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Kategorie: Allgemein

Liebe, Verrat und toxische Männlichkeit – „Bleib bei mir“ von Ayòbámi Adébáyò

Was passiert mit dir, wenn du deine ganze Liebe und Hoffnung auf nur eine Person setzt und von dieser verraten wirst? Wenn du dich in einer Ehe wiederfindest, wie du sie nie führen wolltest und tatenlos dabei zusehen musst, wie nicht nur diese Ehe und dein Heim, sondern auch deine Gesundheit zerstört werden?

Heute sage ich mir, der Grund dafür war, dass ich mich verbogen und jeden entwürdigenden Schritt über mich habe ergehen lassen: damit es jemanden gab, der mich suchen würde, wenn ich plötzlich als vermisst gelten sollte.“

Adébáyò erzählt vor dem Hintergrund Nigerias in den 80er Jahren von Yejide und Akin, die sich in der Universität ineinander verlieben und die unabhängig und, nach westlichen Standards, modern und gebildet sind. Nicht so ihr Umfeld. Weil die Ehe einige Jahre ungewollt kinderlos bleibt, sieht Akins Mutter den Fehler bei Yejide und überredet ihren Sohn zur Polygamie. Das ist nicht ungewöhnlich, vielmehr gängige Praxis und doch eine, in der Yejide sich nie wiederfinden wollte – ist sie doch gezeichnet vom frühen Tod ihrer Mutter und den anderen Frauen ihres Vaters, die ihre lieblose Kindheit und Jugend erschwert hatten. Aber Yejide fragt niemand. Ihr wird es nicht einmal gesagt, erst Wochen später, nachdem die zweite Ehe schon eingegangen wurde. Das Gefühl, als Frau nicht vollwertig zu sein und zu genügen, gepaart mit dem Verrat durch die Person, die ihr Liebe und Treue versprochen hat, stürzen Yejide in eine Scheinschwangerschaft, in der sie nicht nur glaubt, schwanger zu sein, sondern auch alle körperlichen Symptome aufweist.

Und überhaupt, was war schon ein Mann im Gegensatz zu einem Kind, das ganz allein mir gehören würde? Ein Mann kann viele Frauen oder Konkubinen haben; ein Kind kann nur eine Mutter haben.“

Ein Kind zu bekommen wird zum großen Ideal der Geschichte – ein Kind würde Rettung bedeuten. Es würde Yejide retten, ihre Ehe, ihre Reputation und es wäre ihres, unangefochten. Glaubt sie. Was folgt, sind noch mehr unausgesprochene Worte, Abmachungen, verzweifelte spirituelle Maßnahmen und Verrat – vieles davon hinter Yejides Rücken, sodass auch der*die Leser*in erst spät versteht, was vor sich geht. Nicht einmal das, was Yejide im Laufe der Geschichte wirklich für sich macht, “gehört” am Ende ihr.

Beleuchtet der Roman auch eine bestimmte Tradition in einem bestimmten Land, so dient er trotzdem als ein Exempel für frauenfeindliche Narrative weltweit. Der Protagonistin werden nicht nur körperliche, sondern auch psychische Krankheiten und Unzulänglichkeiten unterstellt, sie wird behandelt wie jemand, der hysterisch oder ein kleines Kind ist, während ihr jegliche Mündigkeit abgesprochen wird. Und das, obwohl sie “modern” ist, obwohl sie gebildet ist. Sie ist schließlich trotzdem eine Frau. Und so kommt ihr im Verlauf doch abhanden, was ihr die ganze Zeit unterstellt wird – ihre Gesundheit.

Auch erzählerisch steht der Roman dem Inhalt in nichts nach. Auf zwei Zeitebenen wird die Geschichte meist aus Yejides und manchmal aus Akins Sicht erzählt. Die Autorin hält nicht nicht mit detaillierten Beschreibungen oder Ausschweifungen auf und fokussiert sich auf die Dialoge. Die Emotionen werden bei Adébáyò nicht durch Beschreibungen transportiert, sondern sehr subtil – und sind dadurch noch wirkungsvoller und intensiver.

Ein Debütroman, den man nicht genießt und der einen trotzdem nicht loslässt.

Photo by Olayinka Babalola on Unsplash.

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Beißen – Stechen – Schlagen: Ally Kleins Roman “Carter” tut weh und das ist gut

Manchmal sagen oder schreiben Schriftsteller*innen ganz unbedacht Sätze, die vielleicht nicht zur Veröffentlichung gedacht waren und ahnen dabei nicht, was Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte später mit diesen Aussagen geschieht. Hätte Franz Kafka als er 21jährig und vermutlich noch voller jugendlichem Leichtsinn im Januar 1904 an seinen Mitschüler, den späteren Kunsthistoriker Oskar Pollak schrieb, gewusst, was aus dem Satz „[…] ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“ werden würde, er hätte ihn vermutlich sofort ausradiert. Postkarten zierend, in Poesiealben geschrieben und gar falsch zitiert auf T-Shirts auf gedruckt, hat dieser Satz fast jede Kraft, die der junge Kafka damals vielleicht in ihm sah, verloren – er ist zur salbungsvollen Phrase  geronnen, die sich literaturinteressierte Gymnasiast*innen auf ihre Ordner schreiben, und zum Slogan, mit dem Verlage den hoffnungsvollen Neuling des Frühjahrs bedenken (ja, C. H. Beck, ihr seid gemeint!).

Ein anderer Satz aus demselben Brief ist zu lang und sperrig, um ihn marketingadäquat auf Krimskrams zu drucken, aber dafür ist er dementsprechend unverbrauchter: „Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch?” Ob man nur noch solche Bücher lesen sollte, sei dahingestellt, aber ein solches hier beschriebenes Buch erweckt natürlich längst nicht so hochtrabend den Gedanken an die Literatur, die das zu Eis erstarrte Meer der Seele mit der Axt des Wortes wieder befreit. Nein, ein Buch, das beißt und sticht und einem einen Faustschlag auf dehttps://i0.wp.com/www.droschl.com/wp-content/uploads/2018/04/9783990590171.jpg?resize=261%2C421&ssl=1n Schädel verpasst, wirft die Gewalt, die Physis, die es enthält schmerzhaft körperlich auf die Leserin zurück. Ein solches Buch scheint sein lesendes Gegenüber zum Kampf zu fordern und meint damit nicht ein ehrenvolles und regelngeleitetes Duell, sondern ein Kampf mit Beißen, Hauen und Stechen. So wie Ally Kleins Debütroman Carter (Droschl 2018). Wer gesehen hat, wie sich die Autorin während ihrer Lesung beim diesjährigen Bachmannpreis mit kunstvoll zerzausten Haaren von Minute zu Minute mehr in ihren Auszug aus Carter hineinsteigerte, bekam eine Ahnung davon, wie schmerzhaft körperlich dieser Roman sein würde.

Auf knapp zweihundert Seiten berichtet eine namenlose Person unbekannten Geschlechts (wobei ich sie von Anfang an weiblich gelesen habe, weswegen ich im Folgenden von der Erzählerin sprechen werde) aus der Ich-Perspektive von einer rasenden amour fou mit der mysteriösen Carter. Zu Beginn kommt die Erzählerin wie in Das Schloss der kafkasche Landvermesser im Winter in eine namenlose und abweisende Stadt

Ich kam in diese Stadt im Winter. Nichts war geblieben, die Kälte hatte längst alles Lebendige, das nicht für ihre Strenge geschaffen war, ausgesiebt, […]. Jeden Morgen hatte mich diese Leere aufgeweckt, diese Einöde, die in diese Stadt mit dem Winter einbrach. (S. 18)

So öd und leer bleibt die Umwelt des Romans auch weiterhin. Die Kälte und die Dunkelheit in der Wohnung, die nur mit Holz beheizt wird, und der Stadt sind allgegenwärtig. Die Stadt, ihre Straßen und die darum liegenden Wälder und Felder wirken manchmal wie ein postapokalyptisches Brachland, in dem sich nur wenige menschliche Wesen tummeln. Wie eine leuchtende Erscheinung mutet da der Moment an, als die Erzählerin an einem Abend vor der Kneipe Marina, unter Eingeweihten das sogenannte Bodo, im Licht einer Straßenlaterne Carter erblickt:

Gelbes Licht schien auf sie, fiel auf sie herab, während die Lampe nur noch aus letzter Kraft aus drei, aus vier Meter Höhe dieses Licht herabrieseln ließ, ein gelbes, fast bräunliches Licht, das viel zu schwach war, um ganz bis zum Boden zu reichen. (S. 28)

Was auf diese erste Begegnung folgt ist ein in atemloser Prosa gehaltener Ritt durch mehrere Monate, in denen die Erzählerin Carter verfällt, ihr eigenes Leben aus allen Bahnen fahren lässt und sich mit allem, was ihr Körper hergibt, in dieses ekstatische Verhältnis hineinwirft. Die Prosa, in der Klein all das schildert, ist geprägt durch eine Sprache, die mit sich ringt und darum kämpft, die ganze Physis dieser Geschichte in Worte zu fassen.

In den Kuppen, in den Zehen, im Magen pulsierte es, in den Augen, ich hätte sie mir rausreißen wollen, die Augen, die Äpfel, hätte mir alles Hämmernde aus dem Gesicht reißen wollen, aus dem Körper, aus der Haut, aus dem Weichen, dem Fleischigen, dem Gallertartigen, aus allem, was sich öffnet und schließt. (S. 52)

Die Wiederholungen, die Aufzählungen, das Suchen nach dem passenden Verb und die Angst, etwas nicht genau zu beschreiben, die man beim Lesen zu spüren meint, geben dem Text eine Rastlosigkeit, die ebenso aufwühlend, wie ermüdend sein kann. Immer wieder entgleiten einem beim Lesen die Sätze, sie sind genauso haltlos und verwirrend, wie es das Innenleben der Erzählerin zu sein scheint. Dieser expressionistische Stil zeigt vielleicht einmal wieder, warum die vorherrschende Gattung des expressionistischen Jahrzehnts die Lyrik war. Die kleine Form eignet sich nicht zuletzt wegen ihrer Kürze besser, um eine solche dichte, adjektivreiche Sprache, die ganz auf Ausdruck des reinen Erlebens ausgelegt ist, zu beherrschen. In längeren Prosatexten läuft dieser Effekt beizeiten aus dem Ruder. Auch wenn hier Form, Inhalt und Aussage perfekt aufeinander abgestimmt sind, kann genau dieser Umstand das Lesen selbst zuweilen zu einem Ringen machen, das nicht immer ein Genuss ist. Ein zweifelhafter, weil teilweise schmerzhafter Genuss ist aber die reine Körperlichkeit dessen, was Klein hier beschreibt. Die wenigen Figuren des Textes – außer der Erzählerin und Carter tauchen quasi nur noch drei weitere auf – schinden ihre Körper bis auf die nicht nur sprichwörtlichen Knochen.

[…] springe auf, verheddere mich in der Mullbinde […] und falle, falle zu Boden, falle aufs Kinn, höre, wie die Haut aufplatzt, wie die Zähne zusammenprallen und einen grellen, ohrenbetäubenden Knirschton rauspressen. (S. 185)

Knochen stoßen auf Stein und Holz, Finger graben sich in Asphalt, Haut wird aufgeschürft, Köpfe werden gegen Wände gedrückt – in einem Sog aus Gewalt und Lust treibt die Handlung dahin. Das Buch beißt, sticht und schlägt beim Lesen mit der Faust auf den Schädel. Die Schilderung dieser schmerzhaften Vorgänge, in immer genaueren Details, die auch die kleinste Verletzung nicht auslassen, ist – und das zeigt die Kraft, die hier entfaltet wird – manchmal schwer zu ertragen. Dieses Buch ist kein vermeintlich klassischer Lesegenuss, um sich wohlig in andere Welten und fremde Leben zu denken, es wirft den Leser in das Leben einer Person und lässt ihn dabei allein. Das ist faszinierend und teilweise fesselnd, aber das Lesen ist, wie die Körper der Protagonist*innen, irgendwann erschlafft. Man schaut vom Buch auf und muss sich von dieser ganzen Physis lösen. Denn nicht nur Schmerz erfahren diese Körper, sondern alles: Wasser rinnt über Haut, Hände graben sich in Schlamm, Regenmassen fallen auf Haare, die in dicken Strähnen ins Gesicht hängen, Bier trieft aus Bärten, Rauch zieht in Lungen und stößt daraus hervor.
In einer der schönsten Stellen (S. 30f.) beschreibt die Erzählerin Carter beim Rauchen und stellt fest, dass die Euphorie, die der beobachtete Vorgang bei ihr auslöste, nicht mit dem eigenen Erleben beim Rauchen übereinstimmt. Carter ist übermenschlich, das unzerstörbare Ideal der Leidenschaft und der Rücksichtslosigkeit, sich selbst und anderen gegenüber. Sie verkörpert das, was die Erzählerin bei sich selbst sucht. Unklar bleibt dabei, wer Carter ist, woher sie kommt und was sie will – sie ist einfach da oder vielleicht auch nur eine Imagination der Erzählerin. An einer kurzen Stelle bricht die Perspektive auf und man weiß für einen Moment nicht mehr, ob man der Erzählerin trauen soll. Überhaupt verschieben sich immer wieder Traum und Realität, gehen ineinander über und lassen ratlos zurück, unsicher, ob das Beschriebene gerade passiert oder ob es sich die Erzählerin einbildet.

Dazu trägt auch bei, dass der ganze Roman in einer Umwelt spielt, die sich jeder Zuschreibung entzieht. Die Stadt bleibt namenlos, ein Fluss durchzieht sie, ein Münster thront, wie das kafkasche Schloss in ihr, es ist immer Nacht und Nebel oder dunstige Hitze, die Straßen und Häuser erscheinen wie die Kulisse eines Schattentheaters oder wie die schiefen Fassaden eines expressionistischen Stummfilms. Der einzige Ort, an dem Leben zu herrschen scheint, ist die Kneipe am alten Hafen, die auch nicht von ungefähr an das Gasthaus erinnert, in das der Landvermesser in Kafkas Romanfragment stolpert. Zusammen wirkt das alles aus der Zeit gefallen, oft erinnert nur das elektrische Licht daran, dass wir uns wohl in der Gegenwart befinden. Jegliche anderen technischen Errungenschaften scheinen verschwunden in dieser Geschichte zwischen Traum und Realität – die Körper sind auf sich selbst zurückgeworfen, alles Digitale ist verschwunden. Die Deutlichkeit mit der hier die zweidimensionale Welt auf Bildschirmen unausgesprochen verneint wird, fällt auf, wenn man sich der Abwesenheit aller modernen Kommunikations- und Bild- und Tonübertragungsmedien bewusst wird. Das Haptische, das Erfühlen und sinnliche Erfahren einer brüchigen, rauen und schmerzhaften Umwelt – im genuss- wie auch schmerzvollen Sinne – steht im Vordergrund, sodass das Gefühl einer glatten Oberfläche eines Touchscreens implizit abgewertet wird. Dadurch erscheint der Handlungsraum wie von unserer Realität abgekoppelt. Umso mehr irritieren, ja fast stören Einbrüche unserer alltäglichen Kultur: wenn ein Song erwähnt wird, ein Romanzitat auftaucht, etwas Greifbares, das eine klare Referenz in unserer Welt hat, erscheint und kurz den Schleier zerreißt, der über all dem sonst hängt. Diese Fetzen der Realität wirken in der sonstigen Zeit- und Ortlosigkeit fast fehl am Platze, sie geben der Geschichte für kurze Momente eine Fassbarkeit, die sie eigentlich nicht bräuchte. An diesen Stellen zeigt sich auch eine leichte Schwäche des Textes, die aber in der Art, in der dieser Roman geschrieben ist, begründet liegt: Die Momente, die fassbar wirken, wenn gar ein alltäglicher und realistischer Dialog zwischen zwei Figuren erscheint (S. 100), wirken wie Fremdkörper in der sonst so ekstatischen Erlebnisprosa. Hier wäre ein organischeres Zusammenfügen nötig gewesen. An solchen und anderen Stellen hätte man dem Roman ein besseres Lektorat gewünscht, um die sprachliche Ekstase im letzten Schritt doch noch etwas zu strukturieren und da doch allzu oft Sätze im Text auftauchen, deren Bedeutung oder Sinn an dieser Stelle rätselhaft bleibt.

Carter ist in seiner Körperlichkeit, in seiner Universalität und seiner Radikalität ein Text, der für die Performance wie geschaffen ist, er entfaltet seine ganze Kraft, wenn er vorgelesen wird, was Ally Klein auch beeindruckend tut. Beim lauten Lesen gewinnen auch die Stellen, die beim stillen Lesen manchmal vor lauter Dichte zu zerlaufen drohen, wieder ihre Stabilität, werden zum Ausdruck des Ringens nach Worten. Trotz ein paar kleiner Schwächen, die bei einem solchem Ansatz schnell passieren, durch ein gutes Lektorat aber hätten vermieden werden können, bleibt aber letztlich ein Debüt, das aus den sonstigen Erstveröffentlichungen dieses Jahres äußerst positiv heraussticht. Ally Kleins Carter ist ein Roman, der in seiner Spannung aus reiner Physis und seiner gleichzeitigen Ungreifbarkeit für zweihundert Seiten ein Stück Weltflucht sein kann, die atemlos zurücklässt, nachdem das Beißen, das Stechen und Schlagen überstanden hat.

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Nazi-Kitsch, Internetkritik und sexuelle Gewalt oder warum dieser Roman einen Skandal auslösen müsste

[CN: In dieser Rezension wird die Darstellung einer Vergewaltigung aus dem Roman zitiert]

Fangen wir mit einem Staatsoberhaupt an, das einem im Zusammenhang mit diesem Roman vielleicht eher nicht in den Sinn kommt. Fangen wir mit Barack Obama an. Im Mai 2018 wurde bekannt, dass Barack und Michelle Obama einen umfassenden Vertrag mit Netflix abgeschlossen haben, in dem es um die Produktion verschiedener Serienformate in den kommenden Jahren geht. In diesem Zusammenhang stolperte man auf Twitter über einen Witz:

Warum beginnt diese Rezension damit? Weil dieser Witz das Verhältnis, das ein nicht unbeträchtlicher Teil der deutschen Bevölkerung zu Adolf Hitler und der Nazi-Diktatur hat, sehr gut beschreibt: das Thema birgt eine seltsame Faszination. Auch für die Unterhaltungsbranche gilt: Nazis gehen immer und wenn es dann noch um die Wunderwaffen, die Flugscheiben, die Nurflügler, die angeblich gebaut werden sollten geht, kurz um die mysteriösen Bereiche, dann sind die Einschaltquoten und die Aufmerksamkeit der Leser*innen gesichert.

Und was geht auch immer? Kritik am Internet!

NSA - Nationales Sicherheits-Amt - Andreas Eschbach - Hardcover

Das dachte sich wohl auch Andreas Eschbach als er auf die Idee kam, aus seinem neuen Roman NSA – Nationales Sicherheits-Amt (Bastei Lübbe 2018) ein Internetbashing-Nazikitsch-Mashup zu machen. Die Prämisse wird nun grob umrissen, damit ich mich im Weiteren damit nicht mehr aufhalten muss.

Die Grundannahme, dieses Romans ist, dass sich im 19. Jahrhundert in Großbritannien eine mechanische Computertechnik entwickelt hat, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts elektrisch wurde. (Das beruht auf der Annahme, dass Charles Babbage seine analytische Maschine tatsächlich gebaut hätte.) So entstand in den darauffolgenden Jahren ein dem Internet vergleichbares Netzwerk, das in groben Zügen nach dem gleichen Prinzip funktioniert wie das uns bekannte Internet und das die gleichen Konsequenzen nach sich zog, unter anderem totale Überwachung. Die Entwicklung von Smartphones, social media, bargeldlosem Zahlen per Handy, Handyortung etc. ist ebenso vorhanden wie die meisten anderen uns bekannten Online-Phänomene: Shitstorms, Chats, und vieles mehr (seltsamerweise aber kein Onlinedating), wodurch eine beinahe lückenlose Überwachung durchgeführt werden kann. Diese Aufgabe übernimmt das NSA, das Nationale Sicherheits-Amt in Weimar. Und hier fangen die Probleme dieses Romans auch direkt an. Das Internet ist das Weltnetz, Computer heißen Komputer, social media sind Gemeinschaftsmedien, E-Mails sind Elektrobriefe, ein Passwort ist eine Parole. Jedes uns bekannte Wort im Zusammenhang mit digitaler Technik hat eine deutsche Entsprechung, das mag Sinn ergeben, ist aber nach kürzester Zeit sehr anstrengend, weil es letztlich nur ein Ratespiel ist, was gemeint ist. Dass die Behörde, die all die Daten sammelt und überwacht, auch noch die Abkürzung hat, die inzwischen zum drohenden Menetekel aller Kritik an Datensammlung geworden ist, ist ein Flachwitz, der aber immer noch über dem Niveau des Gesamtromans daherkommt. Denn die Tatsache, dass die Übertragung des digitalen Zeitalters in die Zeit des Zweiten Weltkrieges im Kontext dieses Romans nur dürftig funktioniert, ist vielleicht das geringste Problem:

Eine Rezension in Fünf Akten

1. Die Computertechnik

Die Computer in NSA sind im Grunde, folgt man der Beschreibung, bessere Dampfmaschinen, die aber in der Lage sind weltumspannende Netzwerke aufzubauen. Damit begeht Andreas Eschbach den Fehler in umgekehrter Reihenfolge, den viele Zukunftspropheten im 19./20. Jahrhundert gemacht haben: er denkt vom Technikstand der Zeit in die Zukunft. In einer Dokumentation aus den siebziger Jahren über die Welt der Zukunft, werden Zeitungen direkt in der Wohnung gedruckt – die Idee, dass man sie als PDF Dateien auf dem Tablet lesen kann, war noch nicht denkbar. Die Raumschiffe, die Jules Verne entworfen hat, konnten natürlich nicht funktionieren, weil sie vom Stand seiner Zeit ausgingen. Die technische Entwicklung, die durchlaufen werden musste, um zu dem nötigen Stand der Technik zu kommen, führte dazu, dass die Raumfahrzeuge, die dann wirklich in die Luft gingen, ganz anders aussahen und funktionierten. Eschbach denkt jetzt die Computertechnik der heutigen Zeit, deren Komplexität gerade wenn die gesamte Welt des Internets dazukommt, extrem hoch ist, mit dem Technikverständnis der 1920er-1940er Jahre – kurz es ergibt keinen Sinn, dass die Server (hier Datensilos) des besten Überwachungsapparates des mächtigsten Staates der Zeit in einem feuchten, schummrigen Keller stehen, nur weil Keller in Nazi-Filmen nun einmal meistens feucht und schummrig sind!

Per se ist gegen die Grundidee dieses Romans kaum etwas einzuwenden. Er ist kontrafaktische Literatur, also Literatur deren Prinzip es ist, einen Punkt der Geschichte zu nehmen und ein oder mehrere Ereignisse entgegen der historischen Realität zu verändern und so die Möglichkeit zu haben, anhand dieser Koordinaten zu spekulieren, was sich im Verlauf verändert hätte. Eines der beliebtesten Szenarien ist – oh Wunder – die Frage, was passiert wäre, wenn Nazi-Deutschland den Krieg gewonnen hätte, damit setzen sich zum Beispiel Robert Harris in Fatherland und Philip K. Dick in The Man in the High Castle auseinander. Die Frage also, wie hätte das alles ausgesehen, was wäre passiert, wenn die Welt ebenso vernetzt gewesen wäre, wie sie es heute ist, mit all den Konsequenzen für Kommunikation, Überwachung, Konsum, Politik und Diskurs ist durchaus spannend. Sie ist aber auch unheimlich komplex und Andreas Eschbachs Versuch zeigt, dass das simple Zusammenschieben von heute und damals nicht funktioniert.

Anzumerken ist, dass Softwareentwicklung im Roman, wie es bis in die 1960er auch der Fall war, Frauensache ist, weswegen man auch vom Programmstricken spricht – soweit, so platt. Das führt zu einer klaren Aufteilung des Umgangs mit Computertechnik. Die Frauen können lediglich Software programmieren, also Programme stricken, während die Männer lediglich damit umgehen können, aber nicht verstehen, wie ein Programm funktioniert. Das Grundlehrbuch zum Stricken von Programmen ist ein blumenverziertes Buch, in dem das Programmstricken mit Küchenarbeit verglichen wird: das Stricken folgt einem Rezept, man braucht Zutaten und alles ist so gemacht, dass frau es auch versteht.

2. Handlung und Erzählweise

Die ersten über 200 Seiten wird die historische Entwicklung bis etwa 1938 dargestellt. Das könnte in Kombination mit der Prämisse interessant sein, letztlich verändert sich aber erschreckend wenig und wir lesen einen weitgehend historisch korrekten Bericht aus der Sicht zweier unterschiedlicher Figuren. Die Handlung folgt den beiden Hauptfiguren Helene Bodenkamp und Eugen Lettke, wobei Helene die positive Figur und Eugen die negative ist. Schwarz-weiß ist in diesem Fall gar kein Ausdruck. Helene ist so naiv, lieb und herzensgut, dass es einem die Schuhe auszieht und Eugen ist so durchtrieben, menschenverachtend und brutal, dass es einem ebenfalls die Schuhe ausziehen würde, hätte man noch welche an. Helene, die Tochter eines Arztes, ist ausgebildete Programmstrickerin, weil sie alles andere nicht konnte, das Stricken von Programmen aber wie keine zweite. Außerdem lässt der Erzähler immer wieder durchblicken, dass sie sich selbst als nicht so schön wie andere Frauen wahrnimmt, sie ist gezeichnet als das klassische Klischee der grauen Maus.
Sie bekommt eine Stelle beim NSA und entwirft Programme, die Daten aufeinander beziehen, sodass die Überwachung perfektioniert werden kann. Sie ist so talentiert, dass sie die Beste ihres Fachs ist und so bescheiden, dass sie das nie zugeben würde, aber in Wahrheit ist sie natürlich ein Genie. Ein Genie aber auch, das kreuznaiv ist. Eines Tages steht ein junger Mann, ein Soldat, vor der Tür ihrer Eltern, die gerade weg sind. Es stellt sich heraus, dass es sich um Arthur handelt, den einzigen jungen Mann, an dem Helene je Interesse hatte und der dann in den Krieg musste, jetzt desertiert ist und sie aufsucht. Dass ein desertierter Soldat Anfang der 1940er das Risiko eingeht durch Weimar zu laufen und an der Tür eines Hauses zu stehen, dessen Bewohner*innen er quasi nicht kennt, scheint keine zwei Sätze mehr wert zu sein. Jedenfalls hat er Glück und Helene ist alleine, sie bringt ihn bei ihrer besten Freundin und deren Mann unter, die rein zufällig ein perfekt ausgebautes und ausgestattetes Versteck haben, weil sie eigentlich einen Juden verstecken wollten, der aber dann noch fliehen konnte – was für ein glücklicher Umstand. Helene ist dann in den folgenden Jahren vorrangig damit beschäftigt, Arthur zu besuchen, Sex zu haben (dazu später mehr) und ihren Job beim NSA so zu erledigen, dass Arthur trotz Totalüberwachung nicht gefunden wird.

Eugen Lettke wiederum ist ein brutaler Sadist, aber kein ideologisch überzeugter Nazi, das wird erschreckend oft betont. Er wurde in seiner Jugend von einer Gruppe Frauen gedemütigt und ist seitdem auf Rache aus. Sein Job beim NSA ermöglicht es ihm, die Frauen aufzuspüren, ihre Geheimnisse zu finden, sie damit zu erpressen und sie zum Sex zu zwingen – das heißt, er vergewaltigt sie auf die demütigendste Art und Weise. Dabei wird immer wiederholt, dass ihm die ganze nationalsozialistische Ideologie egal ist, sein Antrieb ist seine zutiefst misogyne Rache an den Frauen. Bald ist die Verbindung von Gewalt, Sex und Unterwerfung für ihn so selbstverständlich, dass er anders keine Erregung mehr empfindet. Durch Zufall müssen Eugen und Helen zusammenarbeiten, sodass sich ihre Wege kreuzen.
Wie das alles im Einzelnen von statten geht, ist mehr oder weniger irrelevant. Der Plot ist ein typischer Pageturner-Plot mit Cliffhangern am Ende von Kapiteln und düsteren Vorausdeutungen. Wie simpel das gestrickt ist, fällt nicht zuletzt daran auf, wie oft Sätze fallen wie „Sie musste ihn retten und wusste auch schon wie sie es anstellen würde“, woraufhin wieder in die Perspektive der anderen Fokusfigur gewechselt wird. Ebenso auffällig ist die Erzählweise in Bezug auf die Konstruktion der Handlung, alles fügt sich wie durch ein Wunder ineinander: Arthur findet Helenes Elternhaus, diese sind gerade nicht da, Helenes Freundin Marie hat mit ihrem Mann ein perfektes Versteck, Helene arbeitet beim NSA und kann auf die Überwachung Einfluss nehmen und so weiter. Die Handlung wird abwechselnd als personales Erzählen aus der dritten Person von Helene Bodenkamp und Eugen Lettke berichtet, wobei das Vokabular und die Perspektiven an die der Figuren angepasst sind.

3. Figurendarstellung / Sexualität / Männlichkeit & Weiblichkeit

Was uns zum nächsten Punkt bringt und hier wird so langsam deutlich, warum Eschbachs Roman nicht nur simpel gebaut und schlecht erzählt ist, sondern warum er ein echtes Problem darstellt.

Für einen Roman mit der oben beschriebenen Prämisse enthält NSA auffällig viel Sex und sexuelle Gewalt. Da ist einerseits die Rache in Form von sexueller Nötigung und Vergewaltigung, auf die Eugen Lettke wie besessen aus ist. Hier wäre eine fundierte und detaillierte Zeichnung seiner Psyche notwendig gewesen, aber leider dient seine psychische Verrohung lediglich zum Schockeffekt. Selbstverständlich soll anhand seines Vorgehens dargestellt werden, wie gefährlich die Totalüberwachung sein kann, weil Lettke die Frauen durch das Aufdecken von Vergehen erpressen kann, was in einem Staat, in dem das kleinste Vergehen zum Tode führen kann, eine machtvolle Waffe ist. Das Schlimme daran ist, dass aus dieser Konstellation ein sich immer wiederholender Schockeffekt gezogen wird. Die Häufigkeit mit der in diesem Roman sexuelle Gewalt bis hin zur Vergewaltigung dargestellt wird und die Art und Weise der Darstellung sind erschreckend. Die literarische Beschreibung einer Vergewaltigung oder sexuellen Nötigung aus der Perspektive des Täters ist ein literarischer Drahtseilakt, bei dem es nicht nur Fingerspitzengefühls bedarf, sondern auch eines profunden Hintergrundwissens, was die Auswirkungen einer solchen Schilderung angeht, und vor allem der Fähigkeit das alles entsprechend darzustellen und selbst dann ist diese Form der Rollenprosa noch diskutabel – im vorliegenden Fall ist nichts dergleichen vorhanden:

„Justus schrie auf wie ein angestochener Stier, brüllte, wand sich, dass die vier Kameraden sich anstrengen mussten, ihn zu halten. Sie stopften ihm ein Geschirrtuch in den Mund, so fest, dass ihm die Augen aus dem Kopf quollen, während Lettke es seiner Freundin besorgte. Er nahm sie hart, brachte sie zum Schreien, und es war ihm egal, ob sie vor Schmerz schrie oder vor Lust. Das hörte sich ohnehin beides gleich an.“ (111)

Die Drastik dieser Darstellung ist darauf ausgelegt, Eugen Lettke als eine zutiefst menschenverachtende und brutale Person darzustellen. Offenbar meint Eschbach, dass es dazu dieser Beschreibung einer Vergewaltigung – und nichts anderes ist hier beschrieben – in dieser Form bedarf. Das Problem ist u.a. die Perspektive. Formulierungen wie es jemandem besorgen oder jemanden hart nehmen sind der Sprachgebrauch des Täters, der die Vergewaltigung als Lustgewinn empfindet. Eschbach wählt in diesen Fällen grundsätzlich die Täterperspektive, schreibt aber in der dritten Person, was wir lesen sind demnach die Worte des Erzählers gefiltert durch die Wahrnehmung von Eugen Lettke. Es handelt sich also nicht um Rollenprosa in der Ich-Perspektive, was psychologisch glaubhaft sehr komplex zu erzählen wäre, aber immerhin eine bessere Ausrede für die Beschreibung wäre. Die Perspektive des Opfers kommt in diesem Zusammenhang nicht vor. Dadurch bekommen diese Darstellungen eine höchst problematische Note, weil eine Gegenposition fehlt und beispielsweise das, was beschrieben wird, nie als das benannt wird, was es ist: sexuelle Nötigung, Vergewaltigung. Lettke ist zwar eindeutig der negative Gegenpart zu Helene, aber es gibt kein Korrektiv in Form einer übergeordneten Erzählinstanz.

Neben Vergewaltigung wird auch häufig Sex dargestellt. Helene, die mit Arthur, während er im Versteck sitzt, eine Beziehung beginnt und nach dem quälend langen Umschiffen der unterschiedlichsten Probleme, dann schließlich Sex hat, wird als das Stereotyp der Grauen Maus gezeichnet: sie ist naiv, sie ist ein bisschen schwer von Begriff, sie ist schüchtern und natürlich im Sinne des gesellschaftlichen Ideals keine Schönheit. Aus diesem Grund wollen ihre Eltern sie verkuppeln, aber natürlich sind unter den stattlichen jungen Männern nur eklige SS-Offiziere und stramme Nazis, die Helene alle abstoßend findet. Dabei kommen dann solche Szenen zustande:

„“Marie – es ist Krieg!“, schluchzte Helene. „Die Männer sterben weg. Bald wird es nicht mehr für jede Frau einen geben!“ Darauf wusste Marie nichts mehr zu sagen. Sie hielt sie nur fest, und so blieben sie sitzen, bis der Schmerz abgeklungen war.“ (224)

Die Naivität, mit der sich Helene in das vorgeschriebene Rollenmuster einfügt, ist bestechend. Man kann einwerfen, dass sie ja die treibende Kraft dieses Romans ist, dass sie mutig ist, dass sie intelligent ist, dass sie – und das ist vielleicht das Problem – eine starke Frau ist, aber umso seltsamer ist dementsprechend ihr Verhalten.

Man fragt sich ab einem gewissen Punkt der achthundert Seiten auch, warum hier die Geschichte des sexuellen Erwachens einer jungen Frau in der Zeit der Nazi-Diktatur mit einem kontrafaktischen Roman zusammengebracht wird, aber letztlich wird es derselbe Grund sein, der auch für die Vergewaltigungsszenen gilt: Während die Vergewaltigungen als Schockelemente verwendet werden, die Abscheu aber auch Schauer erzeugen sollen, ist die Darstellung von Sex die Garnitur auf dem klassischen Thriller-Plot durch einige pseudo-erotische Stellen: Sex sells. Um zu illustrieren, wie in diesem Roman über Sex geschrieben wird, hier ein Beispiel. Der Kontext dieser Szene ist, dass Arthur und Helene die Kondome (hier: Frommser) ausgegangen sind:

„“Das ist nicht so schlimm“, meinte Arthur. „Hauptsache du bist bei mir.“ Aber Helene schüttelte den Kopf. „Aber du willst es tun. Und ich will es auch tun. Ich weiß nicht, ob wir der Versuchung wirklich standhalten werden.“
„Es gibt andere Dinge, die man machen kann.“
„Was für Dinge?“, fragte Helene verwundert. Er zeigte sie ihr. Er macht irgendetwas absolut Großartiges mit dem Mund zwischen ihren Schenkeln, und er brachte ihr bei, das Vergnügen sinngemäß bei ihm zu erwidern. „Wo hast du das gelernt?“, wollte Helene hinterher wissen, noch schwer atmend und außerdem schwer eifersüchtig.“

Die Dialoge, die teilweise klingen wie aus Pornofilmen entnommen, gepaart mit der Darstellung von Sex, die jede Erotik vermeidet, und vollendet mit der sehr klaren Konstellation der sexuell-naiven und verwirrten jungen Frau und dem erfahrenen jungen Mann, bringen Sexszenen hervor, die nicht nur jeder Erotik entbehren, sondern an Fremdscham und klischiertem Geschlechterbild kaum zu überbieten sind.

4. Umgang mit dem Nationalsozialismus

Es ist eine breit diskutierte Frage, wie man in Literatur, in Filmen und anderen Medien mit der Darstellung des Nationalsozialismus umgehen sollte. Wie man es im Zweifel nicht tun sollte, zeigt der vorliegende Roman gleich zu Beginn.

Der Roman setzt chronologisch nicht am Anfang ein, sondern beginnt mit einem Besuch von Heinrich Himmler im NSA, um dort festzustellen, ob das Amt noch gebraucht wird. Durch das geschickte Aufeinanderbeziehen verschiedener Daten, zeigen ihm die Mitarbeiter*innen des NSA, wie sie herausfinden können, in welchen Häusern Leute versteckt werden. Als Stadt, um das zu demonstrieren, wählen sie Amsterdam und entdecken schließlich in der Prinsengracht 236 einen ungewöhnlich hohen Kalorienverbrauch. Manche werden an dieser Stelle schon erkennen, was hier geschieht, denn es ist die Adresse des Verstecks von Anne Frank. Ein kurzer Befehl mit dem Smartphone von Himmler und Anne Frank und ihre Familie werden deportiert.

Letztlich ist die Sache einfach. Die Geschichte von Anne Frank, die wir durch ihr Tagebuch kennen (oder zu kennen meinen), ist vielleicht die Geschichte aus der entsprechenden Zeit, die am meisten Scham, Rührung und Abscheu in der deutschen Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit ausgelöst hat. Sie konfrontiert uns in der perfekten Mischung aus Naivität, Kindheit, Grausamkeit und Hilflosigkeit mit den Taten unserer Großeltern und Urgroßeltern. Diese Geschichte als schockierendes Opening in den Kontext des Romans zu bauen ist ein weiteres perfides Ausschlachten eines grausamen Verbrechens. Leider ist das nur der Anfang.

Was des Weiteren auffällt ist, dass die einzigen überzeugten Nationalsozialisten in diesem Roman eklige SS-Schergen sind, die Helene heiraten soll. Der schlimmste von ihnen ist Ludolf von Argensleben, er ist überzeugter Nationalsozialist und Antisemit, zudem ist er ölig, ekelerregend, körperlich hässlich und deformiert (an jeder Stelle seines Körpers, wie wir erfahren müssen). Die normalen Deutschen sind entweder naiv, das heißt sie verstehen eigentlich nicht, was um sie herum passiert, widerständig, das heißt sie verstecken Juden, Widerstandskämpfer*innen oder Deserteure, oder sie sind Mitläufer*innen. Alle überzeugten Nazis sind als ausgesprochen widerwärtig beschrieben. Kurz gesagt, es wird vermittelt, die meisten seien eigentlich keine Nazis gewesen.

Das größte Problem ist aber, – wie bereits an dem Umgang mit der Geschichte von Anne Frank gezeigt – dass die Grausamkeiten des Nationalsozialismus nur eine schockierende Folie darstellen, die der Spannungserzeugung nutzt. Die Krönung dieses Umgangs ist erreicht, als Helene, die den ekligen Ludolf von Argensleben schließlich heiraten muss, so verzweifelt von ihrem Leben ist, dass sie ein Verbrechen begeht und es so arrangiert, dass sie verhaftet und ins KZ gebracht wird, weil alles besser ist als das Leben mit Ludolf, natürlich handelt es sich um Auschwitz – genau das hat Helene geplant. Sie geht lieber ins KZ Auschwitz als mit Ludolf zu leben – mehr muss man zum Umgang mit diesem Thema in diesem Roman nicht sagen.

5. Ein Fazit

Es wurde nun deutlich, warum dieser Roman nicht nur schlecht, sondern auch in seiner Darstellung von sexueller Gewalt, Männlichkeit und Weiblichkeit und nicht zuletzt der Zeit des Nationalsozialismus höchst problematisch ist. Er zeigt zudem, dass der Themenkomplex Zweiter Weltkrieg, Shoa, Nationalsozialismus, Adolf Hitler immer noch als Schockeffekt in Unterhaltungsmedien zieht. Letztlich ist Andreas Eschbachs NSA ein Roman, der all das miteinander vermischt, was die deutsche Seele offenbar zur Unterhaltung braucht ( 81% der Bewertungen auf Amazon mit 4 oder 5 Sternen): Nationalsozialismus, Sex, ein bisschen Grusel und das große Grauen des Internets. Das Schlimme daran ist, dass die Frage, wie diktatorische Regime die Totalüberwachung für sich nutzen können, wirklich relevant ist und in einem guten Roman ausgearbeitet hätte werden können. Hier dient sie leider nur dem Thrill.

Man kann nun die Frage stellen, warum man einem solchen Buch eine so ausführliche Rezension widmen soll, sollte man es nicht einfach ignorieren und ihm auf diese Weise so wenig Aufmerksamkeit wie möglich verschaffen? Ich denke, nein, denn der Roman zeigt, dass in der Unterhaltungsbranche der Holocaust immer noch als plumper Gruseleffekt genutzt wird und funktioniert, ebenso dass literarischer Sexismus einfach so hingenommen wird und dass sexuelle Gewalt als schockierendes Element unhinterfragt dargestellt wird. Die Frage muss gestellt werden, warum ein solcher Roman in einem Land, das sich die Aufarbeitung seiner jüngeren Vergangenheit mit Recht derart auf die Fahnen geschrieben hat, keinen Aufschrei auslöst und nicht einmal einen nennenswerten Widerhall in den Medien findet. Darin zeigt sich der zweigleisige Umgang mit dem Thema Nationalsozialismus – einerseits sind die Aufarbeitung und die Auseinandersetzung damit vordergründig nicht nur Staats- sondern auch Gesellschaftsräson, andererseits ist die geschichtsblinde und teilweise -revisionistische Verarbeitung des Themas in Unterhaltungsmedien anscheinend akzeptierter Konsens. Eine Grundaussage dieses Romans ist, dass die meisten Deutschen naive und eigentlich liebenswerte Mitläufer*innen waren oder gar im Widerstand. Das sagt auch Eschbach selbst in einem Interview mit dem DLF Kultur:

Meyer: Ihre Hauptfigur, die ganz maßgeblich auch an solchen Programmen mitwirkt, das ist eine begeisterte Programmiererin, Helene Bodenkamp heißt sie. Eine „Programmstrickerin“ in der Sprache Ihres Buches. Das ist aber keine hundertprozentige Anhängerin der Nazis, oder?

Eschbach: Nein, die ist ganz normale Bürgerin, die halt einen Job macht und in diesem Amt angefangen hat und sich da nicht weiter drüber Gedanken macht. Ein Mensch wie du und ich praktisch.

Diese Darstellung der meisten Deutschen als ganz normale Bürger*innen, die ihren Job machen, relativiert die Tatsache, dass genau auf diese Weise das System und letztlich das organisierte Töten funktioniert hat. Helene ist ein wichtiges Rädchen in der großen Maschinerie des Völkermords und der Unterdrückung. In Eschbachs Roman erscheint sie als eine Frau, die ab und zu mal Zweifel hat, aber letztlich einfach nur ihren Job macht und wenn man Eschbach glaubt, dann soll das auch genauso sein. Die echten Nazis sind allesamt abstoßende Schergen der SS und des Regimes. Dass eine solche Darstellung in einem großen Feuilleton wie dem DLF Kultur nicht nur unwidersprochen bleibt, sondern im Gegenteil auch noch affirmiert wird, ist nicht zu rechtfertigen.
Das betrifft nicht einmal nur den Umgang mit der deutschen Vergangenheit, sondern auch den Umgang mit Sexismus und sexueller Gewalt. Dass sich die Kulturressorts deutscher Großmedien nicht darum scheren, dass in einem Roman, der von einem großen Verlag publiziert wird, Themen wie Sexualität und Geschlechterverhältnisse auf dem Niveau von Mario Barth Witzen verhandelt werden und sexuelle Gewalt in der hier beschriebenen Form dargestellt wird, zeigt, dass #metoo und vergleichbare Debatten noch nicht bis in alle Bereiche der Unterhaltungsbranche vorgedrungen sind und dass das still akzeptiert wird. Die großen Print-Feuilletons haben diesen Roman weitgehend ignoriert und wenn er doch besprochen wurde, wie in dem Interview des DLF Kultur mit Andreas Eschbach, dann ohne jede Kritik oder lobend wie in der ARD-Sendung druckfrisch. Denis Scheck, der in seinem Leben so viel gelesen haben dürfte, dass er weiß, was er tut, nennt ihn einen „fulminant spannenden Roman mit intellektuellem Mehrwert“. Diesem Urteil würde man gerne vertrauen und man hätte diesen Roman, von dem Scheck da spricht, gerne gelesen, allein, es ist nicht NSA – Nationales Sicherheits-Amt von Andreas Eschbach.

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Solidarisiert euch!

Gastbeitrag von Asal Dardan

Der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gründete 1919 den Berliner Philo-Verlag mit dem Ziel, dem immer bedrohlicher werdenden Antisemitismus in Deutschland mit, wie es hieß, Aufklärungs- und Abwehrliteratur entgegenzutreten. Die zum größten Teil liberal-bürgerlichen Mitglieder des Central-Vereins glaubten an eine deutsch-jüdische Symbiose und das „Heimatrecht“ der deutschen Juden, das sie noch 1934 mit dem Philo-Lexikon – Handbuch des jüdischen Wissens zu verteidigen suchten. Dieses tausend Seiten umfassende Handbuch mit jüdischen Persönlichkeiten und Errungenschaften aus 2.000 Jahren ist im Rückblick bedrückendes Zeugnis einer Selbst- und Weltvergewisserung, wie auch des gescheiterten Versuchs, mit Kultur- und Vernunftargumenten gegen Hasspropaganda anzukämpfen. Nur vier Jahre später, wenige Wochen nach den Novemberpogromen veröffentlichte der Philo-Verlag das letzte in Nazideutschland von einem jüdischen Verlag herausgegebene Buch, den Philo-Atlas – Handbuch für die jüdische Auswanderung. Man hatte einsehen müssen, dass der Nationalsozialismus keine vorübergehende Erscheinung sein würde. Nun ging es vor allem darum, Leben zu retten und Jüdinnen und Juden die Möglichkeiten einer Zukunft außerhalb Deutschlands und Osteuropas aufzuzeigen. Die Verlagsleiterin Lucia Jacoby schaffte es selbst nicht mehr ins Exil, sie wurde 1942 nach Auschwitz verschleppt und ermordet.

Die Letzten Tage des PatriarchatsVor diesem Hintergrund wirkt nicht nur der gegenwärtig unter Konservativen beliebte Begriff der „jüdisch-christlichen Leitkultur“ zynisch, sondern auch die Annahme, man müsste sich 2018 noch intensiv mit rechtem Gedankengut auseinandersetzen, um diesem angemessen zu begegnen. So fragte etwa die Autorin Svenja Flaßpöhler letzte Woche in einem Interview, das sie dem Standard gab: „Und wie kann man eigentlich ‚gegen rechts‘ sein, wenn man das rechte Denken überhaupt nicht kennt?” Anlass dieser überraschenden Frage, die suggeriert, es handelte sich bei rechtem Denken um ein in unserer Zeit noch nicht ausreichend erforschtes Mysterium, war Margarete Stokowskis Absage einer Lesung in der Münchner Buchhandlung Lehmkuhl. Publik wurden die Gründe der Absage nicht durch Stokowski, sondern durch eine Presseerklärung des Geschäftsführers der Buchhandlung. Michael Lemling konnte Stokowskis Unbehagen an dem in seiner Buchhandlung ausgestellten Regal Neue Rechte, Altes Denken schlicht nicht nachvollziehen und kommentierte: “Was wir mehr denn je brauchen, sind offene und streitbare Debatten über die kontroversen politischen Themen unserer Gegenwart. Schade, dass Margarete Stokowski es vorzieht, lieber in ihrer eigenen Echokammer zu verbleiben.” Zumindest scheint man im Gegensatz zu Frau Flaßpöhler bei Lehmkuhl zu wissen, dass im Neuen bloß das Alte steckt, das ist immerhin etwas. Aber auch hier wird Stokowski eine mangelnde Debattenfähigkeit unterstellt, obwohl es ihr vor allem darum ging, nicht aus ihrem deutlich eine politische Haltung vertretendem Buch Die Letzten Tage des Patriarchats lesen zu wollen, während im Hintergrund reaktionäre Bücher stehen. Da ist es auch völlig egal, ob Lehmkuhl eine linksliberale Buchhandlung ist oder angibt, diese Bücher aus einem Interesse an der Debatte zu verkaufen. Dem Betreiber einer Buchhandlung steht es frei, das Sortiment auszuwählen, ebenso wie es einer Autorin freisteht, die Veranstaltungsorte für ihre Lesungen zu wählen.

Die Tugendhaftigkeit der Primärlektüre

charim ich und die anderenAllerdings hat die überraschend hitzige Debatte um Stokowskis Entscheidung die Unverwüstlichkeit der irrigen Annahme, es entspräche demokratischen Werten, auch demokratie- und menschenfeindlichen Inhalten gegenüber offen zu sein, erneut sehr deutlich zutage gefördert. Es ist erstaunlich, wie tugendhaft sich etwa Fréderic Schwilden und Per Leo in der WELT oder Iljoma Mangold in der ZEIT bei ihrer Kritik an Stokowski gebärden. Es wird behauptet, dass die Gegenüberstellung von rechter Lektüre mit kritischen Texten wie in dem erwähnten Regal ausreiche, um eine aufgeklärte und ausgewogene Debatte zu ermöglichen. Doch seit wann werden Veröffentlichungen wie Finis Germania allein weil sie nicht verfassungswidrig sind als demokratisch relevante Debattenbeiträge angesehen? Und wie kann es sein, dass in einem Land mit der Geschichte Deutschlands die logischen Konsequenzen solcher Schriften nicht mitbedacht werden?

Das Problem an dieser Idee einer durch simple Gegenüberstellung ermöglichten Debatte, erkennt man, wenn man das Argument auf Medizinratgeber und impfkritische Pamphlete oder christliche und satanistische Texte ausweitet. Nicht jede These und Antithese führt zwingend zu einer Synthese, insbesondere, wenn es um gefährliche, irrational suggestive Inhalte geht. Man kann diese Bücher lesen oder verkaufen, aber das als besonders demokratischen oder aufgeklärten Akt hinzustellen, ist schon reichlich frech, insbesondere wenn man bedenkt, dass es Menschen gibt, die sich nicht aussuchen können, ob sie sich von derlei Gedankengut angegriffen fühlen oder nicht. Ihre Existenz wird relativiert, da gibt es nichts zu debattieren. Für sie ist die Exegese rechter Schriften also nicht ergebnisoffen und ein respektvoller Dialog mit Rechten entsprechend, ganz gleich wie adrett und heimelig jene auftreten, nicht möglich. Die “überraschenden Gemeinsamkeiten”, die Per Leo laut eigener Aussage im Gespräch mit Rechten entdeckt, sind ein Indiz dafür, dass er in diesen Gesprächen nicht persönlich in seiner Menschenwürde angegriffen wird. Margarete Stokowskis Absage ist in diesem Sinne auch ein solidarischer Akt, sie hat sich in der Gruppe jener verortet, die sich nicht nur angegriffen fühlen, sondern konkret angegriffen werden. Die Philosophin Isolde Charim erfasst den Kern dieses Konflikts in ihrer wichtigen Analyse Ich und die Anderen, wenn sie schreibt, dass “[d]ie wahre Demarkationslinie […] zwischen Pluralismus und Anti-Pluralismus” verläuft. Menschen, die sich also gegen rechts positionieren, sind nicht, wie es Mangold behauptet, Gleichgesinnte, sondern denken und handeln im Sinne dieses pluralistischen Verständnisses von Gesellschaft. Dabei ist Pluralismus kein Synonym für Multikulti oder Vielfalt, sondern beschreibt, dass es kein vorherrschendes Narrativ mehr gibt, das Gesellschaften zusammenhält. Pluralismus ist laut Charim keine Addition unterschiedlicher Elemente, sondern eine Beschränkung aller. Marginalisierten wurde ohnehin schon immer zugemutet, in einer Gesellschaft zu leben, in der sie sich nicht oder zumindest nicht komplett wiederfinden. Nun muss die früher als Mehrheitsgesellschaft den Ton angebende Gruppe sich ebenso einfügen und dieser Zumutung aussetzen.

Nicht jede Differenz ist pluralistisch

ich will zeugnis ablegen bis zum letzten klempererDifferenz gehört also tatsächlich zum Pluralismus dazu, aber es ist kein Verbleiben in der Echokammer, wenn man daran erinnert, dass selbst in einer pluralistischen Demokratie Meinungen und Aussagen nicht tolerierbar sind, die die tatsächliche Differenz einer Gesellschaft zum Feind erklärt haben. Man kann niemandem seinen Dünkel und seine Vorurteile verbieten, aber man muss sie auch nicht zur validen Diskussionsgrundlage erklären. Es gibt einen Unterschied, ob man “Deutschland wird von einer Umvolkung bedroht” oder “Wie können wir mit dem Zuwachs migrantischer Mitbürger*innen angemessen umgehen” sagt und diskutiert. Das wissen wir, es ist bloß die Länge eines ungemordeten Menschenlebens her, dass dieses Land die Missachtung dieses Unterschieds in all seiner mörderischen Brutalität zu verantworten hatte.

Gerade erst haben wir den 9. November begangen; ein AfD-Politiker hat sich erlaubt, mit dem rechtsextremen Symbol der blauen Kornblume am Revers an einem Gedenkmarsch in Berlin teilzunehmen. Dies wurde richtigerweise als Hohn erkannt, doch es liegt auch ein Hohn darin, an allen anderen Tagen so zu tun, als könnte man mit der AfD oder dem Antaios-Verlag so umgehen, als wären sie ideologisch nicht mit dem verbunden, weshalb wir den Verbrechen des 9. Novembers gedenken. Nichts an der Machtergreifung der Nationalsozialisten, nichts am Faschismus ist zwangsläufig oder schicksalshaft. Möchte man sich mit wirklich relevanter Primärliteratur auseinandersetzen, seien Victor Klemperer und Christabel Bielenberg empfohlen. Was die Lektüre ihrer Bücher zutage fördert, ist, dass Haltung zu zeigen tatsächlich auch eine Strategie ist, um demokratische Werte zu vertreten und nicht bloß selbstgefälliges Gebaren. Im Gegensatz dazu ist es zwecklos, rechtem Denken mit Verständnis und Gegenargumenten entgegenzutreten oder kulturellen Abgrenzungsversuchen mit einer Liste an positiven Aspekten gesellschaftlicher Vielfalt zu begegnen, so wie es etwa der Philo-Verlag versuchte. Der Pluralismus mag gleichzeitig schöne und schwierige Aspekte bergen, aber er ist, wie auch Charim schreibt, schlichtweg eine soziale Realität. Man kann diese Realität weder romantisieren noch wegdiskutieren – und beseitigen kann man sie nur mit Gewalt. Was eine pluralistische Gesellschaft also benötigt ist kein bewertendes Auseinanderdividieren, sondern ein ge- und erlebtes kollektives Wir, das es schafft, Solidarität über Pluralität hinweg zu etablieren, damit die von Charim beschriebene Demarkationslinie auch endlich als das für heutige Demokratien entscheidende Kriterium wahrgenommen wird.

Politische Solidarität trotz Differenz

Race and the Politics of Solidarity hookerDie Frage, wie das möglich ist, greift die Politikwissenschaftlerin Juliet Hooker in ihrer 2009 erschienen Analyse Race and the Politics of Solidarity auf. Darin erklärt sie, dass liberale Demokratien heute vor der Herausforderung stehen, ein neues kollektives Selbstbild zu festigen, das nicht auf präpolitischen Affinitäten wie biologischen, ethnischen und kulturellen Faktoren aufbaut. Hooker vertritt die These, dass nicht die Gleichmacherei, sondern gerade die Sichtbarmachung der Differenz zwischen den Menschen zu mehr Gerechtigkeit und politischer Solidarität führt. Solidarität ist in einer Demokratie essentiell, weil sie die Basis für politische Entscheidungen bildet, aus denen unsere Institutionen und Gesetze hervorgehen. Für Hooker ist Solidarität nicht nur das Gefühl von Sympathie, sondern eine ethische Haltung, die kultiviert werden muss. Um andere in Entscheidungen mit einzuschließen und sie als gleichberechtigte Mitmenschen zu respektieren, muss man sich nicht mit ihnen identifizieren oder sie als besonders wertvoll betrachten. Es liegt nämlich im Wesen demokratischer Gemeinschaften, dass nicht jede*r allen zusagt. Man muss sich nicht im Anderen erkennen, sondern vielmehr lernen, ihn und vor allem sich selbst mit dessen Augen zu sehen. Das findet sich auch sehr deutlich in den Überlegungen von Charim wieder, wenn sie schreibt: “Die Pluralisierung verändert unseren Bezug zu anderen, und sie verändert den Bezug zu uns selbst, die Art, wie wir uns auf uns selbst beziehen.” Die Vertreter*innen der Rechten führen einen hegemonialen Kampf, um sich dieser Veränderung zu widersetzen. Sie sind nicht Teil des Pluralismus, sondern haben sich freiwillig zu seinem Gegner erklärt. Aus diesem Grund steht für Hooker in erster Linie die Mehrheitsgesellschaft in der Pflicht, die eigene Position zu reflektieren und sich stärker vom Anti-Pluralismus zu distanzieren, denn Diskriminierungen sind nicht bloß eine Abweichung von einer grundsätzlich fairen und ausgewogenen Gesellschaftsstruktur. Im Gegenteil, sie sind unserer politischen und sozialen Realität eingeschrieben. Unsere Vorurteile schlagen sich in unseren Institutionen nieder, die wiederum unser Leben beeinflussen. Das bedeutet aber nicht, dass wir unsere Gesellschaft nicht gerechter gestalten können und müssen. Und auch wenn in Demokratien meist Einigkeit darüber herrscht, dass jedem Menschen ein würdiges und autonomes Dasein zusteht, ist es bei genauerer Betrachtung recht unklar, was das konkret bedeutet. US-amerikanische Politiker*innen beziehen sich etwa gerne auf die Unabhängigkeitserklärung, obwohl deren wohl bekannteste Formel „All men are created equal“ die Sklaverei und alle folgenden Ungerechtigkeiten nicht verhinderte. Es gibt also viel Anlass zum Streit, häufig ausgelöst durch identitätspolitische Debatten, die manche als unentbehrlich und andere als spalterisch wahrnehmen. Wenn aber das gemeinsame Ziel ist, Leben zu verbessern und eine pluralistische Gesellschaft zu schützen, dann muss auch im Kampf um dieses Ziel die Pluralität beibehalten werden. Es gilt, nicht Differenz zu harmonisieren, sondern sie anzuerkennen und nicht länger als ein Gegeneinander zu deuten. Das Gegeneinander findet nicht innerhalb einer pluralistischen Gesellschaft statt, sondern zwischen ihr und ihren Widersacher*innen, denen etwa in der Debatte um Stokowski und Lehmkuhl noch immer zu viel Verständnis entgegengebracht wird. Auch wenn Harmonie schön klingt, sie verlangt Menschen oftmals ab, sich gegen ihre Neigung einzureihen oder einem höheren Ziel unterzuordnen. Sie ist also kein Indiz dafür, dass es einer Gesellschaft gut geht. „Wir müssen an einem Strang ziehen“ heißt es dann oft. Aber wer entscheidet, was das Ziel ist, was ihm dient und was nicht? Sind manche emanzipatorischen Bestrebungen wichtiger als andere? Und gibt es tatsächlich eine Hierarchie demokratischer Interessen?

Ich! Du? Wir.

desintegriert euchNatürlich steht das soziale Zusammenleben immer in einem gewissen Spannungsverhältnis zu abstrakten Prinzipien. Doch nur ein politisches Einzelkind würde „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ mit Harmonie verwechseln. Welche freien und gleichen Geschwister streiten sich nicht? Wir brauchen keine Harmonie, sondern vor allem Respekt. Wer den Respekt und die Achtung vor der Würde aller Menschen verweigert, sollte stärker sanktioniert und ausgegrenzt werden. Man kann auch ohne eine direkte Auseinandersetzung erfolgreich widersprechen, nämlich indem man so wie Margarete Stokowski selbstbewusst und konsequent für das eintritt, woran man glaubt. Die Debatte mit rechts zur wichtigen demokratischen Aufgabe zu erklären und dabei die Bedenken und Anliegen kleinerer oder schwächerer Gruppen auf später zu verschieben, wenn die gute Zeit ohne Antisemitismus, Rassismus, Sexismus und andere Formen der Diskriminierung anbricht, ist illusorisch, weil wir schlicht anerkennen müssen, dass all dies eben keine Abweichung und Ausnahme ist. Es geht nicht darum, dass eine fiktive Mitte sich wohl fühlt, sondern möglichst alle Gesellschaftsmitglieder. Das Selbstverständnis einer genuin pluralistischen Gemeinschaft darf also nicht nur davon geprägt sein, wie sich die Mehrheit sieht und was sie möchte. Eine Lehre aus der deutschen Geschichte, die immer wieder formuliert wird, ist doch gerade, dass sich vor allem im Umgang mit Minderheiten zeigt, wie gerecht eine Gesellschaft ist. Das demokratische Wir muss immer wieder neu verhandelt werden, um konstruktiv zu sein. Max Czollek lässt das in seinem vielgelobten Buch Desintegriert Euch! anklingen, wenn er fordert, die Gesellschaft „als Ort der radikalen Vielfalt“ zu sehen. Es handelt sich natürlich um ein metaphysisches, sogar utopisches „Wir“, aber das ist das Selbstbild eines aufgeklärten, humanistischen Abendlandes ebenfalls.

Hoffnung statt Harmonie

Identitätspolitische Fragen sind nützlich, um die Interessen, Bedürfnisse und auch Verletzungen einzelner Gruppen besser zu verstehen. Aber je heftiger die Konflikte, desto schneller bleiben alle Seiten in Selbstbezüglichkeiten stecken. Dann werden die formulierten Identitäten mit der Lebensrealität von Menschen verwechselt, dabei dienen sie vor allem dazu, politisches Handeln zu ermöglichen. In der Folge richten sich Zorn und Entrüstung, die ein kraftvoller politischer Motor sein könnten, vor allem auf individuelle Verfehlungen. Da wird dann eine Buchhandlung prompt als rechts oder eine kritische Autorin als Gesinnungsterroristin diffamiert, dabei sind es nicht in erster Linie moralische Fragen, die wir diskutieren müssen, sondern strukturelle und systemische Probleme. Hooker, Charim und Czollek sehen die Probleme richtigerweise bei der Mehrheitsgesellschaft, schließlich bildet sie den Ursprung von Diskriminierung. Hooker verknüpft dies mit der konkreten Forderung, den weißen Blick sichtbar zu machen, was für sie die Voraussetzung für Veränderung ist. Czollek hingegen hat kein wissenschaftliches sondern ein in Teilen polemisches Buch geschrieben, das aber für diese Debatte genauso wichtig ist, weil er darin die Doktrin der Integration über Bord wirft, die nichts anderes ist als die Forderung, dass Menschen sich unsichtbar machen. Dennoch macht er es sich stellenweise ein wenig zu bequem, schließlich ist es eine recht privilegierte Position, auf einer Berliner Dachterrasse stehend einen Film über James Baldwin zu gucken und dabei seinen Gedanken darüber nachzuhängen, dass mehr Desintegration vonnöten ist. Der Ansatz ist sehr nachvollziehbar, gleichzeitig ist fraglich, ob eine im jüdischen Diskurs so wichtige und seit Jahrhunderten geführte Debatte wirklich auf migrantische Realitäten übertragen werden kann. Was zum Beispiel bedeutet Desintegration als Maxime im Zusammenhang mit den vom NSU Ermordeten und ihren hinterbliebenen Familien? Was bedeutet das für Menschen, denen ihr Anderssein auf den ersten Blick zugeschrieben wird, egal ob sie das für sich wählen oder nicht? Oder für jene, die aufgrund ihrer beruflichen und sozialen Verhältnisse eine Abhängigkeit von bestehenden Strukturen schlicht nicht umgehen können? Desintegration als Handlungsmöglichkeit ist wiederum ein Privileg, das nicht allen zugänglich ist. Natürlich ist es ärgerlich, dass Marginalisierte immer wieder ihre Positionen erklären und verteidigen müssen. Doch möchte man, dass eine Gesellschaft sich entwickelt, muss man akzeptieren, dass es auf allen Seiten Arbeit gibt: die einen müssen sich in Selbstreflexion und Solidarität üben, während die anderen nicht die (ebenfalls zu kultivierende) Hoffnung aufgeben dürfen. Das ist nicht einfach, aber wer Veränderung fordert, sollte daran glauben, dass diese möglich ist. Nötig ist sie allemal.

Das klingt zweifellos anstrengend und konfliktreich, aber das oftmals vorgebrachte Argument, dass die Linke sich in einem selbstgefälligen Elfenbeinturm mit Diskussionen und Zersplitterung aufhielte, während die extreme Rechte viel besser zusammenstünde und mobilisierte, basiert auf einem gravierenden Denkfehler. Die Rechtsextremen mögen in ihrer Rhetorik und Präsentation sehr anpassungsfähig sein, doch ihre totalitäre Ideologie und ihr rassistisches Menschenbild sind starr und unverändert: Neue Rechte, altes Denken. Leitkultur, Patriotismus, Nationalismus sind alles Variationen einer erstickenden Sentimentalität, die eine Demokratie davon abhält, auf ihre Menschen zu schauen und sich mit ihnen zu verändern. Eben aus diesem Grund sind die Rufe nach einem liberalen Patriotismus oder einem linken Populismus absurd. Die Rechte möchte einen Menschen kreieren, der in ihren totalitären Staat passt, während es in einer Demokratie darum geht, einen Staat immer wieder daraufhin zu prüfen, ob er noch den Menschen gerecht wird – allen Menschen.

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Angela Nagle im Gespräch über Mainstream und Minderheiten (Gastbeitrag von Bernhard Pirkl und Tijan Sila)

Dieses Interview ist ein Gastbeitrag von Bernhard Pirkl und Tijan Sila. Bernhard Pirkl hat für die Jungle World auch eine Rezension zu Angela Nagles “Die digitale Gegenrevolution” geschrieben.

Die irische Kommunikationswissenschaftlerin Angela Nagle hat im vergangenen Jahr einen schmalen Band veröffentlicht, dessen Thesen es in sich haben. Vordergründig behandelt das Buch, das nun unter dem Titel “Die Digitale Gegenrevolution” (im Original: “Kill all Normies”) im Transcript Verlag erschienen ist, die vielfältigen Erscheinungsformen der amerikanischen Rechten im Internet, von Neonazis über Männerrechtler bis zu obskuren Erscheinungen wie der neoreaktionären Bewegung (NRx); dabei belässt sie es allerdings nicht, sondern nimmt auch die Linke kritisch in den Blick: Die Hoffnungen, die sich an das utopische Potential des Internets geknüpft hatten, haben sich nicht verwirklicht, und auch der Politikstil großer Teile der Linken müssen vor dem Hintergrund des Erstarkens der Rechten in den USA und Europa neu bewertet werden. Im Gespräch mit Tijan Sila und Bernhard Pirkl zieht Angela Nagle eine Bilanz über die bisherige Resonanz des Buches.
PIRKL: “Kill all Normies” war ein enormer Verkaufserfolg in den Vereinigten Staaten, das bestverkaufte Buch, das der Verlag Zero jemals herausgebracht hat. Wie erklären Sie sich diese unerwartet starke Rezeption?

NAGLE: Offenbar gab es ein sehr großes allgemeines Interesse am „Kulturkrieg“ im Internet, und ich habe einen neuen Ansatz angeboten, jenseits des üblichen Hin und Hers der verfeindeten Lager. Es wurde von Slavoj Zizek und anderen bekannten Autoren gelobt, aber es stieß auch auf viel negative Aufmerksamkeit, wobei auffällig war, dass die negativsten Reaktionen von einer relativ kleinen, auf das Internet konzentrierten Gruppe kamen. Es ist nun ein Jahr her, dass “Kill all Normies” erschienen ist, und seitdem gibt es eine unermüdliche Kampagne persönlicher Angriffe, die im Grunde fast täglich stattfinden. Was in der Hinsicht von der alt-right kam, war gewissermaßen vorhersehbar, Gemeinheiten über mein Aussehen, antisemitisches Geraune, ich sei von den „jüdischen Medien“ gesteuert und dergleichen mehr. Die Reaktion auf der Linken war in gewisser Weise schlimmer, weil sie natürlich nicht so leicht abzuwehren waren, und sie den Tenor hatten, ich wäre nicht aufrichtig und würde eine konservative Agenda verbergen. Einigen war ich zum Beispiel nicht ausreichend kritisch bzw. feindselig genug gegenüber konservativen Figuren wie Jordan Peterson, während hingegen ich das Gefühl hatte, mir Mühe gegeben zu haben, ihren Beitrag zu den „culture wars“ halbwegs sachlich und neutral darzustellen.

PIRKL: Woher kommt dieser Zwang zur Vereindeutlichung? Hat man Angst vor der Schwäche der eigenen Argumente?

NAGLE: Mein Eindruck ist, dass es sich dabei um eine Art Tribalismus handelt, der durch soziale Netzwerke verstärkt wird, und sich im gemeinschaftsstiftenden Hass auf Einzelpersonen ausdrückt. Mittlerweile ist es zum Glück fast schon so, dass etwa das „Twittershaming“ ein so großes Ausmaß angenommen hat, dass es beinahe schon egal ist, wenn man zur Zielscheibe gerät, weil die Frequenz an Kampagnen so groß ist, dass in dem Moment bereits die nächste Person ins Visier genommen wird. Ich kenne Journalisten, deren Twitter-Accounts beinahe ausschließlich von einer schier endlosen Suche nach persönlichem Fehlverhalten künden, begleitet von Forderungen nach Stellungnahmen. Ein großer Teil der Medienlandschaft scheint in einer permanenten Schleife des Bedienens unseres Bedürfnisses nach öffentlichen Bloßstellungen gefangen zu sein. Die Geschichte ist freilich voll mit Beispielen für dieses Stärken kollektiver Normen durch die genüssliche Bloßstellung von Outsidern, aber irgendwie haben soziale Netzwerke dieses Phänomen mit voller Wucht wieder salonfähig gemacht.

SILA: Inwiefern ist solches Verhalten von Nutzern sozialer Medien denn mit Subkulturen verwandt?

NAGLE: Der subkulturelle Aspekt ist ungemein wichtig. Es gibt eine Sehnsucht nach einem höheren Grad der Identifikation mit anderen – etwas, das es historisch in kleineren Gemeinschaften gab. Einerseits entspringt Gemeinschaftsbildung einem positiven Impuls, andererseits setzt die Vorstellung einer Gemeinschaft, so schön sie auch ist, einen Außenseiter voraus – eine Person, die diese Gemeinschaft dadurch definiert, indem sie nicht zu ihr gehört. Eine der interessantesten Sachen, die man bei Online-Subkulturen beobachten kann, ist dass sie davon besessen sind, ihre Grenzen zu überwachen: Wer gehört zu uns, wer nicht? Sobald neue Menschen hinzukommen, wird noch enger zusammengerückt und der Eintritt in die Subkultur wird schwieriger. 4Chan-User, die ursprünglich damit begonnen hatten, Pepe-Memes zu posten, wollten mit der Erfindung der „Rare Pepes“ der ihrer Meinung nach zu großen Verbreitung dieser Memes entgegentreten. Solche Säuberungsmaßnahmen werden immer von Diskussionen darüber begleitet, wie man sich vor Verwässerung durch den Mainstream schützen kann. Zugleich fiel mir bei den persönlichen Anfeindungen gegen mich – insbesondere, wenn sie von links kamen – der obsessive Versuch auf, einzuordnen, wohin ich politisch gehöre. Man sagte nicht, dass ich falsch läge. Man sagte vielmehr, dass ich keine linke Position verträte – oder eine ganz spezifische. Schlussendlich ging es aber nicht um mich, sondern um jene, die diese Vorwürfe erhoben und um ihren Versuch, sich abzugrenzen, sicherzustellen, dass nur bestimmte Menschen der Beschreibung der Identität entsprechen, der sie, aus welchem Grund auch immer, einen großen emotionalen Wert beimessen.

PIRKL: “Kill all Normies” ist ein Destillat Ihrer Doktorarbeit, einer feministisch orientiertem medienwissenschaftliche Untersuchung der Online-Kultur. Bei der Lektüre fällt einem folgendes Oppositionspaar auf: die männlich konnotierte Sphäre der transgressiven, avantgardistischen Subkultur auf der einen, und die als feminisiert wahrgenommene Sphäre des Mainstreams, bzw. was man dafür hält.

NAGLE: In der Tat wird der Mainstream als feminisierend empfunden. Die „Feminisierung der Kultur“ ist eines der größten Themen nicht nur der alt-right, sondern auch des weitaus größeren Milieus, das sich zum Beispiel von Jordan Peterson angesprochen fühlt, und das seit dem Erscheinen meines Buches stark angewachsen ist. Sie sehen darin einen ent-zivilisierenden Einfluss, etwas, dass sich der Kultur die Virilität entzieht. Das ist Teil der Pop-Kultur seit über einem halben Jahrhundert, wie ich auch in meinem Buch erwähne, man denke an die rebel culture der 50er Jahre, die Sorge um die abenteuerlustigen jungen Männer, die keinen Krieg mehr zu kämpfen hatten, und so weiter. Dennoch ist es nicht ganz so einfach, es gibt auch weiblich dominierte Räume im Internet, die auf eine sehr aggressive Art und Weise exklusiv sind. Mittlerweile ist das einfach ein generelles Merkmal von online-Subkulturen. Trotzdem war und ist diese Ordnung auffällig.

PIRKL: “Kill all Normies” erzählt auch eine Geschichte vom Umschlag einer Form – transgressiver Humor in Form von Memes und ähnlichem – zu tatsächlichem Handeln, auch in Form von Gewalt, man denke etwa an Charlottesville. Wie funktioniert dieser Übergang?

NAGLE: Ich möchte auf diese Frage gerne aus dem Rückblick antworten. In meinem Buch gibt es ein Kapitel, das sich mit den Cyberutopien der Linken beschäftigt, Leute wie Paul Mason hatten große Hoffnungen an das Internet geknüpft. Ironischerweise sind es heute die Rechten, die glauben, dass das Internet Trump an die Macht gebracht hat. Sie machen denselben Fehler wie die Linke, und nun müssen sie zusehen, dass ihre politischen Vorstellungen nicht umgesetzt werden. Trump handelt im Großen und Ganzen nicht radikal anders, als man es von einem republikanischen Präsidenten erwarten würde. Folglich ist die alt-right-Bewegung gegenwärtig im Zerfall begriffen, und auch die Verfallsformen ähneln dem, was man von der Linken, zum Beispiel in der Folge von Occupy Wall Street kennt: Interne Spaltungen, nicht zuletzt aufgrund ganz alter Motive wie Egos und – im Falle der Traditional Worker’s Party – Eifersucht. Die Idee, das Internet als Abkürzung zur Macht zu benutzen, hat sich als Trugbild entlarvt.

SILA: Mitglieder der Alt-Right-Bewegung sind demnach nicht die bessern Internet-Nutzer, sie waren nur besser darin, das Internet zu einem bestimmten Zeitpunkt zu nutzen.

NAGLE: Genau. Zu anderen Zeiten war die Linke besser darin. Die AltRight-Bewegung erreichte ihren Höhepunkt als Trump auf die Bildfläche trat. Sie wandte sich wie er gegen political correctness und besaß den gleichen respektlosen Humor – oftmals war er ziemlich clever und lustig. Zur gleichen Zeit war die Linke in humorloser Verzweiflung erstarrt und, genau wie die Alt-Right aktuell, in Grabenkämpfe verstrickt. Die Alt-Right hatte also ideale Bedingungen, um Erfolg zu haben. Das ist nicht mehr der Fall. Eins der größten Probleme, das sie derzeit hat, besteht darin, dass soziale Netzwerke wie PayPal, YouTube, Twitter – allesamt Privatunternehmen natürlich -, sie zunehmend ausschließen. Seltsamerweise hat die Rechte darauf keine Antwort. Alle, die dazu bereit sein könnten, das Recht der Alt-Right auf freie Meinungsäußerung zu verteidigen – AltLight-Libertinäre etwa -, sind überzeugt, dass nur der Staat dieses Recht einschränken könne. Ihre einzige Antwort lautet: „Es ist ein Privatunternehmen, und du hast einen Vertrag unterschrieben, in dem steht, dass sie dich rausschmeißen können, wenn sie es wollen.“ Da sie Kapitalismus nicht als entsprechende Triebkraft anerkennen können – es muss der Staat sein -, kommen sie mit dem Problem nicht zurecht. Die Vorstellung also, das Internet würde dieser magische Pfad sein, auf dem sie in die Politik gelangen könnten, hat sich als falsch herausgestellt.

SILA: Um nochmal auf das Thema Sub- bzw. Gegenkultur zu sprechen zu kommen, das ja im Zentrum von Kill all Normies steht: Die Begriffe haben ja in der Linken eigentlich einen guten Klang. An welchem Punkt läuft es schief? Gibt es ein Problem, das sich alle Subkulturen teilen?

NAGLE: Massenkultur geht immer mit einem Paradoxon einher: Einerseits sind wir alle ein Teil von ihr, andererseits fühlen wir uns von ihr abgestoßen und möchten nicht als Teil der Masse gelten. Alle möchten entweder einzigartig oder wenigstens Teil einer kleinen Subkultur sein, die dem Mainstream feindselig gegenübersteht. Beispielhaft fürs Ganze ist der Begriff des Hipsters – niemand würde sich selbst als Hipster bezeichnen. Es ist ein Schmähbegriff für Menschen, die gerne Teil einer Subkultur wären, es jedoch nicht sind, zumindest nicht in ausreichendem Maße. Woher kommt unsere große Sehnsucht, nicht Teil des Mainstreams zu sein? Wieso widern uns Massenkultur und der Mainstream derart an, dass wir uns konstant von ihnen abgrenzen und durch diese Abgrenzung zu definieren versuchen? Diese Fragen beschäftigen mich seit Jahren. Zu welcher Art von Politik führt ein solches Denken über Kultur? Auch Konsumkonzerne versuchen, Nischenmärkte jenseits des Mainstreams zu erschließen. Wer möchte noch der Norm entsprechen, wenn selbst McDonalds sie aufgegeben hat? Niemand. Welche politischen Folgen hat solch eine Wahrnehmung von Durchschnittsmenschen, von ihrem Recht auf Würde und materiellen Besitz? Das sind Sachen, für die die Linke historisch eingetreten ist. Einerseits können Subkulturen radikal sein, andererseits können sie oftmals nur eine Nachahmung der Konsumkultur sein, die uns daran hindert, Massenpolitik zu haben, insbesondere, wenn sie uns vergessen lassen, dass der Durchschnittsmensch jemand ist, für den es sich politisch zu kämpfen lohnt.

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Institutsprosa, Urwaldgäste und Wüsteneinerlei. Viel über Eckhart Nickels Roman „Hysteria“ und ein wenig über zwei andere, auch tolle Bücher

Mit Heyms Träumen stimmt etwas nicht. Mal kommen ihm in der Nacht Bilder davon, wie er sich schreiend mit einem marokkanischen Fensterputzer auf einem Fensterputzlift unterhält, mal träumt er „von einem Wald, in dem Tiere ohne Haut umhergehen und sich wundern“. Heym arbeitet als Designer, als „Fleurateur“, wie die Kollegen sich gegenseitig nennen, in einer Firma, die möglichst realitätsgetreue Imitate von Pflanzen herstellt. Dabei interessiert ihn besonders die Verweigerungshaltung seiner echten Gegenstände, die „Intelligenz der Pflanzen“, wie er es nennt, die sich „dem Prozess der Fälschung“ widersetzen: „Es war das beste Beispiel für das Wunder, das Heym faszinierte, für die Sache an sich, die er nie ganz begreifen konnte, egal wie lange er darüber nachdachte, und die ihm gleichzeitig das letzte, unüberwindbare Hindernis seiner Arbeit aufzeigte. Die Himbeere, deren Samen erst keimfähig werden, nachdem sie gepflückt, gegessen und verdaut wurden.“

In Roman Ehrlichs Erzählung aus seinem Band „Urwaldgäste“ von 2014 wird Heym, grundsätzlich verunsichert von sich und Welt, in den Fängen einer obskuren Erlebnisfirma namens „Agentur Lateralis“ landen, die mit dem Spruch „Lassen Sie sich täuschen“ alternativ gescriptete Realitäten anbietet, ganz ähnlich, wie es im (ziemlich großartigen) Spielfilm „The Game“ die „Consumer Recreation Services“ einem Investment-Banker (Michael Douglas) verspricht. Aber Ehrlichs Figur ist – anders als die Hollywood-Variante – kein Patrick-Bateman-Verschnitt, der sich einem dekadenten Ennui hingibt, sondern ein mattes und medial verstörtes Männlein, das eine Art von Simulationsfieber erfasst hat. Er produziert Plastikpflanzen als „immerschöne Ergänzung des Natürlichen“ und sehnt sich doch nach dem „Echten im Hoheitsgebiet der Nachbildungen“.

Bevor Heym sein erstes Treffen mit der Agentur wahrnimmt, streift er durch die Stadt und „schaut sich in einer Buchhandlung lange Zeit Bildbände über unberührte Urwaldgebiete in Kanada, Alaska und Sibirien an, über Blauwale und ein Kunstbuch über europäische Marinemalerei“. Nachdem ich „Hysteria“ von Nickel gelesen und mir daraufhin Ehrlichs Erzählung nochmal angeschaut habe, hätte ich mich nicht gewundert, wenn Heym an dieser Stelle in der Erzählung als nächstes Nickels Roman in die Hand genommen hätte, so gruselig nah sind sich beide Texte.

Es wirkt tatsächlich, als seien Ehrlichs Himbeeren weitergereicht worden, bis sie endlich, vier Jahre später, bei Nickel angelangt seien, der sie sich nochmal ganz genau angeschaut hat. Sein erster Roman, erschienen bei Piper, beginnt so: „Mit den Himbeeren stimmte etwas nicht. Die kleinen geflochtenen Holzschalen, die Bergheim [ja, der heißt wirklich so, wie der große Bruder von Heym] auf dem Markt immer hochhob, um zu sehen, ob sich das weiße Vlies am Boden schon von zerfallenden Früchten rötlich verfärbte, waren übervoll mit zu dunklen Beeren.“ Verstört blickt sich Nickels Protagonist nun auf dem Markt um; ihm ist, als sei etwas Grundsätzliches ins Wanken geraten. Er schaut sich das provisorische Gehege einer Weidefarm für Wagyu-Rinder an, und ihm, dem hypersensiblen Neurotiker, fällt ein Rind auf, das sich eigenartig bewegte:

„Während die anderen bereitwillig zu den Kindern der Einkäufer am vorderen Rand der Koppel kamen, um sich streicheln zu lassen, blieb das Tier verstört an der Tränke stehen. Es kratzte mit den Hufen monoton das Stroh zur Seite und rieb sein Fell an den mit krumm geschlagenen Nägeln übersäten Brettern des Zauns. Dabei blieben Hautteile am Holz hängen, sodass allmählich das Fleisch durchzuschimmern begann. Als er genauer hinsah, entdeckte Bergheim, dass trotz der Verletzungen, die sich das Tier beibrachte, kein Blut zum Vorschein kam, sondern immer größere Flächen einer gräulich glänzenden Fleischmasse, die verdorbener Hähnchenbrust in Zellophan ähnelte.“

Der Traum von hautlosen Tieren, den Ehrlich seine Figur träumen lässt, hat, so scheint es, ein Eigenleben entwickelt. Die waidwunden Gestalten sind schlafwandlerisch aus dem einen Buch hinein ins andere getorkelt, um dort Nickels Figur zu traktieren. Denn die Erfahrung auf dem Markt setzt den Startpunkt für Bergheims investigativen Irrweg, der auf den folgenden gut 230 Seiten skizziert wird. In einer Kooperative namens „Sommerfrische“ lernt er eine Mitarbeiterin namens Asche und einen Wissenschaftler namens Dr. Haupt kennen, die ihm stolz eine belebte Natur-Szenerie in Miniatur-Maßstab zeigen: „Erst jetzt bemerkte Bergheim, dass das, was er sah, nicht nur eine perfekte Nachbildung der Natur in Form einer Spielzeugwelt war, sondern dass sich alles noch dazu bewegte.“ Die „Dermo-Plastiker“ haben ganze Arbeit geleistet. Sie sind in der Fälschungsindustrie die nächste Entwicklungsstufe nach den „Fleurateuren“ und arbeiten daran, „ein Abbild dessen, was so sein sollte, wie es einmal war“, zu erschaffen.

Noch am selben Tag nimmt Bergheim einen Termin im sogenannten „Kulinarischen Institut“ wahr, wo er auf zwei frühere Freunde trifft, zuerst auf Charlotte, später auf Ansgar. Das Trio hatte gemeinsam studiert und sich u. a. Vorlesungen über das Leuchten von Meeresquallen angehört. Wir erfahren insbesondere von einem Abend in der sogenannten Aromabar, in der – nachdem Kaffee und Alkohol verboten wurden – die Studis Trips auf Basis von biologischen Rauschstoffen haben. Aber diese unbekümmerten Zeiten sind längst passé, die Ideologeme des sogenannten „Spurenlosen Lebens“, die dem Trio erstmals im Studium begegnet waren, sind zur Staatsdoktrin geworden. Die „Naturpartei“ ist an der Macht und verkündet salbungsvoll ihre Gebote: Die Existenz der Menschheit sei „ein biologischer Zufall“, eigentlich sei sie „nutzlos“ und „sämtliche Eingriffe in das natürliche Leben“ durch den Menschen seien zurückzunehmen. Dementsprechend seien „Einfluss und Auswirkungen, die seine Existenz an sich auf [die Natur] hat, nach bestem Wissen und Gewissen [zu] reduzieren, und, in letzter Konsequenz, auf[zu]heben“.

Im „Kulinarischen Institut“ laufen alle Stränge zusammen: Charlotte ist die Leiterin des Hauses und eine Adeptin des „Spurenlosen Lebens“ geworden, Ansgar hat als „Frucht-Detektiv“ Karriere gemacht, der besonders raren, noch nicht ausgestorbenen Pflanzen nachspürt. Es entspinnt sich eine merkwürdig motivationslose, zugleich soghaft irritierende Handlung, in deren Verlauf Bergheim für mehrere Stunden abtaucht, um mit einer Gedächtnis-Apparatur frühere Studienerfahrungen nachzuerleben. Später werden die Figuren ein absurd aufwändiges mehrgängiges Menü zu sich nehmen, das Nickel in penetranter Eleganz beschreibt. (Ja, wer mag, kann hier eine aristokratische, parfümierte Wertschätzung des Erlesenen erkennen, eine Absage an die Masse. Aber nicht jeder Typ in der Fußgängerzone, der mit einem beigen Trenchcoat und langstieligen Regenschirm herumläuft, ist ein Dandy, und nicht jeder Text, der sich dem Fetisch der Oberfläche und dem Sezieren von Genuss-Mechanismen widmet, ist ein apolitisches, popiges und dekadent-reaktionäres Stück Literatur.) Im Laufe des Abendmahls werden persönliche und institutionelle Geheimnisse zu Tage gefördert, letztlich aber kreist alles um die Frage, die Charlotte einst als Studentin gestellt hatte: „Was ist mit dem Menschen und seinen Spuren? Da wird es doch erst richtig interessant. Wie schaffen wir es, nicht nur unseren, wie haben sie früher noch gesagt, Kohlenstoffdioxid-Fußabdruck, verschwinden zu lassen, sondern den biografischen, mit dem wir uns so viel nachhaltiger in den Leben der anderen verewigt haben, die wir im Laufe unserer Existenz gemeinhin mit den Füßen getreten haben oder noch treten werden?“

Wie eine erste Erprobung dieser Selbsttilgungsphantasie kommt – lange vor „Hysteria“ – Christoph Ransmayrs bizarres Prosagedicht „Strahlender Untergang“ daher. Es ist im Tonfall einer pathetischen TED-Konferenz geschrieben und verkündet in bemerkenswerter Nähe zu Nickel die Lehre von einer „Neuen Wissenschaft“, welche „Beihilfe zur Zukunft“ sei.  Denn sie „erzeugt […] nichts anderes mehr / als die Bedingungen des Wesentlichen: / die Organisation des Verschwindens“. Der Mensch solle sich abschaffen, aber dieser „planmäßige Untergang ist längst / nicht das Ärgste – im Gegenteil: / Seine umsichtige Organisation / und rasche Verwirklichung / bringt alles zurück, was im / Verlauf der beschämenden Entwicklung / eines von der Herrschaft / über die natürliche Welt / blind faszinierten Denkens / schon verloren schien.“

Ransmayrs Debüt, das bei der Veröffentlichung 1982 größtenteils unbeachtet blieb, ist stark durch das postmoderne Phantasma vom Ende des Subjekts geprägt, von Foucaults Bild eines Menschen, der „verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand.“ „Les mots et les choses“, aus dem das Zitat stammt, war 1966 im Original erschienen, fünfzehn Jahre vor Ransmayrs post-humanistischer Verstirade. Letzterer malt sich die „die Organisation des Verschwindens“ derart aus, dass in Wüsten Terrarien angelegt werden, „[m]eterhoch die Umzäunung, / sorgfältig geglättet / die Ebene aus Steinen und Sand / und frei von Wasser und Bewuchs“, in die dann ein Mensch eingesperrt wird, bis er dehydriert und sich bis zur Substanzlosigkeit auflöst: „Ich bin der Zusammenbruch der Thermoregulation, / ich bin / der allesumfassende Verlust. / Ich konzentriere mich in allem / und werde weniger.“

„Strahlender Untergang“ mag es sich ein wenig zu schnell zu bequem gemacht haben in seiner Untergangslust. Und doch zeigt das Langgedicht die Nervosität der menschlichen Spezies auf, die zwischen verfluchter Präsenz und ersehnter Abwesenheit, zwischen der schuldbehafteten Unlust am Hier und der schamvollen Lust am Dort pendelt. Bei Nickel ist das „spurenlose Leben“ zur „Neuen Wissenschaft“ geworden. Die Doktrin wird als kritische Fortsetzung eines ambigen Verhältnisses zur Natur entworfen, freilich als zeitgeistige Aktualisierung: Das Programm besteht wesentlich im Versprechen von bzw. in der Nötigung zu einer ethischen Gesundung durch ein dauer-achtsames Leben. Als finale Pointe lockt die Wiederherstellung eines wildwüchsiges Paradieses ohne menschliche Makel. In der Kooperative ebenso wie im Institut wird indes klar, wie schizophren diese Unternehmung ist: Der Wissensstand und die Apparaturen, die nur eine hochentwickelte Kultur hervorbringen können, werden eingesetzt, um eben diese dem Abgrund entgegenzuführen. Nickels schelmisches Buch führt uns eine alte zivilisationskritische Dauerschleife vor: Je mühsamer sich der Mensch im Anthropozän danach sehnt, vom Erdball zu verschwinden, umso stärker schreibt er sich ihm ein.

Aber was gehört überhaupt getilgt? Wer definiert, was am Leben lebenswert, was verabscheuenswürdig ist? Hier treffen sich Nickels Öko-Dystopie „Hysteria“ und Juli Zehs Medizin-Dystopie „Corpus Delicti“: Beide kritisieren eine Form der hygienischen Moralisierung, die keinen Erreger und keinen Abfall, keine Spuren und keine Rückstände zulässt. Während Zehs Roman aber ziemlich konform vor sich hin erzählt und ständig auf seine alarmistische Botschaft schielt, ist Nickels Roman ästhetisch weit anspruchsvoller und verspielter. Der Text inszeniert auch auf einem formalen Level das Thema der Künstlichkeit, etwa durch das unorganische Gebaren der Figuren. Ihnen wohnt kein Leben inne, ihr Habitus ist widernatürlich, sie sprechen an den unpassenden und schweigen an den falschen Stellen. Insgesamt wirken Bergheim, Charlotte & Co wie Apparate, die ruckeln, wie Maschinen, die stottern, während sie so tun, als seien sie Menschen. Ständig hat man das Gefühl, Widergängern aus anderen Büchern zu begegnen, literaturhistorischen Kopien, die in „Hysteria“ als schlechter Import umherstolpern.

Auch glänzt und brilliert und blendet die höchst stilisierte Text-Oberfläche mit Adjektiven, Archaismen und Anspielungen. Das Buch ist ein Pastiche, und die Feuilletons sind ihrer Lieblingsbeschäftigung, der Erbuddelung intertextueller Referenzen, längst nachgekommen. Zeit, SZ und FAZ warten u. a. auf mit: Sigmund Freud (das Unheimliche als Grundgefühl), Edgar Ellen Poe (grusel, grusel), E. T. A. Hoffmann (die Ununterscheidbarkeit menschlicher und nicht-menschlicher Sphären, die Krise des Subjekts), Joris-Karl Huysman (die unbedingte Verschönerung der Natur) und Franz Kafka (Irrwege in einem institutionellen Apparat). Neben der gesättigten Lektüre-Erfahrung bietet einem dieses erratische und kokette und zehnfach geschichtete Werk zwei Boni an: dass erstens jede Seite einen immer neu dazu einlädt, die in launigen Kolumnen gelesenen Bio- und Anti-Bio-Kommentare weiterzudenken und auf ihre Widersprüche und Möglichkeiten, auf ihre Verschwiegenheiten und Selbstlügen hin zu überprüfen, und dass, zweitens, dieser bemerkenswerte opake Text einem – endlich mal – ein genuin ästhetisches Reflexionsangebot unterbreitet, um dem irrsinnigen Zeitgeist beizukommen.

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Who put the T in Theweleit? Tijan Sila – Die Fahne der Wünsche

Seit Freitag Abend habe ich ohne jeden Anlass leider einen ziemlich, ziemlich nervigen Ohrwurm von „Who put the bomb“. Es ist anstrengend, wer wacht schon gerne auf und denkt als erstes „Who put the bomp in the bomp bah bomp bah bomp? Who put the ram in the rama lama ding dong?“, und ja, mein Leben ist wirklich so albern, wie es sich gerade liest. Schon am Freitag, als ich den Song, den ich gemeinerweise plötzlich im Kopf hatte, auf YouTube gesucht habe, fiel mir auf, dass ich das Original von Barry Mann eigentlich gar nicht so gut kenne, sondern vor allem die Coverversion von Me First and the Gimme Gimmes, und dabei fiel mir wiederum auf, wie viele Popsongs ich eigentlich vor allem aufgrund ihrer Coverversion kenne und gar nicht so sehr im Original, was dann dazu führt, dass ich beim Hören des Originals ständig „huch, ist das langsam“ denke und doch lieber weiter das Cover höre. Ein bisschen passt dieses Cover-Thema zu „Die Fahne der Wünsche“ von Tijan Sila, aber dann auch wieder nicht. (Super Überleitung, oder? Na ja, ok, dann nicht.)

„Die Fahne der Wünsche“ erzählt von Ambrosio, einem Jugendlichen aus dem fiktiven Land Crocutanien, das irgendwo am Mittelmeer liegen könnte und in dem ein totalitäres System herrscht. Ambrosio stammt aus prekären Verhältnissen und sichert durch sein Talent als Radrennfahrer seine Existenzgrundlage, gerät aber deswegen auch in Abhängigkeit von der Partei und damit in Schwierigkeiten, und das alles, obwohl er eigentlich nur ein ganz normaler Teenager sein möchte mit coolen Klamotten, erster Freundin, Comics und ein bisschen Flippern.

Nirgends, immer

Man könnte jetzt annehmen, es handle sich bei diesem Roman um eine klassische Dystopie, schließlich findet die Handlung in einem fiktiven, totalitär regierten Land statt – und einer von vielen Vorzügen von „Die Fahne der Wünsche“ ist schon mal, dass genau diese Erwartungshaltung nicht erfüllt wird. Die Handlung ist weder in der Gegenwart, noch in der Zukunft verortet, sondern in der Vergangenheit, der dargestellten technischen Entwicklung entsprechend spätestens in den 1990ern, und damit deutet sich schon an, was hier eben genau nicht passiert: Dem Roman geht es nicht darum, gegenwärtige Probleme oder Entwicklungen weiterzuspinnen und davor zu warnen, wo das alles hinführen könnte, wie das Dystopien gemeinhin tun würden. Im Gegenteil: „Die Fahne der Wünsch“ erzählt von spezifisch modernen, der Psyche eingeschriebenen Strukturen, die sich im 20. Jahrhundert genauso finden wie heute, und die narrativ zu fassen eben dort klarer gelingt, wo sie sich deutlicher zeigen können; und das ist eben in einem totalitären System, das es einzelnen Typen erlaubt, ihren unausgeglichenen psychischen Haushalt sehr viel freieren Lauf zu lassen, als dies in einem funktionierenden demokratischen Rechtsstaat der Fall wäre. Die Verlagerung der Handlung an einen inexistenten, totalitär regierten Ort hat keine gegenwartsdiagnostische Funktion, sondern höchstens eine allgemeindiagnostische.

Dies zeigt sich auch darin, dass mehrfach deutlich wird, dass das totalitäre Regime, das Aufhebung der Klassenunterschiede und Einheit des Volkskörpers propagiert, mit seinem Beginn und seinem Ende eigentlich lediglich die Veränderung gebracht hat, dass sich während seines Bestehens einzelne Figuren sehr viel einfacher brutal und willkürlich verhalten konnten: Ansonsten bestehen im System alte Klassenunterschiede weiter, die davor schon bestanden haben, die Parteielite ist die alte Elite und die Armen sind weiterhin die Armen. Und das wird sich auch mit dem Niedergang des Regimes, von dem lediglich in groben Zügen erzählt wird, weil ja eben das Regime selbst gar nicht so sehr im Vordergrund steht wie das, was es ermöglicht, nicht ändern: Günstlinge des alten Regimes führen auch nach der Veränderung des politischen Systems ein gutes Leben, Vertreter der Elite des Regimes machen nach seinem Ende weiterhin politisch Karriere. Die Menschen ändern sich nicht und ihre gesellschaftliche Position ändert sich nicht, unabhängig vom herrschenden politischen System – das politische System kann lediglich Dinge unterschiedlich gut regulieren. Und das totalitäre System begünstigt es eben, dass manche Menschen den destruktivsten Trieben in ihnen in besonderer Weise freien Lauf lassen.

Und so kommt es auch nicht von ungefähr, dass manche Bevölkerungsgruppen einem eben beim Lesen nicht völlig unbekannt vorkommen. Die Oberschicht, Kinder der „Erstkämpfer“ und also der Revolutionäre, die der totalitären Partei zur Macht verholfen haben, ist genauso gelangweilt (vgl. S. 162, 248) und privilegiert wie die Oberschicht in Romanen von Christian Kracht oder Bret Easton Ellis, der Unterschied zu diesen ist lediglich, dass im totalitären System ihre Privilegierung noch sehr viel deutlicher ist: Die Kommissare der Partei haben sie nicht zu fürchten, sie können das Land verlassen und dürfen ungestraft auch verbotene Dinge tun. Davon abgesehen leben sie denselben Lebensstil wie Leute ihres Alters im Ausland (vgl. S. 226), mit dem Unterschied, dass sie eben wirklich überzeugte Ideologen sind. Und auch die im Roman dargestellte Jugendkultur kommt einem nicht völlig unbekannt vor, und das so sehr, dass man sich mitunter wundert, wie eine solche Jugendkultur in einem totalitären Regime sich überhaupt entwickeln kann: Die „Mobilen“ (vgl. S. 84), die Mopeds fahren und sich zu einander bekämpfenden „Eskadronen“ zusammenschließen und das System mit seinen brutalen Schergen so wenig fürchten, dass sie es nicht nur offen und lautstark kritisieren, sondern irgendwann auch offen bekämpfen, erinnern nicht nur an Rocker und Biker, sondern vor allem auch an rollerfahrende Gruppen von Jugendlichen in Kreuzung von Mods und Unterschichtschic, wie man sie in den 1990ern manchmal gesehen hat (die entsprechenden Leute sind heute über 40, man sieht sie aber manchmal noch, wenn sie gemeinsam ihre Lambrettas durch die Gegend fahren – sie laufen noch heute dabei rum, als wären sie einem Oasis-Video entsprungen).

Dazwischen leben ganz normale Jugendliche wie Ambrosio, die sich eigentlich nur durch ihren Alltag durchwursteln wollen und irgendwie ein bisschen was vom guten Leben abhaben wollen – Sila erzählt in „Die Fahne der Wünsche“ wieder, wie schon in „Tierchen unlimited“, nicht von heroisch über sich hinauswachsenden Figuren, er erzählt eben nicht vom Rebellen, der das System stürzt, wie man das von einer Dystopie erwartet, sondern von einer alltäglichen Figur, die ein bisschen was richtig macht, und einiges eben auch nicht so richtig macht (und höchstens indirekt und unabsichtlich in den Niedergang des Systems verwickelt wird). Dass Ambrosio im Verlauf der Romanhandlung „schuldig werden“ kann, liegt eben nicht nur daran, dass er einen „Fehler“ hat, wie das bei klassischen Heldenfiguren der Fall wäre. Er wird vor allem auch deswegen „schuldig“, weil er aufgrund seiner sportlichen Karriere von der Partei abhängig ist, und dass dies der Fall ist, ist eben unter anderem seinen Verhältnissen geschuldet: Sportliche Leistung ist sein Weg sozialen Aufstiegs, sein biografischer Ausweg, und darin ist er ohne nennenswerte Alternative – nur eine privilegierte Figur aus der Oberschicht wie Elvira kann ihm sagen, dass er eben einfach etwas anderes machen solle, um sich aus seiner Abhängigkeit aus der Partei zu befreien. Elvira, die alle Möglichkeiten hat, kann nicht nachvollziehen, was es bedeutet, nur eine Möglichkeit zu haben.

Körperpanzer, fragmentarischer Panzer

Der Titel des Romanes ist angelehnt an ein Zitat aus Klaus Theweleits sehr dickem bzw. zweibändigem Buch „Männerphantasien“, was am Ende des Romans auch deutlich gemacht wird, und an mehreren Stellen wird deutlich, wie stark dieser Roman die Ergebnisse der Untersuchungen Theweleits narrativ umsetzt. Ich habe leider nur einzelne Kapitel aus „Männerphantasien“ gelesen, deswegen mag im Folgenden manches schief oder nicht ganz zutreffend sein, vieles habe ich deswegen bestimmt auch übersehen, aber an den Stellen, an denen mir die Parallelen zu Theweleit aufgefallen sind, fand ich schon bemerkenswert gelungen und konsequent, was dieser Sila da macht.

„Männerphantasien“ ist eigentlich erst mal eine stark literaturwissenschaftliche Publikation, in der Klaus Theweleit mit einem psychoanalytischen Zugriff vor allem Literatur der deutschen Freikorps der Zwischenkriegszeit, aber auch ein paar andere Texte untersucht, um anhand dieser Texte herauszuarbeiten, was den faschistischen Männertyp des Nationalsozialismus ausmacht und prägt. Der faschistische Mann, so Theweleit, ist ein nicht-zu-Ende-geborener, kindlicher Mann, geprägt von tiefer Angst vor der Außenwelt und einem chaotischem Innenleben, dem durch Drill ein „Körperpanzer“ anerzogen wurde, der ihn zwar aufrecht hält, ihn aber sowohl von sich selbst, als auch von der Außenwelt, vor allem aber auch vom anderen Geschlecht fernhält und dazu führt, dass der faschistoide Typ Ich-Einheit durch Gewalt gegen seine Umwelt herzustellen versucht.

Und genau dieser faschistoide Typ tritt in „Die Fahne der Wünsche“ in Form der „Mäntel“ auf, einer Art Polizei im totalitären Regime, die aber auch die Verwaltung kontrolliert. Die „Mäntel“ sind brutal und haben Freude daran, Angst auszulösen. Sie schlagen aus Anlässen, die psychisch normal gestrickten Menschen nicht nachvollziehbar sind, andere Menschen halbtot. Sie genießen die Angst, die sie auslösen, weil sie selbst tiefe Angst haben – so beobachtet Ambrosio, wie es zwei der Mäntel, die ihn eben noch brutal verprügelt haben+++, nicht „gelang […], ihre Angst zu verbergen“ (S. 131), als sie an Kollegen vorbeigehen müssen, sie in der Hackordnung über ihnen stehen könnten. Er bezeichnet sie entsprechend auch als „unfertige Kindsmänner, die allesamt in jenem Abschnitt des Heranwachsens stecken geblieben waren, in dem jeder unbeabsichtigte Rempler eine Kränkung darstellte, auf die man mit Gewalt antworten musste.“ (S. 252f.). Die Mäntel sind nichts anderes als nicht-zu-Ende-geborene Kindsmänner mit Körperpanzer – und das so eindeutig, dass es mir schleierhaft ist, warum man annimmt, dies träfe auf Ambrosio zu, der sich in mehreren Punkten (s.u.) deutlich von ihnen unterscheidet.

Der deutlichste Vertreter des faschistoiden Typs ist Cherubino, der Kommissar, der leider auch für Sport zuständig ist und von dem Ambrosio also abhängig ist. Alles Kindliche hasst er, genauso wie er Mütter hasst, ohne die die Welt eine bessere wäre – statt Müttern wünscht er sich Laboratorien (S. 205).

„Daß man die Eltern ehren soll, muß also, wie die andern Teile des Panzers angeprügelt werden. Kein einziges Kind mit dieser Art Ich liebt oder achtet seine Eltern wirklich, im Gegenteil: da es ihrer substanzlosen Herrschaft, die es als Terror empfinden muß, unterworfen ist, haßt es sie.

Besonders haßt es die Mutter, aber es haßt sie an sich selbst; der Selbsthaß, die Autodestruktionstendenzen, die sich in der Nichtachtung des eigenen Lebens und in allerlei körperlichen Leiden äußern, sehen wie eine Strafe an der introjizierten ‚bösen‘ Mutter aus: Rache für ihr Versagen, die Nicht-zuende-Geborenen der zerreißenden Kälte ausgesetzt zu haben. (Die reale Mutter als Person wird dagegen zwanghaft verehrt.)“ (Theweleit: Männerphantasien, Bd. 2, S. 289-292)

Besonders große Angst hat Cherubino – typisch – vor Wasser, Flüssigkeiten, Fluten. So wird davon erzählt, dass er bei einem Schwimmausflug schon nach wenigen Metern einen „Anfall“ gehabt habe, bei dem er panisch geschrien habe, aus Angst, zu ertrinken (vgl. S. 235f.). Mit seiner Freundin hat Cherubino keinen Sex, denn Sex ekelt ihn, er ist eine „viehische Flut von Sekreten“ (S. 205). Im Wasser, in Sekreten, also in der Lust, könnte sich der männliche Körperpanzer auflösen – darum lösen Flüssigkeiten Panik bei diesen Männern aus:

„Dieses deutet auf eine Umkehrung der Affekte, die ursprünglich mit der Aussonderung der verschiedenen Substanzen des menschlichen Körpers verbunden sind: Lustempfindungen. An die Stelle solcher Lustempfindungen ist eine panische Abwehr ihrer Möglichkeit getreten.“ (Klaus Theweleit: Männerphantasien, Bd. 1, S. 425)

(am Rande: In Kontext dieser psychoanalytischen Theorie ist es interessant, mal über Begriffe wie „Flüchtlingswelle“ oder „Flüchtlingsflut“ nachzudenken.)

Und hier unterscheidet sich Ambrosio klar von Cherubino: Auf Cherubinos Zuschreibung hin, Ambrosios Sex mit seiner Freundin Betty sei eine „viehische Flut von Sekreten“ gewesen, „protestierte“ er „aufgebracht“, es seien „Zärtlichkeiten“ gewesen (S. 205). Ambrosio hat eben keinen Körperpanzer, er ist kein soldatischer Typ und auch kein faschistischer – wenn er auch von manchem selbst nicht ganz frei ist. Ambrosio hat sich zwar von seiner psychisch kranken Mutter gelöst, hat durch sie aber eben aufgrund ihrer Krankheit auch Zurückweisung erfahren, allerdings erst in fortgeschrittenerem Kindesalter. Er zeigt entsprechend nicht Züge des faschistischen Männertyps, sondern eines „autistischen”: „Autistische“ Kindern richten die Aggression, die aus der Verunsicherung durch diese Zurückweisung resultiert, gegen sich selbst, nicht gegen andere:

„Das Kind selbst also verfällt in seiner Not auf den Ausweg, sich durch den Schmerz seiner fehlenden Körpergrenzen zu vergewissern, sich durch Schmerz vorübergehend zu einem Körper-Ich zu verhelfen und sei es um den Preis der Selbstzerstörung.“ (Theweleit: Männerphantasien, Bd. 2, S. 258)

So zeigt Ambrosio zum ersten Mal seine Höchstleistungen als Radrennfahrer, bei denen er sich bis zum körperlichen Zusammenbruch verausgabt, nachdem er Verunsicherung darüber empfindet, ob seine Freunde sich über seine Mutter und ihren Zustand lustig gemacht haben (vgl. S. 37) – diese Unsicherheit wird zur Leidensfähigkeit, auf die Ambrosio im Roman auch wiederholt seine Karriere zurückführen wird. Nicht Disziplin, Härte, Körperpanzerung haben ihn zum besten Radrennfahrer des Landes gemacht, sondern seine Leidensfähigkeit.

Entsprechend ahmt Ambrosio das parteitreue Gerede von Sport und Disziplin explizit nur nach, um Ärger aus dem Weg zu gehen (vgl. S. 180), die für den faschistischen Typ anziehende Idee, der Körper solle nicht in Flüssigkeit/Lust, sondern im geformten und disziplinierten Kollektiv aufgehen, für „dummes Gerede“ (S. 151). Nicht umsonst erkennt Cherubino an ihm die Fähigkeit zum Regress – eine Fähigkeit, die die nicht-zu-Ende-geborenen faschistischen Männer nicht haben, da sie ja gar nicht erst bis zu einem Entwicklungsstand vorgedrungen sind, von dem aus sie zurückfallen könnten (vgl. S. 132; Theweleit: Männerphantasien, Bd. 2, S. 295f.).

Dennoch: So ganz psychisch „normal“ entwickelt ist Ambrosio eben auch nicht bzw. vollständig kann er sich wohl auch den Einflüssen seiner Umwelt nicht entziehen, insbesondere nachdem seine Freundin Betty – eine erfolgreiche Schwimmerin, angesichts der Bedeutung, die Wasser/Weiblichkeit laut Theweleit haben, ist das kein Zufall – ins Ausland geflohen ist, beherrscht Angst sein Leben (vgl. S. 178), und bei einem Segeltörn empfindet auch er Angst vor dem Wasser und vor dem Ertrinken (vgl. 221f.), allerdings lässt er sich auch hier – wie früher eben von Betty – von Frauen helfen, diese Angst zu überwinden (vgl. S. 221f.). Er ist, wie Elvira ihn nennt, ein „Männlein“, kein körpergepanzerter Mann, und Betty mit ihrem wegen des Schwimmens breiten Rücken ist auch körperlich das Gegenstück zu ihm mit seinen für Radrennfahrer typisch trainierten Beinen und untrainiertem Oberkörper.

Wunschmaschine Flipper

Vor allem aber hat Ambrosio im Gegenteil zum soldatischen Cherubino Freude am Kindlichen, das letzterer ja strikt ablehnt – deswegen spielt Ambrosio Flipper, was ihn erstmals in Konflikt mit Cherubino geraten lässt, denn eben deswegen hasst Cherubino Flipper. Tatsächlich ist es ein GENIESTREICH von Sila, Flipper als Gegenstand des Konflikts zwischen „Mänteln“ und Jugendlichen zu wählen, denn der Flipper steht nicht nur für Spiel und Kindlichkeit, sondern er ist sehr viel deutlicher als etwa Videokonsolen auch eine Maschine, eine Theweleitsche Wunschmaschine. Der faschistoide Typ vermenschlicht Maschinen und maschinisiert Menschen:

„Die Maschine, das Produktionsmittel, dessen sinnvoller Gebrauch dazu führen könnte, die Lage der Menschen so weit zu verbessern, daß sie sich verfleischlichen, ihren im Kampf ums Überleben erworbenen Muskelpanzer ablegen könnten, wird zu einem Ausdrucksmittel fleischlicher Lust degradiert, während der Mensch, Produzent von Lust, in eine Muskelmaschine verwandelt wird, die die Produktion von Lust verbietet und verfolgt. […] Die natürliche Maschinerie des menschlichen Unbewußten wird eliminiert zugunsten einer künstlichen Maschinisierung seiner Peripherie, während das natürliche Produktionselement der Maschine eliminiert wird zugunsten ihrer künstlichen Vermenschlichung. Aus der Vielheit der menschlichen Wunschmaschinen wird die Einheit der Lustverfolgungsmaschine soldatischer Mann, während aus der Einheit und Einfachheit der Maschine, die Objekte produziert, eine ästhetische Vielheit quasimenschlichen Ausdrucks gewonnen wird, so daß der Mensch zu einer unvollkommenen Maschine, die Maschine zu einem unvollkommenen Menschen wird, beide nicht mehr in der Lage, zu produzieren, sondern den Schrecken auszudrücken und weiterzugeben, den sie erlitten haben: in ihrer perversen Form werden beide zu Zerstörern. Die wirklichen Menschen und die wirklichen Maschinen fallen dieser Verkehrung zum Opfer.“ (Theweleit: Männerphantasien, Bd. 2, S. 230f.)

Nicht umsonst sucht Cherubino nach einem bestimmten Flipper, dessen Existenz Ambrosio abstreitet, da er ihn als Pervertierung des Flippers wahrnimmt, weswegen er Cherubino unterstellt, sich diesen Flipper nur ausgedacht zu haben: Der Flipper heißt „Embryo“ und auf ihm sind nicht nur mehrere Penisse und Spermien, sondern auch eine Vagina zu sehen – das, was menschliche Lust ausmachen könnte, was Cherubino ekelt und ängstigt, überträgt Cherubino auf die Maschine. Ambrosio, der das durchschaut, wird von den „Mänteln“ deswegen fehlende Männlichkeit unterstellt (vgl. S. 68f.) und konsequenterweise verbietet Cherubino nun die Maschine, auf die er die von ihm abgewehrten Wünsche projiziert hat. Der Flipper steht für das Kindliche, für Lustempfinden, und muss daher verschwinden. Daneben ist das Verbot des Flipperns ein Beispiel für das willkürliche Agieren totalitärer Systeme, das für die Bevölkerung nicht nachvollziehbar ist.

Flut und Masse

Der soldatische Mann hat nicht nur Angst vor Fluten – entsprechend meiden in Crocutanien die Menschen überhaupt das Wasser (vgl. S. 110f.) – sondern auch vor der einer Flut ähnlichen Menschenmasse, also der Volksmasse, die nicht soldatisch geformt und geordnet ist.

„Das öffentliche Erscheinen revolutionärer Massen ist eine Folge von Dammbrüchen; es bedroht auch dic eigenen Dämme, als bräche die Körpergrenze der Männer durch den ‘Einfluß’ der äußeren Massen zusammen; die eigene innere Masse ‘zerfließt’ in die äußere – die äußere wird zur Verkörperung des ausgebrochenen eigenen Inneren. Der Mann wird ‘überschwemmt.

Daraus ergibt sich ein Zugang zur scheinbaren Widersprüchlichkeit des faschistischen Massenbegriffs. Neben der Fähigkeit zur Mobilisierung großer Menschenmassen steht die gleichzeitige Verachtung der Massen durch den Faschisten; er wendet sich an sie, fühlt sich aber gleichzeitig aus ihr erhoben, als Elite gegenüber der niedrigen ‘Masse Mensch’.

Die Widersprüche hören auf, welche zu sein, wenn man sich klar macht, daß von jeweils zwei verschiedenen Massen die Rede ist; sie sind einander gegensätzlich. die gefeierte Masse ist immer eine formierte, in Dammsysteme gegossene. Ein Führer ragt aus ihr heraus. die verachtete erscheint dagegen immer unter den Attributen des Flüssigen, Schleimigen, Wimmelnden.”“ (Theweleit: Männerphantasien, Bd. 2, S. 9)

Für diese (proletarische) ungeordnete Menschenmasse stehen die Mobilen als oben schon genannte Jugendbewegung. Im Gegensatz zum soldatischen Mann sind sie Hedonisten – sie sind alo an die “Lustseuche” (Theweleit: Männerphantasien, Bd. 2, S. 18) verfallen, wie der faschistoide Typ dies sehen würde: Die Fahnen, die sie für ihre Eskadronen entwickeln, stehen symbolisch für Saufen oder für Prügeleien, für ihre Wünsche, nicht für die Nation (im Gegensatz zu den allgegenwärtigen aber eben immer identischen Fahnen der Partei) – ihrer Hymne nach ist ein Mobiler ein „Soldat der guten Fahne“ (S. 261). Männer sind sie also auch, als Soldaten sehen sie sich auch, aber sie unterscheiden sich von den Männern faschistischen Typs (vermutlich würde ich dazu auch was bei Theweleit finden, aber wie geschrieben: Ich habe nur einzelne Kapitel aus „Männerphantasien“ gelesen). Auf die Frage, was die Mobilen eigentlich wollen, sagt Ambrosio: „Sie sagen, sie wollen saufen und bumsen.“ (S. 213) Sie stehen für das Lustprinzip, das Männer wie Cherubino beseitigen wollen, weil es ihnen Angst macht. Entsprechend haben die Mobilen eben auch keine Angst, auch nicht vor der Brutalität der „Mäntel“ oder der Macht der Eliten (vgl. S. 212). Sie durchbrechen das körpergepanzerte Männlichkeitsideal, wenn sie sich über das ideologische Staatsoberhaupt Spiro lustig machen, indem sie „Mutter-Vater“ rufen und damit die Grenze zwischen Männlichem und Weiblichem auflösen, oder wenn sie ein Denkmal Spiros travestieren, indem sie seine Lippen und Wangen rot anmalen (vgl. S. 213).

So kommt es nicht von ungefähr, dass schließlich ein Konflikt zwischen Mobilen und Partei entstehen muss, der dazu führt, dass die ungeordnete Masse der Mobilen praktisch abgeschlachtet wird. Eine Rolle spielt dabei u.a. die Soldatin Rhonda, ein Theweleitsches „Flintenweib“: Sie schlägt einem Mobilen den Kopf ab (vgl. S. 272f.), denn „[i]hre Tätigkeit ist eine kastrierende: Hälse, Nasen, Ohren – alles was hervorsteht – wird von ihnen [den Flintenweibern] abgeschnitten.“ (Theweleit: Männerphantasien, Bd. 1, S. 80), und sie wird von Männern gedemütigt und ist als Soldatin und „Braut des Volkes“ (vgl. S. 215) verpflichtet, allen ranghöheren Soldaten sexuell zu Diensten zu stehen, denn sog. „Flintenweiber“ als weibliche Aggressoren werden typischerweise auf irgendeine Weise degradiert, häufig zur „Hure“ erklärt, denn ihre Seinsweise „macht sie einerseits zu Objekten männlicher Verfügung, andererseits aber ungebunden, mächtig, gefährlich – besonders in Zeiten zusammenbrechender politischer ‚Ordnung‘.“ (Theweleit: Männerphantasien, Bd. 1, S. 83)

Eine mächtige, aggressive Frau muss Männer ängstigen – bezeichnenderweise findet Ambrosio sie dagegen zunächst durchaus anziehend, erst im Moment der Gewaltausübung jagt sie auch ihm verständlicherweise Angst ein. Und: Vor diesem Hintergrund – dass das Abschlagen des Kopfes eine Kastration bedeutet – ist es doch interessant, dass das Denkmal Spiros, das im Roman eine wichtige Rolle als Treffpunkt der Jugendlichen spielt und auch auf dem Buchcover zu sehen ist, eben ein abgeschlagener Kopf des ideologischen Staatsoberhauptes ist.

Meta-Meta-Meta

Vermutlich würde man, wenn man mehr Theweleit gelesen hätte als ich, noch viel mehr entdecken, und gerade das ist doch wirklich beeindruckend: Dass ein Roman, der so unaufgeregt, so schlicht daherkommt, als wollte er gar nichts Neues, sondern nur malwieder vom Totalitarismus erzählen, in Wahrheit so wahnsinnig konsequent und komplex und mehrschichtig ist. Man kann den Roman ohne Theweleit lesen: Dann liest man einen gut erzählten, gut geschriebenen, oft auch witzigen Roman über einen jungen Mann in einem totalitären Regime, der ein bisschen ein guter Typ, aber eben auch ein bisschen ein Egoist („Autist” im Sinne Theweleits) ist und einfach nur ein gutes Leben will – und wenn man aufmerksam liest, wird man vermutlich auch ohne Theweleit merken, dass es hier ganz massiv auch um Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit geht. Und darum, dass es im Alltag vielleicht keine Helden gibt, aber dafür kann es manchmal Freundschaft, Zärtlichkeit, Liebe und Vertrauen geben, und das ist dann schön. Und wenn es sie nicht gibt, dann ist es schlimm.

Der Roman hat schon auf den ersten 100 Seiten ein paar kleine Längen – das ist aber für einen Roman, der ein ganzes Land mit eigenem politischen System entwirft, nicht ungewöhnlich, das hat man auch in all den Büchern, die wirklich Dystopien sein wollen. Sobald Ambrosio dann in Einflussbereich Cherubinos ist, zieht die Handlung an und dann hat sich auch das.

Mit Theweleit hat man vermutlich mehr Spaß am Roman, weil es dann wirklich viel zu INTERPRETIEREN gibt. Und an einigem rätsle ich auch noch herum: Zum Beispiel warum Bilder von Ilja Repin erwähnt werden (vgl. S. 40f.). Da kann man länger drauf rumdenken, und wenn man das mag, sollte man „Die Fahne der Wünsche“ schon mal lesen. Es ist doch spannend, wie hier aus einer Theorie, die maßgeblich auch aus Literatur erarbeitet wurde, wieder Literatur gemacht worden ist – nur diesmal eben kritisch reflektierte Literatur, mit der man darüber nachdenken kann, wie totalitäre Strukturen in männliche Psyche eingeschrieben werden, statt Literatur, die diese Strukturen unkritisch reproduziert. Vielleicht ist das ein Meta-Roman. Eben kein Cover, eher sowas wie ein Meta-Cover-aber-so-dass-was-ganz-eigenes-dabei-rauskommt. Aber schön, dass sowas komplexes geschrieben wird, und schön, dass ein Verlag sowas dann auch wirklich macht. Alles sehr schön!

tl;dr: Beeindruckend konsequent gedacht, beeindruckend gelungen umgesetzt – es ist wie beim Sport: Es ist halt erst richtig gut, wenn etwas sehr schwieriges sehr leicht wirkt. Und in diesem Roman steckt wahnsinnig viel theoretischer Unterbau, der trotzdem die Handlung nicht schwer werden lässt. Ich hatte großen Spaß.

[Beitragsbild von asoggetti auf unsplash.com]

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Tschick im Coby County, Faserland – Thomas Klupps “Wie ich fälschte, log und Gutes tat”

Wenn ein Autor neun Jahre nach seinem literarischen Debüt erst seinen zweiten Roman veröffentlicht, liegen zwei Reaktionen nahe. Man fragt sich vielleicht erstens, warum es so lange gedauert hat und man ruft sich zweitens noch einmal ins Gedächtnis, was es mit dem damaligen (ersten) Roman auf sich hatte. Die erste Frage lässt sich vermutlich leicht beantworten. Das Hildesheimer-Urgestein Thomas Klupp unterrichtet seit 2007 an dem Institut, an dem er selbst den Studiengang Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus studierte, und es ist somit naheliegend, dass er mehr damit beschäftigt ist, anderen das Schreiben beizubringen als selbst zu schreiben, warum auch nicht? Die zweite Frage, worum es denn im 2009 erschienen Paradiso noch einmal ging, ruft zunächst Erinnerungen an eine Roadnovel hervor: Alex Böhm will per Mitfahrgelegenheit zum Münchner Flughafen und landet schließlich nach vielen Irrwegen in seinem oberpfälzischen Heimatort Weiden und verschwindet beinahe holden-caulfield-mäßig im Roggenfeld. Soweit so gut. Wie wurde dieser Roman damals aufgenommen, fragt man sich als nächstes. Also noch einmal eine Rezension zu Thomas Klupps Erstling aus den Tiefen des Internets hervorgeholt. Dort heißt es:

„Klupp versteht sein Handwerk. “Paradiso” enthält alles, was ein gebrochener Ich-Erzähler auf der Suche nach sich selbst braucht: Provinz, Pubertät, Pickel. Es geht um Frauen und Drogen, um Weltekel und um literarische Erfahrungen.“

Hier könnte man zum ersten Mal stutzen, denn auch in Klupps neuem Roman Wie ich fälschte, log und Gutes tat (Berlin Verlag, 2018) erzählt ein junger Ich-Erzähler, 16 Jahre alt, von seinen pubertären Wie ich fälschte, log und Gutes tatProblemen in der Provinz. Pubertäre, männliche Ich-Erzähler haben immer Probleme mit Frauen und Drogen in der Provinz. So eben auch Klupps neuer Protagonist Benedikt Jäger. Er ist wie gesagt 16 Jahre alt, spielt sehr gut Tennis, nimmt Drogen und hat seit Neuestem eine Freundin. Zumindest sind die beiden zusammen, was in diesem Fall heißt, sie will, dass alle denken, sie habe einen Freund, weswegen sie und Benedikt ständig sichtbar knutschen.

Fälschen und Vorspielen – Alles ist fake

Und damit sind wir auch schon bei dem Hauptthema des neuen Romans: das Fälschen und Vorspielen. Benedikt Jäger, den seine Freunde häufig Dschägga nennen, ist ein Meister des Lügens und Fälschens. Er fälscht nicht einfach nur Unterschriften seiner Eltern auf Klassenarbeiten, er fälscht sogar die Klassenarbeiten, nachdem er sie zurückbekommen hat, um seinen Eltern gute Noten präsentieren zu können und entwickelt sich dabei zum regelrechten Profi im Fälschen. Aber immer der Reihe nach. Benedikt Jäger lebt in – na, wo? – richtig, in Weiden in der Oberpfalz, er geht auf das Kepler-Gymnasium und spielt sehr erfolgreich Tennis. So erfolgreich, dass er und seine Mannschaftskameraden lokale Berühmtheiten werden und für eine Antidrogenkampagne auf Plakatwänden herhalten müssen. Das ist natürlich auch nur Fassade, da die Jungs selbstverständlich in der Provinz-Disse Butterhof saufen wie die Löcher, kiffen und gelegentlich auch ein bisschen Crystal Meth rauchen – bayrisch-tschechisches Grenzland eben. Peu à peu schält sich aus dem narrativen jugendlichen Gelaber von Benedikt heraus, worum es in dem Roman geht: Alle in Weiden, vom Protagonisten selbst, über den Besitzer der Dorfdisko, Crystalmäx (!), über die Mutter des Protagonisten, bis hin zum Kepler-Gymnasium, haben eine perfekt glänzende Fassade, hinter der es ganz anders aussieht: alles ist fake. Crystalmäx gibt sich als Wohltäter und kassiert Spenden für Wohnungen für Geflüchtete, während er Drogen schmuggelt und andere krumme Geschäfte tätigt. Benedikts Mutter bezahlt ihren Sohn dafür, dass er sie anruft, wenn Freundinnen da sind, damit sie dann weltgewandt so tun kann, als würden Bekannte aus Frankreich oder Italien anrufen und am Kepler-Gymnasium sollen die Schüler in den sogenannten MINT-Fächern nach oben korrigiert werden, damit die Schule in die Exzellenzinitiative hineinkommt – alles fake oder wie der Erzähler es selbst sagt, als er seine Stadt aus der Vogelperspektive sieht:

 „Und die Ansicht darauf sah beschissen aus. Also nicht die Ansicht selbst. Die war okay. Sondern das, was darunter lag. Oder dahinter. Oder wo auch immer. Diese aus der Tiefe emporwuchernde Fälschung, dieses Trugbild, das mein Leben war.“ (17)

Benedikt Jäger ist ein Anti-Felix Krull. Zwar auch ein Blender, aber während Thomas Manns bekennender Hochstapler seine Mitmenschen durch eloquentes Reden, das die Leere hinter seinen Aussagen in blumigen und sprachgewandten Sätzen versteckt, hinters Licht führt, ist Klupps Protagonist eher ein Meister der Dokumentfälschung. Zwar auch unheimlich gut im Reden, aber längst nicht so stilsicher wie Krull, schnoddert Benedikt einfach drauflos. Die literarische Referenz für Klupps Blender ist auch der schillernde und schrille Jay Gatsby – vermutlich die Baz Luhrmann Version – , über den Benedikt einen Aufsatz in Englisch schreibt.

Überdeutliche Parallelen

Nachdem man dieses Thema als den Kern des neuen Romans von Thomas Klupp ausgemacht hat, kann man noch einmal zurückkehren zu Paradiso. Genauer gesagt, man kann sich überlegen, was neben Roadtrip das Thema dieses Romans war. In einer Rezension der Süddeutschen Zeitung hieß es damals:

„Alex Böhms Leben ist eine Kette von bewussten Täuschungen. Ob er seine Freundin per SMS in die Irre führt, seinen besten Kumpel hintergeht oder eine Frau in der Kneipe sitzen lässt, während er sich aus dem Klofenster davonstiehlt – Alex Böhm lügt und betrügt nicht nur, wie es ihm gefällt, sondern auch, weil es ihm gefällt.“

Der Protagonist von Klupps Debüt im Jahr 2009 log und betrog also gerne, sein Leben war „eine Kette von bewussten Täuschungen“ und ein bisschen Literaturreferenz ist auch mit drin. Es wird deutlich, worauf ich hinaus will? Die Parallelen zwischen den beiden Romanen treten sehr deutlich zutage. Man mag einwenden, dass Benedikt Jäger mehrmals betont wie ungern er fälscht und betrügt, aber er tut es immer wieder und sein wiederholtes Beteuern, er würde damit aufhören, glaubt man ihm wirklich nicht.

Viele Gemeinsamkeiten finden sich also zwischen Klupps beiden Romanen – ein paar zu viele kann man sagen. Aber lässt sich das gut lesen? Jein! Es liest sich so schnell wie das sprichwörtliche Messer durch warme Butter geht, durchaus unterhaltsam und am Ende kommt sogar ein bisschen Spannung auf, bei der man merkt, dass Klupp wirklich schreiben kann. Was aufstößt ist der gewollt jugendliche Ton des Erzählers. Da wird die Bag gezippt, da wird abgehasst, da gibt es den Ultraflash nach Crystal-Konsum, den man aber am Morgen mit Kieferfasching bezahlen muss – manchmal klingt der Erzähler als wäre er dem Alptraum der Jugendwort-des-Jahres-Liste entsprungen. Gleichzeitig taucht irgendwann das Wort fickrig auf, das mir sonst vorrangig in der Alternativliteratur der 70er Jahre unter die Augen gekommen ist. Was dann wiederum durchaus realistisch wirkt sind pseudpoetische Passagen wie diese:

„Silbriges Mondlicht fiel von jenseits des geborstenen Türrahmens in den Raum, den wir vorsichtigen Schrittes durchquerten, um in einen von Fenstern gesäumten Gang einzubiegen.“ (100)

So klingen – das weiß ich aus eigener schamvoller Erfahrung – 16jährige wirklich, wenn sie versuchen poetisch zu werden. Dass Klupp in Wahrheit aber keine Ahnung vom Leben der 16jährigen im Jahr 2018 hat, zeigt sich dann leider wiederum daran, dass Benedikt Jäger intensiv Facebook nutzt. War Facebook vielleicht vor 5-10 Jahren, als Klupps Protagonist gerade in der Grundschule war, noch ein wichtiger sozialer Faktor, so ist das soziale Netzwerk heute nicht nur eines von vielen, es ist auch bei den heute 16jährigen kaum noch in. Erst recht nicht, wie Klupp es beschreibt, als Gradmesser des eigenen Status in der peer-group – Benedikt freut sich über 56 neue Freundschaftsanfragen, nachdem er durch die Antidrogenkampagne berühmt wurde, während seine Kumpels deutlich weniger haben. Die Nutzung von Facebook wäre jetzt nicht das Problem, aber da Instagram, Snapchat und andere soziale Netzwerke gar nicht erwähnt werden, entsteht der Eindruck, dass Klupp einfach nicht weiß, was bei den Kids heut so abgeht. Ähnlich sieht es beispielsweise auch bei den Serien aus, Benedikt schaut Game of Thrones, Breaking Bad und Homeland – niemand schaut mehr Homeland!
Alles zusammengenommen: Das Thema und der Ort der Handlung, die nahezu identisch sind mit Paradiso, die gestelzt und falsch wirkende Jugendsprache, die offenbare Unkenntnis eines Anfang 40jährigen das Leben der heute 16jährigen betreffend, all das lässt Wie ich fälschte, log und Gutes tat unfertig erscheinen, nicht richtig durchgegart.

Gutes Thema, aber…

Dabei ist das Thema per se kein schlechtes und die perfekte Oberfläche einer angekratzten Welt ist auch schon wesentlich schlechter dargestellt worden als von Klupp, der es schafft das Thema Scheinwelt ohne aufdringliche Klischees darzustellen und dabei ein paar Seitenhiebe auf Pseudowohltätigkeit einbaut, die durchaus ihr Ziel treffen. Dass er sich dabei erstaunlich wenig an die Fake-Welt der sozialen Medien herangetraut hat, spricht vielleicht dafür, dass er weiß, wie schnell man dabei in die Klischeekritikfalle tappt, das führt aber leider dazu, dass man dem Roman die Umwelt seines Protagonisten nicht so wirklich abnimmt.

Was ist dieser Roman also geworden? Die Jugendsprache hat man schon besser bei Wolfgang Herrndorfs Tschick umgesetzt gesehen, die dürfte zwar inzwischen auch wieder überholt sein, aber damals war sie nah dran. Die Kritik an einer schönen Fassade, hinter der der Dreck lauert, zeigt sich auch bei Leif Randts Romanen und das unzuverlässige Erzählen eines lügenden Protagonisten findet sich auch ein bisschen bei Faserland. Thomas Klupp hat also einen modernen Schelmenroman über einen eigentlich gutherzigen, jungmännlichen Lügner geschrieben – wie auch schon 2009.

Wie ich fälschte, log und Gutes tat ist somit ein unspektakulärer, aber witziger, manchmal kluger Roman geworden, der sehr gegenwärtig sein will, daran aber leider scheitert und insgesamt wirkt als hätte der Autor besser noch etwas mehr Recherche und Feinarbeit investiert, aber dafür war dann vielleicht doch schon zu viel Zeit seit dem letzten Roman vergangen.

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Die sogenannte Wiedergabe der sogenannten Welt. Ein paar Gründe gegen Geschichten

Neben einem perfekt geschürten Feuer sitzt Reinhold Messner, vor ihm die Besucher, hinter ihm die Bergmassive. Alles ist auf ihn ausgerichtet, denn es ist wieder Zeit für eines der „Gespräche am Feuer“, bei denen Messner, so steht es in der Ankündigung, „von seinem Leben erzählen“ wird. Aber diese ganz besondere Retrotopie gibt es nicht umsonst. Der Eintritt kostet 20 Euro für Erwachsene, dann aber ist man dabei, wenn der alte weise Mann auf der hauseigenen Burg Sigmundskron bei Bozen den Unwissenden und Daheimgebliebenen vom Unerhörten dort draußen erzählt.

Die Szenerie wirkt, als sollten in der Abgeschiedenheit Südtirols die ersten Sätze aus Walter Benjamins Aufsatz „Der Erzähler“ von 1936 widerlegt werden: „Der Erzähler – so vertraut uns der Name klingt – ist uns in seiner lebendigen Wirksamkeit keineswegs durchaus gegenwärtig. Er ist uns etwas bereits Entferntes und weiter noch sich Entfernendes.“ Anschließend unterscheidet Benjamin zwischen dem vormodernen Erzähler, der aus einer mündlichen Tradition stamme und „Kunden aus der Ferne“ brächte, und dessen modernem Nachfolger, der uns in Romanen entgegentrete, ohne aber die organische Nähe herzustellen, die einst von der Figur des Erzählers ausgegangen sei.

Messners Lagerfeuer-Abende sind in diesem Sinne anti-moderne Reenactments dieser alten Erzähltradition: ein Mann, eine Stimme, große Augen, offene Münder. Und die Smartphones, die nahezu von jeder Kunde aus jeder Ferne berichten könnten, sind auf Burg Sigmundskron sicherlich auf lautlos bzw. Flugmodus geschaltet. Lieber gibt man sich dem archaischen Ritual hin, das ein starkes Bedürfnis zu bedienen vermag: lebensnahes Material zu liefern sowie die Möglichkeit, dabei zu sein, wenn ein großer Bogen gespannt wird.

„Facts tell, stories sell“

In der Erzähltheorie wird diese Funktion als Kontingenzbewältigung bezeichnet. Erzählungen helfen, so der Germanist Albrecht Koschorke in seinem Standardwerk Wahrheit und Erfindung, Erlebtes sinnvoll zu bündeln, um nicht an der Willkür einer kalten Welt zu zerschellen. Laut dem Philosophen Alasdair MacIntyre sind wir denn auch „storytelling animals“, die durch Narration Sinn in die Welt setzen. Kurzum: Geschichten helfen uns seit jeher, klarzukommen.

In seinem Essaybuch Portrait des Managers als junger Autor hat Philipp Schönthaler nachgezeichnet, wie aus dieser anthropologischen Konstante ein ökonomisches Prinzip geworden ist. Er zitiert unter anderem Tham Khai Meng, der als Worldwide Chief Creative Officer einer erfolgreichen Werbeagentur arbeitet und Kampagnen für Coca-Cola und Greenpeace betreut hat: „Ich glaube, es gibt ein Gewerbe, das noch älter als die Prostitution ist. Es gehört zu unserer täglichen Arbeit: Storytelling.“ Und James Carville und Paul Begala bringen die Verschmelzung von Wirtschaft und Erzählen in ihrem Manager-Ratgeber auf eine prägnante Formel: „Facts tell, stories sell.“

Dass die Story längst zu einer Konsumkategorie geworden ist, ist seit einigen Jahren an jedem Bushäuschen und in jeder Werbepause zu sehen und zu hören: Lotterie-Unternehmen und Krankenkassen brüsten sich auf Plakaten damit, ganz besondere Geschichten zu ermöglichen: Erst diejenige, die eine schwere Krankheit überwunden hat, kann und darf erzählen. Und nur derjenige, der im Lotto gewonnen hat, ist auserkoren, seine Geschichte zu teilen. Gesunde oder Arme kommen in dieser Betrachtung nicht vor. Sie zählen nicht, weil sie vermeintlich nichts zu erzählen haben.

Wenn diese Unterscheidung zwischen erzählenswerten und -unwerten Erfahrungen auf die Praxis des eigenen Lebens übertragen wird, setzt eine Selbstdisziplinierung ein. Die Wertigkeit eines Augenblicks misst sich dann an dessen Erzählbarkeit, die wiederum durch zwei Kriterien bestimmt wird: Erfolg und Effizienz. In diesem Sinn ist die „Story“-Funktion, wie sie User und Userinnen bei Instagram, Facebook und Snapchat nutzen, mehr als nur die Bezeichnung für ein technisches Feature. Es geht vielmehr um eine grundsätzliche Operation, durchgeführt am öffentlichen Selbst. Mit jeder „Story“ wird narrative Optimierung betrieben. Letztlich begreift man sich selbst als jemanden, der erzwungen-kreativ die eigenen Erfahrungen als Ressource versteht, um sich ego-erzählerisch die bestmögliche Geschichte abzutrotzen. Wer dem gegenwärtigen Hype um Memoirs, semi-biographische Bücher und autofiktionale Texte nachgehen will, kommt nicht umhin, diese Phänomene zu berücksichtigen und kritisch zu hinterfragen.

Diachroniker versus Episodiker

In seinem Aufsatz Against Narrativity von 2004 polemisiert der Literaturkritiker und Philosoph Galen Strawson nun gegen die Vorstellung, jedes Leben sei narrativ organisiert und jede Biographie sei letztlich als eine Erzählung zu begreifen. Insbesondere wehrt er sich gegen die ethische Implikation, dass nur ein erzählbares und erzähltes Leben als ein gutes gelte. Anschließend unterscheidet er zwischen diachronischer und episodischer Selbsterfahrung. Erstere bestünde darin, sich selbst auf einer Zeitlinie zu betrachten, die Vergangenheit als erfahrene Prägung und die Zukunft als noch zu erfahrende Prägung zu verstehen. Das Leben wird zum Plot mit einem Vorher und Danach. „Episodiker“ hingegen tendieren zu einem punktuellen Weltverständnis. Sie verorten sich nicht auf einer Zeitachse, Früheres und Zukünftiges haben für sie keine Relevanz.

Diese zwei „temporalen Temperamente“ unterscheiden sich Strawson zufolge auch in der Art, wie sie ihr Erleben konzeptualisieren. Indem die Forschung, sei es in Philosophie, Erzählwissenschaft, Psychologie oder Soziologie, nahezu exklusiv die bio-narrative These vertrete, würde der Welterfahrungsmodus der Episodiker als mangelhaft, ja, falsch gebrandmarkt. Dabei sei Strawson, der sich zu den Episodikern zählt, der Meinung, dass er glücklicher als viele andere sei mit seinem „truly happy-go-lucky, see-what-comes-along“-Leben.

Das Leben, eine rhetorische Illusion

Mit diesem psychologischen Veto gegen das Storytelling steht der britische Kritiker Strawson längst nicht allein. Bereits 1986 veröffentlichte der Soziologe Pierre Bourdieu einen Aufsatz mit dem Titel L’illusion biographique. Auf wenigen Seiten skizziert er, dass die Etablierung einer sozialen Identität einhergehe mit der Konstruktion einer Lebensgeschichte – mit allem, was dazugehöre: Die Lebensgeschichte muss chronologisch und logisch sinnvoll sein, sie soll linear und zielstrebig voranschreiten und eine identitäre Kohärenz behaupten. Tatsächlich bestünde hierbei aber die Gefahr, „sich einer rhetorischen Illusion zu unterwerfen“, einer „trivialen Vorstellung von der Existenz“ als Geschichte. An einer Stelle spricht Bourdieu dann auch von einem Gegenmodell, von der „Anti-Geschichte“, die sicherlich auch dem Episodiker Galen Strawson zusagen dürfte.

Als Soziologe interessiert sich Bourdieu aber nicht nur für den Einzelfall, sondern für dessen Einbettung in ein größeres, systematisches Ganzes. Wer sich anschaue, wie sich Menschen artikulierten, dem würde auffallen, dass sie „spezifischen Zwängen und Zensuren“ ausgesetzt seien. So geht man in der Darstellung der Lebensgeschichte konform mit den Anforderungen und Ansprüchen des Systems. Man normalisiert sich und versucht einen Standard zu erfüllen, um „dem offiziellen Modell der offiziellen Selbst-Präsentation“ zu entsprechen. Alle Geschichten beginnen, sich zu gleichen. Das erschütternd Außergewöhnliche wird zum Makel, nicht zum Bonus.

Auch Philipp Schönthaler merkt in seinem Essay kritisch an, dass die Allgegenwart von Erzählungen nicht nur ein Segen ist. Deren literarische Lizenz, nicht so genau zwischen Erfundenem und Gegebenem unterscheiden zu müssen, habe immer schon dazu eingeladen, Geschichten propagandistisch aufzuladen und sie an jenen Stellen einzusetzen, an denen Argumente und faktisches Wissen ihren Dienst versagen. Auch verweist Schönthaler auf den Schriftsteller und Professor für Anglistik James Phelan, der von einem „narrativen Imperialismus“ in der Wissenschaft spricht. Nahezu alle Disziplinen hätten sich dem narrativen Paradigma angeschlossen, ganz so, als sei außerhalb der Narration von Welt und Leben nichts mehr zu haben.

„Life alone is enough“

Es gibt also gute Gründe, skeptisch zu sein gegenüber der mal suggestiven, mal disziplinierenden Macht von Geschichten. Nicht umsonst hat sich Thomas Bernhard zum „Geschichtenzerstörer“ stilisiert. Wenn er „in der Ferne irgendwo hinter einem Prosahügel die Andeutung einer Geschichte auftauchen“ sähe, dann schieße er sie ab. Und Paul Nizon brandmarkt Geschichten als „Anschläge auf das Leben“ und „Anbiederungen“, die dazu dienten, das Leben „abzuziehen oder abzufüllen und in Tüte, Schachtel oder Wort mitzunehmen“. Resignativer klingt wiederum Samuel Beckett: „A story is not compulsory, just a life, that’s the mistake I made, one of the mistakes, to have wanted a story for myself, whereas life alone is enough.“

Mit ihren Aussprüchen passen diese Autoren in eine Schematisierung, die die öffentliche Debatte in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Die Postmoderne wird zur Zielscheibe, und mit ihr werden schriftstellerische Figuren, die die Postmoderne literarisch befeuern, zu „Pappkameraden“, an denen Schießübungen stattfinden: Dieser Schlag von Theoretikern und Künstlern habe, so der Vorwurf, eine fundamentale Unsicherheit über die Gesellschaft gebracht. Sie hätten den Menschen jegliche weltanschauliche Verbindlichkeit und kategoriale Stabilität genommen. Mit der Wunderwaffe des „Konstruiert-Seins“ wirkten sie letztlich zersetzend. Wie, es braucht keine Geschichten mehr? Wie, Wahrheit als Absolutes lässt sich nicht dingfest machen? Dementsprechend sei dieser postmodernen Bedrohung ein Essentialismus entgegenzusetzen, der alte Werte als neue Rettung einbringe: das Reale, das Natürliche, der unantastbare Kern. Es gibt Nationen, es gibt Rassen, es gibt Realität. Und freilich gibt es auch Geschichten, die von alledem künden. Wieso bloß all die Brüche und Relativierungen und Uneigentlichkeiten? Stattdessen brauchen wir wieder richtige Erzähler, wahrhaftige Benenner. Just an dieser Stelle werden dann aus erzähltheoretischen Überlegungen politische Fragestellungen.

Denn eine Gegenwartsliteratur, die ihre Intelligenz größtenteils darauf verwendet, eine soziale Realität möglichst getreu abzubilden, hat für die hier aufgezeigten Problemlagen keinen Blick. Solchen Romanen, wie sie gerade zuhauf auf den Buchmarkt geworfen werden, entgeht, dass ihr schriftstellerisches Kerngeschäft problematisch geworden ist, etwa durch die skizzierte ökonomische Indienstnahme von Narrationen. Ebenso bleiben diese Romane blind dafür, dass sie mit ihrem naiven Realismus einem anti-modernen Zeitgeist in die Hände spielen und sich für fragwürdige politische Andock-Manöver bereitstellen können. Stattdessen fühlen sich ihre Autorinnen und Autoren von einem Feuilleton geschmeichelt, das sie aus exotistischen Gründen hofiert, Stichwort: Authentizität und ein Dunkle-Gesellschaftsecken-für-die-Kulturjournalisten-Ausleuchten (hier, ab 03:14) Wegen alledem ist der untertheoretisierte Realismus, auch „Inhaltismus“ genannt, weit mehr als eine nur harmlose saisonale Erscheinung, sondern ein Symptom dafür, wie wenig Ahnung bemerkenswert viele Autoren und Autorinnen haben, wenn sie erneut zur sogenannten Wiedergabe der sogenannten Welt ansetzen.

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