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Kategorie: Feuilleton

Papperlapathos: Sieben Nächte von Simon Strauß

Es ist ein willkommenes Buch, für alle, auch für Kritiker, die es sich zu einfach machen (wollen), die im Buch nur die falsche, hysterische, hyperaktive Artikulation eines Wohlstandskindes sehen, das sich auflehnt, ein erstes, ein letztes Mal, bevor es an den Trog der Arbeit, der Familie, der Schulden geführt wird und nie wieder etwas Größeres, Stärkeres, Schnaufenderes von sich geben wird als wohlgefällige satte Grunzlaute.

Solche Kritiken stürzen sich auf die vermeintliche erste und größte Schwäche dieses Buchs, das diese eine Flanke wiederum unbekümmert, stolz gar, hinhält, im kühnen Wissen, wem es sich dadurch zum Fraß vorwirft. Zugleich schert sich „Sieben Nächte“ wenig um diese freie Flanke, im Gegenteil: Es ist gerade dies die erfolgreiche Strategie des Buches. Es will doch verletzlich, großspurig, angehbar, belangbar sein; es will reinhauen und eins in die Fresse bekommen. Hauptsache: Das intensive Leben schimmert und schießt durch.

Und die Flanke glänzt unverhohlen: Ein Streberbengel versucht, sich risikobereit und schmuddelig durch ein nur sieben Nächte andauerndes anderes Leben zu wälzen, selbst wenn nicht wirklich viel Schlamm vor ihm ausgebreitet wurde. In Ermangelung tatsächlicher aventiure springt er halt von halbhohen Türmen und stopft zu viel halbgares Fleisch in sich rein, als ließe sich dadurch der innere Hunger stillen. Er wagt es, sehnsüchtig zu sein, sich dem Gedanken(kitsch) einer großen befreienden Geste hinzugeben. Derlei zu kritisieren ist einfach, gängig – und nur an einigen Stellen tatsächlich angebracht, dann nämlich, wenn der Erzähler sich unter dem arg plüschigen Deckmantel von Pathos und Urgefühl nur noch sich selbst gefällt, wenn er derart vom eigenen Ungenügen gegenüber der Welt berauscht ist, dass er mehr und mehr Bilderfluten und rhetorische Fragen bemüht.

Oftmals aber stürzen sich die Kritiken, die ich las, ausschließlich auf das vermeintlich nervig Proklamative dieses Textes, hervorgebracht von einer hassenswerten Gestalt, irgendetwas Ausgebufftem zwischen Bube, Bonze und Botho Junior. Dabei gleicht diese gefällige Form der Kritik jenem Angeraunze, mit dem die beige Oma sich darüber aufregt, wenn jemand bei Rot über die Ampel geht: Sie ist evident, halbwegs legitim und unsäglich festgefahren. In dem Sinne gehen wir jetzt mal den Kritiker an: Wieso darf „Sieben Nächte“ das alles nicht? Wieso dürfen wir in diesem öden Land nicht bei Rot über die Ampel? Kann die Schreibgeste in all ihrer pathetischen Schnauzigkeit nicht sympathisch sein – oder wenn schon nicht sympathisch, so doch annehmbar, nachvollziehbar, gerne auch: wünschenswert, sei es als Maßnahme gegen die ironieverkühlte immerzu abwägende Hin-und-her-graue-Stadt-graue-Seele-Prosa des großen ganzen Rests, sei es auch nur als erfreuliche Andersdarstellung, als statistisches Gegenüber, schlimmstenfalls als symmetrisches Übel, das den Laden mal aufmischt – stilistisch, weltanschaulich, lebensreformerisch.

Wenn man diesem Buch denn etwas vorwerfen möchte, dann sind es „nur zwei [andere] Dinge“: Dass es sich erstens einem unpräzisen Denken hingibt, dass es Worte, Begriffe und Vokabeln zusammenklaubt, sie nachts, bei zu viel Starksprudel und arg herabgedimmtem Laptopbildschirm, aneinanderknallt, um sich Ausdruck zu verleihen – und darüber nicht bemerkt (nicht bemerken will?), dass es mit heiklen, historisch aufgeladenen, ideologisch leichthin andockbaren Ideen hantiert: Gemeinschaft, Tat, Monument.

[Zusatz, 20.11.2017: Nachdem ich diesen bedinungslos lesenswerten (ich würde sogar sagen: pflichthalber zu lesenden) Text von Wolfgang Ullrich (Die Wiederkehr des Schönen) gefunden habe, will ich diesen ersten Punkt nochmal besonders herausstellen: Der Text von Strauß ist an manchen Stellen reine Rhetorik, nichts als Geste ohne Körper, die wirken will – auch und gerade abseits einer intellektuellen Aufnahme. Und das ist dann mehr als ein Kniff aus der Schreibschul-Mottenkiste, das kann schlechterdings ein Schreibverfahren sein, das sich gefühlshalber und mächtig imponieren will, das zugleich eine bedachte, besonnene Reaktion seitens der Leserschaft unterbinden will. Schließlich steht die monumentale tat-bezogene Wirkkraft qua Text an erster Stelle, und derlei beabsichtigte „Stöße“ und „Umwälzungen“ setzen analytische, reflektierte Umgangsformen außer Kraft. Und ja, das ist dann tatsächlich sehr bedenklich. Besser, ausgiebiger und klüger steht das alles bei Ullrich, & nochmal: pflichthalber zu lesen!]

Dass es zweitens bei all der um sich greifenden großen Trostlosigkeit, bei all den Leuten, die glauben, ausgelaugt zu sein, wo sie eigentlich nie mehr als Schongang und Weichspüler kannten, dass es sich demgegenüber nicht anders zu helfen weiß als mit einem Schrei nach MEHR!, nach mehr Ich, mehr Gefühl, mehr Leben. Vor lauter gierigem Ich-Schielen verliert das Buch jegliches Gegenüber aus den Augen. Die Recherche in „Sieben Nächte“ käme wohl an ein Ende, wenn der Erzähler sich selbst potenziert (wieder-)fände, d. h.: aufgebläht, eingedellt, gesättigt, voller Schrammen, Enttäuschungen und Erfahrungen, wenn er aufs spätere Selbst stieße, das in monströse Intensität hoch- und breitgepumpt wäre. Dass es womöglich eine andere befreiende Haltung gibt, eine weitsichtigere Reaktion auf die niederträchtige Üblichkeit unserer Gedanken und Gesten – das ist in der radikal subjektivistischen Logik von „Sieben Nächte“ undenk- und also unerzählbar. Wie wäre es, statt als Hyperprivilegierter dadurch den Ausbruch zu wagen, mehr, bloß halt anderes härteres Zeug für sich einzufordern, zu versuchen, diesem Impuls ein anderes Mehr! entgegenzusetzen, ein Miteinander, ein Mitmenschiges. Es wäre eine (ebenfalls großspurige) Haltung des Zurückstehens, des Still-Werdens, des Zuhörens, des leisen Mitmachens, um derart die Hypoprivilegierten vorzulassen, deren Bäuche überzeugender grummeln, nicht von zu viel Maki-Rollen, sondern von zu wenig tatsächlicher Lebenszufuhr. Auch sie würden sich vermutlich gerne bis zum rhetorischen Platzen aufblähen und alles und nichts für sich beanspruchen wollen.

Und eins ist sowie und abschließend und immer klar: Gemeinsam läuft es sich besser und sicherer über Rot; je mehr man ist, umso spaßiger ist die Chose – und umso länger müssen die Mercedes-Fahrer hupen und warten. (Ja, das ist ein pathetisches Ende, als Gruß an die guten Seiten dieses Buches.)

Abschließend zwei Links zu Texten, die sich Pathos & dem Lob des endlich wieder extremen Gefühls ebenfalls hingeben:

Hannah Lühmann, “Verhaltenslehren der Kälte”: “Wir haben das Wissen um die Kälte verlernt und das Wissen um die Hitze, ihre dialektische Gegenmacht. Wer sitzt noch in der kalten Dachkammer und ringt um Sprache?”

Alban Nikolai Herbst, “Arbeitsjournal”: “Leidenschaftliche Liebe ist ihrer Natur nach pathetisch, anders würde sie wieder und wieder relativieren, was Leidenschaft eben ausschließt. Entgrenzung, Begeisterung, Orgasmen sind ironisch nicht nur nicht mehr spürbar, sondern sie werden vernichtet, erstickt und überdies sogar lächerlich gemacht – auch und gerade sich selbst gegenüber. Damit verlieren die Menschen ihren Kontakt zu sich selbst und zur Erde. Sie entgeistigen sich ihr.”

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Ulrich Greiner – Heimatlos

Ich habe keine Heimat mehr,
weil ich mein Lieb verloren;
fremd irr’ ich in der Stadt umher
und einsam vor den Toren.

Wer Ulrich Greiners Buch Heimatlos (Rowohlt, September 2017) aufschlägt, ein schmales Bändchen mit 162 relativ locker bedruckten Seiten, kann darin lesen, was anderswo schon gesagt wurde. Aber eben noch nicht von Ulrich Greiner. So wie der gut erhaltene Zweiundsiebzigjährige einen über seinen Kaschmirschal hinweg aus dem Autorenporträt anschaut, mag man denken, genau dieser Gedanke könnte auch ihn geleitet haben.

Was er schreibt, ist zunächst in seiner Flachheit ärgerlich. Bereits auf der zweiten Seite des ersten Kapitels wird die EU zum »bürokratische[n] Monstrum« erklärt und werden die »Internationalisten« als homogene Gruppe behauptet (8), auf der dritten heißt es, »jede Abweichung von der Mitte nach rechts« werde »mit dem Nazi-Vorwurf mundtot gemacht« (9), und so geht es denn auch weiter: Die Medien haben bis 2016 »den Migrationshintergrund bestimmter Straftäter« verschwiegen, eine nicht weiter qualifizierte »Elite« taucht auf einmal als Akteur auf (13), auf Seite 14 wird von einer »linksgrünen ›kulturelle[n] Hegemonie‹« schwadroniert und schon eine Seite weiter sind es dann allein die Grünen, die an allem Schuld sind. Ihr Vektor sind die »strukturell und gewissermaßen ungewollt die Unwahrheit« sagenden Medien, die während der ›Flüchtlingskrise‹ ein »Volkserziehungsprojekt« betrieben (17).

Wenn man nun berücksichtigt, dass Greiner nach eigener Auskunft immer brav rotgrün gewählt hat (10), zeigt sich schon, woher der Wind weht. Hier lehnt sich jemand öffentlichkeitswirksam gegen das auf, was er für das eigene Milieu hält. Erwartungsgemäß passiert das dadurch, dass die weichsten Ziele angegriffen werden und das dann zur gefahrvollen Tat erklärt wird: So ist das erste Beispiel für die »Unbequemlichkeiten«, die es mit sich bringe, heutzutage konservativ sein zu wollen, dass es einem nachgetragen werde, das deutsche Regietheater zu verachten (23). Ich bin kein großer Theaterkenner, aber dass es seit Jahrzehnten quasi ein gesellschaftlicher Konsens ist, das Regietheater für ein einziges lächerliches Herumschreienlassen nackter Subventionsempfänger zu halten, sollte doch auch Greiner erreicht haben.

Irgendwo zwischen verwickelt und fahrlässig rangieren die teils autobiographischen Einlassungen, mit denen Greiner um die Thesen, a) der Kommunismus sei schlimmer gewesen als der Nationalsozialismus und b) alle Linken stünden irgendwie in der Tradition des Sowjetkommunismus, herumeiert, ohne sie je geradeheraus auszusprechen (26–41). Nachdem das Feindbild klar karikiert ist, kommt er dann aber zum Punkt und skizziert seinen eigenen Konservatismus. Der lässt sich im Prinzip auf die simple Formel ›Leitkultur = deutsche Sprache + Auschwitz + Christentum‹ bringen; und diese christlich-abendländische deutsche Leitkultur muss in erster Linie gegen den Islam (nicht gegen den Islamismus!) verteidigt werden.

Die Vöglein lassen schon im Chor
ihr Frühlingslied erschallen;
die Sonne scheint noch wie zuvor,
doch will mir nichts gefallen.

Formal gefällt sich das Buch im ausgedehnten, teils seitenlangen Zitieren – von Feuilletonkollegen, von Luhmann, von Schiller, von wem auch immer. Wie oben schon angedeutet, werden zudem durchgängig, ohne sie irgendwie zu problematisieren, Worthülsen, die man aus dem Jargon Rechtsradikaler kennt (›linksgrün‹, ›Islamisierung‹, ›Kulturkreis‹, ›Gender-Ideologie‹ usw.), undifferenziert verwendet. Der Eindruck, dass hier eine Überlegung von geringer Eigenständigkeit vorgetragen wird, und dabei auch noch mit überraschend wenig Reflexion über die zu ihrem Ausdruck verwendeten Begriffe, verdichtet sich. Über weite Strecken wirkt die Argumentation fahrig und im schlechtesten Sinne essayistisch, wenn Greiner etwa von der deutschen Sprache über die deutsche Kollektivpsychologie, das Gedenken an die Toten der deutschen Geschichte, Schillers Antrittsvorlesung, den Begriff der Tradition, den Holocaust, den Begriff des Fremden und Anekdoten zu Auslandsreisen (52–57) einen Bogen dazu schlägt, die »Pogromstimmung« gegenüber Muslimen und nur diesen müsse ja wohl irgendetwas mit deren kulturkreismäßiger Fremdheit zu tun haben (59).

Ab dem fünften Kapitel ist Greiners Buch eine Art konservatives Malen nach Zahlen: Das als einzigartig unter den Religionen deklarierte Christentum – natürlich katholisch gefärbt, da es unter deutschen Rechten ja längst Konsens ist, dass der Protestantismus eine rationalistische und irgendwie von grünen Ossis und sonstigen Pullundermenschen geprägte Veranstaltung für gitarrespielende Blümchenpflücker darstellt – dient als Grundlage nicht nur für das Verlangen nach staatlicher und kultureller Abgrenzung, sondern auch für die Ablehnung von Selbsttötung, Sterbehilfe, Ehe für alle, Reproduktionsmedizin, Polyamorie, einer föderalen Europäischen Union (oder der EU überhaupt? Ganz klar wird es nie), staatlichen (insbesondere gesundheitspolitischen) Eingriffen in die persönliche Lebensführung, Umverteilung, Identitätspolitik, ›Political Correctness‹ und sakraler Popmusik. Dabei finden sich viele Gemeinplätze – Greiner ist sich nicht zu schade, auch die ganz alten Hüte (EG-Gurkenverordnung, 106) noch einmal von der Ablage zu holen – und mehr oder minder fragwürdige Hypothesen (dass z.B. die neue Beliebtheit aufwändigen Heiratens vor allem mit gesteigerter Hoffnung auf Nachwuchs zu tun habe, 81f.), aber auch wirklich Haarsträubendes wie etwa die auf einer längeren Strecke ausgebreiteten kryptovölkischen Überlegungen zu Kenntnis der biologischen Abstammung als Recht, Pflicht und kultureller Faktor (›genealogische Ordung‹, 84–97).

Die Blumen, die erst aufgeblüht,
sind über Nacht erfroren.
Was kümmert mich, was noch geschieht,
ich hab mein Lieb verloren.

Was hat einer gelernt, der Heimatlos gelesen hat? Wenn er jemand ist, der in Deutschland die überregionale Presse verfolgt: nichts, außer dass Ulrich Greiner die Brötchen in Berlin alle miteinander schlecht findet und einmal zusammen mit Siegfried Lenz in Dänemark zum Rauchen vor die Tür geschickt wurde (wobei ich nicht ausschließen möchte, dass beides schon einmal in der Zeitung gestanden hat). Buchstäblich jeder politische Gedanke, der in seinem Buch auftaucht, ist entweder ein Zitat, eine Paraphrase oder zumindest längst bekannt – neu war mir persönlich nur die fragwürdige Sache mit der ›genealogischen Ordnung‹, aber die hat Greiner schon 2014 anderswo aufgeschrieben, und zwar weitgehend wortwörtlich gleich. (Das steht übrigens nirgendwo. Womöglich ist das Buch auch in anderen Teilen ein Zusammenschrieb früherer Zeitungsartikel? Ich dachte immer, so etwas müsste man seriöserweise wenigstens kleingedruckt erwähnen.)

Das, wodurch das Buch die Grenze von der Belanglosigkeit zum Ärgernis überschreitet, ist dann einerseits der sichtlich laxe Umgang mit dem Vokabular der extremen Rechten, mit denen sich der Autor doch ausdrücklich nicht gemein machen will; andererseits und vor allem die unreflektierte Behauptung des eigenen Außenseitertums. Der deutsche Medienbetrieb war bereits, bevor die AfD begann, ihn vor sich herzutreiben, alles andere als linkslastig; wäre es anders, dann hätte nicht Thilo Sarrazin astronomisch viele Bücher verkauft, sondern Carolin Emcke. Wer sich heute zu einem Konservatismus, wie ihn Greiner skizziert, bekennt, ist kein Rebell, sondern ein Adabei; wenig ist risikoärmer. Heimatlos ist insofern ein Paradebeispiel für die Sprechhaltung, die den Rechten in Deutschland heutzutage fast ausnahmslos zu eigen ist: die Darstellung einer längst selbst hegemonial gewordenen Position als Auflehnung gegen einen imaginierten linken Mainstream. Vor Kühnheit zitternd steht Greiner da – und sagt doch nur, was alle anderen sagen.

Das zitierte Gedicht Heimatlos stammt von dem heute wohl zu Recht vergessenen Viktor Domeier. Die streng polyphone Vertonung von Hans Koessler (1853–1926) gehört sicher zu den schönsten und anspruchsvollsten Stücken, die je für vierstimmigen Männerchor geschrieben wurden.

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Der Bayerische Buchpreis 2017

Weil Bayern so ein entzückendes Bundesland ist und wir Bayern immer alles (ALLES!) besonders gut können, verleiht Bayern auch einen eigenen Buchpreis: Den Bayerischen Buchpreis. Dieser schließt an den früher verliehenen Corine-Literaturpreis an, der allerdings international und breiter ausgerichtet war, während der jetzige Bayerische Buchpreis eben ein im Original deutschsprachig verfasstes Sachbuch und einen ursprünglich deutschsprachigen Roman auszeichnet. Damit steht der Bayerische Buchpreis jetzt auch dem Namen nach in der Reihe anderer Bayerischer Preise, z.B. des Bayerischen Fernsehpreises, des Bayerischen Theaterpreises etc. Erwähnte ich schon, dass wir in Bayern schlicht alles besser können als alle anderen, auch das Preise verteilen?

Das Besondere am Bayerischen Buchpreis ist nicht nur, dass er natürlich besonders gut ist, weil er ja bayerisch ist, sondern darüber hinaus hat er auch eine (ganz ironiefrei) spannende Ausrichtung: Die dreiköpfige Jury, dieses Jahr bestehend aus Thea Dorn, Dr. Svenja Flaßpöhler und Knut Cordsen, entscheidet während der Preisverleihung am 7.11.2017 live durch eine Diskussion im Rahmen der Preisverleihung und damit ganz transparent, welches Sachbuch und welcher Roman jeweils den Bayerischen Buchpreis erhalten werden. Kann sich die Jury jeweils nicht innerhalb von einer halben Stunde auf einen von den drei nominierten Titel einigen, verfällt der Preis.

„Weil das ja klar ist“ (Zitat E. Stoiber), dass damit der Bayerische Buchpreis eben ein besonders schöner Buchpreis ist, soll diese frohe Botschaft nun auch ins Internet hineingejodelt werden: Und da kommen wir, die königlich-bayerischen Buchpreisblogger ins Spiel. Mit Laptop und Lederhose werden Birgit Böllinger vom Blog Sätze & Schätze, Marius Müller vom Blog Buch-Haltung.com und ich (Tilman Winterling und Matthias Warkus sind nämlich Preußen) den Bayerischen Buchpreis unter dem Hashtag #baybuch begleiten. Wir werden also die nominierten Bücher lesen und durch Fingerhakln schon einmal vorausorakeln, wer wohl gewinnen wird, wir werden Buchpreisbrezeln verlosen und Bayerisches Buchpreisbier brauen.

Den Ehrenpreis hat dieses Jahr jedenfalls schon einmal Tomi Ungerer erhalten.

Weitere, etwas ernsthaftere Informationen findet man unter www.bayerischer-buchpreis.de/

Ich gehe jetzt jedenfalls meinen königlich-bayerischen Buchpreisjodler üben.

Pfiad di!

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Auch ein Land der Dichterinnen und Denkerinnen

Da dieser Blogbeitrag (der übrigens den Beitrag “Zur Kritik des normierten Lesens” vom Mai der Vollständigkeit halber mit enthält) sehr lang geworden ist, könnt ihr ihn wahlweise auch als pdf runterladen, statt ihn hier online am Blog zu lesen: Auch ein Land der Dichterinnen und Denkerinnen

1. Geschlecht – Macht – Kanon: Ein Vorschlag zur Erklärung der Gegenwart aus der Vergangenheit

1.1 So ein paar Ausnahmen eben – Dichterinnen im Kanon

Das erste Mal zählte ich nach, als ich 2015 eine 11. Klasse in Deutsch unterrichtete: Ich zählte im „Grundwissen“ zum „Deutschbuch“ aus dem Cornelsen-Verlag, wie viele Frauen unter den wichtigen Autor*innen unterschiedlicher Epochen genannt werden. Es sind: 17. Und 125 Männer – dargestellt werden alle Epochen von der Antike bis zur Gegenwart. Ich weiß gar nicht, warum ich nicht früher schon einmal gezählt hatte, mir ist klar, dass andere das längst getan haben, dass anderen viel früher auffiel, dass hier irgendetwas im Verhältnis zueinander sehr schief sein muss.

Ich versuchte dann, mich an Autorinnen zu erinnern, die in meinem Germanistik-Studium vorgekommen waren, die ich während der Examensvorbereitung gelesen hatte – und warf einen Blick in „Was sollen Germanisten lesen?“ von Wulf Segebrecht,[1] ein sehr umfassendes, gründliches Buch, das zu Recht an der LMU München als Orientierung für Germanistikstudenten empfohlen wird. Ich begann erst ab dem Kapitel über das 17. Jahrhundert mit dem Zählen und stellte fest, dass Segebrecht vom 17. Jahrhundert bis 2006 446 Autoren und 77 Autorinnen auflistet. Und so gut wie keine Autor*innen der interkulturellen Literatur, Autoren wie Feridun Zaimoglu oder Rafik Schami fehlen hier, obwohl es sie 2006 im öffentlichen Leserbewusstsein ja längst gab. Beide Autoren, wie überhaupt die interkulturelle Literatur werden im oben genannten „Grundwissen“ immerhin erwähnt. Noch fataler wurde das Ergebnis mit einem Blick in „Die Leseliste“, einem Buch, das 600 Titel der Weltliteratur für Studierende der Literaturwissenschaften empfiehlt: Für den Bereich der deutschen Literatur werden hier vom Mittelalter bis zur Literatur der DDR 198 Autoren und 18 Autorinnen genannt.[2]

Was lernen Schüler*innen, was lernen Germanistikstudent*innen, wenn sie Literaturgeschichte so vorgestellt bekommen: Also als eine Geschichte, die vor allem von Männern und auch von ein paar vereinzelten Frauen erzählt, von denen aber eigentlich nur Annette von Droste-Hülshoff, Else Lasker-Schüler, Ingeborg Bachmann und vielleicht Christa Wolf oder Elfriede Jelinek auch mal aktiv im Unterricht oder Studium vorkommen? Lernen sie nicht, dass große Literatur eben vor allem von Männern, nicht von Frauen geschrieben wird? Lernen sie nicht, dass Autor*innen der interkulturellen Literatur halt dann doch nicht so wichtig sind, zumindest muss man sie nicht kennen, wenn man Germanistik studiert hat?

Lange habe ich das selbst nicht hinterfragt, habe insbesondere die extrem niedrige Zahl mir namentlich bekannter Autorinnen für den Zeitraum vor 1900 damit erklärt, dass eben einfach bis dato kaum Frauen geschrieben haben dürften, weil es nicht ins Frauenbild der damaligen Zeit passte und weil der Zugang von Frauen zu Bildung schlechter war als der von Männern. Angesichts dieser Tatsache ist es ja dann nicht verwunderlich, wenn es so wenige Autorinnen und so viele Autoren gibt.

Ich bin lange auch nicht auf die Idee gekommen, dass es doch aber spätestens da unstimmig wird, wo auch bezüglich der Literatur ab 1989 bis 2006 beispielsweise von Segebrecht in der Auflistung von „Autoren“ nur zwölf Frauen, aber 46 Männer und nur eine Autorin (Zsuzsanna Gahse) der interkulturellen Literatur genannt werden[3] – obwohl ich wusste und weiß: In diesem Zeitraum gab es natürlich viel mehr großartig schreibende Frauen, damals gab es Autor*innen mit Migrationshintergrund, die ich gerne las. Ich kannte ihre Namen, es hätte mir auffallen können, dass sie hier einfach nicht vorkamen, und dass das durchaus etwas mit der Rolle der Frau in der Literatur, nicht aber mit dem Bildungsgrad der Frauen oder der Qualität der von ihnen geschriebenen Literatur zu tun haben kann. Dasselbe gilt für die interkulturelle Literatur.

Übrigens bin ich auch nie auf die Idee gekommen, dass es auffällig ist, wie wenige deutsch-jüdische Schriftsteller*innen aus dem Zeitraum vor 1900 in Literaturgeschichten und auf solchen Leselisten erwähnt werden, obwohl diese Literatur seit der Aufklärung existiert und selbstverständlich zur deutschen Literatur gehört.[4] Ich werde darauf gegen Ende noch einmal eingehen, möchte mich aber im Folgenden vor allem auf Schriftstellerinnen und also das Thema „Geschlecht“ beziehen.

Autorinnen sind in der Literaturgeschichtsschreibung unterrepräsentiert. Autorinnen sind im Kanon unterrepräsentiert. Der von mir sehr geschätzte Kanon von Marcel Reich-Ranicki – ausgenommen der Bände zum Essay, die ich nicht in meine Zählung einbezogen habe – umfasst 41 Frauen, 268 Männer und nahezu kein*e Autor*in der interkulturellen Literatur. Das vielleicht irrwitzigste Beispiel ist die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher, erstellt von einer sechsköpfigen, rein männlichen Jury bestehend aus Rudolf Walter Leonhardt, Hans Mayer, Rolf Michaelis, Fritz J. Raddatz, Peter Wapnewski und Dieter E. Zimmer: Der internationalen Ausrichtung zum Trotz ist diesen sechs Herren genau eine Autorin eingefallen, die restlichen 99 Werke sind von Männern.

Nochmal: Was lernen Schüler*innen, Student*innen und ganz allgemein interessierte Leser*innen von solchen Listen und Ausgaben? Sie lernen unbewusst eben nicht „anspruchsvolle, wichtige deutschsprachige Literatur“ auch mit „Frauen“ und „nicht-deutsch-klingende-Nachnamen“ zu verbinden. Das lernen sie in der Schule, im Studium, beim Zeitunglesen, beim Besuch im Buchgeschäft und beim Blick auf die eigenen Klassikerausgaben.

Schon länger gibt es vor allem Frauen, die zu zählen begonnen haben: Die Autorin Nina George lieferte in ihrem Beitrag „Macho Literaturbetrieb“, den sie am 12.01.2017 auf der Website des Börsenblattes veröffentlicht hatte, Zahlen: In den großen Zeitungen „wie ‚Welt‘, ‚Zeit‘, ‚SZ‘, ‚FAZ‘, ‚Spiegel‘ usw., wirken Frauen an 25 Prozent aller Rezensionen mit. Kritiken über Autorinnen finden zwischen zehn Prozent (häufigster Wert) und 24 Prozent (zu Buchmessezeiten) statt“[5], die Jurys der wichtigen Buchpreise sind zu 23% weiblich besetzt, Männer gewinnen fünfmal so oft wichtige Literaturpreise.[6] Ein Jahr zuvor hat bereits Katy Derbyshire, Übersetzerin und Journalistin, für die Zeit Online gezählt: Nur 29% der deutschsprachigen Bücher, die ins Englische übersetzt werden, stammen von Frauen.[7] Solche Zahlen sind nicht neu, sondern haben – wie ich im Folgenden zeigen möchte – eine große historische Kontinuität.

Welche Zusammenhänge könnten also zwischen beiden Phänomenen – der Unterrepräsentation von Autorinnen in der deutschen Literaturgeschichtsschreibung und der Unterrepräsentation von Autorinnen bei Literaturpreisen etc. bestehen?

Man lehnt sich wohl nicht allzu weit aus dem Fenster, wenn man sagt: Dass anspruchsvolle, „große“ Literatur von Männern geschrieben wird, das lernen die Leser*innen von anspruchsvoller, „großer“ Literatur in der Schule, sofern sie Literaturwissenschaft studieren auch im Studium. Das lernen sie aber auch beim Blick in die Zeitung. Das nennt sich Sozialisation, und das einmal unbewusst erlernte führt man dann eben fort, wenn man nicht dazu gezwungen wird, seine eigenen unbewussten Denkstrukturen zu reflektieren.

Man lehnt sich aber eben auch dann nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man sagt: Was „große“ Literatur ist, das entschieden in der Geschichte bis vor Kurzem praktisch ausschließlich Männer und das entscheiden auch heute noch – man denke an die Zahlen von Nina George – mehrheitlich Männer. „Was sollen Germanisten lesen?“ stammt von einem Mann, die ZEIT-Bibliothek wurde von Männern erstellt, Reich-Ranickis Kanon stammt logischerweise von ihm selbst, auch der „wilde“ Kanon, der derzeit in der „Welt“ und der Sendung „KUNSCHT“ entsteht ist von Denis Scheck. Es wäre doch spannend, wenn man einen von Frauen erstellten Kanon hätte, mit dem man das alles mal vergleichen könnte.

Es ist meiner Auffassung nach an der Zeit, den schulischen und universitären Kanon und die mit ihm verbundene Literaturgeschichtsschreibung neu zu diskutieren, nicht deswegen, weil Leser*innen einen Kanon bräuchten, weil mir nicht bewusst wäre, dass auch andere ungeschriebene Kanones existieren oder deswegen, weil ich persönlich auf nationale Grenzen bezogene Leselisten noch für zeitgemäß hielte (das Gegenteil ist der Fall). Sondern deswegen, weil wir Schüler*innen und Student*innen nicht vorenthalten sollten, dass es hunderte Autorinnen gibt und gab, denn gezählt hat man schon viel früher: 1825 konnte man im deutschen Sprachraum etwa 500, 1898 über 5000 Autorinnen finden.[8] Natürlich ist nicht alles davon „große“ Literatur – mehr als die paar Frauen, die für gewöhnlich für das 19. Jahrhundert für erwähnenswert befunden werden, könnten es aber schon sein. Kanonisierung und Literaturgeschichtsschreibung, gerade für Schule und Studium, muss neu diskutiert werden – und sei es nur, um jungen Leuten nicht das falsche Bild, dass Frauen eben schon immer nur zweitklassig geschrieben haben, in den Kopf zu setzen. Und sei es nur, um jungen Frauen zu zeigen, dass es immer schon Frauen gab, die vom gesellschaftskonformen Frauenbild abgewichen sind – und dass sie eine eigene Stimme und einen eigenen Namen hatten und haben, um davon selbst zu erzählen.

Vielleicht würde es aber auch nicht schaden, doch auch malwieder darüber nachzudenken, was eigentlich Kriterien für „anspruchsvolle“, „große“ Literatur sind. Vor allem aber: Darüber, ob man nicht allzu schnell Autorinnen der Unterhaltungsliteratur zuschiebt, vor allem dann, wenn sie über Frauen oder nicht in einem Stil schreiben, der so gerne als „lakonisch“ bezeichnet wird.

Es geht nicht darum, jetzt kanonisierte Werke plötzlich für obsolet zu erklären: Keiner möchte Heinrich Heine durch Louise Aston ersetzen – aber man könnte im Deutschunterricht statt drei Gedichten von Heine doch einmal nur zwei und dafür auch eines von Aston besprechen. Und: Wir täten gut daran, mit den Autor*innen der interkulturellen Literatur nicht genauso zu verfahren wie mit den Autorinnen der deutschen Literaturgeschichte: Wir dürfen diese Literatur nicht verschwinden lassen, denn dann würden einige der besten Autor*innen, die gegenwärtig schreiben, verschwinden, und Kinder mit Migrationshintergrund würden weiterhin lernen: „‚Anspruchsvolle‘ Literatur ist etwas, mit dem Kinder wie ich nichts zu tun haben“. Man merkt, ich schreibe auch als die Deutschlehrerin, die ich war – aber ich schreibe auch als Leserin mit einer eigenen Lesebiografie, mit einer eigenen Lesesozialisation und mit dem Blick auf all das, was ich viel zu spät entdeckt habe.

Natürlich hat sich in den letzten 60 Jahren viel verändert, es tun sich große Schritte in Richtung Gleichberechtigung. Das bedeutet aber nicht, dass alles erledigt sei – Ziel dieses Einwurfes ist es, Debatten der Gegenwart aufzugreifen und sie mit literaturwissenschaftlichen Diskussionsbeiträgen insbesondere aus den letzten 50 Jahren zu verbinden, denn viele Autorinnen wurden wiederentdeckt, viele Debatten über den Kanon wurden schon geführt, sie scheinen nur nicht weit in die Öffentlichkeit vorgedrungen zu sein. In diesem Sinn bringt dieser Text, den ich gerade schreibe, wenig Neues, es ist nur der Versuch, einiges wieder in Erinnerung zu rufen, was Strukturen erklären kann, die gegenwärtig zum Glück stark diskutiert werden.

Katy Derbyshire wünschte sich 2016: „Ich will, dass junge Frauen anerkannte Autorinnen und Kritikerinnen als Vorbilder haben und ich will, dass sie ambitioniert und aufregend schreiben.“[9] Ich behaupte: Wir haben sie, diese Autorinnen, wir müssen sie nur wieder sichtbar machen.

1.2 Wie um 1800 die Strukturen entstehen, die bis heute fortwirken

Doch wie sind sie eigentlich verschwunden? Es gibt ja heute keine bewusste männliche Verschwörung, in der ein Club von Literaturkritikern und Literaturwissenschaftlern absichtlich Frauen unterschlagen und ignorieren würde – aber die heutige Situation ist aus historisch vorgeprägten, sich hartnäckig reproduzierenden Strukturen entstanden. Denn der heutige Status quo ist historisch gewachsen, und es schadet nicht, sich das vor Augen zu führen, um im Vergangenen das Heutige erkennen zu können, auch wenn ich dazu etwas ausholen muss. Pierre Bourdieu schreibt in „Die männliche Herrschaft“, dass „das Ewig-Währende in der Geschichte nichts anderes sein kann als das Ergebnis einer geschichtlichen Verewigungsarbeit“, weswegen es gelte, „die Geschichte der geschichtlichen Enthistorisierungsarbeit zu rekonstruieren, oder, wenn man das vorzieht, die Geschichte der fortdauernden (Wieder-)Herstellung der objektiven und subjektiven Strukturen männlicher Herrschaft, die sich, seit es Männer und Frauen gibt, permanent vollzieht und durch die männliche Herrschaft kontinuierlich von Generation zu Generation reproduziert wird.“[10] Ich möchte also im Folgenden fragen, wie und wann die bis heute bestehenden Strukturen entstanden sind, um vielleicht einen kleinen Beitrag dazu zu leisten, eine Geschichte, die fast nur von Männern erzählt und damit so tut, als wäre Geschichte immer schon vorwiegend von Männern geschrieben worden, als wäre die Marginalisierung von Frauen ein Naturgesetz, wieder zu historisieren.

Unsere Gesellschaft, wie sie heute ist – also nicht mehr in Stände wie Geistliche, Adelige und Bauern, sondern arbeitsteilig und in Schichten gegliedert – entstand um 1800, während der sogenannten „Sattelzeit“ zwischen 1750 und 1850. Das Bürgertum entstand im 18. Jahrhundert und war aufgrund seiner Bildung und seines Vermögens für den Adel nicht mehr zu ignorieren – Ständegrenzen lösten sich auf, dafür entstanden neue Grenzen, die bis heute unsere Gesellschaft strukturieren, eben die von Vermögen und Bildung, die man wiederum in Vermögen umwandeln kann, denn wer gut ausgebildet ist, verdient meist mehr. Das gebildete Bürgertum wird aber eben auch deswegen wichtig, weil sich die Gesellschaft immer weiter funktional ausdifferenziert: Die Arbeitsteilung, die auch heute noch unsere Wirtschaft bestimmt, gewinnt an Bedeutung.

Und indem damit viel alte Ordnung einbrach, entstand neue: Die Distinktion der Oberschicht von der Mittelschicht durch Bildung und Geld, die Distinktion der Mittelschicht von der Unterschicht durch Aufstiegswillen und Geld, soziale Mobilität mit allen sie erschwerenden Stolperfallen und: die Geschlechtscharaktertheorie.[11] Fand zuvor Familienleben im „großen Haus“ statt, also etwa auf einem Bauernhof, wo man mit mehreren Generationen und allen Angestellten zusammenlebte und arbeitete, lebte die neue bürgerliche Familie als Kernfamilie zusammen. Erwerbsleben und Familienleben wurden voneinander getrennt, und wollte man im harten sozialen Aufstiegskampf nicht auch noch die Konkurrenz von gebildeten Frauen zu fürchten haben, musste man ihren Wirkungsbereich einschränken. Dies galt umso mehr, als im Zuge der Französischen Revolution erstmals Forderung nach der Gleichberechtigung der Frau laut gestellt worden waren.

Dankenswerterweise war sich ein geraumer Teil der männlichen großen Dichter und Denker dieser Zeit ganz sicher, diese argumentative Lücke im Sozialleben, die durch die Trennung von Erwerbs- und Familienleben entstanden ist, angemessen füllen zu können und so begründen zu können, warum die Frau eben nur eine Rolle im Familien, nicht aber im Erwerbsleben spielen darf: So ging Rousseau in seinem Erziehungsroman „Émile“ (1762) mit gutem Beispiel voran und wies nach, dass die Frau dem Mann natürlich unterlegen ist, überhaupt nur des Mannes wegen auf der Welt sei, wesentlich durch ihr Geschlecht bestimmt sei und damit keinen bildungsmäßigen Eigenwert habe. Da der natürliche Zustand der Frau ohnehin der der Abhängigkeit vom Mann ist, braucht es auch keine Erziehung zur Unabhängigkeit, sondern nur eine zur dienenden Liebe. Bildung, die die Ausbildung von Individualität ermöglicht, das Sammeln von eigenen Erfahrungen, sind unnötig – die Frau soll keine Individualität ausbilden, sondern sich dem Mann fügen, also auf eigene Individualität verzichten – die natürliche Pflicht der Frau ist die Trias von Hausfrau, Gattin und Mutter, eine weitere Bestimmung oder Aufgabe ist weder nötig noch erwünscht.[12] Die neu entstandene Lebensordnung, in der Arbeit und Privates getrennt waren, wurde mit der Geschlechtscharaktertheorie als „natürlich“ festgeschrieben und legitimiert und den Geschlechtern eingeschrieben,[13] die damit nicht mehr nur wie bisher einander untergeordnet, sondern nun auch einander entgegengesetzt waren. Der öffentliche Raum war nun natürlicherweise männlich, der private weiblich.

Diese sogenannte Geschlechtscharaktertheorie wurde dankbar unter anderem von Immanuel Kant, Wilhelm von Humboldt, dessen Bildungsbegriff unser Bildungssystem bis heute prägt, und Johann Gottlieb Fichte aufgegriffen und weiter verbreitet.[14] Es beteiligten sich daran aber auch zahlreiche Dichter und Popularphilosophen, die Theorie prägte das Denken der Zeit bis in die Bereiche von Medizin, Biologie und Anthropologie hinein. Geht es beispielsweise nach dem „Väterlichen Rath für meine Tochter“ von Johann Heinrich Campe von 1788, so sollen Frauen vor allem zu Entsagung, Affektkontrolle und Selbstverleugnung erzogen werden[15] – und es ist ja beinahe schon lustig, welches Selbstbild man von sich als Ehemann und Vater wohl haben muss, wenn man meint, dies seien die Fähigkeiten, die Frauen am meisten im Leben brauchen. Leider ist es aber natürlich nicht lustig, denn diese Theorie prägte das Denken bis in das 20. Jahrhundert, sorgte für eine bis ins 19. Jahrhundert rechtlich festgehaltene „Geschlechtsvormundschaft“ von Männern über Frauen[16] und Versatzstücke dieser Geschlechterrollenbilder finden wir noch heute. Der Umbruch um 1800 prägt unsere Gesellschaft bis heute – und die ihn begleitende Geschlechtscharaktertheorie ebenso.

Diese Theorie führte zum Ausschluss der Frauen von höherer Bildung und einem Studium – letzteres wird erst mit dem Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhundert möglich. Sie führte aber auch zum faktischen Ausschluss der Frauen vom öffentlichen Leben. „Geschlechtscharakterdefinitionen haben zum Teil die Standesdefinition ersetzt“[17], gesellschaftliche Rollen werden nicht mehr über soziale Positionen und ihnen entsprechende Tugenden (Tüchtigkeit, Gehorsam etc.) definiert, sondern über das Geschlecht. Und das Geschlecht definiert Männer als rational und aktiv, Frauen als emotional und passiv.[18] Welche fatale Folgen diese Zuschreibungen für beide Geschlechter bis heute haben, ist bekannt: Gefühlvolle Männer gelten als unmännlich, eine rationale Frau wird schnell zur „Eiskönigin“.

Natürlich fehlen Frauen in Literaturwissenschaft und als Literaturgeschichtsschreibende bis ins 20. Jahrhundert, wenn ihnen der Zugang zur Universität verwehrt blieb. Und natürlich entwickelten sich so über mehr als ein Jahrhundert in beiden Bereichen exklusiv männlich-bürgerliche Muster, die Frauen – ebenso wie Menschen unterer Schichten – ausschließen. Nicht nur die Geschichtsschreibung entwickelte sich lange Zeit als eine Geschichtsschreibung großer Männer und ihrer tollen Taten – auch die Literaturgeschichtsschreibung und -wissenschaft entwickelte sich so. Und diese Phase der Geschichte ist weder lang genug her noch genug im Bewusstsein der Literaturwissenschaft oder der Öffentlichkeit verankert, als dass diese Muster nicht durch wissenschaftliche Sozialisation an den wissenschaftlichen Nachwuchs, und auch an den weiblichen wissenschaftlichen Nachwuchs, weitergegeben würde.

Immanuel Kant dagegen hätte das Fehlen von Frauen in Literaturwissenschaft und Literaturgeschichtsschreibung wohl anders begründet: „Das schöne Geschlecht hat eben so wohl einen Verstand als das männliche, nur es ist ein schöner Verstand, der unsrige soll ein tiefer Verstand sein, welches ein Ausdruck ist, der einerlei mit dem Erhabenen bedeutet.“[19] Zu wahrer, tiefer Erkenntnis ist die Frau eben nicht fähig – das Erhabene erschließt sich nur dem Mann. Schade auch. Aufklärung ist dann im Vollsinne eben doch eher etwas für Männer, und wenn im 19. Jahrhundert die Rede von den Deutschen als Volk der „Dichter und Denker“ entsteht, dann ist die männliche Form hier nicht so zu verstehen, dass sie Frauen unausgesprochen mitdenkt, sondern meint genau das, was sie sagt: Dichtende und denkende Männer.

Frauen, die rein passiv, rein empfangend sind und keine Individualität ausbilden durften, können nicht kreativ und schöpferisch tätig sein,[20] denn dazu müssten sie ja zu Aktivität und Individualität fähig sein – sie können keine Genies sein, und der Genie-Kult, die Idee, dass der Autor ein aus der Zeit herausragender, innovativer Schöpfer zu sein habe, erblühte zu genau derselben Zeit, zu der die Geschlechtscharaktertheorie entstand. Die Vorstellung vom „Genie“ ist ein exklusiv männliches Modell und ist auch als genau solches historisch entstanden. Beides wirkte sich dauerhaft auf Literaturbetrieb, Literaturwissenschaft und Literaturgeschichtsschreibung aus – doch dazu später mehr.

Zunächst: Eine Frau, die im 18. und 19. Jahrhundert schrieb oder gar so abwegige Forderungen wie die nach Bildung, Gleichberechtigung, öffentlicher Teilhabe oder nur einer Berufstätigkeit stellte, war eine Frau, die den ihr durch die Natur zugewiesenen Raum verlassen wollte, die die öffentliche Ordnung gefährden wollte. Wir finden diese Argumentationsmuster noch in den 1970er Jahren in der Bundesrepublik und gelegentlich hören wir sie noch heute – eine Mutter gehört eben nach Hause zu ihrem Kind, das will die Natur so, und die „gender-Ideologie“ mit ihrer „Frühsexualisierung“ gefährdet die Gesellschaft in ihrer natürlichen Ordnung, meinen besorgte Bürger. Bis heute ist das alte bürgerliche Ideologie.

Schreibende Frauen im 18. und 19. Jahrhundert mussten entsprechend immer wieder betonen, dass durch ihre Schriftstellerei ihre Weiblichkeit nicht verloren gehe,[21] wollten sie nicht als Frauen disqualifiziert werden. Wollten Dichterinnen aber erfolgreich schreiben, ernst genommen werden und der Marginalisierung im Kanon entgehen, durften sie nicht „weiblich“ schreiben, denn dies galt als Makel: So versicherten Annette von Droste-Hülshoff und andere Autorinnen, mit denen sie in Kontakt stand, sich wechselseitig, dass ihre Werke alle Spuren weiblicher Autorschaft verbergen – und dies galt als hohes Lob. Auf ganz ähnliche Weise lobten männliche Interpreten die Männlichkeit der Werke von Marie von Ebner-Eschenbach und von Betty Paoli. Um die Frauen damit aber nicht ob dieses Verstoßes gegen die natürliche Ordnung völlig zu diskreditieren, fügte man stets schnell hinzu, dass dies Ausdruck geläuterter Weiblichkeit oder eben trotzdem nicht unweiblich sei.[22] So oder so – und darauf werde ich später zurückkommen: Zu „schreiben wie ein Mann“ ist seit dem 18. und 19. Jahrhundert ein hohes Lob für eine schreibende Frau.

Ganz und gar kein Lob für eine Frau war es dagegen, wenn man ihr vorhielt, sich zu verhalten wie ein Mann: Etwa wenn Heinrich von Kleist seiner Schwester Ulrike empört von ihrem „strafbaren und verbrecherischen Entschluß“ abrät, nicht heiraten und dafür auf Reisen gehen zu wollen – also ihre „höchste Bestimmung“ und „heiligste Pflicht“ nicht zu erfüllen.[23] Oder wenn die Frau den Wunsch nach Wissenserwerb hat, kritisch ihre Meinung äußert oder über Gelehrsamkeit verfügt – die „gelehrte Frau“ war Schreckensbild und beliebter Gegenstand satirischen Spottes etwa durch Molière, Johann Gottfried Herder und Friedrich Schiller.[24] Letzterer lässt in seinem Gedicht „Die berühmte Frau. Epistel eines Ehemannes an einen anderen“ das lyrische Ich eines Ehemannes auf den Brief eines anderen Ehemannes antworten, der sich beklagt hat, dass seine Frau ihn betrogen habe. Das lyrische Ich aus „Die berühmte Frau“ hat es jedoch ungleich schwerer, schließlich ist seine Frau Schriftstellerin:

„Dich schmerzt, daß sich in deine Rechte
Ein Zweiter teilt? – Beneidenswerther Mann!
Mein Weib gehört dem ganzen menschlichen Geschlechte
Vom Belt bis an der Mosel Strand,
Bis an die Apenninenwand,
Bis in die Vaterstadt der Moden,
Wird sie in allen Buden feilgeboten,
Muß sie auf Diligencen, Paketbooten
Von jedem Schulfuchs, jedem Hasen
Kunstrichterlich sich mustern lassen,
Muß sie der Brille des Philisters stehn
Und, wie’s ein schmutz’ger Aristarch befohlen,
Auf Blumen oder heißen Kohlen
Zum Ehrentempel oder Pranger gehn.
Ein Leipziger – daß Gott ihn strafen wollte! –
Nimmt topographisch sie wie eine Festung auf
Und bietet Gegenden dem Publicum zu Kauf,
Wovon ich billig doch allein nur sprechen sollte.

[…]

Wen hab’ ich nun? – Beweinenswerther Tausch!
Erwacht aus diesem Wonnerausch,
Was ist von diesem Engel mir geblieben?
Ein starker Geist in einem zarten Leib,
Ein Zwitter zwischen Mann und Weib,
Gleich ungeschickt zum Herrschen und zum Lieben;
Ein Kind mit eines Riesen Waffen,
Ein Mittelding von Weisen und von Affen!
Und kümmerlich dem stärkern nachzukriechen,
Dem schöneren Geschlecht entflohn,
Herabgestürzt von einem Thron,
Des Reizes heiligen Mysterien entwichen,
Aus Cythereas goldnem Buch gestrichen
Für – einer Zeitung Gnadenlohn!“

Die Schriftstellerin verliert offensichtlich durch ihren erfolgreich ausgeführten Beruf nicht nur ihre Weiblichkeit, wird zu einem Zwitterwesen, ihre Schriftstellerei rückt sie auch in die Nähe einer Prostituierten, die von jedermann begutachtet wird, ihren Ehemann mit der Öffentlichkeit betrügt und das alles für „einer Zeitung Gandenlohn“. Damit schimmert auch durch, was jenseits des etablierten Frauenbildes noch hinter der Ablehnung schreibender Frauen stehen könnte: Diese waren kommerziell oft sehr erfolgreich und also Konkurrenz. Die Überlegenheit der wahren Kunst wird bis heute auch durch eine distinktive Abwertung der kommerziellen Kunst als „Massenware für den Massengeschmack“ erwiesen.

Schiller veröffentlichte auch Texte von Dichterinnen im Musen-Almanach und förderte Schriftstellerinnen wie Sophie Mereau und Karoline Louise Brachmann – das hinderte ihn offensichtlich aber nicht daran, das lyrische Ich aus obigem Gedicht solche Frauen herabwürdigen zu lassen. Frauen wurden also nicht nur rechtlich, sondern auch durch soziale Stigmatisierung von Bildung und öffentlichem Leben ausgeschlossen. Um so bemerkenswerter, wie viele Frauen dennoch mutig genug waren, ihr Leben so gut es ging anders zu gestalten.

Gleichzeitig darf aber nicht unterschlagen werden, dass dies die Probleme bürgerlicher und adeliger Frauen waren – und kaum die von Frauen der Unterschicht, die immer arbeiten mussten und, ebenso wie ihre Männer und Söhne, in der Regel noch weniger oder gar keinen Zugang zu Bildung hatten. Literatur und Repräsentation in Literaturwissenschaft und Literaturgeschichtsschreibung – und damit dieser von mir hier geschriebene Text selbst – sind bürgerliche Themen, Arbeiterliteratur war in der Geschichte und ist aktuell oft genug Literatur über Arbeiter, nicht von Arbeitern. Selbst in der Gruppe 61, die ja ebenfalls praktisch aus dem kollektiven literaturgeschichtlichen Gedächtnis verschwunden ist, waren kaum Arbeiter. Soziale Herkunft entschied und entscheidet noch heute über kulturelle Teilhabe: Leseförderung, die Suche nach Geschichten, die Identifikationsfiguren auch für Kinder und Jugendliche der unteren Milieus bieten, und ja, auch die Suche nach schreibenden Vorbildern der unteren Milieus in der Literaturgeschichte, die Mut machen, selbst das Schreiben zu versuchen – das sind nur einige der Aufgaben, deren Wichtigkeit ich nicht genug unterstreichen kann.

Wie stark Autorschaft und soziale Herkunft zusammenhängen, wurde 2014 auf den Artikel „Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn!“ von Florian Kessler[25] hin im Feuilleton breit diskutiert – Konsequenzen wurden aber keine gezogen. Wer hier etwas ändern möchte, wird unter anderem an der Schule ansetzen müssen, an ihrem Kanon, an den dort gelesenen Werken. Wer hier etwas ändern will, wird sich engagieren müssen: Durch Schreibworkshops, Lesevorbilder, durch echtes Interesse an Bildungspolitik und am Abbau der in Deutschland im internationalen Vergleich immer noch zu hohem schichtspezifischen Bildungsungleichheit[26] und vor allem auch: Durch den Abbau von Distinktionsmechanismen, die im Literaturbetrieb nur zu verbreitet sind, und die oft genug ja sogar auf die, die dem Betrieb angehören, abstoßend wirken.

Und auf gar keinen Fall sollte – ich schrieb das bereits – zugelassen werden, dass die interkulturelle Literatur marginalisiert und in der Literaturgeschichtsschreibung unterrepräsentiert wird. Dies passiert ja schon durch diese eigene Bezeichnung oder durch die geläufigere Bezeichnung als „Migrationsliteratur“, die inhaltlich und stilistisch völlig unterschiedliche Texte allein aufgrund der Herkunft der/s Autor*in oder deren/dessen Eltern zusammenfasst. Damit werden diese Texte zu einem Sonderbereich für Sonderinteressierte. In Wahrheit wären viele dieser Romane besser als Gesellschaftsromane oder schlicht als realistische Romane zu bezeichnen, gerade in einem Land, in dem inzwischen doch auch angekommen ist, dass es ein Zuwanderungsland ist. Migration gehört zur Gesellschaft, „Migrationsliteratur“ gehört zur Gesellschaft. Es wäre wünschenswert, diese Literatur nicht künstlich abzuspalten, es wäre dringend wünschenswert, wenn es nicht nur Autor*innen mit Migrationshintergrund, sondern auch mehr Germanist*innen, Literaturkritiker*innen, Verleger*innen und Lektor*innen mit Migrationshintergrund gäbe. Es wäre schön, auf Lesungen nicht nur weiße alte Leute zu sehen, sondern auch junge Frauen mit Kopftuch.

Repräsentation in Literatur ist wichtig. Es gibt nicht nur eine Lesesozialisation, von der gleich noch die Rede sein wird, also einen Erwerb von einem bestimmten Leseverhalten, sondern es gibt auch Sozialisation durch Lesen. Wenn Kindern niemand davon erzählt, dass man als Mädchen mit Kopftuch Ärztin werden kann, dass man als Junge arbeitsloser Eltern Literaturkritiker werden kann, dann haben sie vielleicht diese Ideen oder den Mut dazu auch deutlich seltener. Und das wäre doch schade.

In Wahrheit scheint es für mich oft so, als ob Literaturkritiker*innen und Literaturwissenschaftler*innen oft genug eben Dinge gerne lesen, die sie interessieren, die zur eigenen Welt passen – das ist menschlich. Man umgibt sich gerne mit Dingen und Menschen, die zu einem passen, die ähnliche Vorlieben erkennen lassen, einen ähnlichen Humor, ähnliche Lebensentwürfe und Probleme haben. Und so lesen viele Literaturkritiker und -wissenschaftler eben Bücher über Männer aus dem bürgerlichen Milieu von Männern aus dem bürgerlichen Milieu, weil sie diesem selbst entstammen oder die ästhetischen Ideale dieses Milieus erlernt haben. Oft genug habe ich auch den Eindruck, die Lektüre von Literaturkritiker*innen ist nicht besonders theoretisch reflektiert, schon gar nicht theoriegeleitet, sondern auch bloßes Geschmacksurteil, verkleidet hinter ein paar Versatzstücken literaturwissenschaftlicher Begrifflichkeiten. Ich lese jedenfalls selten genug Rezensionen im Feuilleton, die ein Werk an dem von ihm erhobenen Anspruch messen, ich lese oft: lange Inhaltsangaben und ein Geschmacksurteil. Darauf weist auch die Konjunktur die Adjektive wie „authentisch“ und „furios“ im Rezensionswesen haben: Beide werden lobend gebraucht, spiegeln aber nichts anderes als einen subjektiven Leseeindruck, man fand eben das, was man da gelesen hat, irgendwie glaubwürdig bzw. mitreißend. Und das kann man ja machen, nur so tun, als wäre man bei seinem Urteil dann primär analytisch, kriteriengeleitet und objektiv, kann man halt nicht. Denn das entlarvt diesen Anspruch dann vor allem als distinktiven Habitus, als distinktives Sprachspiel.

1.3 Lesehabitus und Lesesozialisation – Wurzeln und Folgen

Aber zurück zu Frauen um 1800 und Literatur. Aufgrund der rasch zunehmenden Literarisierung im Zuge der bürgerlichen Aufklärungsbewegung, die ja auch ein entscheidender Faktor für soziale Mobilität durch Bildung war, entstand in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nicht nur die arbeitsteilige Gesellschaft, in der wir heute leben, und die Geschlechtscharaktertheorie, sondern auch ein schnell wachsender Buchmarkt, auf dessen Struktur später noch genauer einzugehen sein wird, der sich aber, so viel sei vorweggenommen, in den Strukturen, in denen er damals entstanden ist, doch überraschend weitgehend erhalten hat. Hier soll es zunächst um den schnellen Anstieg der Zahl lesender Frauen und ihrer Lesefähigkeit, aber auch die ansteigende Zahl lesender Männer aus den nicht-akademischen Schichten gehen: „Das Lesen und der Zugang zur Schönen Literatur, besonders zu populären Romanen, waren im Gefolge der Französischen Revolution und eines wachsenden Laienpublikums […] ‚demokratisiert‘ worden.“[27] Und da die Möglichkeit sozialen Aufstiegs auch immer das Bedürfnis von Angehörigen oberer Schichten bedeutet, ihren Status zu sichern und sozialen Aufstieg von unten zu unterbinden, entstanden hier distinktive Strukturen, die bis heute fortdauern.

Die Frauen lasen, weil sie von höherer Bildung und öffentlichem Leben ausgeschlossen waren, weil sie sich nur so kulturelle Inhalte vermitteln konnten.[28] Es bildeten sich zwei Lesemodi heraus: Frauen lasen instrumental, etwa um Fremdsprachen zu lernen, meist aber lasen sie identifikatorisch:[29] Lesen war „zunehmend eine Komponsation für das zurückgezogene und eingeschränkte Leben in der Familie, eine Bereicherung und Intensivierung ihres inneren Lebens […] [Frauen lasen] indem sie eine Identifikation zwischen Textbedeutung und sozialer Lebenswelt herstellten oder auch in einem inneren Dialog zu einer Identitätsbildung kamen.“[30]

Insbesondere der zuletzt genannte dominierende extensive, identifikatorische Lesemodus entstand auch deswegen, weil Frauen eben keinen Zugang zu höherer Bildung hatten – der intensive, reflexive Lesemodus von Männern, den diese an moralischer, philosophischer oder wissenschaftlicher Sachliteratur entwickelten, musste Frauen unter diesen Bedingungen fremd bleiben. Und der extensive, identifikatorische Lesemodus ging eben „extensiv“ mit dem Lesen in Masse und dem Austausch über das Gelesene einher: Frauen lasen alles, was sie in die Finger bekamen, und es bildeten sich schon bald private Lesekreise heraus. Aus den vereinsmäßig organisierten Lesegesellschaften wurden Frauen dagegen ausgeschlossen, dasselbe galt für Juden. Aufgrund der regen Nachfrage nach neuer Lektüre bildeten sich am Ende des 18. Jahrhunderts sich rasch ausbreitende kommerzielle Leihbibliotheken heraus, die vor allem Frauen und weniger vermögende Bürger, die sich keine Bücher leisten konnten, nutzten.[31]

Das ging natürlich mit Distinktionsgebaren und Kritik durch die gebildete Männerwelt, natürlich auch durch eifrig um das sittliche Frauenbild bemühter Frauen, einher: Die Leihbibliotheken wurden als „Arsenik des Geistes“ und „moralische Bordelle“ bezeichnet,[32] es entbrannte eine aufgeregte Debatte über die „Lesewut“ und „Lesesucht“ der Frauen und von Männern aus nicht-akademischen Schichten und die Sittenverderbnis, zu der diese führe – in Schillers „Kabale und Liebe“ sagt Vater Miller zu seiner Tochter: „Da haben wir’s, das ist die Frucht von dem gottlosen Lesen“.[33] Pfarrer, Literaten und Pädagogen wie Joachim Heinrich Campe oder Christian Friedrich Germershausen sprachen sich gegen die Vielleserei aus und mahnten die Frauen, ihre Pflichten einzuhalten, Johann Gottfried Hoche beklagte sich 1791 anonym in den „Vertrauten Briefen über die jetzige abentheuerliche Lesesucht und über den Einfluß derselben auf die Verminderung des häuslichen und öffentlichen Glücks“, Clemens Brentano belustigte sich in einem Brief an seine Schwester Sophie Brentano über Romane lesende Frauen.[34] Die frühe Kanonisierung der Deutschen Klassik um 1800 speiste sich auch aus den Debatten um die Lesesucht: Als Maßnahme zur „Rezentrierung, als Lesesuchttherapie“[35] wurde eine Beschränkung der privaten Lektüre auf die Klassiker wie Goethe, Schiller, Wieland und Voß empfohlen, da diese eine intensive, langsame, mehrmalige Rezeptionsweise verlangten und damit extensives Lesen verhindern sollten.[36] Durchsetzen wird sich diese „Therapie“ nicht – Mädchen bleibt bis ins 20. Jahrhundert der Zugang zu den antiken wie deutschen Klassikern aufgrund ihres Ausschlusses vom Besuch höherer Schulen in der Regel vorenthalten.[37] Und damit wurde ihnen auch das Erlernen des intensiven, reflexiven Lesemodus, den Schüler*innen noch heute an der gymnasialen Oberstufe im Deutschunterricht lernen, vorenthalten.

„Diese Schriften versuchten, das Lesen der Frauen und oft auch der ‚einfachen Leute‘ zu reglementieren, zu beeinflussen, zu beschneiden und nützlich und moralisch zu machen. Besonders kritisiert wurde das Interesse der Leserinnen an den Figuren und Inhalten der Fiktionen, am Stoff, und ihre Neigung zu Romanen, die als ästhetisch minderwertig, ‚trivial‘, bezeichnet und abgewertet wurden.“[38] Der Maßstab der Kritik war der von den Männern als ideal festgesetzte intensive, reflexive Lesemodus. Diese Männer gehörten zur herrschenden Schicht – sie hatten die kulturelle wie ökonomische Macht, ihren Lesehabitus als Ideal festzuschreiben, indem sie beispielsweise als Fachautoritäten Bücher darüber schrieben oder ihn mit ihrem sozialen Prestige vorlebten. Der Versuch von Frauen und einfachen Bürgern, sich ohne die Anleitung in jahrelangem Schul- und Universitätsbesuch Bildung anzueignen, wurde herabklassifiziert und so reglementiert, dass sich die betreffenden Personengruppen lieber nützlich fortbildeten. Und unter anderem das nennt sich Distinktion.

Warum sollte das alles für die heutige Situation wichtig sein? Schlicht und ergreifend: Weil die damals entstandenen Strukturen bis heute fortdauern.

Das betrifft zum einen die geschlechtsspezifischen Unterschiede im Lesemodus: Bis heute zeigen empirische Erhebungen zur Lesesozialisation, dass Mädchen mehr und lieber lesen als Jungen, dass sie dabei einen intimen, emotionalen, identifizierenden Lesemodus bevorzugen, den Jungen auch, aber eben sehr viel seltener nutzen. Jungen nutzen vor allem den partizipativen Lesemodus, also sie Lesen, um an der kulturellen und sozialen Wirklichkeit teilzunehmen – ihre Lesemotivation liegt weniger als bei Mädchen im Text selbst als mehr in der Teilnahme an öffentlicher und privater Kommunikation, die durch den Text ermöglicht wird. Beide Geschlechter nutzen darüber hinaus den instrumentalen Lesemodus, wobei Mädchen hier laut PISA kompetenter sind, den interessenorientierten Lesemodus, der von Jungen stärker genutzt wird, den Erkenntnismodus und den ästhetischen Modus. Mädchen lesen eher fiktionale Texte, Jungen eher Sachtexte, wobei männliche Leser, die ausschließlich Sachtexte lesen, fiktionale Texte und identifikatorisches Lesen meist polemisch abwerten.[39] Jungen lesen statistisch eher sachbezogen und distanziert, Mädchen emphatisch und emotional involviert.[40]

Die Parallelen zu der Zeit um 1800 und im 19. Jahrhundert muss ich nun vermutlich nicht mehr ausbuchstabieren – die Ergebnisse empirischer Leseforschung „bestätigen in doppelter Hinsicht die Wirksamkeit [von männlichem und weiblichem Lesemodus] bis heute: zum einen in ihren Ergebnissen, indirekt aber bereits durch die Anlage der Studien, die diese Ergebnisse produzieren und sie damit differenzierungsbedürftig erscheinen lassen.“[41]

Frauen konnten keinen Lesemodus entwickeln, der auf Partizipation aufgerichtet war, da sie nicht partizipieren durften. So hat denn auch eine sozialgeschichtliche Erklärung dieser Unterschiede zwischen dem Leseverhalten von Mädchen und Jungen eine gewisse Plausibilität: Die Lesemodi und die Haltungen anderen Lesemodi gegenüber, die um 1800 entstanden sind, haben sich bis heute erhalten und werden weiterhin durch Sozialisation weitergegeben.[42]

Eine kurze Seitenbemerkung sei noch erlaubt: Mädchen lesen – vermutlich da das extensive Lesen mit dem identifikatorischen Lesen verbunden ist und Lesen eben eine Kulturtechnik ist, in der man durch viel Übung besser wird – laut PISA besser als Jungen. Noch schlechter schneiden Jungen aus niedrigeren sozialen Schichten bei der Lesekompetenz ab. Wenn nun das Viellesen, das identifikatorische Lesen nicht mehr derart als unmännlich verbrämt würde – vielleicht würden einige Jungen mehr und besser lesen? Die Lesekompetenz ist eine Schlüsselkompetenz für das deutsche Bildungssystem: Wer schlecht liest, tut sich auch noch in naturwissenschaftlichen Fächern schwer, denn auch dort muss man erst einmal die Aufgabenstellung richtig lesen und verstehen können. In einem Land, in dem nach wie vor soziale Bildungsungleichheit herrscht und in dem Mädchen im Schulsystem besser abschneiden als Jungen – vielleicht wäre es ein Beitrag zu mehr Bildungsgerechtigkeit, wenn man Jungen nicht aus altem Dünkel heraus einen Lesemodus vorenthält, der vielleicht eher zu mehr Lesekompetenz als zu emotionaler Hirnerweichung führt.[43]

Doch zurück zu Strukturen, die sich erhalten haben: Erhalten haben sich eben auch die Abwertungs- und Distinktionsmechanismen, die bis heute gegenüber einem intimen, emotionalen Lesemodus bestehen. Dies wird deutlich, wenn man auf die Art und Weise, wie einzelne Feuilletonjournalisten auf Buchblogger, die im Internet über gelesene Bücher schreiben, reagieren. Wie um 1800 das Lesen und der Zugang zu Literatur demokratisiert worden sind, so demokratisieren nun im Internet über Bücher schreibende Laien der Diskurs über Literatur – und wie die Demokratisierung des Lesens nicht zu Verdummung, dem Niedergang der Buchkultur oder dem Ausbleiben toller Bücher geführt hat, werden die Buchblogger auch nicht zu Verdummung und dem Niedergang der professionellen Literaturkritik führen. Aber manch einer scheint genau das zu fürchten – vermutlich, weil durch Buchblogger erstmals die Teile des Buchmarktes sichtbar werden, die das Feuilleton sonst weitgehend ignoriert hat, also alles aus dem Bereich der Genre-Literatur (Krimi, Thriller, Science fiction, Fantasy, Romance etc.), und eben manch einer zum ersten Mal sieht, was eigentlich außerhalb seines Milieus passiert. Das Internet macht das breite Lesepublikum sichtbar, das immer schon da war, das man bislang aber leichter ausblenden konnte.

Ungefähr einmal im Jahr – meistens um das Sommerloch herum – schreibt jemand aus dem Feuilleton einen kritischen Artikel über die mehrheitlich weiblichen Buchblogger, und man darf daraus nicht auf die Haltung des Feuilleton insgesamt den Buchbloggern gegenüber schließen. Aber ein paar Journalist*innen, die so denken, scheint es offensichtlich zu geben.

Kritisiert wird an ihnen häufig das subjektive Urteil von Bloggern, die Betonung des Leser-Ichs in Formulierungen wie „ich habe das gern gelesen“ und die gefühlsbetonte Art, über Literatur zu schreiben.[44] Identifikation, emotionale Lektüre, subjektives Urteil sind Kennzeichen eines identifikatorischen Lesemodus, der hier als illegitim erklärt wird – im Literaturbetrieb, insbesondere in der Literaturkritik abgewertet wird also eine Gruppe Leser*innen mit einem typischerweise weiblichen Lesemodus und Zugang zu Literatur, die die Unsichtbarkeit des privaten Lesekreises verlässt und im Internet sichtbar wird, so wie Frauen eh und je abgewertet wurden, sobald sie die Unsichtbarkeit des häuslichen Raumes verließen, weil das die etablierte Ordnung verletzt. Diese Abwertung findet statt, weil der Lesemodus dieser Gruppe eben nicht mit dem etablierten, herrschenden Lesemodus kompatibel ist, der seit 1800 zu der männlich geprägten professionellen Literaturkritik gehört.

Dabei scheint völlig unerheblich, dass ein großer Teil des Lesepublikums diesen Lesemodus nicht teilt – die Literaturkritik bleibt in ihrem Milieu. Dabei scheint auch völlig unerheblich, dass man natürlich auch auf eine identifikatorische Lektüre im Nachhinein reflektieren kann, dass man auch hier ästhetische Kriterien finden kann, so dass man intersubjektiv auch über sog. „Trivialliteratur“ oder über identifikatorisch gelesene „anspruchsvolle Literatur“ sprechen könnte und damit vielleicht nicht mehr weite Teile der Literaturproduktion und des Lesepublikums aus einem Diskurs über gute Literatur, die (Achtung, Binsenweisheit) ganz unterschiedlich bestimmt werden kann, ausschließen müsste. Im besten Fall wäre das die Lücke, die Buchblogger in Zukunft füllen. Im schlimmsten Falle tragen diese aber lediglich ihre Subjektivität zum Markt, dienen als Werbeflächen und vermarkten damit auch noch den privaten Leseprozess.

Wie stark einzelne Vertreter des Feuilleton – freilich nicht alle – bei diesem angesprochenen Distinktionsgebaren historisch gewachsene Strukturen bedienen, wie wenig ihre Abwertungen zufällig sind, zeigt sich an einem Artikel wie „Lesewut 3.0“ aus der Welt:[45]

„Literaturblogger von heute sind 3.0. Sie labern und fingern gern vor laufender Kamera herum. Beliebt sind Nagellackfarben passend zum Buchcover.

Gefühlte 90 Prozent aller Buchblogger sind weiblich. Die Verhältnisse sind also ein bisschen so wie im Germanistikstudium, nur stylisher. Manche Buchbloggerinnen tun nichts anderes, als Bücher in schöner Umgebung zu drapieren. Das gute Buch zur schönen Blume (wahlweise auch Teetasse, Lichterkette, Sofadecke).“

Schon der Titel „Lesewut 3.0“ wiederholt das Vokabular, mit dem lesende Frauen und einfache Bürger bereits um 1800 abgewertet worden sind – hinzu kommen weitere stereotype Vorwürfe über weibliche Geschwätzigkeit und Oberflächlichkeit.

Nur als Randbemerkung: Die Abwertung der Frau, die sich „stylt“, die also deutlichen Wert auf ihr Äußeres legt, ist durchaus ebenfalls nicht zufällig, Schichtzugehörigkeit wird in den weiblichem Körper nach wie vor stärker eingeschrieben als in den männlichen, für das Bürgertum gilt nach wie vor das Ideal „natürlicher“ Weiblichkeit. Es gibt im Kulturbetrieb keine Frau, die auf die Idee käme, so herumzulaufen wie Daniela Katzenberger – die gehört klar zur Ästhetik der Milieus der Unterschicht. Jede Frau, die in den Kulturbetrieb will, weiß, was sie optisch darf und nicht darf, wenn sie ernst genommen werden will. Clemens Meyer und Thomas Glavinic dürfen sich betont männlich geben und werden trotzdem ernst genommen. Es gibt kein weibliches Pendant dazu. Auch Stefanie Sargnagel ist kein weibliches Pendant: Sie achtet ja eben nicht in einem auffälligen Maße auf das Hervorkehren weiblicher Reize oder auf Styling, und steht in feministischer Tradition, fällt aber optisch kaum aus dem Bild vieler junger weiblicher Autorinnen – von dem Markenzeichen der roten Mütze abgesehen. Eine Frau, die ihre Weiblichkeit betont, durch das Tragen knapper, enger Kleidung etwa oder durch auffälliges MakeUp, wäre sehr viel schneller dem Vorwurf ausgesetzt, nur wegen der Optik, nur wegen der eigenen Weiblichkeit dabei zu sein – der Vorwurf „Du bist doch nur hier, weil du ein Mann bist“ wird nach wie vor nicht so häufig ausgesprochen, habe ich gehört. Eine Frau, die im Kulturbetrieb ernst genommen werden will, trägt keine Extensions, man sieht sie auch wohl selten mit voluminös gestylten langen Naturhaaren – ein Mann kann aber problemlos Bart tragen. Und: Die Bezeichnung einer Autorin, Literaturkritikerin oder Literaturwissenschaftlerin als „Quotenfrau“ in einer Sendung, Podiumsdiskussion oder Nominierungsliste ist nur die entkörperlichte Fortführung dieses Vorwurfs, der Teilhabe aufgrund von Leistung und Qualifikation abspricht und diese allein auf die Weiblichkeit zurückführt. Wenn der Artikel „Lesewut 3.0“ also auf Weiblichkeit und Nagellack kombiniert hinweist und das alles als „stylish“ abwertet, ist das kein Zufall, sondern ein klassischer Abwertungsmechanismus der oberflächlichen und schon darum nicht ernstzunehmenden Frau.

Auf ganz ähnliche Weise rechnete der Artikel „Wie entsteht ein Mega-Bestseller“ aus der FAZ mit den die LitBlog Convention 2016 besuchenden Buchbloggerinnen ab:

„Sie lesen. Gemeint ist nicht das kontemplative Lesen, das auch gewöhnliche Kulturheinis kennen, sondern das exzessiv mitteilsame, das geschminkte Lesen. Sie nennen sich Literaturblogger, rutschen mit Geschrei durch den Bestsellerschlamm und halten bei Youtube oder Facebook reihenweise beschwärmte Titel in die Kamera, von denen man in den Feuilletons des Landes nicht einmal ahnt, dass sie existieren: „Schattentraum“, „Küsse zum Nachtisch“, „Allein unter Spaniern“. Mit etwas so Drögem wie Literaturkritik hat das nichts zu tun. Es geht um Fantum, Gemeinschaft und den offenbar unvergänglichen Traum junger Frauen, allein unter Spaniern zu landen. In Köln waren die mehr als 150 Blogger und „BuchTuber“ jedenfalls zu 98 Prozent weiblich.“[46]

Hier finden sich nun alle historisch gewachsenen Strukturen der Ausgrenzung der Frau nahezu mustergültig aktualisiert: Verwerfenswert sind Buchblogger, weil sie fast alle weiblich sind, weil sie extensiv statt intensiv lesen, weil sie das Falsche lesen, oberflächlich auf ihr Äußeres achten und geschwätzig sind. Und außerdem wollen eigentlich alle jungen Frauen ohnehin nur von einem Mann flachgelegt werden – keusche junge Damen, die ordentliche zukünftige Ehefrauen abgeben, findet man hier jedenfalls wohl nicht.

Was auch immer man von Buchblogs halten möchte: Diese Artikel zeigen, dass die Muster noch fortdauern, die weibliches, intimes Lesen als dummes Lesen abwerten und nur den eigenen, männlichen Lesemodus für legitim halten, dass es Strukturen gibt, die um 1800 entstanden sind und sich bis heute so stark gehalten haben, dass sie aktualisiert werden können, dass sie noch in den Köpfen einiger derer zu finden sind, die diese Muster weiter als einzig legitim propagieren können: Weil sie ein Medium haben, in dem sie sich wirkmächtig äußern können, und das ihrer Meinung die Autorität eines journalistischen Leitmediums gibt. Seit dem 18. Jahrhundert machen Männer Witze über die weibliche Lesepraxis, wird das weibliche Lesen als Krankheit verteufelt, mitunter wurde es Frauen sogar verboten zu lesen.[47] Das sind Machtstrukturen, die seit Jahrhunderten definieren, was legitimer Geschmack, legitimer Lebensstil ist und was nicht. Und unter „nicht“ fallen in der Regel: Lebensstile von Frauen und Angehörigen unterer Schichten.

Dabei ist noch ungeklärt, warum intimes, identifikatorisches, emotional aufgeladenes Lesen und Lesen in Masse, warum der subjektive Austausch über Literatur eigentlich dumm machen soll. Glaubt man den oben dargestellten Ergebnissen der Leseforschung, dann fördert viel Lesen schlicht die Lesekompetenz. Schlägt man das Feuilleton auf, liest man diverse Rezensionen, die selbst weit von objektiver, theoriegeleiteter Textarbeit entfernt eher subjektive Geschmacksurteile abgeben.

Ich bin sofort einverstanden, wenn jemand sagt: Unkritisches Lesen kann in der einen oder anderen Hinsicht dumm machen, ein Lesen, dem nicht auffällt, wenn beispielsweise in einem Buch veraltete, vielleicht sogar sexistische Geschlechterrollenbilder oder Idealbilder von Beziehungen enthalten sind. Es ist aber keinesfalls erwiesen, dass das jemandem, der identifikatorisch liest und ein Bewusstsein für solche Strukturen hat, beim Lesen nicht auffallen würde, dass also automatisch unkritisch gelesen würde. Im Gegenteil: Zu erwarten wäre doch viel mehr, dass eine Identifikation eben dann unmöglich würde. Und ich persönlich bin sehr skeptisch, ob die professionelle Literaturkritik und Literaturwissenschaft in allen ihren Medien und allen ihren Akteuren hier so viel weiter ist: Zumindest Marcel Reich-Ranicki dürfte man nicht gerade zuschreiben, ein Gespür für Sexismus gehabt zu haben, und zumindest Denis Scheck fand ja, dass Black-facing eine ganz lustige Idee sei, wenn es darum geht, sich für den Erhalt des N-Wortes in klassischer Kinderliteratur auszusprechen. Unkritisches Lesen ist unabhängig vom Lesemodus, von der Schichtzugehörigkeit und vom Geschlechte der Leser*innen – es folgt aus unkritischem Bewusstsein. Auch darauf hat nicht das identifikatorische Lesen das Monopol.

Auch die Behauptung, dass „anspruchsvolle“ Literatur zwangsläufig den Horizont erweitere, „triviale“ aber nicht, wird man kritisch hinterfragen müssen: Auch Unterhaltungsliteratur kann eine Vielzahl historischer, geografischer und lebensweltlichen Abweichungen von der Lebenswelt der Leser*innen enthalten, ebenso wie „hohe“ Literatur. Und wenn der Vorwurf berechtigt sein sollte, dass die anspruchsvollere Literatur vor allem das bürgerliche Milieu spiegelt, aus dem sie stammt, ist vielleicht ja der Horizont hier auch gar nicht so viel weiter als an anderer Stelle.

Männer lesen anders als Frauen. Frauen lesen anders als Männer. Aus Konstruktivismus und von der Rezeptionsästhetik wissen wir: Jeder Mensch liest ein Buch auf seine eigene Art, abhängig von Sozialisation, Vorwissen, Leseerfahrungen, aktueller Befindlichkeit etc. Männer und Frauen werden geschlechtstypisch unterschiedlich sozialisiert. Sie machen unterschiedliche Lebenserfahrungen. Natürlich lesen sie auch unterschiedlich. Aber: Obwohl Frauen die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, obwohl „weibliches Lesen“ als kulturelle Praxis nach wie vor da ist und vermutlich häufiger auftritt als das „männliche Lesen“, ist es nicht so viel wert wie das distanzierte, auf Partizipation ausgerichtete Lesen.

1994 schrieb Ruth Klüger in ihrem Essay „Frauen lesen anders“:

„Doch die Kritik der höheren Literatur und die traditionelle Literaturwissenschaft schließen die Augen vor den Einsichten des Buchmarktes und setzen einen geschlechtslosen idealen Leser voraus, der sich bei näherem Hinsehen immer als Mann entpuppt. Wie ich zu Anfang erwähnte, hat zwar die Rezeptionstheorie mit solchen Vorstellungen der Unvoreingenommenheit weitgehend aufgeräumt. Doch bleibt die weibliche Sicht klassischer Literaturwerke, soweit Leserinnen sich überhaupt genügend emanzipiert haben, um eine solche Sicht zu entwickeln, noch immer untergeordnet und wird von der etablierten, das heißt also männlichen Kritik, kaum wahrgenommen. Anders gesagt, feministische Theorie und Kritik ist bis jetzt kein Pflichtfach geworden, auch in Amerika nicht“.[48]

Seither hat sich einiges getan. Es gibt heute viel mehr weibliche Literaturkritikerinnen als in den 1990ern. Aber: Akzeptiert und ernst genommen werden diese eben in der Regel nur, wenn sie sich an die männliche, distinktive Praxis halten und nicht von einem identifikatorischen Lesemodus aus sprechen, ohne diesen hinter scheinbar sachlicher Begrifflichkeit zu verstecken. Ohnehin aber haben Frauen, die als Verlegerinnen, Literaturkritikerinnen o.ä. arbeiten, in der Regel den männlichen, intensiven Lesemodus und die männliche Art, über Literatur zu sprechen, durch Sozialisation im höheren Bildungssystem erlernt: Dies „zeigt sich u.a. in der Übernahme des Frauen weitgehend ausschließenden Literaturkanons und bislang vorherrschender, im Bildungsbürgertum und in literaturvermittelnden Institutionen positiv sanktionierter androzentrischer Lektüre-, Interpretations- und Wertungsstrategien.“[49]

Dass dem so ist, konnte jeder an den Reaktionen – auch im Feuilleton – auf Christine Westermanns Art, im „Literarischen Quartett“ zu den Zeiten, als sie noch als einzige Literaturkritikerin fest zum Team gehörte, über Literatur zu reden, beobachten. Sie verkörpert das „weibliche Lesen“, rechtfertige ihre Buchauswahl mit Sätzen wie „also mich hat das gut unterhalten“ – und erntete dafür die spöttische Bezeichnung „Tipps gebende Büchermutti“,[50] das Label „Frau für die breite Zuschauermasse“[51] (denn die Masse ist ja im distinktiven Selbstbild kultureller Elitenangehörigen stets: nicht so klug wie man selbst) und Spott in den Kommentarspalten und in Social Media. Thea Dorn, die inzwischen fest zum „Literarischen Quartett“ gehört, entspricht dem etablierten Habitus und wird deswegen akzeptiert.

Und, nebenbei: Ja, es gibt inzwischen viele Frauen in der Verlagsbranche – aber halt nicht immer an den Stellen, an denen Entscheidungen getroffen werden. Zumindest kam noch vor nicht allzu langer Zeit eine Studie im Auftrag des Netzwerks „BücherFrauen e.V.“ zu dem Ergebnis „dass es im Verlagswesen 80 Prozent Mitarbeiterinnen gebe, […] [a]ber bereits im mittleren Management […] 80 Prozent der Entscheidungspositionen von Männern besetzt [seien]. In den Top-Positionen fänden sich sogar nur noch vier Prozent Frauen.“[52] Das ist wohl kein Befund, der irgendwie den Schluss zuließe, dass Gleichberechtigung bereits hergestellt sei – die Branche befindet sich in einem richtigen und wichtigen Wandlungsprozess, nicht am Ziel.

Wie schon mehrfach angesprochen, betreffen die Ausschlussmechanismen nicht nur Frauen, die einen weiblichen Habitus zeigen, sondern auch Männer, insbesondere aus den mittleren und unteren Milieus. Hier dienen die Distinktionsmechanismen kulturell Mächtiger dazu, soziale Mobilität zu erschweren und also die eigene Machtposition zu sichern. Bourdieu spricht davon, dass es einen „legitimen“ Geschmack gibt, der der Geschmack der oberen, herrschenden Schichten ist und der der Distinktion von Angehörigen mittlerer und unterer Schichten dient – ich verwendte diesen Begriff oben und verwende ihn auch im Folgenden im Bewusstsein dessen, dass Bourdieus Ansatz in vielfacher Hinsicht veraltet sein mag, dass aber neuere Nachprüfungen in Deutschland zu dem Schluss kamen, dass „(hoch)kulturell[] orientierte Verhaltensweisen (Musik, darstellende Kunst etc.) der Menschen mit ihrer Klassenzugehörigkeit und insbesondere mit dem Bildungsgrad deutlich übereinstimmen“, [53]  weswegen der Begriff in Bezug auf Literatur mir noch angemessen erscheint, gerade in einem Land mit nach wie vor deutlicher schichtspezifischer Bildungsungleichheit. Dieser Geschmack gehört zum Lebensstil der oberen Schichten und wurde durch kulturell anerkannte Legitimationsinstanzen (Universitäten, Kritiker usw.) mit Autorität versehen, und er dient eben schon auch dazu, soziale Mobilität zu erschweren. Wer nicht das Richtige gelesen hat, kann nicht mitreden und mitlachen – und ist damit draußen.

Freilich lesen inzwischen auch Akademiker Genre, manche lesen auch gar nicht – das bedeutet aber nicht, dass Lesen nicht mehr zum Lebensstil der oberen Milieus gehört: Neuerdings werden in Artikeln über die Lesegewohnheiten Superreicher und -mächtiger wie Bill Gates, Marc Zuckerberg oder Barak Obama diese als Vorbilder für gelungenes Leben empfohlen, Lesen gilt sogar als Baustein einer Lebensführung, die zu Erfolg führt.[54] Einer dieser Artikel kommt gar zu dem Schluss, Lesen sei „jetzt“ ein Statussymbol[55] – und verkennt mit diesem „jetzt“, dass es das für einen großen Teil der deutschen Bevölkerung lange war und für einen großen Teil der Weltbevölkerung nach wie vor ist. Lesen wird hier zum Selbstoptimierungsprojekt neoliberaler Ideologie, zum Kennzeichen von Erfolg, Reichtum und gelungenem Leben, es machet „reicher, intelligenter, gesünder“ – angesichts dessen, dass viele Mitglieder der unteren und mittleren Schichten nicht das Geld für elf Hardcoverausgaben auf einmal, geschweige denn die Zeit haben, diese in absehbarer Zeit zu lesen, sind solche Leselisten lediglich die hippe moderne Verpackung althergebrachter Distinktion.[56] Und es ist im Kontext gewachsener Ausgrenzungsmechanismen eben nicht zufällig, wenn dieser Trend der lesenden Eliten von großen Leitmedien aufgegriffen und unhinterfragt mitgetragen wird – von denselben großen Leitmedien, die Blogger als mehrheitlich weibliche, geschwätzige Gefühlsleser abwerten.

Die Existenz des legitimen Geschmacks belegt fast jede feierliche Veranstaltung, auch in großen wirtschaftlichen Betrieben, bei der Reden gehalten werden: So wenig die sprechenden Manager vielleicht oder auch doch privat mit den Klassikern der Literaturgeschichte anfangen können – in ihren Reden finden Zitate und Aphorismen von Goethe und Shakespeare Platz. Was man dagegen nie hören wird, sind: Zitate von Heinz Konsalik, Stephen King oder Nicolas Sparks. Weil sie nicht zum legitimen Geschmack gehören, weil Zitate und Aphorismen aus den Werken dieser Autoren nach mangelnder Bildung aussähen – möglich wären höchstens ironische Zitate aus Star Wars. Bei gesellschaftlichen Veranstaltungen unter Geschäftspartnern oder Clubmitgliedern etwa des Rotary-Clubs oder ähnlicher Vereine, die ja auch wirtschaftliche Netzwerke sind, werden wohl weniger Anwesende zu finden sein, die großmütig öffentlich ihre Liebe zu Rosamunde Pilcher oder Perry Rhodan gestehen, als solche, die ungelesen bestätigen, dass der „Ulysses“ ein großartiger Roman sei.

Wer behauptet, der legitime Geschmack und Distinktion über diesen existiere nicht mehr, täuscht sich. Es mag sein, dass beides auf dem Rückzug ist, aber gerade dann, wenn er – obwohl ihn nicht mehr alle Mitglieder der oberen Schichten teilen – nach wie vor dazu dient, Unterschiede zum ungebildeten Pöbel und Kleinbürgertum zu markieren: Wäre es dann nicht an der Zeit, diesen Geschmack, den beispielsweise ein Literaturkanon festschreibt, auch einmal zu hinterfragen? Ich meine damit nicht, dass die Werke, die kanonisiert sind, weithin aus dem Kanon hinausgeworfen werden sollten, sondern dass man vielleicht die Aufnahme anderer Werke in diesen Kanon mal bedenken könnte (immerhin das tut Denis Scheck gerade mit seinem neuen, „wilden“ Kanon – ob dieser allerdings wirklich so „wild“ ist, kann ja jeder selbst entscheiden). Und ich meine, dass man den Kanon und überhaupt kulturelle Gegenstände dann missbraucht, wenn man sie zu einem legitimen Geschmack macht, der dazu dient, Menschen mit anderem Geschmack auszuschließen und also soziale Mobilität zu erschweren.

Das Problem ist nun auch Folgendes: Wenn „anspruchsvolle“ Literatur zur Distinktion verwendet wird, wird diese Literatur selbst marginalisiert, da man so einem geraumen Teil des Bevölkerung zu verstehen gibt, dass diese Literatur eben nichts für sie ist. Ich zumindest habe den Eindruck, dass die Gruppe derer, die die „anspruchsvolle“ Literatur tragen, in den letzten Jahren nicht eben größer geworden ist, im Gegenteil. Der legitime Geschmack funktioniert noch insofern, als wohl jede*r Deutschlehrer*in (auch mitunter ungelesen) zustimmen würde, dass „Nachsommer“ von Stifter ein großer Roman ist. Ich kenne aber gar nicht wenige Kolleg*innen – und Deutschlehrer*innen der Sekundarstufe wären doch klassischer Bestandteil der Trägergruppe „höherer“ Literatur – die unter vier Augen zu Gegenwartsliteratur und ihren vermeintlichen Vermittlungsinstanzen kaum einen Bezug haben: Viele kennen Denis Scheck nicht, nur ein Teil schaut das „Literarische Quartett“, einzelne kennen Autorinnen wie Herta Müller nicht, trotz Literaturnobelpreis. Da sind nun also literaturaffine Leute, die der Betrieb insbesondere der Literaturkritik gar nicht mehr erreicht, vielleicht auch deswegen, weil er sich selbst marginalisiert, wenn er zu sehr in seinem Milieu bleibt.

Ein „Literarisches Quartett“, das Literatur in einem Mischungsverhältnis aus U und E, aus Genre, Jugendbuch (ja, auch das hätte eine ordentliche Literaturkritik verdient) und „anspruchsvoller“ Literatur besprechen würde, wie dies etwa Karla Paul im ARD Buffet macht oder wie das vielleicht auch Christine Westermann täte, wenn man sie ließe, würde vielleicht mehr Leser*innen aus unterschiedlicheren Milieus für sich und damit auch für die „anspruchsvolle“ Literatur gewinnen können. Es wäre doch zumindest an der Zeit, das auszuprobieren. Und damit meine ich nicht: Man sollte das bestehende „Literarische Quartett“ gegen ein anderes ersetzen, im Gegenteil, ich würde mir wünschen, beides würde nebeneinander existieren können. Denn zumindest meine Erfahrung ist es durchaus auch, dass wenigstens ein Teil der Schüler*innen der Oberstufe schon etwas mit dem „Literarischen Quartett“ anfangen kann – sie kommen nur gar nicht erst auf die Idee, es anzusehen, und um das zu ändern sind Distinktion und einzelne Journalisten, die alle paar Monate einen Artikel schreiben, der vor Dünkel nur so trieft, keine Hilfe. Statt andere Lebensstile abzuwerten, könnte man einfach begeistert für den eigenen eintreten, und wäre damit vielleicht viel überzeugender. Es gibt ja auch Journalist*innen, die genau das tun. Umso trauriger, wenn andere das aus Profilierungsdrang einreißen.

1.4 Das regelt der Markt!

Ich kehre zurück zu der Zeit um 1800, zum oben bereits angesprochenen Buchmarkt. Da man den Frauen, die nun einmal viel Zeit zum Lesen hatten, das Lesen partout nicht verbieten konnte, sollte das, was gedruckt wurde, die Frauen wenigstens nicht auf dumme Ideen bringen, sondern einen Beitrag zur Festigung des bestehenden Frauenbildes leisten – und darüber entschieden nun einmal maßgeblich Männer, da Frauen ja als vom Berufsleben Ausgeschlossene nur in sehr wenigen Ausnahmefällen[57] Verlegerinnen werden konnten. Und die weite Mehrheit der Frauen, auch der wohl größere Teil schreibender Frauen, trug und gestaltete das ja auch alles als natürliche Ordnung unhinterfragt mit. Lesen hat, wie oben bereits angemerkt, eine sozialisierende Funktion: Durch das Lesen und Identifikation ohne kritisches Bewusstsein (und wie hätten Frauen im 19. Jahrhundert, die in der Masse systematisch von Bildung fern gehalten worden sind, dieses entwickeln sollen?) lernt die/der Leser*in, Werte und Weltbilder zu übernehmen, die in der Lektüre „vorgelebt“ werden.

Es entstand im 19. Jahrhundert ein breiter Markt von Anstandsbüchern, Lebenshilfen und Ratgeberliteratur für Frauen, oft auch geschrieben von Frauen: Sie gaben Trost, Rat, Orientierung, Ablenkung und halfen bei der sinnvollen Lebensgestaltung, gaben Tipps für Haushalt, Gesundheit und Kindererziehung. Hier lernten Frauen, wie man richtig und anständig zu leben hat, einige verklären auch das weibliche Dasein mit seinen Lasten zum Ideal. Sprachlich waren diese Bücher meist als fiktive Gespräche mit der Leserin geschrieben, der Sprachstil war einfach, emotional und appellativ.[58] Die Anstandsbücher mögen vom heutigen Markt verschwunden sein, bis in die 1960er gab es sie aber – und dass der Markt für Lebenshilfebücher und Ratgeber für Frauen bis heute viel breiter ist als der für Männer dürfte für jeden offensichtlich sein, der einmal eine Hugendubel- oder Thalia-Filiale von innen gesehen hat. Frauen lesen Ratgeber, Männer lesen Sachbücher – das ist kein Zufall, das ist historisch so gewachsen, und verdankt sich dem langen Ausschluss der Frau vom höheren Bildungssystem und dem spezifisch für Frauen so gewachsenen Markt. Noch 2013 kann Melanie Mühl in der FAZ einen Streifzug durch „[h]underte von Büchern“ machen, die „Frauen im Ton der allerbesten Freundin [belehren], wie sie ihr Leben perfekt und zugleich entspannt führen können.“[59] Im selben Jahr stellt Nicola Erdmann in der Welt fest, dass der Ratgebermarkt langsam auch Männer entdeckt.[60] Die Gesellschaft wandelt sich langsam, und das ist erfreulich. Und je besser man weiß, welche Ungleichheiten sich damit auflösen, desto erfreulicher ist es. Nun wäre es noch wünschenswert, wenn auch mehr Frauen Sachbücher lesen würden.

Eine weitere Gattung, die der Buchmarkt in 19. Jahrhundert hervorbrachte, waren Zitatenschätze für Frauen, die – soweit ich sehe – wohl eher in den Hintergrund getreten sind. Zum Glück vom Markt verschwunden sind gereinigte Dichterausgaben und Übersetzungen speziell für Frauen: In diesen wurden Texte, beispielsweise Gedichte, schlicht gekürzt oder umgeschrieben, um alles Irritierende, Disharmonische zu beseitigen, um die Frau beim Lesen nicht auf dumme Gedanken zu bringen oder aufzuregen. In ähnlicher Weise wichen Übersetzungen von Büchern für Frauen von Übersetzungen für Männer ab. Dasselbe galt für speziell für Frauen verfasste Literaturgeschichten, in denen Autoren kritischer Strömungen der Literatur, also beispielsweise aus Vormärz und Naturalismus, völlig fehlten.[61]

Wie kontinuierlich sich Strukturen, die im 19. Jahrhundert entstanden sind, bis heute halten konnten, wird insbesondere am Beispiel der Frauenjournale bzw. Frauenmagazine deutlich. Frauenjournale entstanden bereits im 19. Jahrhundert, sie enthielten spezifisch für Frauen, auch oft von Frauen, geschriebene Literatur, Kochrezepte, Tipps für Garten- und Blumenpflege, Rätsel, Heiteres und Tipps für die Gesundheitspflege. Im Vergleich zu Familienblättern, die auch für männliche Familienmitglieder gedacht waren, fehlten Artikel zu Geschichte, Politik, Wirtschaft und Industrie[62] – also Artikel, die von Interesse wären, wenn man am öffentlichen Leben teilhätte. Die Parallelen zum heutigen Markt der Frauenzeitschriften und ihrer inhaltlichen Gestaltung liegen auf der Hand: Auch hier wird man wohl Artikel zu Politik, Wirtschaft und Geschichte vergeblich suchen – sowas interessiert Frauen schließlich nicht. Und, ja: Tatsächlich scheint es nach wie vor sehr viele Frauen nicht zu interessieren, die Frage wäre aber doch einmal zu stellen, ob das an der Frau an sich, oder an bestimmten immer noch existenten, durchaus auch durch den Zeitschriften- und Buchmarkt über die Jahrhunderte weitertransportierten Geschlechterrollenbildern liegt. Diese brechen in den letzten Jahren nur scheinbar dadurch auf, dass es inzwischen auch zunehmend Männerzeitschriften gibt, in denen man Beiträge zu Politik und Geschichte vergeblich sucht, denn auf der anderen Seite zementieren ja auch solche Magazine männliche Rollenbilder. Ich hoffe schlicht, dass beide Geschlechter dafür jetzt eben neben ihren Frauen- und Männermagazinen auch Zeitung lesen.

Vor allem aber entstanden im 19. Jahrhundert eben Frauenliteratur und Mädchenliteratur. Damals war das meist von Frauen für Frauen geschriebene Literatur, in der die Welt der fiktiven weiblichen Figuren meist selbst dann, wenn die Handlung in anderen Ländern oder deutlich in der Vergangenheit verortet ist, vor allem der häuslich begrenzten Erfahrungswelt der Leserinnen gleicht. Natürlich gab es auch andere „Frauenliteratur“, unter den Begriff, der auch aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stammt[63] und also eine Spur des Fortdauerns von weibliche Autorschaft marginalisierenden Strukturen bis in die Gegenwart ist, wurde aber meist alles subsumiert, was von Frauen geschrieben wurde – tendenziell ist da ja bis heute so. „Frauenliteratur“ ist also keine Erfindung geschäftstüchtiger Marketingspezialisten der jüngsten Vergangenheit, es ist ein Jahrhunderte alter Ausgrenzungsmechanismus, der zwischen „Literatur“ und „Frauenliteratur“ unterscheidet.

Zudem wurde den meist anonym oder pseudonym veröffentlichenden Frauen um 1800 in der Regel Autorschaft grundsätzlich eher abgesprochen und überhaupt nur dann zugestanden, wenn sie eben unterhaltsame, belehrende Literatur schrieben (s. dazu die Vorrede Wielands zu Sophie von La Roches „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“, in der dieser diese frühe Veröffentlichung eines von einer Frau geschriebenen Romans gegen zu erwartende Kritik damit verteidigt, dass er auf den moralischen Nutzen des Romans verweist – und damit die Weichen für die „Frauenliteratur“ legt, die nur existieren darf, wenn sie moralisch ist), also der Forderung des „prodesse et delectare“ nachkamen[64] – zeitgleich entstand für die hohe, anspruchsvolle Literatur die Forderung, dass diese autonom, also nur um ihrer selbst willen da sein müsse.[65] Die Autonomieästhetik, die den literarischen Diskurs bis heute prägt, ist eine genuin männliche Ästhetik, und Frauen wurde gar keine Chance gelassen, autonome Kunst zu schaffen, da ihnen nur der triviale, heteronome Bereich zugestanden wurde. „Frauenliteratur“ bezeichnet also seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Sparte Literatur, die Literatur von Frauen als von „Literatur“ unterschieden und als trivial ausweist. Autonomieästhetik ist eine männliche Ästhetik die über weit mehr als ein Jahrhundert zur Ausgrenzung schreibender Frauen beigetragen hat.

Die typische Erscheinungsform von Frauenliteratur im 19. Jahrhundert sind „Mischformen von moralisch-didaktischen Anstandslehren, die teilweise selbst schon durch Handlungselemente, Autor-Leser-Kommunikation oder Digression fiktionalisiert sind, mit romanartigen Texten, die dasselbe Konzept enthalten“.[66] Indem sich die Leserin mit der fiktiven Heldin, deren Welt und Probleme der ihren ja ohnehin sehr ähnlich waren, identifizierte, die fiktive Heldin moralisch richtiges Frauenverhalten erfolgreich vorlebte, lernte die Leserin, wie sie sich zu verhalten hat: Fiktionale Literatur diente der weiblichen Sozialisation. Das galt auch und vor allem für die Mädchenliteratur, vor allem für die Pensions- und Backfischliteratur, deren Erbe sich noch in „Trotzkopf“ und „Hanni und Nanni“ findet.[67] Das Lesen dieser Bücher hatte für die Leserinnen aber vor allem auch eine Entlastungsfunktion: Die eigene Welt schien hier harmonisiert, man fand die eigenen Probleme und Konflikte wieder, allerdings waren diese entweder durch richtiges Verhalten lösbar oder wurden zur Tugend idealisiert.

Spuren dieser Strukturen ziehen sich bis in die heutige Frauenliteratur, in der – unabhängig davon, ob die Handlung in der Gegenwart oder im Mittelalter verortet ist – oft genug alle Probleme gelöst sind, wenn man nur endlich den Richtigen findet, neben der Familie noch ein bisschen Berufstätigkeit für die Selbstverwirklichung unterbekommt oder eben endlich erkennt, dass Karriere auch nicht alles ist, wenn es darum geht, die pflegebedürftigen Eltern des Ehemannes zu versorgen. Diese Form von Literatur hat ihre Berechtigung, eben weil sie entlastet. Es wäre aber trotzdem dringend wünschenswert, wenn sie bezüglich der in ihr vermittelten Ideale von Weiblichkeit, Männlichkeit und Beziehungsgestaltung kritisch gelesen würde – und wenn sie mit einem Gefühl der Verantwortlichkeit von den großen Publikumsverlagen produziert würde, die eben nicht nur deswegen, weil die Leute es halt kaufen und weil Querfinanzierung halt notwendig ist, auch noch das reaktionärste Frauenbild zwischen zwei Buchdeckel bringen müssen. Und sowohl bei der Reihe „Twilight“ für junge Mädchen, als auch bei der „Shades of Grey“-Reihe gab und gibt es berechtigte Kritik an den hier propagierten Bildern von Weiblichkeit, weiblicher Opferbereitschaft und Beziehungsführung. Das Ideal der liebenden Frau, die aus Liebe zur Selbstaufopferung bereit ist, um den Mann zu retten ist nichts anderes als das um 1800 festgeschriebene weibliche Ideal der Geschlechtscharaktertheorie.

Der Buchmarkt, der die Frauenliteratur für alle Altersstufen und in all ihren Untergattungen bedient, ist ein Akteur der Sozialisation und ein Akteur, der dazu beigetragen hat, historisch gewachsene Bilder von Weiblichkeit über das 19. Jahrhundert bis heute zu transportieren. Zumindest dieser Verantwortung sollte man sich in den Verlagshäusern bewusst sein, wenn man wieder einen Titel der Frauenliteratur in Pastellfarben, mit floralen Mustern oder Gegenständen, die „Frauen eben so haben“ (Schuhe mit Absätzen, Lippenstifte, Handtaschen, Nagellackfläschchen etc.) gestaltet.[68] Dass Verlage die stereotype Verbindung von „Frau“ und „Emotion“ bewusst als Verkaufsanreiz bei der Covergestaltung einsetzt, wird zumindest von Hans von Trotha auch gar nicht geleugnet, sondern vielmehr mit der Sozialisation in der Steinzeit begründet, so ist der Mensch halt eben von Natur aus (wir kennen dieses Argumentationsmuster bereits) – merkwürdig nur, wenn von Trotha dann ein paar Fragen später erklärt, das die Gestaltung von Buchcovern sehr stark von Land zu Land schwankt, dass in Frankreich und England etwa Cover ganz anders aussehen.[69] Aber vielleicht haben Engländer und Franzosen einfach auf dem Buchmarkt der Steinzeit eine ganz andere Sozialisation durchlaufen? Vielleicht ist der Markt aber auch einfach gerne hier und da blind für den eigenen Beitrag, den er zur Fortführung national gewachsener Sozialisationsstrukturen leistet?

„Frauenliteratur“ ist historisch gewachsen, musste unter den historischen Bedingungen so entstehen, und das Pendant „Männerliteratur“ fehlt nicht einfach, sondern: „Männerliteratur“ ist die sog. „anspruchsvolle“ Literatur. Diese war von Anfang an männlich markiert, aus ihr wurde das weibliche Literaturschaffen herausgelöst. Genau so erfolgt Marginalisierung im Literaturbetrieb: Indem man „Literatur“ von „Frauenliteratur“, von „interkultureller Literatur“ etc. unterscheidet und dann nur noch von „Literatur“ zu sprechen bereit ist. Das wiederum grenzt aber auch Männer aus weniger bildungsaffinen Milieus vom Buchmarkt aus, denen ja gar keine anderen Genres als Krimi, Thriller, SciFi und Fantasy bleiben. Hat jemand mal darüber nachgedacht, ob nicht auch deswegen Männer einen geringeren Teil des Lesepublikums ausmachen? Ob es nicht genauso lohnen würde, eine gute, nicht reaktionäre „Männerliteratur“ zu schreiben wie Verantwortung für nicht reaktionäre „Frauenliteratur“ zu übernehmen? Dass Verlage durchaus mitunter Manuskripte aussortieren, die als „zu männlich“ bewertet werden, weil ja die meisten Leser weiblich seien, halte ich aus unterschiedlichen Gründen für sehr wahrscheinlich, und anderem deswegen, weil mir ein solcher Fall (der dann in einem anderen Verlag veröffentlich worden ist) bekannt ist – und wenn dies im größeren Rahmen so ist, was gewiss Verlagsmiterarbeiter*innen besser beurteilen können als ich, wäre das natürlich auch eine Ausgrenzung von Männern, die hochproblematisch ist.

Im Moment fördert der Markt, ständig mit der Letztbegründung, dass die Frauen das eben lesen wollen, genau die historisch gewachsenen Strukturen, auf die der eine oder andere Bildungsbürger distinktiv herabblickt, hält damit auch aufrecht, dass „Frauen“ und „gefühlige Bücher in rosa“ bzw. „triviale Unterhaltung“ weiterhin zusammengedacht werden. Und es gibt ja durchaus Teile des Buchmarktes, die das bewusst forcieren, was ja öffentlich bekannt ist und trotzdem praktisch nicht eigens debattiert wird: So berichtet die Schriftstellerin, Übersetzerin und Verlegerin Zoë Beck in einem Interview mit der FAZ anlässlich des Erscheinen ihres Romans „Die Lieferantin“ davon, wie noch vor einigen Jahren „Einkäufer großer Buchhandelsketten beinahe diktierten, was geschrieben wurde“ – und es wäre doch mal lohnenswert, darüber zu diskutieren, ob das immer noch so ist – und wie Verlage ausgehend von „vermeintlich unanfechtbaren Erkenntnissen darüber […], welche Bücher Männer schreiben und welche sie lesen – und welche nicht, Bücher von Frauen nämlich“ Autorinnen „Strukturvorgaben“ zu machen versuchen.[70] Statt des Versuches, neues Publikum zu erschließen, neues Publikum für Bücher weiblicher Autorinnen zu erschließen – und Literatur könnte auch dahingehend sozialisierende Wirkung haben, nicht nur hinsichtlich der Festigung alter Geschlechterbilder – bleibt der eine oder andere Verlag lieber den Mustern des 19. Jahrhunderts treu. Nur das jetzt daran maßgeblich auch Frauen in Verlagen mitbeteiligt sind.

Dies zeigt sich, wie Annika Reich bereits 2015 kritisierte, auch an der Darstellung weiblicher Autobiografien auf dem Buchmarkt: Unter Rückgriff auf eine Äußerung der Literaturagentin Karin Graf schreibt sie: „In ihrer Erfahrung würden alle Protagonistinnen, die in einem Roman nicht dem weiblichen Stereotyp entsprächen, mindestens mit lebensbedrohlicher Krankheit, wenn nicht mit dem Tod bestraft. […] Bücher, die aufmüpfige Frauen schilderten, die mit ihrer Frechheit auch noch ungestraft davonkommen, hätten auf dem Buchmarkt schlechte Chancen. Wer also auf Verkäufe setzt, der hält sich lieber an die Rollenklischees. Oder überflügelt all das und schafft sich eine eigene Leserschaft wie Lena Dunham.“[71] Ob man aus einzelnen Ausnahmen wie Lena Dunham eine Trendwende ableiten kann oder ob es solche Einzelbeispiele nicht immer gab, die aber eben nicht bedeuten, dass es nicht auch eine Norm gibt – zumal sie immer irgendwann wieder in der Vergessenheit verschwanden – kann ich nicht beurteilen. Annika Reich kritisiert in ihrem Artikel auch stereotype Darstellungen in männlichen Autobiografien, und darüber wurde sicherlich noch viel  zu wenig nachgedacht: Wie der Buchmarkt auch Männer festlegt, welche von Männer geschriebene Bücher eigentlich als „dafür  gibt es keinen Markt“ ungedruckt verschwinden, weil das Männlichkeitsbild nicht passt.

2017 stellte sich, um ein weiteres Beispiel zu bemühen, der neue „Wunderraum Verlag“ innerhalb der Random House Gruppe nicht nur mit dem Slogan „Lesen ist Ankommen“ vor, sondern auch mit einer Beschreibung der Hauptzielgruppe: „Frauen ab dreißig, die gerne lecker kochen und schön wohnen, dabei aber nicht doof sind“. Nach deutlicher Kritik aus Social Media fiel der letzte Halbsatz der Zielgruppenbeschreibung weg, der Text wurde umgeschrieben. Immerhin, aber dass die Zielgruppe trotzdem nicht eben innovativ ist, merkte auch buchmarkt.de, wo ein entsprechender Artikel mit der Überschrift „Branche: Ein Verlag für eine ‚neue‘ Zielgruppe“ betitelt wurde – auch dies wurde im Zuge der Kritik aus Social Media in „Branche: Ein Konzept für Frauen ab dreißig“ verändert. Die Worte sind andere, die Bedeutung ist dieselbe – wie im 19. Jahrhundert.

Selbstverständlich: Keine Frau und kein Mann muss sich für Politik interessieren. Frauen und Männer können sich für Deko oder Kochen interessieren. Nur: Der Markt sollte zumindest nicht so ohne jede öffentliche Kritik und Diskussion festlegen können, wer wie zu sein hat und wer was zu mögen hat – sonst regelt eben der Markt die Leser*innen, und zwar verrückterweise unter der Behauptung, er mache ja nur das, was die Leser*innen wollen. Denn der Markt hat einen erheblichen Einfluss auf Sozialisation und Bilder von Weiblichkeit, Männlichkeit und gelungenem Leben – einen Einfluss, dem man wenigstens das Mittel der Kritik entgegenhalten kann. Und, nur der Vollständigkeit halber: Natürlich gibt es viele Verlage, die schon längst Verantwortung übernehmen. Und natürlich gibt es reaktionäre Frauen- und Männerbilder oft genug auch in der „anspruchsvollen“ Literatur.

1.5 Literatur analysieren, bewerten und schreiben unter dem männlichen Blick

Die Germanistik als Wissenschaft an den Universitäten ist noch gar nicht so alt: Sie entstand am Anfang des 19. Jahrhunderts, und war keineswegs auf irgendetwas transzendentes Wahres, Gutes und Schönes ausgerichtet, sondern diente vor allem auch einem politischen Ziel: „Das Ziel der Errichtung einer Nation mit politischer Partizipation des Bürgertums ist am Anfang des 19. Jh.s auch der Grund für die schrittweise Etablierung des Fachs Germanistik, das sich um die ‚nationale Tradition, das Sammeln und Edieren von Texten des Mittelalters und der Frühen Neuzeit bemüht.“[72] Das wird im folgenden Kapitel noch einmal eine Rolle spielen – hier belasse ich es bei dem Hinweis, dass die Etablierung des Faches „Germanistik“ natürlich nicht aus dem Nichts erfolgt ist, sondern dass germanistische Arbeit natürlich schon im ganzen 19. Jahrhundert stattfand, nur eben nicht im Rahmen einer an der Universität verorteten Disziplin. Mittelalterliche Texte sammelte man schon in der Romantik, Literaturgeschichten schrieb man schon nahezu das ganze 19. Jahrhundert über und auch über einzelne Textgattungen und ihre Strukturmerkmale dachte man schon früher nach. Und: Obwohl das alles noch nicht im universitären Rahmen stattfand, war es doch vorwiegend Männersache, denn Räsonieren kam der Frau nicht in der Regel nicht zu.

Dies möchte ich beispielhaft am Bildungsroman zeigen: Der Bildungsroman ist grob gesagt – natürlich ist das alles literaturwissenschaftlich komplizierter, schließlich muss man den Bildungsroman auch noch vom Entwicklungsroman unterscheiden können – ein Roman in dem es zentral um eine Figur geht, die jung in die Welt hinausgeht, allerlei Irrtümer und Enttäuschungen erlebt und schließlich einen ihr entsprechenden, harmonischen Platz in der Welt findet.[73] Der Bildungsroman gilt als genuin deutsche Gattung bzw. er wurde seit dem 19. Jahrhundert als eine genuin deutsche Gattung konstruiert, so dass der Begriff „Bildungsroman“ auch im Englischen als Bezeichnung dieser Gattung existiert („German Bildungsroman“), schließlich seien Bildungsgeschichten „bei deutschen Autoren auffällig zahlreich vertreten“, was man immer wieder aus den „Besonderheiten der deutschen Kulturtradition“[74] heraus zu erklären versuchte (ehrlicher wäre: aus den Besonderheiten der deutschen Selbstkonstruktion als Kulturnation). Als Musterbeispiel der Gattung gilt „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ von Johann Wolfgang von Goethe, ferner werden klassischerweise in Überblicksdarstellungen zum Bildungsroman der „Heinrich von Ofterdingen“ von Novalis, „Nachsommer“ von Adalbert Stifter, Gottfried Kellers „Der grüne Heinrich“ und Thomas Manns „Zauberberg“ genannt.[75] Man merkt: Es ist nicht nur eine genuin deutsche, sondern offensichtlich auch eine genuin männliche Gattung. Und in der Tat: Obwohl der Roman als Schreibform im 19. Jahrhundert noch vergleichsweise wenig wert war und die meisten Romane wohl in dieser Zeit von Frauen geschrieben worden sind – als hohe Kunstform galt vor allem noch das Drama, aber auch noch die Lyrik – begann schon im 19. Jahrhundert die theoretische Diskussion über diese Gattung, zu der vor allem Hegel und Dilthey wichtige Beiträge leisteten. Und bereits Hegel hielt einen Bildungsroman mit einer weiblichen Hauptfigur für ausgeschlossen.[76]

Nun könnte man natürlich einwenden: Frauen waren damals aber ja wirklich von Bildung ausgeschlossen, und in die Welt hinausziehen, um Erfahrungen zu machen, konnten sie ja auch kaum. Es geht im Bildungsroman ja aber gar nicht um Bildung im Sinne von Schule und Studium, sondern im Sinne von Erfahrungen, zum anderen gibt es unter den hunderten Romanen mit weiblichen Hauptfiguren, die im 19. Jahrhundert verfasst wurden, durchaus auch solche, in denen die Protagonistinnen reisen. Und tatsächlich ist es ja so, dass der idealtypischen Struktur des Bildungsromans, glaubt man den Überblicksdarstellungen, ohnehin nur der „Wilhelm Meister“ selbst entspricht, alle anderen Bildungsromane weichen hier und da ein bisschen vom Muster ab. Ist der Roman aber von einem Mann verfasst und hat eine männliche Hauptfigur, ist das eben eine interessante, interpretationswürdige künstlerische Gestaltung, ist der Roman von einer Frau verfasst und hat eine weibliche Hauptfigur, ist es eben dann kein Bildungsroman mehr. Günter Grass‘ „Blechtrommel“ wird beispielsweise in der Regel als Persiflage des Bildungsromans zu den Bildungsromanen gerechnet oder zumindest in die Überblicksdarstellungen zu dieser Gattung aufgenommen. Ein männlicher Autor kann also sogar mit einem Anti-Bildungsroman noch einen Bildungsroman geschrieben haben – Sophie von La Roches „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ von 1771 kann aber kein Bildungsroman sein, schließlich geht es um eine Frau.

Inzwischen, nachdem in den letzten Jahrzehnten in der Germanistik Romane von Frauen wiederentdeckt wurden, wird auch die Frage, ob es einen weiblichen Bildungsroman gibt, der eben den Lebensbedingungen der Frauen im 19. Jahrhundert entsprechend von der Struktur männlicher Bildungsromane etwas abweicht, viel differenzierter beantwortet: Zumindest kann man nun Elemente eines weiblichen Bildungsromans erkennen[77] oder gesteht vereinzelt sogar einigen der um 1800 entstandenen Romanen von Schriftstellerinnen mit weiblichen Protagonisten den Status des Bildungsromans zu.[78] Noch im Wintersemester 2008/2009 habe ich aber ein Hauptseminar zum „Bildungsroman“ besuchen können, in dessen Programm eine einzige Sitzung zu einem Roman einer Autorin geplant war, unter dem Titel: „Ulla Hahns ‚Das verborgene Wort‘ – ein weiblicher Bildungsroman?“.

Schlichtweg bleibt der Befund: Man hätte die Gattung auch schon im 19. Jahrhundert, wäre man nicht davon ausgegangen, dass „Frau“ und „Kultur“ ohnehin nichts miteinander zu schaffen haben, so definieren können, dass sie nicht Frauen per se ausschließt – ja, hätte man Frauen nicht ausschließen wollen, hätte man die Gattung wohl von ganz allein anders definiert. Oder man hätte in den letzten Jahrzehnten bemerken können, dass hier von Männern eine Gattung aus einem politischen Anspruch (nämlich quasi den deutschen Roman schlechthin zu konstruieren) und aus einer patriarchalen Ideologie heraus definiert wurde – und man hätte diese Definition hinterfragen und verändern können. Ein wissenschaftlicher Begriff ist ja kein auf alle Zeit unveränderlicher Glaubensgegenstand. Genau das, das Hinterfragen von Begriffen, passiert aber bisher nur vereinzelt: Ein Frauen ausschließender Gattungsbegriff bleibt bis heute in der germanistischen Wissenschaft gültig – und damit trägt auch die Germanistik Strukturen des 19. Jahrhunderts weiter.

Denn: Es gibt auch die spezifisch wissenschaftliche Sozialisation, die man während des Studiums, spätestens aber während seiner Laufbahn als Nachwuchswissenschaftler*in durchläuft: Dabei übernehmen Student*innen und Doktorand*innen die fachspezifischen Ideale und Denkmuster, über Jahrzehnte und Jahrhunderte tradiertes Wissen hat ja auch seine Autorität. Und ohne dass man es merkt und jemals hinterfragt hat, merkt man sich: Der deutsche Bildungsroman ist eine besonders prestigeträchtige Gattung. Den weiblichen Bildungsroman gibt es nicht. Und hat damit nicht viel gelernt, was dabei helfen würde, die Assoziation von „Frau“ mit „Unterhaltungsliteratur“ zu durchbrechen. Und hier ändert sich zwar in den letzten Jahrzehnten etwas, man kommt aber – je nach Hochschule – auch ohne jedes kritische Bewusstsein für die eigene Fachkultur ganz gut durchs Leben. „Unkritisches Lesen“ ist eben kein Privileg von Liebesgeschichten lesenden Frauen.

Renate von Heydebrand und Simone Winko forderten schon Mitte der 1990er eine systematische Untersuchung des Einflusses von Geschlechterdifferenz auf den Wertungs- und Kanonisierungsprozess und hielten dabei zwei Beobachtungen fest: „(1) gender-Aspekte bestimmen nicht nur das professionelle Lesen, sondern bereits das individuelle, ‚private‘ Lesen […] und (2) die kollektiven Wertungsprozesse, die zur Kanonisierung von Autoren führen, werden vom männlichen Blick gesteuert, und dieser männliche Blick ist ‚für die eklatante Unterrepräsentanz von Autorinnen im Kanon der Weltliteratur, aber auch der einzelnen Nationen, verantwortlich‘“.[79]

Schon beim privaten Lesen hat jede*r Leser*in Erwartungen an den Text, und diese sind unterschiedlich, je nachdem, ob der Leser männlich oder weiblich, wie sie/er sozialisiert worden ist, und ob das Buch von einer Autorin oder einem Autor stammt. Folglich werden bestimmte Strukturen in Romanen von Frauen mitunter gar nicht erst erkannt – beispielsweise weisen Heydebrand/Winko nach, dass moralische und formale Innovationen in Gabriele Reuters Roman „Aus guter Familie“ zeitgenössisch gar nicht als solche erkannt wurden. Insbesondere wurde Reuters ironischer und satirischer Umgang mit Klischees der Trivialliteratur meist von Leser*innen nicht als solcher erkannt – man hielt den Roman stattdessen oft schlicht für trivial, weil Frauen nun einmal Trivialliteratur schreiben. Auch Rezensentinnen, die von der Frauenbewegung geprägt waren, lasen in ihn ihre eigenen Wertmaßstäbe hinein.[80]

Dass diese Mechanismen, die dazu führen, dass Literatur von Schriftstellerinnen anders gelesen wird, dass in ihr bestimmte Dinge anders gewertet oder gar nicht erst erkannt werden, noch existieren, darauf wies 2015 Dana Buchzik hin: „Sobald es in Romanen weiblicher Autoren um Beziehungen oder Liebe geht, platzieren Kritiker sie in die Kitschecke, während ein männlicher Kollege mit denselben Themen als einfühlsam gilt. Geht es um menschliche Abgründe, um gesellschaftliche und politische Zusammenhänge, zeigen sich männliche Lesungsbesucher und Moderatoren verwundert, warum „so eine hübsche junge Frau“ sich mit so unschönen Dingen auseinandersetzt.

Es gibt Veranstalter und Kritiker, die nach Lesungsende gern Arme, Knie oder gleich Hintern tätscheln und vertrauliche Kommentare flüstern: „Du könntest doch mal etwas Erotisches für mich schreiben“, „Ich kann dich ganz weit nach vorn bringen“ oder „Du könntest ruhig etwas dankbarer sein.“

Wer nicht freundlich lächelt und stillhält, erntet Herabsetzung.“[81]

Dies bestätigt nicht nur die Fortdauer der anderen Wertung von Büchern von Autorinnen, sondern es deutet auch auf andere Formen sexualisierter Herabsetzung von Frauen hin, die im Kontext der Debatten um Sexismus an Schreibhochschulen, auf die ich im Folgenden noch zu sprechen komme,  auf höchst problematische Vorkommnisse im Umgang mit Autorinnen schließen lassen. Dass es dergleichen im Kulturbetrieb geben kann, ist angesichts der auch im Bereich der klassischen Musik sprichwörtlichen „Besetzungs-“ oder „Intendantencouch“ zumindest nicht gänzlich auszuschließen. Und gerade der Kulturbetrieb im Bereich der klassischen Musik könnte vielleicht auch einmal anfangen, über Frauen ausschließende Strukturen nachzudenken, hat doch eine Studie aus dem Januar 2017 gezeigt, dass in diesem Bereich die Schere zwischen den Geschlechtern noch weiter auseinanderklafft als in anderen Bereichen des Kulturbetriebs.[82]

Objektiv liest keiner, jeder bringt seine Erwartungen an einen Text mit – aber die höchste Autorität hat sich eben über Jahrzehnte der männliche Blick gesichert. Und „Frauenliteratur“ ist mit anderen Erwartungen verbunden als Literatur von Männern. Und wenn innovatives Potential von Romanen weiblicher Schriftstellerinnen gar nicht erst erkannt wird, können diese auch keine Epochenzäsuren setzen – die Epochen der Literaturgeschichte richten sich nach von Männern geschriebener Literatur.[83]

Der männliche Blick steuert die Wertung, wobei er hier meiner Auffassung nach nicht als klassischer „male gaze“, nicht als „Blick von Männern“ verstanden werden muss, sondern als „von Männern geprägter Blick“, als die Sichtweise, die Männer durch ihre Jahrhunderte andauernde Machtposition als einzig legitim festlegen konnten. Und die, wie oben erläutert, auch Frauen durch Sozialisation übernommen haben und übernehmen, weil dieser Blick eben eine Autorität hat, die andere Sichtweisen nicht haben. Der männliche Blick ist der legitime Blick.

Spuren der Strukturen, die schon seit dem 19. Jahrhundert dazu dienen, weibliche Autorschaft zu unterdrücken, ziehen sich bis heute durch: Bereits im 19. Jahrhundert wurden – wie heute – Bücher von Autorinnen kürzer rezensiert, dabei unter das Label „Frauenliteratur“ gestellt, oder nur in Sammelrezensionen besprochen. Dabei wurden sie im Gegensatz zu Büchern von Männern nicht mit anderen großen Autoren verglichen und also aus jeder Schreibtradition herausgelöst.[84] Wie eingangs gezeigt, werden Bücher weiblicher Schriftstellerinnen noch heute seltener rezensiert – das geht zulasten ihrer Sichtbarkeit und erschwert ihre Kanonisierung.

Bereits oben habe ich angesprochen, wie es als großes Lob für Autorinnen des 19. Jahrhunderts galt, wenn man ihnen zusprach, unweiblich zu schreiben, zu schreiben wie ein Mann. Und dieses Kompliment gibt es heute noch: Als im Dezember 2016 eine Facebookfreundin von mir in kritischer Absicht einen Ausschnitt aus einem Artikel von Sibylle Lewitscharoff verlinkte, in dem diese sich über Schlingensief äußerte, der „fortan sein Theatertrallala“ trieb und „später an Krebs“ starb, meldete sich eine nicht unbekannte deutschsprachige Lyrikerin in den Kommentaren zu Wort, die Lewitscharoffs Artikel mit den Adjektiven „ausgezeichnet“ und „spitz“ bedachte, und anmerkte: „Ich kenne niemanden […] der in Dtl. weiblich ist und so schreibt. Wie ein Mann. Gewappnet und auf Krawall gebürstet.“ Im „Literarischen Quartett“ vom 26.09.2016 sagte Maxim Biller über „Mauerläufer“ von Nell Zink: „Viele würden sagen, das Buch ist geschrieben, als hätte es ein Mann geschrieben. Das ist natürlich eine unheimliche Gemeinheit. Das ist einfach wahnsinnig gut geschrieben.“ Biller weiß, dass „sie schreibt wie ein Mann“ ein unmögliches Lob ist – aber er weiß, dass es existiert, und er spricht es doch aus, indem er vorgibt, es nicht auszusprechen. Es gibt hier eine Linie, eine Struktur, die sich vom 19. Jahrhundert bis heute zieht, die offensichtlich problemlos aktualisiert werden kann und verstanden wird. Und ich frage mich unweigerlich: Was soll denn das eigentlich sein, „schreiben wie ein Mann“? Goethes „Werther“ vielleicht? Stifter? Hesse? Man tut damit Männern wie Frauen gleichermaßen unrecht. Wer daran zweifelt, dass dem Kompliment „diese Frau schreibt wie ein Mann“ eine ungleiche Wertung der Geschlechter eingeschrieben ist, kann sich ja die Frage stellen, ob „dieser Autor schreibt wie eine Frau“ wohl auch positiv konnotiert wäre. Für Frauen ist die Orientierung am Männlichen ein Ideal, für Männer die Orientierung am Weiblichen defizitär.

Ich möchte noch einmal im Kontext des Bewertens von Literatur auf ein oben bereits angesprochenes, allgemeineres Thema zurückkommen: Distinktive Wertungsmechanismen, die dazu dienen, „anspruchsvolle“ Literatur aufzuwerten und „triviale“ abzuwerten – Wertungsmechanismen, die vor allem auch mit der Idee einer autonomen, wertvollen Kunst einhergehen, die mehr wert ist also die heteronome, moralische oder kommerzielle Kunst. Richard Shusterman hat in seiner Ästhetik des Pragmatismus „Kunst leben“ die sechs gängigen Argumente, die gegen populäre Kunst ins Feld geführt werden, gesammelt und diskutiert, von denen ich einige kurz hier referieren möchte:[85]

So ist ein gängiger Vorwurf: Populäre Kunst kann keine echte ästhetische Befriedigung verschaffen, sie kann natürlich Gefühle und Erfahrungen hervorrufen, diese sind aber eben dann nicht echt oder weniger tief. Für diese Behauptung gibt es keinerlei empirische Belege: Weder kann man irgendwie messen, was echte und unechte Gefühle, was echte und unechte Freue und Trauer sind, noch ist jemals der Beweis geführt worden, dass sich ein Hausmann um die 50 von Romanen von Nicolas Sparks weniger tief berührt zeigt als ein Akademiker um die 50 von Goethes „Werther“. Das, was einen anspricht und berührt, dürfte abhängig sein von Milieu und Bildungshorizont – und es steht einer intellektuellen Elite wohl kaum zu, die Tiefe und Echtheit von Gefühlen aus anderen Milieus und Schichten zu beurteilen. „Kurz, die Behauptung ihrer [gemeint sind die von populärer Kunst ausgelösten Erfahrungen und Freuden] Falschheit – eine Strategie herrischer intellektualistischer Anmaßung – impliziert, daß die kulturelle Elite nicht nur das Recht hat, gegen das populäre Urteil die Grenzen der ästhetischen Legitimität festzulegen, sondern auch die Macht besitzt, gegen die empirische Evidenz Regeln dafür aufzustellen, was wirkliche Erfahrung oder Freude genannt werden kann.“[86] Auch der Vorwurf, populäre Kunst und also auch unterhaltende Literatur seien falsch, da sie kurzlebig seien, greift zu kurz: Er blendet zum einen aus, dass die Kurzlebigkeit zum einen auch daher rührt, dass die Tradierung von Kunst durch ein Milieu erfolgt, das populäre Kunst nicht als legitim anerkennt, das damit die wirkmächtige Trägerschicht für eine Kanonisierung populärer Kunst fehlt, zum anderen aber, dass durchaus – wie am Beispiel der Mädchenliteratur exemplarisch deutlich wird – populäre Kunst zeitlich sehr weitreichende Traditionslinien entfalten kann, die über Jahrhunderte hinweg gehen können. Auch der ästhetische Vorwurf gerade gegen Unterhaltungsliteratur, diese sei sprachlich unterkomplex, ist vor allem milieugebunden: Dass Sprachcodes schichtspezifisch sind und vom Bildungsniveau abhängen, dürfte hinlänglich bekannt sein – jemand, der ein Studium absolviert hat, hat meist einen anderen Wortschatz und Satzbau als jemand, der nach dem Quali eine Lehre begonnen hat. Der eine wird in der Regel durch eine andere Sprache in der Literatur angesprochen als der andere – und davon lässt sich eben nicht darauf schließen, dass derjenige, der eben lieber Literatur in einer weniger komplexen Sprache liest, weniger oder falscher fühlt, weniger oder falscher von dieser Literatur getroffen wird als ein anderer, der eine komplexe Sprache bevorzugt.

Gerne wird auch behauptet, populäre Kunst und damit auch Unterhaltungsliteratur seien zu oberflächlich, um den Intellekt beschäftigen zu können – insbesondere wird dieser Kritikpunkt oft so konkretisiert, „daß die populäre Kunst nicht mit den tiefen Realitäten und wirklichen Problemen des Lebens umgehen kann und demzufolge bestrebt ist, uns mit einer eskapistischen Traumwelt von Pseudoproblemen und einfachen, klischeehaften Lösungen zu trösten.“[87] Unbestritten, dass es genug Literatur gibt, die genau das macht – aber Unterhaltungsliteratur in ihren zahlreichen Genres wie Krimi, historischer Roman, Science fiction, fantasy und ja, auch „Frauenliteratur“ kann sehr wohl zentrale soziale, ethische, technische oder frauenrechtliche, kurz: sehr reale, echte Problemstellungen ansprechen. Unter Umständen tut sie das vielleicht sogar eher und öfter als die „anspruchsvolle“ deutschsprachige Literatur. Aber genau das wird dann wieder zum Fallstrick dieser Literatur: Häufig wird – Autonomieästhetik sei Dank – nur das als „echt“, „relevant“ und „bedeutungsvoll“ anerkannt, was auch „noch nie gesagt“, „innovativ“ oder „neu“ ist. Damit werden aber zwei völlig unterschiedliche Ebenen verbunden und die Gleichsetzung der Ebenen „echt“ und „innovativ“ wird so „zum Standard ‚des Realen‘, so daß die gewöhnlichen Probleme, mit denen sich die populäre Kunst befaßt – enttäuschte Liebe, wirtschaftliche Schwierigkeiten, Familienstreit, Entfremdung, Drogen, Sexualität und Gewalttätigkeit –, als unreal abgelehnt werden können, während die der künstlerischen Darstellung würdigen ‚realen Probleme‘ nur diejenigen sind, die neuartig und abgehoben genug sind, der Erfahrung und dem Verständnis des allgemeinen Publikums zu entgehen. Dies ist für die Privilegierten und Konservativen gewiß eine praktische Strategie, um die Realitäten derer zu ignorieren und zu unterdrücken, die sie beherrschen, indem sie ihnen die ästhetische Legitimität ihres Ausdrucks verweigern“.[88] Und genau das passiert eben, wenn Literatur von Frauen, die sich mit alltäglichen Problemen von Frauen beschäftigt, per se in der Sparte „Frauenliteratur“ verschwindet, oder wenn Arbeiterliteratur kaum zu existieren scheint.

Auch der ästhetische Einwand gegen populäre Kunst und Unterhaltungsliteratur, diese seien „immer gleich“, mag zwar auf einen nicht unerheblichen Teil dieser Literatur zutreffen, bewertet aber vielleicht einfach schlicht Traditionslinien der Unterhaltungsliteratur nicht als „Traditionslinien“, sondern als „Gleichförmigkeit“. Das ist so, als würde man behaupten, Bildungsromane seien „immer gleich“, weil es immer um Männer geht, die ihren Platz in der Gesellschaft suchen. Sowohl die hohe Kunst als auch die populäre kennen Standardisierungen – und wären ohne diese auch vermutlich nicht rezipierbar.

Hier soll keinen Anti-Intellektualismus das Wort geredet werden, im Gegenteil: Intellektuelle Expert*innen, gerade auch im Bereich der Literatur, sind eminent wichtig und haben selbstverständlich ihren unhinterfragt hohen Stellenwert. Es geht lediglich darum, dass man hin und wieder die Milieubedingtheit der eigenen Präferenzen mitdenken könnte, bevor man anderes abwertet, und dass man anderes als anders, nicht als defizitär wahrnehmen kann. Man kann komplexe Sprache, innovative Erzählmuster und intellektuell anspruchsvolle Lektüren bevorzugen und für diese Werbung machen, ohne anderen Formen der Literatur, gar den Gefühlen und Problemen anderen Milieus oder Bevölkerungsgruppen ihre „Echtheit“ abzusprechen.

Aber genug davon, zurück zum Thema „Frauen“ und „Schreiben“: Erst um die Jahrtausendwende setzte sich in der BRD durch, was in der DDR schon längere Tradition hatte: Schreibschulen. Dass Schreiben gelernt werden kann, ein Handwerk ist, ist eine praktisch revolutionäre Erkenntnis in einem Land, das so stark von der Idee beeinflusst ist, der Künstler müsse „Genie“ sein, Kunst sei nicht lernbar. Dabei war es bis in das 18. Jahrhundert, bis Kunst auf einmal Sache des Genies wurde, durchaus üblich, dass man auch literarisches Schreiben gelernt und geübt hat – das war in der Regel schlicht Teil der rhetorischen Ausbildung. Dies geriet aber eben mit der Beschwörung des Genies und der Autonomieästhetik in Vergessenheit. Und obwohl also die Schreibschulen damit Veränderung in einen Literaturbetrieb und einen Literaturmarkt brachten, setzten sich auch hier Strukturen des männlichen Blicks fort: 2017 kam es zu einer Debatte über Sexismus, Klassismus und Rassismus vor allem an Schreibschulen, aber auch an Hochschulen, die primär durch Texte ehemaliger Absolvent*innen auf dem Blog der Zeitschrift Merkur geführt, aber auch im Feuilleton großer Zeitungen aufgegriffen wurde.[89] Ich werde im Folgenden nicht auf alle 29 auf dem Merkur Blog erschienenen Texte verweisen, empfehle aber alle diese frei zugänglichen Texte – gerade denen, die an klassistischen, rassistischen und sexistischen Strukturen im Literaturbetrieb zweifeln.

Die oben beschriebenen Strukturen setzen sich hier alle fort: Marginalisierung von Nicht-Weißen,[90] distinktives Verhalten gegenüber Studierenden aus unteren Milieus,[91] Ausgrenzung von Frauen, die ihre Weiblichkeit betonen,[92] fast nur männliche Lehrende,[93] die damit in der Machtposition sind, ästhetische Kriterien allein von einem männlichen Blick aus festzulegen, die überwiegende Zahl der Student*innen ist dabei weiblich,[94] Abwertung der Texte von Frauen als PMS-Prosa (PMS = Prämenstruelles Syndrom) durch einen Lehrenden an der Schreibschule Hildesheim,[95] sexuelle Gefälligkeiten von Studentinnen den männlichen Lehrerenden gegenüber,[96] mithin also eine Degradierung schreibender Frauen zur Muse und Geliebten, Förderung vor allem männlicher Studierender[97] und: Kritik von jungen Frauen an einem männlich dominierten Kanon, der wenig Raum für weibliche Vorbilder lässt.[98] Und ein wichtiger Vorschlag: Wo Männer Netzwerke bilden und sich gegenseitig unterstützen, sollten das auch Frauen tun – statt sich unter etablierte Machtstrukturen zu fügen, sollten sie eigene Strukturen aufbauen.[99] Genau das versuchen inzwischen im Krimibereich Autorinnen-Netzwerke wie „Herland“ und „Mörderische Schwestern“,[100] im Bereich Fantasy das “Nornennetz” und im übergreifenden Sinne das Netzwerk BücherFrauen e.V.. Und es wäre doch schön, wenn solche Arbeit intensiviert werden könnte.

Es ist jedenfalls angesichts des Dargestellten so bezeichnend wie richtig, dass am Ende dieser Debatte um Sexismus an Schreib- und Hochschulen die Schriftstellerin Jana Hensel in einem Interview mit dem NDR empfahl, um die Situation für Frauen im Literaturbetrieb zu ändern, müssten „Männer ihren männlichen Blick in Frage stellen“.[101] Ich habe nur eine Ergänzung: Den männlichen Blick teilen eben auch Frauen, und auch die sollten ihn in Frage stellen.

1.6 Kanonisierung erfolgt nach ästhetischen Kriterien – oder?

Historisch gewachsene Geschlechterrollen werden im Literaturbetrieb nicht nur durch den Markt, literaturwissenschaftliche Begriffe, literaturkritische Reflexionslücken und Schreibschulen transportiert – auch Literaturgeschichtsschreibung und der Kanon selbst haben eine sozialisierende Funktion. Auch und gerade hier – wirkmächtig verbreitet über den Literaturunterricht in den Schulen – lernt man: Große Literatur schreiben Männer, triviale Literatur schreiben Frauen.

Gerade die Schule ist ein wichtiger Ort für Sozialisation: Und wenn in den höheren Klassen an den weiterführenden Schulen Literaturgeschichte besprochen und klassische Werke als Lektüre gelesen werden, dann werden gerade aus dem 18. und 19. Jahrhundert viele Bücher von Männern gelesen, die über leidende Frauen schreiben. Das fängt an bei der „Emilia Galotti“ von Lessing, geht weiter mit der „Iphigenie“ von Goethe (und der Gretchentragödie als nicht nebensächlicher Bestandteil des „Faust“) oder der „Maria Stuart“ von Schiller und endet dann bei der „Effi Briest“ von Fontane. Warum lässt man eigentlich ständig Männer von Frauen erzählen, warum liest man nicht auch mal ein Buch aus dieser Zeit, in dem eine Frau von einer Frau oder einem Mann erzählt?

Die Schule und die Schulbuchverlage sind ein wichtiger Träger von Kanonisierungsprozessen: Was regelmäßig in der Schule gelesen wird, wird weitertradiert, geht ins kollektive Gedächtnis der Gesellschaft über. Bücher, zu denen Schulbuchverlage Unterrichtsmaterialien erstellen lassen, werden eher und häufiger in der Schule gelesen als solche, wo dies nicht der Fall ist. Und trotzdem erstellen Schulen und Schulbuchverlage den Kanon nicht einfach allein, sondern jede Lehrkraft und die meisten Redakteur*innen in diesen Verlagen haben davor mal Germanistik studiert und dort gelernt, welche Autoren eigentlich in der Literaturgeschichte von Bedeutung sind. Mögen Schulen und Schulbuchverlage auch wichtig für die Kanonisierung von Gegenwartsliteratur sein, der Kanon klassischer Werke kommt stärker aus der Literaturgeschichtsschreibung der Germanistik.

Wie sind aber die Frauen aus der Literaturgeschichte verschwunden, wenn es doch tausende schreibende Frauen gab – auch im 19. Jahrhundert? Kanonisierungsprozesse sind komplex, daran sind viele Institutionen beteiligt, in den seltensten Fällen setzt sich eine Person wie Marcel Reich-Ranicki hin und erstellt einen Kanon. In den meisten Fällen setzten sich eher sehr viele einzelne Personen hin und erstellen Literaturgeschichten, die dann den Fokus der Leser*innen auf bestimmte wichtige Autor*innen lenken oder eben nicht, und die mit ihrer fachlichen Autorität – auf die auch Verlage mit ihren Klassikerausgaben hören – festlegen können, was jetzt eigentlich große, bewahrenswerte Literatur ist und was keine bzw. nur eine kurze Erwähnung wert ist.

Die Kriterien, die dazu führen, dass Autor*innen in eine literaturgeschichtliche Darstellung hineingenommen werden oder eben nicht und wie ausführlich und mit welchen Wertungen Autor*innen in solchen Darstellungen dargestellt werden, sind ebenfalls komplex und zum Teil vermutlich nicht mal den Literaturgeschichtsschreibern selbst ganz bewusst – und diese waren aus den oben bereits dargestellten Gründen eben bis vor ein paar Jahrzehnten ausschließlich Männer und sind auch heute noch mehrheitlich Männer. Viel daran ist schlicht vorreflexive Haltung, Ergebnis eigener Sozialisation und Ideologie. Und im Nachhinein lassen sich ein paar solcher Kriterien, die zum Ein- und Ausschluss von Autor*innen geführt haben, mögen sie bewusst oder unbewusst gewesen sein, doch erkennen.

Zum Ausschluss von Frauen aus der Literaturgeschichtsschreibung hat zum einen schlicht das oben dargestellte Frauenbild des 18. und 19. Jahrhunderts geführt. Die Frau gehört nicht in den öffentlichen Raum, vor allem aber hat sie nur eine schlichte, einfache, passive Natur und nur einen schönen Verstand, kann daher keine große Kunst, sondern eben nur triviale verfassen. Sie kann nicht Genie sein, das Genie ist in der Literaturgeschichte immer männlich bestimmt worden,[102] und die Idee, dass der Dichter Genie zu sein hat, aktiv schöpferisch, innovativ, aus der Masse herausragender Held, ist für das Verständnis dessen, was „große“ Literatur und ihre Ästhetik ausmacht durchaus bis heute prägend.

Diese Genie-Ästhetik ist so prägend, dass sie selbst durch die wissenschaftliche Sozialisation die Forscherinnen leitete, die vergessene Dichterinnen wiederentdecken wollten: „Auch die ‚archäologische‘ Spurensuche der letzten 30 Jahre ist unter diesem Blickwinkel des Geniebegriffs gestanden – es wurde die ‚Schwester Shakespeares‘ gesucht; das ‚andere‘ Schreiben der Frauen zu finden, das noch innovativer als alle anderen Innovationen und Avantgarden gewesen sein sollte, war das Ziel.“[103] Natürlich findet man dann nicht viele passende Dichterinnen. Allein: Wenn wirklich „dichterische Innovationskraft“ das alleinige Kriterium für Kanonisierung und Aufnahme in die Literaturgeschichtsschreibung wäre, hätten auch einige Epigonen des 19. Jahrhunderts wenig in der Literaturgeschichte und im Kanon verloren, dann müssten ohnehin auch einige Männer aus der Literaturgeschichte gestrichen werden. Es ist Unsinn, Frauen daran zu messen, ob sie noch innovativer sind, als es einige kanonisierte männliche Autoren je waren, sie also nur dann zu kanonisieren, wenn sie „besser“ sind als alle männlichen Autoren, denn genau das macht Autoren zum Regelfall und Autorinnen zur Ausnahme. Man kann sich ja einfach mal die Frage stellen, ob die Briefromane von Caroline Auguste Fischer wirklich weniger innovativ und weniger ästhetisch ansprechend sind als beispielsweise das Drama „Die Kindermörderin“ von Heinrich Leopold Wagner, das jedem Germanistikstudenten zur Lektüre empfohlen und sogar in vielen Deutschbüchern für die gymnasiale Oberstufe genannt wird.

Ein Blick in die Literaturgeschichte insbesondere vor 1900 lehrt: Von Annette von Droste-Hülshoff abgesehen – große Literatur kommt von großen Männern, unterstützt natürlich von einzelnen Damen, die als Musen und Geliebte diese Genies inspirieren und unterstützen. Denn als solche kommen Frauen wie Dorothea Schlegel, Bettina von Arnim, Rahel Varnhagen oder später Lou Andreas-Salomé und Claire Goll tatsächlich meist in der Literaturgeschichte vor: als Musen, Salondamen und Geliebte.[104] Das schriftstellerische Werk dieser Autorinnen, auch ihre Mitarbeit am schriftstellerischen Werk der Männer – etwa dass Caroline Schlegel-Schelling an den Übersetzungstätigkeiten August Wilhelm Schlegels beteiligt war[105] und an Friedrich Schlegels Roman „Lucinde“ mitwirkte, wie mehrere andere Frauen[106] – unterschlägt die Literaturgeschichte gern, und schließlich haben schon die romantischen Schriftsteller selbst in ihren Werken Frauen zu „Leserinnen und anregende[n], aber nicht kreative[n] Gesprächsteilnehmer[n]“[107] gemacht.

Und tatsächlich wurden Frauen ja auch schon im 19. Jahrhundert in literaturgeschichtlichen Darstellungen erwähnt, einige zumindest, und zwar meist als: Musen und Geliebte. Sie wurden im ausgehenden 19. Jahrhundert als ideale bürgerliche Hausfrauen proträtiert: „These women were canonized for domestic and national purposes. They were meant to empower a (female) readership to do the right thing by their husbands, their sons and the country, but they were also made largely innocuous through being praised for roles which had by then been narrowed down to the domsetic and national sphere and not for thier socio-political engagement or their European significance.“[108]

Frauen wurden also entweder gar nicht kanonisiert oder sie wurden entsprechend dem vorherrschenden Frauenbild kanonisiert: Sie wurden nicht als Dichterinnen, sondern als vorbildliche Hausfrauen kanonisiert.[109]

Geschlecht ist ein Grund für den Ausschluss und die Unterrepräsentanz von Frauen im Kanon. Joanna Russ wertete in ihrer satirisch zugespitzten, aber gut belegten Studie „How to Suppress Womens Writing“ 1983 Material mehrerer Jahrhunderte aus und erstellte so einen Katalog von Gründen, die zum Verschwinden von Schriftstellerinnen führen:

„(1) praktische Behinderung des weiblichen Schreibens (prohibitions)

(2) irrationale, aber interessengebundene Voreingenommenheit gegen die weibliche Fähigkeit zum Schreiben (bad faith)

(3) Verweigerung der Anerkennung des Geschriebenen als von der Autorin selbst verfasst (denial of agency)

(4) Lächerlich- und Verächtlichmachung der weiblichen Schreibtätigkeit (pollution of agency)

(5) Abwertung der Gegenstände weiblichen Schreibens als uninteressant und wertlos (double standard of content)

(6) Abwertung der Werke durch – zutreffende wie unzutreffende – Zuordnung zu minder gewerteten Arten und Gattungen von Literatur (wie autobiographische Gattungen und triviale Unterhaltungsliteratur) (false categorizing)

(7) Kanonisierung nicht eines ganzen Oeuvres einer Autorin, sondern immer nur eines Einzelwerks oder Teilaspekts ihres Reichhaltigen Schaffens (isolation)

(8) Isolierung der einzelnen Frauen im Kanon als Beispiele für Ausnahmen (anomalousness)

(9) Übersehen oder Fehlen weiblicher Traditionslinien (lack of models)“[110]

Dass all diese Punkte in der Geschichte existiert haben, dass ein gar nicht unerheblicher Teil von ihnen noch heute existiert, wurde gezeigt. Ich lade jeden herzlich ein, sich selbst zu überlegen, wo diese Dinge zu verorten sind: Wenn ein Lehrender der Schreibschule Hildesheim Texte von Frauen als „PMS-Prosa“ bezeichnet. Wenn Geschichten von Frauen über Frauen nach landläufigem Glauben des Marktes von Männern nicht gelesen werden und deswegen von vorn herein als „Bücher für Frauen“ vermarktet werden. Wenn Frauen auf Leselisten an Hochschulen, im Literaturunterricht der Schulen, in literaturgeschichtlichen Darstellungen bis heute unterrepräsentiert sind. Und wenn man sich einmal mit den literaturgeschichtlichen Darstellungen über Schriftstellerinnen auseinandersetzt, die es immerhin inzwischen gibt, die „Frauenliteratur“ aber nach wie vor als ein Sonderinteresse ausweisen, sieht man: Natürlich gibt es weibliche Traditionslinien, natürlich gab es weibliche Netzwerke, man könnte ohne Probleme eine mehrbändige Literaturgeschichte schreiben, die dominant von schreibenden Frauen und einzelnen sie inspirierenden männlichen Musen erzählt. Das wäre natürlich genauso falsch wie eine dominant männliche Literaturgeschichtsschreibung. Aber wenn Autorinnen aus der Nische „Frauenliteratur“ raus sollen, müssen sie und weibliche Schreibtraditionen wieder sichtbar gemacht werden. Gleichberechtigt neben und verwoben in andere Schreibtraditionen. Auch früher schrieben Autoren nicht als Genies im luftleeren Raum: Goethes „Werther“ ist ohne Sophie von La Roches „Fräulein Sternheim“ undenkbar. Schreiben erfolgte immer schon im Netzwerk wechselseitiger Lektüre – und dabei waren durchaus auch Autorinnen innovative Impulsgeberinnen.

Für den westeuropäischen Kontext ergänzen Heydebrand/Winko einen weiteren, zehnten Grund, der Kanonisierung verhindert, zu dem Katalog von Joanna Russ:

(10) „Ethische und soziale Werte des Gehalts werden im Ensemble der Werte geringer gewichtet als ästhetische Werte der Form, die das Kunstwerk als Kunstwerk, und nicht im Bezug zur Realität, auszeichnen“ und „[i]nnovative formale Darstellungsweisen werden in Texten von Frauen gar nicht erst erkannt oder aber als Formfehler klassifiziert“ („formal aesthetic bias“)[111]

Wie eben schon dargestellt, ist dies vor allem Erbe der Autonomieäsetheik und des Genie-Kultes – die auch dazu führen, dass in Deutschland der Graben zwischen U- und E-Literatur viel breiter und tiefer ist als etwa in Amerika. Beides sind spezifisch männliche ästhetische Programme, aus denen Frauen strukturell ausgeschlossen worden sind.

Wenn ein Werk ethisch oder sozial innovativ und mutig ist, gilt das nicht so viel wie ästhetische Innovation. Denn schließlich ist Kunst ja nur um der Kunst willen da, schon seit 1800, Kunst ist autonom. Das ist jedenfalls die Mär, die vor allem Männer seit 1800 gebetsmühlenartig wiederholen, die damit eigene, der Kunst sehr externe, Interessen einfach wegquasseln und die dazu führen, dass man sicher gegen meine Forderung, Frauen in der Literaturgeschichte und im Kanon wieder sichtbar zu machen, jüdisch-deutsche Autor*innen, Autor*innen aus unteren Milieus und Autor*innen der interkulturellen Literatur wieder sichtbar zu machen oder sichtbar zu halten, einwenden wird: Hier werden ja politische und moralische Interessen an Literatur angelegt, wo doch Literatur nur an ästhetischen Maßstäben gemessen werden darf. Das ist ja Politisierung und Moralisierung von Literatur!

Das ist natürlich schon deswegen völliger Quatsch, weil es übersieht, dass Literatur nie nur an ästhetischen Kriterien gemessen wurde, dass Literaturgeschichtsschreibung und Kanonisierung immer eine moralische und politische Angelegenheit waren. Auch für angebliche in Klassikern zu findende „ewige Wahrheiten“ lässt sich zeigen, dass diese überhaupt nicht „ewig“, sondern historisch sehr wandelbar sind und eben jeweils Konstrukte ihrer Zeit sind.[112] Der Ausschluss von Frauen und von jüdisch-deutschen Schriftsteller*innen basiert ganz massiv auf außerliterarischen geschlechterbezogenen und antisemitischen Vorstellungen des 18. und 19. Jahrhunderts und wurde immer auch moralisch begründet. Die schreibende Frau ist moralisch verdorben, der schreibende Jude ist insbesondere ab der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht nur ohnehin schon weil er Jude ist verdorben, nein, er verdirbt mit seiner Schreiberei auch noch die schöne deutsche Literatur.[113]

Literaturgeschichte ist schon seit der Romantik ein nationales Anliegen, kein rein ästhetisches. Schon den Romantikern ging es darum, das Fehlen eines Nationalstaates durch die Schaffung einer nationalen Kultur zu kompensieren: Wenn man schon nicht politisch eine Nation ist, dann ist man es wenigstens kulturell. Und im Laufe des 19. Jahrhunderts, nach 1848 und nach der Gründung des Kaiserreichs 1871 steigerte sich die politische Programmatik deutscher Literaturgeschichtsschreibung noch: Die verspätete Nation hatte nicht nur Probleme mit der sog. „inneren Reichsgründung“, also dem nationalen Zusammenhalt, sondern sie hatte ohne Österreich und die traditionelle Regentschaft der Habsburger auch ein Legitimationsproblem. Und das wurde kompensiert durch die Konstruktion einer deutschen Kulturgeschichte, auch einer deutschen Literaturgeschichte, die deutsche Einheit und deutsche Überlegenheit beweisen und legitimieren sollte.

Dieser „letztlich restaurative Charakter der Nationbildung führt dann zunehmend dazu, dass sich das Bürgertum als tragende Schicht in Kultur und Wirtschaft inszeniert, nicht ohne nationalistische und fremdenfeindliche, auch antisemitische Tendenzen“.[114] Ich sprach oben schon an, dass in diesem Kontext – nicht als Wissenschaft um der autonomen Kunst willen – um 1900 die Germanistik an den Hochschulen etabliert worden ist. Es ist Politik, die zur Herausbildung der deutschen Literaturgeschichte geführt hat, und es ist Politik, die die deutsch-jüdische Literatur ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus der deutschen Literaturgeschichte immer mehr herausgeschrieben hat. Publizisten und Literaturhistoriker wie Eugen Dühring, der sich in „Die Judenfrage als Racen-, Sitten- und Culturfrage“ von 1881 explizit für mehr Antisemitismus in der Literaturwissenschaft und die Erhebung von rassischer Ideologie zum Programm derselben aussprach, oder Adolf Bartels, der Schriften wie „Das Judentum in der deutschen Literatur“ (1903), „Judentum und deutsche Literatur“ (1910) und „Jüdische Herkunft und Literaturwissenschaft“ (1925), verfolgten explizit rassistische, nationale Literaturprogramme und wurden damit gelesen und ernst genommen, diese Bücher verpufften ja nicht einfach wirkungslos. Die Aufgabe des Kanons war es bis in das 20. Jahrhundert hinein ganz klar, die Identität der Nation durch ihre Nationalliteratur zu stützen[115] – mit all der Barbarei, die das mit sich brachte. Es wäre doch an der Zeit, einen Kanon und eine Literaturgeschichtsschreibung der Literatur insbesondere bis 1900 vor diesem Hintergrund neu zu überdenken und Strömungen sowie Autorinnen und Autoren, die aus diesen Gründen aus beidem verdrängt worden sind, wieder sichtbar zu machen.

Und nicht nur alles als „nicht deutsch“ Wahrgenommene wurde aus der Literaturgeschichte verdrängt: Auch die Frau wurde spätestens jetzt aus dem Kanon und der Literaturgeschichte praktisch völlig verdrängt bzw. auf ihre Rolle als Geliebte und Muse reduziert, weil sie ihren Platz im Häuslichen, nicht im Politischen hatte. Die von Frauen geschriebene Literatur, die zahlenmäßig nicht mehr zu übersehen war, wurde „in den Bereich der Trivialliteratur abgeschoben, die aus dem Kanon ausgeschieden werden kann.“[116] Je weiter das 19. Jahrhundert voranschritt, ja stärker das Bedürfnis wurde, eine harmonische, linear verlaufende Geschichte von der überlegenen deutschen Literatur und ihren Helden zu erzählen, desto stärker verschwanden Frauen oder wurden auf ihren untergeordneten Platz verwiesen.[117] Die Marginalisierung von Schriftstellerinnen im 19. Jahrhundert wurzelt also nicht nur in männlichen Dominanzvorstellungen dieser Zeit, sondern auch in politischen Motiven. Dass sich das entsprechende Gedankengut bis 1945 noch potenziert hat, ist bekannt. Dass Denk- und Machstrukturen, die sich damals in Literaturwissenschaft, Kanon und Literaturgeschichtsschreibung etablieren konnten, nicht gründlich genug hinterfragt sind, sieht man daran, dass „deutsch-jüdische Literatur“ nach wie vor genauso ein Sonderinteressensgebiet ist wie „Frauenliteratur“.

Beides ist aber kein Sonderinteressensgebiet sondern Teil der deutschen Literaturgeschichte und sollte als solcher auch angemessen sichtbar sein und vermittelt werden. Man kann schlicht auch weibliche und deutsch-jüdische Autor*innen in Überblickstexten und -darstellungen in angemessenem Umfang auch für den Zeitraum vor 1900 erwähnen, man könnte auch mal eine Schullektüre von einer klassischen (jüdischen) Autorin lesen. Schön wäre es doch auch, wenn doch noch einmal der Blick für Literatur, die außerhalb der bürgerlichen Milieus entstanden ist, geweitet werden könnte – entsprechende Vorarbeit hat ja beispielsweise Klaus-Michael Bogdal geleistet.[118] Und auch die interkulturelle Literatur sollte kein Sonderinteressensgebiet der Literaturgeschichte werden. Nochmal: Marginalisierung erfolgt immer dann, wenn zwischen „Literatur“ und „-literatur“ unterschieden wird und „-literatur“ damit in einer Sonderschublade verschwindet.

Es wäre Zeit, den Kanon noch einmal kritisch zu diskutieren, nicht um jemanden „auszusortieren“, sondern um mehr „einzusortieren“. Es wäre auch Zeit, das Erbe der Autonomieästhetik und der Genie-Vorstellung zu hinterfragen, freilich nicht soweit, dass ein schlecht geschriebenes oder völlig plakatives Buch nur aufgrund seines ethischen Gehalts gleich gelobt werden müsste – aber ein gut gemachtes, ethisch innovatives Buch, das vielleicht nicht gerade formale Avantgarde ist, muss vielleicht nicht immer deswegen gleich zweitklassig sein.

Dass es irgendwann eine Zeit gegeben haben soll, in der Literatur nur nach ästhetischen, wissenschaftlichen, irgendwie objektiven, ideologiefreien und unpolitischen Kriterien bewertet und kanonisiert worden ist, ist schlicht selbst Ideologie. Diese Zeit gab es nie. Es ist auch nicht realitätsgemäß, zu meinen, die Literaturrezeption und -kritik würde heute Literatur nur nach autonomen, nicht auch nach moralischen Maßstäben bewerten, wie Sabine Buck in einer ausführlichen Untersuchung gegenwärtiger Wertungspraxis von Literatur festgestellt hat: Literaturrezeption ist kein moralfreier Raum[119] – es gibt also in der Realität auch keine Ort, wo Literatur rein als autonome Kunst gelesen würde. Wenn sich aber nun inzwischen politische Vorzeichen zugunsten einer Gleichberechtigung auch von Frauen und Minderheiten verändert haben, so bedeutet die Forderung, dass sich das auch in Kanon und Literaturgeschichtsschreibung, ja auch in Literaturkritik, Literaturmarkt und Literaturwissenschaft niederschlagen sollte, nicht, dass jetzt auf einmal all diese Instanzen des Literaturbetriebs unter das Joch von Politik und Moral gestellt würden. Diese Forderung bedeutet, dass Marginalisierungen, die zuvor im Zeichen von Politik und moralischen Vorstellungen erfolgt sind, zurückgenommen werden. Nicht mehr, nicht weniger.

Und dabei bin ich mir natürlich darüber im Klaren, dass es eigentlich eher Zeit für einen transnationalen als für einen nationalen neuen Kanon wäre. Aber solange der nationale Kanon in der Germanistik und im Fach Deutsch in der Schule noch existiert, lohnt sich auch eine Diskussion über ihn. Das politische Potential von Literaturgeschichtsschreibung und Literaturkanon sollte jedenfalls gerade in Zeiten, in denen so gerne wieder über „Leitkultur“ gesprochen wird, nicht unterschätzt werden: Indem ein Land seine Geschichte, auch seine Literaturgeschichte, konstruiert, indem es bestimmt, was ein wichtiges Kulturgut ist, konstruiert es auch, wer es sein will. Wir können weiter deutsche Literaturgeschichte als Geschichte großer deutscher Männer erzählen, oder wir können eine plurale deutsche Literaturgeschichte erzählen. Das Material für beides ist da.

In den kommenden Monaten werde ich ein paar Schriftstellerinnen – bekannte und vielleicht unbekanntere – in Blogbeiträgen vorstellen. Nicht um einen Kanon zu erstellen (ein „Frauenkanon“ würde auch wenig hilfreich sein, wäre er doch immer noch vom „Kanon“ getrennt), das steht mir nicht zu, sondern um mein eigenes (Wieder)Entdecken von Autorinnen zu teilen und ein bisschen zum gemeinsamen Lesen und Suchen einzuladen.

Gezielt werden bei den kommenden Beiträgen die Dichterinnen selbst mit ihren Biografien stärker im Fokus stehen als ihr Werk – dies geschieht analog und im Ausgleich zu einer lange auf „große Männer“ und ihr Leben fokussierten Geschichtsschreibung. Allerdings möchte ich dabei versuchen, immer wieder auch auf Vernetzungen zwischen Autorinnen und Autoren hinzuweisen. Ich beginne im 18. Jahrhundert, vielleicht komme ich dann mit der Zeit dazu, auch Autorinnen zwischen Mittalter und 18. Jahrhundert zu ergänzen, mal sehen.

Bis dahin aber: Wer selbst ein bisschen suchen will, dem seien beispielsweise die folgenden Darstellungen empfohlen, auf die sich auch meine eigenen Darstellungen maßgeblich stützen werden:

Barbara Becker-Cantarino: Schriftstellerinnen der Romantik. Epoche, Werke, Wirkung, München 2000.

Gisela Brinker-Gabler/Karola Ludwig/Angela Wöffen (Hgg.): Lexikon deutschsprachiger Schriftstellerinnen 1800-1945, München 1986.

Gisela Brinker-Gabler (Hg.): Deutsche Literatur von Frauen, 2 Bde., München 1988.

Gisela Brinker-Gabler (Hg.): Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis heute. Gedichte und Lebensläufe, erw. Neuausg., Köln 2007.

Walter Fähnders/Helga Karrenbrock (Hgg.): Autorinnen der Weimarer Republik, Bielefeld 2008.

Hilturd Gnüg/Renate Möhrmann (Hgg.): Frauen Literatur Geschichte. Schreibende Frauen vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Stuttgart/Weimar 1999.

Günter Häntzschel/Sven Hanuschek/Ulrike Leuschner: Zur Präsenz deutschsprachiger Autorinnen, München 2010.

Ursula Linnhoff: „Zur Freiheit, oh, zur einzig wahren -“. Schreibende Frauen kämpfen um ihre Rechte, Frankfurt a.M./Berlin/Wien 1983.

Gudrun Loster-Schneider/Gaby Pailer (Hgg.): Lexikon deutschsprachiger Epik und Dramatik von Autorinnen (1730-1900), Tübingen/Basel 2006.

Sigrid Schmid-Bortenschlager: Österreichische Schriftstellerinnen 1800-2000. Eine Literaturgeschichte, Darmstadt 2009.

Kurt Erich Schöndort/Elin Nesje Vestli/Thomas Jung (Hgg.): Aus dem Schatten treten. Aspekte weiblichen Schreibens zwischen Mittelalter und Romantik, Frankfurt a. M./Berlin/Bern u.a. 2000.

Claudia Schoppmann (Hg.): Im Fluchtgepäck die Sprache. Deutschsprachige Schriftstellerinnen im Exil, Frankfurt a. M. 1995.

Armin Strohmeyer: Verlorene Generation. Dreißig vergessene Dichterinnen und Dichter des „anderen Deutschland“, Zürich 2008.

Karin Tebben (Hg.): Beruf: Schriftstellerin. Schreibende Frauen im 18. und 19. Jahrhundert, Göttingen 1998.

Karin Tebben (Hg.): Deutschsprachige Schriftstellerinnen des Fin de siècle, Darmstadt 1999.

Renate Wall: Lexikon deutschsprachiger Schriftstellerinnen im Exil 1933-1945, Gießen 2004.

Edda Ziegler: Verboten, verfemt, vertrieben. Schriftstellerinnen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, München 2010.

Interessant und hilfreich sind beispielsweise auch die Datenbanken:

http://www.fembio.org/ (Homepage Frauen-Biographieforschung mit biographischen Informationen zu vielen Frauen – auch, aber nicht nur, zu Autorinnen)

http://sophie.byu.edu/ (Datenbank mit zahlreichen Werken deutschsprachiger Autorinnen im frei verfügbaren Volltext)

 

Erfreulicherweise gibt es zudem Frauenbuchläden, in denen man gezielt nach Autorinnen suchen kann, z.B.:

http://www.frauenbuchladen.net

 

[1] Vgl. Wulf Segebrecht: Was sollen Germanisten lesen? Ein Vorschlag, 3., neu bearbeite und erweiterte Aufl., Berlin 2006.

[2] Vgl. Sabine Griese/Hubert Kerscher/Albert Meier/Claudia Stockinger: Die Leseliste. Kommentierte Empfehlungen, Stuttgart 1994, S. 11-111.

[3] Vgl. Wulf Segebrecht: Was sollen Germanisten lesen? Ein Vorschlag, 3., neu bearbeite und erweiterte Aufl., Berlin 2006, S. 78-82.

[4] Ich bin auf diesem Gebiet nicht übermäßig kundig, weiß aber doch immerhin so viel, als es beispielsweise die Gattung der sog. „Ghettoliteratur“ gab, die aber im Literaturunterricht und im öffentlichen Bewusstsein praktisch inexistent ist, dass es beispielsweise Autoren (ich nenne sie in zufälliger Reihenfolge, wie sie mir in den Sinn kommen) wie Ischar Falkensohn Behr, Friedrich Adler, Karl Isidor Beck, Michael Beer, Ludwig August Frankl, Aaron Bernstein, Karl Emil Franzos, Jakob Julius David und viele, viele andere mehr gab, die deutsche Literaturgeschichte mitgestaltet haben, die aber kaum irgendwo auftauchen. Das bei DeGruyter erschienene „Lexikon deutsch-jüdischer Autoren“ umfasst 21 Bände – es wäre doch schön, wenn deutsch-jüdische Literatur als Teil der deutschsprachigen Literatur auch in Kanon und Literaturgeschichte angemessen repräsentiert wäre, nicht nur in Form einzelner Ausnahmen.

[5] Nina George: Macho Literaturbetrieb, auf: boersenblatt.net vom 12.01.2017 (https://www.boersenblatt.net/artikel-nina_george_ueber_die_stellung_der_frauen_im_literaturbetrieb.1272531.html) (Abgerufen am 25.08.2017).

[6] Ebd.

[7] Katy Derbyshire: Der Literaturbetrieb hat ein Problem mit Frauen, in: Zeit Online vom 01.04.2016 (http://www.zeit.de/kultur/2016-04/schriftstellerinnen-literaturbetrieb-frauenquote-10-nach-8) (Abgerufen am 25.08.2017).

[8] Günter Häntzschel: Für „fromme, reine und stille Seelen“. Literarischer Markt und ‚weibliche‘ Kultur im 19. Jahrhundert, in: Gisela Brinker-Gabler (Hg.): Deutsche Literatur von Frauen, Bd. 2. 19. und 20. Jahrhundert, München 1988, S. 119.

[9] Katy Derbyshire: Der Literaturbetrieb hat ein Problem mit Frauen, in: Zeit Online vom 01.04.2016  (http://www.zeit.de/kultur/2016-04/schriftstellerinnen-literaturbetrieb-frauenquote-10-nach-8) (Abgerufen am 25.08.2017).

[10] Pierre Bourdieu: Die männliche Herrschaft, Frankfurt a. M. 2012, S. 144.

[11] Vgl. dazu den zentralen Aufsatz in: Karin Hausen: Geschlechtergeschichte als Gesellschaftsgeschichte, Göttingen 2012, S. 19-49 sowie S. 83-105.

[12] Vgl. Hansjügen Blinn: „Das Weib wie es seyn sollte.“ Der weibliche Bildungs- und Entwicklungsroman um 1800, in: Hiltrud Gnüg/Renate Möhrmann (Hgg.): Frauen Literatur Geschichte. Schreibende Frauen vom Mittelalter bis zur Gegenwart, 2. vollst. neu bearb. und erw. Auflage, Stuttgart 1999, S. 81.

[13] Vgl. dazu auch: Pierre Bourdieu: Die männliche Herrschaft, Frankfurt am Main 2012, S. 44f.

[14] Natürlich ist sie nicht der Beginn der Geschichte der Unterordnung der Frau unter den Mann, diese beginnt viel, viel früher (s. dazu beispielsweise: Barbara Becker-Cantarino: Schriftstellerinnen der Romantik. Epoche – Werke – Wirkung, München 2000, S. 20) – aber es ist der Beginn einer mit einem ökonomischen Wandel verbundenen neuen Unterordnung der Frau unter den Mann, die die Gesellschaft, in der wir heute leben, mitgeprägt hat. Natürlich erhoben sich auch andere Stimmen, u.a. bspw. Gottsched, Friedrich Schlegel und Friedrich Schleiermacher, überhaupt die Berliner Romantiker teilten diese Auffassungen nicht in dieser Form, s.: Hansjügen Blinn: „Das Weib wie es seyn sollte.“ Der weibliche Bildungs- und Entwicklungsroman um 1800, in: Hiltrud Gnüg/Renate Möhrmann (Hgg.): Frauen Literatur Geschichte. Schreibende Frauen vom Mittelalter bis zur Gegenwart, 2. vollst. neu bearb. und erw. Auflage, Stuttgart 1999, S. 82.

[15] Vgl. ebd.

[16] Vgl. Barbara Becker-Cantarino: Schriftstellerinnen der Romantik. Epoche – Werke – Wirkung, München 2000, S. 20.

[17] Germaine Goetzinger: „Allein das Bewußtsein dieses Befreienkönnens ist schon erhebend“. Emanzipation und Politik in Publizistik und Roman des Vormärz, in: Gisela Brinker-Gabler (Hg.): Deutsche Literatur von Frauen, Bd. 2. 19. und 20. Jahrhundert, München 1988, S. 87.

[18] Vgl. ebd.

[19] Immanuel Kant: Vorkritische Schriften bis 1768, Bd. 1, Wiesbaden 1960, S. 851.

[20] Vgl. dazu auch: Barbara Becker-Cantarino: Schriftstellerinnen der Romantik. Epoche – Werke – Wirkung, München 2000, S. 27.

[21] Vgl. Barbara Becker-Cantarino: Schriftstellerinnen der Romantik. Epoche – Werke – Wirkung, München 2000, S. 19.

[22] Vgl. Konstanze Fliedl: Auch ein Beruf. „Realistische“ Autorinnen im 19. Jahrhundert, in: Gisela Brinker-Gabler (Hg.): Deutsche Literatur von Frauen, Bd. 2. 19. und 20. Jahrhundert, München 1988, S. 77.

[23] Heinrich von Kleist: Sämtliche Werke, hg. von Helmut Sembdnner, Bd. 2, München 1964, S. 491f.

[24] Vgl. Barbara Becker-Cantarino: Schriftstellerinnen der Romantik. Epoche – Werke – Wirkung, München 2000, S. 30-32.

[25] Florian Kessler: Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn!, in: ZeitOnline vom 16.01.2014 (http://www.zeit.de/2014/04/deutsche-gegenwartsliteratur-brav-konformistisch) (Abgerufen am 26.08.2017); einige Antwortbeiträge von: Enno Stahl: Wer schreibt, der bleibt, in: TAZ vom 23.01.2014 (http://www.taz.de/!405547/) (Abgerufen am26.08.2017); Gerrit Bartels: Das Leiden der Arztkinder, in: Der Tagesspiegel vom 02.02.2014 (http://www.tagesspiegel.de/kultur/die-kessler-debatte-das-leiden-der-arztkinder/9419248.html) (Abgerufen am 26.08.2014); Carolin Amlinger: Es ist die Marktlogik, in: der Freitag vom 06.02.2014 (https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/es-ist-die-marktlogik) (Abgerufen am26.08.2017); Olga Grjasnowa: Deutschland, deine Dichter – bunter als behauptet, in: Die Welt vom 08.02.2014 (https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article124655990/Deutschland-deine-Dichter-bunter-als-behauptet.html) (Abgerufen am 26.08.2017); Maxim Biller: Letzte Ausfahrt Uckermark, in: Zeit Online vom 20.02.2014 (http://www.zeit.de/2014/09/deutsche-gegenwartsliteratur-maxim-biller/komplettansicht) (Abgerufen am 26.08.2017); Jan Wiele: Darauf eine Kronauer!, in: FAZ vom 26.02.2014 (http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/literatur-debatte-darauf-eine-kronauer-12820498.html) (Abgerufen am 26.08.2017); Gerrit Bartels: Der gebrauchte Nestbeschmutzer, in: Der Tagesspiegel vom 02.03.2014 (http://www.tagesspiegel.de/kultur/literaturdebatte-der-gebrauchte-nestbeschmutzer/9556944.html) (Abgerufen am 26.08.2017); Fatma Aydemir: Und (fast) alle sind sich einig, in: TAZ vom 27.03.2014 (http://www.taz.de/!378504/) (Abgerufen am 26.08.2017).

[26] Vgl. beispielsweise neben vielen anderen: Rolf Becker/Wolfgang Lauterbach (Hgg.): Bildung als Privileg. Erklärungen und Befunde zu den Ursachen der Bildungsungleichheit, 5. aktual. Aufl., Wiesbaden 2016; Andreas Hadjar/Jörg Berger: Dauerhafte Bildungsungleichheiten in Westdeutschland, Ostdeutschland und der Schweiz. Eine Kohortenbetrachtung der Ungleichheitsdimensionen soziale Herkunft und Geschlecht, in: Zeitschrift für Soziologie 2010 (39), S. 182-201.

[27] Barbara Becker-Cantarino: Schriftstellerinnen der Romantik. Epoche – Werke – Wirkung, München 2000, S. 37.

[28] Vgl. Stefan Bollmann: Frauen und Bücher. Eine Leidenschaft mit Folgen, München 2015, S. 39.

[29] Vgl. Barbara Becker-Cantarino: Schriftstellerinnen der Romantik. Epoche – Werke – Wirkung, München 2000,, S. 35 und S. 38.

[30] Ebd., S. 35.

[31] Vgl. ebd. S. 35-37.

[32] Vgl. ebd., S. 37

[33] Vgl. Michael Maurer: Kulturgeschichte, Köln/Weimar/Wien 2008, S. 103.

[34] Vgl. Barbara Becker-Cantarino: Schriftstellerinnen der Romantik. Epoche – Werke – Wirkung, München 2000, S. 37-39.

[35] Albrecht Koschorke: Geschlechterpolitik und Zeichenökonomie. Zur Geschichte der deutschen Klassik vor ihrer Entstehung, in: Renate von Heydebrand (Hg.): Kanon Macht Kultur. Theoretische, historische und soziale Aspekte ästhetischer Kanonbildug, Stuttgart/Weimar 1998, S. 593.

[36] Vgl. ebd., S. 592f.; zudem durfte man das für den Beruf notwendige auch privat lesen – dies betraf aber praktisch nur Männer, da Frauen ja in der Regel keinen Beruf ausüben durften.

[37] Vgl. Renate von Heydebrand/Simone Winko: Geschlechterdifferenz und literarischer Kanon. Historische Beobachtungen und systematische Überlegungen, in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 1994 (19/2), S. 141.

[38] Ebd., S. 38.

[39] Vgl. Werner Graf: Lesegenese in Kindheit und Jugend. Einführung in die literarische Sozialisation, Hohengehren 2011, S. 133 und S. 168f.; Maik Philipp/Christine Garbe: Lesen und Geschlecht – empirisch beobachtbare Achsen der Differenz, in: Andrea Bertschi-Kaufmann (Hg.): Lesekompetenz – Leseleistung – Leseförderung. Grundlagen, Modelle und Materialien, Seelze 2007, S. 66-83.

[40] Vgl. Andreas Seidler: Geschlechterdifferenzen bei der literarischen Rezeption unter besonderer Berücksichtigung der Science Fiction, in: Marie-Hélène Adam/Katrin Schneider-Özbek (Hgg.): Technik und Gender. Technikzukünfte als geschlechtlich codierte Ordnungen in Literatur und Film, Karlsruhe 2016, S. 245.

[41] Renate von Heydebrand/Simone Winko: Geschlechterdifferenz und literarischer Kanon. Historische Beobachtungen und systematische Überlegungen, in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 1994 (19/2), S. 119.

[42] Vgl. Werner Graf: Lesegenese in Kindheit und Jugend. Einführung in die literarische Sozialisation, Hohengehren 2011, S. 170f.

[43] Hierbei wäre vor allem auch wünschenswert, wenn Eltern und Lehrkräfte ihren Einfluss auf die Lesesozialisation reflektieren würden, da in einer mediatisierten Gesellschaft aber eben auch Medien ein Einflussfaktor für Sozialisation – und sei es nur über die Verhaltensmuster, die sie eben Eltern und Lehrkräften vermitteln – sind, wäre auch hier ein Wahrnehmen der eigenen Verantwortung hilfreich. Vgl. dazu auch: Gabriele Fenkart: Geschlechterrollen und Identitätskonstruktion. Literale Praxis im Kontext Schule, in: Jörg Hagedor (Hg.): Jugend, Schule und Identität. Selbstwerdung und Identitätskonstruktion im Kontext Schule, Wiesbaden 2014, S. 299-313; Christine Garbe: „Echte Kerle lesen nicht!?“. Was eine erfolgreiche Leseförderung für Jungen beachten muss, in: Michael Matzner/Wolfgang Tischner (Hgg.): Handbuch Jungen-Pädagogik, Weinheim/Basel 2008, S. 301-315.

[44] So beispielsweise: Ana Maria Michel: Dieses Buch wird ihr Leben verändern!, in: Zeit Online vom 11.02.2016 (http://www.zeit.de/kultur/literatur/2016-02/buchblogger-verlage) (Abgerufen am 27.08.2017).

[45] Marc Reichwein: Lesewut 3.0, in: Die Welt vom 20.04.2017 (https://www.welt.de/print/welt_kompakt/kultur/article163727944/Lesewut-3-0.html) (Abgerufen am 27.08.2017).

[46] Oliver Jungen: Wie entsteht ein Mega-Bestseller?, in: FAZ vom 06.06.2016.

[47] Stefan Bollmann: Frauen und Bücher. Eine Leidenschaft mit Folgen, München 2015, S. 12.

[48] Ruth Klüger: Frauen lesen anders, in: Dies.: Frauen lesen anders. Essays, München 1996, S. 99.

[49] Renate von Heydebrand/Simone Winko: Geschlechterdifferenz und literarischer Kanon. Historische Beobachtungen und systematische Überlegungen, in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 1994 (19/2), S. 120.

[50] Marc Reichwein: So sehen Marcel Reich-Ranickis TV-Erben aus, in: Die Welt vom 28.05.2015 (https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article141598976/So-sehen-Marcel-Reich-Ranickis-TV-Erben-aus.html) (Abgerufen am 27.08.2017).

[51] Markus Ehrenberg: „Ganz kurz, ich kann’s ja begründen!“, in: Der Tagesspiegel vom 13.10.2016 (http://www.tagesspiegel.de/medien/ein-jahr-literarisches-quartett-ganz-kurz-ich-kanns-ja-begruenden/14685660.html) (Abgerufen am 27.08.2017).

[52] Susanne Krones im Gespräch mit Joachim Scholl: Buchbranche – von wegen weiblich. Die Top-Jobs kriegen die Männer, auf: Deutschlandfunk Kultur am 14.02.2017 (http://www.deutschlandfunkkultur.de/buchbranche-von-wegen-weiblich-die-top-jobs-kriegen-die.1270.de.html?dram:article_id=378929) (Abgerufen am 20.09.2017).

[53] Stefan Hradil: Soziale Ungleichheit in Deutschland, unter Mitarbeit von Jürgen Schiener, Wiesbaden 2011, S. 91.

[54] Shana Lebowitz/Daniel Tost: Schon als Kind hatte Bill Gates diese wichtige Angewohnheit erfolgreicher Menschen, in: businessinsider.de am 11.01.2016 (http://www.businessinsider.de/bill-gates-angewohnheit-erfolgreicher-menschen-2016-1) (Abgerufen am 27.08.2017); o.A.: Diese Bücher sollten Sie lesen, sagt Bill Gates, in: Spiegel Online vom 27.05.2017 (http://www.spiegel.de/karriere/bill-gates-diese-fuenf-buecher-sollten-sie-lesen-a-1149373.html) (Abgerufen am 27.08.2017); Anna Wilke: 23 Bücher, die der Facebook-Gründer empfiehlt, in: impulse vom 12.01.2016 (https://www.impulse.de/leben/23-buecher-die-facebook-gruender-zuckerberg-empfiehlt/2180517.html) (Abgerufen am 27.08.2017); Andrian Kreye: Wie Literatur Obama in seiner Amtszeit halt, in: Süddeutsche.de vom 18.01.2017 (http://www.sueddeutsche.de/kultur/interview-mit-us-praesident-wie-literatur-obama-in-seiner-amtszeit-half-1.3337803) (Abgerufen am 27.08.2017); Aine Cain/Matthias Olschewski: Barack Obama empfiehlt euch, diese 11 Bücher zu lesen, in: businessinsider.de vom 20.01.2017 (http://www.businessinsider.de/buch-barack-obama-empfehlung-2017-1) (Abgerufen am 27.08.2017).

[55] Konstantin Richter: Warum Lesen jetzt ein Statussymbol ist, in: Welt vom 19.06.2017 (https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article165707303/Warum-Lesen-jetzt-ein-Statussymbol-ist.html) (Abgerufen am 27.08.2017).

[56] Nathalie Gaulhiac: Warum Bücher euch reicher, intelligenter und gesünder machen, in: businessinsider.de vom 15.12.2016 (http://www.businessinsider.de/warum-buecher-euch-reicher-intelligenter-und-gesuender-machen-2016-12) (Abgerufen am 27.08.2017).

[57] Diese Ausnahmen vor und um 1800 waren Anna Vandenhoeck und Friederike Helene Unger, erst mit Aufkommen der Frauenbewegung um 1900 treten mehr Verlegerinnen auf, oft war aber die Tätigkeit dieser Frauen in diesem Beruf zeitlich begrenzt, s.: Edda Ziegler: Buchfrauen. Frauen in der Geschichte des deutschen Buchhandels, Göttingen 2014.

[58] Vgl. Günter Häntzschel: Für „fromme, reine und stille Seelen“. Literarischer Markt und ‚weibliche‘ Kultur im 19. Jahrhundert, in: Gisela Brinker-Gabler (Hg.): Deutsche Literatur von Frauen, Bd. 2. 19. und 20. Jahrhundert, München 1988, S. 121-123.

[59] Melanie Mühl: Wenn ich du wäre, wäre ich lieber ich, in: FAZ vom 23.08.2013 (http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/ratgeberliteratur-fuer-frauen-wenn-ich-du-waere-waere-ich-lieber-ich-12542662.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2) (Abgerufen am 27.08.2017).

[60] Nicola Erdmann: Liebe Männer, so funktioniert das alles!, in: Die Welt vom 26.08.2013 (https://www.welt.de/lifestyle/article119272986/Liebe-Maenner-so-funktioniert-das-alles.html) (Abgerufen am 27.08.2017).

[61] Vgl. zu alledem: Günter Häntzschel: Für „fromme, reine und stille Seelen“. Literarischer Markt und ‚weibliche‘ Kultur im 19. Jahrhundert, in: Gisela Brinker-Gabler (Hg.): Deutsche Literatur von Frauen, Bd. 2. 19. und 20. Jahrhundert, München 1988, S. 123-126.

[62] Ebd., S. 128.

[63] Vgl. Renate von Heydebrand/Simone Winko: Geschlechterdifferenz und literarischer Kanon. Historische Beobachtungen und systematische Überlegungen, in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 1994 (19/2), S. 99f.

[64] Vgl. ebd.; Friedrich Kittler: Aufschreibesysteme 1800/1900, 2. erw. und korr. Aufl., München 1987, S. 131-179.

[65] Vgl. Renate von Heydebrand/Simone Winko: Geschlechterdifferenz und literarischer Kanon. Historische Beobachtungen und systematische Überlegungen, in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 1994 (19/2), S. 140.

[66] Ebd., S. 127.

[67] Vgl. zur Geschichte der „Mädchenliteratur“ beispielsweise: Dagmar Grenz: Mädchenliteratur. Von den moralisch-belehrenden Schriften im 18. Jahrhundert bis zur Herausbildung der Backfischliteratur im 19. Jahrhundert, Stuttgart 1981; Susanne Barth: Mädchenlektüren. Lesediskurse im 18. und 19. Jahrhundert, Frankfurt a. M./New York 2002.

[68] Änliche Kritik übt: Sabine Schmidt: Die Klischee-Falle, auf boersenblatt.net am 23.06.2017 (https://www.boersenblatt.net/artikel-gendermarketing_im_buchhandel.1343851.html) (Abgerufen am  04.09.2017).

[69] Vgl. Hans von Trotha im Gespräch mit Frank Meyer: Wieso Verlage uralte Signalreize nutzen, in: Deutschlandfunk Kultur vom 04.09.2017 (http://www.deutschlandfunkkultur.de/trends-auf-deutschen-buchcovern-wieso-verlage-uralte.1270.de.html?dram:article_id=395061) (Abgerufen am 04.09.2017).

[70] Peter Körte: Wenn die Drogen mit der Drohne kommen, in: FAZ vom 08.08.2017 (http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/krimi/zoe-beck-und-ihr-kriminalroman-die-lieferantin-15138365.html) (Abgerufen am 29.08.2017).

[71] Annika Reich: Wenn Frauen mal ein interessantes Leben haben, in: Zeit Online vom 12.10..2015 (http://www.zeit.de/kultur/2015-10/amazon-bestseller-frauen-biografien-stereotype-10nach8/) (Abgerufen am 04.09.2017).

[72] Stefan Neuhaus: Deutschland, in: Gabriele Rippl/Simone Winko: Handbuch Kanon und Wertung. Theorien, Instanzen, Geschichte, Stuttgart/Weimar 2013, S. 277.

[73] Vgl. Jürgen Jacobs/Markus Krause: Der deutsche Bildungsroman. Gattungsgeschichte vom 18. bis zum 20. Jahrhundert, München 1989, S. 37.

[74] Vgl. ebd., S. 35.

[75] Vgl. Jürgen Jacobs/Markus Krause: Der deutsche Bildungsroman. Gattungsgeschichte vom 18. bis zum 20. Jahrhundert, München 1989; Rolf Selbmann: Der deutsche Bildungsroman, 2., überarb. und erw. Aufl., Stuttgart/Weimar 1994.

[76] Vgl. Rolf Selbmann: Der deutsche Bildungsroman, 2., überarb. und erw. Aufl., Stuttgart/Weimar 1994, S. 14.

[77] Vgl. Ortrud Gutjahr: Einführung in den Bildungsroman, Darmstadt 2007, S. 62-69.

[78] Hansjürgen Blinn: „Das Weib wie es seyn sollte.“ Der weibliche Bildungs- und Entwicklungsroman um 1800, in: Hiltrud Gnüg/Renate Möhrmann (Hgg.): Frauen Literatur Geschichte. Schreibende Frauen vom Mittelalter bis zur Gegenwart, 2. vollst. neu bearb. und erw. Auflage, Stuttgart 1999, S. 81-91

[79] Gabriele Rippl/Julia Straub: Zentrum und Peripherie. Kanon und Macht (Gender, Race, Postkolonialism), in: Gabriele Rippl/Simone Winko: Handbuch Kanon und Wertung. Theorien, Instanzen, Geschichte, Stuttgart/Weimar 2013, S. 113.

[80] Renate von Heydebrand/Simone Winko: Geschlechterdifferenz und literarischer Kanon. Historische Beobachtungen und systematische Überlegungen, in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 1994 (19/2), S. 108-110.

[81] Dana Buchzik: Auch in der Literatur ist ein #aufschrei fällig, in: Die Welt vom 19.08.2014 (https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article131350003/Auch-in-der-Literatur-ist-ein-aufschrei-faellig.html) (Abgerufen am 04.09.2017).

[82] Vgl. Simon Tönis: Die klassische Musik hat ein Sexismusproblem, in: Süddeutsche Online vom 11.01.2017 (http://www.sueddeutsche.de/kultur/gender-debatte-die-geschlechterkluft-ist-tief-1.3325426) (Abgerufen am 04.09.2017).

[83] Vgl. Renate von Heydebrand/Simone Winko: Geschlechterdifferenz und literarischer Kanon. Historische Beobachtungen und systematische Überlegungen, in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 1994 (19/2), S. 111f.

[84] Vgl. ebd., S. 103.

[85] Vgl. Richard Shusterman: Kunst leben. Die Ästhetik des Pragmatismus, Frankfurt am Main 1994, S. 121-155.

[86] Ebd., S. 122.

[87] Ebd., S. 133.

[88] Ebd. S. 135.

[89] Vgl. Alina Herbing/Lena Vöcklinghaus: Sexismus an Hochschulen (8 – und Schluss), in: Merkur Blog am 28.08.2017 (http://www.merkur-zeitschrift.de/2017/08/28/sexismus-an-hochschulen-8-und-schluss/) (Abgerufen am 29.08.2017).

[90] Shida Bazyar: Bastelstunde in Hildesheim oder Warum ich in Hildesheim lernte dass der eine -ismus mich davon abhält über den anderen zu reden, auf: Merkur Blog vom 16.07.2017 (https://www.merkur-zeitschrift.de/2017/07/06/6037) (Abgerufen am 29.08.2017).

[91] Stefan Mesch: Austeilen, Abgrenzen, Angstmachen, Einstecken. Fünf Jahre als Schreibschüler, auf: Merkur Blog vom 14.07.2017 (https://www.merkur-zeitschrift.de/2017/07/14/austeilen-abgrenzen-angstmachen-einstecken-fuenf-jahre-als-schreibschueler/) (Abgerufen am 29.08.2017).

[92] Paula Fürstenberg: Lesen, schreiben, lernen, wüten, ausblenden. Und von vorn., auf: Merkur Blog vom 11.07.2017 (https://www.merkur-zeitschrift.de/2017/07/11/lesen-schreiben-lernen-wueten-ausblenden-und-von-vorn/) (Abgerufen am 29.08.2017).

[93] Stefan Mesch: Austeilen, Abgrenzen, Angstmachen, Einstecken. Fünf Jahre als Schreibschüler, auf: Merkur Blog vom 14.07.2017 (https://www.merkur-zeitschrift.de/2017/07/14/austeilen-abgrenzen-angstmachen-einstecken-fuenf-jahre-als-schreibschueler/) (Abgerufen am 29.08.2017).

[94] Ebd.

[95] Anke Stelling: Größer als Null, auf: Merkur Blog vom 08.07.2017 (https://www.merkur-zeitschrift.de/2017/07/08/groesser-als-null/) (Abgerufen am 29.08.2017).

[96] Ebd.

[97] Felix Schiller: Du musst nicht performen, auf: Merkur Blog vom 28.08.2017 (https://www.merkur-zeitschrift.de/2017/08/28/du-musst-nicht-performen/) (Abgerufen am 29.08.2017); Stefan Mesch: Austeilen, Abgrenzen, Angstmachen, Einstecken. Fünf Jahre als Schreibschüler, auf: Merkur Blog vom 14.07.2017 (https://www.merkur-zeitschrift.de/2017/07/14/austeilen-abgrenzen-angstmachen-einstecken-fuenf-jahre-als-schreibschueler/) (Abgerufen am 29.08.2017).

[98] Katherin Bryla: Konkurrenz und Kanon, auf: Merkur Blog vom 08.07.2017 (https://www.merkur-zeitschrift.de/2017/07/08/konkurrenz-und-kanon/) (Abgerufen am 29.08.2017); Paula Fürstenberg: Lesen, schreiben, lernen, wüten, ausblenden. Und von vorn., auf: Merkur Blog vom 11.07.2017 (https://www.merkur-zeitschrift.de/2017/07/11/lesen-schreiben-lernen-wueten-ausblenden-und-von-vorn/) (Abgerufen am 29.08.2017).

[99] Katherin Bryla: Konkurrenz und Kanon, auf: Merkur Blog vom 08.07.2017 (https://www.merkur-zeitschrift.de/2017/07/08/konkurrenz-und-kanon/) (Abgerufen am 29.08.2017).

[100] Kirsten Reimers: Für Gleichberechtigung in der Krimibranche, in: Deutschlandfunk vom 30.08.2017 (http://www.deutschlandfunk.de/netzwerke-von-autorinnen-fuer-gleichberechtigung-in-der.700.de.html?dram:article_id=394687) (Abgerufen am 04.09.2017).

[101] Interview mit Jana Hensel, auf: MDR Kultur vom 31.08.2017 (http://www.mdr.de/kultur/themen/jana-hensel-sexismus-im-literaturbetrieb-100.html) (Abgerufen am 01.09.2017).

[102] Vgl. Renate von Heydebrand/Simone Winko: Geschlechterdifferenz und literarischer Kanon. Historische Beobachtungen und systematische Überlegungen, in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 1994 (19/2), S. 141.

[103] Sigrid Schmid-Bortenschlager: Österreichische Schriftstellerinnen 1800-2000. Eine Literaturgeschiche, Darmstadt 2009, S. 21.

[104] Zu diesem Urteil kommen auch: Sigrid Schmid-Bortenschlager: Österreichische Schriftstellerinnen 1800-2000. Eine Literaturgeschiche, Darmstadt 2009, S. 16; Barbara Becker-Cantarino: Schriftstellerinnen der Romantik. Epoche – Werke – Wirkung, München 2000, S. 11.

[105] Vgl. Barbara Becker-Cantarino: Schriftstellerinnen der Romantik. Epoche – Werke – Wirkung, München 2000, S. 60.

[106] Vgl. ebd., S. 124-126.

[107] Ebd., S. 39.

[108] Ruth Whittle: Gender, canon and literary historiy. The changing place of nineteenth-century german women writers (1835-1918), Berlin/Boston 2013, S. 171.

[109] Das steht auch in keinem Widerspruch zu der – ebenfalls von Simone Winko, auf deren Forschungsarbeit zum Kanon ja auch mein Text stark beruht, stammenden – Theorie vom Kanon als „invisible hand“-Prozess, dem gemäß der Kanon kontingent, also weder willkürlich noch bewusst gesteuert durch eine kleine Gruppe oder einzelne Individuuen, entstanden ist: Die Marginalisierung von Frauen im Kanon ist Ergebnis einer die gesamte, insbesondere aber die bürgerliche Gesellschaft prägenden Vorstellung von Weiblichkeit, die im öffentlichen Raum nichts verloren hat und die nur triviale Kunst zu schaffen in der Lage ist. Der Kanon ist nicht Ergebnis einer Verschwörung von ein paar mächtigen Frauenfeinden, sondern eines viel wirkmächtigeren Menschenbildes, das viel mehr Menschen weiblichen wie männliche Geschlechts geprägt hat.

[110] Gabriele Rippl/Julia Straub: Zentrum und Peripherie. Kanon und Macht (Gender, Race, Postkolonialism), in: Gabriele Rippl/Simone Winko: Handbuch Kanon und Wertung. Theorien, Instanzen, Geschichte, Stuttgart/Weimar 2013, S. 113.

[111] Ebd.

[112] Vgl. Renate von Heydebrand/Simone Winko: Geschlechterdifferenz und literarischer Kanon. Historische Beobachtungen und systematische Überlegungen, in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 1994 (19/2), S. 109.

[113] Vgl. Andreas B. Kilcher: Einleitung, in: Ders. (Hg.): Metzler Lexikon der deutsch-jüdischen Literatur. Jüdische Autorinnen und Autoren deutscher Sprache von der Aufklärung bis zur Gegenwart, 2., aktual. und erw. Aufl., Stuttgart/Weimar 2012, S. XIf.

[114] Stefan Neuhaus: Deutschland, in: Gabriele Rippl/Simone Winko: Handbuch Kanon und Wertung. Theorien, Instanzen, Geschichte, Stuttgart/Weimar 2013, S. 277

[115] Vgl. auch: Alexander Starre: Kontextbezogene Modelle: Bildung, Ökonomie, Nation und Identität als Kanonisierungsfaktoren, in: : Gabriele Rippl/Simone Winko: Handbuch Kanon und Wertung. Theorien, Instanzen, Geschichte, Stuttgart/Weimar 2013, S. 62.

[116] Sigrid Schmid-Bortenschlager: Österreichische Schriftstellerinnen 1800-2000. Eine Literaturgeschiche, Darmstadt 2009, S. 19.

[117] Vgl. Ruth Whittle: Gender, canon and literary history. The changing place of nineteenth-century german women writers (1835-1918), Berlin/Boston 2013, S. 176-179.

[118] Vgl. Klaus-Michael Bogdal: Zwischen Alltag und Utopie. Arbeiterliteratur als Diskurs des 19. Jahrhunderts, Wiesbaden 1991.

[119] Vgl. Sabine Buck: Literatur als moralfreier Raum? Zur zeitgenössischen Wertungspraxis deutschsprachiger Literaturkritik, Paderborn 2011, S. 379-383.

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Gespräch mit Albert Eibl vom DVB Verlag über “Das Vergessene Buch”

Als Student wundert man sich irgendwann, dass die Talente im Fußball mit Millionenverträgen jünger sind als man selbst. Doch Verleger und Verlegerinnen, so hat man zumeist das Glück, sind bis ins hohe Alter älter als man selbst. Der aus München stammende in Wien studierende Albert Eibl hat mit 24 Jahren den DVB Verlag gegründet und verlegt dort (bisher) vergessene österreichische Literatur der Zwischenkriegszeit. Verrückt? Nein! Denn Albert Eibl hat einen Plan und vor allem grandiose Literatur vor sich, davon erzählt er bei 54books.

1. Wo verläuft bei Dir die Grenze zwischen Liebhaberei, überambitioniert und Wahnsinn? Ein heute 27-jähriger Student, der bereits vor 3 Jahren einen Verlag gegründet hat, um vergessene Bücher wiederzuentdecken in einer Zeit des ständigen Abgesangs auf Buch und Buchhandel, voller Genretitel und immer schneller drehendem Markt. Die Frage muss also sein WARUM?

Die Grenze ist vielmehr ein schmaler Grad. Wer heutzutage einen anspruchsvollen Belletristikverlag gründet, muss sowohl ehrgeizig, als auch Liebhaber und ein Wahnsinniger. Trotz der generell schlechten Marktsituation denke ich, dass die Sehnsucht nach echter Kultur in unserer Generation gerade wächst. Nicht nur in der Literatur macht sich das bemerkbar. Darin liegt dann auch die Chance von Programmen, die Qualität über Quantität stellen und es damit schaffen, einen kleinen, aber feinen Zirkel von Lesern nachhaltig an sich zu binden.

2. Stoffe, die einmal funktioniert haben, funktionieren auch nochmal? Ist das eine Rechnung die aufgeht oder ist das viel zu kurz gedacht (sowohl vom Fragenden als auch vielleicht [?] vom Ausführenden)?

Das ist natürlich etwas zu kurz gedacht. Jedes Buch stellt ein eigenes Wagnis dar. Ich kann aufgrund von den bisher von mir verlegten Titeln natürlich irgendwelche Vorhersagen über den potentiellen Erfolg eines Titels treffen – wieviele Exemplare sich dann aber wirklich verkaufen, steht in den Sternen. Dafür spielen zuviele Faktoren mit rein – angefangen von der Wahl des richtigen Covers bis zur persönlichen Leidensgeschichte der Autorin. Verlegen ist da ein bisschen wie Roulette spielen. Wenn man Erfahrung hat und den richtigen Riecher kann das Risiko etwas minimieren. Wohin die Kugel dann aber genau fällt, bleibt dem Leser bzw. dem Markt und dem Literaturbetrieb überlassen.

3. Als Mitglied der Internationalen Stefan Zweig Gesellschaft kenne ich die Vorwürfe, dass sich das Nachkriegsösterreich zu wenig um den berühmten Wiener/”Salzburger” gekümmert hat. Du hast Dich ebenfalls auf Österreicher, bisher Frauen, spezialisert – warum sollen wir diese Titel auch heute noch lesen?

Die fünf bisher von mir verlegten Romane sind nicht nur für Österreicher oder Wiener interessant, obwohl sie in der Tat hauptsächlich in Wien und Umgebung spielen. Ich verlege nur Romane, von denen ich mir auch vorstellen kann, dass sie ein größeres Publikum interessieren könnten. Als Spiegel ihrer eigenen Zeit geben sie das spezifische Timbre wieder, die charakteristische Schwingung, die zur Zeit ihrer Entstehung in den Straßen und Cafes, auf den Plätzen und in den Vergnügungsstätten der mondänen Großstadt webte und durch die wir uns, wie in einer Zeitmaschine, zurückversetzen können zu jenem einzigartigen Nachmittag um 1900 an dem Arthur Schnitzler seine Melange mit Stefan Zweig und Felix Salten im berühmten Griensteidl trank und sich dabei gehörig seine Zunge verbrühte…Durch so manchen guten Roman kommen wir der Vergangenheit bedeutend näher als durch ein auf Hochglanz poliertes Geschichtsbuch – so meine Meinung.

4. Wie findest man solche Bücher? Ist es wirklich Recherche Arbeit im Antiquariat mit Wühlen durch “vergessene Bücher” oder ist es Arbeit am Lexikon und durch alte “Bestsellerlisten”?

Es ist weniger das wilde Wühlen im Antiquariat als die gezielte Recherche in Fachlexika, Tagebüchern der Zeit und Feuilletons, durch die man auf den ein oder anderen literarischen Schatz stoßen kann, der es Wert ist, wiederentdeckt zu werden. Zu den Tipps von interessierten Lesern kommen mittlerweile auch regelmäßig Anfragen und Angebote von Literaturwissenschaftlern, die ihrerseits vergessene Werke ausgegraben haben, die sie in meinem Verlag herausgeben wollen. Zusätzlich zu meinen eigenen Recherchen sondiere ich diese Angebote und entscheide mich dann für das Werk, das mir selbst am besten gefällt und von dem ich finde, dass es es Wert ist, ins kulturelle Gedächtnis der Leser zurückgeholt zu werden.

Auf Maria Lazar, die erste Autorin, die ich Ende 2014 verlegt habe, stieß ich durch eine Vorlesung zur österreichischen Zwischenkriegszeit von Herrn Prof. Johann Sonnleitner. Er erklärte sich dann überraschend schnell bereit, die beiden völlig in Vergessenheit geratenen Romane „Die Vergiftung“ und „Die Eingeborenen von Maria Blut“ in meinem noch völlig unbekannten Verlag neu herauszugeben und mit einem Nachwort zu versehen. Auch bei den beiden Werken von Marta Karlweis, die bis jetzt im DVB Verlag erschienen sind („Ein österreichischer Don Juan“ und „Schwindel. Geschichte einer Realität“) firmierte er als Herausgeber.

Auf den bisher medial und verkaufstechnisch erfolgreichsten Roman meines Verlags, den skandalträchtigen Rotlichtroman „Der heilige Skarabäus“ von 1909 machte mich erstmals die Grazer Germanistin Brigitte Spreitzer aufmerksam. Wenn du das im selben Band abgedruckte, rund 60 Seiten umfassende Nachwort zu Leben und Werk der Autorin Else Jerusalem liest, merkst du schnell, wieviel Arbeit es sein kann, eine völlig vergessene Autorin wieder zu rehabilitieren und sie im Kontext ihrer Zeit zu verorten. Dennoch lohnt sich der Aufwand allemal.

5. Du brauchst sicher Kritierien, ganz sicher ist es auch literarische Qualität, aber spielen bei Dir auch Überlegeungen hinsichtlich Zeitbezug, Skandalträchtigkeit oder andere Faktoren eine Rolle?

Als rein ideelles Unternehmen bleibt ein Verlag heutzutage leider schnell auf der Strecke. Ich muss mir also bei jedem wiederentdeckten Roman schon im voraus Gedanken machen, inwieweit ich genügend Aufmerksamkeit für ihn generieren kann, damit er bei seinem Erscheinen in einschlägigen Medien besprochen wird. Das wiederum führt dazu, dass Buchhändler ihn überhaupt in ihre Regale stellen und Leser ihn letztlich kaufen können. Ohne einen gewissen Umsatz und die Unterstützung von Förderungen für einzelne waghalsige Buchprojekte geht es nicht. So gesehen kommt der Wiederentdeckung eine skandalträchtige Autorenbiographie oder eine aufwühlende Hintergrundgeschichte natürlich immer zugute.

6. Wo willst Du hin mit Deinem Programm? Ist es absehbar, dass Du irgendwann sagst, “es gibt keine Bücher aus diesem Bereich mehr, die interessant für mich sind” oder wirst Du Dein Recherchegebiet einfach öffnen?

In der von mir in den letzten drei Jahren beackerten Nische der österreichischen Zwischenkriegszeit gibt es noch einige Werke, von denen es sich mit Sicherheit lohnen würde, sie wiederzuentdecken. Welche genau, möchte ich an dieser Stelle nicht verraten (Berufsgeheimnis;)). Ich bin aber durchaus offen, mein Verlagsprogramm in Zukunft auszuweiten und noch ungeahnte und entferntere Gebiete der deutschsprachigen Literatur nach archäologischen Sensationen zu durchkämmen.


Albert-Eibl Eva Reisinger
©Eva Reisinger

Albert C. Eibl, Jg. 1990, studierte Deutsche Philologie, Philosophie und Politikwissenschaft in Zürich und Wien. Nach einer Hospitanz im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gründete er den Verlag Das vergessene Buch (DVB Verlag), dessen Inhaber und Geschäftsführer er ist. Er veröffentlicht regelmäßig Beiträge im Wiener Falter und dem österreichischen Nachrichtenmagazin PROFIL und ist seit 2016 Mitglied des österreichischen PEN Clubs.

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Zur Kritik des normierten Lesens

In den letzten Wochen wurde mir, vor allem anlässlich meines Beitrags „Endlich sagt’s mal einer“, aber auch in anderen Kontexten, vorgehalten, ich wolle Kritik an Bloggern grundsätzlich unmöglich machen und verstehe überhaupt all diese Feuilleton-Artikel über Blogger ganz falsch, da sei kein Dünkel, da seien nur „verwunderte“ oder „ganz sachliche“ Feststellungen. Warum sehe ich überhaupt in rein sachlichen Beobachtungen von Kulturjournalisten so etwas wie Dünkel und Klassismus?

Weil es bestimmte Äußerungen und „Beobachtungsmuster“ gibt, die keine Zufälle sind: Die gesamte Praxis der Kritik an Buchbloggern, Booktubern und Bookstagarmern bedient historisch eingeschliffene Muster, die über 200 Jahre alt sind. Damit meine ich nicht alle Kritikpunkte, die solche Artikel so vorbringen, sondern spezifische Muster, die im Folgenden deutlich werden sollten.

Zunächst müssen wir uns für das Folgende über eine Voraussetzung einig sein: Es gibt kulturelle Praktiken, die gesamtgesellschaftlich kulturell festgelegt und durch Sozialisation weitergegeben werden. Und: Kulturelle Praktiken werden immer unterschiedlich bewertet – gesamtgesellschaftlich betrachtet, gerade dann, wenn es um sozialen Aufstieg geht, ist nach wie vor der Theaterbesuch angesehener als das Ansehen des Programms des Privatfernsehens. Hier mag es milieuspezifische Unterschiede geben, insofern ist es natürlich zu grob, wenn ich mich im Folgenden auf ein Klassenmodell bzw. das Modell Bourdieus stütze, ich gehe aber davon aus, dass man mit diesem Modell gesamtgesellschaftlich schon noch etwas Richtiges und Wichtiges zeigen kann.

Ich werde – insbesondere im ersten Teil des folgenden Beitrags – einige theoretische Grundlagen erklären, die einige von euch vermutlich schon kennen. Da aber vielleicht doch nicht jeder Bourdieu gelesen hat, fange ich bei den Grundlagen an. Und sorry: Es wird ein paar Fremdworte geben, die gehören zur Theorie. Bei Fragen – gerne nachfragen.

Der Feuilleton-Literaturkritiker als Mitglied der Klasse der „beherrschten Herrscher“ und sein Habitus

Es gibt laut Bourdieu drei Sorten von Kapital, die in der Gesellschaft und für gesellschaftlichen Aufstieg wichtig sind: kulturelles, soziales und ökonomisches Kapital. Entweder man hat viel Geld (ökonomisches Kapital), oder gute Beziehungen (soziales Kapital), die sich wiederum in Geld umwandeln lassen (weil man durch Vitamin B an bessere Jobs kommt), oder hohes kulturelles Kapital (hohen Bildungsgrad), was sich auch wiederum in Geld umtauschen lässt (weil man sich auf besser bezahlte Jobs bewerben kann).

Die gesamte Gesellschaft untergliedert Bourdieu in drei Klassen: Die herrschende Klasse, die Mittelklasse (= Kleinbürgertum), die Beherrschten (= Volksklasse). Damit aber nicht genug: Die herrschende Klasse besteht aus zwei gegensätzlichen Fraktionen, die sich die Herrschaftsarbeit über die Gesellschaft teilen. Die eine Fraktion sind die „herrschenden Herrscher“, die über hohes ökonomisches Kapital verfügen, also klassischerweise die Unternehmer. Die andere Fraktion ist die der „beherrschten Herrscher“, der Intellektuellen, die über hohes kulturelles Kapital verfügen, wegen fehlenden ökonomischen Kapitals aber den herrschenden Herrschern unterlegen sind (es kommt entsprechend oft zu Rangeleien zwischen beiden). Das macht den Kulturjournalisten des Feuilleton so interessant: Es lebt vielleicht finanziell in einer prekären Lage, gehört aber trotzdem zur herrschenden Schicht der Bevölkerung, er hat trotzdem erheblichen gesellschaftlichen Einfluss und Prestige, kann schön nach unten treten, damit das auch so bleibt, weil er mit festlegt, was kulturell akzeptiert ist und was nicht. Und: Das kulturell Akzeptierte zu tun ist zentral für sozialen Aufstieg durch Bildung.

Diese Position gilt es nun also vorwiegend gegen das aufstiegswillige und daher bildungsbeflissene Kleinbürgertum zu verteidigen. Und verteidigt wird immer durch die Abwertung von kulturellen Praktiken, die nicht der eigenen entsprechen, durch die Abwertung von Lebensstilen. Nach Bourdieu geht der Raum der sozialen Positionen mit einem Raum der Lebensstile einher: Jede Klasse hat ihren spezifischen Lebensstil und ihren Habitus (das meint grob: Verhaltensmuster). Beides dient der Distinktion (Abgrenzung), markiert die „feinen Unterschiede“ in Geschmack, Verhalten, Lebensführung, mit denen sich der „aristokratische Ästhetizismus“ von der „Prätention“ des Kleinbürgertums unterscheidet.

Entsprechend der drei Klassen gibt es also drei Geschmacksformen: Den „legitimen Geschmack“ der herrschenden Klasse, der auf Distinktion achtet und seinen Geschmack durch kulturell anerkannte Legitimationsinstanzen (Universitäten, Kritiker usw.) mit Autorität versehen lässt (darum auch die gelegentliche Allianz der herrschenden Herrscher, also der Reichen, mit den beherrschten Herrschern, also denen mit hohem kulturellem Kapital – wenn man viel Kohle hat, hängt man sich gerne ein teures Bild an die Wand und lädt den Maler zu einer Party ein, um sich mit seiner Bekanntschaft zu schmücken). Dann: Den prätentiösen Geschmack der Mittelklasse, der versucht, den Geschmack der Herrschenden zu imitieren, dabei aber über die feinsten der feinen Unterschiede stolpert, beispielsweise durch den typischen Bildungseifer dieser Schicht – die herrschende Klasse schätzt den Fleißigen gar nicht so sehr, der sich Aufstieg erarbeitet hat, zumindest nicht so sehr wie das Genie, dem scheinbar alles mühelos zugeflogen ist. Ihn bewundert man, den anderen akzeptiert man höchstens. Und dann eben den illegitimen, populären Geschmack der Beherrschten mit seinem von kulturellen Legitimationsinstanzen (Universitäten, Kritiker usw.) für vulgär erklärten Werken und Praktiken. Abwertung des Geschmacks der anderen Schichten dient also zwei Dingen: Disktinktion und Selbstvergewisserung.

„Die Negation des niederen, groben, vulgären, wohlfeilen, sklavischen, mit einem Wort: natürlichen Genusses, diese Negation, in der sich der Heilige der Kultur verdichtet, beinhaltet zugleich die Affirmation der Überlegenheit derjenigen, die sich sublimierte, raffinierte, interesselose, zweckfreie, distinguierte, dem Profanen auf ewig untersagte Vergnügen zu verschaffen wissen. Dies der Grund, warum Kunst und Kunstkonsum sich – ganz unabhängig vom Willen und Wissen der Beteiligten – so glänzend eignen zur Erfüllung einer gesellschaftlichen Funktion der Legitimation sozialer Unterschiede.“

P. Bourdieu: Die feinen Unterschiede, 1987, S. 27

„Genuss“ ist also etwas für den Pöbel, für seinen billigen Massengeschmack. Das intellektualistische „Vergnügen“ ist für die Herrschenden, die einen Hang zur Distinktion durch Askese haben: Man weiß die eigenen Triebe zu kultivieren. Man schunkelt nicht im Musikantenstadl, man isst nicht wochenlang nur Nudeln und Fertigpizza, weil’s halt schmeckt, sondern man hält im Konzertsaal schön still und isst Salat, der zwar teurer ist und nicht satt macht, dafür aber gesund ist.

War die Lektüre gedanklich anregend?

Und: Die Herrschenden lesen anders. Sie betreiben nicht das Genusslesen, das stundenlange Schmökern, das Versinken in Romanen. Sie lesen kulturell akzeptierte Bücher, also entweder Klassiker oder von Kritikern für gut befundene Werke. Entscheidend ist dann auch nicht, ob man das Buch etwa gern gelesen hat oder – Gott bewahre – ob man sich gut unterhalten gefühlt hat. Gefühlt wird da ohnehin nicht, das ist was für den Pöbel. Nein nein, entscheidend ist: War die Lektüre gedanklich anregend? Gerne auch ein wenig emotional ansprechend, aber doch bitte eben die ganze Empfindungstiefe ansprechend, nicht nur die Sentimentalität (zu Tränen gerührt sind die Herrschenden ungern) oder gar ins Bewusstlose, Selbstvergessene führend.

Wichtig ist also: Es gibt und gab nie nur eine Art, zu lesen, und es gibt und gab nie nur eine Art von Literatur. Aber: Es gibt und gab eine kulturelle Elite, die die meisten Arten, zu lesen, und die meisten Formen von Literatur für illegitim erklärt hat, wobei sich die Autorität dieser Urteile in höherem Ausmaß aus Tradition und Prestige der Urteilenden als aus der argumentativen Kraft ihrer Urteile speist, insbesondere eben dann, wenn aus mitunter wirklich wirren Gründen andere Arten zu lesen, abgewertet werden. Diese kulturelle Elite gibt es seit sich der grundlegende Wandel von einer Gesellschaft, die in Stände (Klerus, Adel, Bürger und Bauern) gegliedert ist und die sozialen Aufstieg unmöglich macht (da man in den Adel nicht aufsteigen, sondern nur in ihn hineingeboren werden kann), zu einer Gesellschaft, die funktional gegliedert ist und sozialen Aufstiegt (v.a. durch Bildung und wirtschaftliches Geschick) ermöglicht – und das ist seit dem 18. Jahrhundert der Fall. Nicht umsonst ist das 18. Jahrhundert auch der Zeitpunkt der sog. „Leserevolution“, die zu einer stetigen Abwertung bestimmter Lesepraktiken, insbesondere der sog. „Lesewut“, geführt hat. Und auch das hat seinen Grund: Das Bürgertum und insbesondere auch Frauen begannen im 18. Jahrhundert, viel zu lesen, und dadurch sozial durch Bildung aufzusteigen – die Herrschenden reagierten mit einer Abwertung des massenhaften Lesens. Aber dazu später mehr.

Womit ich nicht leben kann

Einige Argumente, die wir in der „Feuilleton vs. Blogger“-Debatte finden, sind schlicht nicht zufällig. Beispielsweise ist es entsprechend nicht zufällig, dass die Subjektivität der Blogger abgewüdigt wird, ihre Betonung des „ichs“ und des Gefühls belächelt wird. Urteile wie „ich hatte Spaß beim Lesen“ sind keine Urteile, die dem Habitus und Lebensstil der herrschenden Klasse entsprechen. Im Gegenteil – sie sind diesen entgegengesetzt, sie entsprechen dem vulgären, populären Genusslesen. Wer als Blogger so schreibt, und meint, der hochliterarische Feuilleton würde das irgendwann akzeptieren, ist schon bemerkenswert optimistisch. Es gibt – soweit ich das sehe – keinen mit dem Internet verbundenen Menschen im Buchbetrieb, der sich im Feuilleton hätte wirklich zentral etablieren können – auch Karla Paul sitzt nicht im “Literarischen Quartett”, obwohl sie die Kompetenz dafür hätte. Das sehe ich nicht als zufällig an: Die Sphären der Urteilsformen sind nach wie vor getrennt, die „feinen Unterschiede“ der Distinktion sind nach wie vor da, und ich sehe da kein Ende.

Damit kann ich auch leben. Womit ich nicht leben kann, ist, wenn Bemerkungen wie diese eben nicht in ihrer Struktur erkannt werden und mir als „bloße sachliche Feststellungen“ verkauft werden: Die Lesebiografie von Tobi von Lesestunden wird von Marc Reichwein in der Literarischen Welt als „skurrile Emporlesebiografie“ bezeichnet – der Versuch des Bloggers, sich neue literarische Welten zu erschließen, wird abgewertet als Lesebiografie eines „Emporkömmlings“. Das ist eine vermutlich unbewusst gewählte Formulierung, die aber eben keinesfalls zufällig ist: Ein Emporkömmling ist ein seit dem 18. Jahrhundert – also seit der Zeit, in der die Gliederung der Gesellschaft in Stände (Adel, Bürger, Bauern) zu bröckeln begann und sozialer Aufstieg durch ökonomisches oder kulturelles Kapital möglich wurde – jemand, der schnell zu Reichtum gekommen ist, aber eben noch nicht als zur oberen Gesellschaftsschicht zugehörig akzeptiert ist. Reichwein überträgt hier – nochmal: und das ist nicht zufällig, sondern entspricht internalisierten Mustern von Lebensstil und Habitus – einen abwertenden ökonomischen Begriff auf den kulturellen Bereich, um jemanden abzuwerten: Der kulturelle Emporkömmling ist einer, der nicht dazugehört, der plötzlich zu kulturellem Kapital gekommen ist, was erst einmal skeptisch zu beobachten ist.

In dieselbe Kerbe schlägt ein Satz wie dieser in einem anderen Artikel von Reichwein:

„Kompetenz zählt definitiv weniger als Authentizität, und Lesen ist manchmal auch nur die Idee von Lesen – ein Habitus, ein Lifestyle, der sich durch volle Bücherregale, das Reden über Lesevorhaben oder Auspackvideos von Buchpaketen suggerieren lässt.“

Hier wird sogar explizit deutlich, was hier passiert: Ein bestimmter Lebensstil wird zum „lifestyle“ erklärt, ein bestimmter Habitus als illegitim erklärt. Und dabei wird verschleiert, dass der Autor des Artikels natürlich nicht minder einen Lebensstil und einen Habitus hat – warum dieser aber kein „lifestyle“ sein soll und eigentlich so überlegen sein soll, bleibt offen, Argumente fehlen.

Niemals bekäme Tobi von Lesestunden einen Artikel in der Literarischen Welt wie die Tochter von Heiner Müller, die dort ihre Lesebiografie vorstellen darf. Ihre Lesebiografie enthält Mangas, „Hanni und Nanni“, und anspruchsvolle Literatur, und niemals würde Marc Reichwein das als „skurrile Emporlesebiografie“ bezeichnen, denn: Die Tochter von Heiner Müller hat ererbtes kulturelles Kapital, weil ihr Vater Heiner Müller ist, und soziales Kapital, also vom Vater ererbte Kontakte in den Literaturbetrieb. Sie gehört dazu, ihre Bildung bzw. ihr kulturelles Kapital muss nicht skeptisch beobachtet und hinterfragt werden, was nichts anderes heißt als: eigentlich abgesprochen werden. Dass ein Artikel wie dieser in der Literarischen Welt erscheint, zeigt eben nicht, dass bestimmte Grenzen und Distinktionsmechanismen inzwischen aufgeweicht wären, im Gegenteil, ein Artikel wie dieser bestätigt gerade dadurch, dass Bücher wie „Hanni & Nanni“ vorkommen dürfen, wenn sie nur von der richtigen Person empfohlen werden, dass sozialer Aufstieg nach wie vor ein Weg ist, bei dem man erst Mal an den Herrschenden und an denen in die beherrscht-herrschende Klasse Hineingeborenen, gewissermaßen dem modernen kulturellen Adel, vorbei muss.

Klassische soziale Ausgrenzungsmechanismen funktionieren auch im Literaturbetrieb – und ein Diskurs über Blogger, der keine Argumente sondern nur „Beobachtungen“ bringt, die wertend formuliert werden, keine Analysen liefert und nicht nach gesamtgesellschaftlichen Hintergründen einer Entwicklung im Bereich des eigenen Publikums (denn die Blogger sind ja Publikum des Feuilleton) fragt, sondern diesen Teil des Publikums lieber abwertet, ist kein sinnvoller Diskurs, den ich ernst nehmen muss. Ernst nehmen wird man diesen Diskurs erst müssen, wenn die Frage beantwortet wird: Warum ist eigentlich das Geschmacksurteil etwas, was nur der Blogger, angeblich aber nicht der objektive Literaturkritiker fällt – wenn wir doch ausgehend von Konstruktivismus und Postmoderne längst wissen, dass es objektive Urteile nicht gibt, sondern nur unterschiedlich etablierte Mechanismen, die eigene Subjektivität zu verschleiern (z.B.: indem man nicht „ich“ schreibt, möglichst wenig Gefühle erwähnt etc.)? Oder: Warum soll das Urteil „ich habe gelacht“ unangemessen sein für die Beurteilung von humoristischer Literatur? Warum soll überhaupt Humor und Gefühl unliterarisch sein – hat da eigentlich mal jemand die Autoren gefragt, gibt es da eine Mehrheit derer, die auf gar keinen Fall den Leser emotional berühren wollen? Wird man mit germanistischer Textanalyse dem Text automatisch immer besser gerecht als mit einem subjektiven Urteil über die Wirkung des Buches, das sich darauf stützt, dass man viel gelesen hat und also vergleichen kann?

Frauen lesen anders, Männer lesen anders

Und dann kommt dazu noch etwas anderes, das auch nicht zufällig ist, nämlich die ständige „bloße Feststellung“, dass die meisten Buchblogger, Booktuber und Bookstagramer ja Frauen seien. Das ist eine Tatsache und selbstverständlich kann man die benennen. Die Frage ist nur, in welchem Kontext man das tut und ob man das wirklich als Beobachtung verwendet. Das sei an zwei besonders deutlichen Beispielen vorgeführt:

So schreibt Marc Reichwein in seinem Artikel über „Lesewut 3.0“ (der Titel ist wichtig, auch der ist kein Zufall):

„Literaturblogger von heute sind 3.0. Sie labern und fingern gern vor laufender Kamera herum. Beliebt sind Nagellackfarben passend zum Buchcover.

Gefühlte 90 Prozent aller Buchblogger sind weiblich. Die Verhältnisse sind also ein bisschen so wie im Germanistikstudium, nur stylisher. Manche Buchbloggerinnen tun nichts anderes, als Bücher in schöner Umgebung zu drapieren. Das gute Buch zur schönen Blume (wahlweise auch Teetasse, Lichterkette, Sofadecke).“

Nur als Randbemerkung: Die Abwertung der Frau, die sich „stylt“, die also deutlichen Wert auf ihr Äußeres legt, ist durchaus etwas für die Klasse des hohen kulturellen Kapitals Bezeichnendes, Klassenzugehörigkeit wird in den weiblichem Körper nach wie vor sehr viel stärker eingeschrieben als in den männlichen. Es gibt im Kulturbetrieb keine Frau, die auf die Idee käme, so herumzulaufen wie Daniela Katzenberger – die gehört klar zur Ästhetik der Beherrschten. Jede Frau, die in den Kulturbetrieb will, weiß, was sie optisch darf und nicht darf, wenn sie ernst genommen werden will. Clemens Meyer und Thomas Glavinic dürfen sich prollig geben und werden trotzdem ernst genommen. Es gibt kein weibliches Pendant dazu. Wenn Marc Reichwein also auf Weiblichkeit und Nagellack kombiniert hinweist, ist das kein Zufall, sondern ein klassischer Abwertungsmechanismus der oberflächlichen und schon darum nicht ernstzunehmenden Frau.

Nur noch einmal der Vollständigkeit halber – ich habe bereits mehrfach auf diese Stelle hingewiesen und sie zitiert – sei noch einmal auf die Passage aus dem Artikel „Wie entsteht ein Mega-Bestseller?“ von Oliver Jungen aus der FAZ vom 6.6.2016 zitiert:

„Sie lesen. Gemeint ist nicht das kontemplative Lesen, das auch gewöhnliche Kulturheinis kennen, sondern das exzessiv mitteilsame, das geschminkte Lesen. Sie nennen sich Literaturblogger, rutschen mit Geschrei durch den Bestsellerschlamm und halten bei Youtube oder Facebook reihenweise beschwärmte Titel in die Kamera, von denen man in den Feuilletons des Landes nicht einmal ahnt, dass sie existieren: „Schattentraum“, „Küsse zum Nachtisch“, „Allein unter Spaniern“. Mit etwas so Drögem wie Literaturkritik hat das nichts zu tun. Es geht um Fantum, Gemeinschaft und den offenbar unvergänglichen Traum junger Frauen, allein unter Spaniern zu landen. In Köln waren die mehr als 150 Blogger und „BuchTuber“ jedenfalls zu 98 Prozent weiblich.“

Warum ist das nun klassisch distinktiv? Ich schrieb bereits oben: Im 18. Jahrhundert kam es zur sog. „Leserevolution“. Der heutige Buchhandel und die heute gängigen Praktiken des Lesens entstanden. Die „Leserevolution“ ist vor allem auch dadurch gekennzeichnet, dass auch die unteren Schichten (Dienstboten, Soldaten) zu lesen begonnen haben, und insbesondere auch die Frauen – durch das Lesen erhoffte man sich sozialen Aufstieg. Insbesondere Pfarrer und Pädagogen sprachen von einer „Leseseuche“, von „Lesewut“, von „wildem Lesen“, die zu einem Rückzug der Menschen aus dem Alltag in Phantasiewelten führe (s. dazu beispielsweise: M. Maurer: Schreibkultur – Lesekultur, in: Ders.: Kulturgeschichte, 2008, S. 91-107). Das verdummende Lesen, das abzuwertende Lesen der Weiber und des Pöbels – das ist „Lesewut“. Nennt Marc Reichwein (oder irgendein Redakteur, der dafür zuständig ist) seinen Artikel „Lesewut 3.0“, so ist das ein Zitat, bedient das die traditionelle Abwertung eines Lebensstil. Das ist keine Beobachtung, das ist eine Wertung. Und zwar eine spezifisch männliche (s. dazu viel ausführlicher, als ich es hier leisten kann: S. Bollmann: Frauen und Bücher, 2015).

Als im 18. Jahrhundert Frauen zu lesen begonnen haben, haben sie sich oft – auch darauf rekurriert Reichwein ja deutlich in seinem Artikel – in Lesezirkeln zusammengetan und sich über ihre Lektüren in Briefen ausgetauscht:

„Es ging weniger um die Frage, ob und inwiefern sich aus Literatur etwas lernen lässt, und sei es fürs Leben, als um das Erlebnis und die Feier des Augenblicks: […] Lesen war ein Mittel zur Entfesselung von Emotionen. […] Die Lektüre von Literatur verlieh den Frauen eine Stimme und einen sozialen Status. Und der war nicht gänzlich, aber doch weitgehend unabhängig von ihrer Herkunft, der Zugehörigkeit zu einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht und akademischer, für Frauen in der Regel unerreichbarer Bildung. Lesen verschaffte ein Stück Unabhängigkeit und eröffnete neue Wege, das Leben zu genießen.“

S. Bollmann: Frauen und Bücher, 2015, S. 39

Weibliches Lesen ist also seit dem 18. Jahrhundert anders als männliches Lesen: Es ist das Lesen in Masse (im Sinne von: Lesen von möglichst vielen Büchern), es ist das gefühlsbezogene Lesen, es ist das identifikatorische Lesen. Weibliches Lesen konnte sich nicht anders entwickeln, weil Frauen keinen Zugang zu Bildung und eine andere Alltagswelt hatten. Männliches Lesen entwickelte sich aufgrund des anderen Zugangs zu Bildungswegen und Berufslaufbahnen anders: Als Lesen, bei dem weniger Bücher, diese aber eventuell wiederholt gelesen werden, und als vorwiegend informierendes Lesen. Genau diese beiden Arten von Lesen existieren bis heute, wie die Lesesozialisationsforschung weiß: Mädchen sind in der Schule inzwischen erfolgreicher als Jungen, weil sie viel mehr lesen. Mädchen lesen dabei fiktionale Texte, Jungen lesen Sachbücher (s. zu alle dem: B. Franzmann, K. Hasemann u.a.: Handbuch Lesen, 2006). Die Grundlagen dafür liegen im 18. Jahrhundert. Und: Würde diese Aufteilung endlich überwunden werden, würde „viel lesen, weil es eben Spaß macht“ nicht mehr als „weiblich“ und damit als defizitär gelten, würden auch Jungen mehr lesen, würden sie besser in der Schule abschneiden. Um was es hier geht, ist schlicht auch eine Frage der Bildungsgerechtigkeit.

Warum genau ist gefühlsbezogenes Lesen dümmer als informationsbezogenes?

Zurück zur Kritik des Feuilletons an den Bloggern: Die kulturell legitime Lesepraxis ist natürlich die männliche – es gibt ja auch erst seit ein paar Jahrzehnten weibliche Literaturkritiker. Seit dem 18. Jahrhundert machen Männer Witze über die weibliche Lesepraxis, wird das weibliche Lesen als Krankheit verteufelt, mitunter wird es Frauen sogar verboten zu lesen (s. auch dazu: S. Bollmann: Frauen und Bücher, 2015). Wenn nun also heute Feuilleton-Journalisten in einem spezifischen Kontext und abwertenden Ton die Beobachtungen aneinanderreihen, dass Blogger: weiblich sind, viel lesen, gefühlsbezogen urteilen – dann ist das nicht neutral, sondern bedient existierende, Jahrhunderte alte Disktinktionsmuster, und bedient zudem misogyne Muster. Das weibliche Lesen ist nicht vom selben Wert wie das männliche Lesen.

Warum genau ist gefühlsbezogenes Lesen dümmer als informationsbezogenes? Warum dürfen nicht beide Arten einfach nebeneinander stehen? Wegen der Gefahr der „Vermassung“, die konservative Kulturkritiker ja allenthalben wittern – schließlich bringt Vermassung solche Gefahren wie „Demokratie“ und die Emanzipation der Arbeiterklasse mit sich, sie führt zu weniger Leistungsbereitschaft und Forderungen nach mehr Gleichberechtigung. Und, ja, auf einer abstrakteren Ebene geht es eben genau darum: Eine beherrscht-herrschende Klasse möchte nicht, dass unterschiedliche Ansätze und unterschiedliche Lebensstile gleichwertig nebeneinander stehen. Es geht um Distinktion und um Machterhalt.

Männer lesen anders als Frauen. Frauen lesen anders als Männer. Big deal. Aus Konstruktivismus und von der Rezeptionsästhetik wissen wir: Jeder Mensch liest ein Buch auf seine eigene Art, abhängig von Sozialisation, Vorwissen etc. Männer und Frauen werden geschlechtstypisch unterschiedlich sozialisiert. Sie machen unterschiedliche Lebenserfahrungen. Natürlich lesen sie unterschiedlich. Aber: Obwohl Frauen die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, obwohl „weibliches Lesen“ als kulturelle Praxis nach wie vor da ist und vermutlich häufiger auftritt als das „männliche Lesen“, ist es nicht so viel wert wie das informationsorientierte, sachliche Lesen.

1994 schrieb Ruth Klüger in ihrem Essay „Frauen lesen anders“:

„Doch die Kritik der höheren Literatur und die traditionelle Literaturwissenschaft schließen die Augen vor den Einsichten des Buchmarktes und setzen einen geschlechtslosen idealen Leser voraus, der sich bei näherem Hinsehen immer als Mann entpuppt. Wie ich zu Anfang erwähnte, hat zwar die Rezeptionstheorie mit solchen Vorstellungen der Unvoreingenommenheit weitgehend aufgeräumt. Doch bleibt die weibliche Sicht klassischer Literaturwerke, soweit Leserinnen sich überhaupt genügend emanzipiert haben, um eine solche Sicht zu entwickeln, noch immer untergeordnet und wird von der etablierten, das heißt also männlichen Kritik, kaum wahrgenommen. Anders gesagt, feministische Theorie und Kritik ist bis jetzt kein Pflichtfach geworden, auch in Amerika nicht“

R. Klüger: Frauen lesen anders, in: Dies.: Frauen lesen anders. Essays, 1996, S. 99

Seither hat sich einiges getan. Es gibt heute vielmehr weibliche Literaturkritikerinnen als in den 1990ern. Aber: Akzeptiert und ernst genommen werden diese nur, wenn sie sich an die männliche, distinktive Praxis halten. Dass dem so ist, kann jeder an den Reaktionen auf Christine Westermanns Art, im „Literarischen Quartett“ über Literatur zu reden, beobachten. Sie verkörpert das „weibliche Lesen“ – und erntet dafür Spott. Und da muss ich mich selbst an die eigene Nase greifen – auch ich habe einige dieser distinktiven Muster durchaus sehr gut erlernt. Ich versuche aber zunehmend, diese Muster zu durchbrechen.

Ich begrüße jeden männlichen Literaturblogger, der gefühlsbetont in Masse liest. Es geht hier auch um eine Veränderung in der Lesesozialisation, um Bildungsgerechtigkeit und Chancen für Jungen, die sich im Bildungssystem schwer tun, weil sie weniger lesen. Das zu verändern scheint mir wichtiger als der liebgewonnene Habitus des ein oder anderen Kulturjournalisten.

Darf man Buchblogger, Booktuber und Bookstagramer nicht kritisieren?

Mir wurde vorgehalten, ich würde Kritik an Buchbloggern, Booktubern und Bookstagramern genuin ablehnen. Das ist nicht so. Ich bin immer für Kritik, ich bin immer für Diskurs – aber nicht, wenn dabei nur die stumpfen alten Mechanismen der Distinktion bemüht werden. Das ist mir vor allem auch zu langweilig.

Buchblogger, Booktuber und Bookstagramer müssen Inhalte liefern. Denn je weniger Inhalte sie liefern, je weniger sie wirklich über Bücher sprechen und stattdessen über sich selbst, die eigene Lesegewohnheit, den Ritus des Bücherkaufens etc., desto mehr tragen sie sich selbst zum Markt. Subjektivität selbst wird zur Ressource, das Individuum in seiner privaten Lesegewohnheit zum Schauplatz des Marktes. Hier habe ich deutliche kapitalismuskritische Bedenken. Die muss man nicht haben, wenn man so oder so nicht zur Kapitalismuskritik neigt. Ich aber habe bedenken, wenn „Selbstvermarktung“ eben zur freiwilligen Vermarktung des Privaten wird, wenn es wirklich nichts mehr im Leben gibt, was nicht in Klicks und Leistung verrechnet werden kann. Wer mag, kann jetzt noch selbst eine Verbindung zu Habermas‘ These der „Kolonialisierung der Lebenswelt“ herstellen, ich sehe hier Anschlussmöglichkeiten, aber ich möchte diesen Beitrag nicht heillos überfrachten. Man kann zumindest diskutieren, ob man das Private vermarkten sollte. Man kann zumindest diskutieren, ob Blogger das Lesen selbst so auf den Markt tragen sollten, wie Verlage die Bücher auf den Markt tragen. Es muss diskutiert werden, ob der Markt mit seiner Eigengesetzlichkeit nicht selbst zu einer neuen Normierung der Praxis des Lesens führt. Hier habe ich deutlichsten Bedenken. Es muss überlegt werden, ob nicht gerade durch instagram generell, aber auch in Bezug auf Lesepraxis, normative Idealbilder gelingendes Leben, die schädlich sein können, entstehen.

Aber: Ich halte die Schlussfolgerung, dass Buchblogger, Booktuber und Bookstagramer dann doch einfach, wenn sie ernst genommen werden wollen, auch nach den Regeln des Feuilletons spielen sollen, für furchtbar kurzsichtig. Warum ständig fordern, dass das Fußvolk sich gefälligst nach oben zu bücken habe? Einzig sinnvoll scheint mir ein Pluralismus, der unterschiedliche Formen kultureller Praxis nebeneinander stehen lässt, ohne Beißreflexe. Man muss nicht alles beklatschen, was andere tun – aber man kann sie auch einfach machen lassen.

Und: Wer behauptet, die Bookstagramer würden nur nette Bildchen machen und keine Inhalte liefern, hat sich das Medium nicht angeschaut. Meist werden die Bilder mit einer Kurzrezension verbunden (wenn es sich um genuine Bookstagramer handelt und nicht um Blogger, die ohnehin an anderer Stelle Inhalte liefern), meist schließt sich daran ein sehr viel regerer Austausch unter Bookstagramern und Followern über das fotografierte Buch an, als dies in den Kommentarspalten der Buchblogs oder des Feuilletons der Fall wäre. Instagram ist das kürzere, schnellere Medium – es ist aber nicht inhaltsfrei, sondern interaktiver. Ich denke, das kann ein Vorteil sein.

Es gibt keine etablierte Praxis der Kritik von Genreliteratur, von Jugendliteratur und Young Adult-Literatur. Ein Teil dieser Sparten ist dafür zu jung, vor allem aber hat sich die etablierte Literaturkritik darum nie intensiv gekümmert. Blogger, Booktuber und Bookstagramer können hier auf keine etablierten Muster zurückgreifen, sie müssen neue Muster herausbilden. Und man muss von ihnen verlangen dürfen, dass sie das tun und dass sie das reflektiert tun. Nur: Selbstverständlich ist doch „ich habe mich gut unterhalten gefühlt“ ein legitimes Beurteilungskriterium für einen Unterhaltungsroman. Selbstverständlich ist „ich konnte mich mit der Protagonistin identifizieren“ ein legitimes Beurteilungskriterium für Jugendliteratur, die doch genau darauf in der Regel angelegt ist. Natürlich ist „das Buch ist lustig“ ein legitimes Beurteilungskriterium für ein Buch, das genau das sein will. Nur weil das keine klassischen literaturkritischen Parameter sind, ist das eben nicht unreflektiert oder dumm, sondern vielleicht: schlicht angemessen.

Und, am Rande: Die spannendsten Debatten um beispielsweise Frauenbilder und Männerbilder in Literatur, um die Frage, inwiefern Bücher vielleicht schädliche Vorstellungen von Partnerschaft, Sexualität und unterschiedlichen ethnischen Gruppierungen transportieren – diese Debatten finden derzeit statt, und zwar im Internet, nicht im Feuilleton. Und zwar bei Buchbloggern, Booktubern und Bookstagramern mit den Schwerpunkten: Jugendliteratur, Genreliteratur, Young Adult. Diese Debatten führt nicht das Feuilleton. Obwohl ich schon längst die Methoden der Ideologiekritik, der feministischen Literaturkritik etc. im Feuilleton vermisse. Aber auch die gehören eben nicht zum Set etablierter distinktiver Kulturpraxis.

Diskutiert und kritisiert werden muss entsprechend auch die Praxis der Buchauswahl von Buchbloggern, Booktubern und Bookstagramern. Wenn ein Jugendbuch, das ein problematisches Ideal von Partnerschaft vermittelt, in den Himmel gelobt wird, wird man kritisch anfragen dürfen und müssen, ob das denn wirklich angemessen ist für ein Jugendbuch.

Natürlich muss man von Bloggern einfordern dürfen, sich an Regeln für Rechtschreibung und Grammatik zu halten. Man kann das aber ohne Herablassung und in der Anständigkeit tun, die weiß, dass es Leute mit LRS und Legasthenie gibt und dass es Leute gibt, die einfach nicht das Glück einer ausführlichen Bildungslaufbahn hatten.

Man wird jemanden, der einen Blog, Instagram- oder Youtube-Kanal betreibt und sich nicht als Literaturkritiker versteht, sondern als Leser oder Influencer, nach anderen Maßstäben bewerten müssen als den Literaturkritiker des Feuilletons. Die Medien funktionieren anders, das Selbstverständnis und das Ziel ist ein anderes, auch das Publikum ist ein anderes. Und bei aller Liebe zur fundierten, klugen Buchkritik (und die liebe ich sehr!): Wenn durch diese ganzen Bookstagramer auch nur 10 Jugendliche mehr zu einem Buch greifen, kann ich nicht sehen, wo hier der Untergang des Abendlandes drohen soll. Ich sehe auch nicht, welchen „Schaden“ das anrichten soll, auch wenn mir immer wieder gesagt wurde, das sei für irgendwen schädlich. Also mir schadet das nicht.

Gleichzeitig wird man von Journalisten verlangen dürfen, mit dem eigenen Status reflektiert umzugehen, Argumente und Analysen zu liefern, nach Hintergründen zu fragen, statt Artikel zu schreiben, die schlicht oberflächlich sind und auf 200 Jahre alten distinktiven Mechanismen beruhen.

Es wäre doch schön, wenn die professionelle Literaturkritik ihre Daseinsberechtigung (die beileibe niemand in Frage gestellt hat) dadurch rechtfertigen würde, dass sie kluge, lesenswerte Analysen von Literatur und literarischem Leben hervorbringen würde, nicht indem sie nach denen tritt, die sie als „unter ihre Niveau“ wahrnimmt. Solche Analysen von Literatur kann man finden – Meike Feßmann und Insa Wilke schreiben oft solche Artikel, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Und vielleicht, vielleicht entdecken ja alle irgendwann, wer eigentlich deutlich wichtiger ist als alle Journalisten, Verleger, Blogger, Booktuber, Bookstagramer zusammen: die Autoren.

P.S.: Damit wir uns recht verstehen: Ich unterstelle auf keinen Fall Marc Reichwein, misogyn oder ein Klassist zu sein. Mir geht es um Argumentationsmuster, die beileibe nicht nur er bedient, und die nicht für bewusste Denkmuster stehen müssen. Ein solches Urteil über eine Person, die ich nicht kenne, steht mir nicht zu, und ist definitiv nicht das, worauf ich hier hinaus will.

NACHTRAG, 10.5.2017: Liebe Leute: Dass sich weiblicher und männlicher Lesehabitus unterscheiden, ist nicht meine Erfindung, meine Pauschalisierung, sondern Ergebnis empirischer Lesesozialisationsforschung. Das gibt es, ob das nun allen gefällt oder nicht – es ist sehr einfach, hier zu sagen, das wäre nur Ergebnis meines schlichten Denkens, aber das ist es nicht. Es gibt Studien dazu, es gibt Bücher darüber. Ein Beispiel: Werner Graf: Lesegenese in Kindheit und Jugend. In unterschiedlichen Studien wird der Lesehabitus unterschiedlich benannt (“partizipatorisch”, “instrumentell” etc.). Hier habe ich vereinfacht, hier habe ich zu schnell geschrieben, hier hätte ich die Begriffswahl genauer reflektieren müssen – es ändert aber an dem Befund wenig, dass in allen Modellen das Ergebnis dasselbe bleibt: Mädchen lesen gefühlsorientierter als Jungen. Auch dass damit zusammenhängt, dass Jungen tendenziell oberflächlicher und weniger lesen, ist nicht mein Hirngespinst, sondern Forschungsergebnis (s. auch dazu Graf). (Und ja, natürlich zeigt PISA 2015, dass sich die Lesekompetenz der Jungen inzwischen der der Mädchen angenähert hat – genau daran arbeitet aber das Schulsystem doch auch, seit es solche Vergleichsstudien gibt, PISA macht man doch nicht, um zu schauen, ob die deutschen Schüler endlich die schlausten sind, sondern um u.a. genau solche Erhebenungen zur Lesekompetenz zu erheben, die dann mit weiteren empirischen Anschlussstudien erklärt werden, das macht die Bildungsforschung nicht seit gestern und auch nicht nur in Deutschland; und ja: natürlich gibt auch andere Bezeichnungen für “männliches Lesen”, und in den letzten Jahren lesen Jungen zunehmend auch, um unterhalten zu werden, hier zeichnet sich ein Wandel ab. Man kann über alles mögliche an den empirischen Befunden streiten, aber der Befund, dass Mädchen “intimes”, “einfühlendes” Lesen in der Regel bevorzugen, ist meines Wissens geblieben, das ist nicht meine Pauschalisierung) Auch der sozialgeschichtliche Erklärungsansatz für diese Unterschiede zwischen weiblichem und männlichem Lesehabitus kommt aus der Forschung. Natürlich gibt es daneben biologistische und psychologische Ansätze, mir ist aber ein Ansatz, der das über Sozialisation zu erklären versucht, lieber, weil er gerade nicht behauptet: Frauen und Männer sind so, sondern: Frauen und Männer werden so. Man kann mir an einigen Stellen Vereinfachung vorwerfen, aber explizit an diesem Punkt kaum, dass nur ich pauschal denken würde. Die Unterschiede im Lesehabitus sind nicht meine Idee, schon gar nicht mein Wunschdenken. Aus Ahnungslosigkeit gefühlte Wahrheiten (“der Sohn meines Schwippschwagers fünften Grades liest aber nicht informationsorientiert”) als Gegenargument zu belastbaren empirischen Studien einbringen – das halte ich nicht für zielführend. Praktisch alles, was ich dazu geschrieben habe, findet ihr schon in ganz einfachen Einführungen zur Lesesozialisation für das Lehramtsstudium (wie in dem oben schon genannten Buch von W. Graf), inklusive des sozialgeschichtlichen Erklärungsansatzes. Benutzt halt wenigstens mal Google, bevor ihr mich zur Genderklischeeerfinderin macht. Ein Kurzüberblick, dessen andere Begriffswahl – ich gebe gerne zu, hier ungenau gewesen zu sein – nicht zu einem abweichenden Ergebnis kommt, findet sich auch hier.

 NACHTRAG Nr. II, 12.05.2017: Ich finde es ehrlich gesagt ein bisschen albern, dass ich das wirklich explizit dazuschreiben muss, aber nachdem mir jetzt schon mehrfach gesagt wurde, ich würde “schwarz-weiß-zeichnen” und “das Feuilleton/die Blogger” als geschlossene “Blocks/Kasten/Schichten” behandeln: Ich war davon ausgegangen, dass es sich von selbst versteht, dass die Welt komplexer ist, als man es in einem Blogbeitrag sagen kann. Anscheinend ist es aber eine Zumutung, wenn ich das einfach voraussetze, und anscheinend ist es eine recht beliebte Reaktion, dem anderen Dummheit zu unterstellen. Für alle die, die das explizit hier stehen haben müssen, um mir zu glauben, dass ich das weiß: Natürlich gibt es nicht “das Feuilleton” und “die Blogger”, natürlich war nicht Ziel meines Beitrags, zu behaupten “alle sind so, genau so und nicht anders”. Dass es aber ein paar Muster gibt, die sich halt öfter als “mal vereinzelt” finden lassen, tut mir leid, das müsst ihr euch gefallen lassen, und das bedeutet SELBSTVERSTÄNDLICH nicht, dass “alle” so denken/sind/schreiben/handeln. Ich war davon ausgegangen, das ist eine Erkenntnis, die man voraussetzen kann OHNE sie nochmal explizit zu formulieren, es lebt doch keiner hier abgeschottet von der Menschheit unter einem Stein.
49s Kommentare

Endlich sagt’s mal einer!

„Endlich sagt’s mal einer!“, dachte ich mir dieses Jahr schon mehrfach, denn dieses Jahr hat zahlreiche überraschende Neuigkeiten mit sich gebracht.

Da hat zum Beispiel Maxim Biller das Literarische Quartett verlassen, alle liefen im Internet auf einmal herum wie aufgescheuchte Hühner und fragten sich, wer nun wohl seinen Platz einnehmen wird. „Thea Dorn, Thea Dorn“, war die häufigste Forderung, und ich dachte mir: „Bitte, bitte, bitte seid nicht so vorhersehbar und nehmt  Dorn/Lovenberg/Mangold/irgendwenausdemSchweizerLiteraturfernsehen“, und zack: Thea Dorn wurde es. Thea Dorn scheint die Merkel der Fernsehliteraturkritik zu sein, offensichtlich ist sie für manche völlig alternativlos. Vielleicht habe ich ja zu viel Fantasie, aber wäre es nicht denkbar, mal nicht jemand in so eine Sendung zu setzen, der schon “alt bewährt” ist, bei dem man schon vorher genau weiß, was man kriegt? Gibt es da gar kein Interesse an Profil, an einem Alleinstellungsmerkmal der Sendung? Denn die Neubesetzung führt doch jetzt vor allem zu dem erfreulichen Zustand, dass man das Literarische Quartett überhaupt nicht mehr braucht, weil man auch gleich die Gesprächsrunden im Schweizer Fernsehen anschauen kann. Die Atmosphäre und die Art, über Literatur zu sprechen, ist dieselbe, ich weiß ehrlich gesagt nicht mal, was das Kritikerprofil von Dorn/Weidermann/Mangold/Lovenberg/Hansundfranz groß unterscheiden soll, für mich sieht das alles sehr austauschbar aus. Man muss ja Maxim Biller nicht mögen, aber wenigstens hatte der ein klar erkennbares Profil. Und nichts gegen Thea Dorn, es hat schon einen Grund, warum sie überall sitzt und überall hingesetzt werden kann, die kann das schon – aber es ist eben auch sehr risikoarm, sie zu nehmen, und deswegen eben leider auch: sehr langweilig. Warum macht das ZDF eigentlich eine Sendung, die eben nicht nur der Neuaufguss “guter alter Zeiten” ist, sondern die eigentlich gar nie weg war, denn “Literatur im Foyer” war doch nie weg, und wie eine Kopie des zugehörigen Quartetts wirkt das “Literarische Quartett” nun.

Was genau verpasse ich, wenn ich das “Literarische Quartett” nicht schaue?

Was genau verpasse ich, wenn ich das “Literarische Quartett” nicht schaue? Mit Biller hat man wenigstens noch Billereien verpassen können, jetzt schätze ich, verpasst man nichts mehr. Gibt es weder neue Gesichter noch andere Sichtweisen noch ein anderes Sendekonzept, müssen wir auf dem Personal und den Formanten weiterreiten, die schon seit Jahrzehnten da sind? Gibt es da weder bei ZDF noch bem SWR Ideen und Mut zu Neuem? Und schon die erste Runde des neuen-neuen Literarischen Quartetts bestach ja dann durch eine Auswahl literarischer Geheimtipps, wie sie ungewöhnlicher nicht hätten sein können: Das neue Buch von Walser (von Dorn eingebracht, die Buchauswahl ist hier so innovativ wie die Personalentscheidung), das neue Buch von Barnes, das ohnehin schon allgegenwärtige Buch von Yanagihara, na ja, aber immer hin auch Chris Kraus. Endlich bespricht mal einer Walser, endlich gibt jemand mal Thea Dorn ein Format, um im Fernsehen über Bücher zu sprechen, 2017 ist voller Überraschungen. Ehe wir uns versehen, wird am Ende irgendwer beim ZDF noch auf die verrückte Ideen kommen und vielleicht mal Mangold als Gast zum “Literarischen Quartett” einladen, oder Lovenberg, oder Scheck, aus lauter Freude an Innovationen!

Von so viel frischem Wind im Literaturbetrieb beflügelt denkt man sich: Was jetzt noch fehlen würde, wäre ja, dass endlich mal jemand dem medial völlig unterrepräsentierten Denis Scheck eine Plattform bietet, um Bücher zu empfehlen. Und – Hurra – 2017 ist voller Überraschungen: Mara Delius hat den Job von Richard Kämmerlings übernommen und macht jetzt alles neu in der „Literarischen Welt“. Und was könnte die maximale Neuerung sein? Richtig: Denis Scheck. Versteht mich nicht falsch: Mir ist Denis Scheck lieber, als es viele anderen wären, weil er tatsächlich einen eigenen Blick auf Literatur hat und weil er tatsächlich offener mit Literatur umgeht als manche andere (was nicht bedeutet, dass ich nicht bei jedem Zitat, das er verwendet, mit den Augen rolle, aber immerhin hat er dieses Alleinstellungsmerkmal, und dass ich sein Blackfacing vergessen hätte). Und ja, natürlich ist er im Medium Print bisher kaum präsent. Aber trotzdem:

Deutschlehrer hinter dem Ofen hervorlocken

Und weil Denis Scheck im Printbereich jetzt noch nicht genug Neuerung ist, hat er sich eines Themas angenommen, über das endlich mal gesprochen werden muss: Der literarische Kanon. Ein Beben geht durch die Literaturwelt: Endlich stellt mal jemand die Kanonfrage. Im Jahr 2017.

Tatsächlich hat das sein Gutes: Denis Scheck will mit seinem Kanon ja wirklich etwas Neues, er will einen Kanon ohne Genregrenzen. Das könnte eine gute Idee sein, wäre sie nicht gleichzeitig so kurz gedacht und so langweilig ausgeführt, denn welche Perlen der genreübergreifenden Literaturgeschichte finden sich denn so in diesem Kanon? „Karlsson vom Dach“, „Walden“ und jetzt noch – endlich empfiehlt das mal einer – „Herr der Ringe“. Die wirklich einzige Neuerung, die dieser Kanon bringt, ist bislang eben auch die, dass hier unterschiedliche Genres nebeneinander stehen. Reicht das aus, wenn dafür dann Werke aufgelistet werden, von denen keiner – schon gar nicht ein Leser der „Literarischen Welt“, der sich ja vermutlich ohnehin schon für Literatur interessiert –, wirklich keiner bezweifeln würde, dass sie eben Klassiker ihres Genres sind? Denis Scheck stellt hier doch keinen neuen Kanon auf, er erstellt einen Remix aus längst Kanonisiertem, er schreibt auf, was längst feststeht.

Und das im Jahr 2017, als ob irgendjemanden jenseits von Deutschlehrern und Germanistikstudenten noch so etwas wie ein „Kanon“ interessieren würde. Es mag im Literaturbetrieb noch nicht angekommen sein, aber die Zeiten, in denen Marcel Reich-Ranicki mit seinem Kanon funktioniert hat, sind vorbei. Expertenmeinungen haben heute auf keinem Feld mehr die Deutungshoheit, die sie noch in den 90ern hatten – das gilt nicht nur für die Literatur, fragt bitte mal einen Arzt, wie oft er mit selbstgestellten google-Diagnosen konfrontiert wird, die die Patienten in ihrer Expertise für fast gleichwertig mit der eines Arztes halten. In den 80ern und 90ern, da hat sich das im Aussterben befindliche Bildungsbürgertum, das genau deswegen umso mehr um Distinktion bemüht war, gerne mit Reich-Ranickis Segen das Bücherregal füllen wollen, um möglichst viel durch eine Expertenautorität verbürgtes, gesellschaftlich also anerkanntes kulturelles Kapital anzuhäufen. Die Zeiten sind vorbei – umso mehr, wenn der Überraschungswert von Schecks Kanon hinter den der unterschiedlichen Bibliotheks-Ausgaben der Süddeutschen Zeitung zurückfällt. Ich mag den demokratischen Ansatz hinter Schecks Kanon wirklich, es ist überfällig, dass endlich mal jemand die Grenze zwischen sog. Genreliteratur und sog. Hochliteratur auflöst. Aber wenn schon demokratisch, dann bitte richtig: Dann ohne Expertensegen und ohne den festschreibenden Begriff „Kanon“, der eben höchstens Deutschlehrer hinter dem Ofen hervorlockt. Na ja, gut, und vielleicht auch Bibliothekare, auch die haben ein gewisses Interesse an der Verwaltung von Literatur, und nichts anderes passiert hier. Aber auch die sind garantiert nicht so weltfremd, dass ihnen bislang nicht eingefallen wäre, dass „Herr der Ringe“ und „Walden“ irgendwie Klassiker sein könnten.

54books lackiert sich die Nägel – sehr stylisch!

Und während Denis Scheck sich aber wenigstens dankenswerter Weise darum bemüht, die ein oder andere distinktive Grenze aufzuheben, reißt in der total neuen, total überraschenden „Literarischen Welt“ Marc Reichwein – pardon my french, ich bin eben ein bisschen prollig – quasi mit dem Arsch ein, was Scheck mit den Händen aufbaut. Endlich hat nämlich mal jemand aus den Printmedien sich des Themas „Literaturblogger“ angenommen, und endlich schreibt da mal jemand das, was schon in allen Feuilleton-Artikeln über Buchblogger zu lesen ist. Reichwein hat intensiv recherchiert und dabei herausgefunden, dass Buchblogger oft weiblich sind, „irgendwie stylish“ und mit lackierten Nägeln (das ist meine liebste Randbemerkung, die sich anscheinend kein Herr aus dem Feuilleton verkneifen kann, ohne dabei zu bedenken, was damit kommuniziert wird: Das herablassende Hinweisen darauf, dass hier Frauen sich um ihr Äußeres bemühen, ist nichts anderes als ein Belächeln ihrer vermeintlichen Oberflächlichkeit, die man damit unterstellt; ohne zu bedenken, dass man selbst dabei der eigentlich Oberflächliche ist). Außerdem hat Reichwein über Buchblogger gelernt, dass sie nach voll oberflächlichen Kriterien lesen und total extrovertiert sind, während er selbst ja der stille, ernsthafte Leser ist.

Vor knapp einem Jahr, am 6.6.2016, schrieb Oliver Jungen in der FAZ einen Artikel über Buchblogger unter dem Titel „Wie entsteht ein Mega-Bestseller?“, darin kam er zu ähnlich tiefschürfenden Ergebnissen, wenn sie auch zugegebener Maßen noch exorbitant mehr vor Sexismus und Oberflächlichkeit triefen als der Artikel von Reichwein: „Gemeint ist nicht das kontemplative Lesen, das auch gewöhnliche Kulturheinis kennen, sondern das exzessiv mitteilsame, das geschminkte Lesen. Sie nennen sich Literaturblogger, rutschen mit Geschrei durch den Bestsellerschlamm und halten bei Youtube oder Facebook reihenweise beschwärmte Titel in die Kamera, von denen man in den Feuilletons des Landes nicht einmal ahnt, dass sie existieren: „Schattentraum“, „Küsse zum Nachtisch“, „Allein unter Spaniern“. Mit etwas so Drögem wie Literaturkritik hat das nichts zu tun. Es geht um Fantum, Gemeinschaft und den offenbar unvergänglichen Traum junger Frauen, allein unter Spaniern zu landen. In Köln waren die mehr als 150 Blogger und „BuchTuber“ jedenfalls zu 98 Prozent weiblich.“ Im Februar 2016 erschien in der Zeit ein Artikel mit ähnlichen Vorwürfen. Aber hey, danke „Literarische Welt“, dass du endlich mal Marc Reichwein eine Plattform bietest, um alten Wein in neue Schläuche zu gießen. Allein: Was ist jetzt eigentlich dein Konzept, neue „Literarische Welt“? Distinktion vom lesenden Pöbel oder demokratische Aufhebung der Genre-Grenzen?

Für eine Literaturbeilage ist das echt dünn

Mara Delius, die ja Verantwortlich für all die Neuerungen und Überraschungen in der neuen „Literarischen Welt“ ist, hat es dann vielleicht doch auf mehr Volksnähe und weniger Distinktion abgesehen – zumindest würde das erklären, warum sie dem Türsteher des “Berghain”, Sven Marquardt, einen ganzen Artikel Platz gibt, um mal echt spannende Lektüretipps zu geben. Wenn man in seinem Leben nie, wirklich nie Kontakt mit einer Subkultur hatte, dann findet man bestimmt, dass Sven Marquardt hier als „Original“ und als total exzentrischer Individualist präsentiert wird – wenn man aber auch nur einmal in seinem Leben davon gehört hat, dass es so etwas wie Metal, Gothic oder Punk gibt, dann entlockt einem ein im Gesicht tätowierter Fotograf und Türsteher mit Kreuzchenringen, der sich als „Existentialisten“ bezeichnet, halt nur ein Gähnen. Ziemlich sicher kann Marquardt ja nicht einmal etwas dafür, dass er hier präsentiert wird wie ein wandelndes Klischee, denn was er in dem Artikel über Bücher so sagt, lässt schon erahnen, dass hier jemand wäre, der interessante Dinge zu erzählen hätte. Aber leider gibt es hier keinen interessanten Artikel, hier gibt es nur recht schnell transkribierte Buchtipps. Da möchte man doch dann wenigstens hoffen, dass Marquardt wirklich irgendwie etwas Besonderes über Bücher zu erzählen weiß, einen besonderen “Buchgeschmack” hat, nach irgendeinem Kriterium muss Mara Delius ihn ja ausgewählt haben jenseits von “Der ist doch mal wirklich ein Original”.

Ja und was empfiehlt der jetzt für spannende Bücher? „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, „Just Kids“, die Fassbinder-Filme und natürlich „Gespräch mit einem Vampir“, wobei eigentlich den Film „Interview mit einem Vampir“, denn das Buch hat Herr Marquardt zugegebenermaßen „nie gelesen“. Na endlich empfiehlt mal einer diese abseitigen Werke der Literaturgeschichte! Na zum Glück sind Leute, die in der „Literarischen Welt“ solch überraschende Tipps zum Besten geben dürfen viel ernsthaftere, interessantere Leser als diese fingernagellackierten Quasselstrippen von „Booktubern“. Während Nagellack nämlich ein Zeichen für die Oberflächlichkeit von Bloggern ist, ist das Auswählen eines mittelwichtigen Fotografen mit Gesichtstattoo für einen Artikel, in dem er dann ein Buch empfiehlt, das er nicht gelesen hat, ein Zeichen kulturjournalistischer Expertise. Das einzig überraschende an den Buchtipps von Marquardt ist doch eigentlich, dass er nicht auch noch Edgar Allan Poe und Charles Baudelaire empfohlen hat, aber wenn die auch noch aufgetaucht wären, wäre ich vermutlich auch direkt vom Augenrollen in Tiefschlaf verfallen. Über Sven Marquardt hätte man, wenn man mehr als anscheinend eine halbe Stunde in den Artikel hätte investieren wollen (denn auf mehr Arbeitsaufwand lässt der Artikel nicht schließen), sicher etwas Interessantes schreiben können. So, mit diesen Tipps und diesem Tiefgang wäre der Artikel vielleicht interessant für ein Magazin für Fotografen, denn der Hinweis auf “Wir Kinder vom Bahnhof Zoo” ist auch nur dann irgendwie relevant, wenn man etwas über den Fotografen Marquardt und seine Inspirationsquellen erfahren will. Hier wäre dann die Leserschaft und vor allem die Motivation für die Artikelauswahl eine andere. Aber für eine Literaturbeilage, bei aller Liebe, ist das echt dünn.

Revolution #9

Alles in allem: 2017 ist das Jahr der Revolutionen im Literaturbetrieb. Thea Dorn redet jetzt im Literarischen Quartett über Walser, Scheck weist darauf hin, dass „Herr der Ringe“ ein Klassiker der Fantasyliteratur ist, Marc Reichwein findet Buchblogger irgendwie blöd und endlich, endlich wurde auch mal „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ empfohlen.

Als Mara Delius die “Literarische Welt” übernommen hat, habe ich mich wirklich gefreut, weil ich mir dachte: Endlich mal eine intelligente Frau mit Mut zu klarer Haltung in so einer Position. Sie wäre mir auch im “Literarischen Qaurtett” lieber gewesen als Dorn. Jetzt, nach ein paar Ausgaben der neuen „Literarischen Welt“, bleibt leider vor allem gähnende Langeweile. Am Samstag kommt die neue Ausgabe der „Literarischen Welt“. Am 5.5. kommt die nächste Folge des „Literarischen Quartetts“. Bitte, bitte, bitte: Erzählt mir mal was Neues. Erzählt mir mal was Interessantes.

P.S.: Der einzige, der diese langweiligen literaturbetrieblichen Veranstaltungen noch retten könnte, ist Leo Fischer.

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Anlässlich 150 Jahren Reclams Universalbibliothek – Ein Interview mit Claudia Feldtenzer

1. Mit dem Slogan “Gehasst. Geliebt. Gelesen!” feiert Reclam die 150 Jahre des Bestehens der Universal-Bibliothek. Ich schwanke zwischen Hochachtung für diese Form der Selbstironie und dem Eindruck, dass auch etwas Trotz im Slogan mitschwingt, “Ihr mögt uns nicht, aber ihr werdet zu uns gezwungen”. Ist das so?

Für mich ist der Slogan vor allem eine selbstironische Annahme der Tatsache, dass wir von vielen Lesern in der Schule zwar mit unter gehasst werden, sich dieses Gefühl aber im Laufe der Jahre augenscheinlich ändert, das hören wir immer wieder – und zur nostalgischen Verliebtheit, manchmal auch zur großen Liebe wird. Kennt man ja vielleicht auch von dem einen oder anderen Mitschüler oder Mitschülerin.

2. Der Unwille des Schüles für die Lektüre von “Bahnwärter Thiel” 3,00 € Taschengeld auszugeben ist sicher nicht neu. Wie kann man sich trotzdem die niedrigen Preise der Universal-Bibliothek erklären?

Die niedrigen Preise der Universal-Bibliothek erklären sich durch den rechtlich gemeinfreien Textbestand und die hohen Auflagen, die wir bei Schulklassikern wie zum Beispiel Hauptmanns „Bahnwärter Thiel“ oder auch Goethes „Faust“ erreichen – aber auch erreichen müssen, um die niedrigen Preise halten können. Das eine bedingt das andere.

3. Was müssen “Neuaufnahmen” mitbringen, um das gelbe Jäckchen anzuziehen zu dürfen?

70 Jahren tot sein. Keine schöne Aussicht für Nachwuchsautoren also.

4. Eure Jubiläumsedition sieht optisch anders aus – aber ist es überhaupt denkbar das Design, gar das Format der UB dauerhaft zu verändern?

Das UB-Format kann man nicht ändern; das ist Reclam, das Herzstück des Verlag. Passend für jede Jackentasche. Unschlagbar beliebt – ja Kult. Gerade in Gelb. Die Bände sind auch bei jüngeren Leserschichten weiterhin überaus populär. Sie repräsentieren ein Lebensgefühl, das eines breites Intellektualismus, der zudem gut in die hippe Instagram-Optik der Gegenwart passt. Dass eine Designanpassung darüber hinaus hervorragend funktioniert, sehen wir an der Jubiläumsedition. Hier ist es uns gelungen, das kanonische Aussehen der UB in schwarz/ gelb in eine moderne bibliophile Gestaltung zu überführen, die der Marke Reclam treu bleibt. Im Herbst werden noch einmal 8 Bände erscheinen, die sich von den Frühjahrstitel zwar etwas unterscheiden, sich zu diesen jedoch komplementär verhalten. Zusammen laden Frühjahrs- und Herbstkollektion ein, große Literatur wiederzuentdecken. Es sind viele Lieblingsbücher von mir dabei, Bücher, die einen ein Leben begleiten – die hübschen Bücher sind also auch nicht nur optisch ein Genuss!

5. Trotz 150 Jahren UB ist ziemlich Bewegung bei euch. Eine beachtete Neuübersetzung von Prousts À la recherche du temps perdu, die Reihe “100 Seiten”, sowie gänzlich neue Formate, probiert Reclam sich nur aus oder ist sogar denkbar, dass man in den Bereich der zeitgenössischen Belletristik vordringt?

Das hast du richtig erkannt, Reclam probiert gerade im Programm viel Neues aus. Wir wollen uns neuen Lesern öffnen ohne unsere klassischen Themen zu vernachlässigen – die 100 Seiten Reihe ist hierfür ein ausgezeichnetes Beispiel. Wir haben die Reihe innerhalb eines Jahres im Team entwickelt, das war sehr intensiv und hat einen Riesenspaß gemacht. Total die Glücksgefühle! Und ja, da machen wir weiter. Da kann man auch schlecht aufhören. An Ideen mangelt es nicht, aber zeitgenössische Belletristik sehe ich ehrlich gesagt bei uns erst mal nicht. Ich denke im Moment mehr in Richtung Philosophie, da haben wir gerade eine tolle Kooperation mit dem Philosophie Magazin gestartet; und auch weitere Klassiker-Editionen ähnlich zur Jubiläumsedition kann ich mir vorstellen.

6. Die nächsten 150 Jahre werden schwer zu überblicken oder zu prognostizieren sein, aber was wünscht Du Dir für die kommenden 5 oder 10 Jahre im Hause Reclam?

Ich wünsche mir, dass wir auch in den nächsten Jahren so mutig in der Programmgestaltung bleiben können, neue Buchformen und Reihenformate zu entwickeln. Wir haben eine wahnsinnig tolle Textbasis und ein kaum zu überschätzendes Potential, das verschenkt wäre, würden wir es nicht nutzen. Ich wünsche mir, dass sich die Ideen und die ganze Kreativität in wirtschaftliche Erfolge umwandeln, denn nur so kann der Verlag noch weitere 150 Jahre bestehen. Und nichts weniger wünsche ich ihm.


reclam universalbibliothek interview claudia feldtenzer

Claudia Feldtenzer, geb. 1982, ist seit 2012 Presseleitung bei Reclam. Seit März 2015 arbeitet sie zudem in der Programmplanung inhaltlich mit und ist als Reihenkoordinatorin für die Reihe „100 Seiten“ verantwortlich. Weitere Projekte: Buchreihe mit dem Philosophie Magazin, Jubiläumsedition.

Beitragsbild: Fredrik von Erichsen, Wikipedia
Bild Claudia Feldtenzer: privat

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Gespräch mit Susann Brückner zum Start des neuen Imprints Ullstein Fünf

Der Ullstein Verlag lud Blogger zum Start des neuen Imprints Ullstein Fünf nach Berlin zum Verlagsbesuch, weil ich aber eine richtige Arbeit habe, kann ich nicht immer tagsüber Prosecco schlürfen. Also traf ich Susann Brückner von Ullstein bereits lange bevor andere wussten, dass es Schüttelbrause geben wird, zum Mittagessen in Hamburg. Susann ist blitzgescheit, schlagfertig und wählt hervorragende Restaurants aus. (Es sieht jetzt so aus, als hätten wir da ein Interview geführt, das haben wir aber nicht, später habe ich ihr eine E-Mail mit den Fragen geschrieben.)

Braucht es noch ein Berlin Imprint?

Was ist ein Berlin Imprint? Das Imprint eines Berliner Verlags? Oder eins, das nur Berliner Autoren verlegt oder nur Berlin-Texte? Ullstein fünf ist das Imprint eines Berliner Traditionsverlags, aber es ist weder thematisch noch per Autor*innenvita an Berlin gebunden. Ich würde Ullstein fünf also nicht als Berlin Imprint bezeichnen. Es ist ein Imprint für deutschsprachige Belletristik – unseres Wissens nach bisher das einzige. Wir glauben, dass Leser*innen auf der Suche sind nach Stoffen, die ihrer Lebenswelt nahe sind oder ihnen Teil der sie umgebenden Wirklichkeit näherbringen, die ihnen bisher verborgen blieben. Es gehen hier so grundlegende Veränderungen vor sich, die in der internationalen Literatur keinen Widerhall finden oder sehr anders behandelt werden,  z.B. in der Frage nach Heimat und Zugehörigkeit, die hier anders als etwa im Einwandererland USA beantwortet wird oder auch die Beschreibung bestimmter Milieus, die stark mit einem bestimmten Sprachgebrauch zusammenhängen, gehen in Übersetzungen oft verloren oder bekommen merkwürdige Konnotationen, wenn z.B. der englische Offi (off-licence)  zum Späti wird. (gelesen bei Kate Tempest)

Was könnt ihr bei Ullstein Fünf tun, was im Mutterverlag vielleicht nicht so möglich wäre? Was wollt ihr anders machen?

Die Möglichkeiten der Zusammenarbeit in einem kleinen Team sind natürlich flexibler und bieten den einzelnen Teammitgliedern einen anderen, neuen Zugang zu den Büchern als das im arbeitsteiligen Modus eines mittelgroßen Verlags möglich ist. Unser Team besteht aus Mitarbeiter*innen (fast) aller Abteilungen – und alle entscheiden mit, von der Akquise des Stoffs bis zur Ausstattung des fertigen Buchs.

Wo seht ihr euch und eure Autoren in fünf Jahren?

Unsere Autor*innen sehen wir auf der Shortlist wichtiger Buchpreise, auf den Bestsellerlisten und natürlich ständig in den Medien! Uns sehen wir zunächst mal auf der Buchmesse, wo wir unsere Launchparty feiern. Du bist auch eingeladen!

Seid ihr Sprungbrett für DebütantenInnen oder sollen die Autoren mit euch wachsen? (Also Sprungbrett im Sinne von sollen die irgendwann innerhalb von Ullstein wechseln?)

Interessante Frage. Ullstein fünf soll kein DebütantInnen-Label sein, sondern ein Programm deutschsprachiger Autor*innen  unter dem Ullstein-Dach. Wir arbeiten autorenzentriert – hatte ich das schon erwähnt? – und ja, wenn es passt, wollen wir gerne gemeinsam wachsen!

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