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Verlassen und Fallen – Über Ali Smiths Roman „Herbst“

von Martina Kübler

Hier ist eine alte Geschichte, so neu, dass sie sich gerade erst zuträgt, sich in diesem Moment fortschreibt, ohne zu wissen, wohin und zu welchem Ende. Ein alter Mann schläft in einem Bett in einer Pflegeeinrichtung, in Rückenlage, der Kopf von einem Kissen gestützt. Sein Herz schlägt, und das Blut strömt durch seinen Körper, er atmet ein und aus, schläft und ist wach und ist nichts als ein abgerissenes Blatt auf einem fließenden Bach, grüne Adern und Blattgewebe, Wasser und Strömung, Daniel Gluck wirft seine Sinne ab, seine Zunge ein breites grünes Blatt, Blätter sprießen aus seinen Augenhöhlen, Blätter höckern (sehr gutes Wort dafür) aus seinen Ohren, Laub rankt sich durch seine Nasenhöhlen und heraus und herum, bis er ganz in Laub gehüllt ist, Blatthaut, erleichtert.
(Ali Smith: Herbst)

Große Werke der Literatur tragen den Schlüssel für ihre Lektüre bereits in sich, der Text selbst gibt Hinweise darauf, wie er gelesen, wie er verstanden werden möchte. Der Roman Herbst der schottischen Autorin Ali Smith, der als Autumn bereits 2016 auf Englisch und im Oktober 2019 endlich bei Luchterhand auf Deutsch erschienen ist, gibt der Leserin gleich mehrere solcher Schlüssel an die Hand, einen dicken Schlüsselbund, mit dessen Hilfe man sich dem schlanken Büchlein nähern soll.

Leaves/Blätter

Ein solcher Schlüssel findet sich etwa, wenn Smith eines der vielen kurzen Kapitel im letzten Drittel des Buches mit „Hier ist eine alte Geschichte, so neu, dass sie sich gerade erst zuträgt“ beginnt. Obwohl dieser Satz wie ein typischer Romananfang daherkommt, fällt er bei Smith erst spät. Sie eröffnet die Geschichte von der Freundschaft zwischen dem 101-jährigen Daniel Gluck und der Mittdreißigerin Elisabeth Demand lieber in medias res mit einem Traum, den Daniel auf seinem Sterbebett träumt, und der einsetzt, als er nackt an einem einsamen Strand angespült wird. Verschämt flieht der träumende Daniel ins Gebüsch, wo er sich ein Kleid aus Blättern fertigt, um seine Nacktheit zu verbergen – der gleiche Daniel, der währenddessen sterbend im Bett liegt und dabei wie ein zerrissenes Herbstblatt aussieht, das auf dem Wasser treibt, dessen Zunge einem grünen Blatt gleicht, und aus dessen Augenhöhlen, Ohren und Nasenlöchern ebensolche Blätter quellen.

Blätter finden sich an vielen Stellen von Smiths Roman wieder; ein Motiv, das sich leicht mit dem Romantitel Herbst in Verbindung bringen lässt. Herbst ist das erste Buch in Smiths Romanquartett, dessen Nachfolger Winter und Spring auf Englisch bereits erschienen sind. Der letzte Teil Summer folgt voraussichtlich im Sommer 2020. Ganz so einfach wie die Gleichsetzung der Blätter mit der Jahreszeit Herbst bleibt Smiths Bildsprache jedoch nicht, denn sonst würde Smith, die bereits zweimal für den renommieren Man Booker Prize nominiert war, in ihrer Heimat Großbritannien wohl kaum als „Scotland’s Nobel laureate-in-waiting“, als Anwärterin auf den Nobelpreis, gehandelt. Den Blättern kommt eine ganz andere Bedeutung zu, wenn man einen Blick in das englische Original wirft und bedenkt, dass die Geschichte im Herbst 2016 in England spielt. Es handelt sich also genau um jenen Herbst, der auf den verhängnisvollen Sommer folgte, in dem Großbritannien über Austritt aus oder Verbleib in der Europäischen Union entschied.

Leave/Verlassen

„Vote leave!“ hieß es im Vorfeld des Referendums auf Schildern und Bannern im ganzen Vereinigten Königreich. Die „Leavers“ lieferten sich Schlagabtäusche mit den „Remainers“. Am Ende stand die Entscheidung fest: „We’re leaving the EU“, sagten die Briten, und dieses Verlassen wird in Smiths literarischer Sprache durch den Gleichklang mit den „Blättern“—leaves—fest mit der Jahreszeit Herbst verknüpft, ein Schlüssel für den Zugang zu ihrem Roman, der sich also, so gut die Übersetzung auch sein mag, nur im englischen Original offenbart. Hier lautet die eingangs bereits zitierte Passage des im Hospizbett liegenden Daniels nämlich:

[H]e’s nothing but a torn leaf scrap on the surface of a running brook, green veins and leaf-stuff, water and current, Daniel Gluck taking leaf of his senses at last, his tongue a broad green leaf, leaves growing through the sockets of his eyes, leaves thrustling (very good word for it) out of his ears, leaves tendrilling down through the caves of his nostrils and out and round till he’s swathed in foliage, leafskin, relief.

Der Gleichklang der Worte „leave“, „leaving“, „leaf“, „leaves“ und „relief“ begleitet den Roman wie eine Hintergrundmelodie. Herbst gilt als der erste Brexit-Roman überhaupt, denn Smith schrieb und veröffentlichte ihn nach dem Referendum im Juni noch innerhalb des Jahres 2016. „It’s the never-ending leaf-fall“ heißt es im Text weiter, und spätestens mit diesem Fallen paart sich die Untergangsstimmung und die Hoffnungslosigkeit des britischen EU-Austritts mit dem Herbst als Jahreszeit des Fallens der Blätter, des Sterbens, des sich vermeintlich anbahnenden Todes.

Diese politische Stimmung in Großbritannien nach dem Brexit-Referendum kommentiert Smith in einigen Passagen mit großer Offenheit. „It was the worst of times, it was the worst of times“, lässt sie ihre Geschichte beginnen und stimmt damit nicht nur eine fatalistische Grundstimmung an, sondern rekurriert noch dazu auf den Anfang eines der bekanntesten britischen Romane überhaupt. Charles Dickens‘ A Tale of Two Cities, der mit „it was the best of times, it was the worst of times” beginnt, spielt vor und während der Französischen Revolution, eine Zeit des Aufruhrs und der kulturellen Zerrissenheit also. Smith stellt für die heutige Zeit eine ähnliche Diagnose: „All across the country, people felt it was the wrong thing. All across the country, people felt it was the right thing.”

Vordergründig ist Herbst allerdings kein politischer Roman; der Brexit steckt im Detail. Vorrangig erzählt Herbst von der Freundschaft zwischen Daniel und Elisabeth, eine Freundschaft, die Generationen übergreift. Als junges Mädchen freundet sich Elisabeth mit dem alten Nachbarn an, der ihr schon bald in sokratischen Dialogen das aufmerksame Lesen, das Denken und Sich-Wundern beibringt. Seine erste Frage lautet stets „Was liest du gerade?“. Daniel, der knappe siebzig Jahre älter ist als Elisabeth, hat nie verlernt, die Welt mit den neugierigen Augen eines Kindes zu sehen.

Als die Geschichte einsetzt, liegt der 101 Jahre alte Daniel bereits bewusstlos in einem Hospiz, wo Elisabeth ihn regelmäßig zum Vorlesen besucht. Smith erzählt die Geschichte der beiden in mal kürzeren, mal längeren Rückblenden, die sich, da nicht chronologisch angeordnet, eher lose zu einem großen Ganzen, einer Art virtuoser Collage zusammenfügen. So erfährt die Leserin im Laufe der Geschichte nicht nur Einiges aus dem Leben, Träumen und Erinnern der Charaktere, sondern erlebt vielmehr eine Art psychedelisches Medley der britischen und gesamteuropäischen Geschichte. In Daniels Erinnerungen zum Beispiel gibt Smith Einblicke in dessen Erfahrungen mit dem Zweiten Weltkrieg, wohingegen die Kunsthistorikerin Elisabeth in einem anderen Handlungsstrang Werk und Schaffen der in Vergessenheit geratenen britischen Pop-Art-Künstlerin Pauline Boty (eine reale Figur!) wiederentdeckt. All das wird erzählt auf eine für Ali Smith typisch humorvolle und selbstironische Art, die etwa auch vor albernen Wortspielen nicht zurückschreckt und sich sogar beim Scherzen noch selbst aufs Korn nimmt: „Puns, the poor man’s currency“, heißt es, just nachdem ein ebensolcher Wortwitz gemacht wurde.

Relief/Erleichterung

Als Kind, so erfahren wir in einer weiteren Rückblende, hat Elisabeth einmal die Hausaufgabe, über einen ihrer Nachbarn ein „Porträt aus Wörtern“ zu schreiben, eine Aufgabe, für die sie den wundersamen Daniel auswählt. Mit Herbst präsentiert uns Ali Smith ein solches Wörterporträt und zeichnet damit ein vielschichtiges, leicht schrulliges, aber gleichermaßen liebenswürdiges Bild unserer britischen Nachbarn.

Leaves, vote leave, relief. Am Ende des Sterbens steht der Tod. Am Ende des Herbstes, wenn alle Blätter gefallen sind, erwartet die Leserin „relief“, also die Erlösung. Daniels Leben, dessen 101 Jahre die Höhen und Tiefen der europäischen Vision umspannen, ist am Ende des Romans jedoch wider Erwarten nicht zu Ende. „Relief“ steht hier also nicht für Erlösung, sondern für die Erleichterung, die eintritt, wenn Daniel im letzten Kapitel kurz aus seinem Schlaf erwacht, ein stattliches Mittagessen zu sich nimmt, und die Pflegekraft unverfroren anschwindelt, indem er nach seiner „Enkelin“ Elisabeth verlangt. Die Untergangsstimmung des Herbstes und die Hoffnungslosigkeit des Brexits schlagen um in eine Hoffnung darauf, dass Fremde erst zu Nachbarn, dann zu Freunden und schließlich zur Familie werden können. „Trotz Feuchte und Kälte”, heißt es am Schluss, “ist an einem Busch, der bereits abgeblüht aussieht, eine Rose weit geöffnet, noch. Sieh dir [ihre] Farbe an!”

 

Photo by Caleb S on Unsplash

Klausur

Eine literarische Erzählung von Kamala Dubrovnik in der Reihe 54stories

Hier kann man den Text auch hören

 

Todmüde liege ich im Halbdunkel und hoffe, dass die Nervenenden meiner Klitoris vielleicht irgendwann auch meine Synapsen entspannen. Nach dem achten Versuch lasse ich den Vibrator lustlos zwischen den Beinen liegen. Bin kurz eingenickt, vielleicht für ‘ne Stunde und jetzt beginnt zwischen meinen Lidern etwas zu kriechen. Ich schiebe sie auf wie die Lamellen einer Jalousie und sehe wie sich ein kleiner dunkler Fleck auf dem Bettlaken bewegt. Da ist eine! Drecksviech! Ich schlage zu und wische dann mit abgründig nach unten gezogenen Mundwinkeln den dunklen Schmierfleck vom Boden. Ich bin wirklich, wirklich müde. Eigentlich wollte ich, dass du vorbeikommst, bist wärmer als mein Bett und du vertreibst die unerträglich schlaflosen Naächte durch deine unerträglich nahe Gesellschaft. Ich ertrag dich eben nicht, das, was du sagst. Ich bin müde, ehrlich. Ich wüsste gar nicht, wo ich anfangen sollte dir meine Welt zu erklären und vor allem – will ich nicht. Ich glaub, ich beende es. Ist einfach zu anstrengend dieser Diplomatiemarathon. Ein Griff zum Handy und bevor ich darüber nachdenken kann, tippe ich “macht feminismus einsam” bei Google ein. Die ersten Ergebnisse lauten: 1. „Mein Feminismus hat mich beziehungsunfähig gemacht.“ 2. „Je feministischer desto unglücklicher.“ 3. „Diese Angst vor autarken Frauen nimmt bizarre Züge an.“ Wow. Warum kann da nicht stehen: 1. Der Feminismus stärkt Liebe auf Augenhöhe 2. Je feministischer, desto glücklicher 3. Mythos gelüftet. Männer haben gar keine Angst vor starken Frauen, sondern nur vor ihrem eigenen Versagen. Ach, Fuck jetzt fängt’s an zu jucken, eine hat mich erwischt. Ich werfe die Suchergebnisse aus dem Genderdungeon auf das gegenüberliegende Sofa und ganz langsam kriecht das Handy schüchtern blinkend unter meine Decke zurück. Meine Finger tippen auf dem Display herum und copy-pasten halbgare Floskeln aus den letzten Ichwilldichnichtmehrsehen-Situationen zusammen, die ihm hoffentlich verständlich machen, dass ich ihn nicht mehr sehen will. Irgendwas mit “Lieber Tim” und „passt nicht“, dann sowas wie „Distanz“ und „Alles Gute“. Gesendet.

Mein leeres Zimmer gähnt mich an und ich reiße meinen Mund weit auf und gähne zurück wie eine abgemagerte, stumme Löwin. Erschöpft und hechelnd liege ich im Schatten meiner Nachttischlampe, während ich gedanklich eine Rechnung an Tim adressiere – für emotionale Leistungen.
Ich will schlafen, ich will nicht mehr drüber reden. Wirklich nicht, ich kann einfach nicht mehr. Nein, ich hab doch gesagt ich bin müde… Mir fallen die geäderten Augen zu, Lider wie schwere Sandsäcke fallen staubig aufeinander. Und dann – kommt die Flut. Es fließt aus den Ecken und tropft von der Decke. Wellen von kleinen, dunkelbraunen Insekten schwappen an den Rand meiner Matratze, spülen über mich hinweg, decken mich zu wie ein dreckiges, braunes Laken, fließen wieder von mir herunter. Ein paar bleiben hängen, saugen sich an mir fest, dunkle Male auf meiner Haut.

Ich öffne die Augen und atme tief durch. Es kribbelt an meinem Fuß. Wenn es kribbelt kann es keine sein, die spürt man nämlich gar nicht, erst wenn sie beißen und es dann anfängt zu jucken. Jetzt kribbelt’s am Rücken…Scheiße. Schließe wieder die Augen, sehe rotes Licht und entzündete Nippel, fühle kochendes Blut, rieche Hormone, Gender Studies, Angstschweiß und spüre plötzlich alle Kerben brennen, die in meinen Stolz geschlagen wurden. Sehe Tim wie er mich irritiert anguckt, weil ich unrasierte Achseln habe und schlage die Augen auf.

Wenn ich meine Ruhe habe, heißt das ich bin alleine.

Nein, ich würde mich nicht als radikal bezeichnen. Nein, nein, keine Angst, ich bin keine von denen. Nein, ich hasse keine Männer, das hat ja auch gar nichts damit zu tun. Ja, wirklich. Ja, ich bin ja eine ganz andere Generation. Ja, total schwierig heutzutage. Ja, genau, gerade zwischenmenschlich. Doch, ich finde schon, dass man sich noch näher kommen kann. Es geht doch darum geschlechtliche Grenzen abzubauen, dann sind wir doch alle freier.

Mein Knöchel beginnt höllisch zu jucken, ich fühle ein, zwei, drei Stellen nebeneinander. Als ich mit den Fingern darüber streiche, schwellen sie an, werden heiß und rot. Ich atme durch die Zähne, kratze mich. Du? …Nein, du bist keiner von denen. Du bist weiß, zumindest mittelalt, und du hast nen Schwanz, aber du bist doch keiner von denen, ganz bestimmt nicht, wie käme ich denn darauf. Du bezahlst mein Bier, weil‘s sich so gehört, aber du bist keiner von denen. Du benutzt

“Bitch” als Schimpfwort, aber die Leute wissen ja wie du’s meinst. Du fragst dich, ob man jetzt noch flirten darf, weil es ja genau darum geht, aber du bist keiner von denen. Du guckst mir während wir darüber reden auf die Brüste, aber du bist garantiert keiner von denen. Ich weiß: Du bist was ganz besonderes.

„Sie müssen sich leider zusammen reißen und weiterhin dort schlafen.“ hat der Kammerjäger gesagt. “Die Wanzen werden von ihrer Körperwärme angelockt, ansonsten verkriechen sie sich so weit, dass wir sie gar nicht erwischen können.” Ich bin also ein Lebendköder, muss mich selber auslegen und nachher meine Stiche zählen. Ist das sein Ernst? Die Menschen können zum Mond fliegen, aber ich muss hier jeden Abend Dschungelprüfung machen, wenn ich mich schlafen lege? Der Weg des geringsten Widerstands, den ich nicht gewählt habe: Leg dich hin und lass dich stechen. Bleib reglos liegen, bis sie alle einmal rüber sind. Denk einfach an was Schönes.

Bullshit. Ich kann nichts vergessen, gar nichts. Ich kann nur tolerieren, während mich alles andere daran erinnert, wo mein Platz ist, wo ich hingehöre. Ich würde dir damit ja ständig auf deinen achsoheiligen Sack gehen, damit du es ebenfalls nicht vergisst, aber – ich bin einfach zu müde.

Ich seh’s in deinen Augen, ich bin in schwänzliche Ungnade gefallen. Du fängst an mich zu hassen. Alles, was du vorher stark und verwegen fandest, findest du jetzt – anstrengend. Das ist die Essenz der ganzen Sache. Anstrengend. Du findest es nicht natürlich oder notwendig sondern übertrieben, daher ist es so anstrengend.

Jetzt sagst du plötzlich, ich sei frustriert. Frustriert, frigide, ungefickt, misogyner Klimax. Das was mir nämlich eigentlich fehlt ist – Überraschung – ein Schwanz. Ein richtig dicker, der am Anfang wehtut, aber genau das ist, was ich brauche. Denn ohne ihn, nimmst du mich einfach nicht ernst. Du langweilst mich. Frag mich doch noch, ob ich meine Tage habe. Was ist? Traust du dich jetzt nicht mehr? Hm? Verdammt, dieses Jucken bringt mich um. Ich kratze mich leidenschaftlich am Fuß, während sich meine Augen nach innen rollen. Jetzt juckt es noch viel mehr. Und ich kann nichts dagegen tun. Dass du mich so siehst. Und ich konnte auch nichts tun, als wir beide uns letztens begegnet sind. Wir zwei, alte Bekannte, immer viel Sympathie gehabt und viel geschäkert. Ein freundschaftliches Augenzwinkern, das mir plötzlich zwischen die Beine fasst. Wie unangenehm, wenn du dich genau so daran erinnern würdest, wie ich es tue. Wie du mir ins Ohr geflüstert hast, dass ich dich lasziv angeschaut hätte. Glücklicherweise machst du das nur, wenn du betrunken bist, du merkst es dann kaum und ich denke stattdessen darüber nach, welche meiner Gesten als erotisch interpretiert hätten werden können. In deinen Augen bin ich ein notgeiles Stück, das hast du gedacht und ich hab’s gehört. Laut und deutlich. Und ich kann nichts dagegen tun, dass du mich so siehst. Nichts.

Bin nicht Mutter, bin nicht Mädchen, ich bin ledig. Mit Schlampenpotential. Die Haut an meinem Fuß ist offen, blutet ein bisschen, ich kann jetzt nicht mehr kratzen. Ich könnte dir auch all das sagen, es würde sich nichts ändern. Ich könnte deine Hand von meiner Hüfte nehmen, es würde sich nichts ändern. Ich könnte mir mit Edding Femen auf die Titten malen und dich anschreien, du würdest mich ganz genau so anschauen. Als könnte ich dir nie gefährlich werden.

Ich richte mich auf, steif wie eine Spielzeugpuppe und fühl mich ähnlich seelenlos, drehe meinen angeschraubten Kopf und sehe wie eine fette, vollgesogene Bettwanze unter meinem Kopfkissen hervor krabbelt. Du entkommst mir nicht, du Miststück. Mit einem Kippenstummel, den ich schnell aus dem Ascher fischen kann, quetsche ich das Blut, mein Blut, aus ihr heraus, und zerdrücke ihren kleinen Körper vor mir auf dem Fußboden. Ich bin angewidert. Von allem, von diesem winzigen, verwanzten Zimmer, von mir, die ich hier übernachten muss, von mir, die so müde ist, zu müde ist, um weiter zu sprechen, angewidert von meiner Schwäche, davon, dass mein Kampfgeist gebrochen scheint, weil ich nicht die Kraft besitze jeden Tag aufs Neue den “Dialog zu öffnen”, angewidert von meinem eigenen Schweigen, kann fühlen, wie ich mich selbst in die stumme Masse einfleische, meine Faust zur Hand wird und ich beinah untergehe. Beinah. Kämpfe gegen Windmühlen aus schlackernden Vorhäuten und ProLifeChristinnen. Bin so angewidert und bleibe einfach liegen.

Danke, mir geht’s gut, ehrlich. Ja, ich schaff das schon. Bestimmt. Ja, wirklich. Obwohl sie sich jede Nacht an mir festsaugen, sich von mir ernähren, von meinem Körper, meinen Brüsten, meinen Armen, Beinen, meinem Bauch und meinen Händen, geht es mir gut. Sie saugen mein Blut und verdauen es zu Überheblichkeit und Arroganz, reiben sich an mir ab, pissen überall hin, markieren ihr Revier.

Legen sich wie grausame Liebhaber jede Nacht unbemerkt in mein Bett. Tagsüber findet man sie nicht, seh’ ich sie nicht, existieren sie nicht. Hab sie eingeschleppt, hat jemand eingeschleppt, verstecken sich in Koffern, Taschen, alten Büchern, schämen sich vielleicht, legen ihre Eier zwischen die Zeilen, schlüpfen irgendwann, ganz unbemerkt.

Was, wenn ich nie wieder wirklich schlafen kann und deswegen nie wieder wirklich wach werde. Nicht mehr weiter machen kann. Wenn ich wirklich ernsthaft resigniere und dann im Petticoat und mit einem angeschminkten Lächeln in der Küche stehen muss like it’s 1955. Ja, ich weiß, aber es fühlt sich genauso an.

Tim schreibt: „Ich hab mir schon gedacht, dass du ‘ne miese Fotze bist, die einfach nur…“ Das Display wird wieder dunkel. Jaja, ist schon okay, war mein Fehler, dich nicht sofort zu blockieren.
Das Gefühl der Bestätigung drehe ich in eine dünne Zigarette und mit dem Schnippen des Feuerzeugs ist es vorbei. Ich puste den heißen Rauch in die Luft, ganz langsam und sehe dabei zu, wie sich die dichteren Wolken schnell auflösen und im gemütlichen Licht nur ein schlechter, kalter Geruch zurückbleibt. Ich weigere mich unsichtbar zu werden, mich zu verstecken, zu tarnen, parasitär zu leben, und ich weigere mich heimlich zu trauern, heimlich zu ficken und heimlich wütend zu sein. Heimlich wird vergessen. Versteckt wird übergangen. Nicht sichtbar ist nicht existent. Dann lasse ich lieber meine Achselhaare zum Fenster rauswachsen, damit alle Tims dieser Welt sie sehen und mich nicht vergessen, auch wenn ich dann „die verrückte Alte“ bin. Ich drücke auf den Einschaltknopf des Vibrators. Neuer Versuch. Einmal lange gedrückt halten und dann presse ich ihn zwischen meine Beine. Angestrengt beiße ich für Sekunden die Zähne zusammen, das Ding stottert wie ein kaputtes Auto und gibt dann endlich den Geist auf. Klar. Resigniert falle ich in die Kissen zurück und gebe auf. Es ist so weit. Ich bewege mich jetzt nicht mehr und mein Mund bleibt geschlossen bis die Erschöpfung mich hoffentlich irgendwann übermannt. In der einen Hand ein kaputter Vibrator, in der anderen eine eingerollte Zeitung zur Verteidigung liege ich da wie ein Unfallopfer. Ein verdrehter Körper, der aus dem zehnten Stock gefallen ist, und aus irgendwelchen Gründen überlebt hat. Zum Glück.

Kamala Dubrovnik ist die Hedonistin der Herzen, die Smooth Operator der Literaturszene, die Matriarchin musischer Ausschweifung. Sie ist Autorin, Sprecherin, Musikerin und Künstlerin und beschäftigt sich mit den essentiellen Themen des Lebens: Sex, Tod, Politik. 

www.kamaladubrovnik.com

Soundcloudlink zur Lesung des Textes

[Kolumne] Blickpolitik: Flaneur rempelt Phoneur

Zombies, unheimliche Wiedergänger ohne Persönlichkeit oder Seele, treffen auf Smartphones und heraus kommt das Kofferwort „Smombies“, das nun unbeaufsichtigt durch den Diskurs geistern darf. Der Begriff für Menschen, die sich in ihrem Smartphone versenken und ihre Umwelt gar nicht oder kaum noch wahrnehmen, machte eine rasche Karriere und wurde 2015 sogar mit dem Titel des „Jugendworts des Jahres” gekrönt, und das, obwohl es kaum Nachweise über eine tatsächliche Verwendung des Wortes gab. Aber wer kann schon einem smarten Jugendwort widerstehen, das so schön die (eigene) Technikskepsis zusammenfasst.

In ihr Telefon vertiefte Menschen werden seit einiger Zeit  als Ärgernis wahrgenommen; davon zeugen die ironischerweise regelmäßig in den sozialen Medien verbreiteten Posts von Gastronomiebetrieben, die Smartphoneverbote aussprechen oder stolz verkünden kein W-Lan zur Verfügung zu stellen. Und selbstverständlich findet sich diese Form von Kritik, die  schnell in einen Schwanengesang auf das Echte, Reale und Authentische, die zwischenmenschliche Interaktion und die gute alte Zeit ausarten kann, auch in den etablierten Medien.

Ein aktuelles Beispiel liefert ein Kommentar des Medien- und Literaturwissenschaftlers Roberto Simanowski im DLF Kultur, dort schreibt er: „Also stört uns die Ignoranz des Smartphone-Zombies – oder kurz: Smombies – nicht nur uns, sondern auch dem Raum gegenüber. Und mit dem Raum entwerten sie zugleich dessen Geschichte und Gegenwart, die präsent ist in der Häuserstruktur, den abgetretenen Treppenstufen, dem Denkmal im Park. Das alles geht ebenso verloren wie die Menschen vor Ort. Kein Blick für die Jugendlichen an der Ecke und die Trinker im Park. Kein Blick für die alte Frau mit dem Baguette oder das kleine Mädchen mit dem großen Hund. Aber damit nicht genug. Das Smartphone lenkt nicht nur ab vom Raum, es ändert auch den Blick auf diesen.“

Natürlich möchte man direkt zurückfragen, ob Herr Simanowski schon mal eine halbe Stunde auf Instagram verbracht hat, wo Bilder der von ihm beschriebenen spezifischen Form von Lokalkolorit, Perspektiven auf interessanten Ecken im öffentlichen Raum und eine beinahe fetischisierte Verfallsästhetik zahlreiche der geposteten Bilder prägen – fotografiert von den vielfach kritisierten Smombies, die angeblich ihre Umwelt nicht mehr wahrnehmen.

Simanowski vertritt in seinem Text, wie auch in einem sehr ähnlichen Vorläufertext in der NZZ von 2017 (Kulturkritik kann man eben auch drei Jahre später noch aus dem Gefrierfach nehmen), eine Flanierästhetik alter Schule, die allzu oft andere Menschen im öffentlichen Raum zur Kulisse reduziert. Der Flaneur ist historisch betrachtet eine männliche Figur, und  es ist daher auch durchaus bezeichnend, wer in Simanowskis Text angeschaut wird: Jugendliche, Trinker, Kinder und Frauen.

Wem gehört der öffentliche Raum? Wer fühlt sich dort sicher und willkommen? Für wen werden öffentliche Plätze und Straßen geplant und wer ist ein öffentliches Ärgernis? All diese Fragen treiben nicht nur Stadtplaner*innen und Geograph*innen um, sondern werden auf immer wieder neue Art und Weise auch in der Literatur verhandelt. Der Blick auf die räumlichen Verhältnisse in literarischen Texten, auf Raumkonzepte als zentralen Vorstellungsbildern von Kulturen und auch auf die Machtdimensionen, die unseren Vorstellungen von Raum immer eingeschrieben sind, ist mittlerweile zu einem Kernthema der Kultur- und Literaturwissenschaften geworden und auch in der Literaturkritik angekommen.

Raum in literarischen Texten kann eine Bühne für die Figur sein, kann Heimat und Geborgenheit oder Abenteuer und Eroberung bedeuten, kann distanziert beobachtet oder halsbrecherisch durchdrungen werden. Figuren können von Machtverhältnissen, die sich räumlich abbilden unterdrückt oder ermächtigt werden, aber zu dem Raum, in dem sie erzählt werden, müssen sich die Figuren immer irgendwie verhalten. Literatur steht immer in einem Verhältnis zur Gegenwart der Schreibenden, unterläuft Wahrnehmungsmuster und soziale Ordnungen oder affirmiert diese. So setzen sich beispielsweise zahlreiche Texte der Anthologie FLEXEN. Flaneusen* schreiben Städte, die 2019 im Verbrecher Verlag erschienen ist, mit dem öffentlichen Raum auseinander, eignen sich die traditionell Männern vorbehaltene Sozialfigur des Flaneurs an und erobern den Raum aus einer eigenen Perspektive. Dabei wird ein kulturell etabliertes Blickregime unterlaufen, das dem männlichen Flaneur die Rolle des betrachtenden Subjekts zuweist, der mit seinem Blick anderen Personen im öffentlichen Raum zu Objekten machen kann. Flanieren als feministische Praktik setzt also diesem männlichen Blickregime einen eigenen Blick entgegen, versucht Unsichtbares sichtbar zu machen und den eigenen Status in etablierten Blickregimes zu reflektieren.

In Zeiten der Digitalisierung aber hat sich die Rolle der Flaneure im öffentlichen Raum grundsätzlich verändert. Einerseits gibt es Theorien, die das Flanieren selbst in die Virtualität verlegen, also beispielsweise zielloses Surfen im Internet oder das Wandern in Computerspielen als neue Form des Flanierens bezeichnen, andererseits entstehen aus der allgegenwärtigen Verzahnung von virtuellem und realem Raum neue Fragen und Herausforderungen. Welche Rolle spielen Flaneure und Flaneusen in der Gegenwart zwischen Pokémon Go und Schrittzähler-Armbändern?

Robert Luke formuliert 2005 erstmalig den Begriff des Phoneurs für die flanierenden Menschen in sich überlappenden virtuellen und realen Räumen. Corinna Pape schreibt: „‘Strolling‘ lautet der englische Begriff für die Praxis des Flaneurs – ‘scrolling‘ nennen wir heute das Lesen auf digitalen Geräten. Ausgehend von der Annahme, das sich mobile Medientechnologien zunehmend in den urbanen Raum einschreiben, stellt sich die Frage: Wird der Flaneur heute zum ‘scrollenden‘ Spaziergänger, zum Phoneur, der sich ausgestattet mit mobiler Technologie ebenfalls in einer Zwischenwelt innerhalb des Stadtraums bewegt?“[1]

Der sich aktiv im realen Raum bewegende Phoneur, der diesen durch Verknüpfung mit dem sozialen Gefüge des virtuellen Raums mitgestaltet, steht im klaren Gegensatz zu dem von Simanowski kritisierten hirnlosen Smombie. Der öffentliche Raum gehört den Menschen, die sich dort aufhalten, ob sie mit gesteigerter Sensibilität nach Bildern für ihren Instagramfeed suchen, alltagsbeobachtend im Kopf Tweets formulieren, versuchen ihre 10000 täglichen Schritte zu erreichen, das ein oder andere Pokemon fangen, oder eben andere bei ihrem fluiden Wechsel zwischen Virtualität und Realität bewerten und beobachten.

Das Gerede von Smombies, die in ihr Smartphone starrend die Sinnlichkeit des öffentlichen Raums verpassen, ist eine reaktionäre Argumentationsfigur, die auch dem Zorn darüber zu verdanken ist, dass sich viele Menschen nicht mehr den etablierten Blickregimes unterwerfen, den Blick zurück verweigern und sich stattdessen teilweise in den virtuellen Raum zurückziehen. Damit werden etablierte Machtverhältnisse im öffentlichen Raum nicht mehr bestätigt, sondern ständig in Frage gestellt und das macht wütend. Simanowskis formuliert es in der NZZ vielleicht selbst am besten: „Ärgerlich ist, dass wir nicht infrage kommen, dass wir keine Rolle spielen, dass wir ignoriert werden.“ Seine Antwort auf diese Zumutung des Blickentzugs scheint übrigens zu sein, sich den Phoneuren mutig in den Weg zu stellen: „Diese Smartphone-Zombies sind keine Überbleibsel einer unbegrabenen Vergangenheit, sondern Vorboten einer Zukunft, der wir nicht entgehen können. Ihr Anblick gemahnt uns, dass wir die technische Entwicklung nicht aufhalten können. Wer wollte da nicht wenigstens den Boten dieser Entwicklung sich wacker in den Weg stellen?“ Hier rempelt dann der Flaneur alter Schule die Phoneure zurück in das alte Blickregime – zumindest für einen Augenblick.

[1] Corinna Pape: „Lernen findet Stadt. Der urbane Raum als transmedialer Spielplatz.“ In: Gerhard Chr. Buckow et. Al. (Hg.): Raum, Zeit, Medienbildung. Untersuchungen zu medialen Veränderungen unseres Verhältnisses zu Raum und Zeit. Wiesbaden, 2012. S. 155-172

 

Was man lesen kann – Frühjahrsempfehlungen von 54books

Wer einmal über eine der beiden großen Buchmessen Deutschlands in Leipzig und Frankfurt gelaufen ist, hat eine Ahnung davon bekommen, wie viele Bücher jedes Jahr im Frühjahr und in der Herbstsaison erscheinen. Niemand kann da den Überblick behalten, und warum auch? Von den rund 70 000 Büchern, die jährlich in Deutschland auf den Markt kommen, kann und will man nicht einmal einen Bruchteil lesen. Und selbst diejenigen, die man gerne lesen würde, wird man nicht alle innerhalb des Jahres lesen können. Es scheint ein schier unmögliches Unterfangen zu sein, eine Schneise der Empfehlungen in dieses Dickicht aus Neuerscheinungen zu schlagen.
Und dennoch, wir haben es versucht, uns durch eine Liste von 50 Verlagen mit über 500 Neuerscheinungen im Frühjahr 2020 gearbeitet und herausgesucht, was für uns interessant, nennenswert oder auch nur zumindest relevant erschien.

Wir präsentieren euch die 54books-Vorschau des ersten Halbjahres 2020

 

Sprache und SeinWie beeinflusst Sprache unser Denken? Welche normativen Überlegungen folgen aus dem, was wir darüber wissen? Und was hat das alles mit Feminismus zu tun, mit Emanzipation, mit Rassismus, mit Diskriminierung und Befreiung? In Sprache und Sein, einem erzählenden Sachbuch, geht Kübra Gümüşay, immer wieder mit autobiographischer Färbung, diesen Fragen nach.

(Kübra Gümüşay Sprache und Sein, Hanser Berlin, erscheint am 27. Januar 2020)

Der Verbrecher Verlag hat in den letzten Jahren für einige positive Sonne, Mond, ZinnÜberraschungen gesorgt und auch Alexandra Riedels Debüt Sonne Mond Zinn verspricht anhand des ersten Eindrucks der Leseprobe, ein guter Roman zu sein. Über den Inhalt selbst erfährt man nicht viel aus der Vorschau, aber die Haltung, mit der die Erzählfigur in einem lockeren Ton an ein Du gerichtet in den Roman einsteigt, lässt auf ein geschmeidig fließendes Erzählen hoffen.
(Alexandra Riedel Sonne Mond Zinn, Verbrecher, erscheint am 28. Januar 2020)

Der Titel des neuen Roman von Bov Bjerg bietet Raum für Interpretationen. Serpentinen handelt von einem Vater, der mit seinem Sohn auf die Suche nach der eigenen Vergangenheit geht. Beinahe metaphorisch, meint man, steht der sich schlängelnde Weg den Berg hinauf für die Reise in die Kindheit des Vaters. Düsterer als Bjergs Bestseller Auerhaus wirkt dieser Roman und der reduzierte, parataktische Stil der Leseprobe verspricht ein zurückgenommenes Erzählen über die Männer einer Familie.
(Bov Bjerg Serpentinen, Claassen, erscheint am 31. Januar 2020)

Tine Høeg Buchcoverhat mit ihrem ersten Roman Neue Reisende den Debütpreis einer Dänischen Buchmesse erhalten und eigentlich schreckt uns die Ankündigung erst ab, denn eine junge Lehrerin lernt auf dem Weg zum ersten Arbeitstag einen verheirateten Mann kennen und dann Affäre und dann Drama, schaut man aber in die Leseprobe, flattern einem die Sätze nur lose gesetzt um die Ohren und es könnte sein, dass das auf 200 Seiten ganz fürchterlich in die Hose geht oder ganz, ganz grandios ist.
(Tine Høeg Neue Reisende, aus dem Dänischen von Gerd Weinreich, Droschl, erscheint am 7. Februar 2020)

Es fällt schwer, sich das Buch Eisfuchs der kanadischen Autorin Tanya Coverbild Eisfuchs von Tanya Tagaq, ISBN 978-3-95614-353-3Tagaq nicht von der Ankündigung des Verlags verderben zu lassen, die nicht nur in der marktschreierischen Rhetorik dieser Texte ein „atemberaubendes Debüt“ ankündigt, sondern auch alle YA-Klischees abdeckt, die in den letzten Jahren bis zum Überdruss verbraten wurden: Kindliche Perspektive, bedrohliche Erwachsenenwelt, Magie, Füchse. Allerdings erreicht uns dieses Buch auch mit einer kurzen sehr positiven Notiz des New Yorker, die uns gespannt macht: “This mystical novel draws on the author’s life to tell the story of a young girl growing up in Nunavut in the nineteen-seventies, in an Inuit community that has experienced ‘government relocation, the shift into capitalism, and the moulting of the Shaman Skin.’” Wir sind optimistisch, und vertrauen in dieser Hinsicht dem New Yorker, der uns einen ernsten poetischen Text verspricht.
(Tanya Tagaq Eisfuchs, aus dem Englischen von Anke Caroline Bruger, Kunstmann, erscheint am 11. Februar 2020)

Interessant klingt allein schon der Titel von Valerie Fritschs Roman Die Herzklappen von Johnson & JohnsonHerzklappen von Johnson & Johnson und auch die Handlung von einem jungen Paar, das ein Kind bekommt, das keinen Schmerz empfinden kann, ist vielversprechend. Wie eine außerhalb der Zeit stehende Litanei ziehen die ersten Seiten dieses Romans die Leser*innen hinein. Dabei spannt die Autorin einen Bogen von den Erinnerungen der Großmutter der kleinen Alma bis in die Gegenwart des Kindes.
(Valerie Fritsch Die Herzklappen von Johnson & Johnson, Suhrkamp, erscheint am 17. Februar 2020)

Der Ruf nach mehr Zeitgeschichte in der Gegenwartsliteratur wird allzuoft mit Romanen beantwortet, die thesenhaft und aufgesetzt allerlei Talking Points zu literarischen Handlungen verrühren. Am Ende hat man dann Palast der Miserableneine Peinlichkeit wie Jenny Erpenbecks Gehen, ging, gegangen. Von Abbas Khiders neuem Roman Palast der Miserablen, der vom Leben einer Familie im Irak unter Saddam Hussein erzählt, versprechen wir uns im Gegenteil ein Buch, das den Horror der Geschichte nicht nur benutzt, um einen Leitartikel zu vertonen, sondern um echte Literatur zu schaffen. Die Ankündigung des Verlags, uns erwarte ein „persönlicher, höchst lebendiger Roman voll unvergesslicher Figuren“ klingt zwar einigermaßen bedrohlich, aber wir hoffen das Beste.
(Abbas Khider Palast der Miserablen, Hanser, erscheint am 17. Februar 2020)

Liest man durch das Programm von Blumenbar, drängt sich der Eindruck auf, die Voraussetzung in dieses aufgenommen zu werden sei eine Menge Instagram-Follower: Die Gedichte von Yrsa Daley-Ward lesen „im Internet Hunderttausende“ (@yrsadaleyward), Morgane Ortin hat gar aus ihrem https://i0.wp.com/www.aufbau-verlag.de/media/Upload/cover/9783351050795.jpg?resize=246%2C382&ssl=1Instagram Account einen Roman gezimmert (@amours_solitaires). Damit kann Mary Gaitskill nicht dienen, aber mit ihrem „Skandalbuch“ von 1988, dem Kurzgeschichtenband Bad Behavior, der ein Jahr später auf Deutsch erschien, aber nicht mehr lieferbar war. Ihre Geschichten drehen sich um Drogenmissbrauch, Prostitution und BDSM. Die englische Wikipedia fasst das knackig zusammen:
Gaitskill’s fiction is typically about female characters dealing with their own inner conflicts, and her subject matter matter-of-factly includes many “taboo” subjects such as prostitution, addiction, and sado-masochism.
(Quelle: Wikipedia, letzter Abruf 17.1.2020).
Obvious, warum das Buch aktuell ist und warum man sich das ruhig mal auf den Zettel schreiben darf.
(Mary Gaitskill Bad Behavior – Schlechter Umgang, aus dem Englischen von Nikolaus Hansen, Blumenbar, erscheint am 18. Februar 2020)

In einer Zeit, in der Ereignisse gemacht werden, um das Konstrukt einer politisierten Realität zu bestätigen, kann man nicht genug darüber lesen, wie die Medien funktionieren, und darüber, was guten und was schlechten Journalismus ausmacht. 2019 erschienen mit Ronan Farrows Catch and Kill und She Said von Jodi Kantor und Megan Twohey zwei Bücher über heroischen Journalismus und die sinistren Kräfte, die sich ihm entgegenstellen. Von den sinistren Kräften innerhalb des Journalismus erzählte Juan Morenos Tausend Zeilen Lügen. Nun veröffentlicht der Secession Verlag das Buch Breaking News. Das Ende des Journalismus und seine Zukunft von Alan Rusbridger, dem ehemaligen Guardian-Chefredakteur. Wir hoffen auf eine spannungs- und anekdotenreiche Geschichte und Analyse des Journalismus in den letzten Jahrzehnten.
(Alan Rusbridger Breaking News – Das Ende der Journalismus und seine Zukunft, aus dem Englischen von Joachim von Zeppelin, Secession, erscheint im Feburar 2020.)

Passend zur Poschardt-Monografie (siehe weiter unten) liefert der Heidelberger Geschichtsprofessor Edgar Wolfrum uns mit Der Aufsteiger, der „ersten historischen Gesamtdarstellung der Berliner Republik“ den Buchdeckel „978-3-608-98317-3Hintergrund. In den vergangenen Jahren ist klar geworden, dass Kämpfe um die Deutung der jüngsten Geschichte dieses Landes möglicherweise von größerer Bedeutung sind, als man es noch vor einem knappen Jahrzehnt hätte meinen können. Das Urteil eines seriösen Historikers dazu zu hören kann nicht schaden.
(Edgar Wolfrum Der Aufsteiger, Klett-Cotta, erscheint am 22. Februar 2020)

Wense, Hauptfigur und Namensgeber des Romans von Christian Schulteisz wird als „Universaldilettant“ angekündigt. Sowas bin ich ja auch – sind wir das nicht alle? Von allem ein bisschen, da und dort, reinschnuppern, ausprobieren, weglegen, vergessen.

[I]ch bin kein schriftsteller, kein literat, kein dichter, kein gelehrter, kein musicus, vielmehr nichts als ein mensch, d. h. philosoph, ein rebell!

Aus: Von Aas bis Zylinder. Werke. Das Briefwerk. Hrsg. Reiner Niehoff und Valeska Bertoncini. 2 Bde. Zweitausendeins, Frankfurt 2005.

Der Roman, soviel wird in der Vorschau zumindest verraten, beruht auf dem Leben Jürgen von der Wenses, aus dessen Leben und Werk der blauwerke Verlag auf Twitter postet. Der Wikipedia Eintrag von Wense ist uns zusammen mit dem Wort „Universaldilettant“ bereits Grund genug, diesen Roman auf dem Zettel zu haben.
(Christian Schulteisz Wense, Berenberg, erscheint am 25. Februar 2020)

Im Guardian wurde Saskia Vogels Roman Permission so beschrieben: „Permission is a story about grief, loneliness and sadomasochism.” Und mehr müssen wir eigentlich über dieses Buch gar nicht wissen, um es interessant zu finden. Außer vielleicht die Ankündigung, dass die Klischees von BDSM, die sich durch Heuler wie 50 Shades of Grey in unserer Kultur sedimentiert haben, konsequent unterlaufen werden.
(Saskia Vogel Permission, aus dem Englischen von Benjamin Dittmann, Secession, erscheint am 28. Februar 2020)

Die Fiktionalisierung von Biographien bleibt offenbar Trend. Das Mädchen mit der Leica ist Gerda Taro, eine in 1910 in Stuttgart geborene Fotografin, die 1937 im spanischen Bürgerkrieg starb. Mit 23 verließ Taro das nationalsozialistische Deutschland und ging ins Pariser Exil. Bei ihrer Das Mädchen mit der LeicaBeerdigung führten Pablo Neruda und Louis Aragon den Trauerzug an, ihr Grabmal schuf Giacometti. Dem Leben der ersten weiblichen Kriegsfotografin spürt Helena Janeczek nach, Aufhänger ist die (reale) Wiederentdeckung eines Koffers mit Negativen von Taro in Mexico.
(Helena Janeczek Das Mädchen mit der Leica, aus dem Italienischen von Verena von Koskull, Berlin Verlag, erscheint am 2. März 2020)

Der andere Roman dieses Frühjahrs, der mit dem Bild der Serpentinen im Titel spielt, ist Olivia Wenzels Debüt 1000 Serpentinen Angst. Hier 1000 Serpentinen Angstbekommt die Metapher aber noch einmal eine ganze andere Wucht. So atemlos wie der Titel es vermuten lässt, scheint sich auch die Handlung durch die Jahrzehnte der wiedervereinigten Bundesrepublik zu winden. Schon die Vorschau ruft einige wichtige Ereignisse der letzten Jahrzehnte auf und positioniert die Erzählerin dazu. Nach einigen Theaterstücken dürfte Wenzels vielversprechender Roman die Autorin auch auf anderen Feldern der Literatur bekannt machen.
(Olivia Wenzel 1000 Serpentinen Angst, S. Fischer, erscheint am 4. März 2020)

Im Dezember 2019 erschien ein Text in der ZEIT, der die 122 Morde an Frauen in Deutschland durch Männer und Lebensgefährten im Jahr 2018 in horrend effektiver Weise einfach aufzählte. Ebenfalls 2019 wurde Rachel Louise Snyders No Visible Bruises, eine Reportage über häusliche Gewalt, auf die Liste der besten Bücher des Jahres gesetzt. Gewalt gegen Frauen als epidemisches und allgegenwärtiges Phänomen ist – viel zu spät – zum Gegenstand einer öffentlichen Debatte geworden. 2020 veröffentlicht der Kunstmann Verlag nun Christina Clemms Akteneinsicht. Geschichte von Frauen und Gewalt. In der Coverbild AktenEinsicht von Christina Clemm, ISBN 978-3-95614-357-1Verlagsvorschau heißt es darüber: „Nach den neuesten Zahlen des BKA ist jede dritte Frau in Deutsch­land von physischer und/oder sexualisierter Gewalt betroffen. Welche Lebensgeschichten sich hinter dieser erschreckenden Zahl verbergen, davon erzählt die Strafrechtsanwältin, empathisch und unpathetisch.“ Wir hoffen vor allem, dass die Vorgaben „emphatisch“ und „unpathetisch“ eingehalten wurden, und ein Buch entstanden ist, das auf nicht-exploitative Art und Weise einem Phänomen, das existieren kann, weil es oft im Privaten stattfinden, mehr Öffentlichkeit verschafft.
(Christina Clemm Akteneinsicht. Geschichte von Frauen und Gewalt, Kunstmann, erscheint am 3. März 2020)

Sibylle Berg hasst oder liebt man, und es gibt gute Gründe, sie mindestens anstrengend zu finden. Genau deswegen ist sie wiederum wahrscheinlich die Beste, um mit 17 renommierten Wissenschaftlern über den Zustand unserer Welt zu sprechen. Nerds retten die Welt entstand während der Recherchen zu GRM und wir möchten gerne, dass Sibylle Berg uns auch einmal interviewt.
(Sibylle Berg Nerds retten die Welt, Kiepenheuer & Witsch, erscheint am 05. März 2020)

Nicht nur, aber vor allem in Deutschland kommt spätestens seit Anfang der Nullerjahre keine technikpolitische Diskussion ohne den Verweis auf China aus. Dass irgendetwas Technisches in China schneller, früher oder Die Frage nach der Technik in Chinaenthusiastischer betrieben werde als anderswo, ist ein Standardkommentar geworden. Da kann es nicht schaden, sich damit zu beschäftigen, ob es tatsächliche Unterschiede im Technikdenken zwischen China und »dem Westen« gibt. Der international tätige chinesische Philosoph Yuk Hui, derzeit Dozent in Weimar, beschäftigt sich in dem Großessay Die Frage nach der Technik in China mit der Suche nach einem genuin chinesischen Denken über Technik in Anschluss an „westliche“ und „östliche“ Literatur.
(Yuk Hui Die Frage nach der Technik in China, Matthes & Seitz, erscheint am 6. März 2020)

Der Titel Von den Deutschen lernen ist gewagt und erzeugt allein dadurch schon Aufmerksamkeit. Von der jüdischen amerikanischen Von den Deutschen lernenPhilosophieprofessorin Susan Neiman kann man sich aber tatsächlich eine sinnvolle Auseinandersetzung mit der Frage erhoffen, was an der spezifisch deutschen Art des Umgangs mit dem Bösen in der eigenen Vergangenheit wertzuschätzen sein könnte, ohne dass es in der typisch deutschen Selbstzufriedenheit der „Erinnerungsweltmeister“ versinkt.
(Susan Neiman Von den Deutschen lernen, aus dem Englischen von Christiana Goldmann, Hanser Berlin, erscheint am 9. März 2020)

Nicht nur ein Sachbuch, das sich mit dem Thema häusliche Gewalt gegen Frauen auseinandersetzt, erscheint dieses Frühjahr, sondern auch ein schon hochgelobter Roman. In Schläge. Ein Porträt der Autorin als junge Ehefrau erzählt Meena Kandasamy autobiographisch gefärbt von der Ehe zwischen einer jungen Frau und einem Professor, der sich nach kurzer Zeit vom „perfekten Mann“ zum „perfekten Monster“ (Verlagsvorschau) entwickelt. Die Vorschusslorbeeren, mit denen dieser Roman jetzt nach Deutschland kommt, sind groß, aber man darf zu Recht hoffen, dass er ihnen gerecht wird.
(Meena Kandasamy Schläge. Porträt der Autorin als junge Ehefrau, aus dem Englischen von Karen Gerwig, Culturbooks, erscheint am 9. März 2020)

Dass die Deutschen ein ganz eigenes Verhältnis zu ihren kreuzungsfreien Fernstraßen haben, pfeifen die Spatzen von den Heckspoilern. Auf der Buchdeckel „978-3-608-50448-4Autobahn ist der Deutsche ganz bei sich, am liebsten im schwarzen TDI mit 190 auf der linken Spur – oder bei Sanifair und Riesenbockwurst. Soweit das Klischee. Zugleich ist die ohnmächtige Wut auf den Autoverkehr in seiner spezifisch hässlich-deutschen Machart seit Langem nicht so laut und präsent gewesen wie heute. Michael Kröchert hat ein Jahr lang die deutschen Autobahnen bereist: genau zur rechten Zeit.
(Michael Kröchert Autobahn, Tropen, erscheint am 11. März 2020)

Als Katharina Herrmann ihren Beitrag Auch ein Land der Dichterinnen und Denkerinnen für 54books schrieb, avancierte dieser über Nacht zu dem meistgelesen und -diskutierten Beitrag auf diesem Blog. Rund drei Jahre später erscheint nun bei Reclam das gleichnamige Buch Dichterinnen & Denkerinnen. Von Luise Gottsched bis Marieluise Fleißer: Katharina Herrmann stellt zwanzig Autorinnen und deren (mal mehr, mal weniger) vergessene Werke vor. Wer die Artikel der Autorin kennt, weiß, dass man sich über 200 Seiten bestens unterhalten und hinterher klüger fühlen wird. Ganz klar: absolutes Muss im Frühjahr!
(Katharina Herrmann Dichterinnen und Denkerinnen, Reclam, erscheint am 11. März 2020)

Poschardt? Soll das ein Witz sein? »Drulf«, wie Kenner den schneidigen Franken nennen, der seinen Doktorgrad bei Formularen gerne mit ins Vorname-Feld einträgt, hat seinen Ruhm eher als ständiges mediales Buchdeckel „978-3-608-98244-2Ärgernis erworben denn als seriöser Autor. Von einer Art porschefahrendem Maskottchen der frühen Berliner Republik hat er sich inzwischen zum Chefredakteur bei Springer und Lieblings-Twittertroll der Boomer-Jahrgänge hochgearbeitet, aber: Sollte man denn ein Buch von ihm lesen? Ja, man sollte Mündig lesen, und sei es, um sich fundierter ärgern zu können. Auf Twitter postet er ja keine zusammenhängenden Sätze mehr.
(Ulf Poschardt Mündig, Klett-Cotta, erscheint am 14. März 2020)

Cover ZerstörungÜber das Schreiben in einer Diktatur, die unerwartet über die Erzählerin hereinbricht, erzählt Cécile Wajsbrot in ihrem Roman Zerstörung. Die Inhaltsangabe des Verlags über eine Diktatur, die die Erinnerung an die Vergangenheit auslöscht und Geschichte tilgt, klingt nach einem Roman, der auf aktuelle politische Entwicklungen in Europa und dem Rest der Welt reagiert.
(Cécile Wajsbrot Zerstörung, aus dem Französischen von Anne Weber, Wallstein, erscheint am 20. März 2020)

Da heutzutage jeder Hinz und Kunz im politischen Tagesgeschäft mit irgendwelchen Rekursen auf kulturelle »Eigenbestände« von wem auch immer hausieren geht, ist es dringender denn je notwendig, sich ein wenig fundiert damit auseinanderzusetzen, was ein Kulturelles Erbe überhaupt sein könnte. Sabine Benzer beschäftigt sich im Dialog mit einer Reihe hochkarätiger Expert*innen mit unterschiedlichen Aspekten des Themas. Sicherlich lesenswert und erfreulich dünn.
(Sabine Benzer (Hg.) Kulturelles Erbe, Folio, erscheint am 31. März 2020)

Im April veröffentlicht Rowohlt die Übersetzung des vierten Romans von Khaled Khalifa. Das Buch trägt den Titel Keine Messer in den Küchen dieser Stadt (zuerst veröffentlicht 2013) und erzählt anhand des Schicksals einer Familie in Aleppo die Geschichte des modernen Syrien. Der Erzähler wird geboren während Hafiz al-Assad die Macht im Land an sich reißt. Man kann nur hoffen, dass die Übersetzung das Versprechen dieses Buches einhält. Verheißungsvoll klingt bereits, was der Guardian über die englische Version schreibt: „The writing is superb – a dense, luxurious realism pricked with surprising metaphors.“
(Khaled Khalifa Keine Messer in den Küchen dieser Stadt, aus dem Syrischen von Hartmut Fähndrich, Rowohlt, erscheint am 21. April 2020)

Ungewöhnlich und vermutlich eine Beschreibung eines Gemäldes ist der Titel von Alena Schröders Roman über drei Frauen Bildergebnis für Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleidim 20. und 21. Jahrhundert. Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid erzählt von den Umwegen, auf denen das Kunstvermögen einer jüdischen Familie im Jahr 2017 zu der 27-jährigen Hannah Borowski gelangt. Nach den unerwarteten Verstrickungen von Lebensläufen klingt die Handlung um die junge Senta Köhler in den 1920er Jahren, die ihr Kind aus erster Ehe beim Vater zurücklassen muss, und Hannah Borowski in der Gegenwart des 21. Jahrhundert. Wer der Autorin in ihrem Podcast sexy und bodenständig im Gespräch mit ihrem Kollegen Till Raether zugehört hat, weiß schon ein paar Dinge über die Entstehung dieses Romans.
(Alena Schröder Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid, Ullstein, erscheint am 24. April 2020)

Einen Schreibtisch mit Aussicht braucht frau, um zu schreiben. Ausgehend von Virginia Woolfs Aussage, eine Frau brauche nur 500 Pfund im Monat und ein eigenes Zimmer (A room of one’s own), um große Literatur verfassen zu können, versammelt diese Anthologie (herausgegeben von Ilka Piepgras) Essays, in denen sich Schriftstellerinnen mit ihrem Schreiben auseinandersetzen; darunter Autorinnen wie Eva Menasse, Sybille Berg, Zadie Smith, Sheila Heiti und Joan Didion. Der Essayband reiht sich damit ein unter Bände mit unterschiedlichen Autor*innen, die in den letzten Jahren erschienen sind.
(Ilka Piepgras (Hg.) Schreibtisch mit Aussicht, Kein & Aber, erscheint am 12. Mai 2020)

Drei 34-jährige Kulturjournalisten aus Berlin und eine 31-jährige Kulturjournalistin aus Berlin unterhalten sich in Liebe, Körper, Wut & Nazis über „Fragen, die niemand zu stellen wagt“. Das klingt entsetzlich. Man Buchdeckel „978-3-608-50465-1möchte es aber trotzdem gerne lesen, denn entweder ist der „Selbstversuch“ von Jennifer Beck, Fabian Ebeling, Steffen Greiner und Mads Pankow wirklich aufschlussreich; oder man lernt bei der Lektüre zumindest etwas über Illusionen und blinde Flecke eines bestimmten Segments des Literaturbetriebs. (Offenlegung von Matthias Warkus: Ich habe einmal in einer Marburger WG gewohnt, in der Steffen Greiner ab und zu am Küchentisch saß.)
(Jennifer Beck et al. Liebe, Körper, Wut & Nazis, Tropen, erscheint am 23. Mai 2020)

Das ist sie, die Liste der Neuerscheinungen des Frühjahrs, die das 54books-Team für erwähnens- und empfehlenswert hält. Und nun lest!

Wer hat das Gudbrandstal geschrieben?

Klima, Kunst und Erde: In diesem Gesamtkunstwerk, zu dem auch wir gehören, hängt alles mit allem zusammen.

Susanne Christensen, 1969 geboren, ist eine dänisch-norwegische Literatur- und Kunstkritikerin. Der vorliegende Text stammt aus der norwegischen Literaturzeitschrift Vagant und war ursprünglich ein Beitrag zum Kunstprojekt Framtidsruiner (Zukunftsruinen) über Orte im norwegischen Gudbrandstal. Das Gudbrandstal ist eine nahezu mythisch aufgeladene Landschaft: Vom sogenannten „Eidsvoll-Eid“ („Einig und treu, bis der Berg Dovre fällt“), den sich die verfassungsgebende Reichsversammlung 1814 schwor und damit für Norwegens Unabhängigkeit sorgte, bis zu Edvard Griegs Vertonungen des Ibsen-Dramas Peer Gynt ist es für die Ausprägung der norwegischen Nationalromantik von höchster Bedeutung.

2011 wurde Christensen zur norwegischen Kritikerin des Jahres gewählt, im gleichen Jahr erschien ihre Essaysammlung Den ulne avantgarde (Die heikle Avantgarde), 2015 En punkbønn (Ein Punkgebet), ein Buch über feministischen Punk-Aktivismus. 2019 gab sie Leonoras reise heraus, eine theory fiction über die britisch-mexikanische Surrealistin Leonora Carrington, Ökofeminismus, Klimawandel und die prekären Arbeitsbedingungen von Kritiker*innen. Derzeit ist sie Herausgeberin des Norwegischen Jahrbuchs für Kunst. Für Leonoras reise liegen ein Exposé und eine deutschsprachige Leseprobe in Übersetzung von Matthias Friedrich  vor. Das Buch sucht derzeit einen Verlag.

Die im Text mehrfach erwähnte Künstlerin und Filmemacherin Bodil Furu wurde 1976 geboren und lebt in Oslo. In ihren Arbeiten beschäftigt sie sich insbesondere mit den Auswirkungen des Bergbaus, der Repräsentation von Landschaften sowie den fiktionalen Dimensionen des Dokumentarischen und komplexen Narrativen.

 

1.

Ein Zug, der fast schon am Ufer entlangfährt. Genauso fühlt es sich an, mit dem Zug von Oslo ins Gudbrandstal hinauf zu reisen, etwa Richtung Lillehammer. Das ist kein langsamer Zug. Zum Monatswechsel zwischen Mai und Juni, wenn die Tour gerne zum regionalen Literaturfestival führt, tanzt ein eilig wechselndes Flimmern grüner Zweige und Wasserlichtreflexen am Zugfenster vorbei. Dieses Flimmern ist eine treffende Illustration eines sprudelnden Glücksgefühls, einer Euphorie, für mich jedoch folgt darauf blitzschnell eine Warnung vor einem herannahenden Migräneanfall. Einen Staketenzaun zu passieren, der Lichtschimmer für Lichtschimmer hervorruft, hat bei mir früher schon Migräne ausgelöst, ebenso der Anblick einer weißen Tafel, die das von draußen kommende Licht reflektiert. Konkrete Beweise gegen die schädlichen Wirkungen des Stroboskoplichts habe ich keine; bei Konzerten wende ich mich aber gerne ab und schließe die Augen.

Ein flimmerndes, sprudelndes Glücksgefühl im overdrive und eine Antwort meines Gehirns: Sehstörungen in Form eines Lichtkranzes im Augenwinkel. My own private modernism, erschaffen von meinem Gehirn, ein Vorzeichen wahnsinnigen Schmerzes, wie ein das Auge durchbohrendes Schwert. Oft trifft das Phänomen nach einer halben Stunde mit brutalem, weißem Rauschen im Sichtfeld ein. Ein tiefes Tal mit herabbrausendem Wasser in der Mitte, es liegt nahe, diese Landschaft als weiblich zu bezeichnen. Passagiere in einer energischen Blechbüchse auf dem Weg zurück, in den Geburtskanal. Auf dem Literaturfestival penetrieren Oslos Verlagsleute diese mystische Landschaft mit ihren lärmenden Rollkoffern. Die Aussichten, morgens um fünf mitten in einem Kreis lachender Hyänen im Hotel Breiseth zu enden, sind unheimlich groß.

Im Oktober 2013 allerdings fuhr ich an Lillehammer vorbei und weiter landauf- und landeinwärts. Die Station, an der ich ausstieg, hieß Harpefoss, und meine Frage lautete: Was ist ortsspezifische Schrift? Das Laub war nicht mehr grün, es war gelb, orange und rot. Eine Farbpalette, die unmittelbar weniger Migräne verursachte als die schrillen Neonfarben des Frühjahrs. Mein Job war es, in einem Loft herum zu spuken, um Mitternacht ein bisschen auf den Fußboden zu klopfen und nachts schweren Schrittes über die Treppen zu laufen. Vom Vollmond inspiriert, forderte ich die Grenzen heraus, als ich versuchte, Nicos „Janitor of Lunacy“ vom Album Desertshore (1970) mit dem schwachen Stimmchen einer Schneeeule aufzuführen. Die Vertikalität der Bergböschungen da draußen erschloss sich mir nicht. Drückte ich das Gesicht an die kühlen Fensterscheiben meiner Mansardenkammer, sah ich, wie der Mond eine Landschaft beleuchtete, die zwei Jahreszeiten zugleich zu beherbergen schien: Noch immer glühte warm der Herbst im Schoß des Tales, während der Raureif eine strenge Linie über die Baumwipfel zeichnete. Etwas da oben atmete kalt, eine Temperaturgrenze schied die feuchte Tiefe des Tales von den verfrorenen Silberfarben der Berge.

Auf ziellosen Wanderungen durch die Umgebungen und auf Expeditionen zum lokalen Kiwi-Supermarkt versuchte ich, meine Arbeit zu planen und zu dokumentieren. Aber handelte es sich hierbei um ein Werk? Sieh an, ein Lastwagen voller schwarzer Rundhölzer. Die Rundhölzer waren zu lang, die Ladefläche stand offen und bezog sich mit ihrem blauen, metallischen Rechteck auf Rothko. Wenn ich auf meine Zeit in Harpefoss zurückblicke, halte ich allerdings zwei von Richard Long inspirierte Werke für die gelungensten. Die Werke sind Spaziergänge bis an meine absoluten geographischen Außengrenzen. Harpefoss als solches ist keine wiedererkennbare Stadtkonstruktion. Das Harpefoss Hotel, ein ornamentiertes Holzgebäude im Schweizerstil von 1896, in dessen Dachkammer ich wohnte, lässt sich vielleicht als soziales Stadtzentrum beschreiben, wohingegen das Lebensmittelgeschäft Kiwi eher ein Handelszentrum repräsentiert. Auf dem Parkplatz halten die Autos, aus denen scheue Menschenkörper in Richtung des Ladens laufen und mit Tragetaschen wieder zum Auto zurück. Man ist in dieser Landschaft, wie auch in Los Angeles, ohne Wagen aufgeschmissen.

In beiden Werken wollte ich so weit wie nur irgend möglich spazieren und auf meinem Weg in einem Spiel mit meinen Umgebungen eingehen, die sowohl in aktiver als auch in passiver Hinsicht zur Formbestimmung meines Werkes beitragen sollten. Das Werk bestand aus den Linien, die unsere Fußspuren über der Landschaft zeichnen. Das erste Werk zog sich am Fluss Gudbrandsdalslågen nach unten. In diesem Gebiet waren bereits viele Arbeiten im Gange. Es ist unklar, ob diese Tätigkeit etwas mit dem Ausbau der E6 zu tun hatte, nichtsdestoweniger wurden meine Aktivitäten schon bald von Menschen bemerkt, die hier beschäftigt waren. Mit Händen und Füßen vermittelte ich, dass ich gerne am Gewässer entlanggehen wollte. Der Arbeiter, mit dem ich sprach, war in einen astronautenartigen Sicherheitsanzug eingepackt; wir kommunizierten mühevoll, doch er zeigte eine gewisse Offenheit. Bald nahm er mich in seine gelbe Maschine mit und fuhr mich durch das verbotene Gebiet. Dann setzte er mich ab, und ich hatte die Freiheit, das Werk in einer kreisförmigen Improvisation am Gewässer entlang zu vollenden.

2.

Von dem Ort aus, an dem ich dies schreibe, dem Nordwestviertel Kopenhagens, scheint es leicht, das Gudbrandstal als Natur einzuordnen, aber unberührte Natur ist es kaum, es ist Natur, die beständig von vielen Händen geknetet und geformt wird. Man kann wirklich behaupten, dass das Gudbrandstal von Henrik Ibsen (1828-1906) geschrieben wurde: Peer Gynt (1876) spielt genau hier. Dass Ibsen sein Theaterstück im Umkreis von Vinstra ansiedelte, nur sechs Kilometer von Harpefoss entfernt, hat für die Region eine große Bedeutung, sie ist Kronborg, wo Shakespeares Hamlet von 1605 spielt, nicht unähnlich. Am Gålåvatnet, Peer Gynts Geburtsort, findet jetzt jährlich das Peer-Gynt-Festival statt, mit einer Aufführung des Theaterstücks als Höhepunkt. Das Festival ist ein internationaler Publikumsmagnet, und man rechnet damit, dass es jeden Sommer ungefähr 12000 Gäste nach Vinstra lockt. 12000 Paar trampelnde Füße, die an der Landschaft mitkneten.

Die Künstlerin Bodil Furu (geb. 1976) arbeitet im Film Landscapes By The Book an einer Art Porträt des Gudbrandstals. Es handelt sich um einen dokumentarischen Film, der aber essayistisch aufgebaut ist. Ohne, dass es zu explizit hervorgekehrt wird, scheint er so etwas wie eine poetische compilation von Faktoren zu sein, die diese Landschaft beeinflussen und verändern. Die Veränderungen werden beobachtet und kommentiert von den etwa neun Hauptpersonen des Films, die sich auf ihre je eigene, spezifische Weise äußern dürfen. Der Tankwart Kristen Bjørgen, der einen afrikanischen Hintergrund hat, hieß früher Jules Kayabal, hat sich jedoch für eine Namensänderung entschieden, weil er – wie er lächelnd sagt – reinpassen will. Bjørgen und ein Freund eröffnen den Film mit der Lektüre eines Volksmärchens über Ulveig, eine Frau, die man für eine Hexe hielt, weil sie heftig gegen das neu eingeführte Christentum opponierte. Der Legende zufolge warf sie Steine auf die Sør-Fron-Kirche, weil sie das Geräusch der Kirchenglocken nicht ertrug. Im Laufe des Filmes gibt es noch mehr ähnliche Zwischenspiele älteren Wissens, dargebracht in Form von erzählten, gesungenen und aufgeführten Volksliedern und Legenden, die dadurch als Kommentar zum zeitgenössischen Gudbrandstal wiederbelebt werden. Ein wehmütiges Volkslied über Liebeskummer zum Beispiel wird mit zwei gelben Traktoren im Hintergrund dargeboten. Migration ist ein verändernder Faktor, aber hier ist es Kristen Bjørgen, der sich verändern lässt, um hineinzupassen, etwas, das er mit Freude und Dankbarkeit zu tun scheint.

Die größten landschaftsverändernden Faktoren sind indes zwei umfangreiche Bauvorhaben: Das inzwischen beerdigte Kåja-Kraftwerk hätte einen Damm quer über den Gudbrandsdalslågen zur Folge gehabt. Furu folgt der Debatte über das Wasserkraftwerk aus mehreren Perspektiven. Ein weiteres Projekt, das sich in der Entstehung befindet, ist die Verlegung der E6-Autobahn, für die die staatliche Straßenbehörde verantwortlich ist. Zwei Vertreterinnen dieser Behörde, gekleidet in neonorange Anzüge, teilen ihre Reflexionen mit uns. Am auffälligsten ist die Sprache, die sie für ihre Arbeit verwenden, sie, die professionell Geschäfte mit dem Wahrnehmbaren treiben: Unter anderem reden sie davon, „Regie“ bei Reiseerlebnissen zu führen. Genauso gut könnten sie davon reden, bei einem Theaterstück oder einem Film Regie zu führen, und wir erhalten Einblick in einen szenischen Gedankengang, der der Methode zugrunde liegt, mit der die „wilde“ Natur des Gudbrandstals inszeniert und, verglichen mit einem Blick aus dem Autofenster, angeordnet wird.

Ein weiterer Ausdruck, den die Frauen von der Staatlichen Straßenbehörde verwenden, lautet „Konsequenzen ohne Preisfestsetzung“. Dabei geht es um diejenigen Schriftsteller aus dem Gudbrandstal, die sich schwerlich berechnen lassen. Es sind keine steinblockwerfenden Hexen, sondern Steinrutsche und Überschwemmungen, die auf eine ähnliche Art die im Tal vor sich gehenden Veränderungen beantworten. Wir müssen annehmen, dass Teile hiervon, nämlich die gewaltigen Überschwemmungen von 2011 und 2013, mit weitaus größeren Erzählungen außerhalb des Gudbrandstals zusammenhängen, nämlich mit den Veränderungen des Klimas. In diesem Gesamtkunstwerk, zu dem auch wir gehören, hängt alles mit allem zusammen.

In Mangeurs de Cuivre (Copper Eaters) von 2016 behandelt Furu einige der gleichen Problemstellungen. Vom Gudbrandstal aus haben wir uns in den südöstlichen Kongo begeben, und hier entwickeln sich die Konflikte zwischen einer magischen, von Ritualen und Respekt vor der Natur geprägtem Denkweise und den an Naturressourcen interessierten Geschäftsleuten und Unternehmern als reale lokalpolitische Konfrontationen. Wo Ulveig aus dem Gudbrandstal bloß als Sage existiert, spielen Geister in politischen Diskussionen über die Verwendung des 600 Kilometer langen Kupfergürtels im Gebiet des heiligen Berges Lunsebele tatsächlich eine Rolle. Als die ausländischen Bergbaugesellschaften in der Region ankommen, entstehen mehr Jobs für die Lokalbevölkerung, doch das zieht immer mehr in die Region, sie finden nichts und entscheiden sich für die Kriminalität. Tiefgreifende zivilisatorische Veränderungsprozesse sind im Gang.

Die Unternehmer haben sich mit idealistischen – ja, oder idealistisch-kapitalistischen – lokalen Geschäftsleuten verbündet, die meinen, der schwache Staat könne die Interessen des Kongo nicht wahrnehmen. Als Ausdruck eines Nationalismus, aus Liebe zum Heimatland, entscheiden sich diese Geschäftsleute dazu, als Bindeglied zwischen den ausländischen Firmen und der Lokalbevölkerung aufzutreten. Wir sehen, wie sie in einer orangen Weste, derjenigen der Staatlichen Straßenbehörde nicht unähnlich, mit dem Vorstand der Dörfer verhandeln. Heftig mit den Armen fuchtelnd, sprechen sie zu den lokalen Ortsvorsteherinnen, die eine ausgeprägt defensive Körpersprache an den Tag legen: Dürfen wir? Dürfen wir das Land betreten? Indes ist kaum anzuzweifeln, dass Probebohrungen die Bevölkerung aus der Region vertreiben werden.

Furus Kamera observiert ruhig und offen. Diejenigen Menschen, die im Film erscheinen, betreten oft selbst die Bildfläche und verharren gerne für ein paar Minuten in absoluter Stille, ehe sie zu sprechen beginnen. Mit einer leichten, zitternden Bewegung wie von einem Atemhauch scheint die Kamera passiv-beobachtend darüber zu schweben. Die Art des Filmens ist nahezu frei von rhetorischen Attitüden, der Grad aktiver Inszenierung ist auf ein Minimum beschränkt. Ist die Kamerahaltung aktivistisch? Ja, aber sie steht im direkten Gegensatz zu den überschwänglichen Attitüden des gewöhnlichen Aktivisten.

Ganz zu Beginn von Landscapes By The Book stellt Furu uns einem Strom weißer Lämmer vor; diese wuseln einem Bauern um die Beine, der sie zu füttern versucht. Wir hören die zarten Stimmchen der Lämmer. Der Hof des Mannes wurde von einem durch heftigen Regen verursachten Steinrutsch verwüstet. Steinrutsche werden unter anderem vom Straßenbau ausgelöst, weil man diejenigen Bäume fällt, die mit ihren Wurzeln den Boden zusammenhalten. Keines seiner vierzig Lämmer hat überlebt. Gegen Ende scheinen die Stimmen der Lämmer Furus Film heimzusuchen.

Die vierzig Lämmer wirken wie indirekte Opfer des von der Staatlichen Straßenbehörde vertretenen ästhetischen Gedankengangs, eine Schlussfolgerung, die Furu zu bombastisch erscheint, in meinem Kopf jedoch widerhallt, wenn ich diese blökenden Gespensterlämmer höre. Mein eigener Spukversuch im Harpefoss Hotel im Oktober 2013 führte bloß zu einer Abendesseneinladung von der Familie, die in der Etage unter mir wohnte. Die Grübeleien über die ortsspezifische Schrift resultierten in ein paar Werken, das eine relativ geglückt, das andere nahezu gescheitert. Bei der Evaluierung des ersten Werkes war ich zufrieden mit der spontanen Zusammenarbeit, die dort eine Bruchlinie und eine Wegstrecke erzeugt hatte, wo sich am Ufer des Gudbrandsdalslågen ein spektakuläres Raupenkettenmuster erstreckte. Das zweite Werk indes erhielt eine dunklere Klangfarbe. Hier entschloss ich mich, am Harpefossen und am Solbråfossen vorbeizugehen und das Kraftwerk von Harpefossen anzusteuern. Auch hier schien es nicht unbedingt empfehlenswert, einfach durch die Gegend zu trotten. Ich wusste nicht, ob meine Wanderung gegen das Gesetz verstieß, aber diesmal beschwerte sich niemand über meinen Einbruch, und das, obwohl ich im Gebiet um das Kraftwerk herum ganz sicher gefilmt wurde.

Meine Füße sanken in die weiche Erde ein, und ich schaute auf sie herunter und nach hinten, wo sich Spuren abzeichneten. Ich schreibe, dachte ich, das da ist meine Schrift über der Landschaft. In der Nähe einer Überwachungskamera hielt ich an und versuchte, Kontakt zu ihr herzustellen: „Das ist Kunst!“, sagte ich zuerst, mich auf meine Spuren beziehend, woraufhin ich mich verbesserte: „Ist das Kunst?“ Keine Antwort, nur eine tote Kameralinse. Das Kraftwerk von Harpefossen war nicht auf Zusammenarbeit eingestellt. Es wirkte wie ein dead end, bald schon zwangen mich Wasser und Klippen auf eine Böschung, die an die E6 grenzte. Ich kletterte über die Schutzmauer. Ganz offensichtlich war hier für Fußgänger kein Platz vorgesehen. Autos fuhren in einem wahnsinnigen Tempo vorbei. Nach etwa zehn Metern kam ich heftig ins Zweifeln. War ich wirklich in Gefahr? Dieses Werk, meine Schrift, eingeklemmt zwischen der Schutzmauer und den eilig vorbeifahrenden Autos, gelangte ans Ende. Hier konnte man nicht schreiben, daher wurde das Werk aus dem schnöden Grund abgeschlossen, weil ich leben wollte.

Aus dem Dänischen von Matthias Friedrich.

Ursprünglich veröffentlicht auf der Internetseite der Zeitschrift Vagant.

Von wegen Ponyhof. Über Marieke Lucas Rijnevelds Roman „Was man sät“

In der ersten Szene reibt die Mutter die vier Kinder mit Eutersalbe ein, um sie gegen den Frost zu schützen. Eutersalbe – es ist eines von vielen Wörtern, an die man sich schnell gewöhnt in Marieke Lucas Rijnevelds Roman „Was man sät“. Dazu gesellen sich noch die Samenscheune, die Holzpantinen, der Scheuerschwamm und die Silageballen. Auf den ersten Blick ließe sich das Debüt der 1991 geborenen Rijneveld, das von Helga van Beuningen aus dem Niederländischen übersetzt wurde, durchaus als Milieuschilderung rubrizieren, in der das ärmliche Bauernleben in der Provinz portraitiert wird. Aber die soziale Topographie, die hier erkundet wird, ist nicht der Primärgegenstand des Romans. Das Leben auf dem Bauernhof ist der Hintergrund, vor dem sich eine Tragödie in vielen kleinen Szenen abspielt und die mit einem totalen Ereignis ihren Lauf nimmt.

Matthies, der älteste Sohn, ertrinkt, als er beim Schlittschuhfahren im See einbricht. Die initiale Katastrophe setzt den Rahmen für die kommenden etwas mehr als dreihundert Seiten. Die strenggläubigen Eltern versinken in Gram, den die 10-jährige Ich-Erzählerin ratlos und verängstigt festhält. Die Mutter isst nur mehr wenig und wird zum Automaten, der Dosensuppen aufwärmt und vor den Augen seiner Familie preisgibt: „Ich will sterben!“ Anschließend fegt sie die Kartoffelsprossen in den Abfalleimer für die Hühner. Der Vater arbeitet sich auf dem Hof wund: Die Kühe, die Kühe, die Kühe – alles andere gerät aus dem Blick. Und die Tochter? Sie kämpft mit Gefühlen, wie Judith Butler sie 2014 in einer Rede beschrieben hat:

“Trauer hat damit zu tun, dass man sich einer unerwünschten Transformation hingibt, wobei man weder die ganze Ausprägung noch die ganze Tragweite dieser Veränderung im Voraus erfassen kann. […] Was immer es ist, es ist nicht dem Willen unterworfen. Es ist eine Art Vernichtung. Man wird am hellichten Tag von Wellen getroffen, mitten bei der Arbeit. Und alles kommt zum Stillstand. Man taumelt, ja, stürzt.” (Hier ist das Video der Rede, auf die ich beim Lesen von “Weinen” stieß.)

„Aber sie haben doch ihren Gott!“, würde der Atheist an dieser Stelle einwenden. Beim Glauben geht’s doch gerade darum: den Tod zu deuten, ihn zu integrieren in die Praxis eines Lebens, das seinem Ende sekündlich entgegengeht. Rijnevelds Blick auf die Religion ist indes schonungslos: Denn die orthodox-calvinistische Kirche, zu der die Familie gehört, verspricht alles und hält nichts. Sie ist ein Rudiment, ein Ding wie ein Blinddarm, dem irgendwann mal eine Funktion zukam, die es indes längst eingebüßt hat. So schleppen die Eltern ihren Glauben als Mühsal mit sich herum und finden statt einer Antwort ein restriktives Weltbild, dem sie ihre Kinder unterwerfen.

Trauer und Stagnation

In das familiäre Leid treten die pubertären Nöte der Geschwister. Ein Verhältnis zum eigenen Körper, das auf aufrichtiger Lust beruht, ist ihnen nicht vergönnt. Alles ist Schuld und Scham und Schande. Bibelzitate über den Zorn Gottes ploppen wie Anti-Virus-Warnungen immer dann im Kopf der Erzählerin auf, wenn sie meint, etwas Unrechtes zu tun, zu spüren oder zu denken. Zugleich ist den drei Kindern die Neugierde nicht auszutreiben. Aber auf diesem Bauernhof der hilflosen Rigidität wird sie ausschließlich im perversen Gewaltakt Realität. Wenn diese Verlassenen und Verzweifelten in einer jaucheverpesteten Scheune mit Besamungsspritzen „spielen“, ist alles möglich – außer kindlichem Spaß:

„Obbe stellt sich auf einen umgedrehten Futterimer, so dass er besser drankommt, zielt mit dem Besamungsgerät zwischen Belles Pobacken und schiebt das kalte Metall ohne Vorwarnung in sie rein. Sie schreit auf wie ein verletztes Tier. Ich lasse vor Schreck ihre Pobacken los. „Bleib liegen“, sagt Obbe, „sonst tut es noch mehr weh.“ Tränen strömen über Belles Wangen, sie zittert am ganzen Leib.“

Die Romanstruktur ist so angelegt, dass auf den Tod des Bruders nichts mehr folgt. Die Zwangsmassenschlachtungen anlässlich der Maul-und-Klauenseuche, die den Vater an den Rand der Existenz und Verzweiflung drängen, sind nur das nachrichtliche Pendant zum totgeweihten Hofleben. Rijneveld will insgesamt keinen Parforce-Ritt durch die Trauerphasen inszenieren, wie die Psychologie sie seit den 1970er Jahren ausarbeitet: Auf Verweigerung und Ungläubigkeit folgen unkontrollierte Emotionen, die allmählich kanalisiert werden und zu Veränderungen führen. Am Ende steht ein aktualisiertes Selbstbild, der Umgang mit Tod und Verlust ist ein anderer geworden. Einen solchen Heilungsprozess verweigert die Autorin ihrer Hauptfigur. Wir werden vielmehr Zeuge einer innerlichen Stagnation, die auch zu einer Monotonie der Sprache und Szenen führt.

Hier bleibt eine Stimme stecken. Noch nach 260 Seiten steigert sich die Hauptfigur in teilweise überausgetüftelte Vergleiche über ihr Verlassen-Sein: „Ich habe vergessen, ein Eselsohr in die Seite zu machen, auf der ich war. Gäbe es nur jemanden, der das bei mir macht, damit ich weiß, wo ich bin und von wo aus ich meine Geschichte weiterleben muss.“ Nicht nur hier äußert sich weniger eine kindliche Figur als vielmehr eine Autorin, die einen ihrer vielen, vielen Einfälle unterbringen möchte. Selbst wenn wir der kindlichen Protagonisten zugestehen, im Laufe der Seiten eine Intelligenz der Trauer auszubilden, die sie zu kühnen Bildern animiert, bleibt ein Überschuss an symbolischer Prägnanz und Erwachsenen-Imagination. Immer mal wieder klemmt etwas; besonders wenn auf einer Seite zwei, drei solcher Bilder aufeinanderfolgen, offenbart sich dieser Kniff des Unterjubelns.

Wenn die Systeme scheitern

„Was man sät“ vermag dennoch zu überzeugen, weil es sich keinen fadenscheinigen Optimismus zugesteht. Sein humanistisches Commitment entfaltet der Roman dadurch, dass er seiner Heldin in die Kälte ihrer Gedanken folgt. Er nimmt ihre mal kindliche, mal kindische Verzweiflung ernst. Denn ihrer Armut, sei sie gedanklicher, inte oder materieller Art, kann die Erzählerin nicht entfliehen. Da hilft auch der Cheat nichts, den sie ihrem sadistisch-manipulativen Bruder entlockt, um ihren Figuren im Computerspiel The Sims mehr Geld zuzuschustern. (Er gibt ihr eh den falschen Code.)

Im Gegensatz zu ihrem Bruder Obbe kann die Ich-Erzählerin sich auch in keine Geschlechterschablonen flüchten. Während er sich zum Ende hin auf Dorffesten besäuft, erste sexuelle Erfahrungen sammelt und sich Chauvinismus und Machismus als Rüstung zulegt, bietet sich für sie keine vergleichbare Methode des Klarkommens. Judith Butlers Frage, ob denn “in der Fähigkeit zu trauern” nicht eventuell eine “Quelle der Gewaltlosigkeit” zu finden sei, die dabei helfe, “bei dem unerträglichen Verlust auszuharren, ohne ihn in Zerstörung umzuwandeln”, beantwortet Rijneveld mit der dunkelsten aller möglichen Antworten. Die Eutersalbe, die die Mutter anfangs auftrug, hält die Kälte auf den letzten gespenstischen Seiten nicht mehr ab, eine Kälte, die dann Einzug hält, wenn alle Systeme scheitern, die ein Leben zusammenhalten sollten.

Flâneur am rechten Rand

Nachdem die Vergabe des Literaturnobelpreises an Peter Handke verkündet worden war, übermittelte die Antaios-Lektorin Ellen Kositza auf Twitter die begeisterte Zustimmung ihres Ehemanns, des Antaios-Verlegers Götz Kubitschek: Per Shelfie zeigte sie die einigermaßen umfangreiche Handke-Sektion des Burgbücherschranks. Tatsächlich hatte Kubitschek, der seit einigen Jahren einem breiten Publikum am besten für seinen Speiseplan und seine Funktion als Ideologe von AfD und Identitärer Bewegung bekannt ist, Handke bereits 2012 als Teil des „Lektürekanons rechter Leser“ (Sezession 45/2011) bezeichnet. Literatur spielt für eine Gruppe, die sich vom Mainstream wahlweise als kulturell enthoben oder eingebunden verstehen will, schließlich keine ganz triviale Rolle.

Doch warum Handke? Zunächst haben die Schnellrodaer Selbstdarsteller*innen die Angewohnheit, ihrer eigenen Marke Publizität zu verschaffen, indem sie sie gebeten (Uwe Tellkamp) oder wahrscheinlich ungebeten (Eugen Ruge) mit etablierten Namen aus dem Kultur- und Literaturbetrieb verknüpfen. Handke ist dabei aufgrund seiner geschichtsrevisionistischen Haltung zum Völkermord im ehemaligen Jugoslawien eine Figur, die sich ähnliche Kritiker*innen wie Kubitschek gemacht hat – Kritiker*innen, die einem positivem Bezug auf Rassismus und Nationalismus weder zustimmen und denen diese Haltung auch nicht egal ist, nur weil sie sich nicht von angeblich kontextbefreiter Ästhetik ablenken lassen.

Betrachtet man Handkes eigene Jugoslawien-Interventionen, so wird deutlich, dass eine Nähe zur europäischen radikalen Rechten nicht rein zufällig ist. Wie bereits von FAZ und besonders eindrucksvoll von Alida Bremer im Perlentaucher berichtet, gab Handke noch 2011 dem verschwörungstheoretischen Magazin Ketzerbriefe ein Interview, in dem er die Opfer des Massenmords von Srebrenica verhöhnte. Wie weiter zurückliegende Äußerungen Handkes in einschlägigen Publikationen zeigen, hat eine Nähe zu rechten Extremisten bei ihm Tradition. Als Teil seiner Unterstützung Serbiens im Kosovokrieg war Handke 1999 einer der Unterzeichner einer Querfront-“Antikriegspetition” des Gründervaters des intellektuellen Nachkriegsrechtsradikalismus in Europa, des französischen Philosophen Alain de Benoist. Die Erklärung sprach sich unter anderem gegen das “erste Bombardement eines souveränen europäischen Staates durch eine amerikanische Militärallianz” seit dem Zweiten Weltkrieg aus und solidarisierte sich gleich auch noch mit den Palästinensern. Unter den Unterzeichnern fanden sich neben Handke die Schriftsteller Jean Raspail (“Das Heerlager der Heiligen”) und Guillaume Faye (“Ethnische Apokalypse: Der kommende europäische Bürgerkrieg”), sowie viele andere französische, deutsche und amerikanische Autoren aus dem ganzen neurechten, rassistischen Spektrum.

Während andere prominente Unterzeichner, denen der Inhalt des Aufrufs wohl nicht unangenehm genug gewesen war, ihre Unterschrift zurückzogen, als die Initiatoren und Mitunterzeichner noch offensichtlicher geworden waren, geht Handkes Verbindung zur französischen Nouvelle Droite weiter zurück. Bereits 1996, auf der Höhe des Skandals um Handkes Jugoslawien-Reportagen, erschien sowohl in der deutschen Zeitschrift Novo (Nr. 22/1996, wiederveröffentlicht von Suhrkamp) als auch in französischer Übersetzung im Theorieorgan Alain de Benoists, der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Éléments pour la civilisation européenne (Nr. 86/1996, wiederveröffentlicht in Nr. 149/2013), ein Interview mit Handke. Ganz im Duktus der heutigen Lügenpresse-Rufer erzählt Handke darin dem Novo-Chefredakteur Thomas Deichmann (später als Beistand des Kriegsverbrechers Duško Tadić und noch später als “Klimaskeptiker” bekannt), dass die “Medien […] eine Art Viertes Reich bilden” würden, in dem “im Vergleich zum Tausendjährigen Reich, das nur zwölf Jahre gedauert hat, überhaupt kein Ende abzusehen” sei.

Handke kann behaupten, von diesen Assoziationen mit europäischen Faschisten nichts gewusst zu haben, nichts autorisiert zu haben, nicht für das Handeln seiner Fans verantwortlich zu sein. Aber Nichtwissen hat bei ihm Tradition, und das, was er unterschrieben und gesagt hat, spricht für ihn selbst.

Ist das Zensur oder kann das trotzdem weg?

Je mehr über Inhalte gesprochen wird, die bestimmte Gruppen von Menschen benachteiligen, desto häufiger treten Vorwürfe auf, die Redefreiheit werde dadurch eingeschränkt. Nicht nur verschiebt das den Fokus der zu Beginn geäußerten Kritik – es konstruiert auch eine Machtverschiebung und einen Freiheitsverlust, der nicht existiert.

Vor einigen Tagen schrieb Johannes Franzen in der FAZ darüber, warum solcherlei Zensurvorwürfe, die es so vorher nicht gegeben hätte, keine Grundlage haben und ein Vorher erschaffen, in dem alles kritiklos akzeptiert worden sei. Weder entspricht das den historischen Tatsachen, noch ist im Heute eine solche Zensur durch Einwände an manchen Inhalten wirksam. Dennoch wird Kritik an benachteiligenden Inhalten mit inquisitorischen Mitteln verglichen, wie im folgenden Kommentar unter dem Beitrag:

Auch in der kürzlichen Debatte um Sensitivity Reading* flammten Zensurvergleiche auf, wieder wurden Gefahren konstruiert, wieder Verbote der Redefreiheit beteuert. Eine ironische Tatsache, bedenkt man, dass diese vermeintlichen Einschränkungen der Redefreiheit auf großen Portalen wie der ZEIT und dem NDR als Bedrohung dargestellt wurden.
In „Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche“ greift Reni Eddo-Lodge das Phänomen auf:

„Diesem Kampf um die „Redefreiheit“ kann man kaum eine Debatte nennen. Sie ist einseitig, und die mächtige Seite verdreht ständig die Teilnahmebedingungen. Den Widerstand gegen antirassistische Reden und Proteste als einen edlen Kampf um Redefreiheit zu verkaufen ist eine Strategie, um Weiße vor Kritik zu schützen. Manche Weiße scheinen zu glauben, dass der Vorwurf des Rassismus viel schlimmer als der Rassismus selbst ist.“ (S. 140)

Dieser Mechanismus, den oppositionellen Stimmen eine Art diktatorische Macht zuzusprechen und Probleme zu konstruieren, die eigentlich keine sind, greift nicht nur in Debatten um Rassismus, sondern ist in allen Diskursen um Diskriminierung beobachtbar – so auch bei der Erfindung der Feindbilder “Political Correctness” und “Gutmenschen”, wie Katrin Auer schon 2002 analysierte. Vergleiche mit der katholischen Inquisition, bekannten historischen und heutigen Diktatoren und die Bezeichnung als eigentliche Faschist*innen postulieren ein Ende der (Rede-)Freiheit und erschaffen eine Situation, die bedrohlicher nicht wirken könnte – entspräche sie denn den Tatsachen. Das Feindbild einer Art allmächtiger Institution entsteht, welches Mustern antisemitischer Weltverschwörungstheorien gleicht.

“Political correctness ist ein Kampfbegriff, mit dem rechtsextreme Ideologen demokratische Positionen in Frage stellen, um ihre eigene Position um so wirkungsvoller zur Geltung zu bringen. Der Effekt dieser Diskursstrategie steigert sich noch, wenn die vermeintlichen Vertreter von pc mit einer Machtfälle imaginiert werden, die ihresgleichen sucht.” (Jäger/Jäger 1999, zit. n. Katrin Auer)

Das ist auch zwei weiteren Beispielen zu entnehmen, die ich als Mit-Betreiberin der Sensitivity Reading-Website* erhalten habe. Das erste Zitat ist aus einer Mail, das zweite aus einem Kommentar. Besonders erstaunlich ist, dass trotz der angeblich diktatorischen Verhältnisse keine Sorge zu bestehen scheint, all das unter dem Klarnamen zu veröffentlichen.

Die Vehemenz, mit der verteidigt wird, diskriminierende Inhalte weiterhin kritiklos schreiben zu dürfen, erinnert nicht selten an die Taktiken der AfD, die z.B. “die Freiheit Andersdenkender” bedroht sieht, wenn sich das Maxim Gorki-Theater an einer antifaschistischen Demonstration beteiligt. Freiwillige, nicht staatlich vorgegebene Aktivitäten werden rhetorisch zu gehirnwäschenähnlichen Repressionsmaßnahmen erhöht und instrumentalisiert.

Matthias M. Lorenz beschreibt in “Literatur und Zensur in der Demokratie” die Bestrebungen, bestimmte Begriffe wie das N-Wort nicht mehr zu nutzen, als “weder Denkverbot noch Sprachzensur, sondern in erster Linie eine legitime Forderung in der Multikulturalismusdebatte” (S. 192). Es sei die Folge eines demokratischen, nicht eines totalitären Prozesses. Weiterhin zitiert er Wolfgang Fritz Haug, der fragt: „Aber was ist das für ein Handlungsverlangen, das die Fesseln der Moral loswerden, sich von den Werten der Kultur und den Regeln der Demokratie emanzipieren will?“ (ebd.).

Ob sich diese Kommentator*innen rechts positionieren würden oder nicht, so lässt sich eine Aneignung der Rhetorik und der Strategien des rechten Spektrums nicht von der Hand weisen. Inwieweit das ein Symptom für den Erfolg neurechter Denkmuster ist oder dafür, dass demokratische Bestrebungen anfangen, zu fruchten, das weiß ich nicht. Vielleicht ist das Hinausposaunen eines angeblichen Freiheitsverlustes an eine breite Öffentlichkeit ein Zeichen dafür, dass Privilegien angekratzt werden, dass tatsächlich eine Bedrohung existiert – nämlich die, Privilegien und Deutungshoheiten vielleicht irgendwann teilen zu müssen. Aus dieser Perspektive betrachtet sind solcherlei Kommentare womöglich eine Bestätigung, dass es vorangeht, dass mehr über Themen und Menschen geredet wird, die bisher eine marginale Rolle in der Kultur gespielt haben. Mühselig ist das Ertragenmüssen dieser Symptome nur trotzdem.

*Sensitivity Reading ist ein Angebot, das Autor*innen vor Veröffentlichung eines Manuskripts nutzen können, um ihren Text auf unbeabsichtigte Bias und diskriminierende Inhalte sichten zu lassen. Sensitivity Reader sind ein Glied des Lektorats, sofern der Wunsch besteht, die Expertise von Menschen, die diese Diskriminierungserfahrungen machen, in Anspruch zu nehmen. Mit dem Erstellen einer Plattform für diesen Zweck hat die Kritik an selbiger stetig zugenommen.

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Critical Westdeutschness – Teil 3 von 3: Gershwin und die Rentenangleichung

Dieses Gespräch haben Matthias Warkus (geboren 1981 in der Pfalz) und Peter Neumann (geboren 1987 in Mecklenburg) zwischen dem 4. Dezember 2018 und dem 13. April 2019 schriftlich geführt. Vorher hatten sie festgelegt: Es sollte ein Gespräch, kein Interview werden; und das Gespräch sollte ganz kathrinpassigmäßig asynchron und online verlaufen, damit sie aufkommende Themen, Links usw. beliebig recherchieren konnten. Peter Neumann ist Lyriker, Schriftsteller und Philosoph; er lebt in Berlin, arbeitet in Oldenburg und hat zuletzt im Siedler-Verlag Jena 1800. Die Republik der freien Geister veröffentlicht.

Teil III: Gershwin und die Rentenangleichung

Matthias Warkus: Ich möchte im letzten Teil dieses Gesprächs gerne etwas geradezu Anrüchiges tun und konstruktiv werden – zu Handlungsempfehlungen kommen: Was können wir als Ost- und Westdeutsche, insbesondere als irgendwie kulturbetrieblich oder journalistisch Tätige, tun, um es besser zu machen? Dabei gehe ich gleich mit zwei Vorschlägen in Vorlage.
Der erste ist nach dem bisherigen Gesprächsverlauf fast selbstverständlich: nämlich als WestdeutscheR darauf zu reflektieren, ob, was man als allgemein setzt, in Wirklichkeit doch nur ein rheinisches, ein Westphänomen ist – genauso, wie man beispielsweise auch immer darauf reflektieren sollte, ob, was man für eine »Generation« hält, in Wirklichkeit doch nur ein Milieu ist.
Der zweite Vorschlag braucht etwas mehr Anlauf. Ich habe Ende 2018 als zugezogener Wessi in Jena zwei Beobachtungen gemacht. Einmal: Es gibt hier ein hochgradig spießig anmutendes Aussichtslokal auf einem Hügel, das bis heute von einem Siedlerverein getragen wird, und in dem man als Westdeutscher kein Kulturprogramm erwarten würde, das über einen gelegentlichen Frühschoppen mit Blasmusik hinausgeht. Hier aber gibt es genau in diesem Lokal eine weit zurückreichende, lebendige Tradition von Blues- und Bluesrock-Liveauftritten. Dazu passt das zweite: Ich bin zufällig in das Adventskonzert eines Akkordeonorchesters hineingeraten (auch so etwas, was im Kontext viele sicherlich als »typisch ostdeutsch« belächeln würden, obwohl es natürlich auch im Westen Akkordeonorchester gibt), in dem ein Stück mit einer hochemotionalen Ansprache anmoderiert wurde; das Arrangement stammte schon aus den 60ern und konnte jahrzehntelang nicht aufgeführt werden. Es war »Summertime« aus »Porgy and Bess«, was nun vielen der Inbegriff einer ausgelutschten Nummer sein könnte – wir haben das schon im Schulmusikunterricht gesungen, meine ich. Dass ein Arrangement davon irgendwie Tragweite und Fallhöhe haben könnte, war mir bis zu diesem Moment fremd gewesen.
Also möchte ich dafür plädieren, zu akzeptieren, dass es originär ostdeutsche, geschichtlich bedingte Weisen gibt, sich zu bestimmten kulturellen Inhalten zu verhalten, die als solche ernst genommen werden müssen – ohne sie in die eine Schublade zu packen, in der Achim Menzel und Karsten Speck liegen, aber vor allem auch, ohne sie in die andere zu tun, in der Heiner Müller und Peter Hacks liegen.

Peter Neumann: Ich schließe einen dritten Vorschlag an: Ausgehend davon, dass es originäre ostdeutsche, geschichtlich bedingte Weisen gibt, sich zu bestimmten kulturellen Inhalten zu verhalten, müssen die bisherigen vor allem westdeutsch geprägten Zugänge neu erzählt werden. Ich denke, es reicht nicht aus, zu sagen, da gäbe es ›auch‹, nur eben dann eine ›ostdeutsche‹ Erzählung. Spannend wird es erst, wenn sich beide Erzählungen verbinden, widersprechen, in Dialog miteinander treten. Als ich am Wochenende im Haus der Berliner Festspiele war und mir ein Podium angehört habe, in dem es unter anderen um den Zusammenhang von Ost- und Migrationsfrage ging, da fiel der Satz: »Der erste Platz ist vergeben. Er ist in der Hand westdeutscher Eliten. Was gerade den Nationalismus von rechts wie von links im Osten so stark macht, ist dieser Kampf um den zweiten Platz.« Da muss meines Erachtens eine neue, eine irgendwie ›gesamtdeutsche‹ Erzählung ansetzen: Dass der erste Platz nicht nur nicht vergeben ist, sondern auch gar nicht besetzt werden kann. Das Problem am Phänomen des/der Osterklärer/in ist, dass er/sie in der Betonung der Originarität des Ostens das bestehende West-Narrativ nur forciert. Insofern würde ich hinzufügen: Geschichten nicht nur ernst nehmen, sondern – wie es Deinem Fall ja auch wirklich war – offen sein, die eigene Geschichte überschreiben zu lassen.

MW: Also die Begriffe »ostdeutsch« und »westdeutsch« gleichzeitig rehabilitieren (als legitime Zuschreibung und Analysekategorie) und destruieren (als ontische Bestimmung)? Bzw.: offenlegen, dass es grundsätzlich verschieden nuancierte Begriffe sind – dass es z.B. keine nennenswerte identitäre Verwendung von »westdeutsch« gibt, weil »westdeutsch« als der Regelfall konnotiert ist, vergleichbar mit Weißsein und Männlichkeit?

PN: Ja, so in etwa könnte es gehen: »Ostdeutsch« und »Westdeutsch« als Kategorien aufbauen, stark machen, um sie über ihre blinden Flecken jeweils zu desavouieren. Ein Buch, das das erstaunlich konsequent macht und auf das ich erst diese Woche gestoßen bin: Wolf Lepenies’ Folgen einer unerhörten Begebenheit, wobei der Titel insofern trügt, als es sich vielmehr – von alt-bundesrepublikanischer Seite – um die »Folgenlosigkeit einer unerhörten Begebenheit« handelt: »Überheblichkeit kommt in der Überzeugung zum Ausdruck, die DDR sei nun einmal ein totalitärer Staat gewesen, und daher biete der Osten des vereinten Deutschland heute in keinem Bereich der Politik, in keiner Sparte der Lebenswelt, in keinem einzigen Aspekt erlebter und erlittener historischer Erfahrung eine Alternative, über die im ganzen Deutschland ernsthaft nachzudenken sich lohne«. Worauf ich aber eigentlich hinaus will, ist die Rehabilitierung und Destruktion der Etiketten. Hier ein Beispiel, das – gerade in seiner Überzogenheit und ›typisch‹ deutschen Themenwahl – fast schon Teil einer (noch zu schreibenden) übergreifenden Geschichte der Mentalitäten wäre: »Westfahrer in Westautos sind langweilig; ihre Identitätsansprüche lassen sich bereits an den unterschiedlichen Automarken ablesen. Ostfahrer dagegen demonstrieren alle Stufen, in denen augenblicklich die deutschen Identitätswechsel vor sich gehen: Sie fahren in Ostautos mit alten Ostkennzeichen, in Westautos mit neuen Ostkennzeichen, in Ostautos mit Westkennzeichen, in Westautos mit Ostkennzeichen ohne Nationalitätenschild, in Ostautos mit Ostkennzeichen und übermalten DDR-Schild, in dem die beiden letzten Buchstaben unter unschuldigem Weiß verschwunden sind, in Ostautos mit Westkennzeichen und D-Schild und – unerlaubt, Gipfel der historischen Ironie und Ikone der Vergeblichkeit – in Westautos mit Westkennzeichen und altem DDR-Emblem. Sichtbar wird so ein Kaleidoskop deutscher Ungleichzeitigkeit.« (Ungleichzeitigkeit, darum geht es.)
Ein vierter Vorschlag wäre, zu überlegen, welche gesamtdeutsche Erzählung man überhaupt stiften möchte: Geht es um Deutschland, geht es um Europa? Die Einsicht, dass 89/90 zwei deutsche Staaten untergegangen sind, kann meines Erachtens nur bedeuten, an einem Narrativ zu arbeiten, das diese doppelte Geschichtserfahrung in sich einbezieht und die blinden Flecken, die es hier wie dort gibt, zum Motor ihrer eigenen Erzählung macht.
Und als fünfter Vorschlag, der allerdings über die Ebene kultureller Zuschreibungen hinausgeht, aber eben diese mehr bedingt als alles andere: Es wäre vermessen zu glauben, der Osten könnte es mit dem Westen aufnehmen, wenn es um die eigene Sprecherposition geht. Das wird auch in absehbarer Zeit nicht geschehen. Dennoch: Jedes Macht- und Herrschaftsgefälle hat eine materielle Basis. Insofern sollte man gerade diese Basis bei allen geschichts- und erinnerungspolitischen Fragen im Blick behalten. Dass die Rentenangleichung Ost-West 2025 kommen soll, ist angesichts der Zeit, die dann verstrichen ist, ja ein schlechter Scherz.
Hier ist übrigens eines der klügsten politischen Positionspapiere zum Thema, das ich seit Langem gelesen habe, und das viele unsere Punkte aufgreift.

MW: Dieses Grünen-Positionspapier habe ich noch nicht gründlich gelesen, aber es bringt mich auf eines meiner Lieblingsthemen zum ganzen Komplex Wende, Wiedervereinigung, Ost/West: Obwohl die Opposition in der DDR maßgeblich von der Umweltbewegung getragen wurde und die Umweltzerstörung maßgeblich zur Delegitimierung des Regimes beitrug, obwohl Ostdeutschland eine einzigartige natur- und umweltschützerische Erfolgsgeschichte darstellt, hat man heutzutage manchmal den Eindruck, dass das niemanden mehr interessiert, weder in Ost noch in West. Da gibt es auch anscheinend kaum Niederschlag in der jüngeren Literatur, bei Tellkamp ist es mal ein Seitenthema, mehr fällt mir da nicht ein.

PN: In der Gegend, aus der ich komme, Mecklenburger Seenplatte, ist der Natur- und Umweltschutz, so zumindest mein Eindruck, von vielen als Mittel zum Zweck wahrgenommen worden: Was funktioniert touristisch, vermarktungstechnisch. Wasserskianlage, Bootsanleger, Villen am See. Alle anderen Anliegen galten irgendwie als Luxusprobleme, da hieß es, die Grünen hätten im Stadtrat wieder diesen oder jenen Investor blockiert, und immer so weiter, bis sich niemand mehr für die Region interessiere. Arbeitslosigkeit war lange Zeit, bis in die Mitte der Nullerjahre hinein, einfach das bestimmende Thema.
Um es wieder mit einem Verweis auf ein Gespräch auszudrücken:
Das Integrationsparadigma forciert die Ungleichheiten mehr, als dass es ihnen entgegenarbeitet. Die These würde ich teilen! Die Frage ist nur, welche Konsequenzen ziehen wir daraus? Wenn es nicht mehr die Leitidee der deutschen Einheit sein kann, die Ost und West zusammenhält, welche Erzählung ist es dann?

MW: Ich würde ja sagen, Einheitsideen braucht man überhaupt nicht. Es ist völlig in Ordnung, wenn ein Staat, ein Staatenverbund, ein Planet eine Zweck-WG ist. Ost und West, jetzt als geographische Gebilde im weitesten Sinne gedacht und nicht irgendwie identitär, sind ja in sich auch wieder völlig heterogen. Ich finde rein verwaltende Staaten, die kategorial einfach eine Ebene von Gebietskörperschaften sind wie Städte oder Regierungsbezirke, eine sympathische Sache – sympathischer jedenfalls als Staaten, die Ideen und Missionen für sich beanspruchen. Die großen Ideen à la allgemeine Menschenrechte, Vervollkommnung des Menschengeschlechts usw. leben auch, wenn sie nicht mit Nationalstaaterei amalgamiert werden: Das ist m.E. doch eine der großen impliziten Botschaften der Weimarer Klassik.

PN: Was soll ich sagen: Durch unser Gespräch fühle ich mich ostsozialisierter denn je. Durch die Umkehrung der Blickrichtung ist für mich aber auch deutlich geworden, wie sehr diese (un-)ausgetragenen Mentalitätsgeschichten Raum schaffen können für etwas Drittes, Viertes, Fünftes. Ich glaube, hier liegt auch ein großes poetologisches Potenzial, gewissermaßen ein Plädoyer für ein achronales, polyperspektivisches, materialgesättigtes Erzählen: Erfahrungsmuster zu bedienen, und sie gleichzeitig zu unterlaufen.

Im Folgenden noch ein paar Links, die im Gespräch nicht mehr direkt thematisiert wurden:

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Critical Westdeutschness – Teil 2 von 3: Die Goethe-Reparatur und andere Übergriffe

Dieses Gespräch haben Matthias Warkus (geboren 1981 in der Pfalz) und Peter Neumann (geboren 1987 in Mecklenburg) zwischen dem 4. Dezember 2018 und dem 13. April 2019 schriftlich geführt. Vorher hatten sie festgelegt: Es sollte ein Gespräch, kein Interview werden; und das Gespräch sollte ganz kathrinpassigmäßig asynchron und online verlaufen, damit sie aufkommende Themen, Links usw. beliebig recherchieren konnten. Peter Neumann ist Lyriker, Schriftsteller und Philosoph; er lebt in Berlin, arbeitet in Oldenburg und hat zuletzt im Siedler-Verlag Jena 1800. Die Republik der freien Geister veröffentlicht.

Teil II: Die Goethe-Reparatur und andere Übergriffe

Peter Neumann: Matthias, du bist vor drei Jahren nach Jena gekommen, aus Marburg: Wie waren deine ersten Eindrücke, gab es vor Ort, in Jena, besondere Begegnungen, Pfalz, Marburg, konnte damit irgendwer etwas angefangen, und: Wie haben Menschen aus deinem Umfeld reagiert, als du ihnen gesagt hast, dass du ›rübermachst‹, in den Osten? Ich stehe ja kurz davor, nach Oldenburg zu gehen. Abgesehen davon, dass die meisten nicht auf Anhieb wissen, wo Oldenburg liegt, gibt es eigentlich relativ wenig Vorbehalte. Man wartet ab. Wenn ich auf Lesungen oder Tagungen in den alten Ländern bin und erzähle, dass ich aus Mecklenburg komme, bleibt es meistens bei dem netten, unkomplizierten ›Ach, schön, da bin ich auch schon mal durchgepaddelt‹. Würde ich ›Brandenburg‹, ›Sachsen‹ oder ›Sachsen-Anhalt‹ sagen, sähe die Sache sicher anders aus.

Matthias Warkus: Reaktionen auf die Nennung von Jena waren üblicherweise »Ist das nicht in Sachsen?« oder »Ich kenne das nur vom Vorbeifahren, ist das nicht furchtbar hässlich?«. Das ist jetzt nicht ostspezifisch. Ich habe mich einmal mit einem bekannten Satiriker unterhalten, der ernsthaft davon überrascht war, dass in Jena günstige Wohnungen knapp sind (»Waaas, ist da nicht einfach alles völlig leer?«), das fand ich recht erschütternd. In meinem Umfeld gibt es jemanden, der sich vom Bauernsohn mit Volksschulabschluss bis zum Klinikmanager hochgearbeitet hat und auch geschäftlich nach der Wende viel im Osten zu tun hatte – bei dem fand ich die Redeweise über »diese Ossis« immer ziemlich kolonial. Ich habe Vergleichbares auch von anderen Westdeutschen bestätigt bekommen; das gönnerhafte Reden über »die da« ist auch nach fast 30 Jahren immer noch völlig üblich. Ansonsten fand ich die eine oder andere Reaktion interessant, die es als Indiz für eine Art »neue Normalität« genommen hat, dass ich »in den Osten« gehe, mit der Implikation, vor 10–20 Jahren sei das ja so noch nicht möglich gewesen. Wenn ich erkläre, wo ich herkomme, führt das weder im Westen noch im Osten zu großen Reaktionen, weil der langweilige, weinlose und strukturschwache Teil der Pfalz, aus dem ich stamme, hier wie da niemandem bekannt ist.

PN: Bei der Redeweise über Ost und West fällt mir auf, dass man im Fall der alten Länder viel eher bereit ist zu differenzieren, also regionale Unterschiede in die eigene Beurteilung miteinzubeziehen, sich auf Mentalitätsgeschichten, die oftmals sehr weit in die Vergangenheit zurückreichen, einzulassen. Niemand würde auf die Idee kommen, die rheinische und bayerische Provinz umstandslos in einen Topf zu werfen. Man kann sie höchstens in eine geschichtliche Konstellation setzen: Ich habe mich neulich erst gefragt, was aus der Rheinischen Republik geworden wäre, hätte es sie gegeben. Und wie viel Geist von dieser separatistischen Bewegung in die junge Bundesrepublik eingeflossen ist. Adenauer hatte sich ja Ende der 1910er-Jahre, wenn er auch nicht aktiv an ihr beteiligt war, positiv zu ihr bekannt, als Gegengewicht zur preußischen Hegemonialstellung, eine Tradition, die heute zweifelhafterweise eher von der CSU fortgesetzt wird. Mit anderen Worten: Es gibt ungeheuer viel Geschichte aufzuarbeiten und diese Geschichte ist präsent. Beim Osten ist das anders. Als ich im Radio über Jena 1800 interviewt wurde, kam einmal aus einem Kölner Studio die Frage: »Herr Neumann, damals, um 1800, war Jena ein geistig-kulturelles Zentrum Europas, heute blickt man mit Sorge auf den Osten. Hat das für Ihre Arbeit eine Rolle gespielt?« Was soll man auf Fragen wie diese antworten? Fragen, die so ungeheuer voraussetzungsreich sind, weil sie den Osten bloß als Singular kennen, ohne geschichtliche Tiefendimensionen. Du sagst, du hättest die Redeweise über den Osten immer ziemlich ›kolonial‹ empfunden: Kannst du das spezifizieren?

MW: Das hat für mich zwei Hauptaspekte: erst einmal das Gönnerhafte, das nett oder lustig gemeinte Abwertende – »die da« geben sich ja Mühe, aber die Mentalität, das kriegt man aus denen nicht raus, die könnten so viel aus sich und ihren Ressourcen machen und tun es nicht. Das hat man, meine ich, durchaus auch in der Rede erfolgreicher Ostdeutschen über ihre »Landsleute«. Der andere Aspekt ist, davon abgeleitet, sozusagen die Selbstverständlichkeit des Verfügens über die ostdeutschen Ressourcen. Das ist das, was ich damit meinte, dass über Altbauwohnungen in Leipzig oder Berlin nie als von Wohnungen von Ostdeutschen gesprochen wird, sondern immer nur als Chance für Zugezogene.

PN: Apropos ›ostdeutsche Ressourcen‹, auch eine für mich exemplarische Geschichte, die mit Weimar als gesamtdeutschem Erinnerungsort zusammenhängt, der natürlich insbesondere nach 1990 umkämpft war. Mir ist neulich der FAZ-Artikel von Thomas Steinfeld vom 18.3.1999, also mitten aus dem Kulturhauptstadtjahr, in die Hände gefallen: »Sonderakte Goethe. Eine Trophäe für den Sozialismus: Wie die DDR die sterblichen Überreste Johann Wolfgang von Goethes unsterblich machen wollte«. Es geht um wiederaufgetauchte Akten, die belegen, dass Experten in einer Nacht-und-Nebel-Aktion 1970 Goethes Sarg öffneten, aus konservatorischen Gründen weiche Gewebereste entfernten und den Lorbeerkranz, der noch immer auf dem Kopf saß, mit Kunststoff verstärkten. Bei Steinfeld liest sich das wie ein Angriff auf ein nationales Heiligtum, als Versündigung, als Akt größter Brutalität, mit der man in der DDR versucht habe, eine »Trophäe« herzustellen, Geschichte sich zurechtzubasteln. Fakt ist: Die Akten waren frei zugänglich und unterlagen nicht der Geheimhaltung. Und: Die konservatorischen Maßnahmen, die von Franz Bolck, dem damaligen leitenden Pathologen und Rektor der Universität Jena durchgeführt wurden, wären auch nach heutigen Maßstäben zu rechtfertigen. Insofern: Natürlich hätte die Klassik-Stiftung souveräner mit ihrer Informationspolitik umgehen können, es war ja klar, dass so etwas früher oder später ans Licht kommt, jetzt, da es keine Auflagen mehr für westdeutsche Bundesbürger im Goethe- und Schiller-Archiv gab. Die Skandalisierung und an den Haaren herbeigezogene Unterstellung, hier zeige sich einmal mehr, dass die DDR eine »Gesellschaft von Verschwörern« gewesen sei, wirkt allerdings wie der Versuch, ›deutsche‹ Geschichte, über die man so lange Zeit in Westdeutschland nicht verfügen konnte, materiell nicht verfügen konnte, sich nun gewaltsam zurückzuholen, Deutungshoheit zurückzugewinnen.
Ich glaube, dass in diesem Akt westdeutscher Übergriffigkeit schon viel kulturkonservative Empörung über Gendersternchen und andere Diversitätsmarker drinsteckt – die frühe Kapitulation vor dem Gedanken, es könnte eine Geschichte geben, die womöglich ebenso viel Relevanz hat wie die eigene, von der man lange Zeit glaubte, sie sei die einzig mögliche. Ich denke ja, dass die spezifisch westdeutsche Signatur der Neuen Rechten bisher völlig verkannt wurde. Jana Hensel hat einmal die These aufgestellt, der Erfolg der AfD stelle die größte Emanzipationsleistung der Ostdeutschen dar (vgl. Hensel zu den Landtagswahlen, bezeichnenderweise austauschbar mit einem Bild aus Sachsen-Anhalt illustriert, obwohl dort gar nicht gewählt wird). Ich würde das Gegenteil behaupten: Die Etablierung einer Partei rechts der Union stellt die größte Emanzipationsleistung eines tief im anti-demokratischen Denken des wilhelminischen Obrigkeitsstaats verwurzelten westdeutschen Konservatismus nach 1945 dar. Aber bevor ich dazu irgendetwas sage: Gibt es für dich etwas, etwas, das du aus deiner eigenen westdeutschen Sozialisation kennst, von dem du sagen würdest: Das hat lange unter der Oberfläche gegoren und tritt jetzt offen zutage?

MW: Der Erfolg der AfD, deren überregionale Exponenten quasi allesamt 150%ige Wessis sind (Gauland, Weidel, Höcke, Tillschneider usw.), ist ungefähr so sehr eine ostdeutsche Emanzipationsgeschichte, wie es der Erfolg der CDU bei der Volkskammerwahl 1990 war, möchte ich behaupten. – Die Frage danach, was jetzt spezifisch Westdeutsches hochkommt, ist eine sehr gute! Aus der hohlen Hand heraus möchte ich mal vermuten: das ganze Thema Sozialstaatschauvinismus und »rohe Bürgerlichkeit«. Dass ein Freund von mir (katholisch, Vater Finanzbeamter) Anfang der 90er jemanden aus unserem Jahrgang als »Sohn eines Arbeitslosen« beschimpfte, dass ich engagierten Widerspruch erntete, und zwar nicht von irgendwelchen »Leistungsträgern«, sondern von alternativ angehauchten Kiffertypen, als ich, Zivi beim Sozialamt, ihnen erklärte, dass die allermeisten Hilfebezieherinnen alleinerziehende Mütter sind und Leistungsmissbrauch ein Randphänomen ist – das haben ja nicht die Ostdeutschen erfunden und in die Pfalz exportiert.

PN: Woher, glaubst du, kommt diese ›rohe Bürgerlichkeit‹, wann ist sie entstanden? In der Literatur taucht der Begriff, soweit ich sehe, ab den 90er-Jahren auf. Könnte das ein westdeutsches Nachwendephänomen sein oder ist das – wie gesagt – älter und lässt sich tiefer in der alten Bundesrepublik verorten? (Ich frage das, weil ich so etwas aus meiner Mecklenburger Landjugend in den 90ern gar nicht kenne, diesen Klassismus von oben.)

MW: Ich bin jetzt auch kein Fachmann für das ganze Thema bürgerliche Abwertung von »Minderleistern« usw., aber die ersten medialen Diskussionen um die angebliche Hängemattenfunktion von Transferleistungen in Westdeutschland datieren weit vor 1990: »Gemeinnützige Beschäftigung von Sozialhilfeempfängern: eine Art Arbeitsdienst oder ein Weg zur Humanisierung und Rationalisierung des Sozialstaates?« Großes Cave dabei: Das ganze Thema »rohe Bürgerlichkeit«, oder wie auch immer man es nennen will, ist ja zuerst einmal völlig vermint, weil man sich schon mit dem Ansatz einer Beschreibung in bestimmte Großtheorien einkauft. Ich persönlich habe aber z.B. keine Lust, mir zuschreiben zu lassen, ich hielte die Warenform für die Wurzel allen Übels. Zum zweiten scheint es sich ja um ein vielschichtiges Phänomen zu handeln, an dem sich derzeit Legionen von SozialwissenschaftlerInnen abarbeiten, ich weiß gar nicht, ob man da überhaupt Richtiges sagen kann, wenn man nicht tief eingelesen ist, oder ob man nicht riskiert, da genauso rettungslos zu vereinfachen wie die Leute, von denen man sich eigentlich abgrenzen möchte. Die DDR, in der ja kulturell das verkleinbürgerlichte Proletariat hegemonial war (während es im Westen kurz vor 1990 pi mal Daumen eher das akademisiert-aufsteigerische Angestellten-Bürgertum war: der Zeit lesende Elektroingenieur, der Studienrat mit Ferienhaus im Périgord, alle mit ihrem Alessi-Wasserkessel), kannte auch Abwertungsdiskurse gegen als arbeitsunwillig Wahrgenommene, nur dass es da die Figur von der staatlichen Hängematte nicht geben konnte. Möglicherweise hat sich da eine Art Zangenbewegung ergeben – die liberal-studierte Abwertung von der einen Seite, die blaumanntragende von der anderen.
Was sich sicher zügig um/nach 1990 ergeben hat, ist diese Verschmelzung von Abwertung vermeintlich Arbeitsunwilliger und vermeintlich Bildungsunwilliger. Das Hängemattenzitat von Kohl ist von 1993; noch 1992 schreibt Dirk Kurbjuweit eine lange Reportage über Sozialhilfe, die ganz ohne die Klischees von erblicher Verwahrlosung auskommt. Dann kommt aber schon bald diese Kulturalisierung und letztlich Rassifizierung, dass man anfängt, »die da« als aus familiären, erblichen kulturellen Faktoren heraus träge und unnütz zu zeichnen, was sich spätestens Anfang der Nullerjahre dann völlig stabilisiert hat. Ich glaube übrigens, dass sich da auch Klischees über westdeutschen »Sozialadel« und über arbeitslose Ostdeutsche miteinander vermengt haben.
Und man vergisst wohl auch gerne: Als die Mauer fiel, war das Phänomen Massenarbeitslosigkeit in Westdeutschland noch keine zehn Jahre alt – zwischen 1980 und 1982 hat sich die Arbeitslosenzahl auf 1,8 Millionen verdoppelt, erst kurz vor 1990 sinkt sie erstmals wieder ein wenig. Die Wellenlänge der Diskurse über sowas ist aber ungeheuer – an dem Kurbjuweit-Artikel sieht man, dass bestimmte Topoi in der Diskussion um Transferleistungen mehr als ein Vierteljahrhundert alt sind. Medial gesehen ist Arbeitslosigkeit als Großthema also gerade höchstens ein bisschen im Abklingen, dann kommt die Wiedervereinigung und hebt sie zumindest medial zu apokalyptischen Ausmaßen empor. Das hat derartigen Nachhall, dass man noch heute in sozialen Medien regelmäßig Kommentare sehen kann, in denen behauptet wird, die verdeckte Arbeitslosigkeit in Deutschland habe ein Ausmaß, das die Zeiten der Weltwirtschaftskrise in den Schatten stelle. Also, ganz kurz und unwissenschaftlich (und belegt durch meine eigene beschränkte Lebenserfahrung): Zwischen 1990 und 2005 vollzieht sich eine Kulturalisierung und Para-Rassifizierung von Transferleistungsempfängern. Dann kommt ohnehin Hartz IV, was ja vor allem das sichtbar macht, was ohnehin schon geschieht (sanktionsbewehrte Arbeitspflichten gab es z.B. schon längst vorher), aber dem Ganzen noch einmal ein Etikett und gesonderte Aufmerksamkeit gibt. Mit »Fordern und Fördern« ist der staatliche Umgang mit Transferleistungsempfängern interessanterweise auch sehr kolonial: bis hin zur mehr oder minder offenen Forderung, man müsse »denen« ihre Kinder wegnehmen. Das kulturalistisch-genetisch Abwertende, das Koloniale, die Assoziation mit der legendären Bestie Massenarbeitslosigkeit, das spielt alles gegen arme Westdeutsche wie gegen die Ostdeutschen insgesamt.

PN: Weil du den Anstieg der Arbeitslosigkeit in Westdeutschland Anfang der 80er-Jahre erwähnt hast: Die erste Hängematte war noch eine Sänfte und stammt von Erich Riedl von der CSU, der 1981 im Bundestag meinte, das soziale Netz sei für viele »eine Sänfte geworden, in der man sich von den Steuern und Sozialabgaben zahlenden Bürgern unseres Landes von Demonstration zu Demonstration, von Hausbesetzung zu Hausbesetzung, von Molotow-Cocktail-Party zu Molotow-Cocktail-Party und dann zum Schluss zur Erholung nach Mallorca tragen lasse«. (Mir gefällt die Detailliertheit der Ausführungen. Mir war auch gar nicht klar, dass Mallorca schon damals das deutsche Urlaubsparadies war. Hielt das bisher immer für ein 90er-Jahre-Phänomen.) Erstaunlicherweise ist das aber gar kein dezidiert konservativer Standpunkt Anfang der 80er, auch SPD-Leute wie Heinz Westphal denunzieren ganz offen den Sozialstaat, und das geht dann weiter über Kohls »kollektiven Freizeitpark« 1993 bis hin zu Schröders »Es gibt kein Recht auf Faulheit« 2001, das zurzeit durch Andrea Nahles’ Äußerungen zum Bedingungslosen Grundeinkommen ein trauriges Comeback feiert. Insofern halte ich die Reportage von Kurbjuweit für eine absolute Ausnahme. Es scheint, als hätte sich um 1990 schon einiges an altbundesrepublikanischer Hässlichkeit angestaut, das sich dann großräumig Luft verschafft und sich natürlich auch über die arbeitsunwilligen, bildungsfernen Ostdeutschen ergießt. Wenn man eine solche Genealogie zeichnet, bekommt so jemand wie Sarrazin, der ja das kulturalistisch-genetisch Abwertende völlig ungeschützt als vermeintliches Argument gebraucht, eine ganz andere geschichtliche Tiefendimension.

MW: Ja, dem möchte ich gar nicht widersprechen – mir geht es nur darum, dass der endgültige Umschwung hin dazu, Arbeitslosigkeit und Leistungsbezug als eine Art erblichen Makel zu sehen, m.E. erst deutlich nach der Wiedervereinigung kommt (dazu hier ein aufschlussreiches Diagramm). Noch ein Gedanke dazu, spezifisch zum Schluss: Ostdeutsch und westdeutsch – das sind insbesondere zwei verschiedene Arten des Sichsehnens nach einer in die Vergangenheit projizierten, imaginierten sozialen Wärme. Die Ostvariante davon ist völlig diskreditiert, die Westvariante ist bis in die Spitze des Kulturbetriebs nicht nur gängig, sondern wird regelrecht befördert (vgl. Illies, Seibt usw.). Wir müssen uns zuallererst darüber klarwerden, dass die Westdeutschen genauso in Retrotopien verhaftet sind wie die Ostdeutschen und das kritisch angehen.

PN: Und der springende Punkt an »Rhenish Supremacy« ist, dass die Verletzung im Osten relativ klar lokalisierbar ist, auch die Art der, wie es im Beitrag heißt, gegenwärtigen ›Retraumatisierung‹ durch Zuwanderung, Globalisierung etc., während die Wunde im Westen noch nicht einmal wahrgenommen bzw. einfach anders besetzt und dadurch verdrängt wird. Als besonders ›wütend‹, ›verdrossen‹ und ›roh‹ gilt dann nur die eine Seite. – Eine Sache, auf die ich noch zu sprechen kommen wollte: Als ich danach fragte, was gegenwärtig alles so Westdeutsches hochkommt, hatte ich noch etwas anderes im Sinn als die ›rohe Bürgerlichkeit‹. Mir scheint auch der völkische Nationalismus der Neuen Rechten sehr tief in die Geschichte der alten Bundesrepublik zurückzureichen und mit der Frage zusammenzuhängen, wie man nach 1945 als Konservativer überhaupt noch ›deutsch‹ sein konnte, ohne sich damit nicht verdächtig zu machen. Die unseligen Diskussionen über eine ›Dreiteilung‹ Deutschlands, die verlorenen Ostprovinzen, ›geistige Heimat‹, wie man das nannte, diese Diskussionen, die im Westen bis in die 80er-Jahre reichten (schlagend auch die Selbstverständlichkeit, mit der in dem Zeit-Artikel von 1984 von der ›ehemaligen Reichshauptstadt‹ Berlin gesprochen wird, ohne das zu kontextualisieren), waren ja nach der Wiedervereinigung nicht aus der Welt, sondern waren doch gerade bis dahin aufgeschoben worden, weil erst ein zukünftiger gesamtdeutscher Souverän über die Außengrenzen des Landes entscheiden sollte.

MW: Dazu passt übrigens perfekt dieser Aufsatz von Fritz-Gerd Mittelstädt über die Konstruktion von Heimat in der westdeutschen Nachkriegszeit…

PN: Absolut relevant! Und wie gut, dass er die Sache explizit mit der Frage nach Zeitgenossenschaft verbindet. ›Deutschland in den Grenzen von 1937‹ war ein gängiger Topos im Westen. Wenn man sich anschaut, was Gauland so als klassischer CDU-Konservativer, der er vielleicht mal gewesen ist, in den 90er-Jahren veröffentlicht hat, dann ist da viel von ›Konservativismus‹ und ›deutschen Traditionen‹ zu lesen.

MW: Ich weiß gar nicht, ob Gauland so klassisch CDU ist, immerhin hat er sich seinerzeit in Frankfurt für die Aufnahme vietnamesischer Flüchtlinge eingesetzt. Oder war so etwas damals klassisch CDU-konservativ, weil transatlantisch? – Dass die heutigen Neurechten zumindest auf der Führungsebene ein weitgehend westdeutsches Projekt sind, steht m.E. außer Frage (geradezu klischeehaft steht dafür der schwäbelnde, ostentativ katholische Kubitschek), und das hat natürlich auch vor 1990 angefangen. Hochinteressant zu den ganzen Vorgängen auf dem rechten Flügel seit 1990 ist übrigens die Personalie Rainer Zitelmann. Ich kannte den vom Namen über eine frühere Mitarbeiterin seiner Immobilienagentur, bevor ich irgendetwas anderes erfahren habe. Der ist eine Figur wie aus einem amerikanischen Roman – Strippenzieher der rechten Erneuerungsversuche nach der Wende, reich geworden mit irgendwas mit Immobilien, Bodybuilder und seit Neuestem »Reichtumsforscher«, das glaubt einem ja keiner.

PN: Ob Gauland nun ein klassischer CDU-Konservativer war hin oder her: Ich behaupte nur, dass die Suche nach einer großen deutschen Erzählung ein spezifisch westdeutsches Projekt war und ist, und dass die Gründe mit dem Geschichtsbild der beiden deutschen Staaten zusammenhängen. Während man im Westen bald zum überheblichen ›Wir sind wieder wer‹ überging, fing man im Osten an, stumpfsinnig Städte zu planieren, radikal geschichtslos zu werden.

MW: Was ich mich da frage, ist, ob die Wiederentdeckung des Nationalen in der DDR in den 80ern (»Sachsens Glanz und Preußens Gloria«, historische Rekonstruktionen usw.) mitgeholfen hat, den Boden dafür zu bereiten, was dann nach der Wende passiert ist.

PN: Es gab im Osten in jedem Fall eine Leerstelle im geschichtlichen Selbstverständnis, die durch keinen historischen Materialismus, keine Internationale aufzufüllen war. Interessant ist, worauf Bezug genommen wird: »Sachsens Glanz und Preußens Gloria« ist vom Gestus nicht so weit von der Weimarer Klassik entfernt. Und die hatte, davon erzählt die Bibliothek deutscher Klassiker, die noch heute jedes Ost-Antiquariat verstopft, in der DDR Hochkonjunktur. Klar, die Literatur der (westdeutschen) Gegenwart war im Handel nicht so frei erhältlich. Trotzdem frage ich mich, ob es darüber hinaus Gründe gab, genau auf diese Geschichte sich zu berufen.

MW: Ich habe übrigens noch Faktoiden für die koloniale Deutung: Soweit ich weiß, ist in der erdrückenden Mehrzahl der Ost-West-Ehen seit der Wende der Mann aus dem Westen und die Frau aus dem Osten. Und ich habe kürzlich bei den »Zeitfragen« auf DLF Kultur eine Diskussion über 25 Jahre Deutschlandradio gehört, in der u.a. Auszüge aus Befragungen von und mit Schülerinnen Ost- und Westberliner Schulen 1992 eingespielt wurden. Ich fand weniger die Inhalte bemerkenswert (Ossis dumm und faul, Wessis arrogant) als die Sprechweise – die Westberliner bemühen sich hörbar, unberlinisch, hochdeutsch-norddeutsch, schnöselig, erwachsen zu sprechen; die Ostberliner sprechen schweren Dialekt und hören sich viel jugendlicher an. Mag Zufall sein, wäre schade.

PN: Die rechten Wahlergebnisse zeigen jedenfalls Kontinuitäten bis zurück vor 1945. Im Osten wie im Westen.

(Der abschließende Teil 3 folgt voraussichtlich am 31. August.)

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