Kategorie: Feuilleton

Aus Versehen progressiv – Wie manchmal auf giftigem Boden fortschrittliche Gedanken wachsen

von Jonas Lübkert

Ich liebe Popkultur. Nur manchmal hab ich das Gefühl, Popkultur liebt mich nicht: Jedes mal wenn eine Person of Color aus einem Film gestrichen wird, Frauenfiguren ausschließlich als Blickfang dienen und queere Repräsentation höchstens am Rande eine Rolle spielt. Popkultur versucht oft eine maximale Anzahl von Menschen zu erreichen und bedient dabei leider viel zu oft den kleinsten gemeinsamen Nenner. Manchmal aber, in kuriosen Momenten, bröckelt die Fassade und ein erstaunlich innovativer Gedanke kommt durch. Dieser ist in der Regel hart erkämpft oder – noch seltener –  unabsichtlich. 

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Am Anfang waren die Orishas – Warum Afrofantasy ein politisches Statement ist

von Amanda Godwins

„Afrika ist reich an Mythologie und Märchen. Wie kommt es, dass sie in keinem einzigen Fantasybuch vorkommen?“ Diese Frage stellte sich Hawa Mansaray kurz bevor sie begann, Afrofantasy zu schreiben, ein Genre, das Schwarze Protagonist*innen und afrikanische Kulturen feiert. Im Gespräch mit der Autorin wurde deutlich, dass Afrofantasy ein vielversprechendes Phänomen ist, das kreativ gegen rassistische Unterdrückung vorgeht.

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Das Knirschen im System – Probleme der Videospielindustrie

von Maximilian John

Für viele Menschen scheint die Videospielindustrie von außen betrachtet ein sehr attraktives Berufsfeld zu sein. Das Versprechen, das Hobby zum Beruf zu machen, führt viele Menschen in den Bereich. Jason Schreiers Bücher geben Einblicke in eine Industrie, die viel zu häufig Enthusiasmus ausnutzt, um schlechte Arbeitsbedingungen zu rechtfertigen.

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Politik darf keinen Spaß machen! – Über die angemaßte Unschuld von Videospielen

von Eugen Pfister

Ende Mai 2021 erschien auf der Seite des Spiele-Publishers Ubisoft ein kurzes Statement von Navid Khavari, dem Narrative Director von Far Cry 6, einem First Person Shooter, der im Oktober 2021 erscheinen soll. Titel des 400 Wörter langen Kurztextes: „The Politics of Far Cry 6“. Erster Satz: „Our story is political.“ Punkt. Absatz [1].

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Das Ende des erzählenswerten Lebens – „King of Queens“ und die Kinder

von Isabella Caldart

Sitcoms, die keine Familie, sondern einen Freundeskreis im Zentrum der Handlung haben, tun sich schwer damit, das Thema Kinder logisch und unterhaltsam in den Handlungsbogen einzubauen. Sind die Schauspielerinnen tatsächlich schwanger, wird – mal mehr, mal weniger gelungen – versucht, die Schwangerschaft während des Drehs zu kaschieren, oder aber die Figur wird für einige Folgen aus der Serie geschrieben.

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Zu Automaten gemacht werden – Kazuo Ishiguros “Klara und die Sonne” aus autistischer Perspektive

von Sebastian Moitzheim

In der Folge vom 9. April 2021 des Literarischen Quartetts besprach Gastgeberin Thea Dorn mit ihren Gästen, den Schriftsteller*innen Dörte Hansen, Marko Martin und Moritz von Uslar, unter anderem Kazuo Ishiguros Roman Klara und die Sonne. Titelfigur und Erzählerin ist eine ”KF”, eine künstliche Freundin — eine hoch­entwickelte Androidin, die die Aufgabe hat, die Einsamkeit einer Teenagerin zu lindern, während diese allein zu Hause eine nicht näher definierte Krankheit bekämpft und ihre schulischen Aufgaben per Videochat mit ihren Lehrer*innen absolviert. Assoziationen mit der Realität der letzten anderthalb Jahre sind wohl unbeabsichtigt, aber unver­meidlich. 

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Weiterleben müssen – Einige Gedanken über vier zuversichtliche Bücher

von Matthias Warkus

Texte, die damit beginnen, ihre eigene Geschichte zu erzählen, sind oft öde und anstrengend. Es ist nicht ohne Grund ein Klischee, dass schlechte Vorträge bei Poetry-Slams oder offenen Lesungen oft damit anfangen (oder sich gar darin erschöpfen), dass jemand vom Anruf mit der Aufforderung, etwas zum Thema des Abends zu schreiben, erzählt. Daher habe ich erhebliche Skrupel, diesen Text so einzuleiten, aber nachdem ich nun  fast drei Jahre lang daran gescheitert bin, es irgendwie anders zu machen, fange ich tatsächlich mit seiner Entstehung an. Weiterlesen

Never fuck the Company – Dating Advice von Scriptnotes [Podcastkolumne]

von Svenja Reiner

Bis zu meinem Schulabschluss war mein Liebesleben relativ unkompliziert. Entsprechend der Formel älter = cooler verliebte man sich abwechselnd in irgendeine*n Mitschüler*in aus der Oberstufe oder, sobald der nächste Teil der Herr der Ringe-Verfilmung im Kino lief, in Orlando Bloom. Beide Formen der Romanze eigneten sich zum Gruppengespräch auf dem zugigen Schulhof, und die Diskussion um Orlandos neue Bilder in der BRAVO oder der Versuch, einen Blick auf den Schwarm in der Raucherecke zu erhaschen, machten ereignislose Große Pausen etwas erträglicher. 

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Politisierte Fakten – Ein philosophischer Blick auf die ‘Culture Wars’

von Philip Schwarz

Die USA sind nach wie vor das Land, in dem kulturelle und gesellschaftliche Phänomene ihren Ausgang nehmen, um von dort aus ihre Reise um den Globus anzutreten. Zwar dauert es für gewöhnlich eine Weile bis ein Trend in Europa ankommt, aber letztlich wird es dann doch schwierig das neue Thema zu ignorieren.

Ein Thema, welches das intellektuelle Klima seit einigen Jahren aufheizt, sind die sogenannten culture wars. Kriege also, in denen angeblich Aufklärung, Vernunft und Wahrheit auf der einen, Postmoderne, Macht und Sozialkonstruktivismus auf der anderen Seite stehen. Es geht um die Darstellungen eines scheinbaren Kampfes zwischen der Seite der liberalen Demokratie, wo der  freie Wettstreit der Ideen und die Durchsetzung einer objektiven Wahrheit herrschen, und denen, die all das als Produkt eines von weißen westlichen Männern geprägten Diskurses und somit als Produkt tendenziell unterdrückerischer Machtstrukturen über Bord werfen wollten. Die begrifflichen Zuschreibungen sind dabei eher Verweise auf Konzepte als dass sie wirklich für das stehen, was sie beschreiben wollen. Soweit das Konstrukt eines Kulturkrieges.

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“Sich den Alltag abschminken” – Ein feministisches Kollektiv zwischen Sorgearbeit und Autor:innenschaft

von Katharina Walser

Am Anfang steht eine Gruppe von Müttern, die schreiben. Sie beschließen über das Schreiben zu schreiben. Über die Vorurteile, die Hindernisse, die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Vereinbarkeit von Pflege und Kunstschaffen. Es entsteht ein Austausch, es entstehen gemeinsame Textstücke, es folgt im Frühjahr 2021 eine Veröffentlichung im Edit Magazin unter dem Titel Fragment I, der erste Kollektivtext der Gründer:innen von Writing with CARE/RAGE. Die Gründer:innen, das sind die Autor:innen Lene Albrecht, Daniela Dröscher, Berit Glanz, Verena Güntner, Sandra Gugić, Elisabeth R. Hager, Kathrin Jira, Svenja Leiber, Caca Savic, Julia Wolf und Maren Wurster. Sie schreiben in ihrem Fragment über das Muttersein und über das Sein als Autor:in. Es spannt sich ein Raum auf zwischen privaten Szenen und struktureller Kritik am misogynen Literaturbetrieb und an der staatlichen Anerkennung von Care-Arbeit. Vergangenes Wochenende findet dann die erste Konferenz statt. Es geht auch hier um „Schreiben und…“.

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