Malte Perssons Text vor allem zur Folie von Gedanken über sich selbst und sein nach außen präsentiertes Bild, sein autofiktives und ausgesprochen selbstreferentielles Spiel bleibt im Vergleich zu Sarah Bergers Texten reichlich kalt, er verfugt mit seiner Ironie nur die Oberflächen des Erlebten, während bei Berger immer wieder Abgründe erkennbar werden.

Ironische Nostalgie oder affirmative Ironie

In den Kritiken zu Perssons aktuellem Gedichtband Till dikten wird immer wieder die subtile Ironie und der feine Humor des Autors betont. Tatsächlich ist die ironische Brechung ein sehr spezifisches Merkmal von Perssons Schreiben, das bereits in den ersten Sätzen der Radionovelle „Research“, bei der Gegenüberstellung von Früher und Heute, Literatursalon und Dating-App, durchzuscheinen beginnt und das sich auch im Gedichtband Till Dikten immer wieder findet: Hinter der Pose abgeklärter Ironie verbirgt sich jedoch eine Bewunderung klassischer bildungsbürgerlicher Distinktionsmarkierungen, die in ihrer Offensichtlichkeit einen beinahe rührend bemühten Eindruck macht. Beispielhaft für diese eigenwillige Form humorbefreiter Ironie seien hier nur die ersten Zeilen aus dem Gedicht Underhållning zitiert:

När vi skäms för att vi läst så många dikter och vill göra något seriösare så tittar vi på teve

Wenn wir uns dafür schämen, dass wir so viele Gedichte gelesen haben und etwas Seriöseres machen wollen dann schauen wir Fernsehen

Das an diese Textzeilen anschließende Gedicht beschreibt ironisch das Fernsehen und das serielle Erzählen als die ernsthaftere und komplexere Unterhaltungsform, die das lyrische Ich aus Dummheit eben nicht versteht, dabei einschläft und sich deswegen den kürzeren und „einfacheren“ Gedichten zuwendet. Im Gestus selbstironischen Spotts wird von Persson wieder und wieder das eigene Aus-der-Zeit-gefallen-Sein thematisiert, dabei jedoch eigentlich nur bildungsbürgerlicher Kanon in gähnender Langeweile affirmiert. Zumindest führt Persson mit dieser Schreibweise recht beeindruckend die Möglichkeit vor Augen Ironie jedweder subversiver Funktion zu entledigen.

Till Dikten strotzt von scheinbar ironisch präsentierter Literaturverehrung, die letztlich eine Anbiederung an den bildungsbürgerlichen Kanon ist, die mit gutem Gewissen als Referenzmasturbation bezeichnet werden kann. Was sagt es über den schwedischen Literaturbetrieb aus, dass ein Gedichtband wie Till Dikten von den Kritikern bejubelt wird, ein Band, der in seiner metapoetischen Bemühtheit an zahlreichen Stellen mühelos ins Lächerliche gleitet? In den schwedischen Rezensionen wird Persson als humorvoller Dichter beschrieben, die daraus resultierende Frage ist jedoch eher, was mit dem Humor schwedischer Literaturkritiker kaputt ist, dass diese Form von Ironie überhaupt als humorvoll wahrgenommen wird. (Eine kritischere Lesart von Malte Perssons Ironie in Till Dikten habe ich übrigens finden können, geschrieben wurde sie von Filip Lindberg für Örnen&Kråkan.) Zumindest ist der Gedichtband in Schweden weit oben in der Bestsellerliste platziert, er scheint bei den Lesern gut anzukommen, andererseits verkaufen sich in Deutschland beispielsweise auch die Gedichte von Hans Kruppa sehr oft – Erfolg beim Absatz scheint also weder in Schweden noch in Deutschland ein Garant für gute Literatur zu sein.

Es ist möglicherweise das Drama Malte Perssons als Schriftsteller, dass er sich nach einer historischen Periode mit entsprechender Genie-Verehrung zurücksehnt, diese Sehnsucht gegenwärtig aber nur noch mit vorgespielter Ironie präsentieren kann. Seine Obsession mit schriftstellerischem Status und Relevanz durchzieht auch die Radionovelle Research, in der sich zahlreiche Referenzen auf kanonisierte große Schriftsteller finden lassen. Das generische Maskulinum ist in diesem Fall beabsichtigt, denn Frauen oder Autorinnen sind in Malte Perssons Bezugshorizont sonderbar abwesend, stattdessen werden David Foster Wallace, Friedrich Nietzsche, Sigmund Freud und Rainer Maria Rilke erwähnt, die letzteren im Bezug zu Sara Bergers Alias, die sich in Tinder „Lou“ nennt. Persson denkt darüber nach, dass eine angehende Schriftstellerin, die sich den Namen Lou gibt, sicherlich von der Psychoanalytikerin Lou Salomé inspiriert wurde, die auch Freundin von Nietzsche, Freud und Rilke war. Diese Freundschaft – „vän eller mer / Freundin oder mehr” schreibt Persson – fasziniert ihn. Lou Salomé ist nicht interessant aufgrund ihrer eigenen Biografie, sondern wegen ihrer Beziehung zu von Persson bewunderten berühmteren Männern – sein Interesse an dieser Form eines Musendiskurses ist offensichtlich.

Die Muse schreit zurück

Die Trope von Musen und den Meistern, deren Werke sie inspirieren, findet sich in zahlreichen historischen Texten über Kunst und Literatur. Von den antiken Musenanrufungen, beispielsweise in Homers Odyssee, bis hin zur modernen Variante des Manic Pixie Dream Girls, das sich in zahlreichen Filmen wiederfindet, ist das zentrale Merkmal die Selbstaufgabe weiblicher Identität, um zur Projektions- und Inspirationsfläche des männlichen Künstlers zu werden. Erst Hesiod gab übrigens den Musen ihre Namen und begrenzte ihre Zahl, vorher wurden sie nur als namenlose Wesen angerufen, waren so also bereits in der Antike symptomatisch für die Unsichtbarkeit der inspirierenden oder mitschöpfenden Frauen hinter den Erzeugern eines ästhetischen Textes. Frauen, die als hilfreiche Unterstützerinnen großer Künstler, Forscher und Literaten, nur durch Dienstleistungen für die männlichen Genies einen Wunsch nach Teilhabe erfüllen konnten, sind ein wiederkehrendes historisches Phänomen. Wer nur einen kleinen anekdotischen Eindruck davon bekommen möchte, sollte sich in einer ruhigen Stunde einmal den Hashtag #ThanksForTyping auf Twitter zu Gemüte führen – ich empfehle dabei für etwaige aus den angeführten Beispielen resultierende Gemütszustände einen Wutball in der Hand zu halten.

Cover: Christiane Frohmann: Präraffaelitische Girls erklären das Internet

Eben dieser Musendiskurs, der Frauen zum Schweigen bringt und ihre Identitäten verwischt, wird von Christiane Frohmann, Sarah Bergers Verlegerin, aufgegriffen und subversiv gebrochen, wenn sie in ihrem Buch „Präraffaelitische Girls erklären das Internet“ und auf dem dazugehörigen Twitter-Account “Pre-Raphaelite Girls Explaining” die jungen Frauendarstellungen der präraffaelitischen Maler zu Wort kommen lässt. In ihren Bild-Text-Kompositionen setzen sich die „Girls“ kulturkritisch mit Internetphänomenen auseinander, ohne dass der Maler der Werke überhaupt relevant ist – die Musen schrei(b)en zurück. Die gleichen digitalen Möglichkeiten, die im Jahr 2018 das Datingleben verändern und Menschen ermöglichen, sich als Autor*innen zu bezeichnen, obwohl sie nie ein gedrucktes Buch veröffentlicht haben, geben so auch den früher zum Schweigen verpflichteten Musen die Möglichkeit, ihren Mund zu öffnen und Frustration über ihre Instrumentalisierung zu formulieren.

Sarah Berger, eine Autorin, deren Werk ursprünglich im Internet erschien, hat natürlich auch zu der Causa Persson bei Twitter Stellung bezogen. In der Radionovelle zitiert Malte Persson einen Tweet von Berger zu ihrem ersten Date mit dem Schriftsteller, in dem die Frage gestellt wird, wer wohl die beste Fiktion über den jeweils anderen schreiben wird. Eben diesen Tweet greift Sarah Berger im April 2018 wieder auf und dekonstruiert Perssons Radionovelle mit wenigen Worten:


Genau an diesem von Sarah Berger benannten Punkt der klassischen Rollenmuster, der narrativen Enteignung einer Debütautorin durch einen als Schriftsteller bereits stark etablierten Mann, der digitalen Wiederbelebung abgestandener Musendiskurse, macht es sich fest, dass Malte Persson für seine Radionovelle Research kritisiert werden sollte. Auch und gerade deswegen, weil er seinen Text auf Schwedisch mit hoher Reichweite veröffentlichte und so durch die Sprachbarriere absicherte, dass Sarah Berger nur mit gesteigerten Schwierigkeiten Zugriff auf einen Text bekam, für den sie einerseits eine Nennung als Co-Autorin verdient hätte und der andererseits intimste Details unter ihrem Klarnamen offenbart.

Gerade von Malte Persson, der sich im Kontext der aktuellen Skandale um die Schwedische Akademie, für die er selbst schon als zukünftiges Mitglied ins Spiel gebracht worden war, wiederholt kritisch geäußert hat, und dabei den Sexismus und die archaischen Machtverhältnisse der Akademie analysierte, hätte man ein größeres Bewusstsein bei seinen eigenen Texten erwartet. Vielleicht wäre die Schwedische Akademie doch das richtige Habitat für diesen Schriftsteller, der zumindest von der Literaturkritik bereits in die Nähe antiker Dichterfürsten gerückt wurde:

Man känner de gamla grekernas närvaro hos Malte Persson precis som hos Svenbro. Men hur slänger man ihop en dikt här och nu, här vid historiens slut, efter romantik och modernism och postmodernism?

Man merkt die Nähe der alten Griechen, bei Malte Persson genauso wie bei Svenbro. Doch wie entwirft man ein Gedicht im hier und jetzt, hier am Schluss der Geschichte, nach der Romantik und der Moderne und der Postmoderne?

Auf diese rhetorisch gestellte Frage kann man nur mit Nachdruck und Vehemenz antworten: Bitte nicht so, wie Malte Persson es in Till dikten und Research betreibt und bitte auch nicht, indem durch die kritiklose Übernahme antiquierter Musendiskurse Autorinnen instrumentalisiert und in die Unsichtbarkeit gedrängt werden.

(Großer Dank gebührt dem Skandinavisten und Übersetzer Matthias Friedrich, der nicht nur Malte Perssons Radionovelle transkribiert hat und mir dankenswerterweise zur Verfügung stellte, sondern auch Anregungen für diesen Artikel gab. Dank gebührt außerdem dem Germanisten Johannes Franzen, der mir im persönlichen Gespräch und mit seiner Forschung zur narrativen Enteignung sehr geholfen hat, daher empfehle ich an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich seine Monographie zum Schlüsselroman: Johannes Franzen: Indiskrete Fiktionen. Theorie und Praxis des Schlüsselromans 1960-2015. Göttingen, 2018.)

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„Hilfe, zwischen meinen Buchdeckeln sind Algorithmen“*

Vor ungefähr vier Jahren schrieb Sibylle Berg in ihrer S.P.O.N-Kolumne folgende These: „Die Zukunft, vor der wir gewarnt wurden, ist da, die Buchbranche woanders.“ Als Gegenmittel empfahl sie der Buchbranche ironisch doch mal einen Abstecher ins Silicon Valley, wo sich zum damaligen Zeitpunkt gerade Kai Diekmann auf Innovationssuche befand. Auf die Kolumne regte sich viel Widerstand, beleidigter Protest und trotziges Gestampfe, doch auch vier Jahre später scheint mir die Beziehung zwischen Literaturbetrieb und Internet – hier als Chiffre für die diskursiven und technischen Innovationen der Digitalisierung verwendet – auch weiterhin keine Herzensangelegenheit zu sein, eher eine mehr oder minder pragmatische Zweckgemeinschaft.
Natürlich gibt es mittlerweile digitale Leuchtfeuer im Büchermeer: Franz Friedrichs non-linear erzählte und gemeinsam mit dem Fischer-Verlag entwickelte App 25052015 – Der letzte Montag im Mai; mehr oder minder gelungene Prosa (und Lyrik), die sich z.B. an die Ästhetik von Facebook-Chats anpasst oder Hashtags sinnvoll miteinbezieht. Auch die zahlreichen Verlagsblogs, die in den letzten Jahren entstanden sind, zeigen zumindest, dass die Buchbranche sich bemüht um die Herzen der Online-Leser*innen. Die Verlage stoßen also in den virtuellen Raum vor, versuchen sich an medialer Innovation und suchen nach Texten, die sich formal oder inhaltlich mit einer im weitesten Sinne digitalen Ästhetik befassen – Zunehmend trauen sich Verlage auch Bücher mit genuin digitaler Literatur zu veröffentlichen. Der begriff der digitalen Literatur ist momentan noch recht unpräzise, ich beziehe mich in der Verwendung auf Texte bei denen der Computer zumindest Anteil an der Entstehung hat und die deswegen klassische Konzepte von Autorschaft gehörig ins Schwanken bringen.

„Dazu gehören alle möglichen Formen von Texten, die maschinell generiert wurden, die sich mechanisch andere Texte aneignen und deren Satz- und Wortelemente neu kombinieren, meistens mittels mehr oder weniger komplexer Scripte, die die Autoren selbst schreiben – das Schreiben der Texte, die sie hervorbringen, ist eine bestimmte Art computerisierter Textverarbeitung.“

So fasst Hanna Engelmeier einen Teilbereich der digitalen Literatur in einem sehr empfehlenswerten Essay im Merkur 12/2017 zusammen, der sich unter dem Titel „Was ist die Literatur in »Digitale Literatur«?“ unter Anderem mit dem interessanten Phänomen auseinandersetzt, dass die Theoretiker*innen und Produzent*innen dieser Form von deutschsprachiger digitaler Literatur oftmals dieselben Personen sind.

Spannend ist es da, dass der Suhrkamp Verlag in diesem Frühjahr gleich zweimal Bände vorlegt, die in das eigentlich weite (aber in der deutschsprachigen Literatur eben leider noch immer ziemlich enge) Feld der digitalen Literatur vorstoßen: Hannes Bajohrs Halbzeug: Textverarbeitung und Clemens Setz: Bot – Gespräch ohne Autor. Bevor ich mich den beiden Bänden inhaltlich widme, will ich jedoch erst einen Exkurs zu den Klappentexten dieser Bücher einerseits – das was von Gérard Genette als Paratexte bezeichnet wird – und andererseits ihrer Rezeption durch die Literaturkritik machen. Ich habe den Eindruck, dass besonders die Rahmung dieser Bücher in Verlagsankündigungen und Klappentext, die sowohl rezeptionssteuernd wirkt als auch Vermarktungslogiken bedient, in der Kritik mehrheitlich aufgegriffen wird.

Vergleicht man die beiden Klappentexte fällt besonders auf, dass beide sich sehr ausführlich Metaphern bedienen, die gleichzeitig Faszination und leichtes Unbehagen an der Digitalisierung ausdrücken. Bei dem Buch von Clemens Setz schreibt nicht mehr die „natürliche Person“ sondern die „künstliche Intelligenz“ / „die ausgelagerte Seele“, was schließlich in der Verabschiedung der Autoreninstanz mündet – immerhin haben wir laut Klappentext mit dem Buch „das Werk allein, völlig losgelöst von seinem Autor“ in der Hand. Im Klappentext des Buches von Hannes Bajohr wird gleich das Werk selbst verabschiedet, „Wo alles Text ist, weil alles Code ist, gibt es kein Werk mehr“ – ein wohlklingender Satz, der aber mehr Fragen aufwirft als er beantwortet. Auch Ideen von Autorschaft und Rezeption werden laut Klappentext durch den Gedichtband in Frage gestellt. Der Band von Clemens Setz ist von der Kritik in zahlreichen Beiträgen aufgenommen worden, dabei häufen sich jedoch Wortfetzen, Aussagen und Stimmungsbilder, die sich eng an die Tonalität des Klappentextes anlehnen: Der Text ist „das sperrigste Werk des Jahres“; geprägt durch einen „hermetische[n] Stil“, der decodiert werden muss; „Das Ich steckt als ausgelagerte Seele im Computer“ und Clemens Setz wird wahlweise als „Computerfreak“, „Nerd“ oder „Internetfreak“ bezeichnet. Ganz grundsätzlich wirft das Buch bei Kritiker*innen die Frage auf: „Wann haben wir es mit Menschen, wann mit Maschinen zu tun?“ oder anders ausgedrückt „Dem Menschen antwortet ein Algorithmus, und Setz wirft damit die Frage auf, wie wir menschliches von maschinellem Verhalten unterscheiden können.“

Black Box Autor

Die beiden Autoren, die sich mehr oder weniger stark digitaler Verfahrensweisen bedienen, werden so durch Rezeption und die Paratexte ihrer Bücher zu einer Art Black Box stilisiert, weil herkömmliche Methoden der Rezeption, wie beispielsweise über eine klar fixierte Autorenidentität nicht mehr zu funktionieren scheinen. Mit der Metapher der Black Box, die im Kontext von Gesprächen über Computer eine mysteriöse Unverständlichkeit von Algorithmen bzw. Software ausdrückt, wird vor Allem der Überforderung gegenüber digitaler Innovation Ausdruck gegeben: Der Mensch füttert Maschinen mit Daten oder Programmierbefehlen, aber die Lösungen sind nur noch bedingt nachvollziehbar. Das generelle Unverständnis darüber, wie Computer zu ihren Resultaten gelangen, und eine daraus resultierendes Unbehagen sammelt sich in der Metapher der Black Box. All dies hat Kathrin Passig bereits sehr viel besser analysiert, als ich das je könnte, deswegen verweise ich hier auch nur auf ihre ausführlichen Überlegungen, die im Merkur unter dem Titel “Fünfzig Jahre Black Box” erschienen sind und nehme bloß ein Zitat aus ihrem Text heraus, das besonders auf den hier beschriebenen Kontext und die wiederholte Verwendung des Wortes „Algorithmus“ passt passt:

„Bei der Bezeichnung fängt es schon an: Man könnte einfach »Software« sagen, aber das klingt eben nicht so sinister wie »Algorithmus«, sondern nur ein bisschen nach angestaubten Disketten. Algorithmus bedeutet nicht »irgendwas, woran ein Computer beteiligt ist«. Das Wort bezeichnete eigentlich einmal ein klar umrissenes Rezept, zum Beispiel ein Sortierverfahren oder eine Anleitung zum Zusammenbau eines Ikea-Regals.“

In der Rede von Algorithmen, binären Logiken und künstlicher Intelligenz, die besonders bei der Rezeption von Clemens Setz Buch auffällig ist, schwingt sowohl Faszination als auch Skepsis mit und oft werden so auch eigentlich sehr banale technische Verfahren ins Mysteriöse überhöht. Man könnte hier nun einen langen Exkurs beginnen und zeigen, wie diese Rezeption von Technik letztlich quasi-religiös ist und Elemente des Numinosen im Sinne Rudolf Otts enthält – eine Analyse von Mysterium Tremendum und Mysterium Fascinans in der Rede über künstliche Intelligenz – aber das würde zu weit vom Thema fortführen. Fraglich bleibt jedoch, warum uns diese Bücher als Werke ohne Autor, Bücher ohne Werk (was auch immer das sein soll) und als Bücher, deren Entstehungsprozess eben so unverständlich ist wie die rätselhaften Algorithmen auf denen sie aufbauen, vermittelt werden. Immerhin ist es schon amüsant zu lesen, wie Begriffe wie künstliche Intelligenz aus dem Feuilleton-Hut gezaubert werden, wenn es bei Clemens Setz doch letztlich nur um eine recht schlichte Strg+F Suche in einem längeren Word-Dokument geht. Spiegelt sich hier Unkenntnis oder Unbehagen wieder?

Halbzeug: Textverarbeitung und das Kreative am Uncreative Writing

Bajohrs Band ist ganz im Einklang mit der digitalen Poetik, die Kenneth Goldsmith in „Uncreative Writing. Sprachmanagement im digitalen Zeitalter“ (Matthes & Seitz, 2017) formuliert, dessen Übersetzung ins Deutsche nicht zufällig von Hannes Bajohr und Swantje Lichtenstein verantwortet wurde, eine elegant durchgeführte Replik auf Goldsmiths These, dass auf die Unmengen an Text im digitalen Zeitalter mit einer Veränderung der literarischen Verfahren reagiert werden sollte. Das Buch teilt sich in vier Abschnitte, die unterschiedliche Strategien in der Textproduktion verwenden. Für den Teil „in corpore“ verwendet Bajohr etablierte computerlinguistische Verfahrensweisen und lässt Textkorpora zunächst mit recht elementaren Suchbefehlen untersuchen, ordnet und sortiert in Folge dann die vom Computer produzierten Ergebnisse. Der genaue Weg zu den Gedichten wird in einer Art gläserner Literaturproduktion immer im Anschluss an die Texte spezifiziert. Grundsätzlich wichtig ist, dass hier weder die Komplexität des technischen Verfahrens noch die entstandenen Sprachspiele das einzige Kriterium zur Bewertung der Qualität sind, sondern das außerdem der Fokus auf die Originalität der Fragestellung an die Textkorpora gerichtet werden muss. (So wie eben auch bei Konzeptkunst nicht unbedingt das Urinal selbst relevant ist, sondern die Idee es in einem musealen Rahmen zu präsentieren.) Die von Bajohr im Teil „in corpore“ erdachten Konzepte liefern manchmal rein spielerische Resultate, bei anderen Texten sind sie schlichtweg großartig und liefern einen eigenwillig absurden Einblick in unsere Realität. (Meine Favoriten sind: „Was Man Muss (Managementkorpus)“ und „Über mich selbst“)

Der Teil „automatengedichte“ liefert meiner Meinung nach eher uninteressante Resultate, weil hier einfach verschiedene Texte zu einer Art Medley maschinell vermischt werden, was auf mich entweder beliebig oder bemüht wirkt, besonders wenn kanonisierte literarische Texte verwurstet werden und es bei der Rezeption vor Allem um das Kitzeln des bildungsbürgerlichen Bewusstseins zu gehen scheint. Hier ist auch die Reichweite des Autoreneingriffs in den computergenerierten Text nicht wirklich nachvollziehbar, im Anhang steht, dass die Texte „manuell und subjektiv“ zusammengesetzt und gekürzt wurden, wieviel Hannes Bajohr und wieviel Maschine also exakt in den Texten steckt bleibt so unklar. Für den Teil „maschinensprache“ wird mit der Verknüpfung unterschiedlicher Software, wie Spracherkennungs- und Übersetzungsprogrammen, gespielt. Innovativer Dreh ist hier vor Allem die Absurdität mit der die Software miteinander interagiert, ein gutes Beispiel für interessante Konzepte mit resultierenden Gedichten, die leider eher mühsam zu lesen sind. Der Teil „in den reader für das eleventum“ bei dem die Word-Synonymfunktion verwendet wird um kanonische Gedichte umzuschreiben, liefert deutlich unterhaltsamere Resultate, denn auch hier ist die auswählende Autoreninstanz, die sich für die jeweiligen Synonyme entscheidet, ein Garant für die Lesbarkeit der Texte.

Besonders im Appendix wird dann sehr gut verdeutlicht, was auch Hanna Engelmeier in ihrem Merkur-Essay schon beschrieb: die Vermengung von ästhetischer Produktion und theoretischer Reflexion. Besonders die, wie ein Manifest gestalteten, Überlegungen zur digitalen Literatur sind interessant zu lesen, inklusive zahlreicher Verweise auf die Avantgarde als deren logischen Entwicklungsschritt Bajohr die digitale Literatur verortet (Mehr dazu auch in einem Essay des Autors in der NZZ, der aber auf Verweise zu seinem eigenen Werk verzichtet). Hannes Bajohr ist also nicht nur Produzent digitaler Literatur, er liefert auch gleich noch eine Reflexion seiner Methode mit. Dass diese theoretische Rahmung und Einordnung der digitalen Literatur, die eben gleichzeitig auch als Bewertung des eigenen Outputs lesbar ist, dann manchmal etwas selbstgefällig klingt, sei dahingestellt – es entbehrt zumindest nicht einer unfreiwilligen Komik:

„Entsprechend müssen wir zwischen Netzliteratur und digitaler Literatur unterscheiden. Flarf, twitterature und spam lit sind Netzliteratur, Schnappschüsse eines kulturellen und linguistischen Augenblicks. Digitale Literatur wäre dagegen etwas, in dem die Veränderung der Weltwahrnehmung durch das Digitale überhaupt Darstellung findet.“

Bot und die Poetik des CTRL+F

„Für das SZ-Magazin fertigte Joachim Kaiser gern kunstvolle Interviews aus den Sätzen verstorbener Größen.“ – Kaiser setzt also die „Antworten“ auf seine Fragen aus anderen Aussagen der „Interviewten“ zusammen. Interessanterweise hat dieses Verfahren einige Ähnlichkeit mit dem Interviewband „Bot. Gespräch ohne Autor“. Ein Bot ist eigentlich bloß ein Computerprogramm, das widerkehrende Aufgaben automatisiert bearbeitet ohne dass manuelle Eingaben notwendig werden, Bots sind dabei in der Mehrzahl eher schlichte Programme, die im Internet zahlreiche Funktionen erfüllen, beispielsweise regelmäßig Daten herunterladen oder eingeben und damit einen erheblichen Teil der Netznutzung ausmachen. Aufmerksamkeit haben die Bots in den letzten Monaten besonders durch die sozialen Bots bekommen, die in sozialen Netzwerken mit mehr oder weniger offensichtlichen Interessen automatisiert zu bestimmten Themen oder Hashtags posten. Im Sinne der etwas eigenwilligen Setz-Suhrkamp Definition des Wortes „Bot“ hätte Kaiser mit seinen zusammengesetzten Interviews zahlreiche Bots produziert, denn das Buch Bot besteht eben aus einem genau solchen Interview mit zahlreichen von Angelika Klammer genial formulierten Fragen, auf die jedoch nicht der Autor persönlich antwortet, sondern mal mehr oder weniger passende Auszüge aus seinem viele Seiten langen Tagebuch zur Antwort verwendet werden. In dem ausgesprochen interessanten von Setz verfassten Vorwort denkt er darüber nach, ob sein Tagebuch, das er selbst als „ausgelagerte Seele“ bezeichnet, nicht tatsächlich einen ausreichenden Gesprächspartner abgeben kann. Er spannt für diese Überlegungen den Bogen vom Turing-Test, mit dem getestet werden soll ob eine künstliche Intelligenz über eine ähnliches kognitives Vermögen wie ein echter Mensch verfügt, zu dem Philip K. Dick Android Project, bei dem eine sehr realistisch aussehende Büste des Sci-Fi Autoren Dick gebaut wurde, deren Software mit unzähligen Materialseiten aus Äußerungen des Autors gefüttert wurde und anschließend mehr oder weniger gut funktionierende Dialoge führen konnte. Diese Überlegungen sind für sich genommen eine spannende Auseinandersetzung mit der Entwicklung von künstlicher Intelligenz und ihren Auswirkungen auf unsere Konzeptionen von persönlicher Identität bzw. Menschlichkeit, dies kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass das was konkret in dem Interviewband versucht wurde, und sowohl im Klappentext als auch in zahlreichen Kritiken mit Metpahern der künstlichen Intelligenz bezeichnet wurde, eigentlich nur eine CTRL+F Schlüsselwortsuche in einem langen Word-Dokument ist. Es wird also auf einen technischen Bezug des des Buches angespielt, der durch die formale Struktur kaum eingelöst wird. Eine CTRL+F Suche durch ein langes Textdokument mit anschließender Selektion durch eine Lektorin hat mit künstlicher Intelligenz ungefähr soviel zu tun, wie die Analytical Engine von Charles Babbage mit dem IBM Roadrunner.

Wird in der Rezeption des Buches, die sich stark der Idee eines Bots als Gesprächspartners widmete, eine diffuse Black Box Metapher aufgegriffen? Ist es vielleicht leichter sich den an manchen Stellen durchaus etwas schwierigen Inhalt als technisches Mysterium vorzustellen, wie es beispielsweise Jérôme Jaminet tut:

[…]durch den sprunghaft assoziativen, intertextuell komplexen und hermetischen Stil ist das “Gespräch” mit dem Clemens-Setz-Bot stellenweise so schwer zu decodieren wie eine höhere Programmiersprache. Auf Dauer gerät die Lektüre deshalb äußerst anstrengend.“ (Spiegel Online, 12.2.2018)

Genau diese Unzugänglichkeit der Textfragmente ist aber doch kein Resultat der CTRL+F Suche oder sonstiger Algorithmen, sondern offensichtlich eben ein genuines Stilmerkmal des Tagebuchs, das mit absurden Geschichten, weit verfächerten Verweisen und wild springenden Anekdoten ziemlich beindruckend verfasst ist. Diesen Stil muss man mögen – ich persönlich könnte davon auch 1000 Seiten lesen und finde es schlichtweg grandios – jedoch zu behaupten, dass diese inhaltlichen Merkmale durch mysteriöse Algorithmen entstanden und nicht einfach stilistische Entscheidungen des Autors sind, ist meiner Meinung nach eine verkürzte Rezeption.

Dabei spricht einiges dafür, dass sich an genau diesen stilistischen Eigenheiten die tatsächliche digitale Aktualität des Werkes zeigt, in der Sprunghaftigkeit der Themen und Inhalte, die in der NZZ so treffend als „irrlichternder Kosmos der Vorstellungen und Erscheinungen“ bezeichnet wird. Ist nicht vielleicht das Rezeptionsverhalten in Internet und sozialen Medien genau mit dem Ausdruck des „irrlichternden Kosmos“ perfekt beschrieben? Clemens Setz nimmt den Leser in dem Buch mit auf einen recht beeindruckenden Surftrip durch seine Weltwahrnehmung: So wie man eine Gazillion Tabs im Browser öffnet, von Wikipedia zu Youtube zur Google Suche springt und nicht mehr linear an einem Text sondern an vielen Ideen und Berichten parallel liest, Fakt und Fiktion durchmischt, ist man auch auf dem Leseweg durch das Tagebuch einer rasante Gedankenvielfalt ausgesetzt, die sich in all ihrer wundervollen Versponnenheit ungeheuer gegenwärtig anfühlt.

Deep Learning Poetry und der Einzug des Unvorhersehbaren

Wer sich mit dem Stand und der Rezeption von digitaler Literatur in Deutschland befassen möchte, der wird an den beiden lesenswerten Büchern von Hannes Bajohr und Clemens Setz nicht vorbeikommen. Hannes Bajohrs Buch zeigt auf eine interessante Art und Weise, wie das Sprachspiel mit Computern zu ganz neuen Leseeindrücken führen kann, während bei Clemens Setz nicht der formale Kniff der CTRL+F Suche das interessanteste Merkmal ist, sondern eher die eigenwillige Gegenwärtigkeit der Gedankenwelt des Autors. Von einem Ende von Werk oder Autor kann jedoch bei beiden Bänden ganz sicher nicht die Rede sein, sind doch die sortierende und ordnende Funktion der Autoren bzw. der Lektorin Angelika Klammer ganz entscheidend für die veröffentlichten Texte. Auch für diese Texte gilt was Kathrin Passig im Rahmen ihrer gemeinsam mit Clemens Setz 2015 gehaltenen Poetikdozentur in Tübingen sagte:

„Nehmen Sie deshalb Leute nicht so ernst, die von vollständig computergenerierter Lyrik oder Kunst reden. Das ist – bisher jedenfalls –vor allem ein Marketingtrick. Hören Sie schon eher hin, wenn jemand von Zusammenarbeit mit Maschinen redet, ich zum Beispiel.

Das ist einerseits weniger interessant, denn mit Maschinen arbeiten wir auf die eine oder andere Art schon lange zusammen. Andererseits ist es eben dann doch ein spezieller und relativ neuer Fall, wenn die Maschine das Rohmaterial für Ideen liefert.“

Genau hier ist dann auch das spannende Element der beiden Bücher beschrieben: die Nutzung von Computern und Software um ein Rohmaterial zu produzieren, das dann von den Autoren und dem Lektorat poliert und bearbeitet wird. Wie ein Kistenteufel springt aus der Black Box dieser beiden Bücher nämlich nicht der rätselhafte Algorithmus, sondern stattdessen eine ziemlich klassisch operierende Autoreninstanz. Die ist jedoch genauso zauberhaft, mysteriös und nachdenklich machend, wie eh und je. Auch für diese zwei aktuellen Bände aus dem Bereich der digitalen Literatur liegt der Tod des Autors also noch in der Zukunft, je nach Perspektive eine frustrierende oder beglückende Erkenntnis.

In welche Richtung wird sich die digitale Literatur entwickeln? Ist es nur eine Frage der Zeit bis die Rede vom Verschwinden der Autor*innen und dem Aufstieg der eigenständig schreibenden Maschinen wirklich gerechtfertigt ist? Der große Erfolg der im Kontext von Deep Learning entstehenden künstlichen Intelligenzen in den letzten Jahren liefert uns bereits erste Hinweise darauf, wie mit neuronalen Netzwerken sehr eigene Literatur produziert werden kann, bei der die Maschine einen deutlich höheren Anteil am Endprodukt hat. Steht uns der Tod der Autor*innen also bevor, wenn im Kontext des Machine Learning wirklich dem Computer weit mehr gestalterische Freiheit zugestanden wird? Gegenwärtig finden die wesentlichen Experimente zur Literaturproduktion mit neuronalen Netzwerken in den USA statt und die entstehenden Texte sind ziemlich vielversprechend. In diesem Beitrag des Künstlers Ross Goodwin lassen sich beispielsweise zahlreiche Textbeispiele finden, die zeigen wohin die Reise der Mensch-Maschinen-Literatur gehen kann und wird. Doch selbst Goodwin will nicht das Ende der Autorenschaft erklären, sondern sieht die neuen technischen Möglichkeiten als Chance für neue Formen der Kreativität:

“The question is not when can we replace all humans with machines but at what point will the tools that machines provide for us, help us reach beyond our native capacities to the extent that what we can produce is light years beyond what we’re producing now. Humans working in consult with machines is the way of the future, not humans being completely replaced.”

Es bleibt also aufregend in der Welt der digitalen Literatur, neue Techniken ziehen massive Veränderungen nach sich und zahlreiche Modi neuronale Netzwerke und künstliche Intelligenzen kreativ zu nutzen warten noch darauf entdeckt zu werden – Ich persönlich kann es beispielsweise kaum erwarten zu sehen was TensorFlow mit sämtlichen Textquellen von Clemens Setz anstellen könnte. Eigentlich wollte ich am Ende dieses Essays noch einen kleinen Exkurs darüber schreiben, wie die GANs (Generative Adversarial Network) – zwei gegeneinander gestellte neuronale Netzwerke – im Machine Learning eine wundervolle Metapher für das Verhältnis von Autor*in und Computer bilden könnten, aber dieser Text ist bereits sehr viel länger geworden als ursprünglich gedacht. Als Fazit empfehle ich die Bücher von Hannes Bajohr und Clemens Setz zu lesen, sich mit digitaler Literatur zu befassen und keine Angst vor den Algorithmen zwischen den Buchdeckeln zu haben: Autor*inen sind weiterhin quicklebendig, bloß haben sie inzwischen immer öfter eine Maschine als Sidekick.

* Kathrin Passig veröffentlichte am 10. Januar 2012 in der SZ einen Artikel zur Algorithmenkritik mit dem Titel: „Warum wurde mir ausgerechnet das empfohlen?“. Ihr ursprünglicher Titelvorschlag war jedoch: „Mama, unter meinem Bett sind Algorithmen.“

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Gemeinsame Entstörung 2018

Mit wachsendem Befremden beobachten wir, wie Deutschland durch die xenophobe Massenregression beschädigt wird.

Wir solidarisieren uns mit denjenigen, die friedlich dafür demonstrieren, dass die rechtsstaatliche Ordnung in den Grenzen unseres Landes wiederhergestellt wird.

Wenn Sie ebenfalls zu der Gemeinsamen Entstörung 2018 als Unterzeichner*in beitragen wollen, bitten wir Sie, Ihren Namen mit sämtlichen Titeln, Positionen, Berufen und etwaig vorhandenen Ehrungen in die Kommentare zu posten. Wir werden Sie mit Freude in die folgende Liste aufnehmen.

Die Unterzeichnenden

Monika Abbas, Bloggerin, Mensch
Sandro Abbate, Arbeiterkind, Kulturwissenschaftler und Inhaltsfabrikant elektronischer Logbücher
Heike Baller, M.A., Recherchemeisterin, Seminarleiterin, Wissensteilerin, Bloggerin, Leserin
Michael Bauer, denkender Mensch und Schreiber, Polarisationsbeobachter und Humanist mit Würde, Rentner mit IT-Hintergrund, 51 Jahre, lebendig
Catherine Beck, Freie Lektorin ohne Blog
Zoë Beck, schriftstellernde, übersetzende und verlegende Feministin
Anette Becker, Diplom-Übersetzerin, Bloggerin
Kai Becker, Theaterpädagoge, Übersetzer und Verfassungspatriot
Ratgar Beckmann, Gatte, Vater, Freund und Kollege, Cosmopolit
Dr. rer. nat. Dipl.-Psych. Ina Beintner, Psychologische Psychotherapeutin, Wissenschaftlerin, Autorin, Mutter, linksgrünversifft und meistens gut gelaunt
Sarah Berger, keine richtige Autorin bei Frohmann Verlag, Intellektuelle, Essayistin, Menschin
Dr. Sebastian Berweck, Pianist und sonst auch noch viel
Dr. Mirjam Bitter, Literaturübersetzerin mit Nachwuchspreis, Web-Redakteurin, Literaturwissenschaftlerin mit Kulturwissenschaftspreis, Feministin, Mutter, Morgenmuffel, Liebhaberin von Tanz und Gesang sowie Gelegenheitsbloggerin
Ludger Blanke, Absolvent des Bischöflichen Knabenkonvikts Collegium Johanneum zu Ostbevern und der Deutschen Film- und Fernsehakademie zu Berlin, ehemaliges Mitglied des Personalrats des ZDF-Hauptstadtstudios, Autor, Rechercheur, Bildgestalter, Filmemacher, Fotograf, Dramaturg, allgemeiner Trouble-Shooter und manchmal -Maker
Marlies Blauth, Flüchtlingstochter, Ruhrgebietskind, Synästhetikerin, Bildende Künstlerin und Lyrikerin
Thomas Blum, M.A., Feuilletonredakteur der Tageszeitung neues deutschland, Autor des offiziellen Beitrags der Wochenzeitung Jungle World zum »Mauerlied-Wettbewerb« der Deutschen Burschenschaft (2002) und Experte für Umvolkung
Daniel Bönisch, Geschäftsführer und Gründer der UEBERBIT GmbH
Dr. Marten Brandt
Simone Buchholz, abgebrochenes Philosophiestudium, aber street credibility
Elisabeth Buck, Autorin, Dozentin, Musikpädagogin, Großmutter, Hobbyornithologin
Prof. Frank Bungarten, Musiker, ganz strenger Hochschullehrer, Mann mit einer den Deutschen Volkskörper bedrohenden Ehefrau
Rolf A. Burkart, Künstler, Schriftsteller, Ex-Verleger, Ex-Galerist, drei Mal Zeitschriftenredakteur und Herausgeber, Intensiv-Scheiterer, Psychonaut, vor allem Mensch in allen Kulturen, fürchte das Eigene mehr als das Fremde. Nur die Nächsten könnten mir schaden (Einsicht eines Traumatisierten)
Isabella Caldart, Dank Ta-Nehisi Coates, Julia Wolf und dem Feuilleton der SZ die neue Galionsfigur des Widerstands (nur echt mit revolutionärem Gesichtsausdruck und Baskenmütze)
Carlos Cipa, Komponist, Pianist, Produzent, Musiker
Caroline Cleveland, Studentin in Philosophie und Sinologie, Indianerin, Kampfkünstlerin; Schülerin der Dialektik, Mensch mit Behinderung, Empath, Philosophin, Feministin
Kristoffer Cornils, Musikjournalist
Daniela Cox, Mensch, Liebhaber des Guten, Wahren und Schönen
Dipl.-Sozialpäd. (FH) Andrea Daniel, Leserin, Bloggerin, Gern-Reisende
Asal Dardan, Diplom-Kulturwissenschaftlerin und unlustige Twitterin
Julian Denzel, Student
Robin Detje, Integrationsbeauftragter für Literatur aus Fremdkulturen
Prof. Dr. med. Thomas Deufel, Staatssekretär a.D., Arzt und Wissenschaftler, Zuhörer, Leser, Mitstreiter
Thilo Dierkes, Mini- und Midijobber
Elisabeth Dietz; Redakteurin, Succubus
Mareike Dietzel, M.A., deutsche Philologin und Feministin
Stefan Diezmann, Verlagshersteller, Blogger, Musiker
Dipl.-Bibl. (FH) Susanne Dirkwinkel, gebürtige Ostwestfälin, leidenschaftliche Wahlhamburgerin; macht irgendwas mit Seekarten
Dr. phil. Christina Dongowski, Influencerin & Zerspanungskompetenz zertifiziert
Anke Dörsam, Autorin und Dramaturgin
Jan Drees, Redakteur
Erik Drescher, Flötist, Kurator, und vieles mehr, aber noch mehr nix
Robert Dupuis, Anarcho-Zionist, Kosmopolit, Bücherwurm, exzessiver Zeitungsleser
Moritz Eggert, Komponist, Pianist, Sänger, Blogger, Dirigent, Autor, Hochschulprofessor
Tim Eisenlohr, Jugend in der Ostberliner Opposition (Berliner Umweltbibliothek), heute Vorsitzender einer internationalen Flüchtlingshilfsorganisation
Axel von Ernst, Verleger
Davide Casali Eschmann
Samael Falkner, Experte für fein nuancierte Kurztexte zur Publikation in digitalen Medien und althergebrachte Marketingwerkzeuge, gebürtiger Leipziger
Matthias Fiedler, ehem. Jurastudent, Kommunikator, Vater eines lieben kleinen Schlaufuchses und Studienrat für eh alles
Hartmut Finkeldey
Dipl.-Volkswirt Thomas Finn, Werbekaufmann, Schriftsteller, Theater- und Drehbuchautor, Preisträger, Kaufmannssohn, Ältester von vier Geschwistern, Hanseat, Raucher und Döner-Liebhaber
Claus Fischer, Europäer, freier Journalist, Redakteur und Moderator im ARD-Hörfunk aus der weltoffenen Handels- und Musikstadt Leipzig, die auch zu Sachsen gehört
Thomas Fischer, Exil-Dresdner, wasmitbüchern, bei wbv Media, Bielefeld
Uwe Fischer, Mitmenschenarbeitender, Immermalehrenamtler, unversiffter Gutmensch
Jana Franke, Tänzerin, Dipl. Sozialarbeiterin, Supervisorin, Autorin, Mutter
Brigitte von Freyberg, M.A., Feministin
Rüdiger von Freyberg – Pandimensionalist, Hausmann, Autor, Progessivträumer und Vorübergänger
Klaus N. Frick, Redakteur (Science Fiction) und Gelegenheitsautor (Fantasy, Punkrock)
Amelie Fried, Autorin und linksgrün versiffte Gutmenschin aus Leidenschaft
Marc-Oliver Frisch, M.A., Elektropopsternchen, Kritiker, Übersetzer und Doktorand der Literaturwissenschaft
Christiane Frohmann, Verlegerin, Autorin und Dozentin für Allgemeine und Vergleichende sowie Angewandte Literaturwissenschaft an der FU Berlin
Dr. Antje Galuschka, Gutmensch (ich glaube an das Gute im Menschen), Alltagsfeministin, engagiert gegen hate speech
Dipl.-Inf. Kai Gärtner, System-Administrator, Flüchtlingshelfer, Philanthrop
Timm Gärtner, Sohn seit den 80ern, davor nicht. Menschenfreund
Moritz Gause, Parkplatzpoet, vordringlich an Brückenbau interessierter Pangaeaner
Prof. Dr. Miriam Gebhardt, Historikerin
Dr.phil. Barbara Geilich, Sin(n)ologin, Ohrenzeugin, Ichoufilia
Andreas Geißler, Mensch & Bibliothekar, bekennender Velosoph und ehrenamtlicher Brei-Tester
Berit Glanz, Binäralchemistin
Jacky Gleich, Illustratorin, Dozentin, Malerin, Menschin, Mutter
Tanja Gottlewski, IT System-Kauffrau, Fotofuzzi, Wolkenkratzer- und Bloggerin
Svenja Gräfen, Autorin und Feministin from the bottom of her heart
Bärbel Greiler-Unrath, Menschin, Mangerin eines Familienunternehmens, Mama, Adoptivmama, Göttergattin, Katzendompteuse, Hundeversteherin, Diakonin, Vesperkirchenmama, Gemeindeseelsorgerin, Erzieherin, Heilpraktikerin für Psychotherapie, Prozessbegleiterin für Inklusion, Dipl.-Optimistin und Lebenskünstlerin
David Gray alias Ulf Torreck, Raucher, Romancier, Filmfan, Ex-Punker, Ex-Kleinstadtbewohner, Angehöriger verschiedener Subkulturen, Büchersammler, Gassigeher bei Utopia (Windhündin), regelmäßiger Empfänger rechtsextremer Drohmessages, Kaffeetrinker, Vorleser, Entertainer und Veranstalter von Krimilesungen
Judith Greiß, Diplom-Sozialpädagogin, Therapeutin, Dozentin, Ehefrau, Freundin, Lernende
Dipl.-Phys. Jan Groh, seine Ego ebenfalls gerne grandiosidierender schriftstellernder Medizinjournalist und Träger des einzigen jemals verliehenen Alfred-Döblin-Werkstattpreises der Akademie der Künste und des Literarischen Colloquiums, hundeführender Kleingrundbesitzer in Brandenburg
lic. phil. Remo Grolimund, Historiker & Qualitätstroll
Dincer Gücyeter, Verleger
Madeleine Gullert, Redakteurin
Negin Habibi, Gitarristin, Instrumentalpädagogin, potentielle Deutschlandbeschädigerin
Dr. Hans-Martin Gutsch, Träger des goldenen deutschen Tanzabzeichens, Sportbootführerschein (Binnen)
Ariane Gramelspacher, Fotografin und Medienwissenschaftlerin, Deutsch-Haitianerin, Hamburg
Ingrid Haag, Autorin, Lektorin, Redakteurin, Diplom-Kauffrau
Kat Hacheney Cat Wrestler, Economic Migrant, and Writer
Martin Haldenmair, M.A., Journalist
Jeannette Hagen, Autorin, Coach, Humanistin
Elisabeth R. Hager, Autorin
Komponistin, Vorstand MOGiS e.V. – eine Stimme für Betroffene
Samuel Hamen, Head of Fiction
Thomas Hanke, Linguist, Lektor, Springer-Diplom (von keinem der Verlage)
Heiko Hauenstein, Softwareentwicklung, Grafik & E-Learning
David Häußer, Musiker und Herausgeber des FICKO-Magazins für gute Sachen und gegen schlechte
Kilian Hecker, Schriftstellerdarsteller, akademischer Abschuss
Karl-Heinz Heihse, linksgrüner Biergartenphilosoph und Bahnhofsklatscher
Katharina Herrmann, akademischer Mittelbau
Katharina Hierling, Lektorin
Herbert Hindringer, Autor
Mathias Hofter, München, Geisteswissenschaftler und Zugroaster
Andreas Homann, Designer, Hamburg
Dr. Martin Hufner, Musikjournalist
Norbert Hupbach, linksgrüner Buchhändler aus Dresden
Evelyn Javadi, intellektuelle Arbeitsberaterin
Sarah Elise Bischof Jørgensen, M.A., Runologin, Schabrackentapir-Zoologin & legitime Thronfolgerin von Harald Blauzahn
Uwe Kalkowski, Kaffeehaussitzer
Christoph Kappes, Unterschrei_Bär
Andrea Karimé, Schriftstellerin, Sprachensammlerin und – erfinderin, Lehrerin, Tier-, Kinder- und Menschenfreundin, Wolkenkratzerin, Geschichtenerzählerin
Jenny Keck, Leserin
Florian Kessler, Lektor
Alexander Keuk, Komponist, Musikjournalist, Autor
Jochen Kienbaum, Journalist, Blogger und Widerborst
Dr. Juan Martin Koch, Chefredakteur neue musikzeitung
Sandra Klöss, linksgrün-versiffte Theaterschaffende für von den Systemparteien geförderte radikalfeministische-queere-multikulti-mixedabled- Projekte ohne Heimatbezug, ehrenamtliche Deutschlandhasserin, Antifa Supporterin seit 1993, Lesbe, M.A. in Theaterwissenschaft / Kulturelle Kommunikation und Anglistik / Amerikanistik, Freischwimmer Bronze und Ehrenstandartenträgerin bei Fähnlein Fieselschweif
Ulrich Kreppein, Komponist, Hochschullehrer, Gutmensch, Mitmensch, Zuhörer, Leser und noch dies und das
Jennifer Kroll, Verlegerin
Dipl.-Med. Anne Kuhlmeyer, Anästhesistin, Psychotherapeutin, Schriftstellerin, Feministin, Jüdin, Mutter
Dipl.-Ing. Kerstin Kuhnekath, Autorin, Hörspiel-Macherin, Architektin
Nikko Kulke, Zwerg, Liebender, Jurist in den Kinderschuhen, Schreiberling, staatlich lizensierter Hilfssheriff
Anette Lang-Coiro, Mutter
Stefanie Leo, Kinderbuchmensch
Sofie Lichtenstein, Autorin und Herausgeberin
Christian Linker (“Nomen est Omen”, lt. “AfD Sachsen aktuell Nr.32/2017); Autor
Arne List, Kampfbund für den Wiederaufbau der APPD
Richard Lorenz, Schriftsteller
Daniel Lücking, (studierter) Online- und Kulturjournalist
Prof. Dr. Mira Mann
Martin Manthe, Dresdner
Grit Maroske, Menschin, Antifaschistin, sächsische Überlebenskünstlerin und Autorin
Frank J. Martens, Ev. Pfarrer, Läufer, kaffeeverliebt, Schulmensch und Seelenfritze
Dorothea Martin, Geschichten & Das wilde Dutzend
Kristina Massel, Rechtsanwältin, geflüchtete Ostdeutsche, Kunstturnerin a.D.
Karl Ludger Menke, Leser
Miriam Michel, Künstlerin und Performerin, Achtsamkeits-Avantgarde
Stefan Möller, Texter, Aufsichtsratsmitglied der Nordstadt braut! eG, zweifacher Zoff-im-Zoo-Nordstadt-open-Sieger
Tine Mothes, geb. Blümenkohl, diesdas, jenes, seit 1984
Katharina S. Müller, Komponistin und Geigerin
Dipl.-Bibliothekar Marius Müller, Faschingsprinz a.D.
Michaela Maria Müller, Autorin und Journalistin
Tina Müller, Mensch, Sozialarbeiterin
Wolfgang Müller, Dipl. Ing. (arch.), Ruinenbauer und -bewohner alias Wolfgang Müller-Hinterhaus, Verfasser eines geheimen Romans über ein seltsames Land mit seltsamen Bewohnern,…
Tabea Naumann, Flüchtlingskind (DDR), Pfarrtochter, Geisteswissenschaftlerin, Feministin und DaZ-Lehrerin, was mit Marketing
Anselm Neft, staatsfinanzierte Antifa
Fabian Neidhardt, Straßenpoet (M.A.), Sprecher (B.A.) & Botschafter des Lächelns
Nicole Neubauer, Schriftstellerin und Rechtsanwältin
Dr. Peter Neumann, Schriftsteller und Philosoph
Susanne Nietzsche, Krankenschwester, Ehefrau, Mutter, gebranntes DDR-Kind, deshalb dankbare, jedoch nicht kritiklose Bundesbürgerin, Sonnenanbeterin, Gutmensch(in)
Rudi Nuss, Autor
Gérard Otremba, Journalist
Thomas Ott, Buchhändler, verzauberter Homosexualist, nichtreligiöser Arm-Bürger, Kopfbahnhof-Befürworter und nicht-rechtsversiffter Deutscher
Markus Ostermair, Sohn aus kleinbäuerlichem Hause, Abiturient auf dem zweiten Bildungsweg, Germanist, Anglist, freier Autor, Übersetzer
Peter Perner, Mensch und Volkswirt im Ruhestand
Dipl.-Soz. Jörg Peter, stellv. Schulleiter, Autor, Mitglied im Berufsverband Deutscher Soziologinnen und Soziologen e. V.
Prof. Dr. Dirk Pilz, UdK Berlin
Dr. Oliver Plaschka, Doktor von was mit Büchern, Autor mit Preisen
Heike Pohl, Freie Journalistin, Fotografin, Bloggerin, Ehrenamtlerin, Flüchtlingshelferin und Menschenfreundin
Chris Popp, Onlineredakteur, Biolebensmitteldealer, Buch-, Musik- und Seriennerd, Mensch, Erdling
Dr. Thomas Poser, Literaturwissenschaftler
Dr. Patrice G. Poutrus, Zeithistoriker, ziemlich bemühter, aber mäßig erfolgreicher Gutmensch mit Migrationshintern.
Manja Präkels, preisboxende Vorleserin mit Hang zur Analogsynthese/Antifa-Agentin
Christiane Quincke, Theologin, Bloggerin, Preisträgerin, Gutmenschin, Kaffeetrinkerin, Nichtraucherin, Worteliebhaberin
Dr. Daniel Hans Rapoport, Spross einer jüdischen Wissenschaftlerdynastie, Diplooom-Chemiker, Mikroskopentwickler, Zelltechnologie, Essayist, Bloggerin
Bernhard Rasche, Theologe, Rhöner
Holger Reichard, Buchautor und Blogger
J. Marc Reichow, Musiker
Dr. Kirsten Reimers, freie Literaturwissenschaftlerin und -kritikerin
Marc Richter, Vollzeitingenieur und Teilzeitblogger
Nikola Richter, “Digital”-Verlegerin
Janine Rumrich, Betriebswirtin, Stipendiatin und Buchbloggerin
Veronika Rusch, Schriftstellerin, Juristin, Gutmensch, denkendes Wesen
Dr. Mithu Melanie Sanyal, Autorin, Kulturwissenschaftlerin und Journalistin
Dr. Hanno Sauer, Philosoph
Lea Sauer, Autorin
Margarete Sautter, Rentnerin Jahrgang 1938, Augenzeugin der Verbrechen, Verfassungspatriotin
Michael Scheiner, Spessarträuber, Pressesprecher, Journalist, Redakteur, Amateurfotograf, Gernesser, wackeliger Skifahrer (selten), gutgläubiger Feminist, scheinheiliger Gutmensch, einstiger Sozi-Al-Pädagoge, Schönheits-Sehnsüchtler
Edgar Schuster, Bücherdealer
Antje Schwarz – schreibt, lacht, redet, steitet – Gattung Mensch
Uwe Sinha, Indogermane, Informatiker, Südberliner, Vater
Luise Schitteck, (Zwischen-)Buchhändlerin, Studienabbrecherin, Tochter eines brandenburgischen Wirtschaftsflüchtlings
Udo Schewietzek
Niklas Schleicher, Wissenschaftlicher Mitarbeiter (Systematische Theologie und Ethik)
RA Heinrich Schmitz, Strafverteidiger, Kolumnist
Sigune Schnabel, Lyrikerin und studierte Literaturübersetzerin
Dipl.-Ing. Christian Schneider, Übersetzer
Stefan Schneider, Mensch, Diakon, Klangdialogiker, Gold-im-Gegenüber-Sucher, Hoffnungsvoller
Jan Schönherr, Übersetzer
Dr. Dietrich Schotte, Philosoph
Marie-Luise Schrader, unabhängige Literaturattachée
Jasmin Schreiber, Biologin, Journalistin und Autorin
Bob Schroeder, Witze
Christian Schruff, Radiojournalist für ARD-Anstalten, leidenschaftlicher Musikvermittler
Prof. Dr. Holger Schulze, Kulturwissenschaftler
Katrin Schuster, Redakteurin, Möglichst-bald-wieder-Bloggerin
Leonhard F. Seidl, schriftstellernde, aktivistische Bratkartoffel mit getöteten Tomaten und linksdrehenden Gutmenschkulturen mit Stachelbeeren
Gianna Slomka, Magistra Artium der Amerikanistik, Romanistik und Buchwissenschaft, Lektorin

Marcus Smolarek, Küchensystemtheoretiker
Dr. Enno Stahl, Autor, Literaturwissenschaftler
Daniel Stähr, M.Sc., Doktorand der Ökonomie
Birgit Steffen, contentpoetin, Mutter, Aktivistin im Asozialen Netzwerk, Panentheistin, Mitglied der Asylindustrie a.D.
Tom Steinert, hauptberuflich Lebenskünstler, Vater und ehrenamtlicher Gratwanderer
Katja Stögmüller, Kleinbürgerliche auf künstlerischen Abwegen, linksgrünversiffter Gutmensch, Anhängerin unserer Grundwerte
Stefan Stögmüller, Long Distance Runner
Daniel Stolba, Satireautor, Werber, Buchtrailerproduzent, Führerschein Klasse 3
Wolke Strahl, M.Eng., Umweltschutz, Menschenrechtsfanatikerin, Verfassungspatriotin
Alexander Strauch, Komponist, Festivalmacher, Blogger, Super-Gutmensch, Münchner Kindl
Michael Strobel, macht was mit Büchern
Leander Sukov, Schriftsteller, Redakteur, Chefbandit bei Kunstbande GbR
Sophie Sumburane, Autorin und Aktivistin
Dr. Thomas Thielen, Komparatist, Linguist, Dialektiker, Didaktiker, Pädagoge, Musiker (t)
Florian Tietgen, Schriftsteller, Lektor
Saskia Trebing, professionelle Briefeschreiberin
Dana Tretter, Übersetzerin, Kulturschaffende, Mutti, desorientierte Hobbyfeministin, angepasste möchtegern Altpunkerin
Sabine Unger, Mensch, Sonnen-Liebhaberin, Baustellenarbeiterin, Köchin bei „Kochen für Weltbürger“, Johannisbeersaftliebhaberin, Gestalterin, Baustellenarbeiterin, Künstlerin
Dipl.-Wirt.-Ing. Henri Vogel, Germanist, Theologe, Schreiberling
Dr. Steffen Voss, linksgrünversiffter Homolobbyist
Silvia Walter, Mutter, Bloggerin, Mensch
Dr. Matthias Warkus, Philosoph
Sophie Weigand, Professional Reading Artist
Hannah Weiland, Psychologiestudentin im Endstadium, hoffentlich bald Forscherin
Klaus-Dieter Welker, Ex-Heimkind, Ex-Sozialarbeiter, ehrenamtlicher “Friedhofswärter”, Mensch und Vater
Kathrin Weßling, Kathrin Weßling
Tilman Winterling, Rechtsanwalt
Julia Wolf, Autorin
Martina Wunderer, Lektorin
Thore Würger, Boss
Dipl.-Psych. Christine Wunnicke, M.A., Schriftstellerin, Übersetzerin, Teilzeit-Fachfrau für altjapanische Waffentechniken

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Offener Brief an Durs Grünbein in der Tellkamp-Debatte

Von Saskia Trebing

Sehr geehrter Herr Grünbein,

vorab: ich lese viel zu wenig Lyrik, geschweige denn Ihre, ich halte Ihren Namen für einen der fantastischsten Dichternamen aller Zeiten und „Der cartesische Taucher“ für ein Buch, das ich gern lesen würde, weil der Titel so schön ist. Ich schätze Sie von fern, weil ich Aris Fioretos schätze und der Sie schätzt. Aber nachdem ich mich ein wenig fassungslos durch Ihre zwei Stunden Diskussion mit Uwe Tellkamp gekämpft habe, ab und zu ein paar unpoetische Flüche ausstoßend, die es wohl nicht in den cartesischen Taucher geschafft hätten, und nachdem ich gefühlte 12 offene Briefe an Herrn Tellkamp gelesen habe, die ihm entweder „Haltung“ bescheinigen oder der Erkaltung seiner gekränkten Dresdener Seele nachspüren, verspüre ich wiederum das dringende Bedürfnis, mich bei Ihnen zu bedanken.

Wer nur die Tellkamp’sche Seite sieht, kann leicht ein wenig verzweifeln. Da sitzt ein höchstehrwürdig verlegter Autor (und daran hat sich auch jetzt nicht geändert) auf einer riesigen Bühne vor einem riesigen Saal- und Netzpublikum, und verkündet in aggressivem Wachhund-Ton, seine Meinung werde unterdrückt und von der Systempresse ignoriert (wie unfassbar chauvinistisch er der um Differenzierung bemühten, aber offenbar systempresseverdächtigen Moderatorin über den Mund fährt, ist ein ganz anderes Thema). Und ein paar Tage später darf die Autorin Monika Maron im öffentlich-rechtlichen Radio den Zensurvorwurf wiederholen und gleichzeitig sagen, dass sie die Aufregung um Tellkamps Äußerungen nicht ganz verstehe, das stünde doch so oder so ähnlich auch in vielen Zeitungen.

Das hohle Gefühl im Bauch, eine ungute Ahnung, ein Herz, das rutscht, kommt vor allem daher, dass es offenbar nichts bringt, diese Widersprüche zu benennen, die fremdenfeindlichen Parolen zu zerlegen, die Zahlen zu korrigieren, die Differenzierung, die sich Tellkamp für AfD-Wähler, Pegida-Anhänger und besorgte biodeutsche Bürger wünscht, auch für die von ihm angegriffenen Gruppen (Die Linken! Die Presse! Die Migranten!) einzufordern.

Trotzdem, oder gerade deshalb, war es großartig, wie Sie sich dem rechts-links-Geschrei entzogen und die Pauschal-Aussagen-Knoten, die Ihnen vor die Füße gelegt wurden, immer wieder entwirrt haben (ich wollte erst geduldig schreiben, aber zum Ende der Diskussion wirkten auch Sie, als könnten Sie sich Orte vorstellen, an denen Sie lieber wären). Sie haben Ihrerseits den Fehler vermieden, alle Probleme, die Tellkamp angesprochen hat, kategorisch abzustreiten, oder selbst in Generalisierungen zu verfallen. Sie haben gezeigt, dass es Opposition zur Regierung gibt, aber dass Opposition nicht Menschenverachtung und Fremdenfeindlichkeit heißen muss.

Ich möchte nicht damit sagen, dass – Verzeihung – zwei weiße, erfolgreiche Männer die beiden einzigen Pole in unserer Gesellschaft repräsentieren. Es ist bedauerlich, dass es in manchen Debatten zurzeit so aussieht. Viel zu oft redet ein gefühltes „Wir“ über ein gefühltes „Die“, ohne dass diese anderen, die zweifelsfrei Teil dieses Landes sind, jemals zu Wort kommen. Die Zusammensetzung des Publikums in Dresden hat das einmal mehr bestätigt.

Ich beneide Sie ein wenig um die Aussage, Sie seien von der Stimmung in Deutschland nicht alarmiert. Daran könnte man sich ein Beispiel nehmen, vielleicht etwas gelassener sein, die Wellen ausrollen lassen und nicht durch immer neue Debattenbeiträge (hüstel) die Aufmerksamkeit auf die Extreme, die Risse, richten. Aber diese Gelassenheit fällt schwer, gerade weil es im Kern der Debatte mal wieder um Angst geht, eine der stärksten, universellsten Emotionen, die bei den meisten das Hirn ausschaltet und die gerade auf perfideste Weise instrumentalisiert wird.

Es ist eine Angst, die überall gefüttert wird, die wohl jeder in Deutschland kennt. Die allermeisten Frauen aufgewachsen mit der Angst vor der Dunkelheit, in der jemand lauern könnte, auf dem Heimweg, beim Joggen im Park. Der Angst vor k.o.-Tropfen im Drink. Die Ängste, kleine und große, sitzen tief, wachsen in Mädchen heran, und blühen in Frauen auf. Sie sind geerbt, werden von Generation zu Generation weitergegeben. Die Tagesschau-Bilder von lächelnden Kindern, meistens Mädchen, und die Worte, die sich einbrennen. Entführt. Ermordet. Vergewaltigt. Nicht mit Fremden mitgehen. Obwohl die allerallermeisten Übergriffe im direkten Umfeld geschehen, ist diese Angst vor dem Fremden eingeimpft. Das Böse lauert irgendwo da draußen. Marc Dutroux taucht immer noch in Alpträumen auf.

Warum ich das erzähle? Weil es mit dieser Sozialisierung unmöglich ist, jemandem seine Angst abzusprechen. Auch #metoo hat gezeigt, dass die Angst berechtigt ist, dass Übergriffe jederzeit möglich sind. Jeder Mensch hat gute Gründe für Angst. Aber kein Mensch hat Gründe, diese Angst in Hass zu verwandeln und gegen vermeintlich Fremde zu richten, weder im Osten noch im Westen, noch irgendwo sonst.

Die gegenwärtige Angst von Menschen, die äußerlich nicht der blütenweißen deutschen Norm entsprechen, kann ich nur versuchen zu erahnen. Aber diese Angst kommt im Diskurs viel zu wenig vor. Stattdessen kann sich ein neuer Heimatminister gar nicht genug beeilen, zu erklären, was alles nicht zu unserem Land gehört, um die nach rechts schielenden Sorgenbürger einzufangen. Ich habe Angst, dass sich Tellkamps Behauptung, die Meinungen jenseits der linken Gesinnungsdiktatur kämen nicht vor, ins genaue Gegenteil verkehrt. Dass intolerantes, autoritäres Gedankengut immer weiter in die Mitte sickert und als Stimme der Vernunft auftritt.

Deshalb noch einmal Danke für Ihre klaren Worte, die hoffentlich genauso viel Gehör finden, wie Tellkamps Provokationen (aus meiner Berliner Filterblase sieht es zumindest so aus). Ich musste an Daniel Kehlmanns „Tyll“ denken, wo der kleine Uhlenspiegel solange immer wieder vom Seil stürzt und immer wieder aufsteigt, bis er mühelos balancieren kann. Mir kommt es so vor, als wäre es das, was die rechten Kräfte gerade in Deutschland tun. So lange Balancieren üben, bis sie das Tänzeln am Rand des Sagbaren perfekt beherrschen. Nicht ins Justiziable stürzen, aber genau so dicht daran vorbeischrammen, dass die Botschaft unmissverständlich gesendet wird und verstanden werden kann.

Vielleicht kann man von der Literatur lernen, sich nicht mit den vermeintlich einfachen Wahrheiten zufrieden zu geben. Geschichten voller Hass, die sich der Kompliziertheit der Welt verweigern, funktionieren nicht. Sie haben eindrucksvoll für eine vielstimmige, differenzierte Debatte geworben, der ich eine genauso virale Verbreitung wünsche, wie den Alarmparolen aus allen Richtungen. Und jetzt werde ich mir den cartesischen Taucher besorgen.

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Worüber man spricht

Manchmal versagt man ja völlig. Oder zumindest ich tue das. Ich habe einen Bekannten, den ich eigentlich gar nicht so gut kenne, ein Freund von Freunden eben, der mich eigentlich immer, wenn ich ihn treffe, mit irgendwelchen relativ langweiligen Klischees über Frauen nervt. Und man sagt dann so, was man eben so sagt: Dass das Quatsch sei, dass das nicht witzig sei, dass man selbst das anders sehe. Neulich traf ich ihn zufällig auf der Straße, und kurz bevor wir uns verabschiedeten näherte sich eine Gruppe schwarzer Jungs dem Ort, an dem wir standen, was er – übrigens: promovierter Historiker, falls immer noch jemand meint, derlei Geschwätz käme nur von Leuten, die es gar nicht besser wissen können – mit „Oh, schau mal, Schokos“ kommentierte. Und ich schaute ihn nur ungläubig an und sagte: Nichts. Er redete einfach weiter, und ich hatte nichts gesagt. Und ich war danach eigentlich wütender auf mich als auf ihn. Man kann andere ja in der Regel nicht ändern, man kann ihnen nur widersprechen, aber für das eigene Verhalten kann man etwas. Und da habe ich versagt.

Ich weiß nicht so genau, warum man manchmal etwas sagt und manchmal nichts. Ich darf mich aber nicht vorschnell von dem Verdacht gegen mich selbst lossprechen, dass es mir leichter fällt, bei Sprüchen über Frauen klar zu reagieren als bei Sprüchen, die mich selbst nicht betreffen, sondern andere. Und ich vermute, ähnliches gilt für öffentliche Debatten: Dass die Frage danach, was sagbar und unsagbar ist, eine Frage der Macht ist, ist ja sei Foucault bekannt. Aber dass das, worüber man spricht, welche Themen wiederholt aufgegriffen und debattiert werden, auch eine Frage der Sensibilisierung und der persönlichen Betroffenheit ist, ist eben gerade Journalisten aus der agenda setting-Forschung vermutlich deutlicher bekannt als mir.

Worüber spricht also das Feuilleton, der journalistische Betrieb, und damit vielleicht überhaupt: die kulturell interessierte Öffentlichkeit und mit welchen Worten? Seit einem halben Jahr debattiert man über die Wand einer Berliner Hochschule und ist sich dabei mitunter nicht zu schade, das Vokabular der höchsten Eskalationsstufe (den Vogel schoss hier, ich schrieb das bereits an anderer Stelle, für mich Denis Scheck ab, der von „Kulturtaliban“ sprach) zu verwenden, was nicht nur eine Debatte erheblich erschwert, sondern auch völlig die Relationen aus den Augen verliert. Eine Debatte macht man auch nicht leichter, wenn man die Gegenseite einfach als „dumm“ abwertet, übrigens, insbesondere das geschah ständig. Dass man privat so redet, wenn man sich die Empörung von der Seele (wenn man so will) reden will: Geschenkt. Aber dass man öffentlich so redet, wenn man ein Massenmedium bedient, das ist vielleicht schon schwieriger. Seit bald einem Monat debattiert man – losgetreten von ein paar Berliner Publizisten – über die politische Einstellung eines Theaterkritikers, auch hier mitunter mit dem Vokabular der höchsten Eskalationsstufe, auf allen Seiten: Da ist von „sechs Millionen“ bis „Nazijäger“ alles geboten. Dass Worte auch der Gefahr der Abnutzung ausgesetzt sein könnten, dass man durch dergleichen zu Desensibilisierung beitragen kann, dass man dafür eine Verantwortung tragen könnte, wenn man öffentlich spricht, scheint irgendwie manchen entfallen zu sein. Dass man nicht miteinander sprechen kann, wenn man so unsachlich spricht – wobei natürlich ausdrücklich dazugesagt werden muss, dass es auch viele sachliche, gute Artikel gab, dass wieder mal natürlich nicht alle gemeint sind, aber eben auch ein paar nicht so tolle. Dass man überhaupt nicht miteinander sprechen kann, wenn es bei den Redebeiträgen jeweils mehr um Selbstpositionierung und Beziehungskundgabe, spricht: um eigene und zugeschriebene Identitäten, um eigene und fremde Netzwerke geht als um die Sache.

Wie so etwas losgehen kann, hat man Mitte letzten Jahres wiederum an einem Berliner Fall sehen können: Ulf Poschardt, Chefredakteur der WELT, postete auf Facebook einen Link zur Schließung des Berliner Buchladens „Topics“, die angeblich auf Aktivitäten der Antifa zurückzuführen ist und fragte in die Runde, ob das stimme. Hannah Lühmann, Redakteurin bei der WELT, meldete sich, kommentierte darunter, sie wohne um die Ecke und würde sich das mal anschauen. Ich erwähne diesen Teil der Geschichte, weil es ein bisschen interessant ist, wie strukturell ähnlich die Feuilletondebatte zu dem Antifa-Shitstorm, gegen den sie sich kritisch wenden wollte, entstanden ist. Daraufhin entstand ein Artikel, der den Schluss doch nahelegte, an der Schließung des von jüdischen Betreibern geführten Buchladens seien die Anfeindungen durch den links geprägten Kiez und die bedrohte Sicherheit wegen eines Antifa-Shitstorms (der allein im Internet, nie real stattfand) Schuld. Vor allem aber trat dieser Artikel eine überregionale Welle des Interesses los. Dass der Laden schon Monate davor finanziell schwach aufgestellt war und wohl eher deswegen schließen musste, erfuhr man dann später. Genauso wie dass es sich bei denen, die den Shitstorm losgetreten hatten, mitnichten um Antideutsche handelte. Was nun genau dazu geführt hat, dass der Laden nicht lief: Wer weiß. Was aber zu dem virtuellen Antifa-Shitstorm geführt hat, wurde in allen Artikeln – und beinahe alle regionalen wie überregionalen Zeitungen, Welt, SZ, Zeit, Freitag, Stern und andere schrieben über dieses Thema – nur halb erwähnt: Zwar erwähnten alle, dass der Laden auf Facebook angegangen und für seine „Rechtsoffenheit“ kritisiert wurde, nachdem er eine Veranstaltung ankündigte, bei der der D. C. Miller, der zum Dunstkreis der Alt-Right gehört, über Julius Evola, der eben nicht nur Esoteriker, sondern auch Faschist war, sprechen sollte. Manche Artikel erwähnten sogar noch, dass das Topics schon zuvor – übrigens ohne weitere Protestaktionen oder ähnliches, soweit mir das bekannt ist – „rechtsoffene“ Veranstaltungen, z.B. mit jemandem aus dem Umfeld der „Jungen Freiheit“ durchgeführt hatte. Niemand, selbst die nicht, die den ursprünglichen Shitstorm-Auslöser, einen Facebookpost von „TOP B3rlin“, zitierten, erwähnte, in welchem Kontext dieser Boykottaufruf stand, der Wortlaut des Facebookposts war:

„Seit über drei Monaten erlebt Neukölln eine rechte Anschlagserie. Ein Höhepunkt war als Nazis versucht haben das k-fetisch anzuzünden, was glücklicherweise nicht funktioniert hat.

Und nun soll ausgerechnet ein paar Meter weiter, im Buchladen Topics Berlin, am Donnerstag ein Vortrag stattfinden, der Julius Evola (Faschist, intellektueller Stichwortgeber für italienische Nazis und die Neue Rechte) als “complex, misunderstood and increasingly powerful thinker” darstellen soll.

Also trommelt alle eure Punkerfreunde und ihre Hunde zusammen und schaut am Donnerstag mal bei diesen Eso-Hipstern vorbei.“

Tatsächlich schaute niemand bei den „Eso-Hipstern“ vorbei, und selbstverständlich ist so eine Drohung indiskutabel. Es gab einen Shitstorm auf Facebook. Das wars. Schlimm genug vielleicht. Aber bemerkenswert war es doch: Wie in all den vielen Artikeln über die Schließung des Topics konsequent ignoriert wurde, dass der Anlass für den Facebookpost nicht schlicht irgendeine potentiell rechtsoffene Veranstaltung war, sondern: Diese Veranstaltung im Kontext der bereits seit Monaten andauernden Anschlagserie durch rechts.

Diese Anschlagsreihe, die nun schon ein Jahr andauert und zumindest von der regionalen Polizei, wenn schon nicht von der überregionalen Presse, ernst genommen wird, hat bislang nur dann wirklich ihren Weg in eben diese überregionale Presse gefunden, wenn Stolpersteine gestohlen wurden. Immerhin dann, das ist ja wohl auch das Mindeste. Es gibt nur wenige Ausnahmen, beispielsweise einen Artikel in der Stuttgarter Zeitung oder einen Beitrag beim Deutschlandfunk, soweit ich das sehe, fehlen all die großen Zeitungen, die sich alle wortreich zur Schließung des Topics äußerten.

Zu dieser Anschlagserie gehören auch zwei Angriffe auf eine andere Buchhandlung: Das Leporello. Erst wird das Auto des Betreibers angezündet, dann werden die Scheiben des Ladens eingeworfen. Das war im Dezember 2016/Januar 2017. In der Nacht vom 31.1. auf den 1.2.2018, ist erneut das Auto des Buchhändlers angezündet worden, ebenso wie das Auto eines Politikers der Linken, man geht erneut – wie in der ganzen Anschlagsreihe – von mutmaßlich rechten Tätern aus, gefasst sind diese aber nicht. Ist das der Grund dafür, dass dieser Fall anscheinend überregional die Presse kaum interessiert, jenseits der linken Presse (TAZ, neues deutschland, Jungle World)? Das ist für mich wirklich eine offene Frage: Wie kann es sein, dass der eine Buchladen (Topics) überregional zum Thema wird – wegen eines linken Online-Shitstorms – und der andere Buchladen (Leporello) ein regionales Problemchen bleibt, trotz ganz realer Übergriffe von rechts? Die Süddeutsche veröffentlichte wenigstens die dpa-Nachricht. Der Spiegel berichtete immerhin mit einem kurzen Artikel. Der Focus mit einem längeren. Ansonsten weithin: Relatives Schweigen, einige überregionale Zeitungen teilen nicht einmal die entsprechenden Agenturmeldungen, die WELT teilt diese erst am 5.2.2018. Überregionale Zeitungen, die die Sache für wichtiger halten, als gerade mal wichtig genug, um eben die Agenturmeldung weiterzugeben, sind eben selten.

Wie genau kann es sein, ich schweife kurz ab in den Bereich journalistischer Berichterstattung im Allgemeinen, dass ich in jeder großen Zeitung seit Monaten detailreiche Homestorys über die Rittersleut zu Schnellroda lesen kann, zuletzt über Ellen Kositza in der ZEIT, die einfühlsam, nahezu sympathisch und völlig unanalytisch dargestellt wurde, als wären ihre Bemerkungen über Dressurreiten nicht eine Steilvorlage zur Analyse ihrer Person auf die Frage hin, wie viel autoritäre Persönlichkeit in ihr steckt? Wer diesen Artikel gelesen hat, denkt doch danach im schlimmsten Fall „Ach, die Kositza, mag’s eben ordentlich, bäckt gerne Brot und liest ein gutes Buch.“ Dabei ist dieses Schwärmen für die Einheit von Befehl und Gehorsam mitnichten einfach Ausdruck ästhetischer Vorlieben für „Formstrenge“, sondern meinem Eindruck nach Ausdruck einer autoritären Persönlichkeitsstruktur, und wer sich mal in Adornos „Studien zum autoritären Charakter“ den Typ „Spinner“, der dort beschrieben wird, ansieht, wird noch weitere interessante Parallelen finden: Typischerweise werden vom „Spinner“ die anderen Leute als einfältige Schwätzer abgetan, weil sie keinen gesunden Menschenverstand haben, typischerweise hält sich der „Spinner“ für intellektuell überlegen, er will „Eindruck machen“, typischerweise isoliert sich der „Spinner“ von der Gesellschaft, hat ein „pathologisches Gefühl innerer Überlegenheit, als gehöre er einem geheimen Orden an“, so Adorno. Man könnte das alles durchanalysieren oder eine solche Homestory einfach einen Experten aus der Populismus- oder Extremismusforschung schreiben lassen. Aber zumindest hinter die analytischen Ergebnisse zu solchen Persönlichkeiten aus der Mitte des letzten Jahrhunderts zurückfallen sollte man vielleicht nicht. Und wenn man weiß, dass ein Kernmerkmal der Neuen Rechten das Übertragen von „linken“ Konzepten nach „rechts“ ist, muss man vielleicht nicht auch noch bereitwillig mithelfen, indem man Kositza irgendwie zu einem Beispiel für rechten „Feminismus“ (welche Bedeutung hat denn dann dieser Begriff, wenn er offensichtlich nicht mehr emanzipatorisch zu denken ist?) macht und in der Überschrift „nebenbei: knallrechts“ schreibt, sich also ein Zitat von ihr aneignet, mit dem suggeriert wird, das wäre irgendwie eine Eigenschaft neben anderen – Pferdeliebe, Spazierengehen, Haare blondieren. Ich bin gar nicht grundsätzlich dagegen, auch mal über solche Leute zu berichten, sie und ihr Weltbild verstehbar zu machen – aber ob diese Leute wirklich so viele so lange Artikel bekommen müssen, ob „verstehbar“ nicht auch analytischer ginge, da habe ich doch meine klaren Zweifel.

Und warum lese ich keine Homestorys über Buchhändler, die seit über einem Jahr trotz Angriffen und trotz des Gefühls, beobachtet zu werden, sich weiterhin trauen, sich klar gegen Rechts zu positionieren? Die würden mich nämlich mehr interessieren: Leute, die den Mut haben, für das zu stehen, was sie für richtig halten, sofern das, was sie für richtig halten, nicht die Abwertung von Menschen beinhaltet. Jedenfalls würde mich das deutlich mehr interessieren als raunende Ziegenhirten aus dem Hinterland. Warum kann ich nicht einmal breiter etwas darüber erfahren, wie es zu dieser Anschlagreihe kam und warum gerade dieser Buchladen so massiv von ihr betroffen ist? Das würde mich nämlich wirklich interessieren. Es muss doch da Hintergründe geben, die erzählenswert wären. Ich wohne halt nicht in Berlin, ich kann nicht mal eben hingehen und mir die Sache anschauen. Ich bin darauf angewiesen, dass andere recherchieren und dann fundiert darüber schreiben.

Ich weiß nicht, warum Journalismus manche Debatten so hochkocht und andere so liegen lässt. Haben Berliner Publizisten Angst, selbst Angriffsfläche für rechte Übergriffe zu werden, wenn sie darüber schreiben, ist das der Grund? Ich weiß nicht, ob Verteilung dessen, worüber gesprochen wird und worüber nicht, mit Macht zu tun hat, dazu habe ich zu wenig Einblick. Ich weiß nicht, ob es mit persönlicher Betroffenheit zu tun hat, möglich scheint es schon, aber auch um das beurteilen zu können, fehlt mir die Kenntnis über Netzwerke. Von außen betrachtet sieht das agenda setting ehrlich gesagt eher recht kontingent und mitunter – vor allem wenn es um die Debatten der letzten Wochen und Monate geht – , und mir ist klar, dass ich nun auch unsachlich werde: eher nach einer betrunkenen Wirtshausschlägerei aus, bei der dann doch noch jeder auch nochmal mitmischen will: Einer brüllt los und dann denken alle anderen, dass sie mitbrüllen müssen. Diese Frage könnte man ja mal stellen: Wie nahe sind manche Debatten und Debattenbeiträge, was ihre Dynamik, ihre Psychologie und ihre Aufmerksamkeitsökonomie angeht, inzwischen eigentlich vereinzelt schon am Shitstorm? Muss man sich manche Dynamiken, auch hinsichtlich der Gefahr, die von der Personalisierung von Sachfragen ausgeht, nicht vor Augen halten, um eine gewisse Debattenkultur zu erhalten (oder mancherorts: überhaupt erst herzustellen)? Was verändert das Internet mit seinen Wegen und Möglichkeiten der Aufmerksamkeitsgenerierung und Informationsdistribution schleichend (?) im Journalismus? Und das ist eine Frage, die ich mir selbst schon auch stellen muss, klar, denn im Gegensatz zum Journalismus schreibe ich vom Netz aus. Aber ich stümper hier ja auch nur so rum.

Und, zudem: Warum kommt es zu überregionaler Presse-Erregung mit schöner Regelmäßigkeit dann, wenn man „Linken“ nachweisen zu können meint, sie wollen die Meinungsfreiheit beerdigen und abweichende Meinungen mundtot machen (unabhängig davon, ob nun eine Wand in Berlin gestrichen, ein Buchladen in Berlin geschlossen oder ein Bild in Manchester abgehängt werden soll – ohne abzustreiten, dass hier kritischer Diskurs dringend notwendig ist), und eben nicht im Fall der rechten Übergriffe in Neukölln, wo „Rechte“ die Meinungsfreiheit bedrohen? Ich fände es ja schön, wenn Meinungsfreiheit ein Wert an sich wäre, nicht ein relativer Wert, der nur in Abhängigkeit davon, wer sie bedroht, Bedeutung erhält.

Wäre ich Journalist/Publizist, hätte ich ein Medium mit einer gewissen Reichweite und käme ich aus Berlin, wüsste ich im Moment, wo ich hingehen wollen würde, worüber ich recherchieren, mit wem ich reden wollen würde. Jedenfalls nicht mit jemandem aus Schnellroda. Irgendwo habe ich vor ein paar Wochen mal so ein Brecht-Zitat gelesen, keine Ahnung, in welchem Kontext, aber in dem Zitat ging es darum, dass in finsteren Zeiten ein Gespräch über blaue Blumen* ein Verbrechen sei. Ich weiß nicht, ob das so ist. Aber in Zeiten, in denen ganz real das Auto eines Politikers der Linken und das Auto eines Buchhändlers brennen, und das zum wiederholten Mal, ist möglicherweise ein ausuferndes Gespräch über die politische Haltung eines Theaterkritikers nicht ein Verbrechen, aber vielleicht nicht das Erste, was mir einfiele.

*(weil manche fragen: könnte Absicht sein, ja; aber wenn man den Gag erklären muss, war er wohl einfach schlecht – zu spät, jetzt ist es so)

(Beitragsbild: Adriaen Brower – Peasants Fighting)

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Papperlapathos: Sieben Nächte von Simon Strauß

Es ist ein willkommenes Buch, für alle, auch für Kritiker, die es sich zu einfach machen (wollen), die im Buch nur die falsche, hysterische, hyperaktive Artikulation eines Wohlstandskindes sehen, das sich auflehnt, ein erstes, ein letztes Mal, bevor es an den Trog der Arbeit, der Familie, der Schulden geführt wird und nie wieder etwas Größeres, Stärkeres, Schnaufenderes von sich geben wird als wohlgefällige satte Grunzlaute.

Solche Kritiken stürzen sich auf die vermeintliche erste und größte Schwäche dieses Buchs, das diese eine Flanke wiederum unbekümmert, stolz gar, hinhält, im kühnen Wissen, wem es sich dadurch zum Fraß vorwirft. Zugleich schert sich „Sieben Nächte“ wenig um diese freie Flanke, im Gegenteil: Es ist gerade dies die erfolgreiche Strategie des Buches. Es will doch verletzlich, großspurig, angehbar, belangbar sein; es will reinhauen und eins in die Fresse bekommen. Hauptsache: Das intensive Leben schimmert und schießt durch.

Und die Flanke glänzt unverhohlen: Ein Streberbengel versucht, sich risikobereit und schmuddelig durch ein nur sieben Nächte andauerndes anderes Leben zu wälzen, selbst wenn nicht wirklich viel Schlamm vor ihm ausgebreitet wurde. In Ermangelung tatsächlicher aventiure springt er halt von halbhohen Türmen und stopft zu viel halbgares Fleisch in sich rein, als ließe sich dadurch der innere Hunger stillen. Er wagt es, sehnsüchtig zu sein, sich dem Gedanken(kitsch) einer großen befreienden Geste hinzugeben. Derlei zu kritisieren ist einfach, gängig – und nur an einigen Stellen tatsächlich angebracht, dann nämlich, wenn der Erzähler sich unter dem arg plüschigen Deckmantel von Pathos und Urgefühl nur noch sich selbst gefällt, wenn er derart vom eigenen Ungenügen gegenüber der Welt berauscht ist, dass er mehr und mehr Bilderfluten und rhetorische Fragen bemüht.

Oftmals aber stürzen sich die Kritiken, die ich las, ausschließlich auf das vermeintlich nervig Proklamative dieses Textes, hervorgebracht von einer hassenswerten Gestalt, irgendetwas Ausgebufftem zwischen Bube, Bonze und Botho Junior. Dabei gleicht diese gefällige Form der Kritik jenem Angeraunze, mit dem die beige Oma sich darüber aufregt, wenn jemand bei Rot über die Ampel geht: Sie ist evident, halbwegs legitim und unsäglich festgefahren. In dem Sinne gehen wir jetzt mal den Kritiker an: Wieso darf „Sieben Nächte“ das alles nicht? Wieso dürfen wir in diesem öden Land nicht bei Rot über die Ampel? Kann die Schreibgeste in all ihrer pathetischen Schnauzigkeit nicht sympathisch sein – oder wenn schon nicht sympathisch, so doch annehmbar, nachvollziehbar, gerne auch: wünschenswert, sei es als Maßnahme gegen die ironieverkühlte immerzu abwägende Hin-und-her-graue-Stadt-graue-Seele-Prosa des großen ganzen Rests, sei es auch nur als erfreuliche Andersdarstellung, als statistisches Gegenüber, schlimmstenfalls als symmetrisches Übel, das den Laden mal aufmischt – stilistisch, weltanschaulich, lebensreformerisch.

Wenn man diesem Buch denn etwas vorwerfen möchte, dann sind es „nur zwei [andere] Dinge“: Dass es sich erstens einem unpräzisen Denken hingibt, dass es Worte, Begriffe und Vokabeln zusammenklaubt, sie nachts, bei zu viel Starksprudel und arg herabgedimmtem Laptopbildschirm, aneinanderknallt, um sich Ausdruck zu verleihen – und darüber nicht bemerkt (nicht bemerken will?), dass es mit heiklen, historisch aufgeladenen, ideologisch leichthin andockbaren Ideen hantiert: Gemeinschaft, Tat, Monument.

[Zusatz, 20.11.2017: Nachdem ich diesen bedinungslos lesenswerten (ich würde sogar sagen: pflichthalber zu lesenden) Text von Wolfgang Ullrich (Die Wiederkehr des Schönen) gefunden habe, will ich diesen ersten Punkt nochmal besonders herausstellen: Der Text von Strauß ist an manchen Stellen reine Rhetorik, nichts als Geste ohne Körper, die wirken will – auch und gerade abseits einer intellektuellen Aufnahme. Und das ist dann mehr als ein Kniff aus der Schreibschul-Mottenkiste, das kann schlechterdings ein Schreibverfahren sein, das sich gefühlshalber und mächtig imponieren will, das zugleich eine bedachte, besonnene Reaktion seitens der Leserschaft unterbinden will. Schließlich steht die monumentale tat-bezogene Wirkkraft qua Text an erster Stelle, und derlei beabsichtigte „Stöße“ und „Umwälzungen“ setzen analytische, reflektierte Umgangsformen außer Kraft. Und ja, das ist dann tatsächlich sehr bedenklich. Besser, ausgiebiger und klüger steht das alles bei Ullrich, & nochmal: pflichthalber zu lesen!]

Dass es zweitens bei all der um sich greifenden großen Trostlosigkeit, bei all den Leuten, die glauben, ausgelaugt zu sein, wo sie eigentlich nie mehr als Schongang und Weichspüler kannten, dass es sich demgegenüber nicht anders zu helfen weiß als mit einem Schrei nach MEHR!, nach mehr Ich, mehr Gefühl, mehr Leben. Vor lauter gierigem Ich-Schielen verliert das Buch jegliches Gegenüber aus den Augen. Die Recherche in „Sieben Nächte“ käme wohl an ein Ende, wenn der Erzähler sich selbst potenziert (wieder-)fände, d. h.: aufgebläht, eingedellt, gesättigt, voller Schrammen, Enttäuschungen und Erfahrungen, wenn er aufs spätere Selbst stieße, das in monströse Intensität hoch- und breitgepumpt wäre. Dass es womöglich eine andere befreiende Haltung gibt, eine weitsichtigere Reaktion auf die niederträchtige Üblichkeit unserer Gedanken und Gesten – das ist in der radikal subjektivistischen Logik von „Sieben Nächte“ undenk- und also unerzählbar. Wie wäre es, statt als Hyperprivilegierter dadurch den Ausbruch zu wagen, mehr, bloß halt anderes härteres Zeug für sich einzufordern, zu versuchen, diesem Impuls ein anderes Mehr! entgegenzusetzen, ein Miteinander, ein Mitmenschiges. Es wäre eine (ebenfalls großspurige) Haltung des Zurückstehens, des Still-Werdens, des Zuhörens, des leisen Mitmachens, um derart die Hypoprivilegierten vorzulassen, deren Bäuche überzeugender grummeln, nicht von zu viel Maki-Rollen, sondern von zu wenig tatsächlicher Lebenszufuhr. Auch sie würden sich vermutlich gerne bis zum rhetorischen Platzen aufblähen und alles und nichts für sich beanspruchen wollen.

Und eins ist sowie und abschließend und immer klar: Gemeinsam läuft es sich besser und sicherer über Rot; je mehr man ist, umso spaßiger ist die Chose – und umso länger müssen die Mercedes-Fahrer hupen und warten. (Ja, das ist ein pathetisches Ende, als Gruß an die guten Seiten dieses Buches.)

Abschließend zwei Links zu Texten, die sich Pathos & dem Lob des endlich wieder extremen Gefühls ebenfalls hingeben:

Hannah Lühmann, “Verhaltenslehren der Kälte”: “Wir haben das Wissen um die Kälte verlernt und das Wissen um die Hitze, ihre dialektische Gegenmacht. Wer sitzt noch in der kalten Dachkammer und ringt um Sprache?”

Alban Nikolai Herbst, “Arbeitsjournal”: “Leidenschaftliche Liebe ist ihrer Natur nach pathetisch, anders würde sie wieder und wieder relativieren, was Leidenschaft eben ausschließt. Entgrenzung, Begeisterung, Orgasmen sind ironisch nicht nur nicht mehr spürbar, sondern sie werden vernichtet, erstickt und überdies sogar lächerlich gemacht – auch und gerade sich selbst gegenüber. Damit verlieren die Menschen ihren Kontakt zu sich selbst und zur Erde. Sie entgeistigen sich ihr.”

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