Kategorie: Allgemein

Heterowelten? Queere Repräsentation in frühen Teenie-Serien

von Isabella Caldart

Obwohl mit der kurzlebigen, aber noch immer beliebten Serien „Willkommen im Leben“ bereits im Jahr 1994 ein schwuler Protagonist im Hauptcast einer High-School-Serie war, hatten es queere Figuren nicht leicht in den Teenie-Serien der neunziger und nuller Jahre. Bei jenen, in denen homo-, bisexuelle oder angedeutet trans/non-binary Figuren eine Rolle spielten, zeigt sich bei kritischer Betrachtung in der Gegenwart, dass die Repräsentation zweischneidig ist: Einerseits wurden gesellschaftliche Tabus gebrochen und der Diskurs somit vorangetrieben, andererseits war die Darstellung der queeren Charaktere oft eindimensional, stereotyp oder gar queerfeindlich. Ein Rückblick, der zeigt, dass wir trotz vieler Backlashes gesellschaftlich doch einige Schritte nach vorne gemacht haben.

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Geschichte und Traum – Colson Whiteheads „Harlem Shuffle“

von Peter Hintz

Für seine historischen Romane, die angesichts des Trump-Schocks an vergessene rassistische Gewalt erinnerten, ist Colson Whitehead weltberühmt geworden. Underground Railroad (2016) war ein Drama der amerikanischen Sklaverei im 19. Jahrhundert, das vor vielen Verweisen auf die Zeit danach nicht Halt machte. Vor dem Hintergrund der liberalen Civil-Rights-Ära ging es zuletzt in den Nickel Boys (2019) um eine vermeintliche Besserungsanstalt in Florida, die noch bis in 1960er Jahre hinein Schwarze Jugendliche zu Zwangsarbeit verpflichtete, folterte und ermordete.

Nun hat der amerikanische Schriftsteller einen neuen Roman veröffentlicht, der Geschichte erzählt, zwar weniger drastisch, aber trotzdem deutlich politisch. Harlem Shuffle ist ein Stadtroman, der eine Kriminalerzählung mit einem Porträt des Schwarzen Harlem verbindet, das von den späten 1950ern bis in die mittleren 1960er Jahre reicht.

Protagonist von Harlem Shuffle ist Ray Carney, ein Möbelhändler und Familienvater aus Harlem, der in den USA des Kalten Krieges den amerikanischen Traum verfolgt, mit seinem Geschäft zum Vertragspartner der großen Einrichtungsmarken aufzusteigen. Doch unter den Waren, die er verkauft, befindet sich regelmäßig auch Diebesgut, das sich sein Cousin Freddie aus Überfällen und Einbrüchen bei der New Yorker Bourgeoisie beschafft hat. So kommen ihm immer wieder die kriminellen Machenschaften seines Umfelds in die Quere, von denen er halb profitiert und sich halb distanzieren will: „Was krumme Dinger anging, war Carney ein eher kleines Licht.” Als Schelmenfigur wird er teils durch eigenes Zutun und teils durch kuriose Schicksalswendungen immer tiefer ins organisierte Verbrechen hineingezogen, versucht sich aber auch wieder herauszuwinden.

Wie eine literarisierte Gangsterfernsehserie lebt der Roman von seinen historisch detailverliebten Pulp-Episoden um stereotype Männerfiguren wie den Tresorknacker Miami Joe, den Junkie Linus oder den effizienten Killer Pepper. Im Hintergrund spannt Whitehead über drei lose zusammenhängende Teile, die 1959, 1961 und 1964 spielen, einen sozialrealistischen Bogen von Armut, Straßenprotesten und Plünderungen hin zu ungeahndeter Polizeigewalt: „Dieses ganze Land ist darauf gegründet, anderen Leuten ihren Scheiß wegzunehmen.“ Wie das aktuelle Quality TV will das Buch sowohl formalästhetisch als auch politisch mehr sein als eine unterhaltsame Gaunerposse.

Subversion des weißen Realismus 

Whitehead bezeichnet sein literarisches Verfahren als Drag, ein Schreiben-als-ob, das scheinbar an Traditionen anknüpft, aber zwischen Gattungen changiert und Lesegewohnheiten unterläuft. Obwohl seine Romane durchaus bestimmten populären Leitgenres zugeordnet werden können, fallen schon beim etwas genaueren Hinschauen Whiteheads Destabilisierungen erzählerischer Konventionen auf. Das war bereits bei seinen ersten Romansatiren wie The Intuitionist (1999) oder Apex Hides the Hurt (2006) der Fall, deren experimentierfreudiger Abgesang auf den ausgehenden amerikanischen Postmodernismus ihm vor allem in der Literaturwissenschaft Leser*innen einbrachte.

Zum Bestsellerautor wurde Whitehead dann durch seine jüngeren historischen Romane, die sich formal viel stärker an aktuell populären realistischen Schreibweisen orientieren als seine Vorgängertexte, sich aber auf subtile Art von einer Gegenwartsästhetik abgrenzen, die eine sicherere oder politisch progressivere Vergangenheit wiederaufleben lassen will. Das humorvolle Sag Harbor (2009) aus den frühen Obama-Jahren blickte noch mit einer Träne im Auge auf die Jugend eines privilegierten Schwarzen Teenagers in den Hamptons der 1980er zurück, aber schon damit war Whitehead kein gewöhnlicher Nostalgiker. Amerikanische Geschichte fiktionalisiert er ohne die Idealisierung einer vergangenen weißen Blütezeit – egal ob rechtskonservativ oder linksliberal – und ohne zu viel Kanon-Nachahmung.

Underground Railroad etwa verwob das Genre des sentimentalen amerikanischen Sklavennarrativs, das im 19. Jahrhundert für weiße Leser*innen geschaffen wurde, mit Elementen der Fantasy und des Southern Gothic. Die Erzählung einer Flucht aus der Sklaverei wechselte permanent zwischen Utopie und Horror, entwarf eine zyklische Geschichte von Freiheitsträumen und erneuter Versklavung. Die Nickel Boys wurde zwar als historischer „Realismus“ vermarktet, zumal der Roman auf faktualen Ereignissen beruhte, doch er erinnerte in seinen surrealen Anklängen eher an Ralph Ellison oder an Kafka. Im Sinne von solchen Genre-Subversionen handelt Harlem Shuffle nun in der Tradition der heist novel zwar von einigen Raubüberfällen, doch es geht weniger um die Planung und Durchführung von spektakulären Verbrechen als um deren Handlungsumfeld aus kapitalistischer Hehlerwirtschaft und rassistischer Polizeiwillkür.

Bewusst in comichaftem Slang verfasst, entwirft Harlem Shuffle ein nicht unironisches Porträt New Yorks in den Fünfzigern und Sechzigern, das soziale Realität abbildet, ohne sich in falschen Authentizitätsansprüchen zu verlieren. Abgesehen von einigen jüdischen Figuren ist die Stadt in weiße und in Schwarze Viertel getrennt, noch deutlicher als in Vorkriegszeiten. Die alte urbane Ausdifferenzierung europäischer Migranten in Italiener, Iren oder Osteuropäer spielt schon lange keine entscheidende Rolle mehr. Die in Elite und einfache Leute gespaltene Bevölkerung von Harlem – vorwiegend Nachkommen von Sklaven aus dem Süden und Einwanderer aus der Karibik – sucht mit allen Mitteln nach Teilhabe am Nachkriegsboom, der zwischen weißen und Schwarzen New Yorkern ungleich ausfällt. Der sympathische kriminelle Underdog, den man auch von Patricia Highsmith kennt, wird in Harlem Shuffle zur pikaresken Widerstandsfigur gegen seine doppelte, rassistische und klassenbasierte, Marginalisierung: Nachdem der windige Banker Duke sich fünfhundert Dollar erschwindelt hat, die eigentlich dafür bestimmt gewesen waren, die weißen Behörden zu bestechen, will Carney es ihm heimzahlen.

Whiteheads Geschichte der Schwarzen USA

Obwohl viel weniger düster geschrieben als Underground Railroad oder Die Nickel Boys, ist auch Harlem Shuffle dezidiert kein Post-Race-Roman, der Rassismus als vergangen repräsentiert; im Gegenteil: Gerade durch seine Erinnerungsarbeit macht Harlem Shuffle auf andauernde Exklusionsmechanismen aufmerksam. So wie Die Nickel Boys lenkt Harlem Shuffle den Blick weg von den politischen Reformen und Protesterfolgen der 1960er Jahre. Stattdessen erzählt es das alltägliche Scheitern und Überleben Schwarzer Menschen im vermeintlich unbeschwerten Norden, den auch Die Nickel Boys in einigen Vorblenden thematisierten. Gerade darin liegt das politische Potenzial von Whiteheads aktuellen Romanen, die weder universale Fortschrittserzählungen bieten – Narrative, die zum Angriffspunkt der Schwarzen Postmoderne um Octavia Butler und Toni Morrison wurden – noch Sehnsüchte nach den guten alten Vereinigten Staaten reproduzieren.

Nicht zuletzt Proteste gegen Polizeiwillkür und das Erstarken des Rechtspopulismus in Europa und in den USA haben solche sozialkritischen Diskurse in den letzten Jahren popularisiert. Das zeigt auch die neue, bei Matthes & Seitz erschienene Übersetzung von Frank Wildersons in Amerika heftig diskutierter autobiografischer Studie Afropessimismus. Der Kulturwissenschaftler denkt Rassismus darin so radikal, dass er Schwarze Versklavung als das konstituierende und fortwährende Merkmal des nichtschwarzen Menschseins versteht. Permanente Schwarze Exklusion ist demnach die Bedingung der modernen Gesellschaft. Es wäre nicht richtig, Whiteheads neuere Texte diesem Diskurs zuzuschlagen, wenngleich sie im Austausch mit ihm stehen. Whiteheads jeweils in unterschiedlicher Gewichtung mit komischen, tragischen oder fantastischen Motiven ausgestalteten historischen Fiktionen schwanken zwischen der Repräsentation existenzieller Begrenztheiten und Möglichkeiten Schwarzen Lebens in den USA.

Im „Shuffle“ des aktuellen Kriminalromans, seiner sinnbildlichen Doppelbedeutung von dynamischem Pokerspiel und choreografiertem Tanz, werden die Karten der Figuren immer wieder neu gemischt und der College-Absolvent Carney muss ständig die Rollen zwischen Respektabilität und Gangstertum wechseln, um seine Chancen zu wahren. Damit lässt sich Harlem Shuffle nicht zuletzt als satirische auktoriale Reflexion auf Whiteheads kontroverse Stellung als Schwarzer Intellektueller im amerikanischen Literaturbetrieb lesen: seine Anerkennung als einer der meistprämierten amerikanischen Schriftsteller seiner Generation, der auf dem Cover des TIME Magazine erscheint, der aber auch literarische Kritik am weißen Mainstream übt.

Die antinostalgische Kargheit der Nickel Boys ersetzt Harlem Shuffle durch überbordende Referenzen an die amerikanische Konsumkultur der Sixties, deren Darstellung der Roman ironisch um Schwarze Erfahrungen erweitert. Carney verkauft keine Hörfunkgeräte mehr, weil alle jetzt einen Fernseher haben wollen, zu Hause und in den Clubs kommt Musik aus HiFi-Anlagen und die Teppiche und Polster aus den Vorkriegsjahrzehnten haben ihren Wert verloren. Doch während in Downtown Manhattan das World Trade Center auf dem Gelände der plattgemachten Radio Row errichtet wird, verfällt in Harlem langsam der öffentliche Raum. Da fällt passenderweise auch der Luxus des Hotel Theresa, seit 1940 eigentlich ehrwürdiges Symbol der Schwarzen Kulturindustrie, einem Raub zum Opfer, „so, als würde man gegen die Freiheitsstatue pinkeln.“ Und für den aufstrebenden Händler Carney bleibt die Warenwelt nur Mittel zum Zweck, für Autonomie statt Genuss.

Am Juneteenth, dem Emanzipationstag anlässlich der Befreiung der letzten US-amerikanischen Sklaven im 19. Jahrhundert, ist der mit sich selbst beschäftigte moderne Carney nicht interessiert: „Erst sechs Monate später mitzukriegen, dass man frei war, kam ihm nicht wie ein Grund zum Feiern vor. Eigentlich eher ein Anlass, die Morgenzeitung zu lesen.“ Dabei erinnern die Harlem-Figuren in ihrem Wechsel aus Rastlosigkeit und Festsitzen – auch die sprunghafte Struktur des Textes – durchaus an die unaufgelösten Fluchterzählungen aus Whiteheads Vorgängerromanen. Wiederum beeindruckt, wie Whitehead diese Motive ineinander verschränkt, um Schwarze Geschichte zu narrativieren und in Kontrast mit einseitigen Sixties-Erzählungen zu setzen, der „Silhouette des Weißen vor dem Geschehen auf der 125th Street, das weiterging, als existierte das Gewaltdrama zwischen ihnen nicht.“

Harlem Shuffle trägt auch Whiteheads anderes Markenzeichen: eine Erzählinstanz, die mit auktorialer Distanz beschreiben und kommentieren, aber auch flüssig zu personaler Nähe umschalten und zwischen Figurenperspektiven wechseln kann. Aufgrund des epischen Anspruchs von Harlem Shuffle kommt diese Technik, die eher für elegante erzählerische Verdichtung als für sperrige, Jonathan-Franzen-hafte Überlängen steht, nicht so gut zur Geltung wie in Whiteheads anderen Büchern. Je detailversessener der Roman bei Beschreibungen des städtischen Interieurs oder seiner pulpfiktionalen Männlichkeitsintrospektion bleibt, desto mehr rückt die Handlung in den Hintergrund – solche Besuche von Quentin Tarantino im Möbelladen gehen manchmal auf Kosten der Spannung. Damit ist der Roman nicht ganz so zugänglich wie seine unmittelbaren Vorgänger, auch wenn er kurzweiliger sein will. Und trotzdem erreicht das Buch sein Ziel, eine literarisch originelle Sozialkritik für die Zeit nach Trump zu liefern.

Nikolaus Stingls verwirrende Übersetzung

Irritierend ist dagegen die deutsche Übersetzung von Harlem Shuffle, die von Nikolaus Stingl stammt, der auch die meisten anderen Whitehead-Romane ins Deutsche übersetzt hat. Das liegt nicht nur daran, dass die vielen amerikanischen Ortsbezeichnungen und zeitgenössischen Markennamen von Stingl im Original übernommen werden mussten und die Übersetzung daher immer eine deutsch-englische Collage sein würde. Eher besteht das Problem, dass Stingls Übersetzung streckenweise bloß wie ein halbherziger, allzu schneller Versuch wirkt, Whiteheads Stil und die amerikanische Semantik ins Deutsche zu übertragen. Dabei ist erwähnenswert, dass Hanser die deutsche Übersetzung von Harlem Shuffle bereits einen Monat vor Whiteheads US-Verlag Doubleday auf den Markt gebracht hat. Denn so wie in den USA ist Colson Whitehead auch in Europa ein Bestsellerautor mit besonders vielen deutschsprachigen Leser*innen.

Wie maschinengeneriert hangelt sich der deutsche Text streckenweise so eng an englischer Syntax und Lexik entlang, dass sich die Übersetzung nicht etwa Whiteheads geschliffenem Stil annähert, sondern sich mangels zusätzlicher Nachbesserungen davon entfernt. Aus „The first sleep was a subway train that dropped him off in different neighborhoods of crooked behavior“ wird „Der erste Schlaf war eine Subway, die ihn in anderen Gegenden von kriminellem Verhalten absetzte.“ Statt umständlich die englische Satzstellung der deutschen anzupassen, heißt es bei „It wasn’t Rusty or Marie, come back to get something“ dann auch einfach „Es waren nicht Rusty oder Marie, zurückgekommen, um irgendetwas zu holen.“ Und ebenso wortwörtlich wird beispielsweise „lapdog buddies“ als „Schoßhund-Kumpel“ oder „onetime nature“ als „Einmal-Charakter“ übersetzt. Das englische Mafia-Idiom „wetting your beak“, für das es eigentlich keine bessere Entsprechung gibt als ‚seinen Anteil bekommen‘, übersetzt Stingl kurzerhand mit dem verwirrenden „sich den Schnabel anfeuchten“.

So ergeben sich dann auch holprige bis schwer verständliche Sätze wie von der „fix und fertige[n] Jazzsängerin, die um drei Uhr morgens mit den Teufelsversen im Mund aus einem Taxi purzelte.“ Oder: „Der Name des Bandleaders schwang sich in riesigen weißen Buchstaben über die Seite des Tourneebusses, leicht fleckig, wo Weißbacken ihn mit Eiern beworfen hatten, hätte schlimmer sein können.” Oder auch: „nein, er schmetterte keine Wagenheber auf Kniescheiben, aber das ursprüngliche Fundament, unsichtbar im Schmutz, hielt ihn hoch“. Aus Whiteheads gut lesbaren Metaphern werden im Deutschen viele kleine sprachliche Verstopfungen, die den Lesefluss beeinträchtigen.

Derartige Verstopfungen gibt es manchmal auch auf der Ebene der Bedeutungsübersetzung selbst. Über die Figur Freddie, gerührt vom Tod eines Komplizen, heißt es im Original, „Freddie got choked up and went to the bathroom“, woraus im Deutschen dann kurzerhand „Freddie musste mal und ging auf die Toilette“ wird. Ebenso ungenau wirkt es, wenn die „men of hard character“ vage als „schwierige Zeitgenossen“ übersetzt werden. Oder „some variety of violent ocean“, den die Schwarzen Figuren real und metaphorisch durch allerhand Grausamkeiten überqueren müssen, um nach Harlem zu gelangen, lediglich als „irgendeine Art von stürmischem Ozean“ wiedergegeben wird.

Zugegeben, es handelt sich um eine schwierige Aufgabe bei einem so sprach- und genrebewussten Autor wie Whitehead, aber insgesamt fehlt der Übersetzung das richtige Maß: Manchmal zu viel des Englischen, manchmal zu viel des Deutschen. Was das Letztere angeht, sind jene Stellen am störendsten, an denen mithilfe angestaubter deutscher Umgangssprache nach Entsprechungen für englische Umgangssprache gesucht wird. Das erinnert sehr stark an die Probleme der Übersetzung der Nickel Boys von Henning Ahrens. So wird etwa in Harlem Shuffle der „sucker“ zum „Dämlack“, der „wino“ zum „Wermutpenner“ und das „blond chick“ zur „blonde[n] Mieze“. Da fragt man sich, warum der „Motherfucker“ weiterhin „Motherfucker“ heißt.

Laut Impressum wurde „den Wünschen des Autors entsprechend […] die Sprache Amerikas in den Fünfziger- und Sechzigerjahren historisch getreu wiedergegeben.“ Und im Deutschlandfunk wird dem Text für „politisch unkorrekte Begriffe“ Respekt gezollt, womit nicht nur das ausgeschriebene N-Wort gemeint ist. Wiederum wundert man sich, ob hier das Stil- oder zumindest das Cringebewusstsein abhanden gekommen sind. Sicher imitiert Whitehead einen älteren amerikanischen Slang. Diese ironisch verwendete Sprache hat aber durch ihre Bindung an die US-Popkultur und das Pulpgenre eine andere Form, Geschichte und Bedeutung, als Stingls Deutsch, das an den Tatort von 1978 erinnert. Weniger ineffektive Ausschmückungsversuche an solchen Textstellen und dafür wesentlich mehr sprachlicher Nachschliff an anderen hätten der Lesbarkeit der Übersetzung gutgetan, die leider zu wenig von der Dynamik von Whiteheads Harlem Shuffle spüren lässt. Wem es möglich ist, sollte zu der englischsprachigen Originalausgabe greifen.

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Viren, Klima, Hai-Attacken – Der Vaughnismus kämpft für den Status quo

von Jan Kutter

Für die ekligste Szene in Steven Spielbergs Film »Jaws« (»Der weiße Hai«, 1975) braucht es keinen Hai, sondern nur ein paar Menschen. Es ist der 4. Juli, der amerikanische Nationalfeiertag. Wie in jedem Jahr liegen die angereisten Badegäste bei prächtigem Sonnenschein dicht an dicht am Strand von Amity, einem kleinen Küstenstädtchen vor den Toren New Yorks. 

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“How dare you?!” – Klimaschutz in Kinderbüchern

von Julia Bousboa

2018 betrat die damals 15jährige Klimaaktivistin Greta Thunberg die Bühne der Öffentlichkeit und inspirierte Schüler*innen auf der ganzen Welt – Fridays for future war geboren. Kurz darauf veröffentlichten zahlreiche deutsche Kinderbuchverlage ihre eigenen Greta-Bücher. In den Jahren 2019 und 2020 erschienen Greta – wie ein kleines Mädchen zu einer großen Heldin wurde (Knesebeck), Mein Name ist Greta (Midas), Gretas Geschichte (Plaza), Greta und die Großen (arsEdition), Unsere Zukunft ist jetzt! Kämpfe wie Greta Thunberg fürs Klima (Oetinger), Jeden Freitag die Welt bewegen (dtv) und Greta Thunberg (Insel). Tenor all dieser Bücher: Niemand ist zu klein um die Welt zu verändern!

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Literarischer Stadtplan für New York City

von Isabella Caldart

Seit anderthalb Jahren gibt es ein Einreiseverbot für Europäer*innen in die USA, das noch immer nicht wieder aufgehoben wurde. Ein Glück, dass man sich mithilfe von Büchern sicher, günstig, schnell und umweltschonend an persönliche Traumziele weltweit lesen kann. Ein besonders beliebtes Traumziel ist für viele New York City; rund 65 Millionen Besucher*innen (darunter 13 Millionen aus dem Ausland) verzeichnete die Stadt in prä-pandemischen Jahren. Zugleich gehört New York auch zu den beliebtesten Schauplätzen von Romanen.

Wer an New-York-Bücher denkt, denkt zumeist an Romane wie Fegefeuer der Eitelkeiten, Manhattan Transfer oder Die New-York-Trilogie. Aber es gibt eine wesentlich größere Bandbreite an literarischen Texten, die New York als Setting haben. Auffällig dabei: Im East Village und in Harlem sind besonders viele Geschichten angesiedelt, und vor allem die siebziger Jahre, eine Zeit, in der New York dreckig und gefährlich war, werden als zeitlichen Rahmen gerne gewählt. Eine Auswahl.

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Lesen & die Liebe zu lausigem Wetter

von Gerrit Wustmann

Samstag, 22. Mai 2021. Das Pfingstwochenende. Dreizehn Grad im Kölner Umland, gefühlt eher zehn oder weniger. Der Himmel ist grau, der Tag dunkel, es ist stürmisch, der Wind rauscht durch die grüne Weide im Garten, die Tauben klammern sich an den Ästen fest und blicken grumpy. Ebenso wie die wenigen Menschen, die mir beim vormittäglichen Waldspaziergang begegnet sind. Sie hatten auf sonnige Feiertage gehofft. Sie schimpfen übers Wetter. Die Luft riecht nach Regen.

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Das Unabwendbare schreiben – Vom Erzählen der Klimakatastrophe

von Fabius Mayland

Wie schreibt man Literatur über Umweltschutz und katastrophalen Klimawandel? Das Thema ist mittlerweile überaus relevant, und Literatur hat regelmäßig den Anspruch, auf irgendeine Art relevant zu sein. In den USA gibt es seit nunmehr mindestens fünfzig Jahren eine ökologisch orientierte Untergattung speziell des Science-Fiction-Genres, aus der sich auch beträchtliche Teile des neueren Begriffs climate fiction oder cli-fi erschließen. Doch die Klimakatastrophe setzt auch der Science-Fiction eine Grenze.

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Flucht aus Platons Höhle – Über Bilder und Irritation

von Simon Sahner

Auf dem Foto, das ich von Maudie Giffard auf Twitter finde, schaut mich die junge Frau Anfang 30 zögerlich lächelnd durch die Kamera an. Die Haut in ihrem Gesicht ist leicht gerötet und glänzt etwas, ihr Ausdruck verrät eine Überforderung. Sie sieht aus als wäre sie gerade nach einiger Anstrengung wieder zur Ruhe gekommen. Die schulterlangen braunen Haare sind leicht zerzaust, die ebenso braunen Augen blicken in die Kamera als hätten sie nur wenige Sekunden gehabt, um sich reflexartig auf den Moment der Bildaufnahme einzustellen. Vielleicht ist sie gerade nachts aus einem Club gekommen und jemand hat sie überraschend fotografiert. Maudie ist 31 Jahre alt, lebt in einer offenen Beziehung und wohnt im Stadtteil Moskowski der russischen Hauptstadt Moskau.

Maudie existiert nicht.

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Von Menschen und Nachos, oder: Das Kino hassen

von Gerrit Wustmann

An der Sitzlehne klebt irgendwas Eingetrocknetes. Ich nehme den Arm wieder runter und lege ihn in den Schoß. Nach einer halben Stunde Werbung ist mir schon der linke Fuß eingeschlafen. Ich wecke ihn auf. Als der Film endlich losgeht, bin ich in Gedanken längst woanders. Links neben mir stopft jemand Nachos in sich rein. Seit einer halben Stunde. Ein kurzer Seitenblick: Es ist die ganz große Schale. Er isst sie einzeln. Und kaut ausgiebig. Eine der zentralen Fragen des Lebens drängt sich einmal wieder auf: Welcher Vollidiot hatte die Idee, in Kinos Nachos zu verkaufen? Ausgerechnet diese Dinger, die man unmöglich leise essen kann. Das ist so grausam wie ein Zugnachbar, der bei jedem Griff in die Chipstüte noch mehr Krach macht als mit dem Beißapparat, minimal unter dem Kapitalverbrechen namens Apfel. (Disclaimer: Ich mag Äpfel. Sehr sogar. Aber ich möchte niemandem beim Apfelessen zuhören, das ist wie Fingernägel auf Tafel.) Ich vermute dahinter eine Verschwörung der Filmindustrie: Je weniger man im Kino mitbekommt, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass man sich den Streifen hinterher zu Hause nochmal ansehen will.

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Das Ende des erzählenswerten Lebens – „King of Queens“ und die Kinder

von Isabella Caldart

Sitcoms, die keine Familie, sondern einen Freundeskreis im Zentrum der Handlung haben, tun sich schwer damit, das Thema Kinder logisch und unterhaltsam in den Handlungsbogen einzubauen. Sind die Schauspielerinnen tatsächlich schwanger, wird – mal mehr, mal weniger gelungen – versucht, die Schwangerschaft während des Drehs zu kaschieren, oder aber die Figur wird für einige Folgen aus der Serie geschrieben.

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