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Kitsch und AfD – Zur Ästhetik des aktuellen Rechtsradikalismus

In den letzten Jahrzehnten hat die Konjunktur des Kitschvorwurfs nachgelassen. Populären Autoren wie Takis Würger oder Karl Ove Knausgård, die ihre Texte durch Semi- oder Autofiktionalität gern mit Natürlichkeitspathos aufladen, wird er zwar manchmal gemacht, dabei aber nicht mit der verallgemeinernden Ablehnung alles Trivialen, die sonst oft dazugehörte. Während Urheber und populärer Gegenstand in Zweifel gezogen werden, ist man vorsichtiger geworden, dessen Rezipienten zu stark zu kritisieren. Was den Kitschvorwurf nämlich besonders problematisch macht, ist die mit ihm verbundene Unterstellung, nicht nur mit dem Werk, sondern auch mit den Fans des Kitsches sei etwas nicht in Ordnung. Doch diese soziale Dimension des Kitschvorwurfs heißt nicht, dass es den Kitsch als ästhetisches Phänomen nicht gäbe und der Begriff nicht zur Analyse bestimmter Texte gerade aufgrund ihrer Funktion im politischen Diskurs hin hilfreich sein kann.

In Anknüpfung an Kritiken von Massenkultur aus den Nachkriegsjahrzehnten bestimmte der französische Sozialpsychologe Abraham Moles 1972 den Kitsch als „Kunst in der Häßlichkeit“, als „guten Geschmack in der Geschmacklosigkeit“, der Ansprüche an Rezipienten suggeriert, aber nur anspruchslos konsumiert werden kann. Moles zielte damit auf das Potenzial dieser Ästhetik, zur Stabilisierung von Gruppenidentitäten beizutragen. Diesen Ansatz nutzte Saul Friedländer in seinem Essay Kitsch und Tod (1982), in dem er die Kunst des Nationalsozialismus und ihre Wirkung auf den Film der damaligen BRD besprach. Friedländer stellte fest, dass im Propagandafilm der Nationalsozialisten auf widersprüchliche (kitschige) Weise Tod, Gewalt und Harmonie aufeinandertrafen und damit als klassische und romantische literarische Motive in einen neuen Zusammenhang gestellt wurden.

Der neue rechte Kitsch

Seitdem sich um eine Gruppe ehemaliger Journalisten und Wissenschaftler medial eine neue rechtsradikale Bewegung in Deutschland formiert hat, deren parteipolitischer Arm die AfD ist, ist auch der rechte Kitsch wieder in ganzer Kraft da. Dieser Kitsch will der Anti-Kitsch sein, in ihm verbinden sich jedoch Massenkultur und deutsche Kulturkritik. Am Beispiel des ehemaligen FOCUS-Redakteurs und heutigen AfD-Beraters Michael Klonovsky kann das gut demonstriert werden, denn Klonovsky ist der zweifelhafte Meister des neuen rechten Kitsches.

Klonovsky hat nicht nur rassistische FOCUS-Coverstorys verfasst und ist vor allem für seinen Blog bekannt, sondern auch ein halbes Regal mit Aphorismen-, Rezensions- und Essaybänden gefüllt. Als Mitarbeiter von Alexander Gauland schreibt Klonovsky heute die Reden für den AfD-Fraktionsvorsitzenden im Bundestag. Davor übte er diese Tätigkeit für Frauke Petry und ihren Ehemann Marcus Pretzell aus. Wie Uwe Tellkamp und einige andere Figuren aus der rechten Dresdner Kulturszene ist der ursprünglich ebenfalls aus Sachsen stammende Klonovsky einer von mehreren ostdeutschen Autoren, die aus einer Kritik am DDR-Regime eine Kritik an der Politik und Kultur der Bundesrepublik ableiten wollen. Dies äußert sich beispielsweise in Gleichsetzungsversuchen der Medien der DDR und der BRD, vor allem aber in der Konstruktion bildungsbürgerlicher Dissidenz, der sie ihre eigenen Texte hinzuzählen wollen.

Seit Jahren gilt Klonovsky als „Edelfeder“ der konservativen Publizistik, also als Autor, der sich nicht nur inhaltlich, sondern auch stilistisch besonders auszeichne. Klonovsky veröffentlichte 2005 bei Rowohlt einen Roman (Land der Wunder), der zwar nur gemischte Rezensionen bekam, aber seinen Ruf als Künstler-Feuilletonist begründete. So konnte er dann auch bei Reclam die Aphorismen des kolumbianischen Reaktionärs Nicolás Gómez Dávila herausgeben, obwohl diese Texte längst einer historisch-kritischen Kommentierung bedurft hätten. Zu Klonovskys zahlreichen Fans gehört der Philosoph Peter Sloterdijk, der ihn für „Feuilletons von ungewöhnlicher Brillanz“ lobte, und die Pathosschraube noch einen Grad höherdrehte, weil man sich bei ihm „in die Zeit von Tucholsky zurückversetzt“ fühlte, „als die deutsche Sprache noch vibrierte.“ Diese Vibrationen spürte offenbar auch der Schriftsteller Eckhard Henscheid, der Klonovsky mal für „schwärmerisch, verschwärmter und zugleich kenntnisreich“ hielt. Im Nachwort zu Klonovskys erst im letzten Jahr erschienenen Kolumnenband Der fehlende Hoden des Führers: Essais erkennt Lorenz Jäger sogar „Einsichten … [in] die unendliche Verletzlichkeit des Schönen, des Heiligen, der Leuchtenden, des Lebendigen, des Differenzierten, des Intelligenten.“ Ein stilistisches Hufeisen entwarf neulich Harald Martenstein in der ZEIT, der Klonovsky mit dem verstorbenen konkret-Herausgeber Hermann Gremliza verglich, weil beide Autoren von links- und rechtsaußen „elegant“ und „auf dem Niveau des Kritisierten“ den bürgerlichen Mainstream angriffen.

Schon in den 2000ern publizierte Klonovsky für die rechtslibertäre Zeitschrift eigentümlich frei, in der sich – oft ziemlich selektive – Staatsfeindlichkeit und genereller Autoritarismus ideologisch verbinden. Wie Klonovskys Texte aus dieser Zeit zeigen, hat er sich seitdem eigentlich kaum radikalisiert. Durch seine Anstellung im Parteiapparat hat er lediglich einen weiteren Schritt in der Explizitmachung einer Position gemacht, die längst klar und fertig ausgebildet dastand. Das unterscheidet ihn auch vom Stamm der AfD-Vorfeldautoren, etwa Matthias Matussek, Rainer Meyer oder Roland Tichy, die ihre formelle Unabhängigkeit vom parteipolitischen Rechtsradikalismus nutzen, um auch ideell als unabhängig zu gelten. Das ist eine allerdings ziemlich theoretische Unterscheidung, wenn man diese Bewegung als diskursives Phänomen versteht, in dem ähnliche Ideologien vertreten sind und ähnliche rhetorische Strategien angewandt werden.

Klonovskys Manifeste der Männlichkeit

Klonovsky will als Feuilletonist die „Ästhetik“ und „Schönheit“ gegen „die Ethik“ stark machen, verfügt aber selbst nur über einen Begriff von Ästhetik, der Moral und Besitzstand einer protestantischen Kleinstadt zur ästhetischen Norm umdeutet und das als Aufstand versteht. So hat Klonovsky in seiner Sammlung Lebenswerte (2009/2013), die einige seiner Kolumnen für die Zeitschrift eigentümlich frei zusammenfasst, einen „maskulinen“ und „hedonistischen“ Tugendkanon zusammengestellt, der über die Notwendigkeit männlichen Konsums soziale Ungleichheit rechtfertigen will. Durch diese Lebensphilosophie will sich Klonovsky nicht zuletzt ästhetisch von den angeblich genussfeindlichen Progressiven absetzen, die ihm die Objekte seiner Leidenschaften nehmen wollen.  Zum Teil stimmt das auch, denn Klonovskys Buch ist insbesondere ein Programm zur Legitimierung der sexuellen Übergriffigkeit gegenüber Frauen. So schreibt er im Lebenswert-Kapitel „Brüste“:

„Es gibt auf der Welt zirka drei Milliarden Mädchen und Frauen. Mindestens 1,5 Milliarden befinden sich im sexuell aktiven Alter. Macht also – kein Mensch ist wirklich symmetrisch – drei Milliarden unterschiedliche Brüste. Wer mag, kann sich die planetarische Biomasse Brust gern in Kilogramm ausrechnen. Geht man davon aus, dass, individueller Geschmack hin oder her, ungefähr jedes zehnte oder fünfzehnte Brüstepaar so gebaut ist, dass der Drang, sich seiner zu bemächtigen, für einen Mann immens wird, ergibt dies theoretisch 200 bis 300 Millionen Optionen.“

Doch mit dieser puren Geschmacklosigkeit, die Kulturmenschen wie Sloterdijk und Jäger offenbar goutieren können, beginnt noch nicht der Kitsch, denn dazu gehört das Moment des Geschmacks, das den Rest aufwerten soll. So schreibt Klonovsky in anderen Lebenswert-Stichwörtern auch über „Klaviere“, „Lyrik“, „Bücher“, „Malerei“ und die „Oper“. Wie die Überschriften bereits andeuten, hat er sich dabei einfach alles herausgesucht, was seinen statusorientierten Lesern zufolge Kultiviertheit ausmacht.

Wie Ludwig Giesz Anfang des 20. Jahrhunderts in seiner Phänomenologie des Kitsches herausstellte, ist der Kitsch eben eine Haltung, das „Gerührtsein über die eigene Rührung“, also selbstgefällige Trägheit angesichts des Gefühls der eigenen Überlegenheit. Und wie Klonovsky „die Frauen” konsumieren will, so will er „die Lyrik“ eben auch bloß „genießen“, also Rilke und Hölderlin als gehobenes Entertainment für zwischendurch. Gegen einen solchen Medienkonsum spricht natürlich gar nichts, nur läuft es diametral seiner Vorstellung entgegen, seine Form des Konsums sei irgendwie ungewöhnlich, wie im Kapitel „Ungleichheit“ suggeriert wird: „Nur in einer Welt eklatanter Niveau-Unterschiede vermag das Leben zu fließen.“ In Lebenswerte gibt es jedenfalls ausreichend  Beispiele, die Klonovskys eigenen Niveauanspruch in Frage stellen:

„Kinder machen bereits Probleme, wenn sie noch gar nicht auf der Welt sind. Zwar werden die Brüste der Frau appetitlich prall, aber man ahnt, dass ein Abschied dahinter steckt. … Die Frau nimmt eine Form an, die man nicht für möglich hielt. Der Mode folgend will sie, dass man bei der Geburt anwesend ist. Nie wieder wird er sich so hilflos fühlen wie im Kreißsaal. … Ansonsten mag der Sinn dieser Maßnahme darin bestehen, dass ihm die Lust auf Sex und sogar aufs Fremdgehen für eine beträchtliche Zeit vergällt ist.“

Und  kaum war man in den italienischen Olivenhainen und dem Anzugladen, geht es wieder ins Hotel:

„Das Hotel ist ein durch und durch erotischer Ort. In jedem Zimmer treibt es ein Paar miteinander oder liegt ein einsamer Gast und denkt an Sex. Das Hotel ist der ideale Platz für Huren. Es ist anonym, sauber, grenzenlos beschmutzbar und besitzt jenen Reiz des Fremden oder gar Exotischen, der spezielle Lüste hervorruft. Er denkt es fast zwanghaft. Und geht nach unten, wo die Mädchen sitzen, die schon am Vorabend dort saßen und zwischendurch verschwunden waren und wiederkamen und sich das Make-Up nachzogen. Und nimmt sich eine mit aufs grenzenlos beschmutzbare Zimmer, in der Stadt, wo ihn niemand kennt.“

Offensichtlich kann Klonovsky mit seiner positiv konnotierten Verknüpfung von ungehemmter männlicher Sexualität, männlichem Besitzstand und männlichem Intellekt an eine Rhetorik anknüpfen, die man nicht nur aus der Werbung im Lufthansa-Magazin kennt, sondern die auch in der Literaturgeschichte immer wieder zur Konstruktion von Männlichkeit eingesetzt worden ist. Und natürlich hat sich der Autor auch das Kulturverfallsthema nicht ausgedacht, das er unablässig bedient, um sich als vermeintliche letzte Elite hochleben zu lassen. Diese Texte wollen vor allem ein Manifest sein, in dem der Mann zum Widerständler und zur Minderheit erklärt wird – eine Ideologie, die er mit jedem 4chan-Incel teilt, die aber hier als Variante für den Salon brauchbar gemacht werden soll, der sich ja vermeintlich vom Stammtisch unterscheidet.

Kitschästhetik als neurechte Kunstreligion

Klonovskys Lebenswerte können als Vorläufer von Thea Dorn und Richard Wagners Bestseller Die deutsche Seele (2011) gelesen werden. Denn obwohl er sich als „franko- und italophil“ versteht, der sexuell die „idealtypische Französin meiner Landesgenossin“ vorziehen würde und „die Russin erst recht“, versucht er das Deutschnationale durch den Verweis auf angebliche deutsche Partikularismen zu propagieren. Wie Dorn und Wagner, die aus Abendbrot, Dauerwelle und Männerchor die deutsche Essenz ableiten wollten, nutzt Klonovsky das Kulturelle, um ein politisches Programm zu begründen. Diese De- und Rekontextualisierung führt zur Verkitschung von Begründungsinhalten, in denen kulturhistorisch ohnehin schon reichlich Menschenfeindlichkeit steckte. Wie im Heimatfilm holt er die deutsche Romantik, die deutsche Ingenieurskunst und den deutschen Heldenmut hervor, universalisiert dagegen aber deutsche Verbrechen, um sie zu relativieren: Wenn die Nazis „Kinder in Güterwaggons tausende Kilometer durch Europa fahren“, ist das „fairerweise mit allen anderen Kindermassenmördern der Geschichte“ gleichzusetzen.

Die Frage ist an dieser Stelle nicht, ob es diese Art der sprachlichen, gedanklichen und moralischen Haltung ist, die Klonovsky zum Redenschreiber von Alexander Gauland qualifizieren. Entscheidend ist, dass diese Niveaulosigkeit das politische Programm ausmacht. Solche Kitschästhetik ist die Grundlage, mit der die rechtsradikale Szene heute ihr bürgerliches Publikum zu mobilisieren versucht, weil in diesen Texten die unreflektierte Angst um die in „Stil“ und „Kultur“ umgedeutete Angst um den Privilegienverlust steckt und einfache Identifikation bietet. Da Klonovsky Hotels, Brüste und Deutschland zu seinen Lebenswerten erklärt, ist er einerseits ziemlich ehrlich in der Zielstellung eines klassistischen, sexistischen und rassistischen Programms, zeigt aber auch, dass es dafür keine hinreichende Begründung außerhalb einer sich in die Ideologie des Ästhetischen gehüllten Anspruchsdenkens gibt. Passenderweise kann man das Buch mittlerweile auch auf CD hören, natürlich in Kombination mit klassischer Klaviermusik, die Klonovskys Ehefrau beigesteuert hat.

Zwischen Schleimereien und Verdammungen ist in dieser politisch überdrehten Ästhetik, die neue Kunstreligion sein will, nicht viel Platz. Klonovsky neuestes Buch Der fehlende Hoden des Führers: Essais (2019) besteht aus alten FOCUS– und eigentümlich frei-Kolumnen und einigen seiner Reden, vor allem aber Porträts verschiedener kanonischer Musiker, Politiker und Schriftsteller. Wiederum geht es darum, „Schönheit“ und „Bildung“ „der Moderne“ entgegenzuhalten, als ob das nicht ohnehin schon moderne Konstrukte wären. Also macht Klonovsky aus Immanuel Kant einen Gegner aller politischen Ideologien oder zitiert Hans-Georg Gadamer ausgerechnet für das Lob der Mütterlichkeit, um diese alten weißen Männer für einen durch und durch modernen Rechtsradikalismus einzuspannen.

Variationen altbekannter Stammtischparolen und Naziwitze

Wenn Klonovsky mal wieder dazu aufruft, die „Weinbestände zu füllen und zu leeren“, „Bücher statt Zeitungen“ zu lesen, sich von „der allgemeinen Verwahrlosung“ nicht anstecken zu lassen und „manierlich und heiter“ zu sein, fragt man sich, ob diese Plattitüden nun die Sprache ist, die „vibriert” (Sloterdijk) oder das nun „der Einblick ins Schöne, Heilige, Leuchtende, Lebendige“ (Jäger) ist. Aber ein bisschen Biedermeiercouch-Geruch reicht offenbar schon aus, um sich dieses Lob zu verdienen, denn es gilt ja lediglich, den üblichen Klassismus, Rassismus und Sexismus zu veredeln. Es zeigt sich, dass Ästhetik und Politik nicht nur nicht voneinander zu trennen sind, sondern dass Autoren wie Klonovsky letztlich nur aufgrund ihrer politischen Haltung jahrzehntelang überhaupt Publikationsmöglichkeiten und Leser gefunden haben.

In seiner Bonmotsammlung Aphorismen und Ähnliches, die seit 2008 in erweiterten Neuauflagen erscheint, wird wiederum deutlich, wie eng in diesem Kitsch Form und rechtsradikaler Inhalt miteinander verbunden sind. Durch mittlerweile 136 Seiten (2017) zieht sich zunächst ein Strom aus klischeebeladenem Namedropping (u.a. Heidegger, Dürer, Goya, Cézanne, Thukydides, Proust, Bach, Vélazquez, Kleist, Homer, Shakespeare, Luhmann) und zwischen Traurigkeit und Unoriginalität schwankenden Self-Help-Kalendersprüchen:

„Es gibt Leute, die verzeihen einem das Talent nie.“

„Was keine Feinde hat, ist nichts wert.“

„Wo das Team regiert, wird Bildung zum Stigma.“

„Wo die Individualität blüht, welkt die Persönlichkeit.“

„Lieber im Unrecht als in irgendeiner Meute.“

„Der originäre Denker ist der Feind des Professors.“

Nur ausgestattet mit der Rhetorik der Allgemeinbildung, mit der sich ein Publikum umschmeicheln lässt, das sich kulturell überlegen fühlt, können dann Klonovskys krasse Ausfälle gegen Frauen, queere Menschen und PoC dann für manche Leser nicht wie pathetische Variationen altbekannter Stammtischparolen und Naziwitze wirken, obwohl sie auch einfach als klassische Stammtischparolen und Naziwitze daherkommen:

„Evolutionsbiologisch betrachtet ist die Frau in ihrer jetzigen Gestalt ein Produkt des männlichen Begehrens. Es wird Zeit, dass die Lesben sich dafür bedanken.“

„Zuerst bekämpft die Homosexuellenbewegung die Homosexuellenphobie, dann erzeugt sie sie.“

„Islamistische Anschläge in Europa? Wozu das Haus demolieren, in das man einzieht.“

„In Berlin gibt es ein Denkmal für Ernst Röhm: Homosexuelle, die während der Naziherrschaft ermordet wurden.“

„In der Idee, schwulen Paaren das Adoptionsrecht zu geben, weht der Geist der Paralympics.“

„Der General Franco hat eine schlechte Presse, weil er die Kommunisten geschlagen hat.“

„Es ist nur folgerichtig, daß die schleichende Privilegierung der Frauen mit ihrer überlegenen sozialen Intelligenz letztbegründet wird; die andere ist ja halbwegs meßbar.“

„Einst galt es als Rassismus, wenn jemand sagte, schwarz sei schlecht. Heute handelt es sich bereits um Rassismus, wenn einem auffällt, daß schwarz schwarz ist.“

Dieser Auswahl könnte man entgegenhalten, dass dies nur „Stellen“ seien: Doch wie viel Textzusammenhang braucht ein Aphorismus? Trotzdem noch ein paar inhaltlich weniger grelle Beispiele, die immer dem stilistischen Prinzip folgen, Begriffe rhetorisch ineinander aufzulösen oder in Gegensatz zueinander zu setzen und damit Erkenntnis vorzutäuschen:

„Eben weil der Mensch nicht unsterblich ist, sollte er vor allem die Unsterblichen lesen.“

„Wer kommuniziert, hat nichts zu sagen.“

„Der Feminismus müßte eigentlich Maskulismus heißen.“

„Zu den Basalmythen der Demokratie gehört, daß es sie gibt.“

Natürlich hält der Aphorismus schon als Genre reichlich Möglichkeiten bereit, um ohne Begründung, nur im Vertrauen auf die Zustimmung der Leser, dahinpostulieren zu können. Diese Stilwahl, die nur anspruchsvoll hinsichtlich der Vorurteile der Leser ist, soll wie in Lebenswerte aber überhaupt nicht vergessen lassen, dass das Buch ein frauenfeindliches Pamphlet ist, sondern vor allem, dass es sich um frauenfeindliche Klosprüche handelt. Daher greift Klonovsky auch gern mal tief ins Abflussrohr, um bloße Codewörter der Kultiviertheit wieder herauszufischen:

„An Menschen, die keine Gedichte auswendig wissen, ist jede Zeit verschwendet.“

„Bildungsferne schafft Publikumsnähe.“

„Gönnen ist göttlich.“

„Welchen Gegenstand ein Buch behandelt ist zweitrangig verglichen damit, auf welche Weise es ihn behandelt.“

„Der jeweilige Zeitgeschmack ist die Schlacke in den Kunstwerken; mit abnehmendem Verunreinigungsgrad wächst ihre Beständigkeit.“

„Steve Jobs kann nicht in der Hölle schmoren, weil er zu ihren Ausstattern gehört.“

„Der gebildete Mensch erzählt nicht, wovon ein Buch handelt, sondern auf welche Weise es von etwas handelt.“

„Die geistige Befruchtung benötigt weder Semester noch Module.“

Um einen Aphorismus des Autors zu beantworten: „Stellen Sie sich vor: Dieser Autor ist sexistisch, rassistisch und reaktionär! … Aber schreibt er auch schön?“ Nein. Wie Norbert Bolz ist Klonovsky einer der vielen heutigen Zirkus-Zarathustras, die einem Publikum, das sich in den Dörfern und Villenvierteln nach Erregung sehnt, passende Schenkelklopfer und Untergangsromantik bietet. Dieser neue rechte Kitsch verknüpft sexistische Erotik und rassistischen Hass mit bildungsbürgerlichen Statussymbolen, die das eigene Anspruchsdenken veredeln und damit legitimieren sollen. Das zeigt, wie wenig hinter  dem Symbol stecken muss, damit Autoren wie Sloterdijk oder Jäger, die als Inbild von Bürgerlichkeit gelten, nicht nur Gehör, sondern auch gleich ihr Qualitätssiegel schenken.

Mit ihrem makaberen Bestehen auf Stil und Form liefern Klonovskys Texte eine Strategie, mit Hilfe von ein bisschen Mozart-Hintergrundmusik Gewalt entweder zu übertönen oder erst recht attraktiv zu machen. Offensichtlich stellt der Diskurs der „bürgerlichen Mitte“ dafür ausreichend Anknüpfungspunkte bereit und zeigte sich jahrelang auch mehr als willig, Autoren wie Klonovsky selbst zur „Mitte“ zu machen, solange nur die richtigen Kultur-Knöpfe gedrückt werden. Zu diesen auf Distinktion abstellenden Praktiken, mit denen ausgegrenzt werden kann, hat natürlich auch immer wieder das Kitschurteil gezählt. Wenn es heute noch einen Wert hat, sollte es vor allem gegen die neuen Kulturuntergangspropheten und ihre Fans selbst gewendet werden.

Bild von Michael Gaida auf Pixabay

Chronik: Februar 2020

Einen Schauspieler am Penis gezogen einmal im Kreis laufen                                    lassen – das ist „bemerkenswert“ (FAZ vom 29.01.2020)

 

Ein gut gefülltes Fass aus Hohn und Spott ergoss sich Ende Januar über den Spiegel und seinen Titel “Die Faszination des Gangsta-Rap”. Und man muss sagen, ausgesprochen verdient, denn schon die Aufmachung erinnert an eine Bravo aus den 80er Jahren, die halb erregt, halb verängstigt vor den Gefahren einer “neuen” Jugendkultur warnt. Gleichzeitig brach sich in dem äußerst langen Text eine seltsam genervte Herablassung gegenüber Teenagern Bahn, die den Verdacht nahe legte, dass sich hier vor allem jemand über seinen 14jährigen Sohn aufregte. Diese Jugendlichen tragen nämlich schon seit sie 13 sind “fast nur Jogginghose und Kapuzenpulli” und wollen selbst auch Sportwagen fahren. Und das obwohl sie doch auch zu Fridays-for-Future Demos gehen. Das verwirrt offenbar die Eltern. Warum die dann aber gleich einen Spiegel-Text schreiben müssen, wird nicht so ganz klar.

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In der SZ wird ein Buch von Volker Hage besprochen, ehedem Literaturchef der Zeit und beim Spiegel. Gleich 21 Schriftstellerporträts werden hier versammelt, in denen Hage, der das Misstrauen seiner Kolleg*innen gegen diese Gattung nicht teilt, offenbar hemmungslos in die Biographie seiner Helden abtaucht. Und das gelingt auch gut, freut sich der Rezensent: “Die Romane von Max Frisch zum Beispiel gewinnen eine selbstverständliche Klarheit, wenn Hage von den Beziehungen Frischs zu Frauen erzählt…” Wir dagegen freuen uns, dass Frauen in diesem Buch überhaupt vorkommen und sei es auch nur als Verständnishilfe und biographische Würze zu Frischs drögen Romanen. Unter den 21 Porträtierten finden sich gerade einmal zwei Frauen. Nun muss man Hage natürlich zugute halten, dass es sich um eine Sammlung historischer Texte handelt und das Buch ist in jeder Hinsicht ein historisches Dokument, denn es erzählt von einer Zeit, in der es selbstverständlich gewesen ist, vornehmlich über Männer zu schreiben. Inwiefern Hage, der einer der mächtigsten Männer im Feuilleton der letzten Jahrzehnte war, an diesem historischen Umstand mitgewirkt hat, wollen wir hier nicht näher erörtern (Hage gilt übrigens als Erfinder des Labels “Fräuleinwunder”).

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Bereits in der letzten Chronik hatten wir über das Ende des Unsichtbar Verlages berichtet. An Ton und Inhalt des offenen Briefs des Verlegers Andreas Köglowitz rieb man sich. Unter anderem Jens Bartsch, der Inhaber der Buchhandlung Goltsteinstraße in Köln beschreibt aus der Perspektive des Buchhändlers das Problem, die richtigen Titel für den Verkauf zu finden. Gerade die Buchhändler*innen waren in Köglowitz’ Philippika als wenig experimentierfreudige Angsthasen schlecht weggekommen. Bartsch gibt zu bedenken, dass häufig durchaus ansprechende Inhalte völlig falsch verpackt wären. Es würde nicht verwundern, dass Kund*innen und Buchhändler*innen bei einer Covergestaltung, die “an drittklassige Selfpublisher erinnert”, nicht zugriffen. Die Forderung nach mehr Förderung von Indie-Verlagen findet Bartsch dagegen “kreuzdämlich”. Hierzu hatte sich bereits im November letzten Jahres der Fürther Manfred Rothenberger (starfruit publications) geäußert. Nun stellt der Verleger des homunculus Verlags Joseph Reinthaler ein Modell vor, wie Förderung aussehen könnte. Er sagt: “Es sind nicht wir Verleger*innen, die hilfsbedürftig sind. Es ist die Bibliodiversität, die deutsche literarische Kultur, eine Kultur der Vielfalt der Stimmen und des Worts.” Bartsch ist dagegen der Ansicht, “eine gute Sache sollte also im besten Falle irgendwie aus sich selbst heraus funktionieren können – oder eben nicht. Dies bei den Verlagen wie bei uns Sortimentern auch.”

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Was dem deutschen Buchmarkt vor ziemlich genau einem Jahr Takis Würgers Stella war, das ist jetzt für den amerikanischen Literaturbetrieb American Dirt von Jeanine Cummins: Eine weiße Frau erzählt von der Flucht einer mexikanischen Familie vor einem Kartell in die USA, um endlich die Geschichte derer zu erzählen, die in den USA oft als “faceless brown mass” wahrgenommen würden. Cummins schafft damit das buchgewordene Äquivalent eines Sombreros auf dem Kopf eines besoffenen Frat-Boys. In den deutschsprachigen Raum wurde der Skandal vor allem importiert, um über den Gegensatz von Moral und Ästhetik zu befinden. In der SZ etwa heißt es, die Kritik am Buch würde vorrangig identitätspolitsch begründet, “[w]eil die Autorin des Romans aber keinen lateinamerikanischen Hintergrund hat, sondern eine weiße Amerikanerin ist, und ihr Buch von einer überwiegend weißen Verlagsbranche für ein überwiegend weißes Publikum in Position gebracht wurde.” Nur stimmt das so leider gar nicht, denn die Einwände in den heftigen Kritiken waren überwiegend ästhetisch. Kein Grund für die SZ nicht trotzdem als Vergleichsfälle Brechts “Der gute Mensch von Sezuan” und Kleists “Verlobung in Santo Domingo” anzuführen. Denn die dürften nach den neu geschaffenen Maßstäben der Identitätspolitik ja dann auch nicht mehr erscheinen etc. Inzwischen ließe sich komfortabel eine Bibliothek der Bücher zusammenstellen, von denen schon gesagt wurde, dass sie wegen “Politischer Korrektheit” heute nicht mehr erscheinen könnten. Hannes Stein nennt in seinem schlecht gelaunten Bericht über die Kontroverse um American Dirt, dessen Prosa er übrigens “makellos” findet, noch folgende Werke, die heute nicht mehr hätten publiziert werden können: Das Leben der Anderen (weil von einem Westdeutschen), Macbeth (weil von einem Nicht-Schotten) und dann noch was von Werfel und Heine (because why not). Diese faule Bibliographie zeigt vor allem, dass der Autor das Problem nicht verstanden hat, und auch nicht verstehen will. Sein Fazit ist wenigstens ehrlich: “Aber warum müssen wir solche Debatten über Literatur überhaupt führen?”

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Viel interessanter ist dabei noch, dass inzwischen auch Insider aus der Verlagsbranche in den USA eingestehen, was zu befürchten war, nämlich, dass der Roman vermutlich keinen Skandal ausgelöst hätte, wenn er als das vermarktet worden wäre, was er offenbar ist: ein reißerischer Unterhaltungsroman, der hauptsächlich auf Effekt zielt – oder wie es der Assistant Editor des Verlags Flatiron ausdrückte: “You can’t be Twitter woke and Walmart ambitious.” Die Kontroverse war offenbar erwartet worden und man hatte kalkuliert, ob es das Risiko wert sein würde. Die Antwort ist auf 400 Seiten mit floralem Stacheldraht-Cover zu bewundern.

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Wie man ja weiß, dreht sich gerade bei Rowohlt mal wieder das Personalkarussell, auf Florian Illies folgt Nicola Bartels. Auf einen Mann, der keine Lust mehr hat, folgt eine Frau – so weit so gut. Wie fest die Rollenzuschreibungen trotz allem bei manchen auf die Innenseite der Stirn geschrieben stehen, durfte man kurz darauf im Spiegel beobachten. Dort war von Illies als dem Mann mit “bildungsbürgerlicher Prägung” die Rede, vermutlich weil der zwei Bücher verfasst hat, die als Klolektüre in jedem Haushalt liegen. Hingegen: Nicola Bartels ist für den Spiegel die Frau, die Bastei Lübbe geleitet hat, ein Name, der “geradezu ein Synonym für leichte Unterhaltungsliteratur” sei. Bildungsbürgerlicher Autor geht also und die Frau für seichte Unterhaltungsliteratur kommt – schön, wenn Weltbilder so einfach sind.

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Dabei ist es doch erst einmal lobenswert, wenn sich in Deutschland das tut, was Großbritannien offenbar bereits geschafft hat. Die Studie “Diversity of UK publishing workforce detailed in extensive survey” der in London ansässigen Publishers Association hat herausgefunden, dass 2019 54% der Führungspositionen und auf Geschäftsführungsebene von Frauen besetzt  waren (56% in leitenden Führungspositionen und 48% auf der Führungsebene). Es scheint doch zu gehen.

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Die Welt witterte Skandalöses hinter der Tatsache, dass der neue Roman des inzwischen von weit rechts winkenden Schriftstellers Uwe Tellkamp nicht schon dieses Jahr bei Suhrkamp erscheinen sollte. Und nicht nur in der Welt wurde gemunkelt, dass der renommierte Verlag vielleicht mit dem neuesten Werk Tellkamps nicht einverstanden sei. Das Wort “Zensur” steht im Raum. Ganz abgesehen davon, dass Tellkamp mit aller Wahrscheinlichkeit  einen Verlag für seinen neuen Roman Lava finden wird und dass dieser Verlag vermutlich Suhrkamp sein wird, stellte sich heraus, dass das Buch wohl einfach noch nicht fertig lektoriert und gar noch nicht fertig geschrieben war. Was die Welt jedoch nicht davon abhielt schnappatmend einige Menschen (die “Intellektuellen” nämlich), nach ihrer Meinung zu “Suhrkamps Dilemma” zu befragen, was man jedoch nicht lesen konnte, außer man hätte dem Springer-Verlag 10€ im Monat bezahlt, um zu erfahren was beispielsweise Rüdiger Safranski dazu zu sagen hat – und wer will das schon. Wir dagegen haben 700 Intellektuelle gefragt, was sie zu der Welt-Aktion zu sagen haben, aber was das ist, kann man erst lesen, wenn man 54Books+ abonniert hat.

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Der True Crime Hype ist aus den USA mittlerweile erfolgreich nach Deutschland geschwappt und alle spielen bei der journalistischen Vergoldung von schnödem Voyeurismus mit. Auch der Stern hat keinerlei Probleme damit, einen amerikanischen Artikel von 1993 (!) übersetzen zu lassen und ihn dem gierigen Publikum als frische Ware zu präsentieren. Wir dürfen gespannt sein, aus welchen Archiven noch “lange, hervorragende und sensibel erzählte Geschichten” ausgegraben werden, um die Gruselwollust des Publikums zu kitzeln. Denn wie absurd der Publikumshunger nach den vermeintlich wahren schaurig-schönen Gewaltverbrechen inzwischen ist, zeigt auch ein Blick in die Podcast-Sparte auf Spotify. Dort präsentieren ARD, ZDF und funk die beiden Podcasterinnen “Paulina und Laura” seltsam sexualisiert auf dem Cover eines Podcasts, der zu allem Überfluss auch noch “Mordlust” heißt. Während hier über die Hintergründe von Morden gesprochen werden soll, informiert der grinsende Philipp in “Verbrechen von Nebenan” über “True Crime in der Nachbarschaft” – von den Öffentlich-Rechtlichen, über Zeit und Stern, alle sind dabei beim wohligen Palaver über Femizide, Sektenmorde und den Killer aus der Nachbarschaft.

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Unsere Kultur lässt uns nichts in Würde vergessen. Erfreulich still war es etwa um die Ultraromantik, bis dieser Tage plötzlich Leonhard Hieronymi – Verfasser des zugehörigen, im Korbinian-Verlag herausgegebenen, Manifestes – wieder mit einem Essay in der SZ auftauchte. Die intertextuellen Referenzen aus dem Text lesen sich wie ein Panini-Album gepflegter Herrenkultur: Chatwin, Herzog, Rimbaud, Buddha, Meister Eckhart, Helmut Newton (Jodie Foster darf als Objekt eines Bildes von Newton immerhin als Metapher für den Verfall der Literatur stehen). Mit literaturhistorisch geschultem Blick wundert man sich etwas über einige der breitbeinig aufgestellten Behauptungen, besonders über die erstaunlich blinden Flecken in Bezug auf Literatur der 90er, die jenseits von Pop-Literatur, Crichton und Grisham stattfand. Der wirr-assoziativ geschriebene, aber mit großer Pose präsentierte Text, steigert sich dann zu einem Rant gegen erzählerische Linearität und amerikanische Popkultur, was sich liest, wie der dritte Aufguss eines Teebeutels mit Literaturtheorie der Postmoderne. Zu diesem Gefühl von Regress passt es, dass einem jungen Mann derart viel Platz für seine halbgaren Gedanken eingeräumt wird. (Wieviel lieber hätte man stattdessen einen Essay von Enis Maci gelesen, die zumindest auch von Hieronymi zitiert wird). Der Verfasser des Essays wird übrigens mit der steilen Behauptung vorgestellt: “Dass es sich bei [Hieronymis] ‘Formalin’ um die beste Kurzgeschichte handelt, die in jenem Jahr [2017] in deutscher Sprache erschienen ist, wird heute kaum mehr bestritten.” Diese Behauptung ist gleichermaßen frech und zutreffend. Niemand bestreitet das, und niemand kann es bestreiten, denn niemand hat die Erzählung gelesen. […] [Aus einem Interview mit den Hieronymi-Verlegern vom Korbinian Verlag: “Bei „Ultraromantik“ von Leonhard Hieronymi, dem ersten Buch von uns das in den Feuilletons kursierte, war es so, dass er dieses aus 15 Punkten bestehende Manifest geschrieben hatte, aber gar nicht von alleine darauf gekommen ist, uns das als Buchidee vorzuschlagen. Eine Verkettung günstiger Umstände führte dazu. Wir wurden damals von Felix Stephan interviewt, der mittlerweile bei der Süddeutschen Zeitung ist, damals aber noch für die Literarischen Welt schrieb, und dem hatte Leo das Manifest auf den Tisch gelegt. Ein paar Wochen später waren wir alle zusammen zu siebt in Leipzig in einer Air BnB-Unterkunft für drei Leute und dann…”]

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Der Autor Till Raether stickt Plattencover, aktuell “Prefab Sprout – Andromeda Heights”. Wunderschön!

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Noch bis März kann man in der Arte-Mediathek eine Dokumentation sehen, die es in sich hat: die junge saudi-arabische Dichterin Hissa Hilal trat 2010 mit kritischen Gedichten bei der Fernsehshow Million’s Poet in den Vereinigten Arabischen Emiraten an, die Reality TV Show ist eine der erfolgreichsten Fernsehsendungen der Region und vergibt Preisgelder in Millionenhöhe. Hissa Hilal gewann zwar nicht, riskierte aber ihr Leben für die Lyrik. Dass ihre Lyrik noch nicht auf Deutsch erschienen ist, verwundert uns leider nicht, aber wir würden sie gerne lesen. Und ganz nebenbei haben wir hier auch noch einen Vorschlag gefunden, was man anstatt des wieder aufgegossenen Literarischen Quartetts hätte produzieren können: einen guten alten Dichterwettstreit, gepaart mit einer dicken Menge Entertainment. (Danke an Nadire Y. Biskin für den Hinweis)

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Zu allem Überfluss ist im Februar auch noch Karneval und als ernsthaftes Literaturportal haben wir noch schnell herausgesucht, ob man “Schriftsteller” als Kostüm kaufen kann. Antwort: Man kann, sieht dann zwar aus wie ein Polyester-Shakespeare, aber zumindest liest sich die Produktbeschreibung selbst wie Poesie. (“Es ist ein kostüm exklusive Atosa. mit große menge ornamentacion Es ist. QUALITÄT pasamaners und texturen. Alle die endungen und kanten sind gut”).  Für “Kostüm Schriftstellerin” gab es – wer hätte das ahnen können – übrigens kaum Resultate.

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„Wir sind uns unserer Verantwortung als Deutschlands größte Publikumsverlagsgruppe bewusst und wollen konsequent die ökologische Wende im Verlagswesen vorantreiben, indem wir unseren CO2-Ausstoß nachhaltig reduzieren“, sagt Random House CEO Thomas Rathnow. Die Verlagsgruppe will den Anteil klimaneutral produzierter Titel jährlich um 20% steigern. Das passt gut zum Start des neuen Sachbuch Paperback Programms beim Random House Verlag Goldmann, bei dem man “gesellschaftlich prägende und sich neu entwickelnde Trend- und Zeitgeistthemen für ein wachsendes Lesepublikum veröffentlichen” möchte. Dieser Ausstoß an Produkten wird dann wohl wieder klimamäßig neutralisiert. Ist es das, wovor Rüdiger Safranski gewarnt hat, als er befürchtete “Bald wird vielleicht auch die Kunst unterm Gesichtspunkt des ökologischen Fußabdrucks gesehen.”

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Wo gezählt wird, da entstehen Daten, und diese Daten erzählen eine Geschichte. Zum Beispiel, dass die Kolumnenplätze im Printteil großer Zeitungen und Magazine nach wie vor überwiegend männlich besetzt sind. Das hat Julia Karnick in einem umsichtigen und klugen Text auf ihrem Blog herausgefunden, der von dort aus rege Verbreitung im Internet fand und schließlich über ein Interview mit der taz wieder im Print landete. Dort wiederholt Karnick noch einmal die wichtigste These, die aus der Interpretation der Zahlen abgeleitet wurde. Bei der Frage nach der Form (Kolumne) geht es um Macht: “Natürlich gibt es andere relevante Formate. Aber Kolumnen waren schon immer Aushängeschilder. Da steht jemand mit Gesicht, Namen, Stil und seiner Haltung für ein Medium.”

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Am 29. Januar ist Christoph Meckel gestorben. In der FAZ erinnert sein Lektor Wolfgang Matz in einem kurzen Nachruf an ihn. “Die frühe Entscheidung für die Kunst hat er mit störrischem Eigensinn durchgehalten.” Auch in anderen Medien wurde Meckel mit ausführlichen Nachrufen bedacht. Die große Bestseller-Queen Mary Higgins Clark verstarb am 1. Februar. Einen wirklich ausführlichen Nachruf, mit Würdigung des umfangreichen Werks der global erfolgreichen Krimi- und Thrillerautorin und einer literaturkritischen und zeithistorischen Einordnung haben wir leider nicht gefunden. Zumindest war sie in vielen Medien mit einer Meldung vertreten. Am 17. Februar ist außerdem Ror Wolf verstorben, es gab zahlreiche Nachrufe und auch auf Twitter wurde mit vielen Tweets an ihn erinnert.

Der Wunsch sich selbst zu gestalten – Das Tagebuch der Marie Bashkirtseff

Von Magda Birkmann

 

Im Jahr 1882 forderte der französische Schriftsteller Edmond de Goncourt seine Leserinnen im Vorwort seines Romans La Faustin auf, ihm authentische Zeugnisse ihres Lebens und ihrer Empfindungen – in der Form von Tagebüchern, Erinnerungen und Lebensbeichten – zukommen zu lassen:

„Die Enthüllung zarter Gefühle und feiner Keuschheit, ja, die ganze unbekannte Weibhaftigkeit auf dem Grund der Frau, die den Ehemännern und selbst den Liebhabern zeitlebens verborgen bleibt […], das ist es, was ich verlange.“

Mit dieser ungewöhnlichen Bitte bereitete de Goncourt bereits sein nächstes Romanprojekt vor, welches „einfach die psychologische und physiologische Studie eines jungen Mädchens“ werden sollte, „ein Roman, der auf Zeugnissen des menschlichen Lebens errichtet wird.“ Zwei Jahre später entstand daraus der naturalistische Roman Chérie, der das Innenleben der gleichnamigen Protagonistin minutiös nachzeichnet.
Die Entstehungsgeschichte dieses Romans war es wohl, die eine junge russische Malerin namens Marie Bashkirtseff im Jahr 1884 dazu ermutigte, sich mit einem Brief an Edmond de Goncourt zu wenden:

„Monsieur. Wie jedermann habe auch ich “Chérie” gelesen, und, unter uns gesagt, das Buch ist voller Banalitäten. Diejenige, die die Kühnheit besitzt, Ihnen zu schreiben, ist ein Mädchen, das in einem reichen, eleganten, manchmal exzentrischen Milieu aufgewachsen ist. Dieses Mädchen, das seit vier Monaten 23 Jahre alt ist, ist gebildet, künstlerisch begabt und anspruchsvoll. Sie ist im Besitz von Heften, in denen sie seit dem 12. Lebensjahr Tag für Tag ihre Eindrücke aufgezeichnet hat. Nichts wurde darin verheimlicht. Das fragliche Mädchen verfügt im übrigen über einen Stolz, der bewirkt, dass sie sich in ihren Notizen ganz und gar zur Schau stellt. […] Ihr scheint es interessant, Ihnen dies Tagebuch zukommen zu lassen.“

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Marie Bashkirtseff

Da Marie Bashkirtseff sich zu diesem Zeitpunkt bereits im Endstadium einer langjährigen Tuberkuloseerkrankung befand und sich der Tatsache bewusst war, dass sie nicht mehr lange zu leben hatte, sah sie in der Veröffentlichung ihres privaten Tagebuchs die einzige ihr verbleibende Möglichkeit, ihren sehnlichsten Wunsch zu erfüllen: Sie wollte berühmt werden, und das um jeden Preis. Am 31. Oktober desselben Jahres erlag Marie Bashkirtseff der Schwindsucht – ihr Brief an Edmond de Goncourt blieb unbeantwortet. Doch auch ohne die Unterstützung des berühmten Literaten fand das Tagebuch der Marie Bashkirtseff wenige Jahre nach ihrem Tod den Weg in die Öffentlichkeit, die es mit Begeisterung aufnahm: In ganz Europa entstand um die Jahrhundertwende ein regelrechter Bashkirtseff-Kult.

Selbsterzählung statt moralischer Gewissensprüfung

Das Tagebuchschreiben gilt im 19. und frühen 20. Jahrhundert als eine weiblich dominierte Praxis, dennoch sticht Marie Bashkirtseffs Tagebuch aus mehreren Gründen aus der Masse an Journaux intimes junger Frauen heraus. Bei den meisten dieser überlieferten Tagebücher handelt es sich um religiös und moralisch motivierte Texte. Als Teil einer verbreiteten Erziehungspraxis für Mädchen wurden sie von Erzieher*innen und Eltern nicht nur angeregt, sondern teilweise auch kontrolliert. Indem sie sich schreibend einer moralischen Gewissensprüfung unterzogen, sollten junge bürgerliche Mädchen die vorherrschenden gesellschaftlichen Normen und Werte verinnerlichen. Statt einer intimen Selbstbetrachtung diente das Tagebuch vielmehr der Austreibung eines individuellen Ichs.
Nicht so im Schreiben von Marie Bashkirtseff, hier kann von einer Ich-Austreibung kaum die Rede sein:

„Ich kenne jemanden, der sein ganzes Leben hingeben möchte, um mich glücklicher zu machen, der auch alles tun wird für mich und der Erfolg haben wird, jemand, der mich nie verraten wird, obgleich er mich schon einmal verriet. Und dieser jemand bin ich selbst!“

Grundsätzlich galt ein Tagebuch im 19. Jahrhundert nur aus zwei Gründen als publikationswürdig: entweder, weil es als biographische Illustration zum bereits kanonisierten Werk eines Künstlers gelesen werden konnte oder, weil es als Erbauungs- bzw. Erziehungsschrift für junge Mädchen Verwendung fand, wie beispielsweise die Tagebücher Eugénie de Guérins (1855) oder Marie-Edmée Paus (1876). Von den wenigen Tagebüchern, die vor Marie Bashkirtseffs Journal überhaupt veröffentlicht wurden, war vermutlich keines mit der Absicht, es zu publizieren, verfasst worden.

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Beim Buchlesen (Marie Bashkirtseff, ca. 1882)

Anders Marie Bashkirtseff – im Mai 1884, im fortgeschrittenen Stadium ihrer Tuberkuloseerkrankung, entwirft die junge Künstlerin ein Vorwort für ihr Tagebuch, das vehement ihren Wunsch es zu veröffentlichen ausdrückt und diesen Wunsch vor den zukünftigen Leser*innen verteidigt:

„Wozu lügen und sich verstellen? Ja, es ist offensichtlich, dass ich den Wunsch, wenn nicht gar die Hoffnung habe, auf dieser Erde zu bleiben, durch welches Mittel es auch sei. Falls ich nicht jung sterbe, hoffe ich, als große Künstlerin zu überleben, aber wenn ich doch jung sterbe, dann will ich mein Tagebuch veröffentlichen, das nicht anders als interessant sein kann.“

Marie befürchtet, dass diese explizit geäußerte Veröffentlichungsabsicht ihre Leser*innen dazu verleiten könnte, die Authentizität des Geschriebenen in Frage zu stellen. Sie versucht, solch einer Lesart zuvorzukommen:

„Zuerst habe ich sehr lange geschrieben, ohne daran zu denken, je gelesen zu werden, und jetzt bin ich, gerade weil ich hoffe, gelesen zu werden, völlig aufrichtig. Wenn dieses Buch nicht die exakte, absolute, strenge Wahrheit ist, hat es keine Existenzberechtigung. […] Im übrigen halte ich mich für zu bewundernswert, um mich zu zensieren. Sie können also sicher sein, meine barmherzigen Leser, dass ich mich auf diesen Seiten ganz und gar ausbreite.“

Trotz dieser leidenschaftlichen Beschwörung eines Authentizitätsanspruchs ist aus Leser*innenperspektive Vorsicht geboten, Maries Tagebuch sollte ungeachtet ihrer vermeintlichen Offenheit nicht als vollkommen authentisches Selbstzeugnis gelesen werden. Verschiedene Strategien der bewussten Inszenierung sind bei genauer Lektüre des Journals deutlich erkennbar und Marie selbst thematisiert, dass sie in ihrem Schreiben längst nicht alles festhalten kann, was ihr durch den Kopf geht: „Zwischen all den geschriebenen Wörtern verbergen sich eine Million gedachter Dinge, nur Bruchstücke meiner Gedanken kommen zum Ausdruck.“

Sie ist sehr bedacht darauf, wie sie sich in ihrem Tagebuch darstellt, immer wieder spricht sie imaginierte Leser*innen direkt an, spielt mit den literarischen Konventionen, die ihr aus ihrer umfassenden Lektüre der Werke von Balzac, Maupassant, Dumas, Stendhal, Sand und anderen Romanciers wohlbekannt sind.  In ihrem Schreiben wird sie selbst zur Heldin ihres „Kopf-Romans“ und lässt dabei die Grenzen zwischen faktentreuer Dokumentation und Fiktionalisierung des eigenen Lebens verschwimmen. In dieser Hinsicht kann Marie Bashkirtseff durchaus als ideelle Vorreiterin des autofiktionalen Schreibens, wie es im 20. und vor allem im beginnenden 21. Jahrhundert Verbreitung findet, betrachtet werden. Angesichts ihres bewegten Lebens verwundert Maries großer Drang, sich literarisch auszudrücken, nicht weiter, denn ihre Erfahrungen fernab einer ruhigen bürgerlichen Existenz bieten reichlich Stoff für eine große Erzählung.

Ein Leben unter dem Drang nach Ruhm und Ehre

Marie Bashkirtseff wird am 24. November 1858 in Gawronzi (Gouvernement Poltawa) in der heutigen Ukraine als Tochter des adligen Grundbesitzers Constantin Bashkirtseff und dessen Frau Marie Babanine geboren. Bereits drei Jahre nach Maries Geburt trennen sich ihre Eltern, Marie wächst fortan auf dem Gut ihrer mütterlichen Großeltern auf. 1870 verlassen Marie, ihre Mutter, ihr Bruder und weitere Mitglieder der Familie Babanine Russland und unternehmen ausgedehnte Reisen nach Wien, Baden-Baden und Genf, bevor sie sich schließlich 1871 in Nizza niederlassen.

Die Verwicklungen in einen aufsehenerregenden Gerichtsprozess, in dem Maries Mutter und ihre Tante Nadine Romanoff als Erbschleicherinnen angeklagt werden, sowie die alkoholischen und gewalttätigen Exzesse von Maries Onkel Georges schmälern das Ansehen der Familie und führen dazu, dass den Bashkirtseff-Babanines der Zugang zu den höchsten Kreisen der feinen Nizzaer Gesellschaft zeit ihres Lebens verwehrt bleiben wird – zum großen Leidwesen Maries. Denn bereits als junges Mädchen sehnt Marie sich nach Ruhm und Ehre, träumt von einer Bühnenkarriere. „Ich bin geschaffen für Triumphe und Erregungen; also das Beste, was ich tun kann, ist, dass ich Sängerin werde,“ notiert sie 1873 in ihrem frisch begonnenen Tagebuch.

Der zweite große Traum ihrer Jugendjahre ist romantischer Art: Marie wähnt sich verliebt in den Herzog von Hamilton, den sie auf der Promenade von Nizza erblickt, mit dem sie jedoch noch nie auch nur ein Wort gewechselt hat. Das hindert sie allerdings nicht daran, in ihrem Tagebuch kühne Pläne zu schmieden:

„Wenn er dann ein junges Mädchen sehen wird, das den höchsten Gipfel des Ruhmes, den eine Frau erreichen kann, erklommen hat, wenn er erfährt, dass ich ihn treu seit meiner Kindheit liebe, dass ich ehrbar bin und rein, so wird ihn das in Staunen versetzen, er wird mich um jeden Preis haben wollen, und er wird mich aus Stolz heiraten. Doch, was sag‘ ich? Warum sollte er mich nicht aus Liebe heiraten?“

Doch keiner dieser kühnen Pläne soll in Erfüllung gehen, beide werden vom Schicksal vereitelt. Eine Kehlkopferkrankung raubt Marie die Singstimme und der Herzog von Hamilton, lange Zeit aus der Ferne umschwärmt, heiratet schließlich Ende 1873 eine andere. Für Marie, die mit ihren 15 Jahren mitten im Teenageralter steckt, bricht eine Welt zusammen, als sie davon erfährt:

„Das drang mir wie ein scharfes Messer in die Brust. Ich fing an, so stark zu zittern, dass ich kaum das Buch halten konnte. Ich fürchtete, ohnmächtig zu werden […] Mein Gott, rette mich von dem Übel! Herr Gott, vergib mir meine Sünden und strafe mich nicht! Es ist aus … aus! Mein Gesicht wird fahl, wenn ich daran denke, dass es aus ist.“

Vom jugendlichen Pathos, der diese Zeilen tränkt, distanziert sich sechs  Jahre später die inzwischen erwachsene, desillusionierte Künstlerin jedoch klar, dann wird sie beim Wiederlesen ihrer alten Tagebücher an den Rand notieren: „All das wegen eines Mannes, den ich ein Dutzend mal auf der Straße gesehen hatte – den ich nicht kannte, und der nichts von meiner Existenz wusste. All das hat beim Wiederlesen im Jahr 1880 überhaupt keine Wirkung auf mich.“

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Der Regenschirm (Marie Bashkirtseff, 1883)

Und tatsächlich findet Marie in den folgenden Jahren schnell Ablenkung auf zahlreichen Reisen nach Paris, Spa, Ostende, London, Florenz, Rom und Neapel, die vor allem durch diverse Flirts und Schwärmereien gekennzeichnet sind. Letztendlich werden sie jedoch alle folgenlos bleiben.

1874 tauchen bei ihr erste Anzeichen einer Tuberkuloseerkrankung auf, auch wenn zu diesem Zeitpunkt weder Marie selbst noch ihre Familie den Ernst der Lage erkennen: „Ich bin so fröhlich, dass es mir seltsam vorkommt. Vielleicht habe ich in der linken Brust Krebs, denn von Zeit zu Zeit habe ich Schmerzen. Ich habe Mama ernsthaft davon unterrichtet, aber sie sagt das sei Unsinn.“ Nach wie vor ist Marie hauptsächlich auf ein Ziel fixiert:

„Heiraten und Kinder bekommen! Das kann ja jede Waschfrau! […] Was will ich denn eigentlich? Oh, ihr wisst es ja. Ich will Ruhm!“ Doch wie berühmt werden? Die Ungeduld nagt an der jungen Frau : „Ich bin achtzehn Jahre alt. […] Mit achtzehn Jahren müsste ich schon damit begonnen haben, berühmt zu werden.“

“Was die Männer ganz einfach haben können.”

Doch als Frau im 19. Jahrhundert bleiben ihr viele Wege versperrt, besonders, als sie sich 1877 der bildenden Kunst zuwendet. Frauen dürfen sich nicht an der berühmten staatlichen Kunstakademie École des Beaux-Arts in Paris einschreiben, ihr bleibt daher nur die Anmeldung an der privaten Académie Julian, um ein Kunststudium aufzunehmen. Diese entmutigende Erfahrung führt dazu, dass sie im Dezember 1880 – als große Ausnahme in ihrem Umfeld – dem von Hubertine Auclert gegründeten Verein Le Droit des Femmes beitritt und unter dem Pseudonym Pauline Orell Artikel für die feministische Zeitschrift La Citoyenne verfasst, in denen sie die institutionellen Ausschlüsse und Anfeindungen von Frauen in der Kunstwelt anprangert:

„Es gibt keine [Gründe, Frauen nicht in die Ecole des Beaux-Arts aufzunehmen], man hat noch niemals darüber nachgedacht, und das ist alles. Folglich verkündet Ihr laut, stärker, intelligenter, begabter als wir zu sein, und Ihr nehmt für Euch allein eine der schönsten Schulen der Welt in Anspruch, in der alle Förderungen an Euch verschwendet werden. […] was wir brauchen, ist die gleiche Möglichkeit zu arbeiten wie die Männer und nicht das Aufbringen von größten Anstrengungen, um das zu erreichen, was die Männer ganz einfach haben können.“

Auch in ihrem Tagebuch klagt Marie immer wieder über die Einschränkungen, die ihr als Frau auferlegt werden:

„Oh! wie sind die Frauen zu bedauern! Männer sind wenigstens frei. Völlige Unabhängigkeit im Alltagsleben, die Freiheit zu kommen und zu gehen, auszugehen, im Theater oder zu Hause zu Abend zu essen, zu Fuß in den Wald oder ins Café zu gehen. Diese Freiheit macht schon die Hälfte einer Begabung aus und drei Viertel des… normalen Glücks.“

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Das Treffen (Marie Bashkirtseff, 1884)

Aber Marie zeigt Talent und besitzt Ehrgeiz. Mehrere ihrer Gemälde werden im berühmten Pariser Salon ausgestellt. Doch der Traum vom ganz großen Ruhm bleibt noch immer unerfüllt, und langsam läuft ihr die Zeit davon. Von einer Reise nach Spanien kehrt Marie im Oktober 1881 schwerkrank nach Paris zurück, im Laufe der nächsten Jahre verschlimmern sich ihre Symptome immer mehr. Marie gibt sich aber dennoch voll und ganz ihrem künstlerischen Schaffen hin, verausgabt sich immer wieder, ungeachtet ihres immer schlechter werdenden Gesundheitszustands. Doch immer häufiger schleicht sich auch die Verzweiflung in Maries Schreiben ein: „Mein Leben ist nichts wert, und nichts lässt mich daran festhalten. […] Ich weiß nicht länger, was ich tun soll. Ein neues Bild wird mir wieder Lebensmut schenken, aber bis dahin fühle ich mich verloren!“

Am 20. Oktober 1884 nimmt Marie die letzte Eintragung in ihrem Tagebuch vor: „Seit zwei Tagen steht mein Bett im Salon, aber da es sehr groß ist und Paravents, Puffe und das Klavier darum herum stehen, fällt es nicht auf. Es fällt mir zu schwer, die Treppe zu steigen.“ Sie stirbt elf Tage später am 31. Oktober.

Zur Femme Fragile gemacht

Mit Maries Tod beginnen die Legendenbildungen – und die Schmähungen. 1887 gibt André Theuriet im Auftrag von Maries Mutter eine erste Edition des Tagebuchs heraus, in der jedoch etwa die Hälfte des Textes radikalen Kürzungen zum Opfer gefallen ist. Nicht nur wird Marie darin als fast zwei Jahre jünger dargestellt, als sie tatsächlich war, Theuriets Eingriffe entschärfen außerdem ihren Stil und ihre Sprache und dämmen ihr Temperament stark ein. Der Herausgeber zensiert Hinweise auf Maries kompromittierende familiäre Situation und schwächt Erwähnungen ihrer verheerenden Krankheit ab, schreibt sogar ganze Passagen komplett um.

Dennoch ist der Erfolg dieser ersten Ausgabe so beachtlich, dass 1891 eine nicht minder fragwürdige Edition ihrer Briefe folgt. Verehrer*innen pilgern fortan zu Maries pompösem Mausoleum auf dem Pariser Künstler*innenfriedhof Passy, Sammler*innen streiten sich um die zahlreichen Photographien, die Marie im Laufe ihres Lebens hat anfertigen lassen. 1925 erscheinen die von Pierre Borel herausgegebenen Cahiers intimes inédits, die behaupten, alles bisher Ungesagte zu offenbaren, in die aber kaum weniger Eingriffe vorgenommen wurden als in Theuriets Edition. Ein 1935 gedrehter österreichischer Spielfilm wird zum Skandal, weil darin Marie als die Geliebte von Guy de Maupassant dargestellt wird.

Schriftsteller*innen wie Henri Bataille und Mrs Humphry Ward bedienen sich ihrer Geschichte als Inspiration für ihre eigenen tragischen Protagonistinnen und auch der deutsche Dramatiker Ferdinand Bruckner veröffentlicht 1935 einen schwülstigen biografischen Roman über Marie mit dem Titel Mussia. Und so verfestigt sich nach und nach das romantische Bild der schönen, kindlichen, tugendhaften, unberührten Schwindsüchtigen, die im Leben zwar ein wenig zu viel gewollt hat, deren viel zu früher Tod sie aber als reiner und unschuldiger Engel in der Vorstellung der Nachwelt fortleben lässt.

Doch selbst dieses geglättete Bild Marie Bashkirtseffs steht immer noch in einem starken Kontrast zu dem Idealbild der jeune fille, wie es im späten 19. Jahrhundert beispielsweise in Benimmbüchern für bürgerliche Frauen propagiert wurde:

„Ein wohlerzogenes Mädchen schaut sich niemals nach jemandem auf der Straße um. […] Weder in der Öffentlichkeit noch im Hause trägt sie außergewöhnliche oder exzentrische Kleidung und verzichtet auf jede auffällige Farbe, die ‚die Blicke anzieht‘. Der Ton ihrer Stimme ist weder laut noch leise, weder schleppend noch schroff oder schrill. Sie spricht ganz natürlich, mit einer ordentlichen, weder zu tiefen noch zu hohen Stimme. Sie enthält sich jeder Überspanntheit in der Konversation […] Sie vermeidet unbändiges Lachen, indem sie sich daran gewöhnt, ihre Gefühle zu beherrschen.“

Marie dagegen zeigt sich in ihrem Tagebuch keinesfalls bescheiden und zurückhaltend, sondern stellt sich überaus extravagant und fordernd dar. Sie liebt es, mit ihren selbst entworfenen Outfits die Blicke im Theater und auf der Promenade auf sich zu ziehen, außerdem sieht sie sich gern nach Männern um und äußert in ihrem Tagebuch auf für ihre Zeit explizite Art ihre sexuellen Wünsche. Auch ihre häufigen Wutausbrüche und Stimmungsschwankungen, die sie gewissenhaft dokumentiert, entsprechen ebenso wenig dem gesellschaftlich akzeptierten Bild einer wohlerzogenen jungen Dame wie Maries grenzenloser Ehrgeiz und ihr Überzeugtsein von der eigenen Besonderheit: „Ich will Cäsar sein, Augustus, Marc-Aurel, Caracalla, der Teufel, der Papst!“

Die Offenheit und Nonchalance, die Bashkirtseff in ihrem Tagebuch an den Tag legt, rufen vernichtende Kritiken an Maries Person auf den Plan. Simone de Beauvoir sieht in Marie den Prototyp der weiblichen Narzisstin, die sich durch Entfremdung in ein „imaginäres Double“ selbst vernichtet und ihre Leidenschaft für die Kunst nur gespielt habe. Der englische Reformer William Stead ist so schockiert von Maries mangelnder weiblicher Demut, dass er sie gar zur “antithesis of the true woman” erklärt und fürchtet, dass sich andere junge Frauen an ihr ein Beispiel nehmen könnten.

Und Stead liegt richtig: Maries unerschrockene Selbstdarstellung als Künstlerin birgt ein hohes Identifikationspotenzial für spätere Künstlerinnen und Schriftstellerinnen. In ihren eigenen Tagebüchern, von denen einige später ebenfalls große Bekanntheit erreichen werden, halten sie den großen Einfluss fest, den die Lektüre des Journals auf ihr Denken und Schaffen hat. So berichtet Franziska zu Reventlow im Jahr 1901: „Ich lese Marie Bashkirtseff, das möchte die einzige Frau gewesen sein, mit der ich mich ganz verstanden hätte, vor allem auch in der Angst, etwas vom Leben zu verlieren und vor dem unerhörten Prügelbekommen vom Schicksal.“

Auch Anaïs Nin ist tief beeindruckt von ihrer Lektüre, am 23. September 1921 schreibt sie in ihr Tagebuch: „There are things [Marie Bashkirtseff] says that are reflected word for word here in my own diary. It’s enough to make me think I am mad and that I copied them – or else that Marie’s soul has been reincarnated in me.“

Für den verzerrten Mythos von Marie Bashkirtseff als tragischer, engelsgleicher Kindfrau zeichnet größtenteils die Rezeption ihres Tagebuchs durch männliche Leser und Kritiker verantwortlich. Wir verdanken es der Arbeit und Recherche von Frauen, dass wir heute ein verlässlicheres Bild von Bashkirtseffs Leben und Werk haben. Deutschen Leser*innen bleibt aber ein authentischer Eindruck davon, wie sich Marie Bashkirtseff in ihrem Tagebuch selbst präsentierte, bis heute vorenthalten. Es wird höchste Zeit für eine unverfälschte Neuübersetzung.

Anmerkung:
Doris Langley Moore verfasste 1966 die erste Biographie Marie Bashkirtseffs, die auf einer Lektüre der originalen Tagebuchmanuskripte anstatt auf den verfälschten Editionen Theuriets und Borels aufbaut – sie behandelt allerdings hauptsächlich das Jahr 1873 und Maries Schwärmerei für den Herzog von Hamilton. Colette Cosnier machte mit ihrer 1985 erschienenen Biographie „Marie Bashkirtseff – Un Portrait sans retouches“ erstmals ein breites Publikum auf das verfälschte Bild, das bis zu diesem Zeitpunkt von Marie Bashkirtseff kursierte, aufmerksam. In Frankreich ist inzwischen dank der Bemühungen des „Cercle des Amis de Marie Bashkirtseff“ eine vollständige Transkiption aller 103 Tagebuchmanuskripte, die sich im Besitz der Französischen Nationalbibliothek befinden, erschienen. Englische Leser*innen können seit einigen Jahren auf eine zweibändige Übersetzung der Tagebücher von Phyllis und Katherine Kernberger zurückgreifen, die im Gegensatz zu den früheren englischen Übersetzungen nicht auf Theuriets Edition, sondern auf den Originalmanuskripten basiert. In deutscher Sprache dagegen ist Bashkirtseffs Tagebuch noch nie in einer unzensierten Version erschienen. Die letzte deutsche Ausgabe von 1983, seit Jahren vergriffen, basiert auf der ersten deutschen Übersetzung von Lothar Schmidt aus dem Jahr 1897 und setzt die massiven Eingriffe in den Text, die Bashkirtseffs erster Herausgeber Theuriet vornahm, nicht nur fort, sondern wurde sogar gegenüber der Ausgabe von 1897 noch weiter gekürzt.

[Kolumne] Würgers Würste – Geschichte einer Obsession

Dies ist die Geschichte eines Reporters und seiner Obsession. Einer sehr stereotypen Obsession. Es geht um nichts anderes als um die Wurst. Aber der Reihe nach. Schon Otto von Bismarck soll angeblich den Satz gesagt haben: “Gesetze sind wie Würste, man sollte besser nicht dabei sein, wenn sie gemacht werden.“ Doch wie es bei etlichen Zitaten, die historischen Persönlichkeiten zugesprochen werden, der Fall ist, so muss man auch hier feststellen, dass es sich leider nur um eine Legende handelt.

Der Journalist und Romanautor Takis Würger hingegen hat wirklich eine besondere Vorliebe für Würste, man könnte gar sagen eine Besessenheit.

Als Reporter ist er angewiesen auf sprachliche Bilder, die ein Gespür für die Szenerie vermitteln. Und Würger sieht es so: Reporter*innen werfen „ihre Protagonisten in die Wurstmaschine, ob sie [wollen] oder nicht, weil die Wurstmaschine der einzige Weg zu einer Reportage ist.“ Dieser Satz aus Würgers Porträt der amerikanischen Reporterin Lisa Taddeo vom 04. Januar 2020 irritiert erst einmal. Woher diese seltsame Metapher? Wenige Tage später ein weiteres Porträt aus Würgers Feder, diesmal über die Bestsellerautorin Rita Falk, die Krimis schreibt, die in kleinbürgerlichen deutschen Dörfern spielen, der Titel: Wurstliteratur. Kann das Zufall sein? Nur wenige Tage darauf sprach Würger im Podcast Quatschen mit Soße der Zeitschrift Essen & Trinken über seine „Gier nach Currywurst“ . Es ist kein Zufall! Eine Recherche im Zeitungsarchiv verrät: Würste und Würger – das gehört zusammen.

Die Wurst – eine absolute Metapher?

Kaum ein anderes Lebensmittel ist so sehr eine Metapher für Deutschsein. Vielleicht ist es das Grobe, das in dem Akt des Pressens von zermahlenem Fleisch in die Haut steckt, vielleicht aber auch das Eingeengte der Wurstmasse in der Haut, die wenig elegante Form oder der Klang des Wortes allein: Das tief im Hals ansetzende U, das in den Konsonantencluster aus zwei Reibelauten und einem Verschlusslaut übergeht – aus irgendeinem Grund ist die Wurst das stereotype deutsche Lebensmittel schlechthin. Und um die metaphorische Kraft weiß Takis Würger natürlich. Wie hier in der Reportage Mein Monat mit den Menschen von Clausnitz:

„Was also bleibt an Erkenntnis nach einem Monat im Erzgebirge? Es gibt kein Nazidorf. Es gibt nicht den Clausnitzer, der für alle steht. Das Einzige, was alle, die ich traf, gemeinsam haben, ist, dass sie Wurst mögen.“

Die Wurst ist hier die Gemeinschaft erzeugende Vorliebe, das überparteiliche Lebensmittel, nicht nur Nazis essen Wurst, alle Menschen in Clausnitz mögen Wurst. Der letzte Satz weist, so meint man, über die Reportage hinaus, er scheint sagen zu wollen: Du darfst deutsch sein, das macht dich noch nicht zum Rechtsradikalen – du bist gut wie du bist, iss Wurst.

Für Takis Würger ist die Wurst die perfekte Metapher, die absolute Metapher. Und Hans Blumenberg hatte Recht mit seiner Feststellung, dass manche Metaphern eine Semantik weit über das hinaus gewonnen haben, für das sie einmal standen. Absolute Metaphern geben „einer Welt Struktur, repräsentieren das nie erfahrbare, nie übersehbare Ganze der Realität.“ Und so hält es Takis Würger auch mit der Wurst:

„2 Gläser Nutella, 2 Gläser selbstgekochte Erdbeer-Rhabarber-Marmelade, 1 Büchse grobe Leberwurst, 1 Stück Speck, 1 Büchse Mandarinen, 1 Tube Senf, 1 Blutwurst, 2 Ritter Sport, 1 Brief. Es ist ein Karton gefüllt mit Deutschland. Sommerkorn schreibt seiner Mutter in einer E-Mail: Danke für das tolle Paket. Du weißt doch, dass ich keine Blutwurst esse.“

Der Soldat in der Reportage Das verschwundene Bataillon bekommt ein Fresspaket seiner Mutter und Würger erkennt zielsicher die metaphorische Qualität dieser Situation. Es ist ein Paket, das für Deutschland stehen soll, für Heimat, und wir sehen sofort, dass das Entscheidende nicht die anderen Lebensmittel sind (sie alle können in irgendeiner Form für Deutschland stehen) – was die Metapher funktionieren lässt, was die Metapher absolut macht, sind die Blutwurst und die Leberwurst. Wie auch in der Ablehnung der Blutwurst durch den jungen Soldaten vielleicht auch eine Ambivalenz zu seiner Aufgabe als Repräsentant und Verteidiger einer deutschen Kultur steckt.

Überall Würste

Hier offenbart sich auch die Vielzahl unterschiedlicher Würste, die viele Deutsche kennen. Einige Städte in Deutschland haben ihre eigene Wurstsorte und in den 90er Jahren wurden sie von einem rundgesichtigen Metzger mit glänzenden Augen im Fernsehen aufgezählt, einen Schnitt später brachte eine Mischung aus Robin Hood und Surferboy mit einem Wort die Fleischwarenverkäuferin in der Rügenwaldermühle zum Schmelzen und ritt mit einem Arm voller Würste nach Hause, Bratmaxe wurden gegrillt und dann ging TV Total, die Late-Night-Show mit dem berühmtesten deutschen Metzgersohn, weiter.

Vielleicht war es diese mediale Überpräsenz, die auch bei Takis Würger eine Obsession mit dem bei vielen Deutschen so beliebten Fleischprodukt auslöste, wie sonst hätte er seine semantische Reichhaltigkeit in Vergleichen so nutzen können wie hier:

„Ein Maßschuh hat mit einem Schuh von Tamaris oder Deichmann eigentlich nur gemeinsam, dass beide an den Füßen getragen werden. Es ist, als würde man einen Maserati mit einer Wurst auf Rädern vergleichen, beides rollt, aber damit endet die Gemeinsamkeit.“

Nichts umfasst den Kern der Geschichte der Maßschuhmacherin Saskia Wittmer so perfekt wie der hier gewählte Vergleich. Es hätte jedes Lebensmittel sein können, aber kein anderes wäre perfekt gewesen. Etwas ließ Würger spüren, das es nur die Wurst sein konnte, die das scheinbar Paradoxe an einer deutschen Frau als Maßschuhmacherin in Florenz ausdrücken und im gleichen Moment auflösen würde: Der Vergleich mit dem Wurstklischee entlarvt ein anderes Klischee als falsch. Es ist das Grobe, das Unelegante der Wurst, das hier den Unterschied und die Wurst zum perfekten Nahrungsmittel in dem Vergleich macht. Es sind dieselben charakterlichen Elemente der Wurst, mit denen Takis Würger der Pariser Philharmonie mit dem Vergleich, sie sähe aus „wie eine geplatzte Wurst aus Metall,“ in einer Reportage ein Stück der Erhabenheit nimmt, die man ansonsten sofort mit dem Gebäude verbinden würde. Würger genügt die Erwähnung einer Wurst, um ein Gebäude umzudeuten.

Die perfekte Symbiose aus faktischem Inhalt und metaphorischem Gehalt seiner Obsession aber schaffte Würger 2010 mit der Geschichte von Wolfgang Joswig: einem widerständigen DDR-Bürger, der schließlich die längste Thüringer Wurst aller Zeiten briet: „Die Wurst war für ihn Vergangenheitsbewältigung.“ Ob Würger wusste, was er tat, lässt sich nicht nachvollziehen, aber hatte nicht Christoph Schlingensief zwanzig Jahre zuvor mit dem Film Das deutsche Kettensägenmassaker, in dem eine ostdeutsche Familie nach ihrer Ausreise von Westdeutschen zu Wurst verarbeitet wird, eine metaphorische Kritik am Wendeprozess auf Zelluloid gebannt? Und jetzt übernahm die Obsession im Unterbewusstsein die Regie und die wahre Geschichte eines Widerstandes gegen das DDR-Regime, in der eine Wurst eine tragende Rolle spielte, wurde ohne das Wissen des Reporters mit dem metaphorischen Gehalt des Schlingensief-Films aufgeladen.

Auch wenn Würste für Takis Würger nicht die gleiche Bedeutung haben dürften, wie für Wolfgang Joswig, der sich gegen ein repressives System auflehnte, so sind sie doch für sein Wirken als Reporter so elementar, dass sie in mehr Texten auftauchen als hier aufgezählt werden konnten und Takis Würger ist vielleicht der erste Journalist, der ohne Zwang in einem SPIEGEL-Text das Wort „Wurstgulasch“ verwendete. Und so wie Reporter*innen ihre Protagonist*innen zu Wurst verarbeiten, verwurstet auch der Reporter Takis Würger die gleiche Metapher, den gleichen Vergleich ein ums andere mal – und da soll einer sagen, die Wurst sei nicht nachhaltig.

 

Hypnotica Studios Infinite from Toms River, New Jersey, USA [CC BY (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)]

#Leseköpfe – Was passiert in unseren Köpfen, wenn wir lesen?

Vor einigen Tagen machte ein Artikel auf Twitter die Runde, in dem es darum ging, wie sich die Gedanken bei verschiedenen Menschen darstellen. Offenbar haben nicht alle Menschen einen inneren Monolog, der ihre Gedanken verbalisiert. Davon inspiriert, begannen wir darüber zu sprechen, was in unsere Köpfen passiert, wenn wir lesen. Wie bilden sich die Geschichten ab? Laufen filmische Sequenzen vor unserem inneren Auge? Stellen wir uns das Äußere von Figuren vor? Lesen wir uns den Text mit einer inneren Stimme vor?

In einem Google-Doc haben wir versucht unsere individuellen Leseeindrücke zu verbalisieren. Das Google Doc ist offen und wir laden alle Interessierten herzlich ein, dort einen eigenen kleinen Text zu ihren inneren Leseerlebnissen zu schreiben. Zum Mitmachen bitte auf diesen Link klicken, dort das individuelle Leseerlebnis schildern und mit Namen oder Twitter-Handle unterzeichnen. Ihr könnt euer individuelles Leseerlebnis auch unter dem Hashtag #Leseköpfe teilen. Wir sind gespannt!

Hier die ersten fünf Antworten auf die Frage:

“Ich habe schon immer ein Problem damit, mir die Figuren in einem Text so vorzustellen, wie der Text das vorgibt. Irgendwo zu Beginn des ersten Bandes der Harry-Potter-Reihe wird beschrieben, dass das Haar des Ekelpakets Draco Malfoy blond ist. Das musste meinem 14-jährigen Ich aber in seiner nackten Weiterlesegier entgangen sein, denn in meinem Kopf hatte Malfoy immer schwarze Haare. Die störrische Imagination muss dann die restlichen Male, die von den blonden Haaren Malfoys die Rede war, überlesen haben. Jedenfalls bin ich aus allen Wolken gefallen, als die Filme kamen und Malfoy blond war: #notmymalfoy! Genaue visuelle Beschreibungen aller Art konkurrieren in meinem Kopf mit der Casting-Politik meiner Imagination, die sehr schnell entscheidet, wie etwas auszusehen hat. Meistens werden dafür Eindrücke aus meinem realen Erleben verwendet. Ich habe z.B. ein und dasselbe reale Haus für einige verschiedene Interieurs in Romanen. Da kann dann noch so viel über Damastvorhänge und samtene Fauteuilles geschrieben werde (Thomas Mann ist in dieser Hinsicht besonders penibel); mein Kopf hat diese Räume schon anderweitig möbliert. Das gilt wiederum auch und besonders für Figuren: In Jonathan Franzens Roman Freedom gibt es eine Figur, die immer wieder vom Aussehen her mit Muammar al-Gaddafi verglichen wird. Ich hatte für diese Figur aber von Anfang an (vollkommen unwillkürlich) einen entfernten Bekannten im Kopf. Jedes Mal, wenn Gaddafi erwähnt wurde, war das eine Irritation: Aber so sieht Richard doch gar nicht aus!”
(Johannes, @Johannes42

“Beim Lesen höre ich eigentlich immer meine eigene Stimme in meinem Kopf, die mir den Text vorliest. Dabei spielt sich allerdings kein Film vor meinem inneren Auge ab, Figuren stelle ich mir – wenn überhaupt – nur sehr verschwommen vor. Bei langen, ausführlichen Beschreibungen der Umgebung steige ich sehr schnell aus, weil ich es mir nicht richtig vorstellen kann, deshalb lese ich beispielsweise auch nur ungern Nature Writing. Eigentlich sehe ich während der Lektüre nur vereinzelte Schnappschüsse vor mir, wenn im Text etwas vorkommt, was ich schon mit eigenen Augen gesehen oder selbst erlebt habe. Kürzlich las ich zum Beispiel einen Text, in dem eine Frau eine Uferpromenade entlang geht. Erst als im Text explizit erwähnt wurde, dass es sich dabei um den Abschnitt des Themseufers kurz vor der St Paul’s Cathedral handelt, den ich selbst schon mehrmals entlanggelaufen bin, hatte ich für einen kurzen Moment ein Bild im Kopf. Im Alltag, also unabhängig vom Lesen, habe ich allerdings keine Probleme, abwesende Dinge, Orte und Personen zu visualisieren.”
(Magda, @Magdarine)

“Beim Lesen sehe ich sofort Räume oder Landschaften, ab dem ersten Satz, und passe die dann, je mehr ich darüber erfahre, laufend und problemlos an. Bei den Personen dauert das mit dem Sehen etwas länger, und sie bleiben dann eher schattenhaft und haben keine Gesichter. Hände stelle ich mir sehr bildlich vor, sofern sie beschrieben werden (z.B. so ein bisschen eine Marotte von Min Jin Lee, „Pachinko“, „Ein einfaches Leben“, das ich gerade lese). Ein Buch hat für mich eine Farbe, die wie so ein Filter (wie das Sepia in Til-Schweiger-Komödien) über allem liegt. Früher hat sich diese Farbe leider oft nach dem Umschlagmotiv oder dem Einband gerichtet, darum bin ich sehr froh über die Reizarmut des eReaders und lese viel lieber darauf. Obwohl die Figuren unscharf sind (was ich nicht als Mangel empfinde), sehe ich Szenen beim Lesen vor mir, was mich manchmal von der Sprache ablenkt. Wenn die Sprache sehr schlecht ist, wirkt sich das allerdings auf dieses Filmische aus: Dan Browns „Da Vinci Code“ konnte ich nicht weiterlesen, weil es vor meinem Leseauge ablief wie eine völlig bizarre Slapstick-Komödie in grellen Primärfarben. Wenn ich eine Verfilmung sehe, existiert mein innerer Film unabhängig davon weiter und wird nicht überschrieben, und bei der Verfilmung stören mich keine Abweichungen von meiner Erwartung, es ist für mich völlig getrennt von meinem Leseerleben.”
(Till, @TillRaether)

“Die 3 Hexen. Sehe eine rauhe, felsige Landschaft, braun grün grau. Heide. Gewitter. Hexen-Talk.
In der Ferne taucht der Kopf eines Mannes auf, der einen albernen Blechhut trägt. Dschinghis Khan-Auftritt im Fernsehen der 80er. Die Hexen. Warum stelle ich mir Hexen immer entweder alt, hässlich, krummnasig und warzig oder aber jung und schön vor. Ha, ja warum wohl. Hurlyburly schönes Wort. Überhaupt viele schöne Wörter, grosse Liebe für S.  Höre unter den Hexen immer die Stimme von Ted Hughes, wie er „double double toil and trouble“ sagt. Diese Vorliebe von Konsonanten, möglichst rollen und grollend vorgetragen bei ihm, das ist sehr eindrucksvoll und dramatisch, aber Vokale sind mein jam. Etwa Joe Henry am Ende von Sign, „who trailed a strand of braided hair across the back rail of her chair“. Immer das Scheiss-Musending. Jetzt ein kahler Seminarraum mit einem Literaturdozenten, der mit dem Zeigefinger wackelt und „Kitsch“ murmelt. Ist eigentlich alles, was Gefühle auslöst, Kitsch. Weg mit dem.
Welles wirklich Fehlbesetzung für mich. Sogar Kinski wäre besser. Uff hasse den so. Aber der Film sonst sehr eindrucksvoll, obwohl die Kulissen so cheap wirken. Macbeth auch immer verknüpft in meinem Kopf mit Faust. Nur Goethe leider Shakespeare für Arme. Hot take lol. Shakespeare-Übersetzungen. Die Kommilitonin, die damals im Seminar eine eigene Sonett-Übersetzung vorgelesen hat, so wunderschön, alle haben ganz atemlos gelauscht. Wünschte, ich könnte das auch, aber gar kein Reimtalent alas. In dem ganzen verdammten Stück sind eigentlich nur die Frauen interessant. Vielleicht sollte ich mal wieder Marias lesen. Dieser Hexenkessel in offener Landschaft, das ist doch unrealistisch oder. Überhaupt diese ganze Kesselnummer, sehr langer Bart. Könnte 1 vielleicht mal entstauben. Diese 3 sehen jedenfalls alt und verlumpt aus. Macbeth nicht grad ein Schlaukopf oder. Puh.”
(Maike, @mai17lad)

“Ich sehe beim Lesen einen Film vor dem inneren Augen, der manchmal auch durch Snapshots unterbrochen wird. Dabei ist dieser Film tatsächlich mit cineastischen Mitteln gestaltet: Farbfilter, Stimmung, Kameraperspektive (nahezu unmöglich zu recherchieren, aber wie spannend wäre es, das mit Leseerlebnissen von vor 100 Jahren zu vergleichen). Es ist aber grundsätzlich ein stummer Film. Menschen sehe ich sehr genau vor, bis auf das Gesicht, das ist meistens verschwommen. Statur, Kleidung, Haarfarbe etc. sind aber detailliert. Die Umgebung setzt sich sofort zusammen, sobald ich anfange zu lesen. Selbst wenn die späteren Beschreibungen meiner ersten Vorstellung widersprechen, ändert sich meine Vorstellung kaum noch. Ich glaube am deutlichsten erlebe ich Stimmungen und Atmosphären, die sind wirklich von Text zu Text ganz unterschiedlich und ich frage mich oft, was genau eine Stimmung eigentlich erzeugt. Beispiel: Ich habe letztes Jahr Essays von Joan Didion gelesen, die meistens in Kalifornien angesiedelt sind, die Atmosphäre ist schwer, dunstig, die Hitze, die Stadt L.A., das Meer, das aber irgendwie keine Abkühlung bietet, alles ist überhitzt und warm. Gleichzeitig ein Hauch von Horror. Genauso lese ich jetzt gerade Saskia Vogels “Permission”, das auch in L.A. spielt und ich habe den unguten Verdacht der Grund, dass ich vorher irgendwo den Namen Joan Didion mit ihr in Verbindung gelesen habe.”
(Simon, @SamsonsHirne

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[Kolumne] Es zählt nur die Qualität – Über ein fadenscheiniges Argument

Von Nicole Seifert

Dass es beim Büchermachen ausschließlich um Qualität gehen sollte, darin sind wir uns ja alle einig, oder? Und dass Männer die besseren Bücher schreiben auch. Ach nein, das darf man ja nicht mehr sagen. Also: Wenn Männer nun mal die besseren Bücher schreiben, dann – nee, Moment, ich fang noch mal an: „Wir machen Literatur, nicht Männer und/oder Frauen. Entscheidend ist allein die Qualität und nicht das Geschlecht. Entscheidend ist die Aussage, der Stil, da braucht es keine Genderaufsicht.“ So kann man es schon sagen. Oder?

So hat es jedenfalls Joachim Unseld gesagt und ist damit (immerhin fast als einziger) der tendenziösen Fragestellung der Literarischen Welt auf den Leim gegangen, die vor einer Woche mehrere Verlagsleute um ihre Meinung zum „aktuellen Aktionismus“ bat. Gemeint war damit der Versuch, ein größeres Bewusstsein für Geschlechterungerechtigkeit im Literaturbetrieb zu schaffen, indem man anhand quantitativer Erhebungen Verlagsprogramme analysiert: Das sogenannte Vorschauen- oder Frauenzählen.

So gut wie alle der  befragten zwölf Verleger*innen stehen der Debatte übrigens aufgeschlossen gegenüber, selbst Unseld hält sie für „wichtig und berechtigt“, auch wenn sie sich in Enthusiasmus und Umsetzung stark unterscheiden. Das zentrale Gegenargument, das sich in der Debatte hartnäckig hält, ist die von Unseld so schön auf den Punkt gebrachte angebliche Opposition von Diversität und Qualität.

Am 21. Januar veranstaltete der SWR2 in der Reihe Forum einen fast einstündigen Radio-Talk zum Thema mit Susanne Krones, Programmleiterin im Penguin Verlag, mit mir und mit Rainer Moritz vom Hamburger Literaturhaus. Auf die Frage, ob er bei den Literaturhaus-Veranstaltungen auf ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis achte, wollte Moritz zwar ein „ich glaube, es wurde gerade so ähnlich wie Problembewusstsein genannt“ haben, das er aber schon im nächsten Halbsatz an seine „Kolleginnen“ delegierte. Die würden schon dafür sorgen, „dass sie mit ernstem Blick zu mir in mein Büro kommen, wenn sie das Gefühl haben, dass diese Ausgewogenheit vielleicht nicht so hergestellt ist.“ Er selbst versuche, „nicht krampfhaft“ zu entscheiden und wenn er „aus literarischen Gründen“ glaube, das sei jetzt so, „dass in diesem ersten Halbahr vielleicht 60-70% Männer lesen“, weil er der Meinung ist, „dass diese Bücher besser sind, dann ist das so, dann muss man das auch durchstehen und man muss versuchen, das argumentativ zu verteidigen.“

Bei dieser Argumentation beruft sich Moritz auf die „großen Männerfiguren“ Siegfried Unseld und Michael Krüger, die hätten oft gedacht, „ohne es gesagt zu haben: so richtig große dolle Literatur können Männer doch besser schreiben.“ So ganz möchte er sich allerdings nicht auf deren Seite stellen, denn „als chauvinistisch gelten“, das wolle heute ja niemand. „Deshalb wird auch verbal zurückgerudert“, erklärt Moritz, „d.h. man will auf gar keinen Fall sagen, wir haben einfach jetzt viel bessere Manuskripte von Männern gehabt, deswegen haben wir das so gemacht. Dieses Argument werden Sie ganz selten hören, selbst wenn sie’s denken, die Verlegerinnen und Verleger, werden sie es nicht sagen.“

Wieder und wieder dieselbe Formulierung, da kommt man um die Schlussfolgerung kaum herum, dass hier wohl tatsächlich jemand glaubt, Männer schrieben die besseren Bücher. Das einzige Problem: Man darf es nicht mehr sagen. Man sollte schon so tun, als wäre man nicht sexistisch, pardon: chauvinistisch. Spätestens hier wird klar, wie halbherzig die Distanzierung von den genannten Verlegern ist. Aber sind Sexisten nicht eh immer die anderen?

Der Letzte, der sich noch traute, auszusprechen, wie es offenbar wirklich ist, war der von vielen nach wie vor hochverehrte Marcel Reich-Ranicki. Interviewt von André Müller, sagte er vor ungefähr zwanzig Jahren: „Man darf auch nicht sagen, Frauen können keine Romane schreiben. […] Frauen können Novellen schreiben, wunderbar, Frauen können Gedichte schreiben. Fragen Sie mich nicht, warum! Fragen Sie Gynäkologen!“

Wenn man nicht nachvollziehen kann, warum man Dinge so besser nicht mehr sagt, dann fehlen einem Informationen, dann hat man Zusammenhänge noch nicht verstanden. Es wäre also klug zuzuhören, was die, über die man gestern noch abfällig reden durfte, für Erfahrungen gemacht haben – einmal die andere Perspektive einzunehmen und über die eigenen Privilegien nachzudenken. Oder, wie Oliver Vogel vom S. Fischer Verlag es in seiner Antwort auf die oben erwähnte Frage an die Verlage formulierte: „Glück zu haben ist immer ein guter Grund, trotzdem nachzudenken.“

Diese Informationen finden sich beispielsweise in einigen neueren Studien zur Sichtbarkeit von Frauen in Kultur und Medien, die zeigen: Es wird eben nicht nur nach erbrachter Leistung und Qualität ausgewählt. In der Realität haben Autor*innen höchst unterschiedlichen Zugang zu Förderprogrammen, Veröffentlichungen und Auftrittsmöglichkeiten. Und um hier mehr Gerechtigkeit herzustellen, braucht es konkrete Maßnahmen.

Das, was Joachim Unseld als „Genderaufsicht“ bezeichnet, entspricht dem, was man in der konservativen Ecke gern „Sprachpolizei“ nennt. Plötzlich muss man aufpassen, man darf nicht mehr einfach abwertend über Frauen, über BIPoC oder über queere Personen reden – blöd, wo das doch immer so lustig war! Harald Staun gab im November in einem FAZ-Artikel die bestmögliche Antwort auf diese Haltung:

Natürlich sollte man aufpassen, zu welchen Themen man sich wie äußert, aber nicht, weil sonst die Sprachpolizei kommt, sondern aus Höflichkeit, Zivilisiertheit oder auch nur aus dem Interesse, den öffentlichen Diskurs ein bisschen klüger zu machen.

Das Qualitätsargument aber macht den Diskurs nicht klüger, es ist unreflektiert und unterkomplex und im Grunde nichts anderes als ein reaktionärer Reflex.

Einer, der umgedacht hat, ist Stephen King, nachdem er für einen Tweet einen Sturm der Kritik erntete. Der Autor ist Mitglied der Academy of Motion Picture Arts and Sciences, die entscheidet, wer im Februar einen Oscar bekommt. Aus diesem Anlass twitterte er Mitte Januar:

In der Kunst zähle nur Qualität, Diversität zu berücksichtigen, erscheine ihm falsch. Von den 12.000 Replies wiesen viele auf das Kernproblem dieser Aussage hin: Diversität und Qualität sind keine Gegensätze. Hier einen Widerspruch zu konstruieren, legt nahe, man hätte es mit einander bekämpfenden Konzepten zu tun; als sei das eine dem anderen selbstverständlich überlegen, als könne beides gar nicht zusammenfallen. Wären Qualität und Diversität Gegensätze, würde das im Umkehrschluss bedeuten, Kunst von Frauen, von BIPoC, von Queeren sei weniger gut. Wieder dieselbe Prämisse wie oben, also.

Dass seit Bestehen der Oscars nur eine einzige Frau einen Award für die beste Regie bekommen hat, dass schwarze Schauspieler*innen lange gar keine Auszeichnungen bekommen haben und dann bevorzugt für Rollen, in denen sie Sklav*innen spielten – das kann doch nur daran liegen, dass weiße Männer eben besser sind. Was auch hier wieder nicht in Erwägung gezogen wird: das nachweislich herrschende Ungleichgewicht durch schlechtere Chancen, mangelnde Sichtbarkeit und die Voreingenommenheit derer, die auswählen.

Stephen King haben die Replys zu seinem Tweet zu denken gegeben, denn knapp zwei Wochen später veröffentlichte er unter dem Titel „The Oscars are still rigged in favor of white people“ einen Artikel in der Washington Post, in dem er schrieb, er habe seine Aussage im Moment des Twitterns fälschlicherweise für unstrittig gehalten, nun habe er genauer hingesehen. Er stellt einen Zusammenhang zwischen der Zusammensetzung der Academy (sehr überwiegend weiß, männlich und über 60 Jahre alt) und der Vergabe der Preise an ebendiese Kohorte fest. Er wiederholt seine „overall attitude that, as with justice, judgments of creative excellence should be blind.“ Um dann jedoch zuzugestehen: „But that would be the case in a perfect world, one where the game isn’t rigged in favor of the white folks.“

Ja, in einer idealen Welt ginge es einfach nur um Qualität. Solange man aber anerkennt, dass in unserer Kulturlandschaft nach wie vor historisch gewachsene, sexistische und rassistische Strukturen bestehen, wird man auch erkennen, dass viele Gruppen weiterhin benachteiligt sind. Und diese müssen erstmal einbezogen werden in die Auswahlprozesse, bevor man über ihre Qualität urteilen kann.

Das Qualitätsargument ist aber noch aus weiteren Gründen hinfällig: Es ist naiv und es ist unehrlich. Naiv, weil es den Anschein erweckt, Qualität setze sich naturgemäß durch – was mit der Realität des Literaturbetriebs nichts zu tun hat. Und unehrlich, weil es bei der Zusammenstellung von Programmen aller Art nie nur um Qualität geht (dazu auch dieser Text von Simon Sahner auf 54books). Es geht immer auch um Verkäuflichkeit, sowie darum, ein rundes Gesamtpaket zu schnüren – nur welche Kriterien man da gelten lässt und welche nicht, das ist eben die Frage.

Susanne Krones wies in dem SWR2-Gespräch darauf hin, dass die Verlage angesichts der Manuskriptfülle, aus der sie auswählen, alle Möglichkeiten hätten: „Wenn wir uns überlegen, welchen Bruchteil dieser Dinge wir nur einkaufen, dann lügen wir uns natürlich in die Tasche, dass wir da kein 50:50 herstellen könnten.“

Außerdem machte sie darauf aufmerksam, was passiert, wenn die Auswahl von Manuskripten anonymisiert wird und ohne Ansehen der Person stattfindet, wenn also geschlechtsbezogene Voreingenommenheit systematisch ausgeschlossen wird. Das ist der Fall beim Berliner Literaturwettbewerb Open Mike, in dessen Vorjury Susanne Krones saß. Nachdem aus mehreren hundert Einsendungen allein aufgrund der Textproben 20 Finalist*innen ausgesucht worden waren, kam man auf vier Männer und sechzehn Frauen. Ein anonymisiertes Vorauswahlverfahren gibt es auch bei den Hamburger Literaturpreisen, die in Kategorien von Comic über Übersetzung bis Roman an neun Frauen und zwei Männer gingen. Das kann passieren, wenn man das mit der Qualität einmal ernstnimmt. Lässt man die Voreingenommenheit walten, sieht es anders aus: Dann kommen Frauen auf einen Anteil von 13% aller Literaturnobelpreise oder auf 15% aller Georg-Büchner-Preise.

Anonyme Auswahlverfahren gibt es seit den Siebzigerjahren auch bei amerikanischen Orchestern, nachdem man festgestellt hatte, dass die fünf Top-Orchester des Landes einen Frauenanteil von weniger als 5% aufwiesen. Bei blind auditions befinden sich die Kandidat*innen beim Vorspiel hinter einem Wandschirm. Die Jury kann sie nicht sehen, nur hören, es geht allein um die Qualität ihres Spiels. Wissenschaftler*innen haben festgestellt, dass es durch diese Maßnahme um 50% wahrscheinlicher ist, dass es eine Frau in die Endauswahl schafft. Auf diesem Weg hat sich der Anteil von Frauen in diesen Orchestern inzwischen auf 30-40 Prozent erhöht, wie der Guardian berichtete.

Für Literaturhäuser und Verlagsprogramme dürfte so ein geschlechtsblindes Auswahlverfahren kaum umsetzbar sein, aber immerhin lassen diese Beispiele Rückschlüsse darauf zu, was wäre, wenn man die Sache mit der reinen Qualität konsequent durchziehen würde. Fast könnte man auf die Idee kommen, das Gerede davon, dass Männer eben einfach besser seien, diene im Wesentlichen der Verschleierung des Gegenteils.

Das Qualitätsargument würde so gern alle vereinen, denen Literatur am Herzen liegt, um die anderen als ideologisch Verblendete aus dem Gespräch auszuschließen. Es ist jedoch innen hohl, wie es Totschlagargumente gerne sind. Denn es gibt keine „reine Qualität“, so wie es nicht die eine, zentrale Instanz gibt, die sie unabhängig von Vorannahmen feststellen könnte. Jedes Urteil unterliegt einer Perspektive, und jedes Urteil bedarf eines Vergleichs. Qualität kann nur festgestellt werden, wenn man alle einbezieht, wenn man sich dem Vergleich stellt. Insofern ist Qualität ohne Diversität vor allem eins: fragwürdig.

 

Nicole Seifert ist promovierte Literaturwissenschaftlerin, Autorin und Übersetzerin. Auf ihrem Blog www.nachtundtag.blog, der 2019 als bester Buchblog ausgezeichnet wurde, schreibt sie über das Thema Autorinnen sowie deren Literatur. Sie ist Mitinitiatorin der Aktionen #autorinnenschuber und #vorschauenzählen.

 

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Wahr, glokal und hier und jetzt – Literatur & Internet

„Die wichtigen Dinge des Lebens geschehen nicht im Internet.“

Es zeugt von einer seltsamen Unkenntnis des Lebens sehr vieler Menschen im 21. Jahrhundert, wenn ein Schriftsteller in unserer Gegenwart solche Aussagen trifft. Und doch scheint Alex Capus, einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Schriftsteller der letzten zehn Jahre, der Ansicht zu sein, dass das Internet kein Ort für das echte und wahre Leben sei. Deswegen hat er eine Kneipe eröffnet. Das sei wie Facebook, nur ohne Internet, schreibt er in einem Text für die Schweizer Zeitschrift Das Magazin. Und genau so hält es der Ich-Erzähler seines Romans Das Leben ist gut (2016), auch er wird Besitzer einer Kneipe, unter anderem, weil er fürchtet, dass Menschen sich nur noch im Internet begegnen. Die Angst vor dem Verschwinden der Menschen aus dem vermeintlich wahren Leben in Kneipen und auf der Straße in das vermeintlich falsche Leben im Internet ist ein stetig wiederkehrender Topos der Kulturkritik der letzten Jahre. Diese Perspektive auf digitales Leben teilt auch Mizuko, selbst Schrifstellerin und eine fiktive Figur in dem gerade auf deutsch erschienenen Roman Sympathie (2017) der britischen Schriftstellerin Olivia Sudjic: Das Internet sei „Gift für jeden Plot“, äußert sie, sie „schreibe nur über das wahre Leben.“

Aber was genau soll das wahre Leben sein? Warum sollte wahres Leben das Leben in und mit einer digitalen Welt ausschließen? Wieso sollten das Internet, das dort gespeicherte Wissen, die Möglichkeiten und auch die Gefahren des Onlinelebens und ihr Einfluss auf das analoge Leben nicht ebenso literaturfähig sein wie das, was die fiktive Autorin Mizuko und der reale Autor Alex Capus das wahre Leben, also ein Leben ohne Internet, nennen.
Eine immer größer werdende Zahl von Menschen weltweit verfügt über einen regelmäßigen Zugang zum Internet, schreibt E-Mails, sucht auf Google nach Informationen, schaut Videos auf Youtube und Serien auf Netflix. Selbst diejenigen, die nicht aktiv einen Teil ihres Lebens in den sozialen Netzwerken von Facebook über Instagram bis TikTok und Twitter verbringen, nutzen zu großen Teilen inzwischen Messengerdienste zur Kommunikation mit Freund*innen und Familie. Ein Leben ohne Internet ist zunehmend undenkbar. Aber die Annahme, dass das Leben, welches sich in digitalen Räumen abspielt, kein wahres Leben sei, ist immer noch weit verbreitet.

Glokal und wahr – Leben und Erleben mit dem Internet

Aber genau diese digitalen Räume bieten in Wahrheit Impulse für literarische und ästhetische Innovationen, deren Möglichkeiten die Literatur gerade erst zu erkennen beginnt. Wie nie zuvor nehmen wir uns selbst und den Raum, in dem wir uns bewegen und leben, in Bezug zu Menschen und Orten wahr, denen wir physisch nicht nahe sind. Diese Art der Wahrnehmung, die manche Medienkritiker*innen als so verheerend für unseren Zugang zur Welt ansehen, beschreibt der Mediensoziologe Joshua Meyrowitz in The Rise of Glocality aus neutraler Perspektive, indem er den Begriff glokal um eine Ebene erweitert. Die räumliche und soziale Wahrnehmung unseres Lebens in Zeiten der digitalen Vernetzung lässt uns das Lokale grundsätzlich im Zusammenhang mit einem weltweiten Netz aus Kulturen, Menschen und Orten wahrnehmen. Diese sind nicht physisch präsent, sie beeinflussen aber unseren Zugang zu unserer fassbaren Umwelt. Wir schreiben mit Menschen in anderen Städten, während wir durch unser Viertel gehen, wir betrachten Fotos von Stränden und Wäldern, während wir im Café in der Großstadt sitzen. Wir leben in Glokalitäten (glocalities), in lokalen Räumen, auf die eine vernetzte globale Matrix (interconnected global matrix) gelegt wurde. So sind wir zwar stets an einem Ort physisch anwesend, jedoch gleichzeitig immer verknüpft mit einem globalen Netz aus Informationen, Menschen und Orten.

Wie die Literatur diese Weltwahrnehmung für sich nutzbar machen kann, Ähnliches Fotohat unter anderem Berit Glanz im letzten Jahr in ihrem Roman Pixeltänzer (2019) gezeigt. Darin werden nicht nur zwei Handlungsstränge verwoben, sondern die Autorin bindet über digitale Kommunikation räumlich weit entfernte Figuren und Orte in den Erlebnisraum der Protagonistin ein und schafft damit literarisch ein Gefühl für dieses glokale Erleben. Der Literatur öffnen sich dadurch nicht nur Kommunikationsräume für Figuren, sondern sie kann die Allgegenwart von Wissen, Bildern und virtuellen Räumen ästhetisch und handlungsbezogen für sich nutzen. Denn auch in der Fiktion dieses Romans ist Wissen allgegenwärtig, Kommunikation immer möglich und das Internet alltäglich, es erweitert den Horizont des wahren Lebens in der Fiktion ebenso wie in der Realität. Auch Sudjics Roman Sympathie ist in seinen besten Momenten eine Darstellung dieses Lebens in einer glokalen Umwelt, die durch unsere Geräte als Schnittstelle entsteht. So folgt die Protagonistin Alice Link um Link auf Wikipedia und verliert sich so in einem digitalen Wurmloch aus Informationen, sie erkundet New York anhand einer digitalen Landkarte und erschafft sich auf Instagram eine Teilidentität in der nordamerikanischen Metropole.

Fruchtbare Gefahren – Risiken der digitalen Welt

Wenn analoges und digitales Leben miteinander verschmelzen, werden aber auch Unsicherheit und Überforderung erzeugt, die sich unter anderem in Haltungen wie der von Alex Capus ausdrücken. Diese Gefahren und Unwägbarkeiten des Internets sind keine reinen Hirngespinste: Sucht und soziale Abhängigkeit, unsichere Daten, falsche Identitäten, oberflächliche Beziehungen, Einfluss durch Großkonzerne und Gewalt sind Tatsachen unseres Lebens im digitalen Raum. Allzuoft verfällt Literatur aber angesichts dieser Gefahren in eine reflexartige Abwehrhaltung, anstatt sie erzählerisch zu nutzen, wie sie es mit den Unwägbarkeiten der analogen Welt seit Jahrtausenden tut. Philipp Schönthaler nutzt das erzählerische und ästhetische Potential, das sich auch auf der Kehrseite der glokalen Gegenwart finden lässt. Während Sudjic und Glanz auf unterschiedliche Weise den Alltag in sozialen Netzwerken und unseren Umgang mit der digitalen Welt literarisch umsetzen, verwebt Schönthaler in Der Weg aller Wellen (2019) die digitalen Fallstricke sozialer Netzwerke und der Techwelt mit der Vision einer nahen Zukunft, in der Digitalität weder die heilsbringende Botschaft des Neuen noch eine verheerende, kulturzerstörende Kraft ist. Der Roman zeigt, wie sich die Risiken für Identität und Privatsphäre zur Spannungserzeugung und als Plotpoints nutzen lassen, ohne sie als Kulturpessimismus abzutun und ohne gleichzeitig die Realität unseres Lebens mit dem Internet zu ignorieren. Die Risiken, die das glokale Erleben und eine Dauerpräsenz von Kommunikation und Zugang zu fremden Menschen und Wissen birgt, sind ebenso literarisch fruchtbar zu machen wie die reine Faszination, die sie auslösen können.

Permanente Kommunikation? Zwischenmenschliches in Zeiten des Internets

Die riskanten und kritikwürdigen Seiten schließt auch Olivia Sudjics literarischer Blick auf das Internet und vor allem auf soziale Medien mit ein. Doch sie betont ebenso den verbindenden und positiven sozialen Wert von Instagram, Twitter und Co. Das wird insbesondere in dem bisher nur auf Englisch erschienenen langen Essay Exposure (2018) deutlich, in dem sich vor allem zeigt, dass Sudjics Kernthema anxiety ist: die nervösen, an Panik grenzenden Angstzustände, die sowohl sie selbst als auch die Protagonistin ihres Debütromans immer wieder erleben. Sudjic beschreibt diese Zustände in ihrem Essay als Momente einer extremen Sensibilität: “The easiest way to imagine the baseline feeling is having just finished a third coffee when someone texts: ‘we need to talk’ and then doesn’t call for hours, or at all.” Dieses Gefühl sei der Ausgangspunkt für ihr fiktionales Schreiben in Verbindung mit den Kommunikations- und Selbstdarstellungsoptionen der digitalen Welt. Alice, die Protagonistin von Sympathie, gerät in eine emotionale Abhängigkeit zu der Autorin Mizuko, die sie zunächst durch ihre Onlinepräsenz auf unterschiedlichen Plattformen kennenlernt. Der Moment, in dem sie Mizukos Profil auf Instagram zum ersten mal sieht, ist selbst auf einem Foto festgehalten:

“In genau diesem Moment entdeckte ich Mizukos Instagram-Account. […] An meinem gesenkten Blick erkenne ich, dass ich langsam verblasse. Oder dass die greifbare Welt, um mich herum, die Wirklichkeit, langsam davongleitet, wie feuchter Sand, der im Wasser nach unten sinkt.”

Dass die Erzählerin Alice ebenso wie Lewis Carolls berühmte Protagonistin in einem – in diesem Fall digitalen – Wunderland verschwindet, mag eine sehr naheliegende und nicht fruchtbar subtile Anspielung sein. Doch das, was im Folgenden geschieht, hat tatsächlich deutliche Parallelen zu einem Versinken in einem Wunderland zwischen Traum und Wachzustand.

Alice ist hingerissen von dem digitalen Auftritt der japanischen Schriftstellerin Mizuko und beginnt ihr auf verschiedenen Plattformen zu folgen, bevor sie schließlich mit Hilfe von Ortsangaben in Instagram-Posts ein scheinbar zufälliges Treffen in einem Café arrangiert. Diese Beziehung und ihre Entwicklung vollziehen sich sowohl digital als auch analog. Und daran, wie Sudjic das darstellt, zeigt sich, dass sie es versteht, die Alltäglichkeit des Internets narrativ zu nutzen. Die Spannung, die der Roman aus der permanenten digitalen Kommunikationsmöglichkeit und ihrer Verweigerung zieht, ist beeindruckend:

“Keine Antwort. Nicht mal gelesen. […] Gesendet blieb grau und flach. Ich wartete darauf, dass es blau würde – das leuchtende, wunderschöne Blau, das eine Nervenbahn zwischen uns schaffen würde.
”

Die aufkommende Anspannung, mit der man auf eine Reaktion wartet, die sich steigernde Nervosität, die einsetzt und sich in panische Unruhe verwandelt, wenn eine Nachricht zwar gelesen, aber noch nicht beantwortet wurde, beschreibt Sudjic eindringlich. Dieses verbale Schweigen, das aber eine außersprachliche digitale Kommunikation zwischen zwei Figuren darstellt, wird zum spannungserzeugenden literarischen Mittel. Eine Person anhand ihrer Ortsmarkierungen auf Googlemaps und Instagram zu verfolgen und das sehnsüchtige Warten auf die Statusanzeige online im Chatfenster mit einer geliebten Person, die im Roman beschrieben sind, können ebenso romantische Gesten und Momente digitaler Nähe sein, wie sie Stalking und Abhängigkeiten darstellen können. Das Beispiel zeigt, dass die Darstellung digitalen Lebens kein Hindernis für spannendes literarisches Schreiben sein muss, es kann ebenso neue Formen von Beziehungen zwischen Figuren erzeugen, die auf Plotebene durchgespielt werden können.

Virtuelle Räume als erfahrbare Lebenswelten – Erweiterungen der Fiktion

Genauso wie soziale Medien und Chats literarisch verwertbar sind, erzeugt das Internet auch virtuelle Räume, in denen sich literarische Figuren bewegen können. Das können nicht nur Städte in aller Welt sein, die virtuell erfahrbar werden,  sondern auch ausschließlich virtuelle Räume, die ebenso weltweit bekannt sind wie Metropolen wie New York, Paris oder Berlin. Teile des Romans Miami Punk (2019) von Juan S. Guse spielen auf Karten, sogenannten maps, des populären Online-Taktik-Shooters Counter Strike, in denen im Roman mysteriöse Figuren auftauchen, denen ein Protagonist mit seinem Spielteam nachspürt. Diese virtuellen Räume sind vielen Menschen ebenso bekannt wie Orte der physischen Umwelt, sie sind Teil erfahrbarer Lebenswelt, auf die ein literarischer Text ebenso referieren kann wie auf nicht-virtuelle Städte, Landschaften und Dörfer. Wie diese Räume zum Teil unserer Erfahrungswelt werden können, beschreibt Berit Glanz in einem Artikel für die FAS, in dem sie für die Aufhebung der Trennung dieser Räume plädiert:

“Wer eine Zeitlang in seinem Alltag zwischen virtuellen und realen Räumen hin- und hergewechselt ist, wird wahrscheinlich sehr konkret erfahren haben, dass diese Abgrenzung wenig Sinn ergibt, dass das eigene im Internet gelebte Leben oft starke virtuelle Spuren hinterlässt und dass manche Orte im Internet zweifelsohne mit Aura aufgeladen sind. Das digitale Leben kann in die Realität hineintreten oder sich untrennbar mit ihr verzahnen.”

In Guses Roman wird diese Verzahnung literarisch umgesetzt, es kommt nicht nur zur Erkundung dieser Lebensräume, sondern durch Kommunikation mit Figuren in dem Computerspiel, die sich auf das Leben außerhalb der virtuellen Räume beziehen, werden die maps des Spiels zu Handlungsräumen auf der gleichen Ebene wie der analoge Raum, in dem sich der Protagonist körperlich befindet. Auch Alice in Sudjics Roman durchstreift mithilfe von Google Street View Manhattan, nachdem sie die Stadt verlassen hat, und schafft damit einen digitalen Erinnerungsraum, den sie durchschreiten kann und der sich mit ihrer Vergangenheit verbindet.

Das Internet als Chance für die Literatur

Internet und Social Media sind weit davon entfernt, die Literatur und unser analoges Leben zu zerstören. Ebensowenig sind sie eine Quelle puren Glücks. Jenseits solch polarisierender Bewertungen sind sie vielmehr ein Faktum unserer Gegenwart, das literarisches Schreiben ebenso befördern wie hemmen kann. Leben in virtuellen Räumen, eine Omnipräsenz von Internetlebenswelten und dadurch erzeugtes glokales Leben und Erleben erzeugen neue Spielmöglichkeiten für die Erschaffung fiktiver Welten und Figuren. Das Leben mit der digitalen Welt des Internets kann ein Antrieb für Fiktion sein und dessen Inspirationen müssen nur literarisch verarbeitet werden, anstatt sie als natürlichen Feind von literarischer Fiktion anzusehen. Vielleicht ist es vielmehr Unkenntnis, die ein solches Erzählen so lange verhindert hat. Das erkennt auch Alice in Sudjics Sympathie:

“Sie verstehen nicht, was man mit dem Internet machen kann – manchmal gibt es kein Ende, keinen Ausweg. Sie verstehen nicht, dass nichts privat bleibt und nichts verschwindet, dass wie bei der Welle der hintere Teil den vorderen einholt.”

Die Mechanismen des Internets und insbesondere von Social Media stellen Romanautor*innen vor neue Herausforderungen. Sie müssen damit umgehen, dass Figuren über tausende Kilometer hinweg in Echtzeit und überall kommunizieren können, dass eine spezifische Form der Sprache durch Emojis und Memes entstanden ist und vor allem damit, dass Informationen immer und überall abrufbar sind. Denn die auffällige Abwesenheit von Smartphones und Internet in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur und das erstaunlich analoge, d.h. nicht-digitale Leben vieler literarischer Figuren in Romanen aus den letzten Jahren, liegen vermutlich auch darin begründet, dass Unwissenheit und scheinbare Ausweglosigkeit bewährte und durchaus sinnvolle Handlungs- und Spannungsförderer sind.
Der Protagonist, der eine wichtige Information nicht einfach googeln, oder die Protagonistin, die ihre Freundin nicht sofort per WhatsApp informieren kann, bieten den Autor*innen erzählerischen Raum für einen Spannungsaufbau, weil Probleme und Konflikte nicht mit einem Blick auf das Handy lösbar sind. Im Roman Gesang der Fledermäuse (2009) der Nobelpreisgewinnerin Olga Tokarczuk leben die Figuren auf einem verschneiten Hochplateau in den Bergen Polens, der mobile Handyempfang ist dort mindestens unzuverlässig. In entsprechenden Momenten der Handlung kann ein entscheidender Anruf nicht getätigt werden, wodurch die Situation erst einmal in der Spannung verharrt, die durch fehlende Informationsweitergabe ausgelöst wird. Anders gesagt: Fehlendes Wissen fördert Spannung.

Eine gerade erschienene Netflix-Dokuserie ist aber ein Beispiel dafür, dass all diese Eigenschaften des Internets spannende Plots eben nicht verhindern und stattdessen neue Formen des Erzählens schaffen. Schnelle Kommunikation vieler Menschen, Medien- und Sprachvielfalt, digitale Räume und die permanente Verfügbarkeit von Informationen sind die Kernelemente der Doku-Serie Don’t F**k With Cats: Hunting an Internet Killer, die in Form von faktualem Erzählen die Jagd auf Luka Magnotta schildert und die in all ihrer Surrealität beinahe wie die Handlung für einen spannungsgeladenen und plotgetriebenen Roman klingt. Sie berichtet von dem realen Fall einer weltweiten Jagd auf einen kanadischen Pornodarsteller und Model, die 2010 durch ein Video auf einer Internetplattform ausgelöst wurde, in dem ein junger Mann zwei Katzen tötet. Daraufhin entstand eine globale Online-Community, die anhand des Videos Hinweise auf den Täter suchte, der, von der Aufmerksamkeit angestachelt, weitere Tötungen von Tieren und schließlich einen Mord an einem Menschen beging, bevor er 2012 gefasst wurde. Was dieser Fall zeigt, ist nicht nur, dass sich im Internet genauso wie in der analogen Welt Gewalt und Grausamkeit und Gemeinschaft und Unterstützung finden lassen, sondern auch dass sich dort wahres Leben abspielt, das Inspiration für fiktionales Erzählen bieten kann. Das sollte eigentlich jedem literarisch schreibenden und lesenden Menschen klar sein; auch Alex Capus.

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Es gibt nur ein Thema: / den persönlichen Körper / und seinen unpersönlichen Untergang

Ein Nachruf von Dirk Uwe Hansen

Am 20.1. ist in Athen die Dichterin und Übersetzerin Katerina Angelaki-Rooke gestorben. Eine der größten griechischsprachigen Dichterinnen aller Zeiten, war daraufhin erwartungsgemäß im griechischen Feuilleton über sie zu lesen und im deutschen Feuilleton ebenso erwartungsgemäß nichts. Mag es nun daran liegen, dass sie eine Frau war (sie wär die erste nicht), eine Lyrikerin oder Griechin (anders als im Englischen finden wir auf Deutsch neben versprengten Gedichten in Anthologien nur einen einzigen gedruckten Band mit ihren Gedichten), eine Schande ist es allemal.

Nun ist allerdings hochgelobt so leicht wie totgeschwiegen und mit lebendiger Erinnerung und Wahrnehmung mag beides wenig zu tun haben. Aber was mich berührt hat, war, dass schon in der Nacht nach ihrem Tod viele viele griechischsprachige Autor*innen in sozialen Medien jeweils ein Bild und einen Text von Katerina Angelaki-Rooke posteten. Mehr nicht. So als hätte jede*r giechische Autor*in eben das von ihr im Kopf: ein Bild und einen Text, der wichtig ist. Photographien von Angelaki-Rooke gibt es im Netz mehr als genug, was es allerdings kaum von ihr gibt, sind “Autorinnenphotos” — ein*e Dichter*in mit dem klassischen zugleich nach innen und in weite Ferne gerückten Photostudioblick. Im Gegenteil: Selbst auf Photos von einer der vielen Preisverleihungen scheint sie stets jemanden anzusehen, um einen Gedanken, einen Scherz oder ein Lächeln zu teilen. Es ist unmöglich, Photos von ihr zu betrachten, ohne dass man sie gern kennenlernen und dieses Gesprächsangebot annehmen möchte.

Diese Menschenfreundlichkeit mag einer der Gründe dafür sein, dass sie für viele der jüngeren Dichter*innen in Griechenland eine so bestimmende Bezugsperson war, der wichtigere Grund ist natürlich ihre Dichtung selbst, die gekennzeichnet ist von großer Genauigkeit in der Beobachtung der physikalischen Welt, die sie in sehr eigener Weise mit der metaphysischen Welt zu verbinden weiß.

Die Augen lieben es,
sich den kleinsten Falten
der sichtbaren Welt zu widmen,
während die Werkstatt im Inneren
die Bilder zu Engeln erklärt,
oder zu Abschiedskarten
mit Pinien darauf.

Katerina Angelaki-Rooke wurde 1939 geboren. Damit gehört sie zur sogenannten zweiten Nachkriegsgeneration, einer Generation von Autor*innen also, die als Kinder die Traumata der deutschen Besatzung und des Bürgerkrieges erlebt haben, als Erwachsene die Jahre der Militärdiktatur und denen es gelungen ist, die griechische Literatur mit der europäischen Moderne zu verbinden — es ist kein Zufall, dass viele dieser Autor*innen auch Übersetzer*innen waren.

Angelaki-Rookes Familie war gut situiert, bildungsorientiert und kosmopolitisch. Ideale Voraussetzungen für eine junge Frau, die, wie sie in einem ihrer letzten Interviews sagte, sich für Literatur und Liebe interessierte, nicht aber für Luxus. Sie studierte Sprachen, reiste viel, heiratete den englischen Altphilologen Rodney Rooke, arbeitete als Übersetzerin und publizierte etwa 20 Gedichbände.

Ihre Poetik bringt sie selbst auf zwei einfache Formeln: “Die Dichtung hat keine Regeln. Regeln hat höchstens jede*r Autor*in für sich selbst” und “Damit ein Gedicht entstehen kann, muss es eine Wunde geben.”

“Ich stöbere mit der Zunge nach meiner Seele, / die mich angeblich jenseits des Lebens weiterleben lässt. …” In Katerina Angelaki-Rookes Gedichten stößt Metaphysik immer wieder auf die materiellen Voraussetzungen des Lebens, auf Leidenschaft und Leiden. Das ist keine bloße Metapher, denn sie war seit einer zu spät behandelten schweren Infektion im Kleinkindalter ihr Leben lang leidend, ein Leiden, das sie nach eigener Aussage erst zur Dichterin gemacht hat. Diese Verbindung von Leid, Leidenschaft und literarischer Umformung zeigt sich vielleicht nirgendwo so radikal und so schön wie im Zyklus der “Engelhaften Gedichte” (“Der Grenzengel Einmal / mit seinem schönen steifen Glied…”). Und immer findet sie dafür eine eigene Sprache und für ihre Gedichte eine eigene Form — und darin liegt ihre Bedeutung für die jüngeren Dichter*innen.

Die Narbe

Statt eines Sterns leuchtete eine Narbe über meiner Geburt.
Die Schmerzen, die ich durchlebte
mit meinem unfertigen Körper,
pressten mich zurück zur Dunkelheit des Anfangs.
Ich kroch auf dem Nichts,
die winzigen Finger hielten den Tod
wie ein schwarzes glänzendes Spielzeug.
Ich erinnere mich nicht,
wie es kam, dass ich blühte in der Form einer Wunde,
wie ich lernte, das Gleichgewicht zu halten
zwischen dem Eiter und meinen offenen Augen,
aber da, wo meine Mutter damit rechnete,
dass mich, wie ein Blatt auf dem Wasser,
noch vor Beginn meiner Reise der Fluss mitreißen werde,
sah sie mich plötzlich aus der Dunkelheit emporkommen.
Wer weiß, welche Verhandlungen stattfanden im Verlauf einer Nacht,
was ich gab,
was ich bekam,
worauf ich verzichtete,
was ich versprach, damit mich das Leben behielt als seine Dienerin.

War das Nötigung, Übereinkunft, Drohung?
Sollte ich dankbar sein
für das zerrissene Geschenk des Überlebens
oder rachsüchtig? Hatten sie mir befohlen,
nach oben zu sehen, oder nach unten zur Wurzel der Demut?
Welcher Demut, warum?
Was war das für eine so untragbare Last,
die mich vollkommen erschöpft hat,
noch bevor ich aufgebrochen bin?
Oder habe ich vielleicht eine andere Bürde auf mich genommen
und schleppe sie langsam und hinkend  ins Ziel?
Ich überlebte und fing zu spielen an.
Voller Vertrauen stützte ich mich auf das Gerät
und stieg die Stufen hinauf.
Auf dem Dachboden errichtete ich mein Königreich der Träume
aus ausgeschnitten Mannequins,
Florenz nannte ich diese verzauberte Stadt,
elegante Frauen und Männer mit Hut,
an der kleinen Tür nebenan war die Toilettenspülung,
die von Zeit zu Zeit wie ein Blitz hereinbrach
über die immateriellen Gewohnheiten meiner Hauptdarsteller.
Von unten stieg die Wärme dieser Welt hinauf,
die ganze Küche mit ihren Gerüchen, Geräuschen und den vertrauten Stimmen:
„Wie spät ist es? Hast du die Kartoffeln geschält?”
Die Küche war meine Phantasie aus Papier
— so früh also prägen die Pole sich aus?

(1990)
aus: Die Engel sind die Huren des Himmelreiches. Gedichte, übersetzt von Jorgos Kartakis und Dirk Uwe Hansen, Leipzig 2017

Mehr von Angelaki-Rooke kann man auf Fixpoetry lesen:

[Kolumne] Blickpolitik: Flaneur rempelt Phoneur

Zombies, unheimliche Wiedergänger ohne Persönlichkeit oder Seele, treffen auf Smartphones und heraus kommt das Kofferwort „Smombies“, das nun unbeaufsichtigt durch den Diskurs geistern darf. Der Begriff für Menschen, die sich in ihrem Smartphone versenken und ihre Umwelt gar nicht oder kaum noch wahrnehmen, machte eine rasche Karriere und wurde 2015 sogar mit dem Titel des „Jugendworts des Jahres” gekrönt, und das, obwohl es kaum Nachweise über eine tatsächliche Verwendung des Wortes gab. Aber wer kann schon einem smarten Jugendwort widerstehen, das so schön die (eigene) Technikskepsis zusammenfasst.

In ihr Telefon vertiefte Menschen werden seit einiger Zeit  als Ärgernis wahrgenommen; davon zeugen die ironischerweise regelmäßig in den sozialen Medien verbreiteten Posts von Gastronomiebetrieben, die Smartphoneverbote aussprechen oder stolz verkünden kein W-Lan zur Verfügung zu stellen. Und selbstverständlich findet sich diese Form von Kritik, die  schnell in einen Schwanengesang auf das Echte, Reale und Authentische, die zwischenmenschliche Interaktion und die gute alte Zeit ausarten kann, auch in den etablierten Medien.

Ein aktuelles Beispiel liefert ein Kommentar des Medien- und Literaturwissenschaftlers Roberto Simanowski im DLF Kultur, dort schreibt er: „Also stört uns die Ignoranz des Smartphone-Zombies – oder kurz: Smombies – nicht nur uns, sondern auch dem Raum gegenüber. Und mit dem Raum entwerten sie zugleich dessen Geschichte und Gegenwart, die präsent ist in der Häuserstruktur, den abgetretenen Treppenstufen, dem Denkmal im Park. Das alles geht ebenso verloren wie die Menschen vor Ort. Kein Blick für die Jugendlichen an der Ecke und die Trinker im Park. Kein Blick für die alte Frau mit dem Baguette oder das kleine Mädchen mit dem großen Hund. Aber damit nicht genug. Das Smartphone lenkt nicht nur ab vom Raum, es ändert auch den Blick auf diesen.“

Natürlich möchte man direkt zurückfragen, ob Herr Simanowski schon mal eine halbe Stunde auf Instagram verbracht hat, wo Bilder der von ihm beschriebenen spezifischen Form von Lokalkolorit, Perspektiven auf interessanten Ecken im öffentlichen Raum und eine beinahe fetischisierte Verfallsästhetik zahlreiche der geposteten Bilder prägen – fotografiert von den vielfach kritisierten Smombies, die angeblich ihre Umwelt nicht mehr wahrnehmen.

Simanowski vertritt in seinem Text, wie auch in einem sehr ähnlichen Vorläufertext in der NZZ von 2017 (Kulturkritik kann man eben auch drei Jahre später noch aus dem Gefrierfach nehmen), eine Flanierästhetik alter Schule, die allzu oft andere Menschen im öffentlichen Raum zur Kulisse reduziert. Der Flaneur ist historisch betrachtet eine männliche Figur, und  es ist daher auch durchaus bezeichnend, wer in Simanowskis Text angeschaut wird: Jugendliche, Trinker, Kinder und Frauen.

Wem gehört der öffentliche Raum? Wer fühlt sich dort sicher und willkommen? Für wen werden öffentliche Plätze und Straßen geplant und wer ist ein öffentliches Ärgernis? All diese Fragen treiben nicht nur Stadtplaner*innen und Geograph*innen um, sondern werden auf immer wieder neue Art und Weise auch in der Literatur verhandelt. Der Blick auf die räumlichen Verhältnisse in literarischen Texten, auf Raumkonzepte als zentralen Vorstellungsbildern von Kulturen und auch auf die Machtdimensionen, die unseren Vorstellungen von Raum immer eingeschrieben sind, ist mittlerweile zu einem Kernthema der Kultur- und Literaturwissenschaften geworden und auch in der Literaturkritik angekommen.

Raum in literarischen Texten kann eine Bühne für die Figur sein, kann Heimat und Geborgenheit oder Abenteuer und Eroberung bedeuten, kann distanziert beobachtet oder halsbrecherisch durchdrungen werden. Figuren können von Machtverhältnissen, die sich räumlich abbilden unterdrückt oder ermächtigt werden, aber zu dem Raum, in dem sie erzählt werden, müssen sich die Figuren immer irgendwie verhalten. Literatur steht immer in einem Verhältnis zur Gegenwart der Schreibenden, unterläuft Wahrnehmungsmuster und soziale Ordnungen oder affirmiert diese. So setzen sich beispielsweise zahlreiche Texte der Anthologie FLEXEN. Flaneusen* schreiben Städte, die 2019 im Verbrecher Verlag erschienen ist, mit dem öffentlichen Raum auseinander, eignen sich die traditionell Männern vorbehaltene Sozialfigur des Flaneurs an und erobern den Raum aus einer eigenen Perspektive. Dabei wird ein kulturell etabliertes Blickregime unterlaufen, das dem männlichen Flaneur die Rolle des betrachtenden Subjekts zuweist, der mit seinem Blick anderen Personen im öffentlichen Raum zu Objekten machen kann. Flanieren als feministische Praktik setzt also diesem männlichen Blickregime einen eigenen Blick entgegen, versucht Unsichtbares sichtbar zu machen und den eigenen Status in etablierten Blickregimes zu reflektieren.

In Zeiten der Digitalisierung aber hat sich die Rolle der Flaneure im öffentlichen Raum grundsätzlich verändert. Einerseits gibt es Theorien, die das Flanieren selbst in die Virtualität verlegen, also beispielsweise zielloses Surfen im Internet oder das Wandern in Computerspielen als neue Form des Flanierens bezeichnen, andererseits entstehen aus der allgegenwärtigen Verzahnung von virtuellem und realem Raum neue Fragen und Herausforderungen. Welche Rolle spielen Flaneure und Flaneusen in der Gegenwart zwischen Pokémon Go und Schrittzähler-Armbändern?

Robert Luke formuliert 2005 erstmalig den Begriff des Phoneurs für die flanierenden Menschen in sich überlappenden virtuellen und realen Räumen. Corinna Pape schreibt: „‘Strolling‘ lautet der englische Begriff für die Praxis des Flaneurs – ‘scrolling‘ nennen wir heute das Lesen auf digitalen Geräten. Ausgehend von der Annahme, das sich mobile Medientechnologien zunehmend in den urbanen Raum einschreiben, stellt sich die Frage: Wird der Flaneur heute zum ‘scrollenden‘ Spaziergänger, zum Phoneur, der sich ausgestattet mit mobiler Technologie ebenfalls in einer Zwischenwelt innerhalb des Stadtraums bewegt?“[1]

Der sich aktiv im realen Raum bewegende Phoneur, der diesen durch Verknüpfung mit dem sozialen Gefüge des virtuellen Raums mitgestaltet, steht im klaren Gegensatz zu dem von Simanowski kritisierten hirnlosen Smombie. Der öffentliche Raum gehört den Menschen, die sich dort aufhalten, ob sie mit gesteigerter Sensibilität nach Bildern für ihren Instagramfeed suchen, alltagsbeobachtend im Kopf Tweets formulieren, versuchen ihre 10000 täglichen Schritte zu erreichen, das ein oder andere Pokemon fangen, oder eben andere bei ihrem fluiden Wechsel zwischen Virtualität und Realität bewerten und beobachten.

Das Gerede von Smombies, die in ihr Smartphone starrend die Sinnlichkeit des öffentlichen Raums verpassen, ist eine reaktionäre Argumentationsfigur, die auch dem Zorn darüber zu verdanken ist, dass sich viele Menschen nicht mehr den etablierten Blickregimes unterwerfen, den Blick zurück verweigern und sich stattdessen teilweise in den virtuellen Raum zurückziehen. Damit werden etablierte Machtverhältnisse im öffentlichen Raum nicht mehr bestätigt, sondern ständig in Frage gestellt und das macht wütend. Simanowskis formuliert es in der NZZ vielleicht selbst am besten: „Ärgerlich ist, dass wir nicht infrage kommen, dass wir keine Rolle spielen, dass wir ignoriert werden.“ Seine Antwort auf diese Zumutung des Blickentzugs scheint übrigens zu sein, sich den Phoneuren mutig in den Weg zu stellen: „Diese Smartphone-Zombies sind keine Überbleibsel einer unbegrabenen Vergangenheit, sondern Vorboten einer Zukunft, der wir nicht entgehen können. Ihr Anblick gemahnt uns, dass wir die technische Entwicklung nicht aufhalten können. Wer wollte da nicht wenigstens den Boten dieser Entwicklung sich wacker in den Weg stellen?“ Hier rempelt dann der Flaneur alter Schule die Phoneure zurück in das alte Blickregime – zumindest für einen Augenblick.

[1] Corinna Pape: „Lernen findet Stadt. Der urbane Raum als transmedialer Spielplatz.“ In: Gerhard Chr. Buckow et. Al. (Hg.): Raum, Zeit, Medienbildung. Untersuchungen zu medialen Veränderungen unseres Verhältnisses zu Raum und Zeit. Wiesbaden, 2012. S. 155-172

 

Was man lesen kann – Frühjahrsempfehlungen von 54books

Wer einmal über eine der beiden großen Buchmessen Deutschlands in Leipzig und Frankfurt gelaufen ist, hat eine Ahnung davon bekommen, wie viele Bücher jedes Jahr im Frühjahr und in der Herbstsaison erscheinen. Niemand kann da den Überblick behalten, und warum auch? Von den rund 70 000 Büchern, die jährlich in Deutschland auf den Markt kommen, kann und will man nicht einmal einen Bruchteil lesen. Und selbst diejenigen, die man gerne lesen würde, wird man nicht alle innerhalb des Jahres lesen können. Es scheint ein schier unmögliches Unterfangen zu sein, eine Schneise der Empfehlungen in dieses Dickicht aus Neuerscheinungen zu schlagen.
Und dennoch, wir haben es versucht, uns durch eine Liste von 50 Verlagen mit über 500 Neuerscheinungen im Frühjahr 2020 gearbeitet und herausgesucht, was für uns interessant, nennenswert oder auch nur zumindest relevant erschien.

Wir präsentieren euch die 54books-Vorschau des ersten Halbjahres 2020

 

Sprache und SeinWie beeinflusst Sprache unser Denken? Welche normativen Überlegungen folgen aus dem, was wir darüber wissen? Und was hat das alles mit Feminismus zu tun, mit Emanzipation, mit Rassismus, mit Diskriminierung und Befreiung? In Sprache und Sein, einem erzählenden Sachbuch, geht Kübra Gümüşay, immer wieder mit autobiographischer Färbung, diesen Fragen nach.

(Kübra Gümüşay Sprache und Sein, Hanser Berlin, erscheint am 27. Januar 2020)

Der Verbrecher Verlag hat in den letzten Jahren für einige positive Sonne, Mond, ZinnÜberraschungen gesorgt und auch Alexandra Riedels Debüt Sonne Mond Zinn verspricht anhand des ersten Eindrucks der Leseprobe, ein guter Roman zu sein. Über den Inhalt selbst erfährt man nicht viel aus der Vorschau, aber die Haltung, mit der die Erzählfigur in einem lockeren Ton an ein Du gerichtet in den Roman einsteigt, lässt auf ein geschmeidig fließendes Erzählen hoffen.
(Alexandra Riedel Sonne Mond Zinn, Verbrecher, erscheint am 28. Januar 2020)

Der Titel des neuen Roman von Bov Bjerg bietet Raum für Interpretationen. Serpentinen handelt von einem Vater, der mit seinem Sohn auf die Suche nach der eigenen Vergangenheit geht. Beinahe metaphorisch, meint man, steht der sich schlängelnde Weg den Berg hinauf für die Reise in die Kindheit des Vaters. Düsterer als Bjergs Bestseller Auerhaus wirkt dieser Roman und der reduzierte, parataktische Stil der Leseprobe verspricht ein zurückgenommenes Erzählen über die Männer einer Familie.
(Bov Bjerg Serpentinen, Claassen, erscheint am 31. Januar 2020)

Tine Høeg Buchcoverhat mit ihrem ersten Roman Neue Reisende den Debütpreis einer Dänischen Buchmesse erhalten und eigentlich schreckt uns die Ankündigung erst ab, denn eine junge Lehrerin lernt auf dem Weg zum ersten Arbeitstag einen verheirateten Mann kennen und dann Affäre und dann Drama, schaut man aber in die Leseprobe, flattern einem die Sätze nur lose gesetzt um die Ohren und es könnte sein, dass das auf 200 Seiten ganz fürchterlich in die Hose geht oder ganz, ganz grandios ist.
(Tine Høeg Neue Reisende, aus dem Dänischen von Gerd Weinreich, Droschl, erscheint am 7. Februar 2020)

Es fällt schwer, sich das Buch Eisfuchs der kanadischen Autorin Tanya Coverbild Eisfuchs von Tanya Tagaq, ISBN 978-3-95614-353-3Tagaq nicht von der Ankündigung des Verlags verderben zu lassen, die nicht nur in der marktschreierischen Rhetorik dieser Texte ein „atemberaubendes Debüt“ ankündigt, sondern auch alle YA-Klischees abdeckt, die in den letzten Jahren bis zum Überdruss verbraten wurden: Kindliche Perspektive, bedrohliche Erwachsenenwelt, Magie, Füchse. Allerdings erreicht uns dieses Buch auch mit einer kurzen sehr positiven Notiz des New Yorker, die uns gespannt macht: “This mystical novel draws on the author’s life to tell the story of a young girl growing up in Nunavut in the nineteen-seventies, in an Inuit community that has experienced ‘government relocation, the shift into capitalism, and the moulting of the Shaman Skin.’” Wir sind optimistisch, und vertrauen in dieser Hinsicht dem New Yorker, der uns einen ernsten poetischen Text verspricht.
(Tanya Tagaq Eisfuchs, aus dem Englischen von Anke Caroline Bruger, Kunstmann, erscheint am 11. Februar 2020)

Interessant klingt allein schon der Titel von Valerie Fritschs Roman Die Herzklappen von Johnson & JohnsonHerzklappen von Johnson & Johnson und auch die Handlung von einem jungen Paar, das ein Kind bekommt, das keinen Schmerz empfinden kann, ist vielversprechend. Wie eine außerhalb der Zeit stehende Litanei ziehen die ersten Seiten dieses Romans die Leser*innen hinein. Dabei spannt die Autorin einen Bogen von den Erinnerungen der Großmutter der kleinen Alma bis in die Gegenwart des Kindes.
(Valerie Fritsch Die Herzklappen von Johnson & Johnson, Suhrkamp, erscheint am 17. Februar 2020)

Der Ruf nach mehr Zeitgeschichte in der Gegenwartsliteratur wird allzuoft mit Romanen beantwortet, die thesenhaft und aufgesetzt allerlei Talking Points zu literarischen Handlungen verrühren. Am Ende hat man dann Palast der Miserableneine Peinlichkeit wie Jenny Erpenbecks Gehen, ging, gegangen. Von Abbas Khiders neuem Roman Palast der Miserablen, der vom Leben einer Familie im Irak unter Saddam Hussein erzählt, versprechen wir uns im Gegenteil ein Buch, das den Horror der Geschichte nicht nur benutzt, um einen Leitartikel zu vertonen, sondern um echte Literatur zu schaffen. Die Ankündigung des Verlags, uns erwarte ein „persönlicher, höchst lebendiger Roman voll unvergesslicher Figuren“ klingt zwar einigermaßen bedrohlich, aber wir hoffen das Beste.
(Abbas Khider Palast der Miserablen, Hanser, erscheint am 17. Februar 2020)

Liest man durch das Programm von Blumenbar, drängt sich der Eindruck auf, die Voraussetzung in dieses aufgenommen zu werden sei eine Menge Instagram-Follower: Die Gedichte von Yrsa Daley-Ward lesen „im Internet Hunderttausende“ (@yrsadaleyward), Morgane Ortin hat gar aus ihrem https://i0.wp.com/www.aufbau-verlag.de/media/Upload/cover/9783351050795.jpg?resize=246%2C382&ssl=1Instagram Account einen Roman gezimmert (@amours_solitaires). Damit kann Mary Gaitskill nicht dienen, aber mit ihrem „Skandalbuch“ von 1988, dem Kurzgeschichtenband Bad Behavior, der ein Jahr später auf Deutsch erschien, aber nicht mehr lieferbar war. Ihre Geschichten drehen sich um Drogenmissbrauch, Prostitution und BDSM. Die englische Wikipedia fasst das knackig zusammen:
Gaitskill’s fiction is typically about female characters dealing with their own inner conflicts, and her subject matter matter-of-factly includes many “taboo” subjects such as prostitution, addiction, and sado-masochism.
(Quelle: Wikipedia, letzter Abruf 17.1.2020).
Obvious, warum das Buch aktuell ist und warum man sich das ruhig mal auf den Zettel schreiben darf.
(Mary Gaitskill Bad Behavior – Schlechter Umgang, aus dem Englischen von Nikolaus Hansen, Blumenbar, erscheint am 18. Februar 2020)

In einer Zeit, in der Ereignisse gemacht werden, um das Konstrukt einer politisierten Realität zu bestätigen, kann man nicht genug darüber lesen, wie die Medien funktionieren, und darüber, was guten und was schlechten Journalismus ausmacht. 2019 erschienen mit Ronan Farrows Catch and Kill und She Said von Jodi Kantor und Megan Twohey zwei Bücher über heroischen Journalismus und die sinistren Kräfte, die sich ihm entgegenstellen. Von den sinistren Kräften innerhalb des Journalismus erzählte Juan Morenos Tausend Zeilen Lügen. Nun veröffentlicht der Secession Verlag das Buch Breaking News. Das Ende des Journalismus und seine Zukunft von Alan Rusbridger, dem ehemaligen Guardian-Chefredakteur. Wir hoffen auf eine spannungs- und anekdotenreiche Geschichte und Analyse des Journalismus in den letzten Jahrzehnten.
(Alan Rusbridger Breaking News – Das Ende der Journalismus und seine Zukunft, aus dem Englischen von Joachim von Zeppelin, Secession, erscheint im Feburar 2020.)

Passend zur Poschardt-Monografie (siehe weiter unten) liefert der Heidelberger Geschichtsprofessor Edgar Wolfrum uns mit Der Aufsteiger, der „ersten historischen Gesamtdarstellung der Berliner Republik“ den Buchdeckel „978-3-608-98317-3Hintergrund. In den vergangenen Jahren ist klar geworden, dass Kämpfe um die Deutung der jüngsten Geschichte dieses Landes möglicherweise von größerer Bedeutung sind, als man es noch vor einem knappen Jahrzehnt hätte meinen können. Das Urteil eines seriösen Historikers dazu zu hören kann nicht schaden.
(Edgar Wolfrum Der Aufsteiger, Klett-Cotta, erscheint am 22. Februar 2020)

Wense, Hauptfigur und Namensgeber des Romans von Christian Schulteisz wird als „Universaldilettant“ angekündigt. Sowas bin ich ja auch – sind wir das nicht alle? Von allem ein bisschen, da und dort, reinschnuppern, ausprobieren, weglegen, vergessen.

[I]ch bin kein schriftsteller, kein literat, kein dichter, kein gelehrter, kein musicus, vielmehr nichts als ein mensch, d. h. philosoph, ein rebell!

Aus: Von Aas bis Zylinder. Werke. Das Briefwerk. Hrsg. Reiner Niehoff und Valeska Bertoncini. 2 Bde. Zweitausendeins, Frankfurt 2005.

Der Roman, soviel wird in der Vorschau zumindest verraten, beruht auf dem Leben Jürgen von der Wenses, aus dessen Leben und Werk der blauwerke Verlag auf Twitter postet. Der Wikipedia Eintrag von Wense ist uns zusammen mit dem Wort „Universaldilettant“ bereits Grund genug, diesen Roman auf dem Zettel zu haben.
(Christian Schulteisz Wense, Berenberg, erscheint am 25. Februar 2020)

Im Guardian wurde Saskia Vogels Roman Permission so beschrieben: „Permission is a story about grief, loneliness and sadomasochism.” Und mehr müssen wir eigentlich über dieses Buch gar nicht wissen, um es interessant zu finden. Außer vielleicht die Ankündigung, dass die Klischees von BDSM, die sich durch Heuler wie 50 Shades of Grey in unserer Kultur sedimentiert haben, konsequent unterlaufen werden.
(Saskia Vogel Permission, aus dem Englischen von Benjamin Dittmann, Secession, erscheint am 28. Februar 2020)

Die Fiktionalisierung von Biographien bleibt offenbar Trend. Das Mädchen mit der Leica ist Gerda Taro, eine in 1910 in Stuttgart geborene Fotografin, die 1937 im spanischen Bürgerkrieg starb. Mit 23 verließ Taro das nationalsozialistische Deutschland und ging ins Pariser Exil. Bei ihrer Das Mädchen mit der LeicaBeerdigung führten Pablo Neruda und Louis Aragon den Trauerzug an, ihr Grabmal schuf Giacometti. Dem Leben der ersten weiblichen Kriegsfotografin spürt Helena Janeczek nach, Aufhänger ist die (reale) Wiederentdeckung eines Koffers mit Negativen von Taro in Mexico.
(Helena Janeczek Das Mädchen mit der Leica, aus dem Italienischen von Verena von Koskull, Berlin Verlag, erscheint am 2. März 2020)

Der andere Roman dieses Frühjahrs, der mit dem Bild der Serpentinen im Titel spielt, ist Olivia Wenzels Debüt 1000 Serpentinen Angst. Hier 1000 Serpentinen Angstbekommt die Metapher aber noch einmal eine ganze andere Wucht. So atemlos wie der Titel es vermuten lässt, scheint sich auch die Handlung durch die Jahrzehnte der wiedervereinigten Bundesrepublik zu winden. Schon die Vorschau ruft einige wichtige Ereignisse der letzten Jahrzehnte auf und positioniert die Erzählerin dazu. Nach einigen Theaterstücken dürfte Wenzels vielversprechender Roman die Autorin auch auf anderen Feldern der Literatur bekannt machen.
(Olivia Wenzel 1000 Serpentinen Angst, S. Fischer, erscheint am 4. März 2020)

Im Dezember 2019 erschien ein Text in der ZEIT, der die 122 Morde an Frauen in Deutschland durch Männer und Lebensgefährten im Jahr 2018 in horrend effektiver Weise einfach aufzählte. Ebenfalls 2019 wurde Rachel Louise Snyders No Visible Bruises, eine Reportage über häusliche Gewalt, auf die Liste der besten Bücher des Jahres gesetzt. Gewalt gegen Frauen als epidemisches und allgegenwärtiges Phänomen ist – viel zu spät – zum Gegenstand einer öffentlichen Debatte geworden. 2020 veröffentlicht der Kunstmann Verlag nun Christina Clemms Akteneinsicht. Geschichte von Frauen und Gewalt. In der Coverbild AktenEinsicht von Christina Clemm, ISBN 978-3-95614-357-1Verlagsvorschau heißt es darüber: „Nach den neuesten Zahlen des BKA ist jede dritte Frau in Deutsch­land von physischer und/oder sexualisierter Gewalt betroffen. Welche Lebensgeschichten sich hinter dieser erschreckenden Zahl verbergen, davon erzählt die Strafrechtsanwältin, empathisch und unpathetisch.“ Wir hoffen vor allem, dass die Vorgaben „emphatisch“ und „unpathetisch“ eingehalten wurden, und ein Buch entstanden ist, das auf nicht-exploitative Art und Weise einem Phänomen, das existieren kann, weil es oft im Privaten stattfinden, mehr Öffentlichkeit verschafft.
(Christina Clemm Akteneinsicht. Geschichte von Frauen und Gewalt, Kunstmann, erscheint am 3. März 2020)

Sibylle Berg hasst oder liebt man, und es gibt gute Gründe, sie mindestens anstrengend zu finden. Genau deswegen ist sie wiederum wahrscheinlich die Beste, um mit 17 renommierten Wissenschaftlern über den Zustand unserer Welt zu sprechen. Nerds retten die Welt entstand während der Recherchen zu GRM und wir möchten gerne, dass Sibylle Berg uns auch einmal interviewt.
(Sibylle Berg Nerds retten die Welt, Kiepenheuer & Witsch, erscheint am 05. März 2020)

Nicht nur, aber vor allem in Deutschland kommt spätestens seit Anfang der Nullerjahre keine technikpolitische Diskussion ohne den Verweis auf China aus. Dass irgendetwas Technisches in China schneller, früher oder Die Frage nach der Technik in Chinaenthusiastischer betrieben werde als anderswo, ist ein Standardkommentar geworden. Da kann es nicht schaden, sich damit zu beschäftigen, ob es tatsächliche Unterschiede im Technikdenken zwischen China und »dem Westen« gibt. Der international tätige chinesische Philosoph Yuk Hui, derzeit Dozent in Weimar, beschäftigt sich in dem Großessay Die Frage nach der Technik in China mit der Suche nach einem genuin chinesischen Denken über Technik in Anschluss an „westliche“ und „östliche“ Literatur.
(Yuk Hui Die Frage nach der Technik in China, Matthes & Seitz, erscheint am 6. März 2020)

Der Titel Von den Deutschen lernen ist gewagt und erzeugt allein dadurch schon Aufmerksamkeit. Von der jüdischen amerikanischen Von den Deutschen lernenPhilosophieprofessorin Susan Neiman kann man sich aber tatsächlich eine sinnvolle Auseinandersetzung mit der Frage erhoffen, was an der spezifisch deutschen Art des Umgangs mit dem Bösen in der eigenen Vergangenheit wertzuschätzen sein könnte, ohne dass es in der typisch deutschen Selbstzufriedenheit der „Erinnerungsweltmeister“ versinkt.
(Susan Neiman Von den Deutschen lernen, aus dem Englischen von Christiana Goldmann, Hanser Berlin, erscheint am 9. März 2020)

Nicht nur ein Sachbuch, das sich mit dem Thema häusliche Gewalt gegen Frauen auseinandersetzt, erscheint dieses Frühjahr, sondern auch ein schon hochgelobter Roman. In Schläge. Ein Porträt der Autorin als junge Ehefrau erzählt Meena Kandasamy autobiographisch gefärbt von der Ehe zwischen einer jungen Frau und einem Professor, der sich nach kurzer Zeit vom „perfekten Mann“ zum „perfekten Monster“ (Verlagsvorschau) entwickelt. Die Vorschusslorbeeren, mit denen dieser Roman jetzt nach Deutschland kommt, sind groß, aber man darf zu Recht hoffen, dass er ihnen gerecht wird.
(Meena Kandasamy Schläge. Porträt der Autorin als junge Ehefrau, aus dem Englischen von Karen Gerwig, Culturbooks, erscheint am 9. März 2020)

Dass die Deutschen ein ganz eigenes Verhältnis zu ihren kreuzungsfreien Fernstraßen haben, pfeifen die Spatzen von den Heckspoilern. Auf der Buchdeckel „978-3-608-50448-4Autobahn ist der Deutsche ganz bei sich, am liebsten im schwarzen TDI mit 190 auf der linken Spur – oder bei Sanifair und Riesenbockwurst. Soweit das Klischee. Zugleich ist die ohnmächtige Wut auf den Autoverkehr in seiner spezifisch hässlich-deutschen Machart seit Langem nicht so laut und präsent gewesen wie heute. Michael Kröchert hat ein Jahr lang die deutschen Autobahnen bereist: genau zur rechten Zeit.
(Michael Kröchert Autobahn, Tropen, erscheint am 11. März 2020)

Als Katharina Herrmann ihren Beitrag Auch ein Land der Dichterinnen und Denkerinnen für 54books schrieb, avancierte dieser über Nacht zu dem meistgelesen und -diskutierten Beitrag auf diesem Blog. Rund drei Jahre später erscheint nun bei Reclam das gleichnamige Buch Dichterinnen & Denkerinnen. Von Luise Gottsched bis Marieluise Fleißer: Katharina Herrmann stellt zwanzig Autorinnen und deren (mal mehr, mal weniger) vergessene Werke vor. Wer die Artikel der Autorin kennt, weiß, dass man sich über 200 Seiten bestens unterhalten und hinterher klüger fühlen wird. Ganz klar: absolutes Muss im Frühjahr!
(Katharina Herrmann Dichterinnen und Denkerinnen, Reclam, erscheint am 11. März 2020)

Poschardt? Soll das ein Witz sein? »Drulf«, wie Kenner den schneidigen Franken nennen, der seinen Doktorgrad bei Formularen gerne mit ins Vorname-Feld einträgt, hat seinen Ruhm eher als ständiges mediales Buchdeckel „978-3-608-98244-2Ärgernis erworben denn als seriöser Autor. Von einer Art porschefahrendem Maskottchen der frühen Berliner Republik hat er sich inzwischen zum Chefredakteur bei Springer und Lieblings-Twittertroll der Boomer-Jahrgänge hochgearbeitet, aber: Sollte man denn ein Buch von ihm lesen? Ja, man sollte Mündig lesen, und sei es, um sich fundierter ärgern zu können. Auf Twitter postet er ja keine zusammenhängenden Sätze mehr.
(Ulf Poschardt Mündig, Klett-Cotta, erscheint am 14. März 2020)

Cover ZerstörungÜber das Schreiben in einer Diktatur, die unerwartet über die Erzählerin hereinbricht, erzählt Cécile Wajsbrot in ihrem Roman Zerstörung. Die Inhaltsangabe des Verlags über eine Diktatur, die die Erinnerung an die Vergangenheit auslöscht und Geschichte tilgt, klingt nach einem Roman, der auf aktuelle politische Entwicklungen in Europa und dem Rest der Welt reagiert.
(Cécile Wajsbrot Zerstörung, aus dem Französischen von Anne Weber, Wallstein, erscheint am 20. März 2020)

Da heutzutage jeder Hinz und Kunz im politischen Tagesgeschäft mit irgendwelchen Rekursen auf kulturelle »Eigenbestände« von wem auch immer hausieren geht, ist es dringender denn je notwendig, sich ein wenig fundiert damit auseinanderzusetzen, was ein Kulturelles Erbe überhaupt sein könnte. Sabine Benzer beschäftigt sich im Dialog mit einer Reihe hochkarätiger Expert*innen mit unterschiedlichen Aspekten des Themas. Sicherlich lesenswert und erfreulich dünn.
(Sabine Benzer (Hg.) Kulturelles Erbe, Folio, erscheint am 31. März 2020)

Im April veröffentlicht Rowohlt die Übersetzung des vierten Romans von Khaled Khalifa. Das Buch trägt den Titel Keine Messer in den Küchen dieser Stadt (zuerst veröffentlicht 2013) und erzählt anhand des Schicksals einer Familie in Aleppo die Geschichte des modernen Syrien. Der Erzähler wird geboren während Hafiz al-Assad die Macht im Land an sich reißt. Man kann nur hoffen, dass die Übersetzung das Versprechen dieses Buches einhält. Verheißungsvoll klingt bereits, was der Guardian über die englische Version schreibt: „The writing is superb – a dense, luxurious realism pricked with surprising metaphors.“
(Khaled Khalifa Keine Messer in den Küchen dieser Stadt, aus dem Syrischen von Hartmut Fähndrich, Rowohlt, erscheint am 21. April 2020)

Ungewöhnlich und vermutlich eine Beschreibung eines Gemäldes ist der Titel von Alena Schröders Roman über drei Frauen Bildergebnis für Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleidim 20. und 21. Jahrhundert. Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid erzählt von den Umwegen, auf denen das Kunstvermögen einer jüdischen Familie im Jahr 2017 zu der 27-jährigen Hannah Borowski gelangt. Nach den unerwarteten Verstrickungen von Lebensläufen klingt die Handlung um die junge Senta Köhler in den 1920er Jahren, die ihr Kind aus erster Ehe beim Vater zurücklassen muss, und Hannah Borowski in der Gegenwart des 21. Jahrhundert. Wer der Autorin in ihrem Podcast sexy und bodenständig im Gespräch mit ihrem Kollegen Till Raether zugehört hat, weiß schon ein paar Dinge über die Entstehung dieses Romans.
(Alena Schröder Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid, Ullstein, erscheint am 24. April 2020)

Einen Schreibtisch mit Aussicht braucht frau, um zu schreiben. Ausgehend von Virginia Woolfs Aussage, eine Frau brauche nur 500 Pfund im Monat und ein eigenes Zimmer (A room of one’s own), um große Literatur verfassen zu können, versammelt diese Anthologie (herausgegeben von Ilka Piepgras) Essays, in denen sich Schriftstellerinnen mit ihrem Schreiben auseinandersetzen; darunter Autorinnen wie Eva Menasse, Sybille Berg, Zadie Smith, Sheila Heiti und Joan Didion. Der Essayband reiht sich damit ein unter Bände mit unterschiedlichen Autor*innen, die in den letzten Jahren erschienen sind.
(Ilka Piepgras (Hg.) Schreibtisch mit Aussicht, Kein & Aber, erscheint am 12. Mai 2020)

Drei 34-jährige Kulturjournalisten aus Berlin und eine 31-jährige Kulturjournalistin aus Berlin unterhalten sich in Liebe, Körper, Wut & Nazis über „Fragen, die niemand zu stellen wagt“. Das klingt entsetzlich. Man Buchdeckel „978-3-608-50465-1möchte es aber trotzdem gerne lesen, denn entweder ist der „Selbstversuch“ von Jennifer Beck, Fabian Ebeling, Steffen Greiner und Mads Pankow wirklich aufschlussreich; oder man lernt bei der Lektüre zumindest etwas über Illusionen und blinde Flecke eines bestimmten Segments des Literaturbetriebs. (Offenlegung von Matthias Warkus: Ich habe einmal in einer Marburger WG gewohnt, in der Steffen Greiner ab und zu am Küchentisch saß.)
(Jennifer Beck et al. Liebe, Körper, Wut & Nazis, Tropen, erscheint am 23. Mai 2020)

Das ist sie, die Liste der Neuerscheinungen des Frühjahrs, die das 54books-Team für erwähnens- und empfehlenswert hält. Und nun lest!