Kategorie: Feuilleton

Wie einst ein Bond-Bösewicht – Meta, Google und die Evil Corporation

von Kais Harrabi

Sie gehört fest zum Repertoire zahlreicher Videospiele, Serien und Hollywoodfilmen: Die riesige, omnipräsente Firma, die mit ihren Produkten das Leben ihrer Kund*innen leichter macht, von außen wie ein fantastischer Arbeitgeber aussieht, vermutlich internationaler Marktführer in ihrer Sparte ist und hehre ideologische Ziele verfolgt: Der Menschheit nur helfen will. Am Ende stellt sich aber heraus, dass alles nur schöner Schein war und der weltumspannende Konzern in Wahrheit ein Imperium des Bösen ist. Von Filmen wie Soylent Green und RoboCop über Serien wie Mr. Robot und Homecoming bis hin zu Videospielen wie Resident Evil oder Fallout ist der böse Megakonzern fest in der Popkultur verankert.

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Lagerfeuer reloaded – „Wetten, dass?“ und die Sehnsucht nach dem Millennium

von Simon Sahner

Im Februar 2001, das neue Jahrtausend hatte gerade erst begonnen, fragte der damals etwa fünfzigjährige Thomas Gottschalk, was eigentlich mit dem Rock’n’Roll passiert sei. Er habe die „Schnauze voll“ von der Musik seiner Kinder, der gute alte Rock solle bitte zurückkommen. Heute, 20 Jahre später, scheint ein großer Teil des deutschen Fernsehpublikums die sogenannte gute alte Zeit um das Millennium zurück zu wollen. Gottschalk sprach damals eher von der Zeit in den 1970er und 1980er Jahren. Nostalgie nach vergangener, vermeintlich besserer Zeit hat immer Konjunktur, was vielleicht mehr über Erinnerung und Verdrängung aussagt als über diese vermissten Zeiten. 

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Übersetzen wider die Weltliteratur

von Nicholas Glastonbury
im Original erschienen bei L.A. Review of Books
übersetzt aus dem Englischen von Tobias Eberhard

In einer Kurzgeschichte aus dem Jahr 1977 mit dem Titel „The Railroad Storytellers – A Dream“ schilderte der türkische Autor Oğuz Atay die Lebensumstände dreier Autoren von Kurzgeschichten, die sich nebenher als Arbeiter an einem Kleinstadtbahnhof verdingen. Einer der Autoren dient als Erzähler der Geschichte, die den dreien dabei folgt, wie sie tagsüber auf einer alten Schreibmaschine Geschichten niederschreiben, um diese dann bei Nacht den Passagieren von zwischenhaltenden Zügen feilzubieten, wobei sie stets mit Essensverkäufern um deren Aufmerksamkeit konkurrieren. Jedoch sorgen die andauernden Einschränkungen des Eisenbahnministeriums darüber, was die drei Autoren schreiben dürfen, und die Reduzierung der Personenzüge am Bahnhof dafür, dass sich ihre Umstände zunehmend hoffnungsloser gestalten. Einer von ihnen stirbt, ein weiterer fährt in einem Zug davon, und der letzte – unser Erzähler – bleibt an dem verlassenen Bahnhof zurück, eingepfercht in seiner heruntergekommenen Unterkunft, und schreibt Geschichten, die niemals jemand lesen wird. Am Ende erfahren wir, dass „The Railroad Storytellers“ selbst eine der letzten Geschichten ist, die der Protagonist jemals schreiben wird, eine Geschichte, die er jemandem – irgendjemandem – zusenden möchte, sodass ihm doch noch eine Leser*innenschaft zuteil wird: „Ich möchte ihnen schreiben, stets für sie schreiben, Geschichten ohne Unterlass, ohne Ende erzählen, sie wissen lassen, wo ich bin.“ Das Ende der Erzählung wendet sich direkt an die Leser*innen: „Ich bin hier, liebe Lesende. Wo seid ihr?“

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Wo bleibt die (gute) Literatur für die Gegenwart? – Eva Menasses imaginärer Klimaroman

von Solvejg Nitzke

Neulich stellte Bernd Ulrich in der ZEIT eine interessante Frage:

Warum gibt es fast keine Romane, die von der ökologischen Katastrophe handeln, die uns widerfährt und die wir sind, die sich bislang ungebremst entfaltet und so oder so das Leben der Menschen zutiefst verändern wird, nein: schon lange verändert?

Er kann es nicht wissen, aber das ist sozusagen mein Batsignal. Ich bin Literaturwissenschaftlerin mit starkem Hang zu cultural studies und beschäftige mich seit über zehn Jahren mit Klima, Klimawandel, ökologischen Großkrisenlagen und den Problemen, die das für das Lesen und Schreiben mit sich bringt. Erweitert man das Feld ein wenig um Katastrophen im Allgemeinen, dann bin ich schon mein ganzes Wissenschaftlerinnenleben damit beschäftigt und so mir das Wissenschaftszeitvertragsgesetz keinen Strich durch die Rechnung macht, wird sich das so bald auch nicht ändern. Ich war also entzückt, diese Frage am Anfang eines Artikels zu lesen, den einer der prominentesten Journalisten Deutschlands geschrieben hat. Endlich nicht mehr nur Einzelrezensionen, die oft überrascht feststellen, dass der ein oder andere Science Fiction, Cli-Fi oder Öko-Roman doch gar nicht so schlecht zu lesen sei und obendrein auch noch eine wichtige politische Botschaft habe, sondern ein zentral platzierter Artikel, von jemandem, dessen Ko-Autor*innenschaft mit FFF-Aktivistin Luisa Neubauer ja zumindest von Interesse am Thema zeugt. 

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Explodierende Fässer – Wie Videospiele uns leiten

von Maximilian John

Warum sammelt Mario im Spiel Super Mario Bros. (1985) und fast allen 2D-Nachfolgern Münzen und keine Früchte? 2010 beantwortete Shigeru Miyamoto, kreativer Kopf hinter vielen Nintendo-Serien wie Mario, The Legend of Zelda oder Pikmin, die Frage in einem Interview mit dem mittlerweile verstorbenen Nintendochef Saturo Iwata. Zwar waren Früchte als Sammelobjekt im Gespräch, doch Miyamoto befürchtete, dass Spieler*innen verwirrt werden könnten und versuchen würden, diese Früchte zu meiden: „Als wir dann über etwas nachdachten, das jede*r sehen würde und denkt ‘Ich will das haben’, kamen wir drauf, ‘Ja, es muss Geld sein.’“ 

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Dance to the Science! -Bildungs- und Kulturförderung auf TikTok

von Tobias Gralke

„Und was mach ich jetzt?“, fragt die Wissenschaftlerin, die gerade erfährt, dass ihre Stelle trotz guter Arbeit nicht verlängert wird. Sie könne ja einen Projektantrag stellen, sagt ihre Vorgesetzte – oder in die Wirtschaft gehen und nach dem Doktor zurückkommen, rät die Politikerin. Alle drei Figuren werden verkörpert von der gleichen Person, nach 60 Sekunden beginnt der Video-Loop von vorn: #ichbinhanna als snackable content, der Protest gegen das Wissenschaftszeitvertragsgesetz und die Arbeitsbedingungen im akademischen Betrieb, jetzt auch auf TikTok.

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Klärung des Denkens – “Die Ermordung des Professor Schlick” von David Edmonds

von Philip Schwarz

Irgendwann im Laufe des Jahres 1922 lud Moritz Schlick, damals frisch berufener Professor auf dem Lehrstuhl für Naturphilosophie in Wien, eine Gruppe wissenschaftlich interessierter Philosoph*innen und philosophisch interessierter Wissenschaftler*innen zu einer abendlichen Diskussionsrunde ein. Zu den Teilnehmenden dieser bald wöchentlich stattfindenden Gespräche gehörten eine Reihe von Namen, die in die Wissenschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts eingehen würden. Die Gespräche dieses Wiener Kreises drehten sich um die Frage, wie Philosophie und Wissenschaften auf eine neue Grundlage gestellt werden könnten. Die Auswirkungen prägen die westliche Kultur bis heute.

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Zwischen Namen – Existenz und Identität in „Disco Elysium“

von Claas Mark

Wie sieht eigentlich die Protagonist*in des 21. Jahrhunderts aus? Man kann sicher argumentieren, dass die Comic-Helden von Marvel und DC moderne Mythengestalten sind, aber können wir unserer Welt mit Hilfe dieser archaischen Gestalten noch Sinn einhauchen? Oder ist es vielleicht der Antiheld? Dieser zynische Übermensch zwischen Friedrich Nietzsche und Ayn Rand, der alles besser kann und alleine gegen die Welt kämpft, die ihn nicht versteht. Oder was ist mit dem vielbeschworenen Sisyphus, den Albert Camus sich glücklich vorstellen wollte? 

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