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Kategorie: Allgemein

Eine Lüge in der Wirklichkeit wird keine Wahrheit im Roman – Zur Kontroverse um Robert Menasse

Um ein Haar hätte der ‚Fall‘ Menasse gar nicht stattgefunden: begraben unter der Lawine des feuilletonistisch unendlich schmackhaften Skandals um den Fälscher und Großjournalisten Claas Relotius und gehemmt durch eine allgemeine Skandalmüdigkeit am Ende eines Jahres, das vielleicht überreich an ‚Fällen‘ war. Aber etwas Skandalenergie steckt eben doch in der Geschichte des österreichischen Schriftstellers, der Zitate einer realen historischen Figur erfunden hat, und zwar nicht nur in einem Roman, sondern in Zeitungsartikeln, Reden und Essays. Robert Menasse hat dem Europapolitiker Walter Hallstein Sätze in den Mund gelegt, die dieser so gar nicht gesagt hat. Diese Sätze zielen auf eine erhoffte Überwindung der Nationalstaaten durch das politische Projekt eines vereinten Europas, wie etwa: „Ziel ist und bleibt die Überwindung der Nation und die Organisation eines nachnationalen Europa.“ Es handelt sich dabei um den Wortlaut einer Meinung, die aufs Dankbarste mit der Meinung Menasses übereinstimmt. Aber manchmal hat man eben Glück und findet das perfekte Zitat. Nur, und das zeigt auch der Skandal um Relotius: Die perfekte Geschichte und das perfekte Zitat, die gibt es meistens nicht.

Erwischt wurde der Dichter Menasse bei seinen Fälschungen von dem Historiker August Winkler, der die angeblichen Zitate in einer schlecht gelaunten Notiz im Spiegel vom 23. Oktober 2017 vornehm als „apokryph“ und „unecht“ bezeichnete. „Die Lesart vom post-, ja antinationalen EU-Vorkämpfer Hallstein“, schreibt er, „dürfte eine Legende oder, anders gewendet, Ausfluss einer postfaktischen Geschichtsbetrachtung sein.“ Winkler ging es um die Dignität seiner Wissenschaft und das Vetorecht der Quellen, aber wohl auch um das politisch Fehlerhafte der Idee einer anti-nationalstaatlichen EU. Gezeigt werden sollte nicht nur, dass die Sätze Hallsteins gefälscht waren, sondern auch, dass es sich um falsche Sätze handelt. Dem Historiker diente der Fall als Ausgangspunkt für eine weiterführende europapolitische Kontroverse.

Man hat allerdings den Eindruck, dass die Öffentlichkeit an dieser Kontroverse nicht wirklich interessiert war, sonst wäre der Skandal wohl schon im Oktober 2017 explodiert. Skandale als öffentlichkeitswirksame Einzelfälle generieren dann Aufmerksamkeit, wenn sie große Fragen, die eine Kultur aktuell umtreiben, metaphorisch verdichten. Sie verleihen abstrakten Problemen die Konkretion und Anschaulichkeit einer dramatischen Erzählung. In diesem Fall bezieht sich das Interesse allerdings nicht auf die Frage, ob ein post-nationales Europa wünschenswert ist, sondern auf den Aspekt des „Postfaktischen“, den Winkler wohl vor allem deshalb ins Feld geführt hatte, um Menasse inhaltlich zu delegitimieren.

„Postfaktisch“ bezeichnet in diesem Fall ein Wunschdenken, das zu historischen Fälschungen führt. Eine Geschichtsbetrachtung, die ideologischen Begehrlichkeiten folgt und so das narrative Genre der „Legende“ dem geschichtswissenschaftlichen Faktum vorzieht. Dieses Gespenst einer legendarisch verzerrten Wirklichkeitswahrnehmung gehört zu den wichtigsten Waffen im zeitgenössischen Diskursgetümmel. Politisch effektiv ist das Konzept des „Postfaktischen“, weil es – in der Tradition einflussreicher politischer Begriffe – extreme Aggression mit extremer Beliebigkeit verbindet; kulturwissenschaftlich interessant ist der Kampfbegriff „postfaktisch“, weil sich in ihm ein allgemeines erkenntnistheoretisches und ideologisches Unbehagen an einer als instabil wahrgenommenen Kultur verdichtet. Literaturtheoretisch einschlägig ist der Skandal um die postfaktischen Mätzchen Menasses schließlich, weil (zumindest unterschwellig) der Versuch gemacht wird, das historische Wunschdenken in diesem Fall als Ausdruck einer literarischen Imagination zu adeln. Immerhin handelt es sich um die Fälschungen eines Romanautors, der doch qua Profession als professioneller Fälscher ausgewiesen ist?

So wird dem heillosen Begriffsdurcheinander, das sich um den unglücklichen Begriff „postfaktisch“ rankt, noch eine literarische Komponente hinzugefügt. Der Status eines Textes changiert nun zwischen „postfaktisch“, „gefälscht“, „literarisch“, „fiktional“, „faktual“ etc. und droht so, seine Funktion als Träger von Informationen vollständig zu verlieren. Bedenkenswert erscheinen in diesem Zusammenhang zunächst die Argumente des Autors. Menasse habe nämlich, so heißt es, als er im Schatten der Relotius-Affäre auf die Zitate angesprochen wurde, freimütig seine Fälschungen eingestanden. Dazu berichtet die Welt:

Seine [Menasses] Form des Zitierens sei „nicht zulässig – außer man ist Dichter und eben nicht Wissenschaftler oder Journalist“. Nach den „Regeln von strenger, im Grunde aber unfruchtbarer, weil immer auch ideologisch gefilterter Wissenschaft“ seien die Zitate „nicht ‚existent‘, aber es ist dennoch korrekt, und wird auch durch andere Aussagen von Hallstein inhaltlich gestützt. Was kümmert mich das ‚Wörtliche‘, wenn es mir um den Sinn geht.“ Wenn er also „Hallstein als Kronzeugen für die vernünftigerweise bewusst gestaltete nachnationale Entwicklung Europas brauche, dann lasse ich ihn das sagen, auch wenn es nicht den einen zitablen Satz von ihm gibt, in dem er das sagt – aber doch hat er es gesagt!“

Diese Argumente haben sich nicht nur auf den ersten Blick das Verdikt „aberwitzig“ (Patrick Bahners) redlich verdient: Man möchte die Person kennen lernen, die es sich gefallen lässt, die eigenen Worte sinngemäß im Sinne des Wiedergebenden aufgeschrieben zu sehen. Es scheint keine übertriebene Eitelkeit zu sein, in solchen Fällen auf dem stabilen Boden des „Wortwörtlichen“ verharren zu wollen. Das ist auch unumstritten oder es wäre unumstritten, wenn Menasse sich nicht selbst als Dichter von dieser Ethik des Wortwörtlichen entlastet hätte. Interessant werden seine Argumente nämlich dort, wo sie auf weitverbreitete und einflussreiche literaturtheoretische Missverständnisse verweisen.

Dieses Missverständnis bezieht sich vor allem auf die angebliche Freiheit in der Darstellung, die Dichter*innen traditionell zugesprochen wird. Es hat sich als stolze historische Errungenschaft unserer Kultur etabliert, dass die Autor*in eines Romans, eines Theaterstücks oder Gedichts mehr darf als die Verfasser*in einer Reportage oder eines Geschichtswerkes. Sie darf Figuren erfinden, sie darf abseitige und idiosynkratische sprachliche Mittel verwenden und sie darf mit den Figuren so schonungslos und indiskret umgehen, wie sie möchte. Diese Lizenzen kommen Texten aber eben nicht deshalb zu, weil sie von Dichter*innen geschrieben wurden oder weil sie dichterisch geschrieben sind, sondern aufgrund ihrer markierten Fiktionalität. Missverständlich wirkt in diesem Fall die Verwirrung von „Literat“, „literarisch“ und „fiktional“. Nicht alle literarischen Texte sind fiktional, wie die lange ruhmreiche Geschichte des Essays zeigt; und nicht alle fiktionalen Texte sind literarisch (Das zeigt die lange und alles andere als ruhmreiche Geschichte der Werbung). Literat*innen sind Menschen, die literarische, fiktionale und gänzlich alltägliche Texte schreiben können. Müssen die Empfängerinnen der dienstlichen E-Mails des Dichters Robert Menasse jedes Mal um deren Faktizität fürchten? Wohl eher nicht.

Fiktionalität bezeichnet vor allem einen Geltungsanspruch. Der Text tritt auf mit dem Versprechen, dass die wichtigsten Elemente erfunden sind. So werden die entsprechenden Lizenzen eingeworben. Fiktionalität ist also ein Status, der in einer Kommunikationssituation zwischen Autor*in und Leser*in ausgehandelt werden muss, im Sinne der Metapher eines „Fiktionsvertrags“ (Umberto Eco). Dieser Vertrag muss für jeden Text neu abgeschlossen werden. Auch ein als Verfasser fiktionaler Romane bekannter Autor wie Menasse hat keinen Anspruch darauf, dass für seine Äußerungen eine allgemeine Fiktionsvermutung gilt (was lebenspraktisch auch eher unerfreulich wäre) und noch viel weniger entlastet ihn dieser Status davon, sich im Fall faktualer Texte an die jeweils geltenden Regeln der Kommunikation zu halten. Wenn ein Text in einer Zeitung erscheint und nicht als fiktional markiert ist, dann dürfen die Leser*innen davon ausgehen, dass hier nichts erfunden wurde. Wenn sich herausstellt, dass Elemente gefälscht wurden, dann handelt sich – auch, wenn der Verfasser ein Dichter ist – nicht um einen fiktionalen Text, sondern um einen defekten faktualen.

Es mag also sein, dass das Publikum sich, wie Carsten Otte in der taz schreibt, vom Lebensthema des Autors (Europa) hat begeistern lassen, „ohne darauf zu achten, dass der Schriftsteller am Rednerpult weiterhin ein Künstler des Fiktiven ist.“ Es ist allerdings nicht die Aufgabe des Publikums, sondern die des Autors, den Status eines Textes zu markieren: Auch am Rednerpult (und vielleicht gerade dort) muss sich der Künstler deutlich zu erkennen geben, wenn er im Modus des Fiktiven sprechen möchte. Ottes Vermutung, dass Menasse „selbstverständlich“ weiterhin „Fiktion und Realität verschwimmen lassen“ wird, und zwar nicht nur im Roman, „sondern auch in allem anderen, was er sagt und schreibt“, sollte vor allem dazu führen, ihn als Redner und Essayisten zu disqualifizieren. Zumal es in diesem Fall auch gar nicht so wirkt, als hätte Menasse unter dem Vorbehalt des Fiktionalen gesprochen, sondern diesen Vorbehalt erst in dem Moment schützend vor den Text gestellt, als er bei einer gänzlichen prosaischen Schwindelei erwischt wurde.

Die Tatsache, dass Menasse vor allem als Romancier bekannt ist, entlastet ihn also keineswegs von den alltäglichen Regeln der Kommunikation – im Gegenteil kontaminieren seine Regelverstöße auch sein fiktionales Schaffen. Damit ist ein weiteres Missverständnis angesprochen, nämlich, dass Menasse, wäre er nur beim literarischen Erfinden geblieben, gar keine Probleme bekommen hätte. So stellt Carsten Otte in der taz fest: „Wer Menasse liest, wird feststellen, dass viel von dem, was derzeit moniert wird, schon im Roman thematisiert ist.“ Verbunden ist diese Feststellung mit der Hoffnung, der Autor möge sich wieder dem offiziell Fiktionalen zuwenden, wo sich das Problem erfundener Ereignisse und Zitate gar nicht erst stellt. Das bezieht sich insbesondere auf die unappetitliche Entdeckung, dass Menasse einen Auftritt Walter Hallsteins in Auschwitz (die Antrittsrede zu seiner EU-Kommissions-Präsidentschaft) ebenfalls erfunden habe – einen Auftritt, den der Autor sowohl in seinem hochgelobten Europaroman Die Hauptstadt als auch in faktualen Texten untergebracht hat. Auch Hubert Winkels geht im Deutschlandfunk von einer möglichen Legitimation dieser Erfindung im Schutzraum des Romans aus. „Und wenn er das alles in seinem Roman ‚Die Hauptstadt‘ gemacht hätte“, sagt Winkels, „würde man das vielleicht gelten lassen.“

Allerdings – und das ist ein großes Missverständnis in Bezug auf die autonome Fiktion – stellen  auch in der fiktiven Welt des Romans erfundene Zitate, die einer realen Person in den Mund gelegt werden, ein Problem dar. Auch im Modus des Fiktionalen kann man reale Personen nicht nach Belieben „gebrauchen“ oder brauchbare Dinge sagen „lassen“. Wer den Roman als den Ort der totalen Lizenz stark machen möchte, der muss sich nur einmal vorstellen, wie das wäre, wenn eine Autorin ihm unter Realnamen Worte in den Mund legen würde. Reale Personen sind, im Gegensatz zu fiktiven Figuren, keine reinen Marionetten, die dem Fingerspiel der Autor*in folgen. Sie haben ein Eigenleben außerhalb des Textes, das die Lizenzen in der Darstellung je nach Fall mehr oder weniger einschränkt. Tolstoi konnte zwar den realen Napoleon in Krieg und Frieden Dinge sagen und denken lassen, die so nicht nachweisbar sind, aber es handelte sich eben auch um ein feindseliges Porträt, das Verehrer Napoleons verstimmen musste.

Ähnliches gilt für den Goethe in Thomas Manns Lotte in Weimar. Gerade Thomas Manns Roman ist einschlägig als Vergleich, denn auch in diesem Fall „gebrauchte“ der Autor seine Figur als Sprachrohr für politische Aussagen, und auch damals führte dieser Umgang mit den Lizenzen der Fiktionalität zu realweltlichen Missverständnissen. In Lotte in Weimar (1940) lässt der Autor den alternden Goethe einen inneren Monolog halten, der sich als Kommentar gegenwärtiger Ereignisse lesen lässt. Im Jahr 1946, während der Nürnberger Prozesse, zitierte Hartley Shawcross, der Hauptankläger des britischen Königreichs, unwissentlich den fiktiven Goethe Thomas Manns mit einer Einschätzung über die Deutschen, in der es untere anderem heißt, „daß sie sich jedem verrückten Schurken gläubig hingeben, der ihr Niedrigstes aufruft, sie in ihren Lastern bestärkt und sie lehrt, Nationalität als Isolierung und Roheit zu begreifen, ist miserabel.“ Thomas Mann schrieb später in der Entstehung des Dr. Faustus, er habe damals diese Fehlzitat verteidigt: „Doch verbürgte ich mich dafür, daß, wenn Goethe nicht wirklich gesagt habe, was der Ankläger ihm in den Mund gelegt, er es doch sehr wohl hätte sagen können, und in einem höheren Sinn habe Sir Hartley also doch richtig zitiert.“

Das entspricht nun fast wortwörtlich der gegenwärtigen Verteidigung Menasses gegen den historischen Wortlaut. Der Erfinder von Hallstein-Zitaten könnte sich also auf den hoch-kanonisierten Erfinder von Goethe-Zitaten berufen. Allerdings zeigt gerade der Vergleich der beiden Fälle eher, warum Menasses Argumente nicht stichhaltig sind. Denn in Thomas Manns Lotte in Weimar ist die Figurenrede klar als Gedankenwiedergabe und damit als potentiell fiktiv markiert. Zudem handelt es sich um eine extrem berühmte historische Person, deren Aussagen sich mit den Aussagen der fiktiven Figur recht einfach vergleichen lassen; und schließlich sind die deutlichen Aktualisierungen gegenwärtiger politische Vorgänge ein klarer Indikator dafür, dass hier erfunden wurde. Vor allem aber hat Thomas Mann nicht versucht, diese Zitate auch außerhalb des Romans als O-Töne Goethes zu verkaufen. Es ist dieser Vorgang, der im Fall von Die Hauptstadt auch Menasses Romanfiktion ins Zwielicht rückt. Denn die faktuale Behauptung, Hallstein habe in Auschwitz eine Rede gehalten, erscheint wie der Versuch, die Fiktion im Roman mit einer Evidenz auszustatten, die sie auch als Realie erscheinen lässt. So beschmutzt die außerliterarische Fälschung die Erfindung des Romans.

Schließlich finden die Lizenzen der Fiktionalität in diesem Fall auch eine thematische Einschränkung. Auf diese hat Patrick Bahners in der FAZ deutlich hingewiesen: „In den Theorien des historischen Wissens und der literarischen Fiktion wie im öffentlichen moralischen Bewusstsein ist Auschwitz der Inbegriff der Tatsache, mit der man nicht spielt.“ Die Shoah erscheint als Paradigma eines Ereignisses, das sich seiner Verwendung als literarischer Stoff verweigert. Dieser Aspekt der Debatte lässt die Selbst-Entlastung des Dichters Menasse endgültig auch als ethisches Problem erscheinen. Denn selbst im Bereich des Dichterischen verbieten es die kulturell ausgehandelten Regeln und Konventionen mit einem historischen Faktum wie Auschwitz uneingeschränkt fantasievoll zu verfahren. Daraus folgt kein absolutes Fiktionsverbot, aber doch die Forderung nach einem respektvollen und reflektierten Umgang, der über das freimütige und freche Spiel einer dichterischen Entpflichtung hinausgeht.

Schließlich verweist die Behauptung, Hallstein hätte die erfundenen Sätze sagen können (und sollen) – eine Argumentationsstrategie, die Thomas Mann ja auch auf seinen Goethe anwendet – auf ein letztes Missverständnis in der Kontroverse: Die Vorstellung, dass die ‚höhere Wahrheit‘ der fiktionalen Literatur die Erfindung von höheren Wahrheiten rechtfertigt. Diese Vorstellung kann sich auf die berühmte Verteidigung der Tragödie durch Aristoteles berufen, der in seiner Poetik schreibt: „Deshalb ist Dichtung auch etwas Philosophischeres und Erhabeneres als Geschichtsschreibung. Denn die Dichtung sagt mehr das Allgemeine, die Geschichtsschreibung aber das Besondere.“ Allerdings beschränkt Aristoteles diese Spiele mit der Möglichkeit eines Geschehens auf den eng umgrenzten Bereich der Tragödie selbst, und deren Aufführungskontext allein minimiert die Gefahr von Missverständnissen. Auch die ‚höhere Wahrheit‘ der Fiktion bedarf eines markierten Schutzraumes und das ist der Schutzraum des literarischen Textes – und auch dort darf man nicht willkürlich hausen; von nichts anderem spricht die Poetik, die ein frühes Zeugnis für einen poetologischen Text ist, der die Freiheit der Fiktionalität nicht nur postuliert, sondern auch einschränken möchte.

Der Hinweis auf dieses Missverständnis ist deshalb von Bedeutung, da der Fall Menasse das Publikum mit dem eigenen Bedürfnis konfrontiert, die „höhere Wahrheit“ mit der Realität zu verwechseln. Es schien zunächst, als sei die Öffentlichkeit dazu geneigt, Menasse mit seiner Fälschung durchkommen zu lassen und zwar aus dem gleichen Grund, aus dem Menasse sich in diesen Fälschungen gerechtfertigt fühlte – weil es sich um eine politisch sympathische Illusion handelt. Allerdings gilt auch und gerade in diesem Fall: Eine Fälschung ist eine Fälschung und lässt sich auch nicht durch das vage literaturtheoretische Konstrukt einer ‚höheren Wahrheit‘ rechtfertigen, die nur deshalb anerkannt wird, weil es die ‚richtige Wahrheit‘ ist. Als reale Fälschung ist die ‚höhere Wahrheit‘ der Literatur überhaupt keine Wahrheit mehr, sondern eine Lüge. Natürlich möchte man gerne glauben, dass ein Mann wie Hallstein schon damals ein starkes Europa als Garant gegen die Exzesse des Nationalismus behauptet hat – aber es stimmt eben nicht. Es stimmt weder in der Historie, noch stimmt es im Roman. Postfaktisch sind immer die anderen, aber von Zeit zu Zeit erscheint es angemessen, das eigene Bedürfnis nach erwünschten ‚höheren Wahrheiten‘, die sich verführerisch als Realität ausgeben, zu hinterfragen.

 

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Die Verkalkung. Von den Restbeständen des Pop-Journalismus

Winter 2018: Die Spex stirbt. Und Moritz von Uslar setzt folgenden Tweet ab:

Irgendwie geht hier etwas seinem Ende entgegen. Der Pop-Journalismus, der in den 90ern als Inkubator auch der jüngsten Literatur fungierte, liegt in den letzten Zügen. Die Jungs – ja, es waren fast ausschließlich Männer – sind zu Herren mit Körperbeschwerden und Twitteraccounts geworden. Der Tonfall, die Perspektive, der Weltenzugriff – all das hat Staub angelegt. Die Klugen, die das bemerken, hören auf, so zu denken bzw. zu schreiben. Die Anderen machen weiter. Aber was bedeutet dieser Wandel für die, die diesen vermeintlich jungen und frischen und frechen Feuilleton-Modus mitbegründeten, die diesen Sound satisfaktionsfähig machten?

Vielleicht ist es am einfachsten, sich anzuschauen, welche Texte die Gealterten, deren Alleinstellungsmerkmal immer die Idee von Jugend war, heute so schreiben. Im Oktober 2018 veröffentlicht von Uslar einen Artikel zur vermeintlich boomenden Start-Up-Szene in Berlin mit dem Titel „Geld ist okay“, deren langsames Sterben nur einen Monat später mit Googles Rückzug aus Berlin eingeläutet wurde. Das war doch einmal der junge Journalistikheld, der alpacareitend durch die Anden reiste. Und jetzt? Gibt’s Artikel mit Ankündigungen wie „Im Saunabad Vabali in Berlin-Moabit trifft sich die besser verdienende Hälfte der Gesellschaft. Muss man sich hier schämen, oder ist es einfach schön?“ So also strolcht einer durch die Redundanzen seines Milieus und nennt es Kolumne.

hergestellt und poliert von: Simon Sahner

Was bleibt einem bei diesem voraussehbaren Prozess der Verkalkung übrig? Wegzug, rigider Kontaktabbruch, Nummernwechsel, lieber früher als später. Das Edelgewächs des Pop-Journalismus der 90er, Christian Kracht, hat es vorgemacht: fast keine Interviews, keine Glossen, kein Dazwischenfunken und Zu-Wort-Melden von Sonstwoher. Auf Lesereisen nimmt er in deutschen Städten keine Fragen entgegen, bei Lesungen im Ausland, etwa in Luxemburg, sehr wohl. Und wenn es denn doch passiert und einer der Ödnis-Maschinisten des deutschen Literaturbetriebs sich mit ihm unterhält,  dann ist gleich einer der anderen Distinktionsverwalter zur Stelle, um ersteren wenig überzeugend anzugehen. Im Duett stellen beide vor allem eins unter Beweis: wie verschlackt, pfauig und inspirationsarm deutsche Literaturkritik immer wieder ist.

Wenig verwunderlich also, weshalb Kracht in seinen beiden letzten Romanen jeweils eine Weg-von-hier-Story erzählt: In Imperium verlässt August Engelhardt das wilhelminische Deutschland, um in der Südsee das Glück zu suchen und den Wahnsinn zu finden. Und in Die Toten kommt der Schweizer Regisseur Emil Nägeli ins Berlin der 20er, nur um mit den erflehten UFA-Geldern Reißaus nach Japan zu nehmen. Diese Geschichten, denen auch Krachts eigene Goodbye-Deutschland-Biographie hinzuzuschlagen ist, mögen inszeniert, auch vorausschaubar wirken. Als Output sind sie indes weitsichtiger und spannender als das Text-Tamtam der zurückgebliebenen Brudis.

Ein solchen Auszug aus Deutschland hat auch Benjamin von Stuckrad-Barre, der Feuilleton-Posterboy der 90er, in Panikherz inszeniert: als Einzug in das Chateau Marmont Hotel in Los Angeles, um fern der kontinentaleuropäischen Kleinlichkeit einem Lifestyle zwischen Geldprasserei, Gucci-Reklamen und bizarren Talks mit Doktorandinnen zu frönen. Aber so richtig gelingt seine Exilierung nicht. Denn gefühlte sieben Seiten nach einer der vielen Marmont-Szenen steht Stuckrad-Barre plötzlich vor Thomas Gottschalks Villa in Beverly Hills, um anschließend mit der Prachthecke der deutschen Medienlandschaft zu plaudern, wie in einer unsäglich spießigen deutschen Variante des sowieso immer schon fürchterlichen Cribs.

Ansonsten erinnern seine Bemühungen an das Zucken bzw. Schnappen eines altersschwachen Alligators: wie er einen so fiesen wie süffisanten Revanche-Text gegen Rainald Goetz raushaut, wie seine xte Lesereise mit seinem xten Remix-Buch auf dem Campus der Uni Bayreuth oder in der Centralstation Darmstadt groß plakatiert werden, als stünde ein Highlight bevor, wie er im “Wordrap” des Standard Dinge über Stadt und Idylle sagt, die von einem ratlosen Expressionisten stammen könnten, wie er nach Panikherz irgendein Buch über Nüchternheit veröffentlicht, das nur Takis Würger und Uwe Wittstock besprechen.

So setzt bei beiden langsam aber sicher der Walser-Effekt ein. Gefangen im penetranten publizistischen Wiederholungszwang, abgestellt in einer der wenigen Vollkasko-Nischen des Betriebs schreiben und sprechen sie weiter vor sich hin, ein wenig für sich, ein wenig für das Geld, ein wenig für eine treue Leserschaft, die eigentlich auch nicht mehr so viel mit sich anzufangen weiß und deswegen das zuverlässig Immergleiche, geschrieben von den Immergleichen, in sich reinstopft. Wie diese Bonbons, die, drapiert in hübschen Holzschalen, für einen bereitstehen, in den vielen Arztpraxen, die man jetzt immer öfters besuchen wird.

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Jahresrückblickssause 2018, bastelt mit!

Das Team von 54books hat sich zusammengesetzt, um das Jahr 2018 Revue passieren zu lassen. Der geneigte Leser möchte, so er sich dazu berufen fühlt, gerne aufgeworfene Fragen ebenso in den Kommentaren beantworten. Wir bedanken uns für die Aufmerksamkeit, den Zuspruch und das Mitlesen in 2018 und im Voraus für dasselbe in den kommenden Jahren.

1. Welches war das beste Buch, das du 2018 gelesen hast?

Tilman: Der Eindruck ist noch frisch, das beste Buch ’18 las ich gerade erst: Maya Angelou – Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt. Das hat mir die Schuhe ausgezogen. Außerdem mochte ich Tante Julia und der Kunstschreiber bzw. (in der neuen Übersetzung) Tante Julia und der Schreibkünstler von Vargas Llosa sehr. Das habe ich mal vor hundert Jahren gelesen und hatte es jetzt für meine Reise nach Peru im Gepäck. Gute Unterhaltung ohne platt zu sein. Apropos Ausland, nach Peru war ich in Bolivien, daher las ich vorher Die Affekte von Rodrigo Hasbún, das knallt!

Simon: Am meisten beeindruckt und zum Nachdenken gebracht hat mich Bettina Wilperts nichts, was uns passiert. Ob es DAS beste Buch war, kann ich nicht sagen, aber es ist mir am meisten positiv im Kopf geblieben aus diesem Jahr.

Katharina: Habe dieses Jahr sehr viele sehr gute Bücher gelesen, und dann habe ich gerade mal wieder “A Christmas Carol” von Dickens gelesen. Dickens. Man sollte nur noch Dickens lesen. Allein wie der Häuser beschreibt.

Samuel: Heinz Helles “Die Überwindung der Schwerkraft”

Berit: Ich habe, nachdem ich es ewig geplant hatte, endlich Audre Lordes Sister Outsider. Essays and Speeches by Audre Lorde gelesen und es war großartig. Danach hatte ich die Gelegenheit mit einigen Freundinnen und Bekannten in einem Gruppenchat via Skype über das Buch zu sprechen und es war wirklich bewegend, wie sehr es alle berührt hatte. Außerdem hat das Buch Match Deleted: Tinder Shorts von Sarah Berger bei mir nachhaltigen Eindruck hinterlassen, weil ich die Erzählweise innovativ und inspirierend fand.

Elif: Am meisten beeindruckt hat mich Bleib bei mir von Ayòbámi Adébáyò. Mit Du wolltest es doch von Louise O’Neill und Was ist schon normal? von Holly Bourne sind aber auch ein paar eindrucksvolle Jugendromane erschienen, die sich mit Themen wie Rape Culture und Feminismus auseinandersetzen. Max Czolleks Desintegriert euch! zähle ich auch dazu, hat mir sehr gut gefallen.

Matthias: Ich lese ja nicht so wahnsinnig viel. Das Buch, das mich 2018 am meisten fasziniert hat, habe ich vor 2018 angefangen und werde ich dieses Jahr nicht mehr abschließen, nämlich Uwe Johnsons Jahrestage. Max Czollek fand ich aber auch sehr klasse.

2. Welches war das schlechteste Buch, das du 2018 gelesen hast?

Simon: Ohne wenn und aber Andreas Eschbachs NSA – Nationales Sicherheits-Amt, das hat in diesem Jahr in vielerlei Hinsicht den Vogel abgeschossen.

Tilman: Boah, gab schon paar schlechte. Die siebte Sprachfunktion hat mich enttäuscht. Vieles war einfach so ein Grundrauschen, was nicht so richtig schlecht war, aber eben auch nicht gut.

Katharina: Habe ich alle rechtzeitig abgebrochen.

Samuel: Christian Torklers “Der Platz an der Sonne”

Berit: Mir hat Donna Haraways Unruhig bleiben: Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän nicht gefallen, das mag aber auch an mir liegen.

Elif: Ohne Zweifel Peter Stamms Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt. So nichtssagend. Ja, er spielt mit Zukunft und Vergangenheit und bla, aber im Grunde will ein alter Typ nur die ganze Zeit was mit einer jungen Frau haben und ist ganz melancholisch. Wie gefühlt jede 0815-Geschichte eines weißen, (mittel)alten Mannes. Vielleicht bin ich dadurch auch einfach nicht das Zielpublikum. Wäre auch meine Antwort für die nächste Frage, weil ich wirklich nichts aus diesem Buch ziehen konnte.

Matthias: Richard David Precht, Jäger, Hirten, Kritiker. Ein durchweg ärgerlicher, vorhersagbarer, schlecht gemachter und zu allem Überfluss heftig nach rechts anschlussfähiger Schinken. Den habe ich auch für 54books rezensiert.

Tilman: Ich muss mich hier nochmal einschalten und Bezug auf Elif nehmen. Ich war bei Peter Stamm völlig ratlos, was genau an diesem Buch erzählenswert ist, “nichtssagend” trifft es perfekt.  Wäre Walser jünger, er schriebe Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt.

3. Das überflüssigste Buch 2018 war?

Tilman: Ich finde diese ganzen Aufgüsse von alten Texten immer fürchterlich überflüssig. Stuckrad-Barre nennt das selbstentlarvend immer Remix, verkauft sich wie geschnitten Brot, gönn ich ihm – aber wenn jetzt jeder Internetschreiberling anfängt nur seine alten (also die letzten zwei Jahre) Texte aus dem Internet zusammenzusuchen und zu drucken .. schade um das Papier und das Geld und die Zeit und das Internet.

Simon: Martin Walsers Gar alles oder Briefe an eine Unbekannte, das waren vermutlich einfach Texte, die Walser noch rumliegen hatte, die er irgendwie zusammengeschraubt hat und weil Martin Walser drauf steht, wirds gedruckt. Auch überflüssig fand ich Marc-Uwe Klings Qualityland, das war nur platte Pauschalkritik und banaler Hihi-Humor.

Katharina: “Zusammenleben” von Leander Scholz, ein Buch, das so tut, als wäre ganz Deutschland eine Kleinfamilie aus der Mittelschicht.

Samuel: “Die Hungrigen und die Satten” von Timur Vernes

Berit: Überflüssige Bücher gab es einige, mich ärgern besonders “Debattenbücher” von Menschen, die mit einer sich verändernden Gesellschaft nicht klarkommen, der Schutzheilige dieser schmierigen Nische ist sicher Thilo Sarrazin.

Matthias: Im Zweifel immer der neue Maschmeyer.

Tilman: Es gibt einen neuen Maschmeyer?

4. Welches war die interessanteste Feuilleton-Debatte/der interessanteste Feuilleton-Artikel des Jahres?

Katharina: Ganz pauschal würde ich ja sagen, dass das Feuilleton an sich interessant ist und dass da viele, viele, viele interessante und lesenswerte Sachen geschrieben worden sind, dass es viele spannende Rezensionen gegeben hat und dass das Feuilleton halt häufig leider gerade da am uninteressantesten wird, wo es sich am meisten darum bemüht, interessant zu sein, eben deswegen, weil es oft sehr bemüht wirkt, wie Schattenboxen oder wie ein angestrengter Kompromiss.

Simon: Persönlich fand ich die Debatte – wenn man das in diesem Fall so nennen kann – im Anschluss an die Poetikvorlesung von Christian Kracht sehr interessant.

Berit: Ich habe gerne die Beiträge von Anna-Verena Nosthoff und Felix Maschewski zu digitalen und Tech-Themen in der NZZ gelesen.

Matthias: »After the Fall«, Adam Gopniks gigantischer Rezensionsessay von Patrick Sharkeys Buch Uneasy Peace über das faszinierendste soziale Phänomen der letzten Jahrzehnte, nämlich den drastischen und nachhaltigen Rückgang der Kriminalität; und »Safer Spaces«, Jia Tolentinos Reportage über evidenzbasierte Maßnahmen, um sexuelle Übergriffe auf amerikanischen Hochschulcampi zu reduzieren. Beides natürlich im New Yorker. (Ist das Feuilleton? Ich behaupte einfach mal: Im New Yorker ist immer alles Feuilleton.)

5. Welches war die überflüssigste Feuillleton-Debatte/der überflüssigste Feuilleton-Artikel des Jahres? [Welches war die Feuilleton-Debatte, die am weitesten vom wirklichen Leser entfernt war?]

Katharina: Die “Debatte” um Simon Strauß war ein phänomenaler Tiefflug, den zu unterbieten auch in kommender Zeit schwierig werden wird – immerhin haben sich in ihrem Kontext aber einige mühevoll als Ulknudeln positionieren können, die zwar Angst vor dem angenommenen Männlichkeitsbild von Simon Strauß haben, gerne aber öffentlich auf ihre Begeisterung für Haftbefehl hinweisen, als würden nicht tausende Teenager dessen “Rollenprosa”, sowohl die misogyne wie die antisemitische, sehr unironisch hören und auswendig lernen. Da sieht man halt, dass es eigentlich nicht so sehr um sachliche Fragen oder Inhalte ging, sondern viel mehr um die Positionierung im literarischen und kulturellen Feld.

Berit: Die Kollegah-Debatte hat mich sehr genervt und führte teilweise zu wirklichen Meisterwerken selbstgerechter Verblödung. Ich wäre dankbar, wenn ich in 2019 nie wieder Rollenprosageschwafel und Grenzüberschreitungsanhimmelei von saturierten Feuilletonbros hören muss.

Simon: Ich schließe mich hier Berit an!

Matthias: Wie seit Jahren war auch 2018 nahezu jede Äußerung des Feuilletons zu Verkehrsthemen großer Unfug, und den Vogel haben wie immer die Einlassungen von Ulf Poschardt zum Thema Autofahren abgeschossen. Möglicherweise hat auch Rainer Meyer, dem es aus mir komplett unverständlichen Gründen sogar von seriösen Medien gestattet wird, unter dem infantilen Pseudonym »Don Alphonso« zu schreiben, etwas zum Thema Auto gesagt, das könnte dann sogar noch schlimmer sein, ich traue mich aber nicht nachzuschauen, weil mich das dümmer machen würde.

6. Das beste/schlechteste lektürebegleitende Lebensmittel 2018?

Tilman: Habe mir gestern die Hände eingecremt – das war die Hölle, alle Seiten fettig.

Simon: Das beste war und ist ohne Frage heißer Ingwer mit Zitrone und Honig, aber so stark, dass es milchig ist, sonst kann man es auch lassen. Am schlechtesten alles, was fettig ist, da hat Tilman recht!

Katharina: Wenn man sich allerdings die Hände nicht eincremt und zu trockener Haut neigt und dann zu eingerissene Haut an den Fingern hat, die auch manchmal blutet, ist das auch nicht gut, dann hat man Blutflecken im Buch.

Samuel: Buttrige Artischockenblätter

Berit: Sehr gut und richtig sind Kaffee und Lakritz, sehr schlecht sind Lutschbonbons, die einem die Zähne zur Maulsperre zusammenkleben, wenn man abgelenkt beim Lesen darauf herumkaut.

Elif: Bei mir gibt es nur Mate. All day, every day.

Matthias: Ich esse und trinke eigentlich selten beim Lesen von Büchern. Beim Lesen am Bildschirm schaufle ich in mich hinein, was eben da ist, und muss dazu feststellen, dass die Bunten Schnecken von Haribo echt was taugen. Wie immer enttäuschend: Paprikachips in zu großer Menge.

7. Der unnötigste sachliche Fehler in einem Artikel/Buch im Jahr 2018 war….?

Katharina: Als ob mir sowas auffiele.

Samuel: Deportationen nach Auschwitz im Sommer 1939 stattfinden zu lassen (in einem Familienroman)

Berit: Mir ist keiner aufgefallen, vielleicht lese ich nicht genau genug?

Simon: Ich erinnere mich, irgendwo einen gesehen zu haben, aber offenbar war er nicht gravierend genug, mhm.

Matthias: Michael Naumann in seiner Rezension der Tagebücher von Lion Feuchtwanger: »Arno Schönberg«. Dass der Großjournalist das einfach so hinschrieb und die größte deutschsprachige Wochenzeitung des Universums es unkorrigiert durchwinkte – das war ein Lehrstück in Sachen deutscher Medienbetrieb. Es sind die Kleinigkeiten und Äußerlichkeiten, die den Kampfgeist ausmachen (glaubt das nicht mir Ungedientem, glaubt es Norman Schwarzkopf jr., den ich damit sinngemäß zitiere).

8. Ulkigste Äußerung einer Person des öffentlichen Lebens zum Buchmarkt 2018?

Katharina: “Was fehlt, ist eine Arbeiterliteratur, die erzählt, was Menschen überall in Deutschland weg von Linkspartei und SPD in die Arme der AfD treibt.” (Ulf Poschardt) Als gäbe es dafür nicht Sachbücher und als gäbe es nicht – inzwischen bekanntermaßen – auch sehr finanzkräftige Unterstützer der AfD, deren Motivation ja auch ganz spannend wäre. Was fehlt, ist eine Arbeiterliteratur, die nicht der argumentativen Verzweckung von irgendwem untergeordnet ist.

Samuel: Waren mehrere … man müsse Christian Kracht jedes Wort 1:1 so abnehmen, wie er es in Frankfurt anlässlich seiner Poetikdozentur vorgetragen habe, kam bei vielen Berichten einer Verkennung der Ambivalenz des inszenierten literarischen Sprechens im hyperöffentlichen Raum der Vorlesung gleich, in dem ja beides zugleich möglich ist: Aufrichtigkeit und Maskerade, Transparenz und Opazität.

Berit: Die Reaktionen von zentralen Instanzen des Buchbetriebs auf die Leserschwundstudie des Börsenvereins und den durch die Digitalisierung ausgelösten Marktveränderungen schwankten zwischen völliger Fassungslosigkeit angesichts eines seit Jahren absehbaren Paradigmenwandels und wirklich amüsant-verzweifelten Anrufen einer Art Buchhygges, in der das Buch dann rasch auf eine Ebene mit dem Gläschen Wein oder einer entspannten Yoga-Einheit gesetzt wurde. Lesen als “Oase der Entschleunigung” und die Zeitdiebe aus Michael Endes Momo als Metapher für die Digitalisierung.

Matthias: Ganz eindeutig die Forderung danach, die Anzahl der Neuerscheinungen im gesamten Markt zu reduzieren, weil ja niemand mehr alles lesen könne. Das macht aus Lesen ein komplettistisches Hobby wie Münzensammeln und erklärt zudem alle Bücher für irgendwie gegeneinander austauschbar. Unfug, wie auch immer man es dreht und wendet.

9. Hast du 2018 ein Buch wiedergelesen oder wiederentdeckt?

Tilman: Ja, der oben erwähnte Llosa, das war wirklich schön. Außerdem habe ich meine jährliche Dosis Die Welt von Gestern nicht verpasst. Grandioses Buch!

Simon: Ich habe noch einmal Jakob Noltes Alff gelesen, das mich vor vier Jahren vom Hocker gerissen hat und ich habe zufrieden festgestellt, dass es mich immer noch begeistert. Außerdem im Zuge meiner Dissertation sogar zweimal Jack Kerouacs On the Road, das war vor allem interessant, weil ich es zuletzt mit 19 gelesen hatte und einen völlig anderen Blick darauf hatte.

Katharina: Habe “Das Ungeheuer” von Terézia Mora nochmal gelesen und wieder sehr gemocht – ich weiß gar nicht mehr, warum ich “Der einzige Mann auf dem Kontinent” so unfassbar zäh fand, vielleicht sollte ich das auch nochmal lesen.

Samuel: Weiß nicht, ob das als “Wiederentdeckung” zählt, aber César Airas “Stausee” von 2000 (Droschl) ist sehr irre / merkwürdig / toll.

Berit: Herman Bang wiedergelesen, Herman Bang weiterhin gemocht.

Elif: Äh, ich leshöre grade nur Harry Potter und der Halbblutprinz wieder. Es ist immer noch sehr gut.

Matthias: Ich habe Mutanten auf Andromeda von Klaus Frühauf gelesen, ein Buch, das mich in meiner Kindheit so fasziniert hat, dass ich es ca. viermal gelesen habe. Und was soll ich sagen? Es ist Science-Fiction-Meterware aus der DDR, spannend, aber etwas hölzern geschrieben, hochwertig hergestellt, avantgardistisch illustriert, linientreu und letzten Endes langweilig. Ich habe ein ganzes Regalbrett mit dem Zeug, allmählich sollte ich es doch mal lernen.

10. Hat sich 2018 dein Leseverhalten verändert?

Tilman: Nicht das Lesen an sich, aber der Besitzstand. Schlechte Bücher verlassen meinen Haushalt – meist gratis auf die Fensterbank. Ich brauche Platz im Kopf, im Regal und im Herzen.

Simon: Sehr! 2018 war mein erstes Jahr auf Twitter und ich habe so viele Menschen (Wissenschaftler*innen, Autor*innen und Verlage) kennengelernt, die meine Perspektive auf Literatur sehr erweitert und verschoben haben.

Katharina: Nein, aber ich finde mein eigenes Leseverhalten inzwischen derart unerträglich, weil ich so langsam lese, dass ich mir vorgenommen habe, 2019 endlich nur noch schnell und oberflächlich und ohne Notizen zu lesen. Man kommt ja sonst zu nichts.

Samuel: Vielleicht ist es rationaler geworden, um das hässliche Wort “ökonomisch” zu vermeiden. Habe schneller den Drang, ein Buch nach 10, 20 Seiten als lesenswert bzw. abbrechbar zu rubrizieren, das hat ab und zu den Effekt, dem Buch nicht ausreichend viel Chancen-Freiraum zu geben, in dem es sich entfalten könnte.

Berit: Ich begleite mein Lesen noch mehr als früher bei Twitter und führe dort die interessantesten Gespräche über Texte, das war sehr bereichernd. Mein Lesen verändert sich ständig, gerade lese ich Abends manchmal wieder Print und nicht mehr nur eBooks.

Elif: Für mich war das ein Lyrik-Jahr. So viele Gedichtbände wie in 2018 habe ich noch nie gekauft und gelesen.

Matthias: Ich habe tatsächlich mal ein bisschen mehr gelesen als sonst. Also immer noch fast nichts, aber mehr als die letzten Jahre. Danke, 54books!

11. Welcher Indie-Verlag hat 2018 immer noch zu wenig Aufmerksamkeit erhalten?

Tilman: Jeder. Toll die Aufmerksamkeit für Sebastian Guggolz! Aber bitte noch mehr Aufmerksamkeit für Christiane Frohmann, für den Lilienfeld Verlag und alles Gutverkäufliche von Random House, Bonnier und Holtzbrinck!

Simon: Der Frohmann Verlag, der hat mich auf jeden Fall mit der spannendsten – für mich neuen – Literatur konfrontiert. Sehr gefreut hat mich die große Aufmerksamkeit für den Verbrecher Verlag dank Manja Präkels Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß.

Katharina: Neben den schon genannten vermutlich Kookbooks. Ah ja, und ich mag den Elif Verlag. Der macht schöne Bücher, in manchen kommen Mäuse vor. Albino macht auch gute Sachen. Ansonsten mag ich alle Verlage, die klingen wie Brauereien, also beispielsweise Schöffling.

Samuel: Diaphanes, ed[ition] cetera, Wunderhorn Verlag

Berit: Reinecke & Voß macht spannende Lyrik. Mikrotext, Guggolz und Frohmann sind ebenfalls großartig. Noch mehr mediale Aufmerksamkeit würde ich außerdem Reprodukt gönnen, die machen wunderschöne Bücher, besonders die Kindercomics sollten in jedem Kinderzimmer stehen.

Matthias: Im Zweifel alle, es sei denn, sie korrigieren nicht ordentlich, das braucht kein Mensch.

12. Welche ist deine Katze des Jahres?

Tilman: Die Katze meiner Mutter: Bebra. Sie ist benannt nach einer sehr hässlichen, hessischen Stadt. Meine Schwester behauptet, das sei ihre Idee gewesen. Das ist natürlich Unfug: Ich war es.

Katharina: Meine.

Simon: In meinem Leben gibt es keine Katzen und das ist sehr schade.

Samuel: Meiner (ein Kater). Er heißt Heng, wie der luxemburgische Großherzog, ist dementsprechend edel. Er leckt sich immer sehr aristokratisch das Fell und guckt wie der letzte Snob. Und er trinkt ausschließlich Évian – wie Madonna oder so.

Berit: Ich habe ein wenig Angst vor Katzen, schaue sie mir aber gerne aus der Ferne an. Christiane Frohmanns Kater Laser gefiel mir sehr gut, als ich ihn traf. Er war wunderschön wildtigrig und wollte nicht auf meinem Schoß sitzen – Perfekt!

Elif: Die Katzen von Sarper Duman. Besuch der Instagramseite auf eigene Gefahr – ihr werdet vielleicht schmelzen, Herzchenaugen kriegen, weinen, euch verlieben und die Seite nie wieder verlassen. Er adoptiert regelmäßig Straßenkatzen, spielt mit ihnen Klavier und hat inzwischen keine Ahnung wie viele.

Matthias: Meine Katzen des Jahres sind selbstverständlich Chewbacca (aka Chewie aka Tchou-tchou) und Fluse (aka Flusi aka Flou-flou), die beiden Katzen, die meine Frau und ich diesen Sommer adoptiert haben.

13. Welcher literarische Trend wird 2019 vorherrschen?

Tilman: Das gänzlich unliterarische Scheißbuch. Das kann sowohl der x-te Promiquatsch sein (von Promis, die das Leben erklären, bis zu Promis, die literarische dilettieren) als auch diese ganze andere Massmarket Mist. Ich habe sowieso die Hoffnung aufgegeben, nicht nur für 2019.

Simon: Ich habe die Hoffnung, dass es noch mehr Literatur geben wird, die sich der Schreibweisen und der Kommunikation annimmt, die im digitalen Raum immer mehr Alltag werden. Außerdem denke ich, dass noch einiges zu #metoo erscheinen wird, das vielleicht nicht direkt darauf Bezug nimmt, aber das Thema Geschlechterverhältnis/Machtstrukturen aufgreift. Außerdem scheint, wenn man sich in den Verlagsankündigungen umschaut, das Thema “dystopische Zukunft” weiterhin im Trend zu sein.

Katharina: Ich glaube tatsächlich, dass die Klassenfrage mehr und mehr zurückkommt – in der Theorie wie in der Literatur. Es wird Romane zu #unten geben und man kann nur hoffen, dass sie sich nicht mehrheitlich in Klischees und/oder Sozialromantik verheddern. Persönlich würde ich mir einen dauerhaften Trend hin zu einer Romanlänge von maximal 250 Seiten wünschen. Man kommt ja zu nichts.

Samuel: Die Deklination von Heimat in allen möglichen Fällen: kritisch, affirmativ, sarkastisch, naiv. Die normative Engführung von Relevanz und Literatur: Nur Bücher, die einen auf den ersten Blick ersichtlichen / konsumierbaren gesellschaftskritischen Beitrag liefern, sind “IN DIESEN ZEITEN” gefragt. Bücher, die es sich und der Leserschaft schwieriger machen, sind fatales Geplänkel zur falschen Zeit. Das wird die Unachtsamkeit gegenüber sprachlicher Verfahren sowie die Diskreditierung des Ästhetischen zugunsten einer Idee von Literatur als (er-)klärendem Diagnose-Service befeuern. (Ist aber auch schon länger so.) Positiv, hoffentlich, als Trend: dass mehr über Repräsentationen nachgedacht wird, wer wie bei wem auftritt, wem welcher Raum zugestanden wird, etc., zugleich hoffe ich, dass es auch hier nicht zu so einer Engführung kommt nach dem Motto: Ausschließlich Bücher, die eine Diversitätsquote erfüllen, sind wertvolle Bücher. Aber die Frage wird hoffentlich stärker gestellt und klüger beantwortet als bisher.

Berit: Ich prognostiziere eine Verstärkung des Trends zur Lyrik, auch vermehrt mit ästhetischen Verfahren, die dem digitalen Raum entstammen. Außerdem werden wir weiterhin die Tier- und Pflanzenwelt auf Buchdeckeln finden – Käfer, Vögel, Fische, Farne usw. Mit dieser gestalterischen Faszination für Flora und Fauna schleicht sich meiner Meinung nach die latente Wahrnehmung von Klimakatastrophe und Artenschwund auf die Cover. Persönlich hoffe ich daher auf Bücher, die sich auch zwischen den Buchdeckeln mit innovativen erzählerischen Verfahren mit dem Klimawandel befassen, gerne auch in ästhetisch herausfordernder Art und Weise, beispielsweise in Langgedichten oder mit phantastischen Elementen.

Matthias: Im Sachbuchbereich geht der Trend weiter Richtung Krempel und Nachahmertitel, vermute ich. Plus vermutlich eine Lawine billig runtergeschriebener Politsachbücher über den Wachwechsel bei der deutschen Christdemokratie und verwandte Phänomene.

14. Auf welche Neuerscheinung 2019 freust du dich besonders?

Tilman: Das Buch von Berit, das im Herbst 2019 bei Schöffling erscheint.

Katharina: Was Tilman sagt. Und es gibt einen neuen Roman von Streeruwitz, die ich gerne lese.

Simon: Was Tilman sagt. Und ich bin auf Yannic Han Biao Federers Debüt gespannt.

Samuel: Ann Cottens “Lyophilia”, Sibylle Bergs “GRM”, bien sûr auch Berits Roman, was sonst?

Berit: Ich freue mich sehr auf all die norwegischen Bücher, die zur Buchmesse erscheinen werden, ganz besonders darauf, dass nun auch meine Freunde Johan Harstads Max, Mischa und die Tet-Offensive lesen können. (Es wäre außerdem gelogen, wenn ich nicht zugeben würde, dass ich mich riesig auf mein eigenes Buch freue.)

Elif: Schließe mich allen an. Außerdem freue ich mich auf Eure Heimat ist unser Albtraum, Schamlos, beides aus der Perpektive von migrantischen und/oder muslimischen Menschen und auf die Jugendbücher On the Come Up und King of Scars.

Matthias: Was Tilman sagt. Und möglicherweise die Neuedition von Kants Kritik der Urteilskraft in der Akademie-Ausgabe, ich habe gehört, eventuell wird die tatsächlich bald mal fertig.

15. Welche Neuerscheinung 2019 lässt du lieber liegen?

Katharina: Gibt es wirklich noch Leute, die sich auf den neuen Roman von Houellebecq freuen? Ich habe den wirklich mal sehr gerne gelesen, “Die Möglichkeit einer Insel” ist einer meiner Lieblingsromane aus der internationalen Gegenwartsliteratur, aber der schreibt doch auch schon länger einfach nur immer wieder dasselbe Buch mit wechselnden “Zeitdiagnosen”, und wenn ich mir die Zeit erklären lassen will, lese ich Sachbücher von Leuten, die noch bei Trost sind, bei Houellebecq habe ich da meine Zweifel, schon allein, weil er einen Blick für soziale Themen haben mag, einen sehr männlichen, aber immerhin einen Blick – für politische Fragen hat er keinen. Und dieses “der arme einsame Mann in der sozialen Kälte unserer Zeit”-Ding reicht halt irgendwann vielleicht als literarischer Zugang auch nicht mehr, um abendfüllend zu sein.

Simon: Jedes Buch, das mir penetrant etwas erklären will: Sei es meine Generation, den Rechtsruck oder was auch immer.

Samuel: Jan Brandts “Ein Haus auf dem Land”

Berit: Selbstbespiegelnde Bücher arrivierter Autoren, wer interessiert sich schon für die filzigen Flusen aus deren Bauchnabel. Außerdem habe ich die Faustregel, dass ich nie Bücher lese, die kultige Kiezgrößen romantisieren.

Matthias: Grundsätzlich lasse ich jedes Buch liegen, das aus der Feder einer dieser typischen deutschen Themenpundits kommt. Wir haben ja für jedes wissenschaftliche Thema in Deutschland jemanden, der dafür als Experte herumgereicht wird, ohne ein nennenswertes Standing in der entsprechenden akademischen Disziplin zu haben. Leider muss ich den Quatsch trotzdem manchmal rezensieren.

16. Welchen (vergessenen) Klassiker sollte man 2019 wiederlesen bzw. neulesen?

Tilman: Ich werde mir Die Elenden von Hugo reinknattern, außerdem Große Erwartungen von Dickens und Die Auferstehung von Tolstoi, ob man das soll – das weiß ich erst hinterher.

Simon: Wolfgang Borcherts Gesamtwerk (ist ja leider nicht so lang). Ich werde mir im kommenden Jahr mal Hannah Arendt und Simone de Beauvoir vornehmen.

Katharina: 2019 ist Fontane-Jahr und Fontane mag ich. Ansonsten kann man halt mal wieder Gedichte von Lasker-Schüler lesen. Grundsätzlich will ich aber sowieso viel mehr Bücher von toten Menschen lesen – die schreiben einem keine nöligen eMails und außerdem gibt es so viele Klassiker und man kommt ja zu nichts.

Samuel: In der Hinsicht bin ich leider so ein kanonistischer Idiot, der sagt: die Novellen von Heinrich von Kleist.

Berit: Gedichte von Sibylla Schwarz sollte man mal anschauen, weil Barocklyrik fetzt. Ich werde 2019 etwas von der Norwegerin Cora Sandel lesen (Norwegen ist Buchmessegastland 2019) und etwas aus der Sandalen-Serie des dänischen Gladiator Verlages, die spannende nicht-kanonisierte Klassiker wiederauflegen.

Elif: Ich habe mir vorgenommen, Tess of the d’Urbervilles und Rebecca endlich zu lesen. Der ein oder andere Roman von Jane Austen könnte auch wieder dabei sein.

Matthias: Wie gesagt, ich bin immer noch an den Jahrestagen dran.

17. Wird es Print 2020 noch geben?

Tilman: Klar, Promis erscheinen nicht als ebook!

Katharina: Print lebt ewig weiter, wird aber eben zunehmend ein Liebhaber-Ding und verliert weiter an Einfluss. Stand neulich in einem Glückskeks (auch Print).

Simon: Solange Richard David Precht vor Regalen posieren will, wird es gedruckte Bücher geben.

Samuel: Na ja.

Berit: Spannender ist doch die Frage, ob es 2020 in Flaschen abgefüllten Buchseitengeruch und Bücher auf Esspapier geben wird!?

Elif: Solange es Bookstagram und Booktube gibt, wird Print leben. Was soll man sonst fotografieren und in die Kamera halten? E-Reader sehen nicht hübsch genug aus.

Matthias: Natürlich.

18. Welches ist dein liebster Knallkörper?

Tilman: Ich halte es da wie mit Kfz – Hauptsache schön laut!

Katharina: Seit ich sehr alt bin, also seit 2012, schätze ich es nicht mehr so, wenn es knallt und kracht. Da fällt mir ein, man hätte hier einen Wortwitz mit “Kracht” unterbringen können. Zu spät.

Berit: In Island gibt es so winzige Militärfahrzeuge/Panzer mit Böllerantrieb, die eine kurze Strecke fahren und dabei Funken sprühen. Daraus haben wir einmal eine sehr lange Reihe gebaut, dann den ersten angezündet und die Kettenreaktion beobachtet. Es war großartig!

Matthias: Als möglicherweise deutschester Mensch der Welt und allgemeiner Normcore-Typ bin ich tatsächlich ganz angetan von diesen großen Pappkisten, die man hinstellt, an einer Seite anzündet und die dann den Rest von alleine machen. Aber immer nur auf eine waagerechte Oberfläche, Kinder.

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Lesekreise werden den Buchmarkt auch nicht retten. Wir starten trotzdem einen!

2018 wurde weithin als ein Katerjahr für den deutschen Literaturbetrieb wahrgenommen, abnehmende Leserzahlen verursachen Bauchweh und Sorgenfalten in der Vermarktungskette. Doch wo eine Krise ist, ist auch die Hoffnung nicht weit: Der aktuellste Rettungsring des Buchmarktes, den Eindruck gewinnt man zumindest angesichts der Berichterstattung der letzten Monate, sind Lesekreise. Die Verlage springen begeistert auf diesen gar nicht mal so neuen, aber neuerdings ausgesprochen schick glänzenden Zug auf und gründen Portale für Lesekreise, von denen sie sich Kundenbindung und Förderung der Lesebegeisterung versprechen. Mit dieser Entwicklung haben sie wahrscheinlich nicht ganz unrecht, sind doch die Mitglieder von Lesekreisen oft fleißige Buchkäufer und Literaturkommunikatoren in ihrem sozialen Umfeld. Kennzeichen dieser von den Verlagen aufgelegten Angebote, die sich unter anderem an Buchhandlungen richten, die in ihren Räumlichkeiten diese Leseevents (mit passendem Weinangebot) veranstalten sollen, ist eine Betonung der Unmittelbarkeit, des persönlichen Gesprächs miteinander. Eine Art analoge Lesenische, die alle Sinne anspricht und auf die Diskussions- und Kommunikationsfreudigkeit der Mitglieder setzt.

Dabei ist es zum gemeinsamen Lesen wirklich keine unbedingte Notwendigkeit, in einem realen Raum beieinander zu sitzen. Auch im virtuellen Raum gab und gibt es Lesekreise, neben den Lesegruppen bei Lovelybooks und Goodreads gibt es auch bei Twitter Lesekreise und kollektive Lesepraktiken wie den #Lesemittwoch. Aus den gemeinsamen Gesprächen über Sachbücher und theoretische Texte bei Twitter entstand beispielsweise im Februar 2018 die #TwitLektüre. Gemeinsam wurden im Jahr 2018 acht Bücher gelesen, von Zygmunt Bauman bis Mary Beard. Die Gespräche über die gelesenen Texte wurden mit jeweils eigenen Hashtags verschlagwortet und zahlreiche Interessierte fanden sich zum Lesen, zum Nachdenken über die Texte und zum anschließenden Gespräch zusammen. Dabei kam auch immer wieder die Idee auf, dass man nicht nur gemeinsam Sachbücher und kulturtheoretische Texte lesen könne, sondern auch Belletristik. Deswegen haben wir von 54Books beschlossen, dass wir im neuen Jahr 2019 den Versuch unternehmen wollen, einen gemeinsamen virtuellen Lesekreis zu starten.

Dieser #54Reads Lesekreis soll folgenderweise ablaufen:

  1. Wir legen für einige Monate im Voraus Bücher fest, die wir dann gemeinsam lesen werden. Jeweils ein Mitglied von 54Books zeigt sich verantwortlich für den Monat und das ausgewählte Buch.
  2. Beim Lesen oder im Anschluss können alle Mitlesenden ihre Gedanken, Frage, Inspirationen oder weiterführende Hinweise in den sozialen Medien teilen. Dafür benutzen wir den Hashtag #54Reads und einen speziell für das jeweilige Buch gewählten Hashtag.
  3. Der eigens für den 54Books-Lesekreis gegründete Twitter-Account @54Reads wird alle auf Twitter geteilten Beiträge retweeten. Für den Account ist der-/diejenige verantwortlich, der/die den jeweiligen Monat übernommen hat.
  4. Alle Mitlesenden sind herzlich willkommen, alle Beiträge sind willkommen. Es gibt kein richtiges oder falsches Lesen, nur unseren Enthusiasmus einfach zu schauen, ob und wie sich Dialoge um ein Buch herum entwickeln.
  5. Am Ende des Monats schreibt der/ die Lesekreisleitende von 54Books einen Blogpost zum Buch. Je nach Neigung, Zeit und Lust derjenigen/desjenigen kann das eine Rezension sein, weiterführende Gedanken oder eine knappe Zusammenfassung der auf Twitter gelaufenen Diskussionen.

So sehen die nächsten 54Reads-Lesekreismonate aus:

Januar: Tilman mit Maya Angelou: Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt

Februar: Berit mit Karin Boye: Kallocain

März: Simon mit Emmanuel Carrère: Der Widersacher

April: Katharina mit Theodor Fontane: Frau Jenny Treibel

Wir freuen uns drauf!

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Kathleen Collins – Nur einmal. Storys

„For women, then, poetry is not a luxury. It is a vital necessity of our existence. It forms the quality of the light within which we predicate our hopes and dreams toward survival and change, first made into language, then into idea, then into more tangible action. Poetry is not only dream and vision; it is the skeleton architecture of our lives. It lays the foundations for a future of change, a bridge across our fears of what has never been before.“

So bestimmte Audre Lorde in ihrem beeindruckenden[1] Essay „Poetry Is Not a Luxury“ (aus: „Sister Outsider“) das, was Literatur zu leisten vermag: Als Ort sprachgewordener, verdichteter Erfahrung ermöglicht sie die Verbindung mit dem Fühlen anderer, da alles bereits erlebt und gefühlt worden sei, ermöglicht sie neuen Mut, neues Fühlen, neue Kraft, aus denen Handeln und also Veränderung erwachsen können. Literatur als Ort, an dem individuelle Erfahrungen sich verbinden können, da sie sagbar und mitteilbar und fühlbar geworden sind, ist der Ort, aus dem heraus Zukunft entstehen kann.

Kathleen Collins, deren Storys 18 Jahre nach ihrem Tod im Jahr 2016 neu entdeckt und zunächst im englischen Sprachraum unter dem Titel „What Happend to Interracial Love?“, jetzt auch in der deutschen Übersetzung von Brigitte Jakobeit und Volker Oldenburg unter dem Titel „Nur einmal“ erschienen sind, war wie Audre Lorde Künstlerin und Bügerrechtsaktivisin. Lorde, Schriftstellerin, 1937 geboren und 1992 an den Folgen von Brustkrebs verstorben, und Collins, Filmproduzentin und Autorin, 1942 geboren und 1988 an den Folgen von Brustkrebs verstorben, waren Zeitgenossinnen, die beide in derselben, für das Verhältnis zwischen People of Color und Weißen von Umbrüchen gekennzeichneten Zeit ähnliche Hoffnungen, Enttäuschungen und Formen der Diskriminierung erlebt haben dürften. Nicht nur deswegen lesen sich Collins‘ neu entdeckte Storys wie Beispiele einer Literatur, wie Lorde sie beschreibt.

Collins‘ Storys, die durch einzelne Figuren oder identische Erlebnisse der Figuen miteinander verbunden sind, sind vor allem: Verdichtete, sprachgewordene Erfahrung. Sie erzählen vom Zusammenhang zwischen Rassismus und Depression, Rassismus und Armut, zwischen Diskriminierung und Gewalt, von psychischer und physischer Gewalt von Männern gegenüber Frauen, von der Bedeutung von Helligkeit und Dunkelheit der Haut auch in der eigenen Familie, vom Umgang mit Verlust, vom Weitermachen, vom sozialen Auf- und Abstieg, von Liebe, von ungleichen Beziehungen. Nicht zuletzt handeln sie auch von ungleichen Erwartungen in Partnerschaften, von dem Wunsch nach Anerkennung durch den Partner und von der Enttäuschung dieses Wunsches.

In der Story „Nur einmal“, die der deutschsprachigen Ausgabe den Titel gegeben hat, geht es um die Liebe eines jungen Paares, die zerstört wird durch Rassismus, durch den „die goldene Haut [des männlichen Partners] schwarz wurde und bei anderen Verachtung hervorrief“, bis „das Lachen in seinen Augen erstarb“ (S. 34). Die Story „Was ist nur aus der Liebe zwischen den Rassen geworden?“, die für die englischsprachige Ausgabe titelgebend war, erzählt vom Jahr 1963, in dem Gemeinschaft zwischen People of Color und Weißen, eine andere, gleichberechtigte Zukunft plötzlich möglich schien: Eine junge Schwarze verliebt sich in einen weißen Bürgerrechtsaktivisten, sie erkennt, dass sie jetzt plötzlich jeden heiraten kann – sogar einen Weißen. Doch so einfach ist es nicht: Nicht nur sind die Eltern des weißen jungen Mannes dagegen, auch ihre Familie, insbesondere der Vater, verstehen die neue Zeit nicht, sie sind enttäuscht von dem Verhalten der Tochter. Der kurze Moment, in dem Gemeinschaft möglich schien, zerbricht.

Zahlreiche der Storys spiegeln autobiografische Erfahrungen von Collins: Ihr Vater arbeitete als Leichenbestatter wie eine Vater-Figur in einer Story, mehrere Figuren fahren, wie sie selbst es tat, als BürgerrechtsaktivistInnen in den amerikanischen Süden, auch ihre Erfahrungen als Filmproduzentin haben Eingang in die Storys gefunden, inhaltlich wie als erzählerische Mittel: Die erste Story des Bandes arbeitet explizit mit filmerischen Mitteln, die eigentliche Handlung wird durch die Linse der filmischen Inszenierung, der Ausleuchtung, der Blenden hindurch erzählt. Allen anderen Storys merkt man einen Hang zu klaren Schnitten, zum präzisen Einfangen von Atmosphäre und Stimmung durch Blicklenkung auf Details und Lichtverhältnisse an. Eine Story mischt Ich-Erzähler und die Darstellung von Dialogen wie sie im Drama oder im Drehbuch üblich ist, man sieht hier lesend die Schnitte und Szenenwechsel vor sich – in der einen Szenerie ein Mann, der Ich-Erzähler, der von einer Bekanntschaft erzählt, dazwischen in Rückblenden die Dialoge von ihm und dieser Dame.

Die Sprache ist schlicht und pointiert, vor allem aber bemerkenswert gelungen rhythmisiert und in ihrer Rhythmik an die innere Handlung der Figuren angepasst. Collins wiederholt in mehreren Storys einzelne Sätze refrain- oder leitmotivartig, wodurch die Storys nicht nur die medialen Grenzen zum Film, sondern auch zum Song überschreiten. Das muss man freilich mögen, es passt zu der Sprachrhythmik, wirkt aber vielleicht doch etwas zu forciert.

„Nur einmal“ ist eine inhaltlich wie erzähltechnisch hochinteressante, sprachlich gelungene Sammlung von Storys, die Einblick geben in das Leben und Lieben in Zeiten des Umbruchs, in die Spuren, die Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen auf unterschiedlichen Ebenen hinterlassen, die zu ganz gewöhnlichen Schicksalsschlägen hinzukommen und sich in das Leben und die Psyche der Figuren einschreiben, und wie diese Figuren dennoch um ein besseres Leben zu ringen versuchen – meist sind es hier die weiblichen Figuren, die immer weitermachen, die ihr Leben immer wieder neu aufzubauen versuchen.

„But women have survived. As poets. And there are no new pains. We have felt them already. We have hidden that fact in the same place where we have hidden our power. They surface in our dreams, and it is our dreams that point the way to freedom. Those dreams are made realizable through our poems that give us the strength and courage to see, to feel, to speak, and to dare.

If what we need to dream, to move our spirits most deeply and directly toward and through promise, is discounted as a luxury, then we give up the core – the fountain – of our power, our womanness; we give up the future of our worlds.

For there are no new ideas. There are only new ways of makeing them felt – of examing what those ideas feel like being lived on Sunday morning at 7 A.M., after brunch, during wild love, making war, giving birth, mourning our dead – while we suffer the old longings, battle the old warnings and fears of being silent and impotent and alone, while we taste new possibilities and strengths.“ (Audre Lorde: Poetry Is Not a Luxury)

Schön, dass diese so gut lesbaren wie lesenswerten Storys doch noch ihren Weg zu den Lesenden gefunden haben, es bleibt zu hoffen, dass unter den gefundenen Manuskripten von Kathleen Collins noch mehr fertiggestelltes Material zu finden ist, das veröffentlicht werden kann.

Auf der Seite des Kampa Verlags, bei dem die Storys in deutscher Sprache erschienen sind, findet sich auch ein Video über Kathleen Collins, das ebenfalls sehenswert ist:

HOW ARE YOU A PEOPLE | Remembering Kathleen Collins from Kampa Verlag on Vimeo.

[1] (leider aber an ein paar Stellen essentialistisch argumentierenden)

(Beitragsbild von Patrick Tomasso auf unsplash.com)

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Liebe, Verrat und toxische Männlichkeit – „Bleib bei mir“ von Ayòbámi Adébáyò

Was passiert mit dir, wenn du deine ganze Liebe und Hoffnung auf nur eine Person setzt und von dieser verraten wirst? Wenn du dich in einer Ehe wiederfindest, wie du sie nie führen wolltest und tatenlos dabei zusehen musst, wie nicht nur diese Ehe und dein Heim, sondern auch deine Gesundheit zerstört werden?

Heute sage ich mir, der Grund dafür war, dass ich mich verbogen und jeden entwürdigenden Schritt über mich habe ergehen lassen: damit es jemanden gab, der mich suchen würde, wenn ich plötzlich als vermisst gelten sollte.“

Adébáyò erzählt vor dem Hintergrund Nigerias in den 80er Jahren von Yejide und Akin, die sich in der Universität ineinander verlieben und die unabhängig und, nach westlichen Standards, modern und gebildet sind. Nicht so ihr Umfeld. Weil die Ehe einige Jahre ungewollt kinderlos bleibt, sieht Akins Mutter den Fehler bei Yejide und überredet ihren Sohn zur Polygamie. Das ist nicht ungewöhnlich, vielmehr gängige Praxis und doch eine, in der Yejide sich nie wiederfinden wollte – ist sie doch gezeichnet vom frühen Tod ihrer Mutter und den anderen Frauen ihres Vaters, die ihre lieblose Kindheit und Jugend erschwert hatten. Aber Yejide fragt niemand. Ihr wird es nicht einmal gesagt, erst Wochen später, nachdem die zweite Ehe schon eingegangen wurde. Das Gefühl, als Frau nicht vollwertig zu sein und zu genügen, gepaart mit dem Verrat durch die Person, die ihr Liebe und Treue versprochen hat, stürzen Yejide in eine Scheinschwangerschaft, in der sie nicht nur glaubt, schwanger zu sein, sondern auch alle körperlichen Symptome aufweist.

Und überhaupt, was war schon ein Mann im Gegensatz zu einem Kind, das ganz allein mir gehören würde? Ein Mann kann viele Frauen oder Konkubinen haben; ein Kind kann nur eine Mutter haben.“

Ein Kind zu bekommen wird zum großen Ideal der Geschichte – ein Kind würde Rettung bedeuten. Es würde Yejide retten, ihre Ehe, ihre Reputation und es wäre ihres, unangefochten. Glaubt sie. Was folgt, sind noch mehr unausgesprochene Worte, Abmachungen, verzweifelte spirituelle Maßnahmen und Verrat – vieles davon hinter Yejides Rücken, sodass auch der*die Leser*in erst spät versteht, was vor sich geht. Nicht einmal das, was Yejide im Laufe der Geschichte wirklich für sich macht, “gehört” am Ende ihr.

Beleuchtet der Roman auch eine bestimmte Tradition in einem bestimmten Land, so dient er trotzdem als ein Exempel für frauenfeindliche Narrative weltweit. Der Protagonistin werden nicht nur körperliche, sondern auch psychische Krankheiten und Unzulänglichkeiten unterstellt, sie wird behandelt wie jemand, der hysterisch oder ein kleines Kind ist, während ihr jegliche Mündigkeit abgesprochen wird. Und das, obwohl sie “modern” ist, obwohl sie gebildet ist. Sie ist schließlich trotzdem eine Frau. Und so kommt ihr im Verlauf doch abhanden, was ihr die ganze Zeit unterstellt wird – ihre Gesundheit.

Auch erzählerisch steht der Roman dem Inhalt in nichts nach. Auf zwei Zeitebenen wird die Geschichte meist aus Yejides und manchmal aus Akins Sicht erzählt. Die Autorin hält nicht nicht mit detaillierten Beschreibungen oder Ausschweifungen auf und fokussiert sich auf die Dialoge. Die Emotionen werden bei Adébáyò nicht durch Beschreibungen transportiert, sondern sehr subtil – und sind dadurch noch wirkungsvoller und intensiver.

Ein Debütroman, den man nicht genießt und der einen trotzdem nicht loslässt.

Photo by Olayinka Babalola on Unsplash.

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Beißen – Stechen – Schlagen: Ally Kleins Roman “Carter” tut weh und das ist gut

Manchmal sagen oder schreiben Schriftsteller*innen ganz unbedacht Sätze, die vielleicht nicht zur Veröffentlichung gedacht waren und ahnen dabei nicht, was Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte später mit diesen Aussagen geschieht. Hätte Franz Kafka als er 21jährig und vermutlich noch voller jugendlichem Leichtsinn im Januar 1904 an seinen Mitschüler, den späteren Kunsthistoriker Oskar Pollak schrieb, gewusst, was aus dem Satz „[…] ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“ werden würde, er hätte ihn vermutlich sofort ausradiert. Postkarten zierend, in Poesiealben geschrieben und gar falsch zitiert auf T-Shirts auf gedruckt, hat dieser Satz fast jede Kraft, die der junge Kafka damals vielleicht in ihm sah, verloren – er ist zur salbungsvollen Phrase  geronnen, die sich literaturinteressierte Gymnasiast*innen auf ihre Ordner schreiben, und zum Slogan, mit dem Verlage den hoffnungsvollen Neuling des Frühjahrs bedenken (ja, C. H. Beck, ihr seid gemeint!).

Ein anderer Satz aus demselben Brief ist zu lang und sperrig, um ihn marketingadäquat auf Krimskrams zu drucken, aber dafür ist er dementsprechend unverbrauchter: „Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch?” Ob man nur noch solche Bücher lesen sollte, sei dahingestellt, aber ein solches hier beschriebenes Buch erweckt natürlich längst nicht so hochtrabend den Gedanken an die Literatur, die das zu Eis erstarrte Meer der Seele mit der Axt des Wortes wieder befreit. Nein, ein Buch, das beißt und sticht und einem einen Faustschlag auf dehttps://i2.wp.com/www.droschl.com/wp-content/uploads/2018/04/9783990590171.jpg?resize=261%2C421&ssl=1n Schädel verpasst, wirft die Gewalt, die Physis, die es enthält schmerzhaft körperlich auf die Leserin zurück. Ein solches Buch scheint sein lesendes Gegenüber zum Kampf zu fordern und meint damit nicht ein ehrenvolles und regelngeleitetes Duell, sondern ein Kampf mit Beißen, Hauen und Stechen. So wie Ally Kleins Debütroman Carter (Droschl 2018). Wer gesehen hat, wie sich die Autorin während ihrer Lesung beim diesjährigen Bachmannpreis mit kunstvoll zerzausten Haaren von Minute zu Minute mehr in ihren Auszug aus Carter hineinsteigerte, bekam eine Ahnung davon, wie schmerzhaft körperlich dieser Roman sein würde.

Auf knapp zweihundert Seiten berichtet eine namenlose Person unbekannten Geschlechts (wobei ich sie von Anfang an weiblich gelesen habe, weswegen ich im Folgenden von der Erzählerin sprechen werde) aus der Ich-Perspektive von einer rasenden amour fou mit der mysteriösen Carter. Zu Beginn kommt die Erzählerin wie in Das Schloss der kafkasche Landvermesser im Winter in eine namenlose und abweisende Stadt

Ich kam in diese Stadt im Winter. Nichts war geblieben, die Kälte hatte längst alles Lebendige, das nicht für ihre Strenge geschaffen war, ausgesiebt, […]. Jeden Morgen hatte mich diese Leere aufgeweckt, diese Einöde, die in diese Stadt mit dem Winter einbrach. (S. 18)

So öd und leer bleibt die Umwelt des Romans auch weiterhin. Die Kälte und die Dunkelheit in der Wohnung, die nur mit Holz beheizt wird, und der Stadt sind allgegenwärtig. Die Stadt, ihre Straßen und die darum liegenden Wälder und Felder wirken manchmal wie ein postapokalyptisches Brachland, in dem sich nur wenige menschliche Wesen tummeln. Wie eine leuchtende Erscheinung mutet da der Moment an, als die Erzählerin an einem Abend vor der Kneipe Marina, unter Eingeweihten das sogenannte Bodo, im Licht einer Straßenlaterne Carter erblickt:

Gelbes Licht schien auf sie, fiel auf sie herab, während die Lampe nur noch aus letzter Kraft aus drei, aus vier Meter Höhe dieses Licht herabrieseln ließ, ein gelbes, fast bräunliches Licht, das viel zu schwach war, um ganz bis zum Boden zu reichen. (S. 28)

Was auf diese erste Begegnung folgt ist ein in atemloser Prosa gehaltener Ritt durch mehrere Monate, in denen die Erzählerin Carter verfällt, ihr eigenes Leben aus allen Bahnen fahren lässt und sich mit allem, was ihr Körper hergibt, in dieses ekstatische Verhältnis hineinwirft. Die Prosa, in der Klein all das schildert, ist geprägt durch eine Sprache, die mit sich ringt und darum kämpft, die ganze Physis dieser Geschichte in Worte zu fassen.

In den Kuppen, in den Zehen, im Magen pulsierte es, in den Augen, ich hätte sie mir rausreißen wollen, die Augen, die Äpfel, hätte mir alles Hämmernde aus dem Gesicht reißen wollen, aus dem Körper, aus der Haut, aus dem Weichen, dem Fleischigen, dem Gallertartigen, aus allem, was sich öffnet und schließt. (S. 52)

Die Wiederholungen, die Aufzählungen, das Suchen nach dem passenden Verb und die Angst, etwas nicht genau zu beschreiben, die man beim Lesen zu spüren meint, geben dem Text eine Rastlosigkeit, die ebenso aufwühlend, wie ermüdend sein kann. Immer wieder entgleiten einem beim Lesen die Sätze, sie sind genauso haltlos und verwirrend, wie es das Innenleben der Erzählerin zu sein scheint. Dieser expressionistische Stil zeigt vielleicht einmal wieder, warum die vorherrschende Gattung des expressionistischen Jahrzehnts die Lyrik war. Die kleine Form eignet sich nicht zuletzt wegen ihrer Kürze besser, um eine solche dichte, adjektivreiche Sprache, die ganz auf Ausdruck des reinen Erlebens ausgelegt ist, zu beherrschen. In längeren Prosatexten läuft dieser Effekt beizeiten aus dem Ruder. Auch wenn hier Form, Inhalt und Aussage perfekt aufeinander abgestimmt sind, kann genau dieser Umstand das Lesen selbst zuweilen zu einem Ringen machen, das nicht immer ein Genuss ist. Ein zweifelhafter, weil teilweise schmerzhafter Genuss ist aber die reine Körperlichkeit dessen, was Klein hier beschreibt. Die wenigen Figuren des Textes – außer der Erzählerin und Carter tauchen quasi nur noch drei weitere auf – schinden ihre Körper bis auf die nicht nur sprichwörtlichen Knochen.

[…] springe auf, verheddere mich in der Mullbinde […] und falle, falle zu Boden, falle aufs Kinn, höre, wie die Haut aufplatzt, wie die Zähne zusammenprallen und einen grellen, ohrenbetäubenden Knirschton rauspressen. (S. 185)

Knochen stoßen auf Stein und Holz, Finger graben sich in Asphalt, Haut wird aufgeschürft, Köpfe werden gegen Wände gedrückt – in einem Sog aus Gewalt und Lust treibt die Handlung dahin. Das Buch beißt, sticht und schlägt beim Lesen mit der Faust auf den Schädel. Die Schilderung dieser schmerzhaften Vorgänge, in immer genaueren Details, die auch die kleinste Verletzung nicht auslassen, ist – und das zeigt die Kraft, die hier entfaltet wird – manchmal schwer zu ertragen. Dieses Buch ist kein vermeintlich klassischer Lesegenuss, um sich wohlig in andere Welten und fremde Leben zu denken, es wirft den Leser in das Leben einer Person und lässt ihn dabei allein. Das ist faszinierend und teilweise fesselnd, aber das Lesen ist, wie die Körper der Protagonist*innen, irgendwann erschlafft. Man schaut vom Buch auf und muss sich von dieser ganzen Physis lösen. Denn nicht nur Schmerz erfahren diese Körper, sondern alles: Wasser rinnt über Haut, Hände graben sich in Schlamm, Regenmassen fallen auf Haare, die in dicken Strähnen ins Gesicht hängen, Bier trieft aus Bärten, Rauch zieht in Lungen und stößt daraus hervor.
In einer der schönsten Stellen (S. 30f.) beschreibt die Erzählerin Carter beim Rauchen und stellt fest, dass die Euphorie, die der beobachtete Vorgang bei ihr auslöste, nicht mit dem eigenen Erleben beim Rauchen übereinstimmt. Carter ist übermenschlich, das unzerstörbare Ideal der Leidenschaft und der Rücksichtslosigkeit, sich selbst und anderen gegenüber. Sie verkörpert das, was die Erzählerin bei sich selbst sucht. Unklar bleibt dabei, wer Carter ist, woher sie kommt und was sie will – sie ist einfach da oder vielleicht auch nur eine Imagination der Erzählerin. An einer kurzen Stelle bricht die Perspektive auf und man weiß für einen Moment nicht mehr, ob man der Erzählerin trauen soll. Überhaupt verschieben sich immer wieder Traum und Realität, gehen ineinander über und lassen ratlos zurück, unsicher, ob das Beschriebene gerade passiert oder ob es sich die Erzählerin einbildet.

Dazu trägt auch bei, dass der ganze Roman in einer Umwelt spielt, die sich jeder Zuschreibung entzieht. Die Stadt bleibt namenlos, ein Fluss durchzieht sie, ein Münster thront, wie das kafkasche Schloss in ihr, es ist immer Nacht und Nebel oder dunstige Hitze, die Straßen und Häuser erscheinen wie die Kulisse eines Schattentheaters oder wie die schiefen Fassaden eines expressionistischen Stummfilms. Der einzige Ort, an dem Leben zu herrschen scheint, ist die Kneipe am alten Hafen, die auch nicht von ungefähr an das Gasthaus erinnert, in das der Landvermesser in Kafkas Romanfragment stolpert. Zusammen wirkt das alles aus der Zeit gefallen, oft erinnert nur das elektrische Licht daran, dass wir uns wohl in der Gegenwart befinden. Jegliche anderen technischen Errungenschaften scheinen verschwunden in dieser Geschichte zwischen Traum und Realität – die Körper sind auf sich selbst zurückgeworfen, alles Digitale ist verschwunden. Die Deutlichkeit mit der hier die zweidimensionale Welt auf Bildschirmen unausgesprochen verneint wird, fällt auf, wenn man sich der Abwesenheit aller modernen Kommunikations- und Bild- und Tonübertragungsmedien bewusst wird. Das Haptische, das Erfühlen und sinnliche Erfahren einer brüchigen, rauen und schmerzhaften Umwelt – im genuss- wie auch schmerzvollen Sinne – steht im Vordergrund, sodass das Gefühl einer glatten Oberfläche eines Touchscreens implizit abgewertet wird. Dadurch erscheint der Handlungsraum wie von unserer Realität abgekoppelt. Umso mehr irritieren, ja fast stören Einbrüche unserer alltäglichen Kultur: wenn ein Song erwähnt wird, ein Romanzitat auftaucht, etwas Greifbares, das eine klare Referenz in unserer Welt hat, erscheint und kurz den Schleier zerreißt, der über all dem sonst hängt. Diese Fetzen der Realität wirken in der sonstigen Zeit- und Ortlosigkeit fast fehl am Platze, sie geben der Geschichte für kurze Momente eine Fassbarkeit, die sie eigentlich nicht bräuchte. An diesen Stellen zeigt sich auch eine leichte Schwäche des Textes, die aber in der Art, in der dieser Roman geschrieben ist, begründet liegt: Die Momente, die fassbar wirken, wenn gar ein alltäglicher und realistischer Dialog zwischen zwei Figuren erscheint (S. 100), wirken wie Fremdkörper in der sonst so ekstatischen Erlebnisprosa. Hier wäre ein organischeres Zusammenfügen nötig gewesen. An solchen und anderen Stellen hätte man dem Roman ein besseres Lektorat gewünscht, um die sprachliche Ekstase im letzten Schritt doch noch etwas zu strukturieren und da doch allzu oft Sätze im Text auftauchen, deren Bedeutung oder Sinn an dieser Stelle rätselhaft bleibt.

Carter ist in seiner Körperlichkeit, in seiner Universalität und seiner Radikalität ein Text, der für die Performance wie geschaffen ist, er entfaltet seine ganze Kraft, wenn er vorgelesen wird, was Ally Klein auch beeindruckend tut. Beim lauten Lesen gewinnen auch die Stellen, die beim stillen Lesen manchmal vor lauter Dichte zu zerlaufen drohen, wieder ihre Stabilität, werden zum Ausdruck des Ringens nach Worten. Trotz ein paar kleiner Schwächen, die bei einem solchem Ansatz schnell passieren, durch ein gutes Lektorat aber hätten vermieden werden können, bleibt aber letztlich ein Debüt, das aus den sonstigen Erstveröffentlichungen dieses Jahres äußerst positiv heraussticht. Ally Kleins Carter ist ein Roman, der in seiner Spannung aus reiner Physis und seiner gleichzeitigen Ungreifbarkeit für zweihundert Seiten ein Stück Weltflucht sein kann, die atemlos zurücklässt, nachdem das Beißen, das Stechen und Schlagen überstanden hat.

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Nazi-Kitsch, Internetkritik und sexuelle Gewalt oder warum dieser Roman einen Skandal auslösen müsste

[CN: In dieser Rezension wird die Darstellung einer Vergewaltigung aus dem Roman zitiert]

Fangen wir mit einem Staatsoberhaupt an, das einem im Zusammenhang mit diesem Roman vielleicht eher nicht in den Sinn kommt. Fangen wir mit Barack Obama an. Im Mai 2018 wurde bekannt, dass Barack und Michelle Obama einen umfassenden Vertrag mit Netflix abgeschlossen haben, in dem es um die Produktion verschiedener Serienformate in den kommenden Jahren geht. In diesem Zusammenhang stolperte man auf Twitter über einen Witz:

Warum beginnt diese Rezension damit? Weil dieser Witz das Verhältnis, das ein nicht unbeträchtlicher Teil der deutschen Bevölkerung zu Adolf Hitler und der Nazi-Diktatur hat, sehr gut beschreibt: das Thema birgt eine seltsame Faszination. Auch für die Unterhaltungsbranche gilt: Nazis gehen immer und wenn es dann noch um die Wunderwaffen, die Flugscheiben, die Nurflügler, die angeblich gebaut werden sollten geht, kurz um die mysteriösen Bereiche, dann sind die Einschaltquoten und die Aufmerksamkeit der Leser*innen gesichert.

Und was geht auch immer? Kritik am Internet!

NSA - Nationales Sicherheits-Amt - Andreas Eschbach - Hardcover

Das dachte sich wohl auch Andreas Eschbach als er auf die Idee kam, aus seinem neuen Roman NSA – Nationales Sicherheits-Amt (Bastei Lübbe 2018) ein Internetbashing-Nazikitsch-Mashup zu machen. Die Prämisse wird nun grob umrissen, damit ich mich im Weiteren damit nicht mehr aufhalten muss.

Die Grundannahme, dieses Romans ist, dass sich im 19. Jahrhundert in Großbritannien eine mechanische Computertechnik entwickelt hat, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts elektrisch wurde. (Das beruht auf der Annahme, dass Charles Babbage seine analytische Maschine tatsächlich gebaut hätte.) So entstand in den darauffolgenden Jahren ein dem Internet vergleichbares Netzwerk, das in groben Zügen nach dem gleichen Prinzip funktioniert wie das uns bekannte Internet und das die gleichen Konsequenzen nach sich zog, unter anderem totale Überwachung. Die Entwicklung von Smartphones, social media, bargeldlosem Zahlen per Handy, Handyortung etc. ist ebenso vorhanden wie die meisten anderen uns bekannten Online-Phänomene: Shitstorms, Chats, und vieles mehr (seltsamerweise aber kein Onlinedating), wodurch eine beinahe lückenlose Überwachung durchgeführt werden kann. Diese Aufgabe übernimmt das NSA, das Nationale Sicherheits-Amt in Weimar. Und hier fangen die Probleme dieses Romans auch direkt an. Das Internet ist das Weltnetz, Computer heißen Komputer, social media sind Gemeinschaftsmedien, E-Mails sind Elektrobriefe, ein Passwort ist eine Parole. Jedes uns bekannte Wort im Zusammenhang mit digitaler Technik hat eine deutsche Entsprechung, das mag Sinn ergeben, ist aber nach kürzester Zeit sehr anstrengend, weil es letztlich nur ein Ratespiel ist, was gemeint ist. Dass die Behörde, die all die Daten sammelt und überwacht, auch noch die Abkürzung hat, die inzwischen zum drohenden Menetekel aller Kritik an Datensammlung geworden ist, ist ein Flachwitz, der aber immer noch über dem Niveau des Gesamtromans daherkommt. Denn die Tatsache, dass die Übertragung des digitalen Zeitalters in die Zeit des Zweiten Weltkrieges im Kontext dieses Romans nur dürftig funktioniert, ist vielleicht das geringste Problem:

Eine Rezension in Fünf Akten

1. Die Computertechnik

Die Computer in NSA sind im Grunde, folgt man der Beschreibung, bessere Dampfmaschinen, die aber in der Lage sind weltumspannende Netzwerke aufzubauen. Damit begeht Andreas Eschbach den Fehler in umgekehrter Reihenfolge, den viele Zukunftspropheten im 19./20. Jahrhundert gemacht haben: er denkt vom Technikstand der Zeit in die Zukunft. In einer Dokumentation aus den siebziger Jahren über die Welt der Zukunft, werden Zeitungen direkt in der Wohnung gedruckt – die Idee, dass man sie als PDF Dateien auf dem Tablet lesen kann, war noch nicht denkbar. Die Raumschiffe, die Jules Verne entworfen hat, konnten natürlich nicht funktionieren, weil sie vom Stand seiner Zeit ausgingen. Die technische Entwicklung, die durchlaufen werden musste, um zu dem nötigen Stand der Technik zu kommen, führte dazu, dass die Raumfahrzeuge, die dann wirklich in die Luft gingen, ganz anders aussahen und funktionierten. Eschbach denkt jetzt die Computertechnik der heutigen Zeit, deren Komplexität gerade wenn die gesamte Welt des Internets dazukommt, extrem hoch ist, mit dem Technikverständnis der 1920er-1940er Jahre – kurz es ergibt keinen Sinn, dass die Server (hier Datensilos) des besten Überwachungsapparates des mächtigsten Staates der Zeit in einem feuchten, schummrigen Keller stehen, nur weil Keller in Nazi-Filmen nun einmal meistens feucht und schummrig sind!

Per se ist gegen die Grundidee dieses Romans kaum etwas einzuwenden. Er ist kontrafaktische Literatur, also Literatur deren Prinzip es ist, einen Punkt der Geschichte zu nehmen und ein oder mehrere Ereignisse entgegen der historischen Realität zu verändern und so die Möglichkeit zu haben, anhand dieser Koordinaten zu spekulieren, was sich im Verlauf verändert hätte. Eines der beliebtesten Szenarien ist – oh Wunder – die Frage, was passiert wäre, wenn Nazi-Deutschland den Krieg gewonnen hätte, damit setzen sich zum Beispiel Robert Harris in Fatherland und Philip K. Dick in The Man in the High Castle auseinander. Die Frage also, wie hätte das alles ausgesehen, was wäre passiert, wenn die Welt ebenso vernetzt gewesen wäre, wie sie es heute ist, mit all den Konsequenzen für Kommunikation, Überwachung, Konsum, Politik und Diskurs ist durchaus spannend. Sie ist aber auch unheimlich komplex und Andreas Eschbachs Versuch zeigt, dass das simple Zusammenschieben von heute und damals nicht funktioniert.

Anzumerken ist, dass Softwareentwicklung im Roman, wie es bis in die 1960er auch der Fall war, Frauensache ist, weswegen man auch vom Programmstricken spricht – soweit, so platt. Das führt zu einer klaren Aufteilung des Umgangs mit Computertechnik. Die Frauen können lediglich Software programmieren, also Programme stricken, während die Männer lediglich damit umgehen können, aber nicht verstehen, wie ein Programm funktioniert. Das Grundlehrbuch zum Stricken von Programmen ist ein blumenverziertes Buch, in dem das Programmstricken mit Küchenarbeit verglichen wird: das Stricken folgt einem Rezept, man braucht Zutaten und alles ist so gemacht, dass frau es auch versteht.

2. Handlung und Erzählweise

Die ersten über 200 Seiten wird die historische Entwicklung bis etwa 1938 dargestellt. Das könnte in Kombination mit der Prämisse interessant sein, letztlich verändert sich aber erschreckend wenig und wir lesen einen weitgehend historisch korrekten Bericht aus der Sicht zweier unterschiedlicher Figuren. Die Handlung folgt den beiden Hauptfiguren Helene Bodenkamp und Eugen Lettke, wobei Helene die positive Figur und Eugen die negative ist. Schwarz-weiß ist in diesem Fall gar kein Ausdruck. Helene ist so naiv, lieb und herzensgut, dass es einem die Schuhe auszieht und Eugen ist so durchtrieben, menschenverachtend und brutal, dass es einem ebenfalls die Schuhe ausziehen würde, hätte man noch welche an. Helene, die Tochter eines Arztes, ist ausgebildete Programmstrickerin, weil sie alles andere nicht konnte, das Stricken von Programmen aber wie keine zweite. Außerdem lässt der Erzähler immer wieder durchblicken, dass sie sich selbst als nicht so schön wie andere Frauen wahrnimmt, sie ist gezeichnet als das klassische Klischee der grauen Maus.
Sie bekommt eine Stelle beim NSA und entwirft Programme, die Daten aufeinander beziehen, sodass die Überwachung perfektioniert werden kann. Sie ist so talentiert, dass sie die Beste ihres Fachs ist und so bescheiden, dass sie das nie zugeben würde, aber in Wahrheit ist sie natürlich ein Genie. Ein Genie aber auch, das kreuznaiv ist. Eines Tages steht ein junger Mann, ein Soldat, vor der Tür ihrer Eltern, die gerade weg sind. Es stellt sich heraus, dass es sich um Arthur handelt, den einzigen jungen Mann, an dem Helene je Interesse hatte und der dann in den Krieg musste, jetzt desertiert ist und sie aufsucht. Dass ein desertierter Soldat Anfang der 1940er das Risiko eingeht durch Weimar zu laufen und an der Tür eines Hauses zu stehen, dessen Bewohner*innen er quasi nicht kennt, scheint keine zwei Sätze mehr wert zu sein. Jedenfalls hat er Glück und Helene ist alleine, sie bringt ihn bei ihrer besten Freundin und deren Mann unter, die rein zufällig ein perfekt ausgebautes und ausgestattetes Versteck haben, weil sie eigentlich einen Juden verstecken wollten, der aber dann noch fliehen konnte – was für ein glücklicher Umstand. Helene ist dann in den folgenden Jahren vorrangig damit beschäftigt, Arthur zu besuchen, Sex zu haben (dazu später mehr) und ihren Job beim NSA so zu erledigen, dass Arthur trotz Totalüberwachung nicht gefunden wird.

Eugen Lettke wiederum ist ein brutaler Sadist, aber kein ideologisch überzeugter Nazi, das wird erschreckend oft betont. Er wurde in seiner Jugend von einer Gruppe Frauen gedemütigt und ist seitdem auf Rache aus. Sein Job beim NSA ermöglicht es ihm, die Frauen aufzuspüren, ihre Geheimnisse zu finden, sie damit zu erpressen und sie zum Sex zu zwingen – das heißt, er vergewaltigt sie auf die demütigendste Art und Weise. Dabei wird immer wiederholt, dass ihm die ganze nationalsozialistische Ideologie egal ist, sein Antrieb ist seine zutiefst misogyne Rache an den Frauen. Bald ist die Verbindung von Gewalt, Sex und Unterwerfung für ihn so selbstverständlich, dass er anders keine Erregung mehr empfindet. Durch Zufall müssen Eugen und Helen zusammenarbeiten, sodass sich ihre Wege kreuzen.
Wie das alles im Einzelnen von statten geht, ist mehr oder weniger irrelevant. Der Plot ist ein typischer Pageturner-Plot mit Cliffhangern am Ende von Kapiteln und düsteren Vorausdeutungen. Wie simpel das gestrickt ist, fällt nicht zuletzt daran auf, wie oft Sätze fallen wie „Sie musste ihn retten und wusste auch schon wie sie es anstellen würde“, woraufhin wieder in die Perspektive der anderen Fokusfigur gewechselt wird. Ebenso auffällig ist die Erzählweise in Bezug auf die Konstruktion der Handlung, alles fügt sich wie durch ein Wunder ineinander: Arthur findet Helenes Elternhaus, diese sind gerade nicht da, Helenes Freundin Marie hat mit ihrem Mann ein perfektes Versteck, Helene arbeitet beim NSA und kann auf die Überwachung Einfluss nehmen und so weiter. Die Handlung wird abwechselnd als personales Erzählen aus der dritten Person von Helene Bodenkamp und Eugen Lettke berichtet, wobei das Vokabular und die Perspektiven an die der Figuren angepasst sind.

3. Figurendarstellung / Sexualität / Männlichkeit & Weiblichkeit

Was uns zum nächsten Punkt bringt und hier wird so langsam deutlich, warum Eschbachs Roman nicht nur simpel gebaut und schlecht erzählt ist, sondern warum er ein echtes Problem darstellt.

Für einen Roman mit der oben beschriebenen Prämisse enthält NSA auffällig viel Sex und sexuelle Gewalt. Da ist einerseits die Rache in Form von sexueller Nötigung und Vergewaltigung, auf die Eugen Lettke wie besessen aus ist. Hier wäre eine fundierte und detaillierte Zeichnung seiner Psyche notwendig gewesen, aber leider dient seine psychische Verrohung lediglich zum Schockeffekt. Selbstverständlich soll anhand seines Vorgehens dargestellt werden, wie gefährlich die Totalüberwachung sein kann, weil Lettke die Frauen durch das Aufdecken von Vergehen erpressen kann, was in einem Staat, in dem das kleinste Vergehen zum Tode führen kann, eine machtvolle Waffe ist. Das Schlimme daran ist, dass aus dieser Konstellation ein sich immer wiederholender Schockeffekt gezogen wird. Die Häufigkeit mit der in diesem Roman sexuelle Gewalt bis hin zur Vergewaltigung dargestellt wird und die Art und Weise der Darstellung sind erschreckend. Die literarische Beschreibung einer Vergewaltigung oder sexuellen Nötigung aus der Perspektive des Täters ist ein literarischer Drahtseilakt, bei dem es nicht nur Fingerspitzengefühls bedarf, sondern auch eines profunden Hintergrundwissens, was die Auswirkungen einer solchen Schilderung angeht, und vor allem der Fähigkeit das alles entsprechend darzustellen und selbst dann ist diese Form der Rollenprosa noch diskutabel – im vorliegenden Fall ist nichts dergleichen vorhanden:

„Justus schrie auf wie ein angestochener Stier, brüllte, wand sich, dass die vier Kameraden sich anstrengen mussten, ihn zu halten. Sie stopften ihm ein Geschirrtuch in den Mund, so fest, dass ihm die Augen aus dem Kopf quollen, während Lettke es seiner Freundin besorgte. Er nahm sie hart, brachte sie zum Schreien, und es war ihm egal, ob sie vor Schmerz schrie oder vor Lust. Das hörte sich ohnehin beides gleich an.“ (111)

Die Drastik dieser Darstellung ist darauf ausgelegt, Eugen Lettke als eine zutiefst menschenverachtende und brutale Person darzustellen. Offenbar meint Eschbach, dass es dazu dieser Beschreibung einer Vergewaltigung – und nichts anderes ist hier beschrieben – in dieser Form bedarf. Das Problem ist u.a. die Perspektive. Formulierungen wie es jemandem besorgen oder jemanden hart nehmen sind der Sprachgebrauch des Täters, der die Vergewaltigung als Lustgewinn empfindet. Eschbach wählt in diesen Fällen grundsätzlich die Täterperspektive, schreibt aber in der dritten Person, was wir lesen sind demnach die Worte des Erzählers gefiltert durch die Wahrnehmung von Eugen Lettke. Es handelt sich also nicht um Rollenprosa in der Ich-Perspektive, was psychologisch glaubhaft sehr komplex zu erzählen wäre, aber immerhin eine bessere Ausrede für die Beschreibung wäre. Die Perspektive des Opfers kommt in diesem Zusammenhang nicht vor. Dadurch bekommen diese Darstellungen eine höchst problematische Note, weil eine Gegenposition fehlt und beispielsweise das, was beschrieben wird, nie als das benannt wird, was es ist: sexuelle Nötigung, Vergewaltigung. Lettke ist zwar eindeutig der negative Gegenpart zu Helene, aber es gibt kein Korrektiv in Form einer übergeordneten Erzählinstanz.

Neben Vergewaltigung wird auch häufig Sex dargestellt. Helene, die mit Arthur, während er im Versteck sitzt, eine Beziehung beginnt und nach dem quälend langen Umschiffen der unterschiedlichsten Probleme, dann schließlich Sex hat, wird als das Stereotyp der Grauen Maus gezeichnet: sie ist naiv, sie ist ein bisschen schwer von Begriff, sie ist schüchtern und natürlich im Sinne des gesellschaftlichen Ideals keine Schönheit. Aus diesem Grund wollen ihre Eltern sie verkuppeln, aber natürlich sind unter den stattlichen jungen Männern nur eklige SS-Offiziere und stramme Nazis, die Helene alle abstoßend findet. Dabei kommen dann solche Szenen zustande:

„“Marie – es ist Krieg!“, schluchzte Helene. „Die Männer sterben weg. Bald wird es nicht mehr für jede Frau einen geben!“ Darauf wusste Marie nichts mehr zu sagen. Sie hielt sie nur fest, und so blieben sie sitzen, bis der Schmerz abgeklungen war.“ (224)

Die Naivität, mit der sich Helene in das vorgeschriebene Rollenmuster einfügt, ist bestechend. Man kann einwerfen, dass sie ja die treibende Kraft dieses Romans ist, dass sie mutig ist, dass sie intelligent ist, dass sie – und das ist vielleicht das Problem – eine starke Frau ist, aber umso seltsamer ist dementsprechend ihr Verhalten.

Man fragt sich ab einem gewissen Punkt der achthundert Seiten auch, warum hier die Geschichte des sexuellen Erwachens einer jungen Frau in der Zeit der Nazi-Diktatur mit einem kontrafaktischen Roman zusammengebracht wird, aber letztlich wird es derselbe Grund sein, der auch für die Vergewaltigungsszenen gilt: Während die Vergewaltigungen als Schockelemente verwendet werden, die Abscheu aber auch Schauer erzeugen sollen, ist die Darstellung von Sex die Garnitur auf dem klassischen Thriller-Plot durch einige pseudo-erotische Stellen: Sex sells. Um zu illustrieren, wie in diesem Roman über Sex geschrieben wird, hier ein Beispiel. Der Kontext dieser Szene ist, dass Arthur und Helene die Kondome (hier: Frommser) ausgegangen sind:

„“Das ist nicht so schlimm“, meinte Arthur. „Hauptsache du bist bei mir.“ Aber Helene schüttelte den Kopf. „Aber du willst es tun. Und ich will es auch tun. Ich weiß nicht, ob wir der Versuchung wirklich standhalten werden.“
„Es gibt andere Dinge, die man machen kann.“
„Was für Dinge?“, fragte Helene verwundert. Er zeigte sie ihr. Er macht irgendetwas absolut Großartiges mit dem Mund zwischen ihren Schenkeln, und er brachte ihr bei, das Vergnügen sinngemäß bei ihm zu erwidern. „Wo hast du das gelernt?“, wollte Helene hinterher wissen, noch schwer atmend und außerdem schwer eifersüchtig.“

Die Dialoge, die teilweise klingen wie aus Pornofilmen entnommen, gepaart mit der Darstellung von Sex, die jede Erotik vermeidet, und vollendet mit der sehr klaren Konstellation der sexuell-naiven und verwirrten jungen Frau und dem erfahrenen jungen Mann, bringen Sexszenen hervor, die nicht nur jeder Erotik entbehren, sondern an Fremdscham und klischiertem Geschlechterbild kaum zu überbieten sind.

4. Umgang mit dem Nationalsozialismus

Es ist eine breit diskutierte Frage, wie man in Literatur, in Filmen und anderen Medien mit der Darstellung des Nationalsozialismus umgehen sollte. Wie man es im Zweifel nicht tun sollte, zeigt der vorliegende Roman gleich zu Beginn.

Der Roman setzt chronologisch nicht am Anfang ein, sondern beginnt mit einem Besuch von Heinrich Himmler im NSA, um dort festzustellen, ob das Amt noch gebraucht wird. Durch das geschickte Aufeinanderbeziehen verschiedener Daten, zeigen ihm die Mitarbeiter*innen des NSA, wie sie herausfinden können, in welchen Häusern Leute versteckt werden. Als Stadt, um das zu demonstrieren, wählen sie Amsterdam und entdecken schließlich in der Prinsengracht 236 einen ungewöhnlich hohen Kalorienverbrauch. Manche werden an dieser Stelle schon erkennen, was hier geschieht, denn es ist die Adresse des Verstecks von Anne Frank. Ein kurzer Befehl mit dem Smartphone von Himmler und Anne Frank und ihre Familie werden deportiert.

Letztlich ist die Sache einfach. Die Geschichte von Anne Frank, die wir durch ihr Tagebuch kennen (oder zu kennen meinen), ist vielleicht die Geschichte aus der entsprechenden Zeit, die am meisten Scham, Rührung und Abscheu in der deutschen Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit ausgelöst hat. Sie konfrontiert uns in der perfekten Mischung aus Naivität, Kindheit, Grausamkeit und Hilflosigkeit mit den Taten unserer Großeltern und Urgroßeltern. Diese Geschichte als schockierendes Opening in den Kontext des Romans zu bauen ist ein weiteres perfides Ausschlachten eines grausamen Verbrechens. Leider ist das nur der Anfang.

Was des Weiteren auffällt ist, dass die einzigen überzeugten Nationalsozialisten in diesem Roman eklige SS-Schergen sind, die Helene heiraten soll. Der schlimmste von ihnen ist Ludolf von Argensleben, er ist überzeugter Nationalsozialist und Antisemit, zudem ist er ölig, ekelerregend, körperlich hässlich und deformiert (an jeder Stelle seines Körpers, wie wir erfahren müssen). Die normalen Deutschen sind entweder naiv, das heißt sie verstehen eigentlich nicht, was um sie herum passiert, widerständig, das heißt sie verstecken Juden, Widerstandskämpfer*innen oder Deserteure, oder sie sind Mitläufer*innen. Alle überzeugten Nazis sind als ausgesprochen widerwärtig beschrieben. Kurz gesagt, es wird vermittelt, die meisten seien eigentlich keine Nazis gewesen.

Das größte Problem ist aber, – wie bereits an dem Umgang mit der Geschichte von Anne Frank gezeigt – dass die Grausamkeiten des Nationalsozialismus nur eine schockierende Folie darstellen, die der Spannungserzeugung nutzt. Die Krönung dieses Umgangs ist erreicht, als Helene, die den ekligen Ludolf von Argensleben schließlich heiraten muss, so verzweifelt von ihrem Leben ist, dass sie ein Verbrechen begeht und es so arrangiert, dass sie verhaftet und ins KZ gebracht wird, weil alles besser ist als das Leben mit Ludolf, natürlich handelt es sich um Auschwitz – genau das hat Helene geplant. Sie geht lieber ins KZ Auschwitz als mit Ludolf zu leben – mehr muss man zum Umgang mit diesem Thema in diesem Roman nicht sagen.

5. Ein Fazit

Es wurde nun deutlich, warum dieser Roman nicht nur schlecht, sondern auch in seiner Darstellung von sexueller Gewalt, Männlichkeit und Weiblichkeit und nicht zuletzt der Zeit des Nationalsozialismus höchst problematisch ist. Er zeigt zudem, dass der Themenkomplex Zweiter Weltkrieg, Shoa, Nationalsozialismus, Adolf Hitler immer noch als Schockeffekt in Unterhaltungsmedien zieht. Letztlich ist Andreas Eschbachs NSA ein Roman, der all das miteinander vermischt, was die deutsche Seele offenbar zur Unterhaltung braucht ( 81% der Bewertungen auf Amazon mit 4 oder 5 Sternen): Nationalsozialismus, Sex, ein bisschen Grusel und das große Grauen des Internets. Das Schlimme daran ist, dass die Frage, wie diktatorische Regime die Totalüberwachung für sich nutzen können, wirklich relevant ist und in einem guten Roman ausgearbeitet hätte werden können. Hier dient sie leider nur dem Thrill.

Man kann nun die Frage stellen, warum man einem solchen Buch eine so ausführliche Rezension widmen soll, sollte man es nicht einfach ignorieren und ihm auf diese Weise so wenig Aufmerksamkeit wie möglich verschaffen? Ich denke, nein, denn der Roman zeigt, dass in der Unterhaltungsbranche der Holocaust immer noch als plumper Gruseleffekt genutzt wird und funktioniert, ebenso dass literarischer Sexismus einfach so hingenommen wird und dass sexuelle Gewalt als schockierendes Element unhinterfragt dargestellt wird. Die Frage muss gestellt werden, warum ein solcher Roman in einem Land, das sich die Aufarbeitung seiner jüngeren Vergangenheit mit Recht derart auf die Fahnen geschrieben hat, keinen Aufschrei auslöst und nicht einmal einen nennenswerten Widerhall in den Medien findet. Darin zeigt sich der zweigleisige Umgang mit dem Thema Nationalsozialismus – einerseits sind die Aufarbeitung und die Auseinandersetzung damit vordergründig nicht nur Staats- sondern auch Gesellschaftsräson, andererseits ist die geschichtsblinde und teilweise -revisionistische Verarbeitung des Themas in Unterhaltungsmedien anscheinend akzeptierter Konsens. Eine Grundaussage dieses Romans ist, dass die meisten Deutschen naive und eigentlich liebenswerte Mitläufer*innen waren oder gar im Widerstand. Das sagt auch Eschbach selbst in einem Interview mit dem DLF Kultur:

Meyer: Ihre Hauptfigur, die ganz maßgeblich auch an solchen Programmen mitwirkt, das ist eine begeisterte Programmiererin, Helene Bodenkamp heißt sie. Eine „Programmstrickerin“ in der Sprache Ihres Buches. Das ist aber keine hundertprozentige Anhängerin der Nazis, oder?

Eschbach: Nein, die ist ganz normale Bürgerin, die halt einen Job macht und in diesem Amt angefangen hat und sich da nicht weiter drüber Gedanken macht. Ein Mensch wie du und ich praktisch.

Diese Darstellung der meisten Deutschen als ganz normale Bürger*innen, die ihren Job machen, relativiert die Tatsache, dass genau auf diese Weise das System und letztlich das organisierte Töten funktioniert hat. Helene ist ein wichtiges Rädchen in der großen Maschinerie des Völkermords und der Unterdrückung. In Eschbachs Roman erscheint sie als eine Frau, die ab und zu mal Zweifel hat, aber letztlich einfach nur ihren Job macht und wenn man Eschbach glaubt, dann soll das auch genauso sein. Die echten Nazis sind allesamt abstoßende Schergen der SS und des Regimes. Dass eine solche Darstellung in einem großen Feuilleton wie dem DLF Kultur nicht nur unwidersprochen bleibt, sondern im Gegenteil auch noch affirmiert wird, ist nicht zu rechtfertigen.
Das betrifft nicht einmal nur den Umgang mit der deutschen Vergangenheit, sondern auch den Umgang mit Sexismus und sexueller Gewalt. Dass sich die Kulturressorts deutscher Großmedien nicht darum scheren, dass in einem Roman, der von einem großen Verlag publiziert wird, Themen wie Sexualität und Geschlechterverhältnisse auf dem Niveau von Mario Barth Witzen verhandelt werden und sexuelle Gewalt in der hier beschriebenen Form dargestellt wird, zeigt, dass #metoo und vergleichbare Debatten noch nicht bis in alle Bereiche der Unterhaltungsbranche vorgedrungen sind und dass das still akzeptiert wird. Die großen Print-Feuilletons haben diesen Roman weitgehend ignoriert und wenn er doch besprochen wurde, wie in dem Interview des DLF Kultur mit Andreas Eschbach, dann ohne jede Kritik oder lobend wie in der ARD-Sendung druckfrisch. Denis Scheck, der in seinem Leben so viel gelesen haben dürfte, dass er weiß, was er tut, nennt ihn einen „fulminant spannenden Roman mit intellektuellem Mehrwert“. Diesem Urteil würde man gerne vertrauen und man hätte diesen Roman, von dem Scheck da spricht, gerne gelesen, allein, es ist nicht NSA – Nationales Sicherheits-Amt von Andreas Eschbach.

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Gastbeitrag von Asal Dardan

Der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gründete 1919 den Berliner Philo-Verlag mit dem Ziel, dem immer bedrohlicher werdenden Antisemitismus in Deutschland mit, wie es hieß, Aufklärungs- und Abwehrliteratur entgegenzutreten. Die zum größten Teil liberal-bürgerlichen Mitglieder des Central-Vereins glaubten an eine deutsch-jüdische Symbiose und das „Heimatrecht“ der deutschen Juden, das sie noch 1934 mit dem Philo-Lexikon – Handbuch des jüdischen Wissens zu verteidigen suchten. Dieses tausend Seiten umfassende Handbuch mit jüdischen Persönlichkeiten und Errungenschaften aus 2.000 Jahren ist im Rückblick bedrückendes Zeugnis einer Selbst- und Weltvergewisserung, wie auch des gescheiterten Versuchs, mit Kultur- und Vernunftargumenten gegen Hasspropaganda anzukämpfen. Nur vier Jahre später, wenige Wochen nach den Novemberpogromen veröffentlichte der Philo-Verlag das letzte in Nazideutschland von einem jüdischen Verlag herausgegebene Buch, den Philo-Atlas – Handbuch für die jüdische Auswanderung. Man hatte einsehen müssen, dass der Nationalsozialismus keine vorübergehende Erscheinung sein würde. Nun ging es vor allem darum, Leben zu retten und Jüdinnen und Juden die Möglichkeiten einer Zukunft außerhalb Deutschlands und Osteuropas aufzuzeigen. Die Verlagsleiterin Lucia Jacoby schaffte es selbst nicht mehr ins Exil, sie wurde 1942 nach Auschwitz verschleppt und ermordet.

Die Letzten Tage des PatriarchatsVor diesem Hintergrund wirkt nicht nur der gegenwärtig unter Konservativen beliebte Begriff der „jüdisch-christlichen Leitkultur“ zynisch, sondern auch die Annahme, man müsste sich 2018 noch intensiv mit rechtem Gedankengut auseinandersetzen, um diesem angemessen zu begegnen. So fragte etwa die Autorin Svenja Flaßpöhler letzte Woche in einem Interview, das sie dem Standard gab: „Und wie kann man eigentlich ‚gegen rechts‘ sein, wenn man das rechte Denken überhaupt nicht kennt?” Anlass dieser überraschenden Frage, die suggeriert, es handelte sich bei rechtem Denken um ein in unserer Zeit noch nicht ausreichend erforschtes Mysterium, war Margarete Stokowskis Absage einer Lesung in der Münchner Buchhandlung Lehmkuhl. Publik wurden die Gründe der Absage nicht durch Stokowski, sondern durch eine Presseerklärung des Geschäftsführers der Buchhandlung. Michael Lemling konnte Stokowskis Unbehagen an dem in seiner Buchhandlung ausgestellten Regal Neue Rechte, Altes Denken schlicht nicht nachvollziehen und kommentierte: “Was wir mehr denn je brauchen, sind offene und streitbare Debatten über die kontroversen politischen Themen unserer Gegenwart. Schade, dass Margarete Stokowski es vorzieht, lieber in ihrer eigenen Echokammer zu verbleiben.” Zumindest scheint man im Gegensatz zu Frau Flaßpöhler bei Lehmkuhl zu wissen, dass im Neuen bloß das Alte steckt, das ist immerhin etwas. Aber auch hier wird Stokowski eine mangelnde Debattenfähigkeit unterstellt, obwohl es ihr vor allem darum ging, nicht aus ihrem deutlich eine politische Haltung vertretendem Buch Die Letzten Tage des Patriarchats lesen zu wollen, während im Hintergrund reaktionäre Bücher stehen. Da ist es auch völlig egal, ob Lehmkuhl eine linksliberale Buchhandlung ist oder angibt, diese Bücher aus einem Interesse an der Debatte zu verkaufen. Dem Betreiber einer Buchhandlung steht es frei, das Sortiment auszuwählen, ebenso wie es einer Autorin freisteht, die Veranstaltungsorte für ihre Lesungen zu wählen.

Die Tugendhaftigkeit der Primärlektüre

charim ich und die anderenAllerdings hat die überraschend hitzige Debatte um Stokowskis Entscheidung die Unverwüstlichkeit der irrigen Annahme, es entspräche demokratischen Werten, auch demokratie- und menschenfeindlichen Inhalten gegenüber offen zu sein, erneut sehr deutlich zutage gefördert. Es ist erstaunlich, wie tugendhaft sich etwa Fréderic Schwilden und Per Leo in der WELT oder Iljoma Mangold in der ZEIT bei ihrer Kritik an Stokowski gebärden. Es wird behauptet, dass die Gegenüberstellung von rechter Lektüre mit kritischen Texten wie in dem erwähnten Regal ausreiche, um eine aufgeklärte und ausgewogene Debatte zu ermöglichen. Doch seit wann werden Veröffentlichungen wie Finis Germania allein weil sie nicht verfassungswidrig sind als demokratisch relevante Debattenbeiträge angesehen? Und wie kann es sein, dass in einem Land mit der Geschichte Deutschlands die logischen Konsequenzen solcher Schriften nicht mitbedacht werden?

Das Problem an dieser Idee einer durch simple Gegenüberstellung ermöglichten Debatte, erkennt man, wenn man das Argument auf Medizinratgeber und impfkritische Pamphlete oder christliche und satanistische Texte ausweitet. Nicht jede These und Antithese führt zwingend zu einer Synthese, insbesondere, wenn es um gefährliche, irrational suggestive Inhalte geht. Man kann diese Bücher lesen oder verkaufen, aber das als besonders demokratischen oder aufgeklärten Akt hinzustellen, ist schon reichlich frech, insbesondere wenn man bedenkt, dass es Menschen gibt, die sich nicht aussuchen können, ob sie sich von derlei Gedankengut angegriffen fühlen oder nicht. Ihre Existenz wird relativiert, da gibt es nichts zu debattieren. Für sie ist die Exegese rechter Schriften also nicht ergebnisoffen und ein respektvoller Dialog mit Rechten entsprechend, ganz gleich wie adrett und heimelig jene auftreten, nicht möglich. Die “überraschenden Gemeinsamkeiten”, die Per Leo laut eigener Aussage im Gespräch mit Rechten entdeckt, sind ein Indiz dafür, dass er in diesen Gesprächen nicht persönlich in seiner Menschenwürde angegriffen wird. Margarete Stokowskis Absage ist in diesem Sinne auch ein solidarischer Akt, sie hat sich in der Gruppe jener verortet, die sich nicht nur angegriffen fühlen, sondern konkret angegriffen werden. Die Philosophin Isolde Charim erfasst den Kern dieses Konflikts in ihrer wichtigen Analyse Ich und die Anderen, wenn sie schreibt, dass “[d]ie wahre Demarkationslinie […] zwischen Pluralismus und Anti-Pluralismus” verläuft. Menschen, die sich also gegen rechts positionieren, sind nicht, wie es Mangold behauptet, Gleichgesinnte, sondern denken und handeln im Sinne dieses pluralistischen Verständnisses von Gesellschaft. Dabei ist Pluralismus kein Synonym für Multikulti oder Vielfalt, sondern beschreibt, dass es kein vorherrschendes Narrativ mehr gibt, das Gesellschaften zusammenhält. Pluralismus ist laut Charim keine Addition unterschiedlicher Elemente, sondern eine Beschränkung aller. Marginalisierten wurde ohnehin schon immer zugemutet, in einer Gesellschaft zu leben, in der sie sich nicht oder zumindest nicht komplett wiederfinden. Nun muss die früher als Mehrheitsgesellschaft den Ton angebende Gruppe sich ebenso einfügen und dieser Zumutung aussetzen.

Nicht jede Differenz ist pluralistisch

ich will zeugnis ablegen bis zum letzten klempererDifferenz gehört also tatsächlich zum Pluralismus dazu, aber es ist kein Verbleiben in der Echokammer, wenn man daran erinnert, dass selbst in einer pluralistischen Demokratie Meinungen und Aussagen nicht tolerierbar sind, die die tatsächliche Differenz einer Gesellschaft zum Feind erklärt haben. Man kann niemandem seinen Dünkel und seine Vorurteile verbieten, aber man muss sie auch nicht zur validen Diskussionsgrundlage erklären. Es gibt einen Unterschied, ob man “Deutschland wird von einer Umvolkung bedroht” oder “Wie können wir mit dem Zuwachs migrantischer Mitbürger*innen angemessen umgehen” sagt und diskutiert. Das wissen wir, es ist bloß die Länge eines ungemordeten Menschenlebens her, dass dieses Land die Missachtung dieses Unterschieds in all seiner mörderischen Brutalität zu verantworten hatte.

Gerade erst haben wir den 9. November begangen; ein AfD-Politiker hat sich erlaubt, mit dem rechtsextremen Symbol der blauen Kornblume am Revers an einem Gedenkmarsch in Berlin teilzunehmen. Dies wurde richtigerweise als Hohn erkannt, doch es liegt auch ein Hohn darin, an allen anderen Tagen so zu tun, als könnte man mit der AfD oder dem Antaios-Verlag so umgehen, als wären sie ideologisch nicht mit dem verbunden, weshalb wir den Verbrechen des 9. Novembers gedenken. Nichts an der Machtergreifung der Nationalsozialisten, nichts am Faschismus ist zwangsläufig oder schicksalshaft. Möchte man sich mit wirklich relevanter Primärliteratur auseinandersetzen, seien Victor Klemperer und Christabel Bielenberg empfohlen. Was die Lektüre ihrer Bücher zutage fördert, ist, dass Haltung zu zeigen tatsächlich auch eine Strategie ist, um demokratische Werte zu vertreten und nicht bloß selbstgefälliges Gebaren. Im Gegensatz dazu ist es zwecklos, rechtem Denken mit Verständnis und Gegenargumenten entgegenzutreten oder kulturellen Abgrenzungsversuchen mit einer Liste an positiven Aspekten gesellschaftlicher Vielfalt zu begegnen, so wie es etwa der Philo-Verlag versuchte. Der Pluralismus mag gleichzeitig schöne und schwierige Aspekte bergen, aber er ist, wie auch Charim schreibt, schlichtweg eine soziale Realität. Man kann diese Realität weder romantisieren noch wegdiskutieren – und beseitigen kann man sie nur mit Gewalt. Was eine pluralistische Gesellschaft also benötigt ist kein bewertendes Auseinanderdividieren, sondern ein ge- und erlebtes kollektives Wir, das es schafft, Solidarität über Pluralität hinweg zu etablieren, damit die von Charim beschriebene Demarkationslinie auch endlich als das für heutige Demokratien entscheidende Kriterium wahrgenommen wird.

Politische Solidarität trotz Differenz

Race and the Politics of Solidarity hookerDie Frage, wie das möglich ist, greift die Politikwissenschaftlerin Juliet Hooker in ihrer 2009 erschienen Analyse Race and the Politics of Solidarity auf. Darin erklärt sie, dass liberale Demokratien heute vor der Herausforderung stehen, ein neues kollektives Selbstbild zu festigen, das nicht auf präpolitischen Affinitäten wie biologischen, ethnischen und kulturellen Faktoren aufbaut. Hooker vertritt die These, dass nicht die Gleichmacherei, sondern gerade die Sichtbarmachung der Differenz zwischen den Menschen zu mehr Gerechtigkeit und politischer Solidarität führt. Solidarität ist in einer Demokratie essentiell, weil sie die Basis für politische Entscheidungen bildet, aus denen unsere Institutionen und Gesetze hervorgehen. Für Hooker ist Solidarität nicht nur das Gefühl von Sympathie, sondern eine ethische Haltung, die kultiviert werden muss. Um andere in Entscheidungen mit einzuschließen und sie als gleichberechtigte Mitmenschen zu respektieren, muss man sich nicht mit ihnen identifizieren oder sie als besonders wertvoll betrachten. Es liegt nämlich im Wesen demokratischer Gemeinschaften, dass nicht jede*r allen zusagt. Man muss sich nicht im Anderen erkennen, sondern vielmehr lernen, ihn und vor allem sich selbst mit dessen Augen zu sehen. Das findet sich auch sehr deutlich in den Überlegungen von Charim wieder, wenn sie schreibt: “Die Pluralisierung verändert unseren Bezug zu anderen, und sie verändert den Bezug zu uns selbst, die Art, wie wir uns auf uns selbst beziehen.” Die Vertreter*innen der Rechten führen einen hegemonialen Kampf, um sich dieser Veränderung zu widersetzen. Sie sind nicht Teil des Pluralismus, sondern haben sich freiwillig zu seinem Gegner erklärt. Aus diesem Grund steht für Hooker in erster Linie die Mehrheitsgesellschaft in der Pflicht, die eigene Position zu reflektieren und sich stärker vom Anti-Pluralismus zu distanzieren, denn Diskriminierungen sind nicht bloß eine Abweichung von einer grundsätzlich fairen und ausgewogenen Gesellschaftsstruktur. Im Gegenteil, sie sind unserer politischen und sozialen Realität eingeschrieben. Unsere Vorurteile schlagen sich in unseren Institutionen nieder, die wiederum unser Leben beeinflussen. Das bedeutet aber nicht, dass wir unsere Gesellschaft nicht gerechter gestalten können und müssen. Und auch wenn in Demokratien meist Einigkeit darüber herrscht, dass jedem Menschen ein würdiges und autonomes Dasein zusteht, ist es bei genauerer Betrachtung recht unklar, was das konkret bedeutet. US-amerikanische Politiker*innen beziehen sich etwa gerne auf die Unabhängigkeitserklärung, obwohl deren wohl bekannteste Formel „All men are created equal“ die Sklaverei und alle folgenden Ungerechtigkeiten nicht verhinderte. Es gibt also viel Anlass zum Streit, häufig ausgelöst durch identitätspolitische Debatten, die manche als unentbehrlich und andere als spalterisch wahrnehmen. Wenn aber das gemeinsame Ziel ist, Leben zu verbessern und eine pluralistische Gesellschaft zu schützen, dann muss auch im Kampf um dieses Ziel die Pluralität beibehalten werden. Es gilt, nicht Differenz zu harmonisieren, sondern sie anzuerkennen und nicht länger als ein Gegeneinander zu deuten. Das Gegeneinander findet nicht innerhalb einer pluralistischen Gesellschaft statt, sondern zwischen ihr und ihren Widersacher*innen, denen etwa in der Debatte um Stokowski und Lehmkuhl noch immer zu viel Verständnis entgegengebracht wird. Auch wenn Harmonie schön klingt, sie verlangt Menschen oftmals ab, sich gegen ihre Neigung einzureihen oder einem höheren Ziel unterzuordnen. Sie ist also kein Indiz dafür, dass es einer Gesellschaft gut geht. „Wir müssen an einem Strang ziehen“ heißt es dann oft. Aber wer entscheidet, was das Ziel ist, was ihm dient und was nicht? Sind manche emanzipatorischen Bestrebungen wichtiger als andere? Und gibt es tatsächlich eine Hierarchie demokratischer Interessen?

Ich! Du? Wir.

desintegriert euchNatürlich steht das soziale Zusammenleben immer in einem gewissen Spannungsverhältnis zu abstrakten Prinzipien. Doch nur ein politisches Einzelkind würde „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ mit Harmonie verwechseln. Welche freien und gleichen Geschwister streiten sich nicht? Wir brauchen keine Harmonie, sondern vor allem Respekt. Wer den Respekt und die Achtung vor der Würde aller Menschen verweigert, sollte stärker sanktioniert und ausgegrenzt werden. Man kann auch ohne eine direkte Auseinandersetzung erfolgreich widersprechen, nämlich indem man so wie Margarete Stokowski selbstbewusst und konsequent für das eintritt, woran man glaubt. Die Debatte mit rechts zur wichtigen demokratischen Aufgabe zu erklären und dabei die Bedenken und Anliegen kleinerer oder schwächerer Gruppen auf später zu verschieben, wenn die gute Zeit ohne Antisemitismus, Rassismus, Sexismus und andere Formen der Diskriminierung anbricht, ist illusorisch, weil wir schlicht anerkennen müssen, dass all dies eben keine Abweichung und Ausnahme ist. Es geht nicht darum, dass eine fiktive Mitte sich wohl fühlt, sondern möglichst alle Gesellschaftsmitglieder. Das Selbstverständnis einer genuin pluralistischen Gemeinschaft darf also nicht nur davon geprägt sein, wie sich die Mehrheit sieht und was sie möchte. Eine Lehre aus der deutschen Geschichte, die immer wieder formuliert wird, ist doch gerade, dass sich vor allem im Umgang mit Minderheiten zeigt, wie gerecht eine Gesellschaft ist. Das demokratische Wir muss immer wieder neu verhandelt werden, um konstruktiv zu sein. Max Czollek lässt das in seinem vielgelobten Buch Desintegriert Euch! anklingen, wenn er fordert, die Gesellschaft „als Ort der radikalen Vielfalt“ zu sehen. Es handelt sich natürlich um ein metaphysisches, sogar utopisches „Wir“, aber das ist das Selbstbild eines aufgeklärten, humanistischen Abendlandes ebenfalls.

Hoffnung statt Harmonie

Identitätspolitische Fragen sind nützlich, um die Interessen, Bedürfnisse und auch Verletzungen einzelner Gruppen besser zu verstehen. Aber je heftiger die Konflikte, desto schneller bleiben alle Seiten in Selbstbezüglichkeiten stecken. Dann werden die formulierten Identitäten mit der Lebensrealität von Menschen verwechselt, dabei dienen sie vor allem dazu, politisches Handeln zu ermöglichen. In der Folge richten sich Zorn und Entrüstung, die ein kraftvoller politischer Motor sein könnten, vor allem auf individuelle Verfehlungen. Da wird dann eine Buchhandlung prompt als rechts oder eine kritische Autorin als Gesinnungsterroristin diffamiert, dabei sind es nicht in erster Linie moralische Fragen, die wir diskutieren müssen, sondern strukturelle und systemische Probleme. Hooker, Charim und Czollek sehen die Probleme richtigerweise bei der Mehrheitsgesellschaft, schließlich bildet sie den Ursprung von Diskriminierung. Hooker verknüpft dies mit der konkreten Forderung, den weißen Blick sichtbar zu machen, was für sie die Voraussetzung für Veränderung ist. Czollek hingegen hat kein wissenschaftliches sondern ein in Teilen polemisches Buch geschrieben, das aber für diese Debatte genauso wichtig ist, weil er darin die Doktrin der Integration über Bord wirft, die nichts anderes ist als die Forderung, dass Menschen sich unsichtbar machen. Dennoch macht er es sich stellenweise ein wenig zu bequem, schließlich ist es eine recht privilegierte Position, auf einer Berliner Dachterrasse stehend einen Film über James Baldwin zu gucken und dabei seinen Gedanken darüber nachzuhängen, dass mehr Desintegration vonnöten ist. Der Ansatz ist sehr nachvollziehbar, gleichzeitig ist fraglich, ob eine im jüdischen Diskurs so wichtige und seit Jahrhunderten geführte Debatte wirklich auf migrantische Realitäten übertragen werden kann. Was zum Beispiel bedeutet Desintegration als Maxime im Zusammenhang mit den vom NSU Ermordeten und ihren hinterbliebenen Familien? Was bedeutet das für Menschen, denen ihr Anderssein auf den ersten Blick zugeschrieben wird, egal ob sie das für sich wählen oder nicht? Oder für jene, die aufgrund ihrer beruflichen und sozialen Verhältnisse eine Abhängigkeit von bestehenden Strukturen schlicht nicht umgehen können? Desintegration als Handlungsmöglichkeit ist wiederum ein Privileg, das nicht allen zugänglich ist. Natürlich ist es ärgerlich, dass Marginalisierte immer wieder ihre Positionen erklären und verteidigen müssen. Doch möchte man, dass eine Gesellschaft sich entwickelt, muss man akzeptieren, dass es auf allen Seiten Arbeit gibt: die einen müssen sich in Selbstreflexion und Solidarität üben, während die anderen nicht die (ebenfalls zu kultivierende) Hoffnung aufgeben dürfen. Das ist nicht einfach, aber wer Veränderung fordert, sollte daran glauben, dass diese möglich ist. Nötig ist sie allemal.

Das klingt zweifellos anstrengend und konfliktreich, aber das oftmals vorgebrachte Argument, dass die Linke sich in einem selbstgefälligen Elfenbeinturm mit Diskussionen und Zersplitterung aufhielte, während die extreme Rechte viel besser zusammenstünde und mobilisierte, basiert auf einem gravierenden Denkfehler. Die Rechtsextremen mögen in ihrer Rhetorik und Präsentation sehr anpassungsfähig sein, doch ihre totalitäre Ideologie und ihr rassistisches Menschenbild sind starr und unverändert: Neue Rechte, altes Denken. Leitkultur, Patriotismus, Nationalismus sind alles Variationen einer erstickenden Sentimentalität, die eine Demokratie davon abhält, auf ihre Menschen zu schauen und sich mit ihnen zu verändern. Eben aus diesem Grund sind die Rufe nach einem liberalen Patriotismus oder einem linken Populismus absurd. Die Rechte möchte einen Menschen kreieren, der in ihren totalitären Staat passt, während es in einer Demokratie darum geht, einen Staat immer wieder daraufhin zu prüfen, ob er noch den Menschen gerecht wird – allen Menschen.

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