Autor: Team

Das Team von 54books: wenn sie nicht die Literaturkritik retten - wer dann?

Chronik: August 2021

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Vollkommen explodiert ist in diesem Monat eine unserer Fragen auf Twitter, bei der wir wissen wollten, welche Zitate aus Büchern, Filmen und Serien in euren Sprachgebrauch übergegangen sind. Über 450 Antworten hat der Thread bisher zu verzeichnen. Das kommt jedoch noch nicht an unsere Frage aus dem Oktober 2020 heran, bei welchem Buch schon geweint wurde, ist aber auf jeden Fall ein starkes Zeichen dafür, dass es sich um etwas handelt, was viele Menschen interessiert. Auch wenn es keine neue Erkenntnis ist, dass die Medien, die wir konsumieren, unsere Sprache beeinflussen, haben die zahllosen handfesten Beispiele diesen Umstand noch einmal sehr amüsant illustriert. Es scheint im übrigen so, als sei das Leitmedium unserer Zeit, zumindest was den kollektiven Zitatschatz angeht, der Film.  

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Chronik: Juli 2021

Gibt es rechtsradikalen Kaffee? Aber ja. Alles andere wäre in diesen Zeiten auch wirklich verwunderlich gewesen. Im New York Times Magazine kann man eine lange Geschichte über die Firma Black Rifle Coffee lesen, die sich seit einiger Zeit sehr erfolgreich als konservativer Anti-Starbucks inszeniert. Endlich gibt es auch Latte Macchiato für toxische Männlichkeit. Die Firma pflegt einen paramilitärischen Stil und generiert Aufmerksamkeit über konventionelle rechte Strategien des Trollens. Als Starbucks nach Donald Trumps Muslim Ban ankündigte, 10.000 refugees einzustellen, antwortete Black Rifle mit einem Meme, das Starbucks Becher neben Isis-Kämpfern zeigte. Die Geschichte ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Politisierung der Kultur immer auch eine Politisierung des Alltags zur Folge hat. Am Ende geht es um Fragen des Lifestyles. Wer man ist, oder wer man sein möchte, definiert sich nicht unbedingt über klar umrissene Grundsätze, sondern eher über den Kaffee, den man jeden Tag konsumiert und der sich mit teilweise ziemlich vagen Grundsätzen und Ästhetiken verbindet. Damit kann man natürlich gutes Geld verdienen, muss allerdings auch in Kauf nehmen, dass die Politik sich irgendwann wieder mit Macht in die halb-zynische Marketingstrategie hineindrängt. Als am 6. Januar 2021 eine Gruppe rechtsradikaler Trumpanhänger das Kapitol stürmte, war eines der besonders erschreckenden Bilder ein Mann in militärischem Aufzug mit einer Reihe von extrem bedrohlichen Kabelbindern am Arm (der “Zip-tie-guy”). Dieser Mann trug eine Mütze mit dem Black Rifle Coffee Logo. Es gehört zu den Mechanismen des kulturellen Austauschs, dass die Menschen, die man mit politisch aufgeladener Werbung für die eigene Marke gewinnen will, irgendwann Werbung für die eigene Marke machen.

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Chronik: April 2021

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Chronik: März 2021

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Alle haben den neuen Kracht rezensiert. Aber eine Sache ist doch auffällig. Von den unzähligen Rezensionen wurden so gut wie alle von Männern geschrieben. Was mag das bedeuten? Wir stellen nur Fragen. Weiterlesen

Chronik: Januar 2021

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Wir Leben in einer Zeit unliebsamer Überraschungen, um es vorsichtig auszudrücken. Wenn etwa die Autorin Marlene Streeruwitz den Monat damit beginnt, einen von ihr diagnostizierten “Hygienestaat”, der uns mit seinen “Massentests” die Grundrechte entzieht mit dem Nationalsozialismus zu vergleichen, dann ist das 1. überraschend und 2. unliebsam; vielleicht sogar erschreckend. Streeruwitz schreibt: “Aber das war genau das, was die Nürnberger Rassengesetze erzielten: der Entzug der Bürgerrechte.” Wir leben auch in einer Zeit, in der die historische Analogie keinen guten run hat, aber das muss nun wirklich nicht sein.

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“Tja! Wieso geht ihre Mutter nicht in das Theater?!” Das wurde die Autorin Şeyda Kurt in Bezug auf eine Kolumne einmal gefragt und sie entwickelt daraus in diesem sehr empfehlenswerten Text eine Kritik der patriarchalen Provokationskunst, die nach wie vor auf deutschen Bühnen gepflegt wird, wo man selten eine Gelegenheit auslässt, “irgendwen, am liebsten weibliche Figuren, nackt und vermeintlich hilflos vorzuführen.“ So lange kritische Fragen wie die folgenden, keine Antwort finden, werden Menschen ihren (zurecht) geliebten Flatscreen nicht verlassen.

Warum nehmen Theatermachende immer noch in Kauf, ihr Publikum mit darstellerischen Plattitüden von sexualisierter Gewalt zu belästigen, einen Teil von ihnen zu retraumatisieren und das Theater zu einem noch unzugänglicheren Raum zu machen? Vielleicht, weil es einfacher ist, die Vergewaltigung als ein absolutes, punktuelles Verbrechen mit Schock-Charakter darzustellen, anstatt ein dramaturgisches Gespür für die Zwischenräume und Dynamiken zu entwickeln, in denen sich (sexualisierte) Gewalt und Herrschaft schleichend und fast unbemerkt manifestieren (Bourdieu lässt grüßen). Dabei sind es gerade diese Zwischenräume, die zählen. Auch, weil sich in ihnen der Widerstand der Betroffenen einnisten und wachsen kann.

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Auf Twitter schreibt die Modeforscherin Cassidy Percoco immer wieder ausführliche und gut belegte Threads, in denen sie sich mit Modegeschichte auseinandersetzt oder kritisch analysiert, wie historische Kleidung beispielsweise in Fernsehserien umgesetzt wird (hier am Beispiel der Fernsehserie “Bridgerton”). Anfang Januar denkt sie über das Sticken als Motiv in Gegenwartsfiktionen nach und Ende Januar analysiert sie die historische Verwendung von blauer und pinker Kinderkleidung und weist auf einige populäre Missverständnisse hin:

 

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Das Feuilleton lebt von frischen Ideen, möchte überraschen mit originellen und kühnen Einfällen. Warum also nicht mal einen Artikel aus der Perspektive von Sars-CoV-2, der mit den Worten beginnt: “Planet Erde – Ich bin nicht böse. Ich bin kein moralisches Wesen. Das solltet ihr verstehen, falls ihr mich verstehen wollt: Werte, wie ihr sie kennt, sind mir fremd.” Das scheint in dem Fall offenbar auch für den Planet Feuilleton zu gelten, sonst würde er auf solche frivolen Gedankenspiele in Zeiten realen Elends vielleicht verzichten. Aber im Rausch einer guten Idee ist Verzicht vielleicht auch einfach unmöglich. Und so entlässt uns der Artikel in den gnadenreichen Fadeout der Paywall mit dem menschengemachten Selbstlob des Virus: “Ich bin das, was ihr einen guten Beobachter nennt. Eigentlich der beste, ein intimer Menschenkenner.” Dazu dann herzlichen Glückwunsch!

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Am 6. Januar stürmte eine gewalttätige rechtsradikale Gruppe das Kapitol, um zu verhindern, dass die Wahl von Joe Biden zum Präsident der USA bestätigt wird. Mit dabei war auch ein Mann in einem absurden Fellostüm, der schnell zur Ikone dieses Ereignisses wurde. Das reizte in der FAZ zu einem Sturm an gelehrten Assoziationen: von den unvermeidlichen Griechen Homers bis hin zu Bruce Springsteen. Margarete Stokowski hat dafür die gute Formulierung “Feuilletonboy Platin” gefunden. Und vielleicht wäre es Zeit, das kulturjournalistische Format zu überdenken, das ein zeitgenössisches Ereignis mit zufälligen historischen Bezügen abschießt. 

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Es scheint als wolle der WDR seit dem zweifelhaften Umgang mit dem “Umweltsau”-Lied jedes Jahr mit einem neuen Griff ganz tief in die Kiste mit den Ressentiments und Skandalen beginnen, wie anders sollte man sonst die Talkrunde von Die letzte Instanz erklären, die sich vergangene Woche zum rassistischen Stelldichein traf. Da saßen – immerhin pandemieadäquat durch Scheiben getrennt – Thomas Gottschalk, Janine Kunze, Micky Beisenherz und Jürgen Milski unter der Leitung von Steffen Hallaschka und tauschten sich über etwas aus, von dem sie offenkundig keine Ahnung und an dem sie kein Interesse haben: rassistische Diskriminierung. Die Ausschnitte, die mit angemessener Empörung geteilt wurden, lassen darauf schließen, dass selbst an dem berühmt-berüchtigten “Stammtisch” das Niveau inzwischen höher sein dürfte. 

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Wie kann die überhitzte, fragmentierte Debattenkultur in Deutschland gerettet werden? Das ZDF hat sich dafür ein sehr schlechtes Format ausgedacht, das den intellektuellen Austausch auf das ungefähre Niveau einer Partie Brennball reduziert. In “13 Fragen” müssen die Kombatant*innen sich auf einem Spielbrett positionieren, je nachdem wie sie die 13 Suggestivfragen des Moderators beantworten. Das wäre alles unerheblich, wenn man sich nicht den des ausgedachten Themas “Cancel Culture – Meinungsfreiheit in Gefahr?” angenommen hätte. Gleich zu Beginn bringt der Moderator das Problem in der Schwundstufe der vom Deutschunterricht etablierten Erörterung auf den Punkt: “Müssen wir alle aufpassen, was wir sagen in der Öffentlichkeit, zumindest, wenn wir nicht Gefahr laufen wollen, von dem digitalen Mob gelyncht zu werden?” Hier wäre bereits einzuhaken und die Gegenfrage zu stellen: Ist es schon Cancel Culture, darauf hinzuweisen, dass eine dermaßen historisch unangemessene Verwendung des Wortes “lynchen” ein Problem ist? Vor lauter Freude an der Debatte, am freien Austausch der Meinungen, am spielerischen Markt der diskursiven Möglichkeiten, am bunten Basar etc. hatte man offenbar leider übersehen, dass es sich bei dem Gast Gunnar Kaiser um eine extrem problematische Figur handelt (einfach mal googeln). Wahrscheinlich ist Lisa Eckhart inzwischen zu teuer. Da steht dann auch – Thema Cancel Culture – die Frage im Raum, ob die anderen Teilnehmer*innen nicht einfach mal hätten sagen können, nein, ich stelle mich nicht mit allen auf ein Spielbrett.

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Der Druck, jeden Tag ein Ressort bis oben hin mit Text aufzufüllen, hat in Zeiten des Debattenfeuilletons dazu geführt, dass bestimmte Themen immer wieder aus der einen Tupperdose geholt werden, die schon verdächtig lange hinten im diskursiven Kühlschrank lagert:

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Einen beeindruckenden Essay haben wir auf dem Blog der Kulturpolitischen Gesellschaft (KuPoGe) gefunden. Darin schreibt die Schriftstellerin Karosh Taha über ihre Erfahrungen mit dem deutschen Literaturbetrieb, darüber, was es bedeutet, dass hinter den Kulissen meistens immer noch “Chirurgensöhne” das Sagen haben und wie sie selbst das eigene Schreiben an die Erwartungen einer Mehrheitsleseschaft angepasst hat. Ihre Erkenntnis “Der Literaturbetrieb vernichtet die Literatur” ist nur einer von einigen pointierten, treffenden Sätzen in einem Essay, der Fragen stellt und teilweise beantwortet, die jeden interessieren sollten, der eine Literatur will, die heterogener ist als die jetzige.

Würde man den Kanon abschaffen, würde man Goethe und Schiller und Büchner für eine Dekade aus dem Gedächtnis löschen, würde auch der Betrieb aufhören, nach der Stimme einer Generation zu suchen, endlich aufhören junge Männer, die nichts zu sagen haben, diese jungen Bohémien, diese Chirurgensöhne, zu feiern. Ich kenne die Gefühls- und Gedankenwelt dieser jungen Männer, in wie vielen Variationen soll ich das noch lesen? Keiner wird den nächsten Werther schreiben, er wurde schon geschrieben.

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Die Wunschliste der Dinge, von denen man im Jahr 2021 weniger sehen will, ist lang. Aber recht weit oben finden sich Überdruss und Müdigkeit für alle Diskurse, die mit Lisa Eckhart zu tun haben, und die im letzten Jahr gefühlte 800 ängstliche Leitartikel darüber hervorgebracht haben, ob man denn noch etwas sagen darf. Zumal die so hart gecancelte Kabarettistin unverdrossen in alle Medien eingeladen wird, und so müssen wir beim Scrollen durch die Twitter-Timeline feststellen, dass der Wunsch nach weniger Nachrichten aus der bunten deutschen Comedy Welt uns nicht erfüllt wird. Denn schon im Februar wird der Spiegel unter der Führung eines Redakteurs und eines Philosophen (beide garantiert neutral zum Thema) erneut viel Platz dafür freiräumen, um darüber zu klagen, dass niemand mehr etwas sagen darf. Besonders beeindruckend fanden wir in diesem Kontext auch den Kommentar eines Users, der im August 2020 mal damit angefangen hat, alle Interviews der mundtot gemachten Lisa Eckhart zu sammeln und im September wegen Arbeitsüberlastung wieder aufgehört hat.

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Als Thomas Hettches Roman Herzfaden im letzten Jahr erschien, wurde er allerorten sehr huldvoll besprochen und stand auch auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. In einem ausführlichen Rezensionsessay wundert sich Katharina Teutsch über diese Rezeption, denn bei dem Roman handele es sich ihrer Meinung nach um “Entnazifizierungskitsch”. Anhand einer ausführlichen und subtilen Analyse, die auch einige ziemlich irritierende Zitate und Szenen aus dem Roman zusammenstellt, kann die Autorin zeigen, wie unangemessen sich Herzfaden dem Thema der nationalsozialistischen Verbrechen auseinandersetzt. “Hängen”, sagt Teutsch, “die verstrickten Deutschen bei Hettche schon im Museum für moralische Atrozitäten, wo man sie herzeigt, wie seltsam verzauberte Kreaturen, Opfer ihrer Umstände?” 

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Die kolumnistische Vernunft ist immer auf der Suche nach einem Thema, oft verzweifelt: Worüber als nächstes schreiben, wenn einem nichts einfällt? Zum Beispiel darüber, dass es doch verwunderlich ist, dass in Pandemiezeiten gestresste Eltern sich mit ihren Kindern um den Küchentisch scharren, anstatt sich gefälligst einen Schreibtisch zu kaufen (gibt’s schon ab 40 Euro) und einfach mal die Türen hinter sich zuzumachen. Der gegenwärtige Kolumnismus sieht vor, dass es für so einen Text dann gewaltigen Ärger gibt, der dann zu einer Klarstellung führt und sicherlich zu den nächsten Kolumnen, und so geht es einfach immer weiter…

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Sandra Gugić hat das Buch Frausein von Mely Kiyak gelesen und ist dabei auf diese Sätze gestoßen: „Ich wollte keine Frau sein, die Kinder hat und schreibt. Keine, die eine Ehe führt und schreibt. Keine, die eine andere Tätigkeit ausübt und auch schreibt. Ich wollte nicht von allem etwas, sondern von dieser einen Sache alles. Wenn mich jemand fragt, was machst du, wollte ich antworten: Ich schreibe.” Aus der Irritation über diese Sätze entwickelt Gugić die Kritik einer bestimmten klischeehaften, aber nach wie vor sehr wirkmächtigen Vorstellung davon, wie Schreiben überhaupt gelingen kann:

Es geht um die schiefen verbrauchten Bilder, die Mär eines unabhängigen Menschen, dem entweder der Rücken (von Alltäglichem) freigehalten wird oder der in privilegierter Weise mit dem Rücken zur wirklichen Welt steht und sich weitgehend ungestört seinem Schaffen widmen kann. Diese in den Köpfen hartnäckig festsitzende Klischeevorstellung bedeutet für alle anderen, bei denen das nicht der Fall ist, die vorhandenen Zumutungen der künstlerischen Produktionsbedingungen letztlich akzeptieren zu müssen. Oder eben keine Kunst, keine Literatur produzieren zu können.

 

Chronik: November 2020

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Der Monat beginnt mit einer Klage. Leere Ränge, leerer Stream bei der Verleihung des Büchnerpreises an Elke Erb, vermeldete die FAZ. Mit einer gewissen Strenge wurden dort die geringen Zuschauerzahlen des Livestreams durchgegeben. War wohl doch nichts mit der Digitalisierung von Events? Ähnliche Klagen hörte man dann zum Open Mike, wo wohl auch nicht die Massen strömten. Allerdings kann man sich da fragen, ob die Erwartungshaltung gerechtfertigt ist, eine Veranstaltung, die man einfach nur digitalisiert, müsste dann sofort ein großes Publikum ziehen. Für jede analoge Veranstaltung muss man ja auch erst einmal Aufmerksamkeit erzeugen. Und eine altehrwürdige Veranstaltung wie der Büchnerpreis kann sich bei der Gelegenheit vielleicht einmal eingestehen, dass die vollen Ränge mehr mit der habitusfördernden Anwesenheit zu tun hat, als mit tatsächlichem inhaltlichen Interesse. Jedenfalls droht hier eine self fullfilling prohecy: Erst behandelt man digitale Formate stiefmütterlich, was die Öffentlichkeitsarbeit und das Veranstaltungsdesign angeht und dann nimmt man den Mangel an Zuschauer*innen als Beweis dafür, dass sie nicht funktionieren. Weiterlesen

Chronik: Oktober 2020

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Erst jetzt haben wir erfahren, dass Chuck Tingle, der Doyen der Porno Parodie, schon im Juni ein neues Werk vorgelegt hat, das den vielversprechenden Titel Trans Wizard Harriet Porber And The Bad Boy Parasaurolophus trägt. Und das scheint uns eine Nachricht zu sein, von der wir in diesen Zeiten eigentlich viel mehr gebrauchen könnten. Wie überhaupt das Genre der Erotica mal wieder viel früher als alle anderen der wichtigen Pflicht von Literatur, uns Trost zu spenden, nachkommt – und sei es auch nur durch das Kichern über Geschichten, in denen Menschen Sex mit dem Virus haben. Und apropos Sex und Harry Potter: Hier ein vorbildliches Stück Kulturjournalismus über das Phänomen der “Snape Wives”, die eine eigene Untergruppe des Harry-Potter-Fandoms bilden und Energie vor allem in die Vorstellung steckt, wie es wäre mit dem offenbar falsch verstandenen Severus Snape verheiratet zu sein. Weiterlesen

Kulturkonsum 4/20

In der Rubrik “Kulturkonsum” stellen wir einmal im Monat gemeinsam mit ausgewählten Beiträger*innen in Kurzrezensionen vor, was wir in den letzten Wochen gelesen, gehört, gespielt oder geschaut haben. Ein Versuch in den dichten Wald aus Literatur, Musik, Filmen, Serien und Spielen eine kleine Schneise aus Empfehlungen und Warnungen zu schlagen.

(Die Empfehlungen von Sebastian Restorff und Leonardo Chiaramonte gehen auf die Initiative des Literaturwissenschaftlers und Mediävisten Stefan Seeber von der Universität Freiburg zurück, der seine Studierenden bat, in Kurzrezensionen von Lektüre zu berichten, die nicht in erster Linie mit dem Studium zusammenhängt.)

 

Marie Isabel Matthews-Schlinzig (@whatisaletter)

Es ist ein Buch, das dich nicht loslässt. Das nachhallt in Kopf und Gefühl. Das du gleich noch einmal lesen möchtest, sobald du die Lektüre beendet hast: Bernardine Evaristos Girl, Woman, Other (Booker Prize, 2019).

Anhand der miteinander verwobenen Einzelgeschichten vornehmlich von Frauen of Colour entfaltet die Autorin ein eindrückliches Panorama weiblicher Existenz im Großbritannien des 20. und 21. Jahrhunderts. Alter, Herkunft, soziale Stellung und Lebensort der Figuren sind breit gestreut, reichen von der lesbischen Theaterautorin, die nach Jahren des kompromisslosen Arbeitens im Londoner Establishment ankommt, bis zur greisen Farmerin an der Grenze zu Schottland, deren Kinder sich der dunklen Hautfarbe vor allem des Vaters schämen.

Während die grundsätzliche Architektur des Buchs nicht neu ist, sind es Girl, Woman, Other: WINNER OF THE BOOKER PRIZE 2019 (English ...die Sprache und Dichte der Inhalte, mit denen Evaristo erstere füllt, schon. Erfahrungen von Rassismus und Diskriminierung prägen den Alltag und das Verhalten ihrer Hauptfiguren. Die innerhalb dieses Rahmens behandelten Themen sind zu zahlreich, um sie alle aufzuführen. Neben sexueller und psychologischer Gewalt gehören die Suche nach der eigenen, eigentlichen Geschlechtsidentität, postnatale Depression, das Ringen um sozialen Aufstieg, das Dasein als Einwander:in sowie multiple, gesellschaftlich vermittelte Einhegungen weiblicher Identität dazu.

Manchmal quietscht die Prosa etwas unter der Last dieser Fülle, erscheinen Figuren eher als Sprachrohre von Information, denn als lebendige Charaktere. Das bleibt jedoch die Ausnahme. Unter anderem, weil Evaristos Darstellung nie schematisiert oder beschönigt. Keine:r ist frei von Eitelkeiten, Vorurteilen, Fehleinschätzungen. Nicht alle Unterschiede oder Brüche individueller Lebensgeschichten und -wirklichkeiten lassen sich überwinden.

Aber sie lassen sich erzählen, und das tut Evaristo meisterhaft in einer formal innovativen, lyrisch rhythmisierten Sprache: Ihre Sätze sind nicht durch Großschreibung und Punkt gekennzeichnet, sondern durch Zeileneinzug und -umbruch; mancher Satz zieht sich in Gedichtform über mehrere Zeilen. Bemerkungen am Absatzende dienen der Pointierung. In kurzen, aufeinanderfolgenden Absätzen wird so Zeit gerafft – oder gedehnt. Sprachliche Eigenheiten der Figuren (Akzent, historischer Sprachgebrauch etc.) webt die Autorin mit leichter Hand in den alles vereinenden Erzählton ein.

Diese Form orchestriert die Dringlichkeit und Emotionalität der verhandelten Inhalte. Das Private wird bei Evaristo immer wieder greifbar als das Politische – und umgekehrt. Girl, Woman, Other sind viele, viele Leser:innen zu wünschen. Bleibt zu hoffen, dass sich ein deutscher Verlag und ein:e Übersetzer:in (bzw. ein Übersetzer:innenteam) finden, die sich dieses großartigen Texts annehmen.

 

Simon Sahner (@samsonshirne)

In letzter Zeit ist mir aufgefallen, dass es im Moment eine ganze Reihe von Autorinnen aus Großbritannien und Irland gibt, die in etwas, das man als moderne Konversationsromane bezeichnen könnte, über das Alltagsleben von insbesondere jungen Frauen in ihren Zwanzigern und frühen Dreißigern schreiben. Vor wenigen Jahren war Sally Rooney damit eine große Sensation, inzwischen würde ich in die gleiche Reihe auch Olivia Sudjic (auf deren neuen Roman im Februar 2020 ich sehr gespannt bin), Naoise Dolan und Candice Carty-Williams einordnen. Insbesondere Dolans Exciting Times und Carty-Williams Queenie möchte ich heute vorstellen.

Dolan erzählt von der jungen Irin Ava, die in Hongkong an einer Schule Exciting Times: A Novel (English Edition) eBook: Dolan, Naoise ...den Kindern reicher Eltern Englisch beibringt. Sie lernt den englischen Banker Julian kennen und beginnt eine Affäre, die geprägt ist von gegenseitiger Abhängigkeit, Anziehung, Verachtung, aber auch von gegenseitigem Verständnis zweier Expats. Spannend wird der Roman jedoch erst als Edith, eine junge Hongkongerin, auftaucht und Ava auch mit ihr eine Affäre beginnt.

Carty-Williams Queenie lese ich gerade erst, würde ich aber auch schon hier aufnehmen. Weil ich glaube, dass hier gerade eine Art literarische Strömung entsteht, zu der auch dieser Roman gehört. Carty-Williams’ titelgebende Protagonistin Queenie ist eine junge Schwarze Britin, die in London lebt, sich gerade in einer Beziehungspause mit ihrem Freund Tom befindet und sich durch Job, Freundschaften, Affären und Wohnungen schlägt.

Das Interessante an diesen beiden Romanen – wie auch an Sally Rooneys Queenie: Longlisted for the Women's Prize for Fiction 2020 ...und Olivia Sudjics – ist die Darstellung junger Menschen, vor allem Frauen, in ihren sozialen Gefügen, ihrem Beruf und ihrem Liebesleben insbesondere durch Dialoge. In allen diesen Roman wird permanent kommuniziert, sei es im direkten Gespräch oder im Messengerchat oder per Mail. Nicht nur dadurch sind diese Romane in ihrer Darstellung des Lebens von Millenials im mehr oder weniger akademischen Umfeld sehr nahe an der Realität. Gleichzeitig ist eines der großen Themen dieser Geschichten die Aushandlung von Macht und Sexualität. Geschrieben während einer Zeit, in der das Bewusstsein für dieses Thema in der Vordergrund getreten ist, sind die Texte damit auch die literarische Ausformung einer alltäglichen Auseinandersetzung mit Sex, Macht und Beziehung unter dem Einfluss gesellschaftlicher Debatten, ohne diese direkt zu benennen.

Wer also Sally Rooneys Romane Normal People und Conversations with Friends mochte, der*die ist mit Naoise Dolan Exciting Times und Candice Carty-Williams Queenie gut bedient.

 

Sebastian Restorff

Zur Abwechslung habe ich mich jetzt, da mehr Zeit als genug ist, um der Routine des Germanistik-Studiums zu entgehen, an ein brandneues Buch gewagt: Auf Erden sind wir kurz grandios, ein Roman von Ocean Vuong. Der Autor hat bisher Lyrik verfasst, es handelt sich hier folglich um sein erstes Prosawerk. Allerdings – und an dieser Stelle möchte ich die These einer Dozentin aufgreifen, dass „Lyrik die komprimierteste Form von Sprache ist“ – liest sich auch sein Debütroman wie ein fast dreihundertseitiges Gedicht. Jeder Satz hat Bedeutung – jeder Satz regt zum Nachdenken an. Eben wie ein gutes Gedicht sein sollte.

Auf Erden sind wir kurz grandios - Bücher - Hanser LiteraturverlageDer Inhalt besteht aus Briefen, die der Erzähler seiner Mutter schreibt. Dabei vereint er fragmentarisch in Gedankenfetzen und Erinnerungssequenzen seine eigene mit der tragischen Lebensgeschichte seiner vietnamesischen Familie, die den Vietnamkrieg überlebte und dann nach Amerika floh. So steht auf der einen Seite seine alles andere als leichte Beziehung zur kriegstraumatisierten Mutter, die tagtäglich im Nagelstudio bis zum Umfallen arbeiten muss, im Vordergrund. Dadurch erhält man Einblicke in ein Schicksal, welches die meisten vietnamesischen Immigranten teilen: Ein neuer Einwanderer wird innerhalb von zwei Jahren begreifen, dass das Nagelstudio letztlich ein Ort ist, wo Träume zu dem Wissen verkalken, was es bedeutet, in amerikanischen Leibern – mit oder ohne Staatsbürgerschaft – wach zu sein: schmerzhaft, toxisch, unterbezahlt (S. 92). Ebenso geht es um eine innige, schonungslos und daher besonders nachfühlbar beschriebene Liebesbeziehung des Erzählers zu einem amerikanischen Jungen, der seine Homosexualität zuerst nicht mit seiner amerikanischen Identität vereinbaren kann; um jugendlichen Drogenmissbrauch in dem Armenviertel Connecticuts, wo der Erzähler mit Mutter und Großmutter aufwuchs; um die alltägliche Präsenz von Gewalt. Und um den Versuch des Erzählers, sich selbst zwischen alldem zu finden.

Der Roman hat mich durch Vuongs ganz eigene Sprache und seine ganz eigene Traurigkeit in den Bann gezogen.

 

Leonardo Chiaramonte

Robert Gwisdek hat mit dem Unsichtbaren Apfel keinen gewöhnlichen Coming-of-Age Roman geschrieben. Zwar lässt er sich diesem Genre auf der oberflächlichen Ebene zu ordnen, doch liegt der Unterschied darin, dass der Protagonist – Igor – sich hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt, sich mit sich selbst beschäftigen muss, damit sein Kopf nicht explodiert. Der unsichtbare Apfel: Roman von [Robert Gwisdek]Der Roman beschreibt nur ausschnitthaft das reale Leben. Diese Ausschnitte zeigen Schicksalsschläge, aber auch Igors Veranlagung, nicht mit der Welt klar zu kommen. Er stellt fragen an das Universum, doch dieses antwortet ihm leider nicht. Er merkt, dass alle „Erwachsenen“ nicht ruhig ihr Leben leben, weil ihnen die Antworten mit dem Alter in den Schoß gefallen sind, sondern weil sie sich mit den stummen Fragen abgefunden haben und nicht mehr neugierig sind. Als Igor das erkennt, rastet er aus und begibt sich auf eine Reise in sein Innerstes, um mit sich und dem Universum Frieden zu schließen.

Gwisdeks Schreibstil ist ungewöhnlich, abgehackt und die Sätze scheinen manchmal keinen Sinn zu ergeben, nur wer weiterliest und es schafft die in den Raum gestellten Aussagen in Zusammenhang zu stellen, der wird aus dem Roman etwas gewinnen. Gwisdek ist unter seinem Musiker-Alias „Käptn Peng“ für seine psychedelisch angehauchten Texte bekannt, die sich in dem Roman ebenfalls widerspiegeln. Diese erfrischend ungewöhnliche Art zu schreiben zieht einen in den Bann und ist wichtig, um in diese Welt aus Realitätsverzerrung und Illusion einzutauchen.

 

Kulturkonsum 3/20

In der Rubrik “Kulturkonsum” stellen wir einmal im Monat gemeinsam mit ausgewählten Beiträger*innen in Kurzrezensionen vor, was wir in den letzten Wochen gelesen, gehört, gespielt oder geschaut haben. Ein Versuch in den dichten Wald aus Literatur, Musik, Filmen, Serien und Spielen eine kleine Schneise aus Empfehlungen und Warnungen zu schlagen.

(Die Empfehlungen von Anna Jurgan und Eyüp Ertan gehen auf die Initiative des Literaturwissenschaftlers und Mediävisten Stefan Seeber von der Universität Freiburg zurück, der seine Studierenden bat, in Kurzrezensionen von Lektüre zu berichten, die nicht in erster Linie mit dem Studium zusammenhängt.)

Simon Sahner (@samsonshirne)

Gerade weil viele Menschen dieser Tage aus guten Gründen immer noch nicht viel unternehmen und vor allem zuhause sind, sollte man sich ja im besten Fall dennoch manchmal draußen bewegen. Ich habe mir deshalb in den letzten Wochen auferlegt, möglichst einmal am Tag für ein oder zwei Stunden spazieren zu gehen. Neben der Bewegung und der frischen Luft hat das den Vorteil, dass ich dabei sehr viele Podcasts höre, zwei (beide englischsprachig) davon möchte ich empfehlen. 

Der neunteilige Podcast Dolly Parton’s America (WNYC Studios) widmet sich in Form von Interviews, Reportagesequenzen und essayistischen Analysen dem Leben und Werk der amerikanischen Country-Ikone Dolly Dolly Parton's America : NPRParton. Ausgehend von der Beobachtung des Podcast-Autors Jad Abumrad, dass sich in der Fangemeinde von Dolly Parton über viele ethnische, politische und soziale Grenzen hinweg ein Großteil der amerikanischen Gesellschaft wiederfindet, folgen die einzelnen Episoden Karrierephasen der Sängerin oder beleuchten einzelne Aspekte des Phänomens Dolly Parton. Es handelt sich hierbei um ein hervorragendes Beispiel dafür, wie man anhand eines sehr spezifischen Themas viel über größere gesellschaftliche und kulturelle Zusammenhänge erzählen kann, wenn man es versteht, die Anknüpfungspunkte zu finden und zu nutzen. Wer sich für amerikanische Kultur, Musik und Gesellschaft interessiert, wird hier auf seine*ihre Kosten kommen. 

Um amerikanische Geschichte geht es auch in dem New-York-Times-Podcast 1619. Die Zahl steht für das Jahr, in dem zum ersten Mal ein Schiff Nordamerika erreichte, mit dem Menschen vom afrikanischen Kontinent1619 (Podcast) - The New York Times | Listen Notes als Sklaven transportiert wurden. Die Autorin Nikole Hannah-Jones erzählt in sechs Folgen auch mit Blick auf die eigene Familie von der Geschichte der Sklaverei in den Vereinigten Staaten und verfolgt ihre Nachwirkungen bis in die Gegenwartsgesellschaft der USA. Deutlich wird dabei vor allem, wie stark die amerikanische Kultur und das gesellschaftliche Zusammenleben in den USA bis heute von den Erfahrungen und Folgen der Sklaverei geprägt sind. Besonders hervorzuheben ist meines Erachtens die Episode über die Musik der schwarzen Bevölkerung und ihre Wirkung auf die gesamte musikalische Kultur. 

Beide Podcasts sind unter anderem auf Spotify und iTunes verfügbar. 

Anna Jurgan

Ich habe den Roman Der Sprung von Simone Lappert gerne gelesen. An keiner Stelle war mir langweilig, die Grundidee sprach mich an, und die Hauptfiguren mit ihren teils überraschenden Eigenheiten fand ich überwiegend interessant. Aber trotzdem habe ich mich nicht in dieses Buch verliebt. Nun ist das natürlich ein fieser Maßstab, mit dem man vermutlich an keinen Roman herangehen sollte. Warum diese überhöhte Erwartung?

Der Sprung eBook: Lappert, Simone: Amazon.de: Kindle-ShopVielleicht wegen des Konzepts des Buches: Es stellt dar, wie sich ein Ereignis (der Sprung einer jungen Frau von einem Hausdach) auf zehn mehr oder weniger miteinander in Verbindung stehende Figuren auswirkt. Dieser Aufbau erinnerte mich an Unterleuten von Juli Zeh, The Casual Vacancy von J.K. Rowling und ein wenig auch an Tolstois Anna Karenina. Alle drei Bücher haben mich nachhaltig beeindruckt und meine Erwartungen vermutlich deutlich geprägt. Ich finde es spannend, einen Konflikt aus verschiedenen Innenperspektiven präsentiert zu bekommen, und miterleben zu dürfen, wie sich die Figuren im Verlauf des Konflikts entwickeln. Aber um eine solche Entwicklung erzählen zu können, ist wohl einiges an Zeit (und ganz konkret an Seiten) nötig. The Casual Vacancy ist mit 576 Seiten noch das dünnste der drei genannten Bücher; Anna Karenina bringt es auch noch in der knappsten deutschen Übersetzung auf über tausend Seiten.

Dagegen ist Der Sprung rein physisch ein echtes Leichtgewicht. Das hat klare Vorzüge: die Handlung ist hier auf Schlüsselmomente in dem Leben der Figuren beschränkt und kommt ohne eine langwierige Herleitung dieser aus, was zum Lesen zunächst sehr dankbar ist. Diese Schlüsselmomente erlauben dem*r Leser*in einen tiefen Einblick in das Erleben der jeweiligen Charaktere. Eine kleine Weile dürfen wir zu Gast in den Figurenköpfen sein. Nur bleibt es eben auch – und das ist vielleicht die Kehrseite dieses kondensierten Verfahrens – bei einer kleinen Weile. Für ein allmähliches Entdecken zusätzlicher Facetten, die nochmal ein anderes Licht auf die Figuren werfen könnten, bleibt dabei eher wenig Raum. Vielleicht ist das ein Grund, weshalb ich Den Sprung mit Spaß gelesen habe, aber doch nicht restlos begeistert bin.  

Magda Birkmann (@magdarine)

Ich widme mich seit einigen Jahren sehr intensiv dem Projekt #frauenlesen, insbesondere dem Nachspüren von in der Mainstream-Literaturgeschichtsschreibung unterschätzten oder ganz übersehenen Autorinnen. Wann und wo ich zum ersten Mal von Tillie Olsens Silences Silences: Amazon.co.uk: Tillie Olsen: 9781558614413: Booksgehört habe, kann ich gar nicht mehr genau rekonstruieren, auf jeden Fall stand es schon eine ganze Weile ungelesen bei mir im Regal. Inspiriert von den zahlreichen Tweets und Artikeln schreibender Mütter, die seit Wochen an der enormen Mehrfachbelastung aus Kinderbetreuung, Homeschooling und Lohnarbeit verzweifeln, habe ich mir diesen leider inzwischen vergriffenen feministischen Klassiker nun endlich einmal näher angeschaut.

Olsen untersucht darin anhand von zahlreichen Briefen, Tagebüchern und sonstigen Selbstzeugnissen von Autor*innen die individuellen Lebensumstände und gesellschaftlichen Verhältnisse, die dazu führen, dass Menschen ihr kreatives Potenzial und Talent nicht nutzen (können), so dass vor allem die literarischen Stimmen von Frauen, von Menschen aus der Arbeiter*innenklasse und von People of Color zum Verstummen gebracht wurden und werden. Obwohl das Buch auf zwei Vorträgen beruht, die Tillie Olsen 1962 und 1971 hielt, ist es leider immer noch erschreckend aktuell. Olsen schreibt dabei nicht als beobachtende Außenstehende, sondern als talentierte Schriftstellerin, die all die von ihr beschriebenen Einschränkungen und Hindernisse am eigenen Leib erfahren hat. Als berufstätige Mutter von vier Kindern und politische Aktivistin ohne Universitätsausbildung konnte auch sie ihr Leben lang nur wenig Zeit, Energie und gedanklichen Raum für ihr eigenes literarisches Schaffen freischaufeln, so dass wir Leser*innen uns neben Silences mit einem kurzen Erzählungsband und einem Roman von ihr begnügen müssen. Letzteren lese ich gerade, aber ganz langsam, weil ich noch nicht bereit dafür bin, bald nichts Neues von dieser großartigen Autorin mehr entdecken zu können. 

Tillie Olsens berühmte und vielfach anthologisierte Kurzgeschichte I Stand Here Ironing kann man übrigens hier im englischen Original lesen.

Eyüp Ertan

Eigentlich hatte ich meinen Marokko-Urlaub anders geplant; ich hatte einen Freund besuchen und mit ihm entspannte Tage in der Hauptstadt Rabat verbringen wollen. Durch Corona wurde die Zeit, die als Entspannung vorgesehen war, zum täglichen Krisenmanagement – ans Lesen war nicht zu denken. Überstürzt musste ich den letztmöglichen Flug aus Marokko nach Deutschland nehmen; am Flughafen in Marrakech boten Der Garten Eden: Amazon.de: Hemingway, Ernest, Schmitz, Werner: Büchersich mir zwei Optionen: Entweder durch die verzweifelten Menschen um mich herum, deren Flüge gestrichen wurde, verrückt werden – oder mich abschotten und Hemingways Garten Eden lesen. Ich habe mich für letzteres entschieden und auch deshalb das gut 300 Seiten dicke Buch in einem Rutsch durch gehabt. Hemingway nimmt die Leser*innen in Der Garten Eden mit in den Urlaub, nach Spanien und in den Süden Frankreichs. Die eigentlich idyllischen Flitterwochen zwischen David und seiner Frau sind schnell nicht mehr so glückselig und ruhig wie zu Beginn. Psychospielchen, die Frage nach dem eigenen Dasein und jene nach der sexuellen Orientierung sorgen für zunehmende Irritationen und Reibungen zwischen den Protagonist*innen. All das wird beschrieben im ruhigen, sachlichen und nüchternen Ton Hemingways – die Kombination aus Inhalt und Stil trägt ihr Übriges zum Leseerlebnis bei.

Tilman Winterling (@fiftyfourbooks)

Vor (ziemlich genau) zwei Jahren war ich in Peru und Bolivien. Im Zuge der Vorbereitung stieß ich im Reiseführer auf die Geschichte des Sendero Luminoso, des Leuchtenden Pfades. Die Organisation entstand Ende der 1960er Jahre aus einer Studentenbewegung an der Universität in Ayacucho angeführt von dem Philosophie Professor Abimael Guzmán, der heute noch in (lebenslanger) Haft sitzt. Die Guerillaaktivitäten der Gruppe lösten in den 80er und 90er Jahren bürgerkriegsähnliche Konflikte in Peru aus, die fast 70.000 Menschen das Leben kosteten. Besonders betroffen war die quechuasprachige Landbevölkerung. Die Recherche zu diesem Thema (auf Deutsch) war recht unergiebig. Es gibt einen Band Der Leuchtende Pfad in Peru (1970–1993): Erfolgsbedingungen eines revolutionären Projekts von Sebastian Chávez Wurm bei Böhlau und den Roman Tod in den Anden von Mario Vargas Llosa. Ersteres erschien mir zu umfangreich, bei Llosa habe ich den Faden verloren. Durch Zufall stieß ich nun aber auf die Graphic Novel Der Leuchtende Pfad: Chroniken der politischen Gewalt in Peru 1980-1990 von Jesús Cossío, Luis Rossell, Alfredo Villar aus dem Spanischen übersetzt von Katharina Maly, erschienen bei bahoe books. Der Band schildert den Bürgerkrieg anhand der Ergebnisse der 2001 eingesetzten Kommission für Wahrheit und Versöhnung. Da ich zu jung bin, um die Ereignisse bzw. die Berichterstattung über diese zu erinnern, ist diese Graphic Novel (anders wahrscheinlich die vorbenannten Titel) der perfekte Einstieg ins Thema. Die Geschichte wird nicht allein als Comic dargestellt, sondern jedes Kapitel durch die Einordnungen der dargestellten Ereignisse in Textformen komplettiert. Ein lohnenswerter Einstieg in ein Thema, das in Deutschland sonst wenig bis gar nicht beachtet wird.

(Während ich dies schreibe, entdecke ich, dass es bei Netflix wohl einen Spielfilm zur Verhaftung Guzmáns gibt. Ob der was taugt, finde ich dann heute Abend raus.)