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Fragilitäten – Gedanken über den unabhängigen Buchhandel

von Isabella Caldart (@isi_peazy)

What a difference a day makes. Ein Songtitel, der wörtlich zu nehmen ist: Es ist kaum mehr als zwei Wochen her, da bekam ich den Auftrag, einen ausführlichen Artikel über den florierenden unabhängigen Buchhandel in den USA zu schreiben. Was für ein toller Auftrag, was für eine Freude, darüber zu schreiben!

Denn nach Jahrzehnten der Amazon-Dominanz (und davor von Ketten wie Barnes & Noble) hatte dort in den letzten Jahren eine Gegenbewegung eingesetzt. Vor allem in ländlicheren Gegenden, in denen es bisher außer über Amazon nicht möglich war, bequem an Bücher zu kommen, hatten neue Buchhandlungen eröffnet. Nicht selten übrigens durch die Unterstützung der Locals, die etwa via Crowdfunding dafür sorgten, dass ihr Ort wieder um eine Buchhandlung bereichert wurde – wie Lark & Owl in Georgetown, Texas. Unabhängige Buchhandlungen boomen, hieß es überall. Passend dazu rief eine Buchhändlerin 2014 in Kalifornien den Independent Bookstore Day ins Leben, der ab 2015 jeden letzten Samstag im April USA-weit gefeiert wurde.

Eine erfreuliche Entwicklung, über die ich sehr gerne berichtet hätte. Passend dazu wäre ich heute vor zwei Wochen nach New York geflogen, eine Stadt mit einer unglaublich vielfältigen Indie-Buchhandlungs-Szene. Erst im Mai 2017 hatte Books Are Magic in Brooklyn eröffnet, eine Buchhandlung, die sich nicht zuletzt dank des auffälligen und sehr instagrammable Graffiti an der Häuserwand größter Popularität erfreute. Ebenfalls in Brooklyn stand die deutsche Buchhändlerin Susanne König kurz davor, ihre dritte Filiale der Powerhouse Arena zu eröffnen, im Mai wäre es soweit gewesen. Und nachdem Book Culture auf der Upper West Side (wegen Misswirtschaft) im Januar ohne Ankündigung von einem Tag auf den anderen schloss, kündigte kurz darauf der Strand Bookstore an, im März die Buchhandlung zu übernehmen. Es ist nicht lange her. Es fühlt sich sehr lange her an.

Als ich den Auftrag bekam, den Text über die florierende Indie-Buch-Szene zu schreiben, war Corona hier bereits angekommen, die Leipziger Buchmesse abgesagt. Und doch war das Virus in vielen Köpfen noch nicht präsent, auch ich war noch dabei zu verarbeiten, dass es sich hierbei nicht um ein temporäres, mehr oder weniger zu ignorierendes Phänomen handelte. Ich konzentrierte mich auf meinen Flug nach New York – in den USA war, so schien es, so wollte ich es glauben, Corona eh noch kein Problem. Am Abend vor unserem Abflug dann diskutierte ich mit meiner Freundin: Sollten wir wirklich fliegen? Die Entscheidung verschoben wir auf den nächsten Morgen. Sie wurde uns in der Nacht von Trump abgenommen, der einen Einreisestopp für alle Europäer*innen verhängte. Wir wären gerade noch reingekommen. Und sogar darüber dachten wir noch kurz nach, so absurd das im Rückblick klingt. Aber eigentlich war schon da klar, dass es keinen Sinn machen würde.

Jetzt sitze ich hier, habe den Artikel abgesagt. Nicht nur, weil auf meine E-Mails, die ich, peinlich berührt schon beim Verfassen, in den letzten Tagen verschickt hatte, keine Antwort kam. Sondern vor allem, weil ich keine Antwort erwartete. What a difference a day makes. Die boomende Indie-Szene in den USA ist tot, das kann man, selbst wenn man diesen Text ohne Frust schreiben würde, kaum beschönigender ausdrücken. Sie ist innerhalb weniger Tage komplett zusammengebrochen. Das ist schrecklich für die Buchbranche, die Indie-Szene, die Buchhändler*innen, die jetzt vor dem Nichts stehen. Dass die USA in jeder Hinsicht instabilere Sozialsysteme haben, wissen wir. Und so kam es, wie es kommen musste; die Buchhandlungen, die wegen Corona schließen mussten, entließen von einem Tag auf den nächsten reihenweise ihre Mitarbeiter*innen, es blieb ihnen gar nichts anderes übrig. Schrecklich für die Entlassenen, die zumeist nur bis zum Ende der jeweiligen Woche bezahlt werden.

Besonders hart hat Corona New York getroffen, wo mehr als die Hälfte der in den USA bekannten Corona-Fälle verzeichnet sind. McNally Jackson, eine SoHo-based Buchhandlung, die 2018, 2019 und, oh, the irony, erst vor drei Wochen je eine neue Filiale eröffneten, verkündete vergangene Woche, alle Mitarbeiter*innen entlassen zu müssen. Am Wochenende war es beim Strand Bookstore, der größten und bekanntesten Indie-Buchhandlung der USA, soweit: 188 Mitarbeiter*innen wurde gekündigt, nur 24 können fürs Erste gehalten werden. Im ganzen Land sieht es nicht anders aus. „Mein Herz bricht für uns alle“, schrieb die Inhaberin von Powell’s Books in Portland in einem offenen Brief. „Ich kann nur hoffen, dass wir auf der anderen Seite dieser schrecklichen Zeiten einen Weg finden, wieder zusammenzukommen.“ Innerhalb weniger Tage war die Buchbranche, die sich in den letzten Jahren ganz neu erfunden hatte, zerstört.

Eigentlich habe ich überhaupt keine Lust auf Schwarzmalerei. Sie ist nicht produktiv, sie hilft niemandem, macht nicht glücklich, gibt keine neuen Impulse. Schaut man in andere Länder, in denen das Sicherheitsnetz etwas weniger fragil ist als in den USA, sieht man durchaus interessante Entwicklungen. In England, so dokumentiert der Guardian, liefern Buchhandlungen per Fahrrad oder gar Skateboard aus und bieten das, wofür sie als Kontrast zu Amazon immer gelobt wurden: persönliche Beratung, teilweise gar ein offenes Ohr fern von Lektüretipps. In Spanien versucht man ebenfalls, alternative Wege zu finden. Erst am 21. März vermeldete El País, dass vier der größeren Buchhandlungen in Barcelona mehr als 800 Mitarbeiter*innen (temporär) entlassen mussten. Womöglich, steigt man auch hier auf Fahrradlieferungen um. Kundenservice also als Neuerung: Wer einmal versucht hat, in einer spanischen Buchhandlung, wie man es hierzulande gewohnt ist, ein Buch zu bestellen, wird nur irritierte Blicke geerntet haben.

Dass Amazon in Deutschland Bücher als nicht essentiell eingestuft hat, deren Lieferung bis April aussetzt und lieber auf die neue Währung Klopapier setzt, könnte auch hierzulande ein entscheidender Faktor sein. Viele Käufer*innen erkennen zum ersten Mal, dass lokale Buchhandlungen eigene Onlineshops haben oder an größere Shops (mit fairen Bedingungen) angegliedert sind, dass Bestellungen per Telefon, E-Mail oder Instagram abgesetzt werden können und diese teilweise mit dem Fahrrad noch am selben Tag geliefert werden. Und innerhalb kürzester Zeit haben einige Buchhandlungen gezeigt, dass sie kreativ und innovativ sein können und um den Einfluss von Social Media wissen. In einem Artikel im Börsenblatt zählt Torsten Woywod verschiedene Aktionen auf, die sich Buchhändler*innen spontan haben einfallen lassen, darunter individuelle Beratung per FaceTime oder die Vorstellung von Novitäten auf IGTV.

Doch nicht alle sind so innovativ. In meiner Heimatstadt Frankfurt fällt mir keine Buchhandlung ein, die eine gute Onlinepräsenz hätte.
Dabei kann genau das entscheidend sein: Online, vor allem auf Instagram, durch Inhalte überzeugen, durch die Vorstellungen von Büchern, Blicke hinter die Kulissen und, essentiell für die persönliche Bindung die Mitarbeiter*innen zeigen. Buchhandlungen, die wissen, wie man sich digital präsentiert, sind über die regionalen Grenzen hinaus bekannt. Bekanntheit zahlt keine Miete, klar. Aber wenn es darum geht, welche Buchhandlungen überleben werden und welche nicht, wenn Support gefragt ist, der sich vor allem auf einer emotionalen Ebene (hier sind wir wieder bei der persönlichen Bindung) abspielt, kann eine guter Onlineauftritt an genau diesem Punkt entscheidend sein.

Stichwort Support: Auf sämtlichen Medien riefen Verlage, Buchhandlungen und Kulturinstitutionen dazu auf, jetzt erst recht den lokalen Buchhandel zu unterstützen, ein Appell, der, fragt man Buchhändler*innen im ganzen Lande, auch ernst genommen wurde, die Läden und Telefonleitungen brummten in der vergangenen Woche. Es ist ein Trend, der sich unbedingt etablieren und vom Trend zum Habitus werden muss, damit es den unabhängigen Buchhandel, wenn wir irgendwann aus diesem Albtraum aufwachen, noch gibt. Es gilt, das eigene Konsumverhalten zu überdenken. Kein origineller Gedanke, und doch scheint er noch immer nicht bei allen angekommen zu sein. Damit Buchhandlungen eine Chance haben, zu überleben, sind neben dem Rettungsschirm, den Monika Grütters am Dienstag präsentierte, zwei Faktoren wesentlich: Die bereits erwähnte soziale Bindung – und Zeit. Ein vager Faktor, der nicht von Individuen beeinflusst werden kann. Privatpersonen wie Restaurants, Kinos oder Buchhandlungen rufen dazu auf, Gutscheine zu kaufen, um kleinen Geschäften das Überleben zu sichern. Doch das kann nicht auf ewig gut gehen. Wie lange wird es dauern, bis die Leute aufhören, Gutscheine zu kaufen, weil sie es vergessen, weil sie bereits genug zu Hause rumliegen haben, weil sie sie sich aus eigenen Geldprobleme nicht mehr leisten können oder weil sie die Befürchtung haben, diese wegen Insolvenz nicht mehr einlösen zu können?

Jetzt einen optimistischen Schluss für diesen pessimistischen Text finden, um keine Weltuntergangsstimmung zu verbreiten? Ich bemühe mich darum. Ich bemühe mich darum, den Mut nicht zu verlieren, nicht die Hoffnung, den Glauben daran, dass die Kneipen, Cafés, Arthaus-Kinos und unabhängigen Buchhandlungen auch Post-Corona noch existieren werden. Aufgeben ist keine Option. Ein müdes Motto. Aber zu mehr bin ich nicht fähig. Was die nächste Zeit bringt, wer will da schon Prognosen abliefern? Jeden Tag gibt es neue Entwicklungen, neue Eilmeldungen. Es ist eine merkwürdige Gleichzeitigkeit vieler Dinge, die sich widersprüchlich anfühlen. Das subjektive Zeitempfinden vieler. Die Zeit jetzt fühlt sich so bleiern an, und noch bleierner, die immer gleich ablaufenden Tage ziehen sich in die Länge, während an jedem Tag so viel passiert, dass diese Informationen nur schwer zu verarbeiten sind. Oder, um es mit den Worten von Roxane Gay zu sagen: Every day is a month now.

 

Photo by Jonas Jacobsson on Unsplash

Soziale Distanz – Ein Tagebuch (2)

Dies ist der zweite Teil unseres kollektiven Tagebuch, in dem wir mit zahlreichen Beiträger*innen fortlaufend sammeln, wie der grassierende Virus unser Leben, Vorstellungen von Gesellschaft, politische Debatten und die Sprache selbst verändert (hier Teil 1).

Es schreiben mit:

Andrea Geier: @geierandrea2017, Anna Aridzanjan: @textautomat, Berit Glanz: @beritmiriam, Birte Förster: @birtefoerster, Charlotte Jahnz: @CJahnz, Elisa Aseva, Jan: @derkutter, Johannes Franzen: @johannes42, Magda Birkmann: @Magdarine, Marie Isabel Matthews-Schlinzig: @whatisaletter, Matthias Warkus: @derwahremawa, Nabard Faiz: @nbardEff, Philip: @FreihandDenker, Sandra Gugić: @SandraGugic,  Simon Sahner: @samsonshirne, Slata Roschal, Sonja Lewandowski: @SonjaLewandows1, Svenja Reiner: @SvenjaReiner, Tilman Winterling: @fiftyfourbooks, Viktor Funk: @Viktor_Funk

Woche 2 (erster Teil): 16. März bis 18. März

16.3.2020

Magda, Berlin
Wie kann man kleinen Kindern die aktuelle Ausnahmesituation verständlich machen? Wie erklärt man einer 2jährigen, warum man gerade das Haus nicht verlassen darf? Was macht die allgemeine verunsicherte Stimmung mit so einem kleinen Kind?

Berit, Greifswald
Die überall angepriesenen Online-Lernplattformen laufen nur noch in Schneckengeschwindigkeit oder brechen direkt unter der Last der Anfragen zusammen. Ich mache mir Gedanken darüber, was diese Wochen für Familien bedeuten, in denen die notwendigen Ressourcen für Heimunterricht nicht vorhanden sind.

Sonja, Köln
Ich denke an meinen Vater, der eigentlich schon lange in Rente sein müsste. Der Musiker ist. Der uns Kinder großgezogen hat und immer noch keine Mindestrente bekommt. Der jetzt keine Auftritte mehr hat. Der auch keinen privaten Unterricht als Musiklehrer mehr geben kann. Der kein Einkommen hat, der kein Einkommen hat, der kein Einkommen hat. Ich sehne mich für ihn und alle meine Lieben, die in ihren überteuerten Wohnungen sitzen und nicht wissen, wie sie diese in den nächsten Monaten bezahlen sollen, nach einem Grundeinkommen ohne Bedingungen. Als mein Vater vor drei Wochen ängstlich über die sich anbahnende Situation gegrübelt hat, habe ich gelacht und abgewunken. Jetzt schäme ich mich dafür.

Simon, Freiburg
Ich habe mich in den letzten Tagen oft über Fotos von Menschen aufgeregt, die in großen Gruppen im Freien herumstanden, über Berichte von Leuten, die zu Corona-Parties einluden oder über diejenigen, die jetzt noch feiern gehen. In mir hat das alles eine große Frustration und Wut ausgelöst, weil diese Haltung zum einen zeigt, dass viele nicht verstanden haben, was passiert, und weil sie tatsächlich gefährliche Folgen haben kann. Zum anderen befürchte ich, dass genau diese Haltung letztlich doch zu Ausgangssperren und ähnlichem führen könnte, die unter Umständen per se nicht nötig wären, wenn sich alle an die Empfehlungen halten würden und alleine oder als Familie oder als Paar spazieren gehen, Fahrradfahren oder Picknicken würden. Ich werde unruhig, wenn ich so etwas sehe, weil ich es nicht verstehe, dass man sich in solchen Situationen nicht an einfachste Grundregeln halten kann, die vielleicht unangenehm sind, die aber per se nur bedeuten auf ein Freizeitprivileg zu verzichten.

Johannes, Bonn
Jede Krise, die eine Gemeinschaft betrifft, bringt neue Tugenden und damit neue Laster hervor. Man macht einen Spaziergang (aber allein!) und sieht auf der Straße die fröhlichen Zusammenrottungen des Frühlingsanfangs plötzlich mit finstererem Blick. Krise bedeutet Verzicht, aber diese Krise fordert den Menschen nicht den Verzicht auf Materielles ab, sondern auf soziale Kontakte, genau das, was ja normalerweise in Krisenzeiten eingefordert wird. Eine moralgeschichtlich komplizierte und faszinierende Situation.

Andrea, Tübingen
Auf Twitter trendet kurz “Tag 1”. Als ob die Krise erst jetzt beginnen würde. Ich verstehe das, insofern erst jetzt die Schulen schließen, gleichzeitig ist es seltsam, weil es signalisiert, dass das Wochenende noch als ‘jetzt kann man nochmal alles machen’ von vielen wahrgenommen wurde. Im Verlauf des Tages wird das Maßnahmenpaket der Bundesregierung angekündigt, das ich gut finde. Pragmatisch, wichtige symbolische Wirkung: Keine Urlaubsreisen etc. Beschränkung auf das wirklich wichtige, hoffentlich geht das in die Köpfe! Nach der PK der Kanzler spricht endlich der Bundespräsident zur Corona-Krise: “Die Welt danach wird eine andere sein.” Hoffentlich gilt das auch zukünftig für die Frage, wie effizienzorientiert das Gesundheitswesen sein muss, denke ich. “Ich glaube an unsere Vernunft. Ich glaube an unsere Solidarität. Halten wir heute voneinander Abstand, damit wir uns morgen wieder umarmen können.” Gut.

Philip, Göttingen
Es fühlt sich unwirklich an. Für mich hat sich nicht viel geändert mit dem Lockdown. Es ist keine Vorlesungszeit und ich gehe auch nicht in die Bibliothek, weil ich die Arbeit an meiner Dissertation pausiert habe. Corona scheint online viel präsenter als im Analogen. Wie jeden Montag erledigen wir den Wocheneinkauf. Worüber wir bisher vor allen gewitzelt haben, ist jetzt wirklich. Das Nudelregal ist komplett leer und Toilettenpapier ist nur noch wenig da. Wir beschließen, doch keines mitzunehmen. Wir wollen bewusst nicht “hamstern”, aber ein bisschen lässt es sich doch nicht vermeiden. Wir nehmen hier eine Dose, dort ein Glas mehr mit als wir es unter normalen Bedingungen getan hätten. Nachmittags mache ich einen kurzen Spaziergang. Es ist richtig frühlingshaft, und statt der üblichen Leute mit Hund sind auch viele Familien und ältere Paare im Wald, der gleich hinterm Haus beginnt, unterwegs. Ich muss an einen Tweet denken, der von “Coronaferien” sprach. Aber wer wollte es den Leuten verdenken, die ersten schönen Tage zu genießen? Später telefoniere ich mit meinem Vater. Er arbeitet in Basel, lebt aber in Deutschland. Er erzählt mir, dass er nicht sicher war, ob man ihn nach der Arbeit wieder die Grenze überqueren lassen würde, und scheint sich spitzbübisch darüber zu freuen, dass es ihm gelungen ist. Wir reden darüber, dass wir die Situation nutzen, um es ein wenig langsamer angehen zu lassen. Ich freue mich, dass er jetzt kürzer tritt, denke aber daran, wie glücklich unsere Lage ist, dass wir so mit dieser Krise umgehen können.

Tilman, Hamburg
Eben war ich bei Giovanni, den Tisch für Samstag stornieren. “Haben schon ganz viele gemacht”, sagte Mirko traurig. 11 Personen hatte ich angemeldet. Meine Schwester heiratet im Mai und unsere Eltern und die Eltern ihre Freundes kennen sich noch nicht. Aus Nürnberg, Frankfurt, Münster und Bad Hersfeld sollte angereist werden. Als wir vor zwei Wochen das erste Mal darüber sprachen, ob das denn alles so stattfinden könnte, war meine Mutter bereits sehr skeptisch, mein Vater dagegen noch fest überzeugt, alles stelle kein Problem dar. Die Entscheidung abzusagen, fiel bereits letzte Woche, gestern war es aber mein Vater, der sehr vehement in der Familien-Whatsapp-Gruppe forderte, meine Chefs sollten von ihrem Hausrecht Gebrauch machen, falls Kollegen sich nicht freiwillig in häusliche Quarantäne begäben.

Matthias, Jena
Mir wird zum ersten Mal seit Tagen richtig mulmig, als ich mitbekomme, dass eine neue Stufe der Einschränkungen bekanntgegeben wurde. Ich muss an »When the Wind Blows« denken. Beim Abendessen schalte ich das Radio ein, ich will jetzt weder ein Feature über ein Massaker in Apartheid-Südafrika noch E-Musik hören, also schalte ich um auf MDR Thüringen Ost, und dort läuft »Some Broken Hearts Never Mend«, es macht direkt alles noch schlimmer, weil es so eine postapokalyptische Atmosphäre produziert. Woran liegt es, dass bestimmte Musik (z.B. älterer Country oder amerikanische Schlager aus dem 2. Weltkrieg) sich so sehr nach Autoradio nach dem Atomkrieg anhört und andere nicht? Es gibt da eine popkulturelle Überlieferungslinie, die den Abspann von »Doktor Seltsam« und den Vorspann von »Fallout« verbindet, aber da muss es doch noch mehr Datenpunkte geben.

(Danach übrigens Bobbie Gentry, »I’ll Never Fall in Love Again« mit den herzigen Versen: »What do you get when you kiss a girl? / You get enough germs to catch pneumonia«.)

17.3.2020

Nabard, Bonn
Die Straßenbahn ist ziemlich gefüllt. Es herrscht eine erstaunlich gespenstische Ruhe. Nicht aber weil die Schulkinder fehlen. In ein paar Minuten bin ich im Krankenhaus. Mein praktisches Jahr hab ich mir sicherlich anders vorgestellt, doch was soll’s. Hier hat gerade jemand gehustet und alle haben ihn mit einer Mischung aus Ekel, Panik und Verachtung angeschaut. Gleich in der Besprechung erfahren wir die neuesten Zahlen. Von befreundeten Ärzten aus Köln und Berlin höre ich, dass sie in ihren Krankenhäusern sich aufs schlimmste eingestellt haben. In einem teil-privatisierten Gesundheitswesen, was auf Gewinn aus ist, ein radikaler Schritt! Erst einmal Hände desinfizieren und dann den Kittel anziehen.

Magda, Berlin
Über ein Facebookupdate ihrer Tochter erfahre ich heute morgen, dass sich der Hirntumor meiner amerikanischen Gastmutter, bei der ich 2006 ein Schuljahr lang gelebt habe, nach über einem Jahr ohne Wachstum nun plötzlich verdoppelt hat, dass sie wieder mit der Chemo beginnen müsse, dass ihr Zustand sehr verschlechtert sei. An manchen Tagen könne sie sich wohl nicht einmal wirklich erinnern, wer sie selbst sei. Meine Gastfamilie lebt in Kalifornien, das inzwischen als Covid19-Risikogebiet gilt, sie haben wenig Geld, wie es um ihre Krankenversicherung gestellt ist, weiß ich nicht. Der Kontakt zwischen uns ist in den letzten Jahren über die gelegentliche Facebooknachricht ihrer Tochter hinaus sehr eingeschlafen, aber heute wird mir plötzlich klar, dass ich vermutlich keine Gelegenheit mehr bekommen werde, sie jemals wiederzusehen. Mit dem Ausnahmezustand hier in Deutschland irgendwie klarzukommen und gleichzeitig zu wissen, dass es überall auf der Welt gerade genauso schlimm aussieht, dass es anderswo auch kein von all dem unberührtes Idyll mehr gibt, bringt mich immer näher an meine mentalen Grenzen.

Sonja, Köln
Dem Social Media-Dinosaurier Facebook wird die Funktion kupiert. Wer Facebook noch als Veranstaltungsbörse nutzte, kann jetzt die veralteten Klopapier-Gags und die unzähligen Anfragen von Autor*innen, ihre Seite zu liken, endlich hinter sich lassen.

Bei Tinder und OkCupid alles beim Alten: Man matched, man schreibt, man trifft sich nie.

Andrea, Tübingen
Die gesundheitlichen Fragen beschäftigen mich am meisten. Aber auch wie es an den Unis weitergeht, diskutiere ich mit Lehrenden verschiedener Unis seit Tagen auf Twitter. Die Informationspolitik der Unis ist dabei sehr unterschiedlich, und das hat keineswegs nur mit verschiedenen Semesterstart-Zeiten zu tun. Manche berichten, dass sie schlicht aufgefordert werden, sich auf digitale Lehre einzustellen. Ohne dass gleichzeitig kommuniziert wird, wie das gehen soll. Online-Formate muss man extra konzipieren. Wer sich etwas mit digitaler Lehre auskennt, weiß, dass das viel Vorlauf braucht. Und da reden wir noch gar nicht über rechtliche Fragen, Netz-Kapazitäten etc.

Sonja, Köln
Von dem neuen Hashtag #stayhomechallenge wird mir erst schlecht und ich befürchte einen blinden Aktivismus, der unter Publikum propagiert wird, dann scroll ich ein bisschen durch und kichere ein bisschen rum

Heute Nacht die erste Panikattacke. Was, wenn der Lockdown wirklich kommt? Ich wohne allein, ich arbeite allein, ich kann allein sein, aber ich kann nicht eingesperrt sein. Wer schon mal weggesperrt wurde – ob ins Badezimmer, auf eine geschützte Station in einer Klinik oder ins Gefängnis – weiß, wie unvergleichbar beklemmend diese Situation ist. Nur dass man in einer Psychiatrie noch in Gesellschaft ist, wie fordernd die Mitpatient*innen, wie streng die Pfleger*innen auch sind, man kann jemanden zu sich rufen und in Kontakt treten, wenigstens einen Anflug von Berührung erleben. In der Quarantäne aber, wer will mich da mit einer Hand auf meinem Handgelenk, einer Schulter in meinem Rücken, einer Stirn an meinem Kopf beruhigen?

Das abendliche Twitterkonzert von Igor Levit gibt mir Halt, gibt mir eine Routine in der Ausnahmesituation, 19 Uhr ein Klavier. Gibt mir ein Gefühl von Gemeinschaft, spendet Nähe.

Ich telefoniere mit einem Freund, der in der gleichen Situation ist. Ein Musiker, der für die nächsten Wochen ohne Aufträge sein wird. Er ruft schon das vierte Mal an heute. Auch ihm klemmt der Brustkorb, rauschen die Ohren. Unsere Unruhe wuchert. Die antizipierte Einsperrung ist die Schlimmste. Wieso lässt man sich freiwillig in einen Container einsperren? Aber neugierig, wie die Bewohner*innen von Big Brother hier in Köln Ossendorf heute auf die Info reagieren, bin ich auch.

Andrea, Tübingen
Gegenüber anderen Menschen habe ich in dieser neuen Situation nicht wirklich etwas zu bewältigen. Ja, ich mache mir Sorgen um Verwandte, aber mein Alltagsleben ist gut zu managen. Eigentlich sollte es nicht viel anders sein als sonst in der vorlesungsfreien Zeit. Aber so fühle ich mich nicht. Das entspricht viel eher meinem Zustand:

Magda, Berlin
Ich mache mich bereit für meine heutige Spätschicht in der Buchhandlung. Heute werde ich die Strecke von ca. 2,5 km ausnahmsweise zu Fuß gehen (ich besitze kein Fahrrad, fahre sonst immer Tram). Die angekündigte Pressekonferenz des Berliner Senats wurde von 13 auf 14:30 Uhr verschoben, noch weiß also niemand, ab wann die vom Bund empfohlene Schließung aller nicht-essentiellen Läden hier in Berlin umgesetzt wird. Das heißt auch, dass keine*r aus dem Buchhandlungsteam weiß, ob wir morgen zur Schicht antreten müssen und wie es überhaupt jetzt weitergehen wird. Es fühlt sich komisch an, nach vier freien Tagen gleich im Laden stehen und mit Kundschaft interagieren zu müssen. Bei meiner letzten Schicht am Donnerstag war noch alles vergleichsweise “normal”, unser Café war noch in Betrieb, der Laden voll. Wie die Stimmung wohl heute Nachmittag sein wird? Ob überhaupt Leute kommen werden?

Beim kurzen Spaziergang im Park am Sonntag habe ich mich erst über die ganz ungerührt dicht an dicht sitzenden Menschenmassen geärgert. Dann kam mir der Gedanke, dass zum Glück inzwischen Pokémon Go schon wieder out ist, weil es sonst in den Berliner Parks noch viel schlimmer aussähe. Gotta catch ’em all!

Birte, Darmstadt
Mein Sohn und ich versuchen, einen Rhythmus des zuhause Seins, Arbeitens und Lernens zu finden. Ganz gegen Brecht haben wir einen Plan gemacht, vor allem, damit wir wissen, wann wir frei, gemeinsame Zeit haben oder allein sind. Seinen Vater wird er mehrere Wochen nicht sehen können, der lebt in der Schweiz. Wenn vieles ungewiss ist, hilft vielleicht ein Rhythmus, ein Plan. Wir wissen beide: wir müssen uns noch eingewöhnen.

Gerade sind wir über die Rosenhöhe spaziert, einem Darmstädter Park. Hier scheint die Sonne, die Magnolienbäume öffnen ihre Knospen. Alle gehen sorgsam miteinander um, alle vermeiden zu große Nähe, wenn sie anderen begegnen.

http://www.park-rosenhoehe.info

Ich musste an meinen Kollegen Jonathan Triffitt denken, der über die Entmonarchisierung Hessens, Württembergs und Bayerns nach 1918 promoviert, denn das Palais Rosenhöhe gehörte dem letzten regierenden Großherzog von Hessen-Darmstadt Ernst Ludwig. Überhaupt denke ich viel an Kolleg*innen, tausche mich mit ihnen aus, froh über die Zeit, die uns noch bleibt, die Lehre online vorzubereiten.

Hier ist Frühling.

Simon, Freiburg
Es ist sehr seltsam und anstrengend, die Diskrepanz zwischen Normalität und Ausnahmezustand aushalten und balancieren zu können. Während in meiner Region die Lage angespannter wird, schaue ich auf die Deutschlandkarte und sehe Städte und Regionen, die 3 vielleicht 5 Fälle haben – ganz Thüringen hat derzeit weniger als Freiburg, deutlich weniger. Manchmal schalte ich das Radio an und hoffe auf einen Beitrag, der nichts mit der aktuellen Situation zu tun hat und gleichzeitig fühlt es sich seltsam an, wenn dort wie heute morgen über die ersten freien Wahlen in der DDR vor 30 Jahren gesprochen wird. Ich werde mir in den nächsten Tagen und Wochen Momente freischaufeln müssen, in denen das Thema Covid19 keine Rolle spielt, in der sich alles normal anfühlt – und ich befürchte, dass sich es diese Momente nicht geben wird, weil sich diese Abwesenheit seltsam anfühlen wird.
Gerade bin ich durch meine Timeline auf Twitter gegangen, auf der Suche nach einem Tweet, der nichts mit der Situation zu tun hat. Ich musste lange scrollen.

Tilman, Hamburg
Ich habe noch nie Home Office gemacht. Das will erstmal eingerichtet werden. Also muss ich mit dem Mann von der IT telefonieren. Das ist ein externer Dienstleister und hin und wieder hat man zwar eine bekannte Stimme dran, aber so häufig hat man eigentlich keine Computer-Probleme, dass man sich da groß anfreunden würde. Nach der Schilderung meines Problems, (ich habe eigentlich zwei, denn ich habe meine Maus im Büro liegen lassen), schaltet er sich auf meinen Rechner auf. Während nun ferngesteuert der Cursor über meinen Bildschirm flitzt, schweigen wir uns an. Er schweigt so deutlich, dass ich ins Grübeln komme, was für ein IT-Hotline-Typ ich wäre, also auf Dienstleisterseite.

Kenne nicht so viele, aber für ein Magazin würde ich u. a. die folgenden nehmen:

  • manche brabbeln oder machen so Geschäftigkeitsgeräusche,
  • manche erklären dem Gegenüber, was sie tun,
  • manche schweigen.

Dann müsste ich mir noch welche ausdenken, damit dieser Typen-Test einen lustigen Spin bekommt und die Leute weiterlesen, vor allem damit sie die Auflösung lesen, hihi, bist Du auch der “XYZ-Typ” und dann unterhalten die Leser*innen sich darüber, was die Redaktion sicher für einen Heidenspaß hatte sich so einen Test auszudenken. Der Schweigetyp sagt jetzt, dass er zurückruft. Bestimmt einfacher sich zu konzentrieren, wenn der andere nicht in den Hörer schweigt.

Im Supermarkt bietet jemand an der Kasse einem anderen jemand Geld für zwei Rollen Klopapier. Das Angebot wird einfach überhört. Ein Edeka Mitarbeiter sagt dem Anbietendem, dass heute Nachmittag neues Klopapier kommt (wir kaufen Saft und vegane Burger und bisschen Obst und Gemüse; extra kein Klopapier und keine Nudeln).

Wir treffen Daniel und Judith. Judith hat ein Baby und sagt, dass das Zuhausebleiben einfach wie sehr langes Wochenbett sei. Das verstehe ich nicht richtig.

Charlotte, Bonn
Aufwachen. Die ersten 30 Sekunden sind immer die besten des Tages, weil ich solange brauche, um mich daran zu erinnern, was gerade los ist. Seit gestern bin ich im Home-Office. Das ist eine enorme Umstellung, bislang haben wir eng im Team gearbeitet. Jetzt gibt es zwar einen Chat, aber darin passiert nicht viel. Wir müssen erstmal unsere Abläufe einstellen. Und technische Probleme sind da auch, nicht gerade wenige. Mein Mann arbeitet noch im Büro, also sitze ich alleine im Home-Office. Es ist seltsam, dass der Arbeitsplatz jetzt direkt neben dem Schlafzimmer liegt. Ich lese regelmäßig twitter und merke, dass es nicht gut tut, ich es aber auch nicht lassen kann. Jede*r postet ständig Artikel wie es jetzt weitergehen könnte. Es entstehen Diskussionen über Fake-News, die heute keine Fake-News mehr sind. Alle regen sich auf, niemand weiß genaues. Das ständige Updaten tut mir nicht gut, gleichzeitig habe ich das Gefühl, ich könnte etwas “Wichtiges” verpassen. Aber was ist denn gerade “wichtig”? Gegen Mittag höre ich den neuesten Corona-Virus-Update-Podcast und wage mich hinaus. So ein paar Einkäufe will man dann ja doch erledigen. Auf dem Weg zum Supermarkt achte ich kleinlichst darauf, dass mir niemand zu nahe kommt, an der Ampel nähert sich mir dann trotzdem ein Mann, obwohl ich versuche ihm auszuweichen. Ich mache die

Social-Distancing-Playlist auf Spotify an, sehr eklektisch.

https://open.spotify.com/playlist/0uJbw1w5FtiC1RGcRlFpgv?si=eGxN3k8OTiu1ALv5SesIVw

Im Supermarkt ist eigentlich alles wie immer, auch wenn es hier das zu sehen gibt, was ich schon von Fotos auf twitter kenne: leere Regale bei gewissen Produkten. Aber alle versuchen möglichst nett zueinander zu sein. An der Supermarktkasse telefoniert eine Frau, es geht um Nachschreibetermine und das Schulministerium und ich versuche niemandem nahe zu kommen, aber die zwei Meter Abstand, die empfohlen werden, hält niemand ein. Auf dem Weg zurück ins Home-Office schreibe ich Freunden, aber der Ausnahmezustand ist nicht wirklich spürbar. Es sind allerdings weniger Menschen unterwegs und ich habe das Gefühl, die Sirene der Polizei nebenan geht in letzter Zeit öfters als sonst, aber vielleicht bin ich auch nur viel sensibler dafür geworden. Abends registriere ich mich für eine Studie der Ruhr-Universität Bochum, die herausfinden will, wie sich unser Erleben und Verhalten gerade über die Zeit verändert. Bislang planen sie mit vier Tagen, die die Studie dauern soll.

https://covid-19-psych.formr.org/

Anna, Berlin
Ich denke gerade sehr viel über Freiheit nach. Freiheit in all der Vielfalt, die dieses Wort beinhaltet. Unsere Freiheit ist mehr und mehr eingeschränkt, ist ja auch erstmal gut so, es ist wichtig, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, usw usf. Aber wie viel Freiheit wir plötzlich aufgeben. Es trifft mich. Es schnürt sich eng um meine Brust. Für wie lange wird das gehen? Wann dürfen wir wieder? Reisen, umarmen, Essen gehen, all diese kleinen Luxusmomente? Und Eltern, wann dürfen sie wieder etwas zusammen ohne die (kleinen) Kinder unternehmen? Ins Kino, Date Night, einfach raus? Sonst haben immer Oma und Opa aufgepasst, aber jetzt, tja, Risiko.

Wann wird die Freiheit wiederkommen? Und wie? Auf einen Schlag? Nach und nach? Werden wir sie uns erkämpfen müssen?

Viktor, Frankfurt
Seit Tagen Diskussionen über Freiheit und was die richtigen Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus’ sind.

Heute schrieb mir eine gute Freundin, (über 60 Jahre, DDR-Flüchtling), dass sie lieber am Virus sterbe als in einer Notstandsverordnungsgesellschaft zu leben.  Sie schrieb auch “Ich werde die Grundsätze der Aufklärung niemals aufgeben”. Mich beschäftigt das. Ich frage mich, ob die naturwissenschaftliche Aufklärung, also das Wissen über das Virus, nicht auch ein Teil der Aufklärung ist? Mediziner und Naturwissenschaftler können sagen – oder zum jetzigen Zeitpunkt wohl auch nur vermuten – was gegen das Virus hilft, aber die entsprechenden Maßnahmen umsetzen müssen dann Politiker:innen. Und hier steckt ein gesellschaftlicher Konflikt. Mein Nachbar ist selbstständiger Optiker, er hat drei Kinder, er weiß nicht, wie er die nächsten Monate überstehen soll …

Wütend machen mich Gerüchte und Verschwörungstheorien. Wütend macht mich auch, dass viele Menschen sich nicht informieren, Unsicherheit nicht aushalten können und dann ihre Unsicherheit mit einfachen, realitätsfernen Erklärungen beruhigen.

18.3.2020

Marie Isabel, Dunfermline
Mein Flug nach Deutschland wurde abgesagt. Das schon gebuchte Brahms-Konzert auch. Erstattungen erfolgen automatisch oder lassen sich leicht online vornehmen. Sogar die sonst nicht als mildtätig bekannte Deutsche Bahn macht einem Hoffnung … Die Welt ist wirklich aus den Fugen. Im hiesigen Supermarkt klaffen die gleichen Regallücken wie in Deutschland: kein Toilettenpapier (ich verstehe es immer noch nicht), wenig Tiefgefrorenes, null Spaghetti … An der Kasse meint ein Mann, in anderen Ländern seien leere Regale alltäglich, wir daran nur nicht gewöhnt. Ich nicke der Einfachheit halber. Es wäre zu umständlich, ihm zu erklären, wie beeindruckt ich Anfang 1990 war, als ich (DDR-Kind) zum ersten Mal in einen westdeutschen Supermarkt ging. Wann werde ich meine Familie wiedersehen? Ich sorge mich um sie. Sie sich um mich. Wie letztes Jahr um diese Zeit, als ich mitten in der Chemotherapie steckte. Im Nachhinein wirkt das wie ein Intensivvorbereitungskurs für die Pandemie: Menschenansammlungen meiden, ausreichenden Abstand von Hustenden halten, Hände gründlich waschen, im Zweifelsfall daheim bleiben, regelmäßig die Körpertemperatur messen, etc. Ich denke momentan viel an all jene, die sich jetzt in einer solchen oder ähnlichen Situation befinden, die besonders verletzlich sind … Als würde einem der Krebs nicht schon genug Angst machen. Ich hoffe, sie verbringen nicht allzu viel Zeit online oder vor dem Fernseher, wo es momentan eigentlich nur eine Nachricht zu geben scheint. Auf Twitter sehe ich, dass dank Little Miss Corona (wie eine Survivor aus meinem Bekanntenkreis Covid-19 nennt) der Sehnsuchtsort Venedig nun eine Geisterstadt ist – mit plötzlich wieder klarem Wasser in den Kanälen, bevölkert von Schwänen.

Ich kann das erleichterte Seufzen der Erde förmlich hören. Manche Zeitung schwelgt derweil in postapokalyptischen Szenarien, die uns in Folge der Pandemie bevorstehen könnten.

Es gibt Journalisten, die sollten vielleicht doch besser schlechte Literatur schreiben. Und es gibt Premierminister, die hätten lieber bei ihrem Zeitungsjob bleiben sollen. Dann würde so jemand wie Boris Johnson nicht in diesem Amt verkünden, dass aufgrund des neuen Virus „noch viel mehr Familien geliebte Menschen zu früh verlieren werden“. Ein Satz, der in meinem Kopf wider- und widerhallt, wie in einer Echokammer.

Nabard, Bonn
Studientage dienen dem Eigenstudium und sollen von Studierenden genutzt werden, praktisch erlerntes theoretisch zu festigen. So viel zur Theorie. Ich nutze die Zeit um einen Zahnarzttermin wahrzunehmen. Die Straßenbahn fährt jetzt nach einem gesonderten Fahrplan. Hätte man mir gerne früher sagen sollen aber sei’s drum. Bin eh zu spät. Heute kam eine email, dass sollte es zu einer Ausgangssperre komme wir von unserem Krankenhaus eine Bescheinigung erhalten auch außerhalb der Sperrzeiten rausgehen zu dürfen. Zu meiner linken fließt der Rhein, ganz ruhig und wir überqueren die Konrad Adenauer Brücke. Ich selbst bin aufgewühlt und habe eine innere Unruhe. In den Nachrichten taucht jetzt vermehrt Professor Streeck auf, Virologe aus Bonn. Irgendwie entwickeln wir gerade eine Obsession zu Virologen. Problem ist nur, sie alle sind keine Kliniker. Was soll’s.

Die ganze Zeit begleiten mich Jay Electronica und Jay Z. Die passende Musik für so einen morgen.

Viktor, Frankfurt
Immer wieder fasziniert, wie schnell in Krisen oder Stresssituationen Humor eine besondere Rolle im Alltag einnimmt. Menschen posten Bilder, wie sie in der Dusche – angekleidet, Kopfhörer im Ohr – wie in einer Straßenbahn stehen; Menschen witzeln über strikte Struktur für den besonderen Alltag, tragen in den Kalender ein “evtl. duschen” ein

Andere verzweifeln, weil sie als Ärzte zerrissen sind zwischen Fürsorge für die Familie und gesellschaftlicher Aufgabe

Berit, Greifswald
Von einem besorgten älteren Verwandten aus Island bekommen wir auf Facebook ein Video mit einem “todsicheren Trick” um Corona-Viren zu bekämpfen. Ich schaue es mir komplett an. Es dauert mehrere Minuten und ist erstaunlich professionell produziert. Gegen hitzeempfindliche Viren soll es angeblich helfen, sich mit dem heißen Fön ins Gesicht zu blasen und die Viren so zu töten. Dazwischen soll man sich mit der Pflanzenspritze Wasser ins Gesicht spritzen, damit die Haut nicht geschädigt wird. Ich muss lachen, bei der Vorstellung, dass sich gerade viele Menschen mit dem Fön selbst behandeln. Angst geht seltsame Bahnen und wir sind wahrscheinlich alle gerade empfänglich für falsche Informationen und dumme Tipps. Es gibt einem das Gefühl etwas Handlungsmacht zu haben. Wir schreiben freundlich zurück, dass dieses Video nicht wissenschaftsbasiert ist. Vielleicht haben wir die virale Ausbreitung dieses Videos so zumindest an einem Zweig gestoppt.

Birte, Darmstadt
Heute auf dem Markt die Choreographie des neuen Körperregimes. Lange Abstandschlangen im Sonnenschein, die sich langsam und aneinander vorbei bewegen. Schlecht damit zurecht zu kommen scheinen mir all jene, die auch sonst nicht darüber nachdenken, wo ihr Körper anfängt und wo er endet.

Das erste Mal seit mein Sohn sehr klein war, sind wir mindestens fünf Wochen zusammen, keiner muss wegfahren oder morgens zur Schule. Noch ist das Homeoffice ein ohnehin eingeübter Zustand, noch macht er nicht mürbe, noch haben wir Phantasien, wie wir uns schöne Momente schaffen. Unsere Wohnung ermöglicht Alleinsein, draußen auf dem Balkon zu sitzen. Luxus, den wir jetzt deutlicher sehen.

Ich frage mich, ob ich ungeduldiger bin, mit schlecht komponierten Texten, wie dem zu Freiheitseinschränkungen in der Süddeutschen, mit den Appell-Tweets, die jetzt meinen oder schon immer meinten zu wissen, was das richtige ist. Früher haben sie mich gelangweilt, jetzt finde ich sie kaum erträglich.

Sorge bereitet mir die Situation in Großbritannien. Norbert Kraas aka @reclamekaspar hat dazu heute morgen einen so bitteren wie guten Text der Schriftstellerin A. L. Kennedy verschickt.

Mein vor drei Tagen aus Österreich zurückgekehrter Nachbar läuft an meinem Balkon vorbei. Da sitze ich beim Arbeiten und komme mir vor wie Frederick aus dem Kinderbuch von Leo Lionni. Den Plan haben wir für heute ausgesetzt.

Berit, Greifswald
Island ist sehr stark von den Unmengen an Tourist*innen abhängig, die entscheidend daran beteiligt waren, dass das Land die Wirtschaftskrise von 2008 relativ gut überstanden hat. Der Wegfall dieser Touristen in Zeiten von Corona wird Island sehr hart treffen, die Folgen sind noch nicht absehbar. Die notorisch instabile isländische Krone ist bereits um 15% gefallen – das Gehalt meines Mannes, der für eine isländische Universität arbeitet, ist somit von einem Tag auf den anderen um 15% gesunken. Wir hoffen, dass es nicht noch mehr wird. Viele meiner Lesungen und Veranstaltungen sind ausgefallen oder abgesagt, mittlerweile fehlen Honorare im vierstelligen Bereich. Zumindest bleibt meine halbe Stelle an der Universität uns als Quelle eines stabilen Einkommens noch bis ins Frühjahr 2021 erhalten.

Simon, Freiburg
Mich irritieren im Moment Zahlen. Einerseits suche ich sie, weil das handfeste Anker für Entwicklungen im Chaos sind, andererseits verunsichern sie mich; und vor allem verwirren sie mich. Der Spiegel Online veröffentlicht einen Artikel mit Fallzahlen vom 14. März, ich werde wütend, weil ich diese Zahlen seit vier Tagen kenne, was soll mir das bringen? Die Johns Hopkins University veröffentlicht permanent deutlich höhere Zahlen als das Robert-Koch-Institut, gleichzeitig beobachte ich die Fallzahlen in meiner näheren Umgebung und dort, wo Familie und Freund*innen leben. Und bei all dem weiß ich, dass das sowieso nur identifizierte Fälle sind und dass Schätzungen davon ausgehen, dass ⅓ der Infizierten symptomlos bleibt. Eine Studie spricht von 7-10x so vielen Infizierten wie die offiziellen Zahlen anzeigen. Hier, schon wieder, Zahlen. Dann höre ich wie Christian Drosten Prozentzahlen einer britischen Schätzstudie zitiert, die er bei aller Vorsicht, die er deutlich ausdrückt, für relevant hält. Die Prozentzahlen klingen beruhigend, Krankenhausaufenthalte nur bei sehr niedrigen Prozentzahlen überhaupt nötig, intensivmedizinische Betreuung bei noch weniger, ich fahre innerlich herunter – dann nennt er die Studie alarmierend. Ich bin verwirrt, auch wenn ich verstehe, dass Prozentzahlen und und tatsächliche Zahlen in der Realität etwas anderes sind. Manchmal wünschte ich mir, ich hätte einen Tick weniger Informationen.

Slata, München
In aufgeregten Diskussionen bei facebook, etwa unter Beschlüssen des OB, Polizeiberichten, Rathausinformationen, finden sich ältere Frauen, die sich über Kinder auf Spielplätzen, Jugendliche in Parks beschweren, die zuständigen Ämter darauf aufmerksam machen wollen. Die stecken doch einander an, verbreiten es weiter, sie spielen, als ob da nichts wäre, wo sind ihre Eltern eigentlich, sind Eltern nicht für ihre Kinder verantwortlich.

Svenja, Köln
Schreibt man Grußformeln? Hallo! Bei uns hat das Semester bereits angefangen (Niedersachsen, formerly Fachhochschule). Weil ich in dieser Woche auf einer Spring Academy in Portugal sein sollte, fielen die Seminare geplant aus bzw. die Studierenden waren mit Essay- und Rechercheaufgaben versorgt. Jetzt versuche ich eine Onlinelehre zu planen; das textlastigere Fan-Seminar mit älteren Studierenden lässt sich gut mit Skype oder Zoom durchführen, Text-Diskussionen werden als Chats durchgeführt, wir haben keine social-reading-Plattform und ich greife mit schlechtem Gewissen auf googledrive und die integrierte App Kami zurück: PDFs können geteilt und dann gemeinsam gelesen und kommentiert werden. Schenke ich google dafür alle meine Daten? Vermutlich. Ironie: Herhalten müssen zunächst Adornos Gedanken zu leichter Musik. Sorgen mache ich mir um jüngere und fremdsprachigere Studierende: Ist diese Form des Unterrichts überfordernd?

Dann versuche ich einen Leitfaden zur Onlinelehre zu formulieren: Richtet einen Arbeitsplatz ein (Laptop, Kopfhörer, Papier+Stift). Informiert Eure Mitbewohner:innen über die Seminarzeit. Wenn es geht: Schließt die Zimmertür. Ladet das Material vorher runter. Bereitet Euch vor. Seid weiterhin pünktlich. Strukturen helfen uns allen. Verlasst Euch bei Gruppenaufgaben aufeinander und seid verlässlich. Aber auch: Niemand erwartet, dass das das beste Semester Eures Lebens wird.

Slata, München
Da kommt das Ökonomische ins Spiel, hätten wir, ja wären wir, stell dir vor, wir, jeder in seinem Arbeitszimmer, das Kind in seinem Spielzimmer irgendwo im zweiten Stock, in einem großen, hellen, gut eingerichteten, in so einem Zimmer könnte man Monate verbringen, ohne irgendwas zu vermissen, alles nach Bedürfnis und Geschmack und es hat einfach Stil, mit viel Luft unter hohen Decken, und abends essen wir gemeinsam auf der Veranda, so guter stabiler Holztisch, passendes Geschirr, hübsche Servietten, so ikeamäßig, alle lächeln und genießen und haben sich total gern, egal, wie lange die Quarantäne noch dauern sollte, wir zufrieden mit allem, was wir in unseren Arbeitszimmern geschafft haben den Tag lang, das Kind total happy, endlich ein paar Wochen allein Lego zu spielen, in seinem Zimmer mit Stil, dann räumen wir zusammen vom Tisch ab, denn wir machen so gerne alles zusammen.

Andrea, Tübingen
So langsam spiegelt sich die neue Situation auch in neuen Formaten wie hier etwa in “Die Zeit”:

Als ich das gesehen habe, habe ich spontan gedacht (& dann auch geantwortet), dass für mich die größte Umstellung in der Lehre liegen wird, nicht im wissenschaftlichen Arbeiten. Bei Letzterem sehe ich einfach Hürden, wenn die Bibliotheken zu sind. Da können wir Wissenschaftler*innen uns gegenseitig ein wenig aushelfen, aber vieles wird nicht greifbar sein. In der Lehre hat sich das bei mir aber auch entwickelt: Nach einer aktivistischen Phase, was die Umstellung auf online-Lehre betrifft, bin ich jetzt wieder stärker im Lese-Vorbereitungsmodus. Ich habe viele Links abgespeichert und kann mir das alles noch rechtzeitig in den nächsten Wochen ansehen und anlernen, falls am 20.4. tatsächlich unser Semester mit online-Teaching gestartet werden soll, aber eigentlich warte ich jetzt erstmal auf weitere Informationen für uns Lehrende. Relaxter bin ich vor allem, seit ich mir klar gemacht habe, dass es eben nicht darum gehen kann, Präsenzlehre vollständig durch tools in online-Lehre umzusetzen, sondern auch darum andere Formate zu finden. Und da habe ich Ideen & denke am Material entlang, mit dem ich mich gerade beschäftige. Gleichzeitig bin ich weiterhin über den ganzen Tag immer wieder auf Twitter. Ich verstehe, wen das eher nervös macht. Mir tut es gut. Zu sehen, dass es ähnliche Schwierigkeiten gibt im Umfeld, aber auch, um Neuigkeiten zu erfahren und zu teilen – z.B. heute eine Petition für den Schutz und die Unterstützung von Pflegekräften auf change.org. Vor allem aber bin ich dort vernetzt und bekomme neben Infos auch emotionalen Halt.

Marie Isabel, Dunfermline
Meine Schwiegermutter teilt mit mir per WhatsApp ihre Begeisterung über den irischen Premier Varadkar. Dessen gestrige Rede zur derzeitigen Situation machte auch auf Twitter die Runde. Mit Blick darauf, dass ältere und chronisch kranke Menschen in naher Zukunft gebeten werden sollen, daheim zu bleiben, sprach er nicht von Selbstisolation – was technokratisch klingt, kalt, einsam – sondern von cocooning, was man als Rückzug an einen sicheren Ort übersetzen könnte, aber auch anders verstehen: als ein wärmendes Sich-Einspinnen, ein Verpuppen. Ich schwanke zwischen Grusel und Wohlgefallen. Meine Schwiegermutter jedenfalls verabschiedet sich wohlgestimmt und beruhigter mit Grüßen aus ihrem ‘Kokon’. Was Worte doch für einen Unterschied machen. Von ‘Superhelden’ sprach Varadkar ebenfalls und meinte damit jene, die die medizinische Versorgung der Bevölkerung stemmen. Überhaupt war diese Rede so ganz anders als die Äußerungen ‘führender’ Politiker wie Johnson, Trump, Macron: ehrlich und ohne den Ernst der Lage herunterzuspielen, aber gleichzeitig voller Zuversicht und Dankbarkeit angesichts dessen, was die Menschen bereits leisten. Gegen übertriebene Angst und für ein weltweites, solidarisches Miteinander. Letzteres sieht der britische Außenminister, Dominic Raab, übrigens als besten Ansporn, die Brexitverhandlungen ohne Verzögerung Ende 2020 abzuschließen. Ist das Wahnsinn oder hat es Methode? Gerade meldet die BBC mittlerweile 104 Tote in Großbritannien.

https://www.irishtimes.com/news/ireland/irish-news/coronavirus-many-of-you-are-feeling-scared-full-text-of-varadkar-speech-1.4205405

https://www.independent.co.uk/news/uk/politics/coronavirus-brexit-dominic-raab-uk-cuba-foreign-secretary-a9406736.html

Svenja, Köln
Ich bin irritiert davon, wie schnell ich diesen Status als neue Lebensrealität akzeptiere. Schon jetzt schaue ich Serien und denke automatisch: Warum treffen die sich diese Figuren? Warum sind sie gemeinsam auf der Straße unterwegs? Hat da jemand geniest?

Ein befreundeter Wissenschaftler schreibt, dass sich sein Alltag nicht besonders verändert hat – vielleicht liegt es daran, vielleicht sitzen wir (Single, kinderlos, promovierend) sowieso ständig alleine daheim. Ich teile das Zimmer, in dem ich wohne, arbeite, koche und schlafe nur mit ein paar Kompostwürmern, die meinen Biomüll zu wertvollem Pflanzendünger verarbeiten. Die meisten Menschen halten Würmer für unrein, meine leben in einem sehr eleganten Tongefäß. Gestern mischte ich ihnen – vielleicht als Soulfood gegen die Krise – viele Sellerieblätter unter die Erde. Meine eigenen Hummusvorräte neigen sich dem Ende.

Magda, Berlin
Der Berliner Senat hat beschlossen, dass neben Lebensmittelgeschäften, Apotheken, Baumärkten und zahlreichen anderen Ausnahmen auch Buchhandlungen systemrelevant sind und daher geöffnet bleiben dürfen. Aus der Chefetage kommt daher die Anordnung, dass auch wir vorerst offen bleiben. Im Team vor Ort stößt das auf wenig Begeisterung, die meisten mit uns kommen mit einem flauen Gefühl im Magen zu ihrer Schicht. Die meisten Kund*innen sind freundlich und freuen sich, dass wir noch auf sind, aber längst nicht alle halten sich an die empfohlenen Sicherheitsabstände und ALLE FASSEN SICH STÄNDIG INS GESICHT.

Auch oder vielleicht gerade weil ich bis auf weiteres meine Schichten im Einzelhandel ganz normal absolvieren muss, bin ich dauerhaft angespannt, kann mich zuhause auf nichts konzentrieren, habe ständig Kopfweh und Nackenschmerzen. Twitter ist mein Outlet für all den Frust, ich neige momentan deutlich mehr zum Oversharing als sonst.

Jan, Hannover
Seit einigen Tagen sind die Straßen so menschenleer wie auf den Captcha-Bildern. I am not a robot. Mein kleiner Hund (bekannt unter dem Namen Kleiner Hund) zieht auf dem Bürgersteig fröhlich nach vorne. Dreimal am Tag muss er raus, morgens und abends jeweils kurz, nachmittags lang, bei jedem Wetter, bei jeder Krankheit. Daran ändert auch Corona nichts. Wie Flugzeuge, die in Warteschleife über dem Flughafen kreisen, drehen wir Hundeleute also unsere Runden durch die einschlägigen Parks, stapfen die angelegten Wege entlang und halten respektvoll Sicherheitsabstand voneinander. Wo man früher kurz zusammengestanden und geplauscht hätte, winkt man sich nun von ferne zu. Die Hunde wollen sich beschnüffeln, miteinander herumtollen oder sich zurechtweisen, sie verstehen Social Distancing nicht. Manchmal tritt dann doch ein dazugehöriges Herrchen oder Frauchen zu einem, allem Abstandhalten zum Trotz. Das sind die, die Dir ungefragt erzählen wollen, wie übertrieben alles sei. Auch die Menschen verstehen Social Distancing manchmal nicht. Aber es hilft ja alles nichts, die Tiere müssen raus, sie müssen bewegt und geleert werden, sonst werden sie rammdösig oder kommen auf schlechte Ideen. Sollte es zu einer Ausgangssperre kommen, wird es hoffentlich geeignete Regelungen für Hund-Mensch-Gespanne geben, denn beim Fußball wie in der Hundehaltung gilt: You’ll never walk alone.

Viktor, Frankfurt
Spannend zu sehen, wie jeder einzelne Mensch in meinem Umfeld die Corona-Krise vor allem durch die eigene Prägung wahrnimmt und das in Diskussionen nie eine Rolle spielt. (Gilt auch für mich, hier schreibe ich das aber mal auf.) Persönliche Erfahrungen mit Krisen lassen diese Situation ganz unterschiedlich wahrnehmen. Ich höre sehr oft “Ich glaube, dass …” in den Gesprächen über Corona. Aber was nützt jetzt, etwas zu glauben?

Zugleich ist es auch möglich, sich auf einen Punkt zu einigen: Viele Menschen halten Unsicherheit/Ungewissheit nicht aus und sehnen sich nach einfachen, vielleicht realitätsfernen, aber vorstellbaren Antworten und Erklärungen für das, was da passiert.

Tilman, Hamburg
Das gibt es also wirklich, nicht nur in der Zeitung oder auf Twitter. Gestern hatte mir jemand per Whatapp geschrieben, seine Schwester habe von einer Freundin, die es wiederum von jemandem aus dem “Poltikbetrieb” in Berlin habe, gehört es soll Ausgangssperren geben. Morgens hört man dann, dass abends die Kanzlerin eine Fernsehansprache gibt. “Passt ja alles!!”, denkt man da und am Ende passt es doch nicht.

Soziale Distanz – Ein Tagebuch (1)

In diesem kollektiven Tagebuch wollen wir sammeln, wie der grassierende Virus unser Leben, Vorstellungen von Gesellschaft, politische Debatten und die Sprache selbst verändert. Dazu werden wir kleine Gedankenmiszellen sammeln und versuchen Tweets, die uns signifikant vorkommen oder bestimmte Entwicklungen besonders gut oder interessant zusammenfassen, zu sammeln und zu kommentieren. Der flüchtige und schnelle Diskurs in den sozialen Medien bildet einerseits gesellschaftliche Dynamiken rasch und intensiv ab, andererseits stellt er ein gravierendes archivarisches Problem dar, weil sich die Verläufe kaum nachträglich abbilden lassen. Deswegen soll hier der Versuch unternommen werden, diese Eindrücke (mit Verlinkungen zu eigenen und fremden Tweets) zu sammeln – soziale Distanz und sozialmediale Nähe. Eine Zusammenfassung wird wöchentlich auf 54Books erscheinen.

Woche 1: 9. März bis 15. März

11.3.2020

Berit, Greifswald
Wie bringt man geliebten älteren Menschen bei, dass sie sich von Menschenmengen und Veranstaltungen fernhalten sollen? Das Thema Autonomie versus Sorge treibt nicht nur in den sozialen Medien viele Menschen um. Ich rufe mehrfach bei meinen Eltern an und bitte sie unnötige Termine abzusagen. Es ist eine interessante Umkehrung der Verhältnisse plötzlich das besorgte Kind zu sein, dass auf die Eltern einredet und um Vorsicht bittet. Mit diesem Gefühl scheine ich nicht allein zu sein und das hilft mir. Wir rufen auch unsere isländische Familie an. Mein Schwiegervater ist Taxifahrer, wir sorgen uns um ihn, der bei seiner Arbeit mit vielen weitgereisten Menschen in Kontakt kommt. Er hat beschlossen sich für eine Weile aus dem aktiven Geschäft zurückzuziehen, doch wie soll er dann den neuen Wagen bezahlen, den er gerade erst angeschafft hat?

12.3.2010

Johannes, Bonn 
Es ist folgerichtig, dass auch diese Krise nicht auskommt, ohne rätselhafte Erotisierungen. Fast scheint es eine anthropologische Grundkonstante zu sein, dass man mit Teilaspekten einer Bedrohlichen Situation seinen sexy Schabernack treibt. Und so musste und muss der gerade beruhigend allgegenwärtige Virologe Christian Drosten (oder wie das Netz ihn geiernd nennt Prof. Dr. Christian Drosten) für allerlei Projektionen und halb ironische Schelmereien herhalten. Eros und Thanatos liegen eben doch eng beisammen.

(Nachtrag 14.3.2020) Aber ach, auch dieser harmlose Spaß bleibt nicht harmlos. Sachte Kritik an diesem leicht ins Personenkultige abgleitenden Spiel wurde sofort mit einer Flut von empörten schnappatmenden Kommentaren überschüttet.

13.3.2020

Elisa, Berlin
hab ausser 1 pkg klopapier noch nichts eingekauft, gehöre zu diesen maximalüberforderten.
aber verstehe ich richtig: geschäfte (jdf supermärkte) bleiben geöffnet, die müllabfuhr kommt weiterhin + die briefe der inkasso-unternehmen erreichten mich auch noch im entlegensten lazarett?
ok den hafer flat triple shot muss ich mir bis auf weiteres wohl selbst zubereiten. aber jetzt ist eben der punkt erreicht für maßnahmen die weh tun

Johannes, Bonn
Selten so viel über Klopapier gelesen und damit zwangsläufig auch nachgedacht. Es funktioniert wahrscheinlich so. Die meisten Menschen haben gar nicht geplant, eine Menge Klopapier zu hamstern (auch ein Wort, das später, wenn alles vorbei ist, als parodistischer/nostalgischer Nachklang an unserer Sprache kleben bleiben wird), aber wenn man hört, das Klopapier wird knapp, gerät man in Panik, und beginnt selber zu hamstern. Gleichzeitig auch Kaufscham, Panik vor der Panik. Inzwischen werden leere Regale zur ikonischen Trophäe auf Social Media. So entstehen Bilder der Zeit, durch visuelle Verdichtung des immer gleichen Bildwitzes. Schaut mal, bei mir im Rewe gibt es auch kein Barilla mehr. Gleichzeitig regen sich aber auch kritische Stimmen, die auf die Multiplikatorfunktion dieser Bilder verweisen.

14.3.2020

Berit, Greifswald
In den sozialen Medien sprechen alle über Toilettenpapier. Nudeln und Klopapier scheinen zu wichtigen Objekten zu werden, anhand derer sich einerseits die Sorge hamsternder Menschen ausdrückt und andererseits der Spott darüber. Die Tweets sind so zahlreich, dass es zu Ermüdungserscheinungen kommt. Mit den angekündigten Schulschließungen bereiten sich Eltern darauf vor wochenlang ihre Kinder zu Hause zu betreuen und dabei schwirren die absurdesten Ideen und Lösungsvorschläge umher. Wir überlegen, wie wir die nächsten Wochen mit drei Kindern ohne Betreuung durch Schule und Kita zu gestalten. Alle  Kinder haben einen Atemwegsinfekt mit leichtem Fieber, sie erkranken nacheinander. Bei jedem Husten der Gedanke an den Virus, vielleicht haben wir ihn schon? Ich bin froh, dass ich vor zwei Wochen bereits unsere Fiebersaftvorräte aufgestockt habe.

Sonja, Köln
Eine Sprachnachricht auf Whatsapp geht rum. Eine Nachricht von der “Mama vom Poldi”:
„Hallo, liebe Isabella, hier ist die Elisabeth, die Mama vom Poldi. Ich wollte dir nur kurz eine Information zukommen lassen, bei der ich dich auch bitten würden, dass du sie weiterverteilst, weitergibst und auch bittest sie weiterzugeben. Ne Freundin von mir ist an der Uniklinik in Wien, die hat mich heute angerufen und die hab’n halt mal so’n bisschen Forschung betrieben, warum in Italien so viele so heftige Coronafälle aufgetreten sind…“

Jemand schreibt in die Whatsappgruppe:
“In Wien wurde herausgefunden aber nicht offiziell das Ibuprofen corona begünstigt.  Also lieber Paracetamol nehmen wenn jemand Schmerzen derzeit hat.”

In der gleichen Whatsappgruppe wird uns von jemand anderem ein wenig später kommentarlos der “Coronacodex”, eine Aufforderung zur “Selbstverpflichtung während der Covid-19-Epidemie”, weitergeleitet:

https://medium.com/@holger.heinze_81247/coronacodex-meine-selbstverpflichtung-während-der-covid-19-epidemie-f6eecf35a174

Eine Frau aus der Gruppe schreibt darunter: “Sorry aber das ist nicht meine Welt… :)”

Tilman, Hamburg
Man soll ja unbedingt vor die Tür. Als wir auf Daniel warten, laufen an uns zwei Männer vorbei, die heftig streiten. Ich vermute, sie sind aus einer Kneipe geflogen, dabei ist es bereits 11 Uhr. Der eine redet auf den anderen ein, das würde nie wieder passieren. Ständig würde er das versprechen, entgegnet er, und dann würde es doch wieder passieren.
Mit Daniel gehen wir in diesen neuen Kaffeeladen am Grünen Jäger, der gar nicht mehr so neu ist und dort, wo früher der Blumenladen war von der unfreundlichen Frau, die angeblich früher mal Prostituierte war. Dort läuft Metal. Niemand ist im Laden. Wir nehmen zwei Cappucino mit Hafermilch, Daniel möchte einen Kakao. Dann laufen wir Richtung Planten un Blomen. Metal in einem Coffee Shop ist auch wirklich die unwirtlichste Musik. Irgendwie wäre ich deswegen gerne geblieben.

Matthias, Jena
Es ist vermutlich Zufall, aber ich werde gerade mit Korrekturaufträgen überschüttet und alles andere, was ich so beruflich mache, läuft auch weiter. Ich arbeite ohnehin seit 2017 fast nur zuhause, es sind Semesterferien (und als Lehrbeauftragter betrifft das ja auch nur zwei Stunden die Woche), von Februar bis zur vorletzten Aprilwoche habe ich nur einen einzigen bezahlten Termin verloren, wir haben keine Kinder. Mir kommt es fast unwirklich vor, da um mich herum das Leben mehr oder minder aller auf den Kopf gestellt wird, sich aber für mich nichts ändert, außer, dass meine Frau jetzt auch zuhause arbeitet. Ich habe richtig viel zu tun und am Mittwoch eine Deadline. Wie merkwürdig, dass das bleibt, mitten im Ausnahmezustand.
Soziale Medien machen mir mehr zu schaffen als sonst schon. Ich komme nicht gut damit klar, wie einfach und radikal die Situation für einige zu bewerten ist und wie egal Tatsachen sind. Es ist, als wäre sich das halbe Internet einig, dass Deutschland ein völlig rappeliges, »kaputtgespartes« Gesundheitssystem hat, was keine Kennzahl im geringsten hergibt, dass irgendwie »der Neoliberalismus« schuld an allem ist und jetzt die natürliche Chance ist, den herbeigesehnten Sozialismus einzuführen, und wie schon mein ganzes erwachsenes Leben denke ich auch jetzt, dass diese Leute doch sicher irgendetwas besser verstanden haben müssen als ich, dass sie irgendwie Recht haben müssen und ich nur zu dumm bin, während sich gleichzeitig irgendetwas in mir auflehnt und ich mit ihnen diskutieren will. Ich hatte einmal einen linksradikalen Mitbewohner, der zu einer der letzten Grippewellen meinte, die Bundesregierung hätte lieber ein paar zehntausend Tote riskieren als sich von der Pharmaindustrie erpressen lassen sollen, Tamiflu und Impfstoffe zu bunkern. Immerhin höre ich diesmal nichts in die Richtung.

15.3.2020

Berit, Greifswald
Der Corona-Virus verbreitet sich in Europa und mittlerweile befinden sich immer mehr Menschen in selbst verordneter Distanz, Schulen und öffentliche Einrichtungen sind ab Montag geschlossen, Krankenhäuser bereiten sich auf den Ansturm vor. Im Internet und auch in Interviews werden plötzlich Dinge denk- und sagbar: Macron hinterfragt den Neoliberalismus, es wird von Verstaatlichung gesprochen, gräßlicherweise wird Eugenik wieder ein Thema. In Italien singen die Menschen im Lockdown von den Balkonen, was zu Rührung und Witzeleien einlädt.

Andrea, Tübingen 
Die Formulierung die Lage sei “dynamisch” höre ich schon eine Weile, nun wird sie greifbar: Durch die neuen Maßnahmen, die die Bundesländer ergreifen, vor allem die Schulschließungen, aber auch die vielen Absagen von Veranstaltungen, neue Regelungen für Kneipen etc. Es sind bestimmte Massenveranstaltungen, die man im Nachhinein als besonders kritisch erkennen kann, dazu gehört auch der Fasching, den man wegen Hanau sowieso hätte absagen müssen! Auf Twitter werden Bilder von Menschenmassen geteilt, die so tun, als wäre erst ab Montag Krise, und es gibt Menschen, die offenbar einfach jede Regelung als Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit ansehen. Dabei geht es um unsere Verantwortung.

Photo by Cassie Boca on Unsplash

Der moralpöbelnde Mob der stalinistischen Reichsfilmkammer – Pressespiegel zur Debatte um Woody Allens Memoiren

Vor einer Woche veröffentlichten die taz und 54Books einen offenen Brief, in dem eine Gruppe von Autor*innen des Rowohlt Verlages forderte, die Veröffentlichung der Memoiren Woody Allens zu überdenken. So wie das Hachette bereits getan hatte. Allen wird vorgeworfen, seine Adoptivtocher Dylan Farrow missbraucht zu haben. Im Anschluss an diesen offenen Brief erhob sich in den sozialen Medien ein Sturm der Entrüstung gegen den offenen Brief und seine Anliegen. Die Rede war unter anderem von Guillotine, Reichsschrifttumskammer, Stasi, Pranger und Mob, Hexenjäger, Stalinismus und immer wieder Bücherverbrennung. Nun ist bekannt, dass im Internet die rhetorischen Exzesse übertriebener Vorwürfe und unangemessener historischer Analogien leider keine Seltenheit sind. Gott sei Dank sind unsere etablierten Medien und Medienschaffenden an einer zivilisierten Debattenkultur interessiert. Hier ein kurzer Pressespiegel.

“Deswegen ist es an der Zeit, dem, man muss es einmal so sagen, denn der Schaden, den er anrichtet, wird immer größer: dem Moralpöbel das Maul zu stopfen. ‘Moralpöbel’ ist hier zu verstehen als Sammelbegriff für all jene, die sich etwas anmaßen, was ausschließlich Sache der Justiz ist: über die Schuld und Strafwürdigkeit eines anderen Menschen zu urteilen und dieses Urteil auch noch in der Öffentlichkeit herumzuposten und zupesten. (Edo Reents, FAZ)

“Man hat das Gefühl, ein Mob rottet sich gerade zusammen, der neues Fleisch sucht, neue Beute.”  (Eva C. Schweitzer im Cicero)

“Denn durch diesen offenen Brief weht der Geist einer Bürgerwehr, einer legalen zwar, weil sie keine Gewalt anwendet, aber einer durchaus gefährlichen.” (Tobias Wenzel im DLF)

“Deutsche Schriftsteller, die niemand kennt, protestieren gegen den grossen Woody Allen. Präventive Bücherverbrennung.” (Roger Köppel auf Twitter).

“Inzwischen leisten – wie im Stalinismus – Schauspieler öffentlich Abbitte, dass sie je mit ihm gearbeitet haben.“ (Eva Menasse, FAZ)

“Der Kommunismus und der Nationalsozialismus waren totalitäre Bewegungen. Sie unterhielten Putzkolonnen, die Tag und Nacht im Einsatz waren. Was von diesen übrig geblieben ist, lebt weiter. In Teilen des Kulturbetriebes, der sich zu einer Art Volksgericht entwickelt hat, da Urteile verkündet, noch bevor die Anklage zu Ende verlesen wurde.” (Henryk M. Broder in der Welt)

“Ich reagiere immer ein bisschen allergisch, wenn ich solchen zweifelsfreien Menschen begegne, das hat vermutlich mit meiner Jugend in der DDR zu tun, die ja auch von Leuten regiert wurde, die sich im Besitz der absoluten Wahrheit wähnten.” (Maxim Leo in der Berliner Zeitung vom 14./15. März)

“Schriftsteller versuchen ernsthaft, die Veröffentlichung eines Buches zu verhindern. Finde ich prima, dann brauchen wir für so was gar keine Nazis und Scheiterhaufen mehr…” (Udo Vetter auf Twitter)

“Den Begriff ‘entartete Kunst’ hat bisher noch keiner gebraucht, aber warten wir‘s ab. Der Reichsfilmkammer hätte Allens Oeuvre jedenfalls bestimmt nicht gefallen.”  (Eva C. Schweitzer im Cicero)

“Man kann sich gegen Thilo Sarrazin die Finger wund schreiben, aber er muss seine Bücher veröffentlichen dürfen, ebenso, wie er seine Thesen öffentlich vertreten können soll.” (Eva Menasse, FAZ)

“Das entscheidende Wort in diesem Kontext ist überzeugend, und was überzeugend ist, das entscheidet eine Jury aus 15 Laienscharfrichtern, die gerne und mit großem Engagement für Rowohlt schreiben, was sie offenbar auch dazu befähigt, Urteile zu fällen, denen keine Verhandlung vorausgegangen ist.” (Henryk M. Broder, achgut.de)

“Moralische Selbstjustiz” (Gregor Dotzauer im Tagesspiegel)

“In der MeToo-Debatte ist sie [die Unschuldsvermutung] ohne Federlesens, auf empörend ruchlose Art außer Kraft gesetzt worden: Der Prozess gegen den Schauspieler Kevin Spacey wegen sexueller Übergriffe wurde zum Beispiel eingestellt; der Mann hat damit als unschuldig zu gelten, aber sein Ruf ist ruiniert.” (Edo Reents, FAZ)

“Mit der #Metoo-Bewegung, die Ronan Farrow mit losgetreten hat, der Sohn von Mia Farrow und Allen (oder vielleicht auch der von Frank Sinatra, von Farrow hört man da Widersprüchliches), der im New Yorker über Harvey Weinsteins Eskapaden schrieb, geriet auch Allen unter Beschuss.“ (Eva C. Schweitzer im Cicero)

Über Ronan Farrow: “Der Jurist und Journalist hat aus seinen Weinstein-Enthüllungen ein Geschäftsmodell gemacht, in dem er sich als “Me Too”-Posterboy verkauft.” (David Steinitz in der SZ)

“Ich war nie ein Anhänger des Klischees, dass böse Menschen große Kunst schaffen, ich glaube vielmehr, dass sich die Persönlichkeit eines Künstlers in seinem Werk ausdrückt – und gerade in dieser Hinsicht ist es nicht egal, dass Woody Allens Lebenswerk den tiefsten und wahrhaftigsten Humanismus ausdrückt. Und weil ich nun einmal den Eindruck habe, dass es nicht das Werk eines Mannes ist, der Kinder vergewaltigt, möchte ich wissen, was er selbst über sein Leben und über die Vorwürfe zu sagen hat; […]” (Daniel Kehlmann in der Zeit)

“…schrieb der Philosoph Walter Benjamin.”
“Der Soziologe Niklas Luhmann schreibt…”
“Von Friedrich Nietzsche stammt der Satz…”
(Florian Schröder auf spiegel.de)

 

 

Diskursives Feuerwerk – Olivia Wenzels “1000 serpentinen angst”

Es ist nicht leicht, sich Olivia Wenzels Prosa-Debüt 1000 serpentinen angst zu nähern, obwohl es sich um einen Roman handelt, den man trotz seiner knapp 350 Seiten schnell gelesen hat. So weit gespannt ist das Netz aus Themen, das die Autorin knüpft, dass man beim Sprechen darüber nie genau weiß, wo man mit seinen Betrachtungen anfangen soll, weil man fürchtet einem wichtigen Punkt nicht gerecht zu werden. Gleichzeitig spürt man, dass dieser Roman Leser*innen herausfordern will, weil Wenzel Bereiche miteinander in Verbindung bringt, die zwar alle in der deutschen Gegenwartsliteratur präsent sind, jedoch nicht vereint in einer Figur. Das führt dazu, dass die Themenfülle beinahe kognitive Dissonanz auslöst.

Wie komplex die Perspektive ist, aus der hier vor dem Hintergrund von Diskriminierung und derzeitigen Identitätsdiskursen erzählt wird, zeigt sich etwa in dem Moment, als die namenlose Protagonistin angesichts ihres sexuellen Begehrens für eine andere Frau, realisiert, dass sie dadurch in „die nächste marginalisierte Randgruppe“ fallen würde. Sie wurde als eines von

zwei Zwillingskindern einer weißen Frau aus der DDR und eines schwarzen Mannes aus Angola in den zerfallenden Sozialismus der 80er Jahre hineingeboren und wuchs mit ihrer alleinerziehenden Mutter und ihrem Bruder in die turbulenten Wendejahre hinein, erlebte Rassismus und Hass, aber auch die Kämpfe der eigenen Mutter mit dem Staat, der Erziehung und sich selbst. Jetzt, nach dem Suizid ihres Bruders auf einem Bahnsteig, leidet die Protagonistin unter einer Angststörung und muss sich in ihrem Leben neu zurechtfinden. Da erscheint die Aussicht, sexuelle Lust für eine Frau zu entwickeln, der Protagonistin wie eine zusätzliche Möglichkeit wegen ihrer Identität Ausgrenzung und Diskriminierung zu erfahren. Durch biografische Zufälle gerät die Protagonistin in ein Cluster aus Identitätsfragen, die jeweils mit verschiedenen Formen von Diskriminierung in Verbindung stehen.

Das Problem mit der Banane

Wenzel, die wie ihre Protagonistin als Tochter einer weißen Frau und eines schwarzen Mannes in der DDR geboren wurde, betont, ihre namenlose Figur sei nicht sie selbst, sondern eine düstere Variante von ihr, die ähnliche Dinge erlebt habe. Autofiktional sei das Buch aber dennoch. Letztlich ist nicht von Belang, ob man den Roman autobiografisch, autofiktional oder rein fiktional liest. Die Autorin erzählt differenziert und reflektiert von einem Leben, das sich in seiner ganzen Komplexität in Diskurse der Gegenwart einschreibt, über subjektive Erfahrungen hinausweist und dabei doch individuell bleibt. Dabei zeigt sich exemplarisch, wie komplex die mehrfache Diskrimierungserfahrung der Protagonistin in der deutschen Gegenwartsgesellschaft ist, als sie erklärt, was für sie das dreifache Problem mit dem Essen einer Banane ist: Sie als schwarze Frau aus der ehemaligen DDR kann nicht einfach eine Banane essen, ohne, dass sie in ein assoziatives Gefüge aus Rassismus, Sexismus und sogenannten Ossi-Witzen gerät. Diskriminierung ist intersektionell und dies wird an dem Bild mit der Banane auf drastische Art deutlich.

Im Zentrum dieses Netzes aus zugewiesenen und tatsächlichen Identitäten steht das Schwarzsein. Hier zeigt sich die ganze Stärke der Erzählstimme, die großen Teilen des deutschen Literaturbetriebs wiederholt die eigene normierte Perspektive aufzeigt. Das geschieht schon durch die selbstverständliche Markierung von Personen als weiß – so simpel und für die deutschsprachige Literatur so ungewöhnlich ist das, dass es jedes Mal auffällt. Immer wieder kehrt Wenzels Protagonistin gewohnte Blickrichtungen um, verdreht Verhältnisse, indem sie Bilder entwirft, die vorurteilsbehafteten Vorstellungen widersprechen:

Zwei blonde Frauen schneiden Dönerfleisch vom Spieß und backen Fladenbrot auf; hinter der transparenten Plastiktheke warten vier Kundinnen mit Kopftuch auf ihr Essen. Drei blasse, rotblonde Deutsche kommen nach Dienstschluss in eine Anwaltskanzlei, um zu putzen; alle deutsch-senegalesischen Angestellten sind bereits weg.

Beim Lesen von 1000 serpentinen angst wird in diesen Momenten schmerzhaft bewusst, wie einseitig die Perspektive großer Teile deutscher Gegenwartsliteratur ist. Wie stark ausgeprägt diese Einseitigkeit ist, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass Olivia Wenzel selbst erst erkennen musste, wie tief eingefressen diese Normierungen ins literarische Bewusstsein der deutschen Schreibenden und Lesenden sind. Auch Wenzel hat jahrelang nach eigener Aussage in ihre Theaterstücke nur weiße Figuren geschrieben, bevor ihr dieser blinde Fleck in ihrem eigenen Schreiben bewusst wurde. Dadurch, dass die Hauptfigur des Romans wiederholt eigene Verstrickungen in Dynamiken von Privilegien, normierten Perspektiven und Identitätsdiskursen erkennt und reflektiert, wird der Text auch zu mehr als einer Anklage gegen eine weiße Mehrheitsgesellschaft.

Anders privilegiert

Denn die nicht-weiße Erzählerin erkennt, dass auch sie im Verhältnis zu anderen privilegiert ist und etwa reisen kann, im Gegensatz zu den Frauen ihrer Familie nur dreißig Jahre zuvor. Genauso wird ihr bewusst, dass sie in den USA das Gefühl einer starken und stolzen Black Community nur deshalb genießen kann, weil die Entwicklung einer solchen Gemeinschaft nötig und möglich war, weil sie einen gewissen Schutz vor Diskriminierung und rassistischer Gewalt bot:

Und plötzlich begreifst du: Diese warme Community schwarzer Menschen, hier in den USA, ist nur möglich, weil sie jahrhundertelang zum Überleben nötig war. […] Du kannst dankbar sein, dass du willkommener Gast in dieser Gemeinschaft bist, eine Touristin dieser auf Schmerz gewachsenen Blackness.

Dadurch dass an dieser Stelle implizit unterschiedliche Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen gegenübergestellt werden, wird hervorgehoben, dass es sich bei schwarzen Menschen natürlich nicht um die homogene Gruppe handelt, als die sie von weißen Menschen oft dargestellt wird.

Dass Olivia Wenzel diese Fülle an Themen und Perspektiven inhaltlich zusammen halten kann, liegt auch daran, dass im Zentrum all dessen ein erzählendes Individuum steht, das durch eine ganz persönliche Geschichte dem Diskursfeuerwerk des Romans ein festes Zentrum verschafft. Im Kern ist der Roman der Kampf einer jungen Frau, die mit dem Selbstmord ihres Bruders und dem gestörten Verhältnis zu ihrer ebenfalls mehrfach traumatisierten Mutter zurechtkommen muss. Im Ringen mit den eigenen und familiären Traumata gewinnt die Figur Konturen, die über ihre Zugehörigkeit zu gesellschaftlich diskriminierten Gruppen hinausreichen. Die Leitfrage, der sich dieses Individuum immer wieder stellen muss, ist „WO BIST DU JETZT?“ Das ist sowohl räumlich als auch psychologisch gemeint: Wo stehst du als Person, wo befindest Du Dich in Deiner Suche nach Halt im Sturm aus Traumata, Identitätsfragen und Beziehungen zu anderen Menschen.

Fragmente und offene Enden

Während der Versuch einer individuellen Verortung der Protagonistin dem Roman einen inhaltlichen Halt gibt, ist es dieses Frage-Antwort-Spiel, das den formalen Rahmen dafür schafft, dass der Autorin diese Themenfülle nicht strukturell entgleitet. Olivia Wenzel, die bisher vor allem für das Theater geschrieben hat, hat nun einen Roman vorgelegt, der sich beinahe ideal für eine Bühnenadaption eignet, da sie große Teile ihres Debüts als Dialog der Protagonistin mit einer übergeordneten Instanz strukturiert hat, die beobachtet, Fragen stellt und Hinweise gibt. Wer diese Stimme ist, die mit der Protagonistin im Gespräch steht und teilweise auch selbst auf deren Fragen reagiert, wird nicht klar. Vielleicht stecken in ihr Bestandteile der Protagonistin, ihres verstorbenen Bruders, ihrer Mutter, ihrer Großmutter und ihrer Freundin Kim; oder es ist ein undefiniertes gesellschaftliches Außen, das sich im Kopf der Figur im Gespräch manifestiert. Neben diesem (Zwie)Gespräch mit einer übergeordneten Instanz, ist der Roman durchzogen von kürzeren und längeren Text- und Dialogfragmenten, die sich erst langsam und im Verlauf des Lesens in das chronologische und personelle Gefüge des Gesamttextes einordnen. In dieser dialogischen und chronologischen Zersplitterung ist der Roman auch formal ein Abbild seiner Protagonistin, deren Identität und Persönlichkeit aus ebenso vielen Fragmenten und offenen Enden besteht und gleichzeitig ein individuelles Zentrum besitzt.

Vor einigen Tagen lobte Julia Encke in der FAZ die literarischen Debüts von Christian Baron, Paula Irmschler und Cihan Acar als drei Romane, die „so etwas wie Bestandsaufnahmen jenes Landes, in dem wir leben, aus völlig unterschiedlichen Außenseiterperspektiven“ seien. Sie handelten „von jungen Menschen, die zu etwas dazugehören wollen, aber nicht so genau wissen, zu was oder wie sie es anstellen sollen. Drei Deutschland-Romane, die für unsere Selbstverständigung ein Glücksfall sind.“ Olivia Wenzels Roman muss in genau dieser Reihe wichtiger Debüts des literarischen Frühjahrs auch genannt werden, denn ihr Perspektivenreichtum und ihr Mut, erzählerische Formen ebenso aufzubrechen wie normierte Lesegewohnheiten, erzählen mindestens genauso viel über unser Land und die Fragen, mit denen sich die deutsche Gesellschaft auseinandersetzen muss, wie die genannten Romane. Wenn nicht mehr.

Das ist Zensur! Eine Anleitung

von Andrea Geier (@geierandrea2017)

 

Verärgert. Gelangweilt. Fassungslos. So fühle ich mich in den letzten Jahren oft, wenn ich Artikel lese oder Interviews höre, in denen ich ohne begründeten Anlass vor angeblicher Zensur, dem Ende der Meinungsfreiheit, durch Political Correctness entfesselten “Moralismus” bis hin zur dräuenden Diktatur (hier beliebte Vergleiche wie etwa die Reichsschrifttumskammer einsetzen) gewarnt werde. Es ist immer gleich das ganz große Geschütz. Lieblingsbeispiele für das Geraune vom Untergang der Freiheit und angeblicher Zensur sind Vorschläge und Leitfäden für geschlechtergerechte Sprache, Kritik an rassistischem Sprachgebrauch (“Verbotskultur”) –, #metoo und die Kritik an sexualisierter Gewalt (“darf man überhaupt noch flirten?”). Und nun, man staunt, steht der jüngste Offene Brief von Autor*innen an den Rowohlt Verlag in dieser Reihe. Das ist immer aufs Neue ärgerlich und gleichzeitig langweilig. Schaut man sich die Mechanismen an, lässt sich eine kurze Anleitung zur “kritischen Meinung” erstellen, die hier zur Verfügung gestellt werden soll, damit mahnende Texte dieser Art in Zukunft noch weniger Mühe machen:

 

1. Verdrehe den Sachverhalt durch alarmierende Begriffe

Nenne jeden Verzicht ein Verbot. Nenne jede Aufforderung, über einen Verzicht nachzudenken, Zensur. Wenn es um berühmte Personen geht, tue so, als ob diese Personen Opfer von Verboten und/oder skandalöser Verfolgungen seien, obwohl sie tatsächlich weiterhin Handlungsmacht besitzen und große Aufmerksamkeit genießen.

 

2. Subsumiere den Sachverhalt unter falschen Kategorien und letzten Fragen

Behaupte, dass Verantwortung keine relevante Kategorie sei, wenn es um moralische Fragen gehe. Es zählen Gerichtsurteile! Tue so, als ob in diesem einzelnen Fall, den du skandalisierst, das große Ganze in Gefahr wäre. Es muss um “die Freiheit” gehen, drunter machst du es nicht! Wenn du Alarm schlägst, muss es schließlich wichtig sein, also erkläre, dass genau in diesem einzelnen Fall eine grundlegende Bedrohung zu erkennen sei. Suche dafür knackige Begriffe wie “Weltpolizei”, die die Dimension der vermeintlichen Zensur-Gefahr veranschaulichen.

 

3. Erfinde eine machtvolle Gruppe, die du zu Gegner*innen erklärst

Behaupte, dass Menschen, die auf eigenes berufliches Risiko handeln, weil sie Verantwortung für mehr als für sich selbst übernehmen wollen, tatsächlich machtvolle Positionen, mindestens aber Einfluss hätten und raune, dass ihr Handeln unheilvoll für alle sei. Tue so, als ob es sich um eine einheitliche, geschlossene Gruppe handele und lasse keinesfalls erkennen, dass Menschen sich situationsbedingt in Gruppen zusammenfinden, weil das Interesse für dieses eine Thema sie zu einer gemeinsamen Aktion veranlasst hat. Behaupte, es gebe ein “Milieu”, das von einer bestimmten “Gesinnung” getragen sei und greife einzelne Personen als prototypische Vertreter*innen heraus.

 

4. Erlaube dir alles und erkläre anderen, was Anstand ist

Grobe Klötze sind wichtig, spare nicht mit Ausdrücken! Sei dabei großzügig gegenüber deinen eigenen Widersprüchen: Erlaube dir unflätige Begriffe zu benutzen und einzelne Personen zu beschimpfen und fordere dabei gleichzeitig mehr Anstand, mehr Moral und mehr Respekt ein. Die anderen sind ein Problem für die Debattenkultur, du bist deren Hüter*in! Die “gute Sache”, die du vertrittst, verdient die verzerrende Dramatisierung!

 

5. Überrasche durch nicht naheliegende Vergleiche

Verteidige Menschen und Haltungen, die nach Maßstäben des gesunden Menschenverstandes dafür eher nicht in Frage kommen. Kümmere dich nicht darum, ob der Vergleichsmaßstab gerechtfertigt erscheint. Auch vollständig unpassende Fälle können mit etwas gutem Willen passend gemacht werden! Du erscheinst dann als jemand, der souverän über den Dingen steht. Behaupte, dass es um die Verteidigung von “Pluralismus” ginge, wenn jemand konsequentes moralisches Handeln einfordert und auf Widersprüche hinweist. Verkünde: Nur wer alles zulassen könne, sei wahrhaft tolerant und für Meinungsfreiheit. Verteidige ruhig gerade das vollständig Abseitige und behaupte, dies sei sowohl Ausweis größtmöglicher Toleranz wie auch – wenn es um Kunst geht – ästhetischer Kennerschaft.

 

6. Bezeichne Stärke als Schwäche

Tue so, als ob Positionen unveränderlich seien. Bezeichnen jemanden, der einmal getroffene Entscheidungen mit guten Gründen revidiert, als schwach und als eine Person oder Institution “ohne Rückgrat”. Könnten – voraussichtlich oder auch nur möglicherweise – öffentliche Appelle zu Veränderungen von Positionen führen, sprich von Stimmungsmache, der man nicht nachgeben dürfe. Wo kämen wir hin, wenn Argumente im Einzelfall zählten! 

 

7. Sei konsequent und wiedererkennbar in deinem Alarmismus, aber auch kreativ

Achte stets auf dein Vokabular, damit sich keine Differenzierungen einschleichen (s. Verzicht = Zensur). Sei wiedererkennbar und konsequent in der Denunziation: Appellieren = verbieten, zensieren. Ein Bonus sind kreative Neologismen, die deine geneigten Leser*innen etwas schmunzeln lassen. Für “Fragen stellen” kannst du nicht nur “reinreden” oder “etwas vorschreiben” verwenden, sondern zum Beispiel “moraltrompeten” sagen! Zur Zeit kommen natürlich auch Ansteckungsmetaphern ganz gut. 

 

8. Geh aufs Ganze und bleibe dort

Wenn du sagst, dass die Freiheit stets die Freiheit der “Andersdenkenden” meint, mach klar, dass du entscheidest, für wen dies gilt. Diejenigen, die du zu Gegner*innen erklärst, sind hier keinesfalls mitgemeint!

 

Viruskompetenz. Über das Lesen und die Angst

von Solvejg Nitzke (@NitzkeSolvejg)

 

„Ein schwimmender Sarg.  Und keiner darf von Bord. Im Hamburger Hafen läuft das Kreuzfahrtschiff ‚Große Freiheit‘ ein. An Bord: Ein toter Passagier – verstorben an einem geheimnisvollen Virus. Bald herrscht Panik in der Stadt. Kriminalkommissar Adam Danowski, der eigentlich am liebsten am Schreibtisch ermittelt, wird an den Schauplatz beordert. Er kommt einem Verbrechen auf die Spur, das noch unzählige Tote zu fordern droht. Doch das unter Quarantäne gestellte ‚Pestschiff‘ darf keiner verlassen, selbst Kommissare nicht, und Danowskis Gegner sorgen mit aller Macht dafür, dass dies so bleibt…“ (Klappentext: Treibland von Till Raether, 2014)

Man mag von Klappentexten halten, was man will. Gerade ihre oft lose Beziehung zum Inhalt des beworbenen Buchs ist für kulturwissenschaftliche Analysen der Beziehung von Fakt und Fiktion aufschlussreich. Virus, Panik, (zukünftige) unzählige Tote, (unsichtbare) Gegner und drei vielsagende Punkte – all das sind Signale, die nicht nur auf den Text gemünzt sind, den sie beschreiben sollen, sondern auch darauf, möglichst viele Anknüpfungspunkte zur (Lese-)Erfahrung der angesprochenen Leser*innen zu bieten. Darin könnte angesichts der Angst vor Covid-19 auch ein Problem liegen, denn die gleichen Reizworte dominieren nun einen Diskurs, der aus den Fugen zu geraten scheint. 

Till Raethers Kriminalroman Treibland, der erste Fall des Hamburger Kommissars Adam Danowski, bietet auch jenseits des Klappentextes zahlreiche Anknüpfungspunkte. Ein Kreuzfahrtschiff unter Quarantäne hat im Februar auch im Kontext der Angst vor dem sogenannten Corona-Virus Schlagzeilen gemacht. Die Schutzmaßnahmen, denen Danowski und seine Kolleg*innen genügen müssen, ebenso wie die Kommunikations- und Informationswege erscheinen vertraut. Nicht zuletzt der Unwille des Protagonisten, sich allzu intensiv mit dem Virus und allem, was damit zusammenhängt, zu beschäftigen, erinnert wahrscheinlich die meisten Menschen an sich selbst.

Es wäre allzu einfach, zu zeigen, dass und wie die Diskrepanzen zwischen Klappen- und Romantext ersteren als konventionellen Werbetext und letzteren als ausgesprochen geschickte Variante des klassischen locked room mystery auszeichnen. Als Literaturwissenschaftlerin könnte ich etwa meine Expertise bereitstellen, um Reibungspunkte aufzuzeigen und nachzuweisen, dass das alles „nur“ Fiktion ist und sich in diese oder jene Tradition einreiht. Doch genau diese Diskrepanzen zwischen Text und Paratext werden gerade wieder einmal zum produktiven Kern einer Gegenüberstellung von Fakt und Fiktion. Eine Gegenüberstellung, die alles andere als harmlos ist, denn sie stellt Berechtigung und Kompetenz der Fiktion, von Wirklichem zu sprechen, in Frage. Virennarrative müssen sich einmal mehr den Vorwurf gefallen lassen, Panik zu schüren, Ängste und Ressentiments zu verstärken. Sie werden auf höchst problematische Weise zu Akteuren einer Parallelwirklichkeit, in der der Weltuntergang hinter jeder Ecke lauert.

Ist es also fahrlässig, es sich gerade jetzt mit einem Buch gemütlich zu machen, das von einem tödlichen Virus handelt? Zum Lesen eignet sich die aktuelle Situation zweifellos, denn wie ließe sich Ansteckung besser vermeiden als allein auf dem Sofa? Aber darf man sich ausgerechnet jetzt, da so viele Menschen krank sind und noch viel mehr unter der Angst vor der Infektion leiden, gerade an so einem Szenario weiden? Sind es nicht genau solche Texte, die Panik schüren, weil sie falsche Erwartungen wecken und unangebrachte Vorstellungen über den Umgang mit hochansteckenden Krankheiten verbreiten? 

Natürlich darf man lesen, was man will und wann man will. Aber die Frage in welchem Verhältnis Leseverhalten oder Fiktionskonsum (es gäbe ja auch den ein oder anderen Pandemiefilm, von Zombie-Serien ganz zu schweigen) und Angstreaktion stehen, gewinnt in diesem Moment wieder an Bedeutung. Was also, fragt etwa Johannes Franzen, „wenn es wie jetzt zum realen Ernstfall kommt: Ist unser Blick aufs tatsächliche Geschehen möglicherweise getrübt durch Bilder und Stimmungen aus all diesen Erzählungen?“ Spielt es eine Rolle, dass die Bilder der akuten Situation „scheinbar vertraute Ausnahmesituationen“ erzeugen? 

Die Fragen nach der Rolle des Erzählens von Erfundenem reichen weit in die Kulturgeschichte zurück. Platons angebliche Verdammung der Dichter – sie lügen! – klingt heute (als einflussreiche kulturgeschichtliche Figur) wieder in der Kritik an mangelnder wissenschaftlicher Akkuratesse literarischer Texte an. Oscar Wildes Diktum „life imitates art“ (und nicht andersherum) stellt nur eines unter vielen selbstbewussten Statements dar, mit dem sich Literat*innen und Künstler*innen gegen das Gebot der Mimesis, der Nachahmung der Natur, zur Wehr setzen. Romantik, Realismus, Avantgarden – gerade die moderne Literatur lässt sich als eine Kette von Verhandlungen über die Rolle der Kunst lesen und  (auch das wird gerade offensichtlich) diese Fragen sind noch keinesfalls beantwortet. Gefragt wird nach dem Zweck der Literatur: Soll sie „nur“ unterhalten, soll sie lehren, soll sie gar qua Katharsis für eine emotionale Grundreinigung sorgen? Oder ist sie autonom und nur für sich selbst da? Gefragt wird nach dem Verhältnis von Fakt und Fiktion, das immer dann zum Problem wird, wenn nicht (mehr) klar ist, wer die Deutungshoheit über bestimmte Phänomene oder Ereignisse beanspruchen kann. Man könnte ganze Forscher*innenkarrieren mit diesen Fragen zubringen… Kann also die Beschäftigung damit überhaupt in einer konkreten Situation weiterhelfen? 

Diesen Grundsatzfragen wird man nicht sinnvoll begegnen, indem man – ob von natur- oder literaturwissenschaftlicher Seite – einer wie auch immer gearteten Öffentlichkeit Lesekompetenzen oder Unwissenheit unterstellt. Vielmehr wird hier möglich, wovon Literatur- und Kulturwissenschaftlerinnen sonst kaum zu träumen wagen: Vielleicht lässt sich beobachten, dass und wie Fiktionen tatsächlich Wirklichkeit beeinflussen. Das ist, darauf weist Franzen zurecht hin, auch ein unheimlicher Gedanke: Er weckt „die Angst davor, Jugendliche könnten durch die fiktiven Taten zu realen Verbrechen verführt werden. Oder die Befürchtung, Menschen könnten abstumpfen, gegenüber tatsächlichem menschlichen Leid.“ 

Übrigens steckt darin auch die Angst, das junge Frauen ein Dasein als „damsel in distress“ ebenso für normal halten könnten, wie junge Männer sich ausschließlich als Helden oder Bösewichte verstehen könnten. In der Möglichkeit, dass Fiktion Wirklichkeit beeinflusst, steckt aber auch Potenzial. Es wird auch (wieder) denkbar, dass Fiktionen Haltungen auf eine positive Weise beeinflussen – eine Hoffnung die gerade in ökologisch orientierten Erzählungen eine besondere Rolle spielt – und dass Fiktionen Diskussion darüber auslösen, in welchem Verhältnis all die Diskurse und Institutionen stehen, die an der Produktion von Wirklichkeit teilhaben. 

Die oft zunächst implizite Behauptung, Romane, Filme und Spiele trügen dazu bei, dass Menschen sich von potenziell vernunftbegabten Individuen in eine unkontrollierbare, weil panische Masse verwandelten, wird immer öfter zum expliziten Vorwurf, je näher eine (empfundene) Bedrohung rückt. Das betrifft nicht nur das Thema der Pandemie, sondern ein ganzes Cluster an (Zukunfts-)Szenarien, deren ‚Management‘ in der Wirklichkeit allzu katastrophische Darstellungen im Weg stünden. Dazu ließe sich aus kulturwissenschaftlicher Perspektive einiges sagen. Wie vielfältig die gegenwärtige Katastrophenlust in der Forschung bearbeitet wird, lässt sich in Stefan Willers Forschungsbericht nachlesen.

Mich interessieren vor allem der gegenseitige Inkompetenzvorwurf der ‚zwei Kulturen‘ und seine möglichen Konsequenzen für die Kommunikation wissenschaftlicher und kultureller Tatsachen oder vielmehr, der Zusammenbruch der Unterscheidung. Der Vorwurf besteht banalerweise darin, dass Fiktionen nichts von den wissenschaftlichen Fakten und Wissenschaftler*innen nichts von Fiktion verstehen. Mehr ist es nicht. Damit behaupten jedoch beide Seiten eine so grundsätzliche Inkompetenz der anderen, dass fraglich bleibt, wie überhaupt über die gemeinsamen Gegenstände, Narrative und vielleicht sogar gemeinsame Ziele gesprochen werden soll. In den grenzüberschreitenden Fiktionen sehe ich also nicht zuletzt einen Anlass, über die anscheinende Unvereinbarkeit dieser Perspektiven nachzudenken und eine Chance, sie zu überwinden.

„Die zwei Kulturen“ ist der Titel einer Rede des Chemikers und Schriftstellers C.P Snow. In der Rede beklagt Snow die tiefe Kluft zwischen ‚scientists‘ und ‚literary intellectuals‘. Man beschwere sich zwar übereinander – die einen beherrschten ihren Shakespeare nicht, die anderen könnten nicht einmal das zweite Gesetz der Thermodynamik erklären –, aber ein Reden über die Notwendigkeit, die Kluft zu überwinden, gäbe es nicht. Tatsächlich sei Verständigung überhaupt nicht mehr denkbar. Das war 1959. Die Kluft ist seitdem trotz allerlei Bekenntnissen zu Interdisziplinarität und Austausch nicht kleiner geworden. Einig sind sich Geistes- und Naturwissenschaften nur in der Behauptung eines allgemeinen Niedergangs der Allgemeinbildung. Selbstredend ist das grob vereinfacht und ungenau (z.B. lassen sich die ‚zwei Kulturen‘ nicht einfach vom britischen in andere Wissenschaftssysteme übertragen. Gerade in Deutschland lassen sich Literatur, Literaturkritik und Literaturwissenschaft nicht unbedingt in einer ‚Kultur‘ zusammenfassen). 

Vielleicht ist die Gegenüberstellung aber auch gerade deshalb so einflussreich und beständig. Sie führt dazu, dass wir übersehen, wie produktives Wissen und anschlussfähige Narrative nicht nur auf der einen oder anderen Seite, sondern mitten in der Kluft zwischen den Kulturen entstehen. Es ist also nicht getan mit mehr wissenschaftlichen Kenntnissen – im Sinne von  „get your facts straight“ – oder größerer Fiktionskompetenz im Sinne einer umfangreichen literarischen Bildung. Auch wenn solche Kompetenzen sicherlich nicht schaden, bleiben sie weitgehend wirkungslos ohne eine Aufmerksamkeit für die ‚Mitte‘, in der sich Wissen formiert, das nicht so einfach zu sortieren ist.

Es ist ein hybrides Wissen, dass im Austausch der Kulturen entsteht, ob diese den Austausch nun wollen oder nicht. Science Fiction ist aus dieser Perspektive nicht in erster Linie ein Genre, sondern ein Modus, dessen Erkenntnisinteresse über professionalisierte Diskurse und Methoden hinaus reicht. Man könnte auch von einer Haltung sprechen, die nicht verlangt, aus Fiktionen praktisches Wissen zu gewinnen oder, umgekehrt, Wissenschaft als Erzählung zu entlarven. Vielmehr macht diese Haltung es möglich, unabhängig von der Darstellungsform gemeinsame Fragen zu erkennen.

Virus-Szenarien sind in diesem Sinne beinahe immer im Modus der Science Fiction verfasst. Sie stellen das Verhältnis von Fakt und Fiktion, von Wissenschaft und Erzählung auf besonders intensive Weise auf die Probe. Georg Seeßlens Behauptung, die Krankheit sei „das Wirklichste, was einem Menschen wiederfahren kann“ gewinnt in der Fiktion einen prekären Status. Einerseits generieren Viruserzählungen aus genau diesem Umstand (Infektion ist nicht diskutabel, krank ist krank) Energie und suspense, andererseits bleibt die Krankheit fiktiv.

Obwohl niemand – so meine Hoffnung – Dan Browns Inferno (2014) oder Michael Crichtons The Andromeda Strain (1969) liest, um sich über typische Verläufe viraler Infektionen zu informieren, so besteht der besondere Reiz des Virus-Szenarios darin, dass die Ansteckung selbst, unabhängig vom Plot, eine wirkliche Möglichkeit ist. Sie konfrontiert das betroffene Subjekt mit der eigenen Anfälligkeit für eben dieses Szenario und verleiht damit auch einem noch so absurden Plot einen Anker in der Wirklichkeit. Indem die Viruserzählung einen Akteur einführt, der scheinbar zielstrebig, aber absichtslos „handelt“, ruft sie eine fundamentale Unsicherheit auf. Diese betrifft auch die Wissenschaften, denn, so zeigt die sich ausbreitende Krankheit Covid-19 überdeutlich: Es ist eine Illusion zu glauben, ein Virus ließe sich ohne weiteres kontrollieren. Die „Jagd“ nach dem „unsichtbaren Gegner“ erzeugt Angstlust, weil sie die Erinnerung daran weckt, dass mikroskopisch kleine Wesen seit jeher eine allen Armeen überlegene Gefahr für die Menschen darstellen. Ein Virus, für das es noch kein Gegenmittel gibt, ist eine Herausforderung für eine Bandbreite an Kulturtechniken – auch für das Erzählen. 

Fiktionskompetenz kann hier also nicht bedeuten, zwischen ‚richtigen‘ und ‚falschen‘ Darstellungen zu unterscheiden, sondern die Bedingungen einer Erzählung zu erkennen – ihre Struktur; die Traditionen, in die sie sich implizit und explizit einreiht; sowie die textinternen und –externen Strategien der Plausibilisierung des Erzählten. Umgekehrt wird so die narrative Bedingtheit nicht-fiktionaler Texte sichtbar. Das heißt, ein an Fiktionen geschulter Blick erlaubt es, z.B. Zeitungsartikel wie „Das unheimliche Rätsel um das Corona-Virus“ nicht nur auf ihren „Informationsgehalt“ hin zu lesen, sondern auch die Narrative zu erkennen, an denen sie sich orientieren. Wie beim oben zitierten Klappentext sind Überschriften, Bildunterschriften und Bilder nie nur einem „Haupttext“ untergeordnet, sie ermöglichen vielmehr Verbindungen, die im Text weder angelegt sein müssen noch notwendig von der Autor*in eines Textes gewollt wurden.

Interessant wird es also besonders dort, wo verschiedene Interessen aufeinandertreffen. Im Literaturbetrieb sind das oft geteilte Interessen unterschiedlicher Akteure. Im konkreten Fall des Kriminalromans Treibland bedeutet das, die paratextuellen Elemente Cover, Klappentext und Reihenvermarktung des Romans sind ebenso aussagekräftig für die Frage nach der „Macht der Fiktion“ wie der literarische Text selbst. Treibland ist also nicht nur ein ergiebiges Beispiel, weil die Handlung thematisch beinahe unheimlich aktuell ist. Der Roman wurde in unterschiedlichen Kontexten vermarktet, die für die hier gestellten Fragen relevant sind. Der Autor, Till Raether hat sich außerdem bereit erklärt, mir einige Fragen zur Konzeption des Romans und den Abläufen seiner Veröffentlichung zu beantworten. Damit steht mir ein weiterer (Vergleichs-)Text zur Verfügung, der die Analyse bereichert. 

Zu diesen zählt auch die Genrebezeichnung: Treibland ist ein Kriminalroman. Diese Zuordnung strukturiert Erwartungen und ermöglicht und limitiert also das, was plausibel erzählt werden kann. ‚Plausibel‘ ist an dieser Stelle das entscheidende Kriterium, nicht ‚wissenschaftlich‘ oder ‚realistisch‘. Und was plausibel ist, wird aus einem Dialog zwischen Einzeltext und Genre-Konvention ausgehandelt. Das gilt auch für Stoff und Erzählhaltung. Der Kriminalroman ist ein analytisches Genre, das letztlich meistens auf die Aufklärung eines Verbrechens hinausläuft – was aber aufgeklärt, erkundet und zergliedert wird, das hängt vor allem von den Fähigkeiten und Interessen der ermittelnden Figuren ab.

Um das Spektrum der Fähigkeiten und Interessen zu erweitern, steht der Protagonist in Treibland, der Kommissar Adam Danowski, nicht allein da mit seinem Viren-Fall. Die Rechtsmedizinerin Kristina Ehlers und Tülin Schelzing, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Tropeninstitut, vermitteln dem Kommissar das Wissen, das er braucht, um sich im Fall zu orientieren – und damit nicht nur ihm, sondern auch den Leser*innen. Und genau darum geht es: Orientierungswissen. Niemand benötigt Spezialkenntnisse, um zu verstehen, worum es geht. Gleichzeitig sind die entscheidenden Punkte so weit an tatsächlichen Abläufen orientiert, dass auch jemand mit Spezialkenntnissen, dem Plot ohne Störung folgen kann.

Es besteht zu keinem Zeitpunkt ein Zweifel daran, dass der Kommissar im Vergleich zu den beiden Frauen keine Ahnung hat. Nachvollziehbarerweise will er mit allem möglichst wenig zu tun haben, was ihm – das ist schließlich ein Kriminalroman – allerdings nicht gelingt. Ehlers und Schelzig könnten unterschiedlicher kaum sein. Schelzig als pedantische Hüterin der Verhaltensregeln steht Ehlers gegenüber, die nicht weniger pedantisch alle Regeln bricht (nicht ohne sich auf ihre eigene fachliche Autorität zu berufen). Dass dabei nur der Virus gewinnen kann, macht der Tod der fahrlässigen Rechtsmedizinerin ein für alle Mal klar. Wer sich absichtlich über Expertenwissen hinwegsetzt, krepiert jämmerlich. Aber auch Schelzig behält keine weiße Weste. Sie verbirgt Informationen, damit ihre eigene Arbeit nicht unter Verdacht gerät. Aus ihrem Handeln spricht die Wissenschaftlerin, die in einem prekären System gelernt hat, wie sehr auch ihre Autorität (und Anstellung) am makellosen Ruf der Institution hängt.

Der Virus gerät schon in dieser kurzen Analyse ins Hintertreffen, Raether bezeichnet ihn als „reines Vehikel“: „Mich haben damals zwei Dinge interessiert: die Situation des Eingesperrtseins, der Fremdbestimmtheit an einem eher absurden Ort, in dem das aber schon angelegt ist; also die Quarantäne als Parodie der Kreuzfahrt. Zum zweiten die Krise als Anlass für Menschen, sich gewissermaßen ‚auszurichten‘.“ Der Virus auf dem Schiff ermöglicht und plausibilisiert bestimmte Maßnahmen und Umstände, was für den Autor ebenso bedeutsam ist wie für die Verschwörer*innen im Roman.

Indem er die „Quarantäne als Parodie der Kreuzfahrt“ in Szene setzt, entwirft Raether also eher eine Whodunnit-Version von David Foster Wallaces Essay A Supposedly Fun Thing I’ll Never do Again oder eine Kreuzfahrt-Adaption von Agatha Christies Roman Murder on the Orient Express. Wie in den Vergleichstexten ist der Anspruch des Romans nicht, die Aufklärung über richtiges Verhalten im Quarantänefall, sondern Plausibilität von Figuren und Plot (auch wenn einige Regeln so lustvoll aufgestellt und gebrochen, dass man sicher etwas lernen kann, wenn man denn unbedingt will). Das ist kein geringer Anspruch, ganz im Gegenteil. Gegenüber ausufernden und sich selbst überschlagenden „Wissenschaftsthrillern“ á la Frank Schätzing zeichnet sich Treibland durch eine konzentrierte Struktur aus. Doch während sich der Roman explizit auf die „Lebenswirklichkeit“ des Autors bezieht, fordert das Stichwort „Virus“ offenbar Größeres. 

Hier kommt erneut die Vermarktung ins Spiel: Die Beziehung von Text und „Wissenschaft“ wird in einem anderen Kontext ausgestellt: Treibland wurde in erweiterter Ausgabe als Teil eines Schubers mit „Wissenschaftskrimis“ veröffentlicht, der genau diese Beziehung in den Vordergrund stellt. Die ZEIT-Edition „Wissenschaftskrimis“ will „spannende Themen mit intelligenter Unterhaltung“ verbinden und verleiht den ausgewählten Texten „als besonderes Extra“ ein Nachwort, „in dem ein ZEIT-Autor den Krimi analysiert und erklärt, welche Aspekte der wissenschaftlichen Realität entsprechen und welche der Fantasie des Autors (sic!) entstammen.“

Hübscher kann man einen Text gemäß der Zwei-Kulturen-These nicht aufräumen – Phantasie in die eine Kiste, Realität in die andere. Genau durch diese Trennung droht aber eine solche Vermarktung problematisch zu werden. Nicht nur, weil die Unterscheidung nicht funktioniert und sicherheitshalber keine Expert*innen für Erzähltexte eingeladen werden mit zu „erklären“, sondern auch, weil Reihe und Schuber Zusammenhang signalisieren, wo Differenzierung sinnvoll wäre. Denn ein locked room mystery, wie Treibland verhandelt wissenschaftliche Tatsachen auf andere Weise als ein „Wissenschaftsthriller“. Das Interesse richtet sich – hier bestätigt die Analyse Raethers Auskunft – auf das Verhalten der Figuren in einem Ausnahmezustand, der den ‚Regeln‘ des Genres gemäß begrenzt ist.

Ein Thriller hingegen zeichnet sich gerade durch eine Offenheit aus, die den Anspruch impliziert (nur selten aber ausdrücklich macht), Aussagen über die dargestellte Wirklichkeit hinaus zu treffen. So erschien beispielsweise 2009 in der ersten Ausgabe der ZEIT-Edition (damals noch und jetzt wieder „Wissenschaftsthriller“) Michael Crichtons Roman State of Fear/Welt in Angst (2004/2005), dessen nur dünn durch Ironie maskiertes Bekenntnis zur Klimawandelleugnung im Nachwort den Text in der Tat zu einem fragwürdigen Hybrid zwischen Science-Fiction und Verschwörungstheorie macht. Appendizes und Nachworte, Bibliographien und Zusatzpublikationen (z.B. Frank Schätzing: Nachrichten aus einem unbekannten Universum: Eine Zeitreise durch die Meere, 2009) oder die aus journalistischer oder wissenschaftlicher Arbeit gewonnene Verdopplung von Autorität (z.B. Richard Prestons „non-fiction Thriller“: The Hot Zone: The Chilling True Story of an Ebola Outbreak, 1995) verwischen die Grenzen zusätzlich.

Es ist dann völlig unerheblich, wie ‚hoch’ der wissenschaftliche ‚Gehalt‘ eines Textes ist, denn er weicht den Pakt mit den Leser*innen eines fiktionalen Textes auf. Das heißt, er beansprucht nicht nur im Medium der Fiktion, sondern geradezu universell Aussagen über die Wirklichkeit zu treffen. Im ‚schlimmsten‘ Fall wird der Text ex post zu einem ‚wirklicheren‘ Wissen erklärt – wirklicher als das, auf das er sich selbst (qua Literaturliste, Expertenrat und -legitimation) stützt. Solche Texte haben das Potenzial, die Methoden zur Unterscheidung zwischen Fakt und Fiktion zu unterlaufen.

Das bedeutet, je ‚wissenschaftlicher‘ Fiktion daherkommt, desto skeptischer muss sie gelesen werden, denn sie verpflichtet sich damit Prinzipien einer anderen Kultur. Selbstredend wird es an dieser Stelle aus kulturwissenschaftlicher Perspektive ziemlich spannend und es kann sich ein enormes subversives Potential entwickeln, das durchaus wünschenswerte gesellschaftliche Transformationen anstoßen kann. Aber spätestens hier sollte klar werden, dass, um dieses zu entfalten, eine Haltung (beider Kulturen!) nötig ist, die ‚den Leuten‘ eine weitaus höhere Fiktionskompetenz zutraut, als das oft der Fall ist. Die allermeisten wissen sehr wohl, ob sie gerade Outbreak schauen oder Tagesschau, oder dass Empfehlungen vom Robert-Koch-Institut einen anderen Stellenwert haben, als Vermutungen von Mulder und Scully. Wo aber ‚Literatur‘ und ‚Fiktion‘ bloß den Kopf hinhalten müssen, weil Kommunikation scheitert, kann ihr Potenzial „Welten zu machen“ (Nelson Goodman) nur versanden. Dabei ließe sich aus dem lustvollen Schauder über das ekelhafte Dahinsiechen einer Figur durchaus nicht nur Niesetikette, sondern auch ein gewisser Respekt für das Wissen der anderen erlernen.

 

Offener Brief: Woody-Allen-Autobiografie im Rowohlt Verlag

Sehr geehrter Herr Dr. Moritz Schuller,

sehr geehrter Herr Florian Illies,

wir sind enttäuscht über die Entscheidung des Rowohlt-Verlags, die Autobiographie von Woody Allen zu veröffentlichen.

Wir haben keinen Grund, an den Aussagen von Woody Allens Tochter Dylan Farrow zu zweifeln. Ihr Bruder Ronan Farrow hat sich nachdrücklich gegen die Veröffentlichung im Verlag Hachette ausgesprochen, in dem auch seine eigenen Bücher erschienen sind. Der Rowohlt Verlag hat die Bücher Farrows auf Deutsch veröffentlicht und ist damit in derselben Situation wie Hachette.

Unter anderem hat Farrow kritisiert, dass Allens Buch in den USA ohne Prüfung der darin enthaltenen Fakten erscheinen sollte. Nach gängiger Praxis müssen wir annehmen, dass ein “fact checking” des Buches auch in Deutschland nicht erfolgen wird. Wie Ronan Farrow sind wir der Ansicht, dass dieses Vorgehen unethisch ist und einen Mangel an Interesse für die Belange der Opfer sexueller Übergriffe zeigt. Durch die Veröffentlichung würde der Rowohlt-Verlag den Eindruck erwecken, dass es nach den Diskussionen der letzten drei Jahre – nachzulesen zum Beispiel in Ronan Farrows “Durchbruch: Der Weinstein-Skandal, Trump und die Folgen” (Rowohlt 2019) – jetzt Zeit ist, das Thema abzuhaken und zu den alten Verhältnissen zurückzukehren. Es geht uns nicht darum, die Veröffentlichung grundsätzlich zu unterbinden. Allen mangelt es nicht an Möglichkeiten, sich mitzuteilen. Aber der Rowohlt Verlag muss ihn darin nicht unterstützen.

Wir zeigen uns solidarisch mit den Angestellten des Hachette-Verlags, deren Proteste dazu geführt haben, dass der Verlag sich gegen eine Veröffentlichung des Buches entschieden hat. Wir fordern Sie auf, diesem Beispiel zu folgen. Das Buch eines Mannes, der sich nie überzeugend mit den Vorwürfen seiner Tochter auseinandergesetzt hat, und der öffentliche Auseinandersetzungen über sexualisierte Gewalt als Hexenjagd heruntergespielt hat, sollte keinen Platz in einem Verlag haben, für den wir gerne und mit großem Engagement schreiben.

Autorinnen und Autoren des Rowohlt-Verlags

Giulia Becker
Annika Brockschmidt
Lena Gorelik
Sebastian Janata
Alexander Krützfeldt
Sascha Lobo
Kathrin Passig
Till Raether
Anna Schatz
Aleks Scholz
Margarete Stokowski
Sven Stricker

bit.ly/rowohlt-allen (google-docs)

Kulturkonsum 1/20

Wir starten eine neue Rubrik! Unter dem Titel “Kulturkonsum” werden wir einmal im Monat gemeinsam mit ausgewählten Beiträger*innen in Kurzrezensionen vorstellen, was wir in den letzten Wochen gelesen, gehört, gespielt oder geschaut haben. Ein Versuch in den dichten Wald aus Literatur, Musik, Filmen, Serien und Spielen eine kleine Schneise aus Empfehlungen und Warnungen zu schlagen.

Johannes Franzen (@johannes42)

Ich lese gerade jeden Abend in Roger Eberts Sammlung von negativen Filmbesprechungen: I Hated, Hated, Hated This Movie. Ebert war einer der berühmtesten und mächtigsten Filmkritiker der USA, und ich hoffe, diese Information legitimiert irgendwie die Tatsache, dass ich offenbar ein Leser bin, der gerne vor dem Einschlafen Verrisse liest. Dann wiederum ist Ebert ein Meister der Pointe, von dem man viel lernen kann, gerade, weil er sich dem eigenen Ekel vor dem ästhetischen Versagen dieser Filme mit einer gewissen Begeisterung nähert. Hier nur zwei Zitate: “Bad films are easy to make, but a film as unpleasant as Baby Geniuses achieves a kind of grandeur.” Oder: “Horrible movies like this sometimes have a chance of working, in a perverse way, if they bring energy and style to the screen.” Die meisten Filme in diesem Buch sind C-Movie-Blödsinn, der aber ernsthaft rezensiert wird, wie jeder andere Film auch. Fast noch weniger Geduld hat Ebert aber für prätentiöses Kunstkino. Über Jim Jarmuschs Indie-Darling Dead Man heißt es: “Dead Man is a strange, slow, unrewarding movie that provides us with more time to think about its meaning than with meaning.” Ein Satz, der viele meiner köchelnden Ressentiments, die ich gegen diesen Film und seinen Macher lange gehegt habe, endlich auf den Punkt bringt. Zuweilen ist Ebert mit seinen Urteilen zu schnell und grobschlächtig; aber insgesamt ist es immer ein Spaß, ihn zu lesen. Die Besprechungen sind übrigens alle online, und ergeben in ihrer Masse ein veritables Archiv der Filmgeschichte seit den 1970er Jahren.

Berit Glanz (@beritmiriam):

Ich habe mir endlich Katamari Damacy Reroll für die Nintendo Switch gekauft, kann aber nur spät abends spielen, weil die Nintendo Switch meinem Kind gehört. Das Spiel hat mich ungefähr 2005 auf der PS2 sehr fasziniert, ich habe sogar eine Zeitlang den Soundtrack rauf und runter gehört. Die Idee, dass man mit einem kleinen Ball (der Katamari), an dem Dinge hängen bleiben, durch die Welt rollt, der Katamari dann größer und größer wird und immer mehr Gegenstände – irgendwann auch Tiere, Autos, Gebäude – aufrollen kann, war so wunderbar absurd. Erst später habe ich gemerkt, dass der Katamari die schönste Metapher für individuelle Lernprozesse ist: Man fängt an mit Büroklammern und Papierschnipseln und arbeitet sich immer weiter vor, bis man irgendwann Riesenräder und Ozeanriesen einrollen kann. Die Steuerung mit der Nintendo Switch ist mir noch etwas fremd, aber ich rolle gerade munter meinen Katamari durch die Straßen, was sich ziemlich beruhigend anfühlt – sehr empfehlenswert!

Christina Dongowski (@tinido):

Ich verfolge seit ein paar Monaten den Plan, mir das Werk Agatha Christie als einer der bedeutenden Autorinnen der literarischen Moderne zu erschließen – und dazu den Romanzyklus Pilgrimage der (in nicht-spezialisierten Leser*innenkreisen leider immernoch ziemlich vergessenen) Mutter der literarischen Moderne, Dorothy Richardson, parallel zu lesen. In Pilgrimage bin ich erst ganz am Anfang (Handlungszeitpunkt jetzt ca. 1910ff): Miriam ist als Lehrerin in ein Mädchen-Internat nach Hannover gegangen – ihre erste Stelle! eigenes Geld! Selbstständigkeit! – und fühlt sich da von der englischen Konventionalität sehr befreit. Ein ziemlich interessante Leseerfahrung, nicht nur wegen des besonderen fließenden Stils Richardson, sondern weil da ganz glaubwürdig das Deutschland Wilhelm Zwos als fortschrittlich und vor allem frauen-fördernd beschrieben wird. 

Christie höre ich momentan vorwiegend. Gerade ist A Murder is Announced dran – ein Miss Marple-Roman. Ich lasse es mir von Joan Hickson vorlesen, der von Agatha Christie selbst als Miss Marple gewünschten Schauspielerin. Eine ganz großartige Einführung in die Welt der Queens of Crime und aktuelle kulturwissenschaftliche Forschung dazu ist der Shedunnit-Podcast von Caroline Crampton. Über sie habe ich auch die Krimis von Gladys Mitchell kennengelernt. Philipp Larkin liebte die sehr, was für ihn spricht. Ich habe gleich zwei davon in wenigen Tagen verschlungen. 

Ein richtiger Augenöffner für mich, im wahrsten Sinne, – und das obwohl ich Angelika Kauffmann schon ganz gut zu kennen glaubte –, ist die große Ausstellung, die ihr gerade der Kunstpalast Düsseldorf ausrichtet. Kauffmann war die berühmteste Malerin des 18. Jahrhunderts (inkl. eigener Fan-Artikel, die auch ausgestellt werden). Die Ausstellung zeigt, dass sie nicht nur als Freak angesehen wurde (eine nicht untypische Rolle für geniale Künstlerinnen), sondern als Maler anerkannt war. Die These der Ausstellung, Kauffmann habe eine eigene Konzeption der Malerei als weiblicher Kunst entwickelt, vor allem in der Darstellung von Heldinnen, lässt sich sehr gut nachvollziehen. Wenn Ihr in der Nähe von Düsseldorf seid, geht hin: It’s a treat – intellektuell, ästhetisch und vom Ausstellungsdesign. Die Ausstellung läuft noch bis 24. Mai.

Simon Sahner (@samsonshirne)

Ich habe im letzten Monat zwei Romane gelesen, die auf sehr unterschiedliche Art das Thema BDSM behandeln. Leona Stahlmann schreibt in ihrem Debüt Der Defekt (Kein & Aber) in der Struktur einer klassischen Coming-of-Age-Story über das Aufwachsen und das langsame Entdecken der eigenen Sexualität in einem Schwarzwalddorf. Die amerikanische Autorin Saskia Vogel erzählt in Permission (Secession) von einer jungen Frau, die im überhitzten Kalifornien um ihren verunglückten Vater trauert und ihre Balance wieder erlangt, als sie anfängt die Mitarbeiterin einer professionellen Domina zu werden. 

Der Defekt ist ein Heimatroman Widerwillen, beinahe mystisch verschränkt die Autorin die Natur der dichten Wälder in Süddeutschland mit körperlichen Ausnahmesituationen zur Lustempfindung. Auch wenn das Leben mit einem vermeintlichen Defekt in einer Dorfgemeinschaft überzeugend geschildert ist, liegt der Fokus für mein Empfinden zu sehr auf einer naturmystischen Überhöhung – ich hatte manchmal Bilder im Kopf, die an Filmszenen aus Lars von Triers Antichrist erinnerten (siehe den #leseköpfe-Text). 

Vogels Erzählen hingegen flirrt im Hitzenebel der heißen kalifornischen Nachmittage. Die Trauer um den Vater, dröhnender Autoverkehr auf den verschlungen Straßen und der flimmernde Pazifik bauen eine entropische Kulisse auf und irgendwo in all dem, in einer kleinen sauberen Siedlung, kommen Männer zu einer Frau, um sich unterwerfen zu lassen und Schmerz zu erfahren. In einem somnambulen, beizeiten auch trägen Ton cruist der Roman durch diese Stimmung – mir hat es gefallen. (Anmerkung: Ich habe ihn auf englisch gelesen) 

Interessant ist, dass beide Romane trotz ihrer großen Unterschiede den Schmerz als klärend und reinigend beschreiben.

Tilman Winterling (@fiftyfourbooks)

Rolf Dobelli hat mit seinen Büchern “Die Kunst des …” Mega-Bestseller produziert. Das Prinzip war so einfach wie genial: im unterhaltsamem Anekdotenton wurden Probleme aus dem Alltag geschildert und dann kognitions- oder sozialpsychologisch erklärt. Ständig hat sich der Lesende ertappt gefühlt, sich fröhlich an den Kopf gefasst, “haha, das kenn ich” gedacht und macht weiter wie bisher.

Trotz der Kunst des klaren Denkens, klaren Handelns und guten Lebens bleibt die Welt wahrscheinlich wie sie ist. Ein größerer Effekt auf die Gesellschaft ist “Sprache und Sein” von Kübra Gümüşay zu wünschen (wobei ich natürlich nicht ausschließen mag, dass Dobelli durchaus manche Leben bereichert hat). Die Lektüre führte bei mir zu vielen Einsichten, die durch das schlichte Wechseln der Perspektive hervorgerufen wurden. Die Effekte sind dabei manchmal so einfach erzeugt wie bei Dobelli: der beschriebene Angriff auf eine Frau mit Kopftuch erfolgte nicht wegen des Kopftuchs, sondern weil der Angreifer ein Rassist ist.

Photo by nrd on Unsplash

“Die abgeschnittene Person” – Autofiktion in den sozialen Medien

(Dieser Text ist in leicht abgänderter Form als Nachwort für Sarah Bergers bitte öffnet den Vorhang: @milch_honig 2019–2009 verfasst worden)

Arbeitstitel des Romans, von dem ich behaupte, ich würde ihn schreiben, den ich aber nicht schreiben kann, weil mich langes Erzählen langweilt: Die abgeschnittene Person.“ So schreibt Sarah Berger in Textfragment 503 von bitte öffnet den Vorhang. Das Label “Roman” wird mit langem erzählerischen Atem assoziiert, es ist in dieser Textstelle aber nur noch eine vorgeschobene Behauptung, unzeitgemäß und langweilig. Dieser kurze Ausschnitt verdeutlicht den erheblichen Wandel, dem der Literaturbetrieb gerade unterliegt – eine turbulente Situation, die sich nicht nur durch die verstärkte Medienkonkurrenz erklären lässt, in der literarischer Texte gegenwärtig stehen. Viele dieser Veränderungen stehen in enger Verbindung mit dem drastischen Wandel unseres Lese- und Schreibverhaltens aufgrund der Digitalisierung. Auch wenn es mittlerweile ein Allgemeinplatz ist, lohnt es sich immer wieder zu betonen, dass Menschen nicht weniger als früher lesen, sondern nur anders und an anderen Orten. Aber wie verändert sich das Schreiben oder – noch spezifischer – das Erzählen in Zeiten sozialer Medien? Wie nehmen Schreib- und Lesegewohnheiten im Internet Einfluss auf die Literatur und das Erzählen selbst?

Menschen lesen in unserer digitalisierten Gesellschaft weiterhin, auch wenn sie insgesamt weniger Bücher kaufen, in denen ihnen von imaginierten Welten berichtet wird. Wir erzählen unablässig, ob es der kurze Bericht über den lustigen Hund in der Bäckerei ist, eine berührende Kindheitserinnerung oder eine nachdenkliche Geschichte, die unsere Einstellung zu einem bestimmten Thema verdeutlichen soll. Dieses Erzählbedürfnis lässt sich auch in unserem Onlineverhalten wiederfinden. Die sozialen Medien werden mit ständigen Narrativierungen des Selbst bespielt – Selbstvergewisserung der eigenen Individualität durch Statusmeldungen. Mediales Kennzeichen dieser erzählerischen Verfahren ist oft eine Rückbindung des Erzählten an die Person des Erzählenden, deren Person eng mit dem Text verknüpft wird. Hierbei entsteht ein Rezeptionsmodus, der nicht mehr klar zwischen Text und Autorin einerseits und Fakt und Fiktion andererseits trennt – eine im Internet eingeübte Art und Weise mit Texten umzugehen, die wiederum direkten Einfluss auf die Literatur hat. Gegenwärtig befinden wir uns also mitten in den Wirren eines gravierenden epistemologischen Wandels, der unser Verhältnis zu den Kategorien Fakt und Fiktion betrifft.

Sarah Berger, Autorin bei Frohmann Verlag und Sukultur

Der große Erfolg autofiktionaler Texte der letzten Jahre kann so auch als Konsequenz der Tendenz verstanden werden, Schreibende und Werk immer enger miteinander zu verknüpfen. Das Kofferwort ‚Autofiktion‘ setzt sich aus Autobiographie und Fiktion zusammen und zeigt so bereits auf der Wortebene, dass faktual erzählte Autobiographie mit erdachten Elementen verwoben wird, bis es für die Lesenden unmöglich ist zu unterscheiden, wo Fiktion anfängt und Fakt aufhört. Ob uns nun Karl Ove Knausgård mit detaillierten Schilderungen seines Stuhlgangs im Wald erfreut oder Édouard Louis uns am Sexleben seiner Eltern teilhaben lässt – der literarische Blick seziert intimste Details und schreckt auch vor der Bloßstellung engster Angehöriger nicht zurück. Das faktual Belegbare liegt im Trend, wie es Sarah Berger in einer Anekdote präzise formuliert:

„Immer wieder nehme ich an Lesungen teil, bei denen die Autor_innen damit prahlen, dass das, was sie gleich vorlesen werden, genau so passiert sei. Sie prahlen, sich die Geschichte nicht ausgedacht zu haben. Sie betonen die Faktizität als eine besondere Qualität des Textes. Ein_e Autor_in entschuldigt sich sogar, dass die Texte fiktional seien und nicht auf wahren Begebenheiten beruhen.“ (Textfragment 429)

Wenn nun aber die Autofiktion als Erzählverfahren den Rezeptionsmodi der sozialen Medien besonders gut entspricht, ist dann das Internet nicht ein besonders passender Ort für autofiktionale Literaturexperimente? Tatsächlich bespielt die Autorin Sarah Berger bereits seit vielen Jahren verschiedene sozialmediale Formate mit ihren autofiktionalen Fragmenten. Aus diesen zunächst im Internet  veröffentlichten Texten entstand das 2017 im Frohmann Verlag veröffentlichte Buch Match Deleted: Tinder Shorts, das unter anderem aus kurzen Chatpassagen in Dating Apps besteht, die zwischen tragikomischer Absurdität und philosophischer Tiefenbohrung changieren. Bereits in ihrem ersten Buch verwendet Sarah Berger also die digitalen Formate der Selbsterzählung, in diesem Falle die narrative Erschaffung einer attraktiven Persönlichkeit beim Online-Dating, und führt diese ad absurdum, wenn die Chats immer wieder aus dem Ruder laufen oder die Kommunikation krachend scheitert. Damit eignet sie sich einerseits ein marktorientiertes Erzählverfahren der Selbstanpreisung an und unterläuft es andererseits, indem sie immer wieder den Freiheitsraum ausmisst, den sich das Individuum im digitalen Erzählraum erkämpfen kann.

In Sarah Bergers zweitem Buch versammeln sich nun erneut autofiktionale Textfragmente der letzten Jahre, die ebenfalls Erzählmodi der sozialen Medien aufgreifen und so immer wieder vor Augen führen, wie sozialmediales Erzählen mittlerweile unsere Wahrnehmung prägt. In den kurzen Texten geht es um sexuelle Grenzerfahrungen, Drogenkonsum, Freundschaft und Einsamkeit und immer wieder wird das Erzählen selbst zum Reflexionsgegenstand. Interessanterweise widmet sich die Autorin in vielen ihrer Fragmente der vermeintlich letzten Bastion von Authentizität: dem Körper. Die schonungslos offenen Texte entwickeln ihre radikale Widerstandskraft, gerade weil sie sich so fundamental gegen die idealisierende Ästhetik vieler sozialer Medien richten, gegen die Zurichtung des eigenen Körpers als Werbungsvehikel.

Was können unsere Körper in Zeiten sozialmedialer Selbstnarrativierung erzählen? Sarah Berger zieht sich hierbei nicht auf einen Authentizitätseffekt des Körperlichen zurück, wie es beispielsweise Knausgård immer wieder tut, etwa wenn Körperausscheidungen detailliert thematisiert werden. Stattdessen entzieht sie dieser idealisierten Vorstellung des Körpers als letzter Bastion des Realen den Boden. Denn obwohl sie in Fragment 470 schreibt, dass ihr Körper alles für sie entscheidet, können wir der autofiktionalen Erzählinstanz doch kein Vertrauen schenken, müssen beim Lesen des Buches und der Betrachtung der im Buch enthaltenen Fotografien akzeptieren, dass besonders der weiblich gelesene Körper im Patriarchat verschiedensten Projektionen unterliegt.

Gerade die bewusste performative Selbstinszenierung ermöglicht dem Individuum Freiheitsräume. So zeigt Sarah Berger mit ihren Erzählverfahren, die an das fragmentarische Selbstnarrativieren in den sozialen Medien angelehnt sind, dass Authentizität immer nur ein Spiel mit Authentizitätseffekten ist, die wie Instagramfilter über das Erzählte gelegt werden können.

„Du findest doch Authentizität so geil. So verdammt geil. So ein echter Mensch ist so geil, geil, geil. WTF! Ich habe noch nie einen echten Menschen gesehen; schon gar nicht hier in Unbenannt 3 OpenOffice.org Writer. Wo ist denn dieser echte Mensch? Die Sarah schreibt schon wieder einen Text. Die echte Sarah schreibt schon wieder einen Text. Bist du echt? Echt!“ (Textfragment 434)