Autor: Team

Das Team von 54books: wenn sie nicht die Literaturkritik retten - wer dann?

Chronik: März 2021

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Alle haben den neuen Kracht rezensiert. Aber eine Sache ist doch auffällig. Von den unzähligen Rezensionen wurden so gut wie alle von Männern geschrieben. Was mag das bedeuten? Wir stellen nur Fragen. Weiterlesen

Chronik: Januar 2021

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Wir Leben in einer Zeit unliebsamer Überraschungen, um es vorsichtig auszudrücken. Wenn etwa die Autorin Marlene Streeruwitz den Monat damit beginnt, einen von ihr diagnostizierten “Hygienestaat”, der uns mit seinen “Massentests” die Grundrechte entzieht mit dem Nationalsozialismus zu vergleichen, dann ist das 1. überraschend und 2. unliebsam; vielleicht sogar erschreckend. Streeruwitz schreibt: “Aber das war genau das, was die Nürnberger Rassengesetze erzielten: der Entzug der Bürgerrechte.” Wir leben auch in einer Zeit, in der die historische Analogie keinen guten run hat, aber das muss nun wirklich nicht sein.

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“Tja! Wieso geht ihre Mutter nicht in das Theater?!” Das wurde die Autorin Şeyda Kurt in Bezug auf eine Kolumne einmal gefragt und sie entwickelt daraus in diesem sehr empfehlenswerten Text eine Kritik der patriarchalen Provokationskunst, die nach wie vor auf deutschen Bühnen gepflegt wird, wo man selten eine Gelegenheit auslässt, “irgendwen, am liebsten weibliche Figuren, nackt und vermeintlich hilflos vorzuführen.“ So lange kritische Fragen wie die folgenden, keine Antwort finden, werden Menschen ihren (zurecht) geliebten Flatscreen nicht verlassen.

Warum nehmen Theatermachende immer noch in Kauf, ihr Publikum mit darstellerischen Plattitüden von sexualisierter Gewalt zu belästigen, einen Teil von ihnen zu retraumatisieren und das Theater zu einem noch unzugänglicheren Raum zu machen? Vielleicht, weil es einfacher ist, die Vergewaltigung als ein absolutes, punktuelles Verbrechen mit Schock-Charakter darzustellen, anstatt ein dramaturgisches Gespür für die Zwischenräume und Dynamiken zu entwickeln, in denen sich (sexualisierte) Gewalt und Herrschaft schleichend und fast unbemerkt manifestieren (Bourdieu lässt grüßen). Dabei sind es gerade diese Zwischenräume, die zählen. Auch, weil sich in ihnen der Widerstand der Betroffenen einnisten und wachsen kann.

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Auf Twitter schreibt die Modeforscherin Cassidy Percoco immer wieder ausführliche und gut belegte Threads, in denen sie sich mit Modegeschichte auseinandersetzt oder kritisch analysiert, wie historische Kleidung beispielsweise in Fernsehserien umgesetzt wird (hier am Beispiel der Fernsehserie “Bridgerton”). Anfang Januar denkt sie über das Sticken als Motiv in Gegenwartsfiktionen nach und Ende Januar analysiert sie die historische Verwendung von blauer und pinker Kinderkleidung und weist auf einige populäre Missverständnisse hin:

 

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Das Feuilleton lebt von frischen Ideen, möchte überraschen mit originellen und kühnen Einfällen. Warum also nicht mal einen Artikel aus der Perspektive von Sars-CoV-2, der mit den Worten beginnt: “Planet Erde – Ich bin nicht böse. Ich bin kein moralisches Wesen. Das solltet ihr verstehen, falls ihr mich verstehen wollt: Werte, wie ihr sie kennt, sind mir fremd.” Das scheint in dem Fall offenbar auch für den Planet Feuilleton zu gelten, sonst würde er auf solche frivolen Gedankenspiele in Zeiten realen Elends vielleicht verzichten. Aber im Rausch einer guten Idee ist Verzicht vielleicht auch einfach unmöglich. Und so entlässt uns der Artikel in den gnadenreichen Fadeout der Paywall mit dem menschengemachten Selbstlob des Virus: “Ich bin das, was ihr einen guten Beobachter nennt. Eigentlich der beste, ein intimer Menschenkenner.” Dazu dann herzlichen Glückwunsch!

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Am 6. Januar stürmte eine gewalttätige rechtsradikale Gruppe das Kapitol, um zu verhindern, dass die Wahl von Joe Biden zum Präsident der USA bestätigt wird. Mit dabei war auch ein Mann in einem absurden Fellostüm, der schnell zur Ikone dieses Ereignisses wurde. Das reizte in der FAZ zu einem Sturm an gelehrten Assoziationen: von den unvermeidlichen Griechen Homers bis hin zu Bruce Springsteen. Margarete Stokowski hat dafür die gute Formulierung “Feuilletonboy Platin” gefunden. Und vielleicht wäre es Zeit, das kulturjournalistische Format zu überdenken, das ein zeitgenössisches Ereignis mit zufälligen historischen Bezügen abschießt. 

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Es scheint als wolle der WDR seit dem zweifelhaften Umgang mit dem “Umweltsau”-Lied jedes Jahr mit einem neuen Griff ganz tief in die Kiste mit den Ressentiments und Skandalen beginnen, wie anders sollte man sonst die Talkrunde von Die letzte Instanz erklären, die sich vergangene Woche zum rassistischen Stelldichein traf. Da saßen – immerhin pandemieadäquat durch Scheiben getrennt – Thomas Gottschalk, Janine Kunze, Micky Beisenherz und Jürgen Milski unter der Leitung von Steffen Hallaschka und tauschten sich über etwas aus, von dem sie offenkundig keine Ahnung und an dem sie kein Interesse haben: rassistische Diskriminierung. Die Ausschnitte, die mit angemessener Empörung geteilt wurden, lassen darauf schließen, dass selbst an dem berühmt-berüchtigten “Stammtisch” das Niveau inzwischen höher sein dürfte. 

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Wie kann die überhitzte, fragmentierte Debattenkultur in Deutschland gerettet werden? Das ZDF hat sich dafür ein sehr schlechtes Format ausgedacht, das den intellektuellen Austausch auf das ungefähre Niveau einer Partie Brennball reduziert. In “13 Fragen” müssen die Kombatant*innen sich auf einem Spielbrett positionieren, je nachdem wie sie die 13 Suggestivfragen des Moderators beantworten. Das wäre alles unerheblich, wenn man sich nicht den des ausgedachten Themas “Cancel Culture – Meinungsfreiheit in Gefahr?” angenommen hätte. Gleich zu Beginn bringt der Moderator das Problem in der Schwundstufe der vom Deutschunterricht etablierten Erörterung auf den Punkt: “Müssen wir alle aufpassen, was wir sagen in der Öffentlichkeit, zumindest, wenn wir nicht Gefahr laufen wollen, von dem digitalen Mob gelyncht zu werden?” Hier wäre bereits einzuhaken und die Gegenfrage zu stellen: Ist es schon Cancel Culture, darauf hinzuweisen, dass eine dermaßen historisch unangemessene Verwendung des Wortes “lynchen” ein Problem ist? Vor lauter Freude an der Debatte, am freien Austausch der Meinungen, am spielerischen Markt der diskursiven Möglichkeiten, am bunten Basar etc. hatte man offenbar leider übersehen, dass es sich bei dem Gast Gunnar Kaiser um eine extrem problematische Figur handelt (einfach mal googeln). Wahrscheinlich ist Lisa Eckhart inzwischen zu teuer. Da steht dann auch – Thema Cancel Culture – die Frage im Raum, ob die anderen Teilnehmer*innen nicht einfach mal hätten sagen können, nein, ich stelle mich nicht mit allen auf ein Spielbrett.

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Der Druck, jeden Tag ein Ressort bis oben hin mit Text aufzufüllen, hat in Zeiten des Debattenfeuilletons dazu geführt, dass bestimmte Themen immer wieder aus der einen Tupperdose geholt werden, die schon verdächtig lange hinten im diskursiven Kühlschrank lagert:

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Einen beeindruckenden Essay haben wir auf dem Blog der Kulturpolitischen Gesellschaft (KuPoGe) gefunden. Darin schreibt die Schriftstellerin Karosh Taha über ihre Erfahrungen mit dem deutschen Literaturbetrieb, darüber, was es bedeutet, dass hinter den Kulissen meistens immer noch “Chirurgensöhne” das Sagen haben und wie sie selbst das eigene Schreiben an die Erwartungen einer Mehrheitsleseschaft angepasst hat. Ihre Erkenntnis “Der Literaturbetrieb vernichtet die Literatur” ist nur einer von einigen pointierten, treffenden Sätzen in einem Essay, der Fragen stellt und teilweise beantwortet, die jeden interessieren sollten, der eine Literatur will, die heterogener ist als die jetzige.

Würde man den Kanon abschaffen, würde man Goethe und Schiller und Büchner für eine Dekade aus dem Gedächtnis löschen, würde auch der Betrieb aufhören, nach der Stimme einer Generation zu suchen, endlich aufhören junge Männer, die nichts zu sagen haben, diese jungen Bohémien, diese Chirurgensöhne, zu feiern. Ich kenne die Gefühls- und Gedankenwelt dieser jungen Männer, in wie vielen Variationen soll ich das noch lesen? Keiner wird den nächsten Werther schreiben, er wurde schon geschrieben.

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Die Wunschliste der Dinge, von denen man im Jahr 2021 weniger sehen will, ist lang. Aber recht weit oben finden sich Überdruss und Müdigkeit für alle Diskurse, die mit Lisa Eckhart zu tun haben, und die im letzten Jahr gefühlte 800 ängstliche Leitartikel darüber hervorgebracht haben, ob man denn noch etwas sagen darf. Zumal die so hart gecancelte Kabarettistin unverdrossen in alle Medien eingeladen wird, und so müssen wir beim Scrollen durch die Twitter-Timeline feststellen, dass der Wunsch nach weniger Nachrichten aus der bunten deutschen Comedy Welt uns nicht erfüllt wird. Denn schon im Februar wird der Spiegel unter der Führung eines Redakteurs und eines Philosophen (beide garantiert neutral zum Thema) erneut viel Platz dafür freiräumen, um darüber zu klagen, dass niemand mehr etwas sagen darf. Besonders beeindruckend fanden wir in diesem Kontext auch den Kommentar eines Users, der im August 2020 mal damit angefangen hat, alle Interviews der mundtot gemachten Lisa Eckhart zu sammeln und im September wegen Arbeitsüberlastung wieder aufgehört hat.

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Als Thomas Hettches Roman Herzfaden im letzten Jahr erschien, wurde er allerorten sehr huldvoll besprochen und stand auch auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. In einem ausführlichen Rezensionsessay wundert sich Katharina Teutsch über diese Rezeption, denn bei dem Roman handele es sich ihrer Meinung nach um “Entnazifizierungskitsch”. Anhand einer ausführlichen und subtilen Analyse, die auch einige ziemlich irritierende Zitate und Szenen aus dem Roman zusammenstellt, kann die Autorin zeigen, wie unangemessen sich Herzfaden dem Thema der nationalsozialistischen Verbrechen auseinandersetzt. “Hängen”, sagt Teutsch, “die verstrickten Deutschen bei Hettche schon im Museum für moralische Atrozitäten, wo man sie herzeigt, wie seltsam verzauberte Kreaturen, Opfer ihrer Umstände?” 

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Die kolumnistische Vernunft ist immer auf der Suche nach einem Thema, oft verzweifelt: Worüber als nächstes schreiben, wenn einem nichts einfällt? Zum Beispiel darüber, dass es doch verwunderlich ist, dass in Pandemiezeiten gestresste Eltern sich mit ihren Kindern um den Küchentisch scharren, anstatt sich gefälligst einen Schreibtisch zu kaufen (gibt’s schon ab 40 Euro) und einfach mal die Türen hinter sich zuzumachen. Der gegenwärtige Kolumnismus sieht vor, dass es für so einen Text dann gewaltigen Ärger gibt, der dann zu einer Klarstellung führt und sicherlich zu den nächsten Kolumnen, und so geht es einfach immer weiter…

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Sandra Gugić hat das Buch Frausein von Mely Kiyak gelesen und ist dabei auf diese Sätze gestoßen: „Ich wollte keine Frau sein, die Kinder hat und schreibt. Keine, die eine Ehe führt und schreibt. Keine, die eine andere Tätigkeit ausübt und auch schreibt. Ich wollte nicht von allem etwas, sondern von dieser einen Sache alles. Wenn mich jemand fragt, was machst du, wollte ich antworten: Ich schreibe.” Aus der Irritation über diese Sätze entwickelt Gugić die Kritik einer bestimmten klischeehaften, aber nach wie vor sehr wirkmächtigen Vorstellung davon, wie Schreiben überhaupt gelingen kann:

Es geht um die schiefen verbrauchten Bilder, die Mär eines unabhängigen Menschen, dem entweder der Rücken (von Alltäglichem) freigehalten wird oder der in privilegierter Weise mit dem Rücken zur wirklichen Welt steht und sich weitgehend ungestört seinem Schaffen widmen kann. Diese in den Köpfen hartnäckig festsitzende Klischeevorstellung bedeutet für alle anderen, bei denen das nicht der Fall ist, die vorhandenen Zumutungen der künstlerischen Produktionsbedingungen letztlich akzeptieren zu müssen. Oder eben keine Kunst, keine Literatur produzieren zu können.

 

Chronik: November 2020

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Der Monat beginnt mit einer Klage. Leere Ränge, leerer Stream bei der Verleihung des Büchnerpreises an Elke Erb, vermeldete die FAZ. Mit einer gewissen Strenge wurden dort die geringen Zuschauerzahlen des Livestreams durchgegeben. War wohl doch nichts mit der Digitalisierung von Events? Ähnliche Klagen hörte man dann zum Open Mike, wo wohl auch nicht die Massen strömten. Allerdings kann man sich da fragen, ob die Erwartungshaltung gerechtfertigt ist, eine Veranstaltung, die man einfach nur digitalisiert, müsste dann sofort ein großes Publikum ziehen. Für jede analoge Veranstaltung muss man ja auch erst einmal Aufmerksamkeit erzeugen. Und eine altehrwürdige Veranstaltung wie der Büchnerpreis kann sich bei der Gelegenheit vielleicht einmal eingestehen, dass die vollen Ränge mehr mit der habitusfördernden Anwesenheit zu tun hat, als mit tatsächlichem inhaltlichen Interesse. Jedenfalls droht hier eine self fullfilling prohecy: Erst behandelt man digitale Formate stiefmütterlich, was die Öffentlichkeitsarbeit und das Veranstaltungsdesign angeht und dann nimmt man den Mangel an Zuschauer*innen als Beweis dafür, dass sie nicht funktionieren. Weiterlesen

Chronik: Oktober 2020

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Erst jetzt haben wir erfahren, dass Chuck Tingle, der Doyen der Porno Parodie, schon im Juni ein neues Werk vorgelegt hat, das den vielversprechenden Titel Trans Wizard Harriet Porber And The Bad Boy Parasaurolophus trägt. Und das scheint uns eine Nachricht zu sein, von der wir in diesen Zeiten eigentlich viel mehr gebrauchen könnten. Wie überhaupt das Genre der Erotica mal wieder viel früher als alle anderen der wichtigen Pflicht von Literatur, uns Trost zu spenden, nachkommt – und sei es auch nur durch das Kichern über Geschichten, in denen Menschen Sex mit dem Virus haben. Und apropos Sex und Harry Potter: Hier ein vorbildliches Stück Kulturjournalismus über das Phänomen der “Snape Wives”, die eine eigene Untergruppe des Harry-Potter-Fandoms bilden und Energie vor allem in die Vorstellung steckt, wie es wäre mit dem offenbar falsch verstandenen Severus Snape verheiratet zu sein. Weiterlesen

Kulturkonsum 4/20

In der Rubrik “Kulturkonsum” stellen wir einmal im Monat gemeinsam mit ausgewählten Beiträger*innen in Kurzrezensionen vor, was wir in den letzten Wochen gelesen, gehört, gespielt oder geschaut haben. Ein Versuch in den dichten Wald aus Literatur, Musik, Filmen, Serien und Spielen eine kleine Schneise aus Empfehlungen und Warnungen zu schlagen.

(Die Empfehlungen von Sebastian Restorff und Leonardo Chiaramonte gehen auf die Initiative des Literaturwissenschaftlers und Mediävisten Stefan Seeber von der Universität Freiburg zurück, der seine Studierenden bat, in Kurzrezensionen von Lektüre zu berichten, die nicht in erster Linie mit dem Studium zusammenhängt.)

 

Marie Isabel Matthews-Schlinzig (@whatisaletter)

Es ist ein Buch, das dich nicht loslässt. Das nachhallt in Kopf und Gefühl. Das du gleich noch einmal lesen möchtest, sobald du die Lektüre beendet hast: Bernardine Evaristos Girl, Woman, Other (Booker Prize, 2019).

Anhand der miteinander verwobenen Einzelgeschichten vornehmlich von Frauen of Colour entfaltet die Autorin ein eindrückliches Panorama weiblicher Existenz im Großbritannien des 20. und 21. Jahrhunderts. Alter, Herkunft, soziale Stellung und Lebensort der Figuren sind breit gestreut, reichen von der lesbischen Theaterautorin, die nach Jahren des kompromisslosen Arbeitens im Londoner Establishment ankommt, bis zur greisen Farmerin an der Grenze zu Schottland, deren Kinder sich der dunklen Hautfarbe vor allem des Vaters schämen.

Während die grundsätzliche Architektur des Buchs nicht neu ist, sind es Girl, Woman, Other: WINNER OF THE BOOKER PRIZE 2019 (English ...die Sprache und Dichte der Inhalte, mit denen Evaristo erstere füllt, schon. Erfahrungen von Rassismus und Diskriminierung prägen den Alltag und das Verhalten ihrer Hauptfiguren. Die innerhalb dieses Rahmens behandelten Themen sind zu zahlreich, um sie alle aufzuführen. Neben sexueller und psychologischer Gewalt gehören die Suche nach der eigenen, eigentlichen Geschlechtsidentität, postnatale Depression, das Ringen um sozialen Aufstieg, das Dasein als Einwander:in sowie multiple, gesellschaftlich vermittelte Einhegungen weiblicher Identität dazu.

Manchmal quietscht die Prosa etwas unter der Last dieser Fülle, erscheinen Figuren eher als Sprachrohre von Information, denn als lebendige Charaktere. Das bleibt jedoch die Ausnahme. Unter anderem, weil Evaristos Darstellung nie schematisiert oder beschönigt. Keine:r ist frei von Eitelkeiten, Vorurteilen, Fehleinschätzungen. Nicht alle Unterschiede oder Brüche individueller Lebensgeschichten und -wirklichkeiten lassen sich überwinden.

Aber sie lassen sich erzählen, und das tut Evaristo meisterhaft in einer formal innovativen, lyrisch rhythmisierten Sprache: Ihre Sätze sind nicht durch Großschreibung und Punkt gekennzeichnet, sondern durch Zeileneinzug und -umbruch; mancher Satz zieht sich in Gedichtform über mehrere Zeilen. Bemerkungen am Absatzende dienen der Pointierung. In kurzen, aufeinanderfolgenden Absätzen wird so Zeit gerafft – oder gedehnt. Sprachliche Eigenheiten der Figuren (Akzent, historischer Sprachgebrauch etc.) webt die Autorin mit leichter Hand in den alles vereinenden Erzählton ein.

Diese Form orchestriert die Dringlichkeit und Emotionalität der verhandelten Inhalte. Das Private wird bei Evaristo immer wieder greifbar als das Politische – und umgekehrt. Girl, Woman, Other sind viele, viele Leser:innen zu wünschen. Bleibt zu hoffen, dass sich ein deutscher Verlag und ein:e Übersetzer:in (bzw. ein Übersetzer:innenteam) finden, die sich dieses großartigen Texts annehmen.

 

Simon Sahner (@samsonshirne)

In letzter Zeit ist mir aufgefallen, dass es im Moment eine ganze Reihe von Autorinnen aus Großbritannien und Irland gibt, die in etwas, das man als moderne Konversationsromane bezeichnen könnte, über das Alltagsleben von insbesondere jungen Frauen in ihren Zwanzigern und frühen Dreißigern schreiben. Vor wenigen Jahren war Sally Rooney damit eine große Sensation, inzwischen würde ich in die gleiche Reihe auch Olivia Sudjic (auf deren neuen Roman im Februar 2020 ich sehr gespannt bin), Naoise Dolan und Candice Carty-Williams einordnen. Insbesondere Dolans Exciting Times und Carty-Williams Queenie möchte ich heute vorstellen.

Dolan erzählt von der jungen Irin Ava, die in Hongkong an einer Schule Exciting Times: A Novel (English Edition) eBook: Dolan, Naoise ...den Kindern reicher Eltern Englisch beibringt. Sie lernt den englischen Banker Julian kennen und beginnt eine Affäre, die geprägt ist von gegenseitiger Abhängigkeit, Anziehung, Verachtung, aber auch von gegenseitigem Verständnis zweier Expats. Spannend wird der Roman jedoch erst als Edith, eine junge Hongkongerin, auftaucht und Ava auch mit ihr eine Affäre beginnt.

Carty-Williams Queenie lese ich gerade erst, würde ich aber auch schon hier aufnehmen. Weil ich glaube, dass hier gerade eine Art literarische Strömung entsteht, zu der auch dieser Roman gehört. Carty-Williams’ titelgebende Protagonistin Queenie ist eine junge Schwarze Britin, die in London lebt, sich gerade in einer Beziehungspause mit ihrem Freund Tom befindet und sich durch Job, Freundschaften, Affären und Wohnungen schlägt.

Das Interessante an diesen beiden Romanen – wie auch an Sally Rooneys Queenie: Longlisted for the Women's Prize for Fiction 2020 ...und Olivia Sudjics – ist die Darstellung junger Menschen, vor allem Frauen, in ihren sozialen Gefügen, ihrem Beruf und ihrem Liebesleben insbesondere durch Dialoge. In allen diesen Roman wird permanent kommuniziert, sei es im direkten Gespräch oder im Messengerchat oder per Mail. Nicht nur dadurch sind diese Romane in ihrer Darstellung des Lebens von Millenials im mehr oder weniger akademischen Umfeld sehr nahe an der Realität. Gleichzeitig ist eines der großen Themen dieser Geschichten die Aushandlung von Macht und Sexualität. Geschrieben während einer Zeit, in der das Bewusstsein für dieses Thema in der Vordergrund getreten ist, sind die Texte damit auch die literarische Ausformung einer alltäglichen Auseinandersetzung mit Sex, Macht und Beziehung unter dem Einfluss gesellschaftlicher Debatten, ohne diese direkt zu benennen.

Wer also Sally Rooneys Romane Normal People und Conversations with Friends mochte, der*die ist mit Naoise Dolan Exciting Times und Candice Carty-Williams Queenie gut bedient.

 

Sebastian Restorff

Zur Abwechslung habe ich mich jetzt, da mehr Zeit als genug ist, um der Routine des Germanistik-Studiums zu entgehen, an ein brandneues Buch gewagt: Auf Erden sind wir kurz grandios, ein Roman von Ocean Vuong. Der Autor hat bisher Lyrik verfasst, es handelt sich hier folglich um sein erstes Prosawerk. Allerdings – und an dieser Stelle möchte ich die These einer Dozentin aufgreifen, dass „Lyrik die komprimierteste Form von Sprache ist“ – liest sich auch sein Debütroman wie ein fast dreihundertseitiges Gedicht. Jeder Satz hat Bedeutung – jeder Satz regt zum Nachdenken an. Eben wie ein gutes Gedicht sein sollte.

Auf Erden sind wir kurz grandios - Bücher - Hanser LiteraturverlageDer Inhalt besteht aus Briefen, die der Erzähler seiner Mutter schreibt. Dabei vereint er fragmentarisch in Gedankenfetzen und Erinnerungssequenzen seine eigene mit der tragischen Lebensgeschichte seiner vietnamesischen Familie, die den Vietnamkrieg überlebte und dann nach Amerika floh. So steht auf der einen Seite seine alles andere als leichte Beziehung zur kriegstraumatisierten Mutter, die tagtäglich im Nagelstudio bis zum Umfallen arbeiten muss, im Vordergrund. Dadurch erhält man Einblicke in ein Schicksal, welches die meisten vietnamesischen Immigranten teilen: Ein neuer Einwanderer wird innerhalb von zwei Jahren begreifen, dass das Nagelstudio letztlich ein Ort ist, wo Träume zu dem Wissen verkalken, was es bedeutet, in amerikanischen Leibern – mit oder ohne Staatsbürgerschaft – wach zu sein: schmerzhaft, toxisch, unterbezahlt (S. 92). Ebenso geht es um eine innige, schonungslos und daher besonders nachfühlbar beschriebene Liebesbeziehung des Erzählers zu einem amerikanischen Jungen, der seine Homosexualität zuerst nicht mit seiner amerikanischen Identität vereinbaren kann; um jugendlichen Drogenmissbrauch in dem Armenviertel Connecticuts, wo der Erzähler mit Mutter und Großmutter aufwuchs; um die alltägliche Präsenz von Gewalt. Und um den Versuch des Erzählers, sich selbst zwischen alldem zu finden.

Der Roman hat mich durch Vuongs ganz eigene Sprache und seine ganz eigene Traurigkeit in den Bann gezogen.

 

Leonardo Chiaramonte

Robert Gwisdek hat mit dem Unsichtbaren Apfel keinen gewöhnlichen Coming-of-Age Roman geschrieben. Zwar lässt er sich diesem Genre auf der oberflächlichen Ebene zu ordnen, doch liegt der Unterschied darin, dass der Protagonist – Igor – sich hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt, sich mit sich selbst beschäftigen muss, damit sein Kopf nicht explodiert. Der unsichtbare Apfel: Roman von [Robert Gwisdek]Der Roman beschreibt nur ausschnitthaft das reale Leben. Diese Ausschnitte zeigen Schicksalsschläge, aber auch Igors Veranlagung, nicht mit der Welt klar zu kommen. Er stellt fragen an das Universum, doch dieses antwortet ihm leider nicht. Er merkt, dass alle „Erwachsenen“ nicht ruhig ihr Leben leben, weil ihnen die Antworten mit dem Alter in den Schoß gefallen sind, sondern weil sie sich mit den stummen Fragen abgefunden haben und nicht mehr neugierig sind. Als Igor das erkennt, rastet er aus und begibt sich auf eine Reise in sein Innerstes, um mit sich und dem Universum Frieden zu schließen.

Gwisdeks Schreibstil ist ungewöhnlich, abgehackt und die Sätze scheinen manchmal keinen Sinn zu ergeben, nur wer weiterliest und es schafft die in den Raum gestellten Aussagen in Zusammenhang zu stellen, der wird aus dem Roman etwas gewinnen. Gwisdek ist unter seinem Musiker-Alias „Käptn Peng“ für seine psychedelisch angehauchten Texte bekannt, die sich in dem Roman ebenfalls widerspiegeln. Diese erfrischend ungewöhnliche Art zu schreiben zieht einen in den Bann und ist wichtig, um in diese Welt aus Realitätsverzerrung und Illusion einzutauchen.

 

Kulturkonsum 3/20

In der Rubrik “Kulturkonsum” stellen wir einmal im Monat gemeinsam mit ausgewählten Beiträger*innen in Kurzrezensionen vor, was wir in den letzten Wochen gelesen, gehört, gespielt oder geschaut haben. Ein Versuch in den dichten Wald aus Literatur, Musik, Filmen, Serien und Spielen eine kleine Schneise aus Empfehlungen und Warnungen zu schlagen.

(Die Empfehlungen von Anna Jurgan und Eyüp Ertan gehen auf die Initiative des Literaturwissenschaftlers und Mediävisten Stefan Seeber von der Universität Freiburg zurück, der seine Studierenden bat, in Kurzrezensionen von Lektüre zu berichten, die nicht in erster Linie mit dem Studium zusammenhängt.)

Simon Sahner (@samsonshirne)

Gerade weil viele Menschen dieser Tage aus guten Gründen immer noch nicht viel unternehmen und vor allem zuhause sind, sollte man sich ja im besten Fall dennoch manchmal draußen bewegen. Ich habe mir deshalb in den letzten Wochen auferlegt, möglichst einmal am Tag für ein oder zwei Stunden spazieren zu gehen. Neben der Bewegung und der frischen Luft hat das den Vorteil, dass ich dabei sehr viele Podcasts höre, zwei (beide englischsprachig) davon möchte ich empfehlen. 

Der neunteilige Podcast Dolly Parton’s America (WNYC Studios) widmet sich in Form von Interviews, Reportagesequenzen und essayistischen Analysen dem Leben und Werk der amerikanischen Country-Ikone Dolly Dolly Parton's America : NPRParton. Ausgehend von der Beobachtung des Podcast-Autors Jad Abumrad, dass sich in der Fangemeinde von Dolly Parton über viele ethnische, politische und soziale Grenzen hinweg ein Großteil der amerikanischen Gesellschaft wiederfindet, folgen die einzelnen Episoden Karrierephasen der Sängerin oder beleuchten einzelne Aspekte des Phänomens Dolly Parton. Es handelt sich hierbei um ein hervorragendes Beispiel dafür, wie man anhand eines sehr spezifischen Themas viel über größere gesellschaftliche und kulturelle Zusammenhänge erzählen kann, wenn man es versteht, die Anknüpfungspunkte zu finden und zu nutzen. Wer sich für amerikanische Kultur, Musik und Gesellschaft interessiert, wird hier auf seine*ihre Kosten kommen. 

Um amerikanische Geschichte geht es auch in dem New-York-Times-Podcast 1619. Die Zahl steht für das Jahr, in dem zum ersten Mal ein Schiff Nordamerika erreichte, mit dem Menschen vom afrikanischen Kontinent1619 (Podcast) - The New York Times | Listen Notes als Sklaven transportiert wurden. Die Autorin Nikole Hannah-Jones erzählt in sechs Folgen auch mit Blick auf die eigene Familie von der Geschichte der Sklaverei in den Vereinigten Staaten und verfolgt ihre Nachwirkungen bis in die Gegenwartsgesellschaft der USA. Deutlich wird dabei vor allem, wie stark die amerikanische Kultur und das gesellschaftliche Zusammenleben in den USA bis heute von den Erfahrungen und Folgen der Sklaverei geprägt sind. Besonders hervorzuheben ist meines Erachtens die Episode über die Musik der schwarzen Bevölkerung und ihre Wirkung auf die gesamte musikalische Kultur. 

Beide Podcasts sind unter anderem auf Spotify und iTunes verfügbar. 

Anna Jurgan

Ich habe den Roman Der Sprung von Simone Lappert gerne gelesen. An keiner Stelle war mir langweilig, die Grundidee sprach mich an, und die Hauptfiguren mit ihren teils überraschenden Eigenheiten fand ich überwiegend interessant. Aber trotzdem habe ich mich nicht in dieses Buch verliebt. Nun ist das natürlich ein fieser Maßstab, mit dem man vermutlich an keinen Roman herangehen sollte. Warum diese überhöhte Erwartung?

Der Sprung eBook: Lappert, Simone: Amazon.de: Kindle-ShopVielleicht wegen des Konzepts des Buches: Es stellt dar, wie sich ein Ereignis (der Sprung einer jungen Frau von einem Hausdach) auf zehn mehr oder weniger miteinander in Verbindung stehende Figuren auswirkt. Dieser Aufbau erinnerte mich an Unterleuten von Juli Zeh, The Casual Vacancy von J.K. Rowling und ein wenig auch an Tolstois Anna Karenina. Alle drei Bücher haben mich nachhaltig beeindruckt und meine Erwartungen vermutlich deutlich geprägt. Ich finde es spannend, einen Konflikt aus verschiedenen Innenperspektiven präsentiert zu bekommen, und miterleben zu dürfen, wie sich die Figuren im Verlauf des Konflikts entwickeln. Aber um eine solche Entwicklung erzählen zu können, ist wohl einiges an Zeit (und ganz konkret an Seiten) nötig. The Casual Vacancy ist mit 576 Seiten noch das dünnste der drei genannten Bücher; Anna Karenina bringt es auch noch in der knappsten deutschen Übersetzung auf über tausend Seiten.

Dagegen ist Der Sprung rein physisch ein echtes Leichtgewicht. Das hat klare Vorzüge: die Handlung ist hier auf Schlüsselmomente in dem Leben der Figuren beschränkt und kommt ohne eine langwierige Herleitung dieser aus, was zum Lesen zunächst sehr dankbar ist. Diese Schlüsselmomente erlauben dem*r Leser*in einen tiefen Einblick in das Erleben der jeweiligen Charaktere. Eine kleine Weile dürfen wir zu Gast in den Figurenköpfen sein. Nur bleibt es eben auch – und das ist vielleicht die Kehrseite dieses kondensierten Verfahrens – bei einer kleinen Weile. Für ein allmähliches Entdecken zusätzlicher Facetten, die nochmal ein anderes Licht auf die Figuren werfen könnten, bleibt dabei eher wenig Raum. Vielleicht ist das ein Grund, weshalb ich Den Sprung mit Spaß gelesen habe, aber doch nicht restlos begeistert bin.  

Magda Birkmann (@magdarine)

Ich widme mich seit einigen Jahren sehr intensiv dem Projekt #frauenlesen, insbesondere dem Nachspüren von in der Mainstream-Literaturgeschichtsschreibung unterschätzten oder ganz übersehenen Autorinnen. Wann und wo ich zum ersten Mal von Tillie Olsens Silences Silences: Amazon.co.uk: Tillie Olsen: 9781558614413: Booksgehört habe, kann ich gar nicht mehr genau rekonstruieren, auf jeden Fall stand es schon eine ganze Weile ungelesen bei mir im Regal. Inspiriert von den zahlreichen Tweets und Artikeln schreibender Mütter, die seit Wochen an der enormen Mehrfachbelastung aus Kinderbetreuung, Homeschooling und Lohnarbeit verzweifeln, habe ich mir diesen leider inzwischen vergriffenen feministischen Klassiker nun endlich einmal näher angeschaut.

Olsen untersucht darin anhand von zahlreichen Briefen, Tagebüchern und sonstigen Selbstzeugnissen von Autor*innen die individuellen Lebensumstände und gesellschaftlichen Verhältnisse, die dazu führen, dass Menschen ihr kreatives Potenzial und Talent nicht nutzen (können), so dass vor allem die literarischen Stimmen von Frauen, von Menschen aus der Arbeiter*innenklasse und von People of Color zum Verstummen gebracht wurden und werden. Obwohl das Buch auf zwei Vorträgen beruht, die Tillie Olsen 1962 und 1971 hielt, ist es leider immer noch erschreckend aktuell. Olsen schreibt dabei nicht als beobachtende Außenstehende, sondern als talentierte Schriftstellerin, die all die von ihr beschriebenen Einschränkungen und Hindernisse am eigenen Leib erfahren hat. Als berufstätige Mutter von vier Kindern und politische Aktivistin ohne Universitätsausbildung konnte auch sie ihr Leben lang nur wenig Zeit, Energie und gedanklichen Raum für ihr eigenes literarisches Schaffen freischaufeln, so dass wir Leser*innen uns neben Silences mit einem kurzen Erzählungsband und einem Roman von ihr begnügen müssen. Letzteren lese ich gerade, aber ganz langsam, weil ich noch nicht bereit dafür bin, bald nichts Neues von dieser großartigen Autorin mehr entdecken zu können. 

Tillie Olsens berühmte und vielfach anthologisierte Kurzgeschichte I Stand Here Ironing kann man übrigens hier im englischen Original lesen.

Eyüp Ertan

Eigentlich hatte ich meinen Marokko-Urlaub anders geplant; ich hatte einen Freund besuchen und mit ihm entspannte Tage in der Hauptstadt Rabat verbringen wollen. Durch Corona wurde die Zeit, die als Entspannung vorgesehen war, zum täglichen Krisenmanagement – ans Lesen war nicht zu denken. Überstürzt musste ich den letztmöglichen Flug aus Marokko nach Deutschland nehmen; am Flughafen in Marrakech boten Der Garten Eden: Amazon.de: Hemingway, Ernest, Schmitz, Werner: Büchersich mir zwei Optionen: Entweder durch die verzweifelten Menschen um mich herum, deren Flüge gestrichen wurde, verrückt werden – oder mich abschotten und Hemingways Garten Eden lesen. Ich habe mich für letzteres entschieden und auch deshalb das gut 300 Seiten dicke Buch in einem Rutsch durch gehabt. Hemingway nimmt die Leser*innen in Der Garten Eden mit in den Urlaub, nach Spanien und in den Süden Frankreichs. Die eigentlich idyllischen Flitterwochen zwischen David und seiner Frau sind schnell nicht mehr so glückselig und ruhig wie zu Beginn. Psychospielchen, die Frage nach dem eigenen Dasein und jene nach der sexuellen Orientierung sorgen für zunehmende Irritationen und Reibungen zwischen den Protagonist*innen. All das wird beschrieben im ruhigen, sachlichen und nüchternen Ton Hemingways – die Kombination aus Inhalt und Stil trägt ihr Übriges zum Leseerlebnis bei.

Tilman Winterling (@fiftyfourbooks)

Vor (ziemlich genau) zwei Jahren war ich in Peru und Bolivien. Im Zuge der Vorbereitung stieß ich im Reiseführer auf die Geschichte des Sendero Luminoso, des Leuchtenden Pfades. Die Organisation entstand Ende der 1960er Jahre aus einer Studentenbewegung an der Universität in Ayacucho angeführt von dem Philosophie Professor Abimael Guzmán, der heute noch in (lebenslanger) Haft sitzt. Die Guerillaaktivitäten der Gruppe lösten in den 80er und 90er Jahren bürgerkriegsähnliche Konflikte in Peru aus, die fast 70.000 Menschen das Leben kosteten. Besonders betroffen war die quechuasprachige Landbevölkerung. Die Recherche zu diesem Thema (auf Deutsch) war recht unergiebig. Es gibt einen Band Der Leuchtende Pfad in Peru (1970–1993): Erfolgsbedingungen eines revolutionären Projekts von Sebastian Chávez Wurm bei Böhlau und den Roman Tod in den Anden von Mario Vargas Llosa. Ersteres erschien mir zu umfangreich, bei Llosa habe ich den Faden verloren. Durch Zufall stieß ich nun aber auf die Graphic Novel Der Leuchtende Pfad: Chroniken der politischen Gewalt in Peru 1980-1990 von Jesús Cossío, Luis Rossell, Alfredo Villar aus dem Spanischen übersetzt von Katharina Maly, erschienen bei bahoe books. Der Band schildert den Bürgerkrieg anhand der Ergebnisse der 2001 eingesetzten Kommission für Wahrheit und Versöhnung. Da ich zu jung bin, um die Ereignisse bzw. die Berichterstattung über diese zu erinnern, ist diese Graphic Novel (anders wahrscheinlich die vorbenannten Titel) der perfekte Einstieg ins Thema. Die Geschichte wird nicht allein als Comic dargestellt, sondern jedes Kapitel durch die Einordnungen der dargestellten Ereignisse in Textformen komplettiert. Ein lohnenswerter Einstieg in ein Thema, das in Deutschland sonst wenig bis gar nicht beachtet wird.

(Während ich dies schreibe, entdecke ich, dass es bei Netflix wohl einen Spielfilm zur Verhaftung Guzmáns gibt. Ob der was taugt, finde ich dann heute Abend raus.)

Soziale Distanz – Ein Tagebuch (14)

Dies ist der vierzehnte Teil unseres kollektiven Tagebuches, in dem wir mit zahlreichen Beiträger*innen fortlaufend sammeln, wie der grassierende Virus unser Leben, Vorstellungen von Gesellschaft, politische Debatten und die Sprache selbst verändert. (hier Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8, Teil 9, Teil 10, Teil 11, Teil 12, Teil 13)

Das mittlerweile über 150 Seiten umfassende kollektive Tagebuch “Soziale Distanz – Ein Tagebuch” gibt es auch als vollständige Leseversion in Google Docs.

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Andrea Geier: @geierandrea2017, Anna Aridzanjan: @textautomat, Berit Glanz: @beritmiriam, Birte Förster: @birtefoerster, Charlotte Jahnz: @CJahnz, Elisa Aseva, Emily Grunert, Fabian Widerna, Jan: @derkutter, Janine, Johannes Franzen: @johannes42, Magda Birkmann: @Magdarine, Maike Ladage @mai17lad, Marie Isabel Matthews-Schlinzig: @whatisaletter, Matthias Warkus: @derwahremawa, Nabard Faiz: @nbardEff, Nefeli Kavouras, Philip: @FreihandDenker, Rike Hoppe: @HopRilke, Robert Heinze: @rob_heinze, Sandra Gugić: @SandraGugic, Sarah Raich: @geraeuschbar, Shida Bazyar, Simon Sahner: @samsonshirne, Slata Roschal, Sonja Lewandowski: @SonjaLewandows1, Svenja Reiner: @SvenjaReiner, Tilman Winterling: @fiftyfourbooks, Viktor Funk: @Viktor_Funk

 

12.5.2020

 

Emily, Rostock

Weil wir alle etwas unsicher sind, was passiert, wenn die Landesgrenzen nach Pfingsten wieder öffnen, fahren wir nach Markgrafenheide und baden in der Ostsee an. Jetzt wo man dort noch allein liegt, allein im Meer steht mit brennender Haut (8 Grad Wassertemperatur). In Mecklenburg-Vorpommern wurden die Lockerungen bereits am Samstag umgesetzt. Restaurants, Cafés, Biergärten. Die Stadt ist ihr eigenes (beklemmendes) Festival. Bevor wir selbst uns auf Bierbänken verteilen (6 Leute, zwei Haushalte pro Tisch) okkupieren wir den Platz vor dem Rathaus. Sechs Demonstrationen á 50 Menschen wurden angemeldet, nachdem die AfD ihre Route bekanntmachte. Jetzt stehen den 300 Menschen knappe zwanzig gegenüber, die versuchen aus der lächerlichen Situation ihre Überlegenheit abzuleiten. M und ich trinken Cappuccino, halten Abstand und die Köpfe in die Sonne. Sie sind das Volk, der Staat, die Stimme. Dabei rauschen ihre Mikrofone so stark, dass man sie kaum versteht. Die meisten von ihnen sind damit beschäftigt, ihre Handykameras auf uns zu richten. Ein Zielen mit lächerlich kleinen Waffen. Wir gehen kurz nachdem ich den Namen Bill Gates und das Wort Impfpflicht höre. Später am Tag gebe ich zum ersten Mal seit Monaten jemandem zur Begrüßung die Hand. Ich habe einen Moment nicht daran gedacht und schäme mich bis zum Abend ohne genau zu wissen, wem gegenüber.

 

Sandra, Berlin

Mein letzter Eintrag ist vom 3. Mai, Sonntag Abend. Es ist neun Tage später, eine Zeitspanne, die mir unfassbar lang und unfassbar kurz zugleich vorkommt. Wir, also wir drei, diese meine Familie, haben uns eine Woche aus allem rausgenommen. Von der Arbeit, den Nachrichtenmeldungen, den Zoom-Meetings, den Telefonaten, den To-do’s, dem Kreischen der Gegenwart. Wir haben gedacht, wir setzen einfach eine Runde aus. 

Am ersten Tag unserer Auszeit-Woche, habe ich mir wie geplant nichts vorgenommen und werde von Müdigkeit überrollt. Ich träume nicht, ich falle nur, lautlos, kein Aufprall, in Schlaf.

Ich schlafe sehr lange. Als ich aufwache, kommt alles zurück. 

Es kommt genauso, wie es immer kommt, wenn Mensch von einem ins andere fällt, von der hyperventilierenden Betriebsamkeit in die Stille, von der Arbeit-Kind-Resteigenleben-Alltagsschere in die Ruhe, die im nächsten Augenblick schon wieder brüchig wird, hinter der alle Sorgen, Unsicherheiten und Ängste, über die nachzudenken davor schlichtweg nicht mal Zeit war, sichtbar werden und überlebensgroß vor einem stehen: The horror, the horror. Das Hirn hört ja nicht auf zu denken, das Herz hört nicht auf zu schlagen, die Nachrichtenmeldungen hören nicht auf, die Rechnungen hören nicht auf reinzukommen, die Honorare hören nicht auf auszufallen, es fehlt an Zeit, an Kraft, an Klarheit für neue Pläne, Projekte und Texte, und überhaupt, worauf soll Mensch neue Ideen setzen, wenn die Gegenwart – noch viel mehr als sonst – so unscharf unkontrollierbar unwägbar ist. Und erst die Zukunft. Und entspannen, echt jetzt? Die Pandemie ist selbstverständlich immer noch da, keine Sorge, das haben wir nicht vergessen – auch wenn die Mehrzahl der Menschen mit jeder Lockerung der Maßnahmen mit jedem Tag etwas mehr irre zu werden scheint. Dazu das Hintergrundrauschen dieser Tage, das Draußen: Der Chor der Skeptiker*innen, der Verschwörungsklöppelnden der„Hygienedemonstrant*innen“ in Formation, ganz vorne die C-Promis, die zugleich Anwärter*innen fürs nächste Dschungelcamp sein könnten. Nicht zu vergessen, der noch aufgebrachtere Chor derer, die es immer besser wissen, die nichts zu sagen haben und es möglichst laut sagen, der Unsere-Eltern-haben-das-auch-geschafft und Das-Kinderhaben-habt-ihr-euch-doch-selbst-ausgesucht und Meine-Mutter-hätte-blabla und Seid-doch-dankbar-dass-[beliebigen Platzhalter einsetzen]-ihr-Kapitalistenschweine.

In einer Achterbahnfahrt geht es durch die Woche, auf Erschöpfung folgt Euphorie, auf Streit friedliche gemeinsame Stunden, wir lachen und schreien viel, alles ist unglaublich anstrengend. Wirklich entspannt, so wie wir es uns vorgestellt haben, ist nur der letzte Tag. Es erinnert mich daran, als ich Kind war, und es, wenn wir bei anderen Kindern zu Besuch waren (das Wort: Playdate verwendete damals niemand), zum Beispiel bei Kindergeburtstagen, immer erst richtig lustig wurde, kurz bevor die Eltern wieder in der Tür standen, um einen wieder abzuholen. Es ist Zeit.

 

13.5.2020

 

Marie Isabel, Dunfermline

Ich gehe schon seit einer Weile nicht mehr mit Kopfhörern im Ohr spazieren. Erst jetzt merke ich, wie laut es um uns herum gewesen ist, und dass ich versucht habe, diesen Lärm durch noch mehr Laut zu übertönen. Jetzt einfach nur zu lauschen, erfreut. Die Stille im Ohr bedeutet zudem eine Pause im Medien- und Neuigkeitenkonsum. Offener bleibt der Kopf damit für eigene Ideen, und das Notizbuch, das mit mir läuft, füllt sich schneller als früher. Doch nicht nur die Landschaft der Klänge und der Ideen, auch die der Düfte hat sich mir in diesen Wochen auf vielleicht noch nie so wahrgenommene Weise eröffnet. Ich hatte nie einen sonderlich großartigen Geruchssinn. Die Schleier aus süßen, wilden, frischen Gerüchen, die sich jetzt auf meinen Spaziergängen einer nach dem anderen um mich legen, und mich dann wieder freigeben, sind ein eindrucksvolles Erlebnis. Wenn ich ehrlich bin, möchte ich es – ebenso wie die Ruhe und die Vogelstimmen – nicht mehr missen. Wie darüber wohl gerade auf die Welt Gekommene denken, frage ich mich. Wie werden sie reagieren, wenn der Lärm- und Verschmutzungspegel wieder steigt, weil die so genannte Normalität wieder Einzug hält, und ist dieser Frühling vielleicht nur deshalb so farbenprächtig und voll des ungehemmten Wachstums, weil wir Menschen uns, zur Abwechslung, einmal mit weniger bescheiden?

 

Berit, Greifswald

Ich merke, dass mich sehr ähnlich Gedanken umtreiben, wie Viktor, der bereits darüber schrieb, wie Menschen im Internet in Zeiten der Pandemie miteinander interagieren. (Ich sehe Marie Isabel über mir schreiben und freue mich, hier nicht alleine im Doc. zu sein.) Seit neun Wochen zerreiße ich mich nun zwischen Homeoffice und Kinderbetreuung, manchmal flüchte ich mich online, um dort Erwachsenengespräche mitzulesen, mich irgendwie mit der Welt verknüpft zu fühlen. Doch oft, wenn dort Menschen im Angesicht der Pandemie ihre Sorgen äußern, über ihre Erschöpfung sprechen, sehe ich ein ähnliches Muster:

Menschen beschweren sich, machen Schwachstellen sichtbar, zeigen ihre Überlastung und es dauert nicht lange bis ihnen irgendjemand antwortet, dass sie aufhören sollen zu jammern, es früher alles härter war, sie selber viel schwierigere Situationen durchgestanden haben. Ich wünschte man könnte die Botschaften des Gegenübers einfach ersteinmal stehenlassen, vielleicht sogar zuhören, versuchen die eigene Bewertung der Situation zurückzuhalten.

Ich denke darüber nach, warum es so schwer zu sein scheint Empathie für die Erschöpfung anderer zu zeigen. Warum reagieren Menschen defensiv oder sogar mit Aggression, wenn Beispielsweise Eltern über die Anstrengung der vergangenen Wochen reden oder Singles darüber sprechen, dass sie die Einsamkeit im Home-Office belastet? Ich wünsche mir mehr Mitgefühl und weniger Maßregelung, mehr Vorsicht im Umgang mit dem Gegenüber. 

 

14.5.2020

 

Marie Isabel, Dunfermline

Wird es hier stiller werden, wenn dieses Tagebuch nicht mehr, wie ein Dickenscher Roman in Fortsetzung, wöchentlich erscheint? Welche Rolle spielt diese Form der Veröffentlichung, das regelmäßige Teilen mit einer größeren Zahl von Menschen, auf die das hier in die virtuellen Seiten Getippte aktiv hinübergeschwappt wird? Welche das gemeinsame Schreiben? Letzteres ist ein Geschenk, das wir uns gegenseitig machen. Ganz egal, wer mitliest oder nicht, wir wissen stets – oder hoffen es zumindestens, dass sich die anderen Zeit nehmen für uns. Wir sprechen indirekt miteinander auf diese Weise, hören einander zu. Wir üben ein wenig das Mitgefühl und die Behutsamkeit anderen gegenüber, von denen Berit schreibt. Es ist hier so ganz anders, als in einem ‘privaten’ Tagebuch. Das kann zwar zu einem absoluten Freiraum des Denkens und Sagens werden, aber es bleibt ohne Resonanz. Es sei denn, frau trägt es ins Außen oder schreibt mit Blick darauf, aber selbst dann entfaltet sich wieder eine andere Dynamik. Nun, wir werden sehen.

 

15.5.2020

 

Sarah, München

Der Alltag. Es wird normal. Masken. Zuhausesein. Essen nur zum Mitnehmen. Zurückgeworfen auf die Familie. Frauen am Herd. Kinder, die ihre Freunde und Großeltern nur noch per FaceTime treffen. Alles Alltag. Es wird stiller. Auch hier im Tagebuch. Auch in mir. Die Tage sind nicht etwas schweres. Aber sie scheinen sich zu verflüssigen, ineinander zu fließen, eine Farbe zu bekommen. Der Blick aus dem Fenster in den Garten wird das, was früher der Blick aus der S-Bahn war. Es ist ein schöner Ausblick. Und ein sehr beschränkter. Und zum ersten Mal fühle ich so etwas wie Furcht. Vermutlich bin ich kein besonders ängstlicher Mensch. Aber dieser neue Alltag. Diese Gewöhnung. Auch bei mir. Das erschreckt mich. Wir sind eine Insel, hier in diesem Haus. Und die Brücken zerfallen.

 

16.5.2020

 

Marie Isabel, Dunfermline

Ich freue mich, Berit zu sehen und zu lesen, und verfolge beeindruckt und berührt, was Sarah schreibt. Es ist schade, dass es hier so ruhig geworden ist, denn, wie Politiker:innen, Forscher:innen und, deren Worte wiedergebend, Journalist:innen immer wieder sagen: Wir stehen noch ganz am Anfang im Umgang mit dem Virus. Daher wäre es schön, im Gespräch zu bleiben – und aufmerksam für die Veränderungen, Stimmungen, Seltsamkeiten aber auch Potentiale der Gegenwart.

 

Nabard, Bonn

Seit nun einer Woche habe ich frei. Urlaub. Keine Klinik, keine Patienten, keine Befunde, keine Briefings, keine neuen Erkenntnisse zum Virus aus erster Hand. Stattdessen lange Nächte mit meiner Familie nach dem Iftar, Spaziergänge, Gartenarbeit und einfach Sonne und sorgenfrei. Zu viel getwittere vielleicht aber das ist wohl zu einer lästigen Sucht geworden wie bei manchen das Rauchen. Ich würde gerne wieder eine Shisha rauchen, ob die Cafés wieder geöffnet haben? Da war doch was, was mit Shisha-Cafés und einem rassistischen Anschlag. Oder? 

 

Rike, Köln

Die Welt duzt sich seit Ausbruch eines Virus. Auf Schildern schreiben die Einzelhandelnden: Wir sind wieder für euch da. Es irritiert mich irgendwie, das viele neue euch und ihr, obwohl ich es meistens sehr mag, geduzt zu werden. Bloß wenn es von großen Unternehmen kommt, muss ich kotzen. Die IKEA-sierung der Welt. Dieser best-Buddy-Tonus, um dir was zu verkaufen. Oder ich lese den Duz-Trend so: die Welt holt sich vom IKEA das Du zurück. Die Leute von Ebay-Kleinanzeigen immer noch gleich unhöflich wie immer. Ich verschenke eine Matratze. Ich erhalte eine Email: „Noch da?“ Das ist das einzige, was da steht. Vielleicht kann die Person kein Deutsch. Dann kann ich das verstehen. Aber dann könnte sie immer noch Danke schreiben, das wäre nett. Das Wort kennt jede Person. Auch die BILD mit ihrer DANKEwerbung. BILD hat es sich neuerdings auf die Fahne geschrieben, überall auf ihre Plakate DANKE zu schreiben und sich nun als große Vorreiterin der Geflüchtetenhilfe zu framen. „Unsere Leser sind die Besten, sie helfen Flüchtlingen.“ Auch ALDI sagt DANKE, auch LIDL sagt DANKE. Das öffentliche Danke von Großunternehmen, die teilweise sehr dafür bekannt sind, ihre Angestellten nicht gut zu behandeln. DANKE von der Diakonie, die schon v. C. seit mehr als 2 Jahren eine Kampagne mit dem Namen „unerhört“ führt, um auf die Arbeit von „Alltagshelden“ (neues It-Wort) aufmerksam zu machen. Die einzige Kampagne, der ich etwas glauben kann. Die Einnahme des DANKEschöns als neue Marketingstrategie, bah. Diese Werbeleute, sie probierens immer wieder irgendwie. Die 2. Email von „Ja“: „Hallo, wir würden die Matratze gerne für unsere Tochter abholen.“ Wen unterstütze ich? Eltern, die einer Tochter unter die Arme greifen wollen? Die 3. Email von „Ali“. „Ali“ würde gerne Bilder. Er siezt mich. Ich bin für „Ali“. Die Eltern melden sich auf meine Antwort nicht mehr. „Ali“ bekommt heute Abend ein Foto von mir. Ich bin ebenso verlogen und bigott wie alle anderen auch, rege mich über Unternehmen auf, im Kühlschrank der WG ist die Hälfte der pseudo-Bio-Produkte vom ALDIsüd. Ohne Sünde ist niemand, mit Steinen werfen wir trotzdem. Wir. Wer ist dieses Wir? Du? Ich meine, Sie? Ich auf jeden Fall. Wer wird angesprochen, wenn geschrieben wird: wir sind wieder für euch da? Wer ist nicht gemeint? 

 

17.5.2020

 

Sandra, Berlin

Wo stehen wir jetzt? Wie geht es weiter, von hier an? Die Lockerungen machen mich nervös, das Frühlingswetter macht mir schlechte Laune. Das geht sich nicht aus, meldet sich die skeptische Wienerin in mir. Oder ist meine Sorge umsonst, geht sich das schon aus? Seitdem die Pandemie oder die Tatsache, dass die Pandemie eine mich unmittelbar umgebende und betreffende Tatsache ist, in meiner Welt und meinem Bewusstsein angekommen ist, bin ich durch alle möglichen emotionalen und mentalen Aggregatzustände gegangen: überdrehte Aktivität und durchgearbeitete Nächte, kreative Hochs und depressive Schreibkrisen, gefolgt von Sowieso- und Worumüberhauptkrisen, zwischen Laberflashes und Sprachlosigkeit, Dankbarbeit und Wut, Ruhe und Ungeduld, komatöser Tiefschlaf und Schlaflosigkeit etc. etc. Dann ist da mein Roman, fünf Jahre Arbeit und jetzt die letzten Lektoratsrunden, nochmal Factchecking, jede Zeile prüfen, jedes Wort abwägen. Warten. Vorige Woche ist die Vorschau erschienen. Soll ich, kann ich, darf ich mich freuen? Der Schwebezustand der Ungewissheit bleibt, durchzieht alle Ebenen meines Lebens. Wie geht es weiter für mich als Autorin – was wird im Herbst sein, wenn mein Buch erscheint und darüber hinaus? Wird sich der Literaturbetrieb verändern (müssen)? Wie werden Künstler*innen diese Zeit überleben? Wie geht es weiter für mich als Mutter – wann werde ich wieder Betreuung für mein Kind in Anspruch nehmen können? Auf allen Kanälen wird über Care-Arbeit diskutiert und gestritten, ich staune über den Hass, der Eltern und vor allem Müttern entgegenschlägt, die es wagen, die Stimme zu ergreifen, wütend zu sein, Veränderung zu fordern. Aber staune ich wirklich? Ich habe diese Ablehnung kennengelernt, seit ich zum ersten Mal ausgesprochen habe, dass ich Mutter werde. Was wir aus einer Gesellschaft, der es immer mehr an Solidarität und Fürsorge mangelt ? Wird diese Pandemiezeit unsere Welt verändern? Besser oder schlechter machen? Was wird aus diesem absurden Mischmasch aus Verschwörungstheoretiker*innen, Rechten und Irren entstehen? Ich bin hier, mittendrin, blicke aus meiner höchstpersönlichen Mikrokosmos-Perspektive auf die Welt und frage mich, wie ich ändern kann, was ich sehe. Lange sitze ich und schweige. Dann schreibe ich.

 

18.5.2020

 

Marie Isabel, Dunfermline

Wieder ein Montag. Es hat endlich einmal richtig geregnet. Seltsam, wie das Beobachten des Wetters an Gewicht gewinnen kann, wenn es einen nach Veränderung dürstet. Ich lese Sandras Eintrag von gestern und fühle mich gesehen: Eben über diese wechselnden seelischen Aggregatzustände habe ich am Wochenende nachgedacht. Momentan ist, zumindest was Corona angeht, bei mir Erschöpfung eingetreten. Da ist nicht einmal Kraft zur Wut. Die jetzt auch in Großbritannien stattfindenden Demonstrationen lassen mich müde lächeln. Das, was in Deutschland schon vor eine Weile einsetzte, ist also mittlerweile auf der Insel angekommen. Verschwörungstheoretiker sind wieder mit von der Partie. Daneben Menschen, die sich um die Beschneidung von Bürgerrechten Sorgen machen oder ganz einfach um ihre wirtschaftliche Existenz. Ich lese von ‘mainstream media’ und ‘fake virus’ und mag eigentlich gar nichts weiter hören. Am Wochenende habe ich, statt wie sonst hyperaktiv Aufgabenlisten im Haushalt abzuarbeiten, relativ wenig ‘geleistet’ und mich stattdessen in kontrollierbare Welten zurückgezogen – mein Schneckenhaus aus Filmen, Büchern, Spaziergängen, und jeder Menge Schreibprojekten. Allerdings sickert die Realität dann doch immer mal wieder durch, etwa, wenn ich von Todeszahlen lese, den ‘excess deaths’, die gerade in England (im Vergleich zu Schottland, Wales und anderswo) sehr hoch sind, und ich frage mich ernsthaft, wieviel System- bzw. persönliches Versagen ich aushalte, und wieviel davon eine Gesellschaft aushält. 

Soziale Distanz – Ein Tagebuch (12)

Dies ist der zwölfte Teil unseres kollektiven Tagebuches, in dem wir mit zahlreichen Beiträger*innen fortlaufend sammeln, wie der grassierende Virus unser Leben, Vorstellungen von Gesellschaft, politische Debatten und die Sprache selbst verändert. (hier Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8, Teil 9, Teil 10, Teil 11)

Das mittlerweile über 150 Seiten umfassende kollektive Tagebuch “Soziale Distanz – Ein Tagebuch” gibt es auch als vollständige Leseversion in Google Docs.

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Andrea Geier: @geierandrea2017, Anna Aridzanjan: @textautomat, Berit Glanz: @beritmiriam, Birte Förster: @birtefoerster, Charlotte Jahnz: @CJahnz, Elisa Aseva, Emily Grunert, Fabian Widerna, Jan: @derkutter, Janine, Johannes Franzen: @johannes42, Magda Birkmann: @Magdarine, Maike Ladage @mai17lad, Marie Isabel Matthews-Schlinzig: @whatisaletter, Matthias Warkus: @derwahremawa, Nabard Faiz: @nbardEff, Nefeli Kavouras, Philip: @FreihandDenker, Rike Hoppe: @HopRilke, Robert Heinze: @rob_heinze, Sandra Gugić: @SandraGugic, Sarah Raich: @geraeuschbar, Shida Bazyar, Simon Sahner: @samsonshirne, Slata Roschal, Sonja Lewandowski: @SonjaLewandows1, Svenja Reiner: @SvenjaReiner, Tilman Winterling: @fiftyfourbooks, Viktor Funk: @Viktor_Funk

 

Woche 8: 27. April bis 3. Mai

 

27.04.2020

 

Shida

Es gibt Lockerungen und es gibt Maskenpflicht, beides ändert für uns hier in der Pampa einfach mal gar nichts (die Maske trug ich beim wöchentlichen Einkauf auch so, andere Orte gibt es hier nicht). Alles bleibt unverändert und ich stelle pessimistische Prognosen auf („Keine Pläne mehr für dieses Jahr. Urlaub findet nicht statt, Buchmesse findet nicht statt, Weihnachten findet nicht statt.“) einfach nur, um mich selbst als Herrin der Lage zu fühlen (was ist Herrin eigentlich für ein Wort?). Ich gehe nicht davon aus, bald wieder in meiner eigenen Wohnung zu wohnen und seit der Fire TV-Stick uns hinterhergezogen ist, fehlt mir mein richtiges Zuhause auch nicht mehr. Um noch eins drauf zu setzen, habe ich auch noch angefangen, zu joggen, obwohl ich Joggen noch viel mehr hasse als Spazierengehen. Aber der Effekt auf Körper, Gemüt und Müdigkeitsstatus ist so gigantisch, dass ich mich weiterhin überwinde.

Letzte Woche hatte ich zum ersten Mal eine Online-Lesung. Ich war von Anfang an skeptisch, vielleicht, weil das Internet für mich nie ein Kommunikationsraum war und das, was ich an Literaturveranstaltungen liebe, eben die Kommunikation davor, danach, währenddessen, vor allen Dingen währenddessen ist. Ich dachte, dass ich zwar skeptisch bin, weil ich so eine Internetskeptikerin bin, dass das aber am Ende eine der Erfahrungen wird, nach der man denkt: „Ahhh! Es ist ja doch ganz toll! Zum Glück bin ich um diese Erfahrung reicher geworden! Danke Schicksal, danke Welt!“. Pustekuchen. Am Ende ist mir nur noch mal bewusst geworden, dass ich den Autorinnen-Job auch deswegen über alle Maßen abfeiere, weil es die schönsten literarisch- zwischenmenschlichen Begegnungen sind, die ich auf Lesungen und Veranstaltungen erfahre. Online-Lesungen sind zum Zuschauen und Zuhören vielleicht ganz ok (das weiß ich nicht, weil ich aus der Härte der Corona-Tage abends nicht dazu in der Lage bin, Zuhörerin zu werden und mich gebührend zu konzentrieren), als Lesende gibt man irgendwas in den luftleeren Raum und verschwindet danach wieder in der stillen Isolation. Keine Gespräche, keine Diskussionen, kein Wein, kein Lächeln, keine verhalten wütende Kritik, kein Erfahrungsaustausch, kein lautes Lachen, kein zweiter Wein, und, zur Hölle, was soll der Geiz: Auch kein Applaus. Vielleicht bin ich wie die Schulen, die jetzt merken, dass sie sich schon längst der Digitalisierung hätten öffnen müssen, um mithalten zu müssen, vielleicht geht Corona so lange, dass ich wohl oder übel meine Meinung überdenken muss. Aber erst mal bin ich trotzig weiterhin skeptisch und wünsche mir zu Weihnachten die Leipziger Buchmesse.

Schimpftirade Ende.

Hier scheint immerhin die Sonne und meine Manuskriptabgabe ist in zwei Wochen. Ich sollte also wieder meine Zeit mit dem anderen Teil des Autorinnen-Daseins verbringen, das Schreiben nämlich funktioniert weiterhin selbstbewusst Corona-Frei.

 

28.4.2020

 

Slata, München

Weiße gibt es, grellweiße und leicht gelbliche, in breiter Auswahl, wie Hochzeitskleider, hellblaue auch, gemusterte handmade und stylische schwarze, kochfeste Baumwolle oder durchsichtige, um das Gesicht geschlungene Schals, hochgezogene Rollkragen, das bringt mich aus der Fassung, wenn Leute das Beste aus jeder Lage machen, es zustande kriegen, ihre Individualität zu unterstreichen, und sich gleichzeitig Maulkörbe besorgen, alles machen, was sie machen sollen, eigentlich gibt es ja kein Argument dagegen, aber das bringt mich aus der Fassung.

 

Fabian, München

Die Leute werden kreativ und liefern tolle Bilder. Offenbar, darauf lässt zumindest der Radfahrer am Heimweg heute schließen, der offenbar begeistert das, angenommen, Pärchen drüben auf der anderen Straßenseite beim erstaunlich selbstverständlichen oder erfolgreichen Versuch filmte, an der Befestigungsmauer der Kirche entlangzubouldern. Dabei stand’s grade gestern zur Disposition, dass die Aktualitäten der Ereignisse die Geschwindigkeit der letzten Wochen langsam einbüßen – und dann springt so’was in die Bresche.

 

Svenja, Köln

Ich träume seit einigen Tagen von Arbeitsblättern. Kurz vor dem Aufwachen höre ich meine Stimme, sie diktiert genaue Anweisungen, bemüht sich um klare Formulierungen, und dann mache ich die Augen auf.

30.4.2020

 

Sandra, Berlin

Wo war ich? Der letzte Eintrag ist ewig her. Ich tauche aus meinem Zeitloch.
Hallo.
Mir gehts-
Äh-
Nein-
Und ihr so?
We are all together in this. Are we?

Ich muss meinen Kalender nehmen und rekapitulieren. Was habe ich eigentlich gemacht? Da war die Sache mit dem Finger, dem Splitter, dem Unfallchirurgen.

Dabei habe ich nur ein Buch vom Boden aufgehoben und mir dabei einen langen Holzsplitter tief unter meinem Fingernagel versenkt. Ich konnte das Stückchen Holz durch den Nagel sehen, und später, wie die Entzündung sich ausbreitet, der ganze Finger anschwillt. Natürlich dachte ich, das geht schon, ich hol das selbst raus, ok, hat dann nicht geklappt, aber es wächst ja eh irgendwann raus. Dabei fiel mir der Spiegel-Artikel ein, in dem ein Prepper erzählt, dass er „für den Ernstfall“ geübt und sich selbst als Test einen Zahn gezogen hat. Trotzdem. Kam mir lächerlich vor, mit meiner Verletzung zur Hausärztin zu gehen, bis C. mich überredet hat, aber die Ärztin wollte das nicht mal anfassen, Oh-oh, nein, das kann ich nicht machen, hat gleich eine Überweisung zum Chirurgen geschrieben. Dann der schlechtgelaunte Chirurg, der an meinem betäubten Finger herumwerkelt, der prüfende Blick der Arzthelferin der hin- und her geht zwischen meiner Hand und meinem Gesicht, während der Arzt komische Geräusche macht. Wirklich komische Geräusche. Soll ich hinsehen? Lieber nicht. Das war kurz vor der Maskenpflicht. In den Praxen war die aber schon angekommen und somit war es der erste Vormittag, an dem ich die Maske lange am Stück trug. Das Atmen fällt wirklich schwerer damit, dabei ist es nur eine Stoffmaske. Das beste war eigentlich das Verbandwechseln am übernächsten Tag, das hab ich dann als Mikro-Story vertweetet.

 

We are all together in this. Are we?

Ich nehme selten Medikamente, nach der Betäubung muss ich mich zuhause hinlegen, verschlafe einen ganzen Nachmittag. Später: Die letzten Korrekturen im Manuskript tippe ich mit neun Fingern, der verbundene zehnte weit abgespreizt, die arbeite immer noch im Bett liegend, im Pyjama. Dann: Das Email abschicken. Dem swooosh lauschen, der die Arbeit von fünf Jahren ein Stück weiter hinaus in die Welt trägt.

Und apropos WE ARE ALL TO-whatever … Die letzte Woche haben sich in die anfangs so schönen freundlichen Chats mit Freund*innen andere Themen gemischt. Ängste, Spekulationen und Nachrichtenmeldungenhamstern aus strangen Quellen – all das mischt sich in den Köpfen und in den Gesprächen geht es plötzlich um Überwachung, Bedrohung, Verschwörungstheorien. Ich kann das meiste davon Null nachvollziehen. Wir diskutieren, streiten, dann Funkstille. Bin ich intolerant? Ah, was bin ich müde.

Da fällt mir ein – morgen ist der erste Mai. Ich muss an den Wiener Prater denken, und daran, wie ich mit meinen Freund*innen dort einen großartig sonnigen besoffenen ersten Mai hatte.

We are all together in this. Are we?

Und ihr so?

 

Nabard, Bonn

Ich wollte hier so vieles schreiben, was ich schönes die letzten Tage erlebt und gefühlt habe. Aber ich bin müde, erschöpft. Mir fehlt Tag für Tag die Kraft. Nicht weil wir im Krankenhaus jeden Tag einen neuen Fall bekommen, die Patienten jünger werden, Neugeborene, Jugendliche, vormals gesunde Kinder.

Nein, weil die Ignoranz von so vielen mich erschlägt. Ihre Verschwörungen. Ihre Behauptungen es sei doch alles nicht so schlimm. Ich wünschte ich könnten ihnen die Patienten zeigen. Wie sie leiden. Und wie ihre Angehörigen leiden.

Ich bin müde. Ob es mir irgendwann egal sein wird wie viele eigentlich erkranken und sterben werden?

Meine Schwester deckt den Tisch für das Iftar gerade, wie schauen über Satelliten-Tv BBC Farsi. Im Süden Tajikistan’s sind jetzt Corona Fälle bekannt geworden.  Es ist also wohl eine Frage der Zeit bis in Kunduz und Chah-Ab, unserem Heimatdorf, das Virus gelangt. Mama spricht ein Stoßgebet.

 

Marie Isabel, Dunfermline

Ich treffe mich mit 17 Fremden zum gemeinsamen Schreiben. Nach und nach poppen die Zoom-Fenster auf. Frauengesichter, Männergesichter, mit und ohne Bart. Einblicke in kleinere und größere Räume, eine Küchenzeile, Wandschmuck, eine runde Korbschaukel. Zwei von uns verbergen ihre Umgebung hinter einem Strandbild mit Sand und Palmen, in dem die Sonne sommerhell scheint. Sehnsuchtsidentität eines kleinen Studentenwohnheimzimmers: S. ist besonders gefährdet und hat es seit Wochen nicht verlassen. Beim gegenseitigen Vorstellen erzählen wir, wo und wie wir wohnen, wie es uns im Lockdown ergeht.

Unsere Zimmerkästchen sind über mehrere Kontinente verteilt: Schottland, England, Chile, die USA, Norwegen, Dänemark. Zählt man die Herkunftsländer einiger dazu, lassen sich Italien, Deutschland, Mexiko, Südafrika mindestens anfügen. Wir haben viel gemeinsam: das Gefühl des Beengtseins; die Freude, Spaziergänge in freier Natur machen zu können oder in der Nähe eines Flusses, Meers, Hafens; die Dankbarkeit für ein Haus am Stadtrand; das Leiden unter kleinen Wohnungen im Stadtzentrum. Eine von uns strickt. Es wirkt beruhigend. Ab und zu trinkt jemand etwas. Espresso, Tee, Wasser. Zwei Wissenschaftler der Universität von Edinburgh moderieren.

Eine Viertelstunde lang schreiben wir. Alle stummgestellt vor der Kamera. Darüber, wie es uns jetzt geht, was uns bewegt, in einer Form unserer Wahl. – Ich lasse mich von der Sprache treiben. Sehe aus dem Fenster auf die weichen Linien draußen, alles erwartet Regen. Der Wetterbericht hatte ihn für gegen drei oder vier Uhr nachmittags angekündigt. Wie wäre es, klappert die Metaphernkiste, wenn wir eine Lockdown-Vorhersage hätten? Wie spielt sich das Corona-Wetter ab? Ist der Sturm schon vorbei? Auf wen bricht er herein? Auf wen nicht? Ist er überhaupt real, wenn wir ihn nur als Vorhersage kennen, nur andere ihn erleben? … –

Nach fünfzehn Minuten kommen wir wieder zusammen und lesen. Nacheinander. Kommentiert wird nicht. Nicht gewertet. Nur zugehört. Wirklich zugehört. Es wird geweint. Gelächelt. Gelacht. Genickt. Gefühlt. Mitgefühlt. Nachgefühlt. Wir schreiben über Ängste; den Schmerz darüber, einen trauernden Menschen nicht in den Arm nehmen zu dürfen; die Suche nach Stärke in der Erinnerung an überstandenes Leid; das Bedürfnis, andere zu umsorgen, zu beschützen; wie man als Einwanderer während der Pandemie noch mehr zum Außenseiter wird; wie Covid-19 hilft, eine Revolution in den Kinderschuhen zu ersticken; inwiefern das ritualisierte Klatschen für die NHS-Helden jeden Donnerstagabend um 8 Uhr Fassade ist, um Missstände zu verdecken; über einen veränderten Fokus auf die eigenen Bedürfnisse, deren Befriedigung; Alpträume, in denen die soziale Distanz nicht eingehalten wird; Wut; die Suche nach einem Ort der Ganzheit des Selbst; ob das Draußen noch existiert, wenn das Leben sich nur drinnen abspielt; über den Rückzug von allen Nachrichten; dass frau jetzt anders hört, wahrnimmt; in der Falle sitzt; scheinbare Normalität in idyllischer Umgebung; über das Schreiben, um nicht den Verstand zu verlieren und das Schreiben um des Schreibens willen, das keinen Sinn schafft.

–––– Es ist eine enorm intensive Erfahrung. Alle lesen. Vor Menschen, die sie bis vor einer Stunde nie gesehen hatten, in einem geteilten virtuellen Raum, in dem alle den gleichen Platz haben, das gleiche Recht auf Zeit und Aufmerksamkeit, Unterstützung, Zeugenschaft, Begegnung. Es ist überwältigend, berührend. Wir danken einander. Für den Mut, uns einander zu öffnen. Jemand bemerkt, dass es sich jetzt so anfühle, als kenne man sich. Ich sage, dass ich mir wünschen würde, alle wiederzusehen. In zwei Wochen, vielleicht drei. Wer weiß, wie es uns dann geht?

 

1.5.2020

 

Slata, München

Coronababys wird man sie nennen, die zwischen Dezember dieses und, schätze ich mal, Sommer nächsten Jahres Geborenen, es werden ruhige, entspannte Kinder, die im Liegen, im Sitzen zuhause aufwuchsen, ausgeglichen ernährt, mit Mozart frühentwickelt, mit Büchern unterhalten, von der Sonne auf dem Balkon gebräunt. Kindergärtner werden ihre Gruppen Alpha, Beta, Gamma nennen, Lehrer werden sich darum streiten, eine Klasse mit Coronakindern zu bekommen, mit besonders gutem Ruf, vielleicht wächst dreißig Jahre später abrupt die Anzahl der Mediziner, Biologen, Virologen, ernst und charmant alle, wie Drosten. Das Einzige, wozu die Zeit vom Nutzen wäre, Babys auszutragen.

 

Sandra, Berlin

Wir verschlafen den ersten Mai. Es ist der stillste erste Mai, seit ich in Berlin lebe. Keine Openair-Party, keine Demo, kein Picknick, nicht mal eine Deadline. Ruhiger noch als letztes Jahr, als das Kind knapp sieben Monate alt war. Als ich endlich aufwache, sind C. und das Kind weg. Es ist selten, und fast schon unheimlich, dass ich allein und in einer stillen Wohnung aufwache. Auch auf der Straße ist niemand unterwegs. Kein Mensch hinter den Fenstern gegenüber. Ich denke spontan an den Anfang von „The walking dead“, wenn der Protagonist im verlassenen Krankenhaus aufwacht. Gestern Abend, kurz vor Dämmerung, als die Straße in surreal pastellfarbenes Licht getaucht war und gleichzeitig ein Regenguss runterkam, standen wir am Fenster, um das Schauspiel zu betrachten, und in den Nachbarhäusern ringsum unzählige Gesichter an den Fenstern, Menschen, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Dann lief eine Frau die Straße runter, mitten auf der Straße, durch den Regen, barfuß, laut lachend, eine Szene wie in einer Romcom.

C.s Whatsapp.-Nachricht sagt mir, dass alles in Ordnung ist, die Apokalypse noch etwas wartet, er und das Kind spielen draußen. Mein Kind ist jetzt schon sehr viel länger zuhause, als ich mir das jemals vorgestellt habe, ich wollte nach 12 Monaten Betreuung in Anspruch nehmen – davon schrieb ich ja schon im Rahmen dieses Tagebuchs. Erst schien es unmöglich einen Platz zu bekommen. Und jetzt scheint es keine Ende nehmen zu wollen, dass wir Arbeit und Kind ohne Betreuung jonglieren. Kurz vor der Kita-Eingewöhnung kam der lockdown. Nach den neuesten Regelungen erfüllen wir zwar die Anspruchsbedingungen für die Notbetreuung, auch eine Eingewöhnung, aber unsere Kita ist ganz klar überfordert und verunsichert und stellt sich quer. Die Verunsicherung finde ich einerseits total nachvollziehbar, aber leider gibt es keinen nennenswerten Dialog darüber, stattdessen werden diese Überforderung undoder diese unausgesprochenen Ängste einfach auf unserem Rücken ausgetragen. Wir sind beide erschöpft. Wir müssen raus aus der Alltagssituation, wenigstens für eine Woche. C. nimmt sich Urlaub.

Der Ausnahmezustand der Belastung ist auf Dauer für niemanden zumutbar: Es müssen Lösungen gefunden werden, für alle Eltern und Alleinerziehenden.

Am späten Abend fassoniere ich C.s undercut nach, wie ich es seit Beginn des lockdown schon öfter gemacht habe. Ich bin ehrgeizig. Diesmal will ich den Übergang besonders gut hinbekommen, und rasiere dabei ein kahles Loch mitten in seine Schädelflanke. Unser Lachen hallt im Badezimmer. This too shall pass.

 

Rike, Köln

was habe ich gesehen. ich habe gesehen: verschiedene menschen in 3,5m entfernung halten plakate hoch, sie stehen in abgeklebten gaffa-dreiecken einzeln. ich vermute, dass die sprechchöre nicht aufkommen (können), weil der menschliche abstand zu groß ist. es wirkt so: den leuten ist die demo oder das demonstrieren eher peinlich. aber das ist es nicht, nur mir ist es peinlich, oder unangenehm, wer wie klingt, könnte man genau raushören. Ich will in einer masse untergehen. eine lose bekannte legt sich ohne atemschutzmaske mit einer polizistin an, die eine modische brille trägt, die sich drüber aufregt, dass sie von der losen bekannten geduzt wird. die frau sagt: aber du wirst immerhin gut bezahlt, nachdem die polizistin etwas sagt, das auf eine 12stundenschicht hindeutet. die polizistin möchte verstanden werden und nicht immer die böse sein (meine interpretation). Ich wackle zwischen empathie für beide hin und her. ich mag das goldene gestell ihrer brille. Ich lasse jeden oberflächlichen gedanken zu. ich bin immer noch eine demonstrationstouristin. das hier, das macht nicht mut, es ist nur absurd. der mann, der das einzige megaphon bedient, das da ist, hat immer wieder hustenanfälle, während er von systemrelevanz, geschlossenen krankenhäusern, und etwas anderem erzählt. ich mache ein albernes selfie von mir in meiner blauenwolkenmaske, die mich aussehen lässt wie ein riesenbaby und den blauen beamten im hintergrund, die mit schnabelmasken eng aneinander gedrängt verloren neben einer garage stehen. sie sind nicht verloren. Der mann macht witze, dass sie die 3,5m nicht einhalten, ins megaphon. Ich mache witze über die ironie der neuen vermummungspflicht auf demos. Nachmittags: Es gewittert an vielen stellen in einem der länder mit den zufälligen grenzen (zufällig meins). Ich will nicht die Nachrichten lesen. (Es hilft gerade nicht weiter). (Heute aufgeben, vielleicht kommt morgen eine neue idee.)

 

2.5.2020

 

Jan, Hannover

Diese Müdigkeit ist eine einzige, unhaltbare Zumutung. Betont beiläufig kam sie vor ungefähr zwei Wochen angeschlendert, vergrub sich eines Nachts tief in meinem Körper und verschanzt sich seither dort. Jetzt schleppe ich mich durch die Tage, Last und Lastenträger zugleich, ein Packesel meiner selbst. Wenn ich an die frische Luft gehe, überkommen mich ausdauernde Gähn-Attacken, von denen mir am Ende des kleinen Ausmarschs die Kiefergelenke schmerzen. Drinnen geht es. Das wäre überhaupt ein guter Titel für meine Autobiographie: «Drinnen geht es».

Für gewöhnlich bereitet mir ein Gähnen schamloses Wohlgefühl, aber das Gift liegt in der Dosis, wie ein früherer Chef (in anderem Zusammenhang) so häufig zu mir sagte, dass ich ihm schließlich recht geben musste. «Ich bin so müde, vergähne mein Leben im Zeitlupentempo», sang Christiane Rösinger, die große Songwriterinnen-Liebe meines Lebens, und überhaupt fühlt sich der Lockdown mittlerweile an, als wäre er nur nach ihrem alten Lassie-Singers-Stück «Ist das wieder so ’ne Phase» geformt. Ich schlurfe durch die Tage, durch die Wohnung, diesen Parcours meiner ziellosen Selbstbeschäftigung, mit hängenden Schultern, mit gesenktem Kopf, die Augen jucken, die Fußsohlen schleifen träge übers Industrieparkett. Drinnen geht es, oder, wie Christiane Rösinger mit ihrer zweiten Band Britta sang: «Alles, was draußen liegt, tut weh.»

Früher wurden in dem Gebäude, in dem ich in diesen Wochen den Lockdown aussitze, Fabrikwerkzeuge hergestellt, mit denen wiederum Lokomotiven, Traktoren, Kanonen, U-Boot-Teile und Baumaschinen produziert wurden. Heute ist mein Werkzeug ein Notebook, das ich auf meinen übereinandergeschlagenen Oberschenkeln balanciere und in das ich Worte eingebe und noch mehr Worte, ohne dass sie eine Richtung einschlagen oder einen Rhythmus aufnehmen wollen.

Seit ich mich in Distanzierung vom äußeren Ansteckungsgeschehen in den umbauten Raum zurückgezogen habe, auf die mir zugeschriebenen Quadratmeter des Dämmerns und  Vor-sich-hin-Wohnens, habe ich nicht mehr richtig Musik gemacht, vielleicht ist das ein Grund dafür, dass ich keinen Groove mehr finde. Das Leben schlurft, und die Müdigkeit frisst sich durch alles hindurch. Mein Lesesessel, der auch zum Schreib- und Surfsessel geworden ist, passt sich dem Druck und der Form meines Körpers an, verschmilzt mit ihm, wächst um ihn herum, er nimmt meine Müdigkeit auf und gibt sie an mich zurück. Gemeinsam sind wir eine mächtige Maschine des Stillstands. Es ist eine Zumutung.

 

Berit, Greifswald

Ich leide unter Monotonie. Jeden Tag laufe ich 5000 Schritte die Straßen hinauf und hinab, jeden Tag bearbeiten die Kinder Arbeitsbögen, jeden Tag versuche ich einige der anfallenden Aufgaben zu erledigen, jeden Tag räumen wir Abends die Spielsachen zusammen. Nach wenigen Tagen liegt wieder auf allem Staub und es geht wieder von vorne los. Ich habe irgendwann zwischendrin vergessen, welcher Wochentag ist, einen wichtigen Termin verschlafen, einen Brief nicht rechtzeitig abgeschickt. Manchmal frage ich mich, ob die Zeit dadurch langsamer oder schneller verläuft?

 

Svenja, Köln

Die Autos sind wieder da. Sie fahren vor meinem Fenster, fast so laut wie vor der Krise. An der Eckkneipe stand heute eine Gruppe von Menschen um einen Tisch auf der Straße. Im Supermarkt ist es voll, niemand benutzt mehr Einkaufswagen und eine Frau kommt mir mit heruntergezogener Maske entgegen. Ich zucke zusammen und versuche mir vorzustellen, dass es einen guten Grund für ihr Verhalten gibt. Ich möchte allen Menschen sagen, dass sie ihre Masken nicht unters Kinn klemmen sollen, dass die Beule für die Nase ist, dass sie immer noch Abstand halten sollen. Die Stimmung auf der Straße ist ausgelassener und rücksichtsloser. Vielleicht können Menschen nicht lange in der Krise sein.

Am Abend verlinkt jemand einen Artikel aus dem New Yorker. Ich lese von dem anderen Krankheitsverlauf, von Lungen-, Nieren-, Gehirn- und Herzschäden, von Blutgerinnseln, unauffälligen Symptomen und ärztlicher Ratlosigkeit.

 

3.5.2020

 

Fabian, München 

Wie wäre es eigentlich, den Fußballbedürfnissen diverser gesellschaftlicher Größen dahingehend nachzugeben, die einschlägigen Austragungsorte zu Hochsicherheitseinrichtungen mit eigenen Laborkapazitäten und Testproduktionsanlagen aufzurüsten, zur möglichst autarken Kasernierung der Spieler et al.. Gut, geisterspielen müsste man dennoch, und auch gerade der internationale Austausch als vielleicht wesentliche Grundlage fantastischer (oder feuchter) Transfairzahlungsträume fiele aller Wahrscheinlichkeit nach aus, aber zumindest dem Fernsehpublikum wäre etwas geboten, und wer weiß, der eine oder andere Privatsender hätte sicher Interesse, das Leben der Spieler zwischen Feld und Tribünen nach dem Vorbild bekannter Scripted Reality-Formate zum sozialen Experiment aufzuwerten.

 

Sandra, Berlin

Es ist Sonntag Abend. Wir haben beschlossen, Montag fällt aus. Die ganze nächste Woche fällt aus. Wir nehmen uns eine Woche raus aus allem. Geht sich das aus? Wir werden sehen. Ich werde berichten.

4.5.2020

 

Marie Isabel, Dunfermline

Meiner älteren Nachbarin ist langweilig. Sie sieht traurig aus, als sie mir meinen Teller (ich hatte ihr frischgebackene Ingwerkekse vor die Tür gestellt) über den Gartenzaun reicht. Wie mir stehen ihr die Haare zunehmend zu Berge. Sie vermisst ihre Unabhängigkeit. Allein einkaufen zu gehen. Alte Freundinnen zu besuchen, die weiter weg wohnen, so, wie sie es jedes Jahr macht. Eine von ihnen hatte am Telefon gesagt, dass sie Glück hätten, weil sie an das Alleinsein gewöhnt seien. “Wie aber geht es jetzt denen, die gerade jemanden verloren haben? Ich erinnere mich noch gut daran, wie das bei mir damals war.” –– Andere Frauen, mit denen ich mich austausche, erleben den Lockdown auch als positiv. Mehr Zeit für den Garten, das Kind. Das Leben entschleunigt. Trotz neuer Herausforderungen, wie der digitalen Lehre, oder, im Gegenteil, der Abwesenheit von Berufstätigkeit, weil frau in den bezahlten Urlaub geschickt wurde. –– Im Deutschlandfunk kommentiert ein Soziologe, dass es zwei Gruppen von Menschen gebe: jene, die den Lockdown fast unerträglich finden und jene, die sich darin nicht nur eingerichtet haben, sondern sogar wohl fühlen. Ich befinde mich irgendwo dazwischen, denke ich erst, erkenne aber dann, dass ich einem Selbstbetrug aufsitze, denn was mir wirklich zunehmend fehlt, ist Bewegungs-, Reise-, Interaktionsfreiheit. Nicht Freiheit in einem abstrakten, wie auch immer idealen oder idealisierten Sinne, sondern ganz praktisch. Spezifisch die Freiheit, meine Familie zu besuchen. –– Dazu passt die verstärkte Polizeipräsenz, die mein Mann und ich auf unserem wochenendlichen Spaziergang bemerken. Fünf Polizeiwagen auf Streife in einem Zeitraum von zwei Stunden (wohlgemerkt am Stadtrand). Das ist nicht normal. Das ist einfach nur neu. Und es bereitet mir enormes Unbehagen. Da kann ich verstehen, warum andere, gerade frisch eingezogene Nachbarn, zumindest in ihren Garten immer mal einen Gast einladen, oder zwei. Oder dass es mittlerweile Untergrund-Friseur-Netzwerke gibt. Oder Menschen, die dagegen aufbegehren, nachts nicht mehr unterwegs sein zu dürfen, dabei wollen sie doch nur Sternschnuppen beobachten. Unter Einhaltung aller Abstandsregeln, versteht sich. Langweilig ist mir übrigens nicht. Oder vielleicht doch.

Soziale Distanz – Ein Tagebuch (11)

Dies ist der elfte Teil unseres kollektiven Tagebuches, in dem wir mit zahlreichen Beiträger*innen fortlaufend sammeln, wie der grassierende Virus unser Leben, Vorstellungen von Gesellschaft, politische Debatten und die Sprache selbst verändert. (hier Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8, Teil 9, Teil 10)

Das mittlerweile über 132 Seiten umfassende kollektive Tagebuch “Soziale Distanz – Ein Tagebuch” gibt es auch als vollständige Leseversion in Google Docs.

Es schreiben mit:

Andrea Geier: @geierandrea2017, Anna Aridzanjan: @textautomat, Berit Glanz: @beritmiriam, Birte Förster: @birtefoerster, Charlotte Jahnz: @CJahnz, Elisa Aseva, Emily Grunert, Fabian Widerna, Jan: @derkutter, Janine, Johannes Franzen: @johannes42, Magda Birkmann: @Magdarine, Maike Ladage @mai17lad, Marie Isabel Matthews-Schlinzig: @whatisaletter, Matthias Warkus: @derwahremawa, Nabard Faiz: @nbardEff, Nefeli Kavouras, Philip: @FreihandDenker, Rike Hoppe: @HopRilke, Robert Heinze: @rob_heinze, Sandra Gugić: @SandraGugic, Sarah Raich: @geraeuschbar, Shida Bazyar, Simon Sahner: @samsonshirne, Slata Roschal, Sonja Lewandowski: @SonjaLewandows1, Svenja Reiner: @SvenjaReiner, Tilman Winterling: @fiftyfourbooks, Viktor Funk: @Viktor_Funk

 

20.04.2020

 

Tilman, Hamburg

In gebührendem Abstand sind wir gestern mit der Familie B/B spaziert. Dabei haben wir immer wieder durchgemischt, dass jeder mal mit jedem sprechen konnte. Ich werde sehr für mein Brot gelobt – das ich natürlich bereits in Vorkrisenzeiten buk! – und nach dem Rezept gefragt. Als wir uns verabschieden, treffen wir noch K. K sagt, “Alter, Tilman was war das für ein geiles Brot.” B/B sagt, “ja mega, wir haben eben auch schon gesagt, dass […]” Ich mache darauf aufmerksam, dass sie verschiedene Brote gegessen haben, also nicht nur verschiedene Werkstücke, sondern auch verschiedene Varianten. Jetzt denken bestimmt alle, dass ich ein verdammter Hexer bin. Ich gehe nach Hause und backe einen Hefezopf. (Der ist auch gelungen.)

Vorhin war ich dann bei A. Der soll jetzt mein neuer Hausundhofgitarrenbauer werden, nicht dass ein solcher Amateur wie ich das bräuchte, aber wer weiß, wozu das mal gut ist. Musikgeschäfte sind ähnlich der Trinität des Kompetenzgefälles – Weinläden, Skateshops, IT Fachleute – so eine Sache. Auf der einen Seite muss Dein Gegenüber mitbekommen, dass Du kein absoluter Neuling bist, auf der andern muss deutlich werden, dass Du seine Überlegenheit in fachlichen Dingen absolut anerkennst. Ich gebe also (1.) zu Protokoll, dass sich da amtliche Lollar Vintage Single Coils in der Tele befinden und (2.) dass ich gar nicht würdig bin, eine mit solchen Tonabnehmern bestückte Gitarre zu spielen. Vielleicht wäre das bei A. gar nicht nötig gewesen, der scheint ein aufrechter, vorurteilsfreier Mann zu sein. 

Fabian, München

Nur wenn man scheitert, wächst man auch – Headline, von heute oder aus dem Archiv, weiß ich nicht, habe keine Lust bloß, nachzusehen, und so außergewöhnlich ist das ja auch nicht, lebensbehilflich von Wachstum – seit wann wächst man eigentlich, bzw. mehr als bloß aus alten Kleidern hinaus, bloß, dass es sauer aufstößt, ein wenig, mich jetzt zu fragen, inwieweit das Selbstoptimierungsparadigma mit dem neoliberalen, zum Wachstum verdammten Kapitalismus globalisierter Märkte, bonmot, denn tatsächlich korrespondiert, blöde Frage, werfe ich ein, gegen mich selber, und stelle mit eine weitere, oder postuliere, ein Henne-Ei-Problem, und wie’s um den globalisierten, westlichen Menschen bestellt wäre, wenn sich an Stelle das Wachstumszwangs lebensratgebender psychologisierter, oder wahlweise Bullshitbingo-Ausrufer, und über und über und über sich selbst hinaus, und abwägend zwischen Zynismus und böserer Peolemik, für die aber hier die Ausdrucksmittel merkwürdigerweise fehlen, vielleicht doch noch ein Bier aufmachen, ein Phantasma von wegen keineswegs kostensparend bestmöglicher Ressourcennutzung gebildet hätte, wenn es schon sein muss, dass es mir nicht möglich zu sein scheint, usn abseits ökonomischer Zergliederungen zu denken, vielleicht doch lieber kein Bier mehr diese Woche, während gerade meine Position sich des Priviliegs erfreuen zu können scheint, sich vom, in gewissen Maßen, von Stillstand keine Rede, eingeschränkten Mobilitätsgraden und Körperkontaktdefiziten, mögen sie vorhanden sein, noch, gerade ökonomisch nicht bedroht fühlen zu müssen – quasi Tiefenentspannung als intersubjektives und -relationales Defizit.

Marie Isabel, Dunfermline

Ich frage mich, warum die Einträge spärlicher werden. Ist das Schweigen ein Zeichen der Gewöhnung? Oder der willkommenen Rückkehr teilweisen Alltags? Weil ja z.B. in Deutschland wieder bestimmte Geschäfte und Institutionen öffnen dürfen, während andere geschlossen bleiben. Ich lese nach, was wo wann wer und stoße auf das schöne Wort ‘Flickenteppich’. Fliegender Teppich wäre noch toller. Mit dem ließe sich unversehens und umweltfreundlich reisen, oder zumindest in sicherem Abstand über den Häusern schweben, in denen liebe Menschen wohnen, und winken, so von oben herab halt, aber doch ganz nah. Kultureinrichtungen, Schwimmbäder, Fitnesscenter – was ist mit Cafés? – etc. bleiben noch geschlossen. Darunter Orte, die mir im Moment fast am meisten fehlen. Außerdem: Abstandspflicht und Personenzählen überall; eventuell Sicherheitspersonal, das Eingänge kontrollieren soll. Buchhandlungen mit Türsteher klingen nur theoretisch cool. Maskenermutigung, weil sich zur Pflicht irgendwie niemand durchringt, angenehm zu tragen sind die übrigens nicht auf Dauer, das nur nebenbei. Werden sich die Menschen an diesen eigenwillig in eine scheinbar rückkehrende Normalität eingebauten Neuzustand gewöhnen oder ihn zumindest aushalten, und wie lange? Und was werden sie mitnehmen aus Lockdown-Zeiten? Eine differenziertere Wertschätzung für alltägliche Dinge? Für bis dahin selbstverständliche Freiheiten? Für andere Menschen und deren Bedürfnisse? Oder wird niemand etwas anders sehen, weil die existenzielle Bedrohung dann doch nicht so tief empfunden wurde, wie gedacht? (Die Angehörigen der Verstorbenen ausgenommen, denn ihr Leben ist zweifelsohne nicht mehr das gleiche.) Wird man den allgegenwärtigen Tod wieder vergessen, wenn nicht jeden Tag entsprechende (hoch selektive) Zahlen verkündet werden? Im Radio hier auf der Insel heute morgen Warnungen vor den psychologischen Folgeschäden der derzeitigen Beschränkungen. Vielleicht hat sich die Welt ja auch schon verändert, wir wissen es nur noch nicht.

21.04.2020

 

Marie Isabel, Dunfermline

Irgendjemand mäht immer den Rasen. Das Gras in den umliegenden Gärten hat momentan einen noch schwereren Stand als sonst schon. Alternativ werden Autos gewaschen. Oder Wäsche. Oder beides. Die Sonne scheint jetzt schon seit Tagen so freundlich und ausdauernd, als fühle sie sich allein zuständig für die geistige Gesundheit der Inselbewohner. Nur der Löwenzahn strahlt noch gelber und ist zumindest um unser Haus sowie im Umland omnipräsent. Schmetterlinge und Co. freut’s. Laut BBC heute morgen hat die wöchentliche Todesrate in England und Wales den höchsten Stand seit zwanzig Jahren erreicht; die Zahlen für Schottland sind wohl ähnlich. Die Berichterstattung entwickelt sich und mit ihr ändern sich die Schlagzeilen. Es kann sein, dass auch GB über den Berg ist, zumindest für den Augenblick. Aber die Statistik zeigt auch: zwar geht eine Mehrheit der zusätzlichen Sterbefälle auf das Konto von Covid-19 aber eben nicht alle. Man wisse noch nichts Genaues, es werde Jahre dauern, die Situation zu analysieren. Instinkt und gesunder Menschenverstand zeigen sich wenig überrascht, aber ich weiß: Wissenschaft braucht Zeit, und für vorschnelle Schlüsse sollte frau sich nicht hergeben. 

Slata, München

Und wir beginnen, Leggins zu  tragen und Jogginghosen, lernen Geduld und Streit, der okay ist, der sich aushalten lässt, der sein darf. Die Wohnung wird zum sicheren Zufluchtsort, Nachbarn ab und zu, ja, im Treppenhaus, vor dem Müllcontainer, unter dem Balkon irgendwo, aber wir ignorieren einander und es ist schön so. Wir geben weniger Geld aus und schicken das Meiste, was wir an Paketen bestellen, wieder zurück, ein Anlass mehr, nach draußen zu gehen, wir brauchen mehr Essen, Schnittblumen, Putzlappen, Servietten, Toilettenpapier, tatsächlich, wobei dieses Thema, so typisch deutsch, finden wir. Emil zeigt sich einverstanden mit Spaziergängen, ohne großartige Versprechungen, einfach mal so, traut sich beim Fahrradfahren eine Hand zu heben, darf jeden Tag zwei große Kugeln Eis auf dem Marktplatz, weil er uns leid tut, weil er keinen außer uns hat gerade. Die Zeit lässt sich anhand des Wachstums einer Gurkenpflanze messen, jeden Tag zwei, drei neue Blätter, in Abhängigkeit von der Bewölkung, giftgrün, dünne Schlingen, Fangärmchen, wir wickeln sie vorsichtig um einen Holzstab.

22.04.2020

 

Nabard, Bonn

Ramadan steht vor der Tür und niemand in meiner Familie oder meinem Freundeskreis verspürt die Vorfreude die wir sonst die letzte Jahre immer hatten. Alles wird von dieser Pandemie bestimmt. Es wird keine Einladungen zum gemeinsamen Fastenbrechen geben. Keine gemeinsame Taraweh-Gebete (nächtliche Andacht) und von Eid-Fest ganz zu schweigen. Und wenn ich mir die letzten Tage die Menschenmengen, die steigenden Erkrankungszahlen und Toten sehe dann bin ich mir nicht sicher ob wir von einer “Normalisierung” bis zum Opfer-Fest sprechen können.

Überhaupt, von neuer “neuer Normalität” sprach J. Spahn. Was soll das heißen? Dieser Zustand darf nicht unsere Norm werden. Nur können wir gemeinsam dafür sorgen diese “Normalität” zu überwinden. Aber der Mensch ist anpassungsfähig. Ich bin gespannt was von all dem was wir jetzt erleben, sich dauerhaft etablieren kann. Vielleicht wenn jemand krank ist, nicht zur Arbeit zu gehen? Oder die allgemeinen Hygiene-Vorschriften? Lustig, wir im Westen sind so von uns überzeugt, sind so “zivilisiert”, viele haben sich vor der Pandemie nicht mal regelmäßig die Hände gewaschen. Naja. Habe heute frei, viel Sonne und Vitamin D warten auf mich. 

Janine, Flensburg

Wir haben selbstgenähte Gesichtsmasken geschenkt bekommen, von einer Freundin. Auf meiner sind Chihuahuas. Ich wollte unsere Freundin für die Masken bezahlen, doch sie will nichts. Sie sagt, sie habe es gern getan, sie habe schließlich die Zeit und sie fühle sich außerdem schäbig, an einer Krise etwas zu verdienen. Ich verstehe, was sie meint, aber gleichzeitig auch nicht. Überall nähen jetzt Frauen (von nähenden Männern habe ich bislang noch nichts gehört oder gesehen) daheim Gesichtsmasken für das soziale Umfeld. Wieder Stunde um Stunde unbezahlte Arbeit, die möglichst diskret und ohne Maulen erledigt werden soll. Eine muss es ja machen. Das Motto, auf das sich gerade das ganze Land stützt, wie mir scheint. Aber das stimmt nicht, es war natürlich auch davor schon so, dass Frauenzeit unentgeltlich für das Kollektiv zur Verfügung stehen sollte. Es ist Zeit, das Fürsorgegehalt endlich in der Politik, in den Medien, an den Abendbrottischen zu thematisieren.

Marie Isabel, Dunfermline

Ich versuche, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren, aber die Gedanken gleiten immer wieder davon, wie auf einer Rutschbahn, in die Stadt, zum Flughafen, ins schottische Hochland, in Cafés, Parks, Bibliotheken, ins Museum, wo ich vor einem Gemälde stehen und mich hineinsaugen lassen kann in die Präsenz, die virtuelle Rundgänge und Reproduktionen (hallo, Walter Benjamin) eben doch nicht reproduzieren können, und dann wieder, Radio an, Internet, die unsäglichen Nachrichten, die tatsächliche Todeszahlen reproduzieren, vor ‘collateral damage’ (also noch mehr Toten durch verschleppte Krankheiten) warnen, und in denen von ‘social distancing’ bis mindestens Ende 2020 die Rede ist, und Tests (oder dem Fehlen dieser), und einem Militär, das sich ob seiner logistischen Leistung laut selbst auf die Schultern klopft und etwas vom Krieg gegen den unsichtbaren Feind schreit, es ist wie eine schlechte Farce, mit vielen Wiederholungen, mies geschrieben auch, klar, (eventuell spannend: eine teilweise virtuell abgehaltene Parlamentssitzung, geht das überhaupt?), und ich begreife, dass die Zeiten, in denen ich dachte, ich bräuchte den Umgang mit anderen Menschen nicht oder kaum, vorbei sind, und dass – worüber übrigens auch im Radio reflektiert wurde – mein Hirn den gewohnten Input vermisst, und dazu gehört nunmal das wunderbare Chaos der Begegnung mit Fremden und Freunden und und und und und und und, so sehr ich mich auch, mindful and all that, an der Natur und am Augenblick erfreue, genuin tief erfreue, so sehr fühlt sich das nicht selbst gewählte Alleinsein wie eine Schnur an um den Hals, die würgt, und das trotz aller Dankbarkeit dafür, dass ich ein Zuhause haben darf, in dem schmackhaft gekocht und gebacken wird, in dem geschrieben und übersetzt und Musik gehört (und manchmal in der Küche getanzt), Sport gemacht und von Bergen und Reisen geträumt wird, etc., ist alles sehr selbstbezogen, klar, an die Konsequenzen des wirtschaftlichen Zusammenbruchs, den frau momentan teils in Zeitlupe teils im Schnellfortlauf beobachten kann, für mich wie für alle anderen mag ich gar nicht – also betreibe ich eine Spendenaktion für eins der britischen Maggie’s Centres, die sich um Krebskranke kümmern, schreibe mal bessere mal schlechtere Gedichte und gehe mit einigen davon hausieren, denke darüber nach, wie und wo ich den nächsten Auftrag herbekommen könnte, laufe, was die Füße tragen, prokrastiniere, wechsele zwischen Terry Pratchett, Bernardine Evaristo und diversen anderen Autor:innen hin und her, plane Briefe und Postkarten, schreibe hier, obwohl ich eigentlich arbeiten müsste, etc. – was ich jetzt auch wieder, endlich, tun werde.

Nabard, Bonn

Der Abend vor dem Fastenmonat Ramadan und zum ersten Mal spüren wir in meiner Familie nach Wochen sowas wie “Normalität”, etwas bekanntes. Es herrscht eine ruhige, zufriedene Atmosphäre. Etwas was wir lange vermisst haben. Es geht vielen Freunden und ihren Familien ähnlich. Ich hoffe wir alle bleiben in dieser Zeit weiterhin gesund.

Parallel zu diesen Zeilen übt jemand in der Nähe Schlagzeug spielen! Ich seh mich schon in drei Wochen, jedes Mal kurz vor’m Iftar (Fastenbrechen) ihn erst leise und dann immer lauter zu verfluchen. Bitte entschuldige im voraus Unbekannter Nachbar. 

Fabian, München

Das wird nichts, nein, das, räuspert man sich innerlich, nur, wie um, Bedeutungsvöllerei könnte man es nennen, im Selbstgespräch, innerlich, bloß, das theatralische und existessentielle der gefühlsuntermauert betonten  Exzessmonotonien ex aequo Gedankenschleifen durch die Imitation eines diskursiven Reflexes zu plausibilisieren, vor sich selbst, immerhin, mehr, das, und, nichts zu erwarten, also Tiefe, wenn man so will, auch, Floskelhaftigkeiten, das hat seinen Reiz auch, mal sehen, und die Zeit vergeht oder verrinnt, wie Sand, schneller jetzt, in den Augen, krustig, in den Winkeln, Einwurf, Würze der Tage, und ein neues, erneutes, bedeutungsschwangeres, pseudo, Räuspern, aber jetzt mehr vor dem Hintergrund des Kristallisationspunkts, den abzuwarten tiefere Erkenntnis des Salzes kulminierter Zeit verspricht, während das Produkt der Kulmination, im Endeffekt doch nur eigener Körperfunktionen, nach den geringsten Berührungen schon zwischen den Fingern zerbröselt, ohne, das, merkliche Spuren zu hinterlassen, schwer, wird nichts, etwas Offensichtlicheres zu finden, als die Bedeutungslosigkeit emotionaler Zustände und Involviertheiten vor dem Hintergrund in Analogie zu stellen, ironisch natürlich, wenn der direkte, zum Glück, oder Körperkontakt fehlt, oder einen fatalistischen Beigeschmack zu bekommen, wenn die persönlichen, mehr als weniger kleinen Verzweiflungen und Empfindlichkeiten im Kontakt sich, gar nicht bereit, davor zu kapitulieren, sich vor die großen Zusammenhänge zu stellen, eine, man nimmt es natürlich nicht ernst, noch für existentiell, durch und durch egoistische, man möchte nicht sagen, Abkapselung, wo doch, im letzten Schritt und ultraironisch, es doch so nahe läge, das, unter Anführungszeichen, Verhalten national(istisch)er Strukturen in Analogie, direkt proportional, zu denken.

24.04.2020

 

 

Tilman, Hamburg

Im Herbst letzten Jahres habe ich eine Wohnungsräumung durch eine Gerichtsvollzieherin begleitet. Weil sich das alles lange zog, tauschten wir Nummern aus, damit sie mich auf dem Laufenden halten kann. Später schickte sie mir per Whatsapp noch Bilder von einzelnen Gegenständen “Gehört das der Schuldnerin?” oder “Soll das auch weg?”

Der Gerichtsvollzieherin geht es auch zu Coronazeiten gut. Sie macht Fahrradausflüge mit ihrem Sohn (außerdem ist sie großer New York Fan, war auch schon dort [eventuell sogar mehrmals?!]). Unser Kontakt ist abgebrochen, aber ihre Statusmitteilungen halten mich auf dem Laufenden.

Slata, München

Ab Montag werde ich nicht mehr in die Stadt fahren, da Maskenpflicht im Öffentlichen, deshalb fahre ich heute, das letzte Mal. Aufregung in der leeren S-Bahn, Bitte fahren Sie nur in dringenden Umständen, mein geliebtes München, Ab Montag den siebenundzwanzigsten April. Die Wahl der Schuhe früh morgens, keine Fahrradschuhe endlich, enge, lackierte, schöne Schuhe, der beste, am seltensten getragene Rock, eine Tasche anstelle des Rucksacks, ich bin bereit, ich komme. Dann aufgeregter Fahrscheinkauf, Einzelfahrkarten anstelle der Semestercard für halbes Jahr, fünf Euro pro Fahrt, ich bezahle, denn ich gönne es mir. Die S-Bahn leer und schweigsam, so, wie ich sie gern habe, angenehm kühl, geruchfrei, und ich sehe aus dem Fenster, dass München, ja natürlich, mehr ist als unser Dorf, in das wir zufällig, vor zwei Jahren, hineingeraten sind, ich stelle mir die Stadt als eine, ja eine Schönheit vor, die ich irgendwann schon kriegen, zu der ich irgendwann schon ziehen werde, warts nur ab, verlockend und unaushaltbar ist sie. Rapsfelder, Ansagen des Schaffners, blaukarierte weiche Sitze, ich betrachte jedes offene, nackte Gesicht, heute bin ich ein geladener Gast, nie war die Stadt reizender als heute, vielleicht, überhaupt, wäre die Welt besser, wenn sie weniger Menschen, und dann zurück und wieder Bad, Küche, Balkon, Rucksack und der kurze tägliche Mittagsschlaf nach dem vielen ermüdenden Lesen. 

Fabian, München

In den ersten Wochen hatte es einen gewissen Reiz, einander das Anonyme Tier zu identifizieren, das im Dokument den nicht vom Ersteller geladenen Autor*innen zugewiesen wird. Keiner hat sich die Mühe gemacht, statistisch zu erfassen, wie oft er oder sie als Anonymer Frosch auftauchte, als Einhorn, sogar Drache, Dinosaurier von Zeit zu Zeit, Axolotl oder, tatsächlich, das gab es, Quagga. Das hätte funktioniert, weil man sich selber nicht sieht, also welches Symbolbild einem zugewiesen wurde, und es ist ja kein Wunder, dass es eben den Reiz verliert, wenn man irgendwann alle Tier durchzuhaben meint oder darauf zu achten vergisst. Oder, Normalität hat schnell, um nicht den Euphemismus des Ausbleibens der Aufregung zu bemühen, etwas Abgehalftertes  an sich, das zeigt sich an den kleinen und pflanzt sich in den größeren Dingen fort.

 

25.04.2020

 

Marie Isabel, Dunfermline

Ich füttere mein privates Journal mit Seiten aus dem kollektiven Tagebuch. Es kommt zu leichten Verdauungsbeschwerden. Der tägliche Wetterbericht: betrübt aber freundlich. Immer noch kein Regen. Bald werden wir wieder zu einer Wanderung aufbrechen, halb Richtung Wald, halb Richtung Bauernhof mit frischem Brot und Eiern und Scones. Auf dem Rückweg noch im Supermarkt Milch besorgen und ein paar Früchte, vielleicht. Sonst keine Veränderung. Der Lockdown dauert an. Ich sehe auf Twitter ein Foto aus dem Weinbergspark in Berlin Mitte, zumindest verortet der lakonisch-entsetzte Tweet es dort:

So viele Menschen auf einmal, so dicht beieinander, das hat hier schon lange niemand mehr gesehen. Gleichzeitig lese ich in der sozialmedialen Gerüchteküche, dass es im Süden der Insel an manchen Orten auch relativ ‘normal’ zugehe. Was soll frau glauben?

Immer wieder frage ich mich, was dieses Zurückgeworfensein auf sich selbst eigentlich mit einem macht. Ich schaue mit Bewunderung virtuell den Eltern in meinem Freundes- und Familienkreis zu dabei, wie sie sich um ihre Kinder kümmern. Mit Bewunderung, aber auch mit Schmerz, erinnert doch die Allgegenwart von kleinen Menschen in anderen Haushalten an eine ungewollte Abwesenheit in unserem. In einer WhatsApp-Gruppe, durch die ich mit anderen Survivors in Kontakt stehe, fragen wir uns kollektiv, wie sehr die Ungewissheit der derzeitigen Situation an die Zeit nach der Diagnose und während der Behandlungen erinnert.

Alte Traumata kommen wieder hoch, und wie es manchmal so ist, merkt frau erst, wenn sie total erschöpft ist, was eigentlich vor sich geht. Da hilft nur das, was eigentlich immer hilft: lieb zu sich selbst zu sein, verständnisvoll, Ruhe zu geben, selbst wenn sich der Staub fingerdick im Sonnenschein häuft oder alte Kisten auszupacken wären, Löwenzähne den Garten übernommen haben, Arbeit sich auch am Wochenende weiterführen ließe, etc. Selbstschutz und Selbstfürsorge werden in Krisenzeiten überlebenswichtig, denn das hier ist ein Langstreckenlauf, dessen Parameter sich vielleicht ändern werden, der aber nicht so einfach enden wird. Es geht immer weiter.

Svenja, Köln

Am Montag hat das Semester in NRW angefangen und jetzt unterrichte ich fünf Seminare in drei Städten von zu Hause. Mittlerweile habe ich eine Routine in digitaler Lehre entwickelt. Ich schreibe den Studierenden vor der ersten Sitzung Emails über Technik und unsere Kommunikation, bitte sie, sich einen Wecker zu stellen, und verlinke ihnen Margarete Stokowskis Text über Homeoffice. Ich bilde mir ein, dass das Informationen sind, die meinem 20jährigen Ich geholfen hätten.
Für die Sitzungen bereite ich Skripts vor, am Anfang frage ich immer: Könnt ihr mich gut hören? – Das fragt meine Therapeutin bei jedem unserer Telefonate und es hatte mich sehr beeindruckt, als sie es das erste mal tat. Manchmal mache ich Witze, wenn ich vor lauter Zoom-Fenstern den Überblick verliere. Ich weiß jetzt, dass ich den Chat nach unten rechts ziehen muss, und einen Screenshot von den Teilnehmern machen, denn wenn man das Whiteboard benutzt, verschwinden ihre Namen und dann sagt man Dinge wie: Du da unten, rechts Mitte.

Im Fanseminar haben wir uns mit unseren Fangegenständen vorgestellt und ich habe erzählt, wie ich meine Lieblingsband im King Georg getroffen habe, dass sie aus Canada kamen und ich ihnen unbedingt mitteilen wollte, auf welchem obskuren Weg ich sie gefunden hatte. Dass ich mich dann nicht traute, sie anzusprechen, dass meine Freundin gehen wollte, dass ich schon geschlagen an der Garderobe meine Jacke holen wollte und dann ein Poster stahl um es dem Sänger als Eisbrecher unter die Nase zu halten. Wie er meinen Namen falsch schrieb, wie mir so schnell nicht einfiel, wie man J auf englisch sagt und wie er schrieb, dass ich sweet bleiben sollte. Ich erzählte nicht, dass er mich danach zu einem Osterfeuer einlud und ich nicht mitging, weil ich noch nicht in Köln wohnte und mich in einer fremdem Stadt verloren gehen sah.

Abends ging ich an den Rhein, es liegen noch zwei Geisterschiffe am Ufer. Ganz am Anfang der Krise hatte eins einen Eimer Rosen auf den Fußweg gestellt, damit die Spaziergänger sie mitnehmen können. Die Rosen sahen bereits sehr mitgenommen aus und ich ließ sie stehen, weil ich wusste, dass man solche Rosen in die Badewanne oder zumindest ins Spülbecken legen muss, aber ich wasche mich und mein Geschirr gerade sehr oft.

Auch dem Rückweg kam mir ein Mann in einer dunklen Straße entgegen. Er hielt sein Telefon vor dem Mund wie eine Zigarette und es erleuchtete sein Gesicht von unten als erzähle er eine Gruselgeschichte.

Slata, München

Ein Unvermögen, Zeit abzuschätzen, festzusetzen; eine schockierende Erfahrung, nicht Herr seiner Zeit zu sein. Anfangs, als alle dachten, es dauert einen Monat, schrieb man so drauf los, Beobachtungen, Bekenntnisse, eine Seltsamkeit nach der nächsten pointiert, und jetzt, wo es höchst vage Angaben über die Dauer und das Ende des Ausnahmezustands gibt, die keinen Hinweis geben auf die Aufnahme des Alltags ‒

Warum wünschen wir uns Normalität, weg von der Ausnahme, wollen eine Rückkehr zum Gewohnten, auf das sich nimmer etwas ändert. Das Normale, das ist so, hin und her, hin und her, irgendwann dann Hort am späten Nachmittag, Taschen auspacken, Ranzen, Hausaufgaben, Briefe, Unterschriften, Wäscheklammern, Pizza, Geschirr, schnellerschneller, am Wochenende dann Gartencenter, Plastikkübel, Geranien in vier verschiedenen Farben, von jeder Farbe einen Karton voll. Wie lebte es sich früher, davor denn, jeder ja auch mit dem Kind abwechselnd zuhause, gemeinsame Nächte mit Trinkflaschen, Ersatzschnullern, jeder trägt sich die Termine des anderen in den Kalender ein, plant Puffer ein für pünktliche Kindesübergabe, und jetzt, das Kind ist deutlich selbständiger, vernünftiger, kompromissbereiter, es lässt sich leben, ganz gut sogar, wir kaufen jeden Tag deutsche süße Erdbeeren, die ersten des Jahres, lassen uns Haare, Bärte wachsen, finden einander, ab und zu, wieder attraktiv, einmal, da lagen wir zusammen auf einer Decke draußen und sahen die Wolken an, ohne Handy, ohne gar nichts. Ich werde weise. Bald kann ich einen Berg erklimmen, davon gibt es genug hier in der Gegend, von dort aus Geduld, Achtsamkeit und einen Sinn der Dinge predigen.

 

Rike, Köln

Seit unbestimmten Tagen befinde ich mich in einem Livestream kann man nicht gestoppt werden. Die Phantasie, den Laptop mit doppelseitigem Klebeband an meinen Oberschenkeln festzugaffern, damit dieses Objekt während des Aufnehmens aller Mahlzeiten nicht runterstürzt, während ich damit durch die Wohnung laufe und dauernd irgendwer aus diesem Gerät heraus etwas sagt zu mir, meistens, ohne mich zu meinen. Wie ich mich jetzt an dem Objekt festkralle, als wäre es meine Familie, alle Menschen, die ich gerne hab und die Natur gleichzeitig. Die erste Online-Konferenz: BEYOND CRISIS. Ist die Coronakrise eine Chance oder ein Rückschlag für eine ökosoziale Transformation?“ „Can the real transformation designer stand up, please?“ Sich mit unbekannten Menschen austauschen ist wie in Butter baden. Der Konferenzleiter, ein Professor, isst Müsli in seiner Küche nach virtuellem Yoga. Abends tanzen die restlichen 90 Verbliebenen in ihren Zimmern zu Livestream, einer Frau geht dabei die Stehlampe kaputt, jemand hat sein Kind vor dem Laptop vergessen, durch die trashigen Homeoffice-Vernebelungsshintergründe von Zoom ist es 1-A-Videokunst aus den 2000ern. Es erinnert mich an den Moment in Magnolia, in dem es überall Frösche regnet und die verschiedenen Menschen, gefangen in ihren Situationen, alle alleine gemeinsam irgendwie sind.
Heute kommt ein Carepaket von der Mutter an. Seit gestern habe ich die Pflicht, im Nahverkehr kleine weiße Wölkchen über blauem Himmel zu tragen. In der Wohngemeinschaft ein verbindender Moment, als 4 junge Frauen die von anderen Frauen handgenähten Dinger über die Gesichter ziehen und ein Foto machen und sagen bitte lächeln, weil was sonst, Gesichtsmaskenwieschwanzvergleich. Ja, auch wir kennen keine Maskennähenden Männer scheinen damit beschäftigt, jetzt Experten zu sein. „Can the real transformation designer stand up, please?“ 

26.04.2020

 

Nabard, Bonn

Die ersten drei Tage im Corona-Ramadan. Keine Anrufe von Freunden und Bekannten mit Einladungen zum gemeinsamen Fastenbrechen. Kein nörgelnder Hinweis meiner Mutter ich möge doch zum nächtlichen Gebet in die Moschee gehen. Gleichzeitig sitzen wir nach dem essen im Wohnzimmer und blicken teils fassungslos teils traurig richtig TV wo die große Moschee in Mekka völlig menschenleer ist. Nur die Kameraleute die einzelne Aufnahmen von der Kaaba machen und ein Imam der die Suren im Koran rezitiert.

Als Familie sind wir schon immer ein eingeschworener Haufen gewesen, jetzt habe ich das Gefühl dass wir einander noch mehr halt geben. Die Stunden vor dem Fastenbrechen waren immer die schwierigsten in denen, meistens meine Mutter, gekocht hat und wir Kinder nichts in der Küche zu suchen hatten. Jetzt durften wir alle aushelfen. Schneiden und schnippeln, den Teig kneten, den Salat anrichten und hier und dort würzen. Und die Minuten zählen bis wir das Fasten mit drei Datteln und einem Schluck Milch brechen können. Und wie es sich für eine große Familie gehört lachen und diskutieren wir am Esstisch über alle Themen der Welt, nur nicht über die Pandemie noch über steigenden Toten in Afghanistan. “Wer vermisst und trauert um sie schon?”, sagte meine Mama gestern Mittag, “ob eine Bombe oder ein Virus, seien wir dankbar dass wir hier sein dürfen und ihr Kinder gesund seid.”

Solche Sätze kenne ich schon seit ich denken kann, dankbar sein, hier sein zu dürfen. In Zeiten dieser Pandemie bin ich’s zumindest mehr denn jeh. 

Fabian, München

Kleine Gedankenblasen stürzen nach außen, die zugehörigen Gravitationszentren stürzen nach innen und “in der Mitte treffen sie einander”, zwangsgestört, neurotisch, oder nur beinahe, jetzt hat die Bundesregierung sich auf eine App geeinigt, wie schön, jetzt hat die Bundesregierung auf einen zentralen Ansatz verzichtet, oder sich vom Gegenteil überzeugen lassen – wer würde zentral, und zumindest wahrscheinlich angreifbar gesicherte, umfassende Bewegungsdaten von Bürgern schon missbrauchen wollen, andererseits, wer will das verstehen, also, wer, na klar, da sind sicher genügend Leute im Umfeld der entscheidenden oder entschiedenen Instanzen, die die technischen Infrastrukturen und Anwendungen softwareseitig gut genug verstehen, um den kurzfristigen Reizen des reizenden Anscheins einer nachhaltig erhöhten Maßes an Kontrolle über die Risiken der Situation ein zumindest gehöriges Bewusstsein für die ab- und unabwägbaren Risiken deines scheinbaren Höchstmaßes an Kontrolle für die Bevölkerung, vielleicht, an sich, entgegenzuhalten, und wie’s scheint sogar wirksam, wirklich, man wird sehen – wobei persönlich ich mir ohnehin nicht vorstellen kann, mein Smartphone deswegen jetzt, oder von jetzt an, plötzlich, öfters spazieren zu führen, außer Haus, tatsächlich, als bisher.