Kategorie: Allgemein

Sex, Sokrates und Ressentiments – Thea Dorn hat einen Corona-Roman geschrieben

von Peter Hintz

 

In den letzten zehn Jahren hat Thea Dorn, bekannt als Kriminalschriftstellerin und Moderatorin, eine fieberhafte Produktivität als meinungsstarke Autorin von Essays und Sachbüchern entwickelt. Ach, Harmonistan (2010) beklagte einen Mangel an deutscher Streitkultur (bevor sie 2020 wieder zur Maßhaltung aufrief), Die deutsche Seele (2011) erklärte unter anderem Wurst und Dauerwelle zur deutschen Essenz und mit Deutsch, nicht dumpf (2018) wollte sie laut Klappentext “Heimat, Leitkultur, Nation […] nicht den Rechten überlassen”. Weiterlesen

Wir sind hier, und ihr seid es auch – Ein Jahr nach Hanau

von Isabella Caldart

 

Hanau war kein Einzelfall. Wie rassistisch ist die deutsche Gesellschaft? Wie kann Schreiben nach Hanau aussehen? Was kann die Literatur für den antirassistischen Diskurs tun? Diesen und weiteren Fragen widmet sich das dreitägige „Wir sind hier“-Festival für kulturelle Diversität vom Literaturhaus Frankfurt in Kooperation mit der Bildungsstätte Anne Frank, das am Wochendende aus dem Literaturhaus Frankfurt und dem Kulturforum Hanau live gestreamt wird. Ein Bericht. Weiterlesen

Lächerliche Verbrechen – Über Krimiparodien

von Sandra Beck

 

Kriminalliteratur tritt gegenwärtig auch mal mit einer Covercollage aus Kuckucksuhr, Sekt, Guglhupf, brennenden Geldbündeln und Bombe in Erscheinung. Seit Ende der 1980er Jahre gehört der Regionalkrimi zu den Standardvarianten des Genres. Beginnend mit Jacques Berndorfs Eifel-Krimis um Siggi Baumeister – u.a. Eifel-Blues (1989), Eifel-Gold (1993), Eifel-Filz (1995), Eifel-Schnee (1995), Eifel-Feuer (1996), Eifel-Rallye (1997), Eifel-Jagd (1998), Eifel-Sturm (1999), Eifel-Müll (2000), Eifel-Wasser (2001), Eifel-Liebe (2002), Eifel-Träume (2004), Eifel-Kreuz (2006), Eifel-Bullen (2012), Eifel-Krieg (2013) – hat regional und lokal verortetes kriminalliterarisches Erzählen nach und nach die gesamte Bundesrepublik als Tatort aberzählt. Ein unübersehbarer Schwerpunkt liegt dabei auf der kriminalliterarischen Vertextung von Bayern allgemein, dem Allgäu und der Alpenregion im Speziellen – oder wie Katharina Löffler resümiert: „Lüftlmalerei, erzähltes Ermitteln in Hüttengaudi-Ambiente vor weiß-rot-karierter Szenerie, Kommissare, inmitten von Kuhglockengeläut, hübsch aufbereitete Rustikalität“.1   Weiterlesen

Chronik: Januar 2021

Die Chronik ist in den ersten zwei Wochen exklusiv für unsere Abonnent*innen und wird dann freigeschaltet. Alle anderen Texte sind frei verfügbar. Hier kann man ab 2,50 ein Abo abschließen.

 

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Wir Leben in einer Zeit unliebsamer Überraschungen, um es vorsichtig auszudrücken. Wenn etwa die Autorin Marlene Streeruwitz den Monat damit beginnt, einen von ihr diagnostizierten “Hygienestaat”, der uns mit seinen “Massentests” die Grundrechte entzieht mit dem Nationalsozialismus zu vergleichen, dann ist das 1. überraschend und 2. unliebsam; vielleicht sogar erschreckend. Streeruwitz schreibt: “Aber das war genau das, was die Nürnberger Rassengesetze erzielten: der Entzug der Bürgerrechte.” Wir leben auch in einer Zeit, in der die historische Analogie keinen guten run hat, aber das muss nun wirklich nicht sein.

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“Tja! Wieso geht ihre Mutter nicht in das Theater?!” Das wurde die Autorin Şeyda Kurt in Bezug auf eine Kolumne einmal gefragt und sie entwickelt daraus in diesem sehr empfehlenswerten Text eine Kritik der patriarchalen Provokationskunst, die nach wie vor auf deutschen Bühnen gepflegt wird, wo man selten eine Gelegenheit auslässt, “irgendwen, am liebsten weibliche Figuren, nackt und vermeintlich hilflos vorzuführen.“ So lange kritische Fragen wie die folgenden, keine Antwort finden, werden Menschen ihren (zurecht) geliebten Flatscreen nicht verlassen.

Warum nehmen Theatermachende immer noch in Kauf, ihr Publikum mit darstellerischen Plattitüden von sexualisierter Gewalt zu belästigen, einen Teil von ihnen zu retraumatisieren und das Theater zu einem noch unzugänglicheren Raum zu machen? Vielleicht, weil es einfacher ist, die Vergewaltigung als ein absolutes, punktuelles Verbrechen mit Schock-Charakter darzustellen, anstatt ein dramaturgisches Gespür für die Zwischenräume und Dynamiken zu entwickeln, in denen sich (sexualisierte) Gewalt und Herrschaft schleichend und fast unbemerkt manifestieren (Bourdieu lässt grüßen). Dabei sind es gerade diese Zwischenräume, die zählen. Auch, weil sich in ihnen der Widerstand der Betroffenen einnisten und wachsen kann.

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Auf Twitter schreibt die Modeforscherin Cassidy Percoco immer wieder ausführliche und gut belegte Threads, in denen sie sich mit Modegeschichte auseinandersetzt oder kritisch analysiert, wie historische Kleidung beispielsweise in Fernsehserien umgesetzt wird (hier am Beispiel der Fernsehserie “Bridgerton”). Anfang Januar denkt sie über das Sticken als Motiv in Gegenwartsfiktionen nach und Ende Januar analysiert sie die historische Verwendung von blauer und pinker Kinderkleidung und weist auf einige populäre Missverständnisse hin:

 

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Das Feuilleton lebt von frischen Ideen, möchte überraschen mit originellen und kühnen Einfällen. Warum also nicht mal einen Artikel aus der Perspektive von Sars-CoV-2, der mit den Worten beginnt: “Planet Erde – Ich bin nicht böse. Ich bin kein moralisches Wesen. Das solltet ihr verstehen, falls ihr mich verstehen wollt: Werte, wie ihr sie kennt, sind mir fremd.” Das scheint in dem Fall offenbar auch für den Planet Feuilleton zu gelten, sonst würde er auf solche frivolen Gedankenspiele in Zeiten realen Elends vielleicht verzichten. Aber im Rausch einer guten Idee ist Verzicht vielleicht auch einfach unmöglich. Und so entlässt uns der Artikel in den gnadenreichen Fadeout der Paywall mit dem menschengemachten Selbstlob des Virus: “Ich bin das, was ihr einen guten Beobachter nennt. Eigentlich der beste, ein intimer Menschenkenner.” Dazu dann herzlichen Glückwunsch!

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Am 6. Januar stürmte eine gewalttätige rechtsradikale Gruppe das Kapitol, um zu verhindern, dass die Wahl von Joe Biden zum Präsident der USA bestätigt wird. Mit dabei war auch ein Mann in einem absurden Fellostüm, der schnell zur Ikone dieses Ereignisses wurde. Das reizte in der FAZ zu einem Sturm an gelehrten Assoziationen: von den unvermeidlichen Griechen Homers bis hin zu Bruce Springsteen. Margarete Stokowski hat dafür die gute Formulierung “Feuilletonboy Platin” gefunden. Und vielleicht wäre es Zeit, das kulturjournalistische Format zu überdenken, das ein zeitgenössisches Ereignis mit zufälligen historischen Bezügen abschießt. 

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Es scheint als wolle der WDR seit dem zweifelhaften Umgang mit dem “Umweltsau”-Lied jedes Jahr mit einem neuen Griff ganz tief in die Kiste mit den Ressentiments und Skandalen beginnen, wie anders sollte man sonst die Talkrunde von Die letzte Instanz erklären, die sich vergangene Woche zum rassistischen Stelldichein traf. Da saßen – immerhin pandemieadäquat durch Scheiben getrennt – Thomas Gottschalk, Janine Kunze, Micky Beisenherz und Jürgen Milski unter der Leitung von Steffen Hallaschka und tauschten sich über etwas aus, von dem sie offenkundig keine Ahnung und an dem sie kein Interesse haben: rassistische Diskriminierung. Die Ausschnitte, die mit angemessener Empörung geteilt wurden, lassen darauf schließen, dass selbst an dem berühmt-berüchtigten “Stammtisch” das Niveau inzwischen höher sein dürfte. 

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Wie kann die überhitzte, fragmentierte Debattenkultur in Deutschland gerettet werden? Das ZDF hat sich dafür ein sehr schlechtes Format ausgedacht, das den intellektuellen Austausch auf das ungefähre Niveau einer Partie Brennball reduziert. In “13 Fragen” müssen die Kombatant*innen sich auf einem Spielbrett positionieren, je nachdem wie sie die 13 Suggestivfragen des Moderators beantworten. Das wäre alles unerheblich, wenn man sich nicht den des ausgedachten Themas “Cancel Culture – Meinungsfreiheit in Gefahr?” angenommen hätte. Gleich zu Beginn bringt der Moderator das Problem in der Schwundstufe der vom Deutschunterricht etablierten Erörterung auf den Punkt: “Müssen wir alle aufpassen, was wir sagen in der Öffentlichkeit, zumindest, wenn wir nicht Gefahr laufen wollen, von dem digitalen Mob gelyncht zu werden?” Hier wäre bereits einzuhaken und die Gegenfrage zu stellen: Ist es schon Cancel Culture, darauf hinzuweisen, dass eine dermaßen historisch unangemessene Verwendung des Wortes “lynchen” ein Problem ist? Vor lauter Freude an der Debatte, am freien Austausch der Meinungen, am spielerischen Markt der diskursiven Möglichkeiten, am bunten Basar etc. hatte man offenbar leider übersehen, dass es sich bei dem Gast Gunnar Kaiser um eine extrem problematische Figur handelt (einfach mal googeln). Wahrscheinlich ist Lisa Eckhart inzwischen zu teuer. Da steht dann auch – Thema Cancel Culture – die Frage im Raum, ob die anderen Teilnehmer*innen nicht einfach mal hätten sagen können, nein, ich stelle mich nicht mit allen auf ein Spielbrett.

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Der Druck, jeden Tag ein Ressort bis oben hin mit Text aufzufüllen, hat in Zeiten des Debattenfeuilletons dazu geführt, dass bestimmte Themen immer wieder aus der einen Tupperdose geholt werden, die schon verdächtig lange hinten im diskursiven Kühlschrank lagert:

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Einen beeindruckenden Essay haben wir auf dem Blog der Kulturpolitischen Gesellschaft (KuPoGe) gefunden. Darin schreibt die Schriftstellerin Karosh Taha über ihre Erfahrungen mit dem deutschen Literaturbetrieb, darüber, was es bedeutet, dass hinter den Kulissen meistens immer noch “Chirurgensöhne” das Sagen haben und wie sie selbst das eigene Schreiben an die Erwartungen einer Mehrheitsleseschaft angepasst hat. Ihre Erkenntnis “Der Literaturbetrieb vernichtet die Literatur” ist nur einer von einigen pointierten, treffenden Sätzen in einem Essay, der Fragen stellt und teilweise beantwortet, die jeden interessieren sollten, der eine Literatur will, die heterogener ist als die jetzige.

Würde man den Kanon abschaffen, würde man Goethe und Schiller und Büchner für eine Dekade aus dem Gedächtnis löschen, würde auch der Betrieb aufhören, nach der Stimme einer Generation zu suchen, endlich aufhören junge Männer, die nichts zu sagen haben, diese jungen Bohémien, diese Chirurgensöhne, zu feiern. Ich kenne die Gefühls- und Gedankenwelt dieser jungen Männer, in wie vielen Variationen soll ich das noch lesen? Keiner wird den nächsten Werther schreiben, er wurde schon geschrieben.

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Die Wunschliste der Dinge, von denen man im Jahr 2021 weniger sehen will, ist lang. Aber recht weit oben finden sich Überdruss und Müdigkeit für alle Diskurse, die mit Lisa Eckhart zu tun haben, und die im letzten Jahr gefühlte 800 ängstliche Leitartikel darüber hervorgebracht haben, ob man denn noch etwas sagen darf. Zumal die so hart gecancelte Kabarettistin unverdrossen in alle Medien eingeladen wird, und so müssen wir beim Scrollen durch die Twitter-Timeline feststellen, dass der Wunsch nach weniger Nachrichten aus der bunten deutschen Comedy Welt uns nicht erfüllt wird. Denn schon im Februar wird der Spiegel unter der Führung eines Redakteurs und eines Philosophen (beide garantiert neutral zum Thema) erneut viel Platz dafür freiräumen, um darüber zu klagen, dass niemand mehr etwas sagen darf. Besonders beeindruckend fanden wir in diesem Kontext auch den Kommentar eines Users, der im August 2020 mal damit angefangen hat, alle Interviews der mundtot gemachten Lisa Eckhart zu sammeln und im September wegen Arbeitsüberlastung wieder aufgehört hat.

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Als Thomas Hettches Roman Herzfaden im letzten Jahr erschien, wurde er allerorten sehr huldvoll besprochen und stand auch auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. In einem ausführlichen Rezensionsessay wundert sich Katharina Teutsch über diese Rezeption, denn bei dem Roman handele es sich ihrer Meinung nach um “Entnazifizierungskitsch”. Anhand einer ausführlichen und subtilen Analyse, die auch einige ziemlich irritierende Zitate und Szenen aus dem Roman zusammenstellt, kann die Autorin zeigen, wie unangemessen sich Herzfaden dem Thema der nationalsozialistischen Verbrechen auseinandersetzt. “Hängen”, sagt Teutsch, “die verstrickten Deutschen bei Hettche schon im Museum für moralische Atrozitäten, wo man sie herzeigt, wie seltsam verzauberte Kreaturen, Opfer ihrer Umstände?” 

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Die kolumnistische Vernunft ist immer auf der Suche nach einem Thema, oft verzweifelt: Worüber als nächstes schreiben, wenn einem nichts einfällt? Zum Beispiel darüber, dass es doch verwunderlich ist, dass in Pandemiezeiten gestresste Eltern sich mit ihren Kindern um den Küchentisch scharren, anstatt sich gefälligst einen Schreibtisch zu kaufen (gibt’s schon ab 40 Euro) und einfach mal die Türen hinter sich zuzumachen. Der gegenwärtige Kolumnismus sieht vor, dass es für so einen Text dann gewaltigen Ärger gibt, der dann zu einer Klarstellung führt und sicherlich zu den nächsten Kolumnen, und so geht es einfach immer weiter…

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Sandra Gugić hat das Buch Frausein von Mely Kiyak gelesen und ist dabei auf diese Sätze gestoßen: „Ich wollte keine Frau sein, die Kinder hat und schreibt. Keine, die eine Ehe führt und schreibt. Keine, die eine andere Tätigkeit ausübt und auch schreibt. Ich wollte nicht von allem etwas, sondern von dieser einen Sache alles. Wenn mich jemand fragt, was machst du, wollte ich antworten: Ich schreibe.” Aus der Irritation über diese Sätze entwickelt Gugić die Kritik einer bestimmten klischeehaften, aber nach wie vor sehr wirkmächtigen Vorstellung davon, wie Schreiben überhaupt gelingen kann:

Es geht um die schiefen verbrauchten Bilder, die Mär eines unabhängigen Menschen, dem entweder der Rücken (von Alltäglichem) freigehalten wird oder der in privilegierter Weise mit dem Rücken zur wirklichen Welt steht und sich weitgehend ungestört seinem Schaffen widmen kann. Diese in den Köpfen hartnäckig festsitzende Klischeevorstellung bedeutet für alle anderen, bei denen das nicht der Fall ist, die vorhandenen Zumutungen der künstlerischen Produktionsbedingungen letztlich akzeptieren zu müssen. Oder eben keine Kunst, keine Literatur produzieren zu können.

 

Sentimentaler Müll: Gespräche über Chick Lit [Podcastkolumne]

von Svenja Reiner

 

Wenn ich an meine Jugend denke, dann vor allem an die Bücher, die ich damals gelesen habe. In unserem Wohnzimmer gab es ein großes Bücherregal, das die Konsalikbände meiner Mutter füllten und deren dramatische Schriftzüge mich ziemlich abschreckten. Ein weiteres Regal stand im Arbeitszimmer meines Vaters. An die rotschwarzen Buchrücken des Modernen Lexikons reihte sich eine Sammlung gebundener Asterixcomics. Weiter oben, kurz vor der Zimmerdecke, lagerten seine Karl May-Bücher, aber nachdem ich beim Abstauben die ersten Sätze gelesen hatte, war ich ziemlich abgetörnt.  Weiterlesen

Autorin der Männer – Patricia Highsmith im Spiegel aktueller Geschlechterdiskurse

von Peter Hintz

 

Zu den grundlegenden Aspekten hegemonialer Männlichkeit gehört die Klage und das Gejammer, dass sie in einer Krise stecke. Das zeigt auch das im November 2020 in der edition suhrkamp erschienene Buch Politische Männlichkeit von Susanne Kaiser. Anhand zahlreicher Beispiele aus der Gegenwart untersucht Kaiser autoritäre Bewegungen und die Rolle, die patriarchale Ideologien für sie spielen. Wie Kaiser überzeugend darlegt, ist diese Ideologie – von offensichtlichen Beispielen wie den sogenannten Incels und Pick-up-Artists bis zur AltRight und AfD – zum politischen Bindeglied vermeintlich sozial isolierter Männer geworden, die sich online und offline vernetzen und organisieren. Gemeinsam haben die Bewegungen vor allem eins: Gegenderte Abstiegsnarrative, die vor der Emanzipation der Frau und der Verweichlichung des Mannes warnen, um Gewalt gegen Frauen zu rechtfertigen.  Weiterlesen

Hype und Enttäuschung – Über die Unfähigkeit, Widerspruch auszuhalten

von Matthias Kreienbrink

 

Neben allem war 2020 auch das Jahr des Videospiel-Hypes. Neue Konsolen erschienen und ebenso Blockbuster, die kaum lauter, schriller und umkämpfter hätten veröffentlicht werden können. The Last of Us 2, Playstation 5, Cyberpunk 2077. All das sind Schlagworte in einem Diskurs um Hype, Gamer, Presse, PR und schlussendlich auch Hass. Weiterlesen

Kriminalliteratur und Paranoia – Zwischen Wahrheitsfindung und Verschwörungsfiktionen

von Sandra Beck

 

In Klappentexten wird Kriminalliteratur als ein Genre vorgestellt, das immer neue Erzählungen von unvorstellbaren Abgründen produziert: „Doch in diesem Fall ist nichts, wie es scheint, und hinter jeder Wahrheit verbirgt sich eine weitere…“, heißt es etwa im Klappentext zu Linus Geschkes Finsterwald.[1] Die hyperbolischen Formulierungen suchen nicht nur Aufmerksamkeit für den Einzeltitel auf dem notorisch überfüllten Krimimarkt zu generieren, sondern erfassen überraschend präzise ein grundlegendes Prinzip kriminalliterarischen Erzählens. Folgt man dem Soziologen Luc Boltanski ist Kriminalliteratur ein Genre, das unsere Vorstellung von der Welt als Scheinrealität enttarnt: Weiterlesen

Nicht mitgemeint – Olivia Wenzels ‘1000 Serpentinen Angst’ im ‘Literaturclub’

von Maryam Aras

 

„Wie gesagt, ich, Elke, bin auch kein Freund von Rap.“ „Ich, Elke, bin kein Freund von R-A-P.“  Olivia Wenzel und Malu Peeters sitzen auf der Bühne der Frankfurter Naxos Halle, an einem Tisch mit ungefähr einem Meter Abstand zueinander. Hinter ihnen ist ein Bild einer Hand an die Wand geworfen, die wiederum ein kleineres Foto einer Hand verziert mit einer Kette und vielen Ringen zu halten scheint. „Hallo, ich bin Philipp Tingler und ich finde, das ist kein Schreiben, das ist Seitenfüllen.“ „Das ist Seiten-FÜHLEN.“ Weiterlesen

Sound of Christmas – Weihnachtslieder und ihre kulturelle Funktion

von Berit Glanz

 

Das säkularisierte Weihnachten der modernen Konsumgesellschaft ist ein Fest, das von Paradoxien durchzogen ist. Diese Widersprüchlichkeiten offenbaren sich auch in den Weihnachtsliedern, die im Dezember an vielen Orten rauf und runter gesungen und gespielt werden. Elemente des Festes, die uns als lange etablierte Traditionen erscheinen, sind tatsächlich sehr moderne Angelegenheiten. Besonders zum Weihnachtsfest, einem ritualisierten Jahreshöhepunkt, entwickeln diese imaginierten Traditionen eine unwiderstehliche Anziehungskraft. Nostalgie ist essentieller Bestandteil der Feiertage. Die Weihnachtsabende einer verklärten Vergangenheit, in der Schnee lag, Glöckchen klingelten, die Menschen fröhlich miteinander tranken und tanzten, werden in vielen Liedern besungen. Weihnachtslieder haben eine kulturelle Funktion und verraten einiges über ihren Entstehungskontext und unsere darüber hinaus weisenden Wertvorstellungen. An ihnen lassen sich  exemplarisch drei Bereiche untersuchen, die das Weihnachtsfest entscheidend prägen und die der Anthropologe Daniel Miller in seiner Studie Weihnachten. Das globale Fest als Familie, Globalisierung und Materialismus definiert hat. Weiterlesen