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Kategorie: Allgemein

Alles super in der Abstiegsgesellschaft! (feat. Kathrin Weßling: „Super, und dir?“ und Oliver Nachtwey: „Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne“ und ein paar andere)

[es gibt auch viele extralange Zitate und extrawenig Absätze, juhu!]

Vor ein paar Monaten habe ich einen recht länglichen Blogbeitrag über die Frage geschrieben, welche Strukturen dafür sorgen, dass Autorinnen aus der Literaturgeschichte verschwinden – ein nicht unerheblicher Faktor dabei ist, dass Bücher von Autorinnen seltener besprochen werden, und wenn sie überhaupt besprochen werden, dann häufig in Sammelrezensionen. Entsprechend schade finde ich es, dabei zuzuschauen, wenn genau das passiert: Dass ein Buch einer Autorin von fast allen Feuilletons größerer Tages- oder Wochenzeitungen gar nicht erst angefasst wird, während ein Buch eines Autors von vergleichbarer Qualität lauter positive Rezensionen bekommt.

Ich habe selbst „Hochdeutschland“ von Alexander Schimmelbusch besprochen und empfohlen, weil es interessante und wichtige Problemlagen gelungen verhandelt, wenn auch nicht literarisch gelungen – denn dass hier vieles gar nicht erst zu Ende erzählt wird, dass viele Stellen sprachlich schlecht und das Dazwischenklatschen dieses „Manifestes“ zwischen die Handlung literarisch eigentlich eine Frechheit ist, sollte ja offensichtlich sein. Trotzdem ist es ein gutes Buch, es ist eben ein Thesenroman. Genauso wie „Super, und dir?“ von Kathrin Weßling ein gutes Buch ist, das ebenso gesellschafts- wie kapitalismuskritisch ist wie „Hochdeutschland“, genauso drängende gegenwärtige Probleme anpackt und benennt, dabei wirklich ein ganzes Stück besser erzählt ist, hier und da aber ein bisschen redundant geschrieben (die sprachlichen Schleifen sind aber als Gedankenschleifen im Text überzeugend) und sprachlich halt nicht Avantgarde ist (ja, und?). Aber wenn Bücher halt einfach gut erzählt sind, ist das ja eher ein Manko, hat man manchmal den Eindruck, das ist erst dann in Ordnung, wenn sie aus dem angelsächsischen Bereich übersetzt worden sind – ein deutschsprachig geschriebener Roman dagegen, der halt einfach eine Geschichte erzählt ohne irgendwelchen Schnickschnack, noch dazu von einer jungen Frau über eine junge Frau geschrieben worden ist, das muss ja Quatsch sein dann, da schreiben wir lieber keine Besprechungen darüber, Nein, Nein, Nein, aber bei „Hochdeutschland“ tun wir so, als wäre es eine Offenbarung, auch wenn es der schlechter geschriebene Roman ist. Es ist doch zum Mäuse melken.

„Hochdeutschland“ von Alexander Schimmelbusch ist natürlich nach wie vor ein gutes Buch. Genauso wie „Super, und dir?“ von Kathrin Weßling, die hier in von mir zumindest noch nie gelesener Genauigkeit und Drastik von den Problemen von Kindern aus der Mittelschicht in der Abstiegsgesellschaft erzählt.

Oliver Nachtwey beschreibt in seinem Essay „Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne“, was eine Gesellschaft prägt, deren Phase der „sozialen Moderne“, die in den 1970ern mit dem Wechsel zum Postfordismus einsetzt, von Wachstum und der vergleichsweise hohen sozialen Mobilität vor allem auch auf Grundlage von Bildungsexpansion geprägt war, seit der Agenda 2010 vorbei ist und zu einer Phase der „regressiven Moderne“ geworden ist. Nachtwey modifiziert hier Ulrich Becks Begriff der „reflexiven Moderne“: Während die „reflexive Moderne“ dadurch gekennzeichnet war, dass sie im Zuge des Fortschritts Folgen verursacht hat, die ihr Anliegen unterlaufen – man baute Atomkraftwerke, weil man saubere Energie wollte, und bekam Tschernobyl – zeichnet sich die „regressive Moderne“ dadurch aus, dass sie hinter ein zuvor erreichtes Maß an sozialer Integration zurückfällt. Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Solidargemeinschaft bröckeln, neue Klassen und vor allem neue Formen des Prekariats/der Unterschichtung entstehen, die allerdings zu keiner Solidarisierung fähig sind, da sie gleichzeitig eben unterschiedlichen Schichten angehören – das journalistische Medienprekariat solidarisiert sich eben nicht mit Zeitarbeitern am Fließband, auch wenn beide von ähnlichen Arbeitsstrukturen ausgebeutet werden –, soziale Mobilität stagniert ebenso wie Umverteilung: Immer mehr Menschen haben immer höhere Bildungsabschlüsse, die immer weniger wert sind, vor allem nicht unbedingt zu mehr Einkommen und also mehr sozialer Sicherheit führen, während Kapitalzuwachs vor allem dort stattfindet, wo bereits Kapital zu finden ist: bei den Vermögenden.

In der Konsequenz sehen sich junge Arbeitnehmer seit den Agendareformen, die zahlreiche Arten atypischer Beschäftigungsformen ermöglicht und erleichtert haben, insbesondere die grundlose Befristung von Arbeitsverträgen, einer Arbeitswelt gegenüber, die eigentlich nicht mehr mit dem Leistungsdenken der alten Mittelschicht bewältigbar ist. Junge Leute kämpfen also mit dem Denken von gestern gegen Probleme von heute, gegen einen Arbeitsmarkt, auf dem im „Zuge der regressiven Modernisierung […] die ‚Institutionalisierung von Prekarität‘ vollzogen“ (Nachtwey: Die Abstiegsgesellschaft, S. 137) wurde. Es ist eben nicht mehr jeder seins Glückes Schmied, und wer sich nur genug anstrengt, der wird deswegen noch lange nicht auch was, in einer Zeit der Praktika, der Volontariate, der Freelancer, der befristeten Verträge.

Die Mittelschicht entwickelt entsprechend Abstiegssorgen, die Unterschicht, die die Einschränkung der sozialen Mobilität besonders hart trifft, Abstiegsangst. Die Folge sind neue Protestformen und -bewegungen – Occupy ebenso wie Pegida. Wer eine klare Darstellung der Wurzeln gegenwärtiger Problemlagen und der gefährlichen Folgen des Abbaus des Sozialstaates und der Isolation der Klassen voneinander lesen will und „Die Abstiegsgesellschaft“ von Oliver Nachtwey nicht ohnehin diesbezüglich schon auf dem Schirm hatte, sollte es jetzt lesen, so klar, zusammenhängend und transparent argumentiert (Nachtwey benennt auch klar, wo ihm empirische Belege fehlen) liest man das sonst nirgends.

Schon Bourdieu, wie Nachtwey darstellt, bemerkte, dass prekär (also nicht stabil, sondern unsicher und widerrufbar) Beschäftigte dazu neigen, betriebliche Normen überzuerfüllen, weil sie sich jeden Tag aufs Neue bewerben/bewähren müssen, immer in der Hoffnung auf eine Festanstellung, was sie länger, intensiver und mehr arbeiten lässt (Nachtwey: Die Abstiegsgesellschaft, S. 144). In der Abstiegsgesellschaft nimmt dies noch drastischere Züge an:

„Gerade in einer Gesellschaft, die sich nach wie vor als Aufstiegsgesellschaft begreift, wachsen normative Verunsicherungen, wenn es in der Realität nicht mehr aufwärtsgeht. Viele kennen wahrscheinlich aus ihrer Kindheit die Erfahrung, entgegen der Richtung auf einer nach unten fahrenden Rolltreppe nach oben zu laufen. Das geht selten gut, und falls doch, kommt man mit letzter Kraft auf der nächsten Etage an. In der Abstiegsgesellschaft sehen sich viele Menschen dauerhaft auf einer nach unten fahrenden Rolltreppe. Sie müssen nach oben laufen, um ihre Position überhaupt halten zu können. Es entstehen Abstiegssorgen und ‚Statuskämpfe um Anrechte auf Wohlstand‘ (Vogel 2006, S. 354). Dabei bilden sich mit steigender Häufigkeit ‚anomische‘ Konstellationen heraus, in denen die etablierten sozialen Normen, die eine Voraussetzung für die gesellschaftliche Integration bilden, sukzessive erodieren und an Geltung verlieren (vgl. Berton 1995 [1949]). Wenn Aufstieg nicht mehr möglich erscheint und solidarische Handlungsmöglichkeiten – etwa im Rahmen und mithilfe von Gewerkschaften – entweder kaum existent oder nicht wirksam sind, dann greifen die Menschen verstärkt zu selbstoptimierenden Strategien. Diese laufen auf eine intensivierte, beinahe völlige Hingabe an den Wettbewerb hinaus. Viele Menschen steigern ihre innerbetriebliche Leistungsbereitschaft, arbeiten mehr und entgrenzter, verdichten ihre Tage rund um die Uhr produktiv. Sie verzichten auf Ansprüche an das gute Leben, an die Work-Life-Balance, nehmen Stress und Sinnverlust in Kauf, beschleunigen sich immer weiter. Die eigenen Erwartungen hinsichtlich Autonomie und Selbstentfaltung werden durch ‚die verstärkten Opfer für den Aufstieg konterkariert‘ (Voswinkel 2013, S. 30). Der kulturelle Individualismus wird sparsamer gelebt, man verzichtet zunehmend auf einen marktfernen Hedonismus (z.B. ohne Eile zu studieren).“ (Oliver Nachtwey: Die Abstiegsgesellschaft, S. 165f.)

Von einem Typ der vielen durch atypische Beschäftigungsformen neu entstandenen Prekariate, dem Volontariats-Prekariat, erzählt Kathrin Weßling in „Super, und dir?“ und schafft damit das narrative Gegenstück zu Nachtweys Analyse der Abstiegsgesellschaft. Die junge Protagonistin mit dem Allerweltsnamen Marlene Beckmann – denn ein Allerweltsschicksal ist es ja, das hier erzählt wird – ist dort angekommen, wo sie glaubte, immer hin zu wollen. Sie hat eine Beziehung zu einem Mann, der sie liebt, sie hat ihr Marketingstudium abgeschlossen und einen begehrten Volontariatsplatz in einer bekannten Firma bekommen. Wie sie mehrfach betont, ist das eine „Chance“, für die sie „dankbar“ ist, der neoliberalen Ideologie zufolge muss das Individuum ein prekäres Arbeitsverhältnis nämlich als Chance wahrnehmen, nicht als Form der Ausbeutung, und für diese Ausbeutung hat es dankbar zu sein, um der massiven Abhängigkeit in dieser unsicheren Position den positiven Anstrich des Freiwilligen, Selbstgewählten zu geben. In der individualisierten Gesellschaft hat sich das Individuum nämlich alles selbst zuzuschreiben, es hat es sich ja so „ausgesucht“.

Weil nun Marlene das mittelständische Leistungsdenken die Idee in den Kopf gesetzt hat, dass Arbeit glücklich macht, dass sie eine Form der Selbstverwirklichung ist, statt von Marx zu lernen, dass Arbeit, insbesondere Arbeit die eine extreme Form der Ausbeutung der Arbeitskraft darstellt, bei der kein sinnvolles Produkt entsteht, also entfremdete Arbeit, Selbstentfremdung nach sich zieht, geht sie zunehmend in die Knie. Marlene weiß, dass ihr Job im Online Marketing nicht sinnvoll ist, „[w]ir lassen die Scheiße wie Gold aussehen“ (S. 78), wobei natürlich auch hier die Wahrheit ideologisch vertuscht werden muss („[n]atürlich würden wir das […] niemals so sagen, denn wir sind selbstverständlich Fans all dieser Sachen“, S. 78), genauso wie sie weiß, dass die Firma Massenware für vermasste Menschen produziert, „dass wir lieblose Massenware auf den Markt schmeißen, mit der irgendwie jeder etwas anfangen kann“ (S. 72). Über den Sinn ihrer Arbeit hat sie sich während des Studiums nie Gedanken gemacht (S. 72), sie hat für die Karriere auf Sinn verzichtet. Sie leistet entfremdete Arbeit in einem prekären Arbeitsverhältnis, die nicht Selbstverwirklichung, sondern Selbstaufgabe, Selbstentfremdung bedeuten muss. Und das bringt Weßling auch so auf den Punkt: Marlene leistet „Selbstverwirklichung bis zur Selbstaufgabe“ (S. 121).

Und genau das, also die schrittweise Selbstaufgabe, vollzieht sich dann auch: Vom ersten Tag an ist ihr Job mit Angst verbunden, jeden Tag, wenn sie in die Arbeit fährt, wenn sie ihre Mails öffnet, hat sie Angst – Angst davor, aufzufliegen, es nicht zu schaffen, Angst vor Beschwerden, kurz: Die Angst, die jemand empfinden muss, der jeden Tag so arbeiten muss, als bewerbe er sich neu, die Angst, die eigentlich die Abstiegsangst in einem atypischen Beschäftigungsverhältnis ist: Eben Angst vor dem Abstieg, der auch soziale Desintegration bedeutet. „Jedes Gespräch fühlt sich wie ein Test an, wie eine weitere Aufgabe, die ich erledigen muss. Ich bin mir nicht sicher, was getestet wird“, beschreibt Marlene die Situation bei einem Feierabenddrink mit den Kollegen. Sie hat Angst vor dem Verlust des Jobs, damit des Platzes in der Gesellschaft und also der sozialen Integration, denn das bedeutet es, einen Job zu haben: „ich mache Karriere, ich bin ein wertvolles Mitglied dieser Gesellschaft und trage zum Bruttoinlandsprodukt bei, zahle Steuern und unterstütze die Industrie mit meinem ständigen Konsum von unnützem Zeug. Ich bin ein sehr guter Mensch.“ (S. 54). In der Leistungsgesellschaft – Menschen, die mal Hartz bezogen haben, können ein Lied davon singen – hat der Mensch eben keinen Wert an sich, sondern er hat eine Arbeitskraft, und deren produktiver Einsatz macht ihn wertvoll.

Irgendwann ist die Angst so groß, dass Marlene nicht mehr weiß, was ihr mehr Angst macht: Dass man merkt, dass sie für den Job nicht geeignet ist, oder dass man es nicht merkt und sie ewig so weitermachen muss (S. 147). Und natürlich spricht niemand über die Entlassungen, die stattgefunden haben, denn das, was Angst macht, wird verdrängt, „[e]s sind immer nur die anderen“ (S. 152), stattdessen betont man gebetsmühlenartig (und eine Art Gebet ist es, mit dem Mann die Götter, die Vorgesetzten besänftigen will) die eigene Dankbarkeit für die Chance, sich ausbeuten zu lassen. Noch wenige Wochen vor dem Auslaufen ihres Arbeitsvertrages weiß Marlene nicht, ob sie übernommen werden wird, sie traut sich kaum, nachzufragen, und als sie sich doch überwindet, erhält sie viele nette Worte, aber keine Auskunft – der prekären Ausbeutung wird der Anstrich der Wertschätzung verliehen.

Weil Marlene nun einfach nicht so funktioniert, wie die Werbung und die Ideologie der Leistungsgesellschaft das wollen, weil sie von dem permanenten Druck des atypischen Beschäftigungsverhältnisses völlig erschöpft ist, da sie – wie Nachtwey das beschreibt – gegen eine abwärts fahrende Rolltreppe nach oben rennen muss, entwickelt sie die von Nachtwey beschriebenen anomischen Verhaltensweisen. Es gibt keine Möglichkeit eines solidarischen Zusammenschlusses mit anderen, um für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen, die einzige Person, die mit ihr im selben Boot säße, ist ihre Konkurrentin, die andere Volontärin, nur eine von beiden wird übernommen werden. Also wendet sie das gesamte Sortiment selbstoptimierender Strategien an – sie redet sich Kalendersprüche ein, um sich zu motivieren, sie meditiert morgens, ernährt sich gesund, macht Sport in dem Fitnesscenter, das für Mitarbeiter besondere Konditionen bietet und den Slogan „Du machst nicht Sport, du machst dich glücklich“ (S. 64) propagiert, und als das nicht mehr reicht, nimmt sie eben Drogen. Kokain, dann billigeres Speed tagsüber, manchmal Ritalin, dann abends was zum runterkommen, so optimiert sie sich selbst zu Grunde, hinein in die schönste Abhängigkeit. Sie gibt sich völlig an den Wettbewerb hin, arbeitet ständig über ihrer Belastungsgrenze, 70 Stunden Wochen sind die Regel, Sinnverlust nimmt sie, wie schon erwähnt, in Kauf. Auf Work-Life-Balance verzichtet sie, ihre Beziehung leidet, die entfremdet sich von ihrem Partner, alles im Dienst der Selbstverwirklichung durch Arbeit.

Entsprechend löst sich auch zunehmend die Grenze zwischen Arbeits- und Privatleben auf, eine Grenze, die ohnehin nicht existiert, wie Marlene von ihrem Vorgesetzten mitgeteilt wird. So ist es dann auch nicht verwunderlich, dass dieser ihr, wenn er mit ihr sprechen will, Nachrichten über ihr privates Facebook-Profil schickt, und Marlene sich nicht traut, ihm zu sagen, dass sie das übergriffig findet und dass es sie stört.

„Wie soll ich also Stefan erklären, dass er mir nicht auch noch auf Facebook schreiben soll? ‚Lieber Stefan, ich möchte dich bitten, das letzte bisschen Privatsphäre, das ich habe, zu achten und mir keine Nachrichten im Messenger zu schreiben. Denn seitdem ich in dieser Firma arbeite, habe ich kein Privatleben mehr. An meinem einzigen freien Tag, am Sonntag, schlafe ich nur noch, weil ich so erschöpft bin von der Woche. Deshalb wissen meine Freunde schon gar nicht mehr, wie ich aussehe, na ja, außer, sie rufen mein Facebook-Profil auf, denn da sieht man ja, wie geil es mir geht, wie absolut super alles ist, wie hübsch und dünn und erfolgreich ich bin. Und man kann sich die Bilder angucken, auf denen ich mit Jakob lache und Ausflüge mache und zwischen all meinen Freunden in die Kamera lache, weil wir so viel Spaß haben, weil wir so verdammt viel Spaß haben. Ja, schau dir das an, Stefan, ich bin nämlich ein Mensch, auch wenn das hier sonst keiner mehr ist, weil alle nur noch wie Roboter den immer gleichen Scheiß erzählen: Mir geht es sehr gut, danke.“ (S. 79f.)

War Marx unter anderem davon ausgegangen, dass den Menschen die Arbeit an der Maschine entfremden muss, da sie den Menschen einem maschinellen Arbeitsrhythmus, dem gnadenlosen Funktionieren und immer gleichen Tempo der Maschine unterwirft, so sieht man hier, dass der Mensch auch durch Arbeit zur Maschine, zum Roboter werden kann, ohne dass er an einer Maschine oder am Fließband arbeitet: Einfach dadurch, dass er sich permanent reibungslos funktionierend in den Ablauf im Betrieb einfügen muss. Marlene muss ständig weiterperformen, ihre Fassade aufrecht erhalten, unabhängig davon, wie es ihr geht – und zerstört sich damit psychisch selbst. Verstärkt wird dies noch durch die Fortsetzung solcher Performance im Internet: Auch hier bemisst sich der Wert des Menschen an seiner Leistung, an der Zahl der Likes, die er generieren kann – und so macht Marlene dann, wenn es ihr besonders schlecht geht, ein Selfie von sich, postet dazu irgendein motivierendes Zitat von Hermann Hesse und fühlt sich mit jedem Like ein bisschen besser, ein bisschen wertvoller (vgl. z.B. S. 122).

Damit steht Marlene auch hier ständig unter Valorisierungsdruck, unter dem Druck, bewertet zu werden und sich also beweisen zu müssen, wie Andreas Reckwitz das in „Die Gesellschaft der Singularitäten“ nennt. Die Orientierung an Selbstverwirklichung als normatives Ziel ergibt den

„Imperativ der Selbstentgrenzung: Das spätmoderne Subjekt zieht enorme Befriedigung daraus, nicht ein für alle Mal festgelegt zu sein, sondern in grenzenlosem Aktivismus immer wieder neu noch ganz andere Aktivitäten und Möglichkeiten für sich entdecken zu können – neue Reiseziele, eine neue Sportart, einen anderen Partner, einen anderen Lebensort etc. Das Ziel lautet dann, möglichst viele Potentiale, die in einem schlummern, zu mobilisieren und ihnen zur Entfaltung zu verhelfen. Der Maßstab dieses Lebensstils ist die größtmögliche Fülle des Lebens.
Die Kehrseite der Selbstentgrenzung ist die Selbstüberforderung.“ (Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten, S. 343)

Weil in der Spätmoderne nun die Chancen zur gelingenden Selbstverwirklichung potenziert wurden, wurden auch die Chancen für Enttäuschungen potenziert: „Es ist nur konsequent, dass die Depression in einer Gesellschaftsformation, die […] parallel zu ihren gesteigerten Ansprüchen auch die Enttäuschungsrisiken potenziert hat und zudem für diese wenig kulturelle Verarbeitungsressourcen bietet, zu einem charakteristischen Krankheitsbild wird.“ (Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten, S. 349)

Beruflich wie privat will Marlene alles, weil ihr von der Gesellschaft beigebracht worden ist, dass sie alles erwarten könne, wenn sie nur zu entsprechender Leistung bereit sei: „Ich wurde verarscht, weil alle, einfach alle mir versprochen haben, dass ich nur hart genug zu mir sein muss, nur dünn, fleißig und hübsch genug, nur therapiert und reflektiert genug, nur geil und kinky genug, lieb und cool, gleichzeitig aber auch besonders, dann kriege ich, was ich will, was ich brauche, was mich weiterbringt, was wichtig für meine Persönlichkeitsentwicklung ist.“ (S. 118f.) Die Chancen zur Selbstverwirklichung schlagen um in potenzierte Enttäuschung, die Folge ist Depression, ist Drogensucht, mitverursacht durch hemmungslose Ausbeutung ihrer Arbeitskraft, die zum Burn-Out führt.

Wie Mark Fisher in „Kapitalistischer Realismus ohne Alternative?“ zeigt, sind solche psychischen Erkrankungen also politisch zu verstehen: Sie sind Signum der Spätmoderne und Folge einer entfremdenden, ausbeutenden Arbeitswelt. Indem Kathrin Weßling das zeigt, hat sie einen in seiner gesellschaftskritischen Klarheit so wichtigen und aktuellen Roman geschrieben, den ich so, zu dieser Konstellation, noch nicht gelesen habe, denn in dieser Zuspitzung leistet „Super, und dir?“ ja eine Kritik an Leistungsdenken und Arbeitswelt im Neoliberalismus, wie sie bislang eben auch von „Kraft“ von Jonas Lüscher oder „Hochdeutschland“ von Schimmelbusch nicht vollzogen wurde, diese Romane beschäftigen sich ja mit anderen Zusammenhängen und Problemen. Aber wie der einzelne junge Arbeitnehmer im Zusammenspiel von hohen Erwartungen an sich und das Leben, perkären Arbeitsbedingungen und bürgerlichem Leistungsdenken bis in die Drogenabhängigkeit hinein zerrieben wird, das habe ich so im deutschsprachigen Raum noch nicht gelesen. Und zum Glück ist „Super, und dir?“ zu allem Überfluss noch ein wirklich gut lesbarer Roman, den man zum Zweck der Aufklärung all jenen, die nicht Nachtwey, Reckwitz und Fisher lesen wollen, in die Hand drücken kann: Der Roman erzählt alles, was man über bürgerliche Leistungsideologie zur Zeit wissen muss, um ihr nicht auf den Leim zu gehen, gut erzählt und für jeden nachvollziehbar.

„Ich kriege, was ich will, wenn ich reise, mich selber verwirkliche, in meine Chakren atme und alle sechs Monate zur Zahnreinigung gehe. Wenn ich einmal die Woche zur Therapie gehe, aber auch nur, weil ich mich selber besser kennenlernen will, nicht, weil ich kaputt oder krank bin. Ich habe keine psychischen Probleme, sondern nur eine leichte Anpassungsstörung, ich bin nicht sauer, sondern enttäuscht, ich bin nicht am Ende angekommen, sondern stehe am Anfang einer Reise, ich habe mich nicht verloren, sondern erkunde mich bloß selbst. Ich bin nie wirklich krank, mein Körper will mir damit nur irgendetwas sagen. Ich bin nie müde, sondern strenge mich einfach nur sehr an. Ich bin nie einsam, sondern setze mich nur mit mir selber auseinander. Und ich arbeite nicht, sondern verwirkliche mich.“ (S. 119)

Allerdings – und hier hat der Roman eine Stärke und eine kleine Schwäche gleichzeitig – hat Marlene auch eine Familiengeschichte, die erklärt, warum sie zu der Hochleisterin, die immer über Soll funktioniert, geworden ist. Auch diese Familiengeschichte ist von der Art, wie sie in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur viel zu selten angesichts ihrer statistischen Häufigkeit erzählt wird: Sie handelt vom Ausfall eines Elternteils durch Alkoholismus und den Kompensationshandlungen, die das von einem Kind verlangt, das hier die typische Rolle des „Helden“ unter Alkoholikerkindern übernimmt: Das Kind „funktioniert“ mehr als tadellos, übernimmt die Elternrolle und erbringt Leistungen, auf die die Eltern stolz sein können, um damit sich und die Eltern zu retten, um etwas Freude und Stolz in ihr Leben zu bringen. Das ist häufig und wird selten erzählt, darum ist es gut, dass es hier erzählt wird – allerdings bringt es die Gefahr mit sich, dass Marlenes psychische Zerrüttung damit weniger als strukturell-politisches Problem als vielmehr als familiär-individuelles erscheint, was es nicht ist. Man muss kein Alkoholikerkind sein, um unter die Räder prekärer Beschäftigungsverhältnisse zu geraten. Das wird auch deutlich, es sei denn, man möchte den Roman eben unpolitisch lesen, dann eröffnet die Familiengeschichte natürlich eine Tür, um ihn psychologisch zu lesen. Aber auch das ist dann für die eine oder den anderen vermutlich eine wichtige Lesart.

JA UND JETZT WOLLT IHR SICHER WISSEN, WIE ES WEITERGEHT MIT MARLENE UND OB SIE IHRE BEZIEHUNG RETTEN KANN UND DEN JOB KRIEGT UND DIE DROGENSUCHT LOS WIRD. Verrate ich euch nicht, ihr sollt ja das Buch lesen!

„Super, und dir?“ ist, wie geschrieben, hier und da ein bisschen redundant erzählt, was aber zu den Gedankenschleifen der Figur passt, es ist in einer Sprache, die nahe an der gesprochenen Sprache liegt, geschrieben, die damit nicht unbedingt die literarischste aller Sprachen ist, Fans der Sprache Thomas Manns könnte das stören, – und es ist ein gut erzählter, wichtiger Roman. Es ist ein Roman der Abstiegsgesellschaft. Lest ihn, ich verspreche euch, ihr kommt klüger und kritischer und leider auch betroffen wieder heraus.

(Zitate, auf die nur eine Seitenangabe folgt, beziehen sich auf “Super, und dir?” von Kathrin Weßling.)

(Das Beitragsbild stammt von Wyron A auf unsplash.com)

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Karosh Taha – Beschreibung einer Krabbenwanderung

Ich bin kurzsichtig, trage meine Brille aber nur zum Arbeiten und zum Autofahren. Nicht aus Eitelkeit, sondern weil ich das Verschwommene mag. Mein ganzes Leben ist also wie diese verwischten Fotografien von Gerhard Richter: Alles ist gleich wichtig und gleich unwichtig.

Unsere Augen sind keine Schaufenster, durch die wir einfach hindurchsehen könnten, so dass wir den Gegenstand dahinter genauso sehen können wie er eben ist. Wenn überhaupt, sind unsere Augen verbogene, fleckige Scheiben, durch die wir die Dinge auf je eigene Weise wahrnehmen. Wie wir die Dinge sehen, ist zum einen genetisch bedingt – wenn ich ohne Brille herumlaufe, sieht für mich alles weicher aus als für jemanden, der gar keine Brille braucht –, zum anderen aber stark durch Sozialisation geprägt. Das Sehen selbst ist nicht objektiv, sondern so individuell wie das Sprechen.

„Das unterkomplexe Verständnis des Sehens als wirklichkeitsabbildende Kenntnisnahme und des Sichtbaren als objektive Präsenz verstellt die Einsicht in die konfigurierenden und sinnstiftenden Kapazitäten des Sehvollzugs. Wir sehen nicht durch die Augen, wie durch ein Fensterglas, wir sehen mit ihnen, lautet ein Einwand Donald Davidsons gegen ein instrumentalistisches Verständnis von Sprechen und Sehen. Das Wie der Durchführung entscheidet bei beiden Tätigkeiten über das, was gesehen und gesagt wird. Wenn Sehen die Welt aber genauso wenig abbildet wie Sprechen, dann, weil es wie jenes eine Praxis ist, deren performative Vollzugsform Wirklichkeit paradoxerweise vorfindet, indem sie sie konstituiert. Erst performativitätstheoretisch wird diese Paradoxie beschreibbar: So wie Sprechhandeln Realität und Bedeutung performativ hervorbringt und zugleich vermittelt, ist auch das Wahrnehmungshandeln als ein Vollzugsgeschehen zu begreifen, dessen Spektrum von kommunikativen Blicken, mit denen ganz konkret und sozialwirksam gehandelt wird, wenn etwa gewarnt oder aufgefordert wird, bis zu selbstzweckhaften Vollzügen reicht, in denen zwischen Prozess und Resultat nicht mehr unterschieden werden kann.“ (Eva Schürmann: Sehen als Praxis. Ethisch-ästhetische Studien zum Verhältnis von Sicht und Einsicht, Frankfurt a. M. 2008, S. 17f.)

Sehen ist also eine Praxis, ein aktives Handeln, das die Welt auf je eigene Weise wahrnimmt und also auch formt. Und eben davon erzählt „Beschreibung einer Krabbenwanderung“ von Karosh Taha, ein Gesellschaftsroman, der von Sanaa, einer Studentin, die als kurdische Asylsuchende mit ihren Eltern im Alter von neun Jahren nach Deutschland kam, und ihrer Familie erzählt, von dem Viertel mit Hochhäusern, in dem sie unter anderen kurdischen Migranten leben und von diesen beobachtet werden, von Schichtzugehörigkeit, Enge und der Last der Verantwortung für die eigene depressive Mutter.

Sanaa wird pausenlos gesehen und beurteilt: Von der Tante und ihren Freundinnen, von den Nachbarn, die sie im Supermarkt trifft, die auf den Balkons der Hochhäuser stehen, und alles sehen und kommentieren, was sie tut. Sie sehen sie und beurteilen sie: hübsch, also heiratsfähig. Raucht, also verlottert. Sie sehen Sanaa, und Sanaa weiß, dass sie gesehen wird, dass alles, was die Nachbarn von ihr sehen, zu einem Bild von ihr führt, und so konstruieren die Sehenden Sanaa selbst, die nur handeln kann, in dem Wissen, dass sie gesehen wird. Sie engen durch ihr Sehen Sanaa ein – in besonders extremer Form geschieht dies durch einen Stalker, der sie mit seinem Auto verfolgt. Das ganze Viertel, nicht nur das einzelne Hochhaus ist für Sanaa ein Panoptikum, und das Viertel verfolgt sie – real und in ihrer Prägung – noch dann, wenn sie es verlässt. Das Viertel ist in ihr.

Einzig ihre Mutter Asija sieht sie nicht: Im Gegensatz zu den anderen Frauen im Hochhaus, die tagsüber auf ihren Balkons stehen, um zu beobachten, was passiert, steht Sanaas Mutter in der Nacht auf dem Balkon und weint. Und schon Asija wurde Opfer des Sehens: Auch sie wurde von Nasser, ihrem späteren Mann, im Irak verfolgt, wurde von ihm gesehen, und musste ihn schließlich deswegen heiraten – und mochte dabei bezeichnenderweise als einziges an ihm seine Augen. Asija wollte den Irak nicht verlassen, ihr Mann hat sie dazu gedrängt, und nun lebt sie depressiv in der Vergangenheit – genauso wie Onkel Agid, der den ganzen Tag im Hochhaus auf dem Sofa liegt und alte Hochzeitsvideos aus dem Irak ansieht. Sie nehmen an der gegenwärtigen Welt nicht teil, sie sehen sie nicht und konstruieren sie also auch nicht aktiv mit. Allerdings werden sie gesehen und somit werden auch sie als Teil der Wirklichkeit konstruiert: Insbesondere die Tante wirkt mit an dem negativen Bild, das von beiden vorherrscht, Sanaas Mutter spricht sie gar die Mutterschaft, die Weiblichkeit ab, da diese immer nur weine und nie koche.
Wie massiv der Zusammenhang von Sehen und Wirklichkeitskonstruktion, von Sehen und sozialer Kontrolle ist, verdichtet sich im Bild des Auges: Etwas von dem Salz, das von den getrockneten Tränen der Mutter auf ihren Wangen zurückgeblieben ist, ist Sanaa als Kind in ein Auge gefallen und hat zu einer Entzündung geführt – die Vergangenheit, die der Mutter die Sicht und die Gegenwart raubt, raubt auch der Tochter das Augenlicht. Helfen kann schließlich eine Freundin der Tante, die ihr das Auge ausleckt, dabei aber eine Entdeckung an Sanaas anderem Auge macht: Darin kann sie deren Zukunft voraussehen, sie sieht, dass Sanaa vier Männer haben wird, was mit dem Bild von Tugendhaftigkeit, das im Viertel herrscht, nicht vereinbar ist. Aus diesem Grund wird ein abergläubisches Ritual mit einer abgeschnittenen Haarsträhne Sanaas vollzogen, das Männer von ihr fernhalten soll – die Auswirkungen dieses Rituals spielen im Laufe des Romans immer wieder eine Rolle und bleiben im Vagen, auf jeden Fall wirkt es aber psychisch auf Sanaa ein, die als Kind erst an die Macht dieses Zaubers geglaubt hat und sich auch später nicht ganz sicher ist, ob die Tante durch diese Haarsträhne nicht doch Einfluss auf sie hat. Im Auge Sanaas wird also ihre Zukunft konstruiert: Sie wird konstruiert, indem die Freundin der Tante etwas darin sieht. Sehen ist eine Praxis, die Wirklichkeit formt. Die „Übernahme von Rollenerwartungen [ist] in erheblichem Ausmaß visuell bedingt […] und [baut] auf der Erfahrung des Gesehenwerdens auf[]. […] Ichbildung beginnt mit dem Augenblick, in dem das Kleinkind die Reaktionen seiner Eltern auf sich selbst zurückgespiegelt bekommt und darin erste Ansätze eines Ich-Bewusstseins auszubilden beginnen kann.“ (Schürmann: Sehen als Praxis, 2008, S. 185f.)

Entsprechend bedeutet Unsichtbarkeit Freiheit, Sanaa weiß „dass man in meiner Welt nur dann frei ist, wenn die anderen einen nicht sehen.“ (S. 191). Und Unsichtbarkeit bedeutet Heilung: Als Asija ihre Depressionen überwindet, senkt sich tagelang ein dichter Nebel über das Viertel, der allen die Möglichkeit nimmt, einander zu beobachten: Die Frauen, die es sonst gewohnt sind, auf dem Balkon zu stehen und andere zu sehen, klagen nun über Appetitlosigkeit und Kopfschmerzen, nur Asija geht es plötzlich gut – die Verhältnisse haben sich durch die Unsichtbarkeit verkehrt, „[d]er Nebel hat sie in Asijas verwandelt, nur Asija wurde verschont.“ (S. 190)

Gleichzeitig bedeutet Wirklichkeitskonstruktion durch Wahrnehmung auch die Unsicherheit nicht nur eben des Sehens, sondern auch der Wirklichkeit selbst: Eben darum ist es für Sanaa so wichtig, das Hochzeitsvideo ihrer Eltern zu finden, deswegen verspricht sie sich davon, ihre Eltern durch das Sehen des Videos endlich verstehen zu können – und aus diesem Grund ist es so eine Katastrophe, dass Onkel Agid gerade dieses Video überspielt hat. Er hat ihr damit das Sehen, die Wirklichkeit genommen. Und aus diesem Grund, weil Sehen Wirklichkeit konstruiert, ist der Aberglaube so ein Unsicherheitsfaktor: Weil Sanaa sowie andere Bewohner des Hochhauses nicht wissen können, ob sie dem, was sie sehen, trauen können.

Ist Sehen eine Praxis, so wird es eben auch durch Sozialisation geprägt und ist also schichtspezifisch. Die Praxis des Sehens wird hervorgebracht vom schichtspezifischen Habitus (Bourdieu) oder geprägt vom Dispositiv (Foucault) (vgl. dazu: Sophia Prinz: Die Praxis des Sehens. Über das Zusammenspiel von Körpern, Artefakten und visueller Ordnung, Bielefeld 2014, S. 283-327; interessant ist dieser Zusammenhang insbesondere auch für die Wahrnehmung von Kunst, eben das erläutert Sophia Prinz näher, das ist ganz interessant und kann man mal lesen). Entsprechend fühlt sich Sanaa, die soziale Aufsteigerin aus der Hochhaussiedlung, fremd in dem wohlsituierten Einfamilienhäuschen der Familie ihres türkischen Freundes Adnan – vieles hier kommt ihr komisch vor: Der Gebetsteppich, der als Kunstobjekt an der Wand hängt, statt auf dem Boden zu liegen, um genutzt zu werden; das Essen von Sonnenblumenkernen, das wie eine ungeschickte Pose wirkt, wie eine dilettantische Imitation dessen, was in ihr eigenes Viertel gehört (S. 153). Und Sanaa weißt: So wenig, wie sie in diese Wirklichkeit, in diese Schicht passt, so wenig könnte Adnan ihre Wirklichkeit verstehen, weswegen sie sie vor ihm verheimlicht – die Kluft zwischen den Schichten ist unüberwindbar: In Adnans Familie muss man „nicht denken, die Probleme und Konflikte spielen sich in Büchern und Filmen ab, sie rumoren nicht in der Brust, treiben keinen von ihnen in der Nacht auf Balkone.“ (S. 153f.) Entsprechend kann Sanaa keine gemeinsame Zukunft für sich und Adnan sehen, sie weiß, dass Welten zwischen ihnen liegen, dass sie diesen Abstand nicht überbrücken können (S. 206f.).

Und hier – was den Unglauben an die eigene Zukunft, überhaupt an die Möglichkeit, eine glückliche Zukunft haben zu können, anbelangt – ist „Beschreibung einer Krabbenwanderung“ so gut und so genau beobachtet und erzählt, wie ich es noch selten in einem Roman, dessen Handlung im prekären Milieu verortet ist, gelesen habe: Denn das ist ja wirklich das Lebensgefühl von Kindern, die schon ganz früh Verantwortung für ihre Eltern tragen und sozialen Aufstieg meistern müssen, die Enge und der Druck erzeugen eine Angst vor einer vage in der Zukunft liegenden Katastrophe, die durch permanente eigene Anstrengung unbedingt vermieden werden muss und die dazu führt, dass diese Kinder selbst kaum an eine glückliche Zukunft glauben können, weil sie eben Zukunft immer nur als zu vermeidende Katastrophe zu denken gelernt haben.

Wie breit eine durch Schichtzugehörigkeit erzeugte Kluft in der Wahrnehmung sein kann, zeigt sich aber beispielsweise auch, wenn Sanaa von anderen jungen Frauen, mit denen sie einen Club besucht, eben deswegen, weil sie angezogen ist, wie sie eben angezogen ist, und sich nicht auftakelt, für „feministisch und stark“ gehalten wird – die Einschreibung von Schichtzugehörigkeit in den Körper erkennen diese Frauen nicht – und „erst jetzt fühle ich mich fehl am Platz“ (S. 202f.). Denn selten wird der Abstand zwischen den Schichten so deutlich, wie im völligen Unverständnis der Zugehörigen der höheren Schicht für die der niedrigeren Schicht Zugehörigen. Zwischen den Schichten liegen Welten.

„Beschreibung einer Krabbenwanderung“ ist nicht nur außergewöhnlich genau beobachtet (höhö, „gesehen“) und erzählt, der Roman ist darüber hinaus getragen von einer sehr eigenständigen, klingenden Sprache, von einem eigenen Ton und außergewöhnlich vielen Bildern und wiederkehrenden Motiven. Entsprechend verstehe ich wirklich nicht, warum dieses Debüt so wenig Aufmerksamkeit erhalten hat, warum zudem in einer Rezension auf Spiegel Online dann kritisiert wird, die Autorin leiste mit dem Zeichnen von „Karikaturen“ von Kurden (als wären nicht Sanaa und ihre Mutter, die Gegenfiguren zu diesen „Karikaturen“, sowie andere, deutlich positiv gezeichnete Hochhausbewohner, ebenfalls Kurden), insbesondere mit Bemerkungen über deren Körperbehaarung (als wäre nicht deutlich, dass diese Protagonistin aus figurenbiografischen Gründen zu Haaren aller Art ein äußerst gestörtes Verhältnis hat) xenophoben Klischees Vorschub, gar dem AfD-Stammtisch soll die Autorin damit Material geliefert haben. Hier merkt man dann vor allem, wie das tagespolitische Geschehen offensichtlich die Wahrnehmung von Literatur durch die Literaturkritik beeinflusst, plötzlich ist man hier jetzt übervorsichtig, anders noch als man es noch vor einem guten Jahr war, bei Fatma Aydemirs durchaus mit mehr Klischees über das beide Romane verbindende Milieu aufwartenden „Ellbogen“. Man merkt halt schon, dass Taha das Milieu, über das sie schreibt, genau beobachtet (soll ich das Witzchen mit “gesehen” nochmal wiederholen, was meint ihr?) hat, “Beschreibung einer Krabbenwanderung” ist das leisere, weniger auf Effekt geschriebene Buch, damit eigentlich das bessere “Ellbogen” (bin mir aber nicht sicher, wie viel solche Vergleiche bringen), aber eben deswegen, weil es weniger auf Effekt geschrieben ist, weil es differenzierter erzählt und weil sich die politische Stimmung weiter negativ verschoben hat, vermute ich, der weniger erfolgreiche Roman. Schade eben.

Das einzige, was ich an „Beschreibung einer Krabbenwanderung“ nicht so recht überzeugend finde, ist das Durchbrechen des realistischen Erzählens hin zur Fantastik, etwa dort, wo die Heilung Asijas mit einem ominösen Nebel einhergeht – zum einen bin ich mir eben hier, gerade in Kombination mit dem für die Romanhandlung eine Rolle spielenden Aberglauben und der eher uneindeutigen Bewertung desselben, unsicher, ob ich das nicht ein bisschen zu esoterisch finde. Zum anderen hat für mich eben genau das einfach nicht überzeugend funktioniert, das mag aber eine Frage der Gewöhnung sein. Soweit ich das sehe, ist genau dieses Aufbrechen der Grenze zwischen Realem und Surrealem ein Trend, mit dem wir wohl in den nächsten Jahren rechnen müssen – vielleicht überzeugen mich solche Plots dann mit der Zeit irgendwann. Wobei ich bezweifle, dass ich Fan dieses Trends werde, aber mal sehen.

„Beschreibung einer Krabbenwanderung“ ist jedenfalls ein Roman, den man ruhig mal lesen kann. So genau, so einfühlsam und mit so schöner Sprache wurde in den letzten Jahren selten von Prekären erzählt, von Kindern, die ihre Eltern tragen müssen. Wenn einen die Verbindung von Realem und Surrealem nicht stört, ist das ein sehr gutes Buch.

(Beitragsbild von Hans Eiskonen auf unsplash)

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Der Worte sind noch nicht genug gewechselt: Über Narration und Subversion

„Philosophie, die einmal überholt schien, erhält sich am Leben, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward. Das summarische Urteil, sie habe die Welt bloß interpretiert, sei durch Resignation vor der Realität verkrüppelt auch in sich, wird zum Defaitismus der Vernunft, nachdem die Veränderung der Welt mißlang. […] Praxis, auf unabsehbare Zeit vertagt, ist nicht mehr die Einspruchsinstanz gegen selbstzufriedene Spekulation, sondern meist der Vorwand, unter dem Exekutiven den kritischen Gedanken als eitel abzuwürgen, dessen verändernde Praxis bedürfte.“ (Adorno: Negative Dialektik)

Es gibt Karrieren von „geflügelten Worten“, die ich noch nie so ganz nachvollziehen konnte. Beispielsweise verstehe ich nicht, warum das Faust-Zitat „Der Worte sind genug gewechselt / Laßt mich auch endlich Taten sehn!“ so beliebt werden konnte – zusammen mit all seinen weniger der Literatur entlehnten Geschwisterformulierungen im Stile von: „Nicht nur quatschen, sondern machen“. Ich bin diesen Sätzen gegenüber skeptisch, obwohl ich natürlich weiß, dass Worte schon auch umgesetzt werden müssen, dass Handeln also nicht obsolet ist, im Gegenteil. Und ich könnte meine Skepsis mit der Sprechakttheorie begründen, aber das ist mir zu naheliegend.

Ich möchte meine Skepsis gegenüber der Behauptung, es sei irgendwann „genug“ geredet, es seien „nur“ Worte, und diese kleinen, weichen Worte würden weniger zählen als die große, starke, harte Tat, anders begründen: Durch den Rückgriff auf Erzählungen, auf Mythen. Die Menschen haben ja immer schon das Mittel des Erzählens gewählt, um sich die Welt zu erklären, und ich hoffe, dass die ganze Tragweite dieses Satzes am Ende meines Textes deutlich werden kann. Vielleicht ist das ein Bekenntnis, wer weiß, aber ich glaube, dass Tatsachen in höherem Maße durch Worte geschaffen werden als durch Taten, der Wortverwandtschaft zum Trotz, dass das kleine, weiche Wort es ist, das die Welt erfasst und erschafft, dass Worte die Welt und die Existenz in ihren Grundfesten verändern können, dass ihm die Tat immer erst nachfolgt, dass man im Wort die Welt überwinden kann, während man sich im Handeln nur in sie verstricken kann.

Dass es so sein könnte, ist natürlich nicht meine Idee, es ist ja immer alles schon längst gedacht und gesagt. Im Gegenteil ist diese Idee sogar schon ein paar tausend Jahre alt. Der Mythos, auf den ich hier zurückgreifen möchte, um zu erklären, was ich meine, wenn ich von der Macht des vermeintlich schwachen Wortes schreibe, ist der sog. priesterschriftliche Schöpfungsbericht, also 1. Mose 1,1-2,4a,[1] also der Text, den alle kennen: Der mit den sieben Tagen, in denen Gott die Welt erschaffen hat. Entstanden ist diese Erzählung im 6. Jahrhundert vor Christus zur Zeit des Babylonischen Exils, sie wurde also von deportierten Mitgliedern der Jerusalemer Oberschicht verfasst, die nach der Erfahrung von Zerstörung und Verlust ihrer Stadt nun in Babylonien leben mussten und vor dem Problem standen, in das Chaos, das sie erlebt hatten, in die aus der Ordnung geratene Schöpfung, wieder Ordnung bringen zu müssen. Erst vor diesem Hintergrund versteht man, warum dieser Text so schematisch aufgebaut ist: Es handelt sich eigentlich eher um ein Lied, in dem immer wieder dieselben Verse wiederholt werden, um ein Gedicht, das dem theologischen Schema von Verheißung und Erfüllung folgt, jede Strophe, also jeder Tag, folgt demselben Aufbau. Die Welt wird hier in Ordnung gebracht, nicht nur formal, sondern auch narrativ: Am Anfang der Schöpfung steht nicht das Nichts, sondern das Chaos, das sprichwörtliche „Tohuwabohu“, das Gott ordnet, indem er Tag und Nacht, oben und unten, Land und Wasser trennt. Indem die Menschen im Exil die Schöpfung narrativ ordneten, gaben sie der Welt, in der sie lebten, eine neue Ordnung. Die Schöpfungserzählung gipfelt in der Einsetzung des Ruhetages am 7. Tag, im Sabbat, der so nach dem Verlust des Tempels in Jerusalem so zum zentralen Kultusmoment des antiken Judentums gemacht wurde. Indem die Verfasser eine Geschichte erzählten, überwanden sie ihre Welt, ihren Verlust, und gaben dem Leben eine neue Ordnung – sie taten dies durch das Wort, da ihnen die Tat unter babylonischer Oberherrschaft unmöglich war. Und wenn wir erzählen, wenn wir von unserer Vergangenheit oder unserer Zukunft erzählen, dann ordnen wir unser Leben durch das Wort, gewinnen wir dadurch unsere Zukunft, unsere Vergangenheit und unsere Gegenwart. Es ist das Wort, das dem Leben Sinn einschreiben kann, nicht die Tat an sich – diese kann erst Sinn stiften, wenn sie in Worte gefasst, gedacht und erzählt wird.

Aber das ist noch nicht alles: Am Anfang der Schöpfung steht laut 1. Mose 1,2 nicht einfach das Chaos, sondern auch die „Tiefe“ oder die „Urflut“, je nach Übersetzung. Der althebräische Begriff dahinter spielt wohl auf Tiamat an, eine Göttin aus dem babylonischen Schöpfungsepos „enuma elisch“: Die Babylonier*innen glaubten, dass die Welt im Kampf entstanden sei. Der Königs- und Reichsgott Marduk hatte die das lebensfeindliche Prinzip repräsentierende Urgottheit Tiamat, die als Seeungeheuer vorzustellen ist, besiegt und aus ihrem Körper die Welt geformt – den Menschen schuf er aus dem Blut des Gottes Kingu, Tiamats Heerführer, den Marduk gleichzeitig mit Tiamat getötet hatte. Und er erschuf die Menschen, damit sie die Erde bearbeiten, weil die Götter dazu keine Lust haben – nur der König der Menschen ist gottgleich, denn mit ihm gingen die Götter einen Vertrag ein. Gegen dieses Welt-, Menschen- und Gottesbild der Babylonier*innen wandten sich die Verfasser des priesterschriftlichen Schöpfungsberichts: Sie reduzierten Tiamat zur Urtiefe, die aber der Gottheit gar nicht mehr gefährlich sein kann. Im Gegenteil: Deren Geist schwebt über den Wassern, über der Urflut (und übrigens verkleinerten die Verfasser die sonst im Mesopotamien als Gottheiten verehrten Gestirne zu Himmelslampen, die erst – ungewöhnlicherweise – am vierten Tag geschaffen worden sind, eben um zu zeigen: Das sind keine Götter, unser Gott ist mächtiger als eure Götter es sind, er hat eure Götter geschaffen, und zwar nicht mal als erstes). Es gibt keinen Kampf in Genesis 1: Die Macht der Gottheit ist so weltüberlegen, dass sich die Welt allein durch seinen Befehl, allein durch das Wort, gestaltet. Gott handelt nicht, Gott spricht, und es geschieht, wie er gesprochen hat. Sein Wort schafft Ordnung. Und er formt den Menschen nach seinem Bild (1. Mose 1,27), also jeden Menschen, Mann und Frau, gottgleich, nicht um zu arbeiten, sondern um die Welt zu beherrschen (1. Mose 1,28). Die Verfasser der Priesterschrift grenzten sich hier von den Babylonier*innen ab, sie entwarfen eine Gegenerzählung zu deren Schöpfungsmythos: Es gibt keine Ungleichheit zwischen König und Volk, jeder Mensch ist ein König, und die Welt wird nicht von Kampf bestimmt – ein zentraler Gedanke, der den Jerusalemern, die gerade im Krieg alles verloren hatten, Hoffnung geben sollte –, sondern vom Frieden, vom Wort. Die Welt, die hier beschrieben wird, ist gut, die Gottheit selbst bestätigt es, man kann in ihr leben, sie ist nicht aus lebensfeindlichem Material geformt. Narration ist hier eine Form der Subversion; gegen die Realität, gegen ein anderes Weltbild

Die Struktur, die wir der Welt geben, indem wir von ihr erzählen, kann die Struktur bestimmen, in der wir denken und in der wir leben. Und wer davon erzählt, dass die Welt im Kampf entstanden ist, dass sie aus dem Material des lebensfeindlichen Prinzips geformt wurde, wird das Leben wohl als Kampf verstehen müssen. Und wer davon erzählt, dass die Welt durch das Wort entstanden ist, kann das Leben vielleicht als Gespräch begreifen, und ich glaube, dass wir so miteinander leben könnten: In einer Welt, die durch das Wort geworden ist und ständig wird, was sie wird.

Aber wir leben nicht in der Antike, und ich weiß nicht, ob wir unsere Welt einfach so völlig neu erzählen können. Glaubt man der popkulturellen Verwendung des Namens „Babylon“, ausgehend von der Verwendung der Rede von der „Hure Babylon“ in der Offenbarung des Johannes über die Kultur der Rastafari und über Reggae, leben wir 2500 Jahre nach dem babylonischen Exil wieder unter der Fremdherrschaft Babylons, verstanden als das System des westlichen Kapitalismus. Ich weiß nicht, ob jemand, der dagegen eine andere Welt erzählen wollte, das könnte. Es heißt, es fehle an Gegennarrativen gegen den Kapitalismus. Es heißt, es fehlten Utopien, Erzählungen von der Zukunft, die in der Lage wären, der gegenwärtigen kapitalistischen Realität etwas entgegenzusetzen – Žižek zieht den vielleicht nachvollziehbaren Schluss, dass es uns heute leichter falle, uns das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus.

Der Vorzug des Handelns gegenüber dem Reden bleibt aber auch hier falsch: In seiner vulgären Verwendungsweise wird mitunter Marx‘ 11. Feuerbach-These ähnlich verstanden wie die eingangs zitierten Verse aus dem Faust: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt drauf an sie zu verändern.“ Die Praxis verändert die kapitalistische Wirklichkeit, nicht deren wortreiche Deutung, diesen Schluss zogen und ziehen von Marx beeinflusste Denker*innen und Aktivist*innen bis heute. Bislang eher erfolglos: Der real existierende Sozialismus ist gescheitert, in China gar zu einer besonders umtriebigen Form des Kapitalismus mutiert. Der „Marsch durch die Institutionen“ der 1968er führte dazu, dass die Aktivist*innen dieser „Generation“ heute Teil des kapitalistischen Systems sind, der „Marsch durch die Institutionen“ führte nicht zur Abschaffung des Kapitalismus, und es waren gerade Vertreter*innen dieser 1968er, die mit der „Agenda 2010“ zu seiner neoliberalen Entwicklung beitrugen. Heute etabliert sich selbst eine private Praxis der Konsumverweigerung erneut als Markt, wenn es ein breites Angebot von Ratgeberliteratur sowie Online- und Offline-Shops zu Trends wie „Zero Waste“ und „Minimalismus“ gibt. Sogar Vorschläge wie die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens werden nicht zuletzt mit der Notwendigkeit des Erhalts der Kaufkraft bei zunehmendem Jobverlust durch Digitalisierung begründet. Es ist derzeit keine Praxis in Sicht, die die Welt verändert. Also doch wieder: Narration als Subversion?

Der Kapitalismus selbst besteht aus Narration, aus Geschichten, die Konkurrenz, Bedürfnisse und Kreditwürdigkeit erzeugen. Nicht umsonst ist „Story telling“ ein Marketinginstrument. Und dabei gelingt es dem Kapitalismus, selbst antikapitalistische Narration zu integrieren: Mark Fisher weist in „Kapitalistischer Realismus ohne Alternative?“ nach, wie beispielsweise mit Filmen wie „Wall-E“ nicht nur antikapitalistische Narration vermarktet wird, indem diese „Geld einspielt“, das wiederum die Filmindustrie stützt. Darüber hinaus bedienen solche Filme des Konzepts der „Interpassivität“: „Der Film performt den Antikapitalismus für uns und gestattet uns, ungestraft weiter zu konsumieren.“ (S. 20) Die typische Haltung des kapitalistischen Realismus, so Fisher, sind entsprechend Ironie und Zynismus: Wir nehmen eine ironische oder zynisch distanzierte Haltung ein, denn „[s]olange wir nur (in unseren Herzen) daran glauben, dass der Kapitalismus schlecht ist, haben wir die Freiheit, am kapitalistischen Tausch weiterhin teilzunehmen.“ (S. 21)

Ganz ähnlich weist Jens Beckert in „Imaginierte Zukunft“ die grundsätzlich narrative Struktur des Kapitalismus nach und hält fest, dass es diesem eben deswegen, weil er auf Neuerung und Kreativität angewiesen ist, gelingt „[s]elbst die Imaginationen jener Utopien, die Alternativen zum Kapitalismus vorgeschlagen haben, darunter verschiedene Strömungen der Arbeiterbewegung oder der Protestbewegungen der sechziger Jahre […] samt der von ihnen inspirierten praktischen Aktivitäten in die kapitalistische Logik“ (S. 446) zu integrieren.

Was bleibt also, wenn zumindest für den Moment eine Erschaffung einer anderen Welt, eine Subversion weder durch Praxis noch durch Narration möglich scheint? Und: Ist Erzählen, auch literarisches Erzählen, damit, unabhängig davon, wie sie sich zum Kapitalismus verhalten will, darauf festgelegt, diesen zu affirmieren?

Vielleicht ist das so, aber vielleicht ist es nicht nur so. 1992, also kurz nachdem das große Gegennarrativ zum Kapitalismus, der reale Sozialismus, endgültig untergegangen war, erhielt Gary S. Becker den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften für seine Bemühungen um die Ausdehnung mikroökonomischer Theorie auf den Bereich des menschlichen Verhaltens. Beckers Verdienst war es also, mit der Sprache und dem Instrumentarium der Wirtschaftswissenschaften auch das Zwischenmenschliche zu erklären. Er schrieb beispielsweise einen Aufsatz mit dem Titel „Eine ökonomische Analyse der Fruchtbarkeit“, dessen Ergebnisse er unter anderem so zusammenfasst:

„Dieser Beitrag legt einen ökonomischen Bezugsrahmen zugrunde, um die Determinanten der Fruchtbarkeit zu analysieren. Kindern werden als ein langlebiges Gut, vornehmlich als langlebiges Konsumgut, betrachtet, das den Eltern Einkommen, vornehmlich psychisches Einkommen, einbringt. Die Fruchtbarkeit wird bestimmt durch Einkommen, Kosten der Kinder, Wissen, Ungewißheit und Präferenzen. Eine Erhöhung des Einkommens und ein Preisrückgang würden die Nachfrage nach Kindern erhöhen, wobei allerdings zwischen Quantität und Qualität der nachgefragten Kinder unterschieden werden muß. Die Qualität der Kinder hängt unmittelbar mit den für die getätigten Ausgaben zusammen.“ (Gary S. Becker: Ökonomische Erklärung menschlichen Verhaltens, 2. Aufl., Tübingen 1993, S.  213)

Die Ergebnisse von Beckers Bemühungen sind hier denkbar überschaubar. Er kann mit wirtschaftswissenschaftlicher Theorie also nachweisen, dass die Familienplanung von den ökonomischen Lebensumständen abhängig ist: Kinder muss man sich leisten können. Die Sprache, die damit zur Beschreibung des Zwischenmenschlichen herangezogen wird, ist dennoch meines Erachtens bemerkenswert: Kinder werden zum Konsumgut von unterschiedlicher Qualität, je nachdem, wie viel ihre Eltern in sie investieren konnten. Die Sprache des Kapitals muss sich unmittelbar auf das Menschenbild auswirken, wenn sie Menschen instrumentalisiert, in Kosten-Nutzen-Relationen fasst und nach ihrer „Qualität“ bewertet.

Und vielleicht wäre es der eigentliche Horror, wenn wir uns daran gewöhnen würden. Daran, dass Menschen Humankapital, Sozialtouristen, Asyltouristen, Kollateralschäden, Ich-AGs, Wohlstandsmüll genannt werden können, dass sie sprachlich zu Dingen gemacht werden können oder ihr Leid bagatellisiert werden kann, während von „notleidenden Banken“ gesprochen werden kann, oder von „Entlassungsproduktivität“. Wenn wir so kalt würden, wie es diese Sprache ist. Vielleicht ist alles, was wir tun können, weiter berührbar zu bleiben für diese Kälte, weiter über sie zu erschrecken, nicht achselzuckend „unterrascht“ zu sein, nicht ironisch oder zynisch zu werden. Vielleicht ist das alles, aber vielleicht ist das schon ziemlich viel. Und diese Subversion, das Unterlaufen zwischenmenschlicher Kälte, kann durch Sprache geschehen, kann durch Narration geschehen. Auch Literatur kann davon erzählen, wie es ist, wenn eine Familie sich ihre Kinder „nicht leisten kann“. Sie erzählt davon schon seit Jahrhunderten. Und sie erzählt davon mit anderen Mitteln, mit einer anderen Sprache, der es gelingen kann, unser Gewohntsein aufzureißen bis auf den Grund des Menschseins. Es mag pathetisch sein, das so zu behaupten, aber vielleicht hat sich der, der Pathos per se zu Kitsch erklärt, schon zu sehr an alles gewöhnt, bei aller gebotenen Skepsis gegenüber der Überwältigungskraft von Pathos, das zu einem fatalen Rückfall ins völlig Vorbewusste führen kann. Aber manche Dinge sind eben etwas pathetisch und trotzdem vielleicht wahr: Literatur kann den Menschen als Selbstzweck repräsentieren, wenn sie seine Geschichte als Selbstzweck erzählt, statt ihn auf ein Mittel zu reduzieren. Sie kann so von der oder: gegen die Realität erzählen, in einer Art, die den Menschen zum Zweck macht, die berührt.

Sie kann unsere sprachliche Berührbarkeit erhalten, weil Sprache selbst Berührung ist. „Jedes Wort spricht als Zunge/Sprache zur Haut.“ (Jacques Derrida: Berühren, Jean-Luc Nancy, Berlin 2007, S. 388) Jedes Wort berührt die Haut, weil es im Mund geformt wird, durch Zunge, Gaumen und Zähne, und im Moment des Formens berührt es uns selbst. Jedes Wort berührt die Haut, weil es durch die Luft transportiert wird, durch die Luft auf die Haut des anderen, auf sein Trommelfell trifft. Jedes geschriebene, jedes gelesene Wort berührt uns in uns, vielleicht weil sein Schreiben, sein Lesen diese Berührung der Haut simuliert. Vielleicht ist Schrift, vielleicht sind Bücher eine Haut, die wir um unser Menschsein legen können, um es zu schützen. Davor, dass uns die Welt, dass uns die Menschen „egal“ werden könnten. Vielleicht ist das kitschig. Ich bin mir nicht sicher.

Ich möchte nicht einem vorbewussten, rein emotionalen Lesen und Schreiben das Wort reden, auf jedes Berühren muss ein Begreifen folgen. Aber ohne diese Berührbarkeit, ohne das Gefühl für das Menschliche im anderen, verlieren wir das Interesse aneinander. Ohne Gefühl gibt es keinen Antrieb, kein Interesse, keine Intention. Der Depressive weiß um das, was er tun müsste, er kann es nicht tun, weil er kein Gefühl mehr hat, nicht für sich, nicht für den anderen. Die reine Vernunft ist leer ohne Gefühl. Und es gibt einen Grund dafür, warum Burn-Out und Depression als kapitalistische Zivilisationskrankheiten gelten (s. auch dazu: Mark Fisher: Kapitalistischer Realismus ohne Alternative?, sowie: Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten).

Unsere Geschichte besteht aus Erzählungen. Unsere individuellen wie kollektiven Identitäten sind Erzählungen. Unser Rechtssystem, unsere Verfassung, all das besteht aus Worten. Es sind andere narrative Gattungen als die klassisch literarischen, aber es sind Worte, die das System formen, in dem wir leben. Es sind auch unsere Worte. Würden wir alles umschreiben, wenn das möglich wäre, würden wir alle Gesetze ändern, wäre der Himmel immer noch blau, aber wir würden vielleicht anders unter ihm leben. Und, nebenbei: Bekanntermaßen ist das Wort für die Farbe „blau“ relativ jung, noch in der Odyssee ist das Meer „weinrot“, nicht „blau“, und es gibt Studien, die nahelegen, dass die Farbe „blau“ nicht gesehen und erkannt werden konnte, als es das Wort dafür noch nicht gab. Wir nehmen erst bewusst wahr, was wir benennen können – oder wie Kant es sagen würde: „Anschauungen ohne Begriffe sind blind.“ Unsere Welt entsteht durch unsere Worte, unser Menschenbild entsteht durch unsere Worte, durch dieses schwache, biegsame, oft so defizitäre Medium. Vielleicht können wir nicht alles völlig anders erzählen, vielleicht sind wir zu begrenzt. Aber vielleicht ist das „Wie“ unseres Erzählens ebenso entscheidend wie das „Was“. Vielleicht können wir uns neu erzählen, vielleicht kann unser Leben Gespräch sein, und seit wir Gespräch sind, hören wir voneinander. Lesen wir voneinander. Keine Tat kann unsere Vergangenheit ändern, aber das Wort kann es, zumindest innerhalb bestimmter Grenzen, es kann der Vergangenheit einen neuen Sinn geben, der in die Zukunft reicht: Es kann erinnern und durch diese Erinnerung die Zukunft ermöglichen. Das Wort verbindet Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Das Wort verbindet Berührung und Berührung, Mensch und Mensch. Das Wort kann das System stützen und unterlaufen. Vielleicht nur im Kleinen. Vielleicht ist das aber besser als nichts.

Und immer, wenn jemand sagt, es bräuchte Taten, um die Welt zu verändern, denke ich: Vielleicht brauchen wir eher eine andere Sprache. Und immer, wenn jemand sagt, bei political correctness gehe es um Sprachverbote, frage ich mich: Vielleicht geht es auch um das Ringen um eine Sprache, in der wir gemeinsam die Welt erschaffen können, eine Sprache, mit der wir uns gegenseitig berühren können. Und immer, wenn jemand sagt: Der Worte sind genug gewechselt, lasst mich auch endlich Taten sehen, denke ich: Du sprichst ein großes Wort gelassen aus. Denn vielleicht müssten wir erst richtig sprechen lernen: Sprechen, als ob jedes Wort von Bedeutung wäre. Schweigen, als ob jedes Wort von Bedeutung wäre. Vielleicht müssten wir erst richtig hören und lesen lernen. Aber vielleicht wäre es auch Wahnsinn, wenn es so wäre.

„Was ich im Grunde aber über das Verhältnis zwischen Politik und Sprache habe sagen können, ist, dass Politik nicht einfach darin besteht, Konflikte auszutragen, sondern darin, Welten zu erschaffen, und dass Welten zu erschaffen eine sprachliche Arbeit ist.“ (Jacques Rancière)

[1] Die im Folgenden dargestellten Informationen zur Entstehung von 1. Mose 1,1-2,4a wurden entnommen aus: Eckart Otto: Das Gesetz des Moses, Darmstadt 2007.

[Diesen Sermon habe ich ursprünglich für jemanden verfasst, der ihn dann doch nicht brauchen konnte, drum ist der Quatsch jetzt leicht verändert hier auf dem Blog, weil das Internet groß genug für alles ist, obwohl das jetzt hier thematisch ziemlich in der Luft hängt. Aber wenn mans schon mal geschrieben hat, gell.]

(Beitragsfoto von Sime Basioli auf unsplash.com)

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Literatur als Spektakel: Bachmannpreis 2018

„Das ganze Leben der Gesellschaften, in welchen die modernen Produktionsbedingungen herrschen, erscheint als eine ungeheure Sammlung von Spektakeln. Alles, was unmittelbar erlebt wurde, ist in eine Vorstellung entwichen.“ (Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels, 1)

Donnerstag:

Raphaela Edelbauer: Nein, es gibt einen Unterschied zwischen einem Berg und den Opfern des Holocaust, sie eignen sich nicht als Bild für irgendwas, und wenn man sie einbringen will, muss das vielleicht nicht so parallelisierend passieren. Der Holocaust ist keine Station in einer Unheilsgeschichte, wie die Jury das diskutieren will, sondern er ist eben singulär. Da bin ich raus, klar kann man das machen, aber ernsthaft diskutieren sollen das bitte andere (was ja auch zum Glück der Fall ist), bin ja nur Bloggerin, darf da unsachlich sein und nicht-ästhetische Kriterien heranziehen, für das Gegenteil müsste mich erst mal wer bezahlen (niemals!) (dagegen ist imo das Z-Wort bei Neft am Freitag klar Rollenprosa, nicht bewusst hergestellte Parallelisierung, das ist schon eine andere Nummer; und bei dieser Art von Parallelisierung, wie sie Edelbauer hier herstellt, bei der das Hauptgewicht der Erzählung auf dem Berg liegt, nicht auf den getöteten Menschen, die damit Mittel zur Erzählung von etwas anderem werden (die Gewichte mögen im fertigen Roman, falls dieser Text Teil davon werden soll, anders verteilt sein) schläft mir eben schlagartig das Interesse ein, sorry). Nein Nein. Nein. Nein Nein Nein.

[Martina Clavadetscher, Stefan Lohse, Anna Stern leider verpasst.]

Joshua Groß: Eine Kreuzung aus Christian Kracht und Simon Strauß in schlechter geschrieben („träge auf der Trage“, wtf). Es ist schon legitim, einen Text, der Inhalte und Haltungen der 1990er mit dem Pathos der 2010er kreuzt und dabei auf dem Reflexionsniveau der 1950er bleibt – das Ich ist hier nicht mehr Ort irgendeiner Erkenntnis, sondern lediglich Ort der Stagnation – mit einem Zitat der 1950er zu kommentieren: „Heute heißt self-conscious nur noch die Reflexion aufs Ich als Befangenheit, als Innewerden der Ohnmacht: wissen, daß man nichts ist.“ (Adorno: Minima Moralia 29) Mit dem gelungenen „Sound“ des Textes begnügt sich dann halt nur die/der, der/dem die Pose reicht. Hier wird ja nichts durchbrochen, schon gar nicht die Pose, hier wird nur ein falscher Zustand fiktional reproduziert, um sich dann rezipierend in Selbstmitleid zu ergehen. Immerhin bin ich diesmal zu alt, als dass ich mich noch als Teil der “Generation” verstehen müsste, zu deren Stimme bestimmt bald Joshua Groß oder irgendeiner der vielen anderen ausgerufen wird, die schreiben wie er. Mich geht das nichts mehr an.

Freitag:

Corinna T. Sievers: Die Steigerung von schreibenden Arztkindern sind schreibende Ärzte (Ausnahmen: Benn, Döblin), der Superlativ sind über Ärzte schreibende Ärzte, die ständig im Autorenporträt ihren kalten, erbarmungslosen Blick betonen, als hätte Foucault nie über ihren Blick geschrieben, aber wen interessiert schon Theorie, wenn man einfach so reden kann. Entsprechend wird dann von Macht und Machtgefällen erzählt, ohne dass diese – dem Anspruch der Autorin selbst entsprechend – „seziert“ würden, eben gerade auch nicht in ihrem Verhältnis zu Erotik. Die Sprache der Medizin ist halt nicht per se „sezierend“, sie ist hier bloße Hülle ohne analytischen Unterbau und also halt blabla im sachlichen Ton. Auch hier bleibt es eine Pose.

Ally Klein: Die Füße biegen von allein ab, das Feld ist voll Gekröse, Bier klatscht gegen die Bauchwand. Keine Ahnung, wer diese Sprache lesen will. Auch hier (wie schon bei Groß) gehen sprachliche Ungenauigkeiten um ihres Pathos willen als sprachliche Gestaltung durch. Der Text wurde leider auch dann in seinem Verlauf nicht besser. Redundanzen können schön sein, können die Grenze zwischen Prosa und Lyrik aufbrechen, Tiefe herstellen, aber hier beschreiben sie nur Dasein, um dadurch ein Sein zum Ausdruck zu bringen, das aber leider nicht zum Ausdruck kommt. Alles soll hier gefühlte Wahrnehmung sein, aber wer braucht das, wenn eben die Pointe ist, dass letztlich nichts (zuverlässig) wahrnehmbar ist? Ist das wirklich das, was Literatur 2018 an existentieller Erkenntnistiefe erzählen muss, nachdem die Postmoderne schon fast durch ist? (Klar kann sie, ich lese dann eben nicht mit.) Dringlichkeit wird dann auch nicht durch einen eindringlichen Vortrag hergestellt, wenn auch hier eben alles bloße (redundante) Beschreibung einer Oberfläche bleibt, im Gegenteil: Vortrag und Text klaffen fast komisch auseinander. Rhythmus und Dramaturgie werden mehr durch den Vortrag herbeigeschrien, als dass sie da wären. Schade, aber leider viel Lärm um sehr wenig, um einen hohlen Kern, auch hier bleibt alles Pose um eine leere Mitte. Entsprechend freut sich die Jury hier, wie schon bei Sievers, über gelungene Effekte. Das stimmt schon: um Effekte geht es hier.

Tanja Maljartschuk: Das Autorenporträt ist Folklore, aber der Text ist dann ganz gut. Maljartschuk hat etwas zu erzählen und erzählt davon schlicht und genau, sie produziert sich nicht auf Kosten ihres Textes, sie mag ihre Figuren. Ich bin skeptisch, ob hier von sozialem Elend nicht allzu harmlos erzählt wird, ob hier nicht viel zu stark etwas glatt konsumierbar dargestellt wird, was nicht glatt konsumierbar sein sollte, ob die doppelten Böden im Text nicht zu leicht zu ignorieren sind. Auch der Humor des Textes, der diese realistische Reproduktion einer falschen Realität wohl brechen soll, leistet dies für mich nicht, dafür ist auch er zu fein und zu harmlos. Wären die beiden vorangegangenen Texte nicht gewesen, würde dieser vielleicht nicht so positiv auffallen. Ob das „besser als“ ihn aber wirklich „gut“ macht, da bin ich unsicher, das müsste man vielleicht mit etwas Abstand noch einmal überlegen.

Bov Bjerg: Schöner, trauriger Text, funktionierende Lesung ohne großes Rumgetue. Keine Überraschung, dass es so ist, aber schön, dass es so ist. Wie viel an gescheiterter Aufarbeitung von Vergangenheit in unterschiedlicher Hinsicht und an Gegenwartskritik sowie Zukunftsbefürchtungen in einen Text passen können, ohne dass dieser deswegen vor lauter Anspielungen steif wird, wie hier überhaupt unterschiedliche Ebenen aufgemacht werden, ohne dass der Text überfrachtet wirkt, das ist bemerkenswert. Hier funktioniert alles, was bei vielen anderen Texten halt nicht funktioniert hat, auch wenn es gewollt war und zeigt halt auch, wie schwer das mit diesem Erzählen da eigentlich ist. Wenn er dafür nicht irgendeinen dieser Preise da gewinnt, weiß ich auch nicht, was da kaputt ist. Wer einen Text vom Freitag der TDDL 2018 lesen will, sollte diesen nehmen.

Anselm Neft: Ein bisschen undankbar, die Position nach Bjerg. Der Stoff ist interessant, gut erzählt – bis auf einige Bilder und Formulierungen, die mir halt gar nichts geben, weil sie mir zu kitschig sind („im Nichtlicht der ausgeknipsten Sterne“ z.B.) -, aber hier fehlen mir jetzt doch ein bisschen die weiteren Deutungsebenen, die bei Maljartschuk immerhin angedeutet und bei Bjerg sowieso da waren (dass vieles unklar bleibt, insbesondere das Verhältnis der Figuren zueinander, hat ja nichts damit zu tun, dass der Text über sich selbst hinausweisen würde). Der Text erzählt halt eine Geschichte, die erzählt er gut, er fordert Empathie für Figuren ein, von denen zu selten erzählt wird, das ist schön. Aber darüber hinaus passiert mir zu wenig, kann eben auch daran liegen, dass ich noch ein bisschen verliebt in diesen Bjerg-Text da bin.

Natürlich beruht alles hier Geschriebene nur auf den Lesungen, ich habe keinen der Texte noch einmal gelesen, sonst sähe meine Meinung vermutlich an mehreren Stellen anders aus. Insofern ist dieser Beitrag eben auch: bloße Pose. Aber das scheint mir ganz angemessen.

„Die Bilder, die sich von jedem Aspekt des Lebens abgetrennt haben, verschmelzen in einem gemeinsamen Lauf, in dem die Einheit dieses Lebens nicht wiederhergestellt werden kann. Die teilweise betrachtete Realität entfaltet sich in ihrer eigenen allgemeinen Einheit als abgesonderte Pseudowelt, Gegenstand der bloßen Kontemplation. Die Spezialisierung der Bilder der Welt findet sich vollendet in der autonom gewordenen Welt des Bildes wieder, in der sich der Verlogene selbst belogen hat. Das Spektakel überhaupt ist, als konkrete Verkehrung des Lebens, die eigenständige Bewegung des Unlebendigen.“ (Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels, 2)

(Beitragsbild von Becky Phan auf unsplash.com)

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Musenanrufung im digitalen Zeitalter

Dieser Text ist eine Reisereportage aus dem Schattenreich der Autofiktion, eine Reflexion über die Spannung, die entsteht, wenn zwei Autoren einander umkreisen, wie Geier auf der Suche nach den besten Brocken Realität. Was sind die Konsequenzen, wenn eine per Dating-App und Chat durchgeführte Affäre von beiden Beteiligten für die eigene Literatur verwendet wird? Kannibalische Schreibende, die Lebensgeschichten, Alltagsdramen und persönlichen Krisen ihrer Mitmenschen zu eigen machen, um diese für ihre literarische Stoffe zu verdauen, geraten besonders im Kontext einer Hochkonjunktur autofiktionaler Texte regelmäßig ins Blickfeld. Der Begriff der Autofiktion zur Beschreibung von Texten, die eindeutige Abgrenzungen zwischen Autobiographie und Roman verwischen, wird Ende der 70er Jahre zunächst in Frankreich verwendet und ab der Jahrtausendwende auch in Deutschland aufgegriffen. Die große Beliebtheit autofiktionaler Verfahren in der Literatur Frankreichs und Skandinaviens inspirierte auch deutsche Autor*innen und mittlerweile hat auch hierzulande die Autofiktion ihren festen Platz im Literaturbetrieb erhalten. Merkmal autofiktionaler Texte ist es, dass die Erzählinstanz, die den Text erzählt, mit der Autoridentität zusammengedacht wird. Im Dunstkreis dieser Texte, die beispielsweise intimste Aspekte des Familienlebens literarisch verarbeiten, gerät immer wieder die Frage nach den ethischen Implikationen von Autofiktionen in den Fokus: Wem gehört eine Geschichte und wer darf sie erzählen?

Die Frage nach Eigentumsrechten an einer Geschichte ist eng verbunden mit der Schwierigkeit der Abgrenzung faktualer und fiktionaler Text voneinander; eine komplexe Fragestellung mit der sich die Literaturwissenschaft intensiv beschäftigt. Beide Begriffe beziehen sich auf das Verhältnis eines Textes zur außersprachlichen Wirklichkeit, also beispielsweise der Frage nach einem etwaigen Wahrheitsanspruch des Textes. Mit der Einordnung eines Textes als faktual ergeben sich andere Anforderungen an ihn, als bei einer fiktionalen Zuordnung. Faktuale Texte, die sich beispielsweise in der Textsorte „Biographie“ mit dem Leben von real existierenden Personen auseinandersetzen, sind juristischen Normen verpflichtet, dürfen also nicht die Persönlichkeitsrechte der Beschriebenen verletzen, die diese gegebenenfalls auch einklagen können. Fiktionale Texte folgen anderen Regeln und wenn diese Texte sich mit real existierenden Personen und deren Lebensgeschichte befassen, können ethische Graubereiche entstehen aus denen regelmäßig sogar juristische Konflikte resultieren. In seiner Dissertation zum Schlüsselroman, die sich den aus diesen Graubereichen entstehenden ethischen Fragestellungen widmet, schreibt der Fiktionstheoretiker Johannes Franzen folgendes:

Die Autoren berufen sich in Fällen, in denen diese Fragen zu Streitfragen werden, auf die literarisierende oder fiktionalisierende Anverwandlung des Realen, die es ihnen erlaubt, die geltenden Eigentumsrechte zu umgehen. Die Betroffenen dagegen verweisen auf die Residuen des Realen in der fiktionalen Darstellung, die eine Wiedererkennbarkeit möglich machen und dadurch ihr Recht, über die eigene Geschichte zu verfügen, verletzen. (Franzen: Indiskrete Fiktionen. S. 312)

Die Erlebnisse zweier Autoren, um die es in diesem Text gehen soll, beginnen in Berlin –Stadt der ewig verlängerten Adoleszenzphase. Beteiligt sind der schwedische Autor Malte Persson und die deutsche Autorin Sarah Berger. Um die Machtdynamiken der nun beschriebenen Entwicklungen zu verstehen, müssen zunächst die beiden Protagonisten etwas näher bekannt gemacht werden:

Portrait Malte Persson
Malte Persson, 2008. (Foto: Wikimedia Commons, CC BY 3.0)

Der Schwede Malte Persson ist seit seinem Debutroman Livet på den här planeten aus dem Jahr 2002 eine etablierte Figur in der schwedischen Literaturszene, nicht nur als Romanautor und Lyriker, sondern auch als Kritiker, Blogger und Übersetzer. Er hat diverse Stipendien und Preise für sein Werk bekommen und unter Anderem Thomas Kling und Heinrich Heine ins Schwedische übersetzt. Im März 2018 kam sein Gedichtband Till dikten heraus, der sich in Schweden nicht nur ausgesprochen gut verkauft, sondern auch von der Literaturkritik positiv besprochen wurde. Der Autor lebt in Berlin und dort begann dann auch die Tinder-Affäre, die sein Werk mit dem einer weit weniger etablierten deutschen Autorin verknüpft hat.

Sarah Berger, 2018. (Foto: Wikimedia Commons, CC BY 4.0)

Sarah Berger ist eine Fotografin und Autorin, die bereits seit einigen Jahren auf ihrem Blog, ihrem Twitter-Account und bei Facebook innovative Prosaminiaturen veröffentlicht, von denen zahlreiche unter die von der Verlegerin Christiane Frohmann definierte digitale Textsorte „Kleine Formen“ fallen. Ihr Debüt erschien im Herbst 2017 unter dem Titel Match Deleted. Tinder Shorts im Frohmann Verlag. In diesem empfehlenswerten Band versammelt Sarah Berger zahlreiche Texte, von denen einige bereits zuvor online veröffentlicht wurden und die sich im weitesten Sinne mit dem Phänomen der Liebe in Zeiten des Internets befassen. In den letzten Jahren hatte sich die Autorin in ihren Online-Communities bereits den Ruf erarbeitet, mit feinem Blick und philosophisch geschultem Vokabular die Absurditäten, enttäuschten Hoffnungen und hoffnungsvollen Einsamkeiten in Dating-Chats literarisch zu sezieren. Im Vergleich zu dem bereits im schwedischen Literaturbetrieb fest etablierten Autoren Malte Persson ist Sarah Berger also in einer deutlich weniger einflussreichen Position, eine Machthierarchie, auf die dieser Text später noch näher eingehen wird.

Liebe in Zeiten der freien Marktwirtschaft

Da Sarah Berger die Erfahrungen mit ihren Tinder-Dates nur in sehr vager Form beschreibt und ihr gegenüber dabei entsprechend unkenntlich gemacht wird, folgen wir zunächst Malte Persson Text. Für den großen öffentlich-rechtlichen Schwedischen Radiosender P1, der in ganz Schweden, Teilen Dänemarks und sogar auf Rügen zu empfangen ist, verfasste Persson eine 22-minütige Radionovelle, die von dem Schauspieler Johan Ulveson eingesprochen und am 5. März 2018 erstmalig ausgestrahlt wurde. Das Stück trägt den Titel Research, eine Anspielung auf die Erzählinstanz, die sich im Text auf Recherche in die Dating-App begibt und dort eine Autorin trifft, die ebenfalls für ihr Buch recherchiert – eine Tatsache, die bereits beim ersten Kontakt der beiden offengelegt wird:

Min presentation lyder: ”Allt jag gör här, är research för min nästa bok.” Det är en lögn. Och ändå inte. Precis som denna berättelse är, där det nästa som händer är att jag matchar med någon som kallar sig för Lou och är 29 år och också presenterar sig som författare. Lou skickar ett meddelande på chattet. Att allt jag gör här är research för min nästa bok, hade jag också kunnat säga. Detta finner jag lovande. Oklart om det är på ett personligt plan eller på ett litterärt.

Meine Beschreibung lautet: ”Alles, was ich hier mache, ist Recherche für mein nächstes Buch.” Das ist eine Lüge. Und doch auch nicht. Genau wie diese Geschichte sind, ist das nächste, was passiert, dass ich mit jemandem matche, die sich Lou nennt und 29 Jahre alt ist und sich auch als Schriftstellerin vorstellt. Lou schickt eine Nachricht im Chat. Dass alles, was ich hier mache, Recherche für mein nächstes Buch sei, hätte ich auch sagen können. Das finde ich vielversprechend. Unklar ist, ob auf einer persönlichen Ebene oder einer literarischen.

(Alle Zitate aus Research sind Rohübersetzungen auf Basis einer Transkription der Radionovelle)

Die Radionovelle ist schon in den ersten Absätzen so angelegt, dass es naheliegend ist, eine enge Überschneidung zwischen dem Ich-Erzähler, der sich selbst als in Berlin lebender Schriftsteller beschreibt, und Malte Persson zu vermuten. Der Leser nimmt so bereitwillig das autofiktionale Deutungsangebot des Textes an. Typisch für autofiktionale Texte wird bereits im ersten Absatz sowohl die Fiktionalität des Textes als auch die Faktualität markiert, wenn recht einfallslos darüber philosophiert wird, dass diese Geschichte zu einem anderen Zeitpunkt in einem Zugabteil oder einem Literatursalon hätte beginnen können, aber aufgrund ihrer zeitlichen Verortung in der Gegenwart nun eben in einer Dating-App beginnen muss. So betont der Autor erstens, dass es sich um einen fiktionalen Text handelt, dessen Erzähler er ist und zweitens, dass er diese Geschichte nicht anders hätte erzählen können, weil er an die Gegebenheiten der Realität gebunden ist. Das Changieren autofiktionaler Texte zwischen erzählerischer Freiheit und Wahrheitsanspruch wird hier sehr deutlich markiert.

Persson beschreibt, wie er bereits vor dem ersten Date Bergers Pseudonym „Lou“ lüftet und mit einiger Recherche ihren Twitter-Account findet; er berichtet von dem ersten Treffen der beiden und den sich daraufhin entwickelnden Gesprächen, die mehrheitlich per Chat geführt werden. Er bezeichnet sich und Sarah Berger als autofiktionale Autoren, die nun gegenseitig ihr Erleben für ihre textuellen Spiele mit der Realität verwenden. Sie sprechen darüber, wer es schafft die bessere Erzählung aus ihren Dates und Online-Flirts zu spinnen und entwickeln beim Chatten im kommunikativen Zusammenspiel eine komplexe Geschichte, die wiederum auf mehreren Ebenen das Verhältnis von Schriftsteller A und B spiegelt, die wahlweise versuchen sich ihre Erzählungen stehlen oder sich gegenseitig Geschichten unterzuschieben – die Radionovelle wird hier in manchen Passagen dermaßen selbstreflexiv, dass es ermüdend ist dem Text zu folgen, der weitestgehend eine metapoetische post-moderne Spielerei ist. Im gesamten Text wird dem Zuhörer jedoch vermittelt, dass es sich um die Begegnung zweier Autoren dreht, die mehr verliebt sind in das Geschichtenerzählen selbst, als in den zwischenmenschlichen Kontakt miteinander. Malte Persson hinterlässt als Erzählinstanz im Verlauf der Radionovelle keinen besonders sympathischen Eindruck. Im Gegenteil wirkt er auf eine dermaßen überzogene Weise selbstverliebt, dass es beinahe parodistisch wirkt. Textstellen wie die Folgende lassen sich kaum ohne schmerzhaftes Augenrollen anhören:

Hon heter i verkligheten Sarah, är 32 år och verkar inte ha publicerat sig annat än på internet. Jag är lite besviken. Inte över ålderen, men över den bristande litterära meritlistan. Jag är en snobb. Förresten måste jag förtydliga mig: I verkligheten heter hon inte Sarah, men jag har ändrat namnet, precis som jag har ändrat mycket annat här. Detta är inte ett kapitel i mina memoarer, utan en påhittad berättelse där författaren visserligen inspirerats av sådant som verkligen hänt – som författare ofta gör. Förresten måste jag förtydliga mig igen: Hon heter faktiskt Sarah. Jag försöker, men lyckas inte komma på någon ersättning för det här namnet, som känns rätt. Förutom möjligen Hannah, och det heter mitt ex. Så det blir för förvirrande när jag skriver, även om sånt borde spela någon roll. Att jag användar hennes riktiga namn, ska dock inte tolkas som jag inte ljuger om annat.

Sie heißt in Wirklichkeit Sarah, ist 32 Jahre alt und scheint nicht woanders publiziert zu haben als im Internet. Ich bin ein wenig enttäuscht. Nicht über das Alter, sondern über die fehlenden literarischen Verdienste. Ich bin ein Snob. Übrigens muss ich klarstellen: In Wirklichkeit heißt sie nicht Sarah, aber ich habe den Namen geändert, genau wie ich hier viel mehr verändert habe. Dies ist kein Kapitel in meinen Memoiren, sondern ein erfundener Bericht, bei dem der Schriftsteller sicherlich von etwas inspiriert wurde, was wirklich geschah – wie es Schriftsteller oft tun. Übrigens muss ich erneut klarstellen: Sie heißt doch Sarah. Ich versuche, aber schaffe es nicht, einen Ersatz für diesen Namen zu finden, der sich richtig anfühlt. Außer möglicherweise Hanna, und so heißt meine Ex. Dann wird es verwirrend, wenn ich schreibe, selbst wenn so etwas keine Rolle spielen sollte. Dass ich ihren richtigen Namen verwende, soll jedoch nicht so gedeutet werden, als ob ich über anderes nicht lügen würde.

Die Erzählinstanz, die zwischen Fakt und Fiktion schwankt, erklärt kurzerhand als Lüge etablierte Informationen zu Fakten und thematisiert wiederholt die eigene Unzuverlässigkeit. Die Benennung seines Gegenüber als Sarah wird jedoch als Fakt gerahmt, die Rezeption der Hörer wird also in die Richtung geleitet, die biographischen Informationen über Sarah Berger als Fakten wahrzunehmen. Im Anschluss wird ihr Status im Literaturbetrieb, als nicht veröffentlichte Autorin, enttäuscht kommentiert. Diese sonderbare Konkurrenzdynamik finden sich im gesamten Text, der sich mehr der Reflexion widmet, wer nun der etabliertere Autor ist oder die Geschichte besser erzählen wird, als dem wirklichen Austausch von Ideen. Diese unheimliche Art und Weise mit der sich marktwirtschaftliche Kriterien in die zwischenmenschliche Kontaktaufnahme einschreiben, ist vielleicht das interessanteste ästhetische Merkmal eines darüber hinaus nicht sehr aufregenden Textes.

Narrative Enteignung – Auf Tinder sieht dich niemand stehlen

Die Hauptkritik an der Radionovelle Research von Malte Persson lässt sich ebenfalls an dem oben zitierten Absatz festmachen: Indem er Name, Alter, Wohnort und ihren Twitter-Account erwähnt, hat er die noch mit der Verwendung des Pseudonyms „Lou“ mögliche Verschlüsselung aufgegeben und Sarah Berger für alle Hörenden der Radionovelle mit einer minimalen Google-Suche auffindbar gemacht. Besonders durch die Verweise auf „Sarahs“ ästhetisches Interesse an Tinder als poetischem Bezugsrahmen und ihr zum Thema erschienenes Buch wird Sarah Berger eindeutig identifizierbar. Das Pendeln zwischen der Präsentation des Namens als fiktional oder faktual: ”In Wahrheit heißt sie nicht Sarah […] Übrigens muss ich mich doch korrigieren: Sie heißt doch Sarah.”, kann hier nur als halbherzige Strategie verstanden werden, die Verantwortung für die Identifikation seiner Protagonistin durch Ironie von sich weisen zu können. Diskretionsstrategien, die in literarischen Texten angewendet werden um die Referenzierbarkeit der Figuren zu erschweren, werden von Persson ironisch gebrochen, indem er zwar vorgibt sie zu verwenden, sie dann jedoch sofort wieder auflöst. Die faktuale Lesart von Teilen der Radionovelle, das heißt die Wiedererkennbarkeit der Protagonistin als Teil der Wirkungsästhetik, ist also Bestandteil der intendierten Rezeption – eine Strategie, mit der die Autorin Sarah Berger dem Autoren Malte Persson in seinem autofiktionalen Schutzraum ausgeliefert ist. Besonders bei den im Text ausgeplauderten Intimitäten, unter anderem der Thematisierung von einem Gespräch Sarah mit ihrem Psychologen, fragt man sich, wie der Autor dazu kommt, sich berechtigt zu fühlen auch persönlichste Details zum Stoff einer Radionovelle zu machen, die gleichzeitig keine Verschlüsselung der Protagonistin vornimmt. Um noch einmal Johannes Franzen zu Wort kommen zu lassen, der sich eben diesen ethischen Implikationen einer narrativen Enteignung ausführlich widmet:

Nicht autorisierte Narrativierungen fremder Identitäten, die der Öffentlichkeit bekannt gemacht werden, stellen einen moralischen Verstoß dar, der als schwerwiegender, möglicherweise juristisch ahndbarer Eingriff wahrgenommen werden kann. (Franzen: Indiskrete Fiktionen. S. 319)

In diesem Text solle es jedoch nicht um die möglicherweise manifeste Verletzung der Persönlichkeitsrechte der Autorin Sarah Berger gehen – hier kann man ihr nur eine gute Rechtsberatung ans Herz legen – sondern besonders um Aneignung von Inhalten, ästhetischen Verfahren und spezifischen literarischen Mustern der Autorin Sarah Berger in Perssons Radionovelle.

Cover: Sarah Berger Match Deleted

Berger hat sich in den letzten Jahren mit ihren zunächst online veröffentlichten kurzen Textfragmenten eine große Anzahl Follower in den sozialen Medien erarbeitet, ihr Buch Match Deleted Tinder Shorts enthält zahlreiche dieser Texte, von denen sich viele konkreten Begegnungen und Gesprächen mit anderen Menschen widmen. Im Gegensatz zu Malte Persson gibt die Autorin jedoch nie die Identität ihrer Gegenüber Preis, sondern setzt sich mit sehr bewusst gewählter Sprache mit den strukturellen Dynamiken der aus Tinder Matches resultierenden Treffen und Gesprächen auseinander. Nun ist die Schilderung von aus Tinder entstehendem Kontakt kein inhaltliches Alleinstellungsmerkmal, doch ist es auffällig, wie eng sich Malte Perssons Radionovelle an einige Textstellen aus Bergers Buch anlehnt und wie stark sich ihr poetologisches Programm in Perssons Werk wiederfindet. Persson schreibt:

Människor finns bara i de olika historier de berättar om sig själva, skriver jag till Sarah och misstänker genast att det är ett plagiat av något hon har skrivit, antingen i ett meddelande till mig eller på Facebook eller både och.

Menschen gibt es nur in den unterschiedlichen Geschichten, die sie über sich selbst berichten, schreibe ich an Sarah und vermute sofort, dass dies ein Plagiat von etwas ist, das sie geschrieben hat, entweder in einer Nachricht an mich oder auf Facebook oder beidem.

Diese Aussage findet sich wortwörtlich in Bergers Buch, auf Seite 34 steht: ”Ich existiere nur in diesen Geschichten, die ich über mich erzähle.” Ein Gedanke Bergers, der durchaus als die Ausgangsüberlegung von Perssons Text bezeichnet werden kann. Plagiatsvorwürfe sind skandalträchtig und sollen hier nicht erhoben werden, angesichts der Tatsache, dass Bergers Buch mehrere Monate vor der Radionovelle erschien und in Perssons Text auch thematisiert wird, ist es jedoch auffällig, dass sich Spuren von Bergers Werk in Perssons Radionovelle sehr viel deutlicher finden lassen als andersherum. Da jedoch beide Autoren ihr Chatgespräch bearbeitet haben, geht ein Plagiatsvorwurf hier sicherlich zu weit – ihre Dialoge miteinander haben nicht nur Sarah Berger zu literarischen Texten inspiriert, sondern liegen ebenfalls Malte Perssons Radionovelle zu Grunde. Die literarische Bearbeitung persönlich kommunizierter Chats ist ein ethischer Graubereich, in dem sich sowohl Sarah Berger als auch Malte Persson bewegen. Interessant ist hier zu analysieren, wie sich Bergers und Perssons Werk voneinander unterscheiden: Wie bearbeiten die beiden Autoren den vorliegenden Stoff?

Berger schreibt über das Zusammentreffen zweier Autoren, die Tinder zur Recherche nutzen, in der Prosaminiatur Nummer 30 in ihrem Buch:

Jeder lebt also für sich auf der eigenen Oberfläche die Figur des Liebenden, um den Betrug nicht zuzugeben und um weiterhin Nachforschungen für das eigene Projekt zu betreiben, ohne dabei selbst zu wissen, was eigentlich an erster Stelle steht.

Sie interessiert sich in ihrer literarischen Behandlung des Themas für die dem Anderen präsentierte Fassade der Geschichtenerzähler und die Unsicherheit, in einer Liebesbeziehung nur Stoffmaterial für die Texte des anderen zu werden, passend zu dem sich durch die Texte ihres Buches ziehenden Themen von Einsamkeit und Sehnsucht nach genuin zwischenmenschlicher Verbindung. Malte Persson sieht im Gegenzug die Begegnung vor Allem als Gelegenheit sich mit seiner eigenen Schriftstelleridentität auseinanderzusetzen.

Jag har redan tidigt bestämt mig för vad som främst intresserar mig, är den självmedvetenhet som måste uppstå när två författare ömsesidigt researcher varandra.

Ich habe schon früh beschlossen, dass das, was mich am meisten interessiert, das Bewusstsein für sich Selbst ist, das entstehen muss, wenn sich zwei Schriftsteller gegenseitig recherchieren.

Während Persson immer wieder das Spiel mit Faktualität und ausgestellter Fiktionalität ins Zentrum stellt, widmet sich Berger in ihrem einige Monate früher erschienenen Buch einer tieferen Dimension von Einsamkeit, enttäuschten Hoffnungen und einer melancholischen Sehnsucht, die sich durch ihre an vielen Stellen sehr berührenden Texte zieht. Das Gegenüber löst in Bergers Texten vor Allem eine Reflexion der eigenen Einsamkeit aus. Bei Malte Persson wird Sarah Berger wiederum zum Spiegel der eigenen Eitelkeit und Selbstbezogenheit. Berger schreibt über die Langeweile und Leere: „Wir werden uns erzählen, wie furchtbar wir diese Zeit finden, wie öde es ist, nur auf der Oberfläche zu schwimmen, nichts mehr zu spüren, sich nur noch von der einen guten Geschichte zur nächsten zu bewegen …“, während Persson sehr selbstreferentiell davon erzählt, wie sich die Egos der Autoren in ihrer Autofiktion spiegeln:

Men om hon hade vetat att jag citerar publicerade dialog, skulle hon säkert ha jobbat med sitt svar och kommit på ett ännu bättre, som jag nu i stället har tillskrivit henne. Det är vad jag tror, eller vad jag säger att jag tror, för i denna spiral av postmodern litterär självmedvetenhet kan det naturligtvis vara så att jag å ena sidan fåfängad framställer mig själv som den mer begåvade författaren, men å andra sidan också så att jag tvärtom anstränger mig för att framställa henne som den mer begåvade författaren, för att det inte ska se ut att jag är en typisk självgod manlig författare som inte ger en kvinnlig kollega tillräckligt med cred, ens när han stjäl hennes idéer.

Aber wenn sie gewusst hätte, dass ich veröffentlichte Dialoge zitiere, hätte sie sicherlich an ihrer Antwort gearbeitet und eine noch bessere gefunden, die ich nun stattdessen ihr zugeschrieben habe. Das ist, was ich glaube, oder was ich sage, dass ich glaube, denn in dieser Spirale postmodernen literarischen Selbstbewusstseins kann es natürlich sein, dass ich mich auf der einen Seite eitel als den begabteren Autoren präsentiere, aber auf der anderen Seite auch sein, dass ich mich im Gegenteil anstrenge sie als die begabtere Autorin zu präsentieren, damit es nicht so aussieht, als wäre ich ein typisch eingebildeter männlicher Autor, der einer weiblichen Kollegin nicht genügend Anerkennung gibt, selbst dann nicht, wenn er ihre Ideen stiehlt.

Sein Gegenüber wird in Malte Perssons Text vor allem zur Folie von Gedanken über sich selbst und sein nach außen präsentiertes Bild, sein autofiktives und ausgesprochen selbstreferentielles Spiel bleibt im Vergleich zu Sarah Bergers Texten reichlich kalt, er verfugt mit seiner Ironie nur die Oberflächen des Erlebten, während bei Berger immer wieder Abgründe erkennbar werden.

Ironische Nostalgie oder affirmative Ironie

In den Kritiken zu Perssons aktuellem Gedichtband Till dikten wird immer wieder die subtile Ironie und der feine Humor des Autors betont. Tatsächlich ist die ironische Brechung ein sehr spezifisches Merkmal von Perssons Schreiben, das bereits in den ersten Sätzen der Radionovelle „Research“, bei der Gegenüberstellung von Früher und Heute, Literatursalon und Dating-App, durchzuscheinen beginnt und das sich auch im Gedichtband Till Dikten immer wieder findet: Hinter der Pose abgeklärter Ironie verbirgt sich jedoch eine Bewunderung klassischer bildungsbürgerlicher Distinktionsmarkierungen, die in ihrer Offensichtlichkeit einen beinahe rührend bemühten Eindruck macht. Beispielhaft für diese eigenwillige Form humorbefreiter Ironie seien hier nur die ersten Zeilen aus dem Gedicht Underhållning zitiert:

När vi skäms för att vi läst så många dikter och vill göra något seriösare så tittar vi på teve

Wenn wir uns dafür schämen, dass wir so viele Gedichte gelesen haben und etwas Seriöseres machen wollen dann schauen wir Fernsehen

Das an diese Textzeilen anschließende Gedicht beschreibt ironisch das Fernsehen und das serielle Erzählen als die ernsthaftere und komplexere Unterhaltungsform, die das lyrische Ich aus Dummheit eben nicht versteht, dabei einschläft und sich deswegen den kürzeren und „einfacheren“ Gedichten zuwendet. Im Gestus selbstironischen Spotts wird von Persson wieder und wieder das eigene Aus-der-Zeit-gefallen-Sein thematisiert, dabei jedoch eigentlich nur bildungsbürgerlicher Kanon in gähnender Langeweile affirmiert. Zumindest führt Persson mit dieser Schreibweise recht beeindruckend die Möglichkeit vor Augen Ironie jedweder subversiver Funktion zu entledigen.

Till Dikten strotzt von scheinbar ironisch präsentierter Literaturverehrung, die letztlich eine Anbiederung an den bildungsbürgerlichen Kanon ist, die mit gutem Gewissen als Referenzmasturbation bezeichnet werden kann. Was sagt es über den schwedischen Literaturbetrieb aus, dass ein Gedichtband wie Till Dikten von den Kritikern bejubelt wird, ein Band, der in seiner metapoetischen Bemühtheit an zahlreichen Stellen mühelos ins Lächerliche gleitet? In den schwedischen Rezensionen wird Persson als humorvoller Dichter beschrieben, die daraus resultierende Frage ist jedoch eher, was mit dem Humor schwedischer Literaturkritiker kaputt ist, dass diese Form von Ironie überhaupt als humorvoll wahrgenommen wird. (Eine kritischere Lesart von Malte Perssons Ironie in Till Dikten habe ich übrigens finden können, geschrieben wurde sie von Filip Lindberg für Örnen&Kråkan.) Zumindest ist der Gedichtband in Schweden weit oben in der Bestsellerliste platziert, er scheint bei den Lesern gut anzukommen, andererseits verkaufen sich in Deutschland beispielsweise auch die Gedichte von Hans Kruppa sehr oft – Erfolg beim Absatz scheint also weder in Schweden noch in Deutschland ein Garant für gute Literatur zu sein.

Es ist möglicherweise das Drama Malte Perssons als Schriftsteller, dass er sich nach einer historischen Periode mit entsprechender Genie-Verehrung zurücksehnt, diese Sehnsucht gegenwärtig aber nur noch mit vorgespielter Ironie präsentieren kann. Seine Obsession mit schriftstellerischem Status und Relevanz durchzieht auch die Radionovelle Research, in der sich zahlreiche Referenzen auf kanonisierte große Schriftsteller finden lassen. Das generische Maskulinum ist in diesem Fall beabsichtigt, denn Frauen oder Autorinnen sind in Malte Perssons Bezugshorizont sonderbar abwesend, stattdessen werden David Foster Wallace, Friedrich Nietzsche, Sigmund Freud und Rainer Maria Rilke erwähnt, die letzteren im Bezug zu Sara Bergers Alias, die sich in Tinder „Lou“ nennt. Persson denkt darüber nach, dass eine angehende Schriftstellerin, die sich den Namen Lou gibt, sicherlich von der Psychoanalytikerin Lou Salomé inspiriert wurde, die auch Freundin von Nietzsche, Freud und Rilke war. Diese Freundschaft – „vän eller mer / Freundin oder mehr” schreibt Persson – fasziniert ihn. Lou Salomé ist nicht interessant aufgrund ihrer eigenen Biografie, sondern wegen ihrer Beziehung zu von Persson bewunderten berühmteren Männern – sein Interesse an dieser Form eines Musendiskurses ist offensichtlich.

Die Muse schreit zurück

Die Trope von Musen und den Meistern, deren Werke sie inspirieren, findet sich in zahlreichen historischen Texten über Kunst und Literatur. Von den antiken Musenanrufungen, beispielsweise in Homers Odyssee, bis hin zur modernen Variante des Manic Pixie Dream Girls, das sich in zahlreichen Filmen wiederfindet, ist das zentrale Merkmal die Selbstaufgabe weiblicher Identität, um zur Projektions- und Inspirationsfläche des männlichen Künstlers zu werden. Erst Hesiod gab übrigens den Musen ihre Namen und begrenzte ihre Zahl, vorher wurden sie nur als namenlose Wesen angerufen, waren so also bereits in der Antike symptomatisch für die Unsichtbarkeit der inspirierenden oder mitschöpfenden Frauen hinter den Erzeugern eines ästhetischen Textes. Frauen, die als hilfreiche Unterstützerinnen großer Künstler, Forscher und Literaten, nur durch Dienstleistungen für die männlichen Genies einen Wunsch nach Teilhabe erfüllen konnten, sind ein wiederkehrendes historisches Phänomen. Wer nur einen kleinen anekdotischen Eindruck davon bekommen möchte, sollte sich in einer ruhigen Stunde einmal den Hashtag #ThanksForTyping auf Twitter zu Gemüte führen – ich empfehle dabei für etwaige aus den angeführten Beispielen resultierende Gemütszustände einen Wutball in der Hand zu halten.

Cover: Christiane Frohmann: Präraffaelitische Girls erklären das Internet

Eben dieser Musendiskurs, der Frauen zum Schweigen bringt und ihre Identitäten verwischt, wird von Christiane Frohmann, Sarah Bergers Verlegerin, aufgegriffen und subversiv gebrochen, wenn sie in ihrem Buch „Präraffaelitische Girls erklären das Internet“ und auf dem dazugehörigen Twitter-Account “Pre-Raphaelite Girls Explaining” die jungen Frauendarstellungen der präraffaelitischen Maler zu Wort kommen lässt. In ihren Bild-Text-Kompositionen setzen sich die „Girls“ kulturkritisch mit Internetphänomenen auseinander, ohne dass der Maler der Werke überhaupt relevant ist – die Musen schrei(b)en zurück. Die gleichen digitalen Möglichkeiten, die im Jahr 2018 das Datingleben verändern und Menschen ermöglichen, sich als Autor*innen zu bezeichnen, obwohl sie nie ein gedrucktes Buch veröffentlicht haben, geben so auch den früher zum Schweigen verpflichteten Musen die Möglichkeit, ihren Mund zu öffnen und Frustration über ihre Instrumentalisierung zu formulieren.

Sarah Berger, eine Autorin, deren Werk ursprünglich im Internet erschien, hat natürlich auch zu der Causa Persson bei Twitter Stellung bezogen. In der Radionovelle zitiert Malte Persson einen Tweet von Berger zu ihrem ersten Date mit dem Schriftsteller, in dem die Frage gestellt wird, wer wohl die beste Fiktion über den jeweils anderen schreiben wird. Eben diesen Tweet greift Sarah Berger im April 2018 wieder auf und dekonstruiert Perssons Radionovelle mit wenigen Worten:


Genau an diesem von Sarah Berger benannten Punkt der klassischen Rollenmuster, der narrativen Enteignung einer Debütautorin durch einen als Schriftsteller bereits stark etablierten Mann, der digitalen Wiederbelebung abgestandener Musendiskurse, macht es sich fest, dass Malte Persson für seine Radionovelle Research kritisiert werden sollte. Auch und gerade deswegen, weil er seinen Text auf Schwedisch mit hoher Reichweite veröffentlichte und so durch die Sprachbarriere absicherte, dass Sarah Berger nur mit gesteigerten Schwierigkeiten Zugriff auf einen Text bekam, für den sie einerseits eine Nennung als Co-Autorin verdient hätte und der andererseits intimste Details unter ihrem Klarnamen offenbart.

Gerade von Malte Persson, der sich im Kontext der aktuellen Skandale um die Schwedische Akademie, für die er selbst schon als zukünftiges Mitglied ins Spiel gebracht worden war, wiederholt kritisch geäußert hat, und dabei den Sexismus und die archaischen Machtverhältnisse der Akademie analysierte, hätte man ein größeres Bewusstsein bei seinen eigenen Texten erwartet. Vielleicht wäre die Schwedische Akademie doch das richtige Habitat für diesen Schriftsteller, der zumindest von der Literaturkritik bereits in die Nähe antiker Dichterfürsten gerückt wurde:

Man känner de gamla grekernas närvaro hos Malte Persson precis som hos Svenbro. Men hur slänger man ihop en dikt här och nu, här vid historiens slut, efter romantik och modernism och postmodernism?

Man merkt die Nähe der alten Griechen, bei Malte Persson genauso wie bei Svenbro. Doch wie entwirft man ein Gedicht im hier und jetzt, hier am Schluss der Geschichte, nach der Romantik und der Moderne und der Postmoderne?

Auf diese rhetorisch gestellte Frage kann man nur mit Nachdruck und Vehemenz antworten: Bitte nicht so, wie Malte Persson es in Till dikten und Research betreibt und bitte auch nicht, indem durch die kritiklose Übernahme antiquierter Musendiskurse Autorinnen instrumentalisiert und in die Unsichtbarkeit gedrängt werden.

(Großer Dank gebührt dem Skandinavisten und Übersetzer Matthias Friedrich, der nicht nur Malte Perssons Radionovelle transkribiert hat und mir dankenswerterweise zur Verfügung stellte, sondern auch Anregungen für diesen Artikel gab. Dank gebührt außerdem dem Germanisten Johannes Franzen, der mir im persönlichen Gespräch und mit seiner Forschung zur narrativen Enteignung sehr geholfen hat, daher empfehle ich an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich seine Monographie zum Schlüsselroman: Johannes Franzen: Indiskrete Fiktionen. Theorie und Praxis des Schlüsselromans 1960-2015. Göttingen, 2018.)

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Das Passau Georgiens – Tiflis, Tag 4

Liebes Tagebuch,

wir kommen in eine kleine, halbdunkle, über 1400 Jahre alte Kirche, am Eingang verkauft ein Mönch Opferkerzen in unterschiedlichen Preisklassen; ein paar Frauen singen im Hintergrund wunderschön und sauber mehrstimmige orthodoxe Gesänge, ein Geistlicher und ein Lektor psalmodieren dazu vor sich hin, Weihrauch, Bienenwachs, sich bekreuzigend geht ein unablässiger Strom jeder Art von Menschen ein und aus. Dazwischen Touristen, dazwischen wir, und mein erster Gedanke: So etwas ist doch das, woran Leute denken, die uns tradierte und angeblich nicht vollständig reflektierbare kulturelle Identität als den neuen heißen Scheiß verkaufen wollen.

Der Ort ist das Dschwari-Kloster über der alten Hauptstadt Mzcheta, an einer Flussmündung, wo man die verschiedenfarbigen Wässer nebeneinander sieht wie bei Donau, Inn und Ilz, und die Aussicht ist natürlich wieder atemberaubend. Im Tal steht ein Gebäude des georgischen Geheimdienstes, dessen Lamellenfassade ihm die Form einer überdimensionalen mathematischen Skulptur gibt, hinter einer der nagelneuen futuristischen, vollverglasten Polizeistationen. Ich muss an die Ballettprobe gestern denken und daran, wie wenig Volkstanz an diesem Volkstanz ist, genauso wenig, wie Volkslied an deutschen Volksliedern ist, und mitten in der Kirche steht ein Tisch mit einem Berg Opfergaben, darunter eine 2-Liter-Familienflasche Cola, abgepacktes Gebäck, die verschiedensten haltbaren Lebensmittel, alles immer mit einer Wachskerze gekrönt.

Man kann das sehr einfach nehmen. Die Küche (Georgiens Nationalgericht ist übrigens ein Salat, erstaunlich), der Wein, die Kirche, die Gebirgslandschaft, die Schwefelquellen und die Landesgeschichte greifen ineinander, wir sind hier fromme Orthodoxe, langlebige Salatesser und fröhliche Weintrinker, die Frauen schön, die Männer mutig, all das seit Jahrtausenden hier zuhause, vielfach erobert, nie ausgelöscht. Ich muss daran denken, dass ein Außenstehender mit genügend unscharfem Blick vielleicht Baden, Ostthüringen oder Oberbayern genauso sehen könnte. Auf der anderen Seite sind da Übergriffe auf LBGTQ*-Personen und religiöse Minderheiten, die traumatische Erfahrung des Zusammenbruchs nach 1991, als es plötzlich keine Arbeit, keine Heizung und keinen Strom mehr gab, die Kriege (»fünf Kriege in zwanzig Jahren«, sagte uns jemand), die Oligarchen, der klare Wille zu Modernität und zu Befreiung in der jungen Literatur, von der wir hier hören, die uns alle miteinander sagen: Das hier ist keine naturwüchsige Kultur-als-Pflanze, man müsste gewissenlos sein, um es den Deutschen oder irgendwem als Werbung für das zu verkaufen, wovon es sich selbst ganz offensichtlich nicht dominieren lassen will.

Die Stadt Mzcheta hat etwas von Rüdesheim und von Altötting, ein paar Gassen, die nur aus Souvenirständen bestehen, und in der Mitte eine wieder einmal uralte Kirche, die Kathedrale, in der die Könige der Bagratiden-Dynastie begraben liegen. Wieder Wachskerzen, Kopftücher, Fresken, mit dem iPad filmende Fernsehjournalisten. Auf dem Weg zum Essen gehen wir an gepanzerten Fahrzeugen der georgischen Armee vorbei, beklettert von Kindern, es ist Unabhängigkeitstag. Eine 2004 den Tschechen abgekaufte Panzerhaubitze vom Typ DANA hat ihr Rohr (zufällig oder absichtlich?) sehr genau auf das alte Dschwari-Kloster ausgerichtet, das hoch oben aus dem Berg zu wachsen scheint, als wollte jemand damit sagen: Wir können unsere eigene Vergangenheit mit einem Schuss vernichten.

– Das Restaurant in Mzcheta, in dem wir zu Mittag essen, hat den Charakter einer Jagdlodge in einem Luxusresort, ein mit Trinkhörnern und alten Waffen dekorierter neo-folkloristischer Bau in einem Garten aus englischem Rasen und Steinskulpturen, der ein wenig wie eine Parzelle der Bestatterbranche bei einer Landesgartenschau aussieht. Hier gibt es im Zuge eines wieder brachial üppigen Menüs auch das andere Nationalgericht, Chinkali, Teigtaschen, aus denen man der Tradition zufolge die Brühe zuzeln muss, so dass es nicht tropft.

Bei der Rückfahrt brauchen wir gefühlt eine Stunde für einen Kilometer, weil unser Bus in einer Einbahnstraße Gegenverkehr bekommt und sich zurückarbeiten muss. Es ist Unabhängigkeitstag, der 100., die halbe Stadt ist gesperrt. Wir trinken Bier am Pool und tippen, machen bei Hitze und Regen eine Expedition zu einem Supermarkt, um georgischen Brandy und Tee zu kaufen. (Der Hauptexport des Landes vor Wein ist übrigens Altmetall – liegt es daran, dass nach all den Jahren immer noch Schrott aus der Sowjetunion exportiert wird, oder hat, was ich vermutet habe, Georgien aufgrund seiner Lage und der niedrigen Löhne eine informelle Recyclingindustrie?)

Abendessen gibt es in einer Art Chalet über der Stadt. Diesmal gibt es Amphorenwein, scheint mir, die orange Flüssigkeit steht in großen Kannen auf dem Tisch wie auch der Rotwein, der Wein schmeckt harzig und herb, aber er ist so gefährlich süffig wie die anderen Weine, die wir hier zum Essen bekommen haben. Das Huhn schwimmt im Knoblauch, es gibt Käse-Bohnen-Fladen in Filoteig, zu allem Tkemali, eine Sauce aus Alycha, unreifen Kirschpflaumen (das Nationalobst, natürlich; die InstagrammerInnen unter uns sind sich einig, man könnte die Dinger dort problemlos als den neuen Detox- oder Irgendwas-Trend verkaufen und damit groß machen), und irgendwann kommen, gerade zu dem Zeitpunkt, als einige meinen, sie könnten jetzt einfach ein paar Fritten gebrauchen, als eigenständiges Gericht auch noch kleine Teller mit Pommes frites, die das Personal auf die Serviettenspender stellen muss, weil auf dem Tisch selbst kein Platz mehr ist.

Vom Raucherbalkon aus sieht man Klumpen aus Wohnhochhäusern, von denen wir nicht sagen können, ob sie vor oder nach dem Ende der Sowjetunion entstanden sind. Mir gegenüber sitzt die Begründerin der modernen weiblichen Literatur in Georgien, und ich rede mit ihr nur über das Essen, wenn überhaupt. Ich war, liebes Tagebuch, am Ende dieses letzten Abends in Tiflis zu ausgelaugt zum Feiern und habe ein schlechtes Gewissen, nur wenig mit den AutorInnen geredet zu haben. Andere Mitreisende haben ein Interview nach dem anderen geführt, ich habe mich hauptsächlich mit anderen Deutschen unterhalten, wenn ich mich überhaupt unterhalten habe. Immerhin kenne ich jetzt auch einige georgische Sachbücher, die ich vielleicht einmal für 54books rezensieren möchte.

Der Bus zum Flughafen fährt nachts um halb drei! Mit dieser erschreckenden Kunde und den liebsten Grüßen verbleibt

Dein Matthias

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Rückwärts auf Spitzen – Tiflis, Tag 3

Liebes Tagebuch,

ich habe unangenehme Kunde: Leider ist die Weinprobe ausgefallen, weil von den 17 Personen der beiden hier anwesenden Delegationen (BuchbloggerInnen und RichtigjournalistInnen) insgesamt wohl nur zwei Personen Lust drauf hatten. Wie kriegt man nun einen Tag rum, für den einem eine Weinprobe mit original georgischem in der Erde vergessenem Amphorenwein versprochen wurde, die dann nicht stattfindet? Insbesondere nach dem erheblichen Schlafmangel der letzten drei Nächte?

Es ist alles nicht einfach, das kannst du mir glauben. Aber warum wollte denn nun niemand zur Weinprobe? Die Antwort ist die, dass für eine Reise, bei der BuchbloggerInnen etwas über georgische Literatur lernen sollen, bisher erstaunlich wenig Kontakt mit georgischen Büchern passiert war. In der Bibliothek sahen wir nur repräsentative Räume und Lesesäle für ausländische Bücher; eine Buchhandlung, auf die sich einige bereits erwartungsvoll gestürzt hatten, bot vor allem englischsprachige Bücher an. Nachfragen dazu, ob es etwa eine Buchpreisbindung gibt oder ob es georgische Kinderbücher vergleichbar zu Pippi Langstrumpf o.Ä. gibt, scheiterten teilweise an der Sprachbarriere. Insofern wurde umdisponiert, um statt der Weinprobe doch lieber einen Buchladen zu besuchen. Ich muss zugeben, dass ich nicht dabei war, weil ich den freien Nachmittag zum Arbeiten in meinem Hotelzimmer gebraucht habe, aber offensichtlich haben die anderen nun genug georgische Bücher gesehen. (Es gibt in Georgien laut Factsheet des Veranstalters 50 Buchläden und das durchschnittliche Buch kostet umgerechnet 3,99 €. Eine Preisbindung gibt es nicht und Amazon ist kein Thema. Die größte Buchhandelskette gehört dem größten Verlag, die Probleme, die sich daraus ergeben, liegen auf der Hand. Die gesamte Verlagsbranche setzt knapp 4,5 Mio. € jährlich um, pro Jahr erscheinen 3000–4000 Titel, davon 45 % Übersetzungen.)

Ansonsten verging der Tag mit einem Besuch im Nationalmuseum, wo wir steinzeitliche Funde aus Dmanisi (der älteste Fund von Homininen außerhalb Afrikas) und beeindruckenden Schmuck aus frühen georgischen Kulturen sehen konnten. Die ebenfalls versprochene Ausstellung zu Georgien unter sowjetischer Herrschaft bekamen wir nur kurz und nach längerer ratloser Wartezeit zu sehen, da sie gerade noch unter Hochdruck für den bevorstehenden Unabhängigkeitstag überarbeitet und umgebaut wurde; der angekündigte Besuch in der Nationalgalerie entfiel ganz.

Nach einem abermals hervorragenden Essen mit einer Autorin eilten wir hurtig zu einer Probe des Georgischen Staatsballetts. Das 1945 durch ein Paar von Choreographen gegründete Ballett ist bis heute ein »Familienbetrieb«. Die vorgeführten Tänze sind eine Synthese aus georgischer Folklore und modernen Einflüssen. Wir saßen im Probesaal direkt vor der Spiegelwand und damit teils erschreckend nahe an der Truppe, was hier ein besonders treffender Ausdruck ist, da die Tänze sehr kriegerisch daherkommen. Bei stilisierten Kämpfen knallten Bühnenschwerter tatsächlich funkensprühend aufeinander, Tänzer wirbelten direkt vor uns über den Boden; das alles zu (vermutlich) live gespielter traditioneller georgischer Musik. Ich habe mir sagen lassen, dass dieses Ballett das einzige der Welt ist, bei dem Männer auf Spitzen tanzen, und das tun sie tatsächlich; sie tragen zudem auch Knieschoner, weil viele Sprünge auf den Knien gelandet werden, was schon zu etwas mulmigem Mitgefühl für die eine oder andere arme Patella führen kann.

Während die Männer also athletisch-aggressive, teils bewaffnete Choreographien aufführen und im Vergleich zu klassischen Corps de ballet recht wenig genormte Körpertypen haben, dürfen die Frauen sich körperlich offensichtlich weniger unterscheiden und haben vor allem »anmutige« und weniger aufregende Parts. Am Abend konnte ich mich noch einmal kurz mit Davit Gabunia über das Ballett unterhalten und er hat mir versichert, dass es inzwischen auch modernere Choreographien gibt, bei denen zum Beispiel die Frauen die traditionellen Männerparts übernehmen und andere Innovationen stattfinden. Ich habe leider keine brauchbaren Fotos oder Videos von der Ballettprobe, es lohnt sich aber möglicherweise, das im Netz verfügbare Material anzuschauen.

Am Abend dann wieder Essen mit Autoren, diesmal hoch über der Stadt in dem pompösen Aussichtspavillon, der den Endbahnhof der Standseilbahn bildet, mit angemessen spektakulärer Aussicht. Es gab klischeehafte Trinksprüche über das (vorsichtig gesagt spezielle) georgisch-deutsche Verhältnis zwischen 1918 und 1945, und sehr guten georgischen Wein – ob das nun der vergessene war oder nicht, weiß ich nicht. Unzählige Sicherheitsleute zeugten davon, dass anscheinend jemand Reiches oder jemand von der Regierung (oder beides) im Nebentrakt feierte. Anschließend hätte man noch ein Elektrofestival besuchen können, was sich jedoch die meisten angesichts allgemeiner Zerstörtheit gespart haben. Vom Seilbahnhof aus konnte man deutlich erkennen, welche Spuren die Immobilienkonjunktur hinterlassen hat. Für mein naives Auge scheint es in Tiflis vier Kategorien auffällig moderner Gebäude zu geben:

  1. Sowjetische Moderne/Brutalismus (z.B. dieses ehemalige Ministerium)
  2. Abgefahrene öffentliche Projekte v.a. der Saakashvili-Ära (vgl. Artikel und Bildstrecke hier)
  3. Knallige Investitionsmerkwürdigkeiten (z.B. Berbuk Towers)
  4. Auf knappem Budget mit einfachen Mitteln errichtete Gebäude, die versuchen, trotzdem so modern wie möglich auszusehen – die m.E. sympathischste Kategorie (vgl. z.B. den Libeskind-mäßigen Bau in der Galerie von gestern).

Gerade in der Architektur und im Städtebau sieht man Bilder, deren Symbolik man sich kaum erwehren kann: Das wuchtige sozialistisch-klassizistische Gebäude des ehemaligen Marx-Engels-Lenin-Instituts (1938) ist heute das Biltmore Hotel. Bauruinen stehen neben parametrischen Traum-Blobs aus der Saakashvili-Zeit, eine sehr zentral gelegene Ruine ist über eine Performance in ein Kunstobjekt umgenutzt worden. Es scheint mir tatsächlich das geeignete Land, um dicke nichtlineare Romane über fiktive Inselgruppen hervorzubringen.

Wir saßen nach dem Abendessen noch ein wenig vor dem Hotel herum und unterhielten uns weiter mit Davit Gabunia, der einer der erfolgreichsten Theaterschriftsteller des Landes und ganz allgemein ein großartiger Gesprächspartner ist. (Nebenbei hat er eine hochgradig niedliche Katze, ich habe Bilder gesehen.) Davits erster Roman Farben der Nacht erscheint im August in deutscher Übersetzung und hört sich nach etwas an, was vielen gefallen könnte. Ich bin mir nach unserem Gespräch allerdings unsicher, ob der Klappentext, der versucht, der deutschen Leserschaft das Buch als zeitgeschichtlichen Gesellschaftsroman schmackhaft zu machen, nicht ein bisschen irreführend sein könnte.

Nachtragen muss ich noch: Ich habe zum Thema Minderheiten in Georgien eine Anekdote aus dem 2008er Krieg gehört; der russischstämmigen Kassiererin in dem Schwimmbad, in dem jemand jeden Tag schwimmen ging, sei von den georgischen Schwimmern regelmäßig gut zugeredet worden, um ihr klarzumachen, dass sie für die Georgier nicht der Feind sei. Auch Geschichten von der legendären Toleranz der multikulturellen Stadt Tiflis und Georgiens überhaupt hört man häufig, insbesondere, was das Judentum betrifft; dennoch hat die jüdische Minderheit auch Georgien zum größten Teil Richtung Israel verlassen, und zwar sicherlich nicht aus reiner Abenteuerlust. Ich neige daher dazu, die Geschichten über die starken und emanzipierten georgischen Frauen nicht zu glauben, und eher die Beteuerungen derer, die uns sagen: Lasst euch nicht einreden, dies sei kein patriarchalisches Land. Dass ich mich im vorigen Beitrag auf Stephan Wackwitz bezogen habe, war übrigens unvermeidlich – ich habe nunmehr erfahren, dass er tatsächlich länger Direktor des Goethe-Instituts in Tiflis war.

Gehab dich wohl! Wir reden zu viel und schlafen zu wenig, aber sonst geht es uns gut.

Dein Matthias

P.S.: Warum habe ich in Jena nicht herumerzählt, dass ich nach Georgien fahre? Viele Leute in Georgien kennen Jena, weil es zu Sowjetzeiten eine enge Beziehung gab, vermutlich, weil es in Jena eines der wenigen deutschen Institute für Kaukasiologie gibt. Einige Stadtteile hier sehen auch aus wie Lobeda in größer. – M.

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Die erste Kreuzigung nach dem Untergang – Tiflis, Tag 2

Liebes Tagebuch,

was soll ich, der von sehr geringem belletristischem Verstand ist, dir über eine Pressereise für Literaturblogger nach Tiflis schreiben? Gut, dass wir gar nicht so viel Belletristik-Content hatten, nämlich zuvörderst ein literaturgeschichtliches Langreferat des großartigen Davit Gabunia, der uns die wichtigsten historischen Dichterfürsten und aktuellen Autorinnen (und auch ein paar Autoren) der georgischen Literatur vorstellte. Aus seiner Darstellung habe ich vor allem mitgenommen, dass ich bei Gelegenheit einmal Aka Mortschiladses Santa Esperanza lesen möchte, einen nichtlinearen phantastischen Roman über ein fiktives Archipel im Schwarzen Meer.

Nach dem Einführungsvortrag im Goethe-Institut (früheres Konsulat des Deutschen Reichs) sahen wir auch das alte Hauptgebäude der Nationalbibliothek (früheres Bankgebäude im österreichischen Ringstraßenstil) und konnten dort verschiedene internationale Lesesäle besichtigen. Das Magazin mit den vier Millionen Bänden georgischer Literatur ist wohl anderswo untergebracht, ich darf aber beglückt berichten, dass es in Tiflis offensichtlich mindestens ein gutes deutschsprachiges Metaphysik-Handbuch gibt. Es gibt übrigens viele politische Parallelen zu Estland (ich war 2012 mal zehn Tage in Tallinn), z.B. auch, dass man das Land als seit dem Ersten Weltkrieg unabhängig betrachtet und die Sowjetzeit als Besatzung ansieht. Wir werden am Sonnabend, wenn ich das Programm recht erinnere, die Feierlichkeiten zum 100. Unabhängigkeitstag erleben. Eine recht rigide Sprachpolitik erinnert an Québec: Ähnlich, wie dort keine englischsprachige Inschrift ohne eine deutlich größere französischsprachige stehen darf, müssen hier öffentliche Schilder und Logos immer auch in georgischen Buchstaben gehalten sein, weswegen H&M hier ein riesiges georgisches Logo hat; das uns bekannte findet sich deutlich kleiner darunter.

Tiflis ist eine ungeheuer sympathische Stadt, relativ ruhig und dezent beleuchtet, in einem Talkessel mit wahnsinnigen Aussichten, mit einem gewaltigen kulturellen Erbe, aber auch einer Ader für radikal moderne Architektur, die befremdlich anmutet, wenn man aus Deutschland anreist, und zu der ich sowohl online als auch unter den Mitreisenden sehr unterschiedliche Meinungen gehört habe. Es gibt eine Oberstadt mit Gassengewirr, vielen Treppenstraßen, historischen Kirchen und einer Festung drüber, sogar eine schief gepflasterte steile Straße, die linksrum hochführt – als alter Marburger fühlt man sich da sofort zuhause. Wir haben bei einer langen und kompetenten Stadtführung viel gesehen, und ca. 20 Katzensichtungen durfte ich auch verbuchen. Allen Vorurteilen zum Trotz findet man nicht an jeder Ecke ein schnelles freies WLAN, aber immer mal wieder gibt es eins – mehr, als man von vielen deutschen Städten sagen kann (das Jenaer Stadt-WLAN z.B. kriege ich auf einem iPhone einfach nicht ans Laufen, sorry, aber ich sage nur wie es ist, liebe Jenaer Stadt-IT).

Unser Stadtführer, Abo Iaschagaschwili, ist Bergführer und erfolgreicher Schriftsteller – selbst erfolgreiche Schriftsteller brauchen bei einem so kleinen Büchermarkt (das Land hat eine Bevölkerung von ca. 4,5 Mio.) immer einen Hauptberuf, haben wir mehrfach gehört. In den letzten vier Jahren hat die georgische Literaturszene und der Büchermarkt einen kleinen Boom oder zumindest einen großen Anschub dadurch erlebt, dass der Gastlandstatus bei der Buchmesse seinen Schatten voraus warf – man macht sich als naiver Deutscher gar keine Gedanken darüber, welche Bedeutung dieses Ereignis offenbar haben kann.

Das georgische Essen ist exzellent trotz oder gerade wegen großen Koriandereinsatzes und hat, wie auch das Sichbegrüßen mit Küsschen und die Weinkultur, etwas geradezu Französisches: Zu Mittag gab es Brot mit unterschiedlichen Dips, verschiedene hervorragende Salate, eine Hühnersuppe mit enorm viel Fleischeinlage, Gemüseschmorgerichte mit und ohne Fleisch, zu Abend ein gewaltiges Buffet mit u.a. dem salzigsten Käse der Welt, verschiedenen Quiches und Patés usw. Das Brot wird tandoorimäßig frisch gebacken, indem man Teig an die Wand eines großen heißen Tongefäßes klatscht. Man hat den Eindruck, dass das Land, sofern man nicht arm ist, was Lebensstil angeht, so schnell hinter keinem zurückstecken muss. Zu den sicherlich umstritteneren gastronomischen Innovationen gehört der eisgekühlte Minzkaffee – ich persönlich finde den gut, ich bin aber auch ganz allgemein ein großer Freund der Minze.

Zum guten Schluss noch eins: Es gibt unter Forenbros, aber auch unter gestandenen deutschen (v.a. männlichen) Kulturbetrieblern den stabilen Mythos, dass außerhalb Deutschlands, vor allem aber in der ehemaligen Sowjetunion und in Sonderheit in Georgien, die Frauen, auch und insbesondere die Akademikerinnen und die erfolgreich berufstätigen, sich in besonderer Weise »ihre Weiblichkeit bewahrt« hätten, d.h. unter allen Umständen und immer (und natürlich nur aus freier Entscheidung und für sich) geschminkt, hochhackig und elegant aufgetakelt unterwegs seien, so dass chevalereske Heteromänner guten Gewissens ihre Körper mit Blicken wegkonsumieren könnten. Das ist zumindest in Tiflis allem Anschein nach überhaupt nicht so, und das ist auch gut so. (Obwohl Georgien, wie wir gehört haben, nach wie vor ein sehr patriarchales Land ist, in dem Schwule, Lesben, queere Menschen oder auch nur Frauen, die Bücher machen, mit vielen Problemen zu kämpfen haben.) Ebenfalls erkennbar schien, dass feiernde Georgierinnen und Georgier relativ leise sind und einen sehr gesitteten Eindruck machen; ob das etwas mit der angeblichen traditionellen Verachtung für öffentliche lärmende Trunkenheit zu tun hat, ist unklar, aber eine Mitreisende, selbige ihr ganzes Leben in Berlin wohnhaft, hat große Sympathie dafür geäußert, wie wenig hier gegrölt wird.

Wie geht es weiter? In Georgien stellt man seit angeblich 8000 Jahren Wein auf traditionelle Weise her, indem man Most in eine riesige Amphore tut, diese eingräbt und vergisst. (Wie beim Brot ist ein gewisses Grundmuster erkennbar: In Georgien fängt man anscheinend viele Projekte an, indem man erst einmal eine Amphore eingräbt.) Wer die Amphoren wiederfindet und wann, habe ich nicht verstanden, aber offensichtlich passiert es relativ häufig, denn Wein ist hier allgegenwärtig. Uns steht insofern noch eine Weinprobe bevor.

Immer vorausgesetzt, nehme ich an, dass sie noch wissen, wo sie die Dinger eingebuddelt haben, freut sich darauf, liebes Tagebuch, bereits

Dein Matthias

P.S.: Den Titel dieses Beitrags habe ich bei einer Wegbeschreibung aufgeschnappt; er ist sicherlich das Großartigste, was beim Versuch, »die erste Kreuzung nach der Unterführung« zu sagen, herauskommen kann. – M.

P.P.S.: Ich weiß, das sind Pithoi und keine Amphoren, liebe Graecumsmäuse. – M.

P.P.P.S.: Ja, richtig, es muss heißen: mindestens ein Buch, das von mindestens einer Seite wie ein Metaphysikhandbuch aussieht – M.

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Tiflis, Tag 1

Liebes Tagebuch,
seit gestern ca. 23:30 Ortszeit halte ich mich im Rahmen einer Pressereise für BuchbloggerInnen in Tiflis (siehe Foto) auf – Georgien ist Ehrengast der kommenden Frankfurter Buchmesse, und das war Grund genug für das hiesige Nationale Buchzentrum und verschiedene andere Institutionen (?!?), eine größere Delegation der deutschen Katzen-Bücher-Kaffeetassen-Branche in dieses wunderschöne Land zu schaffen. Aus den Reihen von 54books fahre ich mit, weil die ganzen wirklich kompetenten Angehörigen unseres kleinen Rezensionsimperiums verhindert sind. Noch gibt es wenig bis nichts zu berichten, ich habe mangels Tageslicht noch nicht einmal ein brauchbares Foto machen können und ich kenne auch noch nicht alle Angehörigen unserer Gruppe.
Heute haben wir, wie auch die nächsten Tage, unfassbar viel Programm. Am Ende dieses Tages bzw. morgen früh wird es daher hoffentlich mehr zu schreiben geben. Zwischendrin schaffe ich es vielleicht (modulo WLAN-Verfügbarkeit), das eine oder andere Mal diese rätselhaften sozialen Medien zu bedienen. Ich habe extra angefangen, Twitter zu benutzen!
Alles Liebe und bis bald
Dein Matthias

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