Kategorie: Allgemein

Kultur und Kontroverse: Kunst als Machtmissbrauch

von Johannes Franzen

 

Die Vorstellung, dass Kunst einen Sonderstatus besitzen muss, wird in der Gegenwartsgesellschaft wie ein Fetisch verteidigt. Sie gehört zu den semi-sakralen Mythen der Moderne. Die “Anschauung vom außerordentlichen Rang der Dichtkunst”, schreibt Jochen Schmidt in seiner Geschichte des Genie-Gedankens, habe sich erst im 18. Jahrhundert herausgebildet. In dieser Zeit erhielt der Dichter die Würde eines mit “höchster Autorität auftretenden Schöpfers.” Weiterlesen

Leben als Kunst und Kunst als Geschäft –  Andy Warhol wird erzählt

von Christina Dongowski

 

Als Anfang März die Museen in vielen Teilen Deutschlands für Besucher:innen wieder geöffnet wurden, brach das Ticketing-System des Museum Ludwig in Köln in kurzer Zeit zusammen. Die Server konnten den Ansturm von Menschen, die sich einen Zeit-Slot für die große Warhol-Ausstellung sichern wollten, nicht bewältigen. Man arbeite fieberhaft daran, das System wieder online zu bekommen. Mit so viel Interesse habe man einfach nicht gerechnet, verkündete das Museum etwas zerknirscht – den Glitch in der musealen Vermarktungsmaschine souverän für die Vermarktung der Ausstellung nutzend. Dass sich nach monatelangem erzwungenem Starren auf Bildschirme der Hunger nach „echten“ Bildern ausgerechnet in einer Warhol-Ausstellung austoben will (und kann), passt perfekt zu Warhols künstlerischer Auseinandersetzung mit der Ideologie und Metaphysik des Kunstwerks – es erscheint fast schon ein bisschen zu sehr „on the nose“. Weiterlesen

Text und Geld – Über den Wert geistiger Arbeit in der digitalen Gegenwart

von Johannes Franzen

 

Alan Rusbridger, der ehemalige Chef des Guardian, erzählt in seinem Buch Breaking News, wie er 2005 zum ersten Mal davon gehört habe, dass ein 52 Jahre alter Internetenthusiast namens Craig Newmark mit einem Team von nur 18 Leuten in einem baufälligen Haus in San Francisco gerade dabei sei, im Alleingang den Zeitungsmarkt zu ruinieren. Die Geschäftsidee von „Craig’s List“ war einfach und erschien absolut naheliegend für ein digitales Format. Kleinanzeigen konnten dort schnell und eigenhändig für wenig oder gar kein Geld geschaltet werden. Für die Printmedien bedeutet das, dass sie mehr oder weniger über Nacht ihr Monopol auf den Verkauf von Aufmerksamkeit verloren. Eine Stellenanzeige in New York, die in der New York Times zwischen 672 und 954 Dollar gekostet hätte, war bei „Craig’s List“ schon für 25 Dollar zu haben. Weiterlesen

Chronik: März 2021

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Alle haben den neuen Kracht rezensiert. Aber eine Sache ist doch auffällig. Von den unzähligen Rezensionen wurden so gut wie alle von Männern geschrieben. Was mag das bedeuten? Wir stellen nur Fragen. Weiterlesen

Stummfilmästhetik auf TikTok – Attraktion und Narration

von Christian Albrecht

 

#Bippidyboppidyboo war Anlass für über 84 Millionen Aufrufe im sozialen Video-Netzwerk TikTok. Folgt man dem Hashtag, führt er zu Videos, die stets ähnlich gestrickt sind: Ungeschminkte, verschlafene und/oder frisch geduschte Menschen stehen in Bademantel, Pyjama oder Jogginghose vor dem Smartphone und schwingen zum Lied ‚Bibbidi-Bobbidi-Boo’ aus Disneys Zeichentrickfilm Cinderella einen imaginären Zauberstab. Ein Sprung in die Luft – und mit der Landung vollzieht sich die wundersame Verwandlung vom unordentlichen Aschenputtel-Ich in das ausgehfertige, selbstbewusste Alter Ego; statt des Gesangs der guten Fee nun Audi von Smokepurpp oder Lalala  von bbno$. Weiterlesen

Warum Superheld:innen Spaß machen – Absurdität, Ermächtigungsfantasie, Mitreden

 von Jonas Lübkert

 

Superheld:innen sind allgegenwärtig. Zum ersten Mal seit 2008 erschien 2020 kein Film der Marvel Studios. Das Superheld:innenthema blieb allerdings präsent; dafür sorgten Birds of Prey und Wonder Woman 2 aus dem DC Extended Universe, Netflixserien wie Umbrella Academy, die Amazonserien The Boys und Spiele wie Marvel´s Spider-Man: Miles Morales die von der Games Community mittlerweile nicht mehr als Wegwerf-Merchandiseprodukte wahrgenommen werden, sondern sich zwischen den Klassikern der Branche einordnen. Selbst wenn man alle Comics aus demselben Genre ignoriert, was in Deutschland auch häufig geschieht, fliegen einem Personen mit Superkräften teils wortwörtlich in allen anderen Bereichen um die Ohren. Weiterlesen

Keine Schuldgefühle – Guilty Pleasures als notwendiger Eskapismus  

von Isabella Caldart

 

Unsere Guilty Pleasures haben eine wichtige Funktion – sie sind nicht nur spaßig, sondern helfen uns auch dabei, nicht an der Welt zu verzweifeln. Das Konzept des Guilty Pleasure ist etwas schwierig zu greifen, weniger der Definition wegen als der Terminologie: Viele Expert:innen wie Konsument:innen kritisieren den Begriff „Guilty“, weil er zum einen nah an der ermüdenden Debatte der Unterscheidung von sogenannter Hoch- und Unterhaltungskultur kratzt, was immer einen elitären Beigeschmack hat, und schlicht und ergreifend weil man sich für etwas, das Freude bereitet, nicht schuldig fühlen sollte. Weiterlesen

Erzählerischer Universalismus – “Adas Raum” von Sharon Dodua Otoo

von Maryam Aras 

 

Da ist er nun, Sharon Dodua Otoos erster Roman Adas Raum. ‚Erster Raum‘, wollen meine Finger zunächst tippen und vielleicht ist das auch gar nicht so falsch. Natürlich gibt es schon diverse Räume in Otoos schriftstellerischem Denkgebäude – ihre Novellen die dinge die ich denke während ich höflich lächle, die im besten Sinne wirklich kaum in einem Nebensatz zu beschreiben ist, und Synchronicity, die Geschichte einer Grafikdesignerin, die nach und nach ihre Farbsehkraft verliert und die mit der Lebensweise ihrer Vormütter, selbstständig schwanger zu werden, zu leben und zu sterben, hadert. Und natürlich ihre preisgekrönte Bachmann-Kurzgeschichte von 2016 Herr Gröttrup setzt sich hin – ein Meister*innenstück sprachlicher Präzision und Ironie, in der ein störrisches Frühstücksei das bürgerliche Idyll des pensionierten Raketeningenieurs Helmut Gröttrup aus den Angeln hebt. Weiterlesen

Sex, Sokrates und Ressentiments – Thea Dorn hat einen Corona-Roman geschrieben

von Peter Hintz

 

In den letzten zehn Jahren hat Thea Dorn, bekannt als Kriminalschriftstellerin und Moderatorin, eine fieberhafte Produktivität als meinungsstarke Autorin von Essays und Sachbüchern entwickelt. Ach, Harmonistan (2010) beklagte einen Mangel an deutscher Streitkultur (bevor sie 2020 wieder zur Maßhaltung aufrief), Die deutsche Seele (2011) erklärte unter anderem Wurst und Dauerwelle zur deutschen Essenz und mit Deutsch, nicht dumpf (2018) wollte sie laut Klappentext “Heimat, Leitkultur, Nation […] nicht den Rechten überlassen”. Weiterlesen