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Kategorie: Allgemein

Bernhard Heinzlmaier – Performer, Styler, Egoisten

Wer weiß, dass alles immer schlimmer wird, muss erklären können, warum die heranwachsende junge Generation daran nichts ändern wird. Eine pessimistische Beschreibung einer Gesellschaft erfordert notwendigerweise stets eine negative Beschreibung ihrer Jugend. Bernhard Heinzlmaiers Buch Performer, Styler, Egoisten. Über eine Jugend, der die Alten die Ideale abgewöhnt haben (Archiv der Jugendkulturen Berlin, 3. Auflage August 2013, 202 S.) bietet insofern, wenn auch nicht mehr ganz taufrisch, die methodische Ergänzung zu Robert Pfallers und K. P. Liessmanns Werken, die ich in den ersten beiden Teilen dieser Trilogie rezensiert habe. (Übrigens beziehen sich sowohl Pfaller als auch Heinzlmaier wiederholt auf Liessmann.)

Dass es seit mindestens über 40 Jahren (Tom Wolfe, The »Me« Decade and the Second Great Awakening, 1976) zur intellektuellen Geräuschkulisse der westlichen Industriegesellschaften gehört, die Jugend als egozentrisch und narzisstisch zu kritisieren, habe ich bereits in der Liessmann-Rezension angemerkt. Letztlich handelt es sich dabei um die aktuelle Akzentuierung der mindestens bis ins 5. Jahrhundert vor Christus (Aristophanes, Die Wolken) zurückgehenden Beschwerden über die Jugend von heute. Heinzlmaier liefert in seinem Buch ähnlich wie Pfaller eine ausgearbeitete Darstellung der vollständig ökonomisierten, »neoliberalen« Gesellschaft, in der wir seiner Meinung nach leben, und ordnet verschiedene mehr oder minder empirisch begründete Beobachtungen über die Jugend v.a. in Österreich in dieses Bild ein, die, wie der Titel schon andeutet, durchweg auf Narzissmus und Egozentrik abheben.

In groben Zügen sieht dieses Bild so aus (7–44): In der neoliberalen Marktgesellschaft ist das Bildungssystem bis auf unbedeutende Restbestände darauf reduziert, Individuen fachspezifisch und technisch auszubilden, damit diese in der Arbeitswelt als unternehmerisch agierende Monaden den Kampf aller gegen alle erfolgreich bestreiten können. Ob Erfüllung durch die eigene Arbeit dabei etwas ist, was den Massen vorenthalten wird (»Nur den Bildungseliten gelingt es noch, Arbeit und Selbstverwirklichung miteinander zu verbinden«, 10) oder etwas, womit diese sediert und angetrieben werden (»Nun genügt es nicht mehr, dass der Arbeitnehmer seine Arbeit einfach erledigt, er muss sie auch gerne tun«, 20), weiß Heinzlmaier dabei selbst nicht so genau, und es ist ihm auch nicht so wichtig. Der moralisch spätestens seit der Finanzkrise diskreditierte Kapitalismus hat jedenfalls aus der Gesellschaft ein reines Schmierentheater gemacht, in dem es um nichts mehr geht außer um persönliches, materielles Vorankommen, und alle wissen, dass alle lügen.

Der empirische Befund, der ab Seite 45 darstellt wird, ist interessanter: Die Jugend zerfällt nach Heinzlmaier in verschiedene Populationen, die fast nichts mehr miteinander gemeinsam haben; insbesondere gibt es eine quasi unüberwindliche Kluft zwischen Studierenden bzw. Studierten und nicht akademisch Gebildeten, und ca. ein Zehntel der jungen ÖsterreicherInnen kann als völlig abgehängtes Prekariat gelten, das die neoliberalen Institutionen nicht einmal mehr in den Arbeitsmarkt integrieren wollen (46f.). Kommunikations-, Freizeit- und Konsumverhalten der Jugend sind geprägt von losen Vernetzungen ewig Rollen spielender, sich bewusst selbst inszenierender Individuen, nicht mehr von starken gemeinschaftlichen Bindungen. Die konkreten Einzelbeobachtungen Heinzlmaiers sind dabei durchaus erhellend: So ist die mit Abstand größte Jugendszene Österreichs und Deutschlands die Fitness-Szene (109f.). Die Interpretationen der Befunde scheinen mir als Laie teils zweifelhaft, wenn zum Beispiel die Rede davon ist, alle »szenigen« Jugend-Freizeitbeschäftigungen wie Snowboarden, Autotuning oder Social Media seien durchweg kompetitiv, überall müsse es Gewinner und Verlierer geben und so etwas wie »solidarisches und gemeinschaftsorientiertes Handeln« (103) gebe es nicht mehr. Die aufgebotenen Theorieapparate stammen wieder einmal hauptsächlich aus den 70er/80er-Jahren (Ulrich Beck, Richard Sennett usw.).

Was Heinzlmaiers Werk durchweg nicht klar beantwortet, ist die Frage danach, inwieweit der angebliche Narzissmus, Egoismus, die Tugendferne (158), die sich darin ausdrücke, dass Gemeinschaft nicht mehr als Selbstzweck, sondern als Mittel angesehen werde, universell oder bloß ein Milieuphänomen ist. Wenn er feststellt, dass unter Wiener Lehrlingen 35 % es gutheißen, dass ein ÖVP-Politiker seine Position zur Bereicherung ausgenutzt hat, unter höher Gebildeten jedoch nur 8 % (162), und im Weiteren große Unterschiede im Wertebezug zwischen FPÖ-Milieu und anderen Milieus konstatiert (166f.), liegt doch der Schluss nahe, dass das eigentliche Problem weniger ein allgemeines Außermodekommen gemeinorientierten Denkens und Handelns als vielmehr das Entstehen mehr oder minder sozialdarwinistisch denkender Soziotope und Subkulturen sein könnte. Die Beschreibung des Befundes als allgemeine Verfallsgeschichte wird auch dadurch in Frage gestellt, dass Daten dazu, dass es früher einmal besser gewesen sei, weitgehend fehlen.

Der Band hinterlässt bei mir insgesamt einen schalen Nachgeschmack: Ein Hagel von Theoretikernamen, Beobachtungen und Schlagworten für den sozialen Wandel der letzten Jahrzehnte zieht an einem vorbei, aber jenseits der Feststellung, dass es irgendwie schlecht um die Jugend bestellt ist, bleibt das Gesamtbild diffus und wenig schlüssig. Ärgerlich ist an diesem Buch, das sei noch gesagt, dass es schlecht korrigiert ist und daher diverse peinliche Fehler enthält (»Hyprid«, 26). Zur Einordnung von Heinzlmaiers Forschung empfehle ich die Lektüre eines Interviews aus dem letzten Jahr in der Wiener Zeitung, das die subjektive Motivation erkennen lässt: Hier ist wieder einmal jemand unterwegs, der eine echte oder imaginierte »68er«-Jugendkultur als Maßstab zur Abwertung der Gegenwart heranzieht. Dass Heinzlmaier sich zumindest offen zur Misanthropie bekennt, die ihn dabei antreibt, kann schon fast wieder als sympathisch gelten.

Diese Rezension ist der dritte und letzte Teil einer Trilogie von Rezensionen kulturpessimistischer Bücher von sich dem Rentenalter nähernden Österreichern.

Anhang: Was Bernhard Heinzlmaier über Jugendkultur behauptet

  • »Siedler« und »World of Warcraft« erziehen spielerisch zu ökonomischem und kolonialem Denken (19f.); vermutlich verwechselt Heinzlmaier hier Warcraft/Warcraft 2 und WoW.
  • »Oper, instrumentale Kunstmusik und in neuerer Zeit auch Jazz und Chanson sind die zentralen Bestandteile der legitimen Musikkultur. Im Gegensatz dazu werden Kompetenzen, die sich junge Menschen bezüglich der populären Kultur […] aneignen, weder gewürdigt noch repräsentieren sie einen Statuswert« (86).
  • »Selbst die [Fußball-]Ultras instrumentalisieren die Gemeinschaft nur mehr dazu, um ihre narzisstischen Selbstdarstellungs- und Selbstverwirklichungsinteressen realisieren zu können. Also auch hier sind sie vorbei, die Zeiten des einer für alle und alle für einen« (110).
  • »Es ist offensichtlich, dass die Wertesynthese im Sinne von Helmut Klages und Aristoteles unter Jugendlichen genau so wenig gelingt wie unter Erwachsenen.« (158)
  • »Die Tätowierung der Ehefrau eines Spitzenpolitikers kann ausschlaggebender für den Wahlerfolg sein als das Programm, das er vertritt.« (183)

Photo by Michael Afonso on Unsplash

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Das Lyrische 54ett spricht über Peter Neumann

Vor zwei Jahren schrieb Kristoffer Cornils mal bei Fixpoetry, dass die Lyrikkritik an fehlender Diskussion leide:

“Schriftliche Literaturkritik kennt, ebenso wie sie keine Kürzestformen kennt, keinen Dialog außer dem der langwierigen Essays wie diesem hier. Das ist ein Strukturfehler und er existiert nur deswegen, weil niemand diese Struktur ernsthaft in Frage stellen möchte. So wie bei Signaturen die Kommentarfunktion fehlt, gibt sich Lyrikkritik weiterhin als Atavismus von Printzeiten: Als fixierte Setzung, die Diskussionen zwar anstoßen kann, nicht aber an ihnen teilnimmt.”

Inspiriert davon, haben wir beschlossen einmal zu probieren, wie Lyrikkritik als Diskussion im Internet aussehen könnte. Wir haben einige Tage lang in einer geschlossenen Facebook-Gruppe über ein Gedicht diskutiert. Um das Gespräch möglichst unbeeinflusst zu halten, wurde der Name des Autors erst später geteilt. Nach Abschluss unserer Diskussion gebe ich hier nun wesentliche Punkte der Debatte wieder (All die Abschweifungen, Sticker und Diskussionen über Geburtstage und Brunch lasse ich beiseite). Fürs Erste haben wir beschlossen, dass wir unsere Namen anonym halten – jetzt ist es eine Art lyrischer Karneval der Tiere geworden. Vielleicht können wir eine Diskussion anstoßen, über das Gedicht selbst oder auch über dieses Format der Lyrikkritik.

Das Gedicht “tief wurzeln in der timeline die bäume” ist Peter Neumanns Gedichtband areale & tage entnommen, der 2018 in der Edition Azur erschienen:

tief wurzeln in der timeline die bäume

bild könnte enthalten: himmel, berg, ozean, im freien, natur und wasser

du wartest auf den bruch, aber er kommt nicht
als hätten die bäume zu lange auf dem dachboden gestanden
die tagesform des internets, trockengefallen.
deiche, wehre, vermuschelte kanäle, ein echter
herrndorf-himmel ist das: eine baumreihe, die ihren schatten
bis zur unkenntlichkeit in die länge zieht. strohballen
liegen gekastet, halbe pausen, eine landschaft
die bloß modell steht, ohne menschen, berge, bonsai.
milane legen sich in die luft, wir gleiten vorüber
spülfelder, die uns beschützen vor den blicken
die es nicht gibt, und nur die regionalbahnen wissen
von den dörfern, den lichtern, dass es sie gibt.

für daniel bayerstorfer

Seeschwein: Hübsch künstlich, diese künstliche Natur. Aber wo hört schon das Eine auf und fängt das Andere an?

Erdlöwe: Mir gefällt der diffuse Gegensatz von Technik und Natur, die Bäume in der Timeline erinnern mich daran, dass es plötzlich so ein neues naturkundliches Interesse in den sozialen Medien zu geben scheint. Aber ich weiß gar nicht ob hier Timeline wirklich in Bezug auf die sozialen Medien verwendet wird, eher scheint es sich mir doch auf eine reine Zeitlinie zu beziehen.
Das Gedicht hält also den Digitalität / Natur Gegensatz aus dem Titel nicht so richtig ein, oder? (Bzw. macht es das ganz traditionell mit so Technik aus dem 19. Jahrhundert: Eisenbahnen, die gegen die Natur gestellt werden.) Das Internet wird ja nur in Zeile drei wieder aufgegriffen, was ich schade finde.

Seeschwein: Der Titel macht doch gar keinen Gegensatz auf, oder? Im Gegenteil: Die Bäume wurzeln in der Timeline, die Natur ist hier nur digital vermittelt zu haben. Vielleicht weiß darum nur die analoge Technik (Eisenbahn) noch, was es wirklich gibt und was nicht?

Erdlöwe: Stimmt, das “wurzeln” verbindet die Bäume mit dem Internet. Aber warum sind die Orte menschenleer und die Dörfer werden nur von den Regionalbahnen gesehen? Die Idee, dass nur die alte Technik uns noch sieht/ erkennt finde ich als Deutung grundsätzlich schön.

Seeschwein: Ist das Internet ein Ort für Leute, die sehen wollen, ohne gesehen zu werden, um den Preis dessen, dass man nicht mehr weiß, was echt ist? So oder so: Gefällt mir gut, das Gedicht, irgendwie.

Erdlöwe: Ich frage mich, ob Zeile zwei hier impliziert, dass das Ganze eine Bildbeschreibung ist? Erinnert mich an künstliche Intelligenzen, die versuchen Photographien zu klassifizieren. Geht das zu weit?

Seeschwein: Keine Ahnung, ich find die Dopplung verwirrend, also Himmel/im Freien, Berge/Natur, Ozean/Wasser. Konkret/abstrakt. Hübsch, aber: Wozu? Und: Welcher Bruch ist in Vers 1 gemeint, und bricht der Vers nicht doch?

Kartäuserkater: Die kursive Zeile scheint mir ganz klar so ein typischer Output einer Bildanalysesoftware.

Fetzenfisch: Ich steige etwas spät ein, hake aber an einer früheren Stelle ein: Ich dachte am Anfang, dass es ein Bajohr-Gedicht sei, also eins, das auf ein irgendwie computerhaft angereichertes Verfahren setzt. Und in dem Lese-Modus fand ich dann alle poetisch klingenden Maschen als eine Art algorithmische Farce bestätigt: Ich dachte, hier sei ein Programm darauf angesetzt worden, den gängigen “Sound” von Gegenwartslyrik zu imitieren. Dass das jetzt nicht der Fall ist, sondern “tatsächlich” von einem “richtigen” Autor stammt, macht den Eindruck womöglich noch fragwürdiger: Der Gegenwartslyriker schriebe dann so, wie ich meine, wie ein mediokeres Dichtungsprogramm versuchen würde, wie ein Gegenwartslyriker zu schreiben, eine recht traurige Schleife, oder?

Blattschwanzgecko: Ich schließe mich insoweit an, als es auch aus meiner Sicht so klingen will wie man denkt, dass es klingen soll. Ich finde die erste Zeile (Du wartest..) furchtbar plump, gerade sprachlich. Normalerweise würde ich deswegen schon weiterblättern.

Seeschwein: Ich bin auch immer so plump, ich mag das.

Erdlöwe: Ich habe an einigen wenigen Stellen, z.B. “Milane legen sich in die Luft”, Kitschverdacht, aber mag das Gedicht grundsätzlich sehr.

Seeschwein: Ist der “Kitsch” hier nicht Mittel zur Beschreibung der digitalen Naturwahrnehmung, der nur noch Modell stehenden Natur? Also: Ist das nicht Absicht, der Bruch, der auf die Bruchlosigkeit reagiert? Geht es bei dem “Bruch” um brechende Wellen?
P.S.: Stellt euch einfach “Leguane” statt “Milane” vor, dann ist es surreal.

Kartäuserkater: Ich kann’s mir jetzt doch nicht verkneifen: »strohballen liegen gekastet, halbe pausen« – sowas ist doch wirklich das Klischee vom Klischee deutscher Gegenwartslyrik.

Seeschwein: Ich verweise noch einmal auf meine These von oben: Vielleicht ist eben das hier Stilmittel, um auf die Darstellung von Natur im virtuellen Raum zu verweisen. Hmmm?

Kartäuserkater: Ich meine weniger, dass es irgendwie »kitschig« wäre, als dass dieser gewollt kreative Einsatz von Grammatik und Analogie mir abgedroschen scheint. (Übrigens für mich als Landkind interessant, dass es tatsächlich Gegenden in Deutschland zu geben scheint, wo noch eckige Ballen gemacht werden.)

Seeschwein: Das meinte ich doch.

Erdlöwe: Aber warum sollte man kitschig oder poetisch auf die Naturdarstellung im Internet verweisen? Immerhin steht doch da auch, dass der Internetmodus “trockengefallen” ist und “wie bäume auf dem dachboden”

Seeschwein: Es geht doch eher um die Typisiertheit der sprachlichen Repräsentation. Die sprachliche Darstellung ist so standardisiert wie die visuelle. Sie ist nur Modell.

Blattschwanzgecko: Man könnte doch auch einfach ein gutes Gedicht schreiben und da stünden dann keine Strohballen gekastelt drin!

Erdlöwe: Was ist mit Herrndorf-Himmel gemeint?

Blattschwanzgecko: Herrndorf war doch zuerst Maler, habe mal ein paar Bilder gesehen. Ich suche mal den Link, glaube da war auch Himmel bei. Ich glaube der Buchumschlag von Arbeit und Struktur ist auch von ihm.

Seeschwein: Mir gefällt das Gedicht übrigens immer noch ganz gut.

Kartäuserkater: Mir doch auch.

Erdlöwe: Mir doch auch, bloß nicht 100%.

Seeschwein: Deswegen ja „ganz“. Aber das liegt auch am Thema, Natur interessiert mich nicht so.

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Konrad Paul Liessmann – Bildung als Provokation

Bereits auf der zweiten Vorwortseite von Bildung als Provokation (Zsolnay 2017, 244 S.) spricht K. P. Liessmann von dem »in einem klassischen Sinne Gebildete[n]« im Irrealis. Es gibt ihn nicht mehr, diesen Gebildeten; und gäbe es ihn noch, wäre er ein Zumutung für uns. Das ist die These des Aufsatzes, der dem Band seinen Namen gibt.

Es handelt sich in der Tat wieder einmal (wie bei Greiner und Pfaller) um einen uneingestandenen Sammelband – ehrlicherweise müsste etwas wie »18 vermischte Aufsätze, 2013–2016« auf dem Umschlag stehen. Immerhin gibt es am Ende einen Drucknachweis. Mit Bildung im engeren Sinne beschäftigt sich nur das erste Drittel; der Rest wurde aufgefüllt mit mehr oder minder passenden Texten, die sich z.B. mit Händen, Abfall, Innovation, Grenzen, Sozialdemokratie und bürgerlicher Politik befassen. Letztere beide Aufsätze sind dabei hervorgegangen aus Reden bei den Parteitagen der SPÖ 2014 und der ÖVP 2015. (Wäre Vergleichbares, dass also derselbe Philosoph beim SPD- und ein Jahr später beim CDU-Bundesparteitag spricht, in Deutschland möglich? Vermutlich ja – man möchte gar nicht darüber nachdenken.) Die Parteitagsreden in beiden traditionellen Lagern dürfen als symptomatisch gelten: Liessmann weiß einfach zu allem etwas zu sagen. Doch dazu am Schluss mehr.

Die Verkürzung des Titels »Belesenheit. Literarische Bildung als Provokation« (13–25) zum Titel des Bandes ist programmatisch. Auch wenn Liessmann ab und zu Bildungsgegenstände benennt, die nicht irgendwie literaturförmig sind – wenn er von Bildung spricht, meint er Belesenheit, definiert als je individuelles Gemachthaben lebens- und persönlichkeitsverändernder, einsamer Leseerfahrungen mit einer relativ großen Menge kanonisierter Werke, die »durch [ihre] pure Existenz den Grund für [ihre] Rezeption« darstellen (19; siehe auch Anhang). Zur Provokation wird Belesenheit nun deswegen, weil es Liessmann zufolge nicht nur so sein soll, dass Schul- und Hochschulsystem keinen Wert mehr darauf legen, Belesene hervorzubringen, sondern dass sie sogar aktiv verhindern wollen, dass sich in ihrem Rahmen mit Literatur beschäftigt wird.

Liessmanns Überlegungen dazu im titelgebenden und in den folgenden Aufsätzen prägt folgender Gedankengang: Belesenheit ist primär zweckfrei (dass sie sekundär segensreiche, von Liessmann eher übertriebene als heruntergespielte Auswirkungen haben kann, stellt er jedoch nicht in Zweifel); sie kann darum nicht planbar und prüfbar unterrichtet werden. Deswegen wird sie wiederum zwangsläufig stets ein Minderheitenphänomen bleiben; und ein auf die Erzeugung von Belesenheit ausgerichtetes Bildungssystem ist daher nicht dazu geeignet, soziale Gleichheit herzustellen.

Die Weltbeschreibung, die er als Kontrastfolie bringt, ist dabei abgeschmackter Feuilletonstandard, üblichstes Bologna-, Digitalmedien- und Didaktikbashing, wie es gefühlt alle 14 Tage irgendein mittelalter Herr aus Lehre und Forschung in der FAZ abliefert. Auch die seit spätestens 1976 pausenlos geführte Klage über den Narzissmus der jungen Generation darf nicht fehlen. Jedes nähere Wort dazu wäre zu viel, man hat das alles schon oft genug gelesen. (Interessant übrigens, dass zwei von Liessmanns wichtigsten Kronzeugen Publikationen von Christopher Lasch 1982 und von Heinz-Joachim Heydorn 1970 sind – ähnlich wie bei Robert Pfaller, der seine »Gegenwartsdiagnose« u.a. bei Richard Sennett 1977 und an Sprachtrends aus der Zeit der Ölkrise anknüpft.) Es wird auch nicht überraschen, dass Liessmanns Position dazu, was zum Bildungskanon gehören sollte, weithin eine der schicksalsergebenen Reflexionslosigkeit ist – Werke rufen, wie oben bemerkt, rein intrinsisch danach, rezipiert zu werden, und wenn dann eben fast ausschließlich Werke von lange toten Männern rufen (siehe wiederum Anhang) und z.B. (um nur ein winziges Beispiel zu nennen) keine Werke, die diesen Werk- und Kanonbegriff selbst irgendwie kritisch aufnehmen, dann ist das eben so, point final. Immerhin plädiert der Verfasser für eine Europäisierung des Kanons und damit implizit gegen die Ausrichtung von Bildung an Nationalliteraturen (23–25).

Es lohnt sich dennoch, zu überlegen, was die praktischen Konsequenzen von Liessmanns Argument sind. Wenn er Recht hat, dann sollte es doch vielleicht Ziel des Bildungssystems sein, dass fachlich hochqualifizierte Lehrkräfte mit gebotener Muße, ohne Didaktisieren und ohne Herumkritteln am Kanon, möglichst vielen die Chance eröffnen, klassisch belesen zu werden? Die Vorstellung einer Art humanistischer Einheitsschule drängt sich auf; man mag auch an Schulutopien denken, wie ich sie vor vielen Jahren bei einem Vortrag von Hartmut von Hentig in Marburg hören durfte (Schüler renovieren eigenständig ein altes Bauernhaus und berichten abends am Lagerfeuer in lateinischen Versen) – oder an das sehnsuchtsvolle Bild, das für viele hierzulande die Bachelor-Programme der großen amerikanischen Colleges darstellen, wo Studierende nicht selten 400 Seiten Lesepensum pro Woche haben und durchaus im Mathematikunterricht Euklid im griechischen Original bearbeiten. Gleichzeitig spricht sich Liessmann jedoch engagiert ebenso gegen die Vorstellung von Beeinflussbarkeit von Chancen wie gegen die Vermehrung höherer Schul- und Studienabschlüsse aus – in der (von ihm hart kritisierten) Wettbewerbsgesellschaft sei es Augenwischerei, Wettbewerb und Selektion erst nach dem Schulabschluss beginnen zu lassen (47ff.). Dass der Erwerb echter Bildungserfahrungen bestimmte ungleich verteilte Fähigkeiten erfordern möchte, die man vielleicht versuchen sollte, grundständig kompetenzorientiert zu unterrichten, taucht nicht auf. Liessmann spielt sogar mit dem Gedanken, dass es aufgrund der Verwurzelung des klassischen Bildungskanons in spezifischen Vergangenheiten unvermeidlich und möglicherweise sogar wünschenswert sein könnte, dass echte Bildungserfahrungen nur aus einer bestimmten Herkunft heraus gemacht werden könnten (51f.).

Arbeitet man sich durch die sechs lose verbundenen Aufsätze im Bildungsteil des Buchs, kann man zu dem Schluss kommen, dass der Verfasser sich letztlich schlicht bis ins Detail das Bildungssystem, das er in seiner eigenen Jugend erlebt hat, zurückwünscht, vielleicht in einer europäisierten und idealisierten Form. Dafür spricht auch weiter hinten der hymnische Ton der Erinnerung an die eigene Maturaprüfung in Villach 1971 (113 ff.). Ohnehin – die Weise, in der Liessmann sich gleichzeitig als Person halbherzig aus der Argumentation heraushält, ständig durchblicken lässt, dass er selbst ein Exemplar des für ausgestorben erklärten belesenen Gebildeten darstellt, und dabei darauf beharrt, »man« (also: auch alle, die sein Buch lesen) empfinde solcherlei echte Bildung heutzutage als unangenehm, ist eben das: höchst unangenehm. Die Selbstüberschätzung spricht auch daraus, dass Liessmann gleich zu Anfang dem klassisch Gebildeten zuerkennt, er wisse »auch ohne Zensurbehörde die Fakten von den Fiktionen« zu trennen (8), und über den gesamten Band hinweg immer wieder gegen die Ausbildung zu Digitalkompetenzen polemisiert – als wäre nicht das tagtäglich zu beobachtende Hereinfallen klassisch gebildeter mittelalter bis älterer Herren, aus Dresden oder anderswo, auf die billigsten Lügen von Extremisten die praktische Widerlegung seiner Wunschvorstellung (die bedenkliche Rede von der »Zensurbehörde« möchte ich erst gar nicht anfassen, genauso wenig sein Polemisieren gegen gendersensible Sprache u.Ä.).

Während das faktische Plädoyer für Theorie und Praxis einer konservativen Bildung immerhin noch konsistent, gehaltvoll und streckenweise sympathisch daherkommt, ließen mich die Aufsätze in den beiden hinteren Dritteln des Buches öfters mit dem Kopf schütteln. Insbesondere die Texte zu Abfall (140–151) und jener mit dem sprechenden Titel »Unsere Grenzen. Zwischen hier und dort« (202–210) rangieren hart an, wenn nicht jenseits der Grenze zur Belanglosigkeit; sie erinnern stilistisch an die Textsorte, die man gerne liberalen evangelischen Geistlichen zu Satirezwecken in den Mund legt:

Grenzen signalisieren deshalb ihrer Logik nach immer Folgendes: Hier ist dieses, aber dort ist jenes. Etwas als Grenze bestimmen bedeutet deshalb, an das zu denken, was hinter der Grenze liegt – eine Gefahr, eine Verheißung, eine Hoffnung, ein Geheimnis, eine bessere Welt oder die Fortsetzung dessen, was überall ist. Gerade dort, wo Grenzen gezogen werden, um etwas ein für alle Mal abzugrenzen, wird dies nie gelingen. Denn jedem, der an einer Grenze steht, stellt sich diese eine Frage: stehen bleiben oder weitergehen. (206f.)

Der titelgebende erste Teil des Buches ist sicherlich der stärkere, aber auch er hält sich im Grunde vollständig im Rahmen gewohnter konservativer Kultur- und Bildungskritik. Dass Liessmann gerne gegen »Sonntagsreden« polemisiert, wirkt selbstironisch – hat er doch genau das abgeliefert: ein Buch voller Sonntagsreden.

Dieser Beitrag ist der zweite Teil einer Trilogie aus Rezensionen kulturpessimistischer Bücher von sich dem Rentenalter nähernden Österreichern.

Anhang: Von Konrad Paul Liessmann konkret gutgeheißene Kulturgegenstände bzw. Bildungsinhalte

Adorno, Altgriechisch, Anders (Günther), Antike (griechische), Architektur, Arendt, Balzac, Beethoven, Berg (Alban), Beuys, die Bibel, Biologie, Büchner, Bude, Cervantes, Crouch, Dahrendorf, Dante, Dostojewski, Epiktet, Feuerbach, Flaubert, Fontane, Freud, Goethe, Hegel, Heidegger, Hobbes, Homer, Horkheimer, Humboldt (Wilhelm), Ibsen, Kant, Kazantzakis, Kierkegaard, Latein, Lessing, Literatur, Lübbe, Lyrik, Mann (Thomas), Marx, Mathematik, Mendelssohn (Moses), Mommsen (Wolfgang), Musil, Mythen (griechische), das Nibelungenlied, Nietzsche, Ott (Konrad), Petrarca, Physik, Platon, Proust, Raffael, Rilke, Ritter (Joachim und Henning), Rorty, Rousseau, Sandel, Schiller, Shakespeare, Spaemann, Staatskunst, Vergil, Voltaire, Wagner, Walter (Franz), Weber, Wolfram von Eschenbach, Zola

Photo by Igor Ovsyannykov on Unsplash

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„Hilfe, zwischen meinen Buchdeckeln sind Algorithmen“*

Vor ungefähr vier Jahren schrieb Sibylle Berg in ihrer S.P.O.N-Kolumne folgende These: „Die Zukunft, vor der wir gewarnt wurden, ist da, die Buchbranche woanders.“ Als Gegenmittel empfahl sie der Buchbranche ironisch doch mal einen Abstecher ins Silicon Valley, wo sich zum damaligen Zeitpunkt gerade Kai Diekmann auf Innovationssuche befand. Auf die Kolumne regte sich viel Widerstand, beleidigter Protest und trotziges Gestampfe, doch auch vier Jahre später scheint mir die Beziehung zwischen Literaturbetrieb und Internet – hier als Chiffre für die diskursiven und technischen Innovationen der Digitalisierung verwendet – auch weiterhin keine Herzensangelegenheit zu sein, eher eine mehr oder minder pragmatische Zweckgemeinschaft.
Natürlich gibt es mittlerweile digitale Leuchtfeuer im Büchermeer: Franz Friedrichs non-linear erzählte und gemeinsam mit dem Fischer-Verlag entwickelte App 25052015 – Der letzte Montag im Mai; mehr oder minder gelungene Prosa (und Lyrik), die sich z.B. an die Ästhetik von Facebook-Chats anpasst oder Hashtags sinnvoll miteinbezieht. Auch die zahlreichen Verlagsblogs, die in den letzten Jahren entstanden sind, zeigen zumindest, dass die Buchbranche sich bemüht um die Herzen der Online-Leser*innen. Die Verlage stoßen also in den virtuellen Raum vor, versuchen sich an medialer Innovation und suchen nach Texten, die sich formal oder inhaltlich mit einer im weitesten Sinne digitalen Ästhetik befassen – Zunehmend trauen sich Verlage auch Bücher mit genuin digitaler Literatur zu veröffentlichen. Der begriff der digitalen Literatur ist momentan noch recht unpräzise, ich beziehe mich in der Verwendung auf Texte bei denen der Computer zumindest Anteil an der Entstehung hat und die deswegen klassische Konzepte von Autorschaft gehörig ins Schwanken bringen.

„Dazu gehören alle möglichen Formen von Texten, die maschinell generiert wurden, die sich mechanisch andere Texte aneignen und deren Satz- und Wortelemente neu kombinieren, meistens mittels mehr oder weniger komplexer Scripte, die die Autoren selbst schreiben – das Schreiben der Texte, die sie hervorbringen, ist eine bestimmte Art computerisierter Textverarbeitung.“

So fasst Hanna Engelmeier einen Teilbereich der digitalen Literatur in einem sehr empfehlenswerten Essay im Merkur 12/2017 zusammen, der sich unter dem Titel „Was ist die Literatur in »Digitale Literatur«?“ unter Anderem mit dem interessanten Phänomen auseinandersetzt, dass die Theoretiker*innen und Produzent*innen dieser Form von deutschsprachiger digitaler Literatur oftmals dieselben Personen sind.

Spannend ist es da, dass der Suhrkamp Verlag in diesem Frühjahr gleich zweimal Bände vorlegt, die in das eigentlich weite (aber in der deutschsprachigen Literatur eben leider noch immer ziemlich enge) Feld der digitalen Literatur vorstoßen: Hannes Bajohrs Halbzeug: Textverarbeitung und Clemens Setz: Bot – Gespräch ohne Autor. Bevor ich mich den beiden Bänden inhaltlich widme, will ich jedoch erst einen Exkurs zu den Klappentexten dieser Bücher einerseits – das was von Gérard Genette als Paratexte bezeichnet wird – und andererseits ihrer Rezeption durch die Literaturkritik machen. Ich habe den Eindruck, dass besonders die Rahmung dieser Bücher in Verlagsankündigungen und Klappentext, die sowohl rezeptionssteuernd wirkt als auch Vermarktungslogiken bedient, in der Kritik mehrheitlich aufgegriffen wird.

Vergleicht man die beiden Klappentexte fällt besonders auf, dass beide sich sehr ausführlich Metaphern bedienen, die gleichzeitig Faszination und leichtes Unbehagen an der Digitalisierung ausdrücken. Bei dem Buch von Clemens Setz schreibt nicht mehr die „natürliche Person“ sondern die „künstliche Intelligenz“ / „die ausgelagerte Seele“, was schließlich in der Verabschiedung der Autoreninstanz mündet – immerhin haben wir laut Klappentext mit dem Buch „das Werk allein, völlig losgelöst von seinem Autor“ in der Hand. Im Klappentext des Buches von Hannes Bajohr wird gleich das Werk selbst verabschiedet, „Wo alles Text ist, weil alles Code ist, gibt es kein Werk mehr“ – ein wohlklingender Satz, der aber mehr Fragen aufwirft als er beantwortet. Auch Ideen von Autorschaft und Rezeption werden laut Klappentext durch den Gedichtband in Frage gestellt. Der Band von Clemens Setz ist von der Kritik in zahlreichen Beiträgen aufgenommen worden, dabei häufen sich jedoch Wortfetzen, Aussagen und Stimmungsbilder, die sich eng an die Tonalität des Klappentextes anlehnen: Der Text ist „das sperrigste Werk des Jahres“; geprägt durch einen „hermetische[n] Stil“, der decodiert werden muss; „Das Ich steckt als ausgelagerte Seele im Computer“ und Clemens Setz wird wahlweise als „Computerfreak“, „Nerd“ oder „Internetfreak“ bezeichnet. Ganz grundsätzlich wirft das Buch bei Kritiker*innen die Frage auf: „Wann haben wir es mit Menschen, wann mit Maschinen zu tun?“ oder anders ausgedrückt „Dem Menschen antwortet ein Algorithmus, und Setz wirft damit die Frage auf, wie wir menschliches von maschinellem Verhalten unterscheiden können.“

Black Box Autor

Die beiden Autoren, die sich mehr oder weniger stark digitaler Verfahrensweisen bedienen, werden so durch Rezeption und die Paratexte ihrer Bücher zu einer Art Black Box stilisiert, weil herkömmliche Methoden der Rezeption, wie beispielsweise über eine klar fixierte Autorenidentität nicht mehr zu funktionieren scheinen. Mit der Metapher der Black Box, die im Kontext von Gesprächen über Computer eine mysteriöse Unverständlichkeit von Algorithmen bzw. Software ausdrückt, wird vor Allem der Überforderung gegenüber digitaler Innovation Ausdruck gegeben: Der Mensch füttert Maschinen mit Daten oder Programmierbefehlen, aber die Lösungen sind nur noch bedingt nachvollziehbar. Das generelle Unverständnis darüber, wie Computer zu ihren Resultaten gelangen, und eine daraus resultierendes Unbehagen sammelt sich in der Metapher der Black Box. All dies hat Kathrin Passig bereits sehr viel besser analysiert, als ich das je könnte, deswegen verweise ich hier auch nur auf ihre ausführlichen Überlegungen, die im Merkur unter dem Titel “Fünfzig Jahre Black Box” erschienen sind und nehme bloß ein Zitat aus ihrem Text heraus, das besonders auf den hier beschriebenen Kontext und die wiederholte Verwendung des Wortes „Algorithmus“ passt passt:

„Bei der Bezeichnung fängt es schon an: Man könnte einfach »Software« sagen, aber das klingt eben nicht so sinister wie »Algorithmus«, sondern nur ein bisschen nach angestaubten Disketten. Algorithmus bedeutet nicht »irgendwas, woran ein Computer beteiligt ist«. Das Wort bezeichnete eigentlich einmal ein klar umrissenes Rezept, zum Beispiel ein Sortierverfahren oder eine Anleitung zum Zusammenbau eines Ikea-Regals.“

In der Rede von Algorithmen, binären Logiken und künstlicher Intelligenz, die besonders bei der Rezeption von Clemens Setz Buch auffällig ist, schwingt sowohl Faszination als auch Skepsis mit und oft werden so auch eigentlich sehr banale technische Verfahren ins Mysteriöse überhöht. Man könnte hier nun einen langen Exkurs beginnen und zeigen, wie diese Rezeption von Technik letztlich quasi-religiös ist und Elemente des Numinosen im Sinne Rudolf Otts enthält – eine Analyse von Mysterium Tremendum und Mysterium Fascinans in der Rede über künstliche Intelligenz – aber das würde zu weit vom Thema fortführen. Fraglich bleibt jedoch, warum uns diese Bücher als Werke ohne Autor, Bücher ohne Werk (was auch immer das sein soll) und als Bücher, deren Entstehungsprozess eben so unverständlich ist wie die rätselhaften Algorithmen auf denen sie aufbauen, vermittelt werden. Immerhin ist es schon amüsant zu lesen, wie Begriffe wie künstliche Intelligenz aus dem Feuilleton-Hut gezaubert werden, wenn es bei Clemens Setz doch letztlich nur um eine recht schlichte Strg+F Suche in einem längeren Word-Dokument geht. Spiegelt sich hier Unkenntnis oder Unbehagen wieder?

Halbzeug: Textverarbeitung und das Kreative am Uncreative Writing

Bajohrs Band ist ganz im Einklang mit der digitalen Poetik, die Kenneth Goldsmith in „Uncreative Writing. Sprachmanagement im digitalen Zeitalter“ (Matthes & Seitz, 2017) formuliert, dessen Übersetzung ins Deutsche nicht zufällig von Hannes Bajohr und Swantje Lichtenstein verantwortet wurde, eine elegant durchgeführte Replik auf Goldsmiths These, dass auf die Unmengen an Text im digitalen Zeitalter mit einer Veränderung der literarischen Verfahren reagiert werden sollte. Das Buch teilt sich in vier Abschnitte, die unterschiedliche Strategien in der Textproduktion verwenden. Für den Teil „in corpore“ verwendet Bajohr etablierte computerlinguistische Verfahrensweisen und lässt Textkorpora zunächst mit recht elementaren Suchbefehlen untersuchen, ordnet und sortiert in Folge dann die vom Computer produzierten Ergebnisse. Der genaue Weg zu den Gedichten wird in einer Art gläserner Literaturproduktion immer im Anschluss an die Texte spezifiziert. Grundsätzlich wichtig ist, dass hier weder die Komplexität des technischen Verfahrens noch die entstandenen Sprachspiele das einzige Kriterium zur Bewertung der Qualität sind, sondern das außerdem der Fokus auf die Originalität der Fragestellung an die Textkorpora gerichtet werden muss. (So wie eben auch bei Konzeptkunst nicht unbedingt das Urinal selbst relevant ist, sondern die Idee es in einem musealen Rahmen zu präsentieren.) Die von Bajohr im Teil „in corpore“ erdachten Konzepte liefern manchmal rein spielerische Resultate, bei anderen Texten sind sie schlichtweg großartig und liefern einen eigenwillig absurden Einblick in unsere Realität. (Meine Favoriten sind: „Was Man Muss (Managementkorpus)“ und „Über mich selbst“)

Der Teil „automatengedichte“ liefert meiner Meinung nach eher uninteressante Resultate, weil hier einfach verschiedene Texte zu einer Art Medley maschinell vermischt werden, was auf mich entweder beliebig oder bemüht wirkt, besonders wenn kanonisierte literarische Texte verwurstet werden und es bei der Rezeption vor Allem um das Kitzeln des bildungsbürgerlichen Bewusstseins zu gehen scheint. Hier ist auch die Reichweite des Autoreneingriffs in den computergenerierten Text nicht wirklich nachvollziehbar, im Anhang steht, dass die Texte „manuell und subjektiv“ zusammengesetzt und gekürzt wurden, wieviel Hannes Bajohr und wieviel Maschine also exakt in den Texten steckt bleibt so unklar. Für den Teil „maschinensprache“ wird mit der Verknüpfung unterschiedlicher Software, wie Spracherkennungs- und Übersetzungsprogrammen, gespielt. Innovativer Dreh ist hier vor Allem die Absurdität mit der die Software miteinander interagiert, ein gutes Beispiel für interessante Konzepte mit resultierenden Gedichten, die leider eher mühsam zu lesen sind. Der Teil „in den reader für das eleventum“ bei dem die Word-Synonymfunktion verwendet wird um kanonische Gedichte umzuschreiben, liefert deutlich unterhaltsamere Resultate, denn auch hier ist die auswählende Autoreninstanz, die sich für die jeweiligen Synonyme entscheidet, ein Garant für die Lesbarkeit der Texte.

Besonders im Appendix wird dann sehr gut verdeutlicht, was auch Hanna Engelmeier in ihrem Merkur-Essay schon beschrieb: die Vermengung von ästhetischer Produktion und theoretischer Reflexion. Besonders die, wie ein Manifest gestalteten, Überlegungen zur digitalen Literatur sind interessant zu lesen, inklusive zahlreicher Verweise auf die Avantgarde als deren logischen Entwicklungsschritt Bajohr die digitale Literatur verortet (Mehr dazu auch in einem Essay des Autors in der NZZ, der aber auf Verweise zu seinem eigenen Werk verzichtet). Hannes Bajohr ist also nicht nur Produzent digitaler Literatur, er liefert auch gleich noch eine Reflexion seiner Methode mit. Dass diese theoretische Rahmung und Einordnung der digitalen Literatur, die eben gleichzeitig auch als Bewertung des eigenen Outputs lesbar ist, dann manchmal etwas selbstgefällig klingt, sei dahingestellt – es entbehrt zumindest nicht einer unfreiwilligen Komik:

„Entsprechend müssen wir zwischen Netzliteratur und digitaler Literatur unterscheiden. Flarf, twitterature und spam lit sind Netzliteratur, Schnappschüsse eines kulturellen und linguistischen Augenblicks. Digitale Literatur wäre dagegen etwas, in dem die Veränderung der Weltwahrnehmung durch das Digitale überhaupt Darstellung findet.“

Bot und die Poetik des CTRL+F

„Für das SZ-Magazin fertigte Joachim Kaiser gern kunstvolle Interviews aus den Sätzen verstorbener Größen.“ – Kaiser setzt also die „Antworten“ auf seine Fragen aus anderen Aussagen der „Interviewten“ zusammen. Interessanterweise hat dieses Verfahren einige Ähnlichkeit mit dem Interviewband „Bot. Gespräch ohne Autor“. Ein Bot ist eigentlich bloß ein Computerprogramm, das widerkehrende Aufgaben automatisiert bearbeitet ohne dass manuelle Eingaben notwendig werden, Bots sind dabei in der Mehrzahl eher schlichte Programme, die im Internet zahlreiche Funktionen erfüllen, beispielsweise regelmäßig Daten herunterladen oder eingeben und damit einen erheblichen Teil der Netznutzung ausmachen. Aufmerksamkeit haben die Bots in den letzten Monaten besonders durch die sozialen Bots bekommen, die in sozialen Netzwerken mit mehr oder weniger offensichtlichen Interessen automatisiert zu bestimmten Themen oder Hashtags posten. Im Sinne der etwas eigenwilligen Setz-Suhrkamp Definition des Wortes „Bot“ hätte Kaiser mit seinen zusammengesetzten Interviews zahlreiche Bots produziert, denn das Buch Bot besteht eben aus einem genau solchen Interview mit zahlreichen von Angelika Klammer genial formulierten Fragen, auf die jedoch nicht der Autor persönlich antwortet, sondern mal mehr oder weniger passende Auszüge aus seinem viele Seiten langen Tagebuch zur Antwort verwendet werden. In dem ausgesprochen interessanten von Setz verfassten Vorwort denkt er darüber nach, ob sein Tagebuch, das er selbst als „ausgelagerte Seele“ bezeichnet, nicht tatsächlich einen ausreichenden Gesprächspartner abgeben kann. Er spannt für diese Überlegungen den Bogen vom Turing-Test, mit dem getestet werden soll ob eine künstliche Intelligenz über eine ähnliches kognitives Vermögen wie ein echter Mensch verfügt, zu dem Philip K. Dick Android Project, bei dem eine sehr realistisch aussehende Büste des Sci-Fi Autoren Dick gebaut wurde, deren Software mit unzähligen Materialseiten aus Äußerungen des Autors gefüttert wurde und anschließend mehr oder weniger gut funktionierende Dialoge führen konnte. Diese Überlegungen sind für sich genommen eine spannende Auseinandersetzung mit der Entwicklung von künstlicher Intelligenz und ihren Auswirkungen auf unsere Konzeptionen von persönlicher Identität bzw. Menschlichkeit, dies kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass das was konkret in dem Interviewband versucht wurde, und sowohl im Klappentext als auch in zahlreichen Kritiken mit Metpahern der künstlichen Intelligenz bezeichnet wurde, eigentlich nur eine CTRL+F Schlüsselwortsuche in einem langen Word-Dokument ist. Es wird also auf einen technischen Bezug des des Buches angespielt, der durch die formale Struktur kaum eingelöst wird. Eine CTRL+F Suche durch ein langes Textdokument mit anschließender Selektion durch eine Lektorin hat mit künstlicher Intelligenz ungefähr soviel zu tun, wie die Analytical Engine von Charles Babbage mit dem IBM Roadrunner.

Wird in der Rezeption des Buches, die sich stark der Idee eines Bots als Gesprächspartners widmete, eine diffuse Black Box Metapher aufgegriffen? Ist es vielleicht leichter sich den an manchen Stellen durchaus etwas schwierigen Inhalt als technisches Mysterium vorzustellen, wie es beispielsweise Jérôme Jaminet tut:

[…]durch den sprunghaft assoziativen, intertextuell komplexen und hermetischen Stil ist das “Gespräch” mit dem Clemens-Setz-Bot stellenweise so schwer zu decodieren wie eine höhere Programmiersprache. Auf Dauer gerät die Lektüre deshalb äußerst anstrengend.“ (Spiegel Online, 12.2.2018)

Genau diese Unzugänglichkeit der Textfragmente ist aber doch kein Resultat der CTRL+F Suche oder sonstiger Algorithmen, sondern offensichtlich eben ein genuines Stilmerkmal des Tagebuchs, das mit absurden Geschichten, weit verfächerten Verweisen und wild springenden Anekdoten ziemlich beindruckend verfasst ist. Diesen Stil muss man mögen – ich persönlich könnte davon auch 1000 Seiten lesen und finde es schlichtweg grandios – jedoch zu behaupten, dass diese inhaltlichen Merkmale durch mysteriöse Algorithmen entstanden und nicht einfach stilistische Entscheidungen des Autors sind, ist meiner Meinung nach eine verkürzte Rezeption.

Dabei spricht einiges dafür, dass sich an genau diesen stilistischen Eigenheiten die tatsächliche digitale Aktualität des Werkes zeigt, in der Sprunghaftigkeit der Themen und Inhalte, die in der NZZ so treffend als „irrlichternder Kosmos der Vorstellungen und Erscheinungen“ bezeichnet wird. Ist nicht vielleicht das Rezeptionsverhalten in Internet und sozialen Medien genau mit dem Ausdruck des „irrlichternden Kosmos“ perfekt beschrieben? Clemens Setz nimmt den Leser in dem Buch mit auf einen recht beeindruckenden Surftrip durch seine Weltwahrnehmung: So wie man eine Gazillion Tabs im Browser öffnet, von Wikipedia zu Youtube zur Google Suche springt und nicht mehr linear an einem Text sondern an vielen Ideen und Berichten parallel liest, Fakt und Fiktion durchmischt, ist man auch auf dem Leseweg durch das Tagebuch einer rasante Gedankenvielfalt ausgesetzt, die sich in all ihrer wundervollen Versponnenheit ungeheuer gegenwärtig anfühlt.

Deep Learning Poetry und der Einzug des Unvorhersehbaren

Wer sich mit dem Stand und der Rezeption von digitaler Literatur in Deutschland befassen möchte, der wird an den beiden lesenswerten Büchern von Hannes Bajohr und Clemens Setz nicht vorbeikommen. Hannes Bajohrs Buch zeigt auf eine interessante Art und Weise, wie das Sprachspiel mit Computern zu ganz neuen Leseeindrücken führen kann, während bei Clemens Setz nicht der formale Kniff der CTRL+F Suche das interessanteste Merkmal ist, sondern eher die eigenwillige Gegenwärtigkeit der Gedankenwelt des Autors. Von einem Ende von Werk oder Autor kann jedoch bei beiden Bänden ganz sicher nicht die Rede sein, sind doch die sortierende und ordnende Funktion der Autoren bzw. der Lektorin Angelika Klammer ganz entscheidend für die veröffentlichten Texte. Auch für diese Texte gilt was Kathrin Passig im Rahmen ihrer gemeinsam mit Clemens Setz 2015 gehaltenen Poetikdozentur in Tübingen sagte:

„Nehmen Sie deshalb Leute nicht so ernst, die von vollständig computergenerierter Lyrik oder Kunst reden. Das ist – bisher jedenfalls –vor allem ein Marketingtrick. Hören Sie schon eher hin, wenn jemand von Zusammenarbeit mit Maschinen redet, ich zum Beispiel.

Das ist einerseits weniger interessant, denn mit Maschinen arbeiten wir auf die eine oder andere Art schon lange zusammen. Andererseits ist es eben dann doch ein spezieller und relativ neuer Fall, wenn die Maschine das Rohmaterial für Ideen liefert.“

Genau hier ist dann auch das spannende Element der beiden Bücher beschrieben: die Nutzung von Computern und Software um ein Rohmaterial zu produzieren, das dann von den Autoren und dem Lektorat poliert und bearbeitet wird. Wie ein Kistenteufel springt aus der Black Box dieser beiden Bücher nämlich nicht der rätselhafte Algorithmus, sondern stattdessen eine ziemlich klassisch operierende Autoreninstanz. Die ist jedoch genauso zauberhaft, mysteriös und nachdenklich machend, wie eh und je. Auch für diese zwei aktuellen Bände aus dem Bereich der digitalen Literatur liegt der Tod des Autors also noch in der Zukunft, je nach Perspektive eine frustrierende oder beglückende Erkenntnis.

In welche Richtung wird sich die digitale Literatur entwickeln? Ist es nur eine Frage der Zeit bis die Rede vom Verschwinden der Autor*innen und dem Aufstieg der eigenständig schreibenden Maschinen wirklich gerechtfertigt ist? Der große Erfolg der im Kontext von Deep Learning entstehenden künstlichen Intelligenzen in den letzten Jahren liefert uns bereits erste Hinweise darauf, wie mit neuronalen Netzwerken sehr eigene Literatur produziert werden kann, bei der die Maschine einen deutlich höheren Anteil am Endprodukt hat. Steht uns der Tod der Autor*innen also bevor, wenn im Kontext des Machine Learning wirklich dem Computer weit mehr gestalterische Freiheit zugestanden wird? Gegenwärtig finden die wesentlichen Experimente zur Literaturproduktion mit neuronalen Netzwerken in den USA statt und die entstehenden Texte sind ziemlich vielversprechend. In diesem Beitrag des Künstlers Ross Goodwin lassen sich beispielsweise zahlreiche Textbeispiele finden, die zeigen wohin die Reise der Mensch-Maschinen-Literatur gehen kann und wird. Doch selbst Goodwin will nicht das Ende der Autorenschaft erklären, sondern sieht die neuen technischen Möglichkeiten als Chance für neue Formen der Kreativität:

“The question is not when can we replace all humans with machines but at what point will the tools that machines provide for us, help us reach beyond our native capacities to the extent that what we can produce is light years beyond what we’re producing now. Humans working in consult with machines is the way of the future, not humans being completely replaced.”

Es bleibt also aufregend in der Welt der digitalen Literatur, neue Techniken ziehen massive Veränderungen nach sich und zahlreiche Modi neuronale Netzwerke und künstliche Intelligenzen kreativ zu nutzen warten noch darauf entdeckt zu werden – Ich persönlich kann es beispielsweise kaum erwarten zu sehen was TensorFlow mit sämtlichen Textquellen von Clemens Setz anstellen könnte. Eigentlich wollte ich am Ende dieses Essays noch einen kleinen Exkurs darüber schreiben, wie die GANs (Generative Adversarial Network) – zwei gegeneinander gestellte neuronale Netzwerke – im Machine Learning eine wundervolle Metapher für das Verhältnis von Autor*in und Computer bilden könnten, aber dieser Text ist bereits sehr viel länger geworden als ursprünglich gedacht. Als Fazit empfehle ich die Bücher von Hannes Bajohr und Clemens Setz zu lesen, sich mit digitaler Literatur zu befassen und keine Angst vor den Algorithmen zwischen den Buchdeckeln zu haben: Autor*inen sind weiterhin quicklebendig, bloß haben sie inzwischen immer öfter eine Maschine als Sidekick.

* Kathrin Passig veröffentlichte am 10. Januar 2012 in der SZ einen Artikel zur Algorithmenkritik mit dem Titel: „Warum wurde mir ausgerechnet das empfohlen?“. Ihr ursprünglicher Titelvorschlag war jedoch: „Mama, unter meinem Bett sind Algorithmen.“

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Robert Pfaller – Erwachsenensprache

In seinem Buch Erwachsenensprache (258 S., Fischer, 3. Aufl. Januar 2018) stellt Robert Pfaller die Bezeichnung von »Putzfrauen« als »Raumpflegerinnen« als Phänomen der »vom Neoliberalismus zerfressenen Situation der Postmoderne« dar (164). Wer das vage bekannt findet, kennt das Beispiel vielleicht noch aus dem einen oder anderen Deutschbuch der 1980er; jedenfalls ist es tatsächlich so, dass die Verwendungshäufigkeit des Wortes »Raumpflegerin«, soweit der Korpus von Google es kennt, ihren Höhepunkt exakt mit dem Jahr 1973 erreicht hat, dem Jahr der Ölkrise, das selbst für die härtesten Neoliberalismustheoretiker als ein Jahr gelten darf, in dem mit dem sozialdemokratischen Westen gerade noch eben alles in Ordnung war. Seitdem hat die Frequenz wieder stark abgenommen. Die Konjunktur von »Putzfrau« ist übrigens durch »Raumpflegerin« nie auch nur verlangsamt worden. Merkwürdigerweise ist es so, dass um dieselbe Zeit, nämlich 1975, der Ausdruck »adult language« für sexuell explizite Sprache den Höhepunkt seiner Popularität im Englischen erreicht; und dies ist der Ausdruck, an dessen bloßer Existenz Pfaller sein gesamtes Buch hochzieht (bzw.: es hochzuziehen behauptet, da es sich hier um einen Essayband handelt, der so tut, als sei er eine geschlossene Abhandlung, ein Ärgernis, das mir schon bei Ulrich Greiner aufgefallen ist).

So funktioniert über weite Strecken das ganze Werk: Es nimmt sich irgendwelche Phänomene her (entweder per Anekdote oder durch bloße Behauptung), entledigt sie jedes prüfbaren Kontexts, der irgendwie Informationen dazu liefern könnte, wie groß oder klein ihre tatsächliche Bedeutung ist, und reiht sie in eine Erzählung ein, die längst geschrieben ist. Diese Erzählung lässt sich in wenigen Sätzen zusammenfassen: Die USA betreiben seit Langem erfolgreich eine auf Verarmung der Menschheit und Verwüstung der Erde zugunsten des Einflusses einer winzigen, mächtigen Elite gerichtete neokoloniale Politik. Flankiert wird dieser Feldzug durch identitätspolitische Maßnahmen, die sicherstellen, dass die Menschen infantil, dumm, empfindlich, narzisstisch und sich untereinander spinnefeind werden, sodass sie keinen Widerstand leisten. (Es sind in der Tat »die Behörden der USA«, die weltweit für antirassistisches Gedankengut oder Empfindlichkeit für weiße Privilegien verantwortlich sind, weil die USA die Welt »mit Dekolonialisierung […] kolonialisieren«; 38f.) Alles in allem war alles noch nie so schlimm wie heute und alles wird immer schlimmer (16 ff.). Es handelt sich wirklich um ein ganz altmodisches, klassisch antiamerikanisches Buch. Man fühlt sich bei der Lektüre immer wieder mitten in die Nullerjahre zurückversetzt. Dass so etwas wie der Krieg in Syrien möglicherweise nicht allein auf amerikanischem Mist gewachsen sein könnte, wird nirgendwo auch nur in Erwägung gezogen. Ein irgendwie empirisch gestützter diachroner und globaler Blick auf Phänomene wie Armut, Ungleichheit, Krankheit und Krieg, der das ausgebreitete Höllenpanorama relativieren könnte, geschieht schlicht nicht. Das Buch ist ein Buch für heterosexuelle weiße Europäer, da mache man sich nichts vor.

Viele der interessantesten Sätze stehen, wie gesagt, gänzlich ohne Literaturhinweise oder Erläuterung herum – wenn es etwa heißt, es seien »in westlichen Gesellschaften in den letzten Jahrzehnten meist grüne und sozialdemokratische Kräfte [gewesen], die nach Polizei und bürokratischer Regulierung […] riefen« (138) oder dass »Ausbildung zur Eigeninitiative« an Hochschulen heute bedeute, »dass man Studierenden alles vorschreibt, was sie zu tun haben« (34). Es wird bereits im ersten Kapitel glasklar, dass Erwachsenensprache ein Buch ist, das niemanden von irgendetwas überzeugen will. Hier spricht jemand zu einem Publikum, das das Gesagte für ebenso selbstverständlich hält wie Pfaller selbst.

Aber was genau wird nun über Sprache gesagt, außer, dass in ihrem Medium anscheinend irgendetwas Sinistres, amerikanisch Getriebenes, Postkoloniales und Postmodernes passiert, das die Welt zerstört? Es wird ein recht großer Theorieapparat in Stellung gebracht, der u.a. mit Marx, Freud und Nietzsche operiert und auch vor anspruchsvoller eigener Begriffsbildung nicht zurückschreckt (vgl. den Aufsatz »Weiße Lügen, schwarze Wahrheiten«, 70–111), aber der gezogene Schluss ist recht einfach: Pfaller fordert in erster Linie eine Entprivatisierung des Öffentlichen, ein Heraushalten von Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten aus dem öffentlichen Raum. Die Öffentlichkeit soll (wie Pfaller findet: wieder) ein Raum werden, in dem »starke, stolze Menschen« (140) einander als Gleiche gegenübertreten. Es ist nirgendwo die Rede, wie damit umgegangen werden soll, dass es ja tatsächlich nennenswerte Probleme mit Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten gibt – sie werden schlicht wegdeklariert. Tatsächlich beschädigte oder diskriminierte Menschen tauchen bei Pfaller nicht auf; jede Beschwerde, die nicht antikapitalistisch-antiamerikanisch ist, ist das Ergebnis eingeredeter und eingebildeter Schwäche. Reiß dich zusammen, werde stark und klage über das Richtige!, ruft er uns zu, und passenderweise weiß er auch genau, was das Richtige ist. Die von mir laienhaft immer für das Spezifikum linker Theoriebildung gehaltene Zurückhaltung davor, Einzelnen oder Gruppen persönliche Verantwortung für die Verhältnisse zuzuschreiben, ist dabei nicht erkennbar – im Gegenteil werden diverse Personenkreise (z.B. alle Angehörige von Minderheiten, die sich für die Berücksichtigung von deren Rechten innerhalb von Institutionen einsetzen) als »Kollaborateure« (28) geziehen.

Pfallers Zusammenwerfen sämtlicher Arten behaupteter postmoderner Entmündigungen und Schwächungen des Subjekts bietet dem demonstrativen Raucher immer wieder die Möglichkeit, Gesundheitsinitiativen und spezifisch Rauchverbote als deren Paradigma darzustellen. Seine Nemesis ist der fanatische Nichtraucher, der noch nicht einmal einen Atemzug Passivrauch riskieren will, weil er befürchtet, dadurch sofort irreparabel geschädigt zu werden (154f.). Alles echte oder imaginierte Leiden an gesellschaftlicher Schlechterstellung, das nicht in seinen antiamerikanisch gefassten Hauptwiderspruch passt, steht für ihn auf einer Stufe damit, einmal ein bisschen Rauch in die Lunge zu bekommen. Aber es ist eben nicht nur Rauch in der Lunge; und auch die gern als geistige Quelle des ganzen Unheils beschimpften amerikanischen Universitäten sind nicht so, wie Pfaller und all die anderen glauben, dass sie sind. Dass das niemanden kümmert und der Medienbetrieb ein so völlig an Wahrheit oder Falschheit seiner eigenen Weltbeschreibung desinteressiertes Buch wie das Pfallers nicht nur im Ganzen und weitgehend ohne es zu hinterfragen schluckt, sondern sich dabei mutmaßlich auch noch aufklärerisch vorkommt – das ist schlimm.

Dieser Beitrag ist der erste Teil einer Trilogie aus Rezensionen kulturpessimistischer Bücher von sich dem Rentenalter nähernden Österreichern.

Anhang: Was Robert Pfaller glaubt

  • Gleichstellungsinitiativen an Universitäten führen dazu, dass »junge Wissenschaftlerinnen, um bessere Chancen zu gewinnen, sich verstärkt mit Genderthemen beschäftigen müssen. Dadurch aber vernachlässigen sie andere Fragen, und es wird in der Folge […] zunehmend schwieriger, überhaupt geeignete weibliche Expertinnen für  [andere] Themen zu finden. Frauen bleiben dann weiterhin unterrepräsentiert. Umso notwendiger, können die Arbeitskreise dann rufen, ist unsere Tätigkeit.« (28)
  • Die Zacken des Gender-Sternchens stehen für das Empfinden verschiedener Gruppen (29).
  • Die EU betreibt »im Interesse der NATO in der Ukraine eine gefährliche Aggressionspolitik gegen Russland« (37).
  • Das Wort »N*ger« ist unproblematisch, da »in keinem europäischen Land Sklaven aus Afrika gehalten wurden wie in den USA und dieses Wort somit niemals dieselbe Bedeutung besaß wie das amerikanische Wort ›N*gger‹« (beide Wörter im Text ausgeschrieben, 39).
  • Performative Sprechakte nach Austin bestehen einfach darin, dass beim Vollzug bestimmter Handlungen immer bestimmte Äußerungen ausgesprochen werden (70).
  • »Es ist mittlerweile fast unmöglich oder wenigstens sehr teuer geworden, auch nur irgendwelche Kleidung zu erwerben, die nicht von punkigen Elementen wie Löchern, Rissen, Sicherheitsnadeln, riesigen Markenlogos oder mehr oder weniger politischen Parolen markiert wäre.« (104)
  • Es ist organisierte Einbildung, die dafür sorgt, dass »Frauen bestimmte ihrer geschlechtsspezifischen Privilegien plötzlich als Nachteile wahrnehmen« (159).
  • »Es ist doch ganz hübsch, wenn man mit Handkuss begrüßt wird oder an einer Türe den Vortritt gelassen bekommt, auch wenn man vielleicht eine kleine Überraschung unter dem Rock trägt.« (165)
  • »Mit neidischem Staunen schließlich sehen wir in alten Filmen, wie rauschend, glamourös und heiter unsere Eltern oder Großeltern ihre Partys feiern konnten.« (188)
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Surfen lässt sich nur an der Oberfläche. Über Josefine Rieks Debütroman “Serverland”

War die Tankstelle einer der mythischen Räume, an dem der Zeitgeist des vergangenen Jahrhunderts offenbar wurde, so ist der Serverraum einer der Orte, an denen das 21. Jahrhundert paradigmatisch wird. Das Brummen der Algorithmen, die umfassende Vernetzung, die schöne Kühle der technischen Geräte – in Datenzentren, wie sie „Google“ oder „Facebook“ betreiben, spielt sich die Welt im Kleinen, Geheimen und Rätselhaften ab.

Kein Wunder, dass auch eine der Figuren aus Josefine Rieks’ „Serverland“ ständig danach fragt, ob man „dieses Facebook“ reaktivieren könne. Denn unser jetziger vernetzter Alltag ist in Rieks’ Fiktion zum digitalen Mythos geworden. Nach einem Referendum in einer näheren Zukunft wurde das Internet abgeschaltet. Laptops, Bildschirme und Beamer sind zur Ramschware geworden, die Druckmedien erleben eine Renaissance. Die Gründe hierfür bleiben im Dunkeln, ja, insgesamt wird der Leserschaft wenig Kontext geboten, in was für eine Welt sie sich gerade hineinliest.

Ob die AfD, die Linke oder ein KI-Digitalisat von Angela Merkel Deutschland regiert, wird nicht erwähnt. Immerhin, die deutsche heile Welt scheint kaum angetastet: Im „Aral“ kauft der Protagonist Reiner „Haribo“-Tüten ein, später erfahren wir, dass er bei der „Deutschen Post“ arbeitet. Für die einen mag so eine Zukunft wie das Paradies, für die anderen wie die Hölle klingen. Für Reiner, einen Mittzwanziger, der sich die Zeit mit dem Sammeln von Laptops und dem Spielen alter PC-Spiele vertreibt, ist es wohl irgendetwas dazwischen.

Mit einer Sequenz aus dem Echtzeit-Strategiespiel „Command and Conquer“ setzt „Serverland“ denn auch ein: Die Freiheitsstatue wird von sowjetischen Raketen beschossen, in deren „patinagrünen“ Augen blitzt Panik auf, bevor sie krachend zusammenfällt und Soldaten unter sich begräbt. Es ist eine schachmattige Eröffnung, eine Verschachtelung, die sich wundersam verkantet: In einer nicht-apokalyptischen Zukunft spielt ein nostalgischer Nerd ein PC-Spiel aus den 90ern, das eine kriegszerstörte Zukunft imaginiert. Das Ausbleiben der Katastrophe generiert erst die Langeweile, die der endzeitlichen Fiktion bedarf, um sich selbst zu bekämpfen.

Nach dem Internet ist vor dem Internet

In diesem euphorielosen Leben, dessen Highlight tote verpixelte GIs sind, hat Reiner sich eingerichtet, als er von einem Freund zu verlassenen Server-Hallen mitgenommen wird. Und schon glimmt die einstige Utopie des Internets in den Augen und Kabelausgängen erneut auf. In der holländischen Pampa treffen sich immer mehr junge Leute, die kommunenhaft nahe stillgelegter „Google“-Server campieren. Sie gieren nach dem Früheren, nach der vermeintlichen Freiheit der Nuller- und Zehnerjahre. Aus den Datenbanken ziehen sie „Youtube“-Videos auf ihre Festplatten, die sie sich dann voller Begeisterung zeigen. So lebte man damals, so stellte man sich damals zur Schau. Robbie Williams reißt sich im Musikvideo zu „Rock DJ“ zuerst die Kleider, dann die Haut vom Körper. In Endlosschleifen knallen die Flugzeuge in die WTC-Türme.

An diesen Stellen flackert kurz auf, wie konzeptuell vielversprechend „Serverland“ ist. Es hätte ein toller Medienroman über das Leben und Wahrnehmen im 21. Jahrhundert werden können, darüber, wie wir zwischen News-Feed, digitaler Manie und körperlosen Stellvertretern feststecken, den Blick auf die große Idee gerichtet, dass das Internet die Rettung sei. Nicht umsonst ist dem Roman ein Zitat des kürzlich verstorbenen Internet-Aktivisten John Perry Barlow vorangestellt: „I declare the global social space we are building to be naturally independent of the tyrannies you seek to impose on us.“

Gerade diese tyrannische Agenda verhandelt „Serverland“ aber nirgends. Dabei gäbe es ausreichend Anlässe: In den USA will eine Behörde die Netzneutralität, die den freien Datenverkehr garantiert, abolieren. In China sollen über ein total(itär) vernetztes System alle Bürger nach Sozialpunkten bewertet und diszipliniert werden. Die ökonomische und politische Indienstnahme des Internets in die Fiktion hinein zu verlängern – das hätte dem Roman eine Dringlichkeit gegeben. Stattdessen wird das Internet weggezappt, als reiche es, einen Off-Knopf zu drücken, um etwas zum Verschwinden zu bringen. Aber was ist mit den gesellschaftlichen Verwerfungen, die in den sozialen Netzwerken zu Tage treten? Was mit der individualisierten Werbung, die uns Schuhe, Slips und Strandurlaube andreht?

Weder Mühe noch Spaß

Auch hier zeigt sich die Einfallslosigkeit dieser Welt: Der Zustand nach dem Internet ist nahezu identisch mit demjenigen vor dem Internet. Alles ist eingeengt auf die klug gedachte, aber konfus gestellte und kleinlich beantwortete Frage, welches utopische Potential im Menschheitstraum Internet steckt. Und es bereitet weder Mühe noch Spaß, Rieks’ lau vor sich hin agierendem Personal bei ihrem Projekt zu folgen. Mal kaufen Reiner und Jonny irgendetwas ein, mal streitet sich Reiner mit Marco. Gäbe es keine Namen, alle Figuren wären eins. Zugleich ist die Sprache ohne jeglichen Ehrgeiz, ohne bildhafte oder rhythmische Dynamik: Ein modisches Sujet gereicht hier zum Schreiben und Verlegen.

Dabei ergreift einen immer wieder die Lust, sich in diesem Zukunftsentwurf umzuschauen. Mal will man mehr über die Atmosphäre und das Milieu dieser neuen, anderen Zeit erfahren, bekommt dann aber wenig mehr als die Info, dass der „VW Scirocco“, mit dem Reiner herumfährt, als Oldtimer gilt. Mal will man sich in Internet- und Medienüberlegungen hineinfuchsen und in den Dialogen nach Theorie-Anhaltspunkten suchen. Stattdessen werden bestimmte Ausführungen, etwa zur technischen Prophetie, wie sie Steve Jobs und Bill Gates ablieferten, ironisch als Expertensprech heranzitiert.

Schade, ja, ärgerlich, dass „Serverland“ wenig mehr ist als ein Anreger, Anderes zu lesen: Wer sich für medientheoretische Überlegungen, u. a. zu Video- und Buffer-Mechaniken von Youtube, interessiert, ist mit Tom McCarthys Roman „Satin Island“ besser beraten. Wer sich fragt, wie Gesellschaften sich in einer (absichtlich herbeigeführten) Post-Internet-Zeit in weltanschaulichen Cliquen organisieren, der lese Leif Randts Roman „Planet Magnon“. Und wer eine erschriebene Ahnung bekommen möchte, wie Nachgeborene auf uns zurückblicken werden, kann zu Roger Willemsens Essay „Wer wir waren“ greifen.

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Offener Brief an Durs Grünbein in der Tellkamp-Debatte

Von Saskia Trebing

Sehr geehrter Herr Grünbein,

vorab: ich lese viel zu wenig Lyrik, geschweige denn Ihre, ich halte Ihren Namen für einen der fantastischsten Dichternamen aller Zeiten und „Der cartesische Taucher“ für ein Buch, das ich gern lesen würde, weil der Titel so schön ist. Ich schätze Sie von fern, weil ich Aris Fioretos schätze und der Sie schätzt. Aber nachdem ich mich ein wenig fassungslos durch Ihre zwei Stunden Diskussion mit Uwe Tellkamp gekämpft habe, ab und zu ein paar unpoetische Flüche ausstoßend, die es wohl nicht in den cartesischen Taucher geschafft hätten, und nachdem ich gefühlte 12 offene Briefe an Herrn Tellkamp gelesen habe, die ihm entweder „Haltung“ bescheinigen oder der Erkaltung seiner gekränkten Dresdener Seele nachspüren, verspüre ich wiederum das dringende Bedürfnis, mich bei Ihnen zu bedanken.

Wer nur die Tellkamp’sche Seite sieht, kann leicht ein wenig verzweifeln. Da sitzt ein höchstehrwürdig verlegter Autor (und daran hat sich auch jetzt nicht geändert) auf einer riesigen Bühne vor einem riesigen Saal- und Netzpublikum, und verkündet in aggressivem Wachhund-Ton, seine Meinung werde unterdrückt und von der Systempresse ignoriert (wie unfassbar chauvinistisch er der um Differenzierung bemühten, aber offenbar systempresseverdächtigen Moderatorin über den Mund fährt, ist ein ganz anderes Thema). Und ein paar Tage später darf die Autorin Monika Maron im öffentlich-rechtlichen Radio den Zensurvorwurf wiederholen und gleichzeitig sagen, dass sie die Aufregung um Tellkamps Äußerungen nicht ganz verstehe, das stünde doch so oder so ähnlich auch in vielen Zeitungen.

Das hohle Gefühl im Bauch, eine ungute Ahnung, ein Herz, das rutscht, kommt vor allem daher, dass es offenbar nichts bringt, diese Widersprüche zu benennen, die fremdenfeindlichen Parolen zu zerlegen, die Zahlen zu korrigieren, die Differenzierung, die sich Tellkamp für AfD-Wähler, Pegida-Anhänger und besorgte biodeutsche Bürger wünscht, auch für die von ihm angegriffenen Gruppen (Die Linken! Die Presse! Die Migranten!) einzufordern.

Trotzdem, oder gerade deshalb, war es großartig, wie Sie sich dem rechts-links-Geschrei entzogen und die Pauschal-Aussagen-Knoten, die Ihnen vor die Füße gelegt wurden, immer wieder entwirrt haben (ich wollte erst geduldig schreiben, aber zum Ende der Diskussion wirkten auch Sie, als könnten Sie sich Orte vorstellen, an denen Sie lieber wären). Sie haben Ihrerseits den Fehler vermieden, alle Probleme, die Tellkamp angesprochen hat, kategorisch abzustreiten, oder selbst in Generalisierungen zu verfallen. Sie haben gezeigt, dass es Opposition zur Regierung gibt, aber dass Opposition nicht Menschenverachtung und Fremdenfeindlichkeit heißen muss.

Ich möchte nicht damit sagen, dass – Verzeihung – zwei weiße, erfolgreiche Männer die beiden einzigen Pole in unserer Gesellschaft repräsentieren. Es ist bedauerlich, dass es in manchen Debatten zurzeit so aussieht. Viel zu oft redet ein gefühltes „Wir“ über ein gefühltes „Die“, ohne dass diese anderen, die zweifelsfrei Teil dieses Landes sind, jemals zu Wort kommen. Die Zusammensetzung des Publikums in Dresden hat das einmal mehr bestätigt.

Ich beneide Sie ein wenig um die Aussage, Sie seien von der Stimmung in Deutschland nicht alarmiert. Daran könnte man sich ein Beispiel nehmen, vielleicht etwas gelassener sein, die Wellen ausrollen lassen und nicht durch immer neue Debattenbeiträge (hüstel) die Aufmerksamkeit auf die Extreme, die Risse, richten. Aber diese Gelassenheit fällt schwer, gerade weil es im Kern der Debatte mal wieder um Angst geht, eine der stärksten, universellsten Emotionen, die bei den meisten das Hirn ausschaltet und die gerade auf perfideste Weise instrumentalisiert wird.

Es ist eine Angst, die überall gefüttert wird, die wohl jeder in Deutschland kennt. Die allermeisten Frauen aufgewachsen mit der Angst vor der Dunkelheit, in der jemand lauern könnte, auf dem Heimweg, beim Joggen im Park. Der Angst vor k.o.-Tropfen im Drink. Die Ängste, kleine und große, sitzen tief, wachsen in Mädchen heran, und blühen in Frauen auf. Sie sind geerbt, werden von Generation zu Generation weitergegeben. Die Tagesschau-Bilder von lächelnden Kindern, meistens Mädchen, und die Worte, die sich einbrennen. Entführt. Ermordet. Vergewaltigt. Nicht mit Fremden mitgehen. Obwohl die allerallermeisten Übergriffe im direkten Umfeld geschehen, ist diese Angst vor dem Fremden eingeimpft. Das Böse lauert irgendwo da draußen. Marc Dutroux taucht immer noch in Alpträumen auf.

Warum ich das erzähle? Weil es mit dieser Sozialisierung unmöglich ist, jemandem seine Angst abzusprechen. Auch #metoo hat gezeigt, dass die Angst berechtigt ist, dass Übergriffe jederzeit möglich sind. Jeder Mensch hat gute Gründe für Angst. Aber kein Mensch hat Gründe, diese Angst in Hass zu verwandeln und gegen vermeintlich Fremde zu richten, weder im Osten noch im Westen, noch irgendwo sonst.

Die gegenwärtige Angst von Menschen, die äußerlich nicht der blütenweißen deutschen Norm entsprechen, kann ich nur versuchen zu erahnen. Aber diese Angst kommt im Diskurs viel zu wenig vor. Stattdessen kann sich ein neuer Heimatminister gar nicht genug beeilen, zu erklären, was alles nicht zu unserem Land gehört, um die nach rechts schielenden Sorgenbürger einzufangen. Ich habe Angst, dass sich Tellkamps Behauptung, die Meinungen jenseits der linken Gesinnungsdiktatur kämen nicht vor, ins genaue Gegenteil verkehrt. Dass intolerantes, autoritäres Gedankengut immer weiter in die Mitte sickert und als Stimme der Vernunft auftritt.

Deshalb noch einmal Danke für Ihre klaren Worte, die hoffentlich genauso viel Gehör finden, wie Tellkamps Provokationen (aus meiner Berliner Filterblase sieht es zumindest so aus). Ich musste an Daniel Kehlmanns „Tyll“ denken, wo der kleine Uhlenspiegel solange immer wieder vom Seil stürzt und immer wieder aufsteigt, bis er mühelos balancieren kann. Mir kommt es so vor, als wäre es das, was die rechten Kräfte gerade in Deutschland tun. So lange Balancieren üben, bis sie das Tänzeln am Rand des Sagbaren perfekt beherrschen. Nicht ins Justiziable stürzen, aber genau so dicht daran vorbeischrammen, dass die Botschaft unmissverständlich gesendet wird und verstanden werden kann.

Vielleicht kann man von der Literatur lernen, sich nicht mit den vermeintlich einfachen Wahrheiten zufrieden zu geben. Geschichten voller Hass, die sich der Kompliziertheit der Welt verweigern, funktionieren nicht. Sie haben eindrucksvoll für eine vielstimmige, differenzierte Debatte geworben, der ich eine genauso virale Verbreitung wünsche, wie den Alarmparolen aus allen Richtungen. Und jetzt werde ich mir den cartesischen Taucher besorgen.

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Endlich mal kein Geschichtenerzähler. Über Lorenz Justs Debüt, den Erzählband „Der böse Mensch“

In (Markt-)Zeiten, in denen der gähnend-gängige 220-seitige Roman mit seiner leicht kaubaren Zeitgenossenschaft Erfolge feiert, ist es gewagt, sich als Debütant für Erzählungen zu entscheiden. Mit „Der böse Mensch“ geht der 1983 geborene Lorenz Just dennoch diesen Weg. Natürlich gibt es auch bei Erzählbänden erfolgreiche Vorgängerbeispiele, etwa „Sommerhaus, später“ (1998) von Judith Hermann. Auch Karen Köhler legte mit „Wir haben Raketen geangelt“ 2014 einen vielbeachteten Band vor; zuletzt wagte sich Jan Snela mit seinen sprachverliebten Erzählungen („Milchgesicht“) vor, u. a. wurde er 2016 mit dem Clemens-Brentano-Preis ausgezeichnet. Aber der Standard-Einstieg in den Betrieb führt über die Gattung Roman.

„Der böse Mensch“ ist bei Dumont erschienen und trägt sechzehn Erzählungen zusammen, die nicht kürzer als drei, nicht länger als fünfzehn Seiten sind. Wäre das Wort „experimentell“ nicht so abgelutscht wie ein Leckstein in einem verwahrlosten Ponyhof, ließe es sich auf viele der Geschichten anwenden, an seiner Stelle seien einige adjektivische Gegenvorschläge aufgezählt: Die Texte sind eigensinnig, konzeptuell, ideenzentriert bzw. anti-realistisch. In „Aus dem Tagebuch meines Bruders“ denkt ein Künstler etwa penetrant-zenhaft über Ursprung und Ausmaß seines Schaffens nach: „Ich versuche, etwas zu tun, und doch bleibt jede meiner Bewegungen das Gegenteil einer Tat: erbärmliche Zuckungen menschlichen Irrsinns.“ In „Bildbeschreibung“ wird in gedehnter, fast schon zeitenthobener Sprache eine Szenerie beschrieben. Aber was ist hier Handlung, was Deskription? Oder ist die Deskription die Handlung? Und was ist wichtiger: dass etwas Außerordentliches passiert oder dass etwas in äußerster Präzision beschrieben wird?

Schnell merkt man: In seinem Erstling liefert Lorenz Just keine handelsüblichen Geschichten ab. Es sind im besten Sinne Sprachstücke, kleine vernarrte Texte, die sich selbst erkunden. In der Erzählung „Kalt genug“, die von einem schwierigen Bruderverhältnis handelt, heißt es gleich auf der zweiten Seite: „Wolfgang lief zurück in die Garage, winkte Georg heran, der ihm wie durch eine gläserne Wand hindurch zugeschaut hatte.“ In seinem (tollen und leider nicht übersetzten) Buch „Faire le garҫon“ drückt sich der Schweizer Autor Jérôme Meizoz an einer Stelle ganz ähnlich aus: „Très tôt, le garçon a dû voir tout cela sur une sorte d’écran, à distance. Entre lui et le monde, quelque chose s’est vitrifié.“ („Sehr früh musste der Junge all dies auf einer Art Bildschirm betrachten. Zwischen ihm und der Welt hatte sich etwas verglast.“)

Nur eins bleibt ein Rätsel: der willkürliche Titel

Buchstaben wie Hagelkörner

Tatsächlich kommt das Bild der Verglasung, der Trennung von einer Umgebung, die sich zugleich einsehen lässt, dem Stil von Just ziemlich nahe. In seinen Geschichten wird ein Fenster eingezogen, eine Schwelle gesetzt. Mit der Realität „hier draußen“ haben die Erzählungen wenig zu tun – und gerade deswegen gelingt es ihnen, eben diese Realität auf ihre andere Weise dingfest zu machen. Just ködert niemanden mit dem allzu lockenden und allzu falschen Versprechen, das Wort sei die Welt. An einer Stelle heißt es: „Von Anfang an, ich meine, vom ersten Buchstaben an, habe ich immer geschrieben, ein Buchstabe, zwei Buchstaben, drei, zuerst ohne zu wissen, wofür, welche Laute. Seiten voller Buchstaben, über das Blatt verteilt wie Hagelkörner oder Kratzspuren.“

Als Leserschaft bekommen wir live mit, wie sich eine Sprache ihre Welten erschafft, etwa durch den Einsatz einer Zoomtechnik, wie in „Der Bericht einer Reise“. Dort geht die Rede von einem Fremdling, der in einem kaum kontrollierten Erzählstrudel von seiner wirren Kindheit und seinem konfusen Ausreißen berichtet. Nichts wird klar, alles bleibt hängen. In einem dusteren Sog stolpert der Ich-Erzähler durch Landschaften, Städte und Stimmungen, an einer gefälligen Vermittlung ist ihm nicht gelegen: „Ihre Hände waren groß und kalt, wie ein enger Käfig umfassten sie meinen Kopf. Ihr breiter Mund öffnete sich, Speichel, der zwischen Ober- und Unterlippe hing, zog einen Faden und zersprang. Ein kalter, stechender Tropfen traf mein Auge. Etwas knackte, als die Gestalt langsam meinen Kopf meiner rechten Schulter zubog. Ich roch ihren Atem, der süßliche Geruch ließ mich hoffen.“

Sich etwas erlesen statt es zu erfahren

Diese Form der Stilkunst ist lobenswert kühn, auch deswegen, weil sie so gar nicht dem etablierten Lesegeschmäckle entspricht, den vielen Büchern, die sich damit zufriedengeben, mit dem Drei-Komponenten-Kleber zu hantieren: ein wenig Milieu, ein wenig Krise, ein wenig Subjektivität. Aus dem Zusammenrühren entstehen dann meistens lauwarme Geschichten, die weder so recht gelingen noch so richtig misslingen. Ihr Repertoire umfasst: Plattenbau, Altbauwohnung, Kleinstadt, dazu Jobfrust, Familienzwist oder Altersangst, aufgepeppt mit Bildern à la: „Das Leben fühlte sich an, als habe er statt Diesel Benzin getankt.“ Solche Texte lesen sich gut weg, weil sie akute Sujets oberflächlich verhandeln, und gerade deswegen geraten sie ebenso schnell in Vergessenheit. Dass Justs Erstling dieses Muster nicht bedient, macht ihn in seiner artistischen Standhaftigkeit so besonders (und) sympathisch.

Die alptraumhafte (sprach-)körperliche Verrenkung in „Der Bericht einer Reise“ schreitet indes voran, Zeile um Zeile, bis wir erneut auf das Glasige stoßen: „Auf den glänzenden Augäpfeln der Gestalt erkannte ich die Reflexion meines gläsernen Blicks.“ Hier greifen Beobachtung und Beobachtungsbeobachtung ineinander, das Grauen ist weniger ein erlebtes als ein erblicktes, wie auch die Bestürzung, die einen beim Lesen von „Der böse Mensch“ ergreift, keine erfahrene, sondern eine erlesene ist. Es passt jetzt einfach zu gut, um es nicht zu zitieren: Über die Beschaffenheit und Wirkung von Glas schrieb Walter Benjamin, es sei „nicht umsonst ein so hartes und glattes Material, an dem sich nichts festsetzt“, es sei „ein kaltes und nüchternes, denn die Dinge aus Glas haben keine Aura.“ Für Just gilt in etwas freier Weiterführung: An seinen kristallinen Erzählungen bleibt nichts haften, keine falsche Sentimentalität und keine illusorischen Schlieren, in ihrer Zurschaustellung sind sie gnadenlos klar.

Ein Erzählband als Grundlagenforschung

Bestimmte Schlagwörter in den Titeln zeigen es bereits an: „Bericht“, „Bildbeschreibung“, „Interview“, „Aus dem Tagebuch“, „Herrn Naumanns Notizen“ – viele der Erzählungen widmen sich einem narrativen Modus mit bestimmten strukturellen Vorgaben. In den letztgenannten Notizen wird in kurzen Absätzen beispielsweise eine Familienhistorie entfaltet. Als nüchterner Chronist hält ein Ich-Erzähler fest, welcher Ahne was gearbeitet hat, welche Verwandten welche Hoffnungen hegten und wieso der Vater als Apotheker glücklos bleiben musste. Auf der Suche nach familiärer Identität, dessen Fluchtpunkt er, der Ich-Erzähler ist, bleibt letztlich wenig mehr als die kühle Zufälligkeit des Stammbaums.

Und in „Interview mit Shana“ wird eine Auswanderin skizziert. Wieso ist sie Eddie in ein amerikanisches Indianerreservat gefolgt? Fühlt sie sich dort wohl? Indem Just seine Figur vermeintlich vor sich hin plaudern lässt, zieht er ihr unbemerkt den rhetorischen Schleier weg, in ihren Antworten steckt viel mehr als das nur oberflächlich Gesagte. Shanas frohgemute Naivität wird ebenso evident wie ihre hanebüchene Ignoranz, die an Selbstverleugnung grenzt: „Weißt Du, seit Jahren kämme ich Eddies Haare und flechte sie zu einem langen Zopf, sie waren schwarz, jetzt sind sie grau, irgendwann werden sie weiß sein, es ist, als würde ich das Schwarz aus seinen Haaren kämmen. Er hat mir diese Handlung geschenkt, er könnte es auch allein.“

Zugleich stört einen dieses breite Genre-Spektrum von „Der böse Mensch“ immer mal wieder, und irgendwann setzt sich der Eindruck fest: Diese Texte sind Grundlagenforschung, es sind disparate Etüden, mithilfe derer Just an seinen „Kompetenzen“ feilt. Seien die einzelnen Erzählungen noch so meisterlich und technisch sauber ausgeführt, ihnen hängt der Makel der Übung an: Sie sind noch nicht das Eigentliche, als virtuose Aufwärmerei gehen sie dem tatsächlichen Auftritt voraus. Und am Ende, nach 173 Seiten, geht der Blick, wie schon bei Pascal Richmanns „Über Deutschland, über alles“, zum hoffentlich nächsten Buch, in dem weniger geprobt wird – und das brillante Sprach- und Schreibbewusstsein stattdessen auf ein Projekt aus einem Guss angewandt wird.

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Der Wechsel der Ikonographie. Wie Migration, Klimawandel und Terrorismus unsere Zeichen verändern

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In einem Essay auf dem diaphanes-Blog denkt Mário Gomes über Gewalt, Ästhetik und die Durchsetzung neuer „schöner“ Normen nach. An einer Stelle schreibt er über ein Foto, das einen „El País“-Artikel zum Drogenkrieg begleitet:

„Zu sehen war ein nackter Frauenleichnam, der vor dem Hintergrund großflächiger Werbeplakate von einer Fußgängerbrücke herab über einer Stadtautobahn baumelte. Entlang der Wirbelsäule waren Zeichen in schwarzer Farbe auf die Haut geschmiert, tote Symbole auf toter Haut. Mir wurde klar: So werden Botschaften verfasst. So funktioniert die Kraft der Evidenz. […] Neben den vertrauten Buchstaben und Symbolen umfasst das Zeichensystem nun auch Leichen, Glieder, Häupter.“

So werden Zeichen gesetzt, so wird die Welt semantisiert. Menschen, Dinge, Stimmungen, Bewegungen – vieles lässt sich umcodieren und neu rahmen, kaputtmachen und modifizieren. Es genügt eine durchschlagende Neusetzung, ein brachiales Moment, und schon blicken wir plötzlich mit anderen Augen darauf, mit neuen Augen auf neue Zeichen.

Bei einer Anhörung vor dem US-Kongress sagte 2013 ein 13-jähriger Junge aus Pakistan, er habe Angst vor dem blauen Himmel. Schließlich flögen die US-Drohnen, die ihn und seine Schwester schwer verletzten, nur bei gutem, klarem Wetter. Sicher fühle er sich eigentlich nur noch bei bewölktem Himmel. Auch in Gomes’ Essay geht es nicht umsonst um Gewalt. Sie ist die erste Durchsetzungskraft, das Bindemittel, das das Eine zerstört, zugleich das Andere, ikonische Aufmerksamkeit, schafft. Auch deswegen ist das Thema für Autoren und Autorinnen relevant, wollen sie mit ihrer Literatur doch unsere Wahrnehmungsweisen schärfen, ändern und vorführen. Zurzeit gibt es drei “Kräfte”, die die etablierte Semantik ergreifen, einige würden sagen: angreifen, nämlich Terrorismus, Migration, Klimawandel.

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Einen exklusiv ästhetischen (also durchaus fragwürdigen) Standpunkt nahm der Komponist Karlheinz Stockhausen ein, als er über 9/11 referierte: „Also – was da geschehen ist, ist natürlich – jetzt müssen Sie alle ihr Gehirn umstellen – das größtmögliche Kunstwerk, was es je gegeben hat, dass also Geister in einem Akt etwas vollbringen, was wir in der Musik nie träumen könnten, dass Leute zehn Jahre üben wie verrückt, total fanatisch für ein Konzert, und dann sterben. Das ist das größte Kunstwerk, was es überhaupt gibt für den ganzen Kosmos. Stellen sie sich das doch vor, was da passiert ist, das sind Leute, die sind so konzentriert auf das, auf die eine Aufführung, und dann werden 5000 Leute in die Auferstehung gejagt in einem Moment.“

Terroristen als Künstler – aber was soll ihr Werk sein? Der Tod von 2992 Menschen? Die bildhafte Vereinnahmung der weltweiten medialen Aufmerksamkeit, während Stunden, Tagen, Wochen? Die Hingabe, mit der sie sich ihrer Idee anvertrauten? Oder der Erfolg, mit dem damals neue Zeichen in die Welt gesetzt wurden? Seither wird jedenfalls der Blick auf jede großstädtische Skyline von der Möglichkeit des Einbruchs von Gewalt mitgeprägt; die Option eines totalen Ereignisses steht im Raum, wenn ein Flugzeug im vormittäglichen Blau tief über eine Metropole hinwegdüst.

Derselben Seh- und Zuweisungslogik sind wir auch bei anderen alltäglichen Gegenständen unterworfen: Der herrenlose Koffer ist seit geraumer Zeit der rollkoffrige Schrecken geworden, egal ob in Bahnhöfen, Fußgängerzonen oder Flughäfen. Alles wird suspekt, weil wir bezüglich unserer Zuweisung von Bedeutung paranoid geworden sind. Auch der Lastwagen, der in den Zentren europäischer Großstädte zu abrupt anfährt, ist nach den Attentaten in Nizza und  auf dem Breitscheidplatz eine potentielle Gefahr. Im gewissen Sinne verschmilzt hier eine terrorbezügliche Denk- mit einer literarischen Schreibweise. Die Codes werden neu verhandelt.

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Die Natur verliert ihre kontemplative Unschuld, mit der wir ihr begegnet sind, mit der sie uns umschmeichelt hat. Das Meer, das unsere urlaubsgeilen Zehen mit Wellenschaum kitzelt, ist das Meer, in dem 2015 3771 Menschen ertrunken sind, die in Europa Zuflucht suchten. Die Schwimmwesten, die wir als nervige Textilien von Bootsausflügen kennen, sind zum Symbol für Tod durch Ertrinken geworden. Durch Kunst-Installationen wie der Säulen-Ummantelung mit Schwimmwesten (Ai Weiwei, 2016)  werden diese semantischen Verwerfungen und Verschiebungen in den öffentlichen Raum getragen. (Zusatz: hier eine lesenswerte Kritik dieser Werke) Und auch der LKW darf hier nicht fehlen: Als im August 2015 Schleuser einen mit Menschen vollbeladenen und luftdicht abgeschlossenen Lastwagen auf der A4 in Österreich stehen ließen, gingen tagelang Bilder vom weißen LKW durch die Medien. Auf den Außenflächen prangten Bilder fein geschnittener Putenscheiben und kross gebratener Würste. Drinnen waren 71 Geflüchtete erstickt. Gewalt und Tod, kombiniert mit food-pornösen Fleischfotos, so etwas zwirbelt sich in die Augen.

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Vom indischen Essayisten und Romancier Amitav Ghosh liegt seit kurzem ein Essay auf Deutsch vor: „Die große Verblendung“.  Dort geht er der Frage nach, auf welche Weise die Literatur die allmählichen klimatischen Verschiebungen (und unsere Erfahrung derselben) verarbeitet. Ghoshs Antwort ist klar: Wir schreiben fahrlässig und falsch darüber. Der bürgerliche kanonische Roman, wie er sich seit dem 19. Jahrhundert in den westlichen Ländern ausprägte, konzentriere sich „immer radikaler auf die individuelle Psyche“, auf ein Leben, ein Ego, das durch eine kleine Unwägbarkeit geht, um am Ende verändert, bestenfalls gestärkt dazustehen. Solche Individual-Stories seien aber inkompatibel mit einem globalen und kollektiven Phänomen wie dem Klimawandel.

Der Essay liefert spannende Anregungen, um das Strukturdefizit, das Ghosh der Gegenwartsliteratur bescheinigt, ins Semiotische weiterzudenken: Auch in Anbetracht des Klimawandels verschieben und überlagern sich alte und neue Bedeutungen von Zeichen. Die Kerosinstreifen am Himmel stehen für mich nicht mehr vorrangig für Reisen zu exotischen Zielen, sondern für den hohen CO²-Ausstoß des Flugverkehrs. Das Meer mag noch immer Sehnsuchtsort für dahinschippernde Kreuzfahrer sein, es ist wegen seines steigenden Pegels aber zugleich der erste Austragungsort, die große Gefahrenquelle des Klimawandels geworden. Und die sogenannte große Bleiche im Great Barrier Reef entzieht einem gar das ikonographisch Prägendste einer Gegend, von der wir alle ein kunterbuntes koralliges Bild im Kopf haben, nur um es durch sein Gegenteil zu ersetzen: Es gibt nur noch erblasste, sterbende Meersträucher zu sehen. So wird die Einschätzung der Umgebung eine andere, die Natur wird behutsamer, kritischer, zugleich voller Interesse und Aufmerksamkeit neu erfasst. Das mag auch miterklären, weshalb gerade Bücher, die sich mit Naturbereichen wie dem Wald („Das geheime Leben der Bäume“ von Peter Wohlleben) oder Tieren („Naturkunden“-Reihe bei „Matthes und Seitz“) beschäftigen, so erfolgreich sind.

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