Kategorie: Allgemein

Von Menschen und Nachos, oder: Das Kino hassen

von Gerrit Wustmann

An der Sitzlehne klebt irgendwas Eingetrocknetes. Ich nehme den Arm wieder runter und lege ihn in den Schoß. Nach einer halben Stunde Werbung ist mir schon der linke Fuß eingeschlafen. Ich wecke ihn auf. Als der Film endlich losgeht, bin ich in Gedanken längst woanders. Links neben mir stopft jemand Nachos in sich rein. Seit einer halben Stunde. Ein kurzer Seitenblick: Es ist die ganz große Schale. Er isst sie einzeln. Und kaut ausgiebig. Eine der zentralen Fragen des Lebens drängt sich einmal wieder auf: Welcher Vollidiot hatte die Idee, in Kinos Nachos zu verkaufen? Ausgerechnet diese Dinger, die man unmöglich leise essen kann. Das ist so grausam wie ein Zugnachbar, der bei jedem Griff in die Chipstüte noch mehr Krach macht als mit dem Beißapparat, minimal unter dem Kapitalverbrechen namens Apfel. (Disclaimer: Ich mag Äpfel. Sehr sogar. Aber ich möchte niemandem beim Apfelessen zuhören, das ist wie Fingernägel auf Tafel.) Ich vermute dahinter eine Verschwörung der Filmindustrie: Je weniger man im Kino mitbekommt, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass man sich den Streifen hinterher zu Hause nochmal ansehen will.

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Das Ende des erzählenswerten Lebens – „King of Queens“ und die Kinder

von Isabella Caldart

Sitcoms, die keine Familie, sondern einen Freundeskreis im Zentrum der Handlung haben, tun sich schwer damit, das Thema Kinder logisch und unterhaltsam in den Handlungsbogen einzubauen. Sind die Schauspielerinnen tatsächlich schwanger, wird – mal mehr, mal weniger gelungen – versucht, die Schwangerschaft während des Drehs zu kaschieren, oder aber die Figur wird für einige Folgen aus der Serie geschrieben.

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Never fuck the Company – Dating Advice von Scriptnotes [Podcastkolumne]

von Svenja Reiner

Bis zu meinem Schulabschluss war mein Liebesleben relativ unkompliziert. Entsprechend der Formel älter = cooler verliebte man sich abwechselnd in irgendeine*n Mitschüler*in aus der Oberstufe oder, sobald der nächste Teil der Herr der Ringe-Verfilmung im Kino lief, in Orlando Bloom. Beide Formen der Romanze eigneten sich zum Gruppengespräch auf dem zugigen Schulhof, und die Diskussion um Orlandos neue Bilder in der BRAVO oder der Versuch, einen Blick auf den Schwarm in der Raucherecke zu erhaschen, machten ereignislose Große Pausen etwas erträglicher. 

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Ein paradoxes Problem – Interview mit Elisa Diallo über fehlende Diversität in der Buchbranche

Ein Gespräch mit Elisa Diallo, geführt von Isabella Caldart

Die deutsche Buchbranche ist vor allem hinter den Kulissen vorrangig weiß (und bürgerlich). Auch wenn mehr und mehr Bücher erscheinen, die den Literaturbetrieb diverser machen, bilden die Bücher und Autor*innen, die von Verlagen eingekauft und veröffentlicht werden, diese Struktur mehr als deutlich ab. Damit Verlagsprogramme dauerhaft diverser werden, muss sich zunächst aber hinter den Kulissen einiges ändern. Elisa Diallo (Paris, *1976), zuständig für Rechte und Lizenzen im Schöffling Verlag und Autorin des Memoirs „Französisch verlernen. Mein Weg nach Deutschland“, hat einige Vorschläge, wie man das Problem fehlender Repräsentation in der hiesigen Verlagsbranche anpacken könnte. Das Wort „Diversität“ kann sie langsam nicht mehr hören. In Ermangelung einer Alternative verwenden wir es im Interview trotzdem.

Elisa, in deinem Buch Französisch verlernen thematisierst du unter anderem Rassismus in Deutschland und Frankreich. Um deinen Job in der Buchbranche geht es dabei nur am Rande. Du erzählst aber eine Anekdote: „Eine meiner Freundinnen ist Lektorin in den Niederlanden und auch schwarz. Wir witzeln oft, dass wir wohl die beiden einzigen Nicht-Weißen in der internationalen Verlagswelt sind. Auf den Buchmessen passiert es manchmal, dass uns die Kollegen verwechseln, die uns oder eine von uns beiden kennen.“ Zunächst ganz allgemein gefragt: Wie divers ist die hiesige Buchbranche?

Elisa Diallo, Mitarbeiterin im Schöffling-Verlag und Autorin, Fotografie: Herby Sachs

Die deutsche Buchbranche ist meiner Erfahrung nach extrem weiß. Fast noch störender als die fehlende Diversität wegen Hautfarbe und ethnischer Herkunft ist für mich aber die bezüglich sozialer Herkunft. Es wird eine bestimmte Ausbildung erwartet, um mit Texten zu arbeiten. Aber die Frage ist: Stimmt das wirklich? Braucht es dafür einen akademischen Titel? Auch der Vertrieb von Büchern, sprich die Buchhandlungen, könnte diverser werden. Dieser Bereich ist im Umbruch, aber noch überwiegend weiß und bürgerlich, und die meisten Buchhändler*innen sprechen nur eine bestimmte Zielgruppe an. In den letzten Jahren, so mein Gefühl, haben sich alle im schnellsten Tempo zum Thema „Diversität“ weitergebildet, alle reden von „BPoC“, aber bei mir weckt das Unbehagen. Schaut man die Herbstvorschauen durch, ist dieser „Trend“ auch schon wieder vorbei.

In den USA gibt es die Debatte schon länger, in Deutschland ist sie noch neu…

Solange „Diversität“ nur ein Werbeslogan bleibt, bin ich skeptisch. Wir brauchen auf jeden Fall Studien, handfeste Daten zu diesem Thema, sonst ist es immer nur gefühlt. „Gefühlt“ sind wir auf einem guten Weg, aber vielleicht auch nicht. Wir brauchen Daten über das Personal in der ganzen Branche, Verlage, Agenturen, Buchhandlungen … Und es geht auch um die Inhalte der Bücher. Wir hatten ein tolles Frühjahr mit Sharon Dodua Otoo, Mithu Sanyal oder Asal Dardan – viele verschiedene Stimmen. Aber alle haben über das Thema Rassismus geschrieben. Ich weiß nicht, ob es jemanden interessiert, sobald Schwarze Autor*innen über etwas anderes schreiben, während weiße Männer über alles schreiben können. Außerdem gelten Schwarze Erzählungen als Nische. Deutschland sieht sich immer noch als homogene weiße Gesellschaft, was extrem kontraproduktiv ist. Man geht von einer weißen, bürgerlichen Leserschaft aus, die man bedienen muss und glaubt, diese Leserschaft könne sich nicht mit Schwarzen Geschichten identifizieren. Es ist nur Platz für Geschichten mit aufklärerischer Funktion, man soll was lernen über Rassismus. Darüber hinaus besteht kein Interesse.

Du hast es eben schon angesprochen: In den USA gibt es Umfragen wie die Diversity Baseline Survey, in denen Mitarbeiter*innen von Verlagen und Redaktionen unter anderem ihre Race angeben können. Ist eine vergleichbare Umfrage auch für Deutschland wünschenswert, um zahlenbasiert weiterarbeiten zu können?

Ja, dann hätte man eine Bestandsaufnahme. Ähnlich wie bei #frauenzählen: Für mich waren diese Grafiken überraschend, fast kontra-intuitiv, weil ich gedacht hätte, dass Frauen sichtbarer sind in der Literaturwelt. Genau deswegen brauchen wir Zahlen. Sonst ist das am Ende nur ein Trend und geht nicht weiter. Die Frage der Repräsentation ist keine theoretische „Luxusfrage“, sondern ein Stück des Puzzles, wie wir friedlich und respektvoll in einer vielfältigen Gesellschaft zusammenleben wollen. Ich sehe das als ein Kontinuum – von der Abwesenheit sogenannter Minderheiten in der Literatur und generell in Medien zur Gewalt von Polizei und der Gleichgültigkeit der Gesellschaft. Das bewirkt etwas. Durch ZDF-Krimis bekommt man starke Empathie für Polizist*innen und deren Probleme.

Du hast im Vorfeld dieses Interviews gesagt, du möchtest dich zu dem Streit um die Übersetzung von Amanda Gormans Gedichtband The Hill We Climb äußern. Wie ist deine Haltung dazu?

Ich fand diese reflexartigen Reaktionen unglaublich. Alle Schwarzen Autor*innen aus Amerika, die in Europa übersetzt werden, werden von weißen Übersetzer*innen übersetzt. Es ging darum, sich einmal etwas anderes zu überlegen, weil die Autorin Aktivistin ist und in einer bestimmten Tradition schreibt. Seit drei Jahren redet man sich den Mund fusselig über Diversität. Das hat Janice Deul in ihrem Text [der Auslöser der Diskussion] über die Gorman-Übersetzung thematisiert – aber was daraus gemacht wurde, war eine emotionale, irrationale Empörung von wegen, „als weiße Person darf man gar nichts mehr“ und „dann darf man auch keine griechischen Klassiker übersetzen“.

Sharon Dodua Otoo schrieb über die Kontroverse um die niederländische und katalanische Übersetzung: „Bemerkenswert erscheint es mir an dieser Stelle, dass die Gefühle und Ansichten von Obiols und Rijneveld so viel Platz bekommen haben – dass ich allerdings auf Anhieb nichts über die Reaktionen Schwarzer Übersetzer*innen in Spanien oder den Niederlanden gefunden habe.“

Der niederländische Artikel war ein Kommentar über die Entscheidung, dass Marieke Lucas Rijneveld The Hill We Climb übersetzen sollte. Rijneveld hat sich dann von sich aus zurückgezogen, es gab kein Verbot durch eine Institution oder so. In Holland hat man viel Geld hingelegt, da war klar, dass man sich eine*n Superstar als Übersetzer*in ins Boot holt, und Rijneveld war durch den Gewinn des International Booker Prizes in den USA bereits bekannt. Worum es bei Amanda Gorman geht, wofür sie steht, hat niemanden interessiert oder niemand erkannt – weil Verlage das in der Regel nicht können, weil Verlage diese Sensibilität, die Expertise meistens nicht im Haus haben. Da musste erst eine Person von außen kommen, eine Schwarze Aktivistin, die fragte, ob erneut alles nach Schema F gemacht oder ob nicht die Chance genutzt werden sollte, um ein Zeichen zu setzen. Daran sieht man, wie fake die Diskussionen um Diversität sind.

Auf Deutsch wurde der Gedichtband am Ende von Uda Strätling, Hadija Haruna-Oelker und Kübra Gümüşay übersetzt, einer weißen Übersetzerin, einer Schwarzen Journalistin und einer bekannten Autorin mit türkischem Background. Was sagst du zu dieser Wahl?

Ich dachte zuerst, das ist interessant, warum nicht ein Experiment wagen? Aber ich frage mich auch, wie das zustande kam. Warum braucht man so ein Team? Konnte man bei Hoffmann und Campe keine Schwarze Übersetzerin finden? Die Branche funktioniert über persönliche Kontakte. Sobald wir konkrete Zahlen und Daten haben und feststellen, dass es ein Problem mit Repräsentation gibt, müssten wir dies Funktionsweise der Branche durchbrechen. Ich denke vielleicht ein bisschen radikal, aber so wäre man gezwungen, neue Wege für eine Zusammenarbeit zu finden, damit auch andere Leute mal zum Zug kommen.

Die Nominierungen für den Preis der Leipziger Buchmesse haben für einigen Unmut gesorgt, und auch bei anderen Preisen wird immer häufiger die Zusammensetzung der Jury kritisiert. Es gab einen offenen Brief mehrerer Autor*innen, Journalist*innen und Menschen aus dem universitären Bereich, der nicht nur die Beachtung von Schwarzen und Autor*innen of Color fordert, sondern auch die Strukturen des Literaturbetriebs kritisiert. Was waren dein erster Gedanke, als du von dem Brief erfahren hast?

Grundsätzlich finde ich es immer gut, wenn dieses Thema angesprochen wird. Ich hatte aber gemischte Gefühle dabei. Meine erste Reaktion zur Shortlist war auch Überraschung darüber, dass Adas Raum nicht nominiert wurde, weil ich das für eines der wichtigsten Bücher des Frühjahrs halte – auch ästhetisch! Wir wissen natürlich nicht, wie die Jury arbeitet. Ich habe übrigens gehört, dass in der Sitzung debattiert wurde über die rein weiße Shortlist, aber dass man diese Bücher am Ende halt am besten fand und die Liste durchaus als divers ansah, weil alte Schriftstellerinnen nominiert waren. Bei dem offenen Brief war meiner Meinung nach schade, dass die Leute, die unterschrieben haben, hauptsächlich amerikanische und britische Universitätsmitarbeiter*innen waren. Daher meine Skepsis. Man weiß, was das für Kritik aufruft – dass es sich um Identitätspolitik handelt, die aus der angelsächsischen Welt importiert wurde. Und die Reaktionen, die ich wahrgenommen habe, gingen auch alle in diese Richtung. Insgesamt freue ich mich über jeden Aufschrei, weil wir uns dringend in der Branche damit auseinandersetzen müssen, aber ich habe das Gefühl, das ist komplett ins Nichts gelaufen.

Sollte man denn auf den natürlichen Wandel, auf nachwachsende Generationen hoffen, oder bist du für proaktive Maßnahmen?

Ich bin generell für Quoten und proaktive Maßnahmen, sonst warten wir noch drei Generationen, und dafür habe ich keine Geduld. Wir brauchen in den Verlagen dringend Leute, die sich mit diesem Thema auskennen, damit das nicht nur ein punktueller Hype ist, sondern auf der Agenda bleibt. Ich traue den Verlagen zu, dass sie etwas erreichen, wenn sie es wirklich ernst meinen. Da, wo man feststellt, dass man ein Wissen nicht hat, muss man sich dieses Wissen reinholen, zum Beispiel durch Diversity Manager. Für eine Branche, die davon lebt, sich in andere hineinzuversetzen und neue Welten zu erträumen, sind wir alle unglaublich fantasielos. Auch inhaltlich sehe ich in Deutschland viel Luft nach oben: Wenn man durch die Vorschauen zur Unterhaltungsliteratur blättert, geht es bei den Krimis immer nach Skandinavien, die Frauenliteratur ist durch und durch weiß, und auch in der Fantasy hat man es als nicht-weiße*r Autor*in unglaublich schwer. Es wird immer erwartet, dass du nur über Rassismus schreibst. Ich muss leider wieder Amerika als Beispiel nehmen. Dort gibt es die literarische Gattung Afrofuturism, die Science-Fiction, alternative Welten und Vorstellungen von Afrika verbindet, mit Schwarzen als Protagonist*innen. Das hat dafür gesorgt, dass viele Schwarze Leute das Schreiben als Möglichkeit für sich sehen. Es ist in den USA ein anerkanntes literarisches Genre, das in Mainstream-Verlagen publiziert wird.

Die Forderung, gezielt (mehr) nicht-weiße Autor*innen zu nominieren, könnte aber darüber hinwegtäuschen, wie homogen die Buchbranche ist. Die New York Times etwa stellt in einer groß angelegten Recherche aus dem vergangenen Jahr fest: „Literary prizes may also make publishing appear more diverse than it actually is. Over the past decade, more than half of the 10 most recent books that were awarded the National Book Award for fiction were written by people of color […] Look at the books that appeared on The New York Times’s best-seller list for fiction, though, and a different picture emerges: Only 22 of the 220 books on the list this year were written by people of color.” Hältst du eine Quote für sinnvoll, weil sich dadurch rückwärts auch hinter den Kulissen etwas verändern kann, oder verschleiert das eher die Problematik?

Wahrscheinlich beides. Das ist das Problem: Es ist paradox. Durch Maßnahmen erreicht man was, aber man muss immer wieder messen um kontrollieren, was langfristig die Effekte sind. Das ist eine fortlaufende Arbeit. Das Problem ist wahrscheinlich, inwiefern Preise generell repräsentativ sind für den Markt und inwiefern sie den Markt auch steuern.

Es gab in den vergangenen Monaten zwei Verlagsgründungen, die für unser Thema interessant sind: Stolze Augen ist ein Verlag von BPoC für BPoC, der Akono Verlag konzentriert sich auf zeitgenössische afrikanische Literatur. Reicht das aus, um nachhaltig nicht-weiße Autor*innen zu publizieren?

Das ist auf jeden Fall gut. Den Vorteil haben wir in Deutschland dank der Preisbindung: Wir haben sehr viele kleine Verlage und unabhängige Buchhandlungen und können viel mehr Vielfalt am Leben halten. Eigentlich sollte man meinen, wir könnten im Vergleich zu Amerika oder England, wo es das nicht gibt, super mutig sein. Generell habe ich keine Angst vor Identitätspolitik, auch nicht im Kulturleben. Ich freue mich über jede mutige Gründung. Aber nachhaltig ist das nicht, denn den Markt in seiner Gesamtheit bestimmen immer mehr die Konzernverlage.

Der Akono Verlag wurde von einer weißen Person gegründet. Findest du es gut, wenn Weiße ihre Privilegien einsetzen, oder siehst du es als Problem, wenn ein auf afrikanische Stimmen ausgerichteter Verlag von einer Weißen geleitet wird?

Ich fürchte, ich finde das problematisch, auch wenn es schwierig ist, das zu begründen, weil ich dann sofort den Vorwurf des „umgekehrten Rassismus“ höre. Ich will nicht behaupten, dass Weiße zwangsweise keine Expertise haben, aber ich frage mich: Wo sind die Schwarzen Leute, die die Autorität haben, andere Schwarze zu verlegen? Aber klar, die Struktur ist, wie sie ist, die Macht liegt noch immer fast ausschließlich bei Weißen, und im Moment kann man nicht mehr verlangen, als dass sie ihre privilegierte Position nutzen und anderen Sichtbarkeit verschaffen.

In den USA wurden nach den Debatten und dem Black Lives Matter-Sommer gezielt Schwarze Lektor*innen und Verleger*innen eingestellt beziehungsweise befördert und neue Imprints gegründet, um nachhaltig nicht-weiße Stimmen zu fördern, während sich hier in Deutschland bisher so gut wie nichts getan hat. Was wünschst du dir für die Zukunft?

Um das Thema ernsthaft anzugehen, müssen, wie gesagt, als erstes Daten erhoben werden. Mit Rassismus sollten sich nicht nur die paar Schwarzen Menschen der Branche beschäftigten, sondern alle, das geht nämlich Weiße ebenso an. In Amerika wurden im vergangenen Jahr in oberen Etagen auch nicht-weißen Menschen wichtige Positionen zugetraut. Das kann man sich auch in Deutschland wünschen. Vielleicht passiert es auch schneller, als man denkt, wer weiß. Ich bin insgesamt skeptisch, was dieses Thema angeht, aber ich bin gleichzeitig überzeugt, dass es gar nicht so viel braucht, um etwas zu bewegen. Und eigentlich traue ich es der Branche zu, dass ich das noch erlebe, bevor ich in Rente gehe. Das Problem ist, dass es zwar nicht den Willen gibt, nichts zu verändern, aber auch nicht den Willen, etwas zu verändern. Und die Abwesenheit von Willen reicht schon aus, damit alles so bleibt, wie es ist.

Vielen Dank für das Gespräch!

Photo by Viktor Kiryanov on Unsplash

“Sich den Alltag abschminken” – Ein feministisches Kollektiv zwischen Sorgearbeit und Autor:innenschaft

von Katharina Walser

Am Anfang steht eine Gruppe von Müttern, die schreiben. Sie beschließen über das Schreiben zu schreiben. Über die Vorurteile, die Hindernisse, die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Vereinbarkeit von Pflege und Kunstschaffen. Es entsteht ein Austausch, es entstehen gemeinsame Textstücke, es folgt im Frühjahr 2021 eine Veröffentlichung im Edit Magazin unter dem Titel Fragment I, der erste Kollektivtext der Gründer:innen von Writing with CARE/RAGE. Die Gründer:innen, das sind die Autor:innen Lene Albrecht, Daniela Dröscher, Berit Glanz, Verena Güntner, Sandra Gugić, Elisabeth R. Hager, Kathrin Jira, Svenja Leiber, Caca Savic, Julia Wolf und Maren Wurster. Sie schreiben in ihrem Fragment über das Muttersein und über das Sein als Autor:in. Es spannt sich ein Raum auf zwischen privaten Szenen und struktureller Kritik am misogynen Literaturbetrieb und an der staatlichen Anerkennung von Care-Arbeit. Vergangenes Wochenende findet dann die erste Konferenz statt. Es geht auch hier um „Schreiben und…“.

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Unendlicher Cringe – Wie Unternehmen vom Pride Month profitieren

von Jonas Lübkert

Juni ist Pride Month. In diesem Monat feiert die LGBTQIA+ Community stolz und selbstbewusst ihre vielfältigen Identitäten. Für einen Großteil der Öffentlichkeit aber bedeutet Pride Month etwas mehr Regenbogenflaggen als sonst, eine (leider nur temporäre) Auseinandersetzung mit Diskriminierung und Unternehmen, die versuchen auf eine möglichst peinliche Art daraus Profit zu schlagen. So will es das Gesetz der freien Marktwirtschaft. Budweiser wirbt mit Let‘s Grab Beers Tonight Queens“. Target, der zweitgrößte Discounteinzelhändler in den USA, bringt eine Pride-Collection heraus. Eins ihrer rosa Poloshirts ist übersät mit Wörtern wie „OMG“, „Out“ und einem Einhorn. 

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„Nichts ist klar so oder so“ – Helga Schuberts “Vom Aufstehen – Ein Leben in Geschichten”

von Marie Isabel Matthews-Schlinzig

Schreiben ist die Kunst des Weglassens. Darin ähnelt es dem Erinnern. Aus erlebten Momenten zurren sie neue Bilder zusammen, destillieren Essenzen aus Raum und Zeit. Die Imagination fügt ihren Teil hinzu und denkt so stets die Gegenwart mit. Das gilt für die Geschichten, die das eigene Leben schreibt ebenso wie für die anderer Menschen.

Gelegenheiten zu einem solchen Mit- und Hineindenken bietet Helga Schuberts neuester Band Vom Aufstehen – Ein Leben in Geschichten viele. Er ist ein Meisterstück autofiktionalen Erzählens. Uneitel, präzise und ohne Pathos skizziert die Autorin in 29 teils sehr kurzen Prosatexten, was es heißt, die Welt aus verschiedenen, ineinander greifenden Perspektiven wahrzunehmen: als „Kriegskind“, „Flüchtlingskind“, „Kind der deutschen Teilung“, als Schriftstellerin in der DDR und danach, Pflegende, Mutter, Psychologin, Nachbarin, Gläubige und Mitglied der evangelischen Kirche. Ein Reichtum an Blickwinkeln, der zahlreiche Anknüpfungspunkte für Leser:innen schafft, gesammelt in ein und derselben Erzählstimme.

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Kapital, Ideologie und Codes – Kritiken an der Wirtschaftsordnung der Gegenwart

von Daniel Stähr

Thomas Piketty: Kapital und Ideologie, C.H. Beck 2019.

Katharina Pistor: Der Code des Kapitals: Wie das Recht Reichtum und Ungleichheit schafft, Suhrkamp 2019.

Es gibt zwei elementare Herausforderungen, vor denen die Menschheit in den kommenden Jahrzehnten stehen wird: die sich anbahnende Klimakatastrophe und die immer stärker wachsende globale ökonomische Ungleichheit. Anfang 2020 kam mit der Corona-Pandemie eine weitere Menschheitsaufgabe dazu, die zu radikalen Einschnitten im gesellschaftlichen Leben geführt hat. Die Pandemie wirkt wie eine Vorschau darauf, was uns im Kampf gegen die Klimakrise erwartet und wie wenig geeignet unsere aktuellen Systeme für diesen Kampf sind. 

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Poetische Peinlichkeiten – Über Ben Lerners “Warum hassen wir die Lyrik?”

von Antje Schmidt

Die Lyrik umgibt der Nimbus des Besonderen. Wer Gedichte liest oder schreibt, darf sich zu einer ebenso geschätzten wie bedauerten Außenseiter*innengruppe zählen. Darauf hat etwa Nora Bossong, selbst Dichterin, hingewiesen. Damit wird die Gattung identitätsstiftend für den eingeweihten Kreis ihrer Autor*innen und Leser*innen und nicht ohne Grund zählt die lyriklesende Einzelgänger*in längst zum Standardrepertoire der Popkultur. Im Rahmen retrotopischer Inszenierungen wie der Dark Academia Ästhetik auf Plattformen wie Tik Tok oder Instagram partizipieren zahlreiche Menschen an einem retrophilen Lifestyle, der Distinktion über die Nähe zur Lyrik sucht. 

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Protest gegen quadratisch, praktisch, gut – Ein Gespräch über Mode mit Barbara Vinken

Ein Interview von Katharina Walser mit der Modetheoretikerin und Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken

Was hat Literaturwissenschaft mit Mode zu tun? Liest man die Texte der Romanistin Barbara Vinken, findet man einige Antworten auf diese Frage. In ihrem wohl bekanntesten Buch zur Mode, Angezogen, zeigt sie auf, wie wenig zufällig der Umgang mit Kleidern ist und wie stark er mit kulturellem und geschichtlichem Wandel verwoben ist. Aber auch Vinkens im engsten Sinne akademischen Werke lesen die Gesellschaft oder in diesem Fall die literarischen Figuren über ihre Kleider und zeigen so die Verwandtschaft von Text und Textil. 

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