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Kategorie: Allgemein

Der Wechsel der Ikonographie. Wie Migration, Klimawandel und Terrorismus unsere Zeichen verändern

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In einem Essay auf dem diaphanes-Blog denkt Mário Gomes über Gewalt, Ästhetik und die Durchsetzung neuer „schöner“ Normen nach. An einer Stelle schreibt er über ein Foto, das einen „El País“-Artikel zum Drogenkrieg begleitet:

„Zu sehen war ein nackter Frauenleichnam, der vor dem Hintergrund großflächiger Werbeplakate von einer Fußgängerbrücke herab über einer Stadtautobahn baumelte. Entlang der Wirbelsäule waren Zeichen in schwarzer Farbe auf die Haut geschmiert, tote Symbole auf toter Haut. Mir wurde klar: So werden Botschaften verfasst. So funktioniert die Kraft der Evidenz. […] Neben den vertrauten Buchstaben und Symbolen umfasst das Zeichensystem nun auch Leichen, Glieder, Häupter.“

So werden Zeichen gesetzt, so wird die Welt semantisiert. Menschen, Dinge, Stimmungen, Bewegungen – vieles lässt sich umcodieren und neu rahmen, kaputtmachen und modifizieren. Es genügt eine durchschlagende Neusetzung, ein brachiales Moment, und schon blicken wir plötzlich mit anderen Augen darauf, mit neuen Augen auf neue Zeichen.

Bei einer Anhörung vor dem US-Kongress sagte 2013 ein 13-jähriger Junge aus Pakistan, er habe Angst vor dem blauen Himmel. Schließlich flögen die US-Drohnen, die ihn und seine Schwester schwer verletzten, nur bei gutem, klarem Wetter. Sicher fühle er sich eigentlich nur noch bei bewölktem Himmel. Auch in Gomes’ Essay geht es nicht umsonst um Gewalt. Sie ist die erste Durchsetzungskraft, das Bindemittel, das das Eine zerstört, zugleich das Andere, ikonische Aufmerksamkeit, schafft. Auch deswegen ist das Thema für Autoren und Autorinnen relevant, wollen sie mit ihrer Literatur doch unsere Wahrnehmungsweisen schärfen, ändern und vorführen. Zurzeit gibt es drei “Kräfte”, die die etablierte Semantik ergreifen, einige würden sagen: angreifen, nämlich Terrorismus, Migration, Klimawandel.

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Einen exklusiv ästhetischen (also durchaus fragwürdigen) Standpunkt nahm der Komponist Karlheinz Stockhausen ein, als er über 9/11 referierte: „Also – was da geschehen ist, ist natürlich – jetzt müssen Sie alle ihr Gehirn umstellen – das größtmögliche Kunstwerk, was es je gegeben hat, dass also Geister in einem Akt etwas vollbringen, was wir in der Musik nie träumen könnten, dass Leute zehn Jahre üben wie verrückt, total fanatisch für ein Konzert, und dann sterben. Das ist das größte Kunstwerk, was es überhaupt gibt für den ganzen Kosmos. Stellen sie sich das doch vor, was da passiert ist, das sind Leute, die sind so konzentriert auf das, auf die eine Aufführung, und dann werden 5000 Leute in die Auferstehung gejagt in einem Moment.“

Terroristen als Künstler – aber was soll ihr Werk sein? Der Tod von 2992 Menschen? Die bildhafte Vereinnahmung der weltweiten medialen Aufmerksamkeit, während Stunden, Tagen, Wochen? Die Hingabe, mit der sie sich ihrer Idee anvertrauten? Oder der Erfolg, mit dem damals neue Zeichen in die Welt gesetzt wurden? Seither wird jedenfalls der Blick auf jede großstädtische Skyline von der Möglichkeit des Einbruchs von Gewalt mitgeprägt; die Option eines totalen Ereignisses steht im Raum, wenn ein Flugzeug im vormittäglichen Blau tief über eine Metropole hinwegdüst.

Derselben Seh- und Zuweisungslogik sind wir auch bei anderen alltäglichen Gegenständen unterworfen: Der herrenlose Koffer ist seit geraumer Zeit der rollkoffrige Schrecken geworden, egal ob in Bahnhöfen, Fußgängerzonen oder Flughäfen. Alles wird suspekt, weil wir bezüglich unserer Zuweisung von Bedeutung paranoid geworden sind. Auch der Lastwagen, der in den Zentren europäischer Großstädte zu abrupt anfährt, ist nach den Attentaten in Nizza und  auf dem Breitscheidplatz eine potentielle Gefahr. Im gewissen Sinne verschmilzt hier eine terrorbezügliche Denk- mit einer literarischen Schreibweise. Die Codes werden neu verhandelt.

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Die Natur verliert ihre kontemplative Unschuld, mit der wir ihr begegnet sind, mit der sie uns umschmeichelt hat. Das Meer, das unsere urlaubsgeilen Zehen mit Wellenschaum kitzelt, ist das Meer, in dem 2015 3771 Menschen ertrunken sind, die in Europa Zuflucht suchten. Die Schwimmwesten, die wir als nervige Textilien von Bootsausflügen kennen, sind zum Symbol für Tod durch Ertrinken geworden. Durch Kunst-Installationen wie der Säulen-Ummantelung mit Schwimmwesten (Ai Weiwei, 2016)  werden diese semantischen Verwerfungen und Verschiebungen in den öffentlichen Raum getragen. (Zusatz: hier eine lesenswerte Kritik dieser Werke) Und auch der LKW darf hier nicht fehlen: Als im August 2015 Schleuser einen mit Menschen vollbeladenen und luftdicht abgeschlossenen Lastwagen auf der A4 in Österreich stehen ließen, gingen tagelang Bilder vom weißen LKW durch die Medien. Auf den Außenflächen prangten Bilder fein geschnittener Putenscheiben und kross gebratener Würste. Drinnen waren 71 Geflüchtete erstickt. Gewalt und Tod, kombiniert mit food-pornösen Fleischfotos, so etwas zwirbelt sich in die Augen.

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Vom indischen Essayisten und Romancier Amitav Ghosh liegt seit kurzem ein Essay auf Deutsch vor: „Die große Verblendung“.  Dort geht er der Frage nach, auf welche Weise die Literatur die allmählichen klimatischen Verschiebungen (und unsere Erfahrung derselben) verarbeitet. Ghoshs Antwort ist klar: Wir schreiben fahrlässig und falsch darüber. Der bürgerliche kanonische Roman, wie er sich seit dem 19. Jahrhundert in den westlichen Ländern ausprägte, konzentriere sich „immer radikaler auf die individuelle Psyche“, auf ein Leben, ein Ego, das durch eine kleine Unwägbarkeit geht, um am Ende verändert, bestenfalls gestärkt dazustehen. Solche Individual-Stories seien aber inkompatibel mit einem globalen und kollektiven Phänomen wie dem Klimawandel.

Der Essay liefert spannende Anregungen, um das Strukturdefizit, das Ghosh der Gegenwartsliteratur bescheinigt, ins Semiotische weiterzudenken: Auch in Anbetracht des Klimawandels verschieben und überlagern sich alte und neue Bedeutungen von Zeichen. Die Kerosinstreifen am Himmel stehen für mich nicht mehr vorrangig für Reisen zu exotischen Zielen, sondern für den hohen CO²-Ausstoß des Flugverkehrs. Das Meer mag noch immer Sehnsuchtsort für dahinschippernde Kreuzfahrer sein, es ist wegen seines steigenden Pegels aber zugleich der erste Austragungsort, die große Gefahrenquelle des Klimawandels geworden. Und die sogenannte große Bleiche im Great Barrier Reef entzieht einem gar das ikonographisch Prägendste einer Gegend, von der wir alle ein kunterbuntes koralliges Bild im Kopf haben, nur um es durch sein Gegenteil zu ersetzen: Es gibt nur noch erblasste, sterbende Meersträucher zu sehen. So wird die Einschätzung der Umgebung eine andere, die Natur wird behutsamer, kritischer, zugleich voller Interesse und Aufmerksamkeit neu erfasst. Das mag auch miterklären, weshalb gerade Bücher, die sich mit Naturbereichen wie dem Wald („Das geheime Leben der Bäume“ von Peter Wohlleben) oder Tieren („Naturkunden“-Reihe bei „Matthes und Seitz“) beschäftigen, so erfolgreich sind.

1 Kommentar

Worüber man spricht

Manchmal versagt man ja völlig. Oder zumindest ich tue das. Ich habe einen Bekannten, den ich eigentlich gar nicht so gut kenne, ein Freund von Freunden eben, der mich eigentlich immer, wenn ich ihn treffe, mit irgendwelchen relativ langweiligen Klischees über Frauen nervt. Und man sagt dann so, was man eben so sagt: Dass das Quatsch sei, dass das nicht witzig sei, dass man selbst das anders sehe. Neulich traf ich ihn zufällig auf der Straße, und kurz bevor wir uns verabschiedeten näherte sich eine Gruppe schwarzer Jungs dem Ort, an dem wir standen, was er – übrigens: promovierter Historiker, falls immer noch jemand meint, derlei Geschwätz käme nur von Leuten, die es gar nicht besser wissen können – mit „Oh, schau mal, Schokos“ kommentierte. Und ich schaute ihn nur ungläubig an und sagte: Nichts. Er redete einfach weiter, und ich hatte nichts gesagt. Und ich war danach eigentlich wütender auf mich als auf ihn. Man kann andere ja in der Regel nicht ändern, man kann ihnen nur widersprechen, aber für das eigene Verhalten kann man etwas. Und da habe ich versagt.

Ich weiß nicht so genau, warum man manchmal etwas sagt und manchmal nichts. Ich darf mich aber nicht vorschnell von dem Verdacht gegen mich selbst lossprechen, dass es mir leichter fällt, bei Sprüchen über Frauen klar zu reagieren als bei Sprüchen, die mich selbst nicht betreffen, sondern andere. Und ich vermute, ähnliches gilt für öffentliche Debatten: Dass die Frage danach, was sagbar und unsagbar ist, eine Frage der Macht ist, ist ja sei Foucault bekannt. Aber dass das, worüber man spricht, welche Themen wiederholt aufgegriffen und debattiert werden, auch eine Frage der Sensibilisierung und der persönlichen Betroffenheit ist, ist eben gerade Journalisten aus der agenda setting-Forschung vermutlich deutlicher bekannt als mir.

Worüber spricht also das Feuilleton, der journalistische Betrieb, und damit vielleicht überhaupt: die kulturell interessierte Öffentlichkeit und mit welchen Worten? Seit einem halben Jahr debattiert man über die Wand einer Berliner Hochschule und ist sich dabei mitunter nicht zu schade, das Vokabular der höchsten Eskalationsstufe (den Vogel schoss hier, ich schrieb das bereits an anderer Stelle, für mich Denis Scheck ab, der von „Kulturtaliban“ sprach) zu verwenden, was nicht nur eine Debatte erheblich erschwert, sondern auch völlig die Relationen aus den Augen verliert. Eine Debatte macht man auch nicht leichter, wenn man die Gegenseite einfach als „dumm“ abwertet, übrigens, insbesondere das geschah ständig. Dass man privat so redet, wenn man sich die Empörung von der Seele (wenn man so will) reden will: Geschenkt. Aber dass man öffentlich so redet, wenn man ein Massenmedium bedient, das ist vielleicht schon schwieriger. Seit bald einem Monat debattiert man – losgetreten von ein paar Berliner Publizisten – über die politische Einstellung eines Theaterkritikers, auch hier mitunter mit dem Vokabular der höchsten Eskalationsstufe, auf allen Seiten: Da ist von „sechs Millionen“ bis „Nazijäger“ alles geboten. Dass Worte auch der Gefahr der Abnutzung ausgesetzt sein könnten, dass man durch dergleichen zu Desensibilisierung beitragen kann, dass man dafür eine Verantwortung tragen könnte, wenn man öffentlich spricht, scheint irgendwie manchen entfallen zu sein. Dass man nicht miteinander sprechen kann, wenn man so unsachlich spricht – wobei natürlich ausdrücklich dazugesagt werden muss, dass es auch viele sachliche, gute Artikel gab, dass wieder mal natürlich nicht alle gemeint sind, aber eben auch ein paar nicht so tolle. Dass man überhaupt nicht miteinander sprechen kann, wenn es bei den Redebeiträgen jeweils mehr um Selbstpositionierung und Beziehungskundgabe, spricht: um eigene und zugeschriebene Identitäten, um eigene und fremde Netzwerke geht als um die Sache.

Wie so etwas losgehen kann, hat man Mitte letzten Jahres wiederum an einem Berliner Fall sehen können: Ulf Poschardt, Chefredakteur der WELT, postete auf Facebook einen Link zur Schließung des Berliner Buchladens „Topics“, die angeblich auf Aktivitäten der Antifa zurückzuführen ist und fragte in die Runde, ob das stimme. Hannah Lühmann, Redakteurin bei der WELT, meldete sich, kommentierte darunter, sie wohne um die Ecke und würde sich das mal anschauen. Ich erwähne diesen Teil der Geschichte, weil es ein bisschen interessant ist, wie strukturell ähnlich die Feuilletondebatte zu dem Antifa-Shitstorm, gegen den sie sich kritisch wenden wollte, entstanden ist. Daraufhin entstand ein Artikel, der den Schluss doch nahelegte, an der Schließung des von jüdischen Betreibern geführten Buchladens seien die Anfeindungen durch den links geprägten Kiez und die bedrohte Sicherheit wegen eines Antifa-Shitstorms (der allein im Internet, nie real stattfand) Schuld. Vor allem aber trat dieser Artikel eine überregionale Welle des Interesses los. Dass der Laden schon Monate davor finanziell schwach aufgestellt war und wohl eher deswegen schließen musste, erfuhr man dann später. Genauso wie dass es sich bei denen, die den Shitstorm losgetreten hatten, mitnichten um Antideutsche handelte. Was nun genau dazu geführt hat, dass der Laden nicht lief: Wer weiß. Was aber zu dem virtuellen Antifa-Shitstorm geführt hat, wurde in allen Artikeln – und beinahe alle regionalen wie überregionalen Zeitungen, Welt, SZ, Zeit, Freitag, Stern und andere schrieben über dieses Thema – nur halb erwähnt: Zwar erwähnten alle, dass der Laden auf Facebook angegangen und für seine „Rechtsoffenheit“ kritisiert wurde, nachdem er eine Veranstaltung ankündigte, bei der der D. C. Miller, der zum Dunstkreis der Alt-Right gehört, über Julius Evola, der eben nicht nur Esoteriker, sondern auch Faschist war, sprechen sollte. Manche Artikel erwähnten sogar noch, dass das Topics schon zuvor – übrigens ohne weitere Protestaktionen oder ähnliches, soweit mir das bekannt ist – „rechtsoffene“ Veranstaltungen, z.B. mit jemandem aus dem Umfeld der „Jungen Freiheit“ durchgeführt hatte. Niemand, selbst die nicht, die den ursprünglichen Shitstorm-Auslöser, einen Facebookpost von „TOP B3rlin“, zitierten, erwähnte, in welchem Kontext dieser Boykottaufruf stand, der Wortlaut des Facebookposts war:

„Seit über drei Monaten erlebt Neukölln eine rechte Anschlagserie. Ein Höhepunkt war als Nazis versucht haben das k-fetisch anzuzünden, was glücklicherweise nicht funktioniert hat.

Und nun soll ausgerechnet ein paar Meter weiter, im Buchladen Topics Berlin, am Donnerstag ein Vortrag stattfinden, der Julius Evola (Faschist, intellektueller Stichwortgeber für italienische Nazis und die Neue Rechte) als “complex, misunderstood and increasingly powerful thinker” darstellen soll.

Also trommelt alle eure Punkerfreunde und ihre Hunde zusammen und schaut am Donnerstag mal bei diesen Eso-Hipstern vorbei.“

Tatsächlich schaute niemand bei den „Eso-Hipstern“ vorbei, und selbstverständlich ist so eine Drohung indiskutabel. Es gab einen Shitstorm auf Facebook. Das wars. Schlimm genug vielleicht. Aber bemerkenswert war es doch: Wie in all den vielen Artikeln über die Schließung des Topics konsequent ignoriert wurde, dass der Anlass für den Facebookpost nicht schlicht irgendeine potentiell rechtsoffene Veranstaltung war, sondern: Diese Veranstaltung im Kontext der bereits seit Monaten andauernden Anschlagserie durch rechts.

Diese Anschlagsreihe, die nun schon ein Jahr andauert und zumindest von der regionalen Polizei, wenn schon nicht von der überregionalen Presse, ernst genommen wird, hat bislang nur dann wirklich ihren Weg in eben diese überregionale Presse gefunden, wenn Stolpersteine gestohlen wurden. Immerhin dann, das ist ja wohl auch das Mindeste. Es gibt nur wenige Ausnahmen, beispielsweise einen Artikel in der Stuttgarter Zeitung oder einen Beitrag beim Deutschlandfunk, soweit ich das sehe, fehlen all die großen Zeitungen, die sich alle wortreich zur Schließung des Topics äußerten.

Zu dieser Anschlagserie gehören auch zwei Angriffe auf eine andere Buchhandlung: Das Leporello. Erst wird das Auto des Betreibers angezündet, dann werden die Scheiben des Ladens eingeworfen. Das war im Dezember 2016/Januar 2017. In der Nacht vom 31.1. auf den 1.2.2018, ist erneut das Auto des Buchhändlers angezündet worden, ebenso wie das Auto eines Politikers der Linken, man geht erneut – wie in der ganzen Anschlagsreihe – von mutmaßlich rechten Tätern aus, gefasst sind diese aber nicht. Ist das der Grund dafür, dass dieser Fall anscheinend überregional die Presse kaum interessiert, jenseits der linken Presse (TAZ, neues deutschland, Jungle World)? Das ist für mich wirklich eine offene Frage: Wie kann es sein, dass der eine Buchladen (Topics) überregional zum Thema wird – wegen eines linken Online-Shitstorms – und der andere Buchladen (Leporello) ein regionales Problemchen bleibt, trotz ganz realer Übergriffe von rechts? Die Süddeutsche veröffentlichte wenigstens die dpa-Nachricht. Der Spiegel berichtete immerhin mit einem kurzen Artikel. Der Focus mit einem längeren. Ansonsten weithin: Relatives Schweigen, einige überregionale Zeitungen teilen nicht einmal die entsprechenden Agenturmeldungen, die WELT teilt diese erst am 5.2.2018. Überregionale Zeitungen, die die Sache für wichtiger halten, als gerade mal wichtig genug, um eben die Agenturmeldung weiterzugeben, sind eben selten.

Wie genau kann es sein, ich schweife kurz ab in den Bereich journalistischer Berichterstattung im Allgemeinen, dass ich in jeder großen Zeitung seit Monaten detailreiche Homestorys über die Rittersleut zu Schnellroda lesen kann, zuletzt über Ellen Kositza in der ZEIT, die einfühlsam, nahezu sympathisch und völlig unanalytisch dargestellt wurde, als wären ihre Bemerkungen über Dressurreiten nicht eine Steilvorlage zur Analyse ihrer Person auf die Frage hin, wie viel autoritäre Persönlichkeit in ihr steckt? Wer diesen Artikel gelesen hat, denkt doch danach im schlimmsten Fall „Ach, die Kositza, mag’s eben ordentlich, bäckt gerne Brot und liest ein gutes Buch.“ Dabei ist dieses Schwärmen für die Einheit von Befehl und Gehorsam mitnichten einfach Ausdruck ästhetischer Vorlieben für „Formstrenge“, sondern meinem Eindruck nach Ausdruck einer autoritären Persönlichkeitsstruktur, und wer sich mal in Adornos „Studien zum autoritären Charakter“ den Typ „Spinner“, der dort beschrieben wird, ansieht, wird noch weitere interessante Parallelen finden: Typischerweise werden vom „Spinner“ die anderen Leute als einfältige Schwätzer abgetan, weil sie keinen gesunden Menschenverstand haben, typischerweise hält sich der „Spinner“ für intellektuell überlegen, er will „Eindruck machen“, typischerweise isoliert sich der „Spinner“ von der Gesellschaft, hat ein „pathologisches Gefühl innerer Überlegenheit, als gehöre er einem geheimen Orden an“, so Adorno. Man könnte das alles durchanalysieren oder eine solche Homestory einfach einen Experten aus der Populismus- oder Extremismusforschung schreiben lassen. Aber zumindest hinter die analytischen Ergebnisse zu solchen Persönlichkeiten aus der Mitte des letzten Jahrhunderts zurückfallen sollte man vielleicht nicht. Und wenn man weiß, dass ein Kernmerkmal der Neuen Rechten das Übertragen von „linken“ Konzepten nach „rechts“ ist, muss man vielleicht nicht auch noch bereitwillig mithelfen, indem man Kositza irgendwie zu einem Beispiel für rechten „Feminismus“ (welche Bedeutung hat denn dann dieser Begriff, wenn er offensichtlich nicht mehr emanzipatorisch zu denken ist?) macht und in der Überschrift „nebenbei: knallrechts“ schreibt, sich also ein Zitat von ihr aneignet, mit dem suggeriert wird, das wäre irgendwie eine Eigenschaft neben anderen – Pferdeliebe, Spazierengehen, Haare blondieren. Ich bin gar nicht grundsätzlich dagegen, auch mal über solche Leute zu berichten, sie und ihr Weltbild verstehbar zu machen – aber ob diese Leute wirklich so viele so lange Artikel bekommen müssen, ob „verstehbar“ nicht auch analytischer ginge, da habe ich doch meine klaren Zweifel.

Und warum lese ich keine Homestorys über Buchhändler, die seit über einem Jahr trotz Angriffen und trotz des Gefühls, beobachtet zu werden, sich weiterhin trauen, sich klar gegen Rechts zu positionieren? Die würden mich nämlich mehr interessieren: Leute, die den Mut haben, für das zu stehen, was sie für richtig halten, sofern das, was sie für richtig halten, nicht die Abwertung von Menschen beinhaltet. Jedenfalls würde mich das deutlich mehr interessieren als raunende Ziegenhirten aus dem Hinterland. Warum kann ich nicht einmal breiter etwas darüber erfahren, wie es zu dieser Anschlagreihe kam und warum gerade dieser Buchladen so massiv von ihr betroffen ist? Das würde mich nämlich wirklich interessieren. Es muss doch da Hintergründe geben, die erzählenswert wären. Ich wohne halt nicht in Berlin, ich kann nicht mal eben hingehen und mir die Sache anschauen. Ich bin darauf angewiesen, dass andere recherchieren und dann fundiert darüber schreiben.

Ich weiß nicht, warum Journalismus manche Debatten so hochkocht und andere so liegen lässt. Haben Berliner Publizisten Angst, selbst Angriffsfläche für rechte Übergriffe zu werden, wenn sie darüber schreiben, ist das der Grund? Ich weiß nicht, ob Verteilung dessen, worüber gesprochen wird und worüber nicht, mit Macht zu tun hat, dazu habe ich zu wenig Einblick. Ich weiß nicht, ob es mit persönlicher Betroffenheit zu tun hat, möglich scheint es schon, aber auch um das beurteilen zu können, fehlt mir die Kenntnis über Netzwerke. Von außen betrachtet sieht das agenda setting ehrlich gesagt eher recht kontingent und mitunter – vor allem wenn es um die Debatten der letzten Wochen und Monate geht – , und mir ist klar, dass ich nun auch unsachlich werde: eher nach einer betrunkenen Wirtshausschlägerei aus, bei der dann doch noch jeder auch nochmal mitmischen will: Einer brüllt los und dann denken alle anderen, dass sie mitbrüllen müssen. Diese Frage könnte man ja mal stellen: Wie nahe sind manche Debatten und Debattenbeiträge, was ihre Dynamik, ihre Psychologie und ihre Aufmerksamkeitsökonomie angeht, inzwischen eigentlich vereinzelt schon am Shitstorm? Muss man sich manche Dynamiken, auch hinsichtlich der Gefahr, die von der Personalisierung von Sachfragen ausgeht, nicht vor Augen halten, um eine gewisse Debattenkultur zu erhalten (oder mancherorts: überhaupt erst herzustellen)? Was verändert das Internet mit seinen Wegen und Möglichkeiten der Aufmerksamkeitsgenerierung und Informationsdistribution schleichend (?) im Journalismus? Und das ist eine Frage, die ich mir selbst schon auch stellen muss, klar, denn im Gegensatz zum Journalismus schreibe ich vom Netz aus. Aber ich stümper hier ja auch nur so rum.

Und, zudem: Warum kommt es zu überregionaler Presse-Erregung mit schöner Regelmäßigkeit dann, wenn man „Linken“ nachweisen zu können meint, sie wollen die Meinungsfreiheit beerdigen und abweichende Meinungen mundtot machen (unabhängig davon, ob nun eine Wand in Berlin gestrichen, ein Buchladen in Berlin geschlossen oder ein Bild in Manchester abgehängt werden soll – ohne abzustreiten, dass hier kritischer Diskurs dringend notwendig ist), und eben nicht im Fall der rechten Übergriffe in Neukölln, wo „Rechte“ die Meinungsfreiheit bedrohen? Ich fände es ja schön, wenn Meinungsfreiheit ein Wert an sich wäre, nicht ein relativer Wert, der nur in Abhängigkeit davon, wer sie bedroht, Bedeutung erhält.

Wäre ich Journalist/Publizist, hätte ich ein Medium mit einer gewissen Reichweite und käme ich aus Berlin, wüsste ich im Moment, wo ich hingehen wollen würde, worüber ich recherchieren, mit wem ich reden wollen würde. Jedenfalls nicht mit jemandem aus Schnellroda. Irgendwo habe ich vor ein paar Wochen mal so ein Brecht-Zitat gelesen, keine Ahnung, in welchem Kontext, aber in dem Zitat ging es darum, dass in finsteren Zeiten ein Gespräch über blaue Blumen* ein Verbrechen sei. Ich weiß nicht, ob das so ist. Aber in Zeiten, in denen ganz real das Auto eines Politikers der Linken und das Auto eines Buchhändlers brennen, und das zum wiederholten Mal, ist möglicherweise ein ausuferndes Gespräch über die politische Haltung eines Theaterkritikers nicht ein Verbrechen, aber vielleicht nicht das Erste, was mir einfiele.

*(weil manche fragen: könnte Absicht sein, ja; aber wenn man den Gag erklären muss, war er wohl einfach schlecht – zu spät, jetzt ist es so)

(Beitragsbild: Adriaen Brower – Peasants Fighting)

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Im Schlack der Genres. Über Pascal Richmanns Debüt „Über Deutschland, über alles“

Zuerst: Selten habe ich ein durchgängig so nerviges Buch gelesen, selten einen Autor mit mehr Eifer als Unsympathen und Schwadroneur verflucht. Zugleich waren wenige Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe, so umsichtig, clever und spitzfindig wie Über Deutschland, über alles, das Debüt von Pascal Richmann. Gleich auf der ersten Seite des gattungslosen Buches wird erwähnt, um was es gehen soll: Es werde der Plan verfolgt, „deutschkrümelnder Idiotie in die Schnitte zu spucken“. Nichts leichter, nichts schwieriger als das.

ÜDÜA liefert uns hierfür eine Wander-, Lektüre- und Ideenbiographie. Wie bei einem Kontextschlucker wird vieles, was der 1987 geborene Richmann seit ca. 2014 mitbekommen hat, in den Text gepresst. Jonathan-Franzen-Lektüren, Reise-Szenerien, Nachrichten, Gespräche mit Freunden und Familie – alles findet in diesem Buch auf eine erstmal unkoordiniert wirkende Weise zusammen. Angereichert ist das Material mit Belesenheitszitaten von Heinrich Heine über Marc Augé und Max Brod bis hin zu Houston Chamberlain; geographisch verstreut spielen die Episoden mal in Büsum, mal auf Palma, oft im Ruhrpott, natürlich in Berlin.

Gerade gibt es ja ausreichend viele offene Diskurswunden, an denen man der „deutschkrümelnden Idiotie“ ansichtig werden kann. PEGIDA-Proteste, Burschi-Treffen, Nazi-Hooligans, NPD- und AFD-Funktionäre, Münchner Löwenbräukeller – bei allem will Richmann dabei sein, zu allem verlangt er sich einen Kommentar ab. Auch deswegen ist das Buch perspektivisch so hibbelig, so rastlos unterwegs und ständig auf der Hut sowie auf der Suche – schließlich will es in beachtlicher Maßlosigkeit „über alles“ Auskunft geben. Es ist letztlich ein Batzen Disparates, das nur einen Kitt kennt: die präzise, rhythmisch gnadenlos gut austarierte Sprache Richmanns.

Die pointierte szenische Beschreibung in einer Kneipe liegt ihm ebenso wie die (fiktive?) Schilderung von Holger Apfels Lebensweg, von der Jugend über die Anfänge bei der NPD bis hin zum schnapsdiplomierten Wirt auf Mallorca. Dazwischen wechselt Richmann immer mal wieder in den Phrasen- und Analysemodus: „Aber die Aufgeladenheit der Dinge entsteht eben aus den Koordinaten ihrer Geschichte und der Gegenwart daraus folgender Embleme.“

Und genau das ist die semiologische Schicht, die in diesem Buch alles und jeden überlagert: Die Zeichen sind relevanter als das jeweils Bezeichnete. Die pop-kulturellen, redundant symbolischen und in Film und Büchern motivisch recycelten Bilder vom Deutschen sind eingängiger, sind „vorhandener“ als die tatsächlich umherlaufenden Deutschen. In dieser Logik lassen sich ausschließlich Klischees ausmachen. Jedes Phänomen ist längst zum medial etablierten und distribuierten Stereotyp seiner selbst geronnen. Die beige gekleideten Rentner, die hartgekochte Eier im IC aufschlagen, es gibt sie – und nur sie.

Mit dieser Brille läuft der spottaffine Richmann durch Deutschland und findet nichts als zeichenhaft modellierte Typen von Menschen vor, die in die Realität abgepaust wurden. Kichernde Damen, die sich unbekümmert Bunkeranlagen an der Nordsee anschauen; eimersaufende Junggesellen mit hummerfarbener Haut auf Mallorca; Burschenschaftler, die in voller Montur durch Eisenach ziehen und von reiner deutscher Abstammung sprechen. Als Merksatz wird uns in der letztgenannten Szene dann auch mitgegeben: „Ein Schmiss kann eben nichts anderes mehr sein als das Zitat eines Schmisses.“ Und später ist in Bezug auf Helmut Kohls Sohn davon die Rede, er erschaffe sich sein „eigenes Simulacrum“.

Unerhörtes lässt sich also gar nicht mehr entdecken. Der Nazi ist immer schon sein eigenes Zitat, Deutschland bevölkert von Nazitaten. Ob hinter und unter diesen Karikaturen womöglich etwas Ungeahntes liegt, ob es nicht Aufgabe der Literatur ist, einen Mehrwert abseits der stereotypischen Farce zu entdecken – an der Beantwortung dieser Fragen hegt das Buch kein Interesse. Es geht vielmehr darum, wie sich im Jahr 2017 in Deutschland überhaupt noch über Deutschland im Jahr 2017 schreiben lässt. In diesem Sinne will ÜDÜA auch keine neuen Einsichten in das neurechte Phänomen und dessen Denktraditionen liefern. Wer auf gut aufbereitetes Wikipedia-Wissen steht, wird dennoch fündig: die Nibelungensaga, die gefälschten „Protokolle der Weisen von Zion“, Migrationsbewegungen italienischer Wanderarbeiter, die in Wolfsburg enden – „alles“ findet in historischen Referaten Erwähnung.

Erst durch die Weise, wie der Autor Spracharbeit und Genrewahl miteinander verknüpft, gewinnt das ausufernde Buch an Profil. Denn Richmann weiß, dass er blass bliebe, wenn er nur in einem Genre schriebe. Für eine Reportage etwa ist der Sound zu selbstverliebt. Hier kümmert sich jemand zuallererst um sich und seinen Stil, um durch ihn hindurch Land und Leute zu beschreiben. Es geht dem Text nie darum, uneigennützig sein Gegenüber in den Blick zu nehmen, den Platz leerzuräumen, damit etwas anderes zur vollsten Darstellung gebracht wird. Stattdessen wird die eigene Sprachraffinesse erprobt:

„Ohne Leine, denke ich, sind wir alle Blondis Welpen, aber dann öffnet sich eine Schneise in unserer Kolonne, die Polizisten winken, raus oder rein, soll das wohl bedeuten, und mit einem Mal bin ich draußen, wir ziehen ohne mich weiter. Und weil ich es nicht aushalte, und auch um ein bisschen Buße zu tun, ja wirklich, ich fühl mich ganz schlecht, kehre ich ein, setze mich an einen Tresen und bestelle ein Mettbrötchen mit Zwiebeln.“

Die knapp 300 Seiten stecken voller Manierismen, die richtig gut nerven, Nullsätze wie: „Zum Frühstück biss ich in einen Boskop“, Binärformulierungen wie „glühende Geranien hin, lodernde Markise her“, hineingeworfene Floskeln wie „na klar“. Wäre ÜDÜA aus Uneinsichtigkeit doch eine Reportage geworden, so hätte es sich als überheblicher Epigone von Deutschboden disqualifiziert.

Dasselbe gilt für das Genre des Romans: Eine Deutschland-Vermessungsgeschichte in makellos ein- und anstudierter Prosa – das will doch keiner mehr lesen. Wer braucht denn noch diese sattsam kaputten Protagonisten, die auf Sylt Jever trinken, um dann die kreuz und quer vor sich hinsiechende deutsche Üblichkeit zu kartographieren? Und wer will sie lesen, die x’te abgefuckte Episode auf einer Mittelmeerinsel, wie sie in Faserland, wie sie in Rave erzählt wird? Hätte sich ÜDÜA diesem Trug hingegeben, es wäre, „na klar“, ein flotter, okayer Gegenwartsroman geworden, der sich nicht hätte lösen können vom Schatten seiner Prosa-Vorfahren.

In diesem Schlamassel steckt Richmann mit seinem „Gefühl, dass die deutschsprachige Literatur tot“ sei, stecken die Jung-Schriftsteller, all die Ambitiösen, die aus Schreibschulen, Agenturen und Dachkammern auf den Markt kullern und mit gierigen Augen auf das 2017-Deutschland schauen, das der literarischen Erfassung harrt. Aber viele Genres sind verschlackt, viele Positionen bezogen und breitgetreten. Um alles richtig, das heißt: nichts wie alle anderen zu machen, erschreibt sich Richmann eine Hybridform, ein mäanderndes Textding zwischen Essay für Das Wetter, Referat im Proseminar „Völkischer Sprach- und Körperdiskurs um 1900“, Ego-Gegenwartsprosa und Seite-Drei-Reportage.

Zudem ist dem Text das Wissen eingeschrieben, ebenfalls Zitat zu sein, eine Persiflage auf den Reportage-Modus, ein deutsches Erkundungsstück, das die bittere ironische Pille geschluckt und verdaut hat, selbst nur mehr längst antrainierte und wohlbekannte Attitüden, Beschreibungsmuster und Bewertungskategorien zu wiederholen. Auch der in Hildesheim ausgebildete Autor tritt demgemäß immerzu als die Farce seiner selbst auf. Zugleich sträubt sich ÜDÜA dagegen, bloße Redundanz zu sein – und versucht wehrhaft, den ganzen Diskursspiralen doch noch irgendetwas Zusätzliches, etwas Eigenes aufzusetzen.

Diese Mischung macht dieses Buch in all seiner Prägnanz und Penetranz aus. Die Frage aber bleibt, zu welchem Ende all diese Schreib- und Denkmühe aufgeboten wurde. Geht es hier tatsächlich um eine Annäherung an Deutschtümelei, darum, zu verstehen statt zu verachten? Oder will sich hier ein angehender Autor ein möglichst beeindruckendes Portfolio zusammenstellen? Auf jeder Seite eine Pointe, in jedem Absatz ein Stiltrumpf?

Letzteres ist Richmann gelungen; auf sein nächstes Buch bin ich jedenfalls sehr gespannt. Wenn ihm aber tatsächlich daran gelegen war, den grassierenden Rechtsruck in einer sozio-topographischen Studie zu suchen, zu finden und sprachlich zu „dekontaminieren“ (das Verb kommt gleich an zwei Stellen vor), dann ist ÜDÜA ein konzeptueller Fehlgriff. Denn hierfür ist das Buch viel zu narzisstisch, viel zu eitel und sprachverbohrt. Näher an Land und Leute führt es jedenfalls nicht heran. Zu beschauen ist stattdessen ein muskelzerreissender Spagat: Hier empfiehlt sich ein verquerer, widerborstig-kluger Kopf, indem er ein so zugepropftes Debüt vorlegt, dass man es irgendwann genervt beiseitelegt und in entfachter Neugierde darauf wartet, was sein Autor im zweiten Buch anstellen wird.

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Die Schrulle hat System. Über Francis Neniks Roman “Die Untergründung Amerikas”

Ein Buch nicht zusammenfassen zu können – das deutet meistens auf eine zähe Lektüre hin, auf eine klobige, verfahrene Geschichte. Mitunter kann die Unmöglichkeit, einen Text zu paraphrasieren, aber auf dessen beharrliche Eigenwilligkeit hindeuten, auf das Hirnrissige und heillos Eigenartige eines Buches. „Die Untergründung Amerikas“ von Francis Nenik ist glücklicherweise letzterer Kategorie zuzuschlagen.

Die Protagonistin heißt Amanda Hollis, eine frisch graduierte, kauzige und einsame Bibliothekswissenschaftlerin, die 1963 in Harvard als Archivarin eingestellt wird. Sie arbeitet in der Nathan Pusey Bibliothek, „einem vierzig Fuß tiefen Loch im Boden, das außen mit Beton ausgekleidet und innen mit Büchern und Akten vollgestellt war. Es war ein Ort, an dem kein Sonnenstrahl die Verblichenen traf und kein Feuerball die Lebenden verbrannte.“ Dort soll Hollis den Nachlass des längst vergessenen und ebenso kauzigen Bibliothekars William Croswell aufarbeiten.

Tatsächlich steht dieser archivarische Raum im Mittelpunkt der erzählerischen Aufmerksamkeit, genauer: die Idee, durch die diesem Raum Nutzen und Wert zukommt. (Schneller Lesetipp: In seinem Erzählbericht „Die amerikanischen Archive“ verfolgt Norbert Gstrein ein ganz ähnliches Projekt.) In ihrer ritualisierten Essenspause steigt Hollis eines Tages in den Keller der Bibliothek hinab. Dort vernimmt sie eine Stimme aus einem Abluftrohr. Zuerst ist sie irritiert, dann interessiert, und so lauscht sie dem, was die Stimme ihr freimütig mitteilt: dass Amerika in größter Gefahr sei, dass mongolische Würmer das Land bedrohten und dass eine Verschwörung bald zutage träte.

Das Buch ist quirlig und hanebüchen, nach spätestens vierzig Seiten gibt man es auf, alles bis zum letzten Deut behalten und nachvollziehen zu wollen. Auf die Würmer folgt nämlich ein Reigen an Figuren und Gegenständen aus unterschiedlichsten Zeiten: ein Mönch namens Giovanni de Plano Carpini, ein zwielichtiger Antiquar namens Enzo Ferrajoli, originale und gefälschte Weltkarten aus früheren Jahrhunderten, ein verschwundener Kronleuchter, ein Hausmeister namens Dick Walrus, „an ein Rumpelstilzchen“ erinnernd, „das sich in der Zeit und im Raum geirrt hatte.“

Von allem eben Genannten erzählt die unbekannte Stimme, und Amanda – gute Archivarin, die sie ist – fragt nach, notiert sich Details, zieht Querverbindungen und beschreibt eifrig Katalogkarten. Was hat ein Hand-Symbol in irgendwelchen Tagebucheinträgen mit einer antiken Schreibmaschine zu tun? Wohin weisen all die Verweise? Gibt es überhaupt eine Zielgerade?

Man weiß es nicht, und genau hier beginnt die frohe Arbeit. Endlich ist Hollis’ Kompetenz gefragt, hierfür hat sie studiert, hierbei findet sie zu sich: die Welt ordnen, die Dinge beschriften, sie einfügen in ein großes Narrativ, in dem jedes Teil seinen Beitrag leistet für die große ganze Sinnhaftigkeit. Im Zentrum dieser enzyklopädischen Bemühung steht die sogenannte „Vinland-Map“, eine tatsächlich existierende Karte, die beweisen soll, dass die Wikinger den amerikanischen Kontinent lange vor Columbus entdeckten.

                                                 Die sog. Vinland-Map

Der Text bietet kein Aperçu über eine Individualgeschichte samt psychologischen Finessen und subjektivistischen Belangen, er gibt sich selbst nicht einmal eine Gattungsbezeichnung. Vielmehr ist Neniks Werk Archivtheorie, historiographische Reflexion und Medienanalyse zugleich. Die Handlung selbst ist wenig mehr als das Alibi, das vorgebracht wird, um zu verhindern, dass die Leserschaft Verdacht schöpft bzw. Langeweile und Überdruss verspürt. Das funktioniert über weite Strecken auch deswegen, weil Neniks Sprache bemerkenswert präzise, schlau und kühn ist. Das Tempo stimmt, die Bilder passen, die Pointen sitzen: „Sein Gesicht war groß und rund, und darin lagen die braunen Augen wie Rosinen in zähflüssigem Teig.“

Neniks eigentliches Interesse liegt darin, zu schauen, wie sich alles verschraubt, wie das Schreiben von Literatur, das Archivieren von Geschichte und das Nachdenken über Vergangenheit zusammenwirken. Die gravitätische Mitte dieses rücksichtslosen und gerade deswegen so überzeugenden Projekts ist das Archiv, „ein Ort des ebenso systematischen wie unsichtbaren Erfassens, Erhaltens und Erhebens der ungebunden daherkommenden Reste einer Vergangenheit, die von der Gegenwart für alle Zukunft unvergänglich gemacht werden sollte“.

In der suchenden, lauschenden und katalogisierenden Amanda Hollis spiegeln sich dann auch viele andere wider, u. a. Leser und Figuren. Denn sie ist es, die stellvertretend für all jene steht, die immerzu versuchen, der Willkür ums uns herum zu entwischen. Um aufzuzeigen, wie unübersichtlich das Dort-Draußen ist, muss freilich zuerst eine verworrene Textwelt herbeigeschrieben werden, aus der heraus dann sortiert, eingeordnet und arrangiert werden kann. Das ist keine leichte Kost – und auf den knapp 250 Seiten werden der ermüdeten Leserschaft keine Zugeständnisse gemacht.

Am Ende steht natürlich keine letztgültige Klärung. Es wäre vermessen zu denken, alles ließe sich in Ordnung bringen. Die Wirren der Zeit fädeln sich weiter durch unsere Leben, und das archivarische Denken birgt keine Rettung – aber immerhin bietet es eine Handhabe, was möglich ist durch Denken und Schreiben, durch intellektuelle Bemühung also. Es gilt, Verweis um Verweis nachzugehen, Wort um Wort nachzuspüren, nicht um alles zu durchschauen, sondern um nur ein wenig mehr als rein gar nichts zu verstehen.

1 Kommentar

Baby, we’re the new (ultra)romantics (nur ich halt wieder nicht)

„Sobald man denkt, früher sei alles besser gewesen, wird die Gegenwart second hand und man selbst wird vintage – für Kleidung ist das okay, aber für Menschen nicht so toll.“ (Karl Lagerfeld)

Endlich gibt es wieder Überlegungen dazu, wie Literatur sein sollte. Ich frage mich ja schon ständig, wo die eigentlich bleiben, die großen literarischen Programme und Entwürfe der Gegenwart. Leider verstehe ich sie jetzt, wo sie anzurollen scheinen, nicht, denn leider fühle ich halt in der Regel eher nicht so viel, weil ich leider kein Herz habe. Und soweit ich das sehe, ist es vor allem das Bedürfnis nach mehr Gefühl, mehr Leidenschaft und weniger Distanz, die das Nachdenken über literarische Programmatik anleitet. Das ist ein Anliegen, das ich nicht teile (aber vielleicht überzeugt mich ja mal jemand?), hinzu kommt, dass ich vieles leider nicht verstehe, weswegen ich hier lediglich meine Bedenken zum Ausdruck bringen kann. So viel habe ich verstanden: Es geht oft um Bäume und Wälder.

Vor ein paar Wochen berichtete jedenfalls der Guardian über die Zombieapokalypse der Romantik in der deutschen Literatur: Ausgehend von Byung-Chul Han, Simon Strauß und Leonhard Hieronymis „Ultraromantik“ wird hier behauptet, die „Merkel generation” wäre „engaged in a controversial revival of romanticism“. Das ist so interessant wie verwirrend, und lustigerweise: in dieser Zusammenstellung so falsch wie richtig. (Byung-Chul Han werde ich im Folgenden ignorieren, da hier ja schon alles Wesentliche zu ihm gesagt worden ist.)

Ich bin mir sehr sicher, dass in diesem Artikel Ideen in einen Topf geworden werden, die eigentlich sehr deutliche Unterschiede aufweisen. Verbindend ist aber doch, und darauf möchte ich im Folgenden ein bisschen rumkauen, das selektive Anknüpfen an Element der Epoche der Romantik.

Interessant ist dabei zunächst einmal, dass – wenn dem so wäre, dass junge Autoren (ich sehe bislang hier nur Männer, rein deskriptiv, nicht wertend: daher hier maskulinum) hier wirklich sich unter das Dach „Romantik“ stellen – das wohl zum einen ein Zeichen dafür wäre, dass die Romantik jetzt wirklich tot ist, zum anderen dass es das erste Mal in der Literaturgeschichte wäre (oder übersehe ich etwas?), dass sich eine literarische Strömung bewusst nach einer Epoche benennt, die keine 200 Jahre rum ist und die eben nicht groß wiederentdeckt werden muss (wie die mittelalterliche Literatur durch die Romantik). Wenn dem so wäre, wäre es doch zunächst einmal sehr bedauerlich, dass sich junge Leute (mal so ganz mütterlich dahergemeint) nicht einmal die Prägung eines eigenen Begriffs zutrauen. Das Eigene, Neue, „noch nie Dagewesene“ traut man sich anscheinend nicht zu, man orientiert sich lieber zurück, in die Vergangenheit. Allein an diese kann man anknüpfen, aus dieser kann man Hoffnung schöpfen, nicht etwa aus einer auf die Zukunft gerichteten Utopie, auch nicht aus sich selbst, aus der eigenen Gegenwart.

Das ist denn wohl auch irgendwie typisch für eine Zeit, die zur Retrotopie neigt, in der Walter Benjamins Engel der Geschichte sich umgedreht hat: „Nunmehr kehrt er der Vergangenheit den Rücken und blickt entsetzt in Richtung Zukunft. Seine Flügel werden von einem Sturm nach hinten gedrückt, der einem imaginierten, antizipierten und vorauseilend gefürchteten höllischen Morgen entstammt und ihn unaufhaltsam auf das (im Rückblick, nach seinem Verlust und Verfall) paradiesisch erscheinende Gestern zutreibt.“ (Zygmunt Bauman: Retrotopie, S. 9). Wo die Gegenwart als unbefriedigend, die Zukunft als Alptraum erscheint, entstehen „Retrotopien“: „Visionen, die sich anders als ihre Vorläufer [die Utopien] nicht mehr aus einer noch ausstehenden und deshalb inexistenten Zukunft speisen, sondern aus der verlorenen/geraubten/verwaisten, jedenfalls untoten Vergangenheit“ (ebd., S. 13).

Kennzeichnend für die in die Vergangenheit verlagerte Utopie ist zudem eine selektive Erinnerungskultur (ebd, S. 19f.): Die Vergangenheit wird nicht mehr in ihrer Komplexität wahr- und ernstgenommen, es werden nur einzelne Elemente herausgegriffen. Und das passiert hier.

“’In Germany, we have a tendency to focus on romanticism’s perversion rather than its original promise,’ replied Strauss when confronted with the criticism. ‘But there was something powerful in the Romantic movement’s origins: an attempt to explore humanity in its inner form, to search inside ourselves for hidden currents. It was a rejection of uptightness and Biedermeier conformity.’ [hier kurz Verwirrung von meiner Seite aus: War Biedermeier nicht nach der Romantik? Habe ich da was verpasst, gibt’s da eine Theorie, die ich nicht kenne? ICH LIEBE (auch ohne Herz) THEORIEN!]

‘Romanticism should be like religion in that way: an individual affair, rather than the opium for the masses it became under National Socialism.’”

Natürlich ist die Perversion der Romantik aber in ihrem Ursprung selbst angelegt, das lässt sich ja nun schlechterdings nicht dadurch ändern, dass man es einfach ignoriert. Vielmehr wird man, wenn man die Perversion vermeiden will, diese sehr gut kennen und sehr ernst nehmen müssen. Gerade dann, wenn man es mit Demokratie und Europa und dem ganzen Kram ernst meint, was Strauß ja tut (ich sehe keinen Grund, das in Zweifel zu ziehen, auch wenn es dem Artikel zufolge ja Kritiker geben soll, die das tun). Man wird sich sehr genau überlegen müssen, bis wohin die Grenzen der Harmlosigkeit gehen und welche Geister man beschwört, bevor man sie dann am Ende nicht los wird (Maximal erwartbar jetzt, aber es gibt trotzdem keinen Grund, dahinter zurückzugehen: „Es gibt nichts Harmloses mehr. […] Noch der Baum, der blüht, lügt in dem Augenblick, in welchem man sein Blühen ohne den Schatten des Entsetzens wahrnimmt; noch das unschuldige Wie schön wird zur Ausrede für die Schmach des Daseins, das anders ist, und es ist keine Schönheit und kein Trost mehr außer in dem Blick, der aufs Grauen geht, ihm standhält und im ungemilderten Bewußtsein der Negativität die Möglichkeit des Besseren festhält. Mißtrauen ist geraten gegenüber allem Unbefangenen, Legeren, gegenüber allem sich Gehenlassen, das Nachgiebigkeit gegen die Übermacht des Existierenden einschließt.“ Minima Moralia, 5; Adorno mag ich übrigens da am liebsten, wo er albern ist, z.B. weil er wegen ein paar Studenten die Polizei ruft.).

Und nicht weniger selektiv ist die Erinnerungskultur der „Ultraromantik“ (von Leonhard Hieronymi, erschienen im Korbinian Verlag), wenn diese auch an und für sich eben nicht der Versuch ist, die Romantik als Epoche wiederzubeleben, und eben nicht von Zukunftsangst geplagt wird. Vielmehr will man hier lediglich die Leidenschaftlichkeit, die Empfindungen der Romantik wiederbeleben wider das gegenwärtig herrschende „inoffizielle Ekstaseverbot“ (S. 7), und diese verbinden mit Elementen des Science Fiction-Genres zu einer „romantische[n] Variante des Cyberpunk“ (S. 18). „Ultraromantik“ ist also keine Retrotopie, im Gegenteil: wenn man sich einen Satz wie „Die Gegenwart nicht zu wollen, muss bedeuten, der Zukunft eine Chance zu geben“ auf die Fahnen schreibt, dann richtet man durchaus seine Hoffnung auf die Zukunft. Wobei: Kann man bei „eine Chance geben“ wirklich von „Hoffnung“ sprechen? Wenn die Zukunft hier eine Chance haben soll, muss sie zumindest an die längst vergangene Vergangenheit anknüpfen. Man verklärt nicht eine vergangene Epoche im Ganzen, die man wiederbeleben möchte. Aber man greift eben selektiv Elemente aus dieser Epoche heraus, die man sich offensichtlich aus sich selbst, der Gegenwart oder vor allem: aus der Zukunft selbst allein heraus zu greifen nicht zutraut. Dass man darüber dann indirekt die Epoche der Romantik ebenso verklärt, wie wenn man sie zur Retrotopie gemacht hätte, liegt auf der Hand, schließlich findet hier auch keine kritische Reflexion des eigenen Vorgehens, der eigenen Auswahl statt.

Aber an Reflexion, insbesondere an theoretischer Durchdringung fehlt es ohnehin (pardon) – und gerade das ist sehr unromantisch, immerhin ist es gerade ein Kennzeichen der Romantik, tatsächlich die Kultur und Wissenschaft in all ihren Bereichen ergriffen und geprägt zu haben und nahezu übertheoretisiert gewesen zu sein. Dass das ignoriert wird, scheint dem geschuldet, dass es hier ja eben um eine Priorisierung des Gefühls geht, weswegen man vielleicht von vorn herein wenig Interesse an Theorie hat (dies ist eine Vermutung meinerseits, denn ich sehe in der „Ultraromantik“ keine Ebene theoretischer Reflexion und auch nicht das Streben, an theoretische Reflexion anzuknüpfen): Aber das ist dann eben vielleicht „Sturm und Drang“, aber eben nicht: Romantik, wenn es um die bloße Emphase geht. Dann hat man sich in der Epoche geirrt. Und das ist ein Einwand, den man nicht mit „wir wollen aber doch gar keine neue Periode der Romantik“ (vgl. S. 18) wegwischen kann, denn abgesehen davon, dass man sich hier in den eigenen Ausführungen widerspricht, wenn man anmerkt „[v]ielleicht ist die neo- oder neu-romantische Epoche der Literatur die sich im Aufbau befindliche aktuelle fantastische Literatur und heißt Ultraromantik“ (S. 21) und die „Ultraromantik“ damit eben doch zur Neu-Romantik macht, hat man sich nun einmal entschieden, sich im Namen selbst auf die Romantik zu berufen, und muss sich dann vielleicht doch die Frage gefallen lassen, ob man hier die richtigen Assoziationen gewählt hat.

Zudem: Über das selektive Herausgreifen einzelner Elemente der Romantik knüpft man hier nun eben nicht minder an auch die problematischen Elemente der Romantik an als oben benannt. Ohne Bedenken benutzt man hier wieder Begriffe wie „Wahrheit“, „Erleuchtung“, schreibt Sätze wie „Ein Wald ist nicht nur ein Wald, er ist immer auch das Konglomerat eines ganzen millionenjährigen Seelenlebens“ (alles S. 7), was voraussetzt, dass es Ganzheit, Kohärenz geben muss, ohne die es weder Wahrheit noch Ultra-Wahrheit gibt. Und in einer Welt der reflexiven Moderne im Sinne Ulrich Becks, in der der Mensch eben die Folgen seines Handelns weder vorhersehen, noch kontrollieren kann, indem vielmehr die Folgen des eigenen Handelns die Absicht des Handelns ständig unterlaufen (man will sauberen Strom und bekommt Tschernobyl), und in einer solchen Welt leben wir nach wie vor, kann es meiner Ansicht nach keinen Rückfall hinter Dürrenmatts Ausführungen in den „Theaterproblemen“ geben. Weil es keine Schuld, keine Verantwortung mehr geben kann, wo keiner mehr die Folgen des eigenen Handelns absehen kann. Und das kann nach wie vor nur im Bruch, in der Distanzierung dargestellt werden. Eine Literatur, die die Distanzierung im großen Gefühl aufheben statt ausdrücken will, harmonisiert über die Brüchigkeit der Welt hinweg und ist damit: Regress.

„Die Macht Wallensteins ist eine noch sichtbare Macht, die heutige Macht ist nur zum kleinsten Teil sichtbar, wie bei einem Eisberg ist der grösste Teil im Gesichtslosen, Abstrakten versunken. […] Sichtbar in der Kunst ist das Überschaubare. […] Sichtbar, Gestalt wird die heutige Macht nur etwa da, wo sie explodiert, in der Atombombe, in diesem wundervollen Pilz, der da aufsteigt und sich ausbreitet, makellos wie die Sonne, bei dem Massenmord und Schönheit eins werden. Die Atombombe kann man nicht mehr darstellen, seit man sie herstellen kann. Vor ihr versagt jede Kunst als eine Schöpfung des Menschen, weil sie selbst eine Schöpfung des Menschen ist. Zwei Spiegel, die sich ineinander spiegeln, bleiben leer. […] Die Tragödie überwindet Distanz. […] Die Komödie schafft Distanz […] Die Tragödie setzt Schuld, Not, Mass, Übersicht, Verantwortung voraus. In der Wurstelei unseres Jahrhunderts, in diesem Kehraus der weissen Rasse, gibt es keine Schuldigen und auch keine Verantwortlichen mehr. Alle können nichts dafür und haben es nicht gewollt. Es geht wirklich ohne jeden. Alles wird mitgerissen und bleibt in irgendeinem Rechen hängen. Wir sind zu kollektiv schuldig, zu kollektiv gebettet in die Sünden unserer Väter und Vorväter. Wir sind nur noch Kindeskinder. Das ist unser Pech, nicht unsere Schuld: Schuld gibt es nur noch als persönliche Leistung, als religiöse Tat. Uns kommt nur noch die Komödie bei. Unsere Welt hat ebenso zur Groteske geführt wie zur Atombombe, wie ja die apokalyptischen Bilder des Hieronymus Bosch auch grotesk sind. Doch das Groteske ist nur ein sinnlicher Ausdruck, ein sinnliches Paradox, die Gestalt nämlich einer Ungestalt, das Gesicht einer gesichtslosen Welt, und genau so wie unser Denken ohne den Begriff des Paradoxen nicht mehr auszukommen  scheint, so auch die Kunst, unsere Welt, die nur noch ist, weil die Atombombe existiert: aus Furcht vor ihr. Doch ist das Tragische immer noch möglich, auch wenn die reine Tragödie nicht mehr möglich ist. Wir können das Tragische aus der Komödie heraus erzielen, hervorbringen als einen schrecklichen Moment, als einen sich öffnenden Abgrund, so sind ja schon viele Tragödien Shakespeares Komödien, aus denen heraus das Tragische aufsteigt. Nun liegt der Schluss nahe, die Komödie sei der Ausdruck der Verzweiflung, doch ist dieser Schluss nicht zwingend. Gewiss, wer das Sinnlose, das Hoffnungslose dieser Welt sieht, kann verzweifeln, doch ist diese Verzweiflung nicht eine Folge dieser Welt, sondern eine Antwort, die er auf diese Welt gibt, und eine andere Antwort wäre sein Nichtverzweifeln, sein Entschluss etwa, die Welt zu bestehen, in der wir oft leben wie Gulliver unter den Riesen. Auch der nimmt Distanz, auch der tritt einen Schritt zurück, der seinen Gegner einschätzen will, der sich bereit macht, mit ihm zu kämpfen oder ihm zu entgehen. Es ist immer noch möglich, den mutigen Menschen zu zeigen.“ (Friedrich Dürrenmatt: Theaterprobleme, S. 44-49; ja, ich musste das so lange zitieren.)

Wer an die großen Kohärenzen der Romantik anknüpfen will, wird sich nicht nur die Frage gefallen lassen müssen, ob er damit der Gegenwart gerecht wird, die eben nicht kohärent ist, sondern muss sich auch die Frage stellen lassen, ob die Annahmen einer romantischen Ästhetik harmlos sind. Ich bin mir ehrlich nicht sicher, wie die „Ultraromantik“ sich zu diesen Fragen verhalten möchte, aber vielleicht erfahre ich das ja irgendwann. Vielleicht auch nicht.

Und damit ist ja noch nicht einmal die Frage gestellt, die auch noch zu beantworten wäre: Zieht man sich hier nicht aufs Deutsch-Provinzielle zurück, bastelt man hier wieder seine eigene kleine deutsche Literaturströmung, die nichts mit Weltliteratur zu tun hat, weil diese aktuell ganz andere Themen, Probleme und Motive behandelt? Die deutsche Literaturgeschichte ist nicht eben reich an Weltliteratur, in der globalisierten Welt, in der wir leben, wird sich aber vermutlich noch weniger als in vorangegangenen Jahrhunderten ein literarisches Programm entwerfen lassen, das nicht einmal darüber nachgedacht hat, was eigentlich sonst so weltweit in der Literatur passiert (dass es vielleicht tatsächlich in Teilen der Alterskohorte der in den 1980ern Geborenen ein Bedürfnis nach einem Neuaufguss der Romantik geben könnte, kann durchaus sein, das möchte ich hier nicht in Abrede stellen – wenn ein Thema sogar Taylor Swift-fähig ist, ist es vermutlich auch mehrheitsfähig). Migration – und dieses Thema spielt als Migration zwischen den Planeten ja auch für eine ultraromantische Literatur, soweit ich das sehe, eine Rolle – ist seit einem Jahrhundert fortwährend Thema der Weltliteratur. Man wird nicht von „Heimat“ und „Sehnsucht“ schreiben können, ohne das bedacht zu haben, man wird in einer Zeit, in der „Heimat“ literarisch längst fluide geworden ist, nicht einfach fordern können, dass „eine Figur in einem ultraromantischen Werk […] niemals ihre Heimat“ leugnet (S. 18), es sei denn, man ignoriert völlig, dass diverse Figuren der Literatur im Zeitalter transkontinentaler Migration, in dem wir leben, nicht einmal wissen, wo genau „Heimat“ liegt. Und das hat nichts mit Leugnung sondern schlicht mit den Brüchen der Gegenwart (s.o.) zu tun. Leben ist heute halt urban, und man geht nicht mehr so oft rechtschaffen in Wäldern spazieren. Wenn man solche Dinge ignoriert, läuft man dann nicht Gefahr, die sehr provinzielle Literatur eines sehr sicher lebenden Milieus zu schreiben?

Die Gesellschaft der reflexiven Moderne ist eine Weltrisikogesellschaft (jaja, Beck wieder). Eine ultraromantische Literatur, die Elemente der Romantik (kann diese anders verstanden werden als technikkritisch?) aufgreifen will, sie mit Elementen der technikorientierten Science Fiction verbinden will und die „die Zukunft will“, wird, will sie an der Gegenwart nicht völlig vorbeigehen und bloßer Ausdruck von Emphase sein, bedenken müssen, dass Technik riskant, in ihrer Handhabung völlig kontingent und damit für viele Menschen eben eher ein Grund für Zukunftsangst als für Zukunftssicherheit ist.

Auch wenn Technikfolgenabschätzung heute unmöglich geworden ist, wäre der Verzicht auf den Versuch, die Risiken technischer Innovationen bei deren Entwicklung abzuschätzen, grob fahrlässig. Und genauso fahrlässig wäre doch ein selektiver Neuaufguss von Elementen der Romantik, die eben hier wie dort ihre Risiken in sich tragen, ohne ein genaues Wahrnehmen und Bedenken dieser Risiken. Wenn man so will, wünsche ich mich schlicht, wenn es stimmt, dass die Romantik derzeit von einigen jungen Autoren zu neuem Leben erweckt wird (aller hyperironischer „Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen“-Rhetorik zum Trotz; und pardon my Flachwitz, aber beim Autor/der Autorin des Hyperironie-Artikels wird demnächst vermutlich das 18. Jahrhundert anrufen, es will seinen Genie-Kult zurück; ich werde eben das Gefühl nicht los, dass man hier wirklich Sturm und Drang und Romantik verwechselt), dass Ästhetikfolgenabschätzung betrieben wird. Vielleicht ist die Romantik ja sogar irgendwie zukunftsfähig, keine Ahnung – aber ich fände es schön, wenn das ein bisschen genauer und weniger selektiv bedacht würde.

Und, nebenbei: Es ist mir schleierhaft, warum man, wenn man so unbedingt aus der Distanziertheit des Konstruktivismus hinaus möchte, wenn man wieder Ganzheit und Gefühl und Beziehung und all dieses Gedöns will, nicht an die eine allheilbringende Theorie, die doch längst auf dem Markt ist, anknüpft, die schon ständig in allen Disziplinen hoch- und runterrezipiert wird: Hartmut Rosa hat doch „Resonanz“ längst geschrieben. Warum entwickelt eigentlich keiner eine Poetik der Resonanz? Da könnte man auch ganz viel fühlen und hätte den theoretischen Firlefanz dazu schon. Die Ultraromantik hätte zwar Probleme mit ihrem Verlangen nach Schnelligkeit, ist doch Resonanz irgendwie das Gegenstück zu Beschleunigung, aber romantischer als bei Rosa wird es dafür vermutlich aktuell nicht mehr werden:

„Bringt man zwei Stimmgabeln in physische Nähe zueinander und schlägt eine davon an, so ertönt die andere als Resonanzeffekt mit. Wenn Subjekte also im Sinne der Leitthese dieses Buches auf Resonanzerfahrungen hin angelegt sind, so können sie darauf hoffen, als ›zweite Stimmgabel‹ von etwas Begegnendem zum Klingen gebracht zu werden – oder aber im Sinne der ›ersten Stimmgabel‹ so lange zu suchen, bis sie ›Widerhall‹ finden.“ (Hartmut Rosa: Resonanz, S. 211f.)

„Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.“

Die Welt als Klangschale. Aber die Theorie wird ja als der Ansatz gehandelt, um die Entfremdung der Spätmoderne zu überwinden, setzt also da an, wo man hier wohl analog ein literarisches Gefühlsdefizit wahrnimmt, und wäre wenigstens keine verkürzte Rezeption von einer vergangenen Epoche, die ja mit etwas, mit dem man hier heute gar nichts mehr am Hut haben zu wollen scheint, sehr viel anfangen konnte: Mit Distanzierung, mit Brechung, mit Ironie. Romantische Literatur ist voll davon, es wimmelt nur so von Spiegelungstechniken und mise en abyme. Romantik ohne Distanzierung ist keine Romantik, vermute ich. Habe ich schon angemerkt, dass ich glaube, dass man hier Sturm und Drang und Romantik verwechselt?

Aber was verstehe ich schon davon. Eigentlich verstehe ich weder das Anliegen von Strauß und/oder Hieronymi, noch ihre jeweiligen Ansätze. Und bei Hartmut Rosa habe ich auch meine Zweifel. Aber ich hänge halt auch noch am Absurden, am Grotesken, ich hänge immer noch an Dürrenmatt und am Konstruktivismus fest, vielleicht bin ich konservativ. Vielleicht liegt es daran, dass ich Theologin bin, und dann eh immer die Welt unter dem eschatologischen Vorbehalt stehen muss, so dass es nichts Ganzes geben kann (man muss ja immer seinen Sprechort klären). Vielleicht bin ich auch nur immer aus Prinzip dagegen. Wer weiß. Wie auch immer: Ich finde es schön, dass wieder literarische Programme entworfen werden, ich freue mich, wenn darüber wieder diskutiert wird. Das finde ich (ganz ironiefrei) sehr sympathisch, das zumindest wenigstens endlich mal ein paar Leute wieder was wollen. Auch wenn ich nichts davon verstehe. But the kids will have their say:

[Das Beitragsbild stammt von Thomas Claeys auf unsplash.com]

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Vernichten, verzehren, verramschen: Über den Umgang mit Text

Robert Musil, 1914: „Würde man in Kilometern Zeilenlängen oder Kilogrammen Papier ausdrücken, was allein in Deutschland jährlich veröffentlicht wird, sähe man ohneweiteres, daß man es mit einem der seltsamsten sozialen Gebilde zu tun hat. Denn es muß mit dem Leben des Lebens etwas nicht stimmen, wenn die Auswanderung auf das Papier so groß ist.“

Fellini, 8 1/2, 1963, ab 01:40:

Jürgen Ploog, 1991: „Aber das Wort zeigt eindeutig das einzig erkennbare Zeichen eines Virus: es ist ein Organismus mit keiner eigenen Funktion, ausser der, sich zu reproduzieren.“

Tom McCarthy, 2016: „And writing would be a material practice — which is why U [der Protagonist des Romans] is so obsessed with the spilled oil. Particularly that moment when the black oil hits the white snow is a beautiful moment for him because this is writing. This is the moment of writing; it’s ink polluting paper, or words marring the whiteness of a page. So it’s another messy, fluid, material process.“

Ein Text über Text ist ein schwieriges Unterfangen – und oftmals ein nerviges. Weil man sich selbst auf die Finger schaut, weil man mit jedem gesetzten Buchstaben bekümmert merkt, dass die betriebene Kritik auch und besonders auf die eigene Arbeit zutrifft. Zugleich entsteht hieraus ein rabaukiger Stolz, trotzdem zu schreiben, dennoch voranzugehen, als ließe sich das Dilemma wegschreiben, überwinden mit immer mehr Text, gerade in Zeiten der allerleichtesten Herstellung und Verteilung desselben. (Der Berg wächst, und keiner weiß, wie er zu besteigen ist.)

Die vier Zitate versuchen den Weg dort hinauf trotzdem vorzugeben: Es geht um den Exzess an Wörtern, darum, wie unlesbar viel Text produziert wird und wie wir damit verfahren. Ausblenden und Abschotten? Manisches Mehrlesen? Selektive Aufmerksamkeit? Mehr oder weniger Bookmarks? Seit die Franzosen mit ihren glitzernden Begriffsschleudern (Barthes: „Le plaisir du texte“; Derrida: „Il n’y pas de hors-texte.“) herumhantiert haben, ist die Vokabel Text extrem aufgeladen, zum Guten (als Instrument, um zu sehen, wie Bezeichnungen ablaufen) wie zum Schlechten (als willkürliche Vokabel für alles: die Welt als Text, die Fußballzweitliga als Text). Auch daran entzündet sich dieser Beitrag.

Die folgenden drei Beispiele zeigen, wie heute mit Text umgegangen wird, wie mit ihm gerungen wird, wie ihm als hypertrophes Zeichencluster Argwohn entgegengebracht wird. Bestenfalls kriegt man darüber einen Eindruck, dass es Tendenzen hin zu einer Unlust am Text gibt, die genährt wird durch Überfülle, Willkür und Bedrängnis. Gibt es so etwas wie ein Zuviel an Mitteilung, Erzählung und Zeichen?

1) Ein Jahr lang aß Jamie Loftus pro Tag eine Seite von David Foster Wallaces Infinite Jest. Das Video des Verzehrs stellte sie auf Youtube. Mal aß sie die Seite mit Senf, mal als Toastbrot.

Das rituelle Muster ist klar: die Hostie essen, um mehr als nur kognitiv teilzuhaben an der gemeinsam betriebenen Sache. Mundraum und Magendarmtrakt werden miteinbezogen, um diesem „masterpiece that’s also a monster“ (New York Times) endlich mal nahe zu kommen. Ein anderer Modus der Rezeption wird uns vorgeführt. Den wuchernden Text (1104 Seiten im Original!), den ich in all seinem wuselnden und hyperintelligenten Verfahrensein eh nicht verstehe, lese ich nicht mehr. Ich esse ihn, als Gegenmaßnahme und Wertschätzung zugleich. Das ist natürlich alles ein wenig zu arty und funny, um als einziger Theorieanlass herhalten zu können. Aber die Stoßrichtung ist klar: weniger Druckerschwärze, mehr Magensäure.

2) Zwischen März und August 2017 war der Twitter-Account burnedyourtweet aktiv. Jeder Tweet von Donald Trump wurde automatisch von einem Roboter ausgedruckt, mit einem Schwenkarm über ein Feuerzeug gehalten, um von diesem abgefackelt zu werden. Die verkohlten Papierreste fielen in einen Aschenbecher. Die automatisch aufgenommenen Videos der Textverbrennung wurden hochgeladen:

Die Reaktionen seitens der Twitter-Community fielen einhellig aus: “Awesome, with that afterglow at the end.” “More more more!” “This is so satisfying!” Einhellig sowohl in ihrer süffisanten Feier dieses Clous als auch in ihrer historischen Unachtsamkeit. Bücher, Seiten, Buchstaben verbrennen – war da nicht was? Nun, es geht darum, die tweet-gewordene Idiotie dieses Menschen aus der Welt zu schaffen – und sei es nur auf symbolische Weise. Wohl eher: gerade auf symbolische Weise. Die 36377 Tweets (Stand: 14.11.2017) von Trump werden eh in zig Clouds gespeichert, sie werden tatsächlich nie gelöscht werden können. Also verfährt man uneigentlich. (Eine andere Gegenmaßnahme, die aber die selbe Unerträglichkeit bekämpft, war letztens die Deaktivierung von Trumps Account durch einen aus dem Konzern scheidenden Twitter-Mitarbeiter.)

3) In Terry Pratchetts Testament wurde verfügt, dass alle Festplatten des Autors zerstört werden sollten – inklusive der dort abgespeicherten Manuskripte und Notizen. Ende August diesen Jahres war es soweit: Publikumswirksam fuhr bei einer Steam-Fair eine Dampfwalze über die Festplatten; später wurden die zerstörten Speichermedien stolz in die Kamera gehalten.

Es war wohl auch ein nostalgisches Unterfangen: Heute speichern Autoren und Autorinnen ihre WORD- und PDF-Dateien eh(er) in der Cloud ab. Auch wenn das Bild reizvoll ist: Mit einer Dampfwalze lassen sich die Wolken am Himmel nicht plattmachen. In diesem Sinne war der testamentarische Vollzug auch ein letzter materialistisch-martialischer Sieg gegenüber der Unsichtbarkeit und Ungreifbarkeit der zukunftsträchtigen Cloud. Noch haben wir die Verfügungsgewalt über unsere Texte. Noch können wir mit 10-Tonnern drüber preschen. Aber eigentlich wissen wir auch, dass dieser Zustand einem Ende entgegengeht.

Was die drei Beispiele zeigen: Die Lust am Text kippt leichthin in dessen Verweigerung, Tilgung und barbarische Zerstörung. Auch das sind Maßnahmen im Angesicht der Überfülle an Text und der dort allenthalben eingesetzten Bedeutung. Und so nimmt es nicht Wunder, dass man 2017 leichthin eine Passage aus Roland Barthes‘ „Le plaisir du texte“ (1973) nehmen, einfach ein paar Negationen dazwischen knallen kann – und alles perfect sense macht:

„Ich ignoriere, ja, verweigere die Sprache, weil sie mich verletzt oder verführt.“ … „Text der Unlust: der überfordert, stresst, Ärgernis erregt, der an eine unbehagliche Praxis der Lektüre gebunden ist.“ … „Es scheint eine Mystik des Textes zu geben. – Dagegen kommt alles darauf an, die Unlust am Text zu materialisieren, aus dem Text ein Hassobjekt wie andere zu machen.“

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Per Leo, Maximilian Steinbeis, Daniel-Pascal Zorn – Mit Rechten reden

Lass Vielposter in Ruh du kenns ihre stories net
(Jana Klein)

Vorweg: Jemand, der sich vor Bücherwänden fotografieren lässt, eine aufreizend überlange Dissertation geschrieben hat und verlangt, man möge sie lesen,* online einen hochfahrenden, fulminant selbstabdichtenden Habitus der Humorlosigkeit, Recht- und Vielzeithaberei kultiviert, ist niemand, den man gegen sich möchte – zumal, wenn er auch noch Jünger um sich sammelt und (etwas schwerfällige) Memes zum Einsatz für seinen Standpunkt produziert (bzw. produzieren lässt).

Seit Sommer 2016 habe ich es hier und da immer wieder grummeln gehört: Gegen den Zorn müsste man mal was machen! Es machte aber niemand was, weil sich keiner aufladen mochte, dass »der Zorn« auf Facebook endlos hinter ihm oder ihr herkommentiert oder halt sonst passiert, was eben passiert, wenn man sich mit ihm anlegt.

Andererseits: Ich soll hier ein Buch rezensieren. Vielleicht ist es ja auch gut, das Buch, und man muss gar nichts »gegen den Zorn machen«? Immerhin hat nicht nur ein namhafter Argumentationstheoretiker sein letztes Buch (Logik für Demokraten) unlängst beim Plausch nach einer Disputation hoch gelobt. Zudem hat Mit Rechten reden nicht »der Zorn« allein geschrieben, sondern mit ihm der einzige deutsche Erfolgsschriftsteller und »Schatullenproduzent« (Wikipedia), dessen Name kürzer ist als der von Juli Zeh, nämlich Per Leo (kein Pseudonym!?), und der klagenfurtgestählte Verfassungsjurist Maximilian Steinbeis.

Kurz gesagt: Es ist schwer, Mit Rechten reden (Klett-Cotta, 194 S.) zu lesen und dabei von Zorns nervtötenden Netzaktivitäten und dem Wunsch vieler, jemand möge ihm endlich eins auswischen, zu abstrahieren. Ich wollte es dennoch versuchen – falls das Buch gut ist, könnte das meinen Blick auf den Online-Zorn ja glückhaft verändern.

Im Vorfeld gab es schon um den Titel Aufregung. Wie im zweiten Kapitel erläutert (49), ist der nicht imperativisch zu lesen, was m.E. auch völlig auf der Hand liegt.** Bei einem Buch namens »Rassekatzen züchten. Ein Leitfaden« würde man auch nicht ohne Weiteres erwarten, dass dort möglichst viele zum Rassekatzenzüchten aufgefordert werden (allerdings auch keine Ablehnung des Katzenzüchtens). Schwieriger wird es mit der den Autoren anscheinend wichtigen Aussage, das Buch sei – obzwar »Leitfaden« und »Ratgeber« durchaus als Synonyme gelten – kein Ratgeber in dem Sinne, dass eine spezifische Zielgruppe bestimmte Handlungsanleitungen erhielte (11f.): findet sich doch bereits auf Seite 15 ein Satz, der impliziert, dass Leitfäden normalerweise eben Handlungsanleitungen enthielten; und hat doch das Buch auf dem Rücken die Frage »Warum und worüber und vor allem wie mit Rechten reden?« stehen, so dass, wer es liest, mit Recht erwarten könnte, entsprechende Anleitung zu erhalten. Wer weiß – möglicherweise ist das alles nur Teil eines großen Täuschungsmanövers, steht doch weiter hinten gar, dass es sich carrément um ein Buch für Rechte handle (158).

Wie auch immer: Das Werk enthält nur wenige Passagen, die man überhaupt als Handlungsaufforderungen für mit Rechten Redende lesen kann, so dass m.E. eine Diskussion darüber, ob es ganz allgemein das Reden mit Rechten gutheiße oder gar einfordere, überzogen ist. Sein Hauptgegenstand ist vielmehr, zu beschreiben, a) wie Rechte reden; und b) wie »die Linke« handelt. Dies alles in weitgehend unkonkreter Weise: Es gibt keinerlei Literaturnachweise und in vielem hält sich der Text im Allgemeinen oder lässt fiktive Rechte zu Wort kommen. Über weite Strecken gibt es sogar »multiple levels of indirection«, wenn etwa in ermüdender Ausführlichkeit erzählt wird, wie ein fiktiver rechter Informant bei einem fiktiven Gespräch den Autoren ein fiktives Theaterstück schildert, in dem »die Linke« als allegorische Figur auftritt, oder einen ähnlich allegorischen Traum über die Unterdrückungsängste Rechter (56–86).

Kernstück ist eine zwar mit wenig überzeugenden Analogien (die Verwendung von verschiedenen disparaten Kreismetaphern soll vermutlich kunstvoll wirken, trägt aber inhaltlich nichts bei) arbeitende, aber schlüssige Darstellung rechter Rhetorik im Allgemeinen (88–131), ergänzt um einige kurze exemplarische Besprechungen typischer Konfliktfelder (132–175; es geht um Flüchtlinge, Widerstandsrecht, Volksbegriff, Redefreiheit, Islam und Nationalsozialismus). Dabei wird überzeugend analysiert, was die rechte Sprechhaltung ausmacht: aggressives Einfordern, Beliebiges ohne Gegenrede behaupten zu können, und sofortiger Übergang zur Stilisierung als Opfer, wenn doch eine Gegenrede aufkommt. Die Themenanrisse machen die Schwäche dieses Gestus auf verschiedenen Feldern klar. Nichts davon ist neu, wenn man in den letzten zwanzig Jahren ein bisschen mit Metadiskussionen dazu zu tun hatte, warum bestimmte Diskutanten im Netz (»Trolle«, »Kooks«, »Flamer«) so anstrengend sind. Vermutlich hat es aber noch kein deutsches Sachbuch mit so hohem Profil zu genau diesem Thema gegeben.

Soviel also zum gar nicht so uninteressanten Inhalt. Es gibt nun drei große Einwände, die man gegen Mit Rechten reden erheben kann: gegen seinen Stil, gegen seine Prämissen und gegen die ihm zugrundeliegende Unterscheidung.

Zum ersten: Der Stil ist ohrenbetäubend überheblich, bemüht flapsig, aber leider durchweg völlig unlustig – »Die Frage hätte eigentlich einen dicken Wälzer mit 1968 Fußnoten verdient« (54); »Man kann sich jederzeit an den Händen fassen und um den Ahnenstammbaum tanzen, bis einem schwindelig wird« (147); der bemüht popkulturelle Epilog mit seinen asterixmäßigen Anhimmeleien (»mein Gott, dieses Lächeln!«, 180); usw. Darin ist er den onkeligen Erzählerstimmen alter Jugendbücher ähnlich.*** Dazu passt der dezente Sexismus – auf Seite 92f. wird als Ad-hoc-Beispiel für das Haben von hervorstechenden Eigenschaften ausgerechnet eine Frau mit »dicken Beine[n] und […] lose[m] Mundwerk« bemüht, weil viel redende Frauen mit dicken Beinen halt anscheinend intrinsisch lustig sind.

Möglicherweise ist dieses stilistische Scheitern zu erklären. Das Buch macht einen schwer mit der heißen Nadel gestrickten Eindruck. Dass zwei promovierte Geisteswissenschaftler, von denen einer Argumentationstheoretiker und der andere Romanschriftsteller ist, sowie ein Jurist, die zusammen bei einem renommierten Qualitätsverlag publizieren, z.B. eine Stilblüte produzieren wie die, dass »die Erdkugel« sich hinter dem Horizont »nach allen Seiten« wegbiege (116),**** lässt sich nur durch Zeitdruck oder Achtlosigkeit erklären. Die Lektüre wird auch dadurch erschwert, dass zwar ab Seite 29 explizit »wir« im Text für die »Nicht-Rechten« und »ihr« für die Rechten stehen soll, aber ab und zu Passagen vorkommen, in denen »wir« unangekündigt und stillschweigend für etwas anderes steht, z.B. für das deutsche Volk aus Sicht der Rechten (143).

Zum zweiten: Das gesamte Werk ist von verschiedenen politischen Grundüberzeugungen unterzogen, die zwar größtenteils explizit gemacht, aber nicht begründet oder gar anhand von Literatur entwickelt werden. Dazu gehört eine extrem holzschnittartige Darstellung »der Linken«, die weitgehend die derzeit gängige konservative Erzählung nachbetet, diese sei irgendwann ein gutes, humanistisches Projekt gewesen (52f.), habe sich dann aber in Freund-Feind-Denken und Paternalismus verrannt und sei heutzutage sozusagen identitätspolitisch darin blockiert, effektiv gegen die Rechte zu agieren.

Darüber, was gerade nicht explizit gemacht wird, mögen drei exemplarische Zitate Auskunft geben, die ich nicht weiter kommentieren möchte:

  • »Die Russen, die wie kein anderes Volk durch die Literatur zu sich selbst und zur Menschheit gesprochen haben« (42)
  • »Ein deutscher Jude, der um keinen Preis Jude und um jeden Preis Deutscher sein wollte, aber um keinen Preis nur Deutscher.« (128)
  • »Deutschland ist heute auch deswegen eines der mächtigsten Länder in der Welt, weil viele unserer Nachbarn sich deutsche Führung wünschen.« (174)

Mich stört zu guter Letzt (zugegeben, hier wird es persönlich), dass sich das Buch nicht bloß mehrfach über Kirchentagsprotestantismus und Margot Käßmann mokiert – das ist ja im deutschen Feuilleton mittlerweile strafbewehrte Pflicht und daher verständlich –, sondern en passant (158) lediglich Evangelikalen und Katholiken die Fähigkeit zuspricht, in einem »radikalen Sinne« gläubig zu sein. In einem Buch, an dem jemand mitgeschrieben hat, der an der KU promoviert wurde, passiert so etwas vermutlich nicht zufällig.

Zum dritten: Was Rechte zu Rechten macht, ist den Autoren zufolge »eine Praxis, eine bestimmte Art zu reden«. »Rechts«, wie es hier thematisiert wird, ist für sie eine Eigenschaft eines kontextgebundenen Sprechakts, nicht einer politischen Haltung oder gar einer Person. Nun ist es aber eben so, dass die real existierenden Rechten in Deutschland, soweit sie derzeit ein wichtiges politisches und kulturelles Phänomen sind, sich dadurch auszeichnen, dass sie durchweg, von der Facebook-Basis bis hoch zur Spitze der AfD, a) die Beseitigung bestimmter Menschengruppen aus Deutschland durch Deportation und/oder physische Vernichtung und b) die Beseitigung der parlamentarischen Demokratie in Deutschland gutheißen oder betreiben; oder zumindest eindeutig mit Gruppen verbandelt sind, die solches tun. Die Redeweise und der Vernichtungswille hängen zusammen und können nicht voneinander abgetrennt werden; der auch im Buch angerissene Schmittianismus der Rechten impliziert das bereits, da er ihren Feinden (wie allen ernstzunehmenden politischen Akteuren überhaupt) unterstellt, offen oder versteckt ebenfalls Vernichtungswillen zu hegen. Wer rechts im Sinne der jüngeren politischen Entwicklungen ist, ist mit Vernichtungswilligen verstrickt, sonst ist er nicht rechts oder höchstens so rechts, wie man vielleicht in der hessischen CDU 1982 rechts war; sein rechtes Reden ist von (mindestens gedachter) politischer Gewalt nicht abtrennbar.

Auch den Autoren ist klar, um welche Rechten bzw. rechts Redenden es ihnen heute geht. Es werden andauernd die sattsam bekannten Galionsfiguren der aktuellen rechten Bewegung, also Götz Kubitschek und die Identitären samt jeweiligem Anhang, mithin offene Befürworter der Diktatur sowie Förderer, Apologeten bzw. sogar tatsächliche Veranstalter rechtsterroristischer Akte, als Exemplare dieser angeblich diskursfähigen gemäßigten Nicht-Nazi-Rechten gehandelt. Dies zeigt, dass die geforderte Differenzierung entweder nicht ganz durchdacht oder nicht praxisrelevant ist.

Leo und Steinbeis haben in einem Interview in der SZ gesagt, dass sie den Kampf mit den Rechten gerne selbst öffentlich als »Kampf zwischen Gegnern und nicht zwischen Feinden« austragen möchten. Die Rechten wären aber keine Rechten, wenn sie nicht ständig mit ihrem Wunsch nach der physischen Niederwerfung und am Ende Vernichtung Andersdenkender sowie als irgendwie minderwertig Behaupteter kokettierten, sei es auf allerhöchster Ebene, wenn sie den Holocaust gar nicht so schlimm finden, oder auf niederster Ebene, wenn etwa der angebliche Chef-Rechtsintellektuelle Kubitschek noch nicht einmal ein lockeres Gespräch mit zwei Leuten von der FAZ führen kann, ohne mit »Soll ich Ihnen mal zeigen, was autoritär ist?« eine Gewaltandrohung in den Raum zu stellen. Man kann mit ihnen nicht als Gegner reden, selbst wenn man vorher ein noch so schönes Buch dazu schreibt, sie sind und bleiben Feinde, gewissermaßen Feinde zweiter Ordnung: Sie sind deshalb (und nur deshalb!) Feinde, weil sie selbst mit voller Absicht unfähig sind, Gegner nicht als Feinde zu sehen.

Nun stellt sich die berechtigte Frage: Aber was ist mit den Rechten, die keine physische Gewalt gegen unliebsame Bevölkerungsgruppen ausüben möchten und schon gar nicht irgendwen vernichten? Mit denen kann man doch reden? Ja, mit denen kann man reden, aber das sind dann nicht die Rechten, die Zorn und Konsorten über ihre Beispiele aufrufen, nicht die Rechten, die Politik und Medien in diesem Land seit spätestens 2014 vor sich hertreiben, sondern schlicht handelsübliche Konservative mehr oder minder nationalchauvinistischer Couleur. Und mit denen reden wir in Deutschland ununterbrochen, jeden Tag der Woche, so viel und so oft, dass man sich manchmal fragen möchte, ob überhaupt noch jemand anderes zu Wort kommt. (Wir reden übrigens bereits heute andauernd auch mit den vernichtungswilligen Rechten; die medial bestens präsente AfD ist eine Partei, deren politische Ziele ohne Massendeportationen schlicht nicht umsetzbar sind.)

Mit Rechten reden ist also: eine inhaltlich streckenweise gewinnbringende, stilistisch durchweg ärgerliche Lektüre, die darin gefährlich ist, dass propagiert wird, rechtes Reden sei irgendwie theoretisch oder gar diskurspraktisch abtrennbar von rechter Gewalt. Wer das glaubt, könnte man vermuten, der glaubt auch, dass der Verfassungs- und Staatsschutz effektiv Verfassung und Staat vor Rechten schützen: und tatsächlich, auf Seite 25 steht, den Gewaltaspekt der ganzen Geschichte könne man einfach den zuständigen Staatsorganen sowie der Antifa (!) überlassen. Die Realität rechter politische Gewalt im gegenwärtigen Deutschland spielt ansonsten nirgendwo groß eine Rolle. Auf Seite 31 kann man nachlesen, dass die Autoren weder Linke noch Rechte sein wollen, Linke mögen und eigentlich auch nichts gegen Rechte hätten – an denen stört sie nicht etwa, dass sie die Tendenz zum Anzünden von Ausländern und Zusammentreten von Obdachlosen haben, sondern dass sie ihnen immer wieder bestimmte Absichten unterstellen. Der Epilog des Buchs schlägt vor, Rechte und Nicht-Rechte könnten sich doch einfach paarweise zu einer Art Freistil-Debattierclub treffen (182f.).

Holy centrism, Batman! Man muss sich die Autoren als glückliche Deutsche vorstellen. Immerhin: »Der Zorn« ist mir nicht unsympathischer als vor der Lektüre.*****

Aus Gründen, die auf der Hand liegen, werde ich mich auf keinerlei Diskussion über diese Rezension einlassen. Wer mir nachweisen kann, dass ich öffentlich auf eine Reaktion auf diese Rezension reagiert habe, erhält von mir gratis und frei Haus eine Flasche guten Weißweins aus dem Anbaugebiet Saale-Unstrut.

Für seine präzisen Kommentare und Verbesserungsvorschläge danke ich Dr. Alexander Kremling.

____________

* In den paar Threads unter Zorns Beteiligung, die ich auf Facebook gelesen habe, wurde öfter jemand aufgefordert, seine zweibändige, 877 Seiten starke Dissertation (das ist z.B. deutlich umfangreicher als die Kritik der reinen Vernunft) zu lesen, als in meiner gesamten philosophischen Laufbahn jemand (sämtliche mir bekannten LehrstuhlinhaberInnen eingeschlossen) in meiner Gegenwart jemand anderen aufgefordert hätte, eine eigene Qualifikationsschrift zu lesen.
Dazu noch eine Anmerkung: Extrem umfangreiche Dissertationen haben im Philosophiebetrieb keinen guten Ruf, weil sie häufig von Spätberufenen oder sonstwie Sendungsbewussten kommen, die beanspruchen, bereits auf dem Wege der Doktorarbeit das gesamte Fach neu aufzurollen. So oder so gilt es als suspekt, wenn jemand Material, mit dem er/sie sich rein vom Umfang her eigentlich locker habilitieren könnte, bereits zur Promotion vorlegt und sich nicht kurz fasst. Zorns gründliche, mit Bestnote verteidigte Dissertation passt allerdings augenscheinlich nicht in dieses Raster; es gibt keinen Grund, hinter ihrem Umfang eine irgendwie schräge Absicht jenseits des Bedürfnisses, sich raumgreifend auszudrücken, zu vermuten. (Ich habe mehrfach länger hineingeblättert, aber nicht das ganze Trumm gelesen, wofür ich um Verständnis bitten möchte, da es wirklich sehr lang ist und keine Relevanz für meine Forschung und Lehre hat.) Insbesondere gibt es, auch wenn andere immer wieder einmal Anderes angedeutet haben, keinen Grund zu vermuten, dass Zorn ein schlechter Philosoph sei.

** Nicht jeder Buchtitel, der dies zulässt, darf imperativisch gelesen werden; exemplarisch möchte ich hier nur das juristische Standardwerk Erbrecht (Brox/Walker) nennen.

*** Wer ihn kennt, mag sich wie ich an den schwerfälligen Humor von Arthur C. Clarke erinnert fühlen. Zorn ist übrigens bekannt dafür, auf Facebook hin und wieder anderen erklären zu wollen, was witzig ist und was nicht, ein Unternehmen von bestechender unfreiwilliger Komik.

**** Selbstverständlich biegt sich nicht die Erdkugel, sondern die Erdoberfläche, und zwar biegt sie sich auf, zu oder an allen Seiten weg, aber überall nach derselben Seite, nämlich nach unten, genauso wie in einem Kreisverkehr auf allen Seiten alle Autos nach rechts abbiegen.

***** Hinten im Buch (zumindest in der 2. Auflage) sind übrigens Verlagsanzeigen für Schmitt (187) und In Stahlgewittern (191) drin. Wirklich. Schauen Sie selbst nach.

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Der (königlich) Bayerische Buchpreis 2017: Rückblick und Bloggerpreis

Grias di!

Gestern wurde der Bayerischer Buchpreis 2017 verliehen, Birgit Böllinger von Sätze & Schätze, Marius Müller von Buch-Haltung.com und ich waren vor Ort, um im Internet rumzujodeln und das Buffet abzuräumen.

Wer die Preisverleihung im Live-Stream mit verfolgt hat, hat ja sehen können, dass es wirklich eine sehr interessante, gelungene Veranstaltung war. Die Jurydiskussionen waren für mein Empfinden bei den Sachbüchern nicht ganz so tiefschürfend, wie sie hätten sein können, weil wenig am Text gearbeitet und viel über die Themen so ganz allgemein herumassoziiert wurde, besonders bei der Diskussion von „Rot“ von Gerd Koenen, bei der eher alle mal alles erzählt haben, was ihnen so zu „Kommunismus“ einfällt – und natürlich gäbe es aber auch bei Sachbüchern Kriterien, die man anlegen könnte: Wie innovativ ist das, was dargestellt wird, und auf welcher Ebene (Methodik/Inhalt/Fragestellung/Darstellungsart)? Ist das Buch auf der Höhe der wissenschaftlichen Forschung? Ist die Argumentation transparent, überzeugend, nachvollziehbar? Wie gelungen ist die sprachliche Umsetzung? All diese Kriterien wurden leider nur in Ansätzen bemüht, am ehesten tatsächlich noch bei der Diskussion von Andreas Reckwitz‘ „Die Gesellschaft der Singularitäten“, das ja auch gewonnen hat. Auch wenn ich von dem Buch bekanntlich nicht völlig überzeugt bin, freue ich mich, dass damit – wie Reckwitz ja auch in seiner Dankesrede gesagt hat – die Geistes- bzw. Sozialwissenschaften eine positive Würdigung erfahren haben, die ansonsten leider selten ist (gerade eben auch im Wissenschaftsbereich: Wer sich anschaut, wie viele Exzellenzinitiativen noch im Rennen sind, die aus dem Bereich der Geisteswissenschaften stammen, und wie viele dagegen aus dem MINT-Bereich noch im Rennen sind, weiß, wo hier die Prioritäten in der Förderung und Wertung liegen). Insofern freue ich mich wirklich ehrlich, dass „Die Gesellschaft der Singularitäten“ gewonnen hat. Gratulation!

Sehr spannend und interessant waren dann aber die Jurydiskussionen zu den Romanen, insbesondere bei „Justizpalast“ von Petra Morsbach, das von den Jurymitgliedern sehr unterschiedlich gelesen und interpretiert worden ist (wobei diese Deutungsoffenheit ja wiederum für den Roman spricht). Gewonnen hat dann ein sehr guter Roman, „Das Floß der Medusa“ von Franzobel – auch hier: Gratulation von uns!

Und am besten war sowieso die Rede vom Tomi Ungerer, der den Ehrenpreis erhalten hat – Gratulation auch an Herrn Ungerer, den ich gerne als Opa hätte.

Wir Blogger saßen während all dem im Publikum und haben Twitter und Facebook so mit Nachrichten überflutet, dass am Ende des Abends der Hashtag des Bayerischen Buchpreises #baybuch auf Platz 2 der Hashtag-Trends lief – getoppt nur vom Hashtag zu „Die Höhle der Löwen“, und das, obwohl doch beim Bayerischen Buchpreis Löwen verliehen werden. Was aber viel wichtiger ist als das: Wir hatten einfach wahnsinnig viel Spaß, miteinander, mit der Veranstaltung, mit den Mitdiskutierenden im Netz. Danke dafür an alle Mitlesenden und Mitdiskutierenden! Ich denke, den Spaß hat man euch und uns angemerkt.

Und in diesem Zusammenhang möchte ich auch noch einmal betonen, wie gut ich den Einbezug von Internetaktivitäten in die Veranstaltung fand: Nicht nur dass Kommentare aus dem Netz vorgelesen wurden, war sehr gut, sondern auch die Tatsache, dass eben auch kritische Kommentare vorgelesen wurden. So konnte tatsächlich die Jurydiskussion auf der Bühne noch um weitere Diskursstimmen erweitert werden – es war ein Abend des Austauschs, der Vielstimmigkeit. Und damit war es für mich ein extrem gelungenes Format.

Weil wir Buchblogger – wie ja schon im Beitrag auf Buch-Haltung.com deutlich geworden ist (guckt mal da, wie ich das Ergebnis vorausorakelt habe, ich bin eine BUCHBLOGGERMENTALISTIN!!!!11!1) – uns im Mehrheitsverhältnis andere Preisträger gewünscht hätten (nur beim Roman waren wir nicht einstimmig anderer Meinung als die Fachjury auf der Bühne), haben wir beschlossen, noch einen eigenen Preis zu vergeben. Während der offizielle Bayerische Buchpreis mit Geld und Porzellanlöwen verbunden ist, vergeben wir Buchbloggerliebe und bayerische Plüschlöwen, wie so richtige Buchblogger eben.

Und unsere Königlich-Bayerischen Buchpreisbloggerplüschlöwen vergeben wir an:

Jürgen Goldstein – Blau. Eine Wunderkammer seiner Bedeutungen

Petra Morsbach – Justizpalast

Die Plüschlöwen schicken wir den Autoren per Post zu und hoffen, sie freuen sich ein bisschen.

Wir zumindest freuen uns sehr. Über den lustigen Abend gestern, die interessanten Gespräche, die wir im Vorfeld und während des Abends geführt haben und denen wir lauschen durften, und vor allem aber: auf den Bayerischen Buchpreis 2018. Danke, dass ihr mitgelesen und mitdiskutiert habt!

 

Pfiad di, bis next‘s Johr!

P.S.: Die anderen Gäste der Preisverleihung haben übrigens auch noch was vom Buffet abbekommen, keine Sorge.

 

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Jürgen Goldstein – Blau. Eine Wunderkammer seiner Bedeutungen

Was kann man über ein Buch schreiben, das sich nicht zusammenfassen und kaum auf ein paar Linien hin systematisieren lässt? Nicht viel. Aber in diesem Fall auch nur Gutes. „Blau. Eine Wunderkammer seiner Bedeutung“ von Jürgen Goldstein ist programmatisch genau das, was Titel und Untertitel ankündigen: Goldstein versucht in mehreren, assoziativ verbundenen kurzen Essays der Frage nach der Bedeutung der Farbe „Blau“ in den unterschiedlichsten zeitlichen und geographischen kulturellen Kontexten nachzugehen. Das Buch ist eher ein gedanklicher Spaziergang, auf den der Autor den Leser mitnimmt, wenn er – so klug wie kenntnis- und detailreich – über das Blau des Planeten Erde, das leere Himmelsblau Caspar David Friedrichs, den lichten Himmel Albert Camus‘, Else Lasker-Schülers blaues Klavier, Rilkes blaue Hortensie, blue notes in New York im Allgemeinen und bei Miles Davis im Speziellen, blue Jeans, Frida Kahlos blaue Hauswände und vieles mehr staunt. Und wie schön ist es, hier ein Buch zu lesen, in dem Phänomene aus E- und U-Kultur gleichberechtigt nebeneinanderstehen und bestaunt werden, in dem jemand genauso interessant und interessiert über Jim Morrison schreibt wie über Novalis.

Das Staunen steht im Vordergrund, und gerade das macht dieses Buch so großartig: Hier schreibt einer gelehrt, ohne zu belehren, der zwar viel kennt, aber weiß, dass sich manche Dinge nicht erkennen, sondern nur erstaunen lassen. „Blau“ ist vor allem ein Buch, dem das gelingt, was Büchern im Idealfall gelingen sollte: Es lässt den Leser mehr und anders sehen. Und dabei ist es dann auch unerheblich, dass in dem Buch vieles fehlt, wie Jürgen Goldstein auch bereits im Vorwort einräumt: Eben die blauen Pferde von Franz Marc beispielsweise. Das ist aber eben deswegen nicht schlimm, weil das Buch, indem es zum Staunen und zum Weitersuchen anregt, den Leser zu jemandem macht, der das Buch für sich selbst gedanklich fortführen kann, weil er die Farbe „blau“ nach dem Lesen mit anderen Augen, aufmerksamer sieht.

Blau kann jedenfalls, so lernt man hier, viel mehr sein als eine Farbe: Es ist auch ein Lebensgefühl. Und weitersuchen kann man beispielsweise auf facebook-Seiten wie „A way to blue“, die Bilder blauer Kunstwerke sammeln.

Ich habe „Blau“ von Goldstein als große Bereicherung gelesen und würde mir wünschen, dass auch viele andere das tun. Es ist nominiert für den Bayerischen Buchpreis 2017, und da ich auch die beiden anderen nominierten Sachbücher (hier und hier) gelesen habe, die mich beide nicht vollständig begeistert haben, kann ich jetzt umso klarer sagen: „Blau“ ist definitiv im Bereich Sachbuch in dieser Auswahl mein Favorit. Mal sehen, wer dann gewinnen wird. Matthes & Seitz haben hier jedenfalls wieder einmal meinen Eindruck bestätigt, dass sie im Moment (mit transcript) die interessantesten Sachbücher machen. Weitere Beiträge zu „Blau“ von Goldstein finden sich auf Sätze&Schätze und Buch-Haltung.com.

Was kann man also über ein Buch schreiben, das sich nicht zusammenfassen und kaum auf ein paar Linien hin systematisieren lässt? Dass das viele lesen sollten, zum Beispiel.

(Beitragsbild von Shnya Kosaka bei unsplash.com)

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